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Sie werden\nvon Tag zu Tag bedenklicher, trotzdem das der\nGesundheit schadet und trotzdem das beste Den-\nken höchstens zur Kunst verführt. Aber Verführer\nsind keine Führer und Führer keine Künstler. Zu-\nweilen sind Künstler Führer. Sie sind es immer,\nwenn man Künstler nennt, wer Künstler ist. Die\nDenker stützen den Kopf in beide Hände und die\nGehirne beulen sich. Der Lesestoff bedeckt ihre\nAugen und die Leseblüten hängen ihnen aus dem\nMund heraus. Ihre Sicherheit ist nur durch Papier\ngedeckt. Sie machen Anleihen auf Anleihen, diese\nDenker, und verschreiben sich in eine immer größere\nSchuld. Ihr Schreiben ist ein Versagen und ihr\n£agen ein Verschreiben. Der gesunde Menschen-\nverstand ist altersschwach zu Buch gekommen.\nDie Denker verstehen und verdrehen alles. Wenn\nsie die Kunst umwirft, verstehen sie sich zur\nVerstellung. Sie verzweifeln an dem Zweifel. Sie\nverlieren die Lust am Leben, weil ihnen das Leben\nzu lustig ist. Sie verästeln sich in das Feuilleton,\nweil ihnen die Blätter auf die Nase fallen. Sie\nverschreiben viele Seiten, weil sie nicht eine Seite\nschreiben können. Sie sind versunken,, weil sie\nnicht sinken können. Sie verirren sich, weil sie\nnicht irren können. Sie verachten, weil sie nicht\nachten können. Die Gesundheit bringt zehn Pfen-\nnig die Zeile, weil sie keinen Markwert hat. Diese\nGesundheitsverwertungsgesellschaft ist eine Frie-\ndensgründung. Der bekannte Friedensengel hat\nzwei Pausbacken und diese Gesellschaft einen\nWasserkopf. Sie verliert nie das Bewußtsein, weil\nsie unbewußt überhaupt nicht lebt. Ihr ist der\nRede Sinn dunkel,, weil ihr Sinn die Rede ist.\nUnd so wird platt hochdeutsch geredet.\nDie Zeitungskritik besitzt jetzt zwei F. St. Der\nBerliner St drückt sich über den Impressionismus\naus, während der Frankfurter St sich in den Ex-\npressionismus hineindrückt. Der Stahl des Ber-\nliner Tageblatts wird in der Frankfurter Zeitung\nflüssig gemacht und ergießt sich von Menzel bis\nChagall. Ich setze einige Sätze auseinander und\nman wird das Naturwunder erleben, daß das Wun-\nder der Natur sie zu Tageblatt-Stahl macht. Trotz-\ndem, es handelt sich um zwei verschiedene Den-\nker, um zwei Persönlichkeiten, denen nur ein St\ngemeinsam ist. „Ich versuche die Eindrücke der\nletzten Ausstellungen zusammenzustellen und da\nergibt sich unvermutet, daß wir die Entwickelung\nder neuen Malerei von Menzel bis Muche und\nChagall durchlebt haben.\" Herr St meint,, daß er\ndie Ausdrücke seiner letzten Einstellungen zusam-\nmenzufassen versucht, und daß er sich unvermutet\nergibt, ohne die Entwicklung durchlebt zu haben.\nEs gehört schon viel gesunde Kraft dazu, eine Ent-\nwicklung zu durchleben. Herr St aus Frankfurt\nkann nicht sehen, nur übersehen: „In der Sommer-\nausstellung von Paul Cassirer übersieht man den\nImpressionismus von seinem Ahnen wider Willen\nMenzel bis zu dem Expressionisten Heckel, in der\nAusstellung des Sturms den ganzen Expressionis-\nmus, Kubismus und Futurismus von seinen unwill-\nkürlichen Urhebern Gauguin und van Gogh bis zu\nden Neuesten\", das alles hat er übersehen,, auch\ndaß Menzel kein Impressionist und Heckel kein\nExpressionist ist, „bis zu den Neuesten, bei denen\ndie Malerei die Gegenstände, die sie bisher be-\nnutzte, um etwas auszudrücken, aufgegeben hat.\"\nDie benutzten Gegenstände der Malerei werden\nausgewaschen, sind gebrauchte Sachen wie neu.\nEs ist zwar noch nichts ausgedrückt, wenn ein\nPinsel ausgedrückt wird. Urheber sind immer un-\nwillkürlich, wenn man die Namen auch willkürlich\nbenutzen kann. „Gerade weil im Katalog der Cas-\nsirerschen Ausstellung kein großer Maler des Im-\npressionismus fehlt, enttäuscht die Besichtigung.\nDie Werke sind nicht so glänzend wie die meisten\nNamen.\" Das geht Kunstkritikern immer so. Im\nKatalog sind alle Maler groß, wenn die Herren\naber einmal auf die Wände sehen, was sie den\nBildern meistens schenken, sehen sie sich glänzend\nenttäuscht, weil sie statt Namen nur Nummern\nsehen. Die große Nummer ist ihnen nur der große\nName. Und der Name ist groß, wenn er fortge-\nsetzt von Berlin bis Frankfurt hin und her-ge-st-\ntet wird. Herr St aus Frankfurt sieht zum ersten\nMal auf, sieht zum ersten Mal Manet und be-\ngreift: „Noch nie habe ich so wie vor seinem\nGartenstück Manets Verwandschaft mit Cezanne\nin der seelischen Monumentalität und die techni-\nsche Consequenz des Expressionismus aus dem\nImpressionismus herausbegriffen, wie dieses Mal.\"\nEinmal ist kein Mal, aber in der Verwandtschaft\nlassen sich alle Gefühle verbergen. Und auch Ce-\nzanne wird begriffen, wenn er aus der Verwandt-\nschaft stammt. Es kommt noch süßer: „In zwei\nausgestellten Stücken ist Renoir süß und köstlich,\nwie es nur dieser verspätete Rokokomaler sein\nkann.\" Beinahe hätte er den Anschluß an das\nRokoko versäumt und ohne die Verwandtschaft\nwäre er nicht begriffen worden. Herr St wendet\nseinen Blick nunmehr vom Katolog und von den\nWänden in das Leben: „Zwei Mädchen sitzen über\neinem Skizzenbuch und siehe, es sind Renoirsche\nFrauen, in der Jugend schon erfaßt, wie immer\nbei Renoir eine Phantasie in Rosa, auch wenn gar\nkein Rosa verwendet ist.\" Nachdem Herr St sich\nsiehe zum Sehen ermuntert hat, sieht er zwei Mäd-\nchen sitzen, die sich wie Renoir selbst verspätet\nhaben, trotzdem sie schon in der Jugend erfaßt\nsind, und bisher benutzte Gegenstände der Malerei\nwaren. Die Mädchen sind Kollegen von Renoir,\nwas man siehe dadurch sieht, daß sie über einem\nSkizzenbuch sitzen. Es wäre noch durch die im-\npressionistische Psychologie bei diesen Gegen-\nständen festzustellen, daß sie wohlhabend sind, in\nrosa, die große Mode,, gekleidet. Herr St sieht\naber noch tiefer: „Ein Schimmer von fleischlichem\nHauche entkleidet die Mädchen.\" Das sollte in\neinem Salon nicht vorkommen. Herr St kann sich\nnicht mehr beherrschen: „Bald werden sich die\nArme dehnen, die Körper entwickeln, die Hüllen\nfallen und Renoirs üppig schimmernde Frauen\nwerden vor uns liegen.\" Da werden die Herren\nKunstkritiker Augen machen. Aber die Körper ent-\nwickeln sich nicht so schnell wie sich die Ent-\nwicklung durchlebt. Siehe, die zwei Mädchen\nsitzen immer noch über einem Skizzenbuch und\nhaben infolgedessen nicht die Gelegenheit auch\nnur einen Schimmer vom fleischlichen Hauch zu\nsehen. Nur der Herr St kommt gar nicht (aus\nseiner Fleischverträumtheit heraus: „Noch duf-\ntiger als die Blumen ist vielleicht die Vase, denn\nes ist zu schön, wie Renoir ein Stück Porzellan\nverfleischlicht gemalt hat, als ob es ein Akt wäre.\"\nBald wird sich die Vase dehnen, die Hüllen fallen,\nRenoirs üppig schimmernde Vase wird zerbrochen\nvor uns liegen. Kann man bei solchen Erlebnissen\neinem Kunstkritiker übel nehmen, wenn er sich\nversieht. Man kann nicht alle Verwandten kennen.\nCezanne und Heckel sehen sich zum Verwechseln\nähnlich und Manet ist falsch verwandt worden:\n„Die neue Malerei hält sich an Cezanne -von\ndem in dieser Ausstellung nichts zu\nsehen ist, als ein Teich von Erich\nHeckel\". Der Teich von Heckelist recht klein\nund jedenfalls nicht groß genug, daß Cezanne hin-\nEinfallen kann. Da hat höchstens Herr St Platz.\nWas den Franzosen recht ist, ist den Deutschen\nbillig: „Der deutsche ursprüngliche Impressionis-\nmus wird von Menzel, Liebermann, Corinth, Sle-\nvogt und Trübner vertreten.\" Zwar ergibt sich für\nHerrn St unvermutet, daß Menzel ein Ahne wider\nWillen ist. Aber der Ursprung ist immer wider-\nwillig. Nur wird er willig wieder immer falsch,\nsiehe, gesehen. „Der Garten des Justizministe-\nriums von Menzel ist das Juwel der Ausstellung.\"\nDieses Juwel von Garten hat natürlich eine Anlage:\n„Es ist ein Bild aus Menzels bester Zeit, in der\ner alle Anlage hatte, den Impressionismus zu er-\nfinden und zu seiner Vollendung zu führen.\" Die\nAnlage wird dem Schutz des Publikums und der\nKunstkritik empfohlen: „Leider war aber sein\nWissen nicht so frei, wie sein unbewußtes Genie,\nein Tragödie, die Karl Scheffler in seinem Menzel,\nBruno Cassirer-Verlag, sehr gut dargestellt hat.\"\nHerr St verirrt sich immer mehr in der Anlage.\nJa, wenn der Menzel das freie Wissen, des Herrn\nSt zum Beispiel gehabt hätte, so hätte er glatt den\nganzen Impressionismus erfunden und ihn mit\neiner vollendeten Verbeugung zu seiner Vollen-\ndung geführt. Menzel hatte es nicht. Was\nwiederum ein Glück für Karl Schefflerist, der sonst\nin seinem Menzel, Bruno Cassirer-Verlag, keine\nTragödie hätte sehr gut darstellen können. Was\nwiederum für Bruno Cassirer-Verlag eine Tra-\ngödie gewesen wäre, der das unbewußte Genie\nKarl Schefflers bis zur Vollendung belegt hat, der\nwiederum frei vom Wissen ist. Aber, zum Glück,\nes ist ja alles anders gekommen: „Aber hier ist\neinmal ein Stück Natur ganz malerisch erfaßt, und\ndurch keine Zutat verdorben. Himmel und Erde\nwerden durch einen Goldton von Luft verschmol-\nzen.\" Der Goldton hört sich sehr nach Zutat an.\nKurz und gut: „Es ist eine schwebend-geniale Ma-\nlerei, wer weiß wie! von Menzel verachtet.\" Siehe,\nHerr St schwebt,, wer weiß wie, zwischen Himmel\nund Erde. Nur ein Goldton verschmilzt ihn in die\nLuft: „Nichts ist erzählt und durch einen äußeren\nEffekt verdorben, wie selbst der Blick auf die\nSpree im Mondschein, ein technisches Meister-\nstück, das daneben hängt.\" Ja, der Herr St hat\neben seinen Blick und wenn die benutzten Gegen-\nstände dunkel werden, leuchtet sein Auge fleisch-\nlich auf: „Menzel hat Blau im Schwarz gemalt und\ndurch mattleuchtende Farben die Nacht genau in\nihrer Undurchsichtigkeit durchsichtig gemacht.\"\nHerr St sieht durch Nacht zum Licht: „Nur mit\nden Lichtern in den Fenstern kann ich mich nicht\nbefreunden, da sie von dem Punkte aus, von dem\ndas Bild gesehen ist, nicht bemerkt werden kön-\nnen.\" Ja, Freund Menzel, die Lichter können von\ndem Punkt nicht bemerkt werden. Vielleicht ist\naber Herr St auch bei der Betrachtung der Maler-\nmädchen auf einen falschen Standpunkt getreten.\nWie kann man auch ein Bild von einem Punkt aus\nmalen, den der Freund gesetzt hat. Außerdem,\nwenn die Nacht schon duchsichtig ist, scheint es\neine Verschwendung, Lichter in die Fenster zu\nstellen. Diese Gegenstände durften nicht benutzt\nwerden. Herr St ist nämlich neben den Punkt\ngetreten, von dem Menzel das Bild gesehen hat.\nUnd erklärt (die Lichter auslöschend): „Sie sind\nnachträglich eingesetzt, sie sind Wille und nicht\nVision.\" Hierfür gibt allerdings der Tragödie Karl\nScheffler die Erklärung, sehr gut, daß die Vision\nMenzels nicht so frei war. Und während Herr\nSt dem Menzel nur auf den Punkt tritt, tritt er\nHerrn Liebermann direkt auf die große Zeh:\n„Etwas Aehnliches ist erstaunlicherweise der Fall\nin der Judengasse in Amsterdam, durch die Lieber-\nmann schon 1905 mit einigen anderen Stücken\nverwandt ist.\" Herr St sieht scharf auf die Vision,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10729, "texte": "nicht den lumpigsten Willen läßt er durch: „Lieber-\nmann verwendet hier einige Farben\", das tut er\nallerdings selten, „einige Farben, besonders blau\nund gelb, in schreiender Buntheit, ganz scharf\nnebeneinander.\" Der Visionär, Herr St, weiß Be-\nscheid. Die Farben sind nachträglich eingesetzt.\n„Auch das ist natürlich gekonnt, aber nicht durch-\nfühlt, und daher laut, aber nicht stark.\" Die ur-\nsprünglichen Impressionisten werden nachträglich\nabgesetzt. Aber es kommt dafür um so schöner:\n„Um so schöner ist ein neues Selbstbildnis von\n1916. Die phrasenlose Ehrlichkeit ist hier geradezu\nerschütternd, weil sie einen unverkennbar müden,\nj;* tragischen Ausdruck mit vornehmer Diskretion\nund doch ohne Retouche wiedergibt.\" Während\nsonst zur vornehmen Diskretion vor allem die Re-\ntouche gehört. Diese ehrliche Phrasenhaftigkeit\nwirkt geradezu erschütternd: „Das Bild ist auch\ndeswegen so ergreifend, weil es die halbe Ge-\nstalt in ganzer Größe aber aus nächster Nähe\nzeigt/' Worauf Herr St seine ganze Gestalt\nin ganzer Größe zeigt: „Leider ist es nicht\nganz Kunst geworden, da es um eine Spur das\nSpiegelbild nicht ganz überwunden hat.\" Trotzdem\nes umso schöner geradezu erschütternd ohne Re-\ntouche ist, wird die Spur von seinen Spiegelbil-\ndern doch in Aeonen untergehen (Aeonen ist etwas\nfÜT Wissende). Schade, daß der Liebermann die\neine Spur nicht verwischt hat, dann hätte Herr\nSt die ganze Kunst gesehen. „Eine wunderbar\nmusikalische Stimmung hat der Orpheus von Co-\nrinth, eines der ganz seltenen gelungenen impres-\nsionistischen Bilder, die das Realistische ins Mär-\nchenhafte steigern, die äußere mit der inneren\nPhantasie versöhnen.\" Bei Corinth hört Herr St\nwieder den Goldton, bei Corinth findet er endlich\nden Punkt, auf dem er auch noch Platz hat. „Noch\neigener und selbständiger ist Charlotte Berend,\nals Porträtistin von Schauspielerköpfen. Beson-\nders Pallenberg als Zawadill ist geradezu glänzend\ndurch mutige Verwendung der ordinärsten\nPastellfarben-Kontraste wiedergegeben.\" Das ist\nnun wieder Vision, trotzdem sie einige Farben in\nschreiender Buntheit ganz scharf nebeneinander\nverwendet. Aber bei einem Charakterkopf darf\nman die ordinärsten Farben nicht scheuen. Herr\nSt wird immer psychologischer. „Von Feigl sah\nman Bilder bei Cassirer, Zeichnungen und Radie-\nrungen im Graphischen Kabinett I. B. Neumann.\nDieser vergeistigte Träumer ist zu ehrlich, mit\neiner Mode zu gehen, aber auch nicht stark genug,\neinen Stil aus sich heraus zu schaffen.\" Deshalb\nhat sich dieser vergeistigte Träumer I. B. Neu-\nmann auch schon in das Graphische Kabinett zu-\nrückgezogen. Ich habe zwar die Kunstabende\nschon vorgemacht, die Herr St im Graphischen\nKabinett nachgemacht hat. Aber Saalvermieter\nsind mir noch nie als vergeistigte Träumer er-\nschienen. Dazu fehlt mir doch der Wille, auch ist\nmeine Vision nicht stark genug. „Seine Bilder sind\ntrüb gemalte mit Farben ausgefüllte Graphik, seine\nGraphik ist mehr nebensächlich hingewischt,\nals erarbeitet.\" Also, die Graphik ist mit trüben\nFarben ausgefüllt und außerdem nebensächlich\nhingewischt, worauf Herr St die Vision fühlt: „Aber\nin allem fühlt man, was bei scheinbar bedeutende-\nren und jüngsten Künstlern fehlt — eine Seele,\nderen Lyrik von selbst in viele schöne Zeichnun-\ngen und Lanschaftsbilder aus Prag übergeht, und\nnicht etwa nur eine Fertigkeit.\" Das Malen mit\nSeele ist lyrischer, die Seele selbst ist durch-\nsichtlig trübe gemalt und Herr St kann sich auf\nden Punkt stellen, von dem die Seele gesehen ist.\nAlso betrübt betritt er die Ausstellung Der Sturm.\nZum ersten Male. Aber er weiß schon Bescheid:\n„Die Ausstellung des Sturm gibt keine gute\nUebersicht über die von ihr vertretene Malerei.\"\nHerrn St übersieht, daß er übersichtig ist. Er weiß\nbereits aus dem Katalog, was Der Sturm vertritt.\nWährend bei Cassirer zwei Mädchen nur über\neinem Skizzenbuch sitzen, muß es im Sturm ja\nganz toll aussehen: „Auch sind die großen und\nkleinen Talente durcheinander geworfen und alles\naufgehängt, was ohne Qualitätsunterschied modern\naussieht.\" Die großen und kleinen Talente werden\nin Sturm herausgeworfen, sodaß nur der Kunst-\nkritiker modern aussieht. Nun redet sich Herr St\nin den Expressionismus hinein: „Franz Marc.\nSeine Größe besteht darin, daß er ganz innere\nGesichte nach außen gebracht und das Geistige,\nüber das Kandinsky nicht hinauskam, in über-\nzeugende malerische Mittel verwandelt hat.\" Herr\nSt. will sagen, daß er bei dem Buch „Das Geistige\nin der Kunst\" von Kandinsky, noch nicht einmal\nzur Lektüre gekommen ist, immerhin aber wenig-\nstens den Titel kennt. Und während Corinth die\näußere mit der inneren Phantasie versöhnt, bringt\nMarc innere Gesichte nach außen. So denkt Herr\nSt den Expressionismus. „Aber auch das Male-\nrische ist nicht sein Ziel, sondern die Wiedergabe\nseiner Vision.\" Nur, Herr St. ist eine Vision keine\nWiedergabe sondern eine Gabe. „Muche ordnet\nnur malerische Effekte geometrisch an, aber in\nFarben, deren Schwingungen von seiner schöpfe-\nrischen Kraft überzeugen.\" Effekte werden zwar\nnicht gezeugt, aber Muche zieht es sicher vor,\nGeometer zu sein, als Herrn St durch eine künst-\nlerische Zeugung zu überzeugen. Auch der Chagall\nist unordentlich. Er hebt die benutzten Gegen-\nstände nicht auf: „Chagall ist dagegen ein Phan-\ntast, der die Gegenstände nicht gänzlich aufhebt,\nsondern nur durcheinander wirft.\" Herr St ist\nganz erschlagen. Erst wirft der Sturm die großen\nund kleinen Talente und dann Chagall die Gegen-\nstände durcheinander. Die Seele des Herrn St ist\nverletzt. „Wie bei Muche hat auch bei Chagall\nnicht das einzelne Werk sondern irgend eine Spur\nvon Kraft in ihm die verführerische Gewalt.\" Ja,\nMuche und Chagall, er ist verführt der Herr St.\nAber ich will auch einmal denken: ich denke, es ist\nbesser, ihn schnell wieder abzuführen. Sonst füllt\ner die Kunst auch noch mit seiner Seele aus.\nVor Nachahmung wird gewarnt\nLovis Corinth fühlt sich seit Ausbruch des\nKrieges verpflichtet, jedes Jahr zweimal über den\nGenius der deutschen iKunst zu schreiben, jlm\nFrieden tat er es einmal. Nun ist zwar der Genius\neine römische Angelegenheit und Herr Corinth eine\nberliner. Da aber Herrn Corinth, der sich früher\neinmal mit Malen beschäftigt haben soll, die Far-\nben fehlen, stellt sich sein Wort an falscher Stelle\nein. In einem Buchchen verkündet er: „Gern\nmöchte ich den deutschen Maler überzeugen, daß\ner vor keinem Künstler Europas sich zu beugen\nbraucht. Daß er vielmehr ebenso tüchtig dasteht\nwie die Kollegen anderer Länder.\" Kollegen\nbrauchen sich nur gleichzeitig zu beugen, sie alle\nmüssen sich aber den Künstlern Europas unter-\nordnen. Hierauf verrechnet Herr Corinth: „Lassen\nwir die großen Maler Frankreichs*, die wir selbst\nam meisten würdigen. Nimmt man aber diese\nGrößen fort: die Schule von Barbizon, die Im-\npressionisten, so bleibt eigentlich nichts mehr\nübrig.\" Nimmt man hingegen in Deutschland diese\nGerne-Größen fort, Herrn Corinth und seine\nFreunde, so bleibt endlich etwas übrig, nämlich\nPlatz für die Künstler in Deutschland, den die\ntüchtigen Kollegen besetzt hielten „Oder haben die\nFranzosen größere Genies als wir in unserem\nFeuerbach und Marees besitzen?\" Selbst nach\nFortnahme der Größen Frankreichs können wir in\nDeutschland Feuerbach und Marees den Kollegen\nüberlassen. Wir haben sogar Künstler Europas in\nDeutschland, selbst wenn wir die Schule von Ber-\nlin und die Impressionisten fortnehmen. Bleiben\nwir in der Gegenwart: „Bleiben wir aber in der\nGegenwart und lassen wir die Lebenden nach\ndem Friedensschluß zur Geltung kommen.\" Lassen\nwir. ..Auf welcher Seite sind die größeren Ta-\nlente? Die Talente bilden sich gegenseitig im\nLärm, aber sie bilden nicht.\" In Frankreich ist in\nletzter Zeit die exotische Richtung emporgekom-\nmen. Eine Richtung, welche die Franzosen selbst\nnicht ernst nehmen können.\" Die Franzosen, Herr\nCorinth, sind nämlich auch nur Kollegen, und Kol-\nlegen nehmen nur sich selbst ernst. „Der letzte\nGroße war eigentlich mit Cezanne gestorben. Jetzt\nstagniert es in Frankreich.\" Von jeher war der\nletzte Große eigentlich immer gestorben. Bleiben\nwir aber in der Gegenwart: „Aber in Deutschland\nist von einem Erlahmen absolut nichts zu merken,\nsondern es gährt viel mehr als vor dem Kriege..\"\nDie zweijährigen Kriegswunderkinder geben eine\nhübsche Hopfenblüte. „Vor dem Kriege waren\nDeutschlands Künstler vollständig wieder im\nSchlepptau anderer Völker gebannt.\" Das Bannen\nim Schlepptau ist eine Unsitte: „Heute aber haben\nsie diese Unsitte abgeworfen und erheben sich\nzu neuen Taten.\" Die Taten sind zwar etwas\nwässerig, weil die Herren Künstler offenbar zu\nlange im Schlepptau lagen. „Künstler, welche\nüberall geschätzt werden, haben wir auch heute\naufzuweisen, Künstler, welche in ihrem ernsten\nStreben uns voranschreiten.\" Erst wurden sie\nnachgeschleppt und jetzt schreiten sie voran. Da\nhaben wir aufzuweisen, erstens: „Den alten\nThoma in seinen besten Bildern, Trübner, der im-\nmer strebend sich bemüht und Klinger. Diese\nKünstler sind unser Stolz und wahrlich der\nNachahmung würdig.\" Wenn der alte Thoma in\nseinen besten Bildern schreitet, werden die Nach-\nahmer nur noch die Rahmen ins Schlepptau neh-\nmen können. Trübner schreitet in ernstem Streben\nvoran und bemüht sich immer strebend, sodaß er\nwohl auf dem selben Flecke bleibt. Und Klinger,\nunser Stolz. Wahrlich, Corinth ist würdig, sie\nnachzuahmen. Und wenn er nicht zur Zeit mit\nLiebermann noch böse wäre, wäre er als Vierter\nim Bunde und auch zur Nachahmung empfohlen.\nDie drei Corinther werden wahrscheinlich er-\nstaunt sein, wenn sie die Epistel des Lovis lesen.\nWie sie gähren, diese Jubelgreise. Der Krieg\nnimmt ihnen das Schlepptau, Corinth nimmt es\nauf und schleppt sie in die Kunst. Die Kunst läßt\nsich entschuldigen, sie ist zu Schiff nach Welt.\nWenn Herr Corinth mit Recht auf Deutschland\nstolz sein will, so will ich ihm das Recht und die\nRechten hierzu geben: Franz Marc und Oskar Ko-\nkoschka. Vor Nachahmung wird dringend ge-\nwarnt.\nDas ist die Liebe\nSteif geheftet für Mk. 2.80, in Halbleinen für\nMk. 4.— tritt das Liebespaar in die Kunst. Auch\ner, Herr Reinhard Piper, der Versammler der\nLiebespaare in der Kunst, hat die Liebe in ein\nWerk verlegt: „.Wie jeder Dichter, so hat auch\njeder große Künstler einmal der Liebe in einem\nWerke Tribut gezollt, von den Meistern der ägyp-\ntischen Plastik bis zu unsern Jüngsten.\" Die Jüng-\nsten sind die Frucht der Meister der ägyptischen\nPlastik und der Tribut ist bereits auf zwei Mark\nachtzig herabgesetzt. Ja die Liebe: „Und es sind\nnicht die schlechtesten Werke geworden die ihnen\ndie Liebe eingegeben.\" Löffelweise: „Am besten\nnennen wir die Titel der einzelnen Abschnitte:\n„1. Adam und Eva\" (bekanntes Liebespaar); „2.\nGötter und Helden\" (bedenkliches Liebespaar);\n„3. Deutsches Volkslied\" (nur einmal im Leben);"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5124, "texte": "„4. Liebe und Tod\" (mit Folgen); „5. bürgerliche\nLiebe\" (Einheirat nicht unter dreißig Mille); „6.\nDie Galanten\" (ich weiß Bescheid); „7. Romanti-\nsche Liebe\" (siehe bürgerliche Liebe); „8. Selbst-\nbildnisse\" (Eigenliebe); „9. Parodie und Humor\"\n(Paarweise Verwechslung); „10. Psychologen der\nLiebe\" (Hochachtungsvoll Der Verleger). Das\nLiebespaar tritt nicht nackt in das verlegene\nWerk: „Wir finden da alle Stoffe: Vom Mythos\ndes ersten Menschenpaares bis zur Liebe in den\nMauern der modernen Großstadt.\" Adam und Eva\nsind dem Kenner mythisch, hingegen ist ihm die\nLiebe in den Mauern mystisch. Trotz dem Druck\nsind alle Liebespaare heiter aufgelegt: „Apollo\nund Daphne, Venus und Adonis, der Raub der\nSabinerinnen — die Befreiung Andromedas, das\njunge Hirtenpaar Dafnis und Chloe, Faun und\nNymphe, Satyr und Bacchantin, sie alle ziehen im\nReigen vorüber.\" Unter den Anwesenden be-\nmerkten wir: „Unter ihnen die berühmten Liebes-\npaare der Dichter Paolo und Francesca, Romeo\nund Julia.\" Diese beiden Paare haben sich my-\nthisch verfrüht. Und damit noch nicht genug:\n„Der deutsche Dudelsackpfeifer mit seinem be-\nkränzten Dorfmädchen\" (vermutlich Abschnitt Pa-\nrodie und Humor), „tanzende Bauern (vermutlich\nAbschnitt Götter und Helden), „der Bannerträger\nmit der Lagerdirne\" (vermutlich Adam und Eva),\n„Jäger und Sennerin\" (vermutlich Abschnitt bür-\ngerliche Liebe), „das schnippische Mädchen und\nder brave Tölpel\" (vermutlich Abschnitt Psycholo-\ngen der Liebe), „alle sind sie da\". Es fehlen noch\nverschiedene die ich kenne. Stattdessen wird\nhingegen „eine besonders interessante Reihe\" ver-\nsprochen: „Andrea del Sarto mit Lucrezia del\nFede... Rubens mit Isabella Brandt und mit\nHelene Fourment\" (vermutlich Abschnitt bürger-\nliche Liebe), „Philipp Otto Runges Selbstbildnis\nmit Gattin und Bruder\" (Runge selbst war offen-\nbar verhindert, da muß sein Bildnis die Gattin\nbegleiten), „Goya mit der Herzogin von Alba\nspazierend, Corinth mit dem Modell im Arm\" (for-\ndert er sein Jahrhundert in die Schranken, die\nbereits geschlossen sind), „die Modernen Beck-\nmann und Kokoschka sind hier vereint und ihre\nBilder fordern zu anregenden Vergleichen heraus\".\nEs ist eine Herausforderung, Kokoschka mit Beck-\nmann zu vereinen, umsomehr, da Kokoschka von\ndieser Vereinigung nichts weiß. Wozu der Ver-\nsammler bemerkt: „Vom Erhabenen zum Lächer-\nlichen ist nur ein Schritt.\" So können wir also\ngetrost das Buch erwarten. „Der Verfasser hofft\nmit seiner neuen Arbeit den selben Beifall zu fin-\nden, wie mit der früheren über das Tier in der\nKunst, die gleichzeitig in neuer Auflage zu gleichem\nPreise erscheint.\" Für eine Volksausgabe emp-\nfehle ich die beiden Arbeiten zu vereinigen und\nsie unter dem Titel „das Liebespaar und das Tier\"\nherauszugeben. Mit der Kunst hat die Angelegen-\nheit doch nichts zu tun.\nDer Obermuserich\nNun bin ich gebildet. Vor kurzer Zeit schrieb\nich: „Da lebt in Hamburg gemütlich und nett Herr\nPhilipp Berges. Ich weiß nicht, was der Herr sonst\nnoch tut, sein Name steht öfters im Hamburger\nFremdenblatt.\" Herr Berges ist ein echter großer\nDeutscher-Hamburger-Schriftsteller-Dichter. Aus\nHamburg wird gemeldet: „Die auswärtige Kritik\nhat den Verfasser als den gewandtesten amüsan-\ntesten und vielseitigsten Feuilletonisten unter den\nHamburger Schriftstellern bezeichnet und dieser\nCharakter prägt sich auch in seinem neuesten\nBuche aus.\" Wahrscheinlich in Goldhochdruck.\nUnd die auswärtige Kritik ist hierorts bekannt:\n„Das Berliner Tageblatt erließ während des\nKrieges eine Umfrage, welche Bücher man in\ndieser ernsten Zeit lesen sollte und unter wenigen\nBüchern vereinigten sich viele Stimmen auf Phi-\nlipp Berges.\" Wenn Menschen schweigen, müssen\nBücher reden. Es ist aber undemokratisch, daß\nwenige Bücher viele Stimmen haben. Das wenig-\nstens sollte das Berliner Tageblatt nicht zulassen.\nUeber das Buch selbst wird mitgeteilt: „Der Weg\nführt über Indien, welches der Verfasser aus eige-\nnen Ansichten herrlich schildert und auch das eng-\nlische Joch ist nicht vergessen worden.\" Diese\nAnsichtskarte bestelle ich. „Die Handlung füllt\nsich immer mehr mit Spannung, bringt herrliche\nSchilderungen.\" Die Schilderung einer Spannung\nerzeugt folgenden Kurzschluß: „...und wenn dem\nBuch auch ein geschichtlicher Wert zuzusprechen\nist, so ist es doch ein echter Roman, spannend,\nfesselnd, vielgestaltig und farbig.\" Aber nicht nur\nder geschichtliche Wert wird ihm wenn auch zu-\ngesprochen: „Es ist ein Buch, von dem die Welt\nsprechen wird, und gehört zu den großen deut-\nschen Romanen die bleibenden Wert behalten.\nHochachtungsvoll: Gebrüder Enoch, Verlagsbuch-\nhandlung.\" Ich kann Bücher über Indien nicht\nlesen, aber um diesen gewandtesten und amüsan-\ntesten Reiseonkel dem sehr geehrten Publikum\nnoch näher zu bringen, wiederhole ich seinen Satz\nüber seine indische Reise nach Halle: „Halle vor\nallem als alte Musenstadt ist voll von Reiz für die,\ndie mit der Seele Augen zu sehen verstehen.\"\nAuf diesen Satz vereinige ich meine Stimme, es\nist ihm geschichtlicher Wert zuzusprechen, wenn\nauch Halle an der Saale spannend, fesselnd, viel-\ngestaltig und farbig herrlich geschildert ist.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "76", "page_fin": "81", "image_debut": 4, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.4", "titre_corps": "Meer", "titre_sommaire": "Meer", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.4", "debut_caractere": 5126, "fin_caractere_exclue": 7003, "texte": "Meer\nLothar Schreyer\n\nDer Nebel gilbt.\nDas Wasser gleitet\nAndreas ) . ..\ngleiten\nJohanna j\nAndreas:\nVerfangen in meinen Augen\nGesiegelt auf meinen Mund\nGekauert in mein Herz.\nJohanna:\nFern sinken die grünen Ufer umgraut.\nDie gelblichen Lichter fallen welk\nDie verschlossenen Augen.\nDer Tagstaub schieiert tief\nTief hängt mich mein Haar.\nSchmutzige Hände drosseln\nVergessene Schöne\nVergossene wir\nVergessen sind die Gassen und Gossen.\nMüde bin ich den Betten.\nAndreas:\nMild glänzen die Male auf meiner Brust\nSchlag und fremd\nDich gegliedert\nKette.\nJohanna:\nInsel hoch\nTropfschwer herab.\nLachen schnüren Hals.\nMutternot!\nDer Leib hüllt den Weg.\nAndreas:\nNächte dämmern\nSpiegel leuchtet Bild.\nDas Land ist dem Körper entwichen.\n. Der Körper geht an den Ufern umher.\nWeit starrt er hin.\nFlucht!\nFunkelthräne\nWunde.\nJ o h a n na:\nWiege singt\nMutter schweigt\nSchwer.\nSpielen auf und nieder\nAuf\nNie.\nAndreas:\nSegel bräunen Schatten\nLeuchten türmen fiebern Klippen\nWege schäumen\nSchaum Scham.\nJohanna:\nAugen perlen\nMund\nEntrollt.\nLicht straßt Sonne.\nAndreas:\nHöhen\nRagen segelt\nHimmel schwanken\nTäler wellen\nFurche\nLeib grabt\nHoch.\nJohanna:\n'i\nInsel |\nHaust tiert blumt steint\nSonnt mondet sternt\nWeibt mannt kindet\nWeit aus mir.\nAndreas:\nDu inselt Mich\nUm uns\nMonden Sonne Sterne\nKinden Mann Weib\nHausen Stein Tier Blume\nUns\nUm\nErde.\nJohanna:\nMeer.\nWir einsamen die Wege\nTraum.\nSchrei und Verhallen\nWelle.\nAndreas:\nWir ruhen im Rumpf der Galeere.\nWir sind gefesselt an ihre Fahrt.\nWir haben die Fahrt gewollt.\nWir wandeln die Sklavenbänke in Lager\nder Liebe,\nWir fahren über unseren Leib\nLeichen\nBoten\nWir.\nDas Verkündete ruht in uns.\nBrich!\nJ o h a n n a:\nBrich\nMich!\nSchlag Hieb Brust.\nThränen wölken herab\nBefruchtete Frau.\nMutter müht zum Tod.\nLiebe verfreundet die Liebe.\nAndreas:\nDein Leiden weht auf der Sonnenstrasse\nDas ist das Gold.\nDie Kette ringelt den Fuß\nHüfte du\nEinst."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3993, "texte": "Das zerrissene Feuer verglüht\nDie Gabe vertropft\nLeer.\nJohanna: ' ' ■ • ' ;\nHände öffnen nichts.\nFlügel streifen Hüften\nEinst.\nKetten lösen Glieder\nLeid\nDich.\nAndreas:\nGriffe welken Glanz.\nSterben liebt.\nFern\nBild jung\nEinmal noch\nVerloren\nMein.\nJohanna:\nTage nachten.\nMenschen stücken uns.\nKeine Flucht!\nIch sehe dich nicht.\nAndreas:\nNun gehst du fort.\nUnendliche!\nDie Wellen schäumen hoch ineinander\nSchäumkrone\nSchaum\nDie Gekrönte geht in ihr Land\nHeim\nO Meer!\nJohanna:\nWieder wiegt die Kinderwiege.\nDen gläsernen Vorhang ziehe ich zu.\nAuf und nieder\nWiege Woge\nwogt wiegt.\nDie Wimpern ruhen auf Wangen\nRötliche\nDie Glieder schweben im Atem\nAuf ab\nSchweben Schwingen\nSchwingt Schweben\nWeit weit\nWeitet Leid.\nLeid\nWeit.\nDer Nebel steift\nAndreas:\nDie dunkele Weite ist nah.\nDie Nähe wirft das kalte Tuch auf die Stirn.\nDie gelblichen Kissen decken zu.\nGleiten Fallen.\nDie Leiche ist in die Hüllen gesenkt.\nBrechende Wellen\nDie Totenklage im Wind\nStöhnen Drehen\nSturz.\nDer Schrei schreit\nDer Nebel kreist\nDas Fallen kreist\nDas Kreisen fällt\nDer Schrei schreit\nSchweigen\nDer Sang rauscht\nDer Sang:\nAbschied\nAbschied Nie Abschied\nWiederkehr Nie Wiederkehr\nWiederkehr Abschied\nAbschied Wiederkehr\nNie Abschied Nie Wiederkehr\nWiederkehr!\nDas Licht steht\nAndreas steht\nAndreas:\nInsel Du\nNackt\nVerschwende\nMir\nNackt\nMittag\nNackt\nMeerblume\nDu.\nDie Insel) steht\nAndreas:\nMöwe auf meiner Schulter\nLicht\nStehen\nStein Wandel Glanz\nBlume Wandel Glanz\nTier Wandel Glanz\nMensch Wandel Glanz\nStehen\nGlanz.\nAndreas glänzt inselt steht.\nDer Stein öffnet das Haus\nDas Haus öffnet die Strasse\nDie Strasse öffnet den Menschen\nDer Mensch öffnet die Blume das Tier\nDer Mensch öffnet den Stein.\nAndreas:\nGeöffnetes Meer!\nGeburt\nBlutender Schoß\nMutter!\nDie Eltern straßauf straßab\nDie Eltern:\nKauft! Fische! 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Da!\nTropfen\nMein Meer.\nDie Nacht schreit\nDas Blut\nJohanna:\nLicht!\nLeiche in »meine Schenkel gewellt\nTodlust.\nZertropft sind die Klippen der Insel.\nRot sind die Bäuche der weißen Pferde über mir.\nNagel in dein Herz\nEwiger Bräutigam\nSturm.\nDer Sturm türmt schlägt\nKarl hält die Hände in das Schlagen gefaltet\nDie Welle weißt\nKarl:\nSchwester unser die du bist.\nZerlastert werde mein Same\nDein Reich bin ich\nDein Wille geschehe wie auf Erden also auch\nim Himmel\nDein täglich Fleisch gib uns heute\nGib mir die Schuld wie ich dir die Schuld gebe\nFühre mich in Versuchung und fessele mich\nin deine Kniee\nSchon deine Puppen hatten Männerhosen an.\nAmen.\nDer Turm gellt stürzt\nDer weisse Vogel zerblitzt im Sturz\nJohanna fließt mit gefalteten Schenkeln vorbei»\nAndreas geschleudert steif steil\nAndreas:\nRausch\nTurm\nIch\nMeer will Licht\nRauschend getürmt\nMein Sturm.\nDer verlorene Bruder zerbetet sein Heulen\nDie verlorene Schwester zerliebt ihr Geschlecht\nMein Geschlecht heult.\nVom Rumpf gerissen fetzen die Segel\nSchaum\nSchlag\nSteht\nWeiß.\nDie Berge bäumen die schwarzen Rücken.\nDer Vogelfall glänzt zu Tal.\nDie Hunde verenden mit blutendem Rachen\nSie trinken mein Blut.\nIch stehe\nSie bäumen die sterbenden Rücken zu mir\nIch stehe\nSchmiegende Katze am Knie.\nStand\nTurm\nMeerlicht\nRauschmeer\nIch.\nDie Welle bricht\nAndreas:\nMutter\nVater\nGeliebte\nKind\nStein auf dich\nDu.\nDie Welle schwarz zerrauscht\nAndreas zerwellt\nDie Nacht\nDas Rauschen\nDer Stern rauscht aus der Nacht\nDie Welle rauscht aus dem Stern\nDer Sternbruder geht über das Meer\nDer Sternbruder:\nSchwester Bruder\nMutter Vater\nGeliebte\nKind\nKindschwester Kindbruder\nKindmutter Kindvater\nKindgeliebte.\nDer Sternbruder zerlächelt\nAndreas öffnet die Augen.\nAndreas:\nDie entkleideten Knaben schwanken sanft\nDie Splitter der Sonne sterben die Fläche\nRing!\nDie heißen Gerüche der Frau trägt der Wind\nDer gläserne Sarg kühlt.\nSeine Wogen kräuseln und blühen\nBlau blüht das Licht\nKnospe.\nDie zarten Säume der Welle falten das Kleid\nFällt das Kleid\nWehen\nGlanz\nKristall.\nDie Wellen öffnen die Höhlen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1793, "texte": "Die dunkelen Leiber rollen hoch\nDer Gram schämt seine Wunden ins Blau.\nSilbern fingert das Lächeln den Mund.\nDie letzten Tiere sind Augen.\nDie letzten Menschen sind Tropfenschein.\nDie Höhe brennt\nFeuer.\nJohanna senkt den glühen Leib\nJohanna:\nVergessen heißt das schöne Wort\nAndreas:\nDas heiße Vergessen schönt das Wort\nJohanna:\nDas heiße Wort vergießt die Schöne\nAndreas:\nDie vergossene Schöne strömt\nAuf\nEwig.\nJohanna:\nDie Krone senkt den Ring\nFlute Glühen\nDer Ring fesselt das Licht\nKronenblau\nGlühe Flut.\nZerwandelt Gassen und Gossen\nVergessen die müden Betten\nDer stürmende Strahl strählt das zerrissene\nHerz\nGebreitet dir.\nWir inseln uns nicht.\nGelebt ist das Leben der Menschen.\nVergossene wir\nTrank und Rausch\nNun sind wir leer\nGefäß.\nAndreas:\nKristall\nRauschender Guß\nMeere Sternen\nUns\nMeere trinken\nUns\nSterne rauschen\nUns\nKristalle gießen\nUns.\nJohanna:\nLicht weht\nWehen lichten\nMeer\nLeib\nKreis\nGeschieht.\nAndreas:\nUmschlingen Wechsel Abschied Nie\nVerrinnen Wechsel Abschied Nie\nBluttiefe enthüllt.\nMein Schoß!\nTief und Blut\nMein\nScham Du entschämte.\nJohanna:\nDu Dein\nBlut und tief\nSchämt Schaum Dir\nKrone\nMich um Mich\nGleich und gleich\nSein Nie\nEnde Nie\nWir.\nAndreas:\nIch glaube Du\nJohanna:\nIch glaube Du\nAndreas:\nMeer! '.\nJohanna:\nLicht!\nAndreas:\nGelichtete mein\nJohanna:\nMeer dein\nAndreas:\nIn dir\nJohanna:\nDu\nAndreas:\nDurch dich\nZu mir\nJohanna:\nMir zu\nDich durch.\nAndreas:\nDu\nJohanna:\nIn dir\nAndreas und Johanna:\nMeerlicht!\nKind!\nAndreas: 1 ,\nT , sind Ems\nJohanna: )\nAndreas und Johanna:\nLicht\nMeer\nKind\nMich Du\nMeer\nLicht\nKind\nDich Ich\nLicht\nMeer\nKind\nUns Kind\nWir Kind\nDich Mich\nUns\nKind\nKind\nDie Geburt\nDas Meer ist das Licht\nLichtmeer\nDie Stimme:\nRoter Leib\nBrand\nBrand\n'Roter Leib\nBrand\nBrand\n•Roter Leib\nBrand\nBrand\nRoter Leib\nWerden\n<K reisen\nSternen\nDer Stern ist die Erde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "77", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.4.1", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: Rudolf Blümner", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: Rudolf Blümner", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 31, "texte": "Oskar Kokoschka: Rudolf Blümner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "79", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.4.2", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: Adolf Knoblauch", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: Adolf Knoblauch", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 32, "texte": "Oskar Kokoschka: Adolf Knoblauch"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.5", "titre_corps": "Der Letzte", "titre_sommaire": "Der Letzte", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.9", "debut_caractere": 1795, "fin_caractere_exclue": 4571, "texte": "Der Letzte\nAugust Stramm\nHe! da oben! Lachen! ich lache! drei Tage\nstürzen! brüllen! drei Tage Jahre Ewigkeiten!\nund bist noch nicht zerstürzt! verfluchter Him-\nmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche,\nalles zusammen, den Graben. Schützengraben.\nSchutz. Grab, die Stellung wird gehalten bis zum\nletzten Mann! vorwärts Jungens. Das Blau-\ngespenst klimmt rote Augen auf. rot feuerrot,\nverschlafen. Der Tag hält nicht aus. so oder so!\nschießt! schießt! der Wald! ja. in den Wald!\nSchädel. Wolken, lustig! der beste Schütze darf,\nja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen. Mord\nMüdigkeit Rasen Wut! He! Bursche! Bursche da\nvorn! willst du? willst du schießen?! du? ja? der\nKopf zwischen die Beine geklatscht? Drückeber-\nger! schießen! knallen! seht! sie kommen aus dem\nWald, raus aus dem Lauf! die Backe gesetzt!\nbrav! brav! Schnellfeuer! Blaue Bohnen! Bohnen!\nBlaue Augen! mein Schatz hat blaue Augen, haha!\ndrauf! drauf! sie laufen. Korn nehmen. Zielschei-\nben. laufen. Mädchenbeine, ich beiße, beiße, ver-\nflucht. Küsse scharfe, drauf gehalten! Standvisier\nAug in Auge! Wasser? was? die Läufe glühn?\nalle Schläuche glühn. letzte Nacht hat die Feld-\nflasche zerschlagen, das trockne Glas geleckt,\ndie Zunge blutet, schluckt, schluckt, schießt die\nFlinten kalt, euch selber kalt, kaltes Blut! da vorne\npfützt Wasser. Pfui Teufel! gierig! Dreck! Blut,\nblutiger Dreck. Blut modert zu schnell. Feuer!\nSchnellfeuer! raus! nicht einschlafen! wer? nehmt\nihm die Patronen aus der Tasche, wir brauchen\nsie. der Kerl blutet! ein kleines Loch kann so blu-\nten! schießen! Zielpunkt. Donner! Knacken! das\nFlattern! so müßt ihr auch schießen, zielen, zielen,\ngut. ruhig, die Hunde drüben, die arme Erde. Brief\nin der Tasche? natürlich, schlapp und gleich tot\nauf der Nase, „mein lieber Mann!\" ja. Männer\nbrauchen wir. aber keine toten hier, essen. Brök-\nkel Schokolade. Mutter, schießt Kerle, ach Mütter\nweinen immer, schießt! ich war ein weicher\nJunge. Teufel! Kopf hoch! die Nasen aus dem\nDreck! Was?! keiner? alle? Faullenzer! Verstär-\nkung. hört ihr? Verstärkung kommt. Feind nicht\nranlassen! die Flinten vor! Teufel! totsein ist\nSchande! seht! ich schieße, schieße. Verstärkung,\nhört! Trommeln. Hörner. Tata trrr! eilt da hin-\nten! eilt! Muttertränen. Vaterbrünste. Dreck! Drei\nTage Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich\nimmer so sorgsam gewaschen. Grab. Hölle. Teu-\nfel. mein Arm schießt. Finger ladet. Auge trifft.\nHurrah! Hurrah! die Beine in die Hand! Hurrah!\nTod und Leben! Hurrah! Eisen! Hurrah! drauf! Mein\nKopf! Kopf! wo ist mein Kopf? voran, fliegt, kol-\nlert. brav. Bursche! in den Feind! beißen beißen!\nSäbel! ha! weich der Vaterbauch, weich. Mutter,\nwo bist? Mutter, seh dich nicht? Mutter du küßt.\nMutter, rauh, halte mich, ich falle doch. Muttef\nich falle. Mutter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "82", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Sophie van Leer ; Gottes Haupt", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.9", "debut_caractere": 4573, "fin_caractere_exclue": 5251, "texte": "Gedichte\nSophie van Leer\n\nI\nIn die Welt bin ich geworfen\nWeit wurde die Erde\nIn roten Wolken bin ich aufgefangen\nDer Mond geht rund\nund immer seh ich sein eines Gesicht\nHinter den Sternen rauscht die Ewigkeit\nKlein sind meine Arme und Vögel haben Flügel\nDie Sonne strahlt mir das Lächeln von Gott\nMein Schatten fällt den Strahlen in das Haar\nAuf meiner Stirne weint das Leben\nDie Seele schläft\nund träumt\nund wartet in die Ewigkeit\n\nII\nDie Blumen schlummern in den Falten meiner\nStirn\nAuf meinen Schultern träumt der Mond .\nIn meinen Händen nisten kleine Vögel\nDer bunte Tag löscht seine Lichter aus\nDas Herz der Sonne pocht in meinem Herzen\nIn meinen Armen schläft die Erde ein"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 631, "texte": "III\nDie Straßen am Himmel sind silber bestreut\nAuf meinen Lippen singt ein Stern\nZwei Sonnen halten jnein Herz\nRote Blumen kreisen meine Adern\nDie Seele träumt in deinen Strahlen\nDein Sein erfüllt mich bis zum Rand des Seins\nEin tausendfach Gebet ist meine Qual\nRings um die Sterne kreisen unsre Herzen\nMein Atem glüht\nIm Winde wachsen unsre Stimmen\nWir sinken jubelnd in das Himmelreich\n\nIV\nSchwarz kniet die Nacht die blaue Erde\nDie Himmel stürzen in die Dunkelheit\nAus allen Träumen steigt mein Antlitz auf\naus allen Tränen heb ich mein Gebet\nIch gehe zu den Sternen ein ,\nund meine Hände werden eine Schale unter\n\nGottes Haupt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "81", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Für ihn gab es nur Heilung in der Nähe von\ndicken, spießigen, breithüftigen, busengefildigen\nWeibern, die ihn langweilten, wenn er im gefüllten\nBahn-Abteil zwischen sie gedrängt sitzen mußte.\nSeidenfaden hatte früh als Knabe auf dem Lido\nund in Biarritz herumgesessen, die Nacktheit an-\ngestarrt, Eindrücke der weiblichen Körperlinien\ngesammelt und seine erotischen Möglichkeiten mit\nden Freunden erörtert. Seidenfaden begann\nden Lido der Massen am Wannsee zu besuchen.\nTäglich vom Morgen bis zum Abend lag er Som-\nmer und Herbst hindurch im Sande des Sonnen-\nbades und starrte auf die trikotne Gruppe abge-\nlebter junger Damen, die mit kalkigen Gliedern\nschläfrig Lebenslust posierten, auf Pfählen im\nseichten Wasser vor den stierenden Männern im\nnassen glatten schwarzen Badeanzug herumturn-\nten und zur gleichmütigen Badeblechmusik sich\nunter Gelächter hin- und herdrehten. Seidenfaden\nergötzte sich, mit den Animier-Badnerinnen im\nSande zusammen zu liegen, denn wegen des\nHavelwassers ging er nicht zum Baden.\nIm Sande arbeitete er an seiner Philosophie. An\nden massenwimmelnden Sonntagen, in den wür-\ngenden Ausdünstungen der geschwitzten Tausende,\nim Kindergeschrei, den Zoten, während die berliner\nRangen beiderlei Geschlechts ihre Liebesspiele\nklatschten und plätscherten, lag Seidenfaden zwi-\nschen Sine, seinen Holden und deren Liebsten und\nführte die Sache der kreuzweisen Liebe.\nIn der stinkenden Oede, im heissen Sand, am\nseichten brutwarmen Wasser wälzte sich der ge-\nbräunte Seidenfaden und griff von überall einen\nBlick nackten Frauenleib, nackten Mädchenleib in\nallen Rundungen, Beugungen, Streckungen, Hin-\ngießungen.\nSeidenfaden mietete eine geräumige Mansar-\ndenstube nahe den Sanatorien und siedelte mit\nseinem ganzen verstaubten und zerbrochenen Trö-\ndel über. Er hinterließ Schneekamps keine Kar-\ntoffel und Tomate.\nSeinem neuen Heim, das ihn hegen und um-\nfrieden sollte, gab er in angestrengter Tätigkeit,\n«ui Knieen rutschend, einen Anstrich mit weihenden\nFarben. Er pinselte die schräge Dachdecke und\ndie lotrechten Stützbalken, welche durch die Stube\nragten, mit einer absolut weißen Leinfarbe an.\nDem Fußboden aber gab er einen Anstrich von\nindigoblauer Lackfarbe, daß er gleißte wie Majo-\nlika-Kacheln von Cadinen. Seine zerbrochenen\nStühle, durchgesessenen Rohrgeflechte, den un-\nsauberen wüst behäuften Tisch, sein Piano bemalte\ner mit dem gleichen blauen Lack, um ihn aufzu-\nbrauchen, und wenn seine Möbel davon nicht\nheiler wurden, so wurden sie jetzt heiter dem\nGanzen wohl eingefügt. Das Fensterkreuz bekam\nauch blauen Lack.\nIn diesem Himmel aus Indigo und Wol'kenweiß\nlebte Seidenfaden mit seinen buntein Manuskripten\nund gemischten Marmeladentöpfen. Die Manu-\nskripte verstaubten, und die Töpfe oder Büchsen\nverstaubten, gefüllt oder geleert im Winkel, wo\ndas schräge Wolkenweiß dicht ins Indigo herab-\nstieß. Dieser Winkel war Sinens liebster Ort, eine\nrunde Blumen-Vase, Geschenk einer Verehrerin\nSeidenfadens, lag dort umgestülpt und war Sinens\nFrauensitz. Hier naschte sie aus den süßen Töpf-\nchen.\nDie übrigen Räume der Wohnung, zu der\nSeidenfadens Stube gehörte, waren im Besitz einer\njungen, lebenslustigen Wittwe. Das eng nachbar-\nliche Zusammenwohnen brachte alsbald trau-\nlichere Beziehungen zur Witwe hervor. Bei ihren\nallmählich regeren Besuchen auf Indigoblau und im\nWolkenweiß wurde sie sanft in die kreuzweise\nLiebe eingeführt. Ehe Sine zum Bunten kam, saß\nLischen schon auf den dünnen, zaghaften Knieen\nSchönings und naschte aus Sinens süßen Töpf-\nchen. Seidenfaden empfand das ahnungsvolle\nGlück des kreuzweis Geliebten, wenn Lischen die\nblossen Arme aus dem Morgenkleid hob, ihn um-\nhalste, seinen rötlichen Bocksbart küßte, ihre\nLeibesfrische in seine welke Philosophie drückte,\nindem sie aus dem Marmeladenglas mit den Fin-\ngern schleckte. Lischen war freilich weder die\nästhetisch stilgerechte und geistige Geliebte, noch\ndie ehelich dienende und strebend hingegebene Ge-\nfährtin Sine — Lischen war die lebensfrische\nLustigkeit, die in zaghaften Zeiten alternden\nKönigen zur Anwärmung schläfriger Triebe des\nLebenswinters ins Bett gelegt wurde. Lischen\nerheiterte, sie verscheuchte Sorgen, von denen\nseine Stirn stockig und runzlig geworden war.\nSo oft Sine darauf drang, daß Bande von Amts-\nwegen die flüchtigen Hände des Bunten Seiden-\nfaden mit ihren verflochten, so oft erfand Seiden-\nfaden wunderliche Ausflüchte, um sein günstiges\nJunggesellenleben und seine Liebeserfindungen\nweiter zu entwickeln. Sine fügte sich unterwürfig\ndarein, sie geriet in immer größere Abhängigkeit\nund Anpassung des kreuzweisen Zwanges, der ihr\nsüß schmeckte.\nZuweilen traf Sine Lischen noch auf Seiden-\nfadens Knieen an, und sie durfte nicht sauer sehen,\nwenn Lischen schleckte und mit Handkuß von\nSeidenfaden bunt und duftig herabsprang. Dann\nschmollte Sine düster auf der umgestülpten Vase.\nWenn aber des Geliebten rotwangig glänzendes\nAngesicht sich ihr näherte, so half alles nichts und\nsie setzte sich gern auf seine noch warmen, dünnen\nKniee. Seidenfaden fand das Heiße, Reizende der\nLiebe und Küsse heraus, wenn Zudritt geliebt\nwurde, die Liebe wurde intensiv, energisch,\nheroisch. Die Vertilgung der Eifersucht machte\ndie Liebe feingeistig, vergöttert. Nun ließ\nsich auch über die Liebe, die das schweigsamste\nDing von der Welt Beginn an war, unerhört viel\nreden und theoreitisieren.\nSine war grenzenlos eifersüchtig, sie verbitterte\nschnell. Auf alle war sie eifersüchtig: Wittwe\nLischen, das Fräulein im Haus von Seidenfadens\nEltern, mit dem er nach dem Essen gern allein war,\ndie drei kleinen Dollingsmädchen, die zu! sech-\nzehnjähriger Magerkeit und asketischem Jungmäd-\nchenleib heranwuchsen. Nicht zu zählen die Kniee,\nHüften und Arme der jungen Mädchen und Frauen,\ndie Seidenfaden im Bahn-Abteil gegenüber, neben\nihm saßen und sich an ihn drückten, nicht zu\nzählen die Vielen, die im Sonnenbad durstig an\nseinen blossen Leib sich schmiegten.\nSine saß im Winkel, wo Wolkenweiß dicht in\nIndigo herabstieß, und zählte trüb die noch nicht\ngeschleckten Töpfchen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "82", "page_fin": "82", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.8", "titre_corps": "Lieder", "titre_sommaire": "Lieder", "signature_source": "Wilhelm Runge", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.10", "debut_caractere": 6906, "fin_caractere_exclue": 7853, "texte": "Lieder\nWilhelm Runge\nI\nMittag\nBlut fließt aus der Adern Mittagsenge\nhält den Atem an ganz losen Leinen\nmäht die Sonne hin in goldnen Garben\nsammelt sommersummend\nBund um Bund\nDörfchen hängt am hohen Schilf des Tages\nhebt und senkt die dächerbunten Flügel\nund des Himmels überlichte Wasser\nsprudeln Blumenzwitscher\nVogelschrein\nII\nSchrecken zäunt die spieligen Gedanken\nMondschein hätschelt seine wilde Nacht\nzuckend blutet Welt vom Sims der Sterne\nSeele hastet herzen wimmre Wunden\nwankend\ntastet zager Sommertag\nIII\nDuften steht mit ausgebreiten Händen\nkraus springt Sonne über keck Gesträuch\nleise weiden grille Wolken Träume\nblauen Himmel streichelt koses Gras\nSonne wiegt im Moos die tanzen Sterne\nund die Wälder schweben drüberher\nRosen kosen die verschämten Wiesen\nschüchtern faltet Blut die trillre Hand\nBäume hetzen ihre grünen Segel\nWinde liegen flüsternd ohrinohr\nSummen hascht die flatterhaften Blumen\nBienen tropfen\nSteine atmen schwer"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c015", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "82", "page_fin": "83", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.9", "titre_corps": "Legende vom Prinzen und der Tänzerin", "titre_sommaire": "Legende vom Prinzen und der Tänzerin", "signature_source": "Rudolf Alker", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.10", "debut_caractere": 7855, "fin_caractere_exclue": 8104, "texte": "Legende vom Prinzen\nund der Tänzerin\nRudolf Alker\nEs war eine Tänzerin im Reiche Gottes.\nIhre Zehenspitzen sprühten Feuer im Wirbeln.\nUnd ihre Kinderschenkel waren süsse\nBeischläferinnen.\nDer Prinz hatte braune Augen und einen\ngoldgestickten Kragen."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4741, "texte": "Seine Hand war mit Schlangenringen\nbewaffnet.\nDie Tänzerin aber lehnte an papierner Brücke und\ndachte über das Lärmen der Menge.\nDa hob sie wie im Lampenlichte ihre\nbewimperten Augen\nUnd sah den Prinzen.\nUnd es war ihr als wär er aus Äonen schon ihr\nBruder.\nAls wollt er ihr die Hände reichen.\nDer Prinz aber sah den Flitterkranz um ihre\nRundschenkel\nUnd war sehr huldreich und voll vornehmer\nZärtlichkeit.\nDas Mädchen aber freute sich seiner\nPrinzenheit\nUnd ließ ihn gewähren wie einen großen Bruder.\nEinst zog er ihr ein Hemdchen über die kleine\nBrust.\nUnd Flügelkleider kamen um ihren Flitterkranz\nUnd Schnallenschuh, in denen sie ungeschickte\nSchritte machte.\nDamals aber bekam der Prinz wie fremde\nAugen.\nUnd mußte viel verreisen.\nDas Kind trug die verschlungnen Kleider\nund ging wie andere.\nSie fühlte sich jetzt immer neu und zu ihm\nwie verschwestert.\nNur wenn sie ihre Wimperaugen aufrichtete\nsah man Umstrahltes.\nDas erregte Staunen.\nAls er kam flog sie ihm entgegen\nauf Tanzspitzen im Wirbelkleid.\nEr hatte ein bronzenes Antlitz mit kurzem\nScheitel.\nUnd seine Augen waren seltsam etwas starr\nauf sie gerichtet.\nDer Mund in dunklem Fragen wie geöffnet.\nDa wirbelt tanzend Licht um ihn.\nEin warmer Atem schlang zwei Arme ihm\num seinen Hals\nUnd ihre Brust lag ihm, ihr Knie, an seinem\nSchoß.\nUnd ein Paar Lippen schlössen ihm den Mund\nmit Küssen.\nEr machte spät sich los.\nEr sah nach vorn mit dem gewinnendsten\nAugenlächeln.\nUnd wandt sich kurz zu ihr und nahm sie\nmit sich an die Hand.\nSo viele Jahre dauerte die Reise.\nDie letzte Straße war voll Wagen die im\nRegennassen standen.\nDas Tänzemädchen seines Arms sah alles das\nmit ihren Augen, wie erfühlend.\nSie fror zuweilen und ihr war als ging an\nihrer Stelle eine andre.\nUnd doch war sie es mit den Tanzessprudelfüssen\nund den Strahlenwimpern.\nUnd doch war es ihr großer Bruder neben ihr.\nDer Prinz der Erde und die Tänzerin der\nKindheit.\nIn hellen Räumen saß er gegenüber ihrem Sessel.\nSie duckte sich in Sessellehnenseiten.\nMit jungem Körper kauernd.\nUnd war nach unten rings ihr Flatterkleid herum\ngebreitet.\nZum Spaß so unabsichtlich groß um eine\nJugend\nEr sprechend redete durch klaren Raum.\nEntscheidung dieser Stunde.\nZu meiner Flügelschwester oder Buhlerin.\nIn starre Pausen kamen Stammelworte seiner\nkauernden Umkränzten.\nIch möchte deine Liebe. Du mein Bruder.\nEs sank ihr halbverschattet Tränenblick zu ihm.\nEr stand gewiegter Haltung träumerisch im\nSpiegelsaal.\nUnd wie erfüllt von andrem fiel ihr Blick zu ihren\nKleiderfüssen, Tanzesfüssen.\nUnd er verwarf das Goldbesetzte.\nUnd stand gestickter Hemdenbluse wie ein Turner.\nUnd trug sie wiegend zu dem Lager.\nUnd lehnt sich zu der Tänzerin des Flitterkranzes\nund der Strahlenaugen.\nEs war Musik aus vielen Lichterspiegeln.\nSie küßte ihn aufs Haar als er ihr Knie berührte.\nEs flüsterte aus Schmerzen noch von Bluteslippen.\nDu Liebster. Du mein Bruder.\nUnd Gottesstille kam zu ihr.\nSie schritten traumverschlungen durch die\nRäume.\nDes Prinzen Kleid ward schimmernder und\nschimmernder\nund ganz in Silber.\nEr führte sie ans Fenster.\nSchlug den Vorhang seitwärts.\nStarre, aufgerissne Augen.\nDort in der leeren Straße\nSah man einen Berittenen halten, der heraufsah.\nDer Vorhang schlug ihr vors Gesicht.\nNachtfinsternis vor ihr im Räume.\nNur seine Augen waren noch zu sehn, die\nglühend sich bewegten.\nDa fühlte sie sich einsam vor dem Schicksal\nMit dieses Prinzenmannes Tigeraugen.\nEs war ein Fremdes das dort glühend sie\nbedrohte.\nSein Arm faßt tastend ihre Schultern.\nUnd seine Hand nach schwachen Knien.\nUnd hob sie mit den Faltenkleidern.\nSie wollte lachen, und sah Sterne fliegen.\nSie wollte schrein, und fiel in wirres Kissenlager,\nwehrte sich.\nDer Rock verfiel. Mit Hand und Knien.\nZerschriene Ohnmacht.\nLichternacht 'der Spiegelsäle.\nDa sah sie ihren Haßgeliebten stehn\nUnd höhnisch Lächeln spielte noch in seinen\nAugen.\nEin Mann, der sie hat schänden wollen.\nUnd die Gestalt des Prinzenlüstlings schwankt\nwird bläulich, fern den Augen.\nEin Poltern. Schweres Klirrn und Stampfen\nHuftritt hohler Stiegen.\nIn schwerer Rüstung über Treppen in\nden Saal.\nDer Lüstling faßt sich, sieht gleichgültig seinem\nEingang.\nSie, Flitterkranzes,, nackt, verschlungner\nBeine auf dem Lager\nAbwehrend Hände, fliehend Haar von gläsern\nAugen nach der Tür.\nEin irres Schrein\nDie Glastürn fliegen\nAuflastend Pferde haltend in dem Saale der\nBerittene von unten.\nUnd öffnet das Visier:\nDer Prinz.\nUnd Donner. Rauch erfüllt den\nBildersaal im Schwinden.\nJahre.\nEs war die Tänzerin im Reiche Gottes.\nSprudelfüssige.\nSie lehnte an papierner Brücke\nund dachte über Sinn und Lärm der\nMenge.\nDa hob sie wie im Lampenlichte\nihre Wimperaugen.\nUnd sah den Prinzen.\nUnd ihr war als wär er seit Äonen schon ihr\nBruder.\nAls wollt er ihr die Hände reichen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c016", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "83", "page_fin": "83", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.10", "titre_corps": "Die Entdeckung des Herrn K. F.", "titre_sommaire": "Die Entdeckung des Herrn K. 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F. kennt auch alle Lieblingsdichter von\nder Schule . . . August Stramm ist nicht darunter.\nHerr K. F. kennt auch alle Lieblingsdramen von\nder Schule . . . August Stramm kennt er nicht.\nHerr K. F. fühlt sich fremd.\nAber eines erkannte Herr K. F. gleich wieder\n— von der Schule her — das waren die Fürwörter\n(Pronomina). Und weil er nichts erkannte, hielt\ner sich wenigstens an diese Bekannten. Aber er\nfand sie zu aufdringlich. Darum wurde er auch\nhier nicht heimisch.\n/Er fand, daß sich die Personen mit Fürwör-\ntern (Pronominibus) bewarfen, aber sie flogen\nihm an den Kopf.\nHerr K. F. war ärgerlich.\nEr wußte gar nicht, worum es sich handelte.\nEr begriff überhaupt nicht die Handlung.\nEr begriff nur, daß ein Held die Erde zerstört.\nUnd fand das sehr wenig. Und außerdem handelt\nes sich in dem Drama Geschehen gar nicht darum.\nUnd die Wörter flogen ihm immerzu an den\nKopf.\nSo daß Herr K. F. überhaupt nichts mehr den-\nken konnte. Er konnte sich nicht einmal das\nDrama besser vorgetragen denken.\nHerr K. F., gewohnt mit feinem Lächeln zuzu-\nhören, fühlte sich plötzlich von Worten umwirbelt.\nHerr K. F. fühlte sich selbst herumgewirbelt.\nEr bestritt. Er wäre als Kritiker mit friedlichen\nAbsichten gekommen.\nUnd die Worte flogen ihm immerzu an den\nKopf.\nHerr K. F. verfaßte eine Beschwerdeschrift\nfür das B. T. gegen den Lieblingsdichter August\nStramm."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c017", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 111, "fin_caractere_exclue": 415, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Straße 134\nQeoffnet tagiich von 10—6 Uhr / Sonntags vo«\nH—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\n-ionatlicher Wechsel\nFiinfundvierzigste Ausstellung\nCampendonk\nSechsundvierzigste Ausstellung\nFranz Mare\nGedachtnisausstellang\nEroffnung: 1. 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Oktober\nRudolf Bliimner: Vortragsabend\nMombert / Poe / Strindberg / Stramm\nSiebenter Abend / Mittwoch den 25. Oktober\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nAchter Abend / Mittwoch den 1. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nNeunter Abend / Mittwoch den 8. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nZehnter Abend / Mittwoch den 15. November\nAdolf Knoblauch\nKarten 3 um! 2 Mark / Stehplatz 1 Mark im Vorverkauf\nfur alle atigezeigten Abende an der Kasse der Kunstaus-\nstellung Der Sturm und an der Abendkasse\nÜbertragbare Dauerkarte fiir jede Serie (zehn\nAbende): 20 Mark / Verzeichnisse kostenlos"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 2470, "fin_caractere_exclue": 3310, "texte": "Verlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nPernruf Amt Ltitzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft SO Pfennig\n/ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\n/ Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nCin Halbjahr 6 Mark J Fiir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 20 Mark I\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je 6 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c022", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 3312, "fin_caractere_exclue": 4635, "texte": "Bueher aus dem Verlag Der Sturm\nJedes Buch 2 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur I In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplar en auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du ./ Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Flir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen ./ VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst J VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne./ X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c023", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 4637, "fin_caractere_exclue": 4883, "texte": "Handdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: P1 ak a t ftir die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzug 10 Mark\nAnna Scheerbart: Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinbande / Format\n42 X 35 Mark 4"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c024", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 4885, "fin_caractere_exclue": 5089, "texte": "Verein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. 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November\nab je 10 Mark / der vierte Jahrgang Sonder-\nausgabe 30 Mark / Die einfache Ausgabe des vier-\nten Jahrgangs Ist vergriffen\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenliebe /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren / 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nPeter Baum: Schiitzengrabenverse / Qedichte /\nQebunden 3 Mark\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten / 5: Rudolf Bliim-\nner / 6: Campendonk / 7: Peter Baum / Jede Karte\n20 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-10-15-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-10-15_01#c030", "volume": "bmtnabg_1916-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "84", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "debut_caractere": 7256, "fin_caractere_exclue": 7367, "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W 9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nKunstausstellung\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nSIEBENTER JAHRGANG\nBERLIN OKTOBER 1916\nSIEBENTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Heiteres: Verzweiflung der Gesunden / Vor Nachahmung wird gewarnt / Das ist die Liebe / Der Obermuserich / Lothar\nSchreyer: Meer / August Stramm: Der Letzte / Sophie van Leer: Gedichte / Adolf Knoblauch: Seidenfaden / Wilhelm Runge: Gedichte / Rudolf Alker:\nLegende vom Prinzen und der Tänzerin / Walter Mehring: Die Entdeckung des Herrn K. F. / Oskar Kokoschka: Menschenköpfe / Hermann Essig /\nRudolf Blümner / Adolf Knoblauch\n\nOskar Kokoschka: Hermann Essig"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.2", "texte": "Heiteres\n\nVerzweiflung der Gesunden\nAls gesund bezeichnen sich die Schriftsteller,\nMaler, Professoren und Journalisten, die Gedach-\ntes über Kunst nochmals bedenken. Sie werden\nvon Tag zu Tag bedenklicher, trotzdem das der\nGesundheit schadet und trotzdem das beste Den-\nken höchstens zur Kunst verführt. Aber Verführer\nsind keine Führer und Führer keine Künstler. Zu-\nweilen sind Künstler Führer. Sie sind es immer,\nwenn man Künstler nennt, wer Künstler ist. Die\nDenker stützen den Kopf in beide Hände und die\nGehirne beulen sich. Der Lesestoff bedeckt ihre\nAugen und die Leseblüten hängen ihnen aus dem\nMund heraus. Ihre Sicherheit ist nur durch Papier\ngedeckt. Sie machen Anleihen auf Anleihen, diese\nDenker, und verschreiben sich in eine immer größere\nSchuld. Ihr Schreiben ist ein Versagen und ihr\n£agen ein Verschreiben. Der gesunde Menschen-\nverstand ist altersschwach zu Buch gekommen.\nDie Denker verstehen und verdrehen alles. Wenn\nsie die Kunst umwirft, verstehen sie sich zur\nVerstellung. Sie verzweifeln an dem Zweifel. Sie\nverlieren die Lust am Leben, weil ihnen das Leben\nzu lustig ist. Sie verästeln sich in das Feuilleton,\nweil ihnen die Blätter auf die Nase fallen. Sie\nverschreiben viele Seiten, weil sie nicht eine Seite\nschreiben können. Sie sind versunken,, weil sie\nnicht sinken können. Sie verirren sich, weil sie\nnicht irren können. Sie verachten, weil sie nicht\nachten können. Die Gesundheit bringt zehn Pfen-\nnig die Zeile, weil sie keinen Markwert hat. Diese\nGesundheitsverwertungsgesellschaft ist eine Frie-\ndensgründung. Der bekannte Friedensengel hat\nzwei Pausbacken und diese Gesellschaft einen\nWasserkopf. Sie verliert nie das Bewußtsein, weil\nsie unbewußt überhaupt nicht lebt. Ihr ist der\nRede Sinn dunkel,, weil ihr Sinn die Rede ist.\nUnd so wird platt hochdeutsch geredet.\nDie Zeitungskritik besitzt jetzt zwei F. St. Der\nBerliner St drückt sich über den Impressionismus\naus, während der Frankfurter St sich in den Ex-\npressionismus hineindrückt. Der Stahl des Ber-\nliner Tageblatts wird in der Frankfurter Zeitung\nflüssig gemacht und ergießt sich von Menzel bis\nChagall. Ich setze einige Sätze auseinander und\nman wird das Naturwunder erleben, daß das Wun-\nder der Natur sie zu Tageblatt-Stahl macht. Trotz-\ndem, es handelt sich um zwei verschiedene Den-\nker, um zwei Persönlichkeiten, denen nur ein St\ngemeinsam ist. „Ich versuche die Eindrücke der\nletzten Ausstellungen zusammenzustellen und da\nergibt sich unvermutet, daß wir die Entwickelung\nder neuen Malerei von Menzel bis Muche und\nChagall durchlebt haben.\" Herr St meint,, daß er\ndie Ausdrücke seiner letzten Einstellungen zusam-\nmenzufassen versucht, und daß er sich unvermutet\nergibt, ohne die Entwicklung durchlebt zu haben.\nEs gehört schon viel gesunde Kraft dazu, eine Ent-\nwicklung zu durchleben. Herr St aus Frankfurt\nkann nicht sehen, nur übersehen: „In der Sommer-\nausstellung von Paul Cassirer übersieht man den\nImpressionismus von seinem Ahnen wider Willen\nMenzel bis zu dem Expressionisten Heckel, in der\nAusstellung des Sturms den ganzen Expressionis-\nmus, Kubismus und Futurismus von seinen unwill-\nkürlichen Urhebern Gauguin und van Gogh bis zu\nden Neuesten\", das alles hat er übersehen,, auch\ndaß Menzel kein Impressionist und Heckel kein\nExpressionist ist, „bis zu den Neuesten, bei denen\ndie Malerei die Gegenstände, die sie bisher be-\nnutzte, um etwas auszudrücken, aufgegeben hat.\"\nDie benutzten Gegenstände der Malerei werden\nausgewaschen, sind gebrauchte Sachen wie neu.\nEs ist zwar noch nichts ausgedrückt, wenn ein\nPinsel ausgedrückt wird. Urheber sind immer un-\nwillkürlich, wenn man die Namen auch willkürlich\nbenutzen kann. „Gerade weil im Katalog der Cas-\nsirerschen Ausstellung kein großer Maler des Im-\npressionismus fehlt, enttäuscht die Besichtigung.\nDie Werke sind nicht so glänzend wie die meisten\nNamen.\" Das geht Kunstkritikern immer so. Im\nKatalog sind alle Maler groß, wenn die Herren\naber einmal auf die Wände sehen, was sie den\nBildern meistens schenken, sehen sie sich glänzend\nenttäuscht, weil sie statt Namen nur Nummern\nsehen. Die große Nummer ist ihnen nur der große\nName. Und der Name ist groß, wenn er fortge-\nsetzt von Berlin bis Frankfurt hin und her-ge-st-\ntet wird. Herr St aus Frankfurt sieht zum ersten\nMal auf, sieht zum ersten Mal Manet und be-\ngreift: „Noch nie habe ich so wie vor seinem\nGartenstück Manets Verwandschaft mit Cezanne\nin der seelischen Monumentalität und die techni-\nsche Consequenz des Expressionismus aus dem\nImpressionismus herausbegriffen, wie dieses Mal.\"\nEinmal ist kein Mal, aber in der Verwandtschaft\nlassen sich alle Gefühle verbergen. Und auch Ce-\nzanne wird begriffen, wenn er aus der Verwandt-\nschaft stammt. Es kommt noch süßer: „In zwei\nausgestellten Stücken ist Renoir süß und köstlich,\nwie es nur dieser verspätete Rokokomaler sein\nkann.\" Beinahe hätte er den Anschluß an das\nRokoko versäumt und ohne die Verwandtschaft\nwäre er nicht begriffen worden. Herr St wendet\nseinen Blick nunmehr vom Katolog und von den\nWänden in das Leben: „Zwei Mädchen sitzen über\neinem Skizzenbuch und siehe, es sind Renoirsche\nFrauen, in der Jugend schon erfaßt, wie immer\nbei Renoir eine Phantasie in Rosa, auch wenn gar\nkein Rosa verwendet ist.\" Nachdem Herr St sich\nsiehe zum Sehen ermuntert hat, sieht er zwei Mäd-\nchen sitzen, die sich wie Renoir selbst verspätet\nhaben, trotzdem sie schon in der Jugend erfaßt\nsind, und bisher benutzte Gegenstände der Malerei\nwaren. Die Mädchen sind Kollegen von Renoir,\nwas man siehe dadurch sieht, daß sie über einem\nSkizzenbuch sitzen. Es wäre noch durch die im-\npressionistische Psychologie bei diesen Gegen-\nständen festzustellen, daß sie wohlhabend sind, in\nrosa, die große Mode,, gekleidet. Herr St sieht\naber noch tiefer: „Ein Schimmer von fleischlichem\nHauche entkleidet die Mädchen.\" Das sollte in\neinem Salon nicht vorkommen. Herr St kann sich\nnicht mehr beherrschen: „Bald werden sich die\nArme dehnen, die Körper entwickeln, die Hüllen\nfallen und Renoirs üppig schimmernde Frauen\nwerden vor uns liegen.\" Da werden die Herren\nKunstkritiker Augen machen. Aber die Körper ent-\nwickeln sich nicht so schnell wie sich die Ent-\nwicklung durchlebt. Siehe, die zwei Mädchen\nsitzen immer noch über einem Skizzenbuch und\nhaben infolgedessen nicht die Gelegenheit auch\nnur einen Schimmer vom fleischlichen Hauch zu\nsehen. Nur der Herr St kommt gar nicht (aus\nseiner Fleischverträumtheit heraus: „Noch duf-\ntiger als die Blumen ist vielleicht die Vase, denn\nes ist zu schön, wie Renoir ein Stück Porzellan\nverfleischlicht gemalt hat, als ob es ein Akt wäre.\"\nBald wird sich die Vase dehnen, die Hüllen fallen,\nRenoirs üppig schimmernde Vase wird zerbrochen\nvor uns liegen. Kann man bei solchen Erlebnissen\neinem Kunstkritiker übel nehmen, wenn er sich\nversieht. Man kann nicht alle Verwandten kennen.\nCezanne und Heckel sehen sich zum Verwechseln\nähnlich und Manet ist falsch verwandt worden:\n„Die neue Malerei hält sich an Cezanne -von\ndem in dieser Ausstellung nichts zu\nsehen ist, als ein Teich von Erich\nHeckel\". Der Teich von Heckelist recht klein\nund jedenfalls nicht groß genug, daß Cezanne hin-\nEinfallen kann. Da hat höchstens Herr St Platz.\nWas den Franzosen recht ist, ist den Deutschen\nbillig: „Der deutsche ursprüngliche Impressionis-\nmus wird von Menzel, Liebermann, Corinth, Sle-\nvogt und Trübner vertreten.\" Zwar ergibt sich für\nHerrn St unvermutet, daß Menzel ein Ahne wider\nWillen ist. Aber der Ursprung ist immer wider-\nwillig. Nur wird er willig wieder immer falsch,\nsiehe, gesehen. „Der Garten des Justizministe-\nriums von Menzel ist das Juwel der Ausstellung.\"\nDieses Juwel von Garten hat natürlich eine Anlage:\n„Es ist ein Bild aus Menzels bester Zeit, in der\ner alle Anlage hatte, den Impressionismus zu er-\nfinden und zu seiner Vollendung zu führen.\" Die\nAnlage wird dem Schutz des Publikums und der\nKunstkritik empfohlen: „Leider war aber sein\nWissen nicht so frei, wie sein unbewußtes Genie,\nein Tragödie, die Karl Scheffler in seinem Menzel,\nBruno Cassirer-Verlag, sehr gut dargestellt hat.\"\nHerr St verirrt sich immer mehr in der Anlage.\nJa, wenn der Menzel das freie Wissen, des Herrn\nSt zum Beispiel gehabt hätte, so hätte er glatt den\nganzen Impressionismus erfunden und ihn mit\neiner vollendeten Verbeugung zu seiner Vollen-\ndung geführt. Menzel hatte es nicht. Was\nwiederum ein Glück für Karl Schefflerist, der sonst\nin seinem Menzel, Bruno Cassirer-Verlag, keine\nTragödie hätte sehr gut darstellen können. Was\nwiederum für Bruno Cassirer-Verlag eine Tra-\ngödie gewesen wäre, der das unbewußte Genie\nKarl Schefflers bis zur Vollendung belegt hat, der\nwiederum frei vom Wissen ist. Aber, zum Glück,\nes ist ja alles anders gekommen: „Aber hier ist\neinmal ein Stück Natur ganz malerisch erfaßt, und\ndurch keine Zutat verdorben. Himmel und Erde\nwerden durch einen Goldton von Luft verschmol-\nzen.\" Der Goldton hört sich sehr nach Zutat an.\nKurz und gut: „Es ist eine schwebend-geniale Ma-\nlerei, wer weiß wie! von Menzel verachtet.\" Siehe,\nHerr St schwebt,, wer weiß wie, zwischen Himmel\nund Erde. Nur ein Goldton verschmilzt ihn in die\nLuft: „Nichts ist erzählt und durch einen äußeren\nEffekt verdorben, wie selbst der Blick auf die\nSpree im Mondschein, ein technisches Meister-\nstück, das daneben hängt.\" Ja, der Herr St hat\neben seinen Blick und wenn die benutzten Gegen-\nstände dunkel werden, leuchtet sein Auge fleisch-\nlich auf: „Menzel hat Blau im Schwarz gemalt und\ndurch mattleuchtende Farben die Nacht genau in\nihrer Undurchsichtigkeit durchsichtig gemacht.\"\nHerr St sieht durch Nacht zum Licht: „Nur mit\nden Lichtern in den Fenstern kann ich mich nicht\nbefreunden, da sie von dem Punkte aus, von dem\ndas Bild gesehen ist, nicht bemerkt werden kön-\nnen.\" Ja, Freund Menzel, die Lichter können von\ndem Punkt nicht bemerkt werden. Vielleicht ist\naber Herr St auch bei der Betrachtung der Maler-\nmädchen auf einen falschen Standpunkt getreten.\nWie kann man auch ein Bild von einem Punkt aus\nmalen, den der Freund gesetzt hat. Außerdem,\nwenn die Nacht schon duchsichtig ist, scheint es\neine Verschwendung, Lichter in die Fenster zu\nstellen. Diese Gegenstände durften nicht benutzt\nwerden. Herr St ist nämlich neben den Punkt\ngetreten, von dem Menzel das Bild gesehen hat.\nUnd erklärt (die Lichter auslöschend): „Sie sind\nnachträglich eingesetzt, sie sind Wille und nicht\nVision.\" Hierfür gibt allerdings der Tragödie Karl\nScheffler die Erklärung, sehr gut, daß die Vision\nMenzels nicht so frei war. Und während Herr\nSt dem Menzel nur auf den Punkt tritt, tritt er\nHerrn Liebermann direkt auf die große Zeh:\n„Etwas Aehnliches ist erstaunlicherweise der Fall\nin der Judengasse in Amsterdam, durch die Lieber-\nmann schon 1905 mit einigen anderen Stücken\nverwandt ist.\" Herr St sieht scharf auf die Vision,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.3", "texte": "nicht den lumpigsten Willen läßt er durch: „Lieber-\nmann verwendet hier einige Farben\", das tut er\nallerdings selten, „einige Farben, besonders blau\nund gelb, in schreiender Buntheit, ganz scharf\nnebeneinander.\" Der Visionär, Herr St, weiß Be-\nscheid. Die Farben sind nachträglich eingesetzt.\n„Auch das ist natürlich gekonnt, aber nicht durch-\nfühlt, und daher laut, aber nicht stark.\" Die ur-\nsprünglichen Impressionisten werden nachträglich\nabgesetzt. Aber es kommt dafür um so schöner:\n„Um so schöner ist ein neues Selbstbildnis von\n1916. Die phrasenlose Ehrlichkeit ist hier geradezu\nerschütternd, weil sie einen unverkennbar müden,\nj;* tragischen Ausdruck mit vornehmer Diskretion\nund doch ohne Retouche wiedergibt.\" Während\nsonst zur vornehmen Diskretion vor allem die Re-\ntouche gehört. Diese ehrliche Phrasenhaftigkeit\nwirkt geradezu erschütternd: „Das Bild ist auch\ndeswegen so ergreifend, weil es die halbe Ge-\nstalt in ganzer Größe aber aus nächster Nähe\nzeigt/' Worauf Herr St seine ganze Gestalt\nin ganzer Größe zeigt: „Leider ist es nicht\nganz Kunst geworden, da es um eine Spur das\nSpiegelbild nicht ganz überwunden hat.\" Trotzdem\nes umso schöner geradezu erschütternd ohne Re-\ntouche ist, wird die Spur von seinen Spiegelbil-\ndern doch in Aeonen untergehen (Aeonen ist etwas\nfÜT Wissende). Schade, daß der Liebermann die\neine Spur nicht verwischt hat, dann hätte Herr\nSt die ganze Kunst gesehen. „Eine wunderbar\nmusikalische Stimmung hat der Orpheus von Co-\nrinth, eines der ganz seltenen gelungenen impres-\nsionistischen Bilder, die das Realistische ins Mär-\nchenhafte steigern, die äußere mit der inneren\nPhantasie versöhnen.\" Bei Corinth hört Herr St\nwieder den Goldton, bei Corinth findet er endlich\nden Punkt, auf dem er auch noch Platz hat. „Noch\neigener und selbständiger ist Charlotte Berend,\nals Porträtistin von Schauspielerköpfen. Beson-\nders Pallenberg als Zawadill ist geradezu glänzend\ndurch mutige Verwendung der ordinärsten\nPastellfarben-Kontraste wiedergegeben.\" Das ist\nnun wieder Vision, trotzdem sie einige Farben in\nschreiender Buntheit ganz scharf nebeneinander\nverwendet. Aber bei einem Charakterkopf darf\nman die ordinärsten Farben nicht scheuen. Herr\nSt wird immer psychologischer. „Von Feigl sah\nman Bilder bei Cassirer, Zeichnungen und Radie-\nrungen im Graphischen Kabinett I. B. Neumann.\nDieser vergeistigte Träumer ist zu ehrlich, mit\neiner Mode zu gehen, aber auch nicht stark genug,\neinen Stil aus sich heraus zu schaffen.\" Deshalb\nhat sich dieser vergeistigte Träumer I. B. Neu-\nmann auch schon in das Graphische Kabinett zu-\nrückgezogen. Ich habe zwar die Kunstabende\nschon vorgemacht, die Herr St im Graphischen\nKabinett nachgemacht hat. Aber Saalvermieter\nsind mir noch nie als vergeistigte Träumer er-\nschienen. Dazu fehlt mir doch der Wille, auch ist\nmeine Vision nicht stark genug. „Seine Bilder sind\ntrüb gemalte mit Farben ausgefüllte Graphik, seine\nGraphik ist mehr nebensächlich hingewischt,\nals erarbeitet.\" Also, die Graphik ist mit trüben\nFarben ausgefüllt und außerdem nebensächlich\nhingewischt, worauf Herr St die Vision fühlt: „Aber\nin allem fühlt man, was bei scheinbar bedeutende-\nren und jüngsten Künstlern fehlt — eine Seele,\nderen Lyrik von selbst in viele schöne Zeichnun-\ngen und Lanschaftsbilder aus Prag übergeht, und\nnicht etwa nur eine Fertigkeit.\" Das Malen mit\nSeele ist lyrischer, die Seele selbst ist durch-\nsichtlig trübe gemalt und Herr St kann sich auf\nden Punkt stellen, von dem die Seele gesehen ist.\nAlso betrübt betritt er die Ausstellung Der Sturm.\nZum ersten Male. Aber er weiß schon Bescheid:\n„Die Ausstellung des Sturm gibt keine gute\nUebersicht über die von ihr vertretene Malerei.\"\nHerrn St übersieht, daß er übersichtig ist. Er weiß\nbereits aus dem Katalog, was Der Sturm vertritt.\nWährend bei Cassirer zwei Mädchen nur über\neinem Skizzenbuch sitzen, muß es im Sturm ja\nganz toll aussehen: „Auch sind die großen und\nkleinen Talente durcheinander geworfen und alles\naufgehängt, was ohne Qualitätsunterschied modern\naussieht.\" Die großen und kleinen Talente werden\nin Sturm herausgeworfen, sodaß nur der Kunst-\nkritiker modern aussieht. Nun redet sich Herr St\nin den Expressionismus hinein: „Franz Marc.\nSeine Größe besteht darin, daß er ganz innere\nGesichte nach außen gebracht und das Geistige,\nüber das Kandinsky nicht hinauskam, in über-\nzeugende malerische Mittel verwandelt hat.\" Herr\nSt. will sagen, daß er bei dem Buch „Das Geistige\nin der Kunst\" von Kandinsky, noch nicht einmal\nzur Lektüre gekommen ist, immerhin aber wenig-\nstens den Titel kennt. Und während Corinth die\näußere mit der inneren Phantasie versöhnt, bringt\nMarc innere Gesichte nach außen. So denkt Herr\nSt den Expressionismus. „Aber auch das Male-\nrische ist nicht sein Ziel, sondern die Wiedergabe\nseiner Vision.\" Nur, Herr St. ist eine Vision keine\nWiedergabe sondern eine Gabe. „Muche ordnet\nnur malerische Effekte geometrisch an, aber in\nFarben, deren Schwingungen von seiner schöpfe-\nrischen Kraft überzeugen.\" Effekte werden zwar\nnicht gezeugt, aber Muche zieht es sicher vor,\nGeometer zu sein, als Herrn St durch eine künst-\nlerische Zeugung zu überzeugen. Auch der Chagall\nist unordentlich. Er hebt die benutzten Gegen-\nstände nicht auf: „Chagall ist dagegen ein Phan-\ntast, der die Gegenstände nicht gänzlich aufhebt,\nsondern nur durcheinander wirft.\" Herr St ist\nganz erschlagen. Erst wirft der Sturm die großen\nund kleinen Talente und dann Chagall die Gegen-\nstände durcheinander. Die Seele des Herrn St ist\nverletzt. „Wie bei Muche hat auch bei Chagall\nnicht das einzelne Werk sondern irgend eine Spur\nvon Kraft in ihm die verführerische Gewalt.\" Ja,\nMuche und Chagall, er ist verführt der Herr St.\nAber ich will auch einmal denken: ich denke, es ist\nbesser, ihn schnell wieder abzuführen. Sonst füllt\ner die Kunst auch noch mit seiner Seele aus.\nVor Nachahmung wird gewarnt\nLovis Corinth fühlt sich seit Ausbruch des\nKrieges verpflichtet, jedes Jahr zweimal über den\nGenius der deutschen iKunst zu schreiben, jlm\nFrieden tat er es einmal. Nun ist zwar der Genius\neine römische Angelegenheit und Herr Corinth eine\nberliner. Da aber Herrn Corinth, der sich früher\neinmal mit Malen beschäftigt haben soll, die Far-\nben fehlen, stellt sich sein Wort an falscher Stelle\nein. In einem Buchchen verkündet er: „Gern\nmöchte ich den deutschen Maler überzeugen, daß\ner vor keinem Künstler Europas sich zu beugen\nbraucht. Daß er vielmehr ebenso tüchtig dasteht\nwie die Kollegen anderer Länder.\" Kollegen\nbrauchen sich nur gleichzeitig zu beugen, sie alle\nmüssen sich aber den Künstlern Europas unter-\nordnen. Hierauf verrechnet Herr Corinth: „Lassen\nwir die großen Maler Frankreichs*, die wir selbst\nam meisten würdigen. Nimmt man aber diese\nGrößen fort: die Schule von Barbizon, die Im-\npressionisten, so bleibt eigentlich nichts mehr\nübrig.\" Nimmt man hingegen in Deutschland diese\nGerne-Größen fort, Herrn Corinth und seine\nFreunde, so bleibt endlich etwas übrig, nämlich\nPlatz für die Künstler in Deutschland, den die\ntüchtigen Kollegen besetzt hielten „Oder haben die\nFranzosen größere Genies als wir in unserem\nFeuerbach und Marees besitzen?\" Selbst nach\nFortnahme der Größen Frankreichs können wir in\nDeutschland Feuerbach und Marees den Kollegen\nüberlassen. Wir haben sogar Künstler Europas in\nDeutschland, selbst wenn wir die Schule von Ber-\nlin und die Impressionisten fortnehmen. Bleiben\nwir in der Gegenwart: „Bleiben wir aber in der\nGegenwart und lassen wir die Lebenden nach\ndem Friedensschluß zur Geltung kommen.\" Lassen\nwir. ..Auf welcher Seite sind die größeren Ta-\nlente? Die Talente bilden sich gegenseitig im\nLärm, aber sie bilden nicht.\" In Frankreich ist in\nletzter Zeit die exotische Richtung emporgekom-\nmen. Eine Richtung, welche die Franzosen selbst\nnicht ernst nehmen können.\" Die Franzosen, Herr\nCorinth, sind nämlich auch nur Kollegen, und Kol-\nlegen nehmen nur sich selbst ernst. „Der letzte\nGroße war eigentlich mit Cezanne gestorben. Jetzt\nstagniert es in Frankreich.\" Von jeher war der\nletzte Große eigentlich immer gestorben. Bleiben\nwir aber in der Gegenwart: „Aber in Deutschland\nist von einem Erlahmen absolut nichts zu merken,\nsondern es gährt viel mehr als vor dem Kriege..\"\nDie zweijährigen Kriegswunderkinder geben eine\nhübsche Hopfenblüte. „Vor dem Kriege waren\nDeutschlands Künstler vollständig wieder im\nSchlepptau anderer Völker gebannt.\" Das Bannen\nim Schlepptau ist eine Unsitte: „Heute aber haben\nsie diese Unsitte abgeworfen und erheben sich\nzu neuen Taten.\" Die Taten sind zwar etwas\nwässerig, weil die Herren Künstler offenbar zu\nlange im Schlepptau lagen. „Künstler, welche\nüberall geschätzt werden, haben wir auch heute\naufzuweisen, Künstler, welche in ihrem ernsten\nStreben uns voranschreiten.\" Erst wurden sie\nnachgeschleppt und jetzt schreiten sie voran. Da\nhaben wir aufzuweisen, erstens: „Den alten\nThoma in seinen besten Bildern, Trübner, der im-\nmer strebend sich bemüht und Klinger. Diese\nKünstler sind unser Stolz und wahrlich der\nNachahmung würdig.\" Wenn der alte Thoma in\nseinen besten Bildern schreitet, werden die Nach-\nahmer nur noch die Rahmen ins Schlepptau neh-\nmen können. Trübner schreitet in ernstem Streben\nvoran und bemüht sich immer strebend, sodaß er\nwohl auf dem selben Flecke bleibt. Und Klinger,\nunser Stolz. Wahrlich, Corinth ist würdig, sie\nnachzuahmen. Und wenn er nicht zur Zeit mit\nLiebermann noch böse wäre, wäre er als Vierter\nim Bunde und auch zur Nachahmung empfohlen.\nDie drei Corinther werden wahrscheinlich er-\nstaunt sein, wenn sie die Epistel des Lovis lesen.\nWie sie gähren, diese Jubelgreise. Der Krieg\nnimmt ihnen das Schlepptau, Corinth nimmt es\nauf und schleppt sie in die Kunst. Die Kunst läßt\nsich entschuldigen, sie ist zu Schiff nach Welt.\nWenn Herr Corinth mit Recht auf Deutschland\nstolz sein will, so will ich ihm das Recht und die\nRechten hierzu geben: Franz Marc und Oskar Ko-\nkoschka. Vor Nachahmung wird dringend ge-\nwarnt.\nDas ist die Liebe\nSteif geheftet für Mk. 2.80, in Halbleinen für\nMk. 4.— tritt das Liebespaar in die Kunst. Auch\ner, Herr Reinhard Piper, der Versammler der\nLiebespaare in der Kunst, hat die Liebe in ein\nWerk verlegt: „.Wie jeder Dichter, so hat auch\njeder große Künstler einmal der Liebe in einem\nWerke Tribut gezollt, von den Meistern der ägyp-\ntischen Plastik bis zu unsern Jüngsten.\" Die Jüng-\nsten sind die Frucht der Meister der ägyptischen\nPlastik und der Tribut ist bereits auf zwei Mark\nachtzig herabgesetzt. Ja die Liebe: „Und es sind\nnicht die schlechtesten Werke geworden die ihnen\ndie Liebe eingegeben.\" Löffelweise: „Am besten\nnennen wir die Titel der einzelnen Abschnitte:\n„1. Adam und Eva\" (bekanntes Liebespaar); „2.\nGötter und Helden\" (bedenkliches Liebespaar);\n„3. Deutsches Volkslied\" (nur einmal im Leben);"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.4", "texte": "„4. Liebe und Tod\" (mit Folgen); „5. bürgerliche\nLiebe\" (Einheirat nicht unter dreißig Mille); „6.\nDie Galanten\" (ich weiß Bescheid); „7. Romanti-\nsche Liebe\" (siehe bürgerliche Liebe); „8. Selbst-\nbildnisse\" (Eigenliebe); „9. Parodie und Humor\"\n(Paarweise Verwechslung); „10. Psychologen der\nLiebe\" (Hochachtungsvoll Der Verleger). Das\nLiebespaar tritt nicht nackt in das verlegene\nWerk: „Wir finden da alle Stoffe: Vom Mythos\ndes ersten Menschenpaares bis zur Liebe in den\nMauern der modernen Großstadt.\" Adam und Eva\nsind dem Kenner mythisch, hingegen ist ihm die\nLiebe in den Mauern mystisch. Trotz dem Druck\nsind alle Liebespaare heiter aufgelegt: „Apollo\nund Daphne, Venus und Adonis, der Raub der\nSabinerinnen — die Befreiung Andromedas, das\njunge Hirtenpaar Dafnis und Chloe, Faun und\nNymphe, Satyr und Bacchantin, sie alle ziehen im\nReigen vorüber.\" Unter den Anwesenden be-\nmerkten wir: „Unter ihnen die berühmten Liebes-\npaare der Dichter Paolo und Francesca, Romeo\nund Julia.\" Diese beiden Paare haben sich my-\nthisch verfrüht. Und damit noch nicht genug:\n„Der deutsche Dudelsackpfeifer mit seinem be-\nkränzten Dorfmädchen\" (vermutlich Abschnitt Pa-\nrodie und Humor), „tanzende Bauern (vermutlich\nAbschnitt Götter und Helden), „der Bannerträger\nmit der Lagerdirne\" (vermutlich Adam und Eva),\n„Jäger und Sennerin\" (vermutlich Abschnitt bür-\ngerliche Liebe), „das schnippische Mädchen und\nder brave Tölpel\" (vermutlich Abschnitt Psycholo-\ngen der Liebe), „alle sind sie da\". Es fehlen noch\nverschiedene die ich kenne. Stattdessen wird\nhingegen „eine besonders interessante Reihe\" ver-\nsprochen: „Andrea del Sarto mit Lucrezia del\nFede... Rubens mit Isabella Brandt und mit\nHelene Fourment\" (vermutlich Abschnitt bürger-\nliche Liebe), „Philipp Otto Runges Selbstbildnis\nmit Gattin und Bruder\" (Runge selbst war offen-\nbar verhindert, da muß sein Bildnis die Gattin\nbegleiten), „Goya mit der Herzogin von Alba\nspazierend, Corinth mit dem Modell im Arm\" (for-\ndert er sein Jahrhundert in die Schranken, die\nbereits geschlossen sind), „die Modernen Beck-\nmann und Kokoschka sind hier vereint und ihre\nBilder fordern zu anregenden Vergleichen heraus\".\nEs ist eine Herausforderung, Kokoschka mit Beck-\nmann zu vereinen, umsomehr, da Kokoschka von\ndieser Vereinigung nichts weiß. Wozu der Ver-\nsammler bemerkt: „Vom Erhabenen zum Lächer-\nlichen ist nur ein Schritt.\" So können wir also\ngetrost das Buch erwarten. „Der Verfasser hofft\nmit seiner neuen Arbeit den selben Beifall zu fin-\nden, wie mit der früheren über das Tier in der\nKunst, die gleichzeitig in neuer Auflage zu gleichem\nPreise erscheint.\" Für eine Volksausgabe emp-\nfehle ich die beiden Arbeiten zu vereinigen und\nsie unter dem Titel „das Liebespaar und das Tier\"\nherauszugeben. Mit der Kunst hat die Angelegen-\nheit doch nichts zu tun.\nDer Obermuserich\nNun bin ich gebildet. Vor kurzer Zeit schrieb\nich: „Da lebt in Hamburg gemütlich und nett Herr\nPhilipp Berges. Ich weiß nicht, was der Herr sonst\nnoch tut, sein Name steht öfters im Hamburger\nFremdenblatt.\" Herr Berges ist ein echter großer\nDeutscher-Hamburger-Schriftsteller-Dichter. Aus\nHamburg wird gemeldet: „Die auswärtige Kritik\nhat den Verfasser als den gewandtesten amüsan-\ntesten und vielseitigsten Feuilletonisten unter den\nHamburger Schriftstellern bezeichnet und dieser\nCharakter prägt sich auch in seinem neuesten\nBuche aus.\" Wahrscheinlich in Goldhochdruck.\nUnd die auswärtige Kritik ist hierorts bekannt:\n„Das Berliner Tageblatt erließ während des\nKrieges eine Umfrage, welche Bücher man in\ndieser ernsten Zeit lesen sollte und unter wenigen\nBüchern vereinigten sich viele Stimmen auf Phi-\nlipp Berges.\" Wenn Menschen schweigen, müssen\nBücher reden. Es ist aber undemokratisch, daß\nwenige Bücher viele Stimmen haben. Das wenig-\nstens sollte das Berliner Tageblatt nicht zulassen.\nUeber das Buch selbst wird mitgeteilt: „Der Weg\nführt über Indien, welches der Verfasser aus eige-\nnen Ansichten herrlich schildert und auch das eng-\nlische Joch ist nicht vergessen worden.\" Diese\nAnsichtskarte bestelle ich. „Die Handlung füllt\nsich immer mehr mit Spannung, bringt herrliche\nSchilderungen.\" Die Schilderung einer Spannung\nerzeugt folgenden Kurzschluß: „...und wenn dem\nBuch auch ein geschichtlicher Wert zuzusprechen\nist, so ist es doch ein echter Roman, spannend,\nfesselnd, vielgestaltig und farbig.\" Aber nicht nur\nder geschichtliche Wert wird ihm wenn auch zu-\ngesprochen: „Es ist ein Buch, von dem die Welt\nsprechen wird, und gehört zu den großen deut-\nschen Romanen die bleibenden Wert behalten.\nHochachtungsvoll: Gebrüder Enoch, Verlagsbuch-\nhandlung.\" Ich kann Bücher über Indien nicht\nlesen, aber um diesen gewandtesten und amüsan-\ntesten Reiseonkel dem sehr geehrten Publikum\nnoch näher zu bringen, wiederhole ich seinen Satz\nüber seine indische Reise nach Halle: „Halle vor\nallem als alte Musenstadt ist voll von Reiz für die,\ndie mit der Seele Augen zu sehen verstehen.\"\nAuf diesen Satz vereinige ich meine Stimme, es\nist ihm geschichtlicher Wert zuzusprechen, wenn\nauch Halle an der Saale spannend, fesselnd, viel-\ngestaltig und farbig herrlich geschildert ist.\n\nHerwarth Walden\n\nMeer\nLothar Schreyer\n\nDer Nebel gilbt.\nDas Wasser gleitet\nAndreas ) . ..\ngleiten\nJohanna j\nAndreas:\nVerfangen in meinen Augen\nGesiegelt auf meinen Mund\nGekauert in mein Herz.\nJohanna:\nFern sinken die grünen Ufer umgraut.\nDie gelblichen Lichter fallen welk\nDie verschlossenen Augen.\nDer Tagstaub schieiert tief\nTief hängt mich mein Haar.\nSchmutzige Hände drosseln\nVergessene Schöne\nVergossene wir\nVergessen sind die Gassen und Gossen.\nMüde bin ich den Betten.\nAndreas:\nMild glänzen die Male auf meiner Brust\nSchlag und fremd\nDich gegliedert\nKette.\nJohanna:\nInsel hoch\nTropfschwer herab.\nLachen schnüren Hals.\nMutternot!\nDer Leib hüllt den Weg.\nAndreas:\nNächte dämmern\nSpiegel leuchtet Bild.\nDas Land ist dem Körper entwichen.\n. Der Körper geht an den Ufern umher.\nWeit starrt er hin.\nFlucht!\nFunkelthräne\nWunde.\nJ o h a n na:\nWiege singt\nMutter schweigt\nSchwer.\nSpielen auf und nieder\nAuf\nNie.\nAndreas:\nSegel bräunen Schatten\nLeuchten türmen fiebern Klippen\nWege schäumen\nSchaum Scham.\nJohanna:\nAugen perlen\nMund\nEntrollt.\nLicht straßt Sonne.\nAndreas:\nHöhen\nRagen segelt\nHimmel schwanken\nTäler wellen\nFurche\nLeib grabt\nHoch.\nJohanna:\n'i\nInsel |\nHaust tiert blumt steint\nSonnt mondet sternt\nWeibt mannt kindet\nWeit aus mir.\nAndreas:\nDu inselt Mich\nUm uns\nMonden Sonne Sterne\nKinden Mann Weib\nHausen Stein Tier Blume\nUns\nUm\nErde.\nJohanna:\nMeer.\nWir einsamen die Wege\nTraum.\nSchrei und Verhallen\nWelle.\nAndreas:\nWir ruhen im Rumpf der Galeere.\nWir sind gefesselt an ihre Fahrt.\nWir haben die Fahrt gewollt.\nWir wandeln die Sklavenbänke in Lager\nder Liebe,\nWir fahren über unseren Leib\nLeichen\nBoten\nWir.\nDas Verkündete ruht in uns.\nBrich!\nJ o h a n n a:\nBrich\nMich!\nSchlag Hieb Brust.\nThränen wölken herab\nBefruchtete Frau.\nMutter müht zum Tod.\nLiebe verfreundet die Liebe.\nAndreas:\nDein Leiden weht auf der Sonnenstrasse\nDas ist das Gold.\nDie Kette ringelt den Fuß\nHüfte du\nEinst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.5", "texte": "Oskar Kokoschka: Rudolf Blümner"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.6", "texte": "Das zerrissene Feuer verglüht\nDie Gabe vertropft\nLeer.\nJohanna: ' ' ■ • ' ;\nHände öffnen nichts.\nFlügel streifen Hüften\nEinst.\nKetten lösen Glieder\nLeid\nDich.\nAndreas:\nGriffe welken Glanz.\nSterben liebt.\nFern\nBild jung\nEinmal noch\nVerloren\nMein.\nJohanna:\nTage nachten.\nMenschen stücken uns.\nKeine Flucht!\nIch sehe dich nicht.\nAndreas:\nNun gehst du fort.\nUnendliche!\nDie Wellen schäumen hoch ineinander\nSchäumkrone\nSchaum\nDie Gekrönte geht in ihr Land\nHeim\nO Meer!\nJohanna:\nWieder wiegt die Kinderwiege.\nDen gläsernen Vorhang ziehe ich zu.\nAuf und nieder\nWiege Woge\nwogt wiegt.\nDie Wimpern ruhen auf Wangen\nRötliche\nDie Glieder schweben im Atem\nAuf ab\nSchweben Schwingen\nSchwingt Schweben\nWeit weit\nWeitet Leid.\nLeid\nWeit.\nDer Nebel steift\nAndreas:\nDie dunkele Weite ist nah.\nDie Nähe wirft das kalte Tuch auf die Stirn.\nDie gelblichen Kissen decken zu.\nGleiten Fallen.\nDie Leiche ist in die Hüllen gesenkt.\nBrechende Wellen\nDie Totenklage im Wind\nStöhnen Drehen\nSturz.\nDer Schrei schreit\nDer Nebel kreist\nDas Fallen kreist\nDas Kreisen fällt\nDer Schrei schreit\nSchweigen\nDer Sang rauscht\nDer Sang:\nAbschied\nAbschied Nie Abschied\nWiederkehr Nie Wiederkehr\nWiederkehr Abschied\nAbschied Wiederkehr\nNie Abschied Nie Wiederkehr\nWiederkehr!\nDas Licht steht\nAndreas steht\nAndreas:\nInsel Du\nNackt\nVerschwende\nMir\nNackt\nMittag\nNackt\nMeerblume\nDu.\nDie Insel) steht\nAndreas:\nMöwe auf meiner Schulter\nLicht\nStehen\nStein Wandel Glanz\nBlume Wandel Glanz\nTier Wandel Glanz\nMensch Wandel Glanz\nStehen\nGlanz.\nAndreas glänzt inselt steht.\nDer Stein öffnet das Haus\nDas Haus öffnet die Strasse\nDie Strasse öffnet den Menschen\nDer Mensch öffnet die Blume das Tier\nDer Mensch öffnet den Stein.\nAndreas:\nGeöffnetes Meer!\nGeburt\nBlutender Schoß\nMutter!\nDie Eltern straßauf straßab\nDie Eltern:\nKauft! Fische! Frische Menschen!\nKauft!\nAndreas:\nZerrissenes Meer\nSchmerzen Glänzen\nGlanz ist Schmerz\nDie Insel klafft aus dem Meer\nIch rage aus mir\nGlänzendes Dunkel\nDu.\nDie Knaben tragen die Tiere straßauf straßab\nDie Mädchen tragen die Blumen straßauf\nstraßab.\nAndreas:\nDie Steine heben die schimmernden Tische\nEs schimmern die Leichen.\nIch bin auf die Straße geworfen.\nDie Blume fällt vom Haus herab.\nDas Tier leckt meine Wunde.\nSein Biß greift meine Brust.\nDer Gekreuzigte\nAllen.\nJohanna ist die Tür\nJohanna:\nIch bin.\nLobe meine Haut\nNimm mein Haar in deine Hand\nMach meine Augen auf\nLeg dich in mein Bett\nDu wirst.\nAndreas:\nIch bin dein Schänder\nIch bin\nJohanna:\nMein Haar ist die Sonne in deiner Hand\nMein Haar ist gefärbt.\nMeine Haut ist das Meer unter deiner Sonne\nMeine Haut ist geschminkt.\nMit dir liegen deine Freunde in meinem Bett\nMit dir genießt mich dein Feind\nIch genieße mich.\nAndreas: 112\nIch bin dein Geschändeter\nIch bin\nKarl straßauf straßab\nKarl:\nIch habe meine Schwester verlöret\nIch habe meinen Freund verloren\nIch bin\nSucht!\nDer Priester straßauf straßab\nDer Priester:\nLasset die Kindlein zu mir kommen\nDer Herr hat's gegeben der Herr hat's\ngenommen\nAndreas:) ir.\nT , >Nimm!\nJohanna: |\nJ oh a n na:\nIch habe dir meine Jungfräulichkeit gegeben\nIch betrog dich um meine Jungfräulichkeit\nDu hast mich um meine Jungfräulichkeit\nbetiogen\nDu hast mir meine Jungfräulichkeit genommen.\nAndreas:\nQib mir dich!\nDu hast dich mir gegeben\nQib mich dir!\nJohanna:\nIch bin dein Kind\nMeine Stirn schmutzt den Kuß\nKüsse!\nMeine Schenkel schmiegen dein Knie\nSchoß\nDein.\nIch bin Deine Mutter\nMein Kuß schmutzt deine Stirn\nKüsse!\nDeine Knie schmiegen meine Schenkel\nSchoß\nDein.\nIch bin deines Kindes Mutter\nUnsere Stirnen rötet unser Kuß\nKüsse!\nAus unseren Schenkeln schmiegen wir uns\nSchoß\nDein.\nDie Eltern straßauf straßab\nKarl straßauf straßab\nDer Priester straßauf straßab\nDie Eltern:\nKauft!\nDer Priester:\nLasset die Kindlein zu mir kommen\nKarl:\nSucht!\nDie Eltern:\nMenschen! Frische Menschen!\nDer Priester:\nDer Herr hat's gegeben\nKarl:\nIch bin\nDie Eltern:\nKauft!\nDer Priester:\nDer Herr hat's genommen\nAndreas:\nMein\nKind\nNie\nMutter\nNie\nKindmutter\nNie\nMein.\nJ o h a n na:\nDein\nMüde in meinen Armen am Abend\nNachttraum."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.7", "texte": "Oskar Kokoschka: Adolf Knoblauch"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.8", "texte": "Zwischen meinen Brüsten erstickt dein Schrei\nFern rauscht das Meer\nDer Hafen zerbricht die Farbe der Welle\nIn den Gassen träumen die Segel weiß\nDer Schlaf wandelt die Gossen in Mittagmeer.\nGreif deine Sonne.\nDie Knaben straßauf straßab\nDie Mädchen straßauf straßab\nDie Knaben schlagen die Blumen\nDie Mädchen küssen die Tiere.\nAndreas:\nDer Glanz ist Blume geworden\nGlanz Wandel Tier\nGlanz Wandel Stein\nMensch bist du geworden.\nFlucht!\nDer Ring an deinem Finger schließt den Kreis\nDer Kuß schlägt das blühende Licht\nDer Schlag küßt die leuchtende Blüte\nEs kreisen die Tiere\nMensch.\nJohanna:\nMein\nWerden\nDein\nWir\nFleisch\nSchluß fingert den Anfang\nRing.\nAndreas:\nZwei verlieren Drei\nDie Ersehnte\nSehnen zerringt den Kreis\nFern fallen\nEins\nEins\nEins.\nJohanna ist das Haus\nJohanna:\nHeim\nDie Einsamen wärmen Körper an Körper\nDie Schwüle hat die Flamme zerträumt\nUnsere Ringhände streuen die Asche.\nSpiel ist geworden.\nDie Trauer zieht die Fenster zu.\nWir haben das Rätsel geraten.\nKeine Türe öffnet noch\nSchamlos\nSchoß.\nAndreas:\nDas Meer blüht die Blume nicht.\nDas Meer empfängt den Mittag nicht.\nEs ist keine Scham\nIch halte die Knospe zu\nNackt\nIch bin.\nSei!\nSei brich Ich\nInsel Welle\nWelle brich Insel\nBrechen welle Brechen\nWellen brechen Wellen\nMeer!\nDie Welle\nDas Haus wellt rauscht die Straße\nDie Strasse wellt rauscht die Blume das Tier\nden Stein den Menschen\nDer Mensch wellt rauscht die Insel\nDie Welle rauscht\nDas Rauschen singt\nDer Sang:\nMeer Sturm Licht\nSturmkind\nSturm Meer Licht\nMeerkind\nMeer Licht Sturm\nLichtkind .\nLicht.\nDas Dunkel stürzt\nDie Welle türmt\nAndreas:\nInseltod!\nDie letzte Küste zerrauscht\nDie Brandung zerflattert das Segel\nHerztief sinkt der menschliche Rumpf\nDie empfangende Jungfrau blüht auf dem Grab\nRausche!\nTurm\nAuf mich\nMich auf!\nAndreas stürzt\nDie Hunde heulen\nDer Körper zersplittert den Glaskristall\nNacht\nDie Eltern schlagen den Menschen\nDer Vater:\nDu hast das Kind an dich gerissen.\nMein ist das Kind.\nDie Mutter:\nMein ist das Kind. Kannst du die\nVaterschaft beweisen? Kennst du mich?\nDer Vater:\nDirne!\nDie Mutter:\nLump!\nDie Eltern:\nTötet das Kind!\nDer Priester schlägt die Mädchen und Knaben\nDie Mädchen), ,\n•pv • rr i } lachen\nDie Knaben j\nDie Knaben:\nGott ist tot.\nDie Mädchen:\nGott ist tot.\nDie Hunde heulen\nDer Stein zerbricht den Menschen\nDie Blume zerbricht den Stein\nJohanna kniet auf der Leiche\nJohanna:\nDie gelblichen Hunde\nBiß Brust\nVon den Lefzen schäumen die Blumen zerrissen.\nBleierner Regen Haar\nHammer auf meinen Rippen\nNagel in mein Herz\nEmpfangen\nDa! Da!\nTropfen\nMein Meer.\nDie Nacht schreit\nDas Blut\nJohanna:\nLicht!\nLeiche in »meine Schenkel gewellt\nTodlust.\nZertropft sind die Klippen der Insel.\nRot sind die Bäuche der weißen Pferde über mir.\nNagel in dein Herz\nEwiger Bräutigam\nSturm.\nDer Sturm türmt schlägt\nKarl hält die Hände in das Schlagen gefaltet\nDie Welle weißt\nKarl:\nSchwester unser die du bist.\nZerlastert werde mein Same\nDein Reich bin ich\nDein Wille geschehe wie auf Erden also auch\nim Himmel\nDein täglich Fleisch gib uns heute\nGib mir die Schuld wie ich dir die Schuld gebe\nFühre mich in Versuchung und fessele mich\nin deine Kniee\nSchon deine Puppen hatten Männerhosen an.\nAmen.\nDer Turm gellt stürzt\nDer weisse Vogel zerblitzt im Sturz\nJohanna fließt mit gefalteten Schenkeln vorbei»\nAndreas geschleudert steif steil\nAndreas:\nRausch\nTurm\nIch\nMeer will Licht\nRauschend getürmt\nMein Sturm.\nDer verlorene Bruder zerbetet sein Heulen\nDie verlorene Schwester zerliebt ihr Geschlecht\nMein Geschlecht heult.\nVom Rumpf gerissen fetzen die Segel\nSchaum\nSchlag\nSteht\nWeiß.\nDie Berge bäumen die schwarzen Rücken.\nDer Vogelfall glänzt zu Tal.\nDie Hunde verenden mit blutendem Rachen\nSie trinken mein Blut.\nIch stehe\nSie bäumen die sterbenden Rücken zu mir\nIch stehe\nSchmiegende Katze am Knie.\nStand\nTurm\nMeerlicht\nRauschmeer\nIch.\nDie Welle bricht\nAndreas:\nMutter\nVater\nGeliebte\nKind\nStein auf dich\nDu.\nDie Welle schwarz zerrauscht\nAndreas zerwellt\nDie Nacht\nDas Rauschen\nDer Stern rauscht aus der Nacht\nDie Welle rauscht aus dem Stern\nDer Sternbruder geht über das Meer\nDer Sternbruder:\nSchwester Bruder\nMutter Vater\nGeliebte\nKind\nKindschwester Kindbruder\nKindmutter Kindvater\nKindgeliebte.\nDer Sternbruder zerlächelt\nAndreas öffnet die Augen.\nAndreas:\nDie entkleideten Knaben schwanken sanft\nDie Splitter der Sonne sterben die Fläche\nRing!\nDie heißen Gerüche der Frau trägt der Wind\nDer gläserne Sarg kühlt.\nSeine Wogen kräuseln und blühen\nBlau blüht das Licht\nKnospe.\nDie zarten Säume der Welle falten das Kleid\nFällt das Kleid\nWehen\nGlanz\nKristall.\nDie Wellen öffnen die Höhlen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.9", "texte": "Die dunkelen Leiber rollen hoch\nDer Gram schämt seine Wunden ins Blau.\nSilbern fingert das Lächeln den Mund.\nDie letzten Tiere sind Augen.\nDie letzten Menschen sind Tropfenschein.\nDie Höhe brennt\nFeuer.\nJohanna senkt den glühen Leib\nJohanna:\nVergessen heißt das schöne Wort\nAndreas:\nDas heiße Vergessen schönt das Wort\nJohanna:\nDas heiße Wort vergießt die Schöne\nAndreas:\nDie vergossene Schöne strömt\nAuf\nEwig.\nJohanna:\nDie Krone senkt den Ring\nFlute Glühen\nDer Ring fesselt das Licht\nKronenblau\nGlühe Flut.\nZerwandelt Gassen und Gossen\nVergessen die müden Betten\nDer stürmende Strahl strählt das zerrissene\nHerz\nGebreitet dir.\nWir inseln uns nicht.\nGelebt ist das Leben der Menschen.\nVergossene wir\nTrank und Rausch\nNun sind wir leer\nGefäß.\nAndreas:\nKristall\nRauschender Guß\nMeere Sternen\nUns\nMeere trinken\nUns\nSterne rauschen\nUns\nKristalle gießen\nUns.\nJohanna:\nLicht weht\nWehen lichten\nMeer\nLeib\nKreis\nGeschieht.\nAndreas:\nUmschlingen Wechsel Abschied Nie\nVerrinnen Wechsel Abschied Nie\nBluttiefe enthüllt.\nMein Schoß!\nTief und Blut\nMein\nScham Du entschämte.\nJohanna:\nDu Dein\nBlut und tief\nSchämt Schaum Dir\nKrone\nMich um Mich\nGleich und gleich\nSein Nie\nEnde Nie\nWir.\nAndreas:\nIch glaube Du\nJohanna:\nIch glaube Du\nAndreas:\nMeer! '.\nJohanna:\nLicht!\nAndreas:\nGelichtete mein\nJohanna:\nMeer dein\nAndreas:\nIn dir\nJohanna:\nDu\nAndreas:\nDurch dich\nZu mir\nJohanna:\nMir zu\nDich durch.\nAndreas:\nDu\nJohanna:\nIn dir\nAndreas und Johanna:\nMeerlicht!\nKind!\nAndreas: 1 ,\nT , sind Ems\nJohanna: )\nAndreas und Johanna:\nLicht\nMeer\nKind\nMich Du\nMeer\nLicht\nKind\nDich Ich\nLicht\nMeer\nKind\nUns Kind\nWir Kind\nDich Mich\nUns\nKind\nKind\nDie Geburt\nDas Meer ist das Licht\nLichtmeer\nDie Stimme:\nRoter Leib\nBrand\nBrand\n'Roter Leib\nBrand\nBrand\n•Roter Leib\nBrand\nBrand\nRoter Leib\nWerden\n<K reisen\nSternen\nDer Stern ist die Erde.\n\nDer Letzte\nAugust Stramm\nHe! da oben! Lachen! ich lache! drei Tage\nstürzen! brüllen! drei Tage Jahre Ewigkeiten!\nund bist noch nicht zerstürzt! verfluchter Him-\nmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche,\nalles zusammen, den Graben. Schützengraben.\nSchutz. Grab, die Stellung wird gehalten bis zum\nletzten Mann! vorwärts Jungens. Das Blau-\ngespenst klimmt rote Augen auf. rot feuerrot,\nverschlafen. Der Tag hält nicht aus. so oder so!\nschießt! schießt! der Wald! ja. in den Wald!\nSchädel. Wolken, lustig! der beste Schütze darf,\nja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen. Mord\nMüdigkeit Rasen Wut! He! Bursche! Bursche da\nvorn! willst du? willst du schießen?! du? ja? der\nKopf zwischen die Beine geklatscht? Drückeber-\nger! schießen! knallen! seht! sie kommen aus dem\nWald, raus aus dem Lauf! die Backe gesetzt!\nbrav! brav! Schnellfeuer! Blaue Bohnen! Bohnen!\nBlaue Augen! mein Schatz hat blaue Augen, haha!\ndrauf! drauf! sie laufen. Korn nehmen. Zielschei-\nben. laufen. Mädchenbeine, ich beiße, beiße, ver-\nflucht. Küsse scharfe, drauf gehalten! Standvisier\nAug in Auge! Wasser? was? die Läufe glühn?\nalle Schläuche glühn. letzte Nacht hat die Feld-\nflasche zerschlagen, das trockne Glas geleckt,\ndie Zunge blutet, schluckt, schluckt, schießt die\nFlinten kalt, euch selber kalt, kaltes Blut! da vorne\npfützt Wasser. Pfui Teufel! gierig! Dreck! Blut,\nblutiger Dreck. Blut modert zu schnell. Feuer!\nSchnellfeuer! raus! nicht einschlafen! wer? nehmt\nihm die Patronen aus der Tasche, wir brauchen\nsie. der Kerl blutet! ein kleines Loch kann so blu-\nten! schießen! Zielpunkt. Donner! Knacken! das\nFlattern! so müßt ihr auch schießen, zielen, zielen,\ngut. ruhig, die Hunde drüben, die arme Erde. Brief\nin der Tasche? natürlich, schlapp und gleich tot\nauf der Nase, „mein lieber Mann!\" ja. Männer\nbrauchen wir. aber keine toten hier, essen. Brök-\nkel Schokolade. Mutter, schießt Kerle, ach Mütter\nweinen immer, schießt! ich war ein weicher\nJunge. Teufel! Kopf hoch! die Nasen aus dem\nDreck! Was?! keiner? alle? Faullenzer! Verstär-\nkung. hört ihr? Verstärkung kommt. Feind nicht\nranlassen! die Flinten vor! Teufel! totsein ist\nSchande! seht! ich schieße, schieße. Verstärkung,\nhört! Trommeln. Hörner. Tata trrr! eilt da hin-\nten! eilt! Muttertränen. Vaterbrünste. Dreck! Drei\nTage Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich\nimmer so sorgsam gewaschen. Grab. Hölle. Teu-\nfel. mein Arm schießt. Finger ladet. Auge trifft.\nHurrah! Hurrah! die Beine in die Hand! Hurrah!\nTod und Leben! Hurrah! Eisen! Hurrah! drauf! Mein\nKopf! Kopf! wo ist mein Kopf? voran, fliegt, kol-\nlert. brav. Bursche! in den Feind! beißen beißen!\nSäbel! ha! weich der Vaterbauch, weich. Mutter,\nwo bist? Mutter, seh dich nicht? Mutter du küßt.\nMutter, rauh, halte mich, ich falle doch. Muttef\nich falle. Mutter.\n\nGedichte\nSophie van Leer\n\nI\nIn die Welt bin ich geworfen\nWeit wurde die Erde\nIn roten Wolken bin ich aufgefangen\nDer Mond geht rund\nund immer seh ich sein eines Gesicht\nHinter den Sternen rauscht die Ewigkeit\nKlein sind meine Arme und Vögel haben Flügel\nDie Sonne strahlt mir das Lächeln von Gott\nMein Schatten fällt den Strahlen in das Haar\nAuf meiner Stirne weint das Leben\nDie Seele schläft\nund träumt\nund wartet in die Ewigkeit\n\nII\nDie Blumen schlummern in den Falten meiner\nStirn\nAuf meinen Schultern träumt der Mond .\nIn meinen Händen nisten kleine Vögel\nDer bunte Tag löscht seine Lichter aus\nDas Herz der Sonne pocht in meinem Herzen\nIn meinen Armen schläft die Erde ein"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.10", "texte": "III\nDie Straßen am Himmel sind silber bestreut\nAuf meinen Lippen singt ein Stern\nZwei Sonnen halten jnein Herz\nRote Blumen kreisen meine Adern\nDie Seele träumt in deinen Strahlen\nDein Sein erfüllt mich bis zum Rand des Seins\nEin tausendfach Gebet ist meine Qual\nRings um die Sterne kreisen unsre Herzen\nMein Atem glüht\nIm Winde wachsen unsre Stimmen\nWir sinken jubelnd in das Himmelreich\n\nIV\nSchwarz kniet die Nacht die blaue Erde\nDie Himmel stürzen in die Dunkelheit\nAus allen Träumen steigt mein Antlitz auf\naus allen Tränen heb ich mein Gebet\nIch gehe zu den Sternen ein ,\nund meine Hände werden eine Schale unter\n\nGottes Haupt.\n\nSeidenfaden\nAdolf Knoblauch\nErzählung\nVII\nNach allem was schlank, anmutig, blaß, mit\nSchnecken um die Ohren, sechzehnjährig vor ihm\neinherlief trug Seidenfaden im Geiste Gelüst, er\nschlug sich selbst ans Kreuz täglicher Verliebt-\nheit. Für ihn gab es nur Heilung in der Nähe von\ndicken, spießigen, breithüftigen, busengefildigen\nWeibern, die ihn langweilten, wenn er im gefüllten\nBahn-Abteil zwischen sie gedrängt sitzen mußte.\nSeidenfaden hatte früh als Knabe auf dem Lido\nund in Biarritz herumgesessen, die Nacktheit an-\ngestarrt, Eindrücke der weiblichen Körperlinien\ngesammelt und seine erotischen Möglichkeiten mit\nden Freunden erörtert. Seidenfaden begann\nden Lido der Massen am Wannsee zu besuchen.\nTäglich vom Morgen bis zum Abend lag er Som-\nmer und Herbst hindurch im Sande des Sonnen-\nbades und starrte auf die trikotne Gruppe abge-\nlebter junger Damen, die mit kalkigen Gliedern\nschläfrig Lebenslust posierten, auf Pfählen im\nseichten Wasser vor den stierenden Männern im\nnassen glatten schwarzen Badeanzug herumturn-\nten und zur gleichmütigen Badeblechmusik sich\nunter Gelächter hin- und herdrehten. Seidenfaden\nergötzte sich, mit den Animier-Badnerinnen im\nSande zusammen zu liegen, denn wegen des\nHavelwassers ging er nicht zum Baden.\nIm Sande arbeitete er an seiner Philosophie. An\nden massenwimmelnden Sonntagen, in den wür-\ngenden Ausdünstungen der geschwitzten Tausende,\nim Kindergeschrei, den Zoten, während die berliner\nRangen beiderlei Geschlechts ihre Liebesspiele\nklatschten und plätscherten, lag Seidenfaden zwi-\nschen Sine, seinen Holden und deren Liebsten und\nführte die Sache der kreuzweisen Liebe.\nIn der stinkenden Oede, im heissen Sand, am\nseichten brutwarmen Wasser wälzte sich der ge-\nbräunte Seidenfaden und griff von überall einen\nBlick nackten Frauenleib, nackten Mädchenleib in\nallen Rundungen, Beugungen, Streckungen, Hin-\ngießungen.\nSeidenfaden mietete eine geräumige Mansar-\ndenstube nahe den Sanatorien und siedelte mit\nseinem ganzen verstaubten und zerbrochenen Trö-\ndel über. Er hinterließ Schneekamps keine Kar-\ntoffel und Tomate.\nSeinem neuen Heim, das ihn hegen und um-\nfrieden sollte, gab er in angestrengter Tätigkeit,\n«ui Knieen rutschend, einen Anstrich mit weihenden\nFarben. Er pinselte die schräge Dachdecke und\ndie lotrechten Stützbalken, welche durch die Stube\nragten, mit einer absolut weißen Leinfarbe an.\nDem Fußboden aber gab er einen Anstrich von\nindigoblauer Lackfarbe, daß er gleißte wie Majo-\nlika-Kacheln von Cadinen. Seine zerbrochenen\nStühle, durchgesessenen Rohrgeflechte, den un-\nsauberen wüst behäuften Tisch, sein Piano bemalte\ner mit dem gleichen blauen Lack, um ihn aufzu-\nbrauchen, und wenn seine Möbel davon nicht\nheiler wurden, so wurden sie jetzt heiter dem\nGanzen wohl eingefügt. Das Fensterkreuz bekam\nauch blauen Lack.\nIn diesem Himmel aus Indigo und Wol'kenweiß\nlebte Seidenfaden mit seinen buntein Manuskripten\nund gemischten Marmeladentöpfen. Die Manu-\nskripte verstaubten, und die Töpfe oder Büchsen\nverstaubten, gefüllt oder geleert im Winkel, wo\ndas schräge Wolkenweiß dicht ins Indigo herab-\nstieß. Dieser Winkel war Sinens liebster Ort, eine\nrunde Blumen-Vase, Geschenk einer Verehrerin\nSeidenfadens, lag dort umgestülpt und war Sinens\nFrauensitz. Hier naschte sie aus den süßen Töpf-\nchen.\nDie übrigen Räume der Wohnung, zu der\nSeidenfadens Stube gehörte, waren im Besitz einer\njungen, lebenslustigen Wittwe. Das eng nachbar-\nliche Zusammenwohnen brachte alsbald trau-\nlichere Beziehungen zur Witwe hervor. Bei ihren\nallmählich regeren Besuchen auf Indigoblau und im\nWolkenweiß wurde sie sanft in die kreuzweise\nLiebe eingeführt. Ehe Sine zum Bunten kam, saß\nLischen schon auf den dünnen, zaghaften Knieen\nSchönings und naschte aus Sinens süßen Töpf-\nchen. Seidenfaden empfand das ahnungsvolle\nGlück des kreuzweis Geliebten, wenn Lischen die\nblossen Arme aus dem Morgenkleid hob, ihn um-\nhalste, seinen rötlichen Bocksbart küßte, ihre\nLeibesfrische in seine welke Philosophie drückte,\nindem sie aus dem Marmeladenglas mit den Fin-\ngern schleckte. Lischen war freilich weder die\nästhetisch stilgerechte und geistige Geliebte, noch\ndie ehelich dienende und strebend hingegebene Ge-\nfährtin Sine — Lischen war die lebensfrische\nLustigkeit, die in zaghaften Zeiten alternden\nKönigen zur Anwärmung schläfriger Triebe des\nLebenswinters ins Bett gelegt wurde. Lischen\nerheiterte, sie verscheuchte Sorgen, von denen\nseine Stirn stockig und runzlig geworden war.\nSo oft Sine darauf drang, daß Bande von Amts-\nwegen die flüchtigen Hände des Bunten Seiden-\nfaden mit ihren verflochten, so oft erfand Seiden-\nfaden wunderliche Ausflüchte, um sein günstiges\nJunggesellenleben und seine Liebeserfindungen\nweiter zu entwickeln. Sine fügte sich unterwürfig\ndarein, sie geriet in immer größere Abhängigkeit\nund Anpassung des kreuzweisen Zwanges, der ihr\nsüß schmeckte.\nZuweilen traf Sine Lischen noch auf Seiden-\nfadens Knieen an, und sie durfte nicht sauer sehen,\nwenn Lischen schleckte und mit Handkuß von\nSeidenfaden bunt und duftig herabsprang. Dann\nschmollte Sine düster auf der umgestülpten Vase.\nWenn aber des Geliebten rotwangig glänzendes\nAngesicht sich ihr näherte, so half alles nichts und\nsie setzte sich gern auf seine noch warmen, dünnen\nKniee. Seidenfaden fand das Heiße, Reizende der\nLiebe und Küsse heraus, wenn Zudritt geliebt\nwurde, die Liebe wurde intensiv, energisch,\nheroisch. Die Vertilgung der Eifersucht machte\ndie Liebe feingeistig, vergöttert. Nun ließ\nsich auch über die Liebe, die das schweigsamste\nDing von der Welt Beginn an war, unerhört viel\nreden und theoreitisieren.\nSine war grenzenlos eifersüchtig, sie verbitterte\nschnell. Auf alle war sie eifersüchtig: Wittwe\nLischen, das Fräulein im Haus von Seidenfadens\nEltern, mit dem er nach dem Essen gern allein war,\ndie drei kleinen Dollingsmädchen, die zu! sech-\nzehnjähriger Magerkeit und asketischem Jungmäd-\nchenleib heranwuchsen. Nicht zu zählen die Kniee,\nHüften und Arme der jungen Mädchen und Frauen,\ndie Seidenfaden im Bahn-Abteil gegenüber, neben\nihm saßen und sich an ihn drückten, nicht zu\nzählen die Vielen, die im Sonnenbad durstig an\nseinen blossen Leib sich schmiegten.\nSine saß im Winkel, wo Wolkenweiß dicht in\nIndigo herabstieß, und zählte trüb die noch nicht\ngeschleckten Töpfchen.\n\nFortsetzung folgt\n\nLieder\nWilhelm Runge\nI\nMittag\nBlut fließt aus der Adern Mittagsenge\nhält den Atem an ganz losen Leinen\nmäht die Sonne hin in goldnen Garben\nsammelt sommersummend\nBund um Bund\nDörfchen hängt am hohen Schilf des Tages\nhebt und senkt die dächerbunten Flügel\nund des Himmels überlichte Wasser\nsprudeln Blumenzwitscher\nVogelschrein\nII\nSchrecken zäunt die spieligen Gedanken\nMondschein hätschelt seine wilde Nacht\nzuckend blutet Welt vom Sims der Sterne\nSeele hastet herzen wimmre Wunden\nwankend\ntastet zager Sommertag\nIII\nDuften steht mit ausgebreiten Händen\nkraus springt Sonne über keck Gesträuch\nleise weiden grille Wolken Träume\nblauen Himmel streichelt koses Gras\nSonne wiegt im Moos die tanzen Sterne\nund die Wälder schweben drüberher\nRosen kosen die verschämten Wiesen\nschüchtern faltet Blut die trillre Hand\nBäume hetzen ihre grünen Segel\nWinde liegen flüsternd ohrinohr\nSummen hascht die flatterhaften Blumen\nBienen tropfen\nSteine atmen schwer\n\nLegende vom Prinzen\nund der Tänzerin\nRudolf Alker\nEs war eine Tänzerin im Reiche Gottes.\nIhre Zehenspitzen sprühten Feuer im Wirbeln.\nUnd ihre Kinderschenkel waren süsse\nBeischläferinnen.\nDer Prinz hatte braune Augen und einen\ngoldgestickten Kragen."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.11", "texte": "Seine Hand war mit Schlangenringen\nbewaffnet.\nDie Tänzerin aber lehnte an papierner Brücke und\ndachte über das Lärmen der Menge.\nDa hob sie wie im Lampenlichte ihre\nbewimperten Augen\nUnd sah den Prinzen.\nUnd es war ihr als wär er aus Äonen schon ihr\nBruder.\nAls wollt er ihr die Hände reichen.\nDer Prinz aber sah den Flitterkranz um ihre\nRundschenkel\nUnd war sehr huldreich und voll vornehmer\nZärtlichkeit.\nDas Mädchen aber freute sich seiner\nPrinzenheit\nUnd ließ ihn gewähren wie einen großen Bruder.\nEinst zog er ihr ein Hemdchen über die kleine\nBrust.\nUnd Flügelkleider kamen um ihren Flitterkranz\nUnd Schnallenschuh, in denen sie ungeschickte\nSchritte machte.\nDamals aber bekam der Prinz wie fremde\nAugen.\nUnd mußte viel verreisen.\nDas Kind trug die verschlungnen Kleider\nund ging wie andere.\nSie fühlte sich jetzt immer neu und zu ihm\nwie verschwestert.\nNur wenn sie ihre Wimperaugen aufrichtete\nsah man Umstrahltes.\nDas erregte Staunen.\nAls er kam flog sie ihm entgegen\nauf Tanzspitzen im Wirbelkleid.\nEr hatte ein bronzenes Antlitz mit kurzem\nScheitel.\nUnd seine Augen waren seltsam etwas starr\nauf sie gerichtet.\nDer Mund in dunklem Fragen wie geöffnet.\nDa wirbelt tanzend Licht um ihn.\nEin warmer Atem schlang zwei Arme ihm\num seinen Hals\nUnd ihre Brust lag ihm, ihr Knie, an seinem\nSchoß.\nUnd ein Paar Lippen schlössen ihm den Mund\nmit Küssen.\nEr machte spät sich los.\nEr sah nach vorn mit dem gewinnendsten\nAugenlächeln.\nUnd wandt sich kurz zu ihr und nahm sie\nmit sich an die Hand.\nSo viele Jahre dauerte die Reise.\nDie letzte Straße war voll Wagen die im\nRegennassen standen.\nDas Tänzemädchen seines Arms sah alles das\nmit ihren Augen, wie erfühlend.\nSie fror zuweilen und ihr war als ging an\nihrer Stelle eine andre.\nUnd doch war sie es mit den Tanzessprudelfüssen\nund den Strahlenwimpern.\nUnd doch war es ihr großer Bruder neben ihr.\nDer Prinz der Erde und die Tänzerin der\nKindheit.\nIn hellen Räumen saß er gegenüber ihrem Sessel.\nSie duckte sich in Sessellehnenseiten.\nMit jungem Körper kauernd.\nUnd war nach unten rings ihr Flatterkleid herum\ngebreitet.\nZum Spaß so unabsichtlich groß um eine\nJugend\nEr sprechend redete durch klaren Raum.\nEntscheidung dieser Stunde.\nZu meiner Flügelschwester oder Buhlerin.\nIn starre Pausen kamen Stammelworte seiner\nkauernden Umkränzten.\nIch möchte deine Liebe. Du mein Bruder.\nEs sank ihr halbverschattet Tränenblick zu ihm.\nEr stand gewiegter Haltung träumerisch im\nSpiegelsaal.\nUnd wie erfüllt von andrem fiel ihr Blick zu ihren\nKleiderfüssen, Tanzesfüssen.\nUnd er verwarf das Goldbesetzte.\nUnd stand gestickter Hemdenbluse wie ein Turner.\nUnd trug sie wiegend zu dem Lager.\nUnd lehnt sich zu der Tänzerin des Flitterkranzes\nund der Strahlenaugen.\nEs war Musik aus vielen Lichterspiegeln.\nSie küßte ihn aufs Haar als er ihr Knie berührte.\nEs flüsterte aus Schmerzen noch von Bluteslippen.\nDu Liebster. Du mein Bruder.\nUnd Gottesstille kam zu ihr.\nSie schritten traumverschlungen durch die\nRäume.\nDes Prinzen Kleid ward schimmernder und\nschimmernder\nund ganz in Silber.\nEr führte sie ans Fenster.\nSchlug den Vorhang seitwärts.\nStarre, aufgerissne Augen.\nDort in der leeren Straße\nSah man einen Berittenen halten, der heraufsah.\nDer Vorhang schlug ihr vors Gesicht.\nNachtfinsternis vor ihr im Räume.\nNur seine Augen waren noch zu sehn, die\nglühend sich bewegten.\nDa fühlte sie sich einsam vor dem Schicksal\nMit dieses Prinzenmannes Tigeraugen.\nEs war ein Fremdes das dort glühend sie\nbedrohte.\nSein Arm faßt tastend ihre Schultern.\nUnd seine Hand nach schwachen Knien.\nUnd hob sie mit den Faltenkleidern.\nSie wollte lachen, und sah Sterne fliegen.\nSie wollte schrein, und fiel in wirres Kissenlager,\nwehrte sich.\nDer Rock verfiel. Mit Hand und Knien.\nZerschriene Ohnmacht.\nLichternacht 'der Spiegelsäle.\nDa sah sie ihren Haßgeliebten stehn\nUnd höhnisch Lächeln spielte noch in seinen\nAugen.\nEin Mann, der sie hat schänden wollen.\nUnd die Gestalt des Prinzenlüstlings schwankt\nwird bläulich, fern den Augen.\nEin Poltern. Schweres Klirrn und Stampfen\nHuftritt hohler Stiegen.\nIn schwerer Rüstung über Treppen in\nden Saal.\nDer Lüstling faßt sich, sieht gleichgültig seinem\nEingang.\nSie, Flitterkranzes,, nackt, verschlungner\nBeine auf dem Lager\nAbwehrend Hände, fliehend Haar von gläsern\nAugen nach der Tür.\nEin irres Schrein\nDie Glastürn fliegen\nAuflastend Pferde haltend in dem Saale der\nBerittene von unten.\nUnd öffnet das Visier:\nDer Prinz.\nUnd Donner. Rauch erfüllt den\nBildersaal im Schwinden.\nJahre.\nEs war die Tänzerin im Reiche Gottes.\nSprudelfüssige.\nSie lehnte an papierner Brücke\nund dachte über Sinn und Lärm der\nMenge.\nDa hob sie wie im Lampenlichte\nihre Wimperaugen.\nUnd sah den Prinzen.\nUnd ihr war als wär er seit Äonen schon ihr\nBruder.\nAls wollt er ihr die Hände reichen.\n\nDie Entdeckung des\nHerrn K. F.\nWalter Mehring\n. . daß die Zeitschrift „Der Sturm\" den Dich-\nter entdeckt und gefördert habe.\"\nHerr K. F., um sich den Ruhm für alle Zeiten\nzu sichern, entdeckte den Lieblingsdichter\nAugust Stramm.\nWeil ich begriff, den er nicht verstand, ist\nAugust Stramm mein Lieblingsdichter. Weil das\neinzige, was er verstand, die Lebensdaten August\nStramms waren, und alle Lieblingsdichter Lebens-\ndaten haben, begriff er, daß August Stramm ein\nLieblingsdichter sein könne.\nUnd das weiß Herr K. F. schon von der Schule,\nseine Lieblingsdichter trägt man gut vor.\nHerr K. F. kennt auch alle Lieblingsdichter von\nder Schule . . . August Stramm ist nicht darunter.\nHerr K. F. kennt auch alle Lieblingsdramen von\nder Schule . . . August Stramm kennt er nicht.\nHerr K. F. fühlt sich fremd.\nAber eines erkannte Herr K. F. gleich wieder\n— von der Schule her — das waren die Fürwörter\n(Pronomina). Und weil er nichts erkannte, hielt\ner sich wenigstens an diese Bekannten. Aber er\nfand sie zu aufdringlich. Darum wurde er auch\nhier nicht heimisch.\n/Er fand, daß sich die Personen mit Fürwör-\ntern (Pronominibus) bewarfen, aber sie flogen\nihm an den Kopf.\nHerr K. F. war ärgerlich.\nEr wußte gar nicht, worum es sich handelte.\nEr begriff überhaupt nicht die Handlung.\nEr begriff nur, daß ein Held die Erde zerstört.\nUnd fand das sehr wenig. Und außerdem handelt\nes sich in dem Drama Geschehen gar nicht darum.\nUnd die Wörter flogen ihm immerzu an den\nKopf.\nSo daß Herr K. F. überhaupt nichts mehr den-\nken konnte. Er konnte sich nicht einmal das\nDrama besser vorgetragen denken.\nHerr K. F., gewohnt mit feinem Lächeln zuzu-\nhören, fühlte sich plötzlich von Worten umwirbelt.\nHerr K. F. fühlte sich selbst herumgewirbelt.\nEr bestritt. Er wäre als Kritiker mit friedlichen\nAbsichten gekommen.\nUnd die Worte flogen ihm immerzu an den\nKopf.\nHerr K. F. verfaßte eine Beschwerdeschrift\nfür das B. T. gegen den Lieblingsdichter August\nStramm."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161015-01.1.12", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag*-\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Straße 134\nQeoffnet tagiich von 10—6 Uhr / Sonntags vo«\nH—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\n-ionatlicher Wechsel\nFiinfundvierzigste Ausstellung\nCampendonk\nSechsundvierzigste Ausstellung\nFranz Mare\nGedachtnisausstellang\nEroffnung: 1. November\n\nDer Sturm vertritt folgende Kunstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle I Zeich-\nnungen / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCampendonk I Marc Chagall / Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg Muche / Gabriele Miinter / Nell\nWalden\nDiese Kunstler werden ausschließlich durch den Storm ver-\ntreten\nIsaac Griinewald I Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger I Archipenko / Boccioni i Carlo D.\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann I Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund I Oswald Herzog / Johannes Itten I Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMense / Jean Metzinger / Francis Picabia / Pablo\nPicasso I Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkin I Cezanne / van Gogh / Munch\n\nKunstschule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUnterricht in der expressionistischen Kunst der\nBiihne I der Schauspielerei I der Vortragskunst I\nder Malerei I der Dichtung / der Musik\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungen werden dort entgegen ge-\nnommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\n\nSturm-Kunstabende\nVerein fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nDreißig Abende September 1916 bis April 1917\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJed en Mittwoch / Beginn aller Abende: 8 Uhr\nSechster Abend / Mittwoch den 18. Oktober\nRudolf Bliimner: Vortragsabend\nMombert / Poe / Strindberg / Stramm\nSiebenter Abend / Mittwoch den 25. Oktober\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nAchter Abend / Mittwoch den 1. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nNeunter Abend / Mittwoch den 8. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nZehnter Abend / Mittwoch den 15. November\nAdolf Knoblauch\nKarten 3 um! 2 Mark / Stehplatz 1 Mark im Vorverkauf\nfur alle atigezeigten Abende an der Kasse der Kunstaus-\nstellung Der Sturm und an der Abendkasse\nÜbertragbare Dauerkarte fiir jede Serie (zehn\nAbende): 20 Mark / Verzeichnisse kostenlos\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nPernruf Amt Ltitzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft SO Pfennig\n/ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\n/ Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nCin Halbjahr 6 Mark J Fiir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n20 Mark I Vierter Jahrgang 154—203: 20 Mark I\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je 6 Mark\n\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nJedes Buch 2 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQ1 ii c k —! / Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur I In ein-\nhundertundelf Kapiteln / Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplar en auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du ./ Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Flir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen ./ VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst J VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne./ X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: P1 ak a t ftir die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzug 10 Mark\nAnna Scheerbart: Handgefertigte farbige Vorsatz-\nund Deckelpapiere fiir Biichereinbande / Format\n42 X 35 Mark 4\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\n\nausstellungen / Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat von\nKokoschka\n\nSturm - Austellungskataloge\nmit Abbildungen\nDcr Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\n/ Otakar Kubin / Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit ffinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Buttenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zeichnung\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos / 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus /\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Schcerbart I 6 Yvette\nGuilbert\nOskar Kokoschka: Tierb i 1 d e r\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachen\nI.uigi Russolo: Erinnerung einer Nacht I Zug in\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin / Ruhelose Tanzerin I\nPan-Pan Tanz\n36 verschiedene Karten\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nSoeben erschienen: Oskar Kokoschka: Morder\nHoffnung der Frauen / Drama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Buch 4—lo, vom Verfasser\nsigniert 30 Mark / Nummer 11—100 Mark 10\nSoeben erschienen: Peter Baum: Kyland\nSturmbuch XIII / 50 Pfennig\nSoeben erschienen: Sturm-Kiinstler / Lich t - \\\nbildkarten / 8: Hermann Essig / 9: Oskar\nKokoschka / 10: Adolf Knoblauch\nJede Karte 20 Pfennig\nSoeben erschienen: Kiinstlerpostkarte\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nDie Karte 20 Pfennig\nDer fiinfte und sechste Jahrgang der Zeit-\nschrift Der Sturm kosten vom 1. November\nab je 10 Mark / der vierte Jahrgang Sonder-\nausgabe 30 Mark / Die einfache Ausgabe des vier-\nten Jahrgangs Ist vergriffen\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenliebe /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren / 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nPeter Baum: Schiitzengrabenverse / Qedichte /\nQebunden 3 Mark\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten / 5: Rudolf Bliim-\nner / 6: Campendonk / 7: Peter Baum / Jede Karte\n20 Pfennig\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}