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Sein Leben\nwar seine Dichtung: gottnah, erdfern. Ein Riesen-\nkörper mit einer Riesenseele. Und deshalb war\nsie sanft wie ein Streicheln von Kinderhänden. Er\nsuchte Gott und die Träume und die Kunst. Ihn\nstieß das Leben, weil es nicht sanft ist, er fiel\ndem Tode, weil er zu hart ist.\nNun suchen ihn Gott. Und die Träume.\nPeter Baum wurde am 30. September 1869 ge-\nboren. Von seinen zahlreichen Schulen war die\nwichtigste Heidelberg im fünfzehnten Jahr seines\nLebens. Sein damaliges Ideal: Wanderprediger.\nDafür wurde er vorgebildet. Mit siebenundzwan-\nzig Jahren wurde er in Leipzig Verleger. Der Ver-\nsuch mißglückte. In dieser Zeit erlebte, er seinen\nZusammenprall mit der „Welt\" wie irgend ein\nHeiliger. Von 1898 an hörte er an der Berliner\nUniversität. Es entstand ein kleines Epos „Der\nGeisterseher\" und die Gedichte „Gott. — Und die\nTräume\".\nDer Gedichtband stammt aus der Leipziger\nZeit. Die Brüder Hart haben in ihren Besprechun-\ngen öfters erwähnt, daß Peter Baum sich des Künst-\nlers Peter Hille angenommen habe. Seitdem geht\nPeter Baum als Anhänger Hilles durch die Kri-\ntiken und Nachrufe. Es ist bequem, aus zwei\nKünstlern, mit denen man nichts anfangen kann,\neinen zu machen.\nPeter Baum konnte für sein Grundthema: das\nreligiöse Kind, von niemandem borgen. Dieses\nThema sonderte ihn von allen ab und machte die\nSelbstanalyse zu seiner Leidenschaft. Seine Kind-\nheit war für ihn lebendigste Gegenwart.\nDie letzten Schützengrabenverse sind formal\nauch wieder ganz in der Leipziger Art. Assoziativ\nwerden die damaligen religiösen Stimmungen\nwieder lebendig.\n1902 schrieb Peter Baum den Roman „Spuk\".\nEs folgten der Novellenband „Im alten Schloß\" und\nder Rokoko-Roman „Kammermusik\".\nAllmählich rückt das religiöse Erlebnis in eine\nkünstlerische Ferne. Die Kritiker schreiben „Psy-\nchologie des Rokoko\" — die Peter Baum höchst\ngleichgültig war.\nAm 5. Juni 1916 ist Peter Baum gefallen, nach-\ndem er den Krieg als gemeiner Infanterist in seiner\nhärtesten Form kennen gelernt hat.\nDas schreibt der Freund, der ihn am tiefsten\nkannte.\n*\nDie Nachrufe der Presse werden stets von\nLeuten geschrieben, die den Ruf nicht hörten. Jeder\nNachrufer fühlt sich als Zeitgeist, weil die Zeit noch\nlebt, die ihn nicht richtet. Der Nachrufer ist\naber stets nur Nachrichter. Ein Werkzeug, aber\nkein Werk. Der Herr von der Vossischen Zeitung\nhat Angst, daß Peter Baum „vielleicht kaum\nBleibendes gegeben hat\". Bleibendes gibt man\nnämlich nach der Vossischen Zeitung nur dann,\nwenn Gegebenes bleibt: „Um auf ein größeres\nPublikum zu wirken, dafür fehlt es seinen Erzäh-\nlungen an stofflicher Substanz, seinen Versen an\nformalem Glanz.\" Die stoffliche Substanz gibt mit\ndem formalen Glanz ein ganz nettes Gedicht, das\ndie Vossische Zeitung sogar honoriert. Ehre, wem\nHonorar gebührt. Auch die Breslauer Zeitung ist\num die Ewigkeit besorgt. „Ein Augenblickchen\nWehmut bei den Zeitungslesern. Das ist die Ernte\nvon Peter Baums mit wachem Aug' durchträum-\nten Lebenstagen. Mehr nicht. Dann braust die\nWeltstadt über seinen Namen hinweg, den bisher\nnur Wenige kannten und später niemand mehr\nkennen wird.\" Wenn die Zeitungsleser ernten\nwollen, was die Zeitungsschreiber säen, muß jedes\nKorn zur Träne werden. Durchwachte Lebens-\nnächte sind kürzer als durchträumte Lebens-\ntage. Die Weltstadt braust nicht und einen\nSturm hält sie nicht aus. Und das bißchen\nWind, das die Schreiber ihren Lesern vormachen,\nwirft keinen Baum um. Noch besorgter ist die\nBerliner Zeitung am Mittag: „...Denn Peter Baum\nwar unbekannt. Er soll auch nicht posthum zum\ngroßen Genie oder zu einer verlorenen Zukunfts-\nhoffnung ausgeschrieen werden, denn Peter Baum\nfing schon an, recht grau zu sein, und war in sich\nabgeschlossen. Er war ein bißchen oder viel\nBohemien, aber noch vom alten Schlage, paßte\nnicht mehr recnt in eine Zeit, deren Literaten ein-\nander gegenseitig und syndikalistisch in die Oef-\nfentlichkeit helfen.\" Peter Baum war zwar gar\nkein Bohemien, aber Böhmen liegt den Herren aus\nOesterreich recht nahe. Er hatte freilich nichts mit\nden Literaten zu tun, die sich gegenseitig Hebe-\nammen-Dienste leisten, denn er war kein Literat.\nUnd was wir an Zukunft verlieren, können wir an\nder Berliner Zeitung am Mittag nicht gewinnen,\nauch wenn sie zehn Pfennig kostet. Jedenfalls ist\nes besser, in sich abgeschlossen zu sein, als den\nAnschluß an die Presse zu gewinnen.\nPeter Baum suchte diesen Anschluß nicht.\nAber er suchte Gott und die Träume."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "51", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.4", "titre_corps": "Das Bühnenkunstwerk", "titre_sommaire": "Das Bühnenkunstwerk", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.2", "debut_caractere": 4529, "fin_caractere_exclue": 8862, "texte": "Das Bühnenkunstwerk\nLothar Schreyer\nEs tut not, das Theater von heute zu ver-\ngessen.\nDas Theater ist kein Unterhaltungsmittel. Das\nTheater ist kein Bildungsmittel. Kunst ist Kunst.\nEs tut not, dem Theater die Kunst zu geben.\nEs tut not, das Theater der Kunst zu geben.\nEs kommt nicht darauf an, eine Dichtung dar-\nzustellen.\nEs kommt nicht darauf an, Darsteller zu fin-\nden.\nEs kommt nicht darauf an, eine Wirklichkeit\noder Unwirklichkeit darzustellen.\nAber es kommt darauf an, eine Vision auszu-\ndrücken.\nAber es kommt darauf an, sie mit künstleri-\nschen Mitteln lauszudrücken.\nAber es kommt darauf an, die Vision als Ge-\nstalt und Einheit auszudrücken.\nEine Büfhnenkunst tut not.\n* *\nsk\nDas Bühnenkunstwerk ist aus dem Willen der\nZeit geboren.\nDer Wille der Zeit ist organisierte Macht.\nDie Macht drängt ins Endlose, die Organisation\nins Endliche. Die Macht drängt ins Endlose, in-\ndem sie sich das Endliche Untertan macht, es über-\nwindet. Die Kunst wird organisierter Machtaus-\ndruck. Der organisierte Machtausdruck wird\nKunst.\nDer Gesamtausdruck des Kunstwerkes ist eine\nUnendlichkeit, ein Machtwille. Der Einzelaus-\ndruck der künstlerischen Elemente des Kunst-\nwerkes ist eine Endlichkeit, ein Organisations-\nwille.\nOrganisierte Endlichkeit wirkt in der Kunst\nHarmonie. Organisierter Machtwille wirkt in der\nKunst Rhythmus.\nDas Kunstwerk ist in seiner Gesamtheit kein\nharmonisches mehr, sondern ein rhythmisches.\nDas Kunstwerk ist kein harmonisches mehr,\nes ist keine gefesselte Kraft mehr, es ist keine\nvollendete Endlichkeit.\nDas Kunstwerk ist ein rhythmisches, es ist\neine ungehemmte Kraft, es ist eine Unendlichkeit,\neine Nie-Vollendung.\nDas rhythmische Kunstwerk hat die Harmonie\nüberwunden. Es sieht die Welt durch die Unend-\nlichkeit.\nDas harmonische Kunstwerk hat sich den\nRhythmus Untertan gemacht. Es sieht wohl auch\ndie Unendlichkeit, aber es sieht die Unendlichkeit\ndurch die Welt.\nDas harmonische Kunstwerk ist „schön\". Auch\ndas rhythmische Kunstwerk ist schön. Aber seine\nSchönheit ist eine aharmonische.\nFür die aharmonische Schönheit ist der Gegen-\nstand des Kunstwerkes belanglos. Das rhythmi-\nsche Kunstwerk kann auf den Gegenstand ver-\nzichten. Das harmonische Kunstwerk braucht\neinen Vorwand zur Gestaltung seiner Vision. Denn\nseine Vision wandelt eine Naturerscheinung oder\nKulturerscheinung zur Harmonie. Der Rhythmus\nmüht sich nicht, eine Vollkommenheit zu gestalten.\nDie Gestalt allein ist sein Sinn. Die Gestalt allein\nist die Macht, die ungehemmt die Vision verkündet.\nDer Sturm der Macht muß das Theater von\nheute stürzen, um die Kunststätte zu bereiten.\nDie rhythmische Schönheit schafft das Bühnen-\nkunstwerk.\nDas Bühnenkunstwerk ist ein selbständiges\nKunstwerk.\nDas Bühnenkunstwerk ist künstlerische\nSchöpfung. Es ist keine Nachahmung der Natur-\ngestalt oder Kulturgestalt. Es ist die Gestalt, die\nder Bühnenkünstler seiner Vision gibt. Es ist\nKunstgestalt.\nDas Bühnenkunstwerk ist nicht dramatische\nDichtung, nicht schauspielerische Schöpfung, nicht\nein Anordnen der in einer Dichtung mittelbar und\nunmittelbar enthaltenen tatsächlichen Verhältnisse.\nEs ist keine Nachschöpfung der Dichtung, kein\nWerk der bildenden Künste oder des Kunstge-\nwerbes, keine Verbindung verschiedener in Raum\nund Zeit wirkender Künste.\nDas Bühnenkunstwerk ist eine künstlerische\nEinheit. Es ist durch Intuition empfangen, in Kon-\nzentration gereift, als Organismus geboren. Es ist\ngebildet aus den künstlerischen Ausdrucksmitteln\nForm, Farbe, Bewegung und Ton. Es ist ein selb-\nständiges Kunstwerk, wirkend in Raum und Zeit.\nDie Bühnenkunst ist eine selbständige Kunst.\nDie Gestalt des Bühnenwerkes ist Kunstgestalt.\nDie Gestalt ist nur abhängig von dem Künstler,\ndem die Offenbarung wurde. Der Künstler ge-\nstaltet aus Notwendigkeit. Einen Vorwand der\nGestaltung kennt er nicht. Er bildet nicht die un-\ngreifbare, unbegreifbare Vision. Er verkündet sie.\nEr verkündet sie mit Zeichen, denen die Macht\neigen ist, Gefühle auszudrücken. Diese Zeichen\nsind die künstlerischen Mittel.\nDie bühnenkünstlerischen Mittel sind aus den\nGrundformen, Grundfarben, Grundbewegungen\nund Grundtönen gestaltet.\nWie die Gestaltung vor sich geht, weiß nie-\nmand. Es ist das Geheimnis der Weltschöpfung\nund der Geburt.\nDie Grundformen sind die mathematischen\nKörper und Flächen.\nDie Grundfarben sind schwarz, blau, grün, rot,\ngelb, weiß."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8583, "texte": "Die Grundbewegungen sind die wagerechte und\nsenkrechte, die aufsteigende und absteigende Be-\nwegung, die sich öffnende und sich schließende\nSpiralbewegung.\nDie Grundtöne sind die reinen Töne.\nDie Verbindungen der Grundgestalten im\nKunstwerk sind eine künstlerische Gesamtheit und\nEinheit.\nDie Einheit ist eine Einheit in Raum und Zeit.\nAus den Grundformen und Grundfarben sind die\nElemente des Bühnenkunstwerkes geschaffen, die\nden Raum bilden und gliedern.\nDie Kunstmacht der Flächen ist gegeben durch\ndas Verhältnis ihrer Ausdehnung zu ihrer Umriß-\nlinie, die Kunstmacht der Körper durch das Ver-\nhältnis der Körperfläche zur Körpermasse.\nDie Fläche ist stets Körperfläche.\nDie Grundformen bilden den Raum; sie öffnen\nund schließen ihn. Sie geben der Bühnenöffnung,\ndem Grundriß und den anderen räumlichen Be-\ngrenzungen des Bühnenkunstwerkes die Gestalt.\nDie Grundformen gliedern den Raum. Jede\nRaumbildung ist schon Raumgliederung. Die Kör-\nper gliedern den geschaffenen Raum. Die Körper\nhaben Kunstgestalt und nicht Naturgestalt oder\nKulturgestalt. Die Körpergestalt wirkt nur durch\nihre Form und nicht durch ihre Materie. Der\neinzige natürliche und echte Körper auf der Bühne\nscheint der Mensch zu sein. Er scheint es nur zu\nsein. Denn im Bühnenkunstwerk ist er kein\nMensch mehr. Der Künstler verwandelt. Der\nKörper, der Träger der Form, ist Träger der Aus-\ndrucksmittel der Verwandlung.\nDie Form trägt die Farbe. Auch die Farbe\nbildet und gliedert den Raum.\nDie Kunstmacht der Farbe ist abhängig von\ndem Helligkeitsgrad und der Flächenausdehnung\ndes einzelnen Farbelementes. Meist sind es mehr\nals zwei Grundfarben, die das Kunstwerk ge-\nstalten. Das Farbkunstwerk ergibt sich dann aus\neiner Mischung oder einem Nebeneinander der\nGrundfarben.\nJede von der Form getragene Farbe ist eine\nMischung von Farbe und Lichtfarbe. Die Licht-\nfarbe wandelt und bestimmt die Farbe der Form.\nDas Licht ist Farbbildner.\nDas Licht trägt die Farbe. Die Lichtfarbe selbst\nist Ausdrucksmittel. Das Licht des Bühnenkunst-\nwerkes ist Grundlicht oder Beleuchtung. Die Be-\nleuchtung ist direktes, das Grundlicht indirektes\nLicht. Das Licht ist das einfachste Mittel, Kör-\nperlichkeit in Geistigkeit zu wandeln.\nDas Licht und seine Farbe sind Träger der\nBewegung.\nDie Bewegung wrtkt in der Zeit. Sie ist Mittel\nder Entwicklung. Sie kündet von dem Werden,\nWachsen und Vergehen der Vision. Sie verkündet\ndie geistige Handlung.\nDie Kunstmacht der Bewegung ist bestimmt\ndurch Richtung und Geschwindigkeit der Bewe-\ngung.\nDie Bewegung ist Grundbewegung und Einzel-\nbewegung. Die Grundbewegung trägt das Ge-\nsamtwerk, die Einzelbewegung seinen einzelnen\nBestandteil.\nDas bewegte Licht ist wandelndes Grundlicht\noder wandelnde Beleuchtung. Die wandelnde Be-\nleuchtung kann das Grundlicht wandeln.\nBewegte Farbe ist bewegtes Licht oder be-\nwegter Körper.\nBewegter Körper ist bewegte Form.\nBewegung der Körper wandelt den Raum.\nBewegter Körper ist meist der menschliche. Der\nEinzelmensch, die Menschengruppe, die Menschen-\nmasse tragen die Bewegung. Die bewegte Gruppe\numfaßt drei oder mehr Einzelmenschen. Jede\nGruppe ist eine Bewegungseinheit mit unterge-\nordneten Eigenbewegungen der Einzielmenschen.\nHaben die Einzelglieder der Gruppe keine Eigen-\nbewegung mehr, bilden sie ausschließlich eine Be-\nwegungseinheit, so ist die Gruppe Masse gewor-\nden.\nDer bewegte Körper ist Teil der Form des\nBühnenkunstwerkes, also von der Raumgestalt\nabhängig.\nDer bewegte ist auch der tönende Körper.\nDer Ton ist Einzelton oder Tonverbindung.\nSeine Kunstmacht ist abhängig von Höhe, Stärke,\nGeschwindigkeit und Klang des Tones.\nDer menschliche Ton als Sprache gibt die Me-\nlodie des Einzelmenschen, der Gruppe oder Masse,\naufgebaut auf der Melodie des Gesamtwerkes.\nZwischen beiden steht die Vokalmusik als Ueber-\ngang.\nDie Sprache formt Worte und Wortverbindun-\ngen. Die Wortverbindung kann in ein selbstän-\ndiges Kunstwerk, ein Wortkunstwerk, eine Dich-\ntung verwandelt werden.\nJeder Teil des Bühnenkunstwerkes wird von\nseinem Rhythmus getragen. Alle Teile werden\nvon dem Grundrhythmus des Gesamtwerkes zu-\nsammengehalten.\n* *\nDiese Leitsätze einer Bühnenkunst vernichten\ndie bestehende Theaterkunst.\nAbgetan ist das Starsystem. Abgetan sind die\npsychologischen Studien. Abgetan ist die Natur\nauf der Bühne. Abgetan ist die Bogenbühne und\nihre Malerei, die künstliche Perspektive und ihr\nBeleuchtungssystem. Abgetan ist die Illusions-\nbühne. Abgetan ist die Bühne als Museum für\nGeschichtsanschauung und Trachtenkunde. Abge-\ntan ist die Bühne als Museum für Literaturge-\nschichte. Die Bühne ist Kunststätte geworden.\nDiese Leitsätze schaffen eine Bühnenkunst.\n* *\nDer Schöpfer des Bühnenkunstwerkes ist der\nBühnenkünstler.\nDer Bühnenkünstler schafft das Biihnenkunst-\nwerk, der Regisseur führt es auf.\nDas Bühnenkunstwerk ist in dem gleichen Masse\nfestgelegt wie die musikalische Komposition. Jedes\nElement ist zum Ausdruck gestaltet. Die Gestalt\nder Form ist festgelegt durch die Bestimmung\nihrer Masse und ihrer Körperfläebe. Die Gestalt\nder Farbe ist festgelegt durch die Bestimmung von\nAusdehnung und Helligkeit, die Gestalt der Be-\nwegung durch Bestimmung von Bewegungsrich-\ntung und Geschwindigkeit, die Gestalt des Tones\ndurch Bestimmung von Wort, Klangfarbe, Ton-\nstärke, Tonhöhe und Geschwindigkeit. Für jedes\nElement ist der Rhythmus fest bestimmt, abhängig\nvom Grundrhythmus des Gesamtwerkes.\nDer Regisseur führt das Bühnenkunstwerk auf.\nDas Verhältnis zwischen Bühnenkünstler und Re-\ngisseur entspricht dem zwischen Komponisten und\naufführendem Kapellmeister. Der Regisseur ist\nKünstler.\nDas Schaffen des Bühnenkünstlers ist nur be-\ngrenzt durch die Ausdrucksmittel der Bühnen-\nkunst. Der Aufführung sind engere Grenzen ge-\nzogen durch die Organe, deren sich der Regisseur\nbei seiner Arbeit bedient.\nDie ausführenden Organe des Regisseurs sind:\nder Schauspieler, der Techniker, der bildende\nKünstler und der Musiker. Der Schauspieler ist\nsein Mund, der Techniker seine Hand, der bildende\nKünstler sein Auge, der Musiker sein Ohr; alle\nsind geführt vom Regisseur.\nDer Schauspieler ist Träger des Formmittels,\nFarbmittels, Bewegungsmittels und Tonmittels.\nDer Schauspieler ist kein Menschendarsteller.\nDer bildende Künstler führt das Form- und\nFarbmittel der Szenerie und des Kostüms aus. Er\nhat, abhängig von der Anschauung des Regisseurs,\ndie Formen und Farben so zu gestalten, daß sie\ndas vom Bühnenkünstler geschaffene Kunstwerk\nbilden.\nDer Techniker ermöglicht den Aufbau der\nForm, die Sichtbarkeit der Formmittel in der Ge-\nsamtheit einer Szenerie, er schafft die. Farbe, ins-\nbesondere das Licht, und löst alle praktischen\nSchwierigkeiten, die sich der Bildung der Form-\ngestalt und Farbgestalt entgegenstellen.\nDer Musiker führt die musikalischen Tonele-\nmente des Bühnenkunstwerkes aus.\nDie Ausführungstätigkeit der einzelnen Organe\nbestimmt und leitet der Regisseur. Er ist es, der\ndas geschaffene Kunstwerk bildet. Er führt seiner\n-eigenen künstlerischen Eingebung gemäß das Büh-\nnenkunstwerk auf.\n4.\n* *\n*\nDie Bühnenkunst umfaßt das Bühnenkunstwerk\nund seine Aufführung.\nDas Bühnenkunstwerk fordert seine Auffüh-\nrung.\nDen Musiker muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDen Techniker muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDen bildenden Künstler muß sich die Bühnen-\nkunst erziehen.\nDen Schauspieler muß sich die Bühnenkunst\nerziehen.\nDen Regisseur muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDie Aufführung des Bühnenkunstwerkes macht\ndas Theater zur Kunststätte.\n* *\n*\nDas Theater als Kunststätte überwindet das\nGeschäftstheater und das Kulturtheater. Die\nKunststätte ist Kultstätte.\nDas Theater von heute ist ohne Geist. Mit der\nBühnenkunst erobert das Reich des Geistes das\nTheater.\nDie Sehnsucht nach Geistigkeit ist der Weg\ndes Menschen. Zwei Menschen verkünden das\nReich: der Priester und der Künstler. Beide sind\nSeher. Beide sind der Vision, der Offenbarung\nteilhaftig. Beide verkünden ihr Gesicht ihren\nGläubigen.\nDer verzückte Priester, der verzückte Künstler\nist nicht mehr Mensch. Nur der Verwandelte\nüberwindet sich zur Anschauung des Geistes. Das\nWerk des Priesters, das Werk des Künstlers ver-\nwandelt die Gemeinde zu Gläubigen.\nUnter allen Künstlern hat der Musiker die\ngrößte Gemeinde. Der Bühnenkünstler tritt an\nseine Seite. Das Bühnenkunstwerk tritt seine\nApostelfahrt an. Die Unbekehrten selbst verlangen\nBekehrung:\nEine Bühnenkunst tut not.\n♦ *\n*\nEs kommt darauf an, den Menschen die Vision\nzu gestalten.\nEs kommt darauf an, den Künstler zu hören.\nEs kommt darauf an, die Vision zu haben.\nEs tut not, an die Kunst zu glauben.\nKunst leidet nicht Not.\nKunst nimmt dem Menschen die Not."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "52", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.5", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1033, "texte": "Gedichte\n\nSophie van Leer\nTempel aus dem Morgenlande schimmern\nDeine Augen\nAuf meiner Stirne spielen Deine. Hände\nIn meine Träume gleißt Dein Schritt\nUm meinen Nacken schlängelt Dein Lachen\nIn weinender Demut knie ich vor Dir\nMein Antlitz atmet\n❖\nDein Herz schlägt tausend Schläge\nDein Rücken trägt den Himmel\nDu wächst in die Welt\nDein Blick sammelt Gebet\nGlut kränzt Deine Stirn\nLicht keimt Dein Atem\nA.us meinen Augen kniet Dein Altar\nFlamme zuckt nach dem Duft Deines Mundes\nIch reihe alle Gestirne um Deinen Nacken\nIch raube den Sternen ihr Silberkleid\nIch biege die Blitze in Deinen Schoß\nIch klinge Glöckchen um Deine Gelenke\nMeine Tage sind tot\nIn Klippen irren Gedanken\nDüsternis welkt Trauer\nTod weint über die Ebene meiner Seele\ntastet in Schmerz alle Wände ab\njagt den Wald meiner Nächte\nklagt die Welt aller Sehnsucht\n*\n\nSpiel\nWirf mich\nfange mich\nKlein-Spielgefährt\nSpinne Dein Seidenhaar\nschling Deine Rankenhändchen\nwippe die Trippelfüßchen\nwirf die Glieder\n$\nin die Sonne\nhasch mich\nich fange Dich\nKlein-Spielgefährt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "52", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.5.1", "titre_corps": "Sophie van Leer", "titre_sommaire": "Sophie van Leer", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.4", "debut_caractere": 10, "fin_caractere_exclue": 832, "texte": "Sophie van Leer\nTempel aus dem Morgenlande schimmern\nDeine Augen\nAuf meiner Stirne spielen Deine. Hände\nIn meine Träume gleißt Dein Schritt\nUm meinen Nacken schlängelt Dein Lachen\nIn weinender Demut knie ich vor Dir\nMein Antlitz atmet\n❖\nDein Herz schlägt tausend Schläge\nDein Rücken trägt den Himmel\nDu wächst in die Welt\nDein Blick sammelt Gebet\nGlut kränzt Deine Stirn\nLicht keimt Dein Atem\nA.us meinen Augen kniet Dein Altar\nFlamme zuckt nach dem Duft Deines Mundes\nIch reihe alle Gestirne um Deinen Nacken\nIch raube den Sternen ihr Silberkleid\nIch biege die Blitze in Deinen Schoß\nIch klinge Glöckchen um Deine Gelenke\nMeine Tage sind tot\nIn Klippen irren Gedanken\nDüsternis welkt Trauer\nTod weint über die Ebene meiner Seele\ntastet in Schmerz alle Wände ab\njagt den Wald meiner Nächte\nklagt die Welt aller Sehnsucht\n*"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "52", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.5.2", "titre_corps": "Spiel", "titre_sommaire": "Spiel", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.4", "debut_caractere": 834, "fin_caractere_exclue": 1033, "texte": "Spiel\nWirf mich\nfange mich\nKlein-Spielgefährt\nSpinne Dein Seidenhaar\nschling Deine Rankenhändchen\nwippe die Trippelfüßchen\nwirf die Glieder\n$\nin die Sonne\nhasch mich\nich fange Dich\nKlein-Spielgefährt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "57", "image_debut": 4, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.6", "titre_corps": "Seidenfaden : Erzählung", "titre_sommaire": "Seidenfaden : Erzählung", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.4", "debut_caractere": 1035, "fin_caractere_exclue": 8185, "texte": "Seidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\n\nI\nDie kleine Malschülerin Sine hatte das\nschwarze spiessige Einsegnungskleid abgelegt.\nEin geschwungener breitrandiger Hut deckte ihr\ndunkles Haar, sie trug ein lila Kleid mit rundem\nAusschnitt und nackten Armen. Das Haar, von\nder Stiefmutter glatt gescheitelt, rollte sie in zwei\nschönen Bögen um die Stirn und schwang es an\nden Wangen zum Liebesknoten auf den Nacken\nhinab. Die bisher beim Nahen eines Mannes ängst-\nlich gesenkten Augen hob sie schwermütig. Ant-\nwortete sie vordem bei der Anrede eines Mannes\nnichts als „Ja\" oder „Nein\", so begann sie jetzt\ndie Ansichten Seidenfadens zu äußern. Mit großen\nrunden Augen Seidenfadens starrte sie auf Jeden.\nEines Tages legte ein großer, schwerer Mann\nseine Tatze auf Sinens zarten, jungen Nacken: „Na\nMächen, jetzt wirste aber hübsch!\" Sine machte\nsich beleidigt los und regte sich auf: „Lassen Sie\ndas bitte!\" Nur Seidenfaden durfte die Hand auf\nihren Nacken legen, nur in Seidenfadens Geleit\nbesuchte sie das Theater, nur von ihm ließ sie\nsich am Bahnhof abholen. Sine besuchte die Mal-\nschule eines Professors, der bekannte Oelbilder\nvon Elfenreigen, Tanz der Blumenmädchen und\nParzivals ritterlichen Prüfungen gemalt hatte,\nseine Gestalten waren asketisch, präraff aeli-\ntisch. Kein Wunder, daß Seidenfaden der Erste\nund Einzige war, der ihrem präraftaelitischen\nIdeal beglückend entsprach: seine Parzivallocken,\nKniehosen, der stelzende Gang, die runden großen\nAugen gemahnten sie an des Professors Tanz der\nBlumenmädchen: die Sechzehnjährigen tanzen um\nParzival.\nSeidenfaden betete seine schlanke prärafiaeli-\ntische Geliebte an, aus der orangenen Lohe hatte\ner sie gehoben und sich ihr gesellt. Heimliche Wege\nmußte er gehen, denn Sinen gefielen heimliche\nWege wohl, und um der Stiefmutter ein Schnipp-\nchen zu schlagen, war ihr kein Weg zu heimlich.\nIn den ersten Liebesnächten hatte sie sich mit\neinem dunklen Winkel im Hause beholfen, dann\nwurde Sine kühner und das kleine Mädchen\nnahm den Liebsten auf ihr Zimmer. Sie legten sich\nzu Bett. Se<idenfaden hielt auf die ritterliche Tra-\ndition des Wagnerschen Bühnenweihspiels, aber\nsie liebten und küßten Einander dennoch frisch.\nDa Vater Dolling nebenan seine Theaterkritik ar-\nbeitete, verhielten sich die Liebenden still im Bett.\nAber es hätte nicht dieses Hemnisses bedurft,\ndenn die präraffaelitische Liebe war unfruchtbar.\nIn der nackten Zärtlichkeit war Seidenfadens Lust,\ner mied die Häßlichkeit der befruchtenden Tat. Es\ngelüstete ihn nach Sinen, er war neugierig, er-\nregte sich, fieberte, aber er fürchtete die Flammen.\nDenn auf den Stirnen junger Frauen steht die\nWarnung geschrieben:\n„Die geringste Zärtlichkeit ohne den Gedanken\nan Vereinigung errichtet Ausschweifung.\"\n* *\n*\nSeidenfaden erwachte an einem heißen son-\nnigen Vormittag um zehn Uhr, zog sich eilig an,\nstellte Wasser zum Thee auf den Kocher und\nholte vom Flur seine beiden täglichen Schrippen\nsamt der Post. Ein Brief im Bütten-Umschlag, die\nAdresse von Sine in schrägen, dicken Zügen ge-\nschrieben, war früh gekommen. Seidenfaden zog\ndie lila Vorhänge zu, stand mit dem Brief und\ndachte nach, dann entnahm er ihm einen großen\nBüttenbogen, beschrieben mit einem Gedicht, das\nvon unzähligen Gedankenstrichen unterbrochen\nwar.\nSeit ewigen Zeiten war es die köstlichste\nBrautgabe der reinen und freien Frauen, sich mit\nihrem Jungmädchenstolz dem Liebsten hinzugeben.\nSine kleidete ihre frische Liebe in literarische Pose,\nihre freie Anmut puderte sie mit Damensehmach-\nten.\nSeidenfaden las den Brautbrief und errötete.\nDann verfärbte er sich und seine Augen brannten\nnächtig. Er brachte seine Stube in Ordnung, das\nblaue Bett verhüllte er mit der Liladecke, stellte die\ndurchsessenen Stühle in den Winkel, säuberte den\nwüsten Schreibtisch, rückte des toten Beethoven\nGipsmaske grad, schloß die Fenster und Vorhänge\ndicht vor dem Sommertag, entzündete die Lila-\nlampe und die Kerzen seiner beiden grünen Wand-\nleuchter, verbrannte schließlich ein Stück Ambra.\nEr beschloß, fastend die Feierlichkeit des Empfangs\nvon Sinens Brautbrief zu begehen.\nInmitten seiner sackleinenwattierten Zelle\nstellte er den Notenständer und holte die Geige\naus dem Kasten. Nun entkleidete er sich eilig und\nbegab sich völlig nackt in seiner dürftigen Mager-\nkeit vor den Notenständer. Er hatte das Zimmer\nnicht abgeschlossen, denn zu jedem Augenblick\nsollte die Geliebte bei ihm eintreten dürfen. Den\nBrief hatte er aufgeschlagen auf den lila Samt\ndes Ständers gelegt. Er betete mit tiefer Stimme,\ndie Handflächen aneinander gelegt, den Brief:\nDu — Du — Du —\nDu weisst, was es sagt —\nDu fühlst — Du sinnst über das Unendliche\nin diesem Du —\nWas soll ich da noch schreiben —\nDu sagst — und erkennst — und verstehst ja\nAlles —\nIch wiederhole Dich nur —\nUnd tausend Mal kanns nicht anders sein!\nDu — Du — Du —\nWas machst Du mit mir —?\nDu gabst mir Deine Sehnsucht —\nIch will sie noch sehnsüchtiger machen —\nDu sollst in Deiner Sehnsucht auf ewig leben —\nJa — Ja — Ja —\nmein Leben lang —\nJa 1\nDeine Einsamkeit fühle ich —\nDenn sie ist auch meine —\nDu — Du — Du\nVerstehst Du denn —\nMein Schweigen nicht —?\nJa — Ja — Ja —\nDu verstehst mein Schweigen —\nAber Du bist zu unsicher in Deinem Glück —\nUnd Ich — Ich — Ich —\nsoll nur sagen —\nDu hast meine Seele —\nUnd ich hab Deine Seele —\nUnd sie sollen sich —\nEwig zu Einander sehnen — Namenlos\nDie Kerzenflammen knisterten fressend zu\nSeidenfadens Häupten. Seidenfaden schwieg, stolz\nhinterm Ständer aufgerichtet. Dann ergriff er die\nGeige und spielte Sinens Leitmotiv. Draußen auf\nder Stiege ging ein schwerer Tritt, der Bäcker-\njunge holte die leeren Brotbeutel von den Türen.\nDa erhob Seidenfaden die schrille Sopranstimme\nund sang nach Sinens Leitmotiv den Brautbrief.\nSchneekamps, ihre drei Töchter, sämtliche Haus-\nbewohner öffneten ihre Türen und lauschten\nkopfschüttelnd. Der Bäckerjunge miaute und sang\ndrunten von der Treppe herauf:\nDen schönsten Platz, den ich auf Erden hab,\nist eine Rasenbank am Dönhoffsplatz!\nSeidenfaden hörte nicht. Nach dem Wort\n„Namenlos\" legte er die Geige in den Kasten,\nzog die Kleider an, öffnete Vorhänge, Fenster und\ntrug auf dem Titelblatt seines neuen Manuskriptes\nein: „Des Jünglings Siegel zerbrach . . .!\"\nII\nAn einem schönen Abend Ende Mai war\nSeidenfaden mit Sine und Frau Gabrielen im\ndichten Walde. Sie ruhten zudritt in einer Mulde\ndes Abhangs und schauten durch die Kiefern auf\nden See herab, der in roter Lohe brannte. Kein\nMensch würde sie in diesem versteckten Wald-\nwinkel suchen. Des Sommers bunte, klare Wol-\nken hingen über ihnen in den strengen Wipfeln,\nWanderlieder schwebten durch den Wald, und\nnahe raunte im sachten Wind Aeolsharfen-Läuten.\nDie hellblaue Nacht kam und die Drei starr-\nten seit Stunden wortelos auf die See. Sine lag\neng verschlungen mit Seidenfaden und sie küßten\nEinander ohne Aufhören. Frau Gabriela saß\ndaneben, aufgerichtet, und schaute starren Blicks\nunter gerunzelter Stirn auf das Abendrot, bis\nes überm See in ferner Walddichte verging. Sie\nwar eifersüchtig auf das kosende Paar und\nfühlte sich schmerzlich einsam. Schließlich bat\ndie listige Sine: „Gabriela, du bleibst doch\ndiese Nacht mit uns zusammen. Du kommst mit"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10316, "texte": "auf die Stube zum Bunten. Er macht Thee, wir\nessen Abendbrot und gehen dann alle Drei im\nWald schlafen. Die Nächte sind ganz warm, nich\nBunter? Und Morgen früh sind wir viel früher\nals die andren ekligen Puten aufgestanden, alle\ndenken, wir kommen vom Spaziergang.\"\nSine sprach mit der piepsigen Quäkstimme\nihres Bunten, wenn sie besonders zärtlich sein\nwollte: „Bunter, Frau Gabriela kann ihrem Ollen\nerzählen, daß sie in Berlin bei der Mutter über\nNacht bleiben mußte.\"\nFrau Gabriela erglühte und erörterte eifrig den\nPlan des nächtlichen Abenteuers. Seidenfaden\nfügte sich gern in weibliche Entscheidungen. Die\nDrei stahlen sich heimlich im Dunkel durchs Un-\nterholz und schlichen in Seidenfadens Stube.\nWährend Seidenfaden Thee machte, besichtigte\nFrau Gabriela die völlig mit Sackleinen wie eine\nKiste auswattierte feine Stube von Sinens Bräuti-\ngam. Eine dick mit violettem Tüll verhüllte Lampe\nverbreitete einen magischen Schimmer und ließ\nam Fuß grad so viel normales Licht auf den Tisch,\nals der in Arbeit befindliche wüste Manuskript-\nhaufen erforderte. Lilaseidenvorhänge schwebten\nim Nachtwind an den Fenstern, Seidenfadens Bett\nwar lila bemalt und lila verhangen.\nMitten auf dies Bett setzte sich Frau Gabriela\nund drückte seinen weichen Bausch als Polster\nin ihren Rücken. Sine sorgte keusch, daß das Weiß\ndes Bettes nirgends hervorguckte. Die Frauen\nhatten sich gemütlich eingerichtet, sie erhielten\nThee mit Kuchen. Seidenfaden schmiegte sich\ndicht an Sine aufs Bett, und beide tranken aus\ndemselben Glas. Beim Thee wurde den Frauen\nwarm und sie erzählten ein wenig Klatsch, bis\nSine bat: „Bunterchen, spiel uns auf der Geige\nvor, was du dir nur für uns ausdenkst.\"\nSeidenfaden stand auf und lehnte die Geige\nab. Aber er möchte ihnen gern aus seinem Roman\nvorlesen: „Des Jünglings Siegel zerbrach!\" Er\nnahm einen Folianten, in rotes Sackleinen gebunden,\nvom Tisch, legte ihn in den normalen Lichtfleck der\nLilalampe und las bis Mitternacht vor. Dann\nlöschte Seidenfaden die Lampe, rückte eng an die\nbeiden Frauen aufs Bett, und warm zudritt\nschauten sie dem Wehen der Vorhänge zu, die\nsich bauschten und sich wie kleine Mädchen\nzierten.\nAls es Zeit war, schlafen zu gehen, stiegen die\nbeiden Frauen voran behutsam und geräuschlos\ndie Stiegen hinunter. Seidenfaden hatte gebeten,\ndaß die Kleider nicht im Flure rauschten, und\nBeide hielten die Röcke knapp gefaßt. Kein\nStreichholz durfte angezündet werden, denn das\nHaus durfte nicht erfahren, daß der Herr Künstler\ngleich Zweie auf einmal dahatte.\nAuf dem steilen Weg zum See in der Nacht\nlachten die Frauen, Frau Gabriela hakte sich in\nSeidenfadens Arm, und zudritt eng aneinander ge-\nschmiegt schritten sie am stillen See, im tiefen\nDunkel, unter Birken und wenigen Sternen. Die\nWälder heulten vom Gebell eines wütenden\nHundes. Sie stiegen in den Wald hinauf, Seiden-\nfaden breitete Mantel, Umhänge, Decken und\nKissen in der Finsternis auf dem Nadelboden aus,\ndann legten sich alle drei. Die Frauen schmiegten\nsich an ihn und er hielt Beide umarmt.\nSeidenfaden, ohne Furcht und Tadel, war ent-\nhaltsam: nie brauchte Don Quijote eine solche\nFeuerprobe der Keuschheit abzulegen. Die Frauen\ndeckten sich mit Seidenfaden gut zu, und sie\nruhten liebegenießend bis zum Aufgang der Sonne.\nAls sie eingeschlafen waren, wachte der uner-\nmüdliche Bunte über ihren Schlaf.\nDer kalte, eisig-tauige Morgen machte endlich\nSeidenfaden schläfrig. Da erhob sich Frau Ga-\nbriela leicht und flink, verbeugte sich vor dem\nLiebespaar, gab Seidenfaden einen Kuß und ver-\nschwand, um mit dem ersten Zug aus Berlin zum\nOllen heimzukehren und ihm seine Hafersuppe zu\nkochen, bevor er zur Arbeit fuhr. Auch Sine war\nschleunigst aufgestanden. Nur Seidenfaden war\ngeblieben und schaute träumend auf seinen Decken\nder holden Liebsten nach. Sine winkte mit dem\nbreitrandigen Gretchenhut und schüttelte stumm\nihr dunkelhaariges Haupt zum Abschied.\nSeidenfaden stand auf, sammelte das Nacht-\nlager zusammen, und ging feurig von Liebe,\nFrauen, Welt, glückheiß unter Kiefern als zwischen\nTempelsäulen. Er hatte mit zwei schönen Frauen\neine Nacht geschlafen und er hatte keine berührt,\nhatte sich nicht im Fleische vermengt. Er war\nder Beseelte, der Bunte, Stern des Bundes, prä-\nraffaelitischer Ritter, der die Frauen im Geiste\nliebte.\n* *\n*\nLila Morgenrot stand über der grauen Erde im\nOsten. Eine kalte, klare Nacht war zu Ende.\nSeidenfaden schlüpfte aus Sinens Bett und zog sich\nhastig an, während Sine müde in den Kissen bUeb.\nEs würde Sine garnicht einfallen, aufzustehen,\nwenn sie nicht Seidenfadens Rückzug zu decken\nhätte. Sie gedadhte bitter all der Frauen, die\nMorgens mit dem Liebsten liegen bleiben und\nsich der Sonne erfreuen dürfen, wenn sie spät auf\ndie Betten schien. Sie legte ihren Mantel um und\nstand bei ihrem Bunten. Er hob seine Hände zu\nihren Wangen, streichelte und küßte sie. Dann bog\ner ihr Haupt sacht und legte es an seine Wange.\nAndächtig murmelte er die Melodie, die er zu\nGeorges „Weißen Aras\" komponiert hatte.\nSine hatte an ihn geschmiegt die ganze Nacht\ntief geschlafen, während er ihren Schlaf hütete.\nMüde sehnte er sich in seine Stube, um auszu-\nschlafen. Er nahm seine Stiefeln in die Hand und\nschlich behutsam an den Türen der Dollingschen\nFamilie vorüber, gewann die Treppenbahn und\nlief zur Halle hinunter. In diesem Augenblick\nging Sine mit festen Schritten die Galerie entlang\nzum Oertchen, um ein etwaiges Geräusch des\nLiebsten zu maskieren. Seidenfaden durcheilte\nvom Treppenpodest aus quer die Halle, alsDollings\nneues Kinderfräulein, das seit einigen Tagen auf\nLauer lag, zur Treppenbrüstung sich herabbeugte,\nSeidenfadens Magier-Spitzhut und seinen Zauber-\nUmhang im Wind der Freiheit sich bauschen sah.\nSie war aufgeweckt durch Sines Gang.\nDie Liebenden waren auf frischer Tat ertappt.\nDas Fräulein lief zu Frau Dolliing, die noch schlief.\nMit Entrüstung des verletzten Schicklichkeitsge-\nfühls, mit Neid auf die glückliche Geschlechtsge-\nnoßin, die einen Genuß gehabt hatte, den sie sich\nim Augenblick nicht leisten konnte, mit Haß auf\ndas freche Stiefkind — erhob sich Frau Dolling\nund ging zu ihrem Mann, der in der Frühe seine\nKritik arbeitete. Sie holte ihn ins Schlafzimmer\nund hielt ihm einen Vortrag über die Gewohn-\nheiten seines Töchterchens.\nSeidenfaden hatte bereits einige Male anzu-\ndeuten versucht, welche Hoffnungen, welche\nernsten, beachtlichen Wünsche er hegte. Er hatte\nDolling ersucht, ihm mit Sinen Eines der Familien-\nzimmer, das nicht ausgenutzt war, als Ehestube\neinzuräumen. Eines genügte ihnen und es bliebe\nihnen die Zahlung der Miete erspart. Seidenfadens\nZumutung hatte Dolling erbost und er wies sie\nrundweg ab. Des Vaters Ablehnung verursachte\nder stolzen Sine Schwermut in ihrer Maienzeit.\nIn ihr vereinsamtes Liebesstüblein stürzte der\nvon der giftigen Hornisse Stiefmutter gestochene\nDolling, beschimpfte die Tochter im Bett als\nStrassenmädchen, und verbot die nächtlichen Be-\nsuche Seidenfadens. Sine starrte ihren Vater an,\nden sie selbst auf literarischen Festen von Mäd-\nchen zu Mädchen hatte nippen und küssen sehen:\ner verbot brutal den Frauen die Genüsse, die\njedem Herrn freistanden. Sie bekam einen Anfall\nvon hysterischem Schluchzen, schrie, der Vater\nsolle auf der Stelle hinausgehen, und der Vater\nverließ befriedigt die Stube, stolz darauf, die\nWeiber-Angelegenheiten in Reihe gebracht zu ha-\nben. Frau Dolling fuhr gleichgültig nach Berlin\nund das Haus lag still und öde.\nSine tat Salmiakgeist, den sie zum Kleider-\nreinigen brauchte, in ein Glas mit Wasser. Das\nwürde vielleicht scheußlich brennen, aber schaden\nkonnte es nicht Sie wusch sich, machte das Haar\nund steckte es in einen süßen Knoten auf, legte\nSchminke auf für Blässe, zog ihr Kleid vom letzten\nFeste an, deckte die braune Samttisahdecke\naus Dollings Wohnzimmer über ihr Bett, flocht\neinen Blütenzweig ins Haar, schloß die Fenster,\nzog die Vorhänge dicht vor, zündete die Kerzen der\nbeiden Wandleuchter an, stellte das Glas mit Sal-\nmiak auf ihrem Nachttisch zur Hand und streckte\nsich schließlich aufs Bett aus, um in Schönheit den\n„Todestrank\" zu nehmen.\nSine stellte sich vor, daß sie sterben würde:\nWenn der Salmiak wirklich Gift wäre? So lag\nsie ein Weilchen. Dann wurde ihr schauerlich zu\nSinn, sie nachtwandelte im Mondschein am Dach-\nrand, wie schauerlich ihr Gehen war, einsam,\nhülflos. Sie lag tot, bekränzt auf dem Bett, und der\njunge Dante trat zu Beatrix und kniete vor der\nEntschlafenen. Sine zupfte an ihrem Bett, strich\ndie stillosen Falten heraus, streckte sich wage-\nrecht, legte die Hände edel zum Busen und richtete\nihr teilnamlos wächsernes Angesicht zur Zimmer-\ndecke auf. Kränze und klagende Freundinnen.\nFrau Gabriela kam, die erschrockene Stiefmutter.\nUnd dann tritt Dante-Seidenfaden über die\nSchwelle, um Sinens feierlichen Tod wahrzu-\nnehmen, kniet nieder am Bette.\nAber sie starb durchaus nicht, den Gefallen\ntat sie der Stiefmutter gewiß nicht, solange sie\nlebte. Sie nahm das Glas und trank den dummen\nSalmiak auf einen Zug herunter. Sine brüllte aus\nAngst vor der Säure um Hilfe, blieb aber steif\nliegen, um nicht die Linie ihres Sterbebettes zu\nverrücken. Die Kinder holten auf das Gebrüll den\nVater, der zur Tochter stürzte. Er rang die Hände\nund rief: „Kind, besinne dich!\" öffnete ihre Bluse\nund wollte ihre Brust aus dem Glas auf dem\nNachttisch einreiben, als sie „Gift\" hauchte, „ick\nhabe mich vergiftet, Vater\", und in neue Ohn-\nmacht sank.\nDas ganze Haus lief vor Sines Tür zusammen.\nMan beeilte sich, den Arzt zu holen, um irgend\nmöglich Sinen noch zu retten. Der junge Arzt\nkam, aber als Sine durch den Arzt ihren ganzen\n„Selbstmord\" gefährdet sah, wurde sie tobsüchtig,\nstieß mit Händen und Füßen nach ihm und dem\nVater, obgleich sie ihre edle Sterbelinie dadurch\nverrückte. „Sie bringen mich um\", schrie sie ver-\nzweiflungsvoll, „fort, zur Hilfe! Polizei!\" Sie biß\nin die Decke, schlug mit der Faust gegen den\nNachttisch, daß das Glas zu Boden stürzte und\nzerbrach. Der Arzt hatte ihren Tobsuchtsanfall\nhervorgerufen, als er sich über das Glas beugte\nund daran roch. Er hatte gelächelt und ,Salmiak\"\ngesagt.\nUnverrichteter Dinge mußte der Arzt ab-\nziehen. Der arme Dolling war zusammenge-\nbrochen und stammelte, indem er Sine umschlang:\n„Mein einziges Melusinchen, mein Mäuschen. Du\nsollst doch den Liebsten behalten, keiner nimmt\nihn dir. Seid zusammen, so oft ihr wollt, nur"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9882, "texte": "braucht ihr das grade nicht in meiner Wohnung\nabzumachen.\nEs blieb unaufgeklärt, ob Sine in der Verwir-\nrung ihrer Sinne die Versprechungen des Vaters\nvernahm. Geistesabwesend hatten sich ihre Augen\ngeöffnet. „Verlaßt mich nun Alle!\" Das arme\nKind ahnte garnicht, daß ein tiefbetrübter Vater\nan ihrem Bette kniete und auf das erste Zeichen\nihrer kindlichen Liebe wartete. Als Dolling end-\nlich hinausging und die Tür hinter sich schloß, lag\nsie im tiefen Schlaf. Er weinte.\nSine schlief ihren gesunden Jungmädchenschlaf\nnach der Liebesnacht, der Salmiaktrinkerei und\ndem Kampf gegen den Arzt. Gegen Mittag betrat\nSeidenfaden das Heim. Frau Gabriela eilte so-\ngleich zu Seidenfaden und berichtete Sinens ver-\neitelten Selbstmord. Der Bräutigam stand auf\nder Altane und erhielt den schrecklichen Stoß\nmitten in seinen Sommernachtstraum.\nSeine Bücher, die er im Arm trug, stürzte er\nplumps zu Boden, schlug die Musiktasche drauf,\nwarf den Magier-Spitzhut fort und stieg gebückt\nzur Halle hinab, wo er auf der Bank am Eingang\nElend ertrug. Er stützte die Wange mit der Hand,\nvornübergesenkten Hauptes, hängender Locken,\nund Gabriela hörte ihn flüstern: „Das haben sie\ndir getan!\" Er durfte nicht zu Sinen, Sine litt\nund wäre lieber gestorben.\nNach Seidenfaden kehrte Frau Dolling zurück,\nsie schritt verächtlich an Sinens Bräutigam vor-\nbei und vernahm von Frau Gabrielen die Neuig-\nkeit des vereitelten Selbstmordes mit ungeheuchel-\ntem Gleichmut. Sie ließ sich nicht herbei, das\nZimmer der Stieftochter aufzusuchen.\nKurz vorm Essen ging Vater Dolling zu seiner\nTochter. Sine erhob sich und warf sich weinend\nan seine gerührte Brust. Dolling schwur ewige\nVaterliebe.\nSeidenfaden wurde als Schwiegersohn „gedul-\ndet\". Sinen legte die Schwere ihres „Selbstmordes\"\nein Vorsichts-Anstands-Xrankenbett von vierzehn\nTagen auf.\nIII\nSine hatte die Füße aufs niedre Fensterbrett\ngestemmt, ihr jungenshaft schlanker Rücken var\nvorgebeugt, und sie nähte emsig und gewandt den\nschönen seegrünen Tuchstoff, der über ihrem\nKnie in schimmernden Falten lag. Morgen leuch-\ntete in das ebenerdige Eckzimmer durch seine\nbreiten Fenster, in das Spielzimmer der Kinder,\naus dem sie bei den Schularbeiten die ruhige Vor-\nortsstraße auf die flachen Hände nahmen.\nHeil und still war es Morgens für Melusine\nund Nonne, um zu nähen, um %u\nhaben und Rat miteinander zu tauschen. Ein\nlustiger Fries bunter Tiergestalten, von Jagd-,\nTanz- und Festaufzügen unter tropischen Bäumen\nwandelte zur Kinderfreude rund die Wände ab.\nWeiß mit rotem Rand waren Vorhänge und\nWäsche, rot bemalt auf weißem Grund Truhen\nund Türen, einen roten Rand hatte die Zimmer-\ndecke und rote Fensterkreuze standen vor der\ngemächlichen Straße.\nNonne sang droben im Haus. Ihre Mädchen-\nlieder stiegen frei in den blausten Tag, sie brachte\ndie Stuben in Ordnung mit den geschwinden\nHänden, Vorhänge gingen auseinander, anspruchs-\nvoll sich brüstende Möbel rückten karg zusam-\nmen, Teppiche rollten zum bedeutungslosen Bün-\ndel. In der OktoberküMe waren Fenster und Tür\nweitoffen für den wenigen Sonnenschein des\nletzten Herbstes.\nVenus leuchtete nicht im Tag, Jupiter war\nstumm, Saturn drohte Melusinen mit Zahl und\n,Schrift. Das englische Horoskop hatte Sine vor\ndiesem Tag gewarnt. Vor Denen, die ihr heute\nUnglück bringen konnten, hielt sie sich versteckt,\nsie vermied Unterschrift und Geldzahlung, sie\nschwänzte gar das Aktzeichnen in der Malklasse.\nSinchens langes faltiges Fräuleins-Gesicht war\nwelk und grau, es blieb puderfrei an diesem\nSorgetag, das Unheil zu bannen:\n„Der Urd Riegel sollen dich allseits wahren!\"\nAbends, wenn Sterne scheinen, wird Sine sich\nins süße Leben wieder hineinwagen.\nNonne im Arbeitskleid leuchtete mit blauen\nAugen, ihr Lied war Geläut der Pförtnerglocke\nzum Kk)ster, es hatte milden Ton und tröstete Zu-\nfluchtheischende wachen Traumes. Der Brief-\nträger schellte, der Monteur sah die Lichtleitung\nnach, es stand ihm der Sinn nach Gespräch von\nder Leiter herab mit Nonne, kleine Kinder auf\nder Treppe wollten guten Tag gesagt haben, eine\nNachbarin wollte getröstet sein. Nonnens last-\nbarer Rücken trug die Mühe der mühlos Vorüber-\ngehenden, das Verderbliche der achtlos Befehlen-\nden. Wer anders wohl als nur sie mußte die Ar-\nbeit tun, die allgegenwärtige. Würde, sicheren\nTrost barg Nonne, und ihre Augen hehlten nie\nDenen, die ihr vertrauten. Mutter in ihrer natür-\nlichen Bereitschaft, spielte sie mit Kindern ihr mär-\nchenschlichtes Leben.\nMelusine harrte argwöhnisch in der Mitte ihres\nSpinngewebs, zitternd vor der gemeinen Berüh-\nrung. Als Nonne ins Zimmer zu ihr trat, besann\nsich Sine, daß von Nonne keinesfalls böser Ein-\nfluß drohte. Sine hatte das Haar gelöst, schönes,\nechtes, dunkles Haar, aber rot gefärbt. Sie hob\ndie Lider von zwei schönen, runden und leeren\nAugen; das Liderheben tat sie mit der Schwere,\ndie aus dem Wissen der Frau verdichtet war, im\nParadiese der Anbetung zu ruhen.\n— „Ist das Kleid noch immer nicht fertig?\nWarum haben Sie es wieder aufgetrennt? Es saß\nsehr gut, als die Schneiderin es brachte —rief\nNonne und beugte sich über Sinens Schulter, um\ndas seegrüne Kleid zu beschauen, welches Sine\nzum dritten Male auftrennte und wieder zusam-\nmenfügte. Es war immer noch zu wenig knapp um\nden Busen, zu wenig schmal und kurz um Hüfte\nund Beine.\n— „Heut solls fertig werden. Du hilfst beim\nAnproben, Nonnchen! Ich muß immer scheen\nschlank for meinen Bunten sein\", berlinerte sie.\n„Wenn ich nicht mehr schlank bin, nimmt er ne\nSechzehnjährige\".\nNonne lachte, schob stürmisch eine Truhe an\nder Wand, als wirbelte eine Pauke:\n„Quatsch, Sie sind mit dem Bunten jetzt zehn\nJahre zusammen, da kann er nicht verlangen, daß\nSie ein kleines Mädchen ohne Busen und Hüften\nmimen.\"\nSinen schmerzte stark der Kopf, Nonnens\nPaukenwirbel, die abergläubische Sorge aus Sa-\nturn, der Mißmut, am schönen Tag einsam zu\nBitzen, der Verdruß über das unfertige Kleid —\nalles ärgerte sie und sie verwies die in der Liebe\nunentwickelte Arbeiterin mit sachlicher Kühle:\n— „Das ist das Asketische: ich darf nicht dick\nwerden. Der Bunte kann die dicken Weiber nicht\nausstehen, das weißt du auch, Nonne. Sie sind\ntemperamentslos, unerotisch, ohne Leidenschaft,\ndie dicken Puten sind immer gleich alle, hach!\n„Ich trage jetzt ein neues Korsett, das den\nBusen wegschnürt und die Hüften bis zum Ober-\nschenkel herab in schlanke Form preßt. Ich\ndachte schon, wie ich das Fleischige, das formlos\nhinten herabhängt und in den engen Röcken nur\nstört, fortbringe. Am Beste* wäre ein Netz am\nKorsett.\n„Und dann habe ich zu kurze und dicke\nBeine. Afte Frauen haben zu kurze Beine, des-\nhalb wirken wir immer dick. Da wäre ein Streek-\nApparat nötig. Wenn meine Beine nur zwei Zen-\ntimeter läfiger würden, so machte das viel aus.'1\nSine plapperte, Nonne hatte sich auf die Truhe\ngehockt, sie eulenspiegelte mit entzückenden\nFlämmchen zu Melusinen: „Wieviel Apparate\ntragen Sie schon auf dem Leib? Rückenhalter,\nHüftkorsett, Streckapparat, jetzt den hinteren\nHalter! All das dem Bunten zu Liebe. Lassen\nSie ihn doch endlich laufen. Wegen seiner Sehn-\nsucht nach Sechzehnjährigen gehen Sie in kurzen\nRöcken?\"\nSine nahm beleidigt das grüne Tuch und ging\nzur Tür, indem sie im engen Kleid von jesuitischer\nMagerkeit ein schwarzes Ausrufungszeichen durch\ndie Spalte schrieb. Hinter dem köstlichen Aus-\nrufungszeichen feixte Nonne und lachte.\nSine ging ins Schlafzimmer der Kinder, wo\ndie Nervös-Ungeduldige es garnicht rasch genug\nmit ihrer Näherei treiben wird, um Nonne für die\nAnprobe zu rufen.\n— „Nonnchen, kommste mal?\" Als Nonne ein-\ntrat, zog Sine den Fenstervorhang zu und begann\nrasch sich ganz zu entkleiden.\n— „Mein Bunter sieht mich immer nackt,\nbrauchste dich nicht schämen. Wenn ich das Kleid\nauf dem nackten Leib anprobe, sehe ich, ob es noch\nzu weit ist; wenn es auf der Haut glatt anliegt,\nist es richtig. Zieh nur auch deine Unterröcke aus*.\nMit nem Trikot unter siehste gleich jung und\nschön aus.\" Sine lief nackt zum Spiegel, um die\nLinie des Haars zu prüfen. Ihre Leibesgestalt er-\nstand, als sie den Zwangsapparat für Busen und\nHüfte abgelegt hatte, in Fülle und Anmut der frau-\nlichen Glieder, schön, licht, dreissigjährig, von\nSchnürapparaten weder asketisch, noch sechzehn-\njährig entsteht. Lifebesblicke durften auf ihrem\nunversehrten Busen ruhen, Küsse die Lenden und\nden weißen Libellenrücken der Frau berühren, die\nnatürlichen, einzig liebenswerten Unvollkommen-\nheiten waren ihr wie jedem weiblichen Gefäß der\nMenschheit zu eigen.\nSine hatte nicht geritten, kein Ruderboot ge-\nmeistert, kein Segel gesetzt, um vorm Sturm zu\nkreuzen. Sie hatte im Wettlauf oder Spiel nicht die\nMuskeln gestählt, nicht den Leib biegsam und seh-\nnig, zur schmalen Lanze gefertigt. Sie hatte nie\nden Ehrgeiz gekannt, lustreiches Gefäß der Sonne\nim Norden zu sein. Sinens geistreiche Blässe,\ndas Trauernde, Interessante, Schmachtende, wa-\nren anämisch. Sanfte weibliche Fülle, Liebes-\nreife verlangten körperliche Ausarbeitung. Aber\nSine blickte geringschätzig auf Turnen oder\nkörperliche Spiele. Ein Mädchen, das den Winter\nhindurch in den Havelbergen rodelte, war stumpf-\nsinnig. Sine kannte immer nur eine Sorge in ihren\nJungmädchen-Jahren, ihre gesunden, gottschönen\nGlieder asketisch zu zwängen, geistreich und inter-\nessant zu sein. Sie legte sich tagelang mit eroti-\nschen Romanen aus aller Welt zu Bett, um ihre\nSchönheit nachzugeistigen.\nEsther des Orients nafcm Harfe und Tanz-\nbecken in schwingende Hände, mit geschmeidigen\nBeduinengliedern tanzte sie nervig, an ihr freuten\nsich Fürsten und Krieger. Sine besuchte den Hyp-\nnotiseur, da sie an nervösen Schwächungen litt.\nSine ließ sich stets gern bewundern, und war\nNiemand dafür da, nicht einmal Nonne, so be-\nwunderte sie sich allein vor lauter Langeweile\nund unterhielt sich mit ihrer seidigen Nacktheit.\n„Sie finden sich wohl sehr schön\" machte\nNonne vor der langweiligen Sine. Und Sinens eben\nnoch leere, rund hervorquellende Augen wurden"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8973, "texte": "sorgend scharf und schwarz. Sie erinnerte sich\nihres bösen Tags im Horoskop und legte sich den\nschimmernden Tuchstoff über den nackten Leib,\nhastete mit der Anprobe.\nDas Kleid war nicht zu brauchen und es wurde\nfür die Kinder verarbeitet.\nIV\nSeidenfaden kehrte heim von Sine.\nIn der kühlen Oktobernacht leuchtete der weiße\nDampfballen des davonfahrenden Zuges. Die\nAhornbäume an der einsamen Strasse waren noch\ndichtbelaubt, spärlich standen einzelne Gaslaternen\nim Schatten. Die Straße führte zwischen Bahn-\ndamm und Kiefernwald, kein Haus lag an ihr, kein\nMensch kam Seidenfaden in der späten Nacht-\nstunde entgegen.\nDie scharfen Schatten der Ahornblätter waren\nunruhig und sie veränderten ständig die weißen\nLichtflecke auf der Straße, lang und dünn und\nstachlig von vielen feinen nervös zitternden\nSpitzen. Seidenfaden schritt langsam im tiefen\nSchatten der alten Bäume, bog sich manchmal\nnieder zur Hocke und sammelte den Dung von\nder Straße in eine spitze Tüte. Die Lichtflecke\nblinzelten verschmitzt, die scharfen Ahornschatten\nstachen zierlich mit den Spitzen auf Seidenfaden\nein. Aber er hob nicht das Gesicht, eilends ver-\ntieft in sein nächtlich fruchtverheißendes Geschäft.\nEr bog in den Weg zwischen Hecken und hielt\nbei der letzten Gaslaterne still. Im Schatten seines\nMagierspitzhuts stand er klein, dürr, schwarz, in\nKniehosen. Unter dem breiten Hutrand hing langes\nHaar um sein bleiches Gesicht.\nBehend, leise machte er sich fort in die Finster-\nnis, sein Rücken krümmte sich zum Katerbuckel.\n* *\n❖\nIn Seidenfadens weitabgewandter Bodenstube\nbrannte allnächtlich bis zum Morgen die Lampe,\nihr trübes Licht glomm im Giebel des Landhauses\ndurch die Kiefernwipfel bis zum Frühzug. Bei\nseinem Rollen auf dem Gleis entkleidete er sich\nvor dem Buch, das er las.\nEr las das Aegypter - Evangelium: Als\nJesus eine Andeutung über das Weltende machte,\nfragte Salome: „Wie lange werden Menschen\nsterben?\" Der Herr antwortete mit gutem Be-\ndacht: „Solange Weiber gebären\". Auf diese Ant-\nwort fragte Salome, die von einer falschen Auf-\nfassung der Zeugung ausging: Ob sie also besser\ndaran getan hätte, keine Kinder zu gebären!\nWorauf der Herr erwiderte: „Iß jede Pflanze, nur\ndie Bittere iß nicht!\" Die Jüngerin fragte weitere\nFragen aus geschlechtlicher Neugier, denn Jünger-\ninnen fragen immer. Und der Herr tat ein\nUebriges, um alle Fragen zu beantworten.\nSie fragte, wann das geschehen würde, wo-\nnach sie fragte. „Wann Ihr die Hülle der\nScham mit Füßen tretet, und wann zweie\nEines werden, das Männliche mit dem Weib-\nlichen weder Männliches noch Weibliches.\"\nDer Herr fügte das Uebrige hinzu, indem er von\nsich selbst sprach: „Ich bin gekommen, um die\nWerke des Weibes zu vernichten, ihre Werke Ge-\nburt und Tod!\"\nSchönling Seidenfaden, der ruhelos erotisch\nNeugierige, stand vor dem Berggipfel und sah\nseine roten Zinnen, getrennt von ihnen durch den\ntausendjährigen Abgrund. Aber Sinens fleisch-\nliches Verlangen war Seidenfadens reizender\nStachel, der blühende Querbalken am Kreuz seiner\nPassion, seines Schmachtens, unmöglich war es,\nSine auszutilgen, das wußte er mit entsagendem\nLächeln: dies Fleisch war unvergänglich, unaus-\nlöschlich.\nSeidenfaden liebte es, sich im Schwärm eroti-\nscher Vorstellungen zu bewegen, um Gedanken\nhaben zu können. Er hatte ein übersinnliches\nHeiraten von Seidenfaden und Sine, von Ich lind\nDing ersonnen und den gnostischen Syzygien\nnachgeahmt. Er haßte die geheimnisvolle Häß-\nlichkeit und das verborgen Schmutzige des Ge-\nschlechts, er verabscheute es, aber zugleich ver-\ngnügte es ihn literarisch. Dickwerden der frucht-\nbaren Mutter, Schwangerschaft, das Kind im\nBauch, überhaupt volle und gesunde Fleischesblüte\nvon Mädchen und Frauen belustigten ihn, das\nnannte er „ihre Werke Geburt und Tod ver-\nnichten\".\nDie Steintreppe zum Bahnsteig eilte Seiden-\nfaden hinauf, ein Betrunkener taumelte vor ihm\nauf den Stufen. Er sah das gefährliche Schwanken\ndes Trunkenen, als wollte er hintüber stürzen. Im\nNu, behend, elegant war Seidenfaden im Bogen\nentgegengesetzt ausgewichen. Aus Abscheu vor\ndem häßlichen Betrunkenen war er ausgewichen.\nSeidenfaden mied das Häßliche, denn er hatte\nAngst davor.\nDie Dunkelheit hatte sich nach Mitternacht ent-\nwölkt, die Sterne waren am Himmel erschienen.\nAls Seidenfaden die Lampe löschte und sich zu\nBett legte, leuchtete der Mond weiß in die Boden-\nstube.\nNachdem er den ganzen Abend im warmen\nLuststrom von Sinens Zärtlichkeiten gebadet\nhatte, war er in die eiskalte Halle des Aegypter-\nEvangeliums getreten. Um Mitternacht hatte er\nsich an einem Roman aus dem Jahre der eroti-\nschen Klubs in Rußland fiebrig erregt zu Bett ge-\nlegt. Das bleiche Mondlicht beschien sein bart-\numwuchertes Jesusgesicht. Seidenfaden träumte.\nAuf der anderen Seite des Erdballs erstand er\ntatenreich.\nVom HotelbaJkon schaute er hinab auf Tanger\nin der afrikanischen Nacht. Märchenvogel Rok\nbreitete seine riesigen Fittiche über die schim-\nmernden Stufen flacher mohammedanischer\nDächer. Aus dem Meer war die Nacht von ihren\nFelsen heraufgestiegen mit breiten weichen\nFüßen und hatte ihr Gesicht, das der Tar-\nbusch verhüllte, über die Balkonbrüstung nahe an\nSeidenfaden gedrängt. An ihren weichen Füßen\nund Händen bebten wollüstig edle Ringe und\nSteine, die Nacht des Orients war zu Seiden-\nfaden ins Zimmer gestiegen, um ihren Liebsten\nzu prüfen, ehe sie ihn mit sich in die zerschellende\nTiefe zog.\nHilflos schrie Seidenfaden auf unter ihrem\nherzbangen Kusse, wankte zu Sine und klam-\nmerte sich an . . . Seidenfaden erhob im\nMondlicht der Bodenstube das fahle Ange-\nsicht und hustete schwindsüchtigen Husten aus\ndürrer Brust in die Nachtkälte. Er starrte auf die\nmondweiße Wand. Auf das Rechteck von hart\nweißem Mondschein, das die Stube und seinen\nschmutzigen Hausrat in blau mineralische Formen,\nin ein vom Mondkrater abgestürztes Stück metalli-\nscher Kruste umwandelte. Sinens Herbststrauß in\nder beschädigten Waschkanne war der ver-\nsteinerte Skelettrest eines urweltlichen Kriech-\ntiers. Der mystische Tiermensch der Assyrer,\nhalb Löwe, halb bärtiger Krieger schritt Quer durch\ndas dreidimensionale weiße Mondeck. Seine bar-\nbarische Tatze fetzte die Lieblings-Erotika Seiden-\nfadens. Wild straffte Seidenfaden den magren\nLeib, als *er seine Manuskripte gefährdet sah, aber\nder finstre Assyrer lächelte geheimnisvoll und\ndrückte seine Tatze fest auf Seidenfadens arme\nBrust. Dann schritt er fort durch die Oeffnung\ndes Mondecks in der Mauer, die sich hinter ihm\nschloß.\nSeidenfaden im Bett aufgerichtet, den Rücken\nfurchtsam an die Wand gedrückt, erblickte die\nsteife Rücklehne des Stuhles. Vom vielen Stuben-\nhocken hing das Rohrgeflecht des Sitzes zer-\nbrochen herab und bauschte sich wie der Schweif\ndes assyrischen Löwen.\nSeidenfaden stand aufgeregt auf, wickelte sich\nin eine große Flanelldecke und trat ans Fenster.\nZarte milchige Helligkeit tränkte die Nacht. Die\nSchriftzeichen der nordischen Sterne glühten in\nder kalten Herbststrenge. Der Wald ruhte im\nSchlaf, drei hohe Birken erhoben ihr feines\nGezweig reglos in silberne Himmelsnähe und\nschatteten in die Gestirne. Kein Vogel war wach,\nnoch war nicht Morgen.\nSeidenfaden sah scharf hinaus. Die Herrlich-\nkeit, welche der Schöpfer wohl ermessen hat,\nfühlte Seidenfaden wie einen weichen Flanell-\nmantel seine Glieder hüllen, und er sprach zu\nsich selbst milden Fliisterns: „Ich glaubte immer\nan ein Paradies\". Eine Reihe Tomaten hatte er\nzum Nachreifen in der Sonne auf dem Fensterbrett\nliegen. Er nahm eine in die Hand und liebkoste\nsie. Die Entferntheit aller Schmerzen, der Schlaf\nüber aller Notdurft und Häßlichkeit, des Mond-\nscheins mineralische Regungslosigkeit, die senk-\nrechte Konstante der Birken, die wüstenhafte\nRuhe, so träumte das bedrängte Israel seit zwei-\ntausend Jahren und flüsterte: „Ich glaubte immer\nan ein Paradies!\"\nSeidenfaden legte die Tomate wieder aufs\nBrett, im offnen Fenster floß eisiger Tauhauch\nan seine unverhüllte Brust. Er hustete und\nlegte sich endlich übernächtigt ins Bett zurück,\nmit dem Wunsch zu schlafen.\nSeidenfaden schlief und ihm träumte abermals:\nAus des Hausabgrundes Finsternis, aus den\nRattenlöchern des Kellers, unter den Stiegen, den\nDielenbohlen, aus den Ecken des Dachbodens, aus\nder Tiefe und Höhe wurden plumpe Kugeln gegen\nseine Stubenwand gewälzt und sie brach ein. Die\nKugeln rollten in seine Stube, zu seinem Bett, und\nentsetzt erblickte er unzählige Köpfe: dicke,\nmagere, blasse, blaue, grüne, ausgekerbte, schlei-\nmige, runde wie große Käse, welche ohne Kinn,\nohne Ohren, ohne Stirn, alle hatten phosphorne\nAugen, welche krochen wie Käfer, welche kleb-\nten wie Schmeißfliegen, welche huschten, flacker-\nten, froren . . . Alle diese rumpflosen, selbstbe-\nwußten Köpfe stellten sich rufend aufeinander und\nbauten um Seidenfaden eine schauerliche Wand\nvon schreienden Schädeln. Die Wand stürmte\nHohn, spie tote Stücke von Körpern, Rümpfen,\nGliedern, die heulende Wand stürzte auf den ge-\nängstigten Seidenfaden und steinigte ihn. 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Für die Mitglieder des Verbands\nder Freien Volksbühnen ist eine besondere Aus-\nstellung von W7erken der Künstler des Sturms zu-\nsammengestellt. Der Kritiker der Sozialistischen\nMonatshefte befaßt sich nun mit dieser Einführung,\nohne sie ganz gefaßt zu haben. Er scheint auch\nvon dem Glauben auszugehen, daß ich mich zum\nersten Male, über solche Dinge äußere und daß\nich Wert darauf lege, es zu tun. Ich lege nun\nkeinen Wert darauf, mich zuerst geäußert zu ha-\nben oder mich überhaupt zu äußern. Denn meine\nAeußerung ist Kunst. Man kann zwar mit Tat-\nsachen jede Kunst erschlagen, man kann aber auch\nmit der Kunst jede Tatsache töten. Das Kunst-\nwerk ist geschlossen, es ist daher für einen Kri-\ntiker recht schwer, sich in ein Kunstwerk einzu-\nhaken, das geschlossene Kunstwerk läßt keinen\nRaum hierzu. Jeder einzelne Satz steht so\nfest, daß man ihm erst Gewalt antun muß, wenn\ner vergewaltigt werden soll. Ich schrieb zum Bei-\nspiel so: „Wir sehen nun aber nicht mit dem\nTemperament sondern mit dem Auge. Und wenn\nwir nicht das Temperament des betreffenden\nKünstlers haben, schneidet er uns die Natur gerade\nda aus, wo sie uns zu gefallen anfängt.\" Um\nmich nun abzuschneiden, schneidet sich der Herr\nKritiker Folgendes zusammen, was ich geschrieben\nhaben soll: „Der Impressionismus schneidet uns die\nNatur gerade da aus, wo sie uns zu gefallen an-\nfängt.\" Wenn wir nämlich nicht das Temperament\ndes betreffenden Künstlers haben. Der Herr Kri-\ntiker hat das Temperament aller Impressionisten\nund findet es unlogisch, daß meine Leidenschaft\nAeußerungen des Temperaments nicht für Kunst\nhält. Aeußerungen des Temperaments sind näm-\nlich menschlich ganz interessant, aber die Kunst\nhat nun einmal nichts mit Aeußerungen oder mit\nTemperamenten zu tun. So leid mir das auch tut.\nDer Herr Kritiker unterstellt mir ferner, daß ich\ndie Photographie für künstlerischer halte als den\nImpressionismus. Er zitiert: „Die Photographie ist\nihm viel zuverlässiger, sie sieht viel ehrlicher mit\nihrer Linse und wir können uns den Apparat dort\nhinstellen, wo uns die Natur gefällt.\" Der Herr\nKritiker stellt sich den Punkt dorthin, wo er ihm\ngefällt. Denn unmittelbar auf meinen Satz heißt es\nweiter: „Wir verbinden mit dem Photo unsere\nErinnerung und sind befriedigt. Nur ist damit kein\nKunstwerk geschaffen, auch nicht, wenn es mit\nOelfarbe angestrichen wird, wie es zum Beispiel\nder berühmte Meister Lenbach tat.\" So wollte\nmich der Herr Kritiker vor seinen Lesern anfüh-\nren, ich habe ihn aber bereits wieder ausgeführt.\nEr behauptet weiter: „Das ist das Unlogische an\nden Ausführungen Waldens: daß er nicht etwa\nzur Kunst überhaupt führen will, sondern zu der\neinzigen, die für ihn existiert; zu ihr als der allein-\nseligmachenden.\" Die einzige Kunst, die für mich\nexistiert, ist eben die Kunst. Da meine „Rich-\ntung\" zur Kunst führt, kann ich doch den Herren\nKritikern nicht den Gefallen erweisen, ihretwegen\neinen Umweg zu machen. Im großen und ganzen\nfindet zwar der Herr Kritiker das richtig, was ich\nsage. Aber es kommt gar nicht darauf an, daß es\nrichtig ist, sondern darauf, daß man die Kunst sieht.\nDer Herr Kritiker zitiert endlich: „Und wie eine\nWarnung vor Gefahr hört man es immer wieder,\ndie Natur, das heißt die Nachahmung dessen, was\nman zu sehen glaubt, hat nichts mit der Kunst\nzu tun. Das Nachgeahmte, also das Gegenständ-\nliehe, in der Malerei ist nicht der Zweck, sondern\ndas Mittel. Das Bild muß des Bildes wegen, ge-\nsehen werden. Ungefähr so sagten es andere\nlängst auch (siehe diese Rundschau 1915 3. Band,\nPag. 1321) aber deswegen ist es doch nicht über-\nflüssig.\" Ich habe diese Rundschau nachgesehen,\nweil es mich interessierte, welch andere es längst\nauch gesagt haben. Ich hatte allerdings von\nLängst eine andere Vorstellung als das Jahr 1915,\nda meine angeführten Sätze am ersten Juli 1916\nveröffentlicht wurden. Ich glaubte, daß ein Kunst-\nwissenschaftler auf Pagina 1321 mitteilen würde,\ndaß ähnliche Aeußerungen schon vor fünftausend\nJahren getan sind. Nun war es aber nur Herr\nDoktor Hausenstein. Den Herrn Kunstkritiker\nwird es interessieren, daß ich mich selbst aus dem\nJahr 1913 zitiert habe, daß also Herr Doktor\nHausenstein in seinem Heft sagte, was ich genau\nebenso sogar zwei Jahre längst auch gesagt habe.\nUnd vor fünftausend Jahren ist es nämlich auch\nlängst auch gesagt worden. Zwar nicht der Doktor\nHausenstein aber andere Herren waren so liebens-\nwürdig gewesen, von der Kunst zu sagen, was\nKunst ist. Es handelt sich eben nicht um das\nSagen von der Kunst. Denn Sagen ist keine Kunst.\nAuch wenn man das Sagen da ausschneidet, wo\nes einem nicht mehr zu gefallen anfängt. Kunst ist\nnämlich nicht gefällig. Schon längst nicht mehr.\nIch habe wiederholt gesagt, wenn ich auch die\nPagina vergessen habe, daß ich der Kunst nach-\nlaufe. So schnell, wie die Herren Kritiker\nrennen, komme ich aber nach. Ich mache einen\nUmweg von meiner Richtung, stelle mich ihnen\nvor, indem ich mich vor sie stelle, zum Schutz mit\nder Logik bewaffnet für die unlogische Kunst, die\nnur existiert und die allein selig macht.\nJa, Glas\nHerr Fritz Stahl kommt aus dem Denken gar\nnicht mehr heraus. Die Künstler denken jetzt näm-\nlich, sagt Herr Stahl. Und er muß nachdenken.\nIch sehe ihn bildhaft vor mir: die Denkerfinger an\ndie Denkerstirn gestützt. Zwar kein Bild für\nGötter, aber für jeden ehrlichen Kunstmaler. Durch\nden Expressionismus ist es ihm grün und blau vor\nden Augen geworden. In jedem Harmlosen wittert\ner so einen Bösewicht. Herr Stahl findet alle\nBilder gut, „wo der Maler, durch sein Motiv ge-\nreizt, sich gehen läßt\". Deshalb findet offenbar\nHerr Stahl seine Kritiken gut, wo er durch das\nMotiv gereizt, sich gehen läßt. Aber wenn er auch\nan sich halten würde, der Weg zur Kunst ist ihm\nversperrt. Das ist die große Frage, warum Künst-\nler, selbst solche, die er liebt, sich so selten ge-\nreizt gehen lassen: „Mir scheint, daß hier wie oft\ndie neue Aesthetik einen Künstler von dem wahren\nZweck alles Schaffens, dem Ausdruck eigenen Er-\nlebens weggeführt hat. Sie hat etwas angeblich\nHöheres entdeckt: das Lösen von Problemen. Und\ndadurch ist ein wenig anmutender Typus des den-\nkenden Künstlers entstanden, ein Künstler der nicht\ndenkt, wie er das in ihm entstandene Bild am klar-\nsten gestalten kann, sondern der zuerst an eine\nForm denkt, meist an eine, die er bei anderen ge-\nsehen hat, an ein schwieriges Problem formaler\nArt.\" Herr Stahl erkennt den Ausdruck nur, wenn\nein eigenes Erlebnis vorliegt, das er hat, das alle\nhaben, das also keiner hat. Die Formen, die die\nmeisten Kunstmaler und Kunstkritiker denken, ha-\nben sie stets an anderen gesehen. „Daß junge\nMenschen den Modetheorien unterliegen ist erklär-\nlich. Männer müßten sich freimachen können. Und\num die Vierziger herum ist es höchste Zeit, nur\nnach dem zu fragen, was in Einem selbst steckt,\nwenn man überhaupt Wert darauf legt, sich aus-\nzuwirken.\" Herr Stahl ist um die Fünfzig herum,"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9139, "texte": "er fra£t sich noch immer, er wirkt und webt sich\naus, und es ist die höchste Zeit, daß er einen\nExpressionisten entdeckt, der keiner ist. Herr\nStahl kann sich nämlich ein expressionistisches\nBild sehr gut in Glas denken. Das kann jeder\nandere Laie auch, er denkt es nicht nur, er spricht\nes sogar aus. Ich habe diesen Gedanken in den\nletzten zehn Jahren etwa tausend Mal so oft aus-\nsprechen hören, als es die höchste Zeit des Herrn\nStahl ist. Nur die Künstler denken anders, weil sie\nnämlich nicht denken sondern malen. Ja, was so\neinem Glasgemälde eigen ist: „. . . man muß die\nVerbindung von Ruhe und Leben auf sich wirken\nlassen, die mehr als noch jedem Andern dem Glas-\ngemälde eigen ist.\" Es soll auch Menschen geben,\ndie ihr Leben mit der Ruhe verbinden und die\nVerbindung von Ruhe und Leben ist ein so eigenes\nErleben, daß ich den Ausdruck davon nur Herrn\nFritz Stahl zutraue. „Die Figuren haben nur den\nSinn, diese Farben zu tragen, und zu ihrem Klang\nden Rhythmus zu fügen. Hier ist der Expressionis-\nmus nicht ein von außen hineingeredetes Programm\nsondern eine innere Stilnotwendigkeit.\" Also wenn\nder Expressionismus sich auf Glas ausredet, kann\nHerr Stahl ihn sich einreden. Und Figuren, die\nFarben tragen, sind jedenfalls natürlicher, als\nFiguren, die Psychologie tragen. Auf jeden Fall\nmacht Herr Stahl aber eine schlechte Figur, wenn\ner sich zur Kunst zu überreden sucht, die Andere\nüberzeugt.\nDar Muserich\nWas einem Journalisten alles passieren kann.\nDa lebt in Hamburg gemütlich und nett Herr Philipp\nBerges. Ich weiß nicht, was der Herr sonst noch\ntut, sein Name steht öfters im Hamburger Frem-\ndenblatt. Was über dem Namen steht, steht nicht.\nDenn es läuft über alle Zeitungsspalten schon seit\nJahrzehnten. Herr Berges bekommt seinen Som-\nmerurlaub oder wie er es nennt: „Ich fuhr jüngst\ndurch die deutschen Gauen; losgebunden vom Ge-\ntriebe des geschäftigen Alltags.\" Man merkt: ein\nDichter geht in die Sommerfrische. Und zwar nach\nHalle an der Saale. Als echter Dichter macht er\ndie Augen zu, schaut mit der Seele und seine Seele\nsieht: „Halle vor allem als alte Musenstadt ist voll\nvon Reiz für die, die mit der Seele Augen zu\nsehen verstehen.\" Folgen natürlich der alte Mühl-\nteich, Ruinen mit Kletterpflanzen, Philosophenwege\nder Musenjünger, der Wartturm und eine alte\nKirche. Hierauf „flutet er durch das Leben von\nHalle: In den Hauptstrassen fallen die vielen be-\nhäbigen wohlbeleibten und robusten Männerge-\nstalten auf, die sich langsam vorwärts bewegen\nund häufig stehen bleiben, wie Fremde zu tun\npflegen.\" Herr Berges wundert sich. Ja, die\nFremden, das ist des Rätsels Lösung. Aber nein:\n„Das Rätsel klärt sich bald auf. Schlachterinnungs-\ntag! Ist das Fleisch auch knapp, den Herren\nSchlachtermeistern sieht man es jedenfalls\nnicht an.\" Also nicht Fleisch von seinem Fleisch.\nAuch Herr Berges bewegt sich langsam vorwärts\nund bleibt vor dem Städtischen Museum stehen,\nwie Fremde zu tun pflegen. Nach der körperlichen\nStärkung seines Seeleauges verlangt er „auch die\nKunst zu genießen. Ein freundlicher Museums-\ndiener öffnet den Fremden die geheiligten Räume,\"\nHerr Berges will neuzeitliche Gemälde sehen.\n„Der Besuch lohnte sich.\" Er trifft die bekannten\nMeister, ältere und neuere, sie sind sehr liebens-\nwürdig zu ihm, „sie grüßen von den Wänden\".\nEr grüßt wieder und bespricht wohlwollend „die\nbekannte etwas glatte und süßliche Bettlerin von\nPont des Arts von Nathanael Sichel, die aber doch\nmit ihrer Schönheit das Auge besticht\". Seine\nSeele ist bestochen, aber sein anderes Auge „er-\nfreut ein badendes Mädchen durch den taufrischen\nAkt\". Auch mit ihr steht er auf dem Grußfuß.\nAber plötzlich wird es anders: „Aber plötzlich, wie\nein rasch heraufziehendes Gewitter in sonniger\nLandschaft, verändert sich das Bild und der Be-\nsucher wandert, erst ernüchtert, dann aufs tiefste\nerschrocken und entgeistert weiter.\" Zieht sich\ndas taufrische Mädchen schlecht an oder hat ihn\ndie Bettlerin angepumpt. Das Bild verändert sich,\nwenn man abzieht. Man ist entgeistert, wenn\nauch noch nicht entseelt. „Und mit Staunen fragt\nman sich: ...kann es der selbe Geist sein, der\nsich in die Wildnisse ultramoderner „Kunst\", die\nsich hier aufzutun beginnen, verrannt hat? Ein\nseltsam psychologisches Rätselspiel.\" Was hat\nman dir, du armes taufrisches Kind, getan. Wieder\nein Rätselspiel und dabei nicht einmal Schlachter-\ntag. Herr Berges hat sich verrannt und ist es\ninfolgedessen gründlich. Da der freundliche Mu-\nseumsdiener nicht zu Hülfe eilt, fragt man sich\nmit Staunen und gibt man sich die Antwort: „Von\neinem wundervollen alten M. von Schwind „Adams\nSchlaf\" herkommend, steht man also auf einmal vor\neinem seltsamen Gebilde, einer Leinwand, deren\nUeberzug eher von einem Konditor als von einem\nMaler herzurühren scheint, Eiscreme mit Schlag-\nsahne, lila, rot, blau, grau und gelb getüpfelt und\ndarin eine ganz entfernte Zeichnung von Häusern.\nBerliner Straße von Curt Hermann steht darunter,\nsonst wüßte man nicht, was diese Farben-\nverschwendung bedeuten sollte.\" Dem alten M.\nvon Schwind hingegen hat der kluge Herr Berges\nes gleich angesehen, daß es Adams Schlaf bedeu-\ntet. Aber natürlich kennt er den alten Adam, er\nweiß genau, wie Herr Adam geschlafen hat, er hat\nden alten Adam noch nicht ausgezogen, er wird\ndoch den alten Adam kennen, der sich ausgezogen\nhat. Immerhin, eine ganz entfernte Zeichnung von\nHäusern ist festzustellen. Warum ist der Herr\nBerges nicht näher herangetreten, vielleicht wären\ndann die Häuser auf ihn gestürzt. Die Erinnerung\nan den Eiscreme nach der Besichtigung der\nSchlachtermeister ist hingegen seelisch durchaus\nzu verstehen. Man weiß was das bedeuten soll.\nUnd wenn der Maler seine Farben verschwendet,\nwird er sie vielleicht noch nicht zu strecken brau-\nchen. Wenn Steine schweigen, werden Men-\nschen reden. Auf Menschen läßt der Herr Berges\nnichts kommen, nicht einmal Farbe: „Ein baden-\ndes Hindumädchen, das im Schilf steht, hat zwar\nerkennbare Figur, aber der Typus ist unbestimmt,\ndas Mädchen sieht vielmehr einer Negerin ähnlich\nund ihr Körper ist mit einer weißgräulichen Farbe\nverschmiert, die es in der ganzen Welt an keinem\nMenschenstamm gibt.\" Herr Berges hat die Mäd-\nchen des ganzen Menschenstamms studiert, viel-\nleicht liegt der Unterschied in der Bewegung. Das\nbadende Mädchen mit dem taufrischen Akt\nschwimmt und das badende Hindumädchen steht.\nVielleicht hat sie sich im Schilf schmutzig gemacht.\nAber es wird immer toller „der Wahn wächst je\nweiter man kommt. Christian Rohlfs geht noch um\neinige Schritte weiter.\" Herr Berges kann nicht\nmehr nachlaufen. „Dann findet sich noch ein\nBauernhaus, das nicht aus dem gewöhnlichen Ma-\nterial sondern schief und* krumm aus knalligen,\ngelben und roten und blauen Farben aufgebaut ist.\"\nAuf den Bildern der bekannten Meister wurden\nbekanntlich Bauernhäuser aus Steinen aufgebaut,\ndie aber nun wirklich zu reden anfangen. „Birken-\nstämme hinter einer Art aus allen möglichen und\nunmöglichen Farben zusammenstickter Gardine.\nKein Mensch, außer dem Maler, hat je in Wirk-\nlichkeit oder in der Phantasie derartige Birken-\nstämme gesehen.\" Herr Berges der Mensch, weiß\nim Reich der Phantasie Bescheid wie in Halle an\nder Saale. „Sein Blumengärten ist noch Kinder-\nspiel, weil dieser Garten nur in einem harmlosen\nfarbigen Geschmier mit schwacher Andeutung von\nBlumen besteht.\" Noch immer sieht Herr Berges\ndie Farben vor Blumen nicht, trotzdem sie nur\nschwach angedeutet sind. „Man steht, ergriffen\nvon einem Schauder vor dem an einer amtlichen\nStelle gepriesenen Kunstbarbarei dieses Bildes.\nDas Unglaubliche, hier wird es zum Ereignis.\"\nHerr Berges hat den bekannten älteren Meister\nnicht richtig zitiert: Das Unzulängliche, hier wirds\nEreignis. Das Unbeschreibliche, hier ist es getan.\nMan ist unzulänglich, wenn man das Unbeschreib-\nliche beschreiben will, wo man nicht einmal\nschreiben kann. Ich kann auch hier nur sagen:\nPersönlich tut es mir leid, daß Herr Berges sich\nsogar in Halle verirrt hat. Warum geht er auch\nin die Gemäldesammlung: „Sie trübt die Erin-\nnerung an die alte gesunde schöne Musenstadt.\"\nEr hat sich verirrt und verrannt und glaubt, die\nAndern haben Schuld: „An der Verirrung, die sich\nim Städtischen Museum so breit macht, ist frei-\nlich nicht sie Schuld — sondern die sonderbare\nVerranntheit Weniger. Der Krieg mit seinem\nscharfen Hauch hat schon so viele Auswüchse\nder Ueberkultur hinweggeblasen. Hoffentlich wird\ner auch allen Kubisten, Expressionisten und andern\n-isten den Garaus machen.\" Schlachterinnungstag.\nTrotzdem muß ich Herrn Berges diese Hoffnung\nnehmen. Der Krieg hat einen scharfen Hauch, aber\ndie Kunst bläst ihm ins Gesicht. Nicht einmal das\nUnkraut jätet er aus, das sich um die Kunst\nschlingt. Es wächst zu flach auf der Erde. Aber\neine letzte Hoffnung nimmt Herr Berges mit aus\nHalle: „Als mich der Zug wieder ins Land hin-\naustrug und durch die blühende Natur, die keine\nVerkünstelung kennt, kam mir von ferne der Ge-\ndanke: Sollte der Künstler den Käufer, die Aus-\nsteller und die ganze Anhängerschaft wohl zum\nBesten gehabt haben?\" Hierauf kann der Ber-\nliner nur dem Hamburger antworten: „Dachte\nsind keine Lichte.\"\nHamburg hat ihn wieder.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "59", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.9", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Thomas Ring", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.11", "debut_caractere": 9141, "fin_caractere_exclue": 9591, "texte": "Gedichte\nThomas Ring\nSturmweller Strom\nmeine Lippen umbrandend\npeitscht dein Atem mein schlummerndes Blut\nnachthin wogt meine Seele\nFlackern heulend schluchze Schreie\nkanten bäumend recken Trotz\nklirren wälzen schäumen ballen\nkreisen gluthauchen Schmerz\n❖\nTag hellt Schluchten der Qual\nriesle Tränen stäuben Perlen\nfunkelnder Augen Geschmeid\nLachen zerklingt zu duftschwingen Glocken\nzagblütenblau\nStunden plätschern glitzernden Traum\nsonnhergespielt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.12", "debut_caractere": 109, "fin_caractere_exclue": 574, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nGeoifnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags voa\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\nrtonatlicher Wechsel\nDreiundvieizigste Ausstellung\nCampendonk / Chagall Heemskerck Kandinsky /\nMarc I Muche / Munter / Klee / Kokoschka / Ku-\nbin I Mense / Picabia / Albert-BIoch / und andere\nVieiundvierzigste Ausstellung\nKandinsky\nErfiffnung am 1. 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April: Peter Altenberg\nJede Karte fiir den Einzelabend: 3 Mark\nUbertragbare Dauerkarte fiir jede Serie (zehn\nAbende): 20 Mark\nDen Mitgliedern des Vereins fiir Kunst stehen fiir\nden Einzelabend zwei Karten zu 4 Mark oder\ne i n e Karte fiir 1 Mark 50 Pfennig zur Verfiigung,\nfalls sie zwei Tage vor dem betreffenden Abend Be-\nstellung an das Sekretariat Der Sturm gelangen\nlassen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.12", "debut_caractere": 4022, "fin_caractere_exclue": 4861, "texte": "Verlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nPernruf Amt Lutzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monais\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark / Einzelheft 80 Pfennig\n/ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\nI Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nEin Halbjahr 6 Mark } Fiir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 20 Mark I\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.12", "debut_caractere": 4863, "fin_caractere_exclue": 5080, "texte": "Bucher aus dem Verlag Der Sturm\nJedes Buch 2 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragddie / Ihr s titles\nQliick —! 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April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeii-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubii-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebe*er\nHolzschnitt anf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmpiakat von\nKokoschka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-08-15-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-08-15_01#c025", "volume": "bmtnabg_1916-08-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.12", "debut_caractere": 6904, "fin_caractere_exclue": 7295, "texte": "Neuanzeigen Der Sturm\nAm 15. August erscfaien: Herwarth Walden: Das*\nBuch der Menschenliebe I Rom an I Nummerierle\nAuflage von 500 Exemplaren I 3 Mark / Sonderaus-\ngabe von Verfasser gezeichnet (Auflage 19):\n30 Mark.\nSturm-Kiinstter I Lichtbildkarte IV: Kac-\ndinsky I 20 Pfennig\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver-\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nKunstausstellung\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nSIEBENTER JAHRGANG\nBERLIN AUGUST 1916\nFÜNFTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Peter Baum / Lothar Schreyer; Das Bühnenkunstwerk / Sophie van Leer: Gedichte / Adolf Knoblauch: Seidentaden / Erzählung /\nKurt Hey nicke: Gesang / Herwarth Waiden: Fachmänner: Ausschnitt / Ja Glas / Dei Muserich / Thomas Ring: Gedichte / Campendonk: Drei Holzschnitte\nVom Stock gedruckt\n\nCampendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.2", "texte": "Peter Baum\nHerwarth Walden\nPeter Baum, der Freund jedes Menschen und\nein Mensch jedem Freunde, ist gefallen. Sein Leben\nwar seine Dichtung: gottnah, erdfern. Ein Riesen-\nkörper mit einer Riesenseele. Und deshalb war\nsie sanft wie ein Streicheln von Kinderhänden. Er\nsuchte Gott und die Träume und die Kunst. Ihn\nstieß das Leben, weil es nicht sanft ist, er fiel\ndem Tode, weil er zu hart ist.\nNun suchen ihn Gott. Und die Träume.\nPeter Baum wurde am 30. September 1869 ge-\nboren. Von seinen zahlreichen Schulen war die\nwichtigste Heidelberg im fünfzehnten Jahr seines\nLebens. Sein damaliges Ideal: Wanderprediger.\nDafür wurde er vorgebildet. Mit siebenundzwan-\nzig Jahren wurde er in Leipzig Verleger. Der Ver-\nsuch mißglückte. In dieser Zeit erlebte, er seinen\nZusammenprall mit der „Welt\" wie irgend ein\nHeiliger. Von 1898 an hörte er an der Berliner\nUniversität. Es entstand ein kleines Epos „Der\nGeisterseher\" und die Gedichte „Gott. — Und die\nTräume\".\nDer Gedichtband stammt aus der Leipziger\nZeit. Die Brüder Hart haben in ihren Besprechun-\ngen öfters erwähnt, daß Peter Baum sich des Künst-\nlers Peter Hille angenommen habe. Seitdem geht\nPeter Baum als Anhänger Hilles durch die Kri-\ntiken und Nachrufe. Es ist bequem, aus zwei\nKünstlern, mit denen man nichts anfangen kann,\neinen zu machen.\nPeter Baum konnte für sein Grundthema: das\nreligiöse Kind, von niemandem borgen. Dieses\nThema sonderte ihn von allen ab und machte die\nSelbstanalyse zu seiner Leidenschaft. Seine Kind-\nheit war für ihn lebendigste Gegenwart.\nDie letzten Schützengrabenverse sind formal\nauch wieder ganz in der Leipziger Art. Assoziativ\nwerden die damaligen religiösen Stimmungen\nwieder lebendig.\n1902 schrieb Peter Baum den Roman „Spuk\".\nEs folgten der Novellenband „Im alten Schloß\" und\nder Rokoko-Roman „Kammermusik\".\nAllmählich rückt das religiöse Erlebnis in eine\nkünstlerische Ferne. Die Kritiker schreiben „Psy-\nchologie des Rokoko\" — die Peter Baum höchst\ngleichgültig war.\nAm 5. Juni 1916 ist Peter Baum gefallen, nach-\ndem er den Krieg als gemeiner Infanterist in seiner\nhärtesten Form kennen gelernt hat.\nDas schreibt der Freund, der ihn am tiefsten\nkannte.\n*\nDie Nachrufe der Presse werden stets von\nLeuten geschrieben, die den Ruf nicht hörten. Jeder\nNachrufer fühlt sich als Zeitgeist, weil die Zeit noch\nlebt, die ihn nicht richtet. Der Nachrufer ist\naber stets nur Nachrichter. Ein Werkzeug, aber\nkein Werk. Der Herr von der Vossischen Zeitung\nhat Angst, daß Peter Baum „vielleicht kaum\nBleibendes gegeben hat\". Bleibendes gibt man\nnämlich nach der Vossischen Zeitung nur dann,\nwenn Gegebenes bleibt: „Um auf ein größeres\nPublikum zu wirken, dafür fehlt es seinen Erzäh-\nlungen an stofflicher Substanz, seinen Versen an\nformalem Glanz.\" Die stoffliche Substanz gibt mit\ndem formalen Glanz ein ganz nettes Gedicht, das\ndie Vossische Zeitung sogar honoriert. Ehre, wem\nHonorar gebührt. Auch die Breslauer Zeitung ist\num die Ewigkeit besorgt. „Ein Augenblickchen\nWehmut bei den Zeitungslesern. Das ist die Ernte\nvon Peter Baums mit wachem Aug' durchträum-\nten Lebenstagen. Mehr nicht. Dann braust die\nWeltstadt über seinen Namen hinweg, den bisher\nnur Wenige kannten und später niemand mehr\nkennen wird.\" Wenn die Zeitungsleser ernten\nwollen, was die Zeitungsschreiber säen, muß jedes\nKorn zur Träne werden. Durchwachte Lebens-\nnächte sind kürzer als durchträumte Lebens-\ntage. Die Weltstadt braust nicht und einen\nSturm hält sie nicht aus. Und das bißchen\nWind, das die Schreiber ihren Lesern vormachen,\nwirft keinen Baum um. Noch besorgter ist die\nBerliner Zeitung am Mittag: „...Denn Peter Baum\nwar unbekannt. Er soll auch nicht posthum zum\ngroßen Genie oder zu einer verlorenen Zukunfts-\nhoffnung ausgeschrieen werden, denn Peter Baum\nfing schon an, recht grau zu sein, und war in sich\nabgeschlossen. Er war ein bißchen oder viel\nBohemien, aber noch vom alten Schlage, paßte\nnicht mehr recnt in eine Zeit, deren Literaten ein-\nander gegenseitig und syndikalistisch in die Oef-\nfentlichkeit helfen.\" Peter Baum war zwar gar\nkein Bohemien, aber Böhmen liegt den Herren aus\nOesterreich recht nahe. Er hatte freilich nichts mit\nden Literaten zu tun, die sich gegenseitig Hebe-\nammen-Dienste leisten, denn er war kein Literat.\nUnd was wir an Zukunft verlieren, können wir an\nder Berliner Zeitung am Mittag nicht gewinnen,\nauch wenn sie zehn Pfennig kostet. Jedenfalls ist\nes besser, in sich abgeschlossen zu sein, als den\nAnschluß an die Presse zu gewinnen.\nPeter Baum suchte diesen Anschluß nicht.\nAber er suchte Gott und die Träume.\n\nDas Bühnenkunstwerk\nLothar Schreyer\nEs tut not, das Theater von heute zu ver-\ngessen.\nDas Theater ist kein Unterhaltungsmittel. Das\nTheater ist kein Bildungsmittel. Kunst ist Kunst.\nEs tut not, dem Theater die Kunst zu geben.\nEs tut not, das Theater der Kunst zu geben.\nEs kommt nicht darauf an, eine Dichtung dar-\nzustellen.\nEs kommt nicht darauf an, Darsteller zu fin-\nden.\nEs kommt nicht darauf an, eine Wirklichkeit\noder Unwirklichkeit darzustellen.\nAber es kommt darauf an, eine Vision auszu-\ndrücken.\nAber es kommt darauf an, sie mit künstleri-\nschen Mitteln lauszudrücken.\nAber es kommt darauf an, die Vision als Ge-\nstalt und Einheit auszudrücken.\nEine Büfhnenkunst tut not.\n* *\nsk\nDas Bühnenkunstwerk ist aus dem Willen der\nZeit geboren.\nDer Wille der Zeit ist organisierte Macht.\nDie Macht drängt ins Endlose, die Organisation\nins Endliche. Die Macht drängt ins Endlose, in-\ndem sie sich das Endliche Untertan macht, es über-\nwindet. Die Kunst wird organisierter Machtaus-\ndruck. Der organisierte Machtausdruck wird\nKunst.\nDer Gesamtausdruck des Kunstwerkes ist eine\nUnendlichkeit, ein Machtwille. Der Einzelaus-\ndruck der künstlerischen Elemente des Kunst-\nwerkes ist eine Endlichkeit, ein Organisations-\nwille.\nOrganisierte Endlichkeit wirkt in der Kunst\nHarmonie. Organisierter Machtwille wirkt in der\nKunst Rhythmus.\nDas Kunstwerk ist in seiner Gesamtheit kein\nharmonisches mehr, sondern ein rhythmisches.\nDas Kunstwerk ist kein harmonisches mehr,\nes ist keine gefesselte Kraft mehr, es ist keine\nvollendete Endlichkeit.\nDas Kunstwerk ist ein rhythmisches, es ist\neine ungehemmte Kraft, es ist eine Unendlichkeit,\neine Nie-Vollendung.\nDas rhythmische Kunstwerk hat die Harmonie\nüberwunden. Es sieht die Welt durch die Unend-\nlichkeit.\nDas harmonische Kunstwerk hat sich den\nRhythmus Untertan gemacht. Es sieht wohl auch\ndie Unendlichkeit, aber es sieht die Unendlichkeit\ndurch die Welt.\nDas harmonische Kunstwerk ist „schön\". Auch\ndas rhythmische Kunstwerk ist schön. Aber seine\nSchönheit ist eine aharmonische.\nFür die aharmonische Schönheit ist der Gegen-\nstand des Kunstwerkes belanglos. Das rhythmi-\nsche Kunstwerk kann auf den Gegenstand ver-\nzichten. Das harmonische Kunstwerk braucht\neinen Vorwand zur Gestaltung seiner Vision. Denn\nseine Vision wandelt eine Naturerscheinung oder\nKulturerscheinung zur Harmonie. Der Rhythmus\nmüht sich nicht, eine Vollkommenheit zu gestalten.\nDie Gestalt allein ist sein Sinn. Die Gestalt allein\nist die Macht, die ungehemmt die Vision verkündet.\nDer Sturm der Macht muß das Theater von\nheute stürzen, um die Kunststätte zu bereiten.\nDie rhythmische Schönheit schafft das Bühnen-\nkunstwerk.\nDas Bühnenkunstwerk ist ein selbständiges\nKunstwerk.\nDas Bühnenkunstwerk ist künstlerische\nSchöpfung. Es ist keine Nachahmung der Natur-\ngestalt oder Kulturgestalt. Es ist die Gestalt, die\nder Bühnenkünstler seiner Vision gibt. Es ist\nKunstgestalt.\nDas Bühnenkunstwerk ist nicht dramatische\nDichtung, nicht schauspielerische Schöpfung, nicht\nein Anordnen der in einer Dichtung mittelbar und\nunmittelbar enthaltenen tatsächlichen Verhältnisse.\nEs ist keine Nachschöpfung der Dichtung, kein\nWerk der bildenden Künste oder des Kunstge-\nwerbes, keine Verbindung verschiedener in Raum\nund Zeit wirkender Künste.\nDas Bühnenkunstwerk ist eine künstlerische\nEinheit. Es ist durch Intuition empfangen, in Kon-\nzentration gereift, als Organismus geboren. Es ist\ngebildet aus den künstlerischen Ausdrucksmitteln\nForm, Farbe, Bewegung und Ton. Es ist ein selb-\nständiges Kunstwerk, wirkend in Raum und Zeit.\nDie Bühnenkunst ist eine selbständige Kunst.\nDie Gestalt des Bühnenwerkes ist Kunstgestalt.\nDie Gestalt ist nur abhängig von dem Künstler,\ndem die Offenbarung wurde. Der Künstler ge-\nstaltet aus Notwendigkeit. Einen Vorwand der\nGestaltung kennt er nicht. Er bildet nicht die un-\ngreifbare, unbegreifbare Vision. Er verkündet sie.\nEr verkündet sie mit Zeichen, denen die Macht\neigen ist, Gefühle auszudrücken. Diese Zeichen\nsind die künstlerischen Mittel.\nDie bühnenkünstlerischen Mittel sind aus den\nGrundformen, Grundfarben, Grundbewegungen\nund Grundtönen gestaltet.\nWie die Gestaltung vor sich geht, weiß nie-\nmand. Es ist das Geheimnis der Weltschöpfung\nund der Geburt.\nDie Grundformen sind die mathematischen\nKörper und Flächen.\nDie Grundfarben sind schwarz, blau, grün, rot,\ngelb, weiß."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.3", "texte": "Die Grundbewegungen sind die wagerechte und\nsenkrechte, die aufsteigende und absteigende Be-\nwegung, die sich öffnende und sich schließende\nSpiralbewegung.\nDie Grundtöne sind die reinen Töne.\nDie Verbindungen der Grundgestalten im\nKunstwerk sind eine künstlerische Gesamtheit und\nEinheit.\nDie Einheit ist eine Einheit in Raum und Zeit.\nAus den Grundformen und Grundfarben sind die\nElemente des Bühnenkunstwerkes geschaffen, die\nden Raum bilden und gliedern.\nDie Kunstmacht der Flächen ist gegeben durch\ndas Verhältnis ihrer Ausdehnung zu ihrer Umriß-\nlinie, die Kunstmacht der Körper durch das Ver-\nhältnis der Körperfläche zur Körpermasse.\nDie Fläche ist stets Körperfläche.\nDie Grundformen bilden den Raum; sie öffnen\nund schließen ihn. Sie geben der Bühnenöffnung,\ndem Grundriß und den anderen räumlichen Be-\ngrenzungen des Bühnenkunstwerkes die Gestalt.\nDie Grundformen gliedern den Raum. Jede\nRaumbildung ist schon Raumgliederung. Die Kör-\nper gliedern den geschaffenen Raum. Die Körper\nhaben Kunstgestalt und nicht Naturgestalt oder\nKulturgestalt. Die Körpergestalt wirkt nur durch\nihre Form und nicht durch ihre Materie. Der\neinzige natürliche und echte Körper auf der Bühne\nscheint der Mensch zu sein. Er scheint es nur zu\nsein. Denn im Bühnenkunstwerk ist er kein\nMensch mehr. Der Künstler verwandelt. Der\nKörper, der Träger der Form, ist Träger der Aus-\ndrucksmittel der Verwandlung.\nDie Form trägt die Farbe. Auch die Farbe\nbildet und gliedert den Raum.\nDie Kunstmacht der Farbe ist abhängig von\ndem Helligkeitsgrad und der Flächenausdehnung\ndes einzelnen Farbelementes. Meist sind es mehr\nals zwei Grundfarben, die das Kunstwerk ge-\nstalten. Das Farbkunstwerk ergibt sich dann aus\neiner Mischung oder einem Nebeneinander der\nGrundfarben.\nJede von der Form getragene Farbe ist eine\nMischung von Farbe und Lichtfarbe. Die Licht-\nfarbe wandelt und bestimmt die Farbe der Form.\nDas Licht ist Farbbildner.\nDas Licht trägt die Farbe. Die Lichtfarbe selbst\nist Ausdrucksmittel. Das Licht des Bühnenkunst-\nwerkes ist Grundlicht oder Beleuchtung. Die Be-\nleuchtung ist direktes, das Grundlicht indirektes\nLicht. Das Licht ist das einfachste Mittel, Kör-\nperlichkeit in Geistigkeit zu wandeln.\nDas Licht und seine Farbe sind Träger der\nBewegung.\nDie Bewegung wrtkt in der Zeit. Sie ist Mittel\nder Entwicklung. Sie kündet von dem Werden,\nWachsen und Vergehen der Vision. Sie verkündet\ndie geistige Handlung.\nDie Kunstmacht der Bewegung ist bestimmt\ndurch Richtung und Geschwindigkeit der Bewe-\ngung.\nDie Bewegung ist Grundbewegung und Einzel-\nbewegung. Die Grundbewegung trägt das Ge-\nsamtwerk, die Einzelbewegung seinen einzelnen\nBestandteil.\nDas bewegte Licht ist wandelndes Grundlicht\noder wandelnde Beleuchtung. Die wandelnde Be-\nleuchtung kann das Grundlicht wandeln.\nBewegte Farbe ist bewegtes Licht oder be-\nwegter Körper.\nBewegter Körper ist bewegte Form.\nBewegung der Körper wandelt den Raum.\nBewegter Körper ist meist der menschliche. Der\nEinzelmensch, die Menschengruppe, die Menschen-\nmasse tragen die Bewegung. Die bewegte Gruppe\numfaßt drei oder mehr Einzelmenschen. Jede\nGruppe ist eine Bewegungseinheit mit unterge-\nordneten Eigenbewegungen der Einzielmenschen.\nHaben die Einzelglieder der Gruppe keine Eigen-\nbewegung mehr, bilden sie ausschließlich eine Be-\nwegungseinheit, so ist die Gruppe Masse gewor-\nden.\nDer bewegte Körper ist Teil der Form des\nBühnenkunstwerkes, also von der Raumgestalt\nabhängig.\nDer bewegte ist auch der tönende Körper.\nDer Ton ist Einzelton oder Tonverbindung.\nSeine Kunstmacht ist abhängig von Höhe, Stärke,\nGeschwindigkeit und Klang des Tones.\nDer menschliche Ton als Sprache gibt die Me-\nlodie des Einzelmenschen, der Gruppe oder Masse,\naufgebaut auf der Melodie des Gesamtwerkes.\nZwischen beiden steht die Vokalmusik als Ueber-\ngang.\nDie Sprache formt Worte und Wortverbindun-\ngen. Die Wortverbindung kann in ein selbstän-\ndiges Kunstwerk, ein Wortkunstwerk, eine Dich-\ntung verwandelt werden.\nJeder Teil des Bühnenkunstwerkes wird von\nseinem Rhythmus getragen. Alle Teile werden\nvon dem Grundrhythmus des Gesamtwerkes zu-\nsammengehalten.\n* *\nDiese Leitsätze einer Bühnenkunst vernichten\ndie bestehende Theaterkunst.\nAbgetan ist das Starsystem. Abgetan sind die\npsychologischen Studien. Abgetan ist die Natur\nauf der Bühne. Abgetan ist die Bogenbühne und\nihre Malerei, die künstliche Perspektive und ihr\nBeleuchtungssystem. Abgetan ist die Illusions-\nbühne. Abgetan ist die Bühne als Museum für\nGeschichtsanschauung und Trachtenkunde. Abge-\ntan ist die Bühne als Museum für Literaturge-\nschichte. Die Bühne ist Kunststätte geworden.\nDiese Leitsätze schaffen eine Bühnenkunst.\n* *\nDer Schöpfer des Bühnenkunstwerkes ist der\nBühnenkünstler.\nDer Bühnenkünstler schafft das Biihnenkunst-\nwerk, der Regisseur führt es auf.\nDas Bühnenkunstwerk ist in dem gleichen Masse\nfestgelegt wie die musikalische Komposition. Jedes\nElement ist zum Ausdruck gestaltet. Die Gestalt\nder Form ist festgelegt durch die Bestimmung\nihrer Masse und ihrer Körperfläebe. Die Gestalt\nder Farbe ist festgelegt durch die Bestimmung von\nAusdehnung und Helligkeit, die Gestalt der Be-\nwegung durch Bestimmung von Bewegungsrich-\ntung und Geschwindigkeit, die Gestalt des Tones\ndurch Bestimmung von Wort, Klangfarbe, Ton-\nstärke, Tonhöhe und Geschwindigkeit. Für jedes\nElement ist der Rhythmus fest bestimmt, abhängig\nvom Grundrhythmus des Gesamtwerkes.\nDer Regisseur führt das Bühnenkunstwerk auf.\nDas Verhältnis zwischen Bühnenkünstler und Re-\ngisseur entspricht dem zwischen Komponisten und\naufführendem Kapellmeister. Der Regisseur ist\nKünstler.\nDas Schaffen des Bühnenkünstlers ist nur be-\ngrenzt durch die Ausdrucksmittel der Bühnen-\nkunst. Der Aufführung sind engere Grenzen ge-\nzogen durch die Organe, deren sich der Regisseur\nbei seiner Arbeit bedient.\nDie ausführenden Organe des Regisseurs sind:\nder Schauspieler, der Techniker, der bildende\nKünstler und der Musiker. Der Schauspieler ist\nsein Mund, der Techniker seine Hand, der bildende\nKünstler sein Auge, der Musiker sein Ohr; alle\nsind geführt vom Regisseur.\nDer Schauspieler ist Träger des Formmittels,\nFarbmittels, Bewegungsmittels und Tonmittels.\nDer Schauspieler ist kein Menschendarsteller.\nDer bildende Künstler führt das Form- und\nFarbmittel der Szenerie und des Kostüms aus. Er\nhat, abhängig von der Anschauung des Regisseurs,\ndie Formen und Farben so zu gestalten, daß sie\ndas vom Bühnenkünstler geschaffene Kunstwerk\nbilden.\nDer Techniker ermöglicht den Aufbau der\nForm, die Sichtbarkeit der Formmittel in der Ge-\nsamtheit einer Szenerie, er schafft die. Farbe, ins-\nbesondere das Licht, und löst alle praktischen\nSchwierigkeiten, die sich der Bildung der Form-\ngestalt und Farbgestalt entgegenstellen.\nDer Musiker führt die musikalischen Tonele-\nmente des Bühnenkunstwerkes aus.\nDie Ausführungstätigkeit der einzelnen Organe\nbestimmt und leitet der Regisseur. Er ist es, der\ndas geschaffene Kunstwerk bildet. Er führt seiner\n-eigenen künstlerischen Eingebung gemäß das Büh-\nnenkunstwerk auf.\n4.\n* *\n*\nDie Bühnenkunst umfaßt das Bühnenkunstwerk\nund seine Aufführung.\nDas Bühnenkunstwerk fordert seine Auffüh-\nrung.\nDen Musiker muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDen Techniker muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDen bildenden Künstler muß sich die Bühnen-\nkunst erziehen.\nDen Schauspieler muß sich die Bühnenkunst\nerziehen.\nDen Regisseur muß sich die Bühnenkunst er-\nziehen.\nDie Aufführung des Bühnenkunstwerkes macht\ndas Theater zur Kunststätte.\n* *\n*\nDas Theater als Kunststätte überwindet das\nGeschäftstheater und das Kulturtheater. Die\nKunststätte ist Kultstätte.\nDas Theater von heute ist ohne Geist. Mit der\nBühnenkunst erobert das Reich des Geistes das\nTheater.\nDie Sehnsucht nach Geistigkeit ist der Weg\ndes Menschen. Zwei Menschen verkünden das\nReich: der Priester und der Künstler. Beide sind\nSeher. Beide sind der Vision, der Offenbarung\nteilhaftig. Beide verkünden ihr Gesicht ihren\nGläubigen.\nDer verzückte Priester, der verzückte Künstler\nist nicht mehr Mensch. Nur der Verwandelte\nüberwindet sich zur Anschauung des Geistes. Das\nWerk des Priesters, das Werk des Künstlers ver-\nwandelt die Gemeinde zu Gläubigen.\nUnter allen Künstlern hat der Musiker die\ngrößte Gemeinde. Der Bühnenkünstler tritt an\nseine Seite. Das Bühnenkunstwerk tritt seine\nApostelfahrt an. Die Unbekehrten selbst verlangen\nBekehrung:\nEine Bühnenkunst tut not.\n♦ *\n*\nEs kommt darauf an, den Menschen die Vision\nzu gestalten.\nEs kommt darauf an, den Künstler zu hören.\nEs kommt darauf an, die Vision zu haben.\nEs tut not, an die Kunst zu glauben.\nKunst leidet nicht Not.\nKunst nimmt dem Menschen die Not."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.4", "texte": "Gedichte\n\nSophie van Leer\nTempel aus dem Morgenlande schimmern\nDeine Augen\nAuf meiner Stirne spielen Deine. Hände\nIn meine Träume gleißt Dein Schritt\nUm meinen Nacken schlängelt Dein Lachen\nIn weinender Demut knie ich vor Dir\nMein Antlitz atmet\n❖\nDein Herz schlägt tausend Schläge\nDein Rücken trägt den Himmel\nDu wächst in die Welt\nDein Blick sammelt Gebet\nGlut kränzt Deine Stirn\nLicht keimt Dein Atem\nA.us meinen Augen kniet Dein Altar\nFlamme zuckt nach dem Duft Deines Mundes\nIch reihe alle Gestirne um Deinen Nacken\nIch raube den Sternen ihr Silberkleid\nIch biege die Blitze in Deinen Schoß\nIch klinge Glöckchen um Deine Gelenke\nMeine Tage sind tot\nIn Klippen irren Gedanken\nDüsternis welkt Trauer\nTod weint über die Ebene meiner Seele\ntastet in Schmerz alle Wände ab\njagt den Wald meiner Nächte\nklagt die Welt aller Sehnsucht\n*\n\nSpiel\nWirf mich\nfange mich\nKlein-Spielgefährt\nSpinne Dein Seidenhaar\nschling Deine Rankenhändchen\nwippe die Trippelfüßchen\nwirf die Glieder\n$\nin die Sonne\nhasch mich\nich fange Dich\nKlein-Spielgefährt\n\nSeidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\n\nI\nDie kleine Malschülerin Sine hatte das\nschwarze spiessige Einsegnungskleid abgelegt.\nEin geschwungener breitrandiger Hut deckte ihr\ndunkles Haar, sie trug ein lila Kleid mit rundem\nAusschnitt und nackten Armen. Das Haar, von\nder Stiefmutter glatt gescheitelt, rollte sie in zwei\nschönen Bögen um die Stirn und schwang es an\nden Wangen zum Liebesknoten auf den Nacken\nhinab. Die bisher beim Nahen eines Mannes ängst-\nlich gesenkten Augen hob sie schwermütig. Ant-\nwortete sie vordem bei der Anrede eines Mannes\nnichts als „Ja\" oder „Nein\", so begann sie jetzt\ndie Ansichten Seidenfadens zu äußern. Mit großen\nrunden Augen Seidenfadens starrte sie auf Jeden.\nEines Tages legte ein großer, schwerer Mann\nseine Tatze auf Sinens zarten, jungen Nacken: „Na\nMächen, jetzt wirste aber hübsch!\" Sine machte\nsich beleidigt los und regte sich auf: „Lassen Sie\ndas bitte!\" Nur Seidenfaden durfte die Hand auf\nihren Nacken legen, nur in Seidenfadens Geleit\nbesuchte sie das Theater, nur von ihm ließ sie\nsich am Bahnhof abholen. Sine besuchte die Mal-\nschule eines Professors, der bekannte Oelbilder\nvon Elfenreigen, Tanz der Blumenmädchen und\nParzivals ritterlichen Prüfungen gemalt hatte,\nseine Gestalten waren asketisch, präraff aeli-\ntisch. Kein Wunder, daß Seidenfaden der Erste\nund Einzige war, der ihrem präraftaelitischen\nIdeal beglückend entsprach: seine Parzivallocken,\nKniehosen, der stelzende Gang, die runden großen\nAugen gemahnten sie an des Professors Tanz der\nBlumenmädchen: die Sechzehnjährigen tanzen um\nParzival.\nSeidenfaden betete seine schlanke prärafiaeli-\ntische Geliebte an, aus der orangenen Lohe hatte\ner sie gehoben und sich ihr gesellt. Heimliche Wege\nmußte er gehen, denn Sinen gefielen heimliche\nWege wohl, und um der Stiefmutter ein Schnipp-\nchen zu schlagen, war ihr kein Weg zu heimlich.\nIn den ersten Liebesnächten hatte sie sich mit\neinem dunklen Winkel im Hause beholfen, dann\nwurde Sine kühner und das kleine Mädchen\nnahm den Liebsten auf ihr Zimmer. Sie legten sich\nzu Bett. Se<idenfaden hielt auf die ritterliche Tra-\ndition des Wagnerschen Bühnenweihspiels, aber\nsie liebten und küßten Einander dennoch frisch.\nDa Vater Dolling nebenan seine Theaterkritik ar-\nbeitete, verhielten sich die Liebenden still im Bett.\nAber es hätte nicht dieses Hemnisses bedurft,\ndenn die präraffaelitische Liebe war unfruchtbar.\nIn der nackten Zärtlichkeit war Seidenfadens Lust,\ner mied die Häßlichkeit der befruchtenden Tat. Es\ngelüstete ihn nach Sinen, er war neugierig, er-\nregte sich, fieberte, aber er fürchtete die Flammen.\nDenn auf den Stirnen junger Frauen steht die\nWarnung geschrieben:\n„Die geringste Zärtlichkeit ohne den Gedanken\nan Vereinigung errichtet Ausschweifung.\"\n* *\n*\nSeidenfaden erwachte an einem heißen son-\nnigen Vormittag um zehn Uhr, zog sich eilig an,\nstellte Wasser zum Thee auf den Kocher und\nholte vom Flur seine beiden täglichen Schrippen\nsamt der Post. Ein Brief im Bütten-Umschlag, die\nAdresse von Sine in schrägen, dicken Zügen ge-\nschrieben, war früh gekommen. Seidenfaden zog\ndie lila Vorhänge zu, stand mit dem Brief und\ndachte nach, dann entnahm er ihm einen großen\nBüttenbogen, beschrieben mit einem Gedicht, das\nvon unzähligen Gedankenstrichen unterbrochen\nwar.\nSeit ewigen Zeiten war es die köstlichste\nBrautgabe der reinen und freien Frauen, sich mit\nihrem Jungmädchenstolz dem Liebsten hinzugeben.\nSine kleidete ihre frische Liebe in literarische Pose,\nihre freie Anmut puderte sie mit Damensehmach-\nten.\nSeidenfaden las den Brautbrief und errötete.\nDann verfärbte er sich und seine Augen brannten\nnächtig. Er brachte seine Stube in Ordnung, das\nblaue Bett verhüllte er mit der Liladecke, stellte die\ndurchsessenen Stühle in den Winkel, säuberte den\nwüsten Schreibtisch, rückte des toten Beethoven\nGipsmaske grad, schloß die Fenster und Vorhänge\ndicht vor dem Sommertag, entzündete die Lila-\nlampe und die Kerzen seiner beiden grünen Wand-\nleuchter, verbrannte schließlich ein Stück Ambra.\nEr beschloß, fastend die Feierlichkeit des Empfangs\nvon Sinens Brautbrief zu begehen.\nInmitten seiner sackleinenwattierten Zelle\nstellte er den Notenständer und holte die Geige\naus dem Kasten. Nun entkleidete er sich eilig und\nbegab sich völlig nackt in seiner dürftigen Mager-\nkeit vor den Notenständer. Er hatte das Zimmer\nnicht abgeschlossen, denn zu jedem Augenblick\nsollte die Geliebte bei ihm eintreten dürfen. Den\nBrief hatte er aufgeschlagen auf den lila Samt\ndes Ständers gelegt. Er betete mit tiefer Stimme,\ndie Handflächen aneinander gelegt, den Brief:\nDu — Du — Du —\nDu weisst, was es sagt —\nDu fühlst — Du sinnst über das Unendliche\nin diesem Du —\nWas soll ich da noch schreiben —\nDu sagst — und erkennst — und verstehst ja\nAlles —\nIch wiederhole Dich nur —\nUnd tausend Mal kanns nicht anders sein!\nDu — Du — Du —\nWas machst Du mit mir —?\nDu gabst mir Deine Sehnsucht —\nIch will sie noch sehnsüchtiger machen —\nDu sollst in Deiner Sehnsucht auf ewig leben —\nJa — Ja — Ja —\nmein Leben lang —\nJa 1\nDeine Einsamkeit fühle ich —\nDenn sie ist auch meine —\nDu — Du — Du\nVerstehst Du denn —\nMein Schweigen nicht —?\nJa — Ja — Ja —\nDu verstehst mein Schweigen —\nAber Du bist zu unsicher in Deinem Glück —\nUnd Ich — Ich — Ich —\nsoll nur sagen —\nDu hast meine Seele —\nUnd ich hab Deine Seele —\nUnd sie sollen sich —\nEwig zu Einander sehnen — Namenlos\nDie Kerzenflammen knisterten fressend zu\nSeidenfadens Häupten. Seidenfaden schwieg, stolz\nhinterm Ständer aufgerichtet. Dann ergriff er die\nGeige und spielte Sinens Leitmotiv. Draußen auf\nder Stiege ging ein schwerer Tritt, der Bäcker-\njunge holte die leeren Brotbeutel von den Türen.\nDa erhob Seidenfaden die schrille Sopranstimme\nund sang nach Sinens Leitmotiv den Brautbrief.\nSchneekamps, ihre drei Töchter, sämtliche Haus-\nbewohner öffneten ihre Türen und lauschten\nkopfschüttelnd. Der Bäckerjunge miaute und sang\ndrunten von der Treppe herauf:\nDen schönsten Platz, den ich auf Erden hab,\nist eine Rasenbank am Dönhoffsplatz!\nSeidenfaden hörte nicht. Nach dem Wort\n„Namenlos\" legte er die Geige in den Kasten,\nzog die Kleider an, öffnete Vorhänge, Fenster und\ntrug auf dem Titelblatt seines neuen Manuskriptes\nein: „Des Jünglings Siegel zerbrach . . .!\"\nII\nAn einem schönen Abend Ende Mai war\nSeidenfaden mit Sine und Frau Gabrielen im\ndichten Walde. Sie ruhten zudritt in einer Mulde\ndes Abhangs und schauten durch die Kiefern auf\nden See herab, der in roter Lohe brannte. Kein\nMensch würde sie in diesem versteckten Wald-\nwinkel suchen. Des Sommers bunte, klare Wol-\nken hingen über ihnen in den strengen Wipfeln,\nWanderlieder schwebten durch den Wald, und\nnahe raunte im sachten Wind Aeolsharfen-Läuten.\nDie hellblaue Nacht kam und die Drei starr-\nten seit Stunden wortelos auf die See. Sine lag\neng verschlungen mit Seidenfaden und sie küßten\nEinander ohne Aufhören. Frau Gabriela saß\ndaneben, aufgerichtet, und schaute starren Blicks\nunter gerunzelter Stirn auf das Abendrot, bis\nes überm See in ferner Walddichte verging. Sie\nwar eifersüchtig auf das kosende Paar und\nfühlte sich schmerzlich einsam. Schließlich bat\ndie listige Sine: „Gabriela, du bleibst doch\ndiese Nacht mit uns zusammen. Du kommst mit"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.5", "texte": "Campendonk. Holzschnitt / Vom stock gedruckt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.6", "texte": "auf die Stube zum Bunten. Er macht Thee, wir\nessen Abendbrot und gehen dann alle Drei im\nWald schlafen. Die Nächte sind ganz warm, nich\nBunter? Und Morgen früh sind wir viel früher\nals die andren ekligen Puten aufgestanden, alle\ndenken, wir kommen vom Spaziergang.\"\nSine sprach mit der piepsigen Quäkstimme\nihres Bunten, wenn sie besonders zärtlich sein\nwollte: „Bunter, Frau Gabriela kann ihrem Ollen\nerzählen, daß sie in Berlin bei der Mutter über\nNacht bleiben mußte.\"\nFrau Gabriela erglühte und erörterte eifrig den\nPlan des nächtlichen Abenteuers. Seidenfaden\nfügte sich gern in weibliche Entscheidungen. Die\nDrei stahlen sich heimlich im Dunkel durchs Un-\nterholz und schlichen in Seidenfadens Stube.\nWährend Seidenfaden Thee machte, besichtigte\nFrau Gabriela die völlig mit Sackleinen wie eine\nKiste auswattierte feine Stube von Sinens Bräuti-\ngam. Eine dick mit violettem Tüll verhüllte Lampe\nverbreitete einen magischen Schimmer und ließ\nam Fuß grad so viel normales Licht auf den Tisch,\nals der in Arbeit befindliche wüste Manuskript-\nhaufen erforderte. Lilaseidenvorhänge schwebten\nim Nachtwind an den Fenstern, Seidenfadens Bett\nwar lila bemalt und lila verhangen.\nMitten auf dies Bett setzte sich Frau Gabriela\nund drückte seinen weichen Bausch als Polster\nin ihren Rücken. Sine sorgte keusch, daß das Weiß\ndes Bettes nirgends hervorguckte. Die Frauen\nhatten sich gemütlich eingerichtet, sie erhielten\nThee mit Kuchen. Seidenfaden schmiegte sich\ndicht an Sine aufs Bett, und beide tranken aus\ndemselben Glas. Beim Thee wurde den Frauen\nwarm und sie erzählten ein wenig Klatsch, bis\nSine bat: „Bunterchen, spiel uns auf der Geige\nvor, was du dir nur für uns ausdenkst.\"\nSeidenfaden stand auf und lehnte die Geige\nab. Aber er möchte ihnen gern aus seinem Roman\nvorlesen: „Des Jünglings Siegel zerbrach!\" Er\nnahm einen Folianten, in rotes Sackleinen gebunden,\nvom Tisch, legte ihn in den normalen Lichtfleck der\nLilalampe und las bis Mitternacht vor. Dann\nlöschte Seidenfaden die Lampe, rückte eng an die\nbeiden Frauen aufs Bett, und warm zudritt\nschauten sie dem Wehen der Vorhänge zu, die\nsich bauschten und sich wie kleine Mädchen\nzierten.\nAls es Zeit war, schlafen zu gehen, stiegen die\nbeiden Frauen voran behutsam und geräuschlos\ndie Stiegen hinunter. Seidenfaden hatte gebeten,\ndaß die Kleider nicht im Flure rauschten, und\nBeide hielten die Röcke knapp gefaßt. Kein\nStreichholz durfte angezündet werden, denn das\nHaus durfte nicht erfahren, daß der Herr Künstler\ngleich Zweie auf einmal dahatte.\nAuf dem steilen Weg zum See in der Nacht\nlachten die Frauen, Frau Gabriela hakte sich in\nSeidenfadens Arm, und zudritt eng aneinander ge-\nschmiegt schritten sie am stillen See, im tiefen\nDunkel, unter Birken und wenigen Sternen. Die\nWälder heulten vom Gebell eines wütenden\nHundes. Sie stiegen in den Wald hinauf, Seiden-\nfaden breitete Mantel, Umhänge, Decken und\nKissen in der Finsternis auf dem Nadelboden aus,\ndann legten sich alle drei. Die Frauen schmiegten\nsich an ihn und er hielt Beide umarmt.\nSeidenfaden, ohne Furcht und Tadel, war ent-\nhaltsam: nie brauchte Don Quijote eine solche\nFeuerprobe der Keuschheit abzulegen. Die Frauen\ndeckten sich mit Seidenfaden gut zu, und sie\nruhten liebegenießend bis zum Aufgang der Sonne.\nAls sie eingeschlafen waren, wachte der uner-\nmüdliche Bunte über ihren Schlaf.\nDer kalte, eisig-tauige Morgen machte endlich\nSeidenfaden schläfrig. Da erhob sich Frau Ga-\nbriela leicht und flink, verbeugte sich vor dem\nLiebespaar, gab Seidenfaden einen Kuß und ver-\nschwand, um mit dem ersten Zug aus Berlin zum\nOllen heimzukehren und ihm seine Hafersuppe zu\nkochen, bevor er zur Arbeit fuhr. Auch Sine war\nschleunigst aufgestanden. Nur Seidenfaden war\ngeblieben und schaute träumend auf seinen Decken\nder holden Liebsten nach. Sine winkte mit dem\nbreitrandigen Gretchenhut und schüttelte stumm\nihr dunkelhaariges Haupt zum Abschied.\nSeidenfaden stand auf, sammelte das Nacht-\nlager zusammen, und ging feurig von Liebe,\nFrauen, Welt, glückheiß unter Kiefern als zwischen\nTempelsäulen. Er hatte mit zwei schönen Frauen\neine Nacht geschlafen und er hatte keine berührt,\nhatte sich nicht im Fleische vermengt. Er war\nder Beseelte, der Bunte, Stern des Bundes, prä-\nraffaelitischer Ritter, der die Frauen im Geiste\nliebte.\n* *\n*\nLila Morgenrot stand über der grauen Erde im\nOsten. Eine kalte, klare Nacht war zu Ende.\nSeidenfaden schlüpfte aus Sinens Bett und zog sich\nhastig an, während Sine müde in den Kissen bUeb.\nEs würde Sine garnicht einfallen, aufzustehen,\nwenn sie nicht Seidenfadens Rückzug zu decken\nhätte. Sie gedadhte bitter all der Frauen, die\nMorgens mit dem Liebsten liegen bleiben und\nsich der Sonne erfreuen dürfen, wenn sie spät auf\ndie Betten schien. Sie legte ihren Mantel um und\nstand bei ihrem Bunten. Er hob seine Hände zu\nihren Wangen, streichelte und küßte sie. Dann bog\ner ihr Haupt sacht und legte es an seine Wange.\nAndächtig murmelte er die Melodie, die er zu\nGeorges „Weißen Aras\" komponiert hatte.\nSine hatte an ihn geschmiegt die ganze Nacht\ntief geschlafen, während er ihren Schlaf hütete.\nMüde sehnte er sich in seine Stube, um auszu-\nschlafen. Er nahm seine Stiefeln in die Hand und\nschlich behutsam an den Türen der Dollingschen\nFamilie vorüber, gewann die Treppenbahn und\nlief zur Halle hinunter. In diesem Augenblick\nging Sine mit festen Schritten die Galerie entlang\nzum Oertchen, um ein etwaiges Geräusch des\nLiebsten zu maskieren. Seidenfaden durcheilte\nvom Treppenpodest aus quer die Halle, alsDollings\nneues Kinderfräulein, das seit einigen Tagen auf\nLauer lag, zur Treppenbrüstung sich herabbeugte,\nSeidenfadens Magier-Spitzhut und seinen Zauber-\nUmhang im Wind der Freiheit sich bauschen sah.\nSie war aufgeweckt durch Sines Gang.\nDie Liebenden waren auf frischer Tat ertappt.\nDas Fräulein lief zu Frau Dolliing, die noch schlief.\nMit Entrüstung des verletzten Schicklichkeitsge-\nfühls, mit Neid auf die glückliche Geschlechtsge-\nnoßin, die einen Genuß gehabt hatte, den sie sich\nim Augenblick nicht leisten konnte, mit Haß auf\ndas freche Stiefkind — erhob sich Frau Dolling\nund ging zu ihrem Mann, der in der Frühe seine\nKritik arbeitete. Sie holte ihn ins Schlafzimmer\nund hielt ihm einen Vortrag über die Gewohn-\nheiten seines Töchterchens.\nSeidenfaden hatte bereits einige Male anzu-\ndeuten versucht, welche Hoffnungen, welche\nernsten, beachtlichen Wünsche er hegte. Er hatte\nDolling ersucht, ihm mit Sinen Eines der Familien-\nzimmer, das nicht ausgenutzt war, als Ehestube\neinzuräumen. Eines genügte ihnen und es bliebe\nihnen die Zahlung der Miete erspart. Seidenfadens\nZumutung hatte Dolling erbost und er wies sie\nrundweg ab. Des Vaters Ablehnung verursachte\nder stolzen Sine Schwermut in ihrer Maienzeit.\nIn ihr vereinsamtes Liebesstüblein stürzte der\nvon der giftigen Hornisse Stiefmutter gestochene\nDolling, beschimpfte die Tochter im Bett als\nStrassenmädchen, und verbot die nächtlichen Be-\nsuche Seidenfadens. Sine starrte ihren Vater an,\nden sie selbst auf literarischen Festen von Mäd-\nchen zu Mädchen hatte nippen und küssen sehen:\ner verbot brutal den Frauen die Genüsse, die\njedem Herrn freistanden. Sie bekam einen Anfall\nvon hysterischem Schluchzen, schrie, der Vater\nsolle auf der Stelle hinausgehen, und der Vater\nverließ befriedigt die Stube, stolz darauf, die\nWeiber-Angelegenheiten in Reihe gebracht zu ha-\nben. Frau Dolling fuhr gleichgültig nach Berlin\nund das Haus lag still und öde.\nSine tat Salmiakgeist, den sie zum Kleider-\nreinigen brauchte, in ein Glas mit Wasser. Das\nwürde vielleicht scheußlich brennen, aber schaden\nkonnte es nicht Sie wusch sich, machte das Haar\nund steckte es in einen süßen Knoten auf, legte\nSchminke auf für Blässe, zog ihr Kleid vom letzten\nFeste an, deckte die braune Samttisahdecke\naus Dollings Wohnzimmer über ihr Bett, flocht\neinen Blütenzweig ins Haar, schloß die Fenster,\nzog die Vorhänge dicht vor, zündete die Kerzen der\nbeiden Wandleuchter an, stellte das Glas mit Sal-\nmiak auf ihrem Nachttisch zur Hand und streckte\nsich schließlich aufs Bett aus, um in Schönheit den\n„Todestrank\" zu nehmen.\nSine stellte sich vor, daß sie sterben würde:\nWenn der Salmiak wirklich Gift wäre? So lag\nsie ein Weilchen. Dann wurde ihr schauerlich zu\nSinn, sie nachtwandelte im Mondschein am Dach-\nrand, wie schauerlich ihr Gehen war, einsam,\nhülflos. Sie lag tot, bekränzt auf dem Bett, und der\njunge Dante trat zu Beatrix und kniete vor der\nEntschlafenen. Sine zupfte an ihrem Bett, strich\ndie stillosen Falten heraus, streckte sich wage-\nrecht, legte die Hände edel zum Busen und richtete\nihr teilnamlos wächsernes Angesicht zur Zimmer-\ndecke auf. Kränze und klagende Freundinnen.\nFrau Gabriela kam, die erschrockene Stiefmutter.\nUnd dann tritt Dante-Seidenfaden über die\nSchwelle, um Sinens feierlichen Tod wahrzu-\nnehmen, kniet nieder am Bette.\nAber sie starb durchaus nicht, den Gefallen\ntat sie der Stiefmutter gewiß nicht, solange sie\nlebte. Sie nahm das Glas und trank den dummen\nSalmiak auf einen Zug herunter. Sine brüllte aus\nAngst vor der Säure um Hilfe, blieb aber steif\nliegen, um nicht die Linie ihres Sterbebettes zu\nverrücken. Die Kinder holten auf das Gebrüll den\nVater, der zur Tochter stürzte. Er rang die Hände\nund rief: „Kind, besinne dich!\" öffnete ihre Bluse\nund wollte ihre Brust aus dem Glas auf dem\nNachttisch einreiben, als sie „Gift\" hauchte, „ick\nhabe mich vergiftet, Vater\", und in neue Ohn-\nmacht sank.\nDas ganze Haus lief vor Sines Tür zusammen.\nMan beeilte sich, den Arzt zu holen, um irgend\nmöglich Sinen noch zu retten. Der junge Arzt\nkam, aber als Sine durch den Arzt ihren ganzen\n„Selbstmord\" gefährdet sah, wurde sie tobsüchtig,\nstieß mit Händen und Füßen nach ihm und dem\nVater, obgleich sie ihre edle Sterbelinie dadurch\nverrückte. „Sie bringen mich um\", schrie sie ver-\nzweiflungsvoll, „fort, zur Hilfe! Polizei!\" Sie biß\nin die Decke, schlug mit der Faust gegen den\nNachttisch, daß das Glas zu Boden stürzte und\nzerbrach. Der Arzt hatte ihren Tobsuchtsanfall\nhervorgerufen, als er sich über das Glas beugte\nund daran roch. Er hatte gelächelt und ,Salmiak\"\ngesagt.\nUnverrichteter Dinge mußte der Arzt ab-\nziehen. Der arme Dolling war zusammenge-\nbrochen und stammelte, indem er Sine umschlang:\n„Mein einziges Melusinchen, mein Mäuschen. Du\nsollst doch den Liebsten behalten, keiner nimmt\nihn dir. Seid zusammen, so oft ihr wollt, nur"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.7", "texte": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.8", "texte": "braucht ihr das grade nicht in meiner Wohnung\nabzumachen.\nEs blieb unaufgeklärt, ob Sine in der Verwir-\nrung ihrer Sinne die Versprechungen des Vaters\nvernahm. Geistesabwesend hatten sich ihre Augen\ngeöffnet. „Verlaßt mich nun Alle!\" Das arme\nKind ahnte garnicht, daß ein tiefbetrübter Vater\nan ihrem Bette kniete und auf das erste Zeichen\nihrer kindlichen Liebe wartete. Als Dolling end-\nlich hinausging und die Tür hinter sich schloß, lag\nsie im tiefen Schlaf. Er weinte.\nSine schlief ihren gesunden Jungmädchenschlaf\nnach der Liebesnacht, der Salmiaktrinkerei und\ndem Kampf gegen den Arzt. Gegen Mittag betrat\nSeidenfaden das Heim. Frau Gabriela eilte so-\ngleich zu Seidenfaden und berichtete Sinens ver-\neitelten Selbstmord. Der Bräutigam stand auf\nder Altane und erhielt den schrecklichen Stoß\nmitten in seinen Sommernachtstraum.\nSeine Bücher, die er im Arm trug, stürzte er\nplumps zu Boden, schlug die Musiktasche drauf,\nwarf den Magier-Spitzhut fort und stieg gebückt\nzur Halle hinab, wo er auf der Bank am Eingang\nElend ertrug. Er stützte die Wange mit der Hand,\nvornübergesenkten Hauptes, hängender Locken,\nund Gabriela hörte ihn flüstern: „Das haben sie\ndir getan!\" Er durfte nicht zu Sinen, Sine litt\nund wäre lieber gestorben.\nNach Seidenfaden kehrte Frau Dolling zurück,\nsie schritt verächtlich an Sinens Bräutigam vor-\nbei und vernahm von Frau Gabrielen die Neuig-\nkeit des vereitelten Selbstmordes mit ungeheuchel-\ntem Gleichmut. Sie ließ sich nicht herbei, das\nZimmer der Stieftochter aufzusuchen.\nKurz vorm Essen ging Vater Dolling zu seiner\nTochter. Sine erhob sich und warf sich weinend\nan seine gerührte Brust. Dolling schwur ewige\nVaterliebe.\nSeidenfaden wurde als Schwiegersohn „gedul-\ndet\". Sinen legte die Schwere ihres „Selbstmordes\"\nein Vorsichts-Anstands-Xrankenbett von vierzehn\nTagen auf.\nIII\nSine hatte die Füße aufs niedre Fensterbrett\ngestemmt, ihr jungenshaft schlanker Rücken var\nvorgebeugt, und sie nähte emsig und gewandt den\nschönen seegrünen Tuchstoff, der über ihrem\nKnie in schimmernden Falten lag. Morgen leuch-\ntete in das ebenerdige Eckzimmer durch seine\nbreiten Fenster, in das Spielzimmer der Kinder,\naus dem sie bei den Schularbeiten die ruhige Vor-\nortsstraße auf die flachen Hände nahmen.\nHeil und still war es Morgens für Melusine\nund Nonne, um zu nähen, um %u\nhaben und Rat miteinander zu tauschen. Ein\nlustiger Fries bunter Tiergestalten, von Jagd-,\nTanz- und Festaufzügen unter tropischen Bäumen\nwandelte zur Kinderfreude rund die Wände ab.\nWeiß mit rotem Rand waren Vorhänge und\nWäsche, rot bemalt auf weißem Grund Truhen\nund Türen, einen roten Rand hatte die Zimmer-\ndecke und rote Fensterkreuze standen vor der\ngemächlichen Straße.\nNonne sang droben im Haus. Ihre Mädchen-\nlieder stiegen frei in den blausten Tag, sie brachte\ndie Stuben in Ordnung mit den geschwinden\nHänden, Vorhänge gingen auseinander, anspruchs-\nvoll sich brüstende Möbel rückten karg zusam-\nmen, Teppiche rollten zum bedeutungslosen Bün-\ndel. In der OktoberküMe waren Fenster und Tür\nweitoffen für den wenigen Sonnenschein des\nletzten Herbstes.\nVenus leuchtete nicht im Tag, Jupiter war\nstumm, Saturn drohte Melusinen mit Zahl und\n,Schrift. Das englische Horoskop hatte Sine vor\ndiesem Tag gewarnt. Vor Denen, die ihr heute\nUnglück bringen konnten, hielt sie sich versteckt,\nsie vermied Unterschrift und Geldzahlung, sie\nschwänzte gar das Aktzeichnen in der Malklasse.\nSinchens langes faltiges Fräuleins-Gesicht war\nwelk und grau, es blieb puderfrei an diesem\nSorgetag, das Unheil zu bannen:\n„Der Urd Riegel sollen dich allseits wahren!\"\nAbends, wenn Sterne scheinen, wird Sine sich\nins süße Leben wieder hineinwagen.\nNonne im Arbeitskleid leuchtete mit blauen\nAugen, ihr Lied war Geläut der Pförtnerglocke\nzum Kk)ster, es hatte milden Ton und tröstete Zu-\nfluchtheischende wachen Traumes. Der Brief-\nträger schellte, der Monteur sah die Lichtleitung\nnach, es stand ihm der Sinn nach Gespräch von\nder Leiter herab mit Nonne, kleine Kinder auf\nder Treppe wollten guten Tag gesagt haben, eine\nNachbarin wollte getröstet sein. Nonnens last-\nbarer Rücken trug die Mühe der mühlos Vorüber-\ngehenden, das Verderbliche der achtlos Befehlen-\nden. Wer anders wohl als nur sie mußte die Ar-\nbeit tun, die allgegenwärtige. Würde, sicheren\nTrost barg Nonne, und ihre Augen hehlten nie\nDenen, die ihr vertrauten. Mutter in ihrer natür-\nlichen Bereitschaft, spielte sie mit Kindern ihr mär-\nchenschlichtes Leben.\nMelusine harrte argwöhnisch in der Mitte ihres\nSpinngewebs, zitternd vor der gemeinen Berüh-\nrung. Als Nonne ins Zimmer zu ihr trat, besann\nsich Sine, daß von Nonne keinesfalls böser Ein-\nfluß drohte. Sine hatte das Haar gelöst, schönes,\nechtes, dunkles Haar, aber rot gefärbt. Sie hob\ndie Lider von zwei schönen, runden und leeren\nAugen; das Liderheben tat sie mit der Schwere,\ndie aus dem Wissen der Frau verdichtet war, im\nParadiese der Anbetung zu ruhen.\n— „Ist das Kleid noch immer nicht fertig?\nWarum haben Sie es wieder aufgetrennt? Es saß\nsehr gut, als die Schneiderin es brachte —rief\nNonne und beugte sich über Sinens Schulter, um\ndas seegrüne Kleid zu beschauen, welches Sine\nzum dritten Male auftrennte und wieder zusam-\nmenfügte. Es war immer noch zu wenig knapp um\nden Busen, zu wenig schmal und kurz um Hüfte\nund Beine.\n— „Heut solls fertig werden. Du hilfst beim\nAnproben, Nonnchen! Ich muß immer scheen\nschlank for meinen Bunten sein\", berlinerte sie.\n„Wenn ich nicht mehr schlank bin, nimmt er ne\nSechzehnjährige\".\nNonne lachte, schob stürmisch eine Truhe an\nder Wand, als wirbelte eine Pauke:\n„Quatsch, Sie sind mit dem Bunten jetzt zehn\nJahre zusammen, da kann er nicht verlangen, daß\nSie ein kleines Mädchen ohne Busen und Hüften\nmimen.\"\nSinen schmerzte stark der Kopf, Nonnens\nPaukenwirbel, die abergläubische Sorge aus Sa-\nturn, der Mißmut, am schönen Tag einsam zu\nBitzen, der Verdruß über das unfertige Kleid —\nalles ärgerte sie und sie verwies die in der Liebe\nunentwickelte Arbeiterin mit sachlicher Kühle:\n— „Das ist das Asketische: ich darf nicht dick\nwerden. Der Bunte kann die dicken Weiber nicht\nausstehen, das weißt du auch, Nonne. Sie sind\ntemperamentslos, unerotisch, ohne Leidenschaft,\ndie dicken Puten sind immer gleich alle, hach!\n„Ich trage jetzt ein neues Korsett, das den\nBusen wegschnürt und die Hüften bis zum Ober-\nschenkel herab in schlanke Form preßt. Ich\ndachte schon, wie ich das Fleischige, das formlos\nhinten herabhängt und in den engen Röcken nur\nstört, fortbringe. Am Beste* wäre ein Netz am\nKorsett.\n„Und dann habe ich zu kurze und dicke\nBeine. Afte Frauen haben zu kurze Beine, des-\nhalb wirken wir immer dick. Da wäre ein Streek-\nApparat nötig. Wenn meine Beine nur zwei Zen-\ntimeter läfiger würden, so machte das viel aus.'1\nSine plapperte, Nonne hatte sich auf die Truhe\ngehockt, sie eulenspiegelte mit entzückenden\nFlämmchen zu Melusinen: „Wieviel Apparate\ntragen Sie schon auf dem Leib? Rückenhalter,\nHüftkorsett, Streckapparat, jetzt den hinteren\nHalter! All das dem Bunten zu Liebe. Lassen\nSie ihn doch endlich laufen. Wegen seiner Sehn-\nsucht nach Sechzehnjährigen gehen Sie in kurzen\nRöcken?\"\nSine nahm beleidigt das grüne Tuch und ging\nzur Tür, indem sie im engen Kleid von jesuitischer\nMagerkeit ein schwarzes Ausrufungszeichen durch\ndie Spalte schrieb. Hinter dem köstlichen Aus-\nrufungszeichen feixte Nonne und lachte.\nSine ging ins Schlafzimmer der Kinder, wo\ndie Nervös-Ungeduldige es garnicht rasch genug\nmit ihrer Näherei treiben wird, um Nonne für die\nAnprobe zu rufen.\n— „Nonnchen, kommste mal?\" Als Nonne ein-\ntrat, zog Sine den Fenstervorhang zu und begann\nrasch sich ganz zu entkleiden.\n— „Mein Bunter sieht mich immer nackt,\nbrauchste dich nicht schämen. Wenn ich das Kleid\nauf dem nackten Leib anprobe, sehe ich, ob es noch\nzu weit ist; wenn es auf der Haut glatt anliegt,\nist es richtig. Zieh nur auch deine Unterröcke aus*.\nMit nem Trikot unter siehste gleich jung und\nschön aus.\" Sine lief nackt zum Spiegel, um die\nLinie des Haars zu prüfen. Ihre Leibesgestalt er-\nstand, als sie den Zwangsapparat für Busen und\nHüfte abgelegt hatte, in Fülle und Anmut der frau-\nlichen Glieder, schön, licht, dreissigjährig, von\nSchnürapparaten weder asketisch, noch sechzehn-\njährig entsteht. Lifebesblicke durften auf ihrem\nunversehrten Busen ruhen, Küsse die Lenden und\nden weißen Libellenrücken der Frau berühren, die\nnatürlichen, einzig liebenswerten Unvollkommen-\nheiten waren ihr wie jedem weiblichen Gefäß der\nMenschheit zu eigen.\nSine hatte nicht geritten, kein Ruderboot ge-\nmeistert, kein Segel gesetzt, um vorm Sturm zu\nkreuzen. Sie hatte im Wettlauf oder Spiel nicht die\nMuskeln gestählt, nicht den Leib biegsam und seh-\nnig, zur schmalen Lanze gefertigt. Sie hatte nie\nden Ehrgeiz gekannt, lustreiches Gefäß der Sonne\nim Norden zu sein. Sinens geistreiche Blässe,\ndas Trauernde, Interessante, Schmachtende, wa-\nren anämisch. Sanfte weibliche Fülle, Liebes-\nreife verlangten körperliche Ausarbeitung. Aber\nSine blickte geringschätzig auf Turnen oder\nkörperliche Spiele. Ein Mädchen, das den Winter\nhindurch in den Havelbergen rodelte, war stumpf-\nsinnig. Sine kannte immer nur eine Sorge in ihren\nJungmädchen-Jahren, ihre gesunden, gottschönen\nGlieder asketisch zu zwängen, geistreich und inter-\nessant zu sein. Sie legte sich tagelang mit eroti-\nschen Romanen aus aller Welt zu Bett, um ihre\nSchönheit nachzugeistigen.\nEsther des Orients nafcm Harfe und Tanz-\nbecken in schwingende Hände, mit geschmeidigen\nBeduinengliedern tanzte sie nervig, an ihr freuten\nsich Fürsten und Krieger. Sine besuchte den Hyp-\nnotiseur, da sie an nervösen Schwächungen litt.\nSine ließ sich stets gern bewundern, und war\nNiemand dafür da, nicht einmal Nonne, so be-\nwunderte sie sich allein vor lauter Langeweile\nund unterhielt sich mit ihrer seidigen Nacktheit.\n„Sie finden sich wohl sehr schön\" machte\nNonne vor der langweiligen Sine. Und Sinens eben\nnoch leere, rund hervorquellende Augen wurden"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.9", "texte": "sorgend scharf und schwarz. Sie erinnerte sich\nihres bösen Tags im Horoskop und legte sich den\nschimmernden Tuchstoff über den nackten Leib,\nhastete mit der Anprobe.\nDas Kleid war nicht zu brauchen und es wurde\nfür die Kinder verarbeitet.\nIV\nSeidenfaden kehrte heim von Sine.\nIn der kühlen Oktobernacht leuchtete der weiße\nDampfballen des davonfahrenden Zuges. Die\nAhornbäume an der einsamen Strasse waren noch\ndichtbelaubt, spärlich standen einzelne Gaslaternen\nim Schatten. Die Straße führte zwischen Bahn-\ndamm und Kiefernwald, kein Haus lag an ihr, kein\nMensch kam Seidenfaden in der späten Nacht-\nstunde entgegen.\nDie scharfen Schatten der Ahornblätter waren\nunruhig und sie veränderten ständig die weißen\nLichtflecke auf der Straße, lang und dünn und\nstachlig von vielen feinen nervös zitternden\nSpitzen. Seidenfaden schritt langsam im tiefen\nSchatten der alten Bäume, bog sich manchmal\nnieder zur Hocke und sammelte den Dung von\nder Straße in eine spitze Tüte. Die Lichtflecke\nblinzelten verschmitzt, die scharfen Ahornschatten\nstachen zierlich mit den Spitzen auf Seidenfaden\nein. Aber er hob nicht das Gesicht, eilends ver-\ntieft in sein nächtlich fruchtverheißendes Geschäft.\nEr bog in den Weg zwischen Hecken und hielt\nbei der letzten Gaslaterne still. Im Schatten seines\nMagierspitzhuts stand er klein, dürr, schwarz, in\nKniehosen. Unter dem breiten Hutrand hing langes\nHaar um sein bleiches Gesicht.\nBehend, leise machte er sich fort in die Finster-\nnis, sein Rücken krümmte sich zum Katerbuckel.\n* *\n❖\nIn Seidenfadens weitabgewandter Bodenstube\nbrannte allnächtlich bis zum Morgen die Lampe,\nihr trübes Licht glomm im Giebel des Landhauses\ndurch die Kiefernwipfel bis zum Frühzug. Bei\nseinem Rollen auf dem Gleis entkleidete er sich\nvor dem Buch, das er las.\nEr las das Aegypter - Evangelium: Als\nJesus eine Andeutung über das Weltende machte,\nfragte Salome: „Wie lange werden Menschen\nsterben?\" Der Herr antwortete mit gutem Be-\ndacht: „Solange Weiber gebären\". Auf diese Ant-\nwort fragte Salome, die von einer falschen Auf-\nfassung der Zeugung ausging: Ob sie also besser\ndaran getan hätte, keine Kinder zu gebären!\nWorauf der Herr erwiderte: „Iß jede Pflanze, nur\ndie Bittere iß nicht!\" Die Jüngerin fragte weitere\nFragen aus geschlechtlicher Neugier, denn Jünger-\ninnen fragen immer. Und der Herr tat ein\nUebriges, um alle Fragen zu beantworten.\nSie fragte, wann das geschehen würde, wo-\nnach sie fragte. „Wann Ihr die Hülle der\nScham mit Füßen tretet, und wann zweie\nEines werden, das Männliche mit dem Weib-\nlichen weder Männliches noch Weibliches.\"\nDer Herr fügte das Uebrige hinzu, indem er von\nsich selbst sprach: „Ich bin gekommen, um die\nWerke des Weibes zu vernichten, ihre Werke Ge-\nburt und Tod!\"\nSchönling Seidenfaden, der ruhelos erotisch\nNeugierige, stand vor dem Berggipfel und sah\nseine roten Zinnen, getrennt von ihnen durch den\ntausendjährigen Abgrund. Aber Sinens fleisch-\nliches Verlangen war Seidenfadens reizender\nStachel, der blühende Querbalken am Kreuz seiner\nPassion, seines Schmachtens, unmöglich war es,\nSine auszutilgen, das wußte er mit entsagendem\nLächeln: dies Fleisch war unvergänglich, unaus-\nlöschlich.\nSeidenfaden liebte es, sich im Schwärm eroti-\nscher Vorstellungen zu bewegen, um Gedanken\nhaben zu können. Er hatte ein übersinnliches\nHeiraten von Seidenfaden und Sine, von Ich lind\nDing ersonnen und den gnostischen Syzygien\nnachgeahmt. Er haßte die geheimnisvolle Häß-\nlichkeit und das verborgen Schmutzige des Ge-\nschlechts, er verabscheute es, aber zugleich ver-\ngnügte es ihn literarisch. Dickwerden der frucht-\nbaren Mutter, Schwangerschaft, das Kind im\nBauch, überhaupt volle und gesunde Fleischesblüte\nvon Mädchen und Frauen belustigten ihn, das\nnannte er „ihre Werke Geburt und Tod ver-\nnichten\".\nDie Steintreppe zum Bahnsteig eilte Seiden-\nfaden hinauf, ein Betrunkener taumelte vor ihm\nauf den Stufen. Er sah das gefährliche Schwanken\ndes Trunkenen, als wollte er hintüber stürzen. Im\nNu, behend, elegant war Seidenfaden im Bogen\nentgegengesetzt ausgewichen. Aus Abscheu vor\ndem häßlichen Betrunkenen war er ausgewichen.\nSeidenfaden mied das Häßliche, denn er hatte\nAngst davor.\nDie Dunkelheit hatte sich nach Mitternacht ent-\nwölkt, die Sterne waren am Himmel erschienen.\nAls Seidenfaden die Lampe löschte und sich zu\nBett legte, leuchtete der Mond weiß in die Boden-\nstube.\nNachdem er den ganzen Abend im warmen\nLuststrom von Sinens Zärtlichkeiten gebadet\nhatte, war er in die eiskalte Halle des Aegypter-\nEvangeliums getreten. Um Mitternacht hatte er\nsich an einem Roman aus dem Jahre der eroti-\nschen Klubs in Rußland fiebrig erregt zu Bett ge-\nlegt. Das bleiche Mondlicht beschien sein bart-\numwuchertes Jesusgesicht. Seidenfaden träumte.\nAuf der anderen Seite des Erdballs erstand er\ntatenreich.\nVom HotelbaJkon schaute er hinab auf Tanger\nin der afrikanischen Nacht. Märchenvogel Rok\nbreitete seine riesigen Fittiche über die schim-\nmernden Stufen flacher mohammedanischer\nDächer. Aus dem Meer war die Nacht von ihren\nFelsen heraufgestiegen mit breiten weichen\nFüßen und hatte ihr Gesicht, das der Tar-\nbusch verhüllte, über die Balkonbrüstung nahe an\nSeidenfaden gedrängt. An ihren weichen Füßen\nund Händen bebten wollüstig edle Ringe und\nSteine, die Nacht des Orients war zu Seiden-\nfaden ins Zimmer gestiegen, um ihren Liebsten\nzu prüfen, ehe sie ihn mit sich in die zerschellende\nTiefe zog.\nHilflos schrie Seidenfaden auf unter ihrem\nherzbangen Kusse, wankte zu Sine und klam-\nmerte sich an . . . Seidenfaden erhob im\nMondlicht der Bodenstube das fahle Ange-\nsicht und hustete schwindsüchtigen Husten aus\ndürrer Brust in die Nachtkälte. Er starrte auf die\nmondweiße Wand. Auf das Rechteck von hart\nweißem Mondschein, das die Stube und seinen\nschmutzigen Hausrat in blau mineralische Formen,\nin ein vom Mondkrater abgestürztes Stück metalli-\nscher Kruste umwandelte. Sinens Herbststrauß in\nder beschädigten Waschkanne war der ver-\nsteinerte Skelettrest eines urweltlichen Kriech-\ntiers. Der mystische Tiermensch der Assyrer,\nhalb Löwe, halb bärtiger Krieger schritt Quer durch\ndas dreidimensionale weiße Mondeck. Seine bar-\nbarische Tatze fetzte die Lieblings-Erotika Seiden-\nfadens. Wild straffte Seidenfaden den magren\nLeib, als *er seine Manuskripte gefährdet sah, aber\nder finstre Assyrer lächelte geheimnisvoll und\ndrückte seine Tatze fest auf Seidenfadens arme\nBrust. Dann schritt er fort durch die Oeffnung\ndes Mondecks in der Mauer, die sich hinter ihm\nschloß.\nSeidenfaden im Bett aufgerichtet, den Rücken\nfurchtsam an die Wand gedrückt, erblickte die\nsteife Rücklehne des Stuhles. Vom vielen Stuben-\nhocken hing das Rohrgeflecht des Sitzes zer-\nbrochen herab und bauschte sich wie der Schweif\ndes assyrischen Löwen.\nSeidenfaden stand aufgeregt auf, wickelte sich\nin eine große Flanelldecke und trat ans Fenster.\nZarte milchige Helligkeit tränkte die Nacht. Die\nSchriftzeichen der nordischen Sterne glühten in\nder kalten Herbststrenge. Der Wald ruhte im\nSchlaf, drei hohe Birken erhoben ihr feines\nGezweig reglos in silberne Himmelsnähe und\nschatteten in die Gestirne. Kein Vogel war wach,\nnoch war nicht Morgen.\nSeidenfaden sah scharf hinaus. Die Herrlich-\nkeit, welche der Schöpfer wohl ermessen hat,\nfühlte Seidenfaden wie einen weichen Flanell-\nmantel seine Glieder hüllen, und er sprach zu\nsich selbst milden Fliisterns: „Ich glaubte immer\nan ein Paradies\". Eine Reihe Tomaten hatte er\nzum Nachreifen in der Sonne auf dem Fensterbrett\nliegen. Er nahm eine in die Hand und liebkoste\nsie. Die Entferntheit aller Schmerzen, der Schlaf\nüber aller Notdurft und Häßlichkeit, des Mond-\nscheins mineralische Regungslosigkeit, die senk-\nrechte Konstante der Birken, die wüstenhafte\nRuhe, so träumte das bedrängte Israel seit zwei-\ntausend Jahren und flüsterte: „Ich glaubte immer\nan ein Paradies!\"\nSeidenfaden legte die Tomate wieder aufs\nBrett, im offnen Fenster floß eisiger Tauhauch\nan seine unverhüllte Brust. Er hustete und\nlegte sich endlich übernächtigt ins Bett zurück,\nmit dem Wunsch zu schlafen.\nSeidenfaden schlief und ihm träumte abermals:\nAus des Hausabgrundes Finsternis, aus den\nRattenlöchern des Kellers, unter den Stiegen, den\nDielenbohlen, aus den Ecken des Dachbodens, aus\nder Tiefe und Höhe wurden plumpe Kugeln gegen\nseine Stubenwand gewälzt und sie brach ein. Die\nKugeln rollten in seine Stube, zu seinem Bett, und\nentsetzt erblickte er unzählige Köpfe: dicke,\nmagere, blasse, blaue, grüne, ausgekerbte, schlei-\nmige, runde wie große Käse, welche ohne Kinn,\nohne Ohren, ohne Stirn, alle hatten phosphorne\nAugen, welche krochen wie Käfer, welche kleb-\nten wie Schmeißfliegen, welche huschten, flacker-\nten, froren . . . Alle diese rumpflosen, selbstbe-\nwußten Köpfe stellten sich rufend aufeinander und\nbauten um Seidenfaden eine schauerliche Wand\nvon schreienden Schädeln. Die Wand stürmte\nHohn, spie tote Stücke von Körpern, Rümpfen,\nGliedern, die heulende Wand stürzte auf den ge-\nängstigten Seidenfaden und steinigte ihn. In der\nFrühe erwachte er fiebrig und zerquält.\n\nGesang\n\nWir sind ein Samenkorn\nunendliche Hände schenken uns fremdem Boden.\nKinder der Sonne sind wir\nLicht küßt uns zum Frühling empor.\nNächte tauen uns silbrig zum Knospen\nStumm trinken wir Sterne und Monde.\nDes Windes Gespiel ist unser schwankes Leben,\nder Wind ist Fruchtbereiter dem Herbste.\nRegen beugt uns furchtsam zu Boden\nKeusch im Regenbogen blicken wir aufwärts\nzu Qott.\nFremde Sichel singt in der Sonne:\nVom Nirgends gegeben\nvon der Welt gediehen\nfruchtschwer ins Namenlose geschritten."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.10", "texte": "Der Sonne gejubelt\ndem Abend zerschnitten.\nSpreu in den Wind gestreut\nnamenlos\nweht unser Sein vorbei.\nLeben ist Garbenfülle der dunkelen Scheuer,\neine Kinderhand tastet uns jauchzend ins Haar.\nIn tausendfach Vollem erblüht uns Bestimmung\nin windstillen Nächten erwachsen wir uns.\nStille Stimme spricht in der Scheuer:\nAlles ist Leben, dem Zwecke gegeben.\nDasein ist Leben\nFühlen ist Sonne\nfruchtloses Schreiten ist Ende und Tod\nWeit hinter Wäldern hängt vom Himmel ein Strahl\nglühend beglänzt er ein dunkeles Boot.\nBergwaldherüber erbraust ein Lied:\nHoch in den Wipfeln wiegen sich Sonnen.\nStrahlen, himmelher aus den Gletschern gestiegen,\nHimmelblau, von reifenden Feldern getragen,\nHände in meinen Haaren,\nKlein bin ich und blind vor euerem Leuchten.\nWolken feuchten den Gang,\nin den Städten brennt ein Gesang,\nüber den Schloten streicht eine Fiedel,\ndurch die Gassen flackert ein Brand,\nSonne und Sterne\nWind und Flamme\nIch beuge mein Wort:\nunfaßbar ist Gottes Name.\nFrau im sonnigen Zimmer\nhellblond weiß unter Blumen geblüht,\nAlle Schönheit berge ich an meiner Brust,\ntropfleise ist die Nacht in Deinem Schoß,\nunsere Seelen verfließen\nSterne ergießen Stille in uns.\nDie Stimme singt:\nZwei Hände wollen das Haar verflechten,\nKronen werden aus Himmel und Erde.\nDie Gärten duften fremdes Geblüte\nWege versinken\nWände fallen\nGottheit lächelt hauptüber uns.\n( ' , .....\nHeimat in Sonne\nich bin vergessen von Deinen Wäldern\nim Rohr wiegt ein Vogel ein fernes Lied.\nHeimat\nDu will ich sein am Abend der Tage.\nEinen lichtbraunen Sarg hat die Sonne gebaut\ner wiegt auf den Wassern\nvon weißen Rosen getragen.\nEdelweiß aus den Bergen träumt auf der Brust,\nEnzian äugt aus den Händen,\nweißer Jasmin küßt meinen Mund.\nLicht ist der Tod\neine stille Sonne der Tag\nhelle Sterne säumen die Nächte.\nSonne will tief ins Tal,\nLieder klingen hinter dunkelen Stunden\nAbendrot goldet die Schmerzen ein.\nMorgen sind wir und Mittag und Abend.\nAllein will uns Nacht,\nbeide Hände greifen hinauf\nmit silbernen Haaren verblüht der Traum.\n\nKurt Heynicke\n\nFachmänner\n\nAusschnitt\nDer Ausschuß der Freien Volksbühne hat mich\ngebeten, eine kurze Einführung über den Geist der\nneuen Kunst für ihre Zeitschrift „Die Volksbühne\"\nzu schreiben. Für die Mitglieder des Verbands\nder Freien Volksbühnen ist eine besondere Aus-\nstellung von W7erken der Künstler des Sturms zu-\nsammengestellt. Der Kritiker der Sozialistischen\nMonatshefte befaßt sich nun mit dieser Einführung,\nohne sie ganz gefaßt zu haben. Er scheint auch\nvon dem Glauben auszugehen, daß ich mich zum\nersten Male, über solche Dinge äußere und daß\nich Wert darauf lege, es zu tun. Ich lege nun\nkeinen Wert darauf, mich zuerst geäußert zu ha-\nben oder mich überhaupt zu äußern. Denn meine\nAeußerung ist Kunst. Man kann zwar mit Tat-\nsachen jede Kunst erschlagen, man kann aber auch\nmit der Kunst jede Tatsache töten. Das Kunst-\nwerk ist geschlossen, es ist daher für einen Kri-\ntiker recht schwer, sich in ein Kunstwerk einzu-\nhaken, das geschlossene Kunstwerk läßt keinen\nRaum hierzu. Jeder einzelne Satz steht so\nfest, daß man ihm erst Gewalt antun muß, wenn\ner vergewaltigt werden soll. Ich schrieb zum Bei-\nspiel so: „Wir sehen nun aber nicht mit dem\nTemperament sondern mit dem Auge. Und wenn\nwir nicht das Temperament des betreffenden\nKünstlers haben, schneidet er uns die Natur gerade\nda aus, wo sie uns zu gefallen anfängt.\" Um\nmich nun abzuschneiden, schneidet sich der Herr\nKritiker Folgendes zusammen, was ich geschrieben\nhaben soll: „Der Impressionismus schneidet uns die\nNatur gerade da aus, wo sie uns zu gefallen an-\nfängt.\" Wenn wir nämlich nicht das Temperament\ndes betreffenden Künstlers haben. Der Herr Kri-\ntiker hat das Temperament aller Impressionisten\nund findet es unlogisch, daß meine Leidenschaft\nAeußerungen des Temperaments nicht für Kunst\nhält. Aeußerungen des Temperaments sind näm-\nlich menschlich ganz interessant, aber die Kunst\nhat nun einmal nichts mit Aeußerungen oder mit\nTemperamenten zu tun. So leid mir das auch tut.\nDer Herr Kritiker unterstellt mir ferner, daß ich\ndie Photographie für künstlerischer halte als den\nImpressionismus. Er zitiert: „Die Photographie ist\nihm viel zuverlässiger, sie sieht viel ehrlicher mit\nihrer Linse und wir können uns den Apparat dort\nhinstellen, wo uns die Natur gefällt.\" Der Herr\nKritiker stellt sich den Punkt dorthin, wo er ihm\ngefällt. Denn unmittelbar auf meinen Satz heißt es\nweiter: „Wir verbinden mit dem Photo unsere\nErinnerung und sind befriedigt. Nur ist damit kein\nKunstwerk geschaffen, auch nicht, wenn es mit\nOelfarbe angestrichen wird, wie es zum Beispiel\nder berühmte Meister Lenbach tat.\" So wollte\nmich der Herr Kritiker vor seinen Lesern anfüh-\nren, ich habe ihn aber bereits wieder ausgeführt.\nEr behauptet weiter: „Das ist das Unlogische an\nden Ausführungen Waldens: daß er nicht etwa\nzur Kunst überhaupt führen will, sondern zu der\neinzigen, die für ihn existiert; zu ihr als der allein-\nseligmachenden.\" Die einzige Kunst, die für mich\nexistiert, ist eben die Kunst. Da meine „Rich-\ntung\" zur Kunst führt, kann ich doch den Herren\nKritikern nicht den Gefallen erweisen, ihretwegen\neinen Umweg zu machen. Im großen und ganzen\nfindet zwar der Herr Kritiker das richtig, was ich\nsage. Aber es kommt gar nicht darauf an, daß es\nrichtig ist, sondern darauf, daß man die Kunst sieht.\nDer Herr Kritiker zitiert endlich: „Und wie eine\nWarnung vor Gefahr hört man es immer wieder,\ndie Natur, das heißt die Nachahmung dessen, was\nman zu sehen glaubt, hat nichts mit der Kunst\nzu tun. Das Nachgeahmte, also das Gegenständ-\nliehe, in der Malerei ist nicht der Zweck, sondern\ndas Mittel. Das Bild muß des Bildes wegen, ge-\nsehen werden. Ungefähr so sagten es andere\nlängst auch (siehe diese Rundschau 1915 3. Band,\nPag. 1321) aber deswegen ist es doch nicht über-\nflüssig.\" Ich habe diese Rundschau nachgesehen,\nweil es mich interessierte, welch andere es längst\nauch gesagt haben. Ich hatte allerdings von\nLängst eine andere Vorstellung als das Jahr 1915,\nda meine angeführten Sätze am ersten Juli 1916\nveröffentlicht wurden. Ich glaubte, daß ein Kunst-\nwissenschaftler auf Pagina 1321 mitteilen würde,\ndaß ähnliche Aeußerungen schon vor fünftausend\nJahren getan sind. Nun war es aber nur Herr\nDoktor Hausenstein. Den Herrn Kunstkritiker\nwird es interessieren, daß ich mich selbst aus dem\nJahr 1913 zitiert habe, daß also Herr Doktor\nHausenstein in seinem Heft sagte, was ich genau\nebenso sogar zwei Jahre längst auch gesagt habe.\nUnd vor fünftausend Jahren ist es nämlich auch\nlängst auch gesagt worden. Zwar nicht der Doktor\nHausenstein aber andere Herren waren so liebens-\nwürdig gewesen, von der Kunst zu sagen, was\nKunst ist. Es handelt sich eben nicht um das\nSagen von der Kunst. Denn Sagen ist keine Kunst.\nAuch wenn man das Sagen da ausschneidet, wo\nes einem nicht mehr zu gefallen anfängt. Kunst ist\nnämlich nicht gefällig. Schon längst nicht mehr.\nIch habe wiederholt gesagt, wenn ich auch die\nPagina vergessen habe, daß ich der Kunst nach-\nlaufe. So schnell, wie die Herren Kritiker\nrennen, komme ich aber nach. Ich mache einen\nUmweg von meiner Richtung, stelle mich ihnen\nvor, indem ich mich vor sie stelle, zum Schutz mit\nder Logik bewaffnet für die unlogische Kunst, die\nnur existiert und die allein selig macht.\nJa, Glas\nHerr Fritz Stahl kommt aus dem Denken gar\nnicht mehr heraus. Die Künstler denken jetzt näm-\nlich, sagt Herr Stahl. Und er muß nachdenken.\nIch sehe ihn bildhaft vor mir: die Denkerfinger an\ndie Denkerstirn gestützt. Zwar kein Bild für\nGötter, aber für jeden ehrlichen Kunstmaler. Durch\nden Expressionismus ist es ihm grün und blau vor\nden Augen geworden. In jedem Harmlosen wittert\ner so einen Bösewicht. Herr Stahl findet alle\nBilder gut, „wo der Maler, durch sein Motiv ge-\nreizt, sich gehen läßt\". Deshalb findet offenbar\nHerr Stahl seine Kritiken gut, wo er durch das\nMotiv gereizt, sich gehen läßt. Aber wenn er auch\nan sich halten würde, der Weg zur Kunst ist ihm\nversperrt. Das ist die große Frage, warum Künst-\nler, selbst solche, die er liebt, sich so selten ge-\nreizt gehen lassen: „Mir scheint, daß hier wie oft\ndie neue Aesthetik einen Künstler von dem wahren\nZweck alles Schaffens, dem Ausdruck eigenen Er-\nlebens weggeführt hat. Sie hat etwas angeblich\nHöheres entdeckt: das Lösen von Problemen. Und\ndadurch ist ein wenig anmutender Typus des den-\nkenden Künstlers entstanden, ein Künstler der nicht\ndenkt, wie er das in ihm entstandene Bild am klar-\nsten gestalten kann, sondern der zuerst an eine\nForm denkt, meist an eine, die er bei anderen ge-\nsehen hat, an ein schwieriges Problem formaler\nArt.\" Herr Stahl erkennt den Ausdruck nur, wenn\nein eigenes Erlebnis vorliegt, das er hat, das alle\nhaben, das also keiner hat. Die Formen, die die\nmeisten Kunstmaler und Kunstkritiker denken, ha-\nben sie stets an anderen gesehen. „Daß junge\nMenschen den Modetheorien unterliegen ist erklär-\nlich. Männer müßten sich freimachen können. Und\num die Vierziger herum ist es höchste Zeit, nur\nnach dem zu fragen, was in Einem selbst steckt,\nwenn man überhaupt Wert darauf legt, sich aus-\nzuwirken.\" Herr Stahl ist um die Fünfzig herum,"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.11", "texte": "er fra£t sich noch immer, er wirkt und webt sich\naus, und es ist die höchste Zeit, daß er einen\nExpressionisten entdeckt, der keiner ist. Herr\nStahl kann sich nämlich ein expressionistisches\nBild sehr gut in Glas denken. Das kann jeder\nandere Laie auch, er denkt es nicht nur, er spricht\nes sogar aus. Ich habe diesen Gedanken in den\nletzten zehn Jahren etwa tausend Mal so oft aus-\nsprechen hören, als es die höchste Zeit des Herrn\nStahl ist. Nur die Künstler denken anders, weil sie\nnämlich nicht denken sondern malen. Ja, was so\neinem Glasgemälde eigen ist: „. . . man muß die\nVerbindung von Ruhe und Leben auf sich wirken\nlassen, die mehr als noch jedem Andern dem Glas-\ngemälde eigen ist.\" Es soll auch Menschen geben,\ndie ihr Leben mit der Ruhe verbinden und die\nVerbindung von Ruhe und Leben ist ein so eigenes\nErleben, daß ich den Ausdruck davon nur Herrn\nFritz Stahl zutraue. „Die Figuren haben nur den\nSinn, diese Farben zu tragen, und zu ihrem Klang\nden Rhythmus zu fügen. Hier ist der Expressionis-\nmus nicht ein von außen hineingeredetes Programm\nsondern eine innere Stilnotwendigkeit.\" Also wenn\nder Expressionismus sich auf Glas ausredet, kann\nHerr Stahl ihn sich einreden. Und Figuren, die\nFarben tragen, sind jedenfalls natürlicher, als\nFiguren, die Psychologie tragen. Auf jeden Fall\nmacht Herr Stahl aber eine schlechte Figur, wenn\ner sich zur Kunst zu überreden sucht, die Andere\nüberzeugt.\nDar Muserich\nWas einem Journalisten alles passieren kann.\nDa lebt in Hamburg gemütlich und nett Herr Philipp\nBerges. Ich weiß nicht, was der Herr sonst noch\ntut, sein Name steht öfters im Hamburger Frem-\ndenblatt. Was über dem Namen steht, steht nicht.\nDenn es läuft über alle Zeitungsspalten schon seit\nJahrzehnten. Herr Berges bekommt seinen Som-\nmerurlaub oder wie er es nennt: „Ich fuhr jüngst\ndurch die deutschen Gauen; losgebunden vom Ge-\ntriebe des geschäftigen Alltags.\" Man merkt: ein\nDichter geht in die Sommerfrische. Und zwar nach\nHalle an der Saale. Als echter Dichter macht er\ndie Augen zu, schaut mit der Seele und seine Seele\nsieht: „Halle vor allem als alte Musenstadt ist voll\nvon Reiz für die, die mit der Seele Augen zu\nsehen verstehen.\" Folgen natürlich der alte Mühl-\nteich, Ruinen mit Kletterpflanzen, Philosophenwege\nder Musenjünger, der Wartturm und eine alte\nKirche. Hierauf „flutet er durch das Leben von\nHalle: In den Hauptstrassen fallen die vielen be-\nhäbigen wohlbeleibten und robusten Männerge-\nstalten auf, die sich langsam vorwärts bewegen\nund häufig stehen bleiben, wie Fremde zu tun\npflegen.\" Herr Berges wundert sich. Ja, die\nFremden, das ist des Rätsels Lösung. Aber nein:\n„Das Rätsel klärt sich bald auf. Schlachterinnungs-\ntag! Ist das Fleisch auch knapp, den Herren\nSchlachtermeistern sieht man es jedenfalls\nnicht an.\" Also nicht Fleisch von seinem Fleisch.\nAuch Herr Berges bewegt sich langsam vorwärts\nund bleibt vor dem Städtischen Museum stehen,\nwie Fremde zu tun pflegen. Nach der körperlichen\nStärkung seines Seeleauges verlangt er „auch die\nKunst zu genießen. Ein freundlicher Museums-\ndiener öffnet den Fremden die geheiligten Räume,\"\nHerr Berges will neuzeitliche Gemälde sehen.\n„Der Besuch lohnte sich.\" Er trifft die bekannten\nMeister, ältere und neuere, sie sind sehr liebens-\nwürdig zu ihm, „sie grüßen von den Wänden\".\nEr grüßt wieder und bespricht wohlwollend „die\nbekannte etwas glatte und süßliche Bettlerin von\nPont des Arts von Nathanael Sichel, die aber doch\nmit ihrer Schönheit das Auge besticht\". Seine\nSeele ist bestochen, aber sein anderes Auge „er-\nfreut ein badendes Mädchen durch den taufrischen\nAkt\". Auch mit ihr steht er auf dem Grußfuß.\nAber plötzlich wird es anders: „Aber plötzlich, wie\nein rasch heraufziehendes Gewitter in sonniger\nLandschaft, verändert sich das Bild und der Be-\nsucher wandert, erst ernüchtert, dann aufs tiefste\nerschrocken und entgeistert weiter.\" Zieht sich\ndas taufrische Mädchen schlecht an oder hat ihn\ndie Bettlerin angepumpt. Das Bild verändert sich,\nwenn man abzieht. Man ist entgeistert, wenn\nauch noch nicht entseelt. „Und mit Staunen fragt\nman sich: ...kann es der selbe Geist sein, der\nsich in die Wildnisse ultramoderner „Kunst\", die\nsich hier aufzutun beginnen, verrannt hat? Ein\nseltsam psychologisches Rätselspiel.\" Was hat\nman dir, du armes taufrisches Kind, getan. Wieder\nein Rätselspiel und dabei nicht einmal Schlachter-\ntag. Herr Berges hat sich verrannt und ist es\ninfolgedessen gründlich. Da der freundliche Mu-\nseumsdiener nicht zu Hülfe eilt, fragt man sich\nmit Staunen und gibt man sich die Antwort: „Von\neinem wundervollen alten M. von Schwind „Adams\nSchlaf\" herkommend, steht man also auf einmal vor\neinem seltsamen Gebilde, einer Leinwand, deren\nUeberzug eher von einem Konditor als von einem\nMaler herzurühren scheint, Eiscreme mit Schlag-\nsahne, lila, rot, blau, grau und gelb getüpfelt und\ndarin eine ganz entfernte Zeichnung von Häusern.\nBerliner Straße von Curt Hermann steht darunter,\nsonst wüßte man nicht, was diese Farben-\nverschwendung bedeuten sollte.\" Dem alten M.\nvon Schwind hingegen hat der kluge Herr Berges\nes gleich angesehen, daß es Adams Schlaf bedeu-\ntet. Aber natürlich kennt er den alten Adam, er\nweiß genau, wie Herr Adam geschlafen hat, er hat\nden alten Adam noch nicht ausgezogen, er wird\ndoch den alten Adam kennen, der sich ausgezogen\nhat. Immerhin, eine ganz entfernte Zeichnung von\nHäusern ist festzustellen. Warum ist der Herr\nBerges nicht näher herangetreten, vielleicht wären\ndann die Häuser auf ihn gestürzt. Die Erinnerung\nan den Eiscreme nach der Besichtigung der\nSchlachtermeister ist hingegen seelisch durchaus\nzu verstehen. Man weiß was das bedeuten soll.\nUnd wenn der Maler seine Farben verschwendet,\nwird er sie vielleicht noch nicht zu strecken brau-\nchen. Wenn Steine schweigen, werden Men-\nschen reden. Auf Menschen läßt der Herr Berges\nnichts kommen, nicht einmal Farbe: „Ein baden-\ndes Hindumädchen, das im Schilf steht, hat zwar\nerkennbare Figur, aber der Typus ist unbestimmt,\ndas Mädchen sieht vielmehr einer Negerin ähnlich\nund ihr Körper ist mit einer weißgräulichen Farbe\nverschmiert, die es in der ganzen Welt an keinem\nMenschenstamm gibt.\" Herr Berges hat die Mäd-\nchen des ganzen Menschenstamms studiert, viel-\nleicht liegt der Unterschied in der Bewegung. Das\nbadende Mädchen mit dem taufrischen Akt\nschwimmt und das badende Hindumädchen steht.\nVielleicht hat sie sich im Schilf schmutzig gemacht.\nAber es wird immer toller „der Wahn wächst je\nweiter man kommt. Christian Rohlfs geht noch um\neinige Schritte weiter.\" Herr Berges kann nicht\nmehr nachlaufen. „Dann findet sich noch ein\nBauernhaus, das nicht aus dem gewöhnlichen Ma-\nterial sondern schief und* krumm aus knalligen,\ngelben und roten und blauen Farben aufgebaut ist.\"\nAuf den Bildern der bekannten Meister wurden\nbekanntlich Bauernhäuser aus Steinen aufgebaut,\ndie aber nun wirklich zu reden anfangen. „Birken-\nstämme hinter einer Art aus allen möglichen und\nunmöglichen Farben zusammenstickter Gardine.\nKein Mensch, außer dem Maler, hat je in Wirk-\nlichkeit oder in der Phantasie derartige Birken-\nstämme gesehen.\" Herr Berges der Mensch, weiß\nim Reich der Phantasie Bescheid wie in Halle an\nder Saale. „Sein Blumengärten ist noch Kinder-\nspiel, weil dieser Garten nur in einem harmlosen\nfarbigen Geschmier mit schwacher Andeutung von\nBlumen besteht.\" Noch immer sieht Herr Berges\ndie Farben vor Blumen nicht, trotzdem sie nur\nschwach angedeutet sind. „Man steht, ergriffen\nvon einem Schauder vor dem an einer amtlichen\nStelle gepriesenen Kunstbarbarei dieses Bildes.\nDas Unglaubliche, hier wird es zum Ereignis.\"\nHerr Berges hat den bekannten älteren Meister\nnicht richtig zitiert: Das Unzulängliche, hier wirds\nEreignis. Das Unbeschreibliche, hier ist es getan.\nMan ist unzulänglich, wenn man das Unbeschreib-\nliche beschreiben will, wo man nicht einmal\nschreiben kann. Ich kann auch hier nur sagen:\nPersönlich tut es mir leid, daß Herr Berges sich\nsogar in Halle verirrt hat. Warum geht er auch\nin die Gemäldesammlung: „Sie trübt die Erin-\nnerung an die alte gesunde schöne Musenstadt.\"\nEr hat sich verirrt und verrannt und glaubt, die\nAndern haben Schuld: „An der Verirrung, die sich\nim Städtischen Museum so breit macht, ist frei-\nlich nicht sie Schuld — sondern die sonderbare\nVerranntheit Weniger. Der Krieg mit seinem\nscharfen Hauch hat schon so viele Auswüchse\nder Ueberkultur hinweggeblasen. Hoffentlich wird\ner auch allen Kubisten, Expressionisten und andern\n-isten den Garaus machen.\" Schlachterinnungstag.\nTrotzdem muß ich Herrn Berges diese Hoffnung\nnehmen. Der Krieg hat einen scharfen Hauch, aber\ndie Kunst bläst ihm ins Gesicht. Nicht einmal das\nUnkraut jätet er aus, das sich um die Kunst\nschlingt. Es wächst zu flach auf der Erde. Aber\neine letzte Hoffnung nimmt Herr Berges mit aus\nHalle: „Als mich der Zug wieder ins Land hin-\naustrug und durch die blühende Natur, die keine\nVerkünstelung kennt, kam mir von ferne der Ge-\ndanke: Sollte der Künstler den Käufer, die Aus-\nsteller und die ganze Anhängerschaft wohl zum\nBesten gehabt haben?\" Hierauf kann der Ber-\nliner nur dem Hamburger antworten: „Dachte\nsind keine Lichte.\"\nHamburg hat ihn wieder.\n\nHerwarth Walden\n\nGedichte\nThomas Ring\nSturmweller Strom\nmeine Lippen umbrandend\npeitscht dein Atem mein schlummerndes Blut\nnachthin wogt meine Seele\nFlackern heulend schluchze Schreie\nkanten bäumend recken Trotz\nklirren wälzen schäumen ballen\nkreisen gluthauchen Schmerz\n❖\nTag hellt Schluchten der Qual\nriesle Tränen stäuben Perlen\nfunkelnder Augen Geschmeid\nLachen zerklingt zu duftschwingen Glocken\nzagblütenblau\nStunden plätschern glitzernden Traum\nsonnhergespielt"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160815-01.1.12", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nGeoifnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags voa\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\nrtonatlicher Wechsel\nDreiundvieizigste Ausstellung\nCampendonk / Chagall Heemskerck Kandinsky /\nMarc I Muche / Munter / Klee / Kokoschka / Ku-\nbin I Mense / Picabia / Albert-BIoch / und andere\nVieiundvierzigste Ausstellung\nKandinsky\nErfiffnung am 1. September\nAm 1. November: Gedachtnisausstellang Franz Marc\n\nDer Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle I Zeich-\nnungen / Handdrucke I Plastiken\nCampendonk / Marc Chagall I Jacoba van Heems-\nkerck I Kandinsky I Franz Marc I Georg Muche '\nGabriele Miinter / Nell Walden\nIsaac Griinewald I Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger I Archipenko / Boccioni ' Carlo D.\nCarra I Luigi Russolo / Gino Severini\nFritz Baumann I Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund I Oswald Herzog I Johannes Itten I Alexei\nJawlensky I Paul Klee I Oskar Kokoschka < Ota-\nkar Kubin I Carl Mense / Jean Metzinger / Francis\nPicabia I Pablo Picasso I Georg Schrimpf I Ma-\nrianne von Werefkin I Cezanne I van Gogh I\nMunch\n\nKunstsehule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUnterricht in der expressionistischen Kunst der\nBiihne I der Schauspielerei / der Vortragskunst I\nder Malerei I der Dichtung I der Musik\nBerlin / Potsdamer StraBe 134a\nEroffnnng: 1. September 1916\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungen werden dort entgegen ge-\nnommen.\n\nSturm-Kunstabende\nKunstausstellung Der Sturm / Potsdamer Str. 134 a\nErster Abend I Freitag, den 1. September 1916\nAugust Strainm / Ged&chtnisfeier\nAusfuhrende:\nRudolf Bliimner\nWalter Mehring\nHerwarth Walden\nBeginn 8 Uhr\n\nSturm-Kunstabende\nVerein fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nDreiBig Abende September 1916 bis April 1917\nin der Kuiistausstellung Der Sturm\nBerlin Potsdamer StraBe 134 a\nBeginn aller Abende: 8 Uhr\nSerie I\n1 Freltag den 1. September:\nGedachtnlsfeier August Stramm\n2 Mittwoch den 20. September:\nRudolf Bliimner / Vortragsabend\n3 Mittwoch den 25. Oktober:\nPaul Scheerbart / Peter Baum\n4 Mittwoch den 15. November: Adolf Knoblauch\n5 Mittwoch den 6. Dezember: Hermann Essig\n\n6 Mittwoch den 3. Januar:\nRudolf Bliimner / 2. Vortragsabend\n7 Mittwoch den 24. Januar:\nKurt Heynicke / Sophie van Leer / Wilhelm Runge\n8 Mittwoch den 14. Februar: Herwarth Walden\n9 Mittwoch den 7. Marz: Aage von Kohl\n10 Mittwoch den 28. Marz: Peter Altenberg\nSerie II\n1 Mittwoch den 27. September:\nGedachtnisfeier August Stramm\n2 Mittwoch den 11. Oktober:\nRudolf Bliimner / Vortragsabend\n3 Mittwoch den 1. November:\nPaul Scheerbart / Peter Baum\n4 Mittwoch den 22. November: Adolf Knoblauch\n5 Mittwoch den 13. Dezember: Hermann Essig\n6 Mittwoch den 10. Januar:\nRudolf Bliimner / 2. Vortragsabend\n7 Mittwoch den 31. Januar:\nKurt Heynicke / Sophie van Leer / Wilhelm Runge\n8 Mittwoch den 21. Februar: Herwarth Walden\n9 Mittwoch den 14. Marz: Aage von Kohl\n10 Mittwoch den 4. April: Peter Altenberg\nSerie III\n1 Mittwoch den 4. Oktober:\nGedachtnisfeier August Stramm\n2 Mittwoch den 18. Oktober:\nRudolf Bliimner / Vortragsabend\n3 Mittwoch den 8. November:\nPaul Scheerbart / Peter Baum\n4 Mittwoch den 29. November: Adolf Knoblauch\n5 Mittwoch den 27. Dezember: Hermann Essig\n6 Mittwoch den 17. Januar:\nRudolf Bliimner / 2. Vortragsabend\n7 Mittwoch den 7. Februar:\nKurt He3micke / Sophie van Leer / Wilhelm Runge\n8 Mittwoch den 28. Februar: Herwarth Walden\n9 Mittwoch den 21. Marz: Aage von Kohl\n10 Mittwoch den 11. April: Peter Altenberg\nJede Karte fiir den Einzelabend: 3 Mark\nUbertragbare Dauerkarte fiir jede Serie (zehn\nAbende): 20 Mark\nDen Mitgliedern des Vereins fiir Kunst stehen fiir\nden Einzelabend zwei Karten zu 4 Mark oder\ne i n e Karte fiir 1 Mark 50 Pfennig zur Verfiigung,\nfalls sie zwei Tage vor dem betreffenden Abend Be-\nstellung an das Sekretariat Der Sturm gelangen\nlassen.\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nPernruf Amt Lutzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monais\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark / Einzelheft 80 Pfennig\n/ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\nI Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nEin Halbjahr 6 Mark } Fiir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 20 Mark I\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je 6 Mark\n\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nJedes Buch 2 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragddie / Ihr s titles\nQliick —! / Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft /\n\nNapoleons A u f s t i e g I Tragodie\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nFine Dichtung\nAdolf Knoblauch: Kreis des An fangs Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur I In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Sonderausgabe in zwanzig\nnmnerierten und gezeichneten Exemplaren anf\nVan Qelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nMerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stranim: Du ./ Liebesgedfchte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramra: S a n c t a Su-\nsanna I II: August Straram: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fiir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStraram: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Kraite /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne i X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fflr die Zeitscferltt\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzag 10 Mark\nAnna Scheerbart: Handgeiertigte iarbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere iur Biichereinbande / Format\n42 X 35 Mark 4\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeii-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubii-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebe*er\nHolzschnitt anf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmpiakat von\nKokoschka\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nAm 15. August erscfaien: Herwarth Walden: Das*\nBuch der Menschenliebe I Rom an I Nummerierle\nAuflage von 500 Exemplaren I 3 Mark / Sonderaus-\ngabe von Verfasser gezeichnet (Auflage 19):\n30 Mark.\nSturm-Kiinstter I Lichtbildkarte IV: Kac-\ndinsky I 20 Pfennig\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver-\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}