{"numero_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_sha256": "630c0ed442ae01a72744f447da0505e16e726c39da117099b84f0065d2e87f49", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1916/09/15_01/bmtnabg_1916-09-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1916/09/15_01/bmtnabg_1916-09-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "61", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.1", "debut_caractere": 258, "fin_caractere_exclue": 690, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Ruf an August Stramm / Peter Baum: Kyland / Arthur Keleti: Klagegesang im Jahre Tausendneunhundertfünfzehn /\nAdolf Knoblauch: Seidenfaden / Kurt Striepe: Maya / Herwarth Waiden: Umberto Boccioni / Wilhelm Runge: Gedichte / Herwarth Waiden: Der ver-\ngessene Kern / Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Umberto Boccioni: Die Abfahrenden / Zeichnung / Georg Schrimpf: Holzschnitt /\nVom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "61", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.2", "titre_corps": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.1", "debut_caractere": 692, "fin_caractere_exclue": 736, "texte": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "62", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.3", "titre_corps": "Ruf an August Stramm", "titre_sommaire": "Ruf an August Stramm", "signature_source": "Herwarth Waiden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7884, "texte": "Ruf an August Stramm\nHerwarth Waiden\nRede zum ersten Sturm-Kunstabend in der Kunstausstellung\nDer Sturm am ersten September (916\nDie Sporen klirrten und seine Stimme jubelte\ndurch diesel Räume, die uns die Weit deuten.\nAus diesen Räumen wuchs der Hall seines Jubels\nin den Raum, über den Raum hinaus, in die Zeit\nüber die Zeit hinaus. Tränen kreist der Raum.\nDas ist die Menschheit. Die Sporen fielen ab auf\nrussischer Erde. Ein deutscher Hauptmann liegt\nunter ihr. Die Kunst macht ihm, macht uns die\nErde leicht. Der Jubel hallt über Deutschland\nhinaus, über die Erde hinaus, über das Ende\nhinaus. Ueber den Anfang hinaus in das Reich des\nUnerreichbaren, das uns in die Ewigkeit führt.\nDie Kunst ist unmenschlich. Darum wollen ihr\nalle Menschen opfern. Aber solange die Men-\nschen ihr sich nicht selbst opfern, ist die Kunst\nin Rauch gehüllt. Solange sehen die Menschen\ndas Feuer nicht, das wärmt, das glüht, das leuch-\ntet. Und das verbrennt, wenn man an es greift\nDie Menschen wundern sich nur über das, was\nnicht geschieht. Das Geschehen wird bewiesen.\nDie Sonne scheint, denn es ist bewiesen. Die\nErde dreht sich, denn es ist bewiesen. Der Mensch\nwird geboren, denn es ist bewiesen. Aber der\nMensch wird nicht gestorben, was zu beweisen\nwäre. Der Mensch stirbt einfach. Und das ist\nden Menschen ein Wunder. Der Mensch stirbt\neinfach und stirbt milliardenfach. Die Unruhe\nhastet über die Erde, über die Ruhe des Ein-\nfachen. Es ist nichts zu beweisen. Die Münder\nsuchen ihn. Die Blicke suchen ihn. Die Gedanken\nsuchen ihn. Er wird nicht gefunden. Aber im\nwachen Schlaf, im schlafenden Wachen steht er\nbei uns, vor uns, über uns, er, der starb. Wir\nküssen ihn, wir drücken ihn, wir sehen ihn. Doch\nwenn wir an ihn denken, verläßt er unser Ge-\ndächtnis. Das Gedächtnis verläßt uns im Wunder.\nDas Gedächtnis ist NacTifeier. Feier ist das\nWunder. Man soll das Wunder feiern.\nSo einfach, wie der Mensch stirbt, so einfach\nlebt die Kunst. Denn die Kunst wird nicht ge-\nschaffen, die Kunst schafft. Sie trägt den Künst-\nler, der sie trägt. Kunst lebt den Künstler, der\nihr stirbt. Sie trägt den Tragenden durch das\nGetragene.\nDarum soll man das Wunder feiern.\nWir klagen und weinen um Dich, August\nStramm. Um Dich, den Menschen und Freund. Um\nDich, also um uns. Da wir nicht sehen können,\ndaß Du nun hörst, was Du hörtest. Aber\nDu hörst es. Gerade deshalb hörst Du es, weil\nwir es mit unsern blinden Augen nicht sehen\nkönnen. Du hörst' ies und wir können be-\nweisen. Beweisen mit ihrem Wissen. Denn sie\nwissen, daß die Sonne leuchtet, auch wenn sie\nsie nicht sehen. Sie wissen es, weil sie es gelernt\nhaben. Und wenn sie es nicht gelernt hätten,\ndennoch leuchtet die Sonne in ihre Nacht.\nDie Kunstgeschichte ist feige. Nach dem Tod\ndes Künstlers stürzt sie auf ihn und stellt fest,\nwie er gelebt hat. Wo er gelebt hat. Wovon er\ngelebt hat. Daß er gelebt hat, kann die Kunst-\ngeschichte erst durch den Tod des Künstlers fest-\nstellen. Die Kunstgeschichte sammelt Daten. Die\nDaten des äußeren Lebens. Das innere Leben\nsammelt der Künstler selbst. Die Kunstgeschichte\nhat kein Recht darauf. Es ist gesammelt.\nDie Kunstgeschichte wird feststellen, daß August\nStramm kein Berufsdichter war. Kein Kaufmann\nalso, der Offenbarungen Anderer auswählt: die\nOffenbarung wählt sich den Künstler, der nicht\nmit ihr rechnet, also niemals einen Berufsdichter.\nDie Kunstgeschichte wird die Daten des äußeren\nLebens nüchtern finden. Denn die Kunstgeschichte\nist romantisch. Der Künstler ist es nicht. Die\nKunstgeschichte wird feststellen, daß August\nStramm am neunundzwanzigsten Juli 1874 zu\nMünster in Westfalen geboren wurde, als Sohn\ndes Obertelegraphenrevisors Albert Stramm. Sie\nwird feststellen, daß August Stramm das Gym-\nnasium in Eupen und Aachen besucht hat. Daß\ner auf Wunsch des Vaters seinen Beruf bei der\nPost suchte, die üblichen Studien hierzu machte,\nnebenbei auf die Universität ging und in Halle\nzum Doktor der Philosophie promoviert wurde.\nDie Kunstgeschichte wird weiter feststellen, daß\ner nach Zeugnis seiner Vorgesetzten ein sehr\ntüchtiger und fähiger Beamter gewesen ist, es bis\nzum Kaiserlichen Postinspektor brachte, und daß\ner im Jahre 1914 in das Reichspostamt berufen\nwurde. Die Kunstgeschichte wird ferner feststel-\nlen, daß er nach Zeugnis seiner Vorgesetzten ein\nhervorragender Soldat und Offizier gewesen ist\nund bereits im Jahre 1913 zum Hauptmann der\nReserve befördert wurde. Die Kunstgeschichte\nwird feststellen, daß er bei Ausbruch des\nKrieges in das Landwehrregiment 110 als Kom-\npagnieführer versetzt wurde, die Gefechte in den\nVogesen und im Ober-Els>aß mitmachte, im\nJanuar 1915 in ein neues, junges Regiment als\nKompagniechef berufen wurde, daß er mit diesem\nRegiment an die Front nach Frankreich kam und\ndort das Eiserne Kreuz erwarb. Sie wird ferner\nfeststellen, daß er mit seiner Kompagnie die große\nDui chbruchsschlacht von Gorlizce mitmachte und\nden ganzen Feldzug in Galizien. Daß er als Ba-\ntaillonsführer insbesondere bei der Erstürmung des\nDorfes Ostrow Außerordentliches an Tapferkeit und\nUeberlegung leistete, hierfür das oesterreichische\nVerdienstkreuz mit der Kriegsdekoration erhielt\nund zum Eisernen Kreuz Erster Klasse eingegeben\nwurde. Daß er am ersten September 1915 als\nletzter Ueberlebender seiner Kompagnie bei einem\nSturmangriff in den Rokitnosümpfen fiel, nachdem\ner über siebzig Schlachten mitgemacht hatte. Ein\nKopfschuß tötete ihn sofort. Am zweiten Septem-\nber morgens wurde er auf dem jüdischen Friedhof\nbei Horodec mit militärischen Ehren bestattet.\nVermählt hatte sich August Stramm 1902 mit der\nSchriftstellerin Else Krafft. Seine beiden Kinder\nheißen Hellmuth und Inge.\nDie Kunstgeschichte wird ferner feststel-\nlen, daß August Stramm sehr viel ge-\nschrieben hat und zwar von frühester Jugend\nan. Daß ihm kein Werk genügte, daß er\njedes Werk dreißig Mal, fünfzig Mal, hundert Mal\nniederschrieb und wiederschrieb und daß es ihm\nnicht genügte. Daß er seine Werke Verlegern und\nZeitschriften anbot, als sie ihm genügten. Und daß\nVerleger und Zeitschriften ihm die Werke zu-\nrückschickten. Daß er hoffnungslos wurde. Daß\ner an seiner Künstlerschaft verzweifelte. Daß er\nglaubte, er sei verrückt, während sich doch nur\ndie andern nicht verrücken lassen. Weil :die andern\nnämlich nicht wurzeln, sondern sich haben\nfestmauern lassen. ,Um nicht umzufallen. Um\nsich stehend zu fühlen, wo doch nur der\nsteht, der fallen kann. Die Kunstgeschichte wird\nvielleicht nicht feststellen, daß August Stramm im\nJahre 1913 dem Sturm eine Dichtung einreichte.\nEs sollte der letzte Versuch sein, den er mit\nseinen Dichtungen unternahm, bevor er sie\nalle im Fall der Ablehnung vernichten wollte.\nDie Dichtung hieß Sancta Susanna und wurde an-\ngenommen; was weiter folgte, könnte die Kunst-\ngeschichte der Zeitschrift Der Sturm entnehmen.\nEine weitere Hilfe lehnen die Zeitschrift Der Sturm\nund die Kunst der Kunstgeschichte ab. Denn die\nKunst lebt über die Geschichte.\nWir klagen und weinen um Dich, August\nStramm. Um Dich, den Menschen und Freund.\nAber wir jubeln mit dem Jubel Deiner Stimme\nDir zu, August Stramm, Dir dem Künstler.\nWir feiern das Wunder.\nWir glauben an das Wunder. Denn wir wissen,\ndaß es das Wunder gibt, weil wir es glauben.\nWir sind das Meer, wir Nehmenden. Wir strah-\nlen alle Farben im Spiel der Sonne. Froh\nleuchten wir blau und grün, nach ihrem Willen.\nUnd wir stürmen nur, wenn Wind und Wolken\nuns die Sonne rauben, unser Spiel und unsern\nGlanz der Farben.\nWir sind das Meer, wir Nehmenden. Die\nandern sehen vom Strand mit scharfen Gläsern\ndie Wand, den Horizont. Wir aber fliessen vor\nund hinter dem Horizont und um ihn. Unser\nGesichtskreis ist ein Kreis. Und ein Kreis der\nGesichte.\nTauchen wir unter, damit wir zur Feier ge-\nrüstet sind. Damit wir ruhig und offen liegen,\neine Fläche, bereit zu spiegeln. Daß wir leuch-\nten in Deinen Farben. Daß wir erzittern in Deinem\nRauschen.\nDaß wir Dich Hörenden hören, August Stramm."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "68", "image_debut": 2, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.4", "titre_corps": "Kyland", "titre_sommaire": "Kyland", "signature_source": "Peter Baum", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.2", "debut_caractere": 7886, "fin_caractere_exclue": 9821, "texte": "Kyland\nPeter Baum\n\nI\nDas Gemach, in dem er am Leibe der Mutter\nzu ihr aufwuchs, war so niedrig, daß der Vater\ndort nur geneigten Hauptes stand. So verfloch-\nten ihn die Augen des Knaben in die leuchtenden\nWebereien an den Wänden und sahen ihn als\nGott; bald stand er vor ihm im Gemach, bald sah\ner ihn über einen Baum, dessen Wipfel sich schon\nzur menschlichen Stirn rundete, aufglättete, über\neinen Stein, dessen Bart sproßte, auch über eine\nQuelle die Hand legen. Langsam: schwebte sie\nden aufsteigenden Fingern mit zu ihm hoch-\nsteigenden Brüsten nach.\nDas Gemach grenzte an die grünen Säulen des\nHofes, der blau überwölbt war über dem Fallen\ndes Brunnens. Im flüssigen Tönen bewegten sich\nfür den Knaben die Figuren an den Wänden. An\nder einen Wand waren sich weitende Segel auf\nrückwärtsrollenden Wellen, die dem Gemache\nRaum gaben, ebenso wie an der linken Wand die\ndurch die Luft sich überschlagenden Leiber. Der\neine oder der andere sank schon geschmeidig mit\nden Schenkeln über die Rücken sich bäumender\nPferde. Er mochte seither bis ins Alter mit In-\nbrust diesen Laut des Wassers; vielleicht keimte\nseltsamer Weise daraus auch seine Liebe zu\nseinen regungslosen Flächen und den sturm-\ntragenden Wellen.\nAus dem von der Ampel überglommenen Ge-\nmach trat der Knabe Plao in die Säulen des Hofes,\nden die Gemächer umgaben, und durch ein nied-\nriges Tor nur an etwas größerer Hand seiner\nMutter in die geordnete Wildnis des Gartens. Die\nWege entlang schweiften die Schlinggewebe und\nKelche hebenden Bäume zur schwindelnden Höhe.\nPlaos Vater war ein Enkel des letzten Königs\nvon Kyland. Am Jahrestage seiner Ermordung\nwurde das große Fest der Befreiung des Vater-\nlandes gefeiert, an dem man sein Rundbild be-\nkränzte, es die Gesänge der Dichter vor der\nMenge umjubelten und umklagten.\nSein Verhängnis war, daß seine Eitelkeit ihn\ntrieb, seine Schriften in der Volksschrift zu schrei-\nben und durch seine fleissigen Schreiber ver-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9979, "texte": "breiten zu lassen. Bis dahin war es immer schon\nSitte, daß ein König ein ersonnenes Lied oder ein\nGötterspiel vor der Menge tönen und reigen ließ.\nEs gab Dichter, die mit dem Namen eines ver-\nstorbenen Königs ihre beschriebenen Tafeln\nfälschten und gerne im Dunkel blieben, damit ihr\nWerk Beifall fand. Aber es gab Gedanken und\nKenntnisse, die die Könige, die obersten Krieger\nund Priester am besten nur in der Priesterschrift\naufzeichneten.\nDer getötete König war nicht nur ein schwer-\nmütiger Dichter und wissender Pflanzen- und\nTierfreund. Seine Neugier trieb ihn dazu, die\nSitten vieler Völker zu sammeln. Einst, in einem\nandern Erdstrich, waren die Frauen ebenso wie\nbei den umliegenden Völkern wohlverborgene Ge-\nheimnisse. Sie wurden viel besungen und selten\ngesehn, bis Kylands Bewohner auf die Wander-\nzogen und, nachdem sie viele Völker\nüberfallen hatten, hier blieben. Der Rest der Ein-\ngeborenen, die nicht das Schwert vertilgte, blieb\nim Lande wohnen. Es war ein Zaubervolk ge-\nwesen, und sie wurden — als Sklaven — Gaukler,\nTänzer und Tänzerinnen. Eine gewisse aber-\ngläubische Furcht umgab noch einige von ihnen,\ndie durch die milde Sklaverei nicht beschwich-\ntigt wurden und stille brüteten. Die Dichter be-\nsangen seither aber die leicht zugänglichen\nSchönen, bei denen man daran gedacht hatte, sie\nzu verbergen. Sie sassen gerne umschlungen mit\nihnen unter schattendem Dickichtgezweig eines\nBaumes, Blumen im Haar und die begeisternde\nSchale an beider Munde.\nAls der vom Volk getötete König zur Herr-\nschaft kam, erhob er die Tochter des einstigen\nKönigs zur Gemahlin. Bald darauf befahl er, daß\ndie einstigen Vornehmen des Landes den Unter-\ntanen gleichgeachtet seien. Nur verbot er die\nHeirat der beiden Völker unter einander, weil die\nGötter lehren, daß das Blut zweier Völker, der\nweissen und der braunen Haut, in einem Men-\nschen nicht zu gleichen Zielen fliegt und den Men-\nschen zum segel- und ruderlos schwankenden\nSchiff macht. Die sich blähenden Flügel des\nSchiffes waren eine Erfindung der Kyer. Sie wurde\nspäter wieder vergessen.\nNur sein heiliges Königsblut mag sich immer\ndem fremden gesellen, denn es bleibt das Ge-\nbietende und schleudert das Dienende mit sich\nfort, ebenso wie der Gott mit seinen vielen Händen\nauf seinem Fluge die Sterne vor sich her schleu-\ndert.\nDas war die Lehre des Königs, die er dem\nmurrenden Volke durch seine Priester verkünden\nließ. Doch hatte es mehrere Jahre gedauert, ehe\nman sich beruhigte. In den wenigen Jahren ver-\nwandelten sich die Sitten und Anschauungen des\nVolkes. Durch den Umgang mit Frauen, die in\nihren Augen unberührbar waren, entstand bei den\nleicht schwärmerisch ausschweifenden Kyern eine\nFrauenverehrung, unter der die leicht zugäng-\nlichen Töchter, die unten blieben, tief im Ansehn\nsanken. Man unterschied unter der hohen und\nflachen Liebe und man verachtete die kleinen\nDirnen, wenn man sie auch immer noch gern\nbesang.\nAls der König befahl, daß von nun an die\nFrauen des Kylands überall an den Gesprächen\nder Männer teilhaben und öffentlich erscheinen\ndurften, erregte es nur Beifall. Man war für diese\nAenderung reif geworden.\nBis zur Herrschaft dieses Königs waren die\nHandwerker bei den Kyleuten wenig geachtet,\nfast als Sklaven angesehn. Waffenübungen, Nach-\ndenken, Forschen und Singen war eines Mannes\nwürdige Beschäftigung. Wer Bildwerke schuf,\nmußte mühsam mit der Hand arbeiten. Wenn auch\nsein Geist im Holze tätig ist, seine Hand wurde\nungeschlacht breit, und die Kyer waren ein Volk\nvon Vornehmen. König Viro erhob die ausge-\nzeichnetsten Rundbildner zu seinem täglichen Um-\ngang, was einen Glanz auf den ganzen Stand\nwarf.\nEr war immer leicht bewegt von dem Winde\nder Worte, und sein Auge suchte immer den Klang\nalles durch Menschengeist mit der Hand Ge-\nstalteten. Die Rundbildner waren bald fast den\nverehrten Malern gleich in der Meinung der Kyer.\nEr war ein Liebhaber der Frauen und wollte\nsie, wie die Falter, immer in der Freiheit sehen.\nDas Volk war zuerst stolz auf ihn, als er beim\nBesteigen des Trones „das Zwielicht in den\nZweigen des Kastierbaumes\" vortrug. Er war da-\nmals sofort ein gefeierter Dichter.\nEr hatte das Kopfschütteln und den Zorn der\nPriester geweckt, als er die geheimen Schriften\nüber Gott und die Götter unter die Menge warf,\ndie nur die bunten Bilder am Saume des Vor-\nhangs, der ihn ins Dunkel verbarg, ergötzen\ndurften.\nAls Gott müde wurde und sich des Herum-\ntollens mit den Silberbällen am Himmel schämte,\nließ er sich auf eine Schneewolke, die sich am\nUfer des Blaus wölbte, nieder, und im Betrachten\nder Krystallgebilde ging ihm die Mathematik auf.\nDa war es, als er lauter Kreise und Ellipsen am\nHimmel aufzeichnete und den Sternen ihre Bahn\nberechnete.\nAls er sich dann nach tausend Jahren wieder\nim Blau spiegelte, sah er, daß er die vieltausend\nArme bis auf zwei verloren hatte und nur noch\nein Haupt trug. Und im Betrachten seines\nAntlitzes entdeckte er die Schönheit. Ihn quälte\nseitdem das vielgestaltige Göttergewimmel, das\ner am Rande des Weltalls geschaffen hatte, und\ndas er nicht mehr vertilgen konnte. Und er stieg\nzur Erde nieder, um den Menschen aus dem\nWirrwarr der Pflanzen, Tiere und aller der un-\nvollkommenen Formen zu erlösen. Damals sagte\nman, daß er sein Volk mit dem Tau des Himmels\ntränke.\nAber er grub mit dem Eisen seinen Untergang\nin die Holztafel, als er die Sitten verschiedener\nVölker aufzeichnete.\nPriesterschüler zogen schon immer auf die\nWanderschaft, und was sie berichteten, wenn sie\nwiederkamen, wurde von den Priestern aufbe-\nwahrt. Nur ein Teil der Berichte wurde unter dem\nVolke verbreitet.\nDie Kyer sagten von sich, daß sie das einzige\nVolk mit Wißbegierde seien. Auch seien sie das\nVolk, diem kein Aberglauben d'en Blick verfin-\nstere. Die Dichtungen anderer Völker sind nicht\nwert gesungen zu werden. Die Kyer waren ein\nVolk von großem Selbstbewußtsein. Besonders\nrühmten sie sich, auch anderen Völkern gegen-\nüber, die sie besiegt hatten, menschlich zu emp-\nfinden; und wenn sie auch einige Städte mit allen\nBewohnern vertilgt hatten, so geschah es nur in\nweiser Vorsicht, um keinen Haß in der Nähe neu\naufwachsen zu lassen; sie taten es mit freudlosem\nBedauern, sagten sie von sich.\nDie Kyer lasen die Berichte ihrer Landsgenos-\nsen, nicht ohne an manchem zu zweifeln. Sie\nlächelten, wenn sie den Wanderer bei einer Er-\nfindung zu ertappen glaubten, denn jeder von ihnen\nlog gerne ein wenig zur Unterhaltung der ande-\nren.\nSo las man gläubig von dem Lande der Ge-\nsichtskäfer, deren Menschenantlitz furchtbar aus\nden Panzerflügeln drohte. Blutlose Lippen zwi-\nschen weißen Wangen lagen unter den zornigen\nNasenflügeln, aus denen sie Giftpfeile in solcher\nSchnelligkeit hinter einander schnaubten, daß sie\nin einem Augenblicke ein ganzes Heer zu Boden\nröcheln machten. Dann fallen sie auf die Leichen\nnieder, die unter dem Atem ihrer Mäuler schmel-\nzen, wie der Schnee der Berge, jlen man zu Tale\nträgt. Sie sind ebenso unruhig wie boshaft in be-\nständiger Wanderschaft und wohnen in den durch\nsie von Menschen entleerten und durchhöhlten\nStädten.\nAergerlich lachten sie aber, als ihrer Gutgläubig-\nkeit zugemutet wurde, an Fische zu glauben, die\nmit flügelartigen Flossen über das Wasser schwe-\nben und an springende Tiere mit kurzen Vorder-\nbeinen, die in einem am Bauch angewachsenen\nSack ihre Jungen trügen, ebenso wie die Frauen\nder Batier ihre Kinder in von ihnen gefertigtem\nSack über dem Rücken. Diese Erzählungen\nschmeckten so deutlich nach witziger Erfindung,\ndaß sie unmöglich wahr sein könnten.\nDas Buch des Königs über die Sitten der vielen\nVölker war lange beliebt, und man erzählte den\nKindern daraus, denn das Wissen muß früh ein-\ngepflanzt werden, damit die Liebe zu ihm mit\ndem Körper groß wird.\nVon dem Volk, dessen Königskinder man in\nSturmnächten in die Spitze von scihlanken, hin-\nund herwankenden Türmen trug, um dort zu\nKraft und Mut in den Schlaf gewiegt zu werden,\nund die von Tigerammen gesäugt wurden, und\nvon den Taten dieser Kinder wurde im Gesangs-\nton berichtet. Was gut gesungen war, wurde\ndem Streite über Wahrheit und Lüge in goldene\nWolken enthoben. Es war unziemlich, daran zu\nmäkeln.\nDas Verhängnis des Königs war, daß er einige\nfremde Staatsformen überaus pries und über die\nin Kyland erhob. Zuerst war man darüber ver-\ndutzt, daß ihr eigener König nicht von der Ueber-\nlegeniheit der Form überzeugt war, unter der sie\nso viele Völker unterworfen hatten und das herr-\nlichste Volk der Erde geworden waren. Dann\nglaubte man zu begreifen, daß es ihm gefiel, ein\nverstelltes Antlitz zu zeigen, und sein Lob mas-\nkierter Hohn sei. Man lachte Beifall, und da der\nKönig zu allem schwieg, interessierte man sich\nbald wieder für anderes, bis ein wandernder Vor-\nleser die Kapitel vom Volk der Weisen an allen\nOrten der drei Städte Kylands vortrug.\nEs war ein Staat, der von einem alle drei Jahre\nneu gewählten Kreis geleitet wurde. Dem ge-\nhörten zwei Jünglinge, drei Männer und fünf\nGreise an. Die Pläne der so ausgezeichneten\nJünglinge wurden von den Männern geprüft, er-\nweitert und ihren beigesellt; und es geschah\nnichts, das nicht die Greise gutgeheißen hatten.\nImmer wieder unterbrach sich in der Schilderung\ndieses Gemeinwesens der König und' pries es als\ndas vollkommenste der Erde. Das Volk der Kyer\nwurde nach und nach von dem Lobe mit fortge-\nrissen und schickte eine Abordnung an den König.\nEs verlangte stürmisch, der gleichen Vollkommen-\nheit zugeführt zu werden. Der König, der seine\nSchrift schon beinahe vergessen hatte, war em-\npört über sein undankbares Volk, das sein Ge-\nschlecht von Ruhm zu Ruhm geführt hatte. Vor\neiner großen Versammlung beteuerte er, daß sein\n.Volk von dem Geist der Götter, der auf ihn und\ndie Priester herabstieg, selbst geleitet werde, und\ner begann, in wütende Schmähungen gegen das\nundankbare auszubrechen.\nDa traf ihn ein Pfeilschuß. Er sank mit aus-\ngebreiteten Armen zu Boden.\nDie Menge brach gleich darauf in Klagen aus\nund hielt sein Andenken in hohen Ehren. Aber\ndas Königtum war am Tage seiner Ermordung\nauch tot."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9799, "texte": "II\n* Plaos Mutter war eine Tochter des Königs von\nder Insel Larini, des durch die Keuschheit seiner\nFrauen bekannten Reiches. Sein Vater holte sie\nvon dort, und der König, der glaubte, daß sein\nGeschlecht noch den Reif, den er um die Stirne\nhatte, mit Recht trage, gab sie ihm gern. Hatte\ndoch der frühere König von Kyland auf seinen\nZügen bei seinem Vorfahr Rast gemacht.\nPlaos Mutter murrte nicht, daß sie keine Köni-\ngin wurde. Sie war dem Manne, dem sie ihr\nVater gegeben hatte, vollkommen ergeben, ebenso\nwie dem Gott ihres Landes, dessen Gesetz der\nFrau Gehorsam gebot. Auch als der König nach\nder Geburt des Knaben seine Liebe einer der Vor-\nnehmen des unterworfenen Landes von der All-\nzugefälligen zuwandte, trug sie ihren Gram stille.\nSie ritt mit ihrem Sohne auf einem Elefanten\nmanchmal ins Gebirge. Geleitet wurde er von\neinem Diener, den sie mitgebracht hatte. In der\nElefantenkammer war sie durdh den vordrohenden\nRüssel sicher vor den wilden Tieren. Als der\nLenker mit dem Stachel auf das Tier einschlug,\nwollte der Knabe weinend, daß er aufhöre. Sie\naber sagte beschwichtigend: „Er bekommt ja auch\nzu essen, so mag er gehorchen. Bekommt er sein\nRecht, so tue er auch seine Pflicht.\"\nPlaos Vater, der bei seiner Geliebten über die\nGefügigkeit seiner Gemahlin zuerst gespottet hatte,\nwurde durch den immer liebevollen Blick ins\nInnerste getroffen, und er sagte überall, daß die\nselbstlose Liebesfähigkeit der Frauen die Männer\nbeschäme.\nDie Aenderung seiner Gefühle gegen sie be-\ngann, als sie ihm gut riet. War er auch nicht\nKönig von Kyland, so war er doch noch der Erste\nim Lande und im Kriege der Führer. Sie riet ihm,\nden Feind, dessen Kampfesweise in langen Linien\nvorzustürmen man gehört hatte, in Gruben, die mit\ndünnen Stäben und dann mit Erde zugedeckt\nwerden, fallen zu lassen. „Von eurem den Feind\nlockenden sichtbaren Heer muß die Hälfte min-\ndestens dicht vor den Gruben in Erdhöhlen lugen,\num über die durch Verblüffung Wehrlosen herzu-\nstürzen.\"\nGruben zu graben hatte ihr Volk für die Jagd\nerfunden. Die Kyer waren einst mehr auf dem\nWasser als auf dem Lande gewesen.\nEr lachte sehr über ihre Schlauheit und fragte,\nob sie solch tückische Kampfart schön finde. Sie\nerwiderte lächelnd: „Wer den Feind seihont,\nwendet sein Schwert gegen sein Volk.\" Nur die\nLiebe zu ihm habe ihr diese List eingegeben, als\nsie sich in der Nacht über die ihm bevorstehende\nGefahr grämte. Er schloß sie darauf in seine Arme\nund sagte, er werde dem Volke vorschlagen, sie in\nden leitenden Rat der Weisen aufzunehmen. Sie\nschlug errötend die Hände vors Gesicht und sagte:\n'„Ihr Frauen und Männer von Kyland seid schreck-\nlich. Die Weiber, die mit fremden Männern scher-\nzen, sind schamlos. Die Götter werden euch\nstrafen.\"\nAls er als Sieger zurückkehrte, hallte, als er\nden Hof betrat, schon sein Ruf nach ihr. Sie trat\nihm mit niedergeschlagenen Lidern und vor Freude\nschwerem Atem an der Tür entgegen. Er hob sie\nauf seine Arme und trug sie mit sich fort.\nSeit dem Tage war Plao nachher der Pflege\neiner Dienerin übergeben, deren Worte in der\nDunkelheit seine Sehnsucht und den Gram nach\nseiner Mutter übertäubten. Die junge Sklavin aus\ndem überwundenen Volke sprach allerhand Zeug,\nden durch die Kylehre verdrängten Aberglauben\nihrer Leute. Durch sie erlernte der Knabe die\nFurcht vor dem Tode. Sie erzählte von einem\nJüngling der Kyer, der sie so geliebt hätte, daß\ner sie zur Gemahlin nehmen wollte.\n\n„Sein eigener Vater stieß ihn deshalb nieder.\"\n„War er so bösartig?\"\n„Nein, er wollte aber keinen Sohn mit niedriger\nGesinnung haben.\"\n„Mit niedriger Gesinnung? Wie meinst du\ndas?\"\n„Er wollte eine Niedrige zu seinesgleichen\nmachen. Ich war voller Freude. Aber es war\nnicht recht. Seit er tot ist, stellt er mir nach.\"\n„Was tut er?\"\n„Er sucht mich zu fangen und zu essen.\"\nDer Knabe ließ den Schrei in der Kehle.\n„Ja, die Verstorbenen sind sehr böse, weil sie\nnicht mehr am Leben sind. Sie sind neidisch auf\nuns. Selbst eine Mutter stellt ihrem Kinde Schiin-\n_ yy\ngen.\nSolche und ähnliche Worte waren ein Same,\naus dem der Baum seiner Todesfurcht hochstieg,\nder seitdem oft unversehens in seine Träume bei\nSchlaf und Wachen hineinrauschte. Den Tod\nfürchtete er seitdem im geheimen als eine grauen-\nhafte Umkehrung alles dessen, was er bisher emp-\nfand.\nEr stand oft vor den fliehenden Segeln an der\nWand, die, wie er dämmerte, seinen Vater fort-\ntrugen zu neuem Ruhm.\nDie Sklavin brachte auch bunte Tafeln mit. Es\nwaren Bilder, vor denen er sich fürchtete. Ein\nMann, dessen viele Arme und Köpfe gegen ein-\nander kämpften mit Fäusten und Zähnen. Sie\nsagte, daß es verdammte Götter seien, die ihre\nVäter umgebracht hätten.\nEr erschrak, denn er selbst hatte sich oft vor\ndem Einschlafen befragt: wird mein Vater noch\nlange leben? Er nickte bejahend und war über\ndiesen Orakelspruch beruhigt.\nDann hatte er Mitleid mit allen Menschen, die\nalle sterben müssen.\nDann saß er morgens geduldig auf seines Vaters\nKnieen, um ihn auf der Erde festzuhalten. Oft\nhob ihn der Gott, sein Vater, in die Höhe, und er\nstand in der Luft ihm Auge in Auge gegenüber.\nEr setzte ihn zu sich nieder und erklärte ihm,\nwie man ein Schiff baut, und wie die Segel ge-\nwendet werden.\nEr hörte mit geschlossenen Augeni den Klang\nder Stimme und fühlte sich mit den Händen gebun-\nden. Dann und wann hörte er:\n„Willst du noch weiter hören?\"\nEr nickte mit dem Kopf und hoffte die Täu-\nschung des Zuhörens durchführen zu können und\nso seinem Vater bis zum Ende seiner Worte\nFreude zu machen.\nSein Vater sagte, indem er ihm das Spannen\ndes Bogens lehrte, daß mit dem Segel und dem\nPfeil alle Kostbarkeiten der Erde erreichbar\nwären.\nSeit der Stunde übte Plao sich im Zielen.\nPlaos Mutter meinte: Es ist ein Kind, das am\nliebsten allein spielt. Schade. Dabei litt er, wenn\nsie fort war; wenn sie ihn aber zwischen den\nhohen Bäumen schaukelte, hielt er nur still, weil\ner glaubte, daß es ihr Freude mache. Er saß gern\nauf dem schwankenden Brett und wiegte sich leise,\nindem er ihr Antlitz versunken betrachtete.\nSie trug ihr Haupt aufrecht mit gesenkten\nLidern, nicht wie die Rundbilder der Götter zur\nSeite geneigt, wie er es jetzt auch hielt, in Be-\ntrachtung.\nEr sah das Leben auch später, wie man Bilder\nansieht. Er hörte aufmerksam zu, als sein Vater\nden Strich eines Malers lobte. Es war ein Bild,\nvor dem er mit seiner Mutter wohlriechende Kräu-\nter opferte. Er bildete sich eine Zeitlang ein, der\nMaler zu sein.\nEinmal zeigte er ihr eine durchgepauste Zeich-\nnung und sagte, er habe sie nachgezeichnet Sie\nbrachte sie seinem Vater, und er hörte mit scham-\nroten Wangen, wie er gelobt wurde.\nDen nächsten Tag hörte er, wie sein Vater zur\nMutter sagte: „Ich hätte ihm nicht die Geduld\nzugetraut. Auch dachte ich, er würde, wenn auch\nnoch so ungeschickt, etwas hinzugefügt haben. Er\nist doch ein Bilderkopf. Er ist besser, als er tut.\"\nDann rief er ihn zu sich und sagte, er solle die\nZeichnung noch einmal, aber etwas vergrößert\nmachen.\nEs war ein Glück für Plao, daß sein Vater nicht\nmehr darauf zurückkam. Daß er ein Bilderkopf\nwar, ging ihm nach. Er schloß mehr noch als\nfrüher die Augen und ließ aus schwankenden\nFarben Gebilde auftauchen und verschwimmend\nsich wandeln. Manchmal aber faßte ihn dabei Ent-\nsetzen. Er dachte an die Grausenerzählungen der\nSklavin. Zwischen Traumschlummer und Wachen\nstammelte er: „Werdet nicht rund!\"\nAls er einmal im Fieber zwischen lauter Ge-\nstalten krank lag, mischte sie aus Kräutern ihrer\nHeimat einen Trank, den sie ihm einflößte, während\ner sich entsetzt schreiend wehrte, worauf er sich\nnach und nach beruhigte. Nachts sagte er zur\nSklavin, daß eine Mutter ihrem Kinde nur Schlin-\ngen stellt, um es vorm Sturze in den Sumpf zu\nschützen. Sie gab auch einer Frau, die die frühere\nGeliebte ihres Mannes kannte, einen Beutel von\nKräutern mit und schärfte ihr ein, wie sie ge-\nmischt würden, um die heilende Wirkung zu haben.\nAls die Dienerin ihm sagte, sie habe nie ge-\nglaubt, daß er so grausam sei —• eine Schnecke\nhabe sich in entsetzlichen Qualen unter seiner\nSandale gekrümmt — schlief er die Nacht nicht\nvor Mitleiid und Ekel. Dabei aß er .gern bis dahin\ngebackene Schnecken, trotzdem er der Dienerin\ngeglaubt hatte, daß in der Schnecke ein Gott\nschlummere.\nAuch träumte er sich gern als Führer in der\nSchlacht. Eines Tages erschrak er, als er hörte,\ndaß die Feinde viel mehr Blut verspritzten, als die\nKyer. So greifbar hatte er das Schlachten nie\nvor sich gesehn. Mit der Zeit ertappte er sich,\nwie er gegen Heere kämpfte, die blutlos hin-\nstürzten.\nOft stürmte er den Gartenweg entlang, warf\ndie Arme in die Luft und ließ sich hinterrücks zu\nBoden fallen. Dies wurde eines seiner Lieb-\nlingsspiele.\nDie Dienerin, die ihn bei diesem Spiel über-\nraschte, fing an zu weinen und sagte unter Schluch-\nzen, er werde sehr jung in der Schlacht fallen.\n„Solch schöner junger Herr!\" klagte sie. Aber\ndies Spiel sei eine von einer Hexe gesandte Vor-\nahnung.\nPlao folgte ihr in den Raum, in dem sie die\nGewänder ihrer Herrin reinigte. Hier war er oft\nbei ihr. Sie saß auf dem Boden und sagte mit\nverweinten Augen lächelnd:\n„In unsern Kammern sind keine prächtigen\nBilder.\"\n„Früher aber, ehe wir euch besiegten\" erwider-\nte er hochmütig und mitleidig.\nSie schüttelte den Kopf.\n„In unsern Kammern auch damals nicht. Für\nuns Arme brachtet ihr nicht viel Veränderung.\nSeit unsere Vornehmen wieder vornehm sind,\nwurden unsere kleinen Mädchen, die euch nicht\nbedienen, flatternde Straßennachtigallen, die euch\nfür eine Nacht in ihr Bauer locken und froh sind,\nwenn sie für ihr armes Lied eine saftige Feige er-\nhalten. Es gibt ärmliche unter ihnen, die auch\nnicht anders wohnen als ich. Dabei verachtet\nman sie noch mehr als mich, seit unsere Vor-\nnehmen wieder vornehm wurden. Aber die Götter\nschufen Große und Kleine, Schöne und Häßliche.\nIch habe es noch gut getroffen. Aber ich ver-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10198, "texte": "diene es nicht, weil ich es nicht ausnutze, mich\nnicht dem Herrn bemerkbar mache. Wer die\nHand nicht aufmacht vor der Gabe der Götter,\nvor dem verschließt sie sich.\" Plao verstand nicht,\nwas sie meinte. Aber die Worte „verdienen\" und\n„ausnutzen\" gingen nicht aus seinem Kopf. Er\nfühlte eine unbestimmte Verachtung gegen die\nDienerin.\nSpäter kam er in die Tempelstadt. Die Götter-\nlehre der Kyer hatte sich während ihrer Wande-\nrungen manchmal verändert, hatte fremde Reli-\ngionen kunstvoll ihrem Bau eingefügt. Die vielen\nKöpfe der Götter waren ihr zuerst fremd. Das\nunterjochte Volk glaubte an sie. Die Priester ent-\nnahmen ihr die Offenbarung, daß die vielen Fähig-\nkeiten des Erschaffers sich einst so ungestalt aus-\ndrückten. Auch die Göttlichkeit der Schnecken\nnahm man auf. Sie seien Kinder des Erde tragen-\nden Gottes, der sich hier und da vor dem Er-\nschaffer in den feuerspeienden Berg verkrieche.\nAls Plao gefragt wurde, wie die Welt entstand,\nantwortete er, daß Gott seines Lichtes müde, die\nAugen zutat, worauf die Dunkelheit sich um ihn\nzusammenschloß. Da flimmerten vor seinen Augen\nKugeln, Regenbogen, grüne Gewässer, Bäume und\ngroße Edelsteine. Denn zuerst waren alle Welten\nglänzend. Schon schwammen Tiere und begin-\nnende Menschen in den Farben. Das war der Be-\nginn der Welt, die erst später braun und hart\nward.\nDie Priester lächelten und fanden die Antwort\ngut. Nur sei er noch zu jung zu solchen Fragen.\nVorläufig solle er nur das erwidern, was ihn ge-\nlehrt werde. Doch habe er die Verwandtschaft der\nGötter und Menschen gut begriffen. Nach und\nnach lernte er die einzelnen Priester kennen.\nDa war ein Blinder, der jedem, der hinzutrat,\ndie Hand umfaßte und ihre Form fühlend, ihn er-\nkannte.\nEin anderer war lang und hager mit schnell\ndurchblickenden Augen. Seine Nase, die bei allen\nKyern außer bei Plao oben leicht gebogen war,\nerinnerte den Knaben an den Messerberg, der von\neiner Spitze nach beiden Seiten mit seinem schar-\nfen Rücken gegen den Horizont parallel abstürzte.\nDie Priester bewunderten ihn, weil er kühne\nmathematische Schlüsse fand. Das langsam ge-\nduldige Anschauen und Beobachten der Gänge der\nHimmelslichter war nicht seine Freude. Aber er\ndurchmaß den Raum auf den Tafeln, die man ihm\nbrachte, und berechnete, was die andern geschaut\nhatten. Plao bemerkte sofort, daß er jenen ab-\nstieß. Den Knaben interessierte, daß er als ein-\nziger Priester beim Ausfall gegen die Kütten,\neinen Spieß in der Hand, angeführt hatte.\nMathematik und Dichtung waren außer der\nSternbeschauung und Sternenwissenschaft die\nheiligen Dinge, womit die Schüler und einige\nSchülerinnen den Tag hinbrachten. Später wurden\neinige wenige in die ersten Gänge des Geheim-\nnisses eingeführt.\nPlao, der oft vor sich hinmurmelte: „Ihr wißt\nja nicht, wer ich bin\", fühlte sich allem Heiligen\nnah und glaubte daher, er werde große Begabung\nin der Mathematik zeigen. Hier begriff er bald\nwenig noch, weil seine Gedanken nicht ständig\n;auf demselben Weg bleiben konnten. Seinen\nVater bekümmerte es, weil er auch einsah, daß\ner nie ein Führer im Kriege werden würde. Es\nfehlte ihm dazu das Ortsgefühl. Er konnte schon\nnicht den Weg zurückfinden, den er gegangen\nwar. Denn unterwegs war ihm die Umgebung\nvor aufsteigenden Gesichten abhanden gekommen.\nManchmal wies er andern den Weg, den er eben\ngegangen war, indem er sagte, er solle den breiten\nElefantenweg gehen, wo er eben erst auf dem\nschmalen Sohleichpfad gekommen war. Er sagte\n\nes bestimmt, denn eine Anschauung von dem eben\nErlebten tauchte sofort auf, wenn er gefragt wurde.\nBei den Kriegsspielen der Knaben im Kinderhof\nliebte er es, sich allein gegen den dastehenden\nfeindlichen Schwärm zu stürzen. Er verschwand\neinen Augenblick im dichten um ihn geballten\nKnäuel und kam lachend mit Beulen am Kopf dar-\naus hervor. Auch wenn die gedrängten beiden\nHaufen gegeneinander liefen, war er immer vor-\nan. Die Achtung, die es ihm eintrug, schwand\nbald, als man sah, daß er kaum losschlug, sondern\nnur wild mit den Armen durch die Luft fuhr.\nEinige machten sich ein Vergnügen daraus, ihn in\nden Bauch zu stoßen, auch außerhalb der Kriegs-\nspiele, und man lachte über die Verrenkungen die\nsein Körper dann machte. Wenn man nicht Krieg\nspielte, ging er nämlich schlafwankend einher,\nund es machte Spaß, ihn so zu wecken.\nAls ihn so der hagere Priester mit der Berg-\nrückennase sah, sagte er in verachtendem Ton:\n„Du bist ja garnicht lebendig!\"\nO, lebendig war er schon, meinte er vor sich\nhin. Es wimmelte von schnellenden Bewegungen\nund sich auseinander ringenden Gestalten vor\nseinen gesenkten Lidern. Er hatte lange Wim-\npern, weshalb ihm der Priester beim Abgehen:\n„Mädchen!\" zurief. Diese Begegnung war einen\nTag nach seiner Aufnahme in die Priesterstadt\ngewesen. Nach dem ersten Unterricht sprach\nder Priester nur noch in höhnischem Tone zu ihm.\nEr erwiderte es nicht mit Haß, dazu bewunderte\ner zu sehr sein kühn geformtes Antlitz.\nEr gewöhnte sich nach und nach daran, sich\nselbst, wie er sich gab, zu sehn, und er fand so\nwenig seinen Beifall vor sich, daß er die wohl\nverstand, die ihn nicht mochten. Sogleich als er\nkam, hatte er eine ihm und den anderen furcht-\nbare Gewohnheit angenommen. Als er vor die\nPriester geführt wurde, mußte er sich verneigen.\nSeit der Zeit verneigte er sich vor jedem Priester;\nauch wenn er tief über der Arbeit hockte, sprang\ner auf, um es zu tun, wenn einer hereintrat. Er\nhörte wie der hagere Prieste zu den andern sagte,\ner sei sehr blödsinnig. Aber er tat es immer von\nneuem, wie sehr man ihm auch vorstellte, daß er\nsich fremdländisch betrage, das Schlimmste, was\nman in Kyland sagen konnte.\nDer blinde Priester sagte:\n„Es ist keine Schmach, ein Fremder zu sein.\nAber wir Kyer sollten Fremde nicht zur Gemahlin\nheimbringen, ebenso wie kaum einer von uns um\neine Aeffin werben würde.\"\n„Aber die Vornehmen des unterworfenen Vol-\nkes.\"\n„Es ist kein uns Fremdes wie die andern. Ha-\nben wir ja ein besiegtes Volk unter uns wohnen\nlassen. Wir kennen nicht die Verwandtschaft mit\nuns, aber wir fühlen sie. Kein Priester darf eines\nihrer Mädchen zur Gemahlin nehmen. Plaos\nMutter ist zu demütig in ihm. Er fühlt es selbst\nund leidet darunter.\"\nEin ebenso greiser, der Priester Weset, der\nimmer mit dem Blinden, welcher der oberste\nPriester war, zusammen saß, erwiderte zornig:\n„Vielleicht bringt die Mündung eines Flusses in\nanderes Blut uns dem Wesen näher. Wir sind\nselbst zu göttlich geworden, um mit ihm noch\nZusammenwind zu haben. Was er über die Er-\nschaffung sagte, war doch die Lehre, ohne unser\nZutun gefunden. Fügen wir nicht Bilder aus Län-\ndern aller Völker in unsere Dichtungen? Wir\nverachten also nicht ihre Gesänge, wie das Volk,\ndas ihr Bestes auf die Art empfängt. Wir sollten\nauch die Mischung der Menschen öfter vornehmen,\nob nicht Offenbarung daraus dampft.\"\n„Nicht zu oft\", erwiderte lächelnd der Blinde.\n„Ich sähe das Königsblut gern rein, obwohl das\ngerade den Versuch auffälliger machte. Dich-\ntungen und Menschen dürfen sich mischen, gewiß.\nAber nur als Ausnahme. Und Priester sollen die\naugenlose Liebe bewachen.\"\nDann bekämpfte man wieder die von dem\nBlinden aufgerichtete und von den andern immer\nwieder umgeworfene Lehre, daß die Sterne und\ndie Erde gleicher Art und alle in einem dünnen\nWasser schwebende Kugeln seien; die Erde war\ndie größte für uns, aber vielleicht nicht für die\nGötter. Auf seinen Wunsch goß man wieder das\nOel aus der heiligen Lampe in eine Schale Wasser.\nTriumphierend glitt sein blinder Blick umher. Er\nbrachte sie zum Kreisen und bemerkte am Ge-\nräusch der Bewegungen seiner Gegner, wann die\nKügelchen sich von ihr lösten, um sie mitschwan-\ngen.\nEr hatte dieses Spiel einst angeordnet und Be-\nwunderung damit erregt. Doch wollte man nur\nin ihm eine einzelne Erscheinung sehen und kein\nGesetz erkennen.\n„Wenn die kleinen Kugeln sich um die großen\ndrehen\", sagte der Blinde, „so sind die Lebewesen\nauf den kleinen umgekehrt zwar viel kleiner, aber\nvollkommener als die Bewohner der großen, wie\nauch die Bienen und Ameisen auf der Erde voll-\nkommenere Staaten bilden als die Menschen, bei\ndenen die Willkür jeden Augenblick alles unvoll-\nkommen läßt.\"\nHier wurde Weset wütend:\n„Bienen, Ameisen und Sterne sind von Gott\n\\ erlassene Weltsysteme und darum unabänder-\nliche Mathematik. Aber er beachtet sie nicht\nmehr, sie sind keine Vollkommenheiten, die sich\newig zu andern Vollkommenheiten wandeln, wie\ndie Menschen und alle Körper, in denen er noch\nlebendig formt.\"\nAlle lächelten. Man nannte sie, weil sie immer\nzusammen waren: den Gott mit den zwei feind-\nlichen Köpfen.\nPlao vernahm die Schmähung seiner Mutter\nund bekam einen Haß auf die Kyer. Bald darauf\nsaß er wieder vor: dem Hageren, der ihn nicht so\nschonend verachtete, wie der Blinde. Seinem Hohn\nentgegnete er mit seinem Blick, der dessen Ge-\nsicht bewunderte. Dann fragte er sich, ob die\nUmkehrung der Gefühle, die die Dienerin nach\ndem Tode annahm, nicht als unheimliche Wirk-\nlichkeit schon unter dem Leben lauere.\nBald mußte er über sich selbst lachen. Wenn\ner etwas rasch begriff, zürnte er dem, der das\nnicht fassen konnte. Er verachtete ihn unwillkür-\nlich. Dadurch wurde ihm der Hagere wieder\nnäher gebracht, der ihm gegenüber so empfand.\nNach und nach fand er sich bei einigen Knaben\nzurecht. Sie waren zutraulich zu ihm, und er\nsprach zu ihnen bald ungezwungen. Bei den Prie-\nstern und ihren Frauen gab er merkwürdige\nAntworten auf alle ihre Fragen. Immer wieder\nschüttelten sie fragend die Köpfe, ob er\nnicht doch den manchmal vorkommenden\nBlöden zuzuzählen sei. Einmal fragte ihn\nder Blinde, von dem gesagt wurde, sein\nOhr sei so lauschend weise, daß er am Fluge\ndes vorbeiziehenden Schmetterlings seinen Art-\nnamen und Farbengestalt wisse: „Nun, was macht\nder kleine Plao?\" „Ich gehe\", antwortete er, tief\nüberzeugt, indem er weiterschritt. „Nein, du\nkriechst\", erwiderte der Blinde zornig, „und einen\nAugenblick, als du kamst, dachte ich, du flögest.\"\nEinmal zeigten sie ihm das Rundbild eines\nVogels im Fluge, welches mit den Klauen über\neinem Brettchen befestigt war. Er fragte wie\nverwundert, ob das Holz angewachsen sei. Als\nman ihn frug, ob er scherze, antwortete er tief-\nernst: Nein, er habe es so gemeint. Er litt sehr\nunter den geringschätzigen Blicken und schämte"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6291, "texte": "sich besonders, da er trotz richtigem Wissen unter\neinem Zwange so gefragt hatte. Des Morgens\nschon beim Erwachen klopfte sein Herz aus Angst,\nwas er den Tag über sagen werde. Er ging\nmeistens in Qual der Angst umher, auf welche\nArt er im nächsten Augenblick gesenkten Hauptes\ngehen werde und Scham trage.\nDazwischen hatte er Momente, wo er glücklich\nwar, wo er sich trotzig gegen die Lehre, daß alles\nSchmerz sei, sagte, daß er jetzt vollkommen glück-\nlich sei. Es war, als er lange gegen die Sonne ge-\nschaut hatte und nun abgewendet in und unter den\nWolken Farbeninseln über sich im Halbkreis hin-\nund herschweben sah, als er die paar Knaben, die\nviel um ihn waren, mit ersonnenen fabelhaften\nErlebnissen gefangen hatte.\n„Des Nachts kamen drei Schwestern, nicht\ngrößer als mein kleiner Finger, in grünen, blauen\nund gelben Kleidern. Sie schwebten über meinen\nAugen, die zur Decke blickten, und ich wußte,\ndaß sie des Tages in der Sonne wohnen. Die\neine sagte zu mir so leise, daß es auch der Blinde,\nQottäugige nicht gehört hätte: Wir waren zuerst\nim Auge Gottes. Da wölbte er um uns als Woh-\nnung das runde Licht. Wenn ihr rund vor mir\nwäret, sagte ich, würde ich sterben, und alle so\nhassen, wie ich sie jetzt liebe. Nur die mit Ge-\nschwüren überdeckten Gesichter mit breitem\nLachen würde ich lieben. Denn im Tode kehrt\nsich alles Empfinden um. Ich wäre noch unglück-\nlicher als jetzt. Hinter unserm Haß lauert auch\ndie Liebe, wie hinter eurer Liebe der Haß. Als\nwir im Auge Gottes sichtbar wurden, liebten wir\nschon, denn alles, was sich zeigen darf, liebt und\nbewundert.\"\nDen folgenden Tag sagte er ihnen, in voriger\nNacht seien sie wieder erschienen und hätten ge-\nkichert, wie die Blumen kichern, wenn die Bienen\nsie kitzeln: Sie meinten, das mit dem Haß sei\nUnsinn. Wir spielen nur. Denn wir sind klein.\nWenn aber eure Erwachsenen Krieg spielen,\nschlagen sie sich wirklich tot. Darum ist es bei\neuch so traurig. Ihre Füßchen waren Schmetter-\nlinge und ihre Augen Kolibris. Sie verschwanden\nin der Decke, aus der sie lange Hände streckten,\nsechsmal so lang als vorher ihre ganze Gestalt ge-\nwesen war, manchmal so lang, daß sie mich um-\nfassen könnten, denn auch ich war kleiner gewor-\nden. Ich fürchtete mich aber nicht, denn ich war\nschon halb gestorben und wußte, daß ich nie ein\nbreites Lachen schön finden werde, daß ich aber\ndoch hassen mußte, die ich lieben möchte, und daß,\nehe ich wieder leben durfte, ich manchen aus-\nblasen möchte. Mein Atem war, als ich noch\nlebte, nie so stark, daß er eine Oelflamme aus-\nblasen konnte. Die Häuser der Stadt, durch die\nich nun ging, glänzten wie lauter Tautropfen, die\nhöher waren als ich. Wir spiegelten uns darin\nwie in Augen, die uns aber traurig ansahen. So\nwohnen wir immer in den Häusern, sagten die\nMädchen, ohne hineinzugehn und ihre blickende\nEinsamkeit zu stören. Auch erschrecken wir sie\nnicht mit mathematischen Fragen. So sind sie\nso vollkommen unglücklich wie wir, deren Spiele\nsie ewig betrachten dürfen. Dann begannen sie\neinen so zierlichen Reigen, daß sie entzückt glänz-\nten, ebenso wie ich.\nDa die Priester die Knaben oft im Geheimen\nbelauschten, hörten sie auch so ein Märchen.\nEinige nahmen seine Partei. Aber der Blinde\nsagte:\n„Ein Sänger und kein Mathematiker ist eine\nUnsumme, nur wirklich bei unstät planlosen No-\nmadenvölkern. Nur durch das Umfassen des\nplanvollen Wandels der Sternenwelt, der sich\n\nzu Tempelgängen aufbaut, kommt die Besclhauung\nvon oben.\" Die Tempelstadt begann mit niedrigen\nHäusern und Höfen. Sie erhob sich in breiten\nTempeln, einem Gewirr von Gärten und Schluch-\nten sich hinziehend und stieg auf den Hügel, ein\nhochsäuliger schlanker Tempel zum Himmel. Ihn\nsah man von überall weiß ragen. Um ihn ließ die\nGottheit in der Dämmerung sein besticktes Ge-\nwand wallen. Am Ende der breiten Tempel stan-\n'den die Türme, auf denen die Priester rückwärts\nlagen oder standen des Nachts und nach oben\nschauten. Unter den Tempeln zogen sich gänge-\nverbundene Göttergewölbe. Betrat man sie mit\nLampen, glänzten von den Decken und Wänden\nGötter, Menschen und Tiere glashell, noch in\nTraumformen, schon gestaltenlos-gestaltet mit\nzu wandelbarem Ausdruck und Formen, deutlich-\nundeutlich, sehr deutbar. Sie wurden später\nTropfsteinhöhlen genannt. Die Wesen waren\nlebendig im Eindruck, deutlich, aber der mächtige\nGeist, der dort gearbeitet hatte, der Widergeist\nder Mathematik haßte die Eindeutbarkeit und\nnarrte im Schaffen nach der Meinung der Priester\newig umwandelnd durch die Lebenheischenden\nsich und andere. Er war der Geist, der die Toten\naufnahm, die nicht vollkommen in den Sternen-\nbahnen ihr Heim hatten. Er quälte die Toten, nicht\naus Nurbosheit, er erschreckte sie aus bösartiger\nLaune oft, aber das ewig Ungewisse um sie und\nin ihnen war die Qual, der sie sich nur selten im\nGenuße von Träumereien entzogen. Ein Anklang\nan das Gesetz ist auch in ihnen gegen seinen\nWillen, denn der Formung ist sie ungeboren, und\nso ist er zur Unvollkommenheit verdammt, ohne\nder Schöpfung eine ganz andere entgegen-\nsetzen zu können.\nPlao war unglücklich-rebellisch gegen den\nZwang der Arbeit, unsicher im Verkehr mit denen,\ndie Zusammenfassung des Geistes von ihm er-\nwarteten. Wenn sie aber in blauen und silber-\nnen Gewändern in einem Tempel singend die\nSterne wandelten, tauchte er in ihren Gleichklang\nin klingender Hingegebenheit hinein. Die kleinen\nScheine der Lampen, die in Kreisen und Ovalen\nabgesondert von ihnen standen, zogen ihn dann\nwieder zu sich. Es waren Stunden reiner Selig-\nkeit, die er so verbrachte, und hier sagte er sich,\ndaß er rein glücklich war.\nAls er wieder einmal sich zur Stunde, die der\nHagere, Kühnnasige lehrte, verzögert hatte, trat\ner hinzu, den Kopf weit vorgestreckt, so daß die\nKnaben in ein lautes Lachen ausbrachen. Der\nPriester runzelte die Stirne und sagte zornig auf\nihn zugehend:\n„Nun laß die bewußt-unvernünftigen Bewe-\ngungen.\" In dem Augenblick, als er vor Plao stand,\ntrat ihn der unversehens auf die Zehen, so daß\ner aufschrie.\"\nPlao stammelte verwirrt:\n„0, es tut mir leid, es tut mir weh!\"\n„Was?\"\n„Mir tut es weh!\"\n„Es tut mir weh!\" höihnte er. „Komme jetzt\nnicht mit Philosophie.\" Er lachte. „Du bist wohl\nso mit den andern verwoben, daß du es fühlst,\nwenn es sie schmerzt? Du!, du! der du nichts\nFremdes begreifst.\"\nUnvollendet / Aus dem Nachlass"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "65", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.4.1", "titre_corps": "Umberto Boccioni: Die Abfahreaden / Zeichnung", "titre_sommaire": "Umberto Boccioni: Die Abfahreaden / Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "65", "url_page": 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Mütter\nDeren Schoß eine traurige Bahre geworden ist\nWeinet\nKein Schmerz ist größer als ihr Schmerz\nIn ihrem engen Schoß die vielen toten Kinder\nDie ihr versteht ihrer Herzen unermeßlich\ngroßen Schmerz\n0 weinet, beweinet sie\nWeinet\nWeinet um das viele verströmende teuere Blut\nUnd um den endlosen furchtbaren Krieg\nWeinet\nNicht trockne in eueren Augen der Bach\nder Tränen\nDie ihr noch weinen könnt\nWeinet\nWeinet um sie die schon sanfte selige Tote sind\nUnd eine blaue Blume blüht aus ihrem zarten\nGaumen\nUnd um die Lebenden die leben müssen jetzt\n/Weinet\nBeweinet auch die guten kleinen Pferde\nDie mit wirren Mähnen und gebrochenen Augen-\nSchon langsam welken auf den schönen\nSchneefeldern.'\nWeinet\nBeweinet auch die vielen lieben kleinen Häuser\nDie die Flammen frassen\nUnd die vielen kleinen Frauen\nDie erschrocken aus den brennenden kleinen\nHäusern liefen\nWeinet\nBeweinet die entblößt sind all ihrer Habe\nVertrieben die Kuh, mit dem Kind auf dem Arm\nUnd dem belasteten Esel (sie haben nichts als das)\nWer weiß wohin sie ziehn und ihr Los o Gott\nwer weiß es —\nWeinet\nBeweinet die vielen lieben kleinen Waisen\nDie armen traurigen Elternlosen in langen\nblauen Reihen-\nUnd in traurigen Schuhen von den Nonnen geführt\nWeinet\nBeweinet auch die vielen zertretenen und\nschwachen kleinen Mädchen*"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1997, "texte": "Die mit schmaler Kinderhand ihr Kind jetzt\nwiegen\nUnd sich frühe verschliessen, weh geknickte\nbestaubte Blumen\nWeinet\nBeweinet auch die vielen traurigen kranzlosen\nBräute\nDeren trauriges Haupt kein Schleier bedecken\nwird\nUnd die in ihren Fenstern auf den toten\nBräutigam warten\nWeinet\nBeweinet die Wittwen alle\nWeil ihr dünner Schleier welkt und traurig weht\nUnd sie gehn wie ein Zug von Nonnen und in\nden bleichen Händen\nBlasst das Wachslicht der Erinnerung und tränt\nohne Unterlaß\nWeinet\nWeinet denn viele schöne und alte Kirchen\nUnd viele liebe Städte die unseren Herzen\nnahe waren\nSind graue Trümmerhaufen geworden\nUnd auch der liebe Altar in unser aller Herzen\nDaß wir Menschen sind — dein Bruder und\nmein Bruder —\nWeinet\nBeweinet die schon sitzen hinter Gartengittern\nunter den traurigen Weiden\nMit bleichem erschrockenem Gesicht und sehr\nweit von sich selber\nWeinet\nWeinet denn am Rande der Landstraßen bei\nden Grenzsteinen sitzen Kinder\nKleine Kinder in dünnen Tüchlein und friern und\nihre arme Hand preßt ein Bündel\nWeinet\nBeweinet auch die sanfte kleine Ziege\nDie hoch in den Bergen vor Schreck ein Zicklein\ngebar mit zwei Köpfen\nWeinet\nWeinet denn wenn der Zug der Verstümmelten\nkäme\nNie würde er enden und bedeckten sie nicht\ndie verstümmelten Glieder\nWer von uns fände noch Schlaf —\nW einet\nWeinet denn keine Leinwand ist so lang und\nso breit ist nicht eine Leinwand\nDaß sie bedecken könnte alle die Wunden\nUnd die viele weiße und milde Leinwand geht\naus in der Welt\nWeinet\nWeinet denn auf den weichen grünen Feldern\nStehn mehr der Kreuze als in den Friedhöfen\nstehen\nWeinet\nWeinet denn ferne ist der gute Hirte gezogen\nUnd der böse Krieg wütet in seiner armen\neinfältigen Herde\nWeinet\nWeinet denn man läßt die Lebenden nicht mehr\nleben\nUnd voll sind alle Friedhöfe und die Spitäler\nsind voll\nWeinet\nWeinet denn wenn diese Zeiten vergangen sind\nDann grast das schwache Lämmlein: der Friede\nIn rotem Grase nur\n(Nur rotes schlechtes Gras wächst für das arme\nunschuldige)\nWeinet\nWeinet ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "70", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.6", "titre_corps": "Seidenfaden", "titre_sommaire": "Seidenfaden", "signature_source": "Erzählung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.9", "debut_caractere": 1999, "fin_caractere_exclue": 8587, "texte": "Seidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\nV\nDie Eigentümerin des Landhauses hatte ausge-\nmacht, daß jeden Morgen das Stubenmädchen\nSeidenfadens Bodenkammer ausfegen und auf-\nräumen sollte. Obgleich das übertriebene Reini-\ngungsbedürfnis der deutschen Frauen ihm nie\nFreude machte, hatte er das Opfer bringen müs-\nsen. Um zehn Uhr spätestens mußte er das Bett\nverlassen.\nTiefmüd, unwirsch, machte er sich daran, nach\nder fiebrigen Nacht den Tag zu ertragen. Er schob\nfrierend das spitze Kinn in den aufgeklappten\nKragen der Jacke und eilte durch den rohen eis-\nkalten Dachboden mit nasser Wäsche, die auf den\nLeinen hing, zur finstren Stiege.\nAn der Straße nahe dem Bahndamm lag sein\nGarten, in dem er eifrig landwirtschaftliche Kul-\ntur und Wissenschaft trieb. Die kreuzgestellten\nBohnenstangen ragten hager und To-\nmatenstauden, von denen er mehrere Ernten roter\nitalienischer Liebesäpfel gewonnen hatte, waren\nschwarze, vom Frost verkohlte Leichen. Die\nErdbeerbeete waren dürr und verwirrt, die\nFruchtsträucher kahl und wild. Im Oktober\nkamen nur noch Endivien und Grünkohl fort, sie\nzu jauchen und nachzusehen galt Seidenfadens all-\nmorgendlich erster Gang.\nEr hatte sich das Jahr über redlich geplagt,\nSchweiß und Geld hatte sein Gärtchen schon ge-\nkostet. Er hatte einen Dunghaufen angelegt, und\nreichlich dazu selbst mit dem Schubkarren ange-\nfahren. Seine nächtlichen Tüten mit konzentrier-\ntem Stickstoff entleerte er auf diesen Haufen.\nAber er hoffte, im kommenden Jahre die Ueppig-\nkeit intensiver Kultur als Erfolg seines Ehrgeizes\nund seiner wissenschaftlichen Methode erleben zu\ndürfen. Das ganze Jahr hindurch würde er Sinen\ndie selbstgezogenen Bodenprodukte darreichen\nkönnen und Sine würde sie heimlich verkaufen an\nVater Dolling und ihre Mutter: Seidenfadens\nSalatköpfe, Gemüse, Erdbeeren, Kartoffeln, Boh-\nnen und Erbsen, Maiskolben, Topinambur, To-\nmaten, Johannis- und Himbeeren, Rot- und Weiß-\nkohl.\nAls Seidenfaden den Schwengel der Jauch-\npumpe mit hartem Geklapper bewegte, um die\nGrünkohlkultur zu düngen, kam um die Ecke aus\ndem Nachbargarten der alte Herr Schneekamp,\nder die Auseinandersetzungen mit dem „Herrn\nProfessor\" liebte über den Unterschied von wis-\nsenschaftlicher und praktischer Gartenpflege.\n„Guten Morgen, Herr Nachbar.\" „Guten Morgen,\nHerr Professor!\" „Immer feste bei der Arbeit?\nNu ist aber das Jahr bald rum!\" Und Herr Schnee-\nkamp fügte mitleidig hinzu: „Jauchen Sie man\nnicht zuviel auf den Kohl los, Herr Professor. Der\nwird Ihnen sonst madig!\"\nEin langer Redestreit erhob sich über den\nWiderspruch zwischen Professorenwissen und\nLandwirtpraxis. Mit weit ausladendem Arm-\nschwenken wehrte Herr Schneekamp ab und\nfocht gegen Seidenfadens Wissenschaft. Das sei\nWindbeutelei und für Leute, die mal sone Lieb-\nhaberei hätten.\nHerr Schneekamp hatte drei Töchter, von\ndenen Seidenfaden behauptete, sie sähen aus als\nwüßten sie nicht, was ein Mann sei. Er nannte sie\nseine drei Milchbrödchen, alle waren blond, rot-\nbäckig, blauäugig. Sie verehrten heimlich Seiden-\nfaden, aber machten sich über seine Braut lustig.\nSie kamen hinausgelaufen und betrachteten von\nfern Sine, wenn sie vor den Beeten sich zierte\nund ihr blauer Böcklein-Schleier über des Bunten\nBuckel wehte, denn er bemühte sich um den\nEndivien. Dann ahmten die drei Schneekamps von\nfern der Braut nach und lachten, wie das Milch-\nbrödchen nun einmal eigen ist. Sine war tief be-\nleidigt.\nAuf die kalte Nacht war ein heißer Herbsttag\ngefolgt. Nach vielen Stunden Gartenarbeit lief\nSeidenfaden hungrig mit Gemüse beladen wieder\nzu seiner Stube hinauf. Er bereitete sich Thee\nund ein Häufchen zarter Brödchen zum Frühstück,\ntat einen Blick in die aufgeschlagenen Bücher von\nvergangener Nacht und beeilte sich, einige frische\nZeilen den verstaubten, seit einem Jahr in Ar-\nbeit befindlichen Manuskripten hinzuzufügen.\nDies Manuskript war das entscheidende Werk\ngewesen, welches er sich verpflichtet fühlte, her-\nvorzubringen. Im Winter des vorigen Jahres hatte\ner sich nach Carrara an der italienischen Küste\nbegeben, um an dem geweihten Orte Michelange-\nlos seine Philosophie zu erzeugen. Seine philo-\nsophische Zeugungskraft hatte arg gelitten, seine\nNerven waren geschwächt, sein Geblüt war zer-\nstreut und verdünnt, seine Liebe zur Weisheit ver-\ndunkelt durch den Anblick schmaler Hüften und\nsechzehnjähriger Beine Von großberliner Frauea\nund kleinen Mädchen. Bangend, unaufhörlich,\nimmer frisch wurde Seidenfaden von Liebe ange-\ngriffen zu jeder Sechzehnjährigen, jeder Schnek-\nkenfrisur, jeder schmalen Schulter, jedem zier-\nlichen Knie, zu allem, was kurzröckig und sichtbar\nauf zwei schönen Beinen vor ihm herwandelte.\nEr behauptete steif, daß ständig weibliche Kniee\nan die seinen stießen, weibliche Füße die seinen\ntraten und seine Schienbeine streiften. Seiden-\nfaden glaubte beständig durch die erotischen Eise,\nStürme und Feuer der Großberlinerinnen „auf-\nringen\" zu müssen. Seine erotischen Schwächun-\ngen hatten einen so bedenklichen Grad erreicht,\ndaß er sich für das berlinentlegene Carrara ent-\nschloß, um an der meergegürteten Küste jene\nschöneren Gürtel zu vergessen, die den Unglück-\nlichen soweit gebracht hatten, daß er schließlich\nein Werk der Weisheit überwindend erzeugen\nkonnte. Bei einer sommerlichen Nachkur am\nGardasee schrieb er den Schluß zu seinem Werk\nund kehrte mit Sinen, die er beim Herniederstieg\nvom Sinai Carraras zu sich hatte reisen lassen,\nstolz zurück: Im schweigenden Glänze des voll-\nbrachten Werks, gebräunt von der scharfen Sonne\nim Süden der Alpen.\nIm der Pracht seiner schwarzen Lohengrin-\nLocken, im Brennen seiner Philosophie, jung doch\nhoheitsvoll, war er in den Kreis der Freunde zu-\nrückgekehrt. Als er zum ersten Mal wieder unter\nihnen weilte, hatte er mit Sine eine Zeitlang die\nAugen tief ineinander versenkt scheinbar weltver-\ngessen gestanden. Dann hatte er langsam beide\nHände zu Sinens jungfräulichem Schläfen erhoben,\nihr feines Haupt sich zugeneigt und ihren Scheitel\nan seinen Mund zum Kuß gelegt. Die Freunde\nschauten zu, entzückt von der traditionellen Ge-\nberde der englischen Präraffaeliten, die in Seiden-\nfadens Kreise heimisch war. Sie bemerkten, daß\nder Bunte an diesem hochzeitlichen Tage die\nSchönheit Raff a eis mit der Weisheit Spinozas ver-\neinigte, und daß er Seele habe eben weil er schön\nwar.\nEr hatte zu diesem Tage Sinen eine lange, lila\nseidenbandumwickelte Papierrolle als Geschenk\nseiner Heimkehr von starken Wegen überreicht.\nEs war eine Komposition zu Ehren Sinens zu\neinem Sonett von Michelangelo. Nachdem er\nSinens Scheitel vor den Freunden geküßt hatte,\nstimmte er, indem er Sinen bei beiden Händen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7598, "texte": "gefaßt hielt, mit lispelnder Stimme den ersten Vers\nder neuen Komposition an:\nDer goldne Kranz sieh, wie er voll Entzücken\ndas blonde Haar mit Blüten rings umfängt.\nEr sang von der Blume, die Sinens Stirn küßte,\nvom Gewand, das sich um Sinens Schultern schloß,\nvom Haar, das ihre Wangen gern berührte, vom\nengen seidnen Band, das beglückt war, Sinens\nBusen zu berühren:\nDer Gürtel spricht: laß mich die Lust genießen,\ndaß ewig meine Haft dies so entspannt —\nwie würden da erst Arme dich umschließen.\nVI\nSiderius, Seidenfadens Freund von der Schul-\nbank auf, hatte den fressenden Ehrgeiz, ein eige-\nnes philosophisches System zu erfinden, ein eige-\nnes Buch zu veröffentliehe». Seit zehn Jahren\nhatte er sich vergeblich angestrengt. Zehn Jahre\nlang hatten die Freunde Einander Jeden neuen Ge-\ndanken beifalls- und eindruckssüchtig mitgeteilt.\nWer wollte dann, wenn Siderius sowie Seiden-\nfaden Jeder seine Philosophie der Welt vorlegten,\nentscheiden, ob Siderius oder Seidenfaden der Ur-\nsprünglichere, Frühere war, wessen Gedanken\neigene waren und wessen die des Anderen.\nDas Unglück des Siderius erreichte die Höhe,\nals der flinke, unbedenklichere Seidenfaden plötz-\nlich aus der italienischen Kräftigungskur mit einem\numfangreichen Manuskript heimkehrte, und der\nganze Kreis Kota vor Seidenfaden machte.\nSeid'enfaden hatte in seinem, hochfliegenden\nSchwünge den Neid des überflügelten Konkur-\nrenten kaum beachtet. Sine hatte die schönen\nArme um sein Angesicht gelegt, sodaß er die Welt\nvergaß.\n■112 Siderius begann in ailer Stille und Eile mit\nkonzentriertem, noch nie an ihm bemerktem Fleiß\nein philosophisches Manuskript zu verfassen. In\neinem hohen ehemaligen Rabbiner-Lehnstuhl, auf\nweichen Sitzkissen, die Schriftzüge der Kabbala\ntrugen, saß Siderius vormittags, nachdem er früh\nim Wald, am See sich herlig gesammelt hatte, und\nschrieb auf großen Pergamentblättern, die er von\neiner Bibliophilen-Offizin besorgte, seine Ideen\nnieder. Nachdem ein Blatt vollgeschrieben war,\nnahm es seine Frei-Gemahlin Luzinde, trug es auf\nden Leuchtertisch und legte es in eine lila Samt\ngebundene große Mappe mit Atlas-Schnüren. Das\nWerk gedieh, Luzinde häufte Blatt auf Blatt, und\neines Tages wurde der Freundeskreis mit\nSeidenfaden zur Besichtigung des vollbrachten\nWerkes geladen.\nAls alle versammelt waren, löste Luzinde die\nSchnüre um den heiligen Leib des Buchopfers von\nSiderius, hob den lilasamtenen Deckel. Niemand\ndurfte näher heran treten und Luzinde zeigte von\nfern die beschriebenen Pergamentblätter. Der\nganze Kreis guckte fleissig, aber leider war nicht\nmehr festzustellen als die Tatsache beschriebener\nBlätter. Kein Hauch, geschweige denn ein Wort\ndes neuen Buches wurde den Freunden vergönnt.\nAn einem Sommertage begab sich Siderius mit\nLuzinde plötzlich auf eine Reise nach dem Balkan.\nAn diesem Tage erhielt Seidenfaden ein Exemplar\ndes neuen Buches, das Siderius auf eigene Kosten\nohne Wissen seiner Freunde hatte drucken lassen.\nSeidenfaden saß auf dem Scheiterhaufen seines\nRuhmes, den er im Begriff gewesen war, aus\nBrettern mit Pappe zusammenzuleimen. Seite für\nSeite, Satz für Satz, fast Wort für Wort verglich\ner das Buch von Siderius mit seinem Werk, als\nhätte der Eine seherisch den Anderen vorausge-\nahnt, als hätte der Andere treu dem Ersten jeden\nGedanken, jedes Wort nachempfunden. Seiden-\nfaden war der Vorläufer und eifernde Täufer, Si-\nderius der fanatische Heiland selber.\nBeiden gemeinsam war der germanische Zier-\ngarten, in dem sie ihre wunderlichen Topfpflänz-\nchen aufzogen. Seidenfaden wollte das Weltende\ndurch die „gottesmütterliche Weltüberwindung der\nWeiber\", Siderius predigte im Geschmack des\nTechnologen am Berliner Tageblatt die Weltzer-\nstörung durch Radium. Beide sehnten sich nach\ndem Paradies durch Ueberwindung, der Eine der\nWeiber, der Andere der Zierrate des Madensacks.\nSeidenfaden wütete gegen den verbrecherischen\nFreund, der Montenegro entgegenreiste.\nDer Verrat des Siderius gab den Anstoß zu\nSeidenfadens Neuwerden, seiner Herabkunft in\nerneuerter Fleischlichkeit. So war Mahadöh zum\nsechsten Mal herniedergestiegen, um Goethen\ngleich zu werden, mitzufühlen der Liebe Lust und\nQual.\nAuf siebenfachem Regenbogen stieg Seiden-\nfaden hernieder. Die ohrenbedeckenden Haare\nverschwanden und machten der Künstlerlocke\nPlatz, das transzendentale Funkeln des Fra Ange-\nlico wurde zu Flammen in seinen hübschen roten\nBäckchen, die Kniehosen wurden von Sine ver-\nlängert zur eleganten Hose nach Maß, und seine\nVegetarier - Sandalen wurden zu bebänderten\nglänzenden Lackschuhen, helle Seidenstrümpfe,\nWelle Jacke, ein brauner Samthut vertauschten den\nschwarzen Seidenfadens. Aauf seinem Schreibtisch\nstand die Photographie des alten Peter Altenberg,\nwie er mit dem linken Arm fest umschlungen ein\nkleines nacktes Mädelchen großväterlich liebe-\nvoll an sich drückt. Drunter der Spruch: „Sei\nnackt schön! Wie du sonst bist, ist doch belang-\nlos.\" Man war von der Bewunderung kolossaler\nHuldinnen der Zeiten Kaulbachs und Wagners\nfortgeschritten zur sexuellen Begeisterung für die\nkleinsten Mädelchen. Geradeswegs, unmittelbar in\ndie Augen junger Mädchen und Frauen, auf\nihre Kleider wollte Seidenfaden fortab die neuen\nGedanken schreiben, die für die liebenswürdigsten\nWesen am schönsten waren, ihnen paßten wie\nStöckelschuh und Hut. Wenn ihre Kleider an\nSeidenfadens wadenlosem Bein vorüberstreiften\nund im Bahnabteil ihre Kniee die seinen rieben, so\ngeschah es unfehlbar darum, weil er für die philo-\nsophische Fortpflanzung der Erotik zu sorgen\nhatte..\nSeidenfaden stand vorm Aufbruch des unver-\ndrängten, unbeschränkten Liebesgenusses, die\nreizenden Widerspiele der männlichen Schöpfung\nsollten aus der blinden Feßlung durch den männ-\nlichen Egoismus befreit werden. Das Patriarchat\nwar endgültig erledigt: Weib und Mann sollten die\nEifersucht, die Same alles Bösen war, auslöschen.\nAlle jungen Männer und Mädchen sollten frei\nlieben lernen, keinem Liebenden durfte Abbruch\ngeschehen, küssen und umarmen sollte Jeder frei\ndürfen in allen möglichen bunten Beziehungen. Die\nfreie Entwicklung und Zeugung durfte keine\nFessel dulden: die bunte Funktion der Frau im\nwechselnden Tausch der Männer und die bunte\nFunktion des Mannes im wechselnden Tausch der\nWeiber auf Grund der verfeinerten und vergeistig-\nten Leiblichkeiten freier Individuen. Bunte Frei-\nEhen, Verhältnisse auf Kündigung in jedem Ge-\nschmack, in jeder Farbe und Gruppierung, ästhe-\ntisch oder ethisch. Dann durfte es keine Perversi-\ntät mehr geben, kein Odium durfte darauf ruhen,\nwenn der liebevolle Seidenfaden kleine Mädchen\nküßte oder asketische Frauen umarmte. Die kreuz-\nweis verknüpften Paare durften in ein Paradies\ntreten als Sonnenbad, Kino, Theater der Tausend,\nFreilichtbühnen, Nackttänzen, Schönheitsabenden\nim bunten Wechsel, Wandervögelreisen!\nAber einen düstren Winkel §*ab es, in den\nSeidenfadens Kuß der ganzen Welt nicht hinab-\nschimmerte, im prächtigen Hause der geistigen\nLiebe gab es noch immer den bösen Akt, das\nhäßliche Anhängsel, den atavistischen Ueberrest,\nWurzel aller Lasten und Qualen, Ursprung aller\nVerunstaltung und Vernichtung.\nLohengrin kam nicht aus Nacht und Leiden,\nsondern aus Glanz und Wonne her und bestieg\nbei Frau Eisens erster böser Frage den Schwanen-\nnachen, um den „düstren Winkel\" nächtlicher\nLeiden zu fliehen. So durften die freien Erotiker,\ndie Eleganten des Geistes ihre geputzten Liebes-\nnachen besteigen, um schön schaukelnd dem häß-\nlichen Geschrei der gequälten Wehmutter zu ent-\nrinnen.\nSeidenfaden dachte sich eine Kunst des Ge-\nbärens, spielend, schmerzlos, ohne Gebärwehen\ndurften die Frauen ihre Kinder glatt zur Welt\nbringen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "71", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.7", "titre_corps": "Umberto Boccioni", "titre_sommaire": "Umberto Boccioni", "signature_source": "Herwarth Waiden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.10", "debut_caractere": 7619, "fin_caractere_exclue": 9809, "texte": "Umberto Boccioni\n\nNun hat auch Italien den größten künstlerischen\nVerlust erlitten: Umberto Boccioni ist am\n18. August durch Sturz vom Pferde gestorben. Er\nist vierunddreißig Jahre alt geworden.\nDer Name Boccioni bedeutet für Italien und\ndamit für Europa die Befreiung von der Auffassung\nder Kunst als Kunstgeschichte. Die Durchschnitts-\nmaler der ganzen Erde lebten und leben seit Jahr-\nhunderten von den Meistern der Renaissance, alle\ndie unzähligen Schüler und Schülersschüler wur-\nden von der Kunstgeschichte zu Meistern ernannt,\nihre Kopien der wenigen wirklichen Meister in\nsämtlichen Museen und staatlichen Instituten dicht\nnebeneinander und übereinander aufgehängt. Die\nRahmen vergoldeten verbräunte Bilder und die\nNamen ihrer Macher wurden in das goldene Buch\nder Kunstgeschichte sorgfältig notiert. Rahmen\nund Bücher sind geduldig. Der Satz des Buchs\nder Kunstgeschichte bleibt ewig stehen und das\nGold der Rahmen wird nachgeblättert. So wirken\ndie Bilder, so werden die Bilder immer verbräun-\nter, bis der gesunde Mensch über die Farbe wischt,\ndie Schminke ist. Boccioni fuhr mit seiner starken\nHand durch die Galerien Italiens, der Staub von\nJahrhunderten fiel hinunter, die sogenannte alte\nKunst war tot und damit das Geschäft Italiens.\nMuseumsdirektoren und Hotelwirte protestierten.\nDie Gebildeten der ganzen Erde waren entrüstet.\nWeil Einer gerüstet in den Kampf zog. Die Ge-\nbildeten taten, was Entrüstete tun: sie schrieen.\nDer Sieger ist stets unbeliebt. Die Gebildeten fühl-\nten sich der Schätze ihres Gedächtnisses beraubt.\nSie hatten den ganzen Satz des dicken Buches\nauswendig gelernt. Die wohlgezählten Namen soll-\nten nicht einen Centesimo wert sein. Wo doch\njede namenlose Madonna namenlose Heere von\nDeutschen und Engländern nach Italien zog. Alle\nBörsen waren ihnen geöffnet. Und da zu jedem\nGeschäft ein guter Name gehört, wurde Italien zur\nKunstbörse der Welt ernannt. Mit der Kunst\nHessen sich Geschäfte machen, aber die Kunst\nmacht keine Geschäfte. Boccioni war ein Romane\nund wurde ein Künstler, der also das Romantische\nhassen mußte. Er fühlte und wußte, daß Kunst\nOrdnung ist Ordnung, die Romantiker Militaris-\nmus nennen. Darum erklärte Boccioni der Erde"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1818, "texte": "den Krieg: „Wir wollen den Krieg preisen — diese\neinzige Hygiene der Welt — den Militarismus, den\nPatriotismus\". Dieser Satz Boccionis ist so oft\nfalsch verstanden worden, als man Bilder zu ver-\nstehen sucht. Nicht nur Bilder, auch Gedanken\nwerden in das beliebte Reich der Tatsachen hinab-\ngezogen. Alles Unglück dieser Erde stammt von\nder Verwirklichung des Geistigen. Davon, daß\nGleichnisse in Bar umgesetzt werden. Während\ndoch alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.\nKunst ist Gleichnis und Gleichnis ist Tat. Was\nwir tun, ist geschehen und was wir nicht tun,\ngeschieht. Es gibt keine andere Anschauung für\nden Künstler und für die Kunst. Diese Anschauung\nist keine Richtung, es ist das Schauen. Boccioni\nwar für den Krieg als geistiges Phänomen. Er\nwar Künstler und wollte wie jeder Künstler das\nsogenannte Leben aus der Kunst drängen. Als er\nim Uebermut seines Kunstgefühls Kunst in das\nsogenannte Leben treiben wollte, stürzte er.\nKunst ist unmenschlich, sie tötet, wer sie ver-\nmenschlichen will. Boccioni sah den Irrtum seiner\nJugend. Wenige Tage vor seinem Tode schrieb\ner: „Aus dieser Existenz werde ich mit einer Ver-\nachtung für alles hervorgehen, das nicht Kunst ist.\nNichs ist furchtbarer als die Kunst. Alles was\nich gegenwärtig sehe, ist ein Spiel gegen einen\nrichtiggezogenen Pinselstrich, einen harmonischen'\nVers, einen wohlgesetzten Akkord. Alles, damit\nverglichen, ist Sache des Mechanischen, der Ge-\nwohnheit, der Geduld, des Gedächtnisses. Es gibt\nnur die Kunst.\"\nMitten im Tode sind wir vom Leben um-\nfangen. Die Werke bestehen, wenn auch die\nLeiber verfallen. Du bist ein Künstler, mein Freund\nBoccioni, Du hast den Guten Deiner Zeit genug\ngetan. Und wenn Franz Marc, der Deine Bilder\nliebte, Dir nun die Hand reicht, gedenket dessen,\nder für Euch lebt, auf daß Ihr lebet.\n\nHerwarth Waiden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "71", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.8", "titre_corps": "Lieder", "titre_sommaire": "Lieder", "signature_source": "Wilhelm Runge", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.11", "debut_caractere": 6913, "fin_caractere_exclue": 8191, "texte": "Lieder\nWilhelm Runge\nI\nBrach liegt dein Auge\nirr drüberhin stottert mein Fuß\nDürr flüstern Zweige herbstzeitlos\ndie Wolken welken\nDes Herzens Türen schlagen heulend zu\nnach seinen Wänden zückt das Blut die Hände\nund würgt die Tränen in die Adern tot\nbeschlagen blickt der Stirne helles Fenster\nSturm Hattert auf des Herzens wanke Wipfel\nDer Tag hält seine blauen Augen zu\nund Nacht trieft nieder schwer aus allen Zweigen\ndes Blutes Atem läuft auf leisen Zehn\nknickt um\nund stirbt\ndie Hände perlen Weinen.\nII\nSterne himmelflüstern um die Stirn\nDenken schläfert sommerseidenweich\nBlut geht leise wolkenwellenunter\ngestern heute morgenabendrot\ngolden von den Aesten fällt die Sonne\nund zerbricht im moosgen Schoß der Nacht\nSeele senkt das kleine Kicherköpfchen\nmüde schließt das Gras die feine Hand\nHerz bückt nieder in das Beet der Sterne\npflückt die strahle Heimat aus der Ferne\nSonnenwälderduft und Nachtigallen blüht ihr\nAtem in den Abend auf.\nIII\nFrühe hebt die kleine bleiche Hand\nSonne blinzelt durch die schmalen Finger\nTrillernd tropfend taumelnd\ntobend\ntoll\nstürzt ihr strahlengoldenes Gelächter\nNecken schlängelt rosareihe Bänder\nDämmern huscht verschämt die Augen blind\nschallend grö'hlt der klobe Tag und stemmt\ndie Seiten\nflimmerleise durch die Adern spielt der Wind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "71", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.9", "titre_corps": "Maya", "titre_sommaire": "Maya", "signature_source": "Kurt Striepe", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.11", "debut_caractere": 1820, "fin_caractere_exclue": 4027, "texte": "Maya\nKurt Striepe\nMein Blut. Mein singendes, rauschendes Blut.\nNun bin ich stolz.\nHeute bin ich der Prinz. Die Schmerzen sind\nmeine Diener. Ich lache. Ich freue mich. Wie sie\nkommen. Alle mit roten Käppchen. Machen tiefe\nVerbeugungen. Ich bin der Prinz.\nSie müssen nun Steine tragen. Einen zum\nanderen. Weiße Marmorsteine. Daraus bauen wir\neinen Tempel. Einen Wundertempel. Und den\nThron. Ich will auf dem Thron sitzen.\nDas Leuchten Ihrer Rosennägel wappnet die;\nTüren. Der Altar ist aus Granat. Und über die\nWände — über die weißen zarten Hände — springt\nmein lachendes Blut. Rot und weiß. Aus den hei-\nligen Tempeln hole ich die Leuchter. Mit sieben\nArmen. Aus Lapislazuli ist der Boden.\nMeine Nerven singen den Chor.\nIch hülle mich in den Mantel aus syrischem\nPurpur. In den Händen den goldenen Kelch.\nMeine Hände zittern.\nIch warte. Ich warte auf etwas, das kommen\nsoll.\nHeute darf ich spielen. Ich lade Frauen in\nmeinen Tempel, die tanzen. Darauf warte ich\nnicht.\nMeine Diener beugen ihre Nacken.\nEs kommen Mädchen. Die singen. Der Chor\nmeiner Nerven übertönt ihr Singen.\nDer Kelch in meinen Händen zittert sehr. Mein\nBlut ist trocken darin.\nMir hilft keine Freude mehr.\nIch warte. Ich darf spielen.\nWenn die Kugel kommt, dann soll Hochzeit\nsein.\nDann werde ich König.\nIch nehme mein Herz. Mein rotes Herz. Aus\nSmaragd ist ein Becher auf dem Altar. Dahinein\nstelle ich mein Herz.\nAlle fallen auf die Knie und beten.\nDie Diener.\n*\nDie Frauen.\nDie Mädchen.\nIch allein stehe aufrecht. Ich warte nicht auf\nmein Herz.\nVor dem Altar nimmt das Murmeln kein Ende.\nDas ärgert mich. Ich befehle Ruhe. Ich bin Prinz.\nDas Leuchten der Leuchter erlischt. Du strahlt\nder smaragdene Becher. Mein Blut sprudelt.\nAuf einer Platte aus Rubin bringen sie die\nKugel. Nun bin ich König.\nEs wendet sich der Staat meines Hofes. Die\nGesichter liegen auf dem Boden.\nDann tanzen die Frauen.\nDann singen die Mädchen.\nDie Diener pressen tiefer die Köpfe an den\nBoden.\nDer Chor singt sein hellstes Lied.\nSie — Maya — Sie lachen.\nIhr Lachen wirft Goldstrahlen über meinen\nTempel. Die Wände werden kostbar glänzen.\nIch trage ieine leichte Krone über meinem\nKopfe.\nIch bin der König meiner Schmerzen.\nIch grüße Sie —« Maya!\nUnd warte —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "71", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.10", "titre_corps": "Der vergessene Kern", "titre_sommaire": "Der vergessene Kern", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.11", "debut_caractere": 4029, "fin_caractere_exclue": 6911, "texte": "Der vergessene Kern\nHerwarth Walden\nDer Herr von der Täglichen Rundschau hat noch\nnie ein Bild gesehen. Er weiß aber auch nicht in\nder Strategie Bescheid, wie er sich gerne einreden\nmöchte. „In geschlossenen Gruppen traten nur die\nKriegsmaler auf, rechts die aus Oesterreich-Un-\ngarn, links die Deutschen, die Bulgaren in der\nMitte. Sie umlagern den Kern der Ausstellung\nals ein äußerer Ring. Weiter drinnen findet man\nnoch einen Saal für die wohlwollenden neutralen\nSchweden, und dann ist auch wieder der Verband\ndeutscher Illustratoren geschlossen beieinander.\"\nDen Kern der Ausstellung hat man nämlich ver-\ngessen. Die Große Berliner Kunstausstellung läßt\ndie Kunst immer aus. Sie will sie jetzt durch\nFührungen suchen. Aber es ist nichts zu finden.\nDenn der Herr von der Täglichen Rundschau, ein\ngewiß einwandsfreier Zeuge, berichtet über des\nPudels Kern: „Die Mittelsäle bieten das\nseit Jahren gewohnte Bild. Gipfelleistungen\nwerden nicht geboten und sind in diesen\nZeiten nicht zu erwarten. Man hält auf\neinen anständigen künstlerischen Durchschnitt,\neine gewisse Schulgemeinsamkeit, die ohne\nZweifel ein guter Grund ist, von dem\nsich tüchtige Persönlichkeiten abheben können.\"\nEs hat schon seinen guten Grund, daß sich auf dem\nguten Grund nichts abhebt. Nicht einmal tüchtige\nPersönlichkeiten lassen sich verpflanzen und noch\nweniger Künstler. Wenn auch „Bracht in seinem\nPflüger wieder jene schlichte Größe zeigt, die wir\nin seiner Art verehren.\" Es ist aber nicht die rich-\ntige Art für den guten Grund. Die Leute pflügen\nimmer, ohne zu sehen, daß der Same längst schon\naufgegangen ist und zwar über ihren Gipfel hin-\naus. Aber der neue Cezannei ist von der Täglichen\nRundschau entdeckt. Er heißt Albrecht, stammt\naus Königsberg und hat ein Stilleben geschickt:\n„Cezanne hat die Augen stumpf gemacht gegen\nsolche Feinheiten, in denen er nur die Farbe gelten\nläßt und ihr zuliebe willkürlich wirkt bis zur Bru-\ntalität. Ein Albrechtsches Stilleben wie ein alt-\ndeutsches oder ein altniederländisches gibt in\nseiner Bescheidenheit unendlich mehr, indem es\nuns mitfühlen läßt, wie es der Materie zumute ist.\nDas ist es schließlich auch, was uns bei jenem\nBilde Eichhorsts, einem einfachen offenen Kleider-\nschrank fesselt.\" Wenn man erfährt, wie es einem\nStilleben und einem einfachen offenen Kleider-\nschrank zumute ist, wird man wieder guten Mutes,\ndiese Feinheit des Stofflichen kann auf die Bru-\ntalität der Farbe verzichten, sie erübrigt sogar\ndie ganze Malerei. Man setzt sich an den Früh-\nstückstisch, nicht ohne zuvor seinen einfachen\nKleiderschrank offengelassen zu haben, und man\nweiß, wie es der Materie zumute ist. Die Tägliche\nRundschau kann ihren Kunsthirten entlassen, die\nHerde wird schon nach wie vor sich in der Gar-\ntenwirtschaft der Großen Berliner Kunstausstel-\nlung vergnügen und die Kunst wird endlich dort\nvergessen, wo ihrer nicht gedacht werden darf."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "debut_caractere": 109, "fin_caractere_exclue": 542, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Straße 134 9\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nVierundvierzigste Ausstellung\nKandinsky\nFiinfundvierzigste Ausstellung\nCampendonk\nEroffnung: 1. 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September 1916\nRudolf Bliimner I Vortragsabend:\nMombert / Poe / Strindberg / Stramm\nDritter Abend / Mittwoch den 27. September\nAugust Stramm / Gedachtnisfeier\nVierter Abend / Mittwoch den 4. Oktober\nAugust Stramm / Gedachtnisfeier\nFiinfter Abend / Mittwoch den 11. 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I Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Auf s t ie g I Tragodie\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nQedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplaren auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler undKunst-\nkritiker / Qesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bttcher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fur Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Qeschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c019", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "debut_caractere": 4506, "fin_caractere_exclue": 4749, "texte": "Handdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: PI ak at fQr die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzug 10 Mark\nAnna Scheerbart: Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Biichereinbande / Format\n42 X 35 Mark 4"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "debut_caractere": 4751, "fin_caractere_exclue": 4862, "texte": "Verein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. 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Kaiserlich Japanpapier 25 Mark\nAn! Costakarton 15 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kiinstlers über sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913 I Album 10 Mark\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln unterschriebene Holzschnitte I Auflage 30\nMappen\nMappe je einhundert Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c026", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "debut_caractere": 6472, "fin_caractere_exclue": 7003, "texte": "Neuanzeigen Der Sturm\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenlieb© /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren / 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nAm 15. September erscheint: Peter Baum:\nSchiitzengrabenverse / Qedichte / Gebunden 3 Mark\nSoeben erschienen: Marc Chagall: Zeichnung\nKunstdruck auf Biitten / 5 Mark\nSoeben erschienen: Sturm-Kunstler / Lichtbild-\nkarte 5: Rudolf Bliimner / 20 Pfennig / Lichtbild-\nkarte 6: Campendonk / 20 Pfennig / Lichtbild-\nkarte 7: Peter Baum / 20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-09-15-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-09-15_01#c027", "volume": "bmtnabg_1916-09-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "72", "page_fin": "72", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "debut_caractere": 7005, "fin_caractere_exclue": 7118, "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des V e r\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.1", "texte": "DER STURM.\nMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nKunstausstellung\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nSIEBENTER JAHRGANG\nBERLIN SEPTEMBER 1916\nSECHSTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Ruf an August Stramm / Peter Baum: Kyland / Arthur Keleti: Klagegesang im Jahre Tausendneunhundertfünfzehn /\nAdolf Knoblauch: Seidenfaden / Kurt Striepe: Maya / Herwarth Waiden: Umberto Boccioni / Wilhelm Runge: Gedichte / Herwarth Waiden: Der ver-\ngessene Kern / Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Umberto Boccioni: Die Abfahrenden / Zeichnung / Georg Schrimpf: Holzschnitt /\nVom Stock gedruckt\n\nCampendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.2", "texte": "Ruf an August Stramm\nHerwarth Waiden\nRede zum ersten Sturm-Kunstabend in der Kunstausstellung\nDer Sturm am ersten September (916\nDie Sporen klirrten und seine Stimme jubelte\ndurch diesel Räume, die uns die Weit deuten.\nAus diesen Räumen wuchs der Hall seines Jubels\nin den Raum, über den Raum hinaus, in die Zeit\nüber die Zeit hinaus. Tränen kreist der Raum.\nDas ist die Menschheit. Die Sporen fielen ab auf\nrussischer Erde. Ein deutscher Hauptmann liegt\nunter ihr. Die Kunst macht ihm, macht uns die\nErde leicht. Der Jubel hallt über Deutschland\nhinaus, über die Erde hinaus, über das Ende\nhinaus. Ueber den Anfang hinaus in das Reich des\nUnerreichbaren, das uns in die Ewigkeit führt.\nDie Kunst ist unmenschlich. Darum wollen ihr\nalle Menschen opfern. Aber solange die Men-\nschen ihr sich nicht selbst opfern, ist die Kunst\nin Rauch gehüllt. Solange sehen die Menschen\ndas Feuer nicht, das wärmt, das glüht, das leuch-\ntet. Und das verbrennt, wenn man an es greift\nDie Menschen wundern sich nur über das, was\nnicht geschieht. Das Geschehen wird bewiesen.\nDie Sonne scheint, denn es ist bewiesen. Die\nErde dreht sich, denn es ist bewiesen. Der Mensch\nwird geboren, denn es ist bewiesen. Aber der\nMensch wird nicht gestorben, was zu beweisen\nwäre. Der Mensch stirbt einfach. Und das ist\nden Menschen ein Wunder. Der Mensch stirbt\neinfach und stirbt milliardenfach. Die Unruhe\nhastet über die Erde, über die Ruhe des Ein-\nfachen. Es ist nichts zu beweisen. Die Münder\nsuchen ihn. Die Blicke suchen ihn. Die Gedanken\nsuchen ihn. Er wird nicht gefunden. Aber im\nwachen Schlaf, im schlafenden Wachen steht er\nbei uns, vor uns, über uns, er, der starb. Wir\nküssen ihn, wir drücken ihn, wir sehen ihn. Doch\nwenn wir an ihn denken, verläßt er unser Ge-\ndächtnis. Das Gedächtnis verläßt uns im Wunder.\nDas Gedächtnis ist NacTifeier. Feier ist das\nWunder. Man soll das Wunder feiern.\nSo einfach, wie der Mensch stirbt, so einfach\nlebt die Kunst. Denn die Kunst wird nicht ge-\nschaffen, die Kunst schafft. Sie trägt den Künst-\nler, der sie trägt. Kunst lebt den Künstler, der\nihr stirbt. Sie trägt den Tragenden durch das\nGetragene.\nDarum soll man das Wunder feiern.\nWir klagen und weinen um Dich, August\nStramm. Um Dich, den Menschen und Freund. Um\nDich, also um uns. Da wir nicht sehen können,\ndaß Du nun hörst, was Du hörtest. Aber\nDu hörst es. Gerade deshalb hörst Du es, weil\nwir es mit unsern blinden Augen nicht sehen\nkönnen. Du hörst' ies und wir können be-\nweisen. Beweisen mit ihrem Wissen. Denn sie\nwissen, daß die Sonne leuchtet, auch wenn sie\nsie nicht sehen. Sie wissen es, weil sie es gelernt\nhaben. Und wenn sie es nicht gelernt hätten,\ndennoch leuchtet die Sonne in ihre Nacht.\nDie Kunstgeschichte ist feige. Nach dem Tod\ndes Künstlers stürzt sie auf ihn und stellt fest,\nwie er gelebt hat. Wo er gelebt hat. Wovon er\ngelebt hat. Daß er gelebt hat, kann die Kunst-\ngeschichte erst durch den Tod des Künstlers fest-\nstellen. Die Kunstgeschichte sammelt Daten. Die\nDaten des äußeren Lebens. Das innere Leben\nsammelt der Künstler selbst. Die Kunstgeschichte\nhat kein Recht darauf. Es ist gesammelt.\nDie Kunstgeschichte wird feststellen, daß August\nStramm kein Berufsdichter war. Kein Kaufmann\nalso, der Offenbarungen Anderer auswählt: die\nOffenbarung wählt sich den Künstler, der nicht\nmit ihr rechnet, also niemals einen Berufsdichter.\nDie Kunstgeschichte wird die Daten des äußeren\nLebens nüchtern finden. Denn die Kunstgeschichte\nist romantisch. Der Künstler ist es nicht. Die\nKunstgeschichte wird feststellen, daß August\nStramm am neunundzwanzigsten Juli 1874 zu\nMünster in Westfalen geboren wurde, als Sohn\ndes Obertelegraphenrevisors Albert Stramm. Sie\nwird feststellen, daß August Stramm das Gym-\nnasium in Eupen und Aachen besucht hat. Daß\ner auf Wunsch des Vaters seinen Beruf bei der\nPost suchte, die üblichen Studien hierzu machte,\nnebenbei auf die Universität ging und in Halle\nzum Doktor der Philosophie promoviert wurde.\nDie Kunstgeschichte wird weiter feststellen, daß\ner nach Zeugnis seiner Vorgesetzten ein sehr\ntüchtiger und fähiger Beamter gewesen ist, es bis\nzum Kaiserlichen Postinspektor brachte, und daß\ner im Jahre 1914 in das Reichspostamt berufen\nwurde. Die Kunstgeschichte wird ferner feststel-\nlen, daß er nach Zeugnis seiner Vorgesetzten ein\nhervorragender Soldat und Offizier gewesen ist\nund bereits im Jahre 1913 zum Hauptmann der\nReserve befördert wurde. Die Kunstgeschichte\nwird feststellen, daß er bei Ausbruch des\nKrieges in das Landwehrregiment 110 als Kom-\npagnieführer versetzt wurde, die Gefechte in den\nVogesen und im Ober-Els>aß mitmachte, im\nJanuar 1915 in ein neues, junges Regiment als\nKompagniechef berufen wurde, daß er mit diesem\nRegiment an die Front nach Frankreich kam und\ndort das Eiserne Kreuz erwarb. Sie wird ferner\nfeststellen, daß er mit seiner Kompagnie die große\nDui chbruchsschlacht von Gorlizce mitmachte und\nden ganzen Feldzug in Galizien. Daß er als Ba-\ntaillonsführer insbesondere bei der Erstürmung des\nDorfes Ostrow Außerordentliches an Tapferkeit und\nUeberlegung leistete, hierfür das oesterreichische\nVerdienstkreuz mit der Kriegsdekoration erhielt\nund zum Eisernen Kreuz Erster Klasse eingegeben\nwurde. Daß er am ersten September 1915 als\nletzter Ueberlebender seiner Kompagnie bei einem\nSturmangriff in den Rokitnosümpfen fiel, nachdem\ner über siebzig Schlachten mitgemacht hatte. Ein\nKopfschuß tötete ihn sofort. Am zweiten Septem-\nber morgens wurde er auf dem jüdischen Friedhof\nbei Horodec mit militärischen Ehren bestattet.\nVermählt hatte sich August Stramm 1902 mit der\nSchriftstellerin Else Krafft. Seine beiden Kinder\nheißen Hellmuth und Inge.\nDie Kunstgeschichte wird ferner feststel-\nlen, daß August Stramm sehr viel ge-\nschrieben hat und zwar von frühester Jugend\nan. Daß ihm kein Werk genügte, daß er\njedes Werk dreißig Mal, fünfzig Mal, hundert Mal\nniederschrieb und wiederschrieb und daß es ihm\nnicht genügte. Daß er seine Werke Verlegern und\nZeitschriften anbot, als sie ihm genügten. Und daß\nVerleger und Zeitschriften ihm die Werke zu-\nrückschickten. Daß er hoffnungslos wurde. Daß\ner an seiner Künstlerschaft verzweifelte. Daß er\nglaubte, er sei verrückt, während sich doch nur\ndie andern nicht verrücken lassen. Weil :die andern\nnämlich nicht wurzeln, sondern sich haben\nfestmauern lassen. ,Um nicht umzufallen. Um\nsich stehend zu fühlen, wo doch nur der\nsteht, der fallen kann. Die Kunstgeschichte wird\nvielleicht nicht feststellen, daß August Stramm im\nJahre 1913 dem Sturm eine Dichtung einreichte.\nEs sollte der letzte Versuch sein, den er mit\nseinen Dichtungen unternahm, bevor er sie\nalle im Fall der Ablehnung vernichten wollte.\nDie Dichtung hieß Sancta Susanna und wurde an-\ngenommen; was weiter folgte, könnte die Kunst-\ngeschichte der Zeitschrift Der Sturm entnehmen.\nEine weitere Hilfe lehnen die Zeitschrift Der Sturm\nund die Kunst der Kunstgeschichte ab. Denn die\nKunst lebt über die Geschichte.\nWir klagen und weinen um Dich, August\nStramm. Um Dich, den Menschen und Freund.\nAber wir jubeln mit dem Jubel Deiner Stimme\nDir zu, August Stramm, Dir dem Künstler.\nWir feiern das Wunder.\nWir glauben an das Wunder. Denn wir wissen,\ndaß es das Wunder gibt, weil wir es glauben.\nWir sind das Meer, wir Nehmenden. Wir strah-\nlen alle Farben im Spiel der Sonne. Froh\nleuchten wir blau und grün, nach ihrem Willen.\nUnd wir stürmen nur, wenn Wind und Wolken\nuns die Sonne rauben, unser Spiel und unsern\nGlanz der Farben.\nWir sind das Meer, wir Nehmenden. Die\nandern sehen vom Strand mit scharfen Gläsern\ndie Wand, den Horizont. Wir aber fliessen vor\nund hinter dem Horizont und um ihn. Unser\nGesichtskreis ist ein Kreis. Und ein Kreis der\nGesichte.\nTauchen wir unter, damit wir zur Feier ge-\nrüstet sind. Damit wir ruhig und offen liegen,\neine Fläche, bereit zu spiegeln. Daß wir leuch-\nten in Deinen Farben. Daß wir erzittern in Deinem\nRauschen.\nDaß wir Dich Hörenden hören, August Stramm.\n\nKyland\nPeter Baum\n\nI\nDas Gemach, in dem er am Leibe der Mutter\nzu ihr aufwuchs, war so niedrig, daß der Vater\ndort nur geneigten Hauptes stand. So verfloch-\nten ihn die Augen des Knaben in die leuchtenden\nWebereien an den Wänden und sahen ihn als\nGott; bald stand er vor ihm im Gemach, bald sah\ner ihn über einen Baum, dessen Wipfel sich schon\nzur menschlichen Stirn rundete, aufglättete, über\neinen Stein, dessen Bart sproßte, auch über eine\nQuelle die Hand legen. Langsam: schwebte sie\nden aufsteigenden Fingern mit zu ihm hoch-\nsteigenden Brüsten nach.\nDas Gemach grenzte an die grünen Säulen des\nHofes, der blau überwölbt war über dem Fallen\ndes Brunnens. Im flüssigen Tönen bewegten sich\nfür den Knaben die Figuren an den Wänden. An\nder einen Wand waren sich weitende Segel auf\nrückwärtsrollenden Wellen, die dem Gemache\nRaum gaben, ebenso wie an der linken Wand die\ndurch die Luft sich überschlagenden Leiber. Der\neine oder der andere sank schon geschmeidig mit\nden Schenkeln über die Rücken sich bäumender\nPferde. Er mochte seither bis ins Alter mit In-\nbrust diesen Laut des Wassers; vielleicht keimte\nseltsamer Weise daraus auch seine Liebe zu\nseinen regungslosen Flächen und den sturm-\ntragenden Wellen.\nAus dem von der Ampel überglommenen Ge-\nmach trat der Knabe Plao in die Säulen des Hofes,\nden die Gemächer umgaben, und durch ein nied-\nriges Tor nur an etwas größerer Hand seiner\nMutter in die geordnete Wildnis des Gartens. Die\nWege entlang schweiften die Schlinggewebe und\nKelche hebenden Bäume zur schwindelnden Höhe.\nPlaos Vater war ein Enkel des letzten Königs\nvon Kyland. Am Jahrestage seiner Ermordung\nwurde das große Fest der Befreiung des Vater-\nlandes gefeiert, an dem man sein Rundbild be-\nkränzte, es die Gesänge der Dichter vor der\nMenge umjubelten und umklagten.\nSein Verhängnis war, daß seine Eitelkeit ihn\ntrieb, seine Schriften in der Volksschrift zu schrei-\nben und durch seine fleissigen Schreiber ver-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.3", "texte": "breiten zu lassen. Bis dahin war es immer schon\nSitte, daß ein König ein ersonnenes Lied oder ein\nGötterspiel vor der Menge tönen und reigen ließ.\nEs gab Dichter, die mit dem Namen eines ver-\nstorbenen Königs ihre beschriebenen Tafeln\nfälschten und gerne im Dunkel blieben, damit ihr\nWerk Beifall fand. Aber es gab Gedanken und\nKenntnisse, die die Könige, die obersten Krieger\nund Priester am besten nur in der Priesterschrift\naufzeichneten.\nDer getötete König war nicht nur ein schwer-\nmütiger Dichter und wissender Pflanzen- und\nTierfreund. Seine Neugier trieb ihn dazu, die\nSitten vieler Völker zu sammeln. Einst, in einem\nandern Erdstrich, waren die Frauen ebenso wie\nbei den umliegenden Völkern wohlverborgene Ge-\nheimnisse. Sie wurden viel besungen und selten\ngesehn, bis Kylands Bewohner auf die Wander-\nzogen und, nachdem sie viele Völker\nüberfallen hatten, hier blieben. Der Rest der Ein-\ngeborenen, die nicht das Schwert vertilgte, blieb\nim Lande wohnen. Es war ein Zaubervolk ge-\nwesen, und sie wurden — als Sklaven — Gaukler,\nTänzer und Tänzerinnen. Eine gewisse aber-\ngläubische Furcht umgab noch einige von ihnen,\ndie durch die milde Sklaverei nicht beschwich-\ntigt wurden und stille brüteten. Die Dichter be-\nsangen seither aber die leicht zugänglichen\nSchönen, bei denen man daran gedacht hatte, sie\nzu verbergen. Sie sassen gerne umschlungen mit\nihnen unter schattendem Dickichtgezweig eines\nBaumes, Blumen im Haar und die begeisternde\nSchale an beider Munde.\nAls der vom Volk getötete König zur Herr-\nschaft kam, erhob er die Tochter des einstigen\nKönigs zur Gemahlin. Bald darauf befahl er, daß\ndie einstigen Vornehmen des Landes den Unter-\ntanen gleichgeachtet seien. Nur verbot er die\nHeirat der beiden Völker unter einander, weil die\nGötter lehren, daß das Blut zweier Völker, der\nweissen und der braunen Haut, in einem Men-\nschen nicht zu gleichen Zielen fliegt und den Men-\nschen zum segel- und ruderlos schwankenden\nSchiff macht. Die sich blähenden Flügel des\nSchiffes waren eine Erfindung der Kyer. Sie wurde\nspäter wieder vergessen.\nNur sein heiliges Königsblut mag sich immer\ndem fremden gesellen, denn es bleibt das Ge-\nbietende und schleudert das Dienende mit sich\nfort, ebenso wie der Gott mit seinen vielen Händen\nauf seinem Fluge die Sterne vor sich her schleu-\ndert.\nDas war die Lehre des Königs, die er dem\nmurrenden Volke durch seine Priester verkünden\nließ. Doch hatte es mehrere Jahre gedauert, ehe\nman sich beruhigte. In den wenigen Jahren ver-\nwandelten sich die Sitten und Anschauungen des\nVolkes. Durch den Umgang mit Frauen, die in\nihren Augen unberührbar waren, entstand bei den\nleicht schwärmerisch ausschweifenden Kyern eine\nFrauenverehrung, unter der die leicht zugäng-\nlichen Töchter, die unten blieben, tief im Ansehn\nsanken. Man unterschied unter der hohen und\nflachen Liebe und man verachtete die kleinen\nDirnen, wenn man sie auch immer noch gern\nbesang.\nAls der König befahl, daß von nun an die\nFrauen des Kylands überall an den Gesprächen\nder Männer teilhaben und öffentlich erscheinen\ndurften, erregte es nur Beifall. Man war für diese\nAenderung reif geworden.\nBis zur Herrschaft dieses Königs waren die\nHandwerker bei den Kyleuten wenig geachtet,\nfast als Sklaven angesehn. Waffenübungen, Nach-\ndenken, Forschen und Singen war eines Mannes\nwürdige Beschäftigung. Wer Bildwerke schuf,\nmußte mühsam mit der Hand arbeiten. Wenn auch\nsein Geist im Holze tätig ist, seine Hand wurde\nungeschlacht breit, und die Kyer waren ein Volk\nvon Vornehmen. König Viro erhob die ausge-\nzeichnetsten Rundbildner zu seinem täglichen Um-\ngang, was einen Glanz auf den ganzen Stand\nwarf.\nEr war immer leicht bewegt von dem Winde\nder Worte, und sein Auge suchte immer den Klang\nalles durch Menschengeist mit der Hand Ge-\nstalteten. Die Rundbildner waren bald fast den\nverehrten Malern gleich in der Meinung der Kyer.\nEr war ein Liebhaber der Frauen und wollte\nsie, wie die Falter, immer in der Freiheit sehen.\nDas Volk war zuerst stolz auf ihn, als er beim\nBesteigen des Trones „das Zwielicht in den\nZweigen des Kastierbaumes\" vortrug. Er war da-\nmals sofort ein gefeierter Dichter.\nEr hatte das Kopfschütteln und den Zorn der\nPriester geweckt, als er die geheimen Schriften\nüber Gott und die Götter unter die Menge warf,\ndie nur die bunten Bilder am Saume des Vor-\nhangs, der ihn ins Dunkel verbarg, ergötzen\ndurften.\nAls Gott müde wurde und sich des Herum-\ntollens mit den Silberbällen am Himmel schämte,\nließ er sich auf eine Schneewolke, die sich am\nUfer des Blaus wölbte, nieder, und im Betrachten\nder Krystallgebilde ging ihm die Mathematik auf.\nDa war es, als er lauter Kreise und Ellipsen am\nHimmel aufzeichnete und den Sternen ihre Bahn\nberechnete.\nAls er sich dann nach tausend Jahren wieder\nim Blau spiegelte, sah er, daß er die vieltausend\nArme bis auf zwei verloren hatte und nur noch\nein Haupt trug. Und im Betrachten seines\nAntlitzes entdeckte er die Schönheit. Ihn quälte\nseitdem das vielgestaltige Göttergewimmel, das\ner am Rande des Weltalls geschaffen hatte, und\ndas er nicht mehr vertilgen konnte. Und er stieg\nzur Erde nieder, um den Menschen aus dem\nWirrwarr der Pflanzen, Tiere und aller der un-\nvollkommenen Formen zu erlösen. Damals sagte\nman, daß er sein Volk mit dem Tau des Himmels\ntränke.\nAber er grub mit dem Eisen seinen Untergang\nin die Holztafel, als er die Sitten verschiedener\nVölker aufzeichnete.\nPriesterschüler zogen schon immer auf die\nWanderschaft, und was sie berichteten, wenn sie\nwiederkamen, wurde von den Priestern aufbe-\nwahrt. Nur ein Teil der Berichte wurde unter dem\nVolke verbreitet.\nDie Kyer sagten von sich, daß sie das einzige\nVolk mit Wißbegierde seien. Auch seien sie das\nVolk, diem kein Aberglauben d'en Blick verfin-\nstere. Die Dichtungen anderer Völker sind nicht\nwert gesungen zu werden. Die Kyer waren ein\nVolk von großem Selbstbewußtsein. Besonders\nrühmten sie sich, auch anderen Völkern gegen-\nüber, die sie besiegt hatten, menschlich zu emp-\nfinden; und wenn sie auch einige Städte mit allen\nBewohnern vertilgt hatten, so geschah es nur in\nweiser Vorsicht, um keinen Haß in der Nähe neu\naufwachsen zu lassen; sie taten es mit freudlosem\nBedauern, sagten sie von sich.\nDie Kyer lasen die Berichte ihrer Landsgenos-\nsen, nicht ohne an manchem zu zweifeln. Sie\nlächelten, wenn sie den Wanderer bei einer Er-\nfindung zu ertappen glaubten, denn jeder von ihnen\nlog gerne ein wenig zur Unterhaltung der ande-\nren.\nSo las man gläubig von dem Lande der Ge-\nsichtskäfer, deren Menschenantlitz furchtbar aus\nden Panzerflügeln drohte. Blutlose Lippen zwi-\nschen weißen Wangen lagen unter den zornigen\nNasenflügeln, aus denen sie Giftpfeile in solcher\nSchnelligkeit hinter einander schnaubten, daß sie\nin einem Augenblicke ein ganzes Heer zu Boden\nröcheln machten. Dann fallen sie auf die Leichen\nnieder, die unter dem Atem ihrer Mäuler schmel-\nzen, wie der Schnee der Berge, jlen man zu Tale\nträgt. Sie sind ebenso unruhig wie boshaft in be-\nständiger Wanderschaft und wohnen in den durch\nsie von Menschen entleerten und durchhöhlten\nStädten.\nAergerlich lachten sie aber, als ihrer Gutgläubig-\nkeit zugemutet wurde, an Fische zu glauben, die\nmit flügelartigen Flossen über das Wasser schwe-\nben und an springende Tiere mit kurzen Vorder-\nbeinen, die in einem am Bauch angewachsenen\nSack ihre Jungen trügen, ebenso wie die Frauen\nder Batier ihre Kinder in von ihnen gefertigtem\nSack über dem Rücken. Diese Erzählungen\nschmeckten so deutlich nach witziger Erfindung,\ndaß sie unmöglich wahr sein könnten.\nDas Buch des Königs über die Sitten der vielen\nVölker war lange beliebt, und man erzählte den\nKindern daraus, denn das Wissen muß früh ein-\ngepflanzt werden, damit die Liebe zu ihm mit\ndem Körper groß wird.\nVon dem Volk, dessen Königskinder man in\nSturmnächten in die Spitze von scihlanken, hin-\nund herwankenden Türmen trug, um dort zu\nKraft und Mut in den Schlaf gewiegt zu werden,\nund die von Tigerammen gesäugt wurden, und\nvon den Taten dieser Kinder wurde im Gesangs-\nton berichtet. Was gut gesungen war, wurde\ndem Streite über Wahrheit und Lüge in goldene\nWolken enthoben. Es war unziemlich, daran zu\nmäkeln.\nDas Verhängnis des Königs war, daß er einige\nfremde Staatsformen überaus pries und über die\nin Kyland erhob. Zuerst war man darüber ver-\ndutzt, daß ihr eigener König nicht von der Ueber-\nlegeniheit der Form überzeugt war, unter der sie\nso viele Völker unterworfen hatten und das herr-\nlichste Volk der Erde geworden waren. Dann\nglaubte man zu begreifen, daß es ihm gefiel, ein\nverstelltes Antlitz zu zeigen, und sein Lob mas-\nkierter Hohn sei. Man lachte Beifall, und da der\nKönig zu allem schwieg, interessierte man sich\nbald wieder für anderes, bis ein wandernder Vor-\nleser die Kapitel vom Volk der Weisen an allen\nOrten der drei Städte Kylands vortrug.\nEs war ein Staat, der von einem alle drei Jahre\nneu gewählten Kreis geleitet wurde. Dem ge-\nhörten zwei Jünglinge, drei Männer und fünf\nGreise an. Die Pläne der so ausgezeichneten\nJünglinge wurden von den Männern geprüft, er-\nweitert und ihren beigesellt; und es geschah\nnichts, das nicht die Greise gutgeheißen hatten.\nImmer wieder unterbrach sich in der Schilderung\ndieses Gemeinwesens der König und' pries es als\ndas vollkommenste der Erde. Das Volk der Kyer\nwurde nach und nach von dem Lobe mit fortge-\nrissen und schickte eine Abordnung an den König.\nEs verlangte stürmisch, der gleichen Vollkommen-\nheit zugeführt zu werden. Der König, der seine\nSchrift schon beinahe vergessen hatte, war em-\npört über sein undankbares Volk, das sein Ge-\nschlecht von Ruhm zu Ruhm geführt hatte. Vor\neiner großen Versammlung beteuerte er, daß sein\n.Volk von dem Geist der Götter, der auf ihn und\ndie Priester herabstieg, selbst geleitet werde, und\ner begann, in wütende Schmähungen gegen das\nundankbare auszubrechen.\nDa traf ihn ein Pfeilschuß. Er sank mit aus-\ngebreiteten Armen zu Boden.\nDie Menge brach gleich darauf in Klagen aus\nund hielt sein Andenken in hohen Ehren. Aber\ndas Königtum war am Tage seiner Ermordung\nauch tot."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.4", "texte": "II\n* Plaos Mutter war eine Tochter des Königs von\nder Insel Larini, des durch die Keuschheit seiner\nFrauen bekannten Reiches. Sein Vater holte sie\nvon dort, und der König, der glaubte, daß sein\nGeschlecht noch den Reif, den er um die Stirne\nhatte, mit Recht trage, gab sie ihm gern. Hatte\ndoch der frühere König von Kyland auf seinen\nZügen bei seinem Vorfahr Rast gemacht.\nPlaos Mutter murrte nicht, daß sie keine Köni-\ngin wurde. Sie war dem Manne, dem sie ihr\nVater gegeben hatte, vollkommen ergeben, ebenso\nwie dem Gott ihres Landes, dessen Gesetz der\nFrau Gehorsam gebot. Auch als der König nach\nder Geburt des Knaben seine Liebe einer der Vor-\nnehmen des unterworfenen Landes von der All-\nzugefälligen zuwandte, trug sie ihren Gram stille.\nSie ritt mit ihrem Sohne auf einem Elefanten\nmanchmal ins Gebirge. Geleitet wurde er von\neinem Diener, den sie mitgebracht hatte. In der\nElefantenkammer war sie durdh den vordrohenden\nRüssel sicher vor den wilden Tieren. Als der\nLenker mit dem Stachel auf das Tier einschlug,\nwollte der Knabe weinend, daß er aufhöre. Sie\naber sagte beschwichtigend: „Er bekommt ja auch\nzu essen, so mag er gehorchen. Bekommt er sein\nRecht, so tue er auch seine Pflicht.\"\nPlaos Vater, der bei seiner Geliebten über die\nGefügigkeit seiner Gemahlin zuerst gespottet hatte,\nwurde durch den immer liebevollen Blick ins\nInnerste getroffen, und er sagte überall, daß die\nselbstlose Liebesfähigkeit der Frauen die Männer\nbeschäme.\nDie Aenderung seiner Gefühle gegen sie be-\ngann, als sie ihm gut riet. War er auch nicht\nKönig von Kyland, so war er doch noch der Erste\nim Lande und im Kriege der Führer. Sie riet ihm,\nden Feind, dessen Kampfesweise in langen Linien\nvorzustürmen man gehört hatte, in Gruben, die mit\ndünnen Stäben und dann mit Erde zugedeckt\nwerden, fallen zu lassen. „Von eurem den Feind\nlockenden sichtbaren Heer muß die Hälfte min-\ndestens dicht vor den Gruben in Erdhöhlen lugen,\num über die durch Verblüffung Wehrlosen herzu-\nstürzen.\"\nGruben zu graben hatte ihr Volk für die Jagd\nerfunden. Die Kyer waren einst mehr auf dem\nWasser als auf dem Lande gewesen.\nEr lachte sehr über ihre Schlauheit und fragte,\nob sie solch tückische Kampfart schön finde. Sie\nerwiderte lächelnd: „Wer den Feind seihont,\nwendet sein Schwert gegen sein Volk.\" Nur die\nLiebe zu ihm habe ihr diese List eingegeben, als\nsie sich in der Nacht über die ihm bevorstehende\nGefahr grämte. Er schloß sie darauf in seine Arme\nund sagte, er werde dem Volke vorschlagen, sie in\nden leitenden Rat der Weisen aufzunehmen. Sie\nschlug errötend die Hände vors Gesicht und sagte:\n'„Ihr Frauen und Männer von Kyland seid schreck-\nlich. Die Weiber, die mit fremden Männern scher-\nzen, sind schamlos. Die Götter werden euch\nstrafen.\"\nAls er als Sieger zurückkehrte, hallte, als er\nden Hof betrat, schon sein Ruf nach ihr. Sie trat\nihm mit niedergeschlagenen Lidern und vor Freude\nschwerem Atem an der Tür entgegen. Er hob sie\nauf seine Arme und trug sie mit sich fort.\nSeit dem Tage war Plao nachher der Pflege\neiner Dienerin übergeben, deren Worte in der\nDunkelheit seine Sehnsucht und den Gram nach\nseiner Mutter übertäubten. Die junge Sklavin aus\ndem überwundenen Volke sprach allerhand Zeug,\nden durch die Kylehre verdrängten Aberglauben\nihrer Leute. Durch sie erlernte der Knabe die\nFurcht vor dem Tode. Sie erzählte von einem\nJüngling der Kyer, der sie so geliebt hätte, daß\ner sie zur Gemahlin nehmen wollte.\n\n„Sein eigener Vater stieß ihn deshalb nieder.\"\n„War er so bösartig?\"\n„Nein, er wollte aber keinen Sohn mit niedriger\nGesinnung haben.\"\n„Mit niedriger Gesinnung? Wie meinst du\ndas?\"\n„Er wollte eine Niedrige zu seinesgleichen\nmachen. Ich war voller Freude. Aber es war\nnicht recht. Seit er tot ist, stellt er mir nach.\"\n„Was tut er?\"\n„Er sucht mich zu fangen und zu essen.\"\nDer Knabe ließ den Schrei in der Kehle.\n„Ja, die Verstorbenen sind sehr böse, weil sie\nnicht mehr am Leben sind. Sie sind neidisch auf\nuns. Selbst eine Mutter stellt ihrem Kinde Schiin-\n_ yy\ngen.\nSolche und ähnliche Worte waren ein Same,\naus dem der Baum seiner Todesfurcht hochstieg,\nder seitdem oft unversehens in seine Träume bei\nSchlaf und Wachen hineinrauschte. Den Tod\nfürchtete er seitdem im geheimen als eine grauen-\nhafte Umkehrung alles dessen, was er bisher emp-\nfand.\nEr stand oft vor den fliehenden Segeln an der\nWand, die, wie er dämmerte, seinen Vater fort-\ntrugen zu neuem Ruhm.\nDie Sklavin brachte auch bunte Tafeln mit. Es\nwaren Bilder, vor denen er sich fürchtete. Ein\nMann, dessen viele Arme und Köpfe gegen ein-\nander kämpften mit Fäusten und Zähnen. Sie\nsagte, daß es verdammte Götter seien, die ihre\nVäter umgebracht hätten.\nEr erschrak, denn er selbst hatte sich oft vor\ndem Einschlafen befragt: wird mein Vater noch\nlange leben? Er nickte bejahend und war über\ndiesen Orakelspruch beruhigt.\nDann hatte er Mitleid mit allen Menschen, die\nalle sterben müssen.\nDann saß er morgens geduldig auf seines Vaters\nKnieen, um ihn auf der Erde festzuhalten. Oft\nhob ihn der Gott, sein Vater, in die Höhe, und er\nstand in der Luft ihm Auge in Auge gegenüber.\nEr setzte ihn zu sich nieder und erklärte ihm,\nwie man ein Schiff baut, und wie die Segel ge-\nwendet werden.\nEr hörte mit geschlossenen Augeni den Klang\nder Stimme und fühlte sich mit den Händen gebun-\nden. Dann und wann hörte er:\n„Willst du noch weiter hören?\"\nEr nickte mit dem Kopf und hoffte die Täu-\nschung des Zuhörens durchführen zu können und\nso seinem Vater bis zum Ende seiner Worte\nFreude zu machen.\nSein Vater sagte, indem er ihm das Spannen\ndes Bogens lehrte, daß mit dem Segel und dem\nPfeil alle Kostbarkeiten der Erde erreichbar\nwären.\nSeit der Stunde übte Plao sich im Zielen.\nPlaos Mutter meinte: Es ist ein Kind, das am\nliebsten allein spielt. Schade. Dabei litt er, wenn\nsie fort war; wenn sie ihn aber zwischen den\nhohen Bäumen schaukelte, hielt er nur still, weil\ner glaubte, daß es ihr Freude mache. Er saß gern\nauf dem schwankenden Brett und wiegte sich leise,\nindem er ihr Antlitz versunken betrachtete.\nSie trug ihr Haupt aufrecht mit gesenkten\nLidern, nicht wie die Rundbilder der Götter zur\nSeite geneigt, wie er es jetzt auch hielt, in Be-\ntrachtung.\nEr sah das Leben auch später, wie man Bilder\nansieht. Er hörte aufmerksam zu, als sein Vater\nden Strich eines Malers lobte. Es war ein Bild,\nvor dem er mit seiner Mutter wohlriechende Kräu-\nter opferte. Er bildete sich eine Zeitlang ein, der\nMaler zu sein.\nEinmal zeigte er ihr eine durchgepauste Zeich-\nnung und sagte, er habe sie nachgezeichnet Sie\nbrachte sie seinem Vater, und er hörte mit scham-\nroten Wangen, wie er gelobt wurde.\nDen nächsten Tag hörte er, wie sein Vater zur\nMutter sagte: „Ich hätte ihm nicht die Geduld\nzugetraut. Auch dachte ich, er würde, wenn auch\nnoch so ungeschickt, etwas hinzugefügt haben. Er\nist doch ein Bilderkopf. Er ist besser, als er tut.\"\nDann rief er ihn zu sich und sagte, er solle die\nZeichnung noch einmal, aber etwas vergrößert\nmachen.\nEs war ein Glück für Plao, daß sein Vater nicht\nmehr darauf zurückkam. Daß er ein Bilderkopf\nwar, ging ihm nach. Er schloß mehr noch als\nfrüher die Augen und ließ aus schwankenden\nFarben Gebilde auftauchen und verschwimmend\nsich wandeln. Manchmal aber faßte ihn dabei Ent-\nsetzen. Er dachte an die Grausenerzählungen der\nSklavin. Zwischen Traumschlummer und Wachen\nstammelte er: „Werdet nicht rund!\"\nAls er einmal im Fieber zwischen lauter Ge-\nstalten krank lag, mischte sie aus Kräutern ihrer\nHeimat einen Trank, den sie ihm einflößte, während\ner sich entsetzt schreiend wehrte, worauf er sich\nnach und nach beruhigte. Nachts sagte er zur\nSklavin, daß eine Mutter ihrem Kinde nur Schlin-\ngen stellt, um es vorm Sturze in den Sumpf zu\nschützen. Sie gab auch einer Frau, die die frühere\nGeliebte ihres Mannes kannte, einen Beutel von\nKräutern mit und schärfte ihr ein, wie sie ge-\nmischt würden, um die heilende Wirkung zu haben.\nAls die Dienerin ihm sagte, sie habe nie ge-\nglaubt, daß er so grausam sei —• eine Schnecke\nhabe sich in entsetzlichen Qualen unter seiner\nSandale gekrümmt — schlief er die Nacht nicht\nvor Mitleiid und Ekel. Dabei aß er .gern bis dahin\ngebackene Schnecken, trotzdem er der Dienerin\ngeglaubt hatte, daß in der Schnecke ein Gott\nschlummere.\nAuch träumte er sich gern als Führer in der\nSchlacht. Eines Tages erschrak er, als er hörte,\ndaß die Feinde viel mehr Blut verspritzten, als die\nKyer. So greifbar hatte er das Schlachten nie\nvor sich gesehn. Mit der Zeit ertappte er sich,\nwie er gegen Heere kämpfte, die blutlos hin-\nstürzten.\nOft stürmte er den Gartenweg entlang, warf\ndie Arme in die Luft und ließ sich hinterrücks zu\nBoden fallen. Dies wurde eines seiner Lieb-\nlingsspiele.\nDie Dienerin, die ihn bei diesem Spiel über-\nraschte, fing an zu weinen und sagte unter Schluch-\nzen, er werde sehr jung in der Schlacht fallen.\n„Solch schöner junger Herr!\" klagte sie. Aber\ndies Spiel sei eine von einer Hexe gesandte Vor-\nahnung.\nPlao folgte ihr in den Raum, in dem sie die\nGewänder ihrer Herrin reinigte. Hier war er oft\nbei ihr. Sie saß auf dem Boden und sagte mit\nverweinten Augen lächelnd:\n„In unsern Kammern sind keine prächtigen\nBilder.\"\n„Früher aber, ehe wir euch besiegten\" erwider-\nte er hochmütig und mitleidig.\nSie schüttelte den Kopf.\n„In unsern Kammern auch damals nicht. Für\nuns Arme brachtet ihr nicht viel Veränderung.\nSeit unsere Vornehmen wieder vornehm sind,\nwurden unsere kleinen Mädchen, die euch nicht\nbedienen, flatternde Straßennachtigallen, die euch\nfür eine Nacht in ihr Bauer locken und froh sind,\nwenn sie für ihr armes Lied eine saftige Feige er-\nhalten. Es gibt ärmliche unter ihnen, die auch\nnicht anders wohnen als ich. Dabei verachtet\nman sie noch mehr als mich, seit unsere Vor-\nnehmen wieder vornehm wurden. Aber die Götter\nschufen Große und Kleine, Schöne und Häßliche.\nIch habe es noch gut getroffen. Aber ich ver-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.5", "texte": "Umberto Boccioni: Die Abfahreaden / Zeichnung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.6", "texte": "diene es nicht, weil ich es nicht ausnutze, mich\nnicht dem Herrn bemerkbar mache. Wer die\nHand nicht aufmacht vor der Gabe der Götter,\nvor dem verschließt sie sich.\" Plao verstand nicht,\nwas sie meinte. Aber die Worte „verdienen\" und\n„ausnutzen\" gingen nicht aus seinem Kopf. Er\nfühlte eine unbestimmte Verachtung gegen die\nDienerin.\nSpäter kam er in die Tempelstadt. Die Götter-\nlehre der Kyer hatte sich während ihrer Wande-\nrungen manchmal verändert, hatte fremde Reli-\ngionen kunstvoll ihrem Bau eingefügt. Die vielen\nKöpfe der Götter waren ihr zuerst fremd. Das\nunterjochte Volk glaubte an sie. Die Priester ent-\nnahmen ihr die Offenbarung, daß die vielen Fähig-\nkeiten des Erschaffers sich einst so ungestalt aus-\ndrückten. Auch die Göttlichkeit der Schnecken\nnahm man auf. Sie seien Kinder des Erde tragen-\nden Gottes, der sich hier und da vor dem Er-\nschaffer in den feuerspeienden Berg verkrieche.\nAls Plao gefragt wurde, wie die Welt entstand,\nantwortete er, daß Gott seines Lichtes müde, die\nAugen zutat, worauf die Dunkelheit sich um ihn\nzusammenschloß. Da flimmerten vor seinen Augen\nKugeln, Regenbogen, grüne Gewässer, Bäume und\ngroße Edelsteine. Denn zuerst waren alle Welten\nglänzend. Schon schwammen Tiere und begin-\nnende Menschen in den Farben. Das war der Be-\nginn der Welt, die erst später braun und hart\nward.\nDie Priester lächelten und fanden die Antwort\ngut. Nur sei er noch zu jung zu solchen Fragen.\nVorläufig solle er nur das erwidern, was ihn ge-\nlehrt werde. Doch habe er die Verwandtschaft der\nGötter und Menschen gut begriffen. Nach und\nnach lernte er die einzelnen Priester kennen.\nDa war ein Blinder, der jedem, der hinzutrat,\ndie Hand umfaßte und ihre Form fühlend, ihn er-\nkannte.\nEin anderer war lang und hager mit schnell\ndurchblickenden Augen. Seine Nase, die bei allen\nKyern außer bei Plao oben leicht gebogen war,\nerinnerte den Knaben an den Messerberg, der von\neiner Spitze nach beiden Seiten mit seinem schar-\nfen Rücken gegen den Horizont parallel abstürzte.\nDie Priester bewunderten ihn, weil er kühne\nmathematische Schlüsse fand. Das langsam ge-\nduldige Anschauen und Beobachten der Gänge der\nHimmelslichter war nicht seine Freude. Aber er\ndurchmaß den Raum auf den Tafeln, die man ihm\nbrachte, und berechnete, was die andern geschaut\nhatten. Plao bemerkte sofort, daß er jenen ab-\nstieß. Den Knaben interessierte, daß er als ein-\nziger Priester beim Ausfall gegen die Kütten,\neinen Spieß in der Hand, angeführt hatte.\nMathematik und Dichtung waren außer der\nSternbeschauung und Sternenwissenschaft die\nheiligen Dinge, womit die Schüler und einige\nSchülerinnen den Tag hinbrachten. Später wurden\neinige wenige in die ersten Gänge des Geheim-\nnisses eingeführt.\nPlao, der oft vor sich hinmurmelte: „Ihr wißt\nja nicht, wer ich bin\", fühlte sich allem Heiligen\nnah und glaubte daher, er werde große Begabung\nin der Mathematik zeigen. Hier begriff er bald\nwenig noch, weil seine Gedanken nicht ständig\n;auf demselben Weg bleiben konnten. Seinen\nVater bekümmerte es, weil er auch einsah, daß\ner nie ein Führer im Kriege werden würde. Es\nfehlte ihm dazu das Ortsgefühl. Er konnte schon\nnicht den Weg zurückfinden, den er gegangen\nwar. Denn unterwegs war ihm die Umgebung\nvor aufsteigenden Gesichten abhanden gekommen.\nManchmal wies er andern den Weg, den er eben\ngegangen war, indem er sagte, er solle den breiten\nElefantenweg gehen, wo er eben erst auf dem\nschmalen Sohleichpfad gekommen war. Er sagte\n\nes bestimmt, denn eine Anschauung von dem eben\nErlebten tauchte sofort auf, wenn er gefragt wurde.\nBei den Kriegsspielen der Knaben im Kinderhof\nliebte er es, sich allein gegen den dastehenden\nfeindlichen Schwärm zu stürzen. Er verschwand\neinen Augenblick im dichten um ihn geballten\nKnäuel und kam lachend mit Beulen am Kopf dar-\naus hervor. Auch wenn die gedrängten beiden\nHaufen gegeneinander liefen, war er immer vor-\nan. Die Achtung, die es ihm eintrug, schwand\nbald, als man sah, daß er kaum losschlug, sondern\nnur wild mit den Armen durch die Luft fuhr.\nEinige machten sich ein Vergnügen daraus, ihn in\nden Bauch zu stoßen, auch außerhalb der Kriegs-\nspiele, und man lachte über die Verrenkungen die\nsein Körper dann machte. Wenn man nicht Krieg\nspielte, ging er nämlich schlafwankend einher,\nund es machte Spaß, ihn so zu wecken.\nAls ihn so der hagere Priester mit der Berg-\nrückennase sah, sagte er in verachtendem Ton:\n„Du bist ja garnicht lebendig!\"\nO, lebendig war er schon, meinte er vor sich\nhin. Es wimmelte von schnellenden Bewegungen\nund sich auseinander ringenden Gestalten vor\nseinen gesenkten Lidern. Er hatte lange Wim-\npern, weshalb ihm der Priester beim Abgehen:\n„Mädchen!\" zurief. Diese Begegnung war einen\nTag nach seiner Aufnahme in die Priesterstadt\ngewesen. Nach dem ersten Unterricht sprach\nder Priester nur noch in höhnischem Tone zu ihm.\nEr erwiderte es nicht mit Haß, dazu bewunderte\ner zu sehr sein kühn geformtes Antlitz.\nEr gewöhnte sich nach und nach daran, sich\nselbst, wie er sich gab, zu sehn, und er fand so\nwenig seinen Beifall vor sich, daß er die wohl\nverstand, die ihn nicht mochten. Sogleich als er\nkam, hatte er eine ihm und den anderen furcht-\nbare Gewohnheit angenommen. Als er vor die\nPriester geführt wurde, mußte er sich verneigen.\nSeit der Zeit verneigte er sich vor jedem Priester;\nauch wenn er tief über der Arbeit hockte, sprang\ner auf, um es zu tun, wenn einer hereintrat. Er\nhörte wie der hagere Prieste zu den andern sagte,\ner sei sehr blödsinnig. Aber er tat es immer von\nneuem, wie sehr man ihm auch vorstellte, daß er\nsich fremdländisch betrage, das Schlimmste, was\nman in Kyland sagen konnte.\nDer blinde Priester sagte:\n„Es ist keine Schmach, ein Fremder zu sein.\nAber wir Kyer sollten Fremde nicht zur Gemahlin\nheimbringen, ebenso wie kaum einer von uns um\neine Aeffin werben würde.\"\n„Aber die Vornehmen des unterworfenen Vol-\nkes.\"\n„Es ist kein uns Fremdes wie die andern. Ha-\nben wir ja ein besiegtes Volk unter uns wohnen\nlassen. Wir kennen nicht die Verwandtschaft mit\nuns, aber wir fühlen sie. Kein Priester darf eines\nihrer Mädchen zur Gemahlin nehmen. Plaos\nMutter ist zu demütig in ihm. Er fühlt es selbst\nund leidet darunter.\"\nEin ebenso greiser, der Priester Weset, der\nimmer mit dem Blinden, welcher der oberste\nPriester war, zusammen saß, erwiderte zornig:\n„Vielleicht bringt die Mündung eines Flusses in\nanderes Blut uns dem Wesen näher. Wir sind\nselbst zu göttlich geworden, um mit ihm noch\nZusammenwind zu haben. Was er über die Er-\nschaffung sagte, war doch die Lehre, ohne unser\nZutun gefunden. Fügen wir nicht Bilder aus Län-\ndern aller Völker in unsere Dichtungen? Wir\nverachten also nicht ihre Gesänge, wie das Volk,\ndas ihr Bestes auf die Art empfängt. Wir sollten\nauch die Mischung der Menschen öfter vornehmen,\nob nicht Offenbarung daraus dampft.\"\n„Nicht zu oft\", erwiderte lächelnd der Blinde.\n„Ich sähe das Königsblut gern rein, obwohl das\ngerade den Versuch auffälliger machte. Dich-\ntungen und Menschen dürfen sich mischen, gewiß.\nAber nur als Ausnahme. Und Priester sollen die\naugenlose Liebe bewachen.\"\nDann bekämpfte man wieder die von dem\nBlinden aufgerichtete und von den andern immer\nwieder umgeworfene Lehre, daß die Sterne und\ndie Erde gleicher Art und alle in einem dünnen\nWasser schwebende Kugeln seien; die Erde war\ndie größte für uns, aber vielleicht nicht für die\nGötter. Auf seinen Wunsch goß man wieder das\nOel aus der heiligen Lampe in eine Schale Wasser.\nTriumphierend glitt sein blinder Blick umher. Er\nbrachte sie zum Kreisen und bemerkte am Ge-\nräusch der Bewegungen seiner Gegner, wann die\nKügelchen sich von ihr lösten, um sie mitschwan-\ngen.\nEr hatte dieses Spiel einst angeordnet und Be-\nwunderung damit erregt. Doch wollte man nur\nin ihm eine einzelne Erscheinung sehen und kein\nGesetz erkennen.\n„Wenn die kleinen Kugeln sich um die großen\ndrehen\", sagte der Blinde, „so sind die Lebewesen\nauf den kleinen umgekehrt zwar viel kleiner, aber\nvollkommener als die Bewohner der großen, wie\nauch die Bienen und Ameisen auf der Erde voll-\nkommenere Staaten bilden als die Menschen, bei\ndenen die Willkür jeden Augenblick alles unvoll-\nkommen läßt.\"\nHier wurde Weset wütend:\n„Bienen, Ameisen und Sterne sind von Gott\n\\ erlassene Weltsysteme und darum unabänder-\nliche Mathematik. Aber er beachtet sie nicht\nmehr, sie sind keine Vollkommenheiten, die sich\newig zu andern Vollkommenheiten wandeln, wie\ndie Menschen und alle Körper, in denen er noch\nlebendig formt.\"\nAlle lächelten. Man nannte sie, weil sie immer\nzusammen waren: den Gott mit den zwei feind-\nlichen Köpfen.\nPlao vernahm die Schmähung seiner Mutter\nund bekam einen Haß auf die Kyer. Bald darauf\nsaß er wieder vor: dem Hageren, der ihn nicht so\nschonend verachtete, wie der Blinde. Seinem Hohn\nentgegnete er mit seinem Blick, der dessen Ge-\nsicht bewunderte. Dann fragte er sich, ob die\nUmkehrung der Gefühle, die die Dienerin nach\ndem Tode annahm, nicht als unheimliche Wirk-\nlichkeit schon unter dem Leben lauere.\nBald mußte er über sich selbst lachen. Wenn\ner etwas rasch begriff, zürnte er dem, der das\nnicht fassen konnte. Er verachtete ihn unwillkür-\nlich. Dadurch wurde ihm der Hagere wieder\nnäher gebracht, der ihm gegenüber so empfand.\nNach und nach fand er sich bei einigen Knaben\nzurecht. Sie waren zutraulich zu ihm, und er\nsprach zu ihnen bald ungezwungen. Bei den Prie-\nstern und ihren Frauen gab er merkwürdige\nAntworten auf alle ihre Fragen. Immer wieder\nschüttelten sie fragend die Köpfe, ob er\nnicht doch den manchmal vorkommenden\nBlöden zuzuzählen sei. Einmal fragte ihn\nder Blinde, von dem gesagt wurde, sein\nOhr sei so lauschend weise, daß er am Fluge\ndes vorbeiziehenden Schmetterlings seinen Art-\nnamen und Farbengestalt wisse: „Nun, was macht\nder kleine Plao?\" „Ich gehe\", antwortete er, tief\nüberzeugt, indem er weiterschritt. „Nein, du\nkriechst\", erwiderte der Blinde zornig, „und einen\nAugenblick, als du kamst, dachte ich, du flögest.\"\nEinmal zeigten sie ihm das Rundbild eines\nVogels im Fluge, welches mit den Klauen über\neinem Brettchen befestigt war. Er fragte wie\nverwundert, ob das Holz angewachsen sei. Als\nman ihn frug, ob er scherze, antwortete er tief-\nernst: Nein, er habe es so gemeint. Er litt sehr\nunter den geringschätzigen Blicken und schämte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.7", "texte": "Georg Sehrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.8", "texte": "sich besonders, da er trotz richtigem Wissen unter\neinem Zwange so gefragt hatte. Des Morgens\nschon beim Erwachen klopfte sein Herz aus Angst,\nwas er den Tag über sagen werde. Er ging\nmeistens in Qual der Angst umher, auf welche\nArt er im nächsten Augenblick gesenkten Hauptes\ngehen werde und Scham trage.\nDazwischen hatte er Momente, wo er glücklich\nwar, wo er sich trotzig gegen die Lehre, daß alles\nSchmerz sei, sagte, daß er jetzt vollkommen glück-\nlich sei. Es war, als er lange gegen die Sonne ge-\nschaut hatte und nun abgewendet in und unter den\nWolken Farbeninseln über sich im Halbkreis hin-\nund herschweben sah, als er die paar Knaben, die\nviel um ihn waren, mit ersonnenen fabelhaften\nErlebnissen gefangen hatte.\n„Des Nachts kamen drei Schwestern, nicht\ngrößer als mein kleiner Finger, in grünen, blauen\nund gelben Kleidern. Sie schwebten über meinen\nAugen, die zur Decke blickten, und ich wußte,\ndaß sie des Tages in der Sonne wohnen. Die\neine sagte zu mir so leise, daß es auch der Blinde,\nQottäugige nicht gehört hätte: Wir waren zuerst\nim Auge Gottes. Da wölbte er um uns als Woh-\nnung das runde Licht. Wenn ihr rund vor mir\nwäret, sagte ich, würde ich sterben, und alle so\nhassen, wie ich sie jetzt liebe. Nur die mit Ge-\nschwüren überdeckten Gesichter mit breitem\nLachen würde ich lieben. Denn im Tode kehrt\nsich alles Empfinden um. Ich wäre noch unglück-\nlicher als jetzt. Hinter unserm Haß lauert auch\ndie Liebe, wie hinter eurer Liebe der Haß. Als\nwir im Auge Gottes sichtbar wurden, liebten wir\nschon, denn alles, was sich zeigen darf, liebt und\nbewundert.\"\nDen folgenden Tag sagte er ihnen, in voriger\nNacht seien sie wieder erschienen und hätten ge-\nkichert, wie die Blumen kichern, wenn die Bienen\nsie kitzeln: Sie meinten, das mit dem Haß sei\nUnsinn. Wir spielen nur. Denn wir sind klein.\nWenn aber eure Erwachsenen Krieg spielen,\nschlagen sie sich wirklich tot. Darum ist es bei\neuch so traurig. Ihre Füßchen waren Schmetter-\nlinge und ihre Augen Kolibris. Sie verschwanden\nin der Decke, aus der sie lange Hände streckten,\nsechsmal so lang als vorher ihre ganze Gestalt ge-\nwesen war, manchmal so lang, daß sie mich um-\nfassen könnten, denn auch ich war kleiner gewor-\nden. Ich fürchtete mich aber nicht, denn ich war\nschon halb gestorben und wußte, daß ich nie ein\nbreites Lachen schön finden werde, daß ich aber\ndoch hassen mußte, die ich lieben möchte, und daß,\nehe ich wieder leben durfte, ich manchen aus-\nblasen möchte. Mein Atem war, als ich noch\nlebte, nie so stark, daß er eine Oelflamme aus-\nblasen konnte. Die Häuser der Stadt, durch die\nich nun ging, glänzten wie lauter Tautropfen, die\nhöher waren als ich. Wir spiegelten uns darin\nwie in Augen, die uns aber traurig ansahen. So\nwohnen wir immer in den Häusern, sagten die\nMädchen, ohne hineinzugehn und ihre blickende\nEinsamkeit zu stören. Auch erschrecken wir sie\nnicht mit mathematischen Fragen. So sind sie\nso vollkommen unglücklich wie wir, deren Spiele\nsie ewig betrachten dürfen. Dann begannen sie\neinen so zierlichen Reigen, daß sie entzückt glänz-\nten, ebenso wie ich.\nDa die Priester die Knaben oft im Geheimen\nbelauschten, hörten sie auch so ein Märchen.\nEinige nahmen seine Partei. Aber der Blinde\nsagte:\n„Ein Sänger und kein Mathematiker ist eine\nUnsumme, nur wirklich bei unstät planlosen No-\nmadenvölkern. Nur durch das Umfassen des\nplanvollen Wandels der Sternenwelt, der sich\n\nzu Tempelgängen aufbaut, kommt die Besclhauung\nvon oben.\" Die Tempelstadt begann mit niedrigen\nHäusern und Höfen. Sie erhob sich in breiten\nTempeln, einem Gewirr von Gärten und Schluch-\nten sich hinziehend und stieg auf den Hügel, ein\nhochsäuliger schlanker Tempel zum Himmel. Ihn\nsah man von überall weiß ragen. Um ihn ließ die\nGottheit in der Dämmerung sein besticktes Ge-\nwand wallen. Am Ende der breiten Tempel stan-\n'den die Türme, auf denen die Priester rückwärts\nlagen oder standen des Nachts und nach oben\nschauten. Unter den Tempeln zogen sich gänge-\nverbundene Göttergewölbe. Betrat man sie mit\nLampen, glänzten von den Decken und Wänden\nGötter, Menschen und Tiere glashell, noch in\nTraumformen, schon gestaltenlos-gestaltet mit\nzu wandelbarem Ausdruck und Formen, deutlich-\nundeutlich, sehr deutbar. Sie wurden später\nTropfsteinhöhlen genannt. Die Wesen waren\nlebendig im Eindruck, deutlich, aber der mächtige\nGeist, der dort gearbeitet hatte, der Widergeist\nder Mathematik haßte die Eindeutbarkeit und\nnarrte im Schaffen nach der Meinung der Priester\newig umwandelnd durch die Lebenheischenden\nsich und andere. Er war der Geist, der die Toten\naufnahm, die nicht vollkommen in den Sternen-\nbahnen ihr Heim hatten. Er quälte die Toten, nicht\naus Nurbosheit, er erschreckte sie aus bösartiger\nLaune oft, aber das ewig Ungewisse um sie und\nin ihnen war die Qual, der sie sich nur selten im\nGenuße von Träumereien entzogen. Ein Anklang\nan das Gesetz ist auch in ihnen gegen seinen\nWillen, denn der Formung ist sie ungeboren, und\nso ist er zur Unvollkommenheit verdammt, ohne\nder Schöpfung eine ganz andere entgegen-\nsetzen zu können.\nPlao war unglücklich-rebellisch gegen den\nZwang der Arbeit, unsicher im Verkehr mit denen,\ndie Zusammenfassung des Geistes von ihm er-\nwarteten. Wenn sie aber in blauen und silber-\nnen Gewändern in einem Tempel singend die\nSterne wandelten, tauchte er in ihren Gleichklang\nin klingender Hingegebenheit hinein. Die kleinen\nScheine der Lampen, die in Kreisen und Ovalen\nabgesondert von ihnen standen, zogen ihn dann\nwieder zu sich. Es waren Stunden reiner Selig-\nkeit, die er so verbrachte, und hier sagte er sich,\ndaß er rein glücklich war.\nAls er wieder einmal sich zur Stunde, die der\nHagere, Kühnnasige lehrte, verzögert hatte, trat\ner hinzu, den Kopf weit vorgestreckt, so daß die\nKnaben in ein lautes Lachen ausbrachen. Der\nPriester runzelte die Stirne und sagte zornig auf\nihn zugehend:\n„Nun laß die bewußt-unvernünftigen Bewe-\ngungen.\" In dem Augenblick, als er vor Plao stand,\ntrat ihn der unversehens auf die Zehen, so daß\ner aufschrie.\"\nPlao stammelte verwirrt:\n„0, es tut mir leid, es tut mir weh!\"\n„Was?\"\n„Mir tut es weh!\"\n„Es tut mir weh!\" höihnte er. „Komme jetzt\nnicht mit Philosophie.\" Er lachte. „Du bist wohl\nso mit den andern verwoben, daß du es fühlst,\nwenn es sie schmerzt? Du!, du! der du nichts\nFremdes begreifst.\"\nUnvollendet / Aus dem Nachlass\n\nKlagegesang im Jahre\nTausendneunhundert-\nfünfzehn\nArthur Keleti\nAus dem Ungarischen von Heinrich Horvät\nWeinet die ihr noch weinen könnt\nWeinet\nBeweinet die zwei Beine hatten\nUnd haben jetzt nur eines noch\nWeinet\nBeweinet die zwei Augen hatten\nUnd eines ist jetzt tot\nWeinet\nBeweinet die zwei gute starke Hände hatten\nUnd haben jetzt nur eine Hand\nWeinet\nBeweinet die ein Kind einst hatten\nEin schönes starkes gehegtes Kind\nUnd die es nicht behalten durften\nWeinet\nWeint auch um die so noch sehen konnten als\nsie gingen\nUnd die jetzt nichts mehr sehn nur ihr Leid\nWeinet\nBeweinet die nicht einmal gestorben sind\nDie sich verloren haben und brauchten\nkeinen Sarg\nWeinet\nBeweinet die vielen armen Mütter\nDeren Schoß eine traurige Bahre geworden ist\nWeinet\nKein Schmerz ist größer als ihr Schmerz\nIn ihrem engen Schoß die vielen toten Kinder\nDie ihr versteht ihrer Herzen unermeßlich\ngroßen Schmerz\n0 weinet, beweinet sie\nWeinet\nWeinet um das viele verströmende teuere Blut\nUnd um den endlosen furchtbaren Krieg\nWeinet\nNicht trockne in eueren Augen der Bach\nder Tränen\nDie ihr noch weinen könnt\nWeinet\nWeinet um sie die schon sanfte selige Tote sind\nUnd eine blaue Blume blüht aus ihrem zarten\nGaumen\nUnd um die Lebenden die leben müssen jetzt\n/Weinet\nBeweinet auch die guten kleinen Pferde\nDie mit wirren Mähnen und gebrochenen Augen-\nSchon langsam welken auf den schönen\nSchneefeldern.'\nWeinet\nBeweinet auch die vielen lieben kleinen Häuser\nDie die Flammen frassen\nUnd die vielen kleinen Frauen\nDie erschrocken aus den brennenden kleinen\nHäusern liefen\nWeinet\nBeweinet die entblößt sind all ihrer Habe\nVertrieben die Kuh, mit dem Kind auf dem Arm\nUnd dem belasteten Esel (sie haben nichts als das)\nWer weiß wohin sie ziehn und ihr Los o Gott\nwer weiß es —\nWeinet\nBeweinet die vielen lieben kleinen Waisen\nDie armen traurigen Elternlosen in langen\nblauen Reihen-\nUnd in traurigen Schuhen von den Nonnen geführt\nWeinet\nBeweinet auch die vielen zertretenen und\nschwachen kleinen Mädchen*"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.9", "texte": "Die mit schmaler Kinderhand ihr Kind jetzt\nwiegen\nUnd sich frühe verschliessen, weh geknickte\nbestaubte Blumen\nWeinet\nBeweinet auch die vielen traurigen kranzlosen\nBräute\nDeren trauriges Haupt kein Schleier bedecken\nwird\nUnd die in ihren Fenstern auf den toten\nBräutigam warten\nWeinet\nBeweinet die Wittwen alle\nWeil ihr dünner Schleier welkt und traurig weht\nUnd sie gehn wie ein Zug von Nonnen und in\nden bleichen Händen\nBlasst das Wachslicht der Erinnerung und tränt\nohne Unterlaß\nWeinet\nWeinet denn viele schöne und alte Kirchen\nUnd viele liebe Städte die unseren Herzen\nnahe waren\nSind graue Trümmerhaufen geworden\nUnd auch der liebe Altar in unser aller Herzen\nDaß wir Menschen sind — dein Bruder und\nmein Bruder —\nWeinet\nBeweinet die schon sitzen hinter Gartengittern\nunter den traurigen Weiden\nMit bleichem erschrockenem Gesicht und sehr\nweit von sich selber\nWeinet\nWeinet denn am Rande der Landstraßen bei\nden Grenzsteinen sitzen Kinder\nKleine Kinder in dünnen Tüchlein und friern und\nihre arme Hand preßt ein Bündel\nWeinet\nBeweinet auch die sanfte kleine Ziege\nDie hoch in den Bergen vor Schreck ein Zicklein\ngebar mit zwei Köpfen\nWeinet\nWeinet denn wenn der Zug der Verstümmelten\nkäme\nNie würde er enden und bedeckten sie nicht\ndie verstümmelten Glieder\nWer von uns fände noch Schlaf —\nW einet\nWeinet denn keine Leinwand ist so lang und\nso breit ist nicht eine Leinwand\nDaß sie bedecken könnte alle die Wunden\nUnd die viele weiße und milde Leinwand geht\naus in der Welt\nWeinet\nWeinet denn auf den weichen grünen Feldern\nStehn mehr der Kreuze als in den Friedhöfen\nstehen\nWeinet\nWeinet denn ferne ist der gute Hirte gezogen\nUnd der böse Krieg wütet in seiner armen\neinfältigen Herde\nWeinet\nWeinet denn man läßt die Lebenden nicht mehr\nleben\nUnd voll sind alle Friedhöfe und die Spitäler\nsind voll\nWeinet\nWeinet denn wenn diese Zeiten vergangen sind\nDann grast das schwache Lämmlein: der Friede\nIn rotem Grase nur\n(Nur rotes schlechtes Gras wächst für das arme\nunschuldige)\nWeinet\nWeinet .\n\nSeidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\nV\nDie Eigentümerin des Landhauses hatte ausge-\nmacht, daß jeden Morgen das Stubenmädchen\nSeidenfadens Bodenkammer ausfegen und auf-\nräumen sollte. Obgleich das übertriebene Reini-\ngungsbedürfnis der deutschen Frauen ihm nie\nFreude machte, hatte er das Opfer bringen müs-\nsen. Um zehn Uhr spätestens mußte er das Bett\nverlassen.\nTiefmüd, unwirsch, machte er sich daran, nach\nder fiebrigen Nacht den Tag zu ertragen. Er schob\nfrierend das spitze Kinn in den aufgeklappten\nKragen der Jacke und eilte durch den rohen eis-\nkalten Dachboden mit nasser Wäsche, die auf den\nLeinen hing, zur finstren Stiege.\nAn der Straße nahe dem Bahndamm lag sein\nGarten, in dem er eifrig landwirtschaftliche Kul-\ntur und Wissenschaft trieb. Die kreuzgestellten\nBohnenstangen ragten hager und To-\nmatenstauden, von denen er mehrere Ernten roter\nitalienischer Liebesäpfel gewonnen hatte, waren\nschwarze, vom Frost verkohlte Leichen. Die\nErdbeerbeete waren dürr und verwirrt, die\nFruchtsträucher kahl und wild. Im Oktober\nkamen nur noch Endivien und Grünkohl fort, sie\nzu jauchen und nachzusehen galt Seidenfadens all-\nmorgendlich erster Gang.\nEr hatte sich das Jahr über redlich geplagt,\nSchweiß und Geld hatte sein Gärtchen schon ge-\nkostet. Er hatte einen Dunghaufen angelegt, und\nreichlich dazu selbst mit dem Schubkarren ange-\nfahren. Seine nächtlichen Tüten mit konzentrier-\ntem Stickstoff entleerte er auf diesen Haufen.\nAber er hoffte, im kommenden Jahre die Ueppig-\nkeit intensiver Kultur als Erfolg seines Ehrgeizes\nund seiner wissenschaftlichen Methode erleben zu\ndürfen. Das ganze Jahr hindurch würde er Sinen\ndie selbstgezogenen Bodenprodukte darreichen\nkönnen und Sine würde sie heimlich verkaufen an\nVater Dolling und ihre Mutter: Seidenfadens\nSalatköpfe, Gemüse, Erdbeeren, Kartoffeln, Boh-\nnen und Erbsen, Maiskolben, Topinambur, To-\nmaten, Johannis- und Himbeeren, Rot- und Weiß-\nkohl.\nAls Seidenfaden den Schwengel der Jauch-\npumpe mit hartem Geklapper bewegte, um die\nGrünkohlkultur zu düngen, kam um die Ecke aus\ndem Nachbargarten der alte Herr Schneekamp,\nder die Auseinandersetzungen mit dem „Herrn\nProfessor\" liebte über den Unterschied von wis-\nsenschaftlicher und praktischer Gartenpflege.\n„Guten Morgen, Herr Nachbar.\" „Guten Morgen,\nHerr Professor!\" „Immer feste bei der Arbeit?\nNu ist aber das Jahr bald rum!\" Und Herr Schnee-\nkamp fügte mitleidig hinzu: „Jauchen Sie man\nnicht zuviel auf den Kohl los, Herr Professor. Der\nwird Ihnen sonst madig!\"\nEin langer Redestreit erhob sich über den\nWiderspruch zwischen Professorenwissen und\nLandwirtpraxis. Mit weit ausladendem Arm-\nschwenken wehrte Herr Schneekamp ab und\nfocht gegen Seidenfadens Wissenschaft. Das sei\nWindbeutelei und für Leute, die mal sone Lieb-\nhaberei hätten.\nHerr Schneekamp hatte drei Töchter, von\ndenen Seidenfaden behauptete, sie sähen aus als\nwüßten sie nicht, was ein Mann sei. Er nannte sie\nseine drei Milchbrödchen, alle waren blond, rot-\nbäckig, blauäugig. Sie verehrten heimlich Seiden-\nfaden, aber machten sich über seine Braut lustig.\nSie kamen hinausgelaufen und betrachteten von\nfern Sine, wenn sie vor den Beeten sich zierte\nund ihr blauer Böcklein-Schleier über des Bunten\nBuckel wehte, denn er bemühte sich um den\nEndivien. Dann ahmten die drei Schneekamps von\nfern der Braut nach und lachten, wie das Milch-\nbrödchen nun einmal eigen ist. Sine war tief be-\nleidigt.\nAuf die kalte Nacht war ein heißer Herbsttag\ngefolgt. Nach vielen Stunden Gartenarbeit lief\nSeidenfaden hungrig mit Gemüse beladen wieder\nzu seiner Stube hinauf. Er bereitete sich Thee\nund ein Häufchen zarter Brödchen zum Frühstück,\ntat einen Blick in die aufgeschlagenen Bücher von\nvergangener Nacht und beeilte sich, einige frische\nZeilen den verstaubten, seit einem Jahr in Ar-\nbeit befindlichen Manuskripten hinzuzufügen.\nDies Manuskript war das entscheidende Werk\ngewesen, welches er sich verpflichtet fühlte, her-\nvorzubringen. Im Winter des vorigen Jahres hatte\ner sich nach Carrara an der italienischen Küste\nbegeben, um an dem geweihten Orte Michelange-\nlos seine Philosophie zu erzeugen. Seine philo-\nsophische Zeugungskraft hatte arg gelitten, seine\nNerven waren geschwächt, sein Geblüt war zer-\nstreut und verdünnt, seine Liebe zur Weisheit ver-\ndunkelt durch den Anblick schmaler Hüften und\nsechzehnjähriger Beine Von großberliner Frauea\nund kleinen Mädchen. Bangend, unaufhörlich,\nimmer frisch wurde Seidenfaden von Liebe ange-\ngriffen zu jeder Sechzehnjährigen, jeder Schnek-\nkenfrisur, jeder schmalen Schulter, jedem zier-\nlichen Knie, zu allem, was kurzröckig und sichtbar\nauf zwei schönen Beinen vor ihm herwandelte.\nEr behauptete steif, daß ständig weibliche Kniee\nan die seinen stießen, weibliche Füße die seinen\ntraten und seine Schienbeine streiften. Seiden-\nfaden glaubte beständig durch die erotischen Eise,\nStürme und Feuer der Großberlinerinnen „auf-\nringen\" zu müssen. Seine erotischen Schwächun-\ngen hatten einen so bedenklichen Grad erreicht,\ndaß er sich für das berlinentlegene Carrara ent-\nschloß, um an der meergegürteten Küste jene\nschöneren Gürtel zu vergessen, die den Unglück-\nlichen soweit gebracht hatten, daß er schließlich\nein Werk der Weisheit überwindend erzeugen\nkonnte. Bei einer sommerlichen Nachkur am\nGardasee schrieb er den Schluß zu seinem Werk\nund kehrte mit Sinen, die er beim Herniederstieg\nvom Sinai Carraras zu sich hatte reisen lassen,\nstolz zurück: Im schweigenden Glänze des voll-\nbrachten Werks, gebräunt von der scharfen Sonne\nim Süden der Alpen.\nIm der Pracht seiner schwarzen Lohengrin-\nLocken, im Brennen seiner Philosophie, jung doch\nhoheitsvoll, war er in den Kreis der Freunde zu-\nrückgekehrt. Als er zum ersten Mal wieder unter\nihnen weilte, hatte er mit Sine eine Zeitlang die\nAugen tief ineinander versenkt scheinbar weltver-\ngessen gestanden. Dann hatte er langsam beide\nHände zu Sinens jungfräulichem Schläfen erhoben,\nihr feines Haupt sich zugeneigt und ihren Scheitel\nan seinen Mund zum Kuß gelegt. Die Freunde\nschauten zu, entzückt von der traditionellen Ge-\nberde der englischen Präraffaeliten, die in Seiden-\nfadens Kreise heimisch war. Sie bemerkten, daß\nder Bunte an diesem hochzeitlichen Tage die\nSchönheit Raff a eis mit der Weisheit Spinozas ver-\neinigte, und daß er Seele habe eben weil er schön\nwar.\nEr hatte zu diesem Tage Sinen eine lange, lila\nseidenbandumwickelte Papierrolle als Geschenk\nseiner Heimkehr von starken Wegen überreicht.\nEs war eine Komposition zu Ehren Sinens zu\neinem Sonett von Michelangelo. Nachdem er\nSinens Scheitel vor den Freunden geküßt hatte,\nstimmte er, indem er Sinen bei beiden Händen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.10", "texte": "gefaßt hielt, mit lispelnder Stimme den ersten Vers\nder neuen Komposition an:\nDer goldne Kranz sieh, wie er voll Entzücken\ndas blonde Haar mit Blüten rings umfängt.\nEr sang von der Blume, die Sinens Stirn küßte,\nvom Gewand, das sich um Sinens Schultern schloß,\nvom Haar, das ihre Wangen gern berührte, vom\nengen seidnen Band, das beglückt war, Sinens\nBusen zu berühren:\nDer Gürtel spricht: laß mich die Lust genießen,\ndaß ewig meine Haft dies so entspannt —\nwie würden da erst Arme dich umschließen.\nVI\nSiderius, Seidenfadens Freund von der Schul-\nbank auf, hatte den fressenden Ehrgeiz, ein eige-\nnes philosophisches System zu erfinden, ein eige-\nnes Buch zu veröffentliehe». Seit zehn Jahren\nhatte er sich vergeblich angestrengt. Zehn Jahre\nlang hatten die Freunde Einander Jeden neuen Ge-\ndanken beifalls- und eindruckssüchtig mitgeteilt.\nWer wollte dann, wenn Siderius sowie Seiden-\nfaden Jeder seine Philosophie der Welt vorlegten,\nentscheiden, ob Siderius oder Seidenfaden der Ur-\nsprünglichere, Frühere war, wessen Gedanken\neigene waren und wessen die des Anderen.\nDas Unglück des Siderius erreichte die Höhe,\nals der flinke, unbedenklichere Seidenfaden plötz-\nlich aus der italienischen Kräftigungskur mit einem\numfangreichen Manuskript heimkehrte, und der\nganze Kreis Kota vor Seidenfaden machte.\nSeid'enfaden hatte in seinem, hochfliegenden\nSchwünge den Neid des überflügelten Konkur-\nrenten kaum beachtet. Sine hatte die schönen\nArme um sein Angesicht gelegt, sodaß er die Welt\nvergaß.\n■112 Siderius begann in ailer Stille und Eile mit\nkonzentriertem, noch nie an ihm bemerktem Fleiß\nein philosophisches Manuskript zu verfassen. In\neinem hohen ehemaligen Rabbiner-Lehnstuhl, auf\nweichen Sitzkissen, die Schriftzüge der Kabbala\ntrugen, saß Siderius vormittags, nachdem er früh\nim Wald, am See sich herlig gesammelt hatte, und\nschrieb auf großen Pergamentblättern, die er von\neiner Bibliophilen-Offizin besorgte, seine Ideen\nnieder. Nachdem ein Blatt vollgeschrieben war,\nnahm es seine Frei-Gemahlin Luzinde, trug es auf\nden Leuchtertisch und legte es in eine lila Samt\ngebundene große Mappe mit Atlas-Schnüren. Das\nWerk gedieh, Luzinde häufte Blatt auf Blatt, und\neines Tages wurde der Freundeskreis mit\nSeidenfaden zur Besichtigung des vollbrachten\nWerkes geladen.\nAls alle versammelt waren, löste Luzinde die\nSchnüre um den heiligen Leib des Buchopfers von\nSiderius, hob den lilasamtenen Deckel. Niemand\ndurfte näher heran treten und Luzinde zeigte von\nfern die beschriebenen Pergamentblätter. Der\nganze Kreis guckte fleissig, aber leider war nicht\nmehr festzustellen als die Tatsache beschriebener\nBlätter. Kein Hauch, geschweige denn ein Wort\ndes neuen Buches wurde den Freunden vergönnt.\nAn einem Sommertage begab sich Siderius mit\nLuzinde plötzlich auf eine Reise nach dem Balkan.\nAn diesem Tage erhielt Seidenfaden ein Exemplar\ndes neuen Buches, das Siderius auf eigene Kosten\nohne Wissen seiner Freunde hatte drucken lassen.\nSeidenfaden saß auf dem Scheiterhaufen seines\nRuhmes, den er im Begriff gewesen war, aus\nBrettern mit Pappe zusammenzuleimen. Seite für\nSeite, Satz für Satz, fast Wort für Wort verglich\ner das Buch von Siderius mit seinem Werk, als\nhätte der Eine seherisch den Anderen vorausge-\nahnt, als hätte der Andere treu dem Ersten jeden\nGedanken, jedes Wort nachempfunden. Seiden-\nfaden war der Vorläufer und eifernde Täufer, Si-\nderius der fanatische Heiland selber.\nBeiden gemeinsam war der germanische Zier-\ngarten, in dem sie ihre wunderlichen Topfpflänz-\nchen aufzogen. Seidenfaden wollte das Weltende\ndurch die „gottesmütterliche Weltüberwindung der\nWeiber\", Siderius predigte im Geschmack des\nTechnologen am Berliner Tageblatt die Weltzer-\nstörung durch Radium. Beide sehnten sich nach\ndem Paradies durch Ueberwindung, der Eine der\nWeiber, der Andere der Zierrate des Madensacks.\nSeidenfaden wütete gegen den verbrecherischen\nFreund, der Montenegro entgegenreiste.\nDer Verrat des Siderius gab den Anstoß zu\nSeidenfadens Neuwerden, seiner Herabkunft in\nerneuerter Fleischlichkeit. So war Mahadöh zum\nsechsten Mal herniedergestiegen, um Goethen\ngleich zu werden, mitzufühlen der Liebe Lust und\nQual.\nAuf siebenfachem Regenbogen stieg Seiden-\nfaden hernieder. Die ohrenbedeckenden Haare\nverschwanden und machten der Künstlerlocke\nPlatz, das transzendentale Funkeln des Fra Ange-\nlico wurde zu Flammen in seinen hübschen roten\nBäckchen, die Kniehosen wurden von Sine ver-\nlängert zur eleganten Hose nach Maß, und seine\nVegetarier - Sandalen wurden zu bebänderten\nglänzenden Lackschuhen, helle Seidenstrümpfe,\nWelle Jacke, ein brauner Samthut vertauschten den\nschwarzen Seidenfadens. Aauf seinem Schreibtisch\nstand die Photographie des alten Peter Altenberg,\nwie er mit dem linken Arm fest umschlungen ein\nkleines nacktes Mädelchen großväterlich liebe-\nvoll an sich drückt. Drunter der Spruch: „Sei\nnackt schön! Wie du sonst bist, ist doch belang-\nlos.\" Man war von der Bewunderung kolossaler\nHuldinnen der Zeiten Kaulbachs und Wagners\nfortgeschritten zur sexuellen Begeisterung für die\nkleinsten Mädelchen. Geradeswegs, unmittelbar in\ndie Augen junger Mädchen und Frauen, auf\nihre Kleider wollte Seidenfaden fortab die neuen\nGedanken schreiben, die für die liebenswürdigsten\nWesen am schönsten waren, ihnen paßten wie\nStöckelschuh und Hut. Wenn ihre Kleider an\nSeidenfadens wadenlosem Bein vorüberstreiften\nund im Bahnabteil ihre Kniee die seinen rieben, so\ngeschah es unfehlbar darum, weil er für die philo-\nsophische Fortpflanzung der Erotik zu sorgen\nhatte..\nSeidenfaden stand vorm Aufbruch des unver-\ndrängten, unbeschränkten Liebesgenusses, die\nreizenden Widerspiele der männlichen Schöpfung\nsollten aus der blinden Feßlung durch den männ-\nlichen Egoismus befreit werden. Das Patriarchat\nwar endgültig erledigt: Weib und Mann sollten die\nEifersucht, die Same alles Bösen war, auslöschen.\nAlle jungen Männer und Mädchen sollten frei\nlieben lernen, keinem Liebenden durfte Abbruch\ngeschehen, küssen und umarmen sollte Jeder frei\ndürfen in allen möglichen bunten Beziehungen. Die\nfreie Entwicklung und Zeugung durfte keine\nFessel dulden: die bunte Funktion der Frau im\nwechselnden Tausch der Männer und die bunte\nFunktion des Mannes im wechselnden Tausch der\nWeiber auf Grund der verfeinerten und vergeistig-\nten Leiblichkeiten freier Individuen. Bunte Frei-\nEhen, Verhältnisse auf Kündigung in jedem Ge-\nschmack, in jeder Farbe und Gruppierung, ästhe-\ntisch oder ethisch. Dann durfte es keine Perversi-\ntät mehr geben, kein Odium durfte darauf ruhen,\nwenn der liebevolle Seidenfaden kleine Mädchen\nküßte oder asketische Frauen umarmte. Die kreuz-\nweis verknüpften Paare durften in ein Paradies\ntreten als Sonnenbad, Kino, Theater der Tausend,\nFreilichtbühnen, Nackttänzen, Schönheitsabenden\nim bunten Wechsel, Wandervögelreisen!\nAber einen düstren Winkel §*ab es, in den\nSeidenfadens Kuß der ganzen Welt nicht hinab-\nschimmerte, im prächtigen Hause der geistigen\nLiebe gab es noch immer den bösen Akt, das\nhäßliche Anhängsel, den atavistischen Ueberrest,\nWurzel aller Lasten und Qualen, Ursprung aller\nVerunstaltung und Vernichtung.\nLohengrin kam nicht aus Nacht und Leiden,\nsondern aus Glanz und Wonne her und bestieg\nbei Frau Eisens erster böser Frage den Schwanen-\nnachen, um den „düstren Winkel\" nächtlicher\nLeiden zu fliehen. So durften die freien Erotiker,\ndie Eleganten des Geistes ihre geputzten Liebes-\nnachen besteigen, um schön schaukelnd dem häß-\nlichen Geschrei der gequälten Wehmutter zu ent-\nrinnen.\nSeidenfaden dachte sich eine Kunst des Ge-\nbärens, spielend, schmerzlos, ohne Gebärwehen\ndurften die Frauen ihre Kinder glatt zur Welt\nbringen.\n\nFortsetzung folgt\n\nUmberto Boccioni\n\nNun hat auch Italien den größten künstlerischen\nVerlust erlitten: Umberto Boccioni ist am\n18. August durch Sturz vom Pferde gestorben. Er\nist vierunddreißig Jahre alt geworden.\nDer Name Boccioni bedeutet für Italien und\ndamit für Europa die Befreiung von der Auffassung\nder Kunst als Kunstgeschichte. Die Durchschnitts-\nmaler der ganzen Erde lebten und leben seit Jahr-\nhunderten von den Meistern der Renaissance, alle\ndie unzähligen Schüler und Schülersschüler wur-\nden von der Kunstgeschichte zu Meistern ernannt,\nihre Kopien der wenigen wirklichen Meister in\nsämtlichen Museen und staatlichen Instituten dicht\nnebeneinander und übereinander aufgehängt. Die\nRahmen vergoldeten verbräunte Bilder und die\nNamen ihrer Macher wurden in das goldene Buch\nder Kunstgeschichte sorgfältig notiert. Rahmen\nund Bücher sind geduldig. Der Satz des Buchs\nder Kunstgeschichte bleibt ewig stehen und das\nGold der Rahmen wird nachgeblättert. So wirken\ndie Bilder, so werden die Bilder immer verbräun-\nter, bis der gesunde Mensch über die Farbe wischt,\ndie Schminke ist. Boccioni fuhr mit seiner starken\nHand durch die Galerien Italiens, der Staub von\nJahrhunderten fiel hinunter, die sogenannte alte\nKunst war tot und damit das Geschäft Italiens.\nMuseumsdirektoren und Hotelwirte protestierten.\nDie Gebildeten der ganzen Erde waren entrüstet.\nWeil Einer gerüstet in den Kampf zog. Die Ge-\nbildeten taten, was Entrüstete tun: sie schrieen.\nDer Sieger ist stets unbeliebt. Die Gebildeten fühl-\nten sich der Schätze ihres Gedächtnisses beraubt.\nSie hatten den ganzen Satz des dicken Buches\nauswendig gelernt. Die wohlgezählten Namen soll-\nten nicht einen Centesimo wert sein. Wo doch\njede namenlose Madonna namenlose Heere von\nDeutschen und Engländern nach Italien zog. Alle\nBörsen waren ihnen geöffnet. Und da zu jedem\nGeschäft ein guter Name gehört, wurde Italien zur\nKunstbörse der Welt ernannt. Mit der Kunst\nHessen sich Geschäfte machen, aber die Kunst\nmacht keine Geschäfte. Boccioni war ein Romane\nund wurde ein Künstler, der also das Romantische\nhassen mußte. Er fühlte und wußte, daß Kunst\nOrdnung ist Ordnung, die Romantiker Militaris-\nmus nennen. Darum erklärte Boccioni der Erde"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.11", "texte": "den Krieg: „Wir wollen den Krieg preisen — diese\neinzige Hygiene der Welt — den Militarismus, den\nPatriotismus\". Dieser Satz Boccionis ist so oft\nfalsch verstanden worden, als man Bilder zu ver-\nstehen sucht. Nicht nur Bilder, auch Gedanken\nwerden in das beliebte Reich der Tatsachen hinab-\ngezogen. Alles Unglück dieser Erde stammt von\nder Verwirklichung des Geistigen. Davon, daß\nGleichnisse in Bar umgesetzt werden. Während\ndoch alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.\nKunst ist Gleichnis und Gleichnis ist Tat. Was\nwir tun, ist geschehen und was wir nicht tun,\ngeschieht. Es gibt keine andere Anschauung für\nden Künstler und für die Kunst. Diese Anschauung\nist keine Richtung, es ist das Schauen. Boccioni\nwar für den Krieg als geistiges Phänomen. Er\nwar Künstler und wollte wie jeder Künstler das\nsogenannte Leben aus der Kunst drängen. Als er\nim Uebermut seines Kunstgefühls Kunst in das\nsogenannte Leben treiben wollte, stürzte er.\nKunst ist unmenschlich, sie tötet, wer sie ver-\nmenschlichen will. Boccioni sah den Irrtum seiner\nJugend. Wenige Tage vor seinem Tode schrieb\ner: „Aus dieser Existenz werde ich mit einer Ver-\nachtung für alles hervorgehen, das nicht Kunst ist.\nNichs ist furchtbarer als die Kunst. Alles was\nich gegenwärtig sehe, ist ein Spiel gegen einen\nrichtiggezogenen Pinselstrich, einen harmonischen'\nVers, einen wohlgesetzten Akkord. Alles, damit\nverglichen, ist Sache des Mechanischen, der Ge-\nwohnheit, der Geduld, des Gedächtnisses. Es gibt\nnur die Kunst.\"\nMitten im Tode sind wir vom Leben um-\nfangen. Die Werke bestehen, wenn auch die\nLeiber verfallen. Du bist ein Künstler, mein Freund\nBoccioni, Du hast den Guten Deiner Zeit genug\ngetan. Und wenn Franz Marc, der Deine Bilder\nliebte, Dir nun die Hand reicht, gedenket dessen,\nder für Euch lebt, auf daß Ihr lebet.\n\nHerwarth Waiden\n\nMaya\nKurt Striepe\nMein Blut. Mein singendes, rauschendes Blut.\nNun bin ich stolz.\nHeute bin ich der Prinz. Die Schmerzen sind\nmeine Diener. Ich lache. Ich freue mich. Wie sie\nkommen. Alle mit roten Käppchen. Machen tiefe\nVerbeugungen. Ich bin der Prinz.\nSie müssen nun Steine tragen. Einen zum\nanderen. Weiße Marmorsteine. Daraus bauen wir\neinen Tempel. Einen Wundertempel. Und den\nThron. Ich will auf dem Thron sitzen.\nDas Leuchten Ihrer Rosennägel wappnet die;\nTüren. Der Altar ist aus Granat. Und über die\nWände — über die weißen zarten Hände — springt\nmein lachendes Blut. Rot und weiß. Aus den hei-\nligen Tempeln hole ich die Leuchter. Mit sieben\nArmen. Aus Lapislazuli ist der Boden.\nMeine Nerven singen den Chor.\nIch hülle mich in den Mantel aus syrischem\nPurpur. In den Händen den goldenen Kelch.\nMeine Hände zittern.\nIch warte. Ich warte auf etwas, das kommen\nsoll.\nHeute darf ich spielen. Ich lade Frauen in\nmeinen Tempel, die tanzen. Darauf warte ich\nnicht.\nMeine Diener beugen ihre Nacken.\nEs kommen Mädchen. Die singen. Der Chor\nmeiner Nerven übertönt ihr Singen.\nDer Kelch in meinen Händen zittert sehr. Mein\nBlut ist trocken darin.\nMir hilft keine Freude mehr.\nIch warte. Ich darf spielen.\nWenn die Kugel kommt, dann soll Hochzeit\nsein.\nDann werde ich König.\nIch nehme mein Herz. Mein rotes Herz. Aus\nSmaragd ist ein Becher auf dem Altar. Dahinein\nstelle ich mein Herz.\nAlle fallen auf die Knie und beten.\nDie Diener.\n*\nDie Frauen.\nDie Mädchen.\nIch allein stehe aufrecht. Ich warte nicht auf\nmein Herz.\nVor dem Altar nimmt das Murmeln kein Ende.\nDas ärgert mich. Ich befehle Ruhe. Ich bin Prinz.\nDas Leuchten der Leuchter erlischt. Du strahlt\nder smaragdene Becher. Mein Blut sprudelt.\nAuf einer Platte aus Rubin bringen sie die\nKugel. Nun bin ich König.\nEs wendet sich der Staat meines Hofes. Die\nGesichter liegen auf dem Boden.\nDann tanzen die Frauen.\nDann singen die Mädchen.\nDie Diener pressen tiefer die Köpfe an den\nBoden.\nDer Chor singt sein hellstes Lied.\nSie — Maya — Sie lachen.\nIhr Lachen wirft Goldstrahlen über meinen\nTempel. Die Wände werden kostbar glänzen.\nIch trage ieine leichte Krone über meinem\nKopfe.\nIch bin der König meiner Schmerzen.\nIch grüße Sie —« Maya!\nUnd warte —\n\nDer vergessene Kern\nHerwarth Walden\nDer Herr von der Täglichen Rundschau hat noch\nnie ein Bild gesehen. Er weiß aber auch nicht in\nder Strategie Bescheid, wie er sich gerne einreden\nmöchte. „In geschlossenen Gruppen traten nur die\nKriegsmaler auf, rechts die aus Oesterreich-Un-\ngarn, links die Deutschen, die Bulgaren in der\nMitte. Sie umlagern den Kern der Ausstellung\nals ein äußerer Ring. Weiter drinnen findet man\nnoch einen Saal für die wohlwollenden neutralen\nSchweden, und dann ist auch wieder der Verband\ndeutscher Illustratoren geschlossen beieinander.\"\nDen Kern der Ausstellung hat man nämlich ver-\ngessen. Die Große Berliner Kunstausstellung läßt\ndie Kunst immer aus. Sie will sie jetzt durch\nFührungen suchen. Aber es ist nichts zu finden.\nDenn der Herr von der Täglichen Rundschau, ein\ngewiß einwandsfreier Zeuge, berichtet über des\nPudels Kern: „Die Mittelsäle bieten das\nseit Jahren gewohnte Bild. Gipfelleistungen\nwerden nicht geboten und sind in diesen\nZeiten nicht zu erwarten. Man hält auf\neinen anständigen künstlerischen Durchschnitt,\neine gewisse Schulgemeinsamkeit, die ohne\nZweifel ein guter Grund ist, von dem\nsich tüchtige Persönlichkeiten abheben können.\"\nEs hat schon seinen guten Grund, daß sich auf dem\nguten Grund nichts abhebt. Nicht einmal tüchtige\nPersönlichkeiten lassen sich verpflanzen und noch\nweniger Künstler. Wenn auch „Bracht in seinem\nPflüger wieder jene schlichte Größe zeigt, die wir\nin seiner Art verehren.\" Es ist aber nicht die rich-\ntige Art für den guten Grund. Die Leute pflügen\nimmer, ohne zu sehen, daß der Same längst schon\naufgegangen ist und zwar über ihren Gipfel hin-\naus. Aber der neue Cezannei ist von der Täglichen\nRundschau entdeckt. Er heißt Albrecht, stammt\naus Königsberg und hat ein Stilleben geschickt:\n„Cezanne hat die Augen stumpf gemacht gegen\nsolche Feinheiten, in denen er nur die Farbe gelten\nläßt und ihr zuliebe willkürlich wirkt bis zur Bru-\ntalität. Ein Albrechtsches Stilleben wie ein alt-\ndeutsches oder ein altniederländisches gibt in\nseiner Bescheidenheit unendlich mehr, indem es\nuns mitfühlen läßt, wie es der Materie zumute ist.\nDas ist es schließlich auch, was uns bei jenem\nBilde Eichhorsts, einem einfachen offenen Kleider-\nschrank fesselt.\" Wenn man erfährt, wie es einem\nStilleben und einem einfachen offenen Kleider-\nschrank zumute ist, wird man wieder guten Mutes,\ndiese Feinheit des Stofflichen kann auf die Bru-\ntalität der Farbe verzichten, sie erübrigt sogar\ndie ganze Malerei. Man setzt sich an den Früh-\nstückstisch, nicht ohne zuvor seinen einfachen\nKleiderschrank offengelassen zu haben, und man\nweiß, wie es der Materie zumute ist. Die Tägliche\nRundschau kann ihren Kunsthirten entlassen, die\nHerde wird schon nach wie vor sich in der Gar-\ntenwirtschaft der Großen Berliner Kunstausstel-\nlung vergnügen und die Kunst wird endlich dort\nvergessen, wo ihrer nicht gedacht werden darf.\n\nLieder\nWilhelm Runge\nI\nBrach liegt dein Auge\nirr drüberhin stottert mein Fuß\nDürr flüstern Zweige herbstzeitlos\ndie Wolken welken\nDes Herzens Türen schlagen heulend zu\nnach seinen Wänden zückt das Blut die Hände\nund würgt die Tränen in die Adern tot\nbeschlagen blickt der Stirne helles Fenster\nSturm Hattert auf des Herzens wanke Wipfel\nDer Tag hält seine blauen Augen zu\nund Nacht trieft nieder schwer aus allen Zweigen\ndes Blutes Atem läuft auf leisen Zehn\nknickt um\nund stirbt\ndie Hände perlen Weinen.\nII\nSterne himmelflüstern um die Stirn\nDenken schläfert sommerseidenweich\nBlut geht leise wolkenwellenunter\ngestern heute morgenabendrot\ngolden von den Aesten fällt die Sonne\nund zerbricht im moosgen Schoß der Nacht\nSeele senkt das kleine Kicherköpfchen\nmüde schließt das Gras die feine Hand\nHerz bückt nieder in das Beet der Sterne\npflückt die strahle Heimat aus der Ferne\nSonnenwälderduft und Nachtigallen blüht ihr\nAtem in den Abend auf.\nIII\nFrühe hebt die kleine bleiche Hand\nSonne blinzelt durch die schmalen Finger\nTrillernd tropfend taumelnd\ntobend\ntoll\nstürzt ihr strahlengoldenes Gelächter\nNecken schlängelt rosareihe Bänder\nDämmern huscht verschämt die Augen blind\nschallend grö'hlt der klobe Tag und stemmt\ndie Seiten\nflimmerleise durch die Adern spielt der Wind."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19160915-01.1.12", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag:\nF Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Straße 134 9\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nVierundvierzigste Ausstellung\nKandinsky\nFiinfundvierzigste Ausstellung\nCampendonk\nEroffnung: 1. Oktober\nAm 1. November: Gedachtnisausstellang Franz Marc\nSturm-Ausstellung: zu Brfinn\nKaiser Franz Joseph-Jubilaums-Kunstlerhaus\n15. September bis 15. Oktober\n\nDer Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig tiber deren Gemalde / Aquarelle I Zeich-\nnungen / Handdrucke I Plastiken\nCampendonk I Marc Chagall / Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky I Franz Marc I Georg Muche '\nGabriele Munter / Nell Walden\nIsaac Griinewald I Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger J Archipenko I Boccioni / Carlo D.\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann / Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund I Oswald Herzog I Johannes Itten I Alexel\nJawlensky / Paul Klee I Oskar Kokoschka / Ota-\nkar Kubin I Carl Mense I Jean Metzinger I Francis\nPicabia I Pablo Picasso I Georg Schrimpf I Ma-\nrianne von Werefkin I CSzanne I van Gogh /\nMunch\n\nKunstschule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUnterricht in der expressionistischen Kunst der\nBiihne I der Schauspielerei I der Vortragskunst I\nder Malerei I der Dichtung / der Musik\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungen werden dort entgegen ge-\nnommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\n\nSturm-Kunstabende\nVerein fiir Kunst / Dreizehntes Jahr\nDreißig Abende September 1916 bis April 1917\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nBeginn aller Abende: 8 Uhr\nZweiter Abend / Mittwoch den 20. September 1916\nRudolf Bliimner I Vortragsabend:\nMombert / Poe / Strindberg / Stramm\nDritter Abend / Mittwoch den 27. September\nAugust Stramm / Gedachtnisfeier\nVierter Abend / Mittwoch den 4. Oktober\nAugust Stramm / Gedachtnisfeier\nFiinfter Abend / Mittwoch den 11. Oktober\nRudolf Blumner / Vortragsabend\nKartell 3 and 2 Mark / Stehplatz 1 Mark im Vorverkauf\nfur alle angezeigten Abende an der Kasse der Knnstaus-\nstellung Der Sturm und an der Abendkasse\nObertragbare Dauerkarte fiir jede Serie Czehn\nAbende): 20 Mark / Verzeichnisse kostenlos\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nTernruf Amt Lutzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewdhnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark / Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft 80 Pfennig\n./ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\n/ Ein Halbjahr 4 Mark / Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nBin Halbjahr 6 Mark / Fflr das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 20 Mark I\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je 6 Mark\n\nBueher eus dem Verlag Der Sturm\nJedes Buch 2 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! I Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Auf s t ie g I Tragodie\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nQedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur / In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplaren auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler undKunst-\nkritiker / Qesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bttcher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fur Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Qeschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: PI ak at fQr die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzug 10 Mark\nAnna Scheerbart: Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fur Biichereinbande / Format\n42 X 35 Mark 4\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\n\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen / Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwel\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat von\nKokoschka\n\nSturm-Austellungskataloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Otakar Kubin / Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ftinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Bilttenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos I 2 Herwarth Walden I 3 Karl Kraus I\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Scheerbart I 6 Yvette\nGuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachen\nI.uigi Russolo: Erinnerung einer Nacht / Zug in\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin / Ruhelose Tanzerin I\nPan-Pan Tanz\n36 verschiedene Karten\n\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Mappe mit zwanzig Blalt\nZeiehnungen in Strichatzung\nAn! Kaiserlich Japanpapier 25 Mark\nAn! Costakarton 15 Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kiinstlers über sich\nselbst mit sechzig ganzseitigen Abbildungen seiner\nWerke von 1901 bis 1913 I Album 10 Mark\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte und\neinzeln unterschriebene Holzschnitte I Auflage 30\nMappen\nMappe je einhundert Mark\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenlieb© /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren / 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nAm 15. September erscheint: Peter Baum:\nSchiitzengrabenverse / Qedichte / Gebunden 3 Mark\nSoeben erschienen: Marc Chagall: Zeichnung\nKunstdruck auf Biitten / 5 Mark\nSoeben erschienen: Sturm-Kunstler / Lichtbild-\nkarte 5: Rudolf Bliimner / 20 Pfennig / Lichtbild-\nkarte 6: Campendonk / 20 Pfennig / Lichtbild-\nkarte 7: Peter Baum / 20 Pfennig\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des V e r\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}