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Man un-\nterscheidet Literatur, Musik und bildende Künste.\nIn den letzten Jahren ist die Benennung Tonkunst\nfiir Musik durchgedrungen. Die schöne Literatur,\ndie meistens gar nicht so schön ist, wird jetzt häu-\nfig Dichtkunst genannt. Interessant an diesen Be-\nnennungen ist, daß man das Wort Kunst nun auch\nin Beziehung zur Dichtung und zur Musik bringt.\nEs gibt aber heute noch viele Zeitgenossen, die\nunter Kunst allgemein und fast ausschließlich die\nbildenden Künste verstehen. Die Benennung Ton-\nkunst ist glücklich, weil durch sie eindeutig das\nMaterial genannt wird, durch das diese Kunst in\nErscheinung tritt. Mit der Benennung Dichtkunst\nist wenig gesagt. Viele Menschen halten es ja für\nein besonderes Lob, wenn sie Werke der Musik\noder der Malerei Dichtung nennen. Die richtige\nBenennung wäre Wortkunst. So wird das Mate-\nrial dieser Kunstgattung gleichfalls eindeutig be-\nzeichnet. Die Benennung bildende Künste ist\ngleichfalls sehr gut, wenn man das Wort „bilden\"\neindringlich auf seinen Urwert hin prüft. Bilden\nheißt etwa soviel wie gestalten. Es bezeichnet\nalso eine schöpferische Tätigkeit. Die schöpfe-\nrische Tätigkeit ist durchaus primär. Sie kommt\nalso aus dem Unbewußten. Alles Bewußte ist stets\nsekundär. Der grundsätzliche Unterschied zwi-\nschen Kunst und Leben beruht darauf, daß die\nKunst eben primär und das Leben sekundär ist.\nDer Künstler ist der bildende Mensch, der Nicht-\nkiinstler der gebildete Mensch. Der gebildete\nMensch muß das Gebildete vergessen oder verlie-\nren, um Künstler, das heißt bildender Mensch sein\nzu körnten. Jeder Mensch wird von der Geburt an\ngebildet. Zunächst von den Eltern und den Ver-\nwandten, später durch die Schule, endlich durch\ndie Lehre oder die Universität. Die Lehrlinge der\npraktischen Berufe lernen ein bestimmtes Fach,\nsie werden Kaufleute, Techniker, Aerzte oder Ju-\nristen. Die Lehrlinge der unpraktischen Berufe\nbetreiben die sogenannten Geisteswissenschaften.\nSie werden Theologen, Philosophen, Künstler,\nHistoriker und Aesthetiker. Alle zusammen die\npraktischen und die unpraktischen erhalten als\nhöchstes Lebensgut die allgemeine Bildung. Das\nheißt, sie lernen mehr oder weniger genau aus-\nwendig, was seit Mose oder Christi Geburt gebil-\ndet worden ist. Die allgemein Gebildeten siind\ndarauf allgemein stolz. Sie wissen etwa, daß\nGoethe gebildet hat und Beethoven und Rem-\nbrandt. Hierauf sind sie gebildet. Der Abschluß\nder allgemeinen Bildung erfolgt allgemein mit dem\nJahre, in dem die praktischen und unpraktischen\nBerufe geldbringend angelegt werden. Was nach\ndiesem Abschlußjahr an Bildungen erfolgt, gehört\nnicht mehr zum Schatz der Gebildeten. Was etwa\nan Ergänzung hinzutritt, wird durch das Feuille-\nton des Berliner Tageblatts oder der Täglichen\nRundschau vermittelt. Man gewinnt so Schätzung\nfür Wildenbruch und Gerhart Hauptmann, für\nLissauer und Werfel, für Begas und Corinth, für\nRichard Strauss und Gilbert. Am meisten\nSchätzung gewinnt man für Schauspieler, für\nKayssler und Ferdinand Bonn, für Irene Triesch\nund Else Berna. Das Theater gehört nämlich zur\nNotdurft des Feuilletons und die Bedürfnisvollen\nschürzen sich mit der Bedürfnislosigkeit. Nach\ndes Tages Last und Werken muß der Mensch sich\neben stärken. Ernst ist das Leben und heiter ist\ndie Kunst. Gewiß, ich habe selbst oft betont, Spaß\nmuß sein. Aber der Spaß des Lebens ist nicht die\nHeiterkeit der Kunst. Und die Heiterkeit des\nLebens ist für die Kunst ein fauler Spaß. Nur der\nMensch ist glücklich, dem der Tag nicht eine Last\nist. Aber diese belasteten Menschen schaffen sich\nnach der Last des Tages noch die Last des Abends\nund der Nacht. Sie verlassen freudlos das Ge-\nschäft, das Büro und stürzen sich freudlos auf die\nKunst, die ihnen Bildung ist. Die Kunst soil alles\nMögliche. Sie soll sie befreien, indem sie sie er-\ndrückt. Sie soll ihnen Gedanken geben. Und die\nMehrheit soll sie erheitern. Das Alles soll\ndie Kunst. Viele sogenannte Künstler, sogar\ndie meisten, verwenden den einmal gewähl-\nten unpraktischen Beruf dazu, den prakti-\nschen Bedürfnissen der praktischen Berufe nach-\nzukommen. Nachfrage ergibt Angebot, Frage\naber kein Gebot. Kunst fragt nur. Das Gebot ist\nstets Antwort. Also kann die Kunst keine Ge-\ndanken haben. Denn jeder Gedanke ist Gedachtes,\ndie Frage der Kunst liegt vor dem Denken. Es ist\ndeshalb keine Frage, daß die Kunst keine Antwort\ngibt. Die Frage der Kunst ist keine Tatsache zwar,\nsie ist aber eine Tat, aus der die Tatsachen ent-\nstehen. Ist es denn wirklich so übertrieben, auf eine\nFrage keine Antwort zu finden. Ist es nicht über-\ntriebener, Antwort zu geben, ehe man die Frage\nsieht. Das tun die meisten Menschen. Die Herren\nder unpraktischen Berufe sind sicher alle höchst\nehrenwert. Sie wissen was sie tun. Nämlich, was\ndie Andern getan haben. Der Künstler weiß nicht,\nwas er tut, aber er tut es. Nun setzt die Kritik ein,\ndie Kritik der Laien vom Fach und der Laien aus\nNeigung. Für die Laien vom Fach ist die Kritik\nein praktischer Beruf. Er bedeutet ihnen also die\nLast des Tages. Den andern Laien ist die Kritik\nein Vergnügen, ein Vergnügen, für das sie im Ge-\ngensatz zu den Laien vom Fach sogar Geld aus-\ngeben. Sie kaufen ein Buch oder bezahlen den\nEintritt und erwerben nicht nur das Recht auf das\nBuch oder das Recht auf den Eintritt, sie glauben\nsogar an das Recht auf Kritik. Das lassen sie sich\nschenken. Endlich gibt es noch wohlwollende Laien\nvom Fach, die nach der uralten Sitte der Pferde-\nhändler einem geschenkten Gaul nicht ins Maul\nsehen. Sie haben Wohlwollen für die andern\nLaien vom Fach, die ihnen das Brot der Kunst\ngegen eine Brotkarte ohne weitere Zahlung geben.\nDas nennt man auf deutsch Kollegen. Wir sind alle\nsehr gebildet. Man kann nur zu denen reden, die\ndie Güte haben wollen, sich ungebildet zu fühlen.\nLassen wir also einmal unser Gemeingut, das\nuns leider doch nicht gestohlen werden kann,\nauf eine halbe Stunde außer Acht und beschäftigen\nwir uns mit den Rätseln, auf die selbst die nächste\nNummer des Weltspiegels keine Auflösung geben\nwird. Beschäftigen wir uns also nicht mit der Tat-\nsache, sondern mit der Tat. Nicht mit dem Raten\nsondern mit dem Rätsel.\nDer Stunde der Geburt wohnt nur der Vater bei.\nSchon die Notwendigkeit des Arztes ist kein gün-\nstiges Zeichen. Die Feier der Menschwerdung ist\neine Feier der Zweisamen. Die Feier der Kunst-\nwerdungist die Feier des Einsamen. Wie die Kunst\nwird, weiß nur der Einsame, der Mann und Frau\nzugleich ist, der erzeugt und gebiert. Der Künstler.\nDie andern sehen das Kind und stellen mit leib-\nlichen Augen fest, ob es gut geformt ist. Der\nKrüppel ist leicht erkannt. Die inneren Gebrechen\nsieht der Arzt. Es ist keine Kunst, Arzt zu sein.\nMan weiß es und nennt es deshalb Wissenschaft.\nEs ist 'eine Kunst, Kritiker zu sein. Man muß fühlen,\nob der Andere gefühlt hat. Ob sein Fühlen so ge-\nstaltet ist, daß es Gestalt bekam. Die vielen Kri-\ntiker, die an der Kunst herumdoktern, sehen nicht\neinmal körperliche Gebrechen. Sie sehen mit ihren\nleiblichen Augen nur das Bild, wenn es das Eben-\nbild irgend eines Andern ist. Nicht aber das Bild\ndes Einsamen, der, Mann und Frau zugleich, das\nBild schuf ohne Ebenbild. Nicht schul Gott den\nMenschen nach seinen Ebenbilde, sondern der\nMensch schuf nach seinem eigenen Bilde Gott.\nGott ist keine Tatsache, Gott wird nicht gesehen,\nGott ist der Einsame, Mann und Frau zugleich, nie\nhat er Geschaffenes geschafft. Gott ist die Tat,\naber die Tat ist nicht Gott. Die Tat ist im günstigen\nFalle der Hall des Göttlichen. Nicht aber sein\nWiderhall.\nPrüfen wir eimal ein ausgewachsenes Kind, sein\nAeußeres und sein Inneres. Auf das Gefühltsein und\nauf das Gestaltetsein. Wobei wir nicht vergessen\nwollen, daß wir alle fühlen. Der Künstler muß also\ndas Gefühl gestaltet haben, sonst wären wir alle\neben der Herr Künstler. Nehmen wir für diesen\nZweck ein Gedicht, das über der Kritik steht. Viele\nGedichte stehen über der Kritik, Ich will Ihnen\nden Weg zur Höhe zeigen und wenn Sie oben\nsind, werden Sie merken, daß der Berg gar nicht\nhoch war. Wir gehen natürlich mit allen Mitteln\nder Wissenschaft vor, untersuchen die Dichter\ninsbesondere mit Hilfe der Anatomie, die für\ndiesen Zweck recht geeignet erscheint. In\nunseren Tagen hat man mit Vergnügen\nfeststellen können, daß ganze Völker sich erheb-\nlich irren, sogar wenn sie sich zusammentun.\nWarum soll nicht auch einmal das deutsche Volk\nsich bei dem einen oder andern Gedicht geirrt\nhaben. Ist es denn so schmerzlich, Schulerinnerun-\ngen zu verlieren. Verwechseln wir doch um des\nHimmels willen, der die Kunst ist, nicht die Schule\nmit der Kindheit. Denn als Kinder waren uns die\nHerren Goethe und Heine gleichgültiger als unser\nSpiel, das Kunst war. Ich stelle ausdrücklich fest,\ndaß ich mich nicht vor Vergleichen scheue, weil\nich etwa nicht wage, die Namen Alfred Mombert\nund August Stramm neben den Namen Goethe und\nHeine zu nennen. Ich scheue aber die Vergleiche,\nweil wir uns versprochen haben, ungebildet zu sein.\nDurch wen Gott sprach, tut Nichts zur Sache der\nKunst. Man ehrt Gott und nicht Moses, der ihn\nverkündete. Man ehrt Christus aber nicht Jo-\nhannes, der ihn verkündete. Man ehrt Mohammed\nlind kennt nicht einmal die Namen seiner Pro-\npheten. Lassen wir also die Namen, die Nichts zur\nSache der Kunst tun.\nDoch bleiben wir bei der Anatomie und bei\nHeinrich Heine.\nIch weiß nicht, was soll es bedeuten\nDaß ich so traurig bin.\nEin Märchen aus alten Zeiten\nDas kommt mir nicht aus dem Sinn.\nDiese vier Zeilen wurden dadurch berühmt,\ndaß Jedem von uns ein altes Märchen nicht aus\ndem Sinn kommt und wir nicht wissen, was das\nbedeuten soll. Ist der Herr Verfasser wirklich\ntraurig gewesen. So billig kann ich ihm das nicht\nglauben und wenn ich es ihm glauben wollte, so\nweiß nicht einmal er, was es bedeuten soll. Was\ngeht uns also seine Trauer an. Wenn wir mit allen\nTraurigen traurig sein wollten, so gäbe es viele\nKünstler auf dieser Erde. Wie soll etwas aus dem\nSinn des Herrn Verfassers kommen, wenn aus\nseinem Sinn nicht einmal das alte Märchen geht.\nDas alte Märchen, was vielleich Kunst war. Mit\nandern Worten: er berichtet uns die Tatsache,\ndaß ihm ein altes Märchen nicht aus dem Sinn\nkommt. Ist das eine Tat? Sind Berichte Kunst-\nwerke? Gefühlt ist in diesen vier Zeilen nichts.\nWenn wir sehr wohlwollend sein wollen, ist etwas\nnachgefühlt. Aber, wie ich schon sagte, dann\nwären wir alle ebensolche Künstler wie der Herr\nHeine, denn das Nachfühlen ist unsere Stärke. Nun\ndie Gestaltung. Wir bemerken erfreut, daß sich\ndie erste und dritte, und zweite und vierte Zeile\nreimen. Von den beiden Reimen ist der eine un-\nrein. Bei Herrn Schiller wird es dadurch ent-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10613, "texte": "schuldigt, daß er eben die Wörter anders aus-\nsprach, in Marbacher Platt. Herr Heine soll nicht\naus Marbach stammen. Immerhin, was dem\nSchiller recht ist, ist dem Heine billig. Hingegen\nbin und Sinn reimt sich tadellos rein. Viele Men-\nschen glauben, je nach dem Grad ihrer Bildung,\nes sei modern oder zu modern, gegen den Reim\nzu sein. Viele erkennen das Gedicht ausschließ-\nlich am Reim. Sagen wir zunächst grundsätzlich,\ndaß man weder für noch gegen den Reim sein\nkann. Das ist eine Frage, auf die nur das Gedicht\nselbst die Antwort gibt. Keine Frage ist es, daß\nder Reim nicht das Gedicht, sondern daß das Ge-\ndicht den Reim macht. Keine Frage ist ferner, daß\nder Reim etwas bedeutet. Nur muß man wissen,\nwas er bedeutet. Er bedeutet nämlich Betonung\ndes Endwortes eines Verses. Hieraus ergibt sich,\ndaß dieses Endwort eine innere Betonung haben\nmuß, um das Recht auf äußere Betonung zu er-\nlangen. Man pflegt nur Betontes zu betonen. Be-\ntont man aber Unbetontes, so muß dem Unbeton-\nten eine Bedeutung beigemessen werden, die es\nüber das Betonte erhebt. Prüfen wir. Der tadel-\nlos reine Reim liegt in den Wörtern bin und Sinn.\nWill der Herr Verfasser betonen, daß er ist?\nOder will er nicht betonen, daß er traurig ist,\nwodurch wir ja nur in der Lage waren, ihm unser\nNachgefühl nicht völlig zu versagen. Denn die Tat-\nsache, daß er ist, genügt wohl nicht einmal zum\nNachgefühl. Auch wird man nicht zugeben können,\ndaß ein unbetontes Sein durch seine betonte Trauer\neinen Gegensatz erhält. Das Wort bin ist also, so\nleid es mir persönlich tut, am Ende dieser Vers-\nzeile nicht zu halten. Auf bin reimt sich Sinn.\nHier steht das innerlich betonte Wort wirklich als\nReimwort. Wir können aber aus dieser Zeile\nnachweisen, daß das unbetonte ,;bin\" keinen Ge-\ngensatz zu dem „traurig\" darstellt. Denn gleich-\nwertig würde zu dem „traurig\" das Wort nicht\nstehen. Dadurch nämlich, daß man behauptet,\netwas geschehe nicht, ist der Beweis des Nicht-\ngeschehens nicht erbracht. Auch das Nicht-\ngeschehen muß gestaltet werden. Nicht aber ein-\nfach berichtet. Es reimen sich ferner bedeuten\nund Zeiten. Das Wort bedeuten ist innerlich nicht\nbetont, denn er weiß ja nicht, was es bedeuten\nsoll. Das Wort hat also nicht das Recht auf den\nReim. Ferner kommen ihm nicht die alten Zeiten\nnicht aus dem Sinn, sondern das Märchen. Die\nganze Reimerei dieser Zeilen ist also künstlerisch\nfalsch. Er hat nur gereimt, was ihm nicht aus dem\nSinn kam. Daher wußte er auch nicht, was es\nbedeuten soll. Das Gedicht steht aber ferner nicht\nauf seinen Versfiissen. Während die Reimange-\nlegenheit etwa dasselbe ist, was in der Musik die\nTakteinteilung, also etwas Unerhebliches, ist die\nGliederung der Verszeilen der Rhythmus des Ge-\ndichtes, also etwas sehr Erhebliches. Die alten\nGriechen hatten sich ein ganz nettes Schema zu-\nrechtgelegt, nach dem man wie geschmiert rhyth-\nmisieren konnte. Sie hatten aber ?;>hr viele ver-\nschiedene Rhythmen. Die meisten dieser Rhythmen,\ndie nicht einmal alle in der Schule gelehrt werden,\nwurden aber außerdem von den Herren der un-\npraktischen Berufe vergessen. Man begnügte sich\ndamit, sich die am meisten üblichen zu merken.\nNämlich die außerordentlich beliebten Jamben,\nTrochäen und Daktylen. Auch die Gliederung in\nHexametern blieb sehr beliebt, während der\nPentameter an Beliebtheit einbüßte. Nun sind die\nDeutschen keine Griechen. Vielleicht wollen sie\nes heute gar nicht mehr so gern sein, und die\ndeutsche Sprache ist nicht die griechische Sprache.\nMan kann nämlich der Sprache keine Gesetze\ngeben, sondern die Sprache gibt selbst die Gesetze.\nWenn man die deutsche Sprache nach der griechi-\nschen setzt, kommt eben kein Satz heraus sondern\nein Gesetz. Und der Künstler, der sich in\nGriechenland den sogenannten Jambus schuf, hat\nihn für sich und nicht für seine Nachfolger ge-\nschaffen. Man weiß, daß beim Nachfolger nur die\nFirma bleibt. Sonst kann sich Manches ändern.\nDie Herren Nachfolger der unpraktischen Berufe\nkümmern sich aber nur um die Erfolge des Vor-\ngängers, nicht aber darum, wie er zu den Erfolgen\ngekommen ist. Dann würden sie es nämlich anders\nmachen. Worauf bekanntlich der Erfolg beruht.\nNachdem nun verschiedene Herren Verfasser sich\nausschließlich mit der griechischen Sprache aus-\neinandergesetzt hatten, versuchten es andere Ver-\nfasser zur Abwechslung mit der deutschen\nSprache. Schleunigst kamen die Philologen und\nstellten die deutschen Gesetze fest. Statt be-\ntonter und unbetonter Silben mußte der Mensch\nnun Hebungen und Senkungen dichten. Gezählt\nwurden nur die Hebungen, die Senkungen wurden\ngütigst in das Belieben der Herren Verfasser ge-\nstellt. Die Philologen werden dieses Gedicht des\nHerrn Heinrich Heine für rhythmisch einwandfrei\nerklären. Denn o Freude, es hat drei Hebungen\nin jeder Verszeile. Nun liegt es leider mit den\nHebungen und Senkungen wie mit den Reimen.\nDie Hebung bedeutet die Betonung, die Senkung\ndie Nichtbetonung. Während die Griechen, die\nsich ihre Rhythmen schufen, sich wenigstens nach\ndem phonetischen Wortwert richteten, also zum\nBeispiel nicht „Rhythmus\" sagten, wenn das Wort\nRhythmus heißt, so kümmerten sich die Herren von\nden freien deutschen Rhythmen im günstigsten\nFall um äußere Betonung, wenn auch nicht immer,\nnie aber um die innere Betonung. Sehen wir uns\ndaraufhin einmal diese vier Zeilen an: Die\nHebungen der ersten Zeile sind weiß, soll, be-\ndeuten. Der Herr Verfasser will aber sagen, er\nweiß nicht. Er will aber nicht einmal\nsagen, was es bedeuten soll, sondern\nwas es bedeuten soll. Er hätte ebenso\ngut sagen können, was es bedeuten kann.\nMir wird niemand einreden können, daß\ner das ethische Moment des Sollens betonen\nwollte. In der zweiten Zeile sind die Hebungen\nich, traurig, bin. Diese Zeile ist so gehoben, daß\nNichts zum Sinken übrigblieb. Das Gleiche gilt\nvon der dritten Zeile mit den Hebungen Märchen,\nalten, Zeiten. Die Hebungen der vierten Zeile sind\nkommt, nicht, Sinn. Hier steht das Wort nicht im\nRhythmus richtig. Kein Mensch wird mir aber ein-\nreden, daß das nicht Zufall ist. Beweis hierfür ist\ndie Hebung des Wortes kommt. Denn es kommt\nja eben leider nicht. Die vier Zeilen sind also, wie\nich nachgewiesen habe, rhythmisch falsch ge-\ngliedert. Sie sind überhaupt nicht einmal rhyth-\nmisch. Sie sind im günstigsten Fall metrisch\nschlecht gegliedert. Denn der Rhythmus hat die\nEigentümlichkeit, sich auch um die Senkungen zu\nkümmern. Die Senkungen sind aber in diesem\nGedicht nur dem Metrum zuliebe angebracht.\nWarum ist der Herr Verfasser so traurig? Weil\nihm die Senkung fehlt. Denn wäre, er nicht trau-\nriger, wenn er sagte: Daß ich traurig bin. Statt\nder vielen Worte dieser vier Zeilen sage ich mit\nzwei Worten: Keine Gestaltung. Aussagen. Also\nkeine Kunst.\nNehmen wir nun ein Gedicht, das metrisch und\nrhythmisch und überhaupt künstlerisch ist.\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen prellen schwellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nDieses Gedicht reimt sich nicht, es ist deshalb\naber noch nicht ungereimt. Mit Ausnahme der\nersten Zeile liegen nämlich die inneren Betonungen\n■auf dem ersten Wort jeder Zeile. Das Reimen der\nersten Wörter ist überflüssig, weil man es nicht\nals Reim klanglich aufnehmen würde, ist also in\ndiesem Fall nicht notwendig. Und alles Künst-\nlerische ist stets notwendig. Prüfen wir den\nRhythmus. Die erste Zeile heißt:\nDurch die Büsche winden Sterne.\nWir haben hier vier Hebungen. Die ersten\nSilben der drei letzten Worte sind gehoben und\ndas einsilbige Wort durch hat eine Senkung durch\ndas Wort die erhalten. Sie finden in dieser Zeile\nkein Wort, von dem man nicht weiß, was es be-\ndeuten würde. Jedes Wort sagt etwas aus, aber\nnicht durch Aussage, sondern durch das Mittel der\nWortkunst, durch das künstlerisch logische Bild.\nIm Gegensatz zur Musik, zur Malerei die mit\ndirekten Gefiihlsmitteln, nämlich mit Ton oder\nFarbe arbeiten, braucht die Wortkunst ein Hilfs-\nmittel: das künstlerisch logische Bild. Diese künst-\nlerische Logik hat mit der Logik des Verstandes\nnichts zu tun. Ebenso wie die Bilder der Wortkunst\nnichts mit den Bildern der Malerei zu tun haben.\nDie Bilder der Wortkunst können naturalistisch\nsein, das heißt: aus der optischen Erfahrungswelt\nstammen. Sie dienen bei der Wortkunst nämlich\nnicht zur Aussage über die optische Erfahrungs-\nwelt, sie sind vielmehr Ausdruck eines Gefühls,\nals Gleichnis des Künstlers für dieses Gefühl.\nTrotzdem unterliegen auch diese naturalistischen\nBilder der Wortkunst dem höheren künstlerischen\nGesetz der Gestaltung. Dieses Gleichnis darf aber\nniemals ein Vergleich sein, sondern das Bild muß\nanstelle der Aussage stehen. Man kann, um ein\neinfaches Beispiel zu nehmen, nicht sagen: Ich bin\ntraurig wie der Herbst, es müßte heißen: Ich bin\nder Herbst. Das ist ein einfaches Beispiel. Der\nKünstler muß das Bild so wählen, daß es eindeutig\nund unvergleichbar das Gefühl ausdrückt, dessen\nAusdruck es sein soll. Dieses Setzen des impres-\nsionistischen Gleichnisses wäre die einfachere\nForm des Gefühls. Die Gestaltung für ein Gedicht\nwäre, diese Bilder rhythmisch einwandfrei in\nkünstlerisch logischen Zusammenhang zu bringen.\nDas expressionistische Bild der Wortkunst bringt\ndas Gleichnis ohne Rücksicht auf die Erfahrungs-\nwelt, sogar unter gänzlichem Verzicht unter Um-\nständen. Es ist also die höhere Form. Deshalb ist\nes aber nicht willkürlich. Im Gegenteil. Es ist\nunwillkürlich und deshalb weniger willkürlich als\ndas Bild der Erfahrungswelt. Die Natur nämlich\nrichtet sich ganz natürlich nach den natürlichen\nGesetzen und nicht nach künstlerischen. Woraus\nsich logisch ergibt, daß die künstlerischen Gesetze\neben künstlerisch sein müssen und nicht natürlich\nsein dürfen. Die Nelke entwickelt sich anders als\nder Ochse. Beide können sich einer durchaus\nblühenden Gesundheit erfreuen, warum soll das die\nKunst nicht auch, wenn sie auch nicht ist wie die\nNe'ke oier der Ochse, eben weil sie die Nelke und\nder Ochse ist. Im Leben scheint so oft das Mög-\nliche unmöglich. In der Kunst wird das Unmög-\nliche möglich. Man sagt schon vom Denken, daß\nes blitzschnell geschieht. Das Unbewußte, aus\ndem Kunst stammt, das Gefühl, fühlt noch schneller\nals man sich den Blitz schnell denken kann. Das\nbekannteste Gefühl im Leben der Erfahrungswelt,\ndie Liebe auf den ersten Blick, dieses bekanntest\nschnellste Gefühl ist das langsamste der Kunst. Wir\nkommen also mit dem Denken nicht aus. Wir kom-\nmen mit dem Fühlen aus. Dann nämlich, wenn\nuns die Märchen aus dem Sinn kommen und wir\nmit dem Sinn sinnen, auch wenn wir nicht wissen,\nwas es bedeuten soll.\nDurch die Büsche winden Sterne."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5954, "texte": "Ja, sagen die Denker, die Sterne sind oben\nund die Büsche sind unten. Trotzdem das nur auf\nden Stand ankommt. Manchmal sind näm-\nlich die Sterne unten und die Büsche noch nicht\noben. Dann winden sich eben Sterne durch die\nBüsche. Oder in diesem Fall winden Sterne durch\ndie Büsche. Die Sterne verlieren sich eben in den\nBüschen und deshalb winden sich nicht Sterne\ndurch die Büsche, sondern Sterne winden durch\ndie Büsche. Unseren Augen aber sind die Büsche\nnäher. Durch die Büsche winden Sterne. Der\nKünstler sieht eben die Sterne winden. Die Andern\nbegnügen sich mit den Büschen. Aber auch die\nLogik des Bildes ist gegeben. Nicht immer sind\ndie Sterne oben, wenn man nach ihnen greifen\nkann und zwischen den Büschen ist sehr viel Platz\nfür Sterne. Rhythmisch gibt diese Zeile sinnlich\ndie Vorstellung des Windens. Durch die Büsche\nwinden Sterne. Keine Senkung zum Spaß. Wenn\ndie Sterne sich winden würden, würden wir das\nWinden nicht mehr fühlen: Durch die Büsche win-\nden sich Sterne. Hören Sie es, wie sich die Sterne\ndagegen auflehnen? Jedes Wort und die Stellung\njedes Wortes ist künstlerische Notwendigkeit.\nAugen tauchen blaken sinken.\nHeine würde sagen: „Jch tauche meine Augen\".\nDas ist tausendmal gesagt, also richtig, trotzdem\nman die Augen nicht tauchen kann. Man kann es\nnicht, aber Augen können tauchen. Augen können\nauch blaken, Augen können auch sinken. Augen\nkönnen alles, wenn man ins Auge sehen kann.\nKann man aber sagen, daß Augen es nicht können,\nwenn man es nicht sieht? Sieht man nicht\nManches, was man nicht sehen möchte, und\nManches nicht, was man so gern sehen wollte. Ist\nman nicht gezwungen, die Augen zu sehen, die\ntauchen, blaken, sinken können. Sieht man diese\nAugen nicht mehr als die schönsten Augen, mein\nLiebchen, was willst du noch mehr? Du hast sie\nja, sein Liebchen, aber ich sehe sie nicht.\nFlüstern plätschert.\nVom Leben darf man sagen, daß es dahinplät-\nschert, vom Flüstern nicht. Warum nicht? Haben\nwir nicht alle schon mindestens so oft das Flüstern\nplätschern hören wte die Quelle? Von der Quelle\nwissen viele es nur vom Hörensagen. Kann ich das\nFlüstern sehen, wenn irgend ein Verfasser im\nDunklen flüstern läßt. Aber ich höre das Plät-\nschern des Flüsterns, das der Herr im Dunklen\nnicht gesehen hat.\nBlüten gehren\nHaben die Menschen denn die Begierden ge-\npachtet? Weil die Blüten ihr Gehren nicht im Ber-\nliner Tageblatt der Oeffentlichkeit unterbreiten\nkönnen, tun sie es deshalb weniger?\nDüfte spritzen\nSpritzen diese Düfte nicht? Wo wir sie jetzt\nalle zugleich riechen.\nSchauer stürzen\nStürzen die Schauer nicht, auch wenn kein Ver-\nfasser darunter steht, dem es schauert.\nWinde schnellen, prellen, schwellen.\nDas können nämlich Winde tun, wenn die\nlinden Lüfte erwacht sind.\nTücher reissen\nDaran wird nicht Anstoß genommen werden.\nSollen aber nicht Tücher reissen, wenn die Winde\nschwellen?\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nSelbst die Herren, die im Leben so fest stehen,\nwerden doch wenigstens in der Nacht einmal ge-\nfallen sein. Und vielleicht auch erschrocken. Aber\ndas Fallen schrickt, auch wenn man mit beiden\nFüssen auf dem Boden steht. Denn der Boden\nsteht nicht, wie wir wissen. Es zu fühlen scheint\nschwerer zu sein, weil es leichter ist. In keiner\nZeile liegt eine Aussage vor. Jede Zeile entspricht\nrhythmisch dem Geschauten des Schauenden. Be-\nachten Sie den Rhythmus der Verszeilen:\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen, prellen, schwellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nUnd nun hören Sie:\nIch weiß nicht was soll es bedeuten\nDaß ich so traurig bin\nEin Märchen aus alten Zeiten\nDas kommt mir nicht aus dem Sinn.\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen schwellen prellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nDieses zweite Gedicht ist schon fertig. Es heißt\n„Traum\" und der Traum steht, Gestalt geworden,\nvor uns. Das erste Gedicht nennt man bekanntlich\n„Lorelei\". Durch die ersten vier Zeilen ist uns\ndie Dame noch nicht vorgestellt, es kommen noch\nzwanzig Zeilen und nachher lohnt sich die Be-\nkanntschaft nicht einmal. Trotzdem es eine Dame\nist, die sich ihr Haar kämmt, ist sie nicht Gestalt\ngeworden. Das kommt daher, weil er die Dame\nnicht selber kennt, sondern sie ihm nur von alten\nZeiten her noch im Sinne liegt. Man wird aber\nvielleicht finden, ich sei ungerecht, weil man\nTraum nur mit Traum vergleichen kann. Mir liegt\nzwar nichts ferner, wie ich betonte, als zu ver-\ngleichen. Ich will nicht beweisen, ob dieser Ver-\nfasser oder jener besser ist, ich will nur beweisen,\nwas Kunst ist. Ich will nur beweisen, wer ein\nKünder ist und wer sein Berichterstatter. Dennoch,\nHerr Heine träumt so:\nIch habe im Traum geweinet\nMir träumte du lägest im Grab\nIch wachte .auf und die Träne\nFloß noch von der Wange herab.\nIch habe im Traum geweinet\nMir träumt du verließest mich\nIch wachte auf und ich weinte\nNoch lange bitterlich.\nDas ist der Traum von Heinrich Heine. Und\nnun hören Sie noch einmal den Traum von August\nStramm:\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen schwellen prellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nEs muß Ihnen überlassen bleiben, den Maßstab,\nden ich Ihnen gebe, an andere Dichtungen anzu-\nlegen. Es ist nicht vermessen, messen zu wollen,\nwenn man einen Maßstab hat. Man vermißt sich\naber, wenn man Tempel mit der Elle mißt. Hierzu\nmuß man eine Richtschnur haben. Ich gebe Sie\nIhnen, indem ich Ihnen diesen Künstler August\nStramm nenne. Ein Höheres in der Wortkunst\nist mir nicht bekannt, trotzdem ich mehr kenne\nals was man kennt. Doch soll man auch Hohes\nschätzen, bei dem man fühlt, es wandelt auf £en\nStufen zum Höheren. In Wohnungen wohnen nur\nVerfasser und Berichterstatter. 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Der\nKrieg soll sie gesund machen. Sie waren also\nkrank. Was tun Künstler, die vor dem Krieg gesund\nwaren. So gesund, daß sie die Kranken schon vor\ndem Krieg als krank ansahen. Genesende müssen\ngeschont werden, sie sind keine Gefährten für Ge-\nsunde. Erwerb ist kein Besitz und Erwerbstrieb\nkein Kunsttrieb. Erwerbstrieb ist nicht einmal ein\nTrieb. Preisend mit viel schönen Reden werden\nschlechte Bilder gemacht. Sogar die schlechten\nBilder aus der kleinen Zeit vor der großen Zeit\nwerden mit schillernder Beweglichkeit auf dem\nMarkt verschleudert. Die Malermeister finden das\nGeschäft verdorben, weil das Publikum nicht mehr\nverdorbene Waren kauft. Daran sollen die Künst-\nler schuld sein. Sie sind es nicht. Denn Kunst-\nwerke werden noch immer nicht gekauft. Doch\neine neue Zeit bricht an. Das Publikum läßt sich\nnicht mehr durch die Naturwahrheiten der Maler-\nmeister belügen. Es geht direkt zum Photographen.\nDer ist billiger und echter. Und besser. Die Linse\nsieht und der Malermeister denkt. Die Photogrä-\nphen müssen unterstützt werden, nur so ist Platz\nfür Kunst zu schaffen. Die Photographen geben,\nwas ihnen scheint. Die Malermeister scheinen,\nwas sie nicht geben. Seien wir doch endlich sach-\nlich. Geben wir der Natur, was der Natur ist,\ngeben wir der Kunst, was der Kunst ist. Nur keine\nManschereien. Deutsche Waren sind deutsche\nWaren. Deutscher Kitsch ist deutscher Kitsch.\nDer Kitsch der Franzosen ist selbstverständlich\nauch nur Kitsch. Kitsch wird aber nicht besser,\nwenn sein Verfertiger beinahe in Deutschland ge-\nboren ist. Das hofft aber ein Herr zusammen mit\nvielen anderen Herren, der auf den deutschen\nNamen Momme Nissen hört.\nHerr Momme Nissen hat ein Buchchen geschrie-\nben, in dem er unberechtigtßilder nachdruckt. Alle\nAngriffe gegen Kunst beginnen mit einer Verlet-\nzung der Urheber. Die Urheber haben aber zu\nihrem Glück eine dicke Haut und das Kammerge-\nricht in Berlin gibt es auch noch immer. Das\nKammergericht ist sehr preußisch und heilt\nVerletzungen glatt durch Verfügungen. Keine\nMunition wird verschwendet. Darauf begibt man\nsich gewöhnlich in die „Werkstatt der Kunst\". Die\nWerkstatt ist nicht so preußisch, sie ist unaufge-\nräumt, alles liegt durcheinander. Man muß für\nOrdnung sorgen. Malermeister nennen deutsche\nUnordnung Romantik. In ihren Gehirnkasten liegen\nalle Zeitungsartikel durcheinander und das Unbe-\nwußte ist für sie der Keller, in den sie diesen\nKehricht abladen. So sind sie Druckerschwärze\ndurch und durch und sehen alle Farben grau.\nAufräumen ist sehr nützlich. Damit man Raum\nfindet und Raum sieht. Kein Raum ist Zeitver-\nschwendung und Zeit ist Raumverschwendung.\nRaum für Alles hat die Erde wenn Alles richtig\nuntergebracht ist. Nur kein Durcheinander.\nHerr Momme Nissen malt, wenn er denkt und\ndenkt, wenn er malt. Er kann also Beides nicht.\nEin Blick auf seine Werkstatt. „Auf allen Seiten\nbegehrt man mit Recht eine gesteigerte würdigere"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10832, "texte": "Eütwieklung. Man erwartet sie dringend auch von\nden Künsten. Es wsfre gleichwohl verfrüht, von\nunserer Kunst sofort ein verjüngtes Gesicht zu\nverlangen\" Gemalt wie gedacht: etwas, das sich\nentwickelt, steigert sieh dadurch daß ein Altes nach\nund nach ein verjüngtes Gesicht bekommt. So\netwas muß sich Herr Momme Nissen schon in\neinem Institut für Schönheitspflege malen lassen,\ndie Entwicklung der Schönheit führt zu einer\nSteigerung der Preise. Je älter desto teurer. Genau\nwie ifi der Kunst. Dre Schönheit steht natürlich\nwieder auf der obersten Sprosse: „Innere Um-\nwandlung aus vielfach faulen Zuständen heraus,\nbedingt eine Stuienreihe von Veränderungsfor-\njnen/1 Die Leiter wird in die faulen Zustände ge-\nstellt und auf jeder Stifte verändert sich die Form.\nOben steht sie, die Schönheit. Die Leiter gerät\naber ins Wackeln, denn: „Echt deutsche Kunst\nkommt nicht in Autoschnelligkeit herangerast;\nauch sie wifl tapfer erstritten und redlich durch-\ngemülrt sein/' Massage im Auto ist nicht zweck-\ndienlich. Warum soll die deutsche Kunst auch erst\nim Auto heranfahren, wenn sie schon oben auf der\nLeiter steht. Zur Schönheit gehört aber weniger\nForm, eine ausländische Krankheit, sondern Re-\nform: „Denn Wert hat nur dann die Reform, wenn\nsie den ganzen Künstler erfaßt und veredelt und\nschaffenstüchtiger macht.\" Also nicht nur Ge-\nsichtskultur. Die ganze Körperkultur fordert den\nKünstler. Aber nicht damit genug. Zur Körper-\nkultur bedarf man bekanntlich eines Anstosses\ndurch Hochspannung: „Dazu gibt allerdings die\nheutige Hochspannung den stärksten Anstoß, aber\nerst eine fruchtbare Friedenszeit vermag jene\ninnere Sammlung, jene Stille der Seele zu ge-\nwähren, in der allein die Geistesfrüchte zur vollen\nReife gedeihen.\" Ich danke für reformiertes Obst,\nbegnüge mich mit dem natürlichen, das ich im\nKriege esse, statt es im Frieden zu malen. Der\nmassierte Künstler steckt der Schönheit oben auf\nder Leiter ein Erzeugnis der Botanik in den Mund.\nEin künstlerisches Durcheinander. Aber gemalt\nwird es sich sehr gut machen, wenn man die Dame\nEva und den Herrn Adam nennt. Der Adam sieht\nsowieso immer etwas massiert aus und warum\nsoll nicht auch schließlich einmal er Eva den\nApfeJ reichen. Da hätte sie endlich auch einmal\nStoff zum Denken. Aber so eine richtige ge-\nsteigerte Entwicklung braucht Zeit. Soviei Zeit,\ndaß sie die Reformatoren kaum erleben können:\n„Wo es um eine nationale Kultur-Neubildung geht,\ndie von tiefernsten sittlichen Fragen bis zu\nnüchternen Einzelheiten handwerklicher Uebung\nhundert Dinge umspannt, da muß man immerhin\nmit Jahrzehnten, vielleicht mit Menschenaltern\nrechnen. Da wäre es töricht, bereits auf den Aus-\nstellungen von 1916 feine neu erstandene deutsche\nKunst fertig vorfinden zu wollen, wenn wir auch\nhoffen dürfen, daß ganz Entartete ausgeschaltet,\nunser erbeigentümliches Kunstgut jetzt fleissiger\nvorgeführt und eine Schar bisher niedergehaltener\nguter einheimischer Maler ans Licht kommen zu\nsehen,\" Also im Jahr 1916 ist es noch Essig oder\num im Bilde zu bleiben Säure. Das erbeigentüm-\nlicbe Kunstgut von Momme Nissen und Genossen\nist schon im Jahr 1915 recht fleissig vorgeführt\nund die niedergehaltenen guten einheimischen\nMaler werden auch im Jahre 2016 nicht ans Ober-\nlicht der Königlichen Akademien kommen. Gute\nBilder brauchen aber kein Oberlicht. Das Licht\nmuß nämlich aus den Bildern kommen. Eigentlich\nist die Kunst doch so einfach: man braucht nur\nBilder zu malen, ohne Apparate. Die Maler-\nmeister sorgen sich aber immer um die Apparate\nund vergessen die Bilder. Da wir nun auf die ge-\nsteigerte Entwicklung von Momme Nissen und\nGenossen noch einige Menschenalter warten\nsollen, müssen wir uns damit begnügen, zu er-\nfahren, „was wir zunächst für die heissersehnte\nkünstlerische Neugestaltung zu tun vermöchten.\"\nHerr Momme Nissen hat nämlich etwas ganz\nFeines: „Festgelegte Ziele\". Er streckt sich, bis\ner auseinander reißt. Ziele rasen nämlich mit\nAutogeschwindigkeit. Ziele sind immer fort, wenn\nman dort ist. Auch wenn man sie sich noch so\nnahe steckt. Außerdem gibt es Leute, die Halte-\nstci'en umkippen, damit die Andern sich nicht zu\nfrüh am Ziel finden. Frühe Ziele fördern zwar die\nBehaglichkeit, hindern aber die Ziellosen. Die\nLeute mit Zielen stecken sich aber ihr Ziel stets\nzu weit. Das erste Ziel von Momme Nissen ist\n„Selbstbesinnung auf die Grundlinien unseres\nSchaffens\". Dazu muß er erst ins Auto steigen.\nWo sind die Grundlinien „unseres\" Schaffens. An\nunsern Landesgrenzen: „Ein Abstecken der\nPflöcke innerhalb unserer Landesgrenzen ge-\nbietet heute die Ehre, die Vernunft, der Zwang.\"\nWo, Herr Momme Nissen, sind heute unsere\nLandesgrenzen. Mir scheint, die Pflöcke werden\nabgesteckt, aber erheblich weiter nach vorn. Ehre,\nVernunft und Zwang scheinen heute zu gebieten,\ndaß wir unsere Landesgrenzen nicht kennen. Auch\nein großes Vaterland kann größer sein. So klein\nwird Eteutschland nie werden, daß Herr Momme\nNissen sich darin zurecht findet. Er sollte die\nPflöcke einmal innerhalb seiner Grenzen ab-\nstecken. Vielleicht kommt er dann zur Selbstbe-\nsinnung. Vorausgesetzt, daß er für Ordnung bei\nsich sorgt innerhalb seiner Pflöcke. Bisher ist er\nnur auf den Grundlinien anderer Menschen\nspazieren gegangen, die sich zurecht fanden. Ver-\nirrte schimpfen auf die Wege. Doch nicht die Wege\nsind Irrwege. Geirrt hat der, der die Wege nicht\nkennt. Man kann nicht ins Neuland führen, wenn\nman innerhalb der Pflöcke nicht Bescheid weiß.\nFremdenführer wissen nur, was sie auswendig ge-\nlernt haben. Fremdenführer waren niemals For-\nscher sondern sind stets von Fremdenführern ge-\nführt worden. Aber Herr Momme Nissen braucht\nnicht nur Grundlinien, er braucht auch eine Grund-\nlage. Natürlich auf der Oberfläche: „Unsere Kunst\nbedarf vor allem einer gesunden Berufsgrund-\nlage.\" Gesundung durch die Lösung der sozialen\nFrage. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch,\ndenn: „Eine Hauptursache der Zersplitterung von\nDeutschlands Künstlerschaft, der Ziellosigkeit ihrer\nGesamtarbeit, der durchgehenden Unfertigkeit\nihrer Leistungen und ihre haltlose Abhängigkeit\nvon Kunsthandel, Kritik und Aesthetentum liegt in\nder mangelhaften Organisation ihres Berufes.\"\nDie Idee ist gar nicht so dumm wie es scheint.\nZwar macht sie der Photograph schon ohne die\nMalermeister, aber wir werden die Herren endlich\nlos, wenn sie ihre Industrie industriell betreiben\nwürden. Die Leinwand wird hingestellt, jeder\nHandarbeiter an seinen Platz, die Landschafts-\nmaler machen die Landschaft, die Marinemaler\nsetzen ihre Schiffchen hinein, die Genremaler\nliefern das Obst, die Porträtmaler fügen noch\nMenschen hinzu, die Tiermaler sorgen für die\nZoologie, jeder Arbeiter bekommt die Woche\nhundert Mark und die soziale Frage mit ihrer\nSorge um die Kunst ist gelöst. „Keine Kunst\nblühte ohne festgegründete Künstlerschaft.\" Aber\ndiese Gesellen brauchen einen Meister: „Fein-\nfühlende Laien können Kunstwerke oft vortrefflich\nbewerten, niemals aber Künstler züchten, er-\nziehen ; das bleibt ein für allemal Sache der Prak-\ntiker.\" Der Maschinenmeister wird die Sache\nschon richten und feinfühlende Laien werden\nnach dieser Industrialisierung das tun, was sie\nsonst zu tun pflegen, einen Fachmann zu fragen\nehe sie die Maschine kaufen. Ja, meine lieben\nHerren, dann ist es aus mit dem Theater. Dann\nstaunt der Laie nicht mehr, dann wird der Fach-\nmann gefragt. Solide ehrliche Arbeit wird ge-\nfordert werden, keine Vorspiegelung der Natur.\nEin Schilf ist kein Bild und ein Bild ist kein Sckiif.\nDann erst wird es sich zeigen, was Handwerk ist\nJetzt reden sich die Herren auf ihre faule Kunst\nheraus. Gewiß, das Handwerk ist die Grundlage,\ndeshalb wird das Bild mit der Hand und nicht mit\nder Gesinnung oder der Gesittung gemalt. Was\naber die Hand malt, liegt vor der Gesinnnug u*d\nüber der Gesittung. Der Künstler schafft das\nGleichnis und nicht das Gleiche. Nach seinem\nEbenbilde. Aber nicht nach den Bildern der\nAndern. Das Gleiche schafft Gott, aber anders.\nWollte Gott, daß die andern fest und treu zusam-\nmenhalten: „Erst das einträchtige Arbeiten, das\nfreudige Hand-in-Hand-Gehen von Gleichgesinn-\nten und Gleichgeschulten, von Lehrern nid\nSchülern, von Alten und Jungen, ermöglicht das\nEmporkommen einer Blüteperiode.'4 Wenn die\nHerrschaften natürlich alle Hand in Hand gehen,\nmüssen sie mit der Gesinnung malen. Nach ernster\nArbeit fröhliches Beisammensein: Gänse-Aus-\nschieben. Hier wird fortg'suffa. Konkordia soll\nihr Name sein.\nEs ist nicht leicht, zu organisieren: „So schwie-\nrig Organisation unter Künstlern, so nötig ist sie\ngerade dort. Der Grund davon liegt einmal im\nüberspannten Spintisieren und dann in der Los-\ntrennung von der ehemals selbstverständlichen\nhandwerklichen Schulung. Nur durch diese bildet\nsich eine des reichen deutschen Wesens würdige\nTechnik voll durchgliederter Form und voll\nschmelzvoller Farbigkeit.\" Das wird erreicht\ndurch den Künstlerverein „Konkordia\", das Ehren-\nmitglied Lenbach sagt, wie es gemacht wird.\nTechnik des Pausens, englischer Kutschenlack,\netwas Rot auf die Lippen und was man so braucht.\nSogar die Akademien, man sollte es nicht glauben,\nwollen sich jetzt mit Maltechnik befassen. Bisher\nhaben sie nämlich Kunst gelehrt: „Es ist ein Fort-\nschritt, daß mehrere Akademien endlich Abteilun-\ngen für Maltechnik eingerichtet haben.\" Nun erfährt\nman endlich, warum die Akademiker nicht wissen,\nwas ein Bild ist. Sie haben nur Gesinnung gelernt.\nAber der Fortschritt ist unaufhaltsam: „Doch hoff-\nnungsvoller ist es, daß in einigen Werkstätten\nhervorragender Maler und Bildhauer fern von\nGroßstädten, Jünglinge vom Lehrlingsstand an\nstufenweis ganz praktisch ausgebildet werden,\nbis zur Ausschmückung öffentlicher Bauten\nmit Monumentaldarstellungen.\" Zum Beispiel der\nBildhauer Marschall, an dessen hölzernem Hinden-\nburg die Jünglinge vom Lehrlingsstand an stufen-\nweis auf richtigen Leitern ganz praktisch ausge-\nbildet wurden, bis selbst die Königliche Akademie\nder Bildenden Künste vor diesen Monumental-\nDarstellungen warnte. Der Meister vom Lehrlings-\nstand und die Jünglinge mußten wieder einige\nStufen herunterklettern. Fern von Großstädten, in\nInsterburg, wird jetzt Herr Marschall weiter-\nholzen.\n„Außerdem muß freilich der Künstlerzusam-\nmenschluß auch national-ökonomisch erfolgen . . .\nDie Bußzeit des Krieges hilft mit, um die Künst-\nler zusehends zu einer realeren und sagen wir\nruhig bescheideneren Auffassung ihrer Wirksam-\nkeit hinzuführen.\" Das heißt auf deutsch: die\nschlechten Bilder werden billiger, die Auffassung\nder Künstler zusehends national-ökonomischer.\n„Haben wir Künstler es nicht selber verschuldet,\ndaß wir als unsichere Kantonisten gelten? Wir\nsollten durchaus den Ruf der altdeutschen Zuver-\nlässigkeit wiederzuerlangen sorgen. Dann wird\nauch der Staat unseren Stand einerseits besser\nstützen, anderseits freier schalten lassen können\nals bisher.\" Das heißt auf deutsch: Die Zimmer-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10880, "texte": "Vermieter werden die Künstler anerkennen. Ein\nStand, der einerseits gestützt werden muß, ist\nandererseits kein Stand. Und noch freier schalten?\nJeder unbescholtene Staatsbürger darf Bilder\nmalen, soviel er will. Uiid bescholtene Maler\nbleiben im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte.\nAber damit nicht genug. „Unsere Kunst bedarf\nder festen Eingliederung in die Volksgemeinschaft.\nSie war in ihren jüngsten Trieben ganz zum\nLuxus- und Sportartikel einer tonangebenden\nOberschicht geworden, war durch deren wider-\nnatürliche Geschmacksrichtung in eine verhäng-\nnisvolle Isolierung hineingeraten.\" Die andern\nSchichten aber standen also für die Eingliederung\nzur Verfügung. Wer eben Luxus- und Sportartikel\nbraucht, kauft sie, auch wenn sie noch so wider-\nnatürlich sind. Wenn diese Kunst, diese verhäng-\nnisvolle, isoliert ist, kann sie doch keinen Schaden\nmehr anrichten. Die Widernatürlichen finden die\nNatürlichen unnatürlich. Und die Volksgemein-\nschaft ist überall für Luxus und Sport, was ganz\nnatürlich ist. Diese Artikelmacher und diese Ar-\ntikelschreiber haben aber gar nichts mit der Kunst\nzu tun, die sich nicht eingegliedert, sondern der\nman sich einzugliedern hat. „Vor tausenden von\nBildern fragte sich alle Welt: weshalb, wozu,\nwohin damit?\" Die Malermeister sind nicht alle\nWelt. „Man machte geradezu Kunst gegen das\ndeutsche Volk.\" Man macht allerdings auch nicht\nKunst für das deutsche Volk, weil man Kunst\nüberhaupt nicht macht. Jedenfalls, die Künstler\nmüssen bekämpft werden: „Da ist tatkräftiger\nWiderstand, ein herzhaftes Beschneiden der Ver-\nlctterung und Qeistesfäule von Nöten,\" Ein Bild\nvon Momme Nissen. Er sollte lieber in der Werk-\nstatt der Kunst aufräumen, als Qeistesfäule herz-\nhaft beschneiden. Ein Sauvergnügen übrigens. „Da\nist eine ernste Warnung unserer noch Sitten- und\nphantasiereinen Jugend vor dem Aufsaugen giftiger\nAnsteckungskeime dringlich geboten.\" Keime sind\ngegen Warnungen immun. Wenn mir der Herr\nMomme Nissen doch endlich mal einen Namen\nnennen wollte, den Namen eines Künstlers, der die\nSitten- und phantasiereine Jugend ansteckt. Ich\nbin so unglaublich gesund, daß ich gerne einmal\ndie Ansteckung wage. Höre ich Namen, so schließe\nich mich vielleicht auch „den verschiedensten\nAutoritäten aus konservativen und liberalen La-\ngern\" an, die vor Ansteckung warnen. Nur\nscheinen mir bisher die Autoritäten die Feinde\nin ihrem eigenen Lager nicht zu sehen. Die Feinde\nder Kunst verstecken sich hinter die Autoritäten,\ndeshalb werden sie von ihnen auch nie bemerkt.\nEndlich hat Herr Momme Nissen gefunden, daß\nseine Bilder so schlecht verkauft werden, weil\ndie Kunsthändler sich nicht für ihn interessierten.\nDie Kunsthändler haben den Malermeistern das\nGeschäft verdorben. Sie alle weigern sich stand-\nhaft, Oelgemälde von Momme Nissen und Ge-\nnossen zu führen, trotzdem das Publikum sich um\ndiese oelige Nahrung schlägt. Der Kunsthändler\nwill nicht. Er kauft nur Geistesfäule. Infolgedessen\ndas arme Publikum auch. Weder König noch\nBauer können sich ihre Marinestücke verschaffen:\n„Herrschte doch eine Malerschaft, durch die der\nKönig wie der Bauer um ihr Recht und ihre Freude\nkamen, frevelhaft vor, wo sie nur hätte dienen\ndürfen.\" Ich kann mir denken wie geknickt der\nBauer im Salon Schulte seinen Kandinsky hin-\nnahm, wo er sich doch nach seinem Kiesel sehnte.\nDas ist nicht recht von Schulte und den andern\nKunsthändlern. Und vielleicht gab Herr Cassirer\ndem König einen Liebermann, einem König, der\nsich nach einem Rembrandt-Schulbild sehnte.\nHierauf besinnt sich der deutsche Momme Nissen\nauf sein Vaterland, wie ganz anders ist es da:\n„Dafür muß jenes edle Vertrauen zwischen echten\nKünstlern und Kunstliebhabern auch bei uns all-\nmählich Wurzel fassen, das bei den Dänen eine\nso wohltuend landestreue und doch maßvoll mo-\nderne Hauskunst gedeihen ließ.\" Also die Selbst-\nbesinnung auf die Grundlinien unseres Schaffens\ninnerhalb unserer Landesgrenzen hat für Däne-\nmark ein Ausnahmegesetz. Maßvoll moderne\nHausmannskunst nimmt Herr Momme Nissen\nselbst vom Ausland gütigst entgegen. Oder sollten\ndie Pflöcke des Herrn Momme Nissen dort abge-\nsteckt gewesen sein, wo man so wohltuend landes-\ntreu in der Kunst ist. Oder ist etwa gar Herr\nMomme Nissen auch so ein unsicherer Kantonist,\nder die Kantone nach Belieben der andern wech-\nselt. „Haben wir Künstler es nicht selbst ver-\nschuldet.\" Was sagen wir Künstler nun. Oder\nhaben wir Künstler jetzt vielleicht das weite Herz,\ndas uns gestattet in alle Kantonen heimisch zu\nwerden. Mit maßvoll deutsch-dänischer landes-\ntreuer Hauskunst „Dafür muß warmherzige Emp-\nfindung fürs Vaterlandsganze, dürfen nicht eitler\nEgoismus noch Neuerungssucht den Pinsel führen.\"\nJeder Pinsel für ein Vaterland, der brave Momme\nNissen sogar für zwei. Denn er ist maßvoll. „Da-\nfür muß der Künstler es sich zur Ehrenpflicht an-\nrechnen, so weit die stilistischen Erfordernisse des\nWerkes es zulassen, wohlberechtigten mensch-\nlichen Wrünschen von Kunstförderern entgegen-\nzukommen. Hat er doch lange genug der Tyrannei\nschwindsüchtiger Modernisten einen unwürdigen\nTribut gezollt.\" Ein würdiger Tribut ist es,\nmenschlichen Bedürfnissen von Kunstförderern\nentgegenzukommen. Den Frauen soll man be-\nsonders zart entgegenkommen. Natürlich so weit\ndie stilistischen Erfordernisse des Werkes es zu-\nlassen. Die Ehrenpflicht des Künstlers ist es, maß-\nvoll in den stilistischen Erfordernissen des Werks\nzu sein. Hierauf wirft Herr Momme Nissen den\nPinsel fort und veranstaltet das große Künstler-\nfest des Friedens: „Darum stimmt die Instru-\nmente, ihr Künstler, bereitet das Heimkehrfest vor,\neure Kräfte, die man zu lascher Lüstlingstat zu\nerniedrigen strebte, sollen einen großen deutschen\nLiebesdienst tun, sollen den Geist der Autopfe-\nrung und Hochherzigkeit weiterpflanzen in kom-\nmende Geschlechter!\" Das wird einen Jubel geben,\nwenn die Künstler mit neugestimmten Lauten, mit\nVivatbändern des Herrn Momme Nissen an unsere\nLandesgrenzen ziehen. Die Künstler, deren Kräfte\nman zu lascher Lüstlingstat vergewaltigte, werden\njetzt der Liebe und der Fortpflanzung dienen.\nWenn er nur Namen nennen wollte, der Herr\nMomme Nissen. Aber Lüstlinge reden sich immer\nauf ihre Opfer heraus. Künstler hingegen auf den\ngroßen Bruder: „Wie Hindenburg bei aller Neu-\nheit seiner Kriegswerkzeuge gleich wie ein Bruder\nvon Blücher dasteht, so sollte auch Neudeutsch-\nlands Künstler bei aller technischen Neuerung und\nhoffentlich Vervollkommnung brüderlich nahe an\ndie Seite von Dürer, Schlüter und Schwind treten.\"\nHindenburg begnügt sich mit Blücher. Neudeutsch-\nlands Künstler, Herr Momme Nissen, muß nahe an\ndie Seite von drei Brüdern treten, die etwas ab-\nrücken. Weil der neue Bruder noch die hoffent-\nlich Vervollkommnung zu brüderlich nimmt. Der\ngroße Bruder und die größeren Brüder sind immer\nBrüder von dem kleinen Bruder. Der kleine\nBruder schimpft und der große Bruder schlägt.\nEndlich „wird die lautere deutsche Volksseele,\nwelche diesem Krieg einen so hehren Charakter\neingeprägt hat, auch in der Kunst wieder ihren\ngebührenden Ehrenplatz erhalten.\" Herr Momme\nNissen rückt also etwas an die Seite. Monogramm\ndes Herrn Momme Nissen: der eingeprägte Cha-\nrakter.\nKunst ist kein triebhaft unbewußter Rausch,\nsoll kein tändelndes Schlürfen von Schleckereien\nsein. Sondern sie ist trotz des Unterstroms\nler Gefühle von vorne bis hinten eine bewute tind\ndurchdachte Leistung des Geistes.\" Der erste\nSatz ist ziemlich besoffen. Man muß schon ziem-\nlich berauscht sein, um Schleckereien tändelnd\nzu schlürfen. Der zweite Satz hingegen ist vom\nvorne bis hinten geistreich. Kunst ist die Gestal-\ntung des Triebhaft-Unbewußten. Die Kunst der\nHerren Momme Nissen und Genossen die bewußte\nund undurchdachte Verunstaltung der Leistung\ndes Geistes eines Andern. „Der Darstellung einen\nstarken packenden Inhalt zu geben, mit ausge-\nreiften Mitteln eine große I6ee,: einen schönen\nVorgang vor Augen zu bringen, sodaß sie Wider-\nhall in unserm Innersten weckt, das ist keines-\nwegs das Mindere, es ist vielmehr das unver-\ngleichlich Höhere gegenüber der blossen Wie-\nMalerei.\" Viele Leute können sich eben das Gehen\nnicht denken, wenn sie keinen Vorgänger haben.\nUnd dann behaupten sie noch hinterher, daß der\nVorgänger nicht gellt. Aber er geht doch, wenn\nes auch nicht geht. Diese Was-Maler sind so\nkindisch, daß sie glaub-en, sie können den Inhalt\nohne Darstellung geben. „Wo man das Gegen-\nständliche zugunsten eines reinsmnlichen Wühlens\nin Licht- und Farbengemischen für gleichgültig\nausgab, da ist naturgemäß, weil schließlich doch\nkeine Kunst ohne Inhalt sein kann, ein gemeiner\nGehalt bevorzugt worden.\" Also das Gegenständ-\nliche ist unsinnlich. Das stimmt für die Bilder der\nHerren Malermeister. Denn die nackten Damen,,\ndie je nach den Zutaten Wahrheit, Freiheit und\nSchönheit darstellen sollen, sind nur Modelle, des\nKünstler Völkchens. Geeignet für Liebesdienst, aber\nnicht für Kunst. Schönheit ist also gemein, wenn\nsie nicht Venus heißt. Unter sVenus tun es die\ndeutschen Künstler nicht. Und der blinde Geiger\nist die Darstellung des packenden Inhalts der\nMusik. Die Toteninsel liegt in Genf. Alles keine\nKunst mit Inhalt. „Doch jetzt weht ein Geist der\nWiedergeburt in unseren Landen.\" Diese Geburt\nin den Lüften macht den Kunstmaler, der Lauten\nstimmen ließ, zum berauschten Dichter: „Unsere\nKunst richtet sich selbst, wenn sie nicht imstande\nist, diesen Geist in kostbare Schalen zu füllen/'\nIn der freien Natur liegt die Leinwand im kost-\nbaren Goldrahmen auf der Erde. Sie ist imstande.\n„Die langentbehrten großen Impulse, jetzt sind sie\nihr zugeflossen.\" Der Geist regnet. „Nutze, er-\ngreife sie, deutsche Kunst; Du hast es doch früher\nvermocht.\" Es muß ergreifend sein, diesem Er-\ngreifen der regnenden Wiedergeburt beizuwohnen.\n„Ziehe tiefe Furchen durchs Land.\" Mit Regen.\n„Forme ein reines Abbild der Heimat, schildere\nden voHen Zauber dieses Wortes, den heiße Sehn-\nsucht und bittere Sorge uns so lieblich verjüngt\nhat.\" Die Herren formen eben immer nur Abbilder,\nnie Bilder. Wenn man den Zauber schildert, ist\nder ganze Zauber fort. „Male das meerum-\nschlungene, das waldumringte Land und Volk, wo\nimmer Du Dich zu Hause fühlst, damit wir be-\nglückt die segenbeladene Erde erkennen und in\nEhren halten, für die so namenlos schwer ge-\nstürmt, so viel geopfert worden ist.\" Wo immer\nDu Dich zu Hause fühlst. „Verherrliche dem\nLiedersänger gleich die reckenhaften Helden, di&\nFürsten und Führer und alle die Taten der Vater-\nlandstreuen draußen wie daheim, damit die Vor-\nbildlichkeit der Blütezeit bei Kind und Kindes-\nkindern unvergessen bleibt.\" Die Vorbildlichkeit\nder Blütezeit ist recht unbildhaft. „So wende denn\ndie Kunst alle Mittel, von alten Meistern erlernte\nwie der Neuzeit entstammte, umsichtig an, um\neinen warmen Strom der Liebe in die\nHerzen zu leiten. Dann erst erfüllt sie ihre Sen-\ndung.\" Die Mittel der Herren Momme Nissen\nund Genossen reichen kaum für eine Wasserlei-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 220, "texte": "tu»g. Liebe ist menschlich, Kunst unmenschlich\nwie Gott. In das Göttliche wird Nichts hinein-\ngeleitet. 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.2.8", "titre_corps": "Expressionist Artillerist", "titre_sommaire": "Expressionist Artillerist", "signature_source": "Franz Richard Behrens", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.10", "debut_caractere": 1164, "fin_caractere_exclue": 2680, "texte": "Expressionist Artillerist\nFranz Richard Behrens\nFür Jakob von Uexküll, auf dessem granatgegit-\nterten Heimatboden einer Feldwache dies wuchs.\nBäh\ndrüben fliegt ein Eisenvogel ab, kerzengrader\nals alle Vögel der Erde\nEin-und-zwanzig\ndie Linie kennt die Natur nicht\nzw ei-und-zwanzig\nder Organismus ist sie\ndrei-und-zwanzig\nden Blick nicht verlieren '\nOb teuer Opfer schließlich wert\nFünf-und-zwanzig\nSchäumende Schrapnells kleben Sonne Sehnsucht\nSechs-und-zwanzig\nMein Seelensingen brechen im Muß\nSieben-und-zwanzig\nZweckblitz ducken droben die sieben Haubitzen,\nAcht-und-zwianzig\nVerdammt echtes Lebensgefühl bornt verflucht\nheißen Ausdruck.\nNeun-und-zwanzig\ndie Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle\nBlutabsinth\ndie Luft ist Stahl und rein\nEin-und-dreißig\ndie Granattrichter tüpfeln garnicht harmonisch\nZwei-und-dreißig\nder feindliche Beobachter findet das höchst\nglücklich\nDrei-und-dreißig\nDie Blüten weinen Licht unter\nDonnererschlagendem Krachen\nVier-und-dreißig\nDie Zentralisierung des Willens ist die Kraft\ndes Kommandeurs\nFünf-und-dreißig\nIm Leichenblut schöne Farben sehen. Alte Jacke\nKnochensplitter sein, Impressionisten und\nNaturalisten\nSieben-und-dreißig\nSein und Uebersein.\nAcht-und-dreißig\nMein Geschütz steht in Wechselwirkung zum\nsechsten,\nNeun-und-dreißig\nKeinen Meter mehr nach rechts darf es stehen,\nEin-und-vierzig\nKanionen macht man.\nGranaten werden gemacht\nZwei-und-vierzig\nKanonaden entstehen\ndrei-\nIch glaube aufzugehn\n-und\nIch drücke mich hoch heilig\n-vierzig\nAus\nFetzen Fratzen Platzen\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-02-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-02-01_01#c011", "volume": "bmtnabg_1916-02-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "130", "page_fin": "131", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.2.9", "titre_corps": "Die Renaissance der Wiedergeburt", "titre_sommaire": "Die Renaissance der Wiedergeburt", "signature_source": "Herwarth Waiden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.10", "debut_caractere": 2682, "fin_caractere_exclue": 7353, "texte": "Die Renaissance der\nWiedergeburt\n\nHamburg ist eine freie Stadt und gehört nicht\nzu Preussen. Der Zeitschrift „Bühne und Welt\"\nwurde Preussen zu klein und sie verlegte sich\nnach Hamburg, nicht ohne sich vorher in eine Ge-\nsellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt\nzu haben. Ein echter Deutscher, Kiefer heißt er\nnatürlich, wurde zum Herausgeber ernannt, und\nnun ist „Bühne und Welt\" berufen und befähigt, uns\nführende Fahne im kommenden Geisteskampf um\ndie geläuterte, deutsche Nationalkultur zu sein.\"\nEin Aufruf an den deutschen Buchhandel wird ver-\nsandt. „Der deutsche Buchhändler, in dem man\nmit Recht einen bedeutenden Kulturfaktor erblickt,\nwird in unserer ringenden und -entscheidenden Zeit\nseine Aufmerksamkeit den geistigen Problemen\nunseres nationalen Lebens widmen müssen.\" Ich\nerblicke in dem Buchhändler nur einen Händler,\nder nur die Bücher da hat, die man nicht\nbrauchen sollte. Diesem händlerischen Pro-\nblem wird er seine Aufmerksamkeit widmen\nmüssen, wenn er Buchhändler sein will.\nNur keine Kulturfaktoren. Trotzdem es eigent-\nlich sehr einfach ist, einer zu werden. Man\nbraucht sich nämlich nur für die Zeitschrift „Bühne\nund Welt\" zu verwenden und dieses geistige Pro-\nblem ist schon erreicht. Das sagt der Hamburger\nBuchhändler Pape auch. Dieser Herr, offenbar ein\nKulturfaktor, wünscht „unsere Bühne von der ver-\ngiftenden fremden Umklammerung zu befreien\".\nDas wird am einfachsten durch den Bezug der\nZeitschrift „Bühne und Welt\" erreicht. „Die Zeit-\nschrift hält wesentlich mehr als der Titel ver-\nspricht. Sie ist nicht etwa nur eine Theaterzeit-\nschrift im engeren Sinne, sondern sie umfaßt alle\nGebiete der redenden Künste, ohne grundsätzlich\ndas Gebiet der bildenden Künste zu meiden.\"\nInfolgedessen reden die Mitarbeiter das Blaue vom\nHimmel herunter, sodaß der Himmel wie der\nKuppelhorizont von Max Reinhardt aussieht.\nSelbstverständlich redet Schillers Urenkel mit, ge-\ntreu seiner großen Tradition. Friedrich Lienhard\nredet über Schillers Urenkel, mit dem er einmal\neinen schönen Tag in Weimar verbracht hat Alle\nDichter, die nicht genügend aufgeführt werden und\nzwar mit demselben Recht, mit dem andere Dich-\nter aufgeführt werden, aroeiten feste mit. Alles\nwegen der giftigen Umklammerung. Sämtliche\nSchiller-Epigonen Deutschlands hofften auf die\ngroße Zeit. Die Zeit war groß genug, ihre Hoff-\nnung zuschanden zu machen. Die Zeit brachte\nStrindberg auf die Bühne. „Bühne und Welt'\nbraucht aber einen König. Und zwar den Eber-\nhard aus Weidmannslust. Außerdem braucht sie\nsie noch einen Burte. Und endlich braucht sie noch\neinen Lienhard. Wenn diese drei Dichter sich von\nallen Bühnen herab verneigen können, dann kann\nsich Strindberg allerdings begraben lassen. Diese\ndrei Herren fühlen die Kraft zu ihrem Dichtertum\nkraft der Eigentümlichkeit, in Deutschland geboren\nzu sein. Dabei stammen sie .aus Arkadien. Sie\nhinken fünffiissig herum und wollen durchaus\nwiedergeboren werden. „Und sagen diesen ver-\nschworenen Feinden unserer sittlichen Wiederge-\nburt Kampf an.\" Wer hindert die Herren an ihrer\nWiedergeburt. Wer sind die verschworenen Feinde,\ngegen die sie ihre großen Kanonen auffahren. Das\nerfährt man aus dem Munde ihres Heerredners,\neines Herrn Ernst Adolf Greiner. „Wedekind,\nStrindberg, Schönherr als die Vertreter des —\nernsteren Spiels; Blumenthal, Kadelburg, Ber-\nnauer, Gilbert, Leo Fall und Lehar mit hundert\nandern Komödianten. Nein, wir haben nach fünf-\nzehn Kriegsmonaten und in der Mitte des zweiten\nKriegsspieljahres keine Hoffnung mehr.\" Den\nBundesgenossen Schönherr trete ich den ver-\nschworenen Freunden ab, Wedekind und Strind-\nberg werden sogar mit diesem Vierverband fertig.\nTrotzdem Wedekind zu Strindberg steht wie\nSchiller zu König. Trotzdem Schiller noch lange\nkein Strindberg ist und König lange kein Wede-\nkind. Das hätte Strindberg sich auch nicht träumen\nlassen, daß er die sittliche Wiedergeburt verhin-\ndern würde. Hingegen haben die andern Komö-\ndianten das ihrige getan, an der Verherrlichung\nder großen Zeit mitzuhelfen. Wenn auch mit den-\nselben Mitteln wie die Wiederzugebärenden: mit\nunkünstlerischen. Mit großen Reden ist es eben\nnicht zu schaffen. Die Herren aus Hamburg sind\naus Weimar, sie sollten sich einmal statt mit der\nBildung als Kunst, mit der Kunst als Bildung\nbefassen. Sie werden zu den erstaunlichsten\nResultaten kommen, wenn auch nicht zu einer\nWiedergeburt. Auf das Gebären kommt es an.\nAber die Herren sind gegen die Geburt: „Wer\nfürderhin auf den menschlichen Unterleib speku-\nliert, der soll auf klare Köpfe stossen, die das\nsetzungswerk des modernen Literatentums zu-\nschanden machen.\" Also das Kind im Mutterleib\nwird in der Zeit der sittlichen Wiedergeburt schon"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5952, "texte": "einen so klaren Kopf haben, daß es die Herren\nBurte, Lienhard und König für Dichter hält. Der\ngehört allerdings dazu. Der klare Kopf ist gegen\nSchönherr. Nicht deshalb, weil Schönherr kein\nKünstler und nicht einmal ein Dichter ist, sondern\nweil nach Aussage von „Bühne und Welt\" „die\nfreie Natur, der brutale Trieb, der Instinkt über\nden Geist siegt.\" Der Geist der Schiller-Epigonen\nist folglich unnatürlich, und ohne Instinkt. Was\nsoll der klare Kopf mit einem Instinkt anfangen.\nDer stört die Aufmerksamkeit, die man für Ent-\ngleisungen braucht: „Trotz der vielfältigsten\nEntgleisungen, die alle zu vermerken kaum dem\naufmerksamsten Betrachter unserer Spielpläne\nnoch möglich sein wird, — dieser Weibsteufel —\nund Wedekind-Skandal lastet als der Fluch einer\nentarteten Clique auf unserem Lande!\" Entglei-\nsungen, die kaum der aufmerksamste Betrachter\nnoch merkt, sind ja nicht so gefährlich. Das Kurs-\nbuch der Schiller-Epigonen verzeichnet allerdings\nsehr viel Entgleisungen, es sind ihre Normalzüge.\nDie Herren haben den Anschluß an die Kunst\nversäumt.\nAber nicht nur Strindberg bedarf einer sitt-\nlichen Wiedergeburt. Dieselbe Operation wird an\nDostojewski vollzogen. Auch dieser große Künst-\nler ist nicht so rein wie die klaren Köpfe, di>e\nnichts mit dem Mutterleib zu tun haben wollen:\n„Auch den Gestalten, die er selbst am höchsten\nstellt, haftet etwas Morsches, etwas wie Kernfäule\nan. Da ist eine tragische Gestalt, ein käufliches\nMädchen, da kann der Held nicht zu sich selbst\nfinden, ohne erst einmal einen Raubmord zu be-\ngehen, da endet der einzig wahre und reine\nMensch im Blödsinn.\" Das schreibt ein Herr Ru-\ndolph Huch, Mitglied der Wiedergeburt, der nie\nein käufliches Mädchen besessen und nie einen\nRaubmord begangen hat. Wie dieser einzig reine\nund wahre Mensch enden wird, weiß man aller-\ndings vorläufig nicht. Aber in Rußland gibt es\nnicht nur käufliche Mädchen und Raubmörder, wo-\nvon man in Deutschland nur etwas durch\nDostojewski weiß, in Rußland gibt es auch\nSchnaps: „Ueber dem russischen Märchen liegt es\nwie eine Wolke von Fusel. Aus dem Becherlein,\ndas in dem deutschen zuweilen auf der Tafel steht,\n'wird hier das nie fehlende Schnapsglas.\" Das\ndeutsche Becherlein wird recht oft gefüllt, es steht\nsogar bei Anti-Alkoholikern zuweilen auf der Tafel.\nDie deutschen Klassiker zum Beispiel hatten sehr\nviel für das Becherlein übrig. Herr Rudolph Huch\ntrinkt nie. Ein klarer Kopf. Aber das russische\nMärchen ist noch gemeiner: „Gar keine Stätte hat\nin ihm die Keuschheit. Die Jungfernschaft wird\noft und oft genommen; geschieht es durch einen\ngemeinen Streich, so ist das noch ein Spaß für\nsich.\" Gut, daß es nur im Märchen geschieht und\nnicht etwa in Rußland und noch weniger gar in\nDeutschland. Die anerkannten deutschen Dichter\nlieben allerdings auch so gemeine Streiche. Goethe\nhat dem Gretchen recht übel mitgespielt und\nRichard Wagner, der zwar anerkannt aber kein\nDichter ist, läßt einen Bruder eine Schwester ver-\nführen. Herr Rudolph Huch wird allerdings er-\nklären, daß so etwas in Deutschland mit Seele\nund in Rußland ohne Seele geschieht. Die Folgen\nsind aber erstaunlicherweise die selben. Für klare\nKöpfe gibt es eben keine Jungfern. Darum schrei-\nben sie ein Drama „Luther\", der allerdings ganz\nandre Ansichten hatte, worauf der Urenkel\nSchillers versöhnend bemerkt:\n„Die sich gekränkt gar bitterlich\nMit bösem Wort, mit Hieb und Stich,\nSie alle fordert Liebe ein\nZum Tagbefehl laßt Friede sein.\"\nOder wie Wilhelm Busch sagt:\n„Ein Mädchen schön und voll Gemüt\nGeht hier spazieren wie man sieht.\nSie pflückt auf frühlingsgrüner Au\nVergißmeinnicht, das Blümlein blau.\"\nWilhelm Busch hätte auch „Bühne und Welt\"\nverraten, warum das mit der Wiedergeburt so\nschwierig ist. Nämlich:\n„Und außerdem und anderweitig,\nLiebt man sich etwa gegenseitig?\nWarum ist niemand weit und breit\nIm vollen Besitz der Behaglichkeit?\nDas kommt davon, es ist hienieden\nZu Vieles viel zuviel verschieden\nDer Eine fährt Mist, der Andere spazieren;\ndas kann doch zu nichts Gutem führen,\ndas führt, wie man sich sagen muß\nvielmehr zu mehr und mehr Verdruß.\"\nWohl ihm, daß er kein Urenkel ist.\nDoch die Schiller-Epigonen haben das Problem\nbereits gelöst. Sie wollen nicht etwa den großen\nKrieg dramatisieren, der ist ihnen zu naturalistisch.\nDer letzte Hohenstaufe soll wieder daran glauben.\nDer Oberdichter, Herr Eberhard König verlaut-\nbart: „Je Zeitentfernter die Stoffe eines Kunst-\nwerks, um so menschlich näher rückt es uns, um\nso zugänglicher enthüllt sich uns das Innere des\ndramatisch bewegten Menschen.\". Das sind die\nklaren Köpfe. Im vergangensten Jahrhundert und in\nGriechenland wissen sie Bescheid, das zwanzigste\nJahrhundert ist ihnen zu unklar, aber so weit\nkönnen sie sich nie aus der Zeit entfernen, daß sie\nKünstler werden. Wenn diese Herren sich statt\neines Gehrocks einen Panzer anziehen, fühlen sie\nsich gegen das zwanzigste Jahrhundert gewappnet.\nDas zwanzigste Jahrhundert schießt aber durch\ndie Panzer bis in den Unterleib, mit dem die\nHerren allerdings auch nichts zu tun haben wollen.\nDeshalb ist ihnen das Nehmen der Jungfernschaft\nim dreizehnten Jahrhundert sittlicher als im zwan-\nzigsten. Selbst der Raubmord ist gestattet, wenn\ndie genügende Anzahl Jahrhunderte darüber ver-\ngangen ist. Die Stofflichkeit der neuen Klassiker\nist wirklich zu dick. Und dramatisch bewegte\nMenschen, die uns ihr Inneres enthüllen, sollten\nauch auf ihr Aeußeres mehr Wert legen. Wenn\nman diesen Menschen die Stoffe aus dem dreizehn-\nten Jahrhundert abzieht, bleibt nur ein Skelett\nübrig. Die Haut und das Fleisch sind ganz natür-\nlich verfault. Träger großer Reden sind keine\nMenschen und noch weniger Künstler. Klare\nKöpfe reden. Künstler schweigen. Und jeder, der\nsich König nennt ist noch kein König. Schon ein\nKlassiker bemerkte: „Laßt uns endlich Taten\nsehen.\" Aber Taten, meine Herren Dichter, die\nSie vollführen, nicht solche, die die Herrschaften\nder Geschichte für sie vollführt haben. 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Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden VierteljahrsbezQge, Einzel-\nHummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 10 Mark /\nFiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(lurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vi e r t el j a h r e s bis\nrum fflnften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nouter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Albeii / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungea /\nStrichfttzung / Auf Katserlich Japan-Papier iu\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karto* la tin-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kunstlers iiber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerkevvon 1901 bis 1913"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-02-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-02-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1916-02-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "132", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.12", "debut_caractere": 2830, "fin_caractere_exclue": 5618, "texte": "Meemskerck-Mappe: Seehs handgedruckte uui\neineehi signierte OrigaialfeoiESchiiitte I Aufiage 31\nMawen / Mappe 6—30 ie einhundert Mark\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / I h r s t i 11 e s\nGluck —! j Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark-\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahiie / Eine\nDichtung / Qeheftet 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus /' Roman I 2 Mark\nPaul Scfaeerbart: Glasarchitektur / In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark I Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedlchte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fiir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut. / V: August\nStramm: Erwachen ./ VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne ! X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Qeschehen\nJedes Stnrmbuch 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nKerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von Arno Holz / Fflr Qesang und Kla-\nyier / 3 Mark / 50 Seiten j Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Der S t ur m / Heeresmarsch /\nFur Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturlsten: Umberto Bocclonl: Das\nLachen / Luigi Russolo; Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / Qiao Sevc-\nriai: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Bocclonl? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerok: Bild 2 / Bild 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSlgrid Hjerten-Grunewald: Kinder\nKarten von Macke /' Miinter / Marc Chagall (5) /\nKlee I Leger / Jawlensky I Werefkin / Gleizes\n/ Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin./ Marc Chagall j Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Blatt 5 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-02-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-02-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1916-02-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "132", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.12", "debut_caractere": 5620, "fin_caractere_exclue": 6636, "texte": "Gem aide / Aquarelle /\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstlern im Sturm stlndig\nvorhanden:\nKandinsky /' Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka I August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabriele Miinter I Jaw.\nlensky / Marianne von Werefkln / Albert Btocts /\nHans Arp I Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzia-\nger / Marc Chagall / Fernand L£ger / Jaeoba van\nHeemskerck I Otakar Kubln / Emil Fllla / Vtaceae\nBenes / Otto Gutfreund / Bocclonl I Severlnl I\nCarra / Russolo / Francis Picabia I Schmidt-\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zvvolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwdlfte Jahr begann am 1. 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Man un-\nterscheidet Literatur, Musik und bildende Künste.\nIn den letzten Jahren ist die Benennung Tonkunst\nfiir Musik durchgedrungen. Die schöne Literatur,\ndie meistens gar nicht so schön ist, wird jetzt häu-\nfig Dichtkunst genannt. Interessant an diesen Be-\nnennungen ist, daß man das Wort Kunst nun auch\nin Beziehung zur Dichtung und zur Musik bringt.\nEs gibt aber heute noch viele Zeitgenossen, die\nunter Kunst allgemein und fast ausschließlich die\nbildenden Künste verstehen. Die Benennung Ton-\nkunst ist glücklich, weil durch sie eindeutig das\nMaterial genannt wird, durch das diese Kunst in\nErscheinung tritt. Mit der Benennung Dichtkunst\nist wenig gesagt. Viele Menschen halten es ja für\nein besonderes Lob, wenn sie Werke der Musik\noder der Malerei Dichtung nennen. Die richtige\nBenennung wäre Wortkunst. So wird das Mate-\nrial dieser Kunstgattung gleichfalls eindeutig be-\nzeichnet. Die Benennung bildende Künste ist\ngleichfalls sehr gut, wenn man das Wort „bilden\"\neindringlich auf seinen Urwert hin prüft. Bilden\nheißt etwa soviel wie gestalten. Es bezeichnet\nalso eine schöpferische Tätigkeit. Die schöpfe-\nrische Tätigkeit ist durchaus primär. Sie kommt\nalso aus dem Unbewußten. Alles Bewußte ist stets\nsekundär. Der grundsätzliche Unterschied zwi-\nschen Kunst und Leben beruht darauf, daß die\nKunst eben primär und das Leben sekundär ist.\nDer Künstler ist der bildende Mensch, der Nicht-\nkiinstler der gebildete Mensch. Der gebildete\nMensch muß das Gebildete vergessen oder verlie-\nren, um Künstler, das heißt bildender Mensch sein\nzu körnten. Jeder Mensch wird von der Geburt an\ngebildet. Zunächst von den Eltern und den Ver-\nwandten, später durch die Schule, endlich durch\ndie Lehre oder die Universität. Die Lehrlinge der\npraktischen Berufe lernen ein bestimmtes Fach,\nsie werden Kaufleute, Techniker, Aerzte oder Ju-\nristen. Die Lehrlinge der unpraktischen Berufe\nbetreiben die sogenannten Geisteswissenschaften.\nSie werden Theologen, Philosophen, Künstler,\nHistoriker und Aesthetiker. Alle zusammen die\npraktischen und die unpraktischen erhalten als\nhöchstes Lebensgut die allgemeine Bildung. Das\nheißt, sie lernen mehr oder weniger genau aus-\nwendig, was seit Mose oder Christi Geburt gebil-\ndet worden ist. Die allgemein Gebildeten siind\ndarauf allgemein stolz. Sie wissen etwa, daß\nGoethe gebildet hat und Beethoven und Rem-\nbrandt. Hierauf sind sie gebildet. Der Abschluß\nder allgemeinen Bildung erfolgt allgemein mit dem\nJahre, in dem die praktischen und unpraktischen\nBerufe geldbringend angelegt werden. Was nach\ndiesem Abschlußjahr an Bildungen erfolgt, gehört\nnicht mehr zum Schatz der Gebildeten. Was etwa\nan Ergänzung hinzutritt, wird durch das Feuille-\nton des Berliner Tageblatts oder der Täglichen\nRundschau vermittelt. Man gewinnt so Schätzung\nfür Wildenbruch und Gerhart Hauptmann, für\nLissauer und Werfel, für Begas und Corinth, für\nRichard Strauss und Gilbert. Am meisten\nSchätzung gewinnt man für Schauspieler, für\nKayssler und Ferdinand Bonn, für Irene Triesch\nund Else Berna. Das Theater gehört nämlich zur\nNotdurft des Feuilletons und die Bedürfnisvollen\nschürzen sich mit der Bedürfnislosigkeit. Nach\ndes Tages Last und Werken muß der Mensch sich\neben stärken. Ernst ist das Leben und heiter ist\ndie Kunst. Gewiß, ich habe selbst oft betont, Spaß\nmuß sein. Aber der Spaß des Lebens ist nicht die\nHeiterkeit der Kunst. Und die Heiterkeit des\nLebens ist für die Kunst ein fauler Spaß. Nur der\nMensch ist glücklich, dem der Tag nicht eine Last\nist. Aber diese belasteten Menschen schaffen sich\nnach der Last des Tages noch die Last des Abends\nund der Nacht. Sie verlassen freudlos das Ge-\nschäft, das Büro und stürzen sich freudlos auf die\nKunst, die ihnen Bildung ist. Die Kunst soil alles\nMögliche. Sie soll sie befreien, indem sie sie er-\ndrückt. Sie soll ihnen Gedanken geben. Und die\nMehrheit soll sie erheitern. Das Alles soll\ndie Kunst. Viele sogenannte Künstler, sogar\ndie meisten, verwenden den einmal gewähl-\nten unpraktischen Beruf dazu, den prakti-\nschen Bedürfnissen der praktischen Berufe nach-\nzukommen. Nachfrage ergibt Angebot, Frage\naber kein Gebot. Kunst fragt nur. Das Gebot ist\nstets Antwort. Also kann die Kunst keine Ge-\ndanken haben. Denn jeder Gedanke ist Gedachtes,\ndie Frage der Kunst liegt vor dem Denken. Es ist\ndeshalb keine Frage, daß die Kunst keine Antwort\ngibt. Die Frage der Kunst ist keine Tatsache zwar,\nsie ist aber eine Tat, aus der die Tatsachen ent-\nstehen. Ist es denn wirklich so übertrieben, auf eine\nFrage keine Antwort zu finden. Ist es nicht über-\ntriebener, Antwort zu geben, ehe man die Frage\nsieht. Das tun die meisten Menschen. Die Herren\nder unpraktischen Berufe sind sicher alle höchst\nehrenwert. Sie wissen was sie tun. Nämlich, was\ndie Andern getan haben. Der Künstler weiß nicht,\nwas er tut, aber er tut es. Nun setzt die Kritik ein,\ndie Kritik der Laien vom Fach und der Laien aus\nNeigung. Für die Laien vom Fach ist die Kritik\nein praktischer Beruf. Er bedeutet ihnen also die\nLast des Tages. Den andern Laien ist die Kritik\nein Vergnügen, ein Vergnügen, für das sie im Ge-\ngensatz zu den Laien vom Fach sogar Geld aus-\ngeben. Sie kaufen ein Buch oder bezahlen den\nEintritt und erwerben nicht nur das Recht auf das\nBuch oder das Recht auf den Eintritt, sie glauben\nsogar an das Recht auf Kritik. Das lassen sie sich\nschenken. Endlich gibt es noch wohlwollende Laien\nvom Fach, die nach der uralten Sitte der Pferde-\nhändler einem geschenkten Gaul nicht ins Maul\nsehen. Sie haben Wohlwollen für die andern\nLaien vom Fach, die ihnen das Brot der Kunst\ngegen eine Brotkarte ohne weitere Zahlung geben.\nDas nennt man auf deutsch Kollegen. Wir sind alle\nsehr gebildet. Man kann nur zu denen reden, die\ndie Güte haben wollen, sich ungebildet zu fühlen.\nLassen wir also einmal unser Gemeingut, das\nuns leider doch nicht gestohlen werden kann,\nauf eine halbe Stunde außer Acht und beschäftigen\nwir uns mit den Rätseln, auf die selbst die nächste\nNummer des Weltspiegels keine Auflösung geben\nwird. Beschäftigen wir uns also nicht mit der Tat-\nsache, sondern mit der Tat. Nicht mit dem Raten\nsondern mit dem Rätsel.\nDer Stunde der Geburt wohnt nur der Vater bei.\nSchon die Notwendigkeit des Arztes ist kein gün-\nstiges Zeichen. Die Feier der Menschwerdung ist\neine Feier der Zweisamen. Die Feier der Kunst-\nwerdungist die Feier des Einsamen. Wie die Kunst\nwird, weiß nur der Einsame, der Mann und Frau\nzugleich ist, der erzeugt und gebiert. Der Künstler.\nDie andern sehen das Kind und stellen mit leib-\nlichen Augen fest, ob es gut geformt ist. Der\nKrüppel ist leicht erkannt. Die inneren Gebrechen\nsieht der Arzt. Es ist keine Kunst, Arzt zu sein.\nMan weiß es und nennt es deshalb Wissenschaft.\nEs ist 'eine Kunst, Kritiker zu sein. Man muß fühlen,\nob der Andere gefühlt hat. Ob sein Fühlen so ge-\nstaltet ist, daß es Gestalt bekam. Die vielen Kri-\ntiker, die an der Kunst herumdoktern, sehen nicht\neinmal körperliche Gebrechen. Sie sehen mit ihren\nleiblichen Augen nur das Bild, wenn es das Eben-\nbild irgend eines Andern ist. Nicht aber das Bild\ndes Einsamen, der, Mann und Frau zugleich, das\nBild schuf ohne Ebenbild. Nicht schul Gott den\nMenschen nach seinen Ebenbilde, sondern der\nMensch schuf nach seinem eigenen Bilde Gott.\nGott ist keine Tatsache, Gott wird nicht gesehen,\nGott ist der Einsame, Mann und Frau zugleich, nie\nhat er Geschaffenes geschafft. Gott ist die Tat,\naber die Tat ist nicht Gott. Die Tat ist im günstigen\nFalle der Hall des Göttlichen. Nicht aber sein\nWiderhall.\nPrüfen wir eimal ein ausgewachsenes Kind, sein\nAeußeres und sein Inneres. Auf das Gefühltsein und\nauf das Gestaltetsein. Wobei wir nicht vergessen\nwollen, daß wir alle fühlen. Der Künstler muß also\ndas Gefühl gestaltet haben, sonst wären wir alle\neben der Herr Künstler. Nehmen wir für diesen\nZweck ein Gedicht, das über der Kritik steht. Viele\nGedichte stehen über der Kritik, Ich will Ihnen\nden Weg zur Höhe zeigen und wenn Sie oben\nsind, werden Sie merken, daß der Berg gar nicht\nhoch war. Wir gehen natürlich mit allen Mitteln\nder Wissenschaft vor, untersuchen die Dichter\ninsbesondere mit Hilfe der Anatomie, die für\ndiesen Zweck recht geeignet erscheint. In\nunseren Tagen hat man mit Vergnügen\nfeststellen können, daß ganze Völker sich erheb-\nlich irren, sogar wenn sie sich zusammentun.\nWarum soll nicht auch einmal das deutsche Volk\nsich bei dem einen oder andern Gedicht geirrt\nhaben. Ist es denn so schmerzlich, Schulerinnerun-\ngen zu verlieren. Verwechseln wir doch um des\nHimmels willen, der die Kunst ist, nicht die Schule\nmit der Kindheit. Denn als Kinder waren uns die\nHerren Goethe und Heine gleichgültiger als unser\nSpiel, das Kunst war. Ich stelle ausdrücklich fest,\ndaß ich mich nicht vor Vergleichen scheue, weil\nich etwa nicht wage, die Namen Alfred Mombert\nund August Stramm neben den Namen Goethe und\nHeine zu nennen. Ich scheue aber die Vergleiche,\nweil wir uns versprochen haben, ungebildet zu sein.\nDurch wen Gott sprach, tut Nichts zur Sache der\nKunst. Man ehrt Gott und nicht Moses, der ihn\nverkündete. Man ehrt Christus aber nicht Jo-\nhannes, der ihn verkündete. Man ehrt Mohammed\nlind kennt nicht einmal die Namen seiner Pro-\npheten. Lassen wir also die Namen, die Nichts zur\nSache der Kunst tun.\nDoch bleiben wir bei der Anatomie und bei\nHeinrich Heine.\nIch weiß nicht, was soll es bedeuten\nDaß ich so traurig bin.\nEin Märchen aus alten Zeiten\nDas kommt mir nicht aus dem Sinn.\nDiese vier Zeilen wurden dadurch berühmt,\ndaß Jedem von uns ein altes Märchen nicht aus\ndem Sinn kommt und wir nicht wissen, was das\nbedeuten soll. Ist der Herr Verfasser wirklich\ntraurig gewesen. So billig kann ich ihm das nicht\nglauben und wenn ich es ihm glauben wollte, so\nweiß nicht einmal er, was es bedeuten soll. Was\ngeht uns also seine Trauer an. Wenn wir mit allen\nTraurigen traurig sein wollten, so gäbe es viele\nKünstler auf dieser Erde. Wie soll etwas aus dem\nSinn des Herrn Verfassers kommen, wenn aus\nseinem Sinn nicht einmal das alte Märchen geht.\nDas alte Märchen, was vielleich Kunst war. Mit\nandern Worten: er berichtet uns die Tatsache,\ndaß ihm ein altes Märchen nicht aus dem Sinn\nkommt. Ist das eine Tat? Sind Berichte Kunst-\nwerke? Gefühlt ist in diesen vier Zeilen nichts.\nWenn wir sehr wohlwollend sein wollen, ist etwas\nnachgefühlt. Aber, wie ich schon sagte, dann\nwären wir alle ebensolche Künstler wie der Herr\nHeine, denn das Nachfühlen ist unsere Stärke. Nun\ndie Gestaltung. Wir bemerken erfreut, daß sich\ndie erste und dritte, und zweite und vierte Zeile\nreimen. Von den beiden Reimen ist der eine un-\nrein. Bei Herrn Schiller wird es dadurch ent-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.3", "texte": "schuldigt, daß er eben die Wörter anders aus-\nsprach, in Marbacher Platt. Herr Heine soll nicht\naus Marbach stammen. Immerhin, was dem\nSchiller recht ist, ist dem Heine billig. Hingegen\nbin und Sinn reimt sich tadellos rein. Viele Men-\nschen glauben, je nach dem Grad ihrer Bildung,\nes sei modern oder zu modern, gegen den Reim\nzu sein. Viele erkennen das Gedicht ausschließ-\nlich am Reim. Sagen wir zunächst grundsätzlich,\ndaß man weder für noch gegen den Reim sein\nkann. Das ist eine Frage, auf die nur das Gedicht\nselbst die Antwort gibt. Keine Frage ist es, daß\nder Reim nicht das Gedicht, sondern daß das Ge-\ndicht den Reim macht. Keine Frage ist ferner, daß\nder Reim etwas bedeutet. Nur muß man wissen,\nwas er bedeutet. Er bedeutet nämlich Betonung\ndes Endwortes eines Verses. Hieraus ergibt sich,\ndaß dieses Endwort eine innere Betonung haben\nmuß, um das Recht auf äußere Betonung zu er-\nlangen. Man pflegt nur Betontes zu betonen. Be-\ntont man aber Unbetontes, so muß dem Unbeton-\nten eine Bedeutung beigemessen werden, die es\nüber das Betonte erhebt. Prüfen wir. Der tadel-\nlos reine Reim liegt in den Wörtern bin und Sinn.\nWill der Herr Verfasser betonen, daß er ist?\nOder will er nicht betonen, daß er traurig ist,\nwodurch wir ja nur in der Lage waren, ihm unser\nNachgefühl nicht völlig zu versagen. Denn die Tat-\nsache, daß er ist, genügt wohl nicht einmal zum\nNachgefühl. Auch wird man nicht zugeben können,\ndaß ein unbetontes Sein durch seine betonte Trauer\neinen Gegensatz erhält. Das Wort bin ist also, so\nleid es mir persönlich tut, am Ende dieser Vers-\nzeile nicht zu halten. Auf bin reimt sich Sinn.\nHier steht das innerlich betonte Wort wirklich als\nReimwort. Wir können aber aus dieser Zeile\nnachweisen, daß das unbetonte ,;bin\" keinen Ge-\ngensatz zu dem „traurig\" darstellt. Denn gleich-\nwertig würde zu dem „traurig\" das Wort nicht\nstehen. Dadurch nämlich, daß man behauptet,\netwas geschehe nicht, ist der Beweis des Nicht-\ngeschehens nicht erbracht. Auch das Nicht-\ngeschehen muß gestaltet werden. Nicht aber ein-\nfach berichtet. Es reimen sich ferner bedeuten\nund Zeiten. Das Wort bedeuten ist innerlich nicht\nbetont, denn er weiß ja nicht, was es bedeuten\nsoll. Das Wort hat also nicht das Recht auf den\nReim. Ferner kommen ihm nicht die alten Zeiten\nnicht aus dem Sinn, sondern das Märchen. Die\nganze Reimerei dieser Zeilen ist also künstlerisch\nfalsch. Er hat nur gereimt, was ihm nicht aus dem\nSinn kam. Daher wußte er auch nicht, was es\nbedeuten soll. Das Gedicht steht aber ferner nicht\nauf seinen Versfiissen. Während die Reimange-\nlegenheit etwa dasselbe ist, was in der Musik die\nTakteinteilung, also etwas Unerhebliches, ist die\nGliederung der Verszeilen der Rhythmus des Ge-\ndichtes, also etwas sehr Erhebliches. Die alten\nGriechen hatten sich ein ganz nettes Schema zu-\nrechtgelegt, nach dem man wie geschmiert rhyth-\nmisieren konnte. Sie hatten aber ?;>hr viele ver-\nschiedene Rhythmen. Die meisten dieser Rhythmen,\ndie nicht einmal alle in der Schule gelehrt werden,\nwurden aber außerdem von den Herren der un-\npraktischen Berufe vergessen. Man begnügte sich\ndamit, sich die am meisten üblichen zu merken.\nNämlich die außerordentlich beliebten Jamben,\nTrochäen und Daktylen. Auch die Gliederung in\nHexametern blieb sehr beliebt, während der\nPentameter an Beliebtheit einbüßte. Nun sind die\nDeutschen keine Griechen. Vielleicht wollen sie\nes heute gar nicht mehr so gern sein, und die\ndeutsche Sprache ist nicht die griechische Sprache.\nMan kann nämlich der Sprache keine Gesetze\ngeben, sondern die Sprache gibt selbst die Gesetze.\nWenn man die deutsche Sprache nach der griechi-\nschen setzt, kommt eben kein Satz heraus sondern\nein Gesetz. Und der Künstler, der sich in\nGriechenland den sogenannten Jambus schuf, hat\nihn für sich und nicht für seine Nachfolger ge-\nschaffen. Man weiß, daß beim Nachfolger nur die\nFirma bleibt. Sonst kann sich Manches ändern.\nDie Herren Nachfolger der unpraktischen Berufe\nkümmern sich aber nur um die Erfolge des Vor-\ngängers, nicht aber darum, wie er zu den Erfolgen\ngekommen ist. Dann würden sie es nämlich anders\nmachen. Worauf bekanntlich der Erfolg beruht.\nNachdem nun verschiedene Herren Verfasser sich\nausschließlich mit der griechischen Sprache aus-\neinandergesetzt hatten, versuchten es andere Ver-\nfasser zur Abwechslung mit der deutschen\nSprache. Schleunigst kamen die Philologen und\nstellten die deutschen Gesetze fest. Statt be-\ntonter und unbetonter Silben mußte der Mensch\nnun Hebungen und Senkungen dichten. Gezählt\nwurden nur die Hebungen, die Senkungen wurden\ngütigst in das Belieben der Herren Verfasser ge-\nstellt. Die Philologen werden dieses Gedicht des\nHerrn Heinrich Heine für rhythmisch einwandfrei\nerklären. Denn o Freude, es hat drei Hebungen\nin jeder Verszeile. Nun liegt es leider mit den\nHebungen und Senkungen wie mit den Reimen.\nDie Hebung bedeutet die Betonung, die Senkung\ndie Nichtbetonung. Während die Griechen, die\nsich ihre Rhythmen schufen, sich wenigstens nach\ndem phonetischen Wortwert richteten, also zum\nBeispiel nicht „Rhythmus\" sagten, wenn das Wort\nRhythmus heißt, so kümmerten sich die Herren von\nden freien deutschen Rhythmen im günstigsten\nFall um äußere Betonung, wenn auch nicht immer,\nnie aber um die innere Betonung. Sehen wir uns\ndaraufhin einmal diese vier Zeilen an: Die\nHebungen der ersten Zeile sind weiß, soll, be-\ndeuten. Der Herr Verfasser will aber sagen, er\nweiß nicht. Er will aber nicht einmal\nsagen, was es bedeuten soll, sondern\nwas es bedeuten soll. Er hätte ebenso\ngut sagen können, was es bedeuten kann.\nMir wird niemand einreden können, daß\ner das ethische Moment des Sollens betonen\nwollte. In der zweiten Zeile sind die Hebungen\nich, traurig, bin. Diese Zeile ist so gehoben, daß\nNichts zum Sinken übrigblieb. Das Gleiche gilt\nvon der dritten Zeile mit den Hebungen Märchen,\nalten, Zeiten. Die Hebungen der vierten Zeile sind\nkommt, nicht, Sinn. Hier steht das Wort nicht im\nRhythmus richtig. Kein Mensch wird mir aber ein-\nreden, daß das nicht Zufall ist. Beweis hierfür ist\ndie Hebung des Wortes kommt. Denn es kommt\nja eben leider nicht. Die vier Zeilen sind also, wie\nich nachgewiesen habe, rhythmisch falsch ge-\ngliedert. Sie sind überhaupt nicht einmal rhyth-\nmisch. Sie sind im günstigsten Fall metrisch\nschlecht gegliedert. Denn der Rhythmus hat die\nEigentümlichkeit, sich auch um die Senkungen zu\nkümmern. Die Senkungen sind aber in diesem\nGedicht nur dem Metrum zuliebe angebracht.\nWarum ist der Herr Verfasser so traurig? Weil\nihm die Senkung fehlt. Denn wäre, er nicht trau-\nriger, wenn er sagte: Daß ich traurig bin. Statt\nder vielen Worte dieser vier Zeilen sage ich mit\nzwei Worten: Keine Gestaltung. Aussagen. Also\nkeine Kunst.\nNehmen wir nun ein Gedicht, das metrisch und\nrhythmisch und überhaupt künstlerisch ist.\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen prellen schwellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nDieses Gedicht reimt sich nicht, es ist deshalb\naber noch nicht ungereimt. Mit Ausnahme der\nersten Zeile liegen nämlich die inneren Betonungen\n■auf dem ersten Wort jeder Zeile. Das Reimen der\nersten Wörter ist überflüssig, weil man es nicht\nals Reim klanglich aufnehmen würde, ist also in\ndiesem Fall nicht notwendig. Und alles Künst-\nlerische ist stets notwendig. Prüfen wir den\nRhythmus. Die erste Zeile heißt:\nDurch die Büsche winden Sterne.\nWir haben hier vier Hebungen. Die ersten\nSilben der drei letzten Worte sind gehoben und\ndas einsilbige Wort durch hat eine Senkung durch\ndas Wort die erhalten. Sie finden in dieser Zeile\nkein Wort, von dem man nicht weiß, was es be-\ndeuten würde. Jedes Wort sagt etwas aus, aber\nnicht durch Aussage, sondern durch das Mittel der\nWortkunst, durch das künstlerisch logische Bild.\nIm Gegensatz zur Musik, zur Malerei die mit\ndirekten Gefiihlsmitteln, nämlich mit Ton oder\nFarbe arbeiten, braucht die Wortkunst ein Hilfs-\nmittel: das künstlerisch logische Bild. Diese künst-\nlerische Logik hat mit der Logik des Verstandes\nnichts zu tun. Ebenso wie die Bilder der Wortkunst\nnichts mit den Bildern der Malerei zu tun haben.\nDie Bilder der Wortkunst können naturalistisch\nsein, das heißt: aus der optischen Erfahrungswelt\nstammen. Sie dienen bei der Wortkunst nämlich\nnicht zur Aussage über die optische Erfahrungs-\nwelt, sie sind vielmehr Ausdruck eines Gefühls,\nals Gleichnis des Künstlers für dieses Gefühl.\nTrotzdem unterliegen auch diese naturalistischen\nBilder der Wortkunst dem höheren künstlerischen\nGesetz der Gestaltung. Dieses Gleichnis darf aber\nniemals ein Vergleich sein, sondern das Bild muß\nanstelle der Aussage stehen. Man kann, um ein\neinfaches Beispiel zu nehmen, nicht sagen: Ich bin\ntraurig wie der Herbst, es müßte heißen: Ich bin\nder Herbst. Das ist ein einfaches Beispiel. Der\nKünstler muß das Bild so wählen, daß es eindeutig\nund unvergleichbar das Gefühl ausdrückt, dessen\nAusdruck es sein soll. Dieses Setzen des impres-\nsionistischen Gleichnisses wäre die einfachere\nForm des Gefühls. Die Gestaltung für ein Gedicht\nwäre, diese Bilder rhythmisch einwandfrei in\nkünstlerisch logischen Zusammenhang zu bringen.\nDas expressionistische Bild der Wortkunst bringt\ndas Gleichnis ohne Rücksicht auf die Erfahrungs-\nwelt, sogar unter gänzlichem Verzicht unter Um-\nständen. Es ist also die höhere Form. Deshalb ist\nes aber nicht willkürlich. Im Gegenteil. Es ist\nunwillkürlich und deshalb weniger willkürlich als\ndas Bild der Erfahrungswelt. Die Natur nämlich\nrichtet sich ganz natürlich nach den natürlichen\nGesetzen und nicht nach künstlerischen. Woraus\nsich logisch ergibt, daß die künstlerischen Gesetze\neben künstlerisch sein müssen und nicht natürlich\nsein dürfen. Die Nelke entwickelt sich anders als\nder Ochse. Beide können sich einer durchaus\nblühenden Gesundheit erfreuen, warum soll das die\nKunst nicht auch, wenn sie auch nicht ist wie die\nNe'ke oier der Ochse, eben weil sie die Nelke und\nder Ochse ist. Im Leben scheint so oft das Mög-\nliche unmöglich. In der Kunst wird das Unmög-\nliche möglich. Man sagt schon vom Denken, daß\nes blitzschnell geschieht. Das Unbewußte, aus\ndem Kunst stammt, das Gefühl, fühlt noch schneller\nals man sich den Blitz schnell denken kann. Das\nbekannteste Gefühl im Leben der Erfahrungswelt,\ndie Liebe auf den ersten Blick, dieses bekanntest\nschnellste Gefühl ist das langsamste der Kunst. Wir\nkommen also mit dem Denken nicht aus. Wir kom-\nmen mit dem Fühlen aus. Dann nämlich, wenn\nuns die Märchen aus dem Sinn kommen und wir\nmit dem Sinn sinnen, auch wenn wir nicht wissen,\nwas es bedeuten soll.\nDurch die Büsche winden Sterne."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.4", "texte": "Ja, sagen die Denker, die Sterne sind oben\nund die Büsche sind unten. Trotzdem das nur auf\nden Stand ankommt. Manchmal sind näm-\nlich die Sterne unten und die Büsche noch nicht\noben. Dann winden sich eben Sterne durch die\nBüsche. Oder in diesem Fall winden Sterne durch\ndie Büsche. Die Sterne verlieren sich eben in den\nBüschen und deshalb winden sich nicht Sterne\ndurch die Büsche, sondern Sterne winden durch\ndie Büsche. Unseren Augen aber sind die Büsche\nnäher. Durch die Büsche winden Sterne. Der\nKünstler sieht eben die Sterne winden. Die Andern\nbegnügen sich mit den Büschen. Aber auch die\nLogik des Bildes ist gegeben. Nicht immer sind\ndie Sterne oben, wenn man nach ihnen greifen\nkann und zwischen den Büschen ist sehr viel Platz\nfür Sterne. Rhythmisch gibt diese Zeile sinnlich\ndie Vorstellung des Windens. Durch die Büsche\nwinden Sterne. Keine Senkung zum Spaß. Wenn\ndie Sterne sich winden würden, würden wir das\nWinden nicht mehr fühlen: Durch die Büsche win-\nden sich Sterne. Hören Sie es, wie sich die Sterne\ndagegen auflehnen? Jedes Wort und die Stellung\njedes Wortes ist künstlerische Notwendigkeit.\nAugen tauchen blaken sinken.\nHeine würde sagen: „Jch tauche meine Augen\".\nDas ist tausendmal gesagt, also richtig, trotzdem\nman die Augen nicht tauchen kann. Man kann es\nnicht, aber Augen können tauchen. Augen können\nauch blaken, Augen können auch sinken. Augen\nkönnen alles, wenn man ins Auge sehen kann.\nKann man aber sagen, daß Augen es nicht können,\nwenn man es nicht sieht? Sieht man nicht\nManches, was man nicht sehen möchte, und\nManches nicht, was man so gern sehen wollte. Ist\nman nicht gezwungen, die Augen zu sehen, die\ntauchen, blaken, sinken können. Sieht man diese\nAugen nicht mehr als die schönsten Augen, mein\nLiebchen, was willst du noch mehr? Du hast sie\nja, sein Liebchen, aber ich sehe sie nicht.\nFlüstern plätschert.\nVom Leben darf man sagen, daß es dahinplät-\nschert, vom Flüstern nicht. Warum nicht? Haben\nwir nicht alle schon mindestens so oft das Flüstern\nplätschern hören wte die Quelle? Von der Quelle\nwissen viele es nur vom Hörensagen. Kann ich das\nFlüstern sehen, wenn irgend ein Verfasser im\nDunklen flüstern läßt. Aber ich höre das Plät-\nschern des Flüsterns, das der Herr im Dunklen\nnicht gesehen hat.\nBlüten gehren\nHaben die Menschen denn die Begierden ge-\npachtet? Weil die Blüten ihr Gehren nicht im Ber-\nliner Tageblatt der Oeffentlichkeit unterbreiten\nkönnen, tun sie es deshalb weniger?\nDüfte spritzen\nSpritzen diese Düfte nicht? Wo wir sie jetzt\nalle zugleich riechen.\nSchauer stürzen\nStürzen die Schauer nicht, auch wenn kein Ver-\nfasser darunter steht, dem es schauert.\nWinde schnellen, prellen, schwellen.\nDas können nämlich Winde tun, wenn die\nlinden Lüfte erwacht sind.\nTücher reissen\nDaran wird nicht Anstoß genommen werden.\nSollen aber nicht Tücher reissen, wenn die Winde\nschwellen?\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nSelbst die Herren, die im Leben so fest stehen,\nwerden doch wenigstens in der Nacht einmal ge-\nfallen sein. Und vielleicht auch erschrocken. Aber\ndas Fallen schrickt, auch wenn man mit beiden\nFüssen auf dem Boden steht. Denn der Boden\nsteht nicht, wie wir wissen. Es zu fühlen scheint\nschwerer zu sein, weil es leichter ist. In keiner\nZeile liegt eine Aussage vor. Jede Zeile entspricht\nrhythmisch dem Geschauten des Schauenden. Be-\nachten Sie den Rhythmus der Verszeilen:\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen, prellen, schwellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nUnd nun hören Sie:\nIch weiß nicht was soll es bedeuten\nDaß ich so traurig bin\nEin Märchen aus alten Zeiten\nDas kommt mir nicht aus dem Sinn.\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen schwellen prellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nDieses zweite Gedicht ist schon fertig. Es heißt\n„Traum\" und der Traum steht, Gestalt geworden,\nvor uns. Das erste Gedicht nennt man bekanntlich\n„Lorelei\". Durch die ersten vier Zeilen ist uns\ndie Dame noch nicht vorgestellt, es kommen noch\nzwanzig Zeilen und nachher lohnt sich die Be-\nkanntschaft nicht einmal. Trotzdem es eine Dame\nist, die sich ihr Haar kämmt, ist sie nicht Gestalt\ngeworden. Das kommt daher, weil er die Dame\nnicht selber kennt, sondern sie ihm nur von alten\nZeiten her noch im Sinne liegt. Man wird aber\nvielleicht finden, ich sei ungerecht, weil man\nTraum nur mit Traum vergleichen kann. Mir liegt\nzwar nichts ferner, wie ich betonte, als zu ver-\ngleichen. Ich will nicht beweisen, ob dieser Ver-\nfasser oder jener besser ist, ich will nur beweisen,\nwas Kunst ist. Ich will nur beweisen, wer ein\nKünder ist und wer sein Berichterstatter. Dennoch,\nHerr Heine träumt so:\nIch habe im Traum geweinet\nMir träumte du lägest im Grab\nIch wachte .auf und die Träne\nFloß noch von der Wange herab.\nIch habe im Traum geweinet\nMir träumt du verließest mich\nIch wachte auf und ich weinte\nNoch lange bitterlich.\nDas ist der Traum von Heinrich Heine. Und\nnun hören Sie noch einmal den Traum von August\nStramm:\nDurch die Büsche winden Sterne\nAugen tauchen blaken sinken\nFlüstern plätschert\nBlüten gehren\nDüfte spritzen\nSchauer stürzen\nWinde schnellen schwellen prellen\nTücher reissen\nFallen schrickt in tiefe Nacht.\nEs muß Ihnen überlassen bleiben, den Maßstab,\nden ich Ihnen gebe, an andere Dichtungen anzu-\nlegen. Es ist nicht vermessen, messen zu wollen,\nwenn man einen Maßstab hat. Man vermißt sich\naber, wenn man Tempel mit der Elle mißt. Hierzu\nmuß man eine Richtschnur haben. Ich gebe Sie\nIhnen, indem ich Ihnen diesen Künstler August\nStramm nenne. Ein Höheres in der Wortkunst\nist mir nicht bekannt, trotzdem ich mehr kenne\nals was man kennt. Doch soll man auch Hohes\nschätzen, bei dem man fühlt, es wandelt auf £en\nStufen zum Höheren. In Wohnungen wohnen nur\nVerfasser und Berichterstatter. Lassen wir sie\nwohnen, aber nur dann, wenn sie die Aussicht auf\nTempel nicht verbauen.\n\nHerwarth Waiden\n\nDer menschliche\nKünstler\n\nDie Malermeister hoffen auf das große Geschäft.\nAuf ihre große Zeit durch den Krieg. Der\nKrieg soll sie gesund machen. Sie waren also\nkrank. Was tun Künstler, die vor dem Krieg gesund\nwaren. So gesund, daß sie die Kranken schon vor\ndem Krieg als krank ansahen. Genesende müssen\ngeschont werden, sie sind keine Gefährten für Ge-\nsunde. Erwerb ist kein Besitz und Erwerbstrieb\nkein Kunsttrieb. Erwerbstrieb ist nicht einmal ein\nTrieb. Preisend mit viel schönen Reden werden\nschlechte Bilder gemacht. Sogar die schlechten\nBilder aus der kleinen Zeit vor der großen Zeit\nwerden mit schillernder Beweglichkeit auf dem\nMarkt verschleudert. Die Malermeister finden das\nGeschäft verdorben, weil das Publikum nicht mehr\nverdorbene Waren kauft. Daran sollen die Künst-\nler schuld sein. Sie sind es nicht. Denn Kunst-\nwerke werden noch immer nicht gekauft. Doch\neine neue Zeit bricht an. Das Publikum läßt sich\nnicht mehr durch die Naturwahrheiten der Maler-\nmeister belügen. Es geht direkt zum Photographen.\nDer ist billiger und echter. Und besser. Die Linse\nsieht und der Malermeister denkt. Die Photogrä-\nphen müssen unterstützt werden, nur so ist Platz\nfür Kunst zu schaffen. Die Photographen geben,\nwas ihnen scheint. Die Malermeister scheinen,\nwas sie nicht geben. Seien wir doch endlich sach-\nlich. Geben wir der Natur, was der Natur ist,\ngeben wir der Kunst, was der Kunst ist. Nur keine\nManschereien. Deutsche Waren sind deutsche\nWaren. Deutscher Kitsch ist deutscher Kitsch.\nDer Kitsch der Franzosen ist selbstverständlich\nauch nur Kitsch. Kitsch wird aber nicht besser,\nwenn sein Verfertiger beinahe in Deutschland ge-\nboren ist. Das hofft aber ein Herr zusammen mit\nvielen anderen Herren, der auf den deutschen\nNamen Momme Nissen hört.\nHerr Momme Nissen hat ein Buchchen geschrie-\nben, in dem er unberechtigtßilder nachdruckt. Alle\nAngriffe gegen Kunst beginnen mit einer Verlet-\nzung der Urheber. Die Urheber haben aber zu\nihrem Glück eine dicke Haut und das Kammerge-\nricht in Berlin gibt es auch noch immer. Das\nKammergericht ist sehr preußisch und heilt\nVerletzungen glatt durch Verfügungen. Keine\nMunition wird verschwendet. Darauf begibt man\nsich gewöhnlich in die „Werkstatt der Kunst\". Die\nWerkstatt ist nicht so preußisch, sie ist unaufge-\nräumt, alles liegt durcheinander. Man muß für\nOrdnung sorgen. Malermeister nennen deutsche\nUnordnung Romantik. In ihren Gehirnkasten liegen\nalle Zeitungsartikel durcheinander und das Unbe-\nwußte ist für sie der Keller, in den sie diesen\nKehricht abladen. So sind sie Druckerschwärze\ndurch und durch und sehen alle Farben grau.\nAufräumen ist sehr nützlich. Damit man Raum\nfindet und Raum sieht. Kein Raum ist Zeitver-\nschwendung und Zeit ist Raumverschwendung.\nRaum für Alles hat die Erde wenn Alles richtig\nuntergebracht ist. Nur kein Durcheinander.\nHerr Momme Nissen malt, wenn er denkt und\ndenkt, wenn er malt. Er kann also Beides nicht.\nEin Blick auf seine Werkstatt. „Auf allen Seiten\nbegehrt man mit Recht eine gesteigerte würdigere"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.5", "texte": "Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt/ Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.6", "texte": "Eütwieklung. Man erwartet sie dringend auch von\nden Künsten. Es wsfre gleichwohl verfrüht, von\nunserer Kunst sofort ein verjüngtes Gesicht zu\nverlangen\" Gemalt wie gedacht: etwas, das sich\nentwickelt, steigert sieh dadurch daß ein Altes nach\nund nach ein verjüngtes Gesicht bekommt. So\netwas muß sich Herr Momme Nissen schon in\neinem Institut für Schönheitspflege malen lassen,\ndie Entwicklung der Schönheit führt zu einer\nSteigerung der Preise. Je älter desto teurer. Genau\nwie ifi der Kunst. Dre Schönheit steht natürlich\nwieder auf der obersten Sprosse: „Innere Um-\nwandlung aus vielfach faulen Zuständen heraus,\nbedingt eine Stuienreihe von Veränderungsfor-\njnen/1 Die Leiter wird in die faulen Zustände ge-\nstellt und auf jeder Stifte verändert sich die Form.\nOben steht sie, die Schönheit. Die Leiter gerät\naber ins Wackeln, denn: „Echt deutsche Kunst\nkommt nicht in Autoschnelligkeit herangerast;\nauch sie wifl tapfer erstritten und redlich durch-\ngemülrt sein/' Massage im Auto ist nicht zweck-\ndienlich. Warum soll die deutsche Kunst auch erst\nim Auto heranfahren, wenn sie schon oben auf der\nLeiter steht. Zur Schönheit gehört aber weniger\nForm, eine ausländische Krankheit, sondern Re-\nform: „Denn Wert hat nur dann die Reform, wenn\nsie den ganzen Künstler erfaßt und veredelt und\nschaffenstüchtiger macht.\" Also nicht nur Ge-\nsichtskultur. Die ganze Körperkultur fordert den\nKünstler. Aber nicht damit genug. Zur Körper-\nkultur bedarf man bekanntlich eines Anstosses\ndurch Hochspannung: „Dazu gibt allerdings die\nheutige Hochspannung den stärksten Anstoß, aber\nerst eine fruchtbare Friedenszeit vermag jene\ninnere Sammlung, jene Stille der Seele zu ge-\nwähren, in der allein die Geistesfrüchte zur vollen\nReife gedeihen.\" Ich danke für reformiertes Obst,\nbegnüge mich mit dem natürlichen, das ich im\nKriege esse, statt es im Frieden zu malen. Der\nmassierte Künstler steckt der Schönheit oben auf\nder Leiter ein Erzeugnis der Botanik in den Mund.\nEin künstlerisches Durcheinander. Aber gemalt\nwird es sich sehr gut machen, wenn man die Dame\nEva und den Herrn Adam nennt. Der Adam sieht\nsowieso immer etwas massiert aus und warum\nsoll nicht auch schließlich einmal er Eva den\nApfeJ reichen. Da hätte sie endlich auch einmal\nStoff zum Denken. Aber so eine richtige ge-\nsteigerte Entwicklung braucht Zeit. Soviei Zeit,\ndaß sie die Reformatoren kaum erleben können:\n„Wo es um eine nationale Kultur-Neubildung geht,\ndie von tiefernsten sittlichen Fragen bis zu\nnüchternen Einzelheiten handwerklicher Uebung\nhundert Dinge umspannt, da muß man immerhin\nmit Jahrzehnten, vielleicht mit Menschenaltern\nrechnen. Da wäre es töricht, bereits auf den Aus-\nstellungen von 1916 feine neu erstandene deutsche\nKunst fertig vorfinden zu wollen, wenn wir auch\nhoffen dürfen, daß ganz Entartete ausgeschaltet,\nunser erbeigentümliches Kunstgut jetzt fleissiger\nvorgeführt und eine Schar bisher niedergehaltener\nguter einheimischer Maler ans Licht kommen zu\nsehen,\" Also im Jahr 1916 ist es noch Essig oder\num im Bilde zu bleiben Säure. Das erbeigentüm-\nlicbe Kunstgut von Momme Nissen und Genossen\nist schon im Jahr 1915 recht fleissig vorgeführt\nund die niedergehaltenen guten einheimischen\nMaler werden auch im Jahre 2016 nicht ans Ober-\nlicht der Königlichen Akademien kommen. Gute\nBilder brauchen aber kein Oberlicht. Das Licht\nmuß nämlich aus den Bildern kommen. Eigentlich\nist die Kunst doch so einfach: man braucht nur\nBilder zu malen, ohne Apparate. Die Maler-\nmeister sorgen sich aber immer um die Apparate\nund vergessen die Bilder. Da wir nun auf die ge-\nsteigerte Entwicklung von Momme Nissen und\nGenossen noch einige Menschenalter warten\nsollen, müssen wir uns damit begnügen, zu er-\nfahren, „was wir zunächst für die heissersehnte\nkünstlerische Neugestaltung zu tun vermöchten.\"\nHerr Momme Nissen hat nämlich etwas ganz\nFeines: „Festgelegte Ziele\". Er streckt sich, bis\ner auseinander reißt. Ziele rasen nämlich mit\nAutogeschwindigkeit. Ziele sind immer fort, wenn\nman dort ist. Auch wenn man sie sich noch so\nnahe steckt. Außerdem gibt es Leute, die Halte-\nstci'en umkippen, damit die Andern sich nicht zu\nfrüh am Ziel finden. Frühe Ziele fördern zwar die\nBehaglichkeit, hindern aber die Ziellosen. Die\nLeute mit Zielen stecken sich aber ihr Ziel stets\nzu weit. Das erste Ziel von Momme Nissen ist\n„Selbstbesinnung auf die Grundlinien unseres\nSchaffens\". Dazu muß er erst ins Auto steigen.\nWo sind die Grundlinien „unseres\" Schaffens. An\nunsern Landesgrenzen: „Ein Abstecken der\nPflöcke innerhalb unserer Landesgrenzen ge-\nbietet heute die Ehre, die Vernunft, der Zwang.\"\nWo, Herr Momme Nissen, sind heute unsere\nLandesgrenzen. Mir scheint, die Pflöcke werden\nabgesteckt, aber erheblich weiter nach vorn. Ehre,\nVernunft und Zwang scheinen heute zu gebieten,\ndaß wir unsere Landesgrenzen nicht kennen. Auch\nein großes Vaterland kann größer sein. So klein\nwird Eteutschland nie werden, daß Herr Momme\nNissen sich darin zurecht findet. Er sollte die\nPflöcke einmal innerhalb seiner Grenzen ab-\nstecken. Vielleicht kommt er dann zur Selbstbe-\nsinnung. Vorausgesetzt, daß er für Ordnung bei\nsich sorgt innerhalb seiner Pflöcke. Bisher ist er\nnur auf den Grundlinien anderer Menschen\nspazieren gegangen, die sich zurecht fanden. Ver-\nirrte schimpfen auf die Wege. Doch nicht die Wege\nsind Irrwege. Geirrt hat der, der die Wege nicht\nkennt. Man kann nicht ins Neuland führen, wenn\nman innerhalb der Pflöcke nicht Bescheid weiß.\nFremdenführer wissen nur, was sie auswendig ge-\nlernt haben. Fremdenführer waren niemals For-\nscher sondern sind stets von Fremdenführern ge-\nführt worden. Aber Herr Momme Nissen braucht\nnicht nur Grundlinien, er braucht auch eine Grund-\nlage. Natürlich auf der Oberfläche: „Unsere Kunst\nbedarf vor allem einer gesunden Berufsgrund-\nlage.\" Gesundung durch die Lösung der sozialen\nFrage. Proletarier aller Länder, vereinigt Euch,\ndenn: „Eine Hauptursache der Zersplitterung von\nDeutschlands Künstlerschaft, der Ziellosigkeit ihrer\nGesamtarbeit, der durchgehenden Unfertigkeit\nihrer Leistungen und ihre haltlose Abhängigkeit\nvon Kunsthandel, Kritik und Aesthetentum liegt in\nder mangelhaften Organisation ihres Berufes.\"\nDie Idee ist gar nicht so dumm wie es scheint.\nZwar macht sie der Photograph schon ohne die\nMalermeister, aber wir werden die Herren endlich\nlos, wenn sie ihre Industrie industriell betreiben\nwürden. Die Leinwand wird hingestellt, jeder\nHandarbeiter an seinen Platz, die Landschafts-\nmaler machen die Landschaft, die Marinemaler\nsetzen ihre Schiffchen hinein, die Genremaler\nliefern das Obst, die Porträtmaler fügen noch\nMenschen hinzu, die Tiermaler sorgen für die\nZoologie, jeder Arbeiter bekommt die Woche\nhundert Mark und die soziale Frage mit ihrer\nSorge um die Kunst ist gelöst. „Keine Kunst\nblühte ohne festgegründete Künstlerschaft.\" Aber\ndiese Gesellen brauchen einen Meister: „Fein-\nfühlende Laien können Kunstwerke oft vortrefflich\nbewerten, niemals aber Künstler züchten, er-\nziehen ; das bleibt ein für allemal Sache der Prak-\ntiker.\" Der Maschinenmeister wird die Sache\nschon richten und feinfühlende Laien werden\nnach dieser Industrialisierung das tun, was sie\nsonst zu tun pflegen, einen Fachmann zu fragen\nehe sie die Maschine kaufen. Ja, meine lieben\nHerren, dann ist es aus mit dem Theater. Dann\nstaunt der Laie nicht mehr, dann wird der Fach-\nmann gefragt. Solide ehrliche Arbeit wird ge-\nfordert werden, keine Vorspiegelung der Natur.\nEin Schilf ist kein Bild und ein Bild ist kein Sckiif.\nDann erst wird es sich zeigen, was Handwerk ist\nJetzt reden sich die Herren auf ihre faule Kunst\nheraus. Gewiß, das Handwerk ist die Grundlage,\ndeshalb wird das Bild mit der Hand und nicht mit\nder Gesinnung oder der Gesittung gemalt. Was\naber die Hand malt, liegt vor der Gesinnnug u*d\nüber der Gesittung. Der Künstler schafft das\nGleichnis und nicht das Gleiche. Nach seinem\nEbenbilde. Aber nicht nach den Bildern der\nAndern. Das Gleiche schafft Gott, aber anders.\nWollte Gott, daß die andern fest und treu zusam-\nmenhalten: „Erst das einträchtige Arbeiten, das\nfreudige Hand-in-Hand-Gehen von Gleichgesinn-\nten und Gleichgeschulten, von Lehrern nid\nSchülern, von Alten und Jungen, ermöglicht das\nEmporkommen einer Blüteperiode.'4 Wenn die\nHerrschaften natürlich alle Hand in Hand gehen,\nmüssen sie mit der Gesinnung malen. Nach ernster\nArbeit fröhliches Beisammensein: Gänse-Aus-\nschieben. Hier wird fortg'suffa. Konkordia soll\nihr Name sein.\nEs ist nicht leicht, zu organisieren: „So schwie-\nrig Organisation unter Künstlern, so nötig ist sie\ngerade dort. Der Grund davon liegt einmal im\nüberspannten Spintisieren und dann in der Los-\ntrennung von der ehemals selbstverständlichen\nhandwerklichen Schulung. Nur durch diese bildet\nsich eine des reichen deutschen Wesens würdige\nTechnik voll durchgliederter Form und voll\nschmelzvoller Farbigkeit.\" Das wird erreicht\ndurch den Künstlerverein „Konkordia\", das Ehren-\nmitglied Lenbach sagt, wie es gemacht wird.\nTechnik des Pausens, englischer Kutschenlack,\netwas Rot auf die Lippen und was man so braucht.\nSogar die Akademien, man sollte es nicht glauben,\nwollen sich jetzt mit Maltechnik befassen. Bisher\nhaben sie nämlich Kunst gelehrt: „Es ist ein Fort-\nschritt, daß mehrere Akademien endlich Abteilun-\ngen für Maltechnik eingerichtet haben.\" Nun erfährt\nman endlich, warum die Akademiker nicht wissen,\nwas ein Bild ist. Sie haben nur Gesinnung gelernt.\nAber der Fortschritt ist unaufhaltsam: „Doch hoff-\nnungsvoller ist es, daß in einigen Werkstätten\nhervorragender Maler und Bildhauer fern von\nGroßstädten, Jünglinge vom Lehrlingsstand an\nstufenweis ganz praktisch ausgebildet werden,\nbis zur Ausschmückung öffentlicher Bauten\nmit Monumentaldarstellungen.\" Zum Beispiel der\nBildhauer Marschall, an dessen hölzernem Hinden-\nburg die Jünglinge vom Lehrlingsstand an stufen-\nweis auf richtigen Leitern ganz praktisch ausge-\nbildet wurden, bis selbst die Königliche Akademie\nder Bildenden Künste vor diesen Monumental-\nDarstellungen warnte. Der Meister vom Lehrlings-\nstand und die Jünglinge mußten wieder einige\nStufen herunterklettern. Fern von Großstädten, in\nInsterburg, wird jetzt Herr Marschall weiter-\nholzen.\n„Außerdem muß freilich der Künstlerzusam-\nmenschluß auch national-ökonomisch erfolgen . . .\nDie Bußzeit des Krieges hilft mit, um die Künst-\nler zusehends zu einer realeren und sagen wir\nruhig bescheideneren Auffassung ihrer Wirksam-\nkeit hinzuführen.\" Das heißt auf deutsch: die\nschlechten Bilder werden billiger, die Auffassung\nder Künstler zusehends national-ökonomischer.\n„Haben wir Künstler es nicht selber verschuldet,\ndaß wir als unsichere Kantonisten gelten? Wir\nsollten durchaus den Ruf der altdeutschen Zuver-\nlässigkeit wiederzuerlangen sorgen. Dann wird\nauch der Staat unseren Stand einerseits besser\nstützen, anderseits freier schalten lassen können\nals bisher.\" Das heißt auf deutsch: Die Zimmer-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.7", "texte": "Jacoba Van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.8", "texte": "Vermieter werden die Künstler anerkennen. Ein\nStand, der einerseits gestützt werden muß, ist\nandererseits kein Stand. Und noch freier schalten?\nJeder unbescholtene Staatsbürger darf Bilder\nmalen, soviel er will. Uiid bescholtene Maler\nbleiben im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte.\nAber damit nicht genug. „Unsere Kunst bedarf\nder festen Eingliederung in die Volksgemeinschaft.\nSie war in ihren jüngsten Trieben ganz zum\nLuxus- und Sportartikel einer tonangebenden\nOberschicht geworden, war durch deren wider-\nnatürliche Geschmacksrichtung in eine verhäng-\nnisvolle Isolierung hineingeraten.\" Die andern\nSchichten aber standen also für die Eingliederung\nzur Verfügung. Wer eben Luxus- und Sportartikel\nbraucht, kauft sie, auch wenn sie noch so wider-\nnatürlich sind. Wenn diese Kunst, diese verhäng-\nnisvolle, isoliert ist, kann sie doch keinen Schaden\nmehr anrichten. Die Widernatürlichen finden die\nNatürlichen unnatürlich. Und die Volksgemein-\nschaft ist überall für Luxus und Sport, was ganz\nnatürlich ist. Diese Artikelmacher und diese Ar-\ntikelschreiber haben aber gar nichts mit der Kunst\nzu tun, die sich nicht eingegliedert, sondern der\nman sich einzugliedern hat. „Vor tausenden von\nBildern fragte sich alle Welt: weshalb, wozu,\nwohin damit?\" Die Malermeister sind nicht alle\nWelt. „Man machte geradezu Kunst gegen das\ndeutsche Volk.\" Man macht allerdings auch nicht\nKunst für das deutsche Volk, weil man Kunst\nüberhaupt nicht macht. Jedenfalls, die Künstler\nmüssen bekämpft werden: „Da ist tatkräftiger\nWiderstand, ein herzhaftes Beschneiden der Ver-\nlctterung und Qeistesfäule von Nöten,\" Ein Bild\nvon Momme Nissen. Er sollte lieber in der Werk-\nstatt der Kunst aufräumen, als Qeistesfäule herz-\nhaft beschneiden. Ein Sauvergnügen übrigens. „Da\nist eine ernste Warnung unserer noch Sitten- und\nphantasiereinen Jugend vor dem Aufsaugen giftiger\nAnsteckungskeime dringlich geboten.\" Keime sind\ngegen Warnungen immun. Wenn mir der Herr\nMomme Nissen doch endlich mal einen Namen\nnennen wollte, den Namen eines Künstlers, der die\nSitten- und phantasiereine Jugend ansteckt. Ich\nbin so unglaublich gesund, daß ich gerne einmal\ndie Ansteckung wage. Höre ich Namen, so schließe\nich mich vielleicht auch „den verschiedensten\nAutoritäten aus konservativen und liberalen La-\ngern\" an, die vor Ansteckung warnen. Nur\nscheinen mir bisher die Autoritäten die Feinde\nin ihrem eigenen Lager nicht zu sehen. Die Feinde\nder Kunst verstecken sich hinter die Autoritäten,\ndeshalb werden sie von ihnen auch nie bemerkt.\nEndlich hat Herr Momme Nissen gefunden, daß\nseine Bilder so schlecht verkauft werden, weil\ndie Kunsthändler sich nicht für ihn interessierten.\nDie Kunsthändler haben den Malermeistern das\nGeschäft verdorben. Sie alle weigern sich stand-\nhaft, Oelgemälde von Momme Nissen und Ge-\nnossen zu führen, trotzdem das Publikum sich um\ndiese oelige Nahrung schlägt. Der Kunsthändler\nwill nicht. Er kauft nur Geistesfäule. Infolgedessen\ndas arme Publikum auch. Weder König noch\nBauer können sich ihre Marinestücke verschaffen:\n„Herrschte doch eine Malerschaft, durch die der\nKönig wie der Bauer um ihr Recht und ihre Freude\nkamen, frevelhaft vor, wo sie nur hätte dienen\ndürfen.\" Ich kann mir denken wie geknickt der\nBauer im Salon Schulte seinen Kandinsky hin-\nnahm, wo er sich doch nach seinem Kiesel sehnte.\nDas ist nicht recht von Schulte und den andern\nKunsthändlern. Und vielleicht gab Herr Cassirer\ndem König einen Liebermann, einem König, der\nsich nach einem Rembrandt-Schulbild sehnte.\nHierauf besinnt sich der deutsche Momme Nissen\nauf sein Vaterland, wie ganz anders ist es da:\n„Dafür muß jenes edle Vertrauen zwischen echten\nKünstlern und Kunstliebhabern auch bei uns all-\nmählich Wurzel fassen, das bei den Dänen eine\nso wohltuend landestreue und doch maßvoll mo-\nderne Hauskunst gedeihen ließ.\" Also die Selbst-\nbesinnung auf die Grundlinien unseres Schaffens\ninnerhalb unserer Landesgrenzen hat für Däne-\nmark ein Ausnahmegesetz. Maßvoll moderne\nHausmannskunst nimmt Herr Momme Nissen\nselbst vom Ausland gütigst entgegen. Oder sollten\ndie Pflöcke des Herrn Momme Nissen dort abge-\nsteckt gewesen sein, wo man so wohltuend landes-\ntreu in der Kunst ist. Oder ist etwa gar Herr\nMomme Nissen auch so ein unsicherer Kantonist,\nder die Kantone nach Belieben der andern wech-\nselt. „Haben wir Künstler es nicht selbst ver-\nschuldet.\" Was sagen wir Künstler nun. Oder\nhaben wir Künstler jetzt vielleicht das weite Herz,\ndas uns gestattet in alle Kantonen heimisch zu\nwerden. Mit maßvoll deutsch-dänischer landes-\ntreuer Hauskunst „Dafür muß warmherzige Emp-\nfindung fürs Vaterlandsganze, dürfen nicht eitler\nEgoismus noch Neuerungssucht den Pinsel führen.\"\nJeder Pinsel für ein Vaterland, der brave Momme\nNissen sogar für zwei. Denn er ist maßvoll. „Da-\nfür muß der Künstler es sich zur Ehrenpflicht an-\nrechnen, so weit die stilistischen Erfordernisse des\nWerkes es zulassen, wohlberechtigten mensch-\nlichen Wrünschen von Kunstförderern entgegen-\nzukommen. Hat er doch lange genug der Tyrannei\nschwindsüchtiger Modernisten einen unwürdigen\nTribut gezollt.\" Ein würdiger Tribut ist es,\nmenschlichen Bedürfnissen von Kunstförderern\nentgegenzukommen. Den Frauen soll man be-\nsonders zart entgegenkommen. Natürlich so weit\ndie stilistischen Erfordernisse des Werkes es zu-\nlassen. Die Ehrenpflicht des Künstlers ist es, maß-\nvoll in den stilistischen Erfordernissen des Werks\nzu sein. Hierauf wirft Herr Momme Nissen den\nPinsel fort und veranstaltet das große Künstler-\nfest des Friedens: „Darum stimmt die Instru-\nmente, ihr Künstler, bereitet das Heimkehrfest vor,\neure Kräfte, die man zu lascher Lüstlingstat zu\nerniedrigen strebte, sollen einen großen deutschen\nLiebesdienst tun, sollen den Geist der Autopfe-\nrung und Hochherzigkeit weiterpflanzen in kom-\nmende Geschlechter!\" Das wird einen Jubel geben,\nwenn die Künstler mit neugestimmten Lauten, mit\nVivatbändern des Herrn Momme Nissen an unsere\nLandesgrenzen ziehen. Die Künstler, deren Kräfte\nman zu lascher Lüstlingstat vergewaltigte, werden\njetzt der Liebe und der Fortpflanzung dienen.\nWenn er nur Namen nennen wollte, der Herr\nMomme Nissen. Aber Lüstlinge reden sich immer\nauf ihre Opfer heraus. Künstler hingegen auf den\ngroßen Bruder: „Wie Hindenburg bei aller Neu-\nheit seiner Kriegswerkzeuge gleich wie ein Bruder\nvon Blücher dasteht, so sollte auch Neudeutsch-\nlands Künstler bei aller technischen Neuerung und\nhoffentlich Vervollkommnung brüderlich nahe an\ndie Seite von Dürer, Schlüter und Schwind treten.\"\nHindenburg begnügt sich mit Blücher. Neudeutsch-\nlands Künstler, Herr Momme Nissen, muß nahe an\ndie Seite von drei Brüdern treten, die etwas ab-\nrücken. Weil der neue Bruder noch die hoffent-\nlich Vervollkommnung zu brüderlich nimmt. Der\ngroße Bruder und die größeren Brüder sind immer\nBrüder von dem kleinen Bruder. Der kleine\nBruder schimpft und der große Bruder schlägt.\nEndlich „wird die lautere deutsche Volksseele,\nwelche diesem Krieg einen so hehren Charakter\neingeprägt hat, auch in der Kunst wieder ihren\ngebührenden Ehrenplatz erhalten.\" Herr Momme\nNissen rückt also etwas an die Seite. Monogramm\ndes Herrn Momme Nissen: der eingeprägte Cha-\nrakter.\nKunst ist kein triebhaft unbewußter Rausch,\nsoll kein tändelndes Schlürfen von Schleckereien\nsein. Sondern sie ist trotz des Unterstroms\nler Gefühle von vorne bis hinten eine bewute tind\ndurchdachte Leistung des Geistes.\" Der erste\nSatz ist ziemlich besoffen. Man muß schon ziem-\nlich berauscht sein, um Schleckereien tändelnd\nzu schlürfen. Der zweite Satz hingegen ist vom\nvorne bis hinten geistreich. Kunst ist die Gestal-\ntung des Triebhaft-Unbewußten. Die Kunst der\nHerren Momme Nissen und Genossen die bewußte\nund undurchdachte Verunstaltung der Leistung\ndes Geistes eines Andern. „Der Darstellung einen\nstarken packenden Inhalt zu geben, mit ausge-\nreiften Mitteln eine große I6ee,: einen schönen\nVorgang vor Augen zu bringen, sodaß sie Wider-\nhall in unserm Innersten weckt, das ist keines-\nwegs das Mindere, es ist vielmehr das unver-\ngleichlich Höhere gegenüber der blossen Wie-\nMalerei.\" Viele Leute können sich eben das Gehen\nnicht denken, wenn sie keinen Vorgänger haben.\nUnd dann behaupten sie noch hinterher, daß der\nVorgänger nicht gellt. Aber er geht doch, wenn\nes auch nicht geht. Diese Was-Maler sind so\nkindisch, daß sie glaub-en, sie können den Inhalt\nohne Darstellung geben. „Wo man das Gegen-\nständliche zugunsten eines reinsmnlichen Wühlens\nin Licht- und Farbengemischen für gleichgültig\nausgab, da ist naturgemäß, weil schließlich doch\nkeine Kunst ohne Inhalt sein kann, ein gemeiner\nGehalt bevorzugt worden.\" Also das Gegenständ-\nliche ist unsinnlich. Das stimmt für die Bilder der\nHerren Malermeister. Denn die nackten Damen,,\ndie je nach den Zutaten Wahrheit, Freiheit und\nSchönheit darstellen sollen, sind nur Modelle, des\nKünstler Völkchens. Geeignet für Liebesdienst, aber\nnicht für Kunst. Schönheit ist also gemein, wenn\nsie nicht Venus heißt. Unter sVenus tun es die\ndeutschen Künstler nicht. Und der blinde Geiger\nist die Darstellung des packenden Inhalts der\nMusik. Die Toteninsel liegt in Genf. Alles keine\nKunst mit Inhalt. „Doch jetzt weht ein Geist der\nWiedergeburt in unseren Landen.\" Diese Geburt\nin den Lüften macht den Kunstmaler, der Lauten\nstimmen ließ, zum berauschten Dichter: „Unsere\nKunst richtet sich selbst, wenn sie nicht imstande\nist, diesen Geist in kostbare Schalen zu füllen/'\nIn der freien Natur liegt die Leinwand im kost-\nbaren Goldrahmen auf der Erde. Sie ist imstande.\n„Die langentbehrten großen Impulse, jetzt sind sie\nihr zugeflossen.\" Der Geist regnet. „Nutze, er-\ngreife sie, deutsche Kunst; Du hast es doch früher\nvermocht.\" Es muß ergreifend sein, diesem Er-\ngreifen der regnenden Wiedergeburt beizuwohnen.\n„Ziehe tiefe Furchen durchs Land.\" Mit Regen.\n„Forme ein reines Abbild der Heimat, schildere\nden voHen Zauber dieses Wortes, den heiße Sehn-\nsucht und bittere Sorge uns so lieblich verjüngt\nhat.\" Die Herren formen eben immer nur Abbilder,\nnie Bilder. Wenn man den Zauber schildert, ist\nder ganze Zauber fort. „Male das meerum-\nschlungene, das waldumringte Land und Volk, wo\nimmer Du Dich zu Hause fühlst, damit wir be-\nglückt die segenbeladene Erde erkennen und in\nEhren halten, für die so namenlos schwer ge-\nstürmt, so viel geopfert worden ist.\" Wo immer\nDu Dich zu Hause fühlst. „Verherrliche dem\nLiedersänger gleich die reckenhaften Helden, di&\nFürsten und Führer und alle die Taten der Vater-\nlandstreuen draußen wie daheim, damit die Vor-\nbildlichkeit der Blütezeit bei Kind und Kindes-\nkindern unvergessen bleibt.\" Die Vorbildlichkeit\nder Blütezeit ist recht unbildhaft. „So wende denn\ndie Kunst alle Mittel, von alten Meistern erlernte\nwie der Neuzeit entstammte, umsichtig an, um\neinen warmen Strom der Liebe in die\nHerzen zu leiten. Dann erst erfüllt sie ihre Sen-\ndung.\" Die Mittel der Herren Momme Nissen\nund Genossen reichen kaum für eine Wasserlei-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.9", "texte": "tu»g. Liebe ist menschlich, Kunst unmenschlich\nwie Gott. In das Göttliche wird Nichts hinein-\ngeleitet. Das Göttliche fordert keine Gegenliebe.\nUnd der Mensch, der es schaffen kann, der ist der\nKünstler.\n\nHerwarth Waiden\n\nFernes Lied\nSophie van Leer\nIch leide nach dir\nEin schwerer Hauch\ntreibe ich umher\nMeine Tage vergleiten\nim Dämmergrau\nund meine Nächte sterben\nMeine Finger zittern nach deinen schlanken\nGliedern\nMeine Augen laufen nach der Fährte deiner Füsse\nMeine Tränen sind vertrocknete Bäche zur\nSommerszeit\nMeine Augen lechzende Rehe\nund meine Schultern sind verwaist\nDie Nägel an meinen Fingern\nsind glanzlos\ntind mein Haar ist matt\n* *\n*\nDeine Briefe leben nicht mehr\ndie vielen Hände haben sie entwertet\nÄchtlos und hart\nschneiden Poststempel\nauf deine Liebesworte\nKern Wind der meine Blicke zu dir weht\nk-ean Glockenschlag der in die Nacht zittert\nkeine Welle zwischen dir und mir\nFerne Züge rollen zu dir\nSchienenstränge gleissen\nauf denen nie mein Ohr deine Schritte erlauschte.\nZur Nacht ist meine Kammer eng\nwild brechen meine Träume an den Wänden\nLebte ich als Boot dein Bildleben\nDämmerte ich zur Nacht\nals silberner Strahl in dein Zimmer\nLäge ich als harte Planke\nauf deinem Fußboden — festgefügt\nGingen deine weißen Sohlen\nbehutsam über mein Gesicht\nund deckte deine kühle Hand\nüber meine Augen\n* *\n*\nIch lausche\nOb dein Schritt von fern nicht dämmert\nirrend an den nächtigen Häuserreihen\nHallend tönt ein Husten in den Hof\nAeffend läuft das Rollen einer Kutsche\ndie Wände entlang\nMein schwerer Blick\nzerschellt an das eiserne Tor\nTaumelnd gaukeln meine Träume\nund suchen die Häuser ab\nschlafwandelnd\nIrgendwo wohntest du\nmeine Sehnsucht steht mit brennenden Augen\nan deiner Tür\nDie Wände sind kahl\ndie Teppiche stehen aufgerollt in einer Ecke\nDer Knopf der Klingel\nkühlt meine brennenden Lider\nDer Tisch am Fenster *\nspannt meine weinenden Arme\nMorgen wird man dein Zimmer ausräumen\nfeindlich warten Koffer vor dem Haus\n* *\n*\nDu bist aus den Strassen verschwunden\nAndere haben deine Spur verwischt\nPäder haben sie zerschnitten\nIch finde den Weg zu dir nicht mehr\ndein Haus ist wie die anderen\n* *\nIch zähle die Nächte nicht mehr\nNiemand bleibt vor meiner Schwelle stehen\nKerzen brennen deinem Fernsein\nviele\nich liebe den Spiegel\nUns beide hat er getrunken\n# *\nIn den Wäldern deiner Heimat\ngehen Wochen wie Tage\nMeine Sehnsucht kreißt\n\nCampendonk: Exlibis/\nHerwarth Walden\nHolzschnitt / Vom Stock gedruckt\n\nTaliesin\nAdolf Knoblauch\nAas dem Walisischen frel nachgedichtet\nNach alledem hieß der König Taliesin vor sich\nbringen und forderte ihn auf, die Geschichte der\nMenschen-Schöpfung vom Beginn an\nDarauf machte er das Gedicht, welches jetzt beißt:\nEine der vier Säulen des Gesangs\nDer Allmächtige schuf\nim niedren Hebrontal\nmit Bildner-Händen\nAdams schöne Gestalt:\nFünfhundert Jahre\nblieb er dort\nbar jeder Hilfe,\nund lag ohne Seele.\nWiederum bildete Er\nim Ruhe-Paradies\ndie Seligkeit\npochende Eva.\nSieben Stunden\nwaren sie bei Einander,\nhüteten den Garten,\nbis Satan aus der Hölle\nStreit brachte mit Listen.\nVon dannen\nwurden sie vertrieben,\nkalt und schauernd\nmußten sie das Leben gewinnen\nin dieser Welt,\nmit Qual die Söhne\nund Töchter hervorbringen,\nAsiens Land besitzen.\nZweimal fünf\nzehn und acht,\ngebar sie selbst,\nMisch-Bürde,\nmännlich, weiblich.\nEinst brachte sie\nunverborgen\nAbel hervor,\nu-nid den verlorenen Kam,\nMenschen-Mörder.\nDem Gefährten\nwar ein Spaten gegeben,\nden Boden aufzubrechen,\nBrot zu gewinnen,\nreinen, weißen Weizen,\nden Sommer-Acker zu säen,\njeden Menschen zu nähren\nbis zum großen Weihnachtsfest.\nEngelshand brachte\nvom Hohen Vater\nSamen zum Wachsen,\ndamit Eva ihn säe.\nAber sie verbarg\nein Zehntel der Gabe,\nund säete\nnicht auf Alles\ndas gegraben war.\nSchwarzer Roggen\nward gefunden,\nnicht reines weißes Korn.\nDa war des Stehlens Elend erwiesen!\nFür diese Diebstat\nward gefordert,\nund alle Menschen\nmußten zahlen\nZehnten an Gott\nvom roten Wein,\nan sonnigen Tagen gepflanzt,\nin Neumonds-Nächten,\nuind vom weißen Wein.\nDer Weizen, reich an Korn,\nund rot flutender Wein,\nwerden zu Christi reinem Leib,\ndem Sohn des Wortes.\nDas Weihbrot ist Fleisch,\nder Wein vergossen Blut,\nsie heiligen\nder Dreifalt Wort.\nVerborgene Bücher\nvon Immanuels Hand\nhat Rafael gebracht\n\nSchluß"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.10", "texte": "als Qabe zu Adam,\nda er im Qreisenalter\nins Jordanwasser tauchte\nbis zum Kinn\nund fastete.\nMoses gewann\nim Jordanwasser\nHilfe der drei\nsonderlichen Stäbe.\nSalomo erlangte\nim Babelturm\nalle Wissenschaften\nin Asiens Land.\nSo erlangte ich\nin meinen bardischen Büchern\nalle Wissenschaften,\nEuropens, Afrikas,\nihre Laufbahn, ihre Führung,\nden erlaubten Weg.\nIhr Schicksal\nkenn ich bis ans Ende.\nWelches Elend\nwird Prophezeiung\ndurch Aeußerstes des Wehs\nder Troja-Rasse weisen.\nEine kochende Schlange\nstolz, unbarmherzig\nerhebt sich\nauf goldenen Flügeln\nvon Deutschland,\nSie wird überstürmen\nEngland, Schottland\nvon Lychlyns Meerufer\nbis zum Häfren.\nDie Briten werden\nGefangene sein,\nvon Fremden fortgefegt,\nvon Sachsen!\nSie werden den Herrn preisen,\nsie werden die Sprache hüten,\nsie sollen ihr Land verlieren,\naußer Wild-Wales.\nBis Wandel kommt\nnach langer Buße,\nwann zwei Verbrechen\nzugleich herrschen.\nDann sollen Briten\ndie Krone besitzen\nder Freimdenschwarm\nwird schwinden,\nalle Engelsworte\nfür Frieden, für Krieg\nwerden der Britenrasse erfüllt.\n* *\n*\nHiernach sagte er dem König viele Prophezei-\nungen von Dingen, die ferner in der Welt ge-\nschehen sollen.\nEnde\n\nExpressionist Artillerist\nFranz Richard Behrens\nFür Jakob von Uexküll, auf dessem granatgegit-\nterten Heimatboden einer Feldwache dies wuchs.\nBäh\ndrüben fliegt ein Eisenvogel ab, kerzengrader\nals alle Vögel der Erde\nEin-und-zwanzig\ndie Linie kennt die Natur nicht\nzw ei-und-zwanzig\nder Organismus ist sie\ndrei-und-zwanzig\nden Blick nicht verlieren '\nOb teuer Opfer schließlich wert\nFünf-und-zwanzig\nSchäumende Schrapnells kleben Sonne Sehnsucht\nSechs-und-zwanzig\nMein Seelensingen brechen im Muß\nSieben-und-zwanzig\nZweckblitz ducken droben die sieben Haubitzen,\nAcht-und-zwianzig\nVerdammt echtes Lebensgefühl bornt verflucht\nheißen Ausdruck.\nNeun-und-zwanzig\ndie Luft stinkt Millionen Schwefel, Kohle\nBlutabsinth\ndie Luft ist Stahl und rein\nEin-und-dreißig\ndie Granattrichter tüpfeln garnicht harmonisch\nZwei-und-dreißig\nder feindliche Beobachter findet das höchst\nglücklich\nDrei-und-dreißig\nDie Blüten weinen Licht unter\nDonnererschlagendem Krachen\nVier-und-dreißig\nDie Zentralisierung des Willens ist die Kraft\ndes Kommandeurs\nFünf-und-dreißig\nIm Leichenblut schöne Farben sehen. Alte Jacke\nKnochensplitter sein, Impressionisten und\nNaturalisten\nSieben-und-dreißig\nSein und Uebersein.\nAcht-und-dreißig\nMein Geschütz steht in Wechselwirkung zum\nsechsten,\nNeun-und-dreißig\nKeinen Meter mehr nach rechts darf es stehen,\nEin-und-vierzig\nKanionen macht man.\nGranaten werden gemacht\nZwei-und-vierzig\nKanonaden entstehen\ndrei-\nIch glaube aufzugehn\n-und\nIch drücke mich hoch heilig\n-vierzig\nAus\nFetzen Fratzen Platzen\nEnde\n\nDie Renaissance der\nWiedergeburt\n\nHamburg ist eine freie Stadt und gehört nicht\nzu Preussen. Der Zeitschrift „Bühne und Welt\"\nwurde Preussen zu klein und sie verlegte sich\nnach Hamburg, nicht ohne sich vorher in eine Ge-\nsellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt\nzu haben. Ein echter Deutscher, Kiefer heißt er\nnatürlich, wurde zum Herausgeber ernannt, und\nnun ist „Bühne und Welt\" berufen und befähigt, uns\nführende Fahne im kommenden Geisteskampf um\ndie geläuterte, deutsche Nationalkultur zu sein.\"\nEin Aufruf an den deutschen Buchhandel wird ver-\nsandt. „Der deutsche Buchhändler, in dem man\nmit Recht einen bedeutenden Kulturfaktor erblickt,\nwird in unserer ringenden und -entscheidenden Zeit\nseine Aufmerksamkeit den geistigen Problemen\nunseres nationalen Lebens widmen müssen.\" Ich\nerblicke in dem Buchhändler nur einen Händler,\nder nur die Bücher da hat, die man nicht\nbrauchen sollte. Diesem händlerischen Pro-\nblem wird er seine Aufmerksamkeit widmen\nmüssen, wenn er Buchhändler sein will.\nNur keine Kulturfaktoren. Trotzdem es eigent-\nlich sehr einfach ist, einer zu werden. Man\nbraucht sich nämlich nur für die Zeitschrift „Bühne\nund Welt\" zu verwenden und dieses geistige Pro-\nblem ist schon erreicht. Das sagt der Hamburger\nBuchhändler Pape auch. Dieser Herr, offenbar ein\nKulturfaktor, wünscht „unsere Bühne von der ver-\ngiftenden fremden Umklammerung zu befreien\".\nDas wird am einfachsten durch den Bezug der\nZeitschrift „Bühne und Welt\" erreicht. „Die Zeit-\nschrift hält wesentlich mehr als der Titel ver-\nspricht. Sie ist nicht etwa nur eine Theaterzeit-\nschrift im engeren Sinne, sondern sie umfaßt alle\nGebiete der redenden Künste, ohne grundsätzlich\ndas Gebiet der bildenden Künste zu meiden.\"\nInfolgedessen reden die Mitarbeiter das Blaue vom\nHimmel herunter, sodaß der Himmel wie der\nKuppelhorizont von Max Reinhardt aussieht.\nSelbstverständlich redet Schillers Urenkel mit, ge-\ntreu seiner großen Tradition. Friedrich Lienhard\nredet über Schillers Urenkel, mit dem er einmal\neinen schönen Tag in Weimar verbracht hat Alle\nDichter, die nicht genügend aufgeführt werden und\nzwar mit demselben Recht, mit dem andere Dich-\nter aufgeführt werden, aroeiten feste mit. Alles\nwegen der giftigen Umklammerung. Sämtliche\nSchiller-Epigonen Deutschlands hofften auf die\ngroße Zeit. Die Zeit war groß genug, ihre Hoff-\nnung zuschanden zu machen. Die Zeit brachte\nStrindberg auf die Bühne. „Bühne und Welt'\nbraucht aber einen König. Und zwar den Eber-\nhard aus Weidmannslust. Außerdem braucht sie\nsie noch einen Burte. Und endlich braucht sie noch\neinen Lienhard. Wenn diese drei Dichter sich von\nallen Bühnen herab verneigen können, dann kann\nsich Strindberg allerdings begraben lassen. Diese\ndrei Herren fühlen die Kraft zu ihrem Dichtertum\nkraft der Eigentümlichkeit, in Deutschland geboren\nzu sein. Dabei stammen sie .aus Arkadien. Sie\nhinken fünffiissig herum und wollen durchaus\nwiedergeboren werden. „Und sagen diesen ver-\nschworenen Feinden unserer sittlichen Wiederge-\nburt Kampf an.\" Wer hindert die Herren an ihrer\nWiedergeburt. Wer sind die verschworenen Feinde,\ngegen die sie ihre großen Kanonen auffahren. Das\nerfährt man aus dem Munde ihres Heerredners,\neines Herrn Ernst Adolf Greiner. „Wedekind,\nStrindberg, Schönherr als die Vertreter des —\nernsteren Spiels; Blumenthal, Kadelburg, Ber-\nnauer, Gilbert, Leo Fall und Lehar mit hundert\nandern Komödianten. Nein, wir haben nach fünf-\nzehn Kriegsmonaten und in der Mitte des zweiten\nKriegsspieljahres keine Hoffnung mehr.\" Den\nBundesgenossen Schönherr trete ich den ver-\nschworenen Freunden ab, Wedekind und Strind-\nberg werden sogar mit diesem Vierverband fertig.\nTrotzdem Wedekind zu Strindberg steht wie\nSchiller zu König. Trotzdem Schiller noch lange\nkein Strindberg ist und König lange kein Wede-\nkind. Das hätte Strindberg sich auch nicht träumen\nlassen, daß er die sittliche Wiedergeburt verhin-\ndern würde. Hingegen haben die andern Komö-\ndianten das ihrige getan, an der Verherrlichung\nder großen Zeit mitzuhelfen. Wenn auch mit den-\nselben Mitteln wie die Wiederzugebärenden: mit\nunkünstlerischen. Mit großen Reden ist es eben\nnicht zu schaffen. Die Herren aus Hamburg sind\naus Weimar, sie sollten sich einmal statt mit der\nBildung als Kunst, mit der Kunst als Bildung\nbefassen. Sie werden zu den erstaunlichsten\nResultaten kommen, wenn auch nicht zu einer\nWiedergeburt. Auf das Gebären kommt es an.\nAber die Herren sind gegen die Geburt: „Wer\nfürderhin auf den menschlichen Unterleib speku-\nliert, der soll auf klare Köpfe stossen, die das\nsetzungswerk des modernen Literatentums zu-\nschanden machen.\" Also das Kind im Mutterleib\nwird in der Zeit der sittlichen Wiedergeburt schon"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.11", "texte": "einen so klaren Kopf haben, daß es die Herren\nBurte, Lienhard und König für Dichter hält. Der\ngehört allerdings dazu. Der klare Kopf ist gegen\nSchönherr. Nicht deshalb, weil Schönherr kein\nKünstler und nicht einmal ein Dichter ist, sondern\nweil nach Aussage von „Bühne und Welt\" „die\nfreie Natur, der brutale Trieb, der Instinkt über\nden Geist siegt.\" Der Geist der Schiller-Epigonen\nist folglich unnatürlich, und ohne Instinkt. Was\nsoll der klare Kopf mit einem Instinkt anfangen.\nDer stört die Aufmerksamkeit, die man für Ent-\ngleisungen braucht: „Trotz der vielfältigsten\nEntgleisungen, die alle zu vermerken kaum dem\naufmerksamsten Betrachter unserer Spielpläne\nnoch möglich sein wird, — dieser Weibsteufel —\nund Wedekind-Skandal lastet als der Fluch einer\nentarteten Clique auf unserem Lande!\" Entglei-\nsungen, die kaum der aufmerksamste Betrachter\nnoch merkt, sind ja nicht so gefährlich. Das Kurs-\nbuch der Schiller-Epigonen verzeichnet allerdings\nsehr viel Entgleisungen, es sind ihre Normalzüge.\nDie Herren haben den Anschluß an die Kunst\nversäumt.\nAber nicht nur Strindberg bedarf einer sitt-\nlichen Wiedergeburt. Dieselbe Operation wird an\nDostojewski vollzogen. Auch dieser große Künst-\nler ist nicht so rein wie die klaren Köpfe, di>e\nnichts mit dem Mutterleib zu tun haben wollen:\n„Auch den Gestalten, die er selbst am höchsten\nstellt, haftet etwas Morsches, etwas wie Kernfäule\nan. Da ist eine tragische Gestalt, ein käufliches\nMädchen, da kann der Held nicht zu sich selbst\nfinden, ohne erst einmal einen Raubmord zu be-\ngehen, da endet der einzig wahre und reine\nMensch im Blödsinn.\" Das schreibt ein Herr Ru-\ndolph Huch, Mitglied der Wiedergeburt, der nie\nein käufliches Mädchen besessen und nie einen\nRaubmord begangen hat. Wie dieser einzig reine\nund wahre Mensch enden wird, weiß man aller-\ndings vorläufig nicht. Aber in Rußland gibt es\nnicht nur käufliche Mädchen und Raubmörder, wo-\nvon man in Deutschland nur etwas durch\nDostojewski weiß, in Rußland gibt es auch\nSchnaps: „Ueber dem russischen Märchen liegt es\nwie eine Wolke von Fusel. Aus dem Becherlein,\ndas in dem deutschen zuweilen auf der Tafel steht,\n'wird hier das nie fehlende Schnapsglas.\" Das\ndeutsche Becherlein wird recht oft gefüllt, es steht\nsogar bei Anti-Alkoholikern zuweilen auf der Tafel.\nDie deutschen Klassiker zum Beispiel hatten sehr\nviel für das Becherlein übrig. Herr Rudolph Huch\ntrinkt nie. Ein klarer Kopf. Aber das russische\nMärchen ist noch gemeiner: „Gar keine Stätte hat\nin ihm die Keuschheit. Die Jungfernschaft wird\noft und oft genommen; geschieht es durch einen\ngemeinen Streich, so ist das noch ein Spaß für\nsich.\" Gut, daß es nur im Märchen geschieht und\nnicht etwa in Rußland und noch weniger gar in\nDeutschland. Die anerkannten deutschen Dichter\nlieben allerdings auch so gemeine Streiche. Goethe\nhat dem Gretchen recht übel mitgespielt und\nRichard Wagner, der zwar anerkannt aber kein\nDichter ist, läßt einen Bruder eine Schwester ver-\nführen. Herr Rudolph Huch wird allerdings er-\nklären, daß so etwas in Deutschland mit Seele\nund in Rußland ohne Seele geschieht. Die Folgen\nsind aber erstaunlicherweise die selben. Für klare\nKöpfe gibt es eben keine Jungfern. Darum schrei-\nben sie ein Drama „Luther\", der allerdings ganz\nandre Ansichten hatte, worauf der Urenkel\nSchillers versöhnend bemerkt:\n„Die sich gekränkt gar bitterlich\nMit bösem Wort, mit Hieb und Stich,\nSie alle fordert Liebe ein\nZum Tagbefehl laßt Friede sein.\"\nOder wie Wilhelm Busch sagt:\n„Ein Mädchen schön und voll Gemüt\nGeht hier spazieren wie man sieht.\nSie pflückt auf frühlingsgrüner Au\nVergißmeinnicht, das Blümlein blau.\"\nWilhelm Busch hätte auch „Bühne und Welt\"\nverraten, warum das mit der Wiedergeburt so\nschwierig ist. Nämlich:\n„Und außerdem und anderweitig,\nLiebt man sich etwa gegenseitig?\nWarum ist niemand weit und breit\nIm vollen Besitz der Behaglichkeit?\nDas kommt davon, es ist hienieden\nZu Vieles viel zuviel verschieden\nDer Eine fährt Mist, der Andere spazieren;\ndas kann doch zu nichts Gutem führen,\ndas führt, wie man sich sagen muß\nvielmehr zu mehr und mehr Verdruß.\"\nWohl ihm, daß er kein Urenkel ist.\nDoch die Schiller-Epigonen haben das Problem\nbereits gelöst. Sie wollen nicht etwa den großen\nKrieg dramatisieren, der ist ihnen zu naturalistisch.\nDer letzte Hohenstaufe soll wieder daran glauben.\nDer Oberdichter, Herr Eberhard König verlaut-\nbart: „Je Zeitentfernter die Stoffe eines Kunst-\nwerks, um so menschlich näher rückt es uns, um\nso zugänglicher enthüllt sich uns das Innere des\ndramatisch bewegten Menschen.\". Das sind die\nklaren Köpfe. Im vergangensten Jahrhundert und in\nGriechenland wissen sie Bescheid, das zwanzigste\nJahrhundert ist ihnen zu unklar, aber so weit\nkönnen sie sich nie aus der Zeit entfernen, daß sie\nKünstler werden. Wenn diese Herren sich statt\neines Gehrocks einen Panzer anziehen, fühlen sie\nsich gegen das zwanzigste Jahrhundert gewappnet.\nDas zwanzigste Jahrhundert schießt aber durch\ndie Panzer bis in den Unterleib, mit dem die\nHerren allerdings auch nichts zu tun haben wollen.\nDeshalb ist ihnen das Nehmen der Jungfernschaft\nim dreizehnten Jahrhundert sittlicher als im zwan-\nzigsten. Selbst der Raubmord ist gestattet, wenn\ndie genügende Anzahl Jahrhunderte darüber ver-\ngangen ist. Die Stofflichkeit der neuen Klassiker\nist wirklich zu dick. Und dramatisch bewegte\nMenschen, die uns ihr Inneres enthüllen, sollten\nauch auf ihr Aeußeres mehr Wert legen. Wenn\nman diesen Menschen die Stoffe aus dem dreizehn-\nten Jahrhundert abzieht, bleibt nur ein Skelett\nübrig. Die Haut und das Fleisch sind ganz natür-\nlich verfault. Träger großer Reden sind keine\nMenschen und noch weniger Künstler. Klare\nKöpfe reden. Künstler schweigen. Und jeder, der\nsich König nennt ist noch kein König. Schon ein\nKlassiker bemerkte: „Laßt uns endlich Taten\nsehen.\" Aber Taten, meine Herren Dichter, die\nSie vollführen, nicht solche, die die Herrschaften\nder Geschichte für sie vollführt haben. Die kennen\nwir.\n\nHerwarth Waiden\n\nLieder\nWilhelm Runge\nUndurchdringlich\nist mein Gedenken\nwie eine Mauer\num dich her\nich bin\neine Brücke der Sehnsucht\nüber die Weiten\nzu dir hin\ndarüber eilt mein banger Atem\nder nur von deiner Liebe lebt\nund meine; Tränen fallen dir\nzu Füssen 1\n* *\n*\nDeine Augen ruhen auf mir\nkaum kann ich sie tragen\nFrieden\nschenke deinen Händen\nsie erheben sich bei deinen Worten\ndemütig\nein betend Volk\nWein\nbis du in allen Adern\ntrunken finden die Gedanken nicht\nherzaus herzein\ntasten alle hin an deiner Stimme\nden verwirrten Weg\nentlanggeführt.\n*\nNicht mehr wandern darf ich durch dein Antlitz\nplötzlich falle ich in deiner Augen\ntiefe Schlucht\nalle Berge schlagen über mir zusammen\nmit den Wellen deines Iiaars\nwirf des Lachens Rettungsring\nganz dünn\nist meine Stimme\nund wird zerreißen\nmeinen) Wurzeln schließt die Hand dein Felsen\nund des Auges Rose liegt gebrochen\ndu bist blauer Himmel\nich die Wolke\ndie sich fest an deinen Nacken klammert\nsich nicht halten kann\nund tausendfingrig\nregenschreckt erdhin\nden W'iesengrund\nund dort hinsinkt himmellosgelöst auf ihr\nweiches Knie\n* *\nGarnicht aufstehn mögen meine Augen\ndenn der Weg, den sie einst gingen\nsteht jetzt voller Widersprüche\nHaben sie sich kaum erhoben\nschlägt sie schon ein neu Geschehen\nwie mit Ruten nieder.\nDarum weichen sie hin nach der Heimat\nallen fremden Worten aus\nwerden tief wie je ein Brunnen\nund Erinnerung zerreißt den Spiegel\nTage tauchen auf\nganz maidurchdrungen\nPrimeln läuten durch das Wiesengrün\nund das Flattern bunter Pfauenaugen\nBlumen finden nicht mehr ihren Duft\nganz versunken in dem Rausch der Farben\nZweige zwitschern\ngrünhin summt das Gras\neine Spinne spinnt feinwunderwas\nund die Bäume\nschäkern mit den Tauben.\n* *\nEis den Weg entlang\nknisternde Seide\nsehnsuchtsvogelflüchtig\nwangenheiß\njagt das Blut pulslang bis in die Sterne\nScholl' um Scholle\ntreibend Eis\nTannenwälder duften hoch\ndie Worte fallen\nleishin wie Zapfen\nmoosgedämpft\nund tief waldinneni\nKinderlacht das Herz\nim Krippenschoß\nwenn durch der Adern Zweige lieder loht\ndie Weihnachtszeit."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160201-01.1.12", "texte": "Es werden nur Anzeigen tatsächlichen Inhalts fort-\nlaufend gesetzt aufgenommen. 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Die dreigespaltene Zeil«\n60 Pfennig.\nD!e Zurückweisung von Anzeigen behält sich der Ver-\nlag Der Sturm ohne Angabe der Grunde vor\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nin Berlin und Genf\nBerlin W Potsdaner StraBe 134 a\nQaMfnet tScticb tob II—6 Utar / Sonntags ro«\n11—2 Uhr\nEiatrltt 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatficher Wechsel\nAchtunddreissigste Ausstellung\nJacobavanHeemskerek\nNeue Gem&lde\nNeununddreissigste Ausstellung\nPaul Klee\nAlbert Bloch\nErdffnung: Ersten Man\nQanf: Geschlossei®\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer SiraBe 134 a\nFermruf Amt Lutzow 4443\nHalbmonatsschrift Der Sturm\nErechehit am ersten uod ffinfcehnten iedes Mooats\n3auerbezug\nQewdhnliche Ausgabe Pur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark / Ein Vierteljahr\n1 Mark 50 / Einzelheft 40 Pfennig I Fur das\nAusland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 9 francs I Ein Halb-\njahr 4 francs 50 centimes / Ein Vierteljahr 3 francs\nEinzelheft 50 centimes / Probenummer umsonst\nBonder ausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare auf holzfreiem Papier, Ver-\nier, dung in Rollen direkt durch die\nPost ftir Deutschland und Oester-\nr e i c h - Un g a r n: Ein Jahr 12 Mark /\nRn Halbjahr 6 Mark J Fiir das Ausland:\nEh! Jahr 18 francs / Ein Halbjahr 9 francs / Von\ndieser Ausgabe werden VierteljahrsbezQge, Einzel-\nHummern und Probenummern n i c h t abgegeben\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n10 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/153:\n20 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 10 Mark /\nFiinfter Jahrgang: 6 Mark\nDie Zeitschrift Der Sturm ist durch alle Buch- und\nKunsthandlungen, durch die Post, sowie direkt\n(lurch den Verlag Der Sturm, Berlin W 9, zu be-\nziehen / Zum Einzelverkauf liegt Der Sturm in alien\nBahnhofshandlungen, Kiosken u. StraBenstanden auf\nFalls direkte Zustellung durch den Verlag\nDer Sturm unter Streifband oder in Rolle ge-\nwflnscht wird, bitten wir den B e t r a g ffir den\nDauerbezug bei der Bestellung oder bei\nBeginn des neuen Vi e r t el j a h r e s bis\nrum fflnften des ersten Monats einzu-\ns e n d e n / Andernfalls nehmen wir an, daB E i n -\nz i e h u n g des Betrages durch Nachnahme\nouter Berechnung des Nachnahmeportos ge-\nwfinscht wird\nMappen und Albeii / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Zwanzig Blatt Zeichnungea /\nStrichfttzung / Auf Katserlich Japan-Papier iu\nLuxus-Mappe 25 Mark / Auf Costa-Karto* la tin-\nfacherer Mappe 12 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kunstlers iiber sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerkevvon 1901 bis 1913\n\nMeemskerck-Mappe: Seehs handgedruckte uui\neineehi signierte OrigaialfeoiESchiiitte I Aufiage 31\nMawen / Mappe 6—30 ie einhundert Mark\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / I h r s t i 11 e s\nGluck —! j Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\nNapoleons Aufstieg / Tragodie I Jedes\nWerk 2 Mark-\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahiie / Eine\nDichtung / Qeheftet 2 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus /' Roman I 2 Mark\nPaul Scfaeerbart: Glasarchitektur / In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Zwei Mark I Luxusaus-\ngabe in zwanzig numerierten und signierten Exem-\nplaren auf Van Qelder Biitten, Decke und Vorsatz-\npapier von Anna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedlchte / Qebunden\n3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fiir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut. / V: August\nStramm: Erwachen ./ VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne ! X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Qeschehen\nJedes Stnrmbuch 50 Pfennig\nMusik aus dem Verlag Der Sturm\nKerwarth Walden: Dafnislieder / Zu Qe-\ndichten von Arno Holz / Fflr Qesang und Kla-\nyier / 3 Mark / 50 Seiten j Nummer 1 einzeln: Er\nhort mit ihr den Gukguk schreyn / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Der S t ur m / Heeresmarsch /\nFur Klavier / 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nDas Exemplar 20 Pfennig\nFuturlsten: Umberto Bocclonl: Das\nLachen / Luigi Russolo; Erinnerung einer\nNacht / Zug in voller Fahrt / Qiao Sevc-\nriai: Die Modistin / Ruhelose Tftnzerin / Pan-\nPan Tanz / Umberto Bocclonl? Abschied/\nKandinsky: Komposition 6\nFranz Marc: Affenfries / Tierschicksale\nOskar Kokoschka: Utinam delectet\nRobert Delaunay: La Tour\nJacoba van Heemskerok: Bild 2 / Bild 15\nAugust Macke: Spaziergang\nSlgrid Hjerten-Grunewald: Kinder\nKarten von Macke /' Miinter / Marc Chagall (5) /\nKlee I Leger / Jawlensky I Werefkin / Gleizes\n/ Archipenko / usw\nErschienen bisher 36 verschiedene Karten\nIllustrierte Sturm - Austellungskataloge\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Je 50 Pfennig / Die Futuristen 60 Pfennig / Ota-\nkar Kubin./ Marc Chagall j Kandinsky / je 50 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fflr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie / Das Exem-\nplar 3 Mark\nOskar Kokoschka: Sonderdrucke der Men-\nschenkopfe auf Japan- und Buttenpapier:\n1 I Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\nI 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheerbart / 6 Yvette\nGuilbert / Das Blatt 5 Mark\n\nGem aide / Aquarelle /\nHanddrucke / Plastiken\nsind von folgenden Kunstlern im Sturm stlndig\nvorhanden:\nKandinsky /' Franz Marc / Archipenko / Oskar\nKokoschka I August Macke / Paul Klee / Carl\nMense / Campendonk I Gabriele Miinter I Jaw.\nlensky / Marianne von Werefkln / Albert Btocts /\nHans Arp I Picasso / Albert Gleizes / Jean Metzia-\nger / Marc Chagall / Fernand L£ger / Jaeoba van\nHeemskerck I Otakar Kubln / Emil Fllla / Vtaceae\nBenes / Otto Gutfreund / Bocclonl I Severlnl I\nCarra / Russolo / Francis Picabia I Schmidt-\nRottluff I Fritz Baumann / Max Pechstein\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden / Zvvolftes\nJ a h r I Jahresbeitrag 20 Mark / Rechte der\nMitglieder: Freier Bezug der Zeitschrift der\nSturm I Freier Besuch aller Sturmausstellungen /\nJedes Jahr frei eine Sturmpublikation\nDas zwdlfte Jahr begann am 1. April 1915 / Die\nSturmgabe, die die Mitglieder des Vereins tar\nKunst im Jahr 1915/16 frei erhalten, 1st: Heems-\nkerck: handgedruckter und signierter ffotzschnitt\nauf Kaiserlich Japan-Papier\n\nZeitsehriften\nUmelecky Mesicnlk / Monatsschrift ffir neutt und\naJte Kunst / Administration Prag I 5 Veleslavinov*\n\nAnzeigen\n\nSoeben erschienen: Sturm-Ktinstter > L i c h t b t I d-\nk a r t e n / Karte 20 Pfennig: 1: August Stramm\nI 2: Herwarth Waklen / 3: Jacoba van Heems-\nkerck\nAm ersten Marz erscheint: Herwarth WaMten:\nKunstmaler und Kunstkritiker/Ge-\nsammelte Schriften ./ Band 1/2 Mark /\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nFelix Muller / Dresden: Handgedruckte Holiz-\nschnitte und Originallithos / Zu beziehen dutch\nden Verlag Der Sturm Berlin W 9\nUmberto Boccioni: Pittura Scultura futuriste /\nDinamismo plastico / 500 pagine / riproduzioni qua-\ndri e sculture / Edizioni futuriste di Poesia / MMano\nI Con ritratto dell'autore / Preis M 3,50 / Zu be-\nziehen durch den Verlag Der Sturm / Berlin W 9\nAnna Scheerbart / Handgefertigte farbige Vorsatx-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinbande / Master\nim Sturm (Ausstellungskasse), wo auch Bestel-\nlungen entgegengenommen werden / Deckel- und\nVorsatzpapier Format 42 X 35 Mark 4\n\nNotiz\nWahrend des Krieges erscheint „Der Sturm44\nnur einraal monatllch als Doppelnuminer. Vie\nMarz-Doppelnumraer erscheint am funfzehnten\nMarz\nVerlag Der Sturm"}]}