{"numero_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_sha256": "d05023435c189e4d941c22ca0365c9604ca99650b178e998088442f199c4bce0", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1916/11/15_01/bmtnabg_1916-11-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1916/11/15_01/bmtnabg_1916-11-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.1", "debut_caractere": 254, "fin_caractere_exclue": 620, "texte": "Inhalt:\nBohuslav Kokoschka: Ein Vorfall / Mit Zeichnungen von Oskar Kokoschka / Herwarth Waiden: Schöne Künste: Der Schweizer als Erzieher\noder Bode zu Hause / Der Mordsstrich / Eigenhändig / Hermann Essig: Der Wetterfrosch / Sophie van Leer: Die Not / Kurt Heynicke: Gedichte /\nAdolf Behne: Bekenntnis / Adolf Knoblauch: Seidenfaden / Oskar Kokoschka: Selbstbildnis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.2", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: selbsibildnis", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: selbsibildnis", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.1", "debut_caractere": 622, "fin_caractere_exclue": 652, "texte": "Oskar Kokoschka: selbsibildnis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "87", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.3", "titre_corps": "Ein Vorfall : Mit Zeichnungen von Oskar Kokoschka", "titre_sommaire": "Ein Vorfall : Mit Zeichnungen von Oskar Kokoschka", "signature_source": "Bohuslav Kokoschka", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3064, "texte": "Ein Vorfall\nMit Zeichnungen von Oskar Kokoschka\nBohuslav Kokoschka\nDie Möwen stürzen weiß vor dem gelben Fen-\nster, lassen sich treiben von dem böigen Wind,\nder vom Meer her auf die lockeren Scheiben zu-\nspringt.\nEin Gewirr von Lauten, wie eine Gesellschaft\nkleiner Bodentürchen verrosteter Angel, hoch im\nWinde in der Nacht.\nHinter dem gelben Fenster steht der kleine\nBreitschultrige. Blaß. Mit eingefallenen Wangen.\nDie schwarzen Augen in den kleinen, dunklen\nGrotten verraten, daß das Fieber ihn hat; er\nraucht billigste Zigaretten, Zeige- und Mittelfinger\nsind braun von Nikotin.\nEr steht hinter dem kleinen, gelben Fenster und\ndenkt. Die weißen Möwenbäuche sind plötzlich\nnicht mehr da..!\nVor einem anderen gelben oder rosa Fenster\nstürzen sie, sind wieder einmal draußen über\nihrem Meer.\nEr dreht seinen Kopf hinter der Scheibe, drückt\nseine Nase daran platt, aber nichts sieht er von\nihnen.\nUnd die Möwen jetzt plötzlich nicht mehr da\nsind, was gestern Abends geschehen war, erinnert\ner sich. Er denkt schon den ganzen Tag und bis\nzum frühesten Morgen war es die Nacht, die da-\nmit verging.\nEr legt sich auf das wackelige Sofa. Ein bil-\nliger weißer Fenster-Vorhang statt des Über-\nzuges. Die Uhr zeigt sechs.\nMit dem Fuß hält er den Pendel auf. Weil er\nso stupide hin und her schwingt. Blond war sie\nwie eine Butterblume... So ziemt es den Hilde-\ngarden.\nDaß sie sich auch nicht mehr rettete, ging er\nihr nach. Und da spricht sie ihn an, Hildegarde...\nEs regnet fein, zwischen den Regen strahlt die\nSonne ... „Sie müssen mir nicht immer nachlaufen,\nSie!\"\nDie kleinen Nasenlöcher ziehen die Moosluft\nein. Er steht vor ihr und lächelt, sein Lächeln\nstarrt auf den Lippen. Die Hände auf dem Rücken,\nsagt er: Ihre Haare sind blond wie ihre Sommer-\nsprossen; und seine Augen werden viel größer.\nSie macht einen Schritt zurück, ratlos vor Wut;\nund den einzigen, möglichen Weg geht er ihr vor!\nLangsam, die Hände auf dem Rücken.\nWind hebt sich auf und türmt über die Bäume,\ner pfeift leise.\nHildegarde, sieht sie den kleinen, breiten Mann\nvor sich, langsam geht er, die Hände auf dem\nRücken, schreit sie: Ruhe will ich haben vor Ihnen,\nhören Sie das, Sie!?\nSie hebt die Hände vors Gesicht und schluchzt.\nEr geht ruhig seinen Weg, die Hände auf dem\nRücken. Hilda geht und immer schneller den Weg\nbergab. Sie kommt ins Laufen, sie wankt,\nstrauchelt ihr Fuß an den Steinen und sie fällt\nins Gebüsch. Der Mond steigt herauf.\nEr krallt über sie, sie regt sich nicht. Und da\nregt sich der Mond auch nicht...\nEin Hildaruf in den Bergen... Und draußen\nlacht das Meer.\nDie feinen Regen, zu fein sind sie und können\nihm nichts anhaben, dem Meer. Und es lacht.\nEr läßt auf sich rieseln vom Regen und Hilda\nüber den Leib. Er liegt hin in einem schwarzen\nKleide... Und so ist sie zu liegen gekommen, daß\nes sich straff spannt.\nDer Hut hat sich aus den Haaren gelöst, er\nliegt unter dem Kopf am Boden und unter einem\nWust von blonden Flechten. Da sind die Möwen\nwieder da und schwärmen vor dem gelben Fen-\nster und er sieht die Sonne. Und daß sie ein\ngroßes Stück gesunken ist."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2720, "texte": "Schatten fallen in das kleine, kalte Zimmer. Sie\ndehnen sich und biegen sich an den kahlen Wän-\nden.\nEin kleines Bildchen hängt über dem Sofa, das\nist Hilda. Hildegarde und im schwarzen Kleid und\nHaare blond wie die Butterblume auf dem Feld.\n...Du werd wach, bittet er sie. Plötzlich rüttelt\ner an ihr, der Mund ist halb offen... Mach auf die\nAugen, Du! schreit er ihr ins Gesicht, vofller Angst.\nDer Wind pfeift leise...\nEr hebt sie auf, der kleine Breitschultrige und\nweiß nicht wohin mit ihr. Er wendet sich mit ihr\nund dreht sich und die schwarzen, schmalen\nFrauenschuhe scharren am Boden.\nDa schleppt er sie zum Weg hin unverwandt\nschaut er ihr ins sommersprossige Gesicht. Seine\nschwarzen Augen sind voll Licht. Er zittert.\nVon dem blassen Frauengesicht läßt der Mond\nnicht ab, ihre Füße schlottern unter seinem Arm\nund schlagen auf seinen Schenkel; da blickt er\nden Mond an und trägt den Körper unter die\nBäume hinein, der Wind pfeift leise darin.\nPlötzlich spüren seine Hände, wie ihr Leib\nwarm ist, und ehe er ihn niedergelegt hat, will\ner sich aufrichten, Hildegarde...\nSie sind es wieder, Sie? sagt sie verzweifelt\n...Und das Kleid ist zerrissen... Wie mir mein >\nKopf schmerzt..!\nDie Finger der linken Hand verschwinden in\nden Haaren. Helfen Sie mir wenigstens, wenn Sie\nschon da sind, Sie!\nUnd sie weint.\nAber er hat seine Ruhe wieder, der kleine\nBreitschultrige. So sie nur wieder lebend gewor-\nden ist. Nervenanfall, denkt er, weiter nichts. Er\nredet mit keinem Wort auf sie ein. Und da be-\nruhigt sie sich. Und nach einer Weile: Warum\nsind Sie eigentlich wieder hergekommen zu uns,\nSie!? Wenn Sie wissen, es führt nur zu nichts...\nLangsam und ruhig sagt sie das. Ihre Augen\nfallen zu dabei vor Müdigkeit...\nSie schiebt mit der Hand die Frisur zurück,\ndann legt sie die Hand, die Finger gebogen, in den\nSchoß. Er schweigt, das Wasser stürzt ihm in die\nAugen. Er schaut in ihr blasses Gesicht mit den\nzugefallenen Lidern ... sie schläft bereits fest...\nDie glatten Augenlider liegen leicht aneinander\nund sind nicht hart aneinandergedrückt. So schläft\nsie, fünfzig Schritte von ihrem Haus, auf dem\nWaldboden...\nSein Gesicht ist dem ihren nahegekommen und\ner drückt es in das ihre und fest und lange ...\nEine feine, warme Nase spürt er in seiner\nWange. Sie merkt nichts, so fest schläft sie...\nDie Möwen sind wieder da, schnellen weiß vor\ndem gelben Fenster, hin und her, obwohl es schon\nfinster wird vor dem Fenster und spät draußen\nund über dem Meer. Ihre Schatten huschen wie\nFledermäuse auf dem Zimmerboden und an den\nWänden.\nDa zieht er einen Sechsläufigen aus der Tasche,\neinen wackeren Sechsläufigen, um die Setzten paar\nsechsundvierzig Kronen. Der wollte sich bezahlt\nmachen jetzt.\nEin Schuß kracht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "90", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.4", "titre_corps": "Schöne Künste", "titre_sommaire": "Schöne Künste", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5744, "texte": "Schöne Künste\n\nDer Schweizer als Erzieher oder Bode zu Hause\nHerr Generaldirektor Wilhelm von Bode ver-\nöffentlicht in einer nebensächlichen Zeitschrift\nWieland Urteile der Neutralen über neueste deut-\nsche Kunst. Herr Generaldirektor Wilhelm von\nBode ist in den Augen der Kunstlaien und Kunst-\nhistoriker eine Autorität. Dieser Fachmann kann\nin Deutschland offenbar nicht mehr genügend Laien\nfinden, die ihm seine Urteilslosigkeit bestätigen.\nVertrauensvoll wendet er sich daher an das neu-\ntrale Ausland. Und wie einst ein Deutsch-Ameri-\nkaner gefunden wurde, der das Werk Hugo von\nTschudis in der Nationalgalerie anspuckte, so hat\nauch Herr Generaldirektor von Bode einen\nSchweizer gefunden, der sich an der Kunst ver-\ngreift. Man bedenke: der Generaldirektor der\nKöniglichen Museen findet in Deutschland und im\ngesamten neutralen Ausland nur einen\nSchweizer, der sich mit ihm verurteilen läßt. Einen\nSchweizer, von dem man nur erfährt, daß er ein\nBekannter des Herrn von Bode ist. Der Bekannte\nscheint aber kein guter Bekannter gewesen zu\nsein, denn er weiß nicht einmal, daß sein Be-\nkannter, Herr von Bode, ebenso wenig von Kunst\nversteht, wie er selbst. Ich will den Bekannten\nvon Herrn von Bode so vorstellen, daß er zugleich\nbestellt und mit seinem Bekannten abbestellt ist.\n„Sie werden sich wundern, daß ich als Schweizer\nund nach allen Klagen, die ich gerade gegen Sie\nüber die neuere Entwicklung unser Schweizer\nKunst habe laut werden lassen, über Ihre modern-\nste Malerei in Deutschland mich abfällig hören\nlasse . . . Verstehen Sie, was diese neue Kunst\nwill? In allen Zu- und Beischriften, die man in die\nHand gedrückt oder zugeschickt bekommt, habe\nich gestöbert, aber ich bin nur noch dümmer da-\ndurch geworden. Sie sind ja — ebenso unverständ-\nlich wie die „Kunst\" welche sie feiern. So viel\nlese ich wohl heraus, daß es jetzt genug sei mit\naller rohen Naturnachahmung, mit dem wüsten Im-\npressionismus, ein Höheres sei das Ziel der wahren\nKunst: Abstraktion von der Natur, Verbildlichung\nder Naturkräfte, Symbolisierung, echten Stil wolle\nder Expressionismus. Und bietet er das wirklich?\nWas ich davon in den Ausstellungen der ver-\nschiedenen Sezessionen, der Kunsthandlungen von\nGoltz, Gurlitt, im Sturm undsoweiter an Bildern,\nPlastiken und namentlich von graphischer Kunst\ngesehen habe, kam meinem altmodischen Auge\nsehr viel roher vor, als der äußerste Impressionis-\nmus; was als hohe Form mir angepriesen wurde,\nerschien mir völlig formlos und formwidrig und in\nden Produkten des Kubismus konnte ich nur die\nAusartungen eines kranken Mathematiker-Gehirns\nentdecken. Und dazu die widerlichen Motive!\nNuditäten läßt man sich ja gern gefallen, wenn\nman sie nicht als solche, wenn man sie als Kunst\naber wie soll man sich an diesen\nplumpen Gestalten, deren unendliche Länge, oder\nderen unmögliche Kürze, deren doppelt ge-\nbrochene Glieder, aufgeschwellte Bäuche und Mus-\nkeln, deren fratzenhafte Gesichter ebenso wider-\nlich als unwahr und unmöglich sind, die mit ab-\nsichtlicher Rohheit hingestrichen, gekritselt oder\ngemeisselt sind, erfreuen oder gar erbauen?\"\nDiesen Unsinn, den heute nicht einmal ein Jour-\nnalist mehr schreibt, läßt der Generaldirektor Wil-\nhelm von Bode im September 1916 drucken. Der\nSchweizer mit dem altmodischen Auge läßt sich\nja gern Nuditäten gefallen, wenn man sie nicht a'ls\nsolche empfindet. Aber wenn ihm die Kunst nackt\nvor die Augen tritt, findet er sie roh. Er redet\nmit Genehmigung des Herrn von Bode wieder von\nden jungen Herren, die originell sein wollen und\nnach dem Stillen Ozean reisen, ohne, ebensowenig\nwie Herr von Bode, zu wissen, daß der größte\nKünstler Deutschlands, Franz Marc, ein halbes\nJahr vorher in Frankreich gefallen ist. Die beiden\nBekannten kennen weder Kokoschka noch\nCampendonk und reden über deutsche Kunst. Die\nbeiden Bekannten wissen ebensowenig, daß sich in\nden verschiedenen Sezessionen wie in den Kunst-\nhandlungen von Goltz und Gurlitt die Nachahmer\ndieser Künstler befinden, ebenso wie sich in den\nMuseen des Herrn von Bode die Nachahmer von\nHolbein und Grünewald breitmachen. Herr von\nBode bemerkt in seinem Schlußwort: „Ich will die\nbitteren Auslassungen, zu denen solche unge-\nwohnte Ausstellungen des Allermodernsten meinen\nBekannten veranlaßt haben, hier nicht weiter\nwiedergeben. Wir sind ja heute, nachdem wir in\nden Ausstellungen der letzten Jahre schon mehr\nan diese hypermoderne und futuristische Richtung\ngewöhnt sind, bei aller Ablehnung solcher extremer\nund schließlich auch unkünstlerischer Ausartungen\ndoch zugleich imstande zu sehen, was als echter\nKern in unserer deutschen Kunst auch heute noch\nlebendig oder latent ist, was sich auch durch solche\nVerirrungen hindurchringen und vielleicht als\nneue echte Kunst später daraus erwachsen wird.\"\nHerr von Bode gewöhnt sich an den Futurismus,\nund ist imstande zu sehen, daß ein Kern sich\nhindurchringen und später wachsen wird. Das ist\nHerr von Bode imstande ;zu sehen. Nur möchte\nich gerne von Herrn von Bode wissen, wie aus\neinem ringenden echten Kern später naturalistisch\nechte Kunst heraus erwächst, wenn der Kern in\neiner überlebten und vielfach kranken Kultur\nsteckt. „Gewiß sind diese exzentrischen Werke in\nden verschiedensten Kunstgattungen der Ausdruck\neiner überlebten und vielfach kranken Kultur, nicht\nnur bei uns in Deutschland sondern überall. Wir\nkönnen sie am wenigsten als das Morgenrot der\nKunst gelten lassen, welche die schwere Gewalt\nder Zeit die wir jetzt durchleben und durchkämpfen\nheraufführen soll, und unsere tapferen Kämpfer an\nder Front würden an einer Verherrlichung durch\ndiese Kunst gewiß keine Freude haben.\" Ebenso-\nwenig wie ein Schweizer das Recht hat, seinen\nUnsinn als Urteil der Neutralen auszugeben, eben-\nsowenig hat ein Bode das Recht, im Namen der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10747, "texte": "Kämpfer an der Front zu sprechen. Er würde sich\nwundern, der Herr von Bode, wenn er die Urteile\nder Kämpfer an der Front kennen würde. Ich\nhabe auch Bekannte, die sogar Namen haben und\ndie Herrn vön Bode zur Verfügung stehen. Er\nwürde an diesen Urteilen gewiß keine Freude\nhaben. Aber Herr von Bode hat außer dem\nSchweizer noch einen Zeugen, das Geschäft. „Aber\ndas ist doch nicht die echte deutsche Kunst\nvon heute, das ist nicht unser heutiger Geschmack.\nWäre er es, würden dann für frühere Werke eines\nThoma und Liebermann, für Bilder von Leibi,\nFeuerbach so außerordentliche, noch immer\nsteigende Preise gezahlt werden?\" Von wem?\nFreilich, einen Leonardo kann sich nicht jeder\nleisten. Und die Preise steigen, wenn die Künstler\nfallen. „Freilich drängt sich diese neue Kunst\nüberall vor und wird durch Presse und Händler\nnoch mehr in den Vordergrund geschoben. Aber\nden gesunden alten Kern werden sie nicht über-\nwuchern; sie wird sich überleben und Neues wird\nsich entwickeln.\" Herr von Bode knackt immer\nauf dem Kern herum. Jedenfalls wird ein Kern\nnicht überwuchert, wenn etwas in den Vorder-\ngrund geschoben wird. Das sollte ein alter Natur-\nkenner wie Herr von Bode eigentlich wissen. Nur\nverstehe ich nicht, daß Herr von Bode und seine\nBekannten immer behaupten, daß diese neue Kunst\nsich vordrängt. Sie wird in ganz wenigen Aus-\nstellungen gezeigt, die Presse hat sie bis vor\nkurzer, Zeit verhöhnt, der Generaldirektor der Kö-\nniglichen Museen kämpft zusammen mit einem\nSchweizer gegen sie, während dem Impressionis-\nmus alle Ausstellungen und alle Museen geöffnet\nsind, und für ihn nach dem einwandfreien Zeugnis\ndes Herrn von Bode außerordentliche Preise be-\nzahlt werden. Nein, meine Herren Bode und Ge-\nnossen, diese neue Kunst, die keine neue Kunst\nsondern Kunst ist, drängt sich nicht vor, sie drängt.\nUnd sie drängt zurück, was nicht Kunst ist. Und\n,zwar nicht durch Händler oder durch Presse,\nsondern durch ihre eigene Macht, die Macht der\nKunst. Sie drängt zurück, was nicht Kunst ist.\nSie drängt vor, gegen die Händler, gegen die\nPresse, sogar gegen den Generaldirektor der Kö-\nniglichen Museen. Daß Kunst die Augen öffnet,\nkann selbst ein Schweizer nicht verhindern. Es gibt\nkeine Neutralität in der Kunst. Künstler sind\nKämpfer an der Front. Kein Künstler kann so jung\nsein wie die Kunst es ist. Es ist keine Ehre, alt zu\nsein. Es ist keine Ehre, alt zu werden. Alter\nschützt vor Torheit nicht, sagt der deutsche Volks-\nmund. Der deutsche Volksmund ist gesund, das\nwird selbst Herr von Bode zugeben, der sich so\ngern auf das deutsche Volk beruft. Dann nämlich,\nwenn dieser deutsche Volksmund schweigt. Oder\nsich nur durch einen Schweizer Bekannten äußert.\nUnd wieder sucht Herr von Bode seine Rettung\nin der Bildhauerei. „Zudem hat unsere Plastik\ngerade durch die selben Künstler in technischer\nBeziehung einen großen Fortschritt gemacht, indem\ndie Künstler ihre Bildwerke vielfach eigenhändig\nausführen, wodurch in ihren Arbeiten die künstle-\nrische Empfindung voll zum Ausdruck und der be-\nsondere Reiz des Materials zur Geltung kommt.\"\nEin großer Fortschritt, daß die Herren Professoren\nihre Bildwerke vielfach eigenhändig ausführen.\nHandarbeit. Das muß einen besonderen Reiz geben.\n„Auch hier dürfen wir aber hoffen, daß gerade die\nLeichtfertigkeit dieser neuesten Richtung und die\nBrutalität mit der sie sich aufdrängt eine ener-\ngische Reaktion herbeiführen wird .... Jene\nbösen Verirrungen sind die häßlichen Nebener-\nscheinungen des erbitterten Kampfes der alten\nnaturalistischen Schule mit der neuen auf einen\ngebundenen Stil ausgehenden Richtung.\" Zwar geht\neine Richtung nie aus, aber plötzlich merkt Herr\nvon Bode, daß er Kunsthistoriker ist. Er redet so\nnebenbei von einem Kampf des alten Naturalismus\ngegen den neuen gebundenen Stil. Warum ist Herr\nvon Bode denn so ungebunden. Ist es denn leicht-\nfertig, gebunden zu sein, sich gebunden zu fühlen.\nJeder kann doch nicht eine Individualität sein wie\nHerr von Bode, denn, Herr von Bode, der Künstler\nfühlt sich stets gebunden. Gebundenheit ist Re-\nligion. Gebundenheit ist Kunst. Aber die Natur\nnachzuahmen, Herr von Bode, das ist Größen-\nwahn. Bild ist, was gebildet, und nicht was ver-\nbildet ist. Und prophezeien Sie nie Geschichte,\nHerr von Bode. Erst muß etwas geschehen, damit\nSie die Geschichte davon haben. Erst sind die\nBilder, und dann schreibt sie die Geschichte auf.\nMerken Sie sich das.\nDer Mordsstrich\n„Seit ihrer Dresdner Uraufführung sind „Die\ntoten Augen\" bekanntlich in vielen großen deut-\nschen Städten genau so gegeben worden, wie\nHanns Heinz Ewers sie sprachlich gefügt und Eugen\nd'Albert sie in Musik gesetzt hat.\" Die Sprache\nkann bekanntlich nicht mehr aus den Augen sehen,\nwenn Hanns Heinz Ewers sie gefügt hat. „In Ber-\nlin dagegen wurde die bevorstehende Aufführung\nvon einer unwesentlichen und einer sehr wesent-\nlichen Aenderung abhängig gemacht. Da Hanns\nHeinz Ewers sich zur Zeit in einem anderen, uns\ngegenwärtig sehr fernliegenden Erdteil aufhält,\nkonnte nur Eugen d'Albert befragt werden und der\nwar gleich bei der Hand...\" Hanns Heinz Ewers\nwäre über das Meer geflogen, wenn er gewußt\nhätte, daß ihn die Presse unterreden soll oder er\ndie Presse überreden kann. Beide Herren sind\ngegen die Zensur, so weit sie nicht „sehr gut\"\nheißt, doch ich bleibe bei der Stimmung: „Wer\nnun etwa angenommen, er möchte sich aus Kum-\nmer über die ihm aufgelegten Veränderungen an\nden toten Augen rote Augen geweint haben, wurde\nangenehm enttäuscht, denn d'Albert empfing den\nBesucher strahlenden Angesichts.\" Die Zensur hat\nihm offenbar die Augen aufgemacht, doch sein An-\ngesicht strahlte aus anderm Grunde, ihm kribbelte\nes im Ohr: „Vielleicht kribbelte ihm noch vom\nVorabend der Beifall jener zweitausend Menschen\nim Ohr, die in der Philharmonie Zeugen seines\ngigantischen Kampfes mit einem soliden Bechstein\ngewesen waren.\" Zu diesen Zeugen gehört auch\nder Musikkritiker und Herausgeber einer Musik-\nzeitschrift August Spanuth, der sich gleich unter-\nreden wird. Jedenfalls, der solide Bechstein konnte\ndiesem Künstler nicht widerstehen. Denn: „Schien\ndoch seine Laune die allerbeste zu sein. Behag-\nlich breitete er seine beiden Löwenpranken auf dem\nTisch aus, und die Finger begannen alsbald dessen\nPlatte mit förmlichem Trommelfeuer zu bear-\nbeiten.\" Welch ein Künstler. Ja, der August\nSpanuth versteht es, Zeugen zu überzeugen. Aber\nnicht etwa für die Zeugen breitete sich der Künst-\nler behaglich über dem Tisch aus, so etwas tut der\nKünstler nur für die Presse: „Aha! Er wollte jeden-\nfalls dem Mann der Feder beweisen, daß die Presse\nsich irre, daß er dennoch unablässig übe!\" Welch\nein Künstler! Er übt unablässig, mit und (ohne\nPresse. Und dem schlichten Mann der Feder ist\nes leicht bewiesen, daß er es tut. Also beruhigt\nkratzt der Mann der Feder los: „Die Zensur hat\nIhnen einen Mord gestrichen und da es der einzige\nim Stück ist, möchte man doch gerne wissen, wie\nSie den Verlust verschmerzen.\" Der kleine man\nist der große Mann der Feder, den jeder Strich\nschmerzt. Die Zensur hat also den einzigen Mord\nin Stücke gerissen, aber der Zensierte findet, daß\nsein Stück dadurch gewinnt. Er findet es nicht\nnur, er sprudelt, daß ihm der Mord von der Seele,\ngenommen ist: „Ja, denken Sie, sprudelte er her-\nvor, mir haben schon mehrere Theaterkenner ge-\nstanden, daß das Ganze dadurch beträchtlich ge-\nwinnt, daß der Schluß der Toten Augen durch den\nwegfallenden Mord des Galba psychologisch glaub-\nhafter und im allgemeinen versöhnlicher wird.\"\nDie Zensur hat den mehreren Theaterkennern Mut\ngemacht. Auch d'Albert ist versöhnlicher, da er\nsoeben erst den soliden Bechstein erledigt hat.\nD'Albert ist an sich sogar trotz seinen beiden\nLöwenpranken eigentlich ein guter Mensch, von,\ndem der Sprachdichter Hanns Heinz Ewers, zur\nZeit anderer Erdteil, nur zuviel verlangt hat. Die\nZensur hat d'Albert die toten Augen geöffnet: „Es:\nist ja auch beinahe zuviel verlangt, daß die schöne\nMyrtocle den grundhäßlichen Arcenius wieder in\nGnaden annimmt, nachdem er den ebenfalls schönen:\nGalba, den sie für ihren Gatten gehalten, vor ihren\nsehenden Augen erwürgt hat.\" Der Mann mit der\nFeder hat zwar Familiensinn, stellt sich aber doch\nauf den andern Erdteil: „Gewiß, menschlicher wird\nes schon dadurch, aber nicht consequenter.\" Dies-\nmal hat der solide Mann der Feder den Löwen\nbesiegt: „Das gab d'Albert ohne Weiteres zu und\nmeinte außerdem, daß bei Bühnenstücken, die\nwirken sollen, vornehmlich aber bei Opern das\nmenschliche Glaubhafte doch nicht immer die ein-\nzige Richtschnur sein dürfe.\" Zwar meint er außer-\ndem, es sei beinahe zu viel verlangt, aber eine\nSchnur läßt sich eben richten. Hierauf wird d'Al-\nbert übermenschlich: „Auch räumte er ein, daß\nihm persönlich nach der Beseitigung des Mordes\ndieser überlebensgroße Edelmut der drei Haupt-\npersonen ein wenig gegen den Strich gehe.\" Wo\nhingegen die Zensur den Edelmut mit einem Strich\nerzeugte. „Immerhin, die Beseitigung der Mord-\ntat habe auch ihre unbestreitbaren Vorzüge.'6\"\nHierauf streiten sich die Herren weiter, ob es vor-\nzüglicher sei, jemanden durch Mord oder den\nMord durch jemanden zu beseitigen. Der Mann der\nFeder hält ihm die Beseitigung vor: „Das Un-\nwahrscheinlichste bleibt aber dennoch, daß Myr-\ntocle sich freiwillig des eben durch Christi Gnade\ngewonnenen Augenlichts wieder beraubt.\" Hier\nfällt die Frau des Löwen musikalisch ein: „Da\nhaben Sie Recht, fiel hier die junge Frau d'Alberts\nein. So etwas mag eine Frau höchstens im alten\nheroischen Zeitalter getan haben. Aber heutzu-\ntage!\" Der Mut d'Alberts steigert sich zum Ueber-\nmut: „Also du würdest es für mich auch nicht tun?\nscherzte d'Albert in übermütiger Laune, worauf\ndie blonde Frau, die nicht nur durch die Haar-\nfarbe ein wenig an die fabelhafte Griechin erin-\nnerte, ebenso spaßhaft erwiderte: Nein, gewiß\nnicht!...\" Die Zensur müßte auch die ausge-\nstochenen Augen beseitigen, man kann nicht\nwissen, was so ein Künstler von seiner Frau mit\ngriechischer Haarfarbe verlangt. Jedenfalls ver-\nsichert uns Herr Spanuth, Herr d'Albert wisse\nnicht, ob ihm seine toten Augen mit oder ohne\nMord lieber seien. Der Künstler hat nichts da-\ngegen einzuwenden, wie Herr August Spanuth\nglaubhaft versichert, daß das Stück in Berlin ohne\nMord und in den übrigen deutschen Städten mit\nMord gegeben wird. „Ob es so oder so mehr\nziehen wird, kann ja erst die Erfahrung lehren.\"\nAber heutzutage. Herr d'Albert will mit seiner\nGriechin gern ins Theater gehen, aber Herr Spanuth\nkommt nicht über den Strich, den er unter dem.\nStrich behandeln soll. Schließlich gibt der Mann\nder Feder dem Mann des Bechsteins und der\nGriechin einen wohlgemeinten Presserat: „Sorgen\nSie nur dafür, daß man diese Worte aus dem\nHintergrunde am nächsten Donnerstag auch recht\ndeutlich hört, sonst geht dem Zuhörer eine wichtige"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3351, "texte": "Pointe verloren, war die letzte Bemerkung des\nhartnäckigen Fragestellers.\" „Das ist allerdings\nrichtig, sagte d'Albert. Wenn dem Publikum nur\nklar wird, daß Jesus die verhängnisvollen Folgen\nseiner Wundertat profetisch voraussah, ist es gleich-\ngültig, wer die Mahnung ausspricht.\" Das könnte\nsogar Herr August Spanuth übernehmen. Daß aber\nJesus die verhängnisvollen Folgen einer Wunder-\ntat von Hanns Heinz Ewers profetisch voraussieht,\ndas hätte die Zensur bestimmt streichen müssen.\nDarüber läßt sich nicht streiten.\nEigenhändig\n„Die Echtheit der Autographen ist garantiert.\"\nDer Antiquariatskatalog eigenhändiger Briefe mit\neigenhändigen Unterschriften des Buchhändlers\nEdmund Meyer führt in die Werkstatt der Herren\nKünstler. Sie sagen antiquierte Worte, eigenhändig\nmit eigenhändiger Unterschrift. Der Buchhändler\nhat es gern, wenn ihn die Kunst unterstützt. Ich\nempfehle daher einige Autographen den Lesern\ndieser Zeitschrift:\n(die Abkürzungen sind laut zu lesen)\n32. Blumenthal, Dr. Oscar, Schriftsteller und\nTheaterdirektor, geb. 1852, ein eigh. U. 1% S. In\ns. Eigensch. als Direktor d. Lessingtheaters;\nä 2.—\n„Interessante geschäftliche und private Mittei-\nlungen aus der Werkstatt des Dichters und\nTheaterdirektors.\"\n„79. Engel, Fritz, Redakteur, geb. 1867, ein S.\nFol. e. m. U. 2. 6. 15 B.—\n„Schönes Gedicht: Deutsche Soldatenfrau. Mut-\nter, warum weinst Du so? 14 Zeilen.\"\n„83. Ernst, Otto, Schriftsteller, geb. 1862. Eine\nUnterschrift: Hochachtungsvoll Otto Ernst I.—\n„90. Falke, Gustav, Schriftst, geb. 1853. Einige\nBriefe e. m. U. ä 2.50\n„Mit originellem eingedrucktem Briefkopf\nbis 5.—\n„112. Fulda, Ludwig, Schriftst., geb. 1862. Eine\nSeite e. m. U. 14.50\n„Sinniges Gedicht: Wir wissen nicht, woher wir\nstammen Wir wissen nicht, wohin wir gehen; Wir\nfinden uns im Raum zusammen, Bevor wir in der\nZeit verwehen. Wir suchen fragend zu erbeuten,\nVom dunklen Schleier einen Saum, Und können\ndoch nur immer deuten, Des Lebens wunderlichen\nTraum.\"\n„227. Liebermann, Prof. Max, Maler, geb. 1859,\nein eigh. Br. m. U. S. 8° Berlin 22. 4. 99\n25.—,\n„Sehr humorvoller, interessanter Brief; u. A.:\n„Im übrigen geht das Geschäft fabelhaft und ich\nwerde wohl nächstens ein paar Lehrlinge einstel-\nlen müssen, um die hiesige und auswärtige Kund-\nschaft zufriedenzustellen.\"\n„330. Schienther, Paul, Kritiker und Literar-\nhistoriker, 1854—1916. Ein eigh. Br. m. U. % S. 8°\n1. 5. 83. sm_\n„Er fragt an, ob man seine Broschüre über\nd. Zustände d. Kgl. Schauspielhauses anonym\ndrucken will.\"\n„372. Stettenheim, Julius (Wippchen), Humorist\nund Schriftst., geb. 1831. Viele interessante Briefe\ngeschäftlichen und humoristischen Inhalts. Bis 4.40.\nDas ist die sogenannte richesse d'embarras: die\ninteressanten geschäftlichen Mitteilungen aus der\nWerkstatt des Dichters Blumenthal, Dr. Oscar\nä 2.—. Hochachtungsvoll, Ernst, Otto, Schriftsteller\n2.50. Falke, Gustav, Schriftst. mit originel-\nlem Briefkopf bis 5.—. Fulda, Ludwig, Schriftst.,\nwunderlicher Traum für Mk. 14.50. Lieber-\nmann, Prof. Max, mit dem fabelhaften Ge-\nschäft für Mk. 25.—. Schienther, Paul, der\nanonyme Kritiker und Literarhistoriker, schon\nfür Mk. 5.—. Stettenheim, Julius, interessant\ndurch Geschäft und Humor schon bis Mk. 4.50: und\nalles eigenhändig, mit Garantie der Echtheit. Ich\nhabe sie alle gekannt, die Herren Künstler, bevor\nich sie brieflich behandeln konnte.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "90", "page_fin": "92", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.5", "titre_corps": "Der Wetterfrosch", "titre_sommaire": "Der Wetterfrosch", "signature_source": "Hermann Essig", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.6", "debut_caractere": 3353, "fin_caractere_exclue": 9833, "texte": "Der Wetterfrosch\nHermann Essig\nEinen Fuchssprung vom Dorfe stand eine\nErlengruppe um einen kleinen Teich. Dort wohnte\nein sehr alter Frosch. Man nannte ihn den „alten\nSchick\". Der Ursprung dieses Namens war Nie-\nmand bekannt, beliebt war „Schick\" bei den\nübrigen Dorfbewohnern nicht.\nIn seinem Hause oder in seinem kleinen König-\nreich, das dicht bevölkert war, ließ er sich von\nkeinem Menschen etwas drein reden. Im Gegen-\nteil „Er\" dehnte mit Willkür seine Macht bis auf\neine Meile und noch weiter im Umkreis aus. Er\nmachte Wetter.\nSchick sprach zu aller Welt von seinem\nFroschteich und lobte ihn über alle Massen. Weil\ndie Erlenbäume mit den glänzenden Blättern ihm\nwohl als Hüter dienten und ihre Blätter gar rege\nUnterhaltung mit den Insassen des Teichs pflogen,\nbegriff man das aufdringliche Eigenlob des Herrn\nSchick, und allgemein lag hinter dem Dorfe noch\nvor dem Tannenwald das „grüne Königreich\".\nBoshaftigkeit nur sagte „Krötenloch\".\nSchick mißtraute dem einen Ausdruck, er hielt\nihn für Schmeichelei, glaubte den andern nicht,\nweil er deutlich vom Neide ausging. Nur die,\nwelche mit Bewußtsein zum „Froschteich\" gingen,\ngingen zu Herrn Schick und nur die beachtete er.\nEr haßte aber die, welche seiner Eitelkeit ein Leid\nzufügten, an denen rächte er >,sich. Und seine\nRache war sehr gefürchtet. Wenn er Rache nahm,\nnahm er sie an Hab und Gut, auch an Leib und\nLeben der Ortsbewohner und ihres Viehs.\nDurch sein allgemeines Bekanntsein hatten\nSchicks Kopf, seine Augen, sein Maul, seine\nBacken, sein Bauch, seine Arme, seine Beine,\nextra seine Schenkel — von diesen erzählten die\nBauern die fabelhaftesten Wunder — eine Herren-\nbedeutung im Dorfe erlangt. Ging ein Bauer an\nSchicks Hause, am grünen Königreich, vorbei und\nsah Schicks glacezarten Bauch, so wars ein Beutel\nvoll schlechter Laune und es setzte ein Gewitter\nauf die lahmen Kühe, daß sie ausgriffen wie eng-\nlische Renner und der Wagen hinterdreinschlen-\nkerte wie ein ungewisses Fragezeichen. Schick\nhob dann an herzlich hinter her zu lachen, bis er\nwieder gut gelaunt war. Wer einen Frosch schon\nlachen gehört hat! . . der hat genug davon. Hagel,\nBlitz und Donner.\nIm Sommer saß Schick oft mit glatter Blosse\nden Erlen auf die Füße und die ließen sich's ge-\nfallen, weil sie nicht davon konnten. Die Erle, die\ner gerade für sein Hinterteil in Anspruch zu neh-\nmen geruhte, war — seiner Ansicht nach — fein\nheraus. Aber die Erle durchschauerte es, sie fing\nan, sich zu bewegen und ihre Schwestern und\nBrüder halfen so lange mit, bis ein kräftiges\nSäussein entstand und dem Frosch auf den Rücken\nbließ. Da das ekelhaft kitzelte und ihm den Rücken\nhinauflief, plumps! platschte er ins Wasser, das\nihn gleichmäßig warm umhüllte und das Jucken\nrasch entfernte. Zum Zeichen aber, daß die Erlen\ndumm seien, hob er den breiten Kopf schräg\ndurch die reizenden Algen und Tange „denen\ner eben so zugetan sei, ja die Algen gerade wären\nder wahre Schmuck des Hauses, die Zierde des\nReiches, nur derenwegen sei es möglich, vom\n,grünen Königreich' zu reden.\" Das war den Erlen\nwurst, sie waren froh, daß sie ihn los waren, in\nhellem Lachen zitterten ihre Blätter. Aus Höflich-\nkeit kicherte Schick, sah aber sofort wieder eitel\nund ernst nach zwei schön blau gekleideten Libel-\nlinnen. Er querkste, .da sie nicht her sahen. Bis\nendlich lachte und drehte sich die eine auf dem\nglitzernden Erlenblatt: „schwimberim haha der\nalte Schick\". Das freute Schick mächtig und mit\nklaffender Zahnlücke grinste er nach oben. Aber\ndie Libellen waren schon hoch in die Luft ge-\nschnellt und weg. Das brach ihm das alte Herz\nund er setzte sich mitten im Teich auf den Boden.\nHerzensqual und Libellenliebe. Er sah ein, das\nmußte enden, es brachte ihn ja unter den Boden.\nEr beschloß, die Freuden, die Sommerlust, dies-\nmal zeitig abzubrechen, — zu schließen.\nDer alte Schick schloß.\nWas das hieß! Es war nicht bloß wie in den\ngroßen Städten, wo man über Nacht Rolläden\nüber die glänzenden Schaufenster herabläßt. Das\nwar ein Schluß auf lange. Das wußte Jederman.\nDas hieß „es wurde ein grimmer Winter\".\nDie Raben flogen vom Walde aufs Feld heraus,\nsie sammelten sich und dohlten und krächzten laut\ndurcheinander. Die meisten schönen Singvögelein\nflogen fort in warme Gegenden, um ihren Kehlkopf\nvor der rauhen Luft zu schützen. Der Bauern\nKinder wischten das gelbe Zäpfchen von der Nase\nund schlüpften in die Strümpfe und mit den\nStrümpfen in die Schuhe. Die Wäsche trocknete\njetzt in der Stube am warmen Ofen. Wer dickes\nZeug hatte holte das aus den Truhen. Die Bettler\nvon der Landstraße bewarben sich um Arbeit und\nums Arrestlokal. — Das alles kam, wenn Schick\nschloß.\nDer alte Schick machte diesmal ein besonders\ngraues Gesicht. Er berief die geschicktesten, stot-\nterndsten Klempner, die spitznäsigsten Glaser mit\nden meisten Splittern um die Augen, die sanftesten\nMaler und eitelsten Künstler im Jugendstil bis zu\nden Algen und Tangen zu sich. Es ärgerte ihn, daß\nsie sich erst um ihn sammeln wollten, er schrie sie\nan: „ein dickes festes Dach will ich über den Teich\n.„ein dickes festes Dach will ich über den Teich\ngelegt haben\". Ein Murmeln ging durch die Ver-\nsammlung, der Spiegel vom Teich geriet in Span-\nnung. Ohne lautes Widerwort ging alles fleissig\nan die Arbeit, es zog und schob, knackte und\nklopfte, klebte und malte. Viele erfroren vor Kälte\ndie Finger, die Ohren und Nasen und mußten auf-\ngeben und zu Boden sinken. Aber Schick knurrte\nnur und drückte die Daumen an die Waden: „bis\nMorgen früh zum Sonnenaufgang muß das Dach\nfertig sein! flink!\" „Ich will nichts -mehr\nwissen von der Welt draußen\". So kam es auch.\nAls die Sonne am kalten Himmel heraufkam, und\ndonnernd aufbrach, lag die Erde weiß wie Zink\nda und der Teich war still, ganz totenstill, aber\nschön. Oh! dieses Wunder. Eine smaragdgrüne\nMosaik mit Perlmutter und Perlen, Edelsteinen und\nDemanten durchsetzt, aus Glas und aus Blättern.\nDieser kostbare Aufwand! kein König von den\nHebriden vermochte ihn zu machen. Aber sie war\nda, die herrliche Decke vom Froschteich, mit Mil-\nliarden verfertigt. So reich war der Frosch. Darum\nauch „das grüne Königreich\". Und wenn man\ndurch das Dach hin durchsah, sah man unten auf\ndem Grunde unbeweglich und steinvornehm den\nalten Schick sitzen, den reichen Herrn. An Algen,\nan grünen Algen, die so wunderbar leuchteten,\nwar er so beneidenswert reich, jede einzelne\nwiegt Millionen von Gold auf in ihrer kleinen\nPracht —.\nAls sich die Erlen die Augen ausrieben und\nblinzelten, sahen sie zunächst nur weiß, weiß bis"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10116, "texte": "zum Horizonte, das Dorf, alles war weiß. Die\nErlen zwinkerten geblendet in die Sonne und\ngähnten. Auf einmal bemerkte eine Erle unter\nsich, direkt an ihren Zehen das farbige —• tausend\nWunder! — Pflaster, sie stieß die andern an, die\nguckten auch an sich hinab und sahen dasselbe.\nSie schwankten und krauzten; das war viel, daß\nsie sich bewegten mit ihren starren Gliedern.\nUnd ganz leise sagte eine Erle: „hört ihr auch\nwie die Quelle, die in den Froschteich fließt, auf\neinmal klingert, hört ihr?\" „kling kling klingeri\nkling''. Dazu bewegte sich der Frosch. Man sah's\nnicht genau, weil er wieder ganz stille saß.\nDer Frosch regte sich, regte sich nicht? Er\nträumte? Ja. Etwas mußte er tun. Er hörte\ndarauf, was ihm das dünne Fadenbächlein tele-\nphonierte. Darum machte das auch fortwährend\nkling klingeri kling. Es gab doch noch so viel\nschönes draußen, was der alte Schick gern wissen\nwollte. Dem horchte er zu und rührte sich dazu\nnicht. Er tat, als sähe er den Erlen ins Gesicht\nund beobachtete die, aber soweit gingen seine\nAugen nicht. Die gingen nur bis zu der herrlichen\nDecke und lagen auf ihr still.\nWie ein großes helles Auge sah der Froschteich\nin den kalten blauen Himmel, die Erlen waren die\nWimpern. Aber das Auge bewegte sich nicht, es\nsah starr hinauf und doch lebte es. Kling klingeri\nkling.\nSchicks Herz klopfte Zauberkunst. Als solchen\nkannten ihn die Bauern, als alten Zauberer.\nKein Mensch ging darum hin zum Froschteich,\nwenn er wie ein Auge starrte. Jeder scheute\nsich, den alten Zauberer auf dem Grunde des\nTeiches sitzen zu sehen.\n* *\n❖\nNur ein Knabe schlich gewohnheitsmässig hin-\nüber an den Froschteich. Er hatte sich dadurch\nvom „Heere , seinen Altersgenossen, die man so\nnannte, so gefürchtet waren sie, den Beinamen\n„Froschstupfer\" verdient. Er war immer still,\nstumm und guckte mit großen Augen, man wußte\nnicht recht, war er ganz gescheit oder nur halb\noder lernte er Zauberei. Daß er nicht mit dem\nHeere auszog und hinter Hecken und Zäunen lag,\nplünderte und prügelte, war eine Ungehörigkeit\nund die Alten 'lachten, wenn sie „den Froscji-\nstupfer\" vom Heere gehetzt, gejagt, mit Stecken\nund Stangen getrieben, beschimpft und verhöhnt\ndurchs Dorf rennen sahen.\nZuweilen hielt ihn ein Lediger, einer der schon\naus der Schule war, auf und faßte ihn solange,\nbis ein Schüler ganz nahe an ihm war und ihn\nwenigstens mit einem Stein treffen konnte. Er war\nbefreit, wenn es ihm gelang, zwischen den beiden\ngroßen Scheunen, durch den engen Winkel voll\nKot und Morast durchzukommen, dann machte er\neinen Sprung über den Graben und hörte nur noch\ndie Verwünschung hinter sich: „daß dich der Schick\nhole\".\nKnabe stand aber mit Schick gut, er hatte\nvon ihm nichts zu befürchten. Schick war sein\nlieber alter Freund und gar kein Zauberer.\nDas Heer überschritt den Graben nie; die\nWiese, in welcher der Froschteich lag, war kein\nSchlachtfeld, Schick konnte möglicherweise ein-\ngreifen.\nKein einziger Fußtritt führte jetzt über die\ngioße weiße Fläche hinüber ins grüne Königreich.\nDas Heer sah schweigend und abwartend dem\nFroschstupfer nach, der Künste kennen mußte.\n„Wer wußte, wie's jetzt drüben aussah! vielleicht\nsaß der alte Schick im Teich und holte Jeden der\nhinkam\"! so redete eine scheue Gier im Heere.\n„Jetzt wird er ihn holen\"! der Froschstupfer\nbrauchte noch ein paar Schritte. Das Heer stand\nfluchtbereit. Ein Schreck fuhr hinein. Der Heer-\nführer schrie laut von hinten und stieß den Haufen\nübereinander: „Der Schick kommt\"! So schnell\nging aber das Fliehen in den engen Winkel nicht,\ndas Heer wälzte sich im Kot übereinander, trat\nsich mit den Stiefeln auf die Köpfe, zerstreute sich\nund sammelte sich erst wieder in der Dorf-Gasse.\nNiemand sah von weitem den Knaben seine\nKünste treiben. Der Knabe jubelte vor Entzücken,\nbog die Erlenzweige zurück und trat ganz an den\nRand von Schicks Reich. Erst mußte er über-\nlegen. Das war ja glatter als der geschliffenste\nSpiegel, klarer als der durchsichtigste Krystall. Es\ngelüstete ihn auf die schönen Farben zu treten,\nnach ihnen zu greifen. „Dort die grünen Eier\n— er meinte die Algen — hat Schick für mich\naußen liegen lassen, die hol ich\". Er trat auf die\nDecke.\nSchick wackelten augenblicklich angstvoll die\nackentaschen, w,as da auch sei; sah an die Decke\nund sah des Knaben Füße, da faßte er sich und\nlachte leise über den Besuch. Sie kannten sich\nvom Sommer. Aber schon knackte das Dach von\ndem bischen Lachen. Beschwichtigend hob er die\nHand und saß ganz still „nur keinen Riß in mein\nschönes Dach!\"\nDer Knabe war erschrocken durch das Knacken,\naber er beruhigte sich wieder. Er wollte jetzt die\ngrünen Eier einstreichen. Aber wie er darnach\ngriff, stieß er mit den Fingerknöcheln an. Das\nschmerzte und fror. Erstaunt starrte er die Eier\n■an, daß sie nicht zu greifen sein sollten. Er ver-\nsuchte es nochmals, strich aber ganz sacht mit\nder Hand darüber hin, da merkte er, daß die\nDecke durchsichtiger war als Luft. Er staunte\nund sah auf den Grund des Teiches. Und wie er\nlange hinabsah, versuchte er noch nach den Erlen-\nblättern auf dem Grunde zu greifen. Je länger er\nhinsah, je mehr sah er auf ein Rätsel.\nSchick schüttelte es vor Lachen, er konnte es\nnicht länger halten. Es freute ihn zu sehr, daß\nihm die Täuschung so gut gelungen war, daß man\nsie nicht einmal einsehen konnte.\nHätte es ihn aber lieber nicht so geschüttelt!\njetzt entdeckte ihn der Knabe, wie er auf dem\nBoden saß. Schnell saß er wieder ganz ruhig.\nDer Knabe legte sein Gesicht aufs Eis und\nprüfte und prüfte, „ist das nicht der Schick?\", er\ndrehte sich im Kreise und prüfte in allen Lagen\nund Stellungen, es mußte so sein, „es ist Schick\".\n„Schick\" rief der Knabe. Weil er sich nicht rührte\nwieder „Schiick\". Da lachte Schick, verzog aber\nwieder schnell das Gesicht und verbiß das Lachen.\nWeils ihm nicht recht gewiß war, stand der\nKnabe auf, schüttelte den Kopf und fing an zu\nstampfen. Dadurch klingerte die Quelle bloß viel\nheller, aber Schick rührte sich doch nicht. Daß\nder Frosch eine ganz bedenkliche Miene aufge-\nsetzt hatte, sah der Knabe nicht. Er stampfte\nweiter. Jetzt fing es an, sich da unten zu be-\nwegen. Er sah, wie Perlen aus dem Grunde her-\nvorschossen und sich an der Decke zu Riesenperlen\nverschmolzen. Aha! wenn er hüpfte, fielen sogar\ndie grünen Eier hinab und Perlen kamen dafür\nherauf. Das machte Schick gewiß ihm zu lieb. —\nSchick wollte aber bezwecken, daß der Knabe mit\nStampfen aufhören sollte, denn er hielt den Knaben\nfür so bescheiden, nicht alle seine Perlen heraus-\nzufordern. — Es hörte nicht auf mit Perlen, Perlen\nhatte Schick viele Billionen mal mehr als Sand-\nkörner in einer Streudose. Die Perlen stiegen auf\nin langen Schnüren, die alle der Frosch in der\nHand hielt. Und sie nahmen kein Ende. Jetzt\ngings trapp trapp sss, der Knabe glitt mit den\nschweren Stiefeln über das Eis hin. Und immer\nwieder trapp trapp sss.\n„Was hat der Knabe auf einmal? . . der ruhige\nKnabe macht einen solchen Höllenspektakel.\" Der\nFrosch rückte hin und her und war daran, einzu-\ngreifen, wenn er nicht aufhörte. Er hatte Angst\num sein schönes Dach, es könnte kaput gehen. Er\nstand auf . . das war doch Mühe, . . er blieb noch\neinmal sitzen und sah mit vertrauensseligen Augen,\ndie einen schlimmen Ausdruck annahmen, an die\nDecke. Da er nicht mehr mit den guten Eigen-\nschaften des Knaben rechnen wollte, dachte er\n„schweige ich und sitze still, so wird das Gepolter\noben eher aufhören, als wenn ich schelte oder gar\nPerlen herausgebe\". Das war klug.\nDer Knabe bekams über und setzte sich still\nhin. Und als er still saß und dem kling klingeri\nkling zuhorchte, wurde das Geklinge der Quelle\nimmer deutlicher und vornehmlicher. Er verstand\nauf einmal, daß Schick mit ihm redete.\nSchick hatte sich inzwischen gar manches über-\nlegt. Er mußte seine Einfälle fesseln, sie trieben\nihn fast bis zum Knaben vor Selbstbewunderung\nhinauf.\nMit niedergekämpfter Erregung sprach Schick:\n„Du Knabe, du würdest mein ganz besonders\nlieber Freund, wenn du mir einmal eine rechte\nEhre erweisen wolltest. Es ist zwar nicht Sitte,\ndaß man um Ehrerbietung bittet, aber es wäre\nganz nett und es würde mich freuen. Ich könnte\ndamit dem Dorfe beweisen, daß ich bisher Grund\nhatte zum Zorn, weil mir eine Ehrung grundsätz-\nlich verweigert wurde, die dem Mädchen drüben\nvom großen See — du wirst sie zwar nicht\nkennen — . . Der Knabe lauschte . . schon längst\nseit ihrer Geburt erwiesen wird. Es wäre ein ganz\ngeschicktes Uebereinkommen zwischen uns Bei-\nden, wenn du vor den Leuten so tun würdest, als\nerwiesest du mir diese Ehre als ganz selbstver-\nständlich dem Herrn Schick gebührend. Du\nsprächst, wenn sie dich darüber ausfragten, ganz\neinfach, „Ehre dem Ehre gebühret\". Da müßten\nsie sich an die Brust greifen und ich könnte mir\ndie Hände reiben. Du würdest nur dabei profi-\ntieren, für mich bedeutete es mehr eine Formalität.\nNur Du hättest den Gewinn.\"\nDer Knabe lauschte, er hoffte die schönsten\nDinge.\n„An mich denke ich dabei überhaupt nicht\",\nredete Schick weiter, „ich begreife nicht wie ich\nvon einer Ehrung für mich sprechen konnte. Ich\nwill dir ein Geschenk machen, so ists.\"\nWarum er dann solange drum rum redete,\nwollte der Knabe fragen. Aber er wußte nicht, obs\nSchick nicht übel nehmen würde. Er schwieg.\n„Ja, ein Geschenk mache ich dir, der Frosch.\"\nEs mußte doch etwas ganz Besonderes sein,\nwenn man ihm das Geschenk nicht einfach hinwarf\nwie eine ungeschälte Kartoffel.\n„Hast du je einmal schon an Schlittschuhe ge-\ndacht?54 frugs jetzt.\n„Gieb Antwort!\" schrie Schick.\nDem Knaben wogte der Puls beim Gedanken an\nSchlittschuhe. Einmal hatte er davon geträumt, es\nwar damals so ein schöner Traum. —• „Schlitt-\nschuhe von Schick\"! er erschrak, ob ihn auch\nNiemand hörte, er bekam sonst noch seinen\nZaubererprozeß.\n„Du kommst dann täglich zu mir heraus auf\nmeinen Teich. Du sollst sehen, wie sie dann zu\nmir gelaufen kommen. Was sage ich. Du wirst\nstaunen, wie schön das Schlittschuhlaufen auf\nmeinem Teiche ist. Habe keine Bedenken, geh\njetzt nach Hause, es wird schon dunkel. Der\nKüster zieht schon den Strang von der Glocke.\nLaufe! Gute Nacht.\"\nDem Knaben wars wie nach einer Ueber-\nrumpelung, ihm glühte der Kopf vor Schlittschuhen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9628, "texte": "Aber woher nehmen?! Schon schwankte die\nAbendglocke, mit der er daheim sein mußte. Er\nhörte den Frosch noch nachschwätzen „Schlitt-\nschuhe schonen mein Dach besser als die schwe-\nren Stiefel.\" Wie machte denn das der Frosch,\ndaß er ihm echte Schlittschuhe schenkte? dachte\nder Knabe. „Gute Nacht, lieber Schick\", rief er beim\nUeberspringen des Grabens zurück, während die\nGlocke langsam anging bum .... bum . . . bum . .\nbum. Dem Heere begegnete er nicht mehr, das\nwar ein gutes Vorzeichen. Es war schon in die\nKaserne eingerückt. Was „Zapfenstreich\" hieß,\nkonnte jeder Soldat erklären.\nSchlaf und Traum trabten diese Nacht mitein-\nander wie störrischer Gaul und trunkener Reiter.\nZwischen Frosch und Teich, Schlittschuhe, Knabe,\nEis schob sich etwas ganz Verzwicktes hinein, es\nsah aus wie ein Mädchen und war ein Schwan.\n„Das Mädchen vom großen See\", das der Frosch\nerwähnt hatte, wars. Das verdrehte und verwirrte\nalle schönen Bilder von Perlen und grünen Kröten-\neiern. Wollte er den Schwan streicheln, so rief\nSchick „laß es, es ist eine Gans\". Wars dann ein\nMädchen, das er umarmen wollte, so glotzte der\nFrosch so fürchterlich, daß er aufschrie und . . aus\ndem Bette fiel. Er mußte sich drehen und wälzen\ndie ganze Nacht, nach seinem Bette tasten, wäh-\nrend das große Auge, draußen vor dem Dorfe,\ntiefschwarz mit einem gelben Schein in den Mond\nam dunkeln Himmel sah aus der weißen kahlen\nkalten Fläche.\n* *\n*\nI\nIm Dorfe schien etwas „um\" zu gehen. In den\nmeisten Scheunen wurde gedroschen, vielmehr\nnicht gedroschen, denn alle Dreschflegel hatten\nhinter den aufgetürmten Strohgarben vorzulugen,\ndie Spatzen und Haubenlerchen mußten auf die\nDachrinnen schwärmen, weil ein ganz frecher\nBengel mit Schlittschuhen nud „Pelzhändschen\" die\nGasse daherklirrte. „M\", hieß es, „wo hat er die\nhergenommen?\" „Du\", rief es, „sieh dich um\" . .\n„woher, wo 'naus\"? „„Ehre wem Ehre gebüh-\nret\" war die kurze klare Antwort und der Knabe\nklirrte vorbei, weiter, hinaus zum Dorfe. — Die\nBauern waren so genagelt, daß sie nicht weiter\ndreschen konnten, „ist er\" oder „sind wir\" ver-\nrückt geworden? kamen die Dreschflegel in eine\nEcke und alles brach auf hinter dem Knaben her.\nWas hieß daß? „Ehre wem Ehre gebühret\". Sie\nmußten das beobachten. Diesmal konnte man deir\nüberzwerchen Knaben ertappen. Das Heer kam\ngar nicht in Betracht, denn es mußte das Interesse\nder Großen und Klugen respektieren und sich klein\nhalten. Die Großen und Klugen hatten gerade\ngenug zu gucken, zu staunen, den seltsamen Kerl\nzu schlucken.\n„Da ist er umgebogen, zwischen den Scheunen\nist er durch\", alles beschleunigte sich, — „Hinüber\nans grüne Königreich\",4 wahrhaftig. Ein großer\nHaufen stand in den Winkel gedrückt und sah dem\nKnaben nach, die Großen hatten die Kleinen zwi-\nschen den Beinen, die bald an den Froschteich\nhinüberzielten, bald an den Großen hinauf zum\nKopf schauten.\nDem Knaben krabbelte es im Rücken, weil die\nNeugierde ihm galt. Aber seine Zuschauer wußtens\nnicht, daß ihn der Stolz krabbelte, darum blieben\nsie stehen und warteten ab. Jeder äußerte seine\nMeinung und erwarb sich dadurch die staunende\nBewunderung vom Heere. Der Bauer mit der\nTrottel an der Mütze und dem Keilkopf sagte jetzt\nauch etwas, man spannte, denn der Knabe war\nschon beinahe am Teich. „Er hats vom Schick\"\nsagte er. Ein Kräuseln überlief alles was gaffte\nund gerade, als hätte jeder Furcht, die Maul-\nseuche wäre in seinem Stall ausgebrochen, lief es\nauseinander, jeder einzelne mit seinem Sohn., den\ner im Heere stehen hatte. So.\n„So da bin ich lieber Schick\"! sagte der Knabe\nund stand schüchtern, einsam, am Teich und wurde\nnoch verlegener, als Schick schwieg. Er klirrte\nmit den Schlittschuhen. Er guckte sich um, ob er\nauch allein war, nach rechts . . links . ~ sah auf\ndas Eis, aber Schick blieb ganz leise.\nSchick sah die Schlittschuhe wohl, aber er sagte\nnichts, er wartete mit Herzklopfen, bis ihm der\nKnabe den Kranz der Ehre umhing, wodurch er\nalsdann den gesunden Blick über und durch sein\nReich verlieren könnte.\nWas dauerte das lange, bis der Knabe die\nSchlittschuhe anbrachte! dem Frosch verging fast\ndie ganze Feststimmung, er half von unten mit\nden Augen die Riemen zuziehen, aber das eine\nLoch war zu weit und zum andern reichte es\nnicht. Demi Frosch hingen die Lippen und dem\nKnaben die Schweißtropfen herab. Die Schweiß-\ntropfen fielen auf die Stiefelspitzen.\nDer Frosch wurde breiter um die Brust.\nDer Knabe richtete sich hoch, aufrecht auf die\nBeine! „Beiseite, beiseite wer im Weg ist\" dachte\nSchick . . da war aber Niemand. „Leise, er fällt\nsonst um. Holla, da liegt er schon.\"\nSchicks Augen zwinselten. „Was hast du denn\nheute, daß du immer hinfällst\" schmunzelte der\nFrosch.\n„Ich habe Schlittschuhe an\", antwortete der\nKnabe.\nDa lachte Schick und pustete.\nDas Fallen ging weiter, als befände sich der\nKnabe in einer Arena und schmisse sich ums Geld\nhin. Da wurde Schick nachdenklich: „das habe\nich mir doch ein bischen freundlicher vorgestellt,\nhör Knabe, zu was hast du denn die Schlittschuhe?\ndu liegst ja fortwährend da wie ein geschlagener\nRobbe.\"\nDer Knabe lag oft wie ein sterbender Krieger,\naber ein eisiger Ehrgeist stellte ihn jedesmal\nwieder auf die Schienen. Er stand wie ein Holder-\nmann mit viel Unruhe im Schwerpunkt.\nDer Frosch hob sein Hinterteil immer höher\nan, als ob er nächstdem „Dem da oben\" eine An-\nstandsvisite im Zylinder zu machen hätte. Wie\nsollte er ihn aber anreden? „Ich danke für Ihr\nErscheinen\". Er besann sich auf eine andere An-\nrede, aber er kam nicht davon ab „Ich danke für\nIhr Erscheinen\". Es war weder mit Hand noch\nmit Handschuhen von der Stirne zu streichen. Er\nkam in Verlegenheit wie ein Bürgermeister, dem\nbeim Empfang des Fürsten nichts einfällt. Er\nmußte schwelgen, denn „Beleidigen\" —!\nSchick schwieg immer größeres Mißbehagen in\nsich hinein, er füllte sich mit Luft wie einen Dudel-\nsack, ohne einen Ton hinauszulassen. Er glich dem\nkleinen Bonaparte nach 1812, darum hatte er wie\ngeblasen ein Heer da.\nDas Heer war im Anmarsch.\nDer Heerführer stand auf einmal wie „Hannibal\nante portas\". Dem Knaben wurds zu Mut wiö\ndem armen Jungen der Kuh, hinter dem der\nschwarz und gelbe Fleischerhund hetzt. Er hing\nfest an seinen Schlittschuhen und der Heerführer\nlachte ihn an wie ein Grislybär. „Du stehst ja da\nauch nicht alleine\", sagte dem Knaben seine Le-\nbenserfahrung, „ich weiß schon, dort drüben steht\ndein Heer\". Laut sagte er das nicht, denn fing\ner das Gespräch an, so war der Ausgang stets\nschlimm. Er schwieg, so wies Schick machte. Aber\num nicht feig zu erscheinen, machte er einige\nSchrittchen,... so beherzt wie möglich. Eins zweiee\ndrei und er schlug gerade mit dem Hinterkopf aufs\nEis.\nMit „Hallo\" brach das ganze Heer hervor und\numtanzte den Knaben, der ohnmächtig auf dem\nEise lag.\nWeil der Knabe sich gar nicht mehr regte und\nso ruhig liegen blieb, wurds dem Heerführer wie\n„Langeweile\", er pfiff und seine Schar zog lär-\nmend und gröhlend ab, hinein ins Dorf. Das Heer\ntriumphierte — der Heerführer fand eine Ausrede,\ner beurlaubte sich und ernannte einen zum Haupt-\nmann.\nEs war ganz still, nur kling kling klingeri kling\nfings dem Knaben im Ohre an, er spürte Wasser\nan seiner Kopfhaut, er hatte ein Loch in die Eis-\ndecke geschlagen. Dann öffnete er die Augen,\nstand langsam auf und ging nach Hause, stöhnte\nund ächzte unterwegs und dachte nichts mehr.-\nSchick . . . Schick.\nDer Himmel überzog sich dicht grau und es war\neinsam langweilig auf dem Krötenloch.\nEs war, als ob Schick eine böse ewige Nacht\naufging.\nSchick arbeitete mit seinem Maule, als ob er\nsein Gewissen tabakkaute. — Geehrt war er, so-\nviel stand fest — das ganze Heer war Zeuge, daß\nman bei ihm Schlittschuh lief — der Knabe hatte\nseine Aufgabe erfüllt. „Hatte er, Schick, sich ihm\ngegenüber gut betragen? war es recht, daß er\ndas Heer rief, um den Knaben wegzubringen, nach-\ndem er ihn selbst vorher eingeladen hatte? er\nschlug sogar den Hinterkopf auf, lag halbtot!\" Das\nzerrieb Schick schmerzlich, aber sein Herz preßte\ner zu einer harten Stahlkugel, das Zerreiben\nspürte die Stahlkugel nicht mehr. „Er hat mir ein\nLoch in meine schöne Decke geschlagen!\" — „wie\nmein Dach jetzt aussieht! so zerkratzt und zer-\nschunden!\" — „Schöne Ehre, wenn man selber sein\nTeil dazu beitragen muß!\" — „Er braucht nicht\nwieder zu kommen;\" — Ehre das!\" — „Was Mäd-\nchen vom großen See!\" brummte er zuletzt und\nschlief mit verächtlich verzogenem Mundwinkel,\ngelangweilt, ein.\nIn stockfinsterer Nacht stritten sich die Erlen\nnoch lange, zu wem sie Partei nehmen sollten,\nzum Frosch oder zum Knaben. Der Streit hörte\nerst auf, als im Himmel ein schwerer Deckel auf-\ngezogen wurde und durch den weiten Raum die\nSchneewolken langsam niedersanken. Es hörte\nnicht auf mit Sinken. Alle ungezählten Schnee-\nflocken wurden in der Nacht leise, jede sachte auf\neiner Hand, auf die Erde getragen. Die Hand ging\nunter jeder Flocke erst weg, wenn sie gerade den\nBoden berührte. Jede Flocke blieb ein kunstvoll\nschön aufgebauter Krystall.\nDie Erlen wachten am andern Tag sehr spät\nauf und erstaunten gleich mit weit offenen Augen.\nWie sahen sie aus! wie Schneemänner! wo war\nder Froschteich? wo die Quelle? man hörte nur\nein dumpfes klung klung klung. An dem mußten\ndie Erlen erkennen, daß sie noch am alten Fleck\nstanden. Und die Sonne blendete, obgleich sie mit\neinem Schleier bedeckt war.\nDer Frosch war vergrämt, er deckte sich jetzt\nlieber dick mit Schnee zu.\nWas jetzt dalag, beim Dorfe, war ein Haufen\ndumpfer Haß gegen alles, auch gegen ihn Schick\nselbst. Die Quelle war so fest verstopft, daß sie\nnur ganz selten und ganz tief klungerte.\nWenn ihn trotzdem Jemand schikanieren wollte,\nso versank der im Schnee und so wars gut."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "93", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.6", "titre_corps": "Die Not", "titre_sommaire": "Die Not", "signature_source": "Sophie van Leer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2930, "texte": "Die Not\nSophie van Leer\nTief im Garten bauen sie einen Zirkus. Die\nSonne glüht ihre hämmernden Hände.\n„Warum verbieten die Eltern?\"\n„Du bist ein Junge und ich bin kein Kind mehr.\"\n„Verstehst du das?\"\n„Nein.\"\n„Es ist, wenn ich abends zu Bett gehe. Ich\nfalte die suchenden Hände. Morgens liegen sie\nweit von mir und klammern die Bettkante. Ich\nliege auf einer Planke gestrafft. Das Meer spielt\nmit meinem Herzen, und ich werde nicht mehr\nfertig mit meinen Aufgaben.\"\n„Wirst du nicht versetzt?\"\n„Nein.\"\nDer Mohn flammt im Kornfeld.\nSein Kopf sinkt in die Halme.\n„Wie deine Augen singen. Wie der Mohn in\ndeinem Haar klingt. Komm. Auf meinem Kissen\nliegt der Mond. An der Decke läutet ein Käfer.\nDer Wind wogt ins Fenster. Nacht rauscht und\nsummt die bösen Träume in den Schlaf. Komm.\nWarum lernen wir?\"\n„Wir müssen uns vergessen.\"\n„Ich kann die Prüfung doch nicht bestehen. Und\ndann muß ich fort.\"\n„Warum lernst du nicht?\"\n„Nichts ist gut und schön -wie du.\"\n„Nun mußt du fort. Alle Nächte wache ich auf\ndeiner Schwelle. Deine sehnenden Schmerzen\nbeugen meine Arme. Mein Kuß blüht, brennende\nMohnblume, auf meinen Lippen. Der Kelch meines\nHerzens ist über dich ausgegossen. Die Stunden\nirren von mir zu dir und jagen sich im Kreise.\nWeit ist mein Himmel zu dir gebreitet. Ich bin\ndie Flamme, die loht, wenn du fern die Träume\nniederbetest. Schwarze Särge sind die Tage. Jede\nSonnenstunde will ich begraben. Denn ich will\nnicht mehr leben.\"\n„Ich werfe meine Stimme in die 'leere Zeit. Leid\nbrennt auf meiner Stirn. Mein blinder Blick zer-\nschellt in meiner blinden Seele. Und meine Hände\ntasten nach dem Tod.\"\n♦ *\n*\nDer Regen flüstert auf dem Hof. Wasser-\ntümpel frösteln. Ein Wolkenball treibt träumend\ndurch die Aeste. ,\nPapier knistert im Schulzimmer. Erschrocken\nblättert ein Buch. Der Lehrer bückt, und legt einen\nBrief auf sein Pult. Seine Stimme liest in Höhnen:\n„Wie ich mich nach dir sehne. Nachts trinkt\nder Mond meine Tränen.\"\nDie Kinder lachen. Er reißt das Blatt in kleine\nFetzen.\nDie Schule wird geschlossen. Die Gänge jauch-\nzen, durch offene Fenster jubeln blaue Ferientage.\n„Bleibe. Ich habe mit dir zu sprechen.\"\nIhre Augen gleiten am Boden. Ihre Arme\nkreuzen den Rücken. Ihre Zähne beissen die Lip-\npen blutleer.\n„Liebesbriefe sind nichts für Kinder. Du bist\nnoch viel zu jung.\"\nSeine Finger schleichen um' ihre Schultern,\nkrallen in Gier ihren Hals, seine Lippen pressen\nihren Mund.\nIhr Schrei ruft an der verschlossenen Tür.\n„Still. Oder ich schreibe deinen Eltern, daß du\nein Verhältnis hast.\"\nAm Hügelrande wandelt der Mond.\nAm Wege rieselt Wasser.\nEin Vogel seufzt im Schlaf.\nZwei kleine Schlangen winden ihre Köpfchen\ndurch lautloses Gras.\nDie beiden Kinder kauern im Gestrüpp.\n„Wir suchen uns. Wir finden uns. 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"Bange Nacht", "titre_sommaire": "Bange Nacht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "debut_caractere": 4842, "fin_caractere_exclue": 5315, "texte": "Bange Nacht\nUrewig will das Du uns groß umfangen\nNacht kommt aus wildem Mohn gegangen,\nweiß in die tiefen Wälder träumt das Haus.\nWir löschen alle Lichter aus\naus unsern Fenstern blüht die Dunkelheit\nnachtblumenstill lauscht unser Garten.\nDie Sterne wandeln hoch und weit\ndie tiefen Küsse sind ein banges Warten.\nIm großen Schoß des Lebens schlafen unsre Herzen\nund träumen schmerzhaft ihren Traum entzwei,\nlichthaft\nurfern mit Kinderaugen\nwallt weit die wilde Welt vorbei."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c017", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "93", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.7.7", "titre_corps": "Nacht", "titre_sommaire": "Nacht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "debut_caractere": 5317, "fin_caractere_exclue": 6220, "texte": "Nacht\nIm Schatten meiner Kinderträume gehst\ndu groß dahin.\nUm deine Lenden, reife Halme, wiegt mein Sinn.\nAn deiner hellen Stirne träumt mein Blut.\nEs wird mein Willen groß an deinen Händen,\nmit deinem kühlen Auge gürtest du die Scham,\ndoch meinen Namen schreit der Wind aus\ndunklen Gärten.\nEin Silberboot singt uns der fernen Insel zu\nvom Mond berauscht versinkt der Kiel im Schoß\nder Wellen\nviel Sterne raunen unsern Namen ewig—eins.\nTief senkt die Nacht ihr blaues Herz in unsern\nSchlaf,\nauf unsern Träumen schreiten wir zu fernen Ufern\nund eine Welt erblüht mit weißen Toren aufgetan.\nAuf Morgenwolken kommt der graue Tag\nhinabgezogen ist ein Traum- im Staub der Stadt.\nDie Ranken blättern einsam von der kalten Brust\nein keuscher Glaube endet gassenhin.\nLaut braust das wehe Lied in unsern Tag:\nWir sind ein Atmen in dem Schoß der Zeit!\nIm Tode sind wir Ewigkeit,\nin Gottes Wellen uferlos verloren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c018", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "93", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.7.8", "titre_corps": "Stunde", "titre_sommaire": "Stunde", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "debut_caractere": 6222, "fin_caractere_exclue": 6448, "texte": "Stunde\nEine Stimme geht:\nDu.\nIn unser Dunkel braust der Telegraphendraht\nurnahe schreit die Welt in unser Zwei.\nStern in der Nacht\nerleuchte uns.\nerhöre uns\nStern über uns.\nErhebe dich in mir\nzu uns!\nFern\ndie stille Geige.\nDu."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c019", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "94", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.8", "titre_corps": "Bekenntnis", "titre_sommaire": "Bekenntnis", "signature_source": "Adolf Behne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "debut_caractere": 6450, "fin_caractere_exclue": 6691, "texte": "Bekenntnis\n\nIch habe im schwarzen Fensterausschnitt ein\npaar armselige graue Dächer vor mir, eine ge-\nteerte Wand und einen lotrecht-genauen roten\nVierkantschornstein, in der Hauptsache einen un-\nbewegten stummen fahlen Himmel. August Stramm"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 673, "texte": "— diesen ganzen Abend bist du mir nahe — ich\nkann an dein entlegenes frühes sinnloses Grab in\nRußland nicht denken ohne Tränen. Du warst,\ngefaßt und geduldig, ein Werkzeug Gottes — du\nglühtest, leuchtetest und strahltest — nie werde\nich den Glanz vergessen, mit dem deine Dichtung\nGeschehen vor mir in den Himmel stieg. Meine\nAugen sehen in dem grauen gerahmten Himmel vor\nmir ein unaufhörliches buntes Feuer steigen, kühn\nund stolz, verschwenderisch, unerschöpflich.\nIch bekenne mich an diesem glücklichen Abend\ninnig zu dir — du jubelnder Ueberwinder.\nGern hätte ich dem Lebenden das gesagt —\nnun nimm mein Bekenntnis als Busch glühender\nRosen auf dein Grab.\n\nAdolf Behne"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "94", "page_fin": "95", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.9", "titre_corps": "Seidenfaden", "titre_sommaire": "Seidenfaden", "signature_source": "Erzählung Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.10", "debut_caractere": 675, "fin_caractere_exclue": 9643, "texte": "Seidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\nVIII\nIm Hause des verwittweten Dolling waren die\ndrei Mädels mit Nonne allein. Der Vater war\nzum Stelldichein fortgefahren und kam erst am\nandern Morgen zurück. Sine war zur Malstunde,\nhatte aber ihre Rückkehr am Nachmittag und Sei-\ndenfadens Besuch angekündigt.\nIn den zehn Jahren seit Sinens Selbstmord\nwar Seidenfaden dem schwiegerväterlichen Hause\nferngeblieben. Er hatte sich endlich entschlossen,\nSinens Bitten nachzugeben aus Neugier nach den\nKleinen im Nest. Aber nur in Abwesenheit des\nFamilienpapas kam er infolge der triebhaften Ab-\nneigung gegen andere Hähne, die im Korbe sassen.\nSeidenfaden liebte die weibliche Geselligkeit\nund zog sie endgültig anderen Beziehungen vor,\ner wollte seine kreuzweisen Gelegenheiten haben.\nBei Verwandten und Bekannten der Eltern und\nder Dollinge lud er sich zu Familienfesten ein\nund empfahl sich der weiblichen Schätzung.\nSinens Bräutigam wollte kommen. Die Dolling-\nmädels flüsterten neugierig von den schwarzen\nKniehosen Herrn Seidenfadens, seinen runden\nAugen, schwarzen Locken, vom blassen Lenau-\ngesicht, an das er die Geige drückte. Sibille be-\nstand ernsthaft darauf, Geige lernen zu wollen.\nKatherine fuhr mit dem Zeigefinger wagerecht vor\nSibillens Nase: „dafür gibt der Papa kein Geld,\ndenn er braucht alles für die Liebste\". Schweig-\nstille stichelte auf die lange Engelslocken-Sibille:\n„must Herrn Seidenfadens zweite Liebste werden,\ndann kriegst dus umsonst\".\nDie Mädchen redeten sich wirr um Sinens\nLiebsten, bis Nonne den Kaffe fertig hatte. Sie\nsassen alle wartend im Kinderzimmer zusammen\nund guckten fleissig auf die Gartentür. Die Fen-\nster standen weit auf. Der schöne Sommer-Nach-\nmittag bog sein feuriges Antlitz über ihre zarten,\nfestlichen Herzen, alle Drei fühlten, daß der\nLiebste vor der Gartentür stünde, und hörten\nseine Stimme traulich undeutlich Einlaß begehren.\nSibillens Locken prangten flimmernd, Katharine\nlachte mit rundem Lachen lieben Glückes,\nSchweigstille ahmte Seidenfadens Schmachten\nnach. Dann sangen sie mit Nonne:\n„Als ich kam an das kanaljeische Meer\nfand ich drei Männer und noch viel mehr.\nDer Eine hatte niemals Was\nDer Andere nicht Das\nund der Dritte garnichts.\nDie kauften sich eine Semmel\nund einen Zentner holländischen Käse,\nfuhren damit an das kanaljeische Meer.\nAls sie kamen an das kanaljeische Meer\nkamen sie in ein Land, das war leer.\nSie kamen an eine Kirche von Papier,\ndrin war eine Kanzel von Korduan\nund ein Pfaff von Rotstein schrie:\nheut' haben wir Sünde getan!\nVerleiht uns Gott das Leben,\nwollen wir Morgen wieder dran!\nUnd die drei Schwestern Lazari\nKatharine, Sibille, Schweigstille\nweinten bitterlich.\nDer Hahn krähete Buttermilch!\"\nWeinerlich Geschluchz endete das schöne Lied,\nbis Schweigstille, die erste Stimme hatte, schrill\nkrähte, und alle Vier „Buttermilch\" murmelten, als\nbegrüben sie einen Toten. Dann schrillten die\nStimmen hoch zum Katzenkonzert „Buttermilch\",\nund die Mädels hüpften und freuten sich. Als der\nPfaff von der Sünde schrie, an die er „Morgen\nwieder dran wolle\", war Sine mit Seidenfaden un-\nbeobachtet in die Gartentür getreten und gingen\nleise in die Wohnung, huschten ins Bücherzimmer,\ndenn sie hatten Angst vor dem alten Hahn.\nMit einmal hieß es in -der Kinderstube „der\nBräutigam\"! Alle stürmten die Treppe und ver-\nfügten sich zum Kaffetisch, guckten auf die Tür.\nSchweigstille ulkte „heut haben wir Sünde getan\"\nund hieb mit dem Fäustchen nach Sibillen, als\ngäbe es eine Ohrfeige.\nNach langem Zieren erschien Seidenfaden im\nKreis der Mädchen: kein Lenau, nur ein rot-\nwangiger,, elegant angezogener Ziegenbart mit der\nStimme einer quäkenden Kindertrompete. Ein\nBräutigam, der sauer sah, nichts redete, alle an-\nstarrte und jeder Bewegung, jedem Blick der\nMädchen folgte. Die steife leicht befangene Sibille\nwagte sich nicht zu bewegen und wartete nur\ndarauf, endlich vom Tisch aufstehen zu dürfen.\nUnter peinlichem Schweigen vollzog sich das sonst\nso muntre Kafeetrinken. Nonne betrachtete ver-\nstohlen die in blaue Schleier gehüllte Sine,, an\nder alles merkwürdig blau war, blau waren auch\ndie Augbrauen mit dem Farbstift nachgetönt. Sine,\nfeierlich steif und gepudert, war gattinnenhaft um\nden Bunten bemüht, bediente ihn eigenhändig und\nwar von zurückhaltender Wohlerzogenheit.\nIn der unruhigen Stille sprach Schweigstille\nmit Kühle: „Sibille! du stippst die Locken in den\nKaffee.\" Die träg vornübergesunkene Sibille fuhr\nhoch. Die Dollinge lachten und Schweigstille rief:\n„Der Hahn krähete Buttermilch!\"\nDie Dollinge schnellten am Faden gezogen von\nden Stühlen auf und sagten artig „Guten Abend\",\nliefen hinaus und lachten über den wunderlichen\nStock von Bräutigam. Seidenfaden kehrte mit\nSinen ins Bücherzimmer zurück und kramte im\nWust neu eingelaufener Rezensionsexemplare.\nNachdem er die für sich geeigneten Bücher be-\nzeichnet und zurechtgelegt hatte, erwog der Bunte\ndie Liebesmöglichkeiten der drei Nestlinge und\nbeschloß, Sibillen der Ruhigen, Engelshaften, sich\nkünftig zu nähern und sie auszuzeichnen. Er\nmachte Sinen auf die spröde, aber reifende und\nsanfte Jungfräulichkeit aufmerksam. „Bunterchen,\nkommst nu öfter, so scheene Meechens for Schil-\nlern\", quäkte Sinchen im blauen Schleier, hin-\ngebend an seine Erotik. Draußen sangen die\nDollinge: „Als sie kamen an das kanaljeische Meer,\nkamen sie in ein Land, das war leer.\"\nIX\nFrau Gabriele hatte sich nach hitzigen Ver-\nirrungen Siegfried, dem Freunde Seidenfadens,\nhingegeben. Siegfried nahm nachbarlich ihrer Ehe-\nwohnung eine Stube, in der er im Geiste ge-\nschwisterlich seine Frei-Ehe begann, indes sie\nnoch Frau in alter Ehe-Ordnung war.\nDanach nahm der Mann alter Ehe-Ordnung,\ngeödet von gemeinsamer Unfruchtbarkeit, in der\nStadt ein Zimmer und überließ Frau Gabrielens\nEhestand dem Anwärter der neuen Ordnung. Er\nwar nur sonntäglich genehmer Gast ,der jungen\nFrei-Ehe. Er leitete die kaufmännische Aus-\ngleichung der verschobenen und neu zu knüpfen-\nden Interessen des Dreiecks, das ein Fund für\nkniffliche Haarspaltereien, unerschöpfliche Witze\nwar. Als der Mann alter Ehe-Ordnung im Schweiß\ndes gelobten Strebens am Ausgleich der Ver-\nschiebungen arbeitete, um siegbahnend für Ga-\nbrielens verjüngten Liebesgeist die uralte Ehe-\nmauer zu bezwingen, verreisten die Liebenden\neines Sommertages mit der Unvermitteltheit, die\nein gebieterisch nahendes Ereignis befahl.\nAus dem Haag und London kamen Ansichts-\nkarten: „Frau Gabrielens blauer Schleier weht auf\ndem Ozean! Der Liebsten braunes Jungens-\ngesicht ist weich und innig geworden. Ihr seid\nEinander so gleich —!\" verbeugte er sich liebens-\nwürdig vor Sinen.\nFrau Gabrielens blauer Schleier wehte zur süd-\nlichen Halbkugel hinab. Die Liebenden ahmten\nSeidenfadens große Reise nach, nur daß Siegfried\nTanger nicht berührte. Sie reisten durch Spanien\nund wohnten eine Woche in Paris, dem Vorort\naller Republiken, um das Fest der Erstürmung der\nBastille mitzufeiern. Die Liebenden ;hatten auf der\nReise in Frankreich glücklich das Geheimnis ihres\nLiebespfandes gehegt. Vor den Öl-Leinwänden\nder Watteau, Fragonard, Prudhon wünschten sie\nbegeistert, daß ihr Kind ein Mädchen würde, dem\nsie den Namen der Göttin von Paris: Marianne\nmit der phrygischen Mütze schenkten.\nNach Siegfrieds Heimkehr begann Frau Ga-\nbrielens juristisch kniffliche Schwangerschaft. Der\nden dicken Frauen, dem Dickwerden überhaupt\nfeindlich gesonnene Seidenfaden weilte noch am\nGardasee zur Kräftigungskur von erotischen\nSchwächungen. Frau Gabriele war hochgeseg-\nneten Leibes, an ihr vollzog sich die wunderliche\nEntstellung der Schwangerschaft, und ihr Gesicht\nwurde weich und gedunsen. Der Jahrzehnte\nschlummernde Trieb zur Ausdehnung ihrer inneren\nOrgane war mit elementarer Ueberschwemmung\naufgebrochen, (Urwüchsige Kraft trieb den Leib\nhoch wie Hefe den Kuchen im Backofen.\nSiegfried betete zum gesegneten Leib der Lieb-\nsten,, er und der Mann alter Ehe-Ordnung ab-\nwechselnd hüteten und versorgten die neue Mut-\nter. Siegfrieds jugendliche Dankbarkeit war er-\nfrischend! Ein schönes, kraftvolles Weib zu\nEigen, eine unbekannte, urwüchsige Welt weit-\noffen, unbeschritten: das bedeutete Gnade in der\nDürre seiner Mannheit! Frau Gabriele gebar die\nwirkliche Marianne. Der frei-eheliche Vater und\nder treue unfruchtbare Ehemann stellten gemein-\nsam zärtlich das Neugeborene aufrecht ins Licht\nder Welt. Es ergab sich die kniffliche Frage, wer\nals Vater gelten, wer vor die Behörde hintreten\nund erklären sollte: „dies ist mein Kind!\" Ein\nKind, das jenen Namen des unfruchtbaren Mannes\nalter Ehe-Ordnung erbte, das verurteilt war, den\nNamen seines Erzeugers zu verleugnen, denn gar\nzu eilig hatte diese besondere Idee einer mensch-\nlichen Individualität mit der größten Gier und Hef-\ntigkeit nach ihrer Realisation in der Erscheinung\ngestrebt.\nMarianne lebte im Licht der Welt, und als sie\nPapa und Mama sagen konnte, lernte sie bereits\ndie Melodie jenes gefeierten Liedes: die Inter-\nnationale! Im dritten Jahre stammelte sie kind-\nlich von den „Geldssränken der Reichen!\" Den"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9845, "texte": "Besuchern wurde das Kind von den stolzen Eltern\ndargestellt:\n„Völker, hört ihr die Signale!\"\nX\nSiegfried neigte zur Sozialdemokratie. Er ver-\nstand es, sich auf Kongressen und Parteitagen den\njüngeren Führern zu nähern und sich wiederholt\nim Gespräch mit einer verehrten Persönlichkeit\nder Arbeiterpartei auf der Strasse knippsen zu\nlassen, sodaß er früh in die illustrierte Presse kam.\nund seine Jugend bereits auf Sonnenhöhen der\nÖffentlichkeit wandelte.\nAls es galt, so schnell wie möglich die amt-\nliche Beurkundung seiner Vaterschaft zu erwirken,\nals er Gabrielen die erwartete Versorgung be-\nschaffen sollte: meldete er sich in engerer Wahl\nfür eine Redakteurstellung an der sozialdemokra-\ntischen Zeitung einer märkischen Stadt. Er wurde\ngewählt und erhielt gleichzeitig das Amt des\nPartei-Seelenwärters im Landkreise.\nSolang die Verschiebungen des Mannes alter\nEhe-Ordnung noch im Schweben waren, durfte\nSiegfried nur sonntäglich zu Gabriele und seinem\nKinde reisen. Endlich durfte er heiraten! Vor die\nBehörde traten gemeinsam zwei verjüngte Paare\nund gaben den Ausgleich der verschobenen, jetzt\nendlich neu geknüpften Interessen zu Protokoll.\nDer Mann alter Ehe-Ordnung führte einen frucht-\nbaren Gegensatz neuen Reizes zu ehelichen Hoff-\nnungen. Marianne wurde als Eigen von ihrem\nErzeuger adoptiert. Als Seidenfaden von der Nach-\nkur seiner erotischen Schwächungen heimkehrte,\nwar Siegfried bereits glücklich mit den Seinen\nvereint. Ihre beiden guten Männchen sorgten,\ndaß rings um die junge Frau alles beim Alten\nblieb. Sie behielt die überflüssigen Truhen, scheuß-\nlichen Sofas, lächerlichen Nippes. Im Besuchzim-\nmer lag ein Geschenk Siegfrieds zur Schau auf\nschmalem Tischchen: Georges Teppich des Lebens\nin Prachtausgabe. Ueber dem Teppich des Lebens\nhing an der Wand das „Bettelmädchen\" eines eng-\nlischen Präraffaeliten. Fast entblößt in ärmlichen\nLumpen war die keusche Gliederpracht des\nschönen Mädchens, das märchenhaft erhöht tronte,\nvor ihm kniete König Kopheta, ein gepanzerter\nSiegfried ähnlicher Ritter, den Helm vom kraus-\nte kigen Haupt gehoben.\n♦ *\n*\nSiegfried wurde Stadtverordneter. Die Jahre\nverflossen in politischen Kämpfen und täglichen\nLeitartikeln. Irgend ein Minister oder Junker warf\nsein Knäuel unter die Kritiker, es rollte durch die\nganze Provinz, und jede Redaktionsstube schnitt\nihr Garn davon ab. Siegfried brauchte täglich\nAnrempelungen, um die Landbevölkerung zu\nweiden und die städtischen Genossen zu schärfen.\nEines Mittags gelangte die Kunde zu Siegfried,\ndaß der Bunte einkehren würde. Nahte Seiden-\nfaden, mußte der Redakteur sich eilig zum über-\nwindenden Ästheten wandeln. Es war nicht leicht,\nsich über den geschwätzigen Zeitungsberuf aufzu-\nschwingen, erst nach Stunden sauren Beisam-\nmenseins vermochte über Siegfrieds Schwatzsucht\ndas wirksame Schweigen Macht zu gewinnen, das\nSeidenfaden liebte als Vorstufe zur Verlautbarung\nhöherer Einsichten an Wohlmeinende, aber geistig\nTiefstehende. Seidenfaden genügte es, im Niedren\nden Funken ;zu wecken.\nStumm verdrossen drückte sich Seidenfaden\nauf dem Sofa zwischen Sine und Gabriele. Ge-\nmütlich weiß gedeckt war der Kaffeetisch. Frau\nGabriele reichte Likör, Siegfried rauchte Zigaretten\num den Kaffee abzurunden, und Seidenfaden ent-\nwickelte ein spitziges Gespräch. Er streichelte\nbeim Sprechen Sinens Haupt, und tauschte mit\nbeiden Frauen beredte Blicke. In diesem Augen-\nblick gedachte er der Nacht, die er ritterlich zwi-\nschen beiden Frauen geschlafen hatte. Aber er\nschwieg, und die Familie zagte vor der Stumm-\nheit der Gäste.\nDa stürzte Siegfried in die hemmungslose Er-\nzählung des berühmten Wahlrechts-Umzuges, den\ner jüngst an einem Sonntag durch die Stadt ge-\nführt hatte. Nach wochenlanger Rede- und Leit-\nartikelzurüstung waren Stadt- und Landkreis\nkämpferisch entflammt. Am bestimmten Vormit-\ntage versammelten sich die Genossen zu langen\nZügen und schwenkten dann von überall in die\nHauptstrasse der Stadt: sonntäglich angekleidet,\nihre Frauen untergefaßt, die Kinder an der Hand,\nin Reihen zu Vieren, nach Bezirken geordnet, mar-\nschierten die Demonstranten hinter ihren Papp-\ntafeln mit den Wahlrechtslosungen und den ge-\nschmückten Fahnen. Brausend sang das Wahl-\nrechtsheer die „Internationale\", und Siegfried an\nder Spitze gab in bestimmten Augenblicken nach\nder Uhr die Losung mit brüllender Stimme aus,\nund der Ruf strömte donnernd die ganze Haupt-\nstrasse entlang unter Hüte- und Bannerschwen-\nken: „Her das allgemeine, direkte, geheime Wahl-\nrecht!\"\nDie dröhnende Masse rückte vorwärts bis Mi-\nlitär von der Garnison mit unbeweglicher Drohung\nden Marsch absperrte. Siegfried begab sich als\nParlamentär zum Leutnant, der den entblößten\nDegen gesenkt hielt, und begann über ruhigen\nDurchlaß zu verhandeln. In diesem Augenblick\nwurde aus allen Stockwerken der Häuser in der\nHauptstrasse ein Wolkenbruch wunderlicher Wurf-\ngeschosse auf den Wahlrechtszug entladen: von\nFenster- und Balkonbrüstungen wälzte die mili-\ntante Weiblichkeit einen Sturmregen von Töpfen\nmit Erde, Kartoffelschalen, Kaffeetassen, zer-\nbrochenen Tellern, Blechschalen, faulen Aepfeln\nund Eiern, es regnete Petroleum und anderes\nFlüssiges auf Siegfried, sogar der Offizier kam\nin Gefahr, besudelt zu werden. Es war Siegfrieden\nzu Mute, als tobte der ewige Fafner, Gott des\nbürgerlichen Besitzes wider die kärgliche Frei-\nheit. Mit einem Zauberschlag löste sich der Wahl-\nrechtszug auf, denn Jeder fürchtete für den Sonn-\ntags-Anzug. Das Militär nahm lachend Siegfried in\ndie schützende Mitte und führte ihn behutsam\nzur Wache. Beim Einbruch der Dunkelheit durfte\ner unbehelligt zu Frau Gabrielen heimkehren.\nIn der Stadtverordneten-Versammlung nach die-\nsem Lustspiel durfte Siegfried den berühmten Hin-\nweis tun: er habe festgestellt, daß im Hof der\nKaserne zwei Kanonen bereit gestanden hätten,\num nötigenfalls auf das Volk zu schießen. Sieg-\nfried vergaß, hiernach vor den Stadtvätern den\nDank des Volkes auszusprechen, den es der mili-\ntanten Weiblichkeit schuldete für ihre prächtige\nBeschießung mit harmlosen Töpfen, Aepfeln und\nAsche mit Koks.\n♦ *\n*\nSeidenfaden hatte sauer zugehört. Kein Laut\nvon Billigung oder Tadel war seinem Denkdäm-\nmer zu entlocken.\nNach dem Abendbrot beanspruchte Frau Ga-\nbriele, mit Marianne schlafen gehen zu dürfen. Sie\nlud die lieben Gäste ein, fürlieb zu nehmen und\nzur Nacht zu bleiben. Die lieben Gäste nahmen\ndankend an. Gabriele rüstete das Ruhebett in der\nkleinen Stube neben Siegfrieds Arbeitszimmer.\nSiegfried blieb mit seinem Besuch im gaser-\nleuchteten Arbeitszimmer zigarettenrauchend und\nwitzelnd. Auf dem Divan lag Sine an Seiden-\nfaden hingegossen, der ihren Busen umschlang.\nSie kokettierte munter mit Siegfried und\ntete zum Bunten auf.\nEs war die Zeit, da man den russischen Roman\n„Szanin\" las! Den kreuzweis besessenen Seiden-\nfaden ließ die dürre Versuchung nicht los, seine\nLiebste einem durchschnittlich begabten Freunde\nnackt zu zeigen und ihre erotische Wirkung zu\nerforschen. Stunde und Gelegenheit waren gün-\nstig. Gabriele schlief den eheweiblichen Schlaf,\ndie Tür zum Flur würde zugeschlossen. Sine\nwürde den wunderbaren Stolz erleben, nackt bei\nihren Freunden zu verweilen, ohne die konven-\ntionelle, häßliche Eifersucht fürchten zu brauchen.\nUnd Siegfried? Die Sozialdemokratie verlangte\nfreie Geschlechtswahl, das Recht der Entwicke-\nlung für die Frau. Würde Siegfried die Freiheit\nin ihrer vollen Wirklichkeit zu ertragen fähig\nsein? Darauf kam es jetzt an. Seidenfaden war\nder Gelüste seiner Freunde sicher.\nSiegfried tat alles nach Wunsch: schloß Tür\nund Vorhänge, löschte das Gaslicht, entzündete\ndie Wandleuchter. Seidenfaden rückte den Divan\nin die Mitte, stellte die nie brennenden Kerzen rings\nzu Häupten und bat Siegfried, ein Weilchen hin-\nterm Vorhang der kleinen Stube zu verschwinden,\nwo Gabrielens Gastbett duftend weiß auf den\nlieben Besuch wartete.\nSeidenfaden flüsterte mit Sine. Versonnen\nlauschte Sine und bemühte sich, den tiefen Zu-\nsammenhang seines wunderlichen Planes zu be-\ngreifen, sie bewunderte den Bunten mehr denn je.\nDer kupplerische Trieb entflammte das Weibchen\nund es hauchte ein unbedenklich „Ja!\" Jetzt ver-\nließ auch Seidenfaden die Liebste zu ihrer Ver-\nwandlung.\nDie jungen Leute flüsterten in der Gaststube.\nDas junge Weib entkleidete sich im Ringe der\nbrennenden Kerzen, deckte ihre Kleider samt den\nkorrigierenden Apparaten mit einem Teppich zu\nund legte sich nackt auf den Divan, den Seiden-\nfaden mit einem weichen Seidenteppich verhüllt\nhatte. Sie streckte die Beine aus, legte sich auf\ndie linke Hüfte und hörte ihr Herz aufgeregt\nschlagen. Ihr in eine süße Schneckenfrisur ge-\nrahmtes Haupt stützte sie nachdenklich mit dem\nArm. Sie bemühte sich, einen Eindruck hervor-\nzurufen, der die bunte Mitte hielt zwischen\nPauline von Borghese in Marmor von Canova und\nIngres Odaliske im Louvre.\nSine hatte stets Lust, sich zur Schau zu stellen\nund nackt bewundern zu lassen. In Seidenfadens\nHimmel aus Indigo und Wolkenweiß lebte sie\nimmer nackt und schmiegte ihre Nacktheit in allen\nPosen an den Bunten. Die Kerzen besonnten mit\ndunklem warmem Schein die neue Luzinde, die\nein Schlegefl unserer Zeit als ästhetisches Schau-\ngericht preisgab. Helle Glieder, dunkle Leibesmale\nder intimen Liebe standen Siegfrieds Blicken frei!\nEs gibt asiatische Stämme, die ihren Gästen\neinfältig die eigene Frau ins Bett zum Beilagei\neiner Nacht schenken.\nAuf der Höhe der Kultur errang Seidenfaden,\nder Erste Aller in der Liebe, die Ueberwindung\nder Eifersucht, den einfältigen Sieg des Nomaden.\nEr vollbrachte, glücklich begabt, die Krönung der\nmännlichen Liebe und „aß nicht die bittere Wur-\nzel\". Er wies die gewalttätige Fesselung des\nweiblichen Selbstes von sich, er geriet nicht in die\nlistige Fallgrube der Ehe mit ihren spanischen\nReitern, er gab dem Weibe seine Freiheit, seina\nethische Selbstbestimmung, stellte und legte sie\nauf eigene Füsse."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "95", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.2.10", "titre_corps": "Druekfehlerberichtigung", "titre_sommaire": "Druekfehlerberichtigung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.11", "debut_caractere": 9866, "fin_caractere_exclue": 10025, "texte": "Druekfehlerberichtigung\nIn dem ersten Gedicht von Wilhelm Runge /\nOktober-Heft / 1916 ist zu lesen:\nErste Zeile: Blut flieht\nIn der letzten Zeile: Vogel schein"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-11-15-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-11-15_01#c022", "volume": "bmtnabg_1916-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "96", "page_fin": "96", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Blaß. Mit eingefallenen Wangen.\nDie schwarzen Augen in den kleinen, dunklen\nGrotten verraten, daß das Fieber ihn hat; er\nraucht billigste Zigaretten, Zeige- und Mittelfinger\nsind braun von Nikotin.\nEr steht hinter dem kleinen, gelben Fenster und\ndenkt. Die weißen Möwenbäuche sind plötzlich\nnicht mehr da..!\nVor einem anderen gelben oder rosa Fenster\nstürzen sie, sind wieder einmal draußen über\nihrem Meer.\nEr dreht seinen Kopf hinter der Scheibe, drückt\nseine Nase daran platt, aber nichts sieht er von\nihnen.\nUnd die Möwen jetzt plötzlich nicht mehr da\nsind, was gestern Abends geschehen war, erinnert\ner sich. Er denkt schon den ganzen Tag und bis\nzum frühesten Morgen war es die Nacht, die da-\nmit verging.\nEr legt sich auf das wackelige Sofa. Ein bil-\nliger weißer Fenster-Vorhang statt des Über-\nzuges. Die Uhr zeigt sechs.\nMit dem Fuß hält er den Pendel auf. Weil er\nso stupide hin und her schwingt. Blond war sie\nwie eine Butterblume... So ziemt es den Hilde-\ngarden.\nDaß sie sich auch nicht mehr rettete, ging er\nihr nach. Und da spricht sie ihn an, Hildegarde...\nEs regnet fein, zwischen den Regen strahlt die\nSonne ... „Sie müssen mir nicht immer nachlaufen,\nSie!\"\nDie kleinen Nasenlöcher ziehen die Moosluft\nein. Er steht vor ihr und lächelt, sein Lächeln\nstarrt auf den Lippen. Die Hände auf dem Rücken,\nsagt er: Ihre Haare sind blond wie ihre Sommer-\nsprossen; und seine Augen werden viel größer.\nSie macht einen Schritt zurück, ratlos vor Wut;\nund den einzigen, möglichen Weg geht er ihr vor!\nLangsam, die Hände auf dem Rücken.\nWind hebt sich auf und türmt über die Bäume,\ner pfeift leise.\nHildegarde, sieht sie den kleinen, breiten Mann\nvor sich, langsam geht er, die Hände auf dem\nRücken, schreit sie: Ruhe will ich haben vor Ihnen,\nhören Sie das, Sie!?\nSie hebt die Hände vors Gesicht und schluchzt.\nEr geht ruhig seinen Weg, die Hände auf dem\nRücken. Hilda geht und immer schneller den Weg\nbergab. Sie kommt ins Laufen, sie wankt,\nstrauchelt ihr Fuß an den Steinen und sie fällt\nins Gebüsch. Der Mond steigt herauf.\nEr krallt über sie, sie regt sich nicht. Und da\nregt sich der Mond auch nicht...\nEin Hildaruf in den Bergen... Und draußen\nlacht das Meer.\nDie feinen Regen, zu fein sind sie und können\nihm nichts anhaben, dem Meer. Und es lacht.\nEr läßt auf sich rieseln vom Regen und Hilda\nüber den Leib. Er liegt hin in einem schwarzen\nKleide... Und so ist sie zu liegen gekommen, daß\nes sich straff spannt.\nDer Hut hat sich aus den Haaren gelöst, er\nliegt unter dem Kopf am Boden und unter einem\nWust von blonden Flechten. Da sind die Möwen\nwieder da und schwärmen vor dem gelben Fen-\nster und er sieht die Sonne. Und daß sie ein\ngroßes Stück gesunken ist."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.3", "texte": "Schatten fallen in das kleine, kalte Zimmer. Sie\ndehnen sich und biegen sich an den kahlen Wän-\nden.\nEin kleines Bildchen hängt über dem Sofa, das\nist Hilda. Hildegarde und im schwarzen Kleid und\nHaare blond wie die Butterblume auf dem Feld.\n...Du werd wach, bittet er sie. Plötzlich rüttelt\ner an ihr, der Mund ist halb offen... Mach auf die\nAugen, Du! schreit er ihr ins Gesicht, vofller Angst.\nDer Wind pfeift leise...\nEr hebt sie auf, der kleine Breitschultrige und\nweiß nicht wohin mit ihr. Er wendet sich mit ihr\nund dreht sich und die schwarzen, schmalen\nFrauenschuhe scharren am Boden.\nDa schleppt er sie zum Weg hin unverwandt\nschaut er ihr ins sommersprossige Gesicht. Seine\nschwarzen Augen sind voll Licht. Er zittert.\nVon dem blassen Frauengesicht läßt der Mond\nnicht ab, ihre Füße schlottern unter seinem Arm\nund schlagen auf seinen Schenkel; da blickt er\nden Mond an und trägt den Körper unter die\nBäume hinein, der Wind pfeift leise darin.\nPlötzlich spüren seine Hände, wie ihr Leib\nwarm ist, und ehe er ihn niedergelegt hat, will\ner sich aufrichten, Hildegarde...\nSie sind es wieder, Sie? sagt sie verzweifelt\n...Und das Kleid ist zerrissen... Wie mir mein >\nKopf schmerzt..!\nDie Finger der linken Hand verschwinden in\nden Haaren. Helfen Sie mir wenigstens, wenn Sie\nschon da sind, Sie!\nUnd sie weint.\nAber er hat seine Ruhe wieder, der kleine\nBreitschultrige. So sie nur wieder lebend gewor-\nden ist. Nervenanfall, denkt er, weiter nichts. Er\nredet mit keinem Wort auf sie ein. Und da be-\nruhigt sie sich. Und nach einer Weile: Warum\nsind Sie eigentlich wieder hergekommen zu uns,\nSie!? Wenn Sie wissen, es führt nur zu nichts...\nLangsam und ruhig sagt sie das. Ihre Augen\nfallen zu dabei vor Müdigkeit...\nSie schiebt mit der Hand die Frisur zurück,\ndann legt sie die Hand, die Finger gebogen, in den\nSchoß. Er schweigt, das Wasser stürzt ihm in die\nAugen. Er schaut in ihr blasses Gesicht mit den\nzugefallenen Lidern ... sie schläft bereits fest...\nDie glatten Augenlider liegen leicht aneinander\nund sind nicht hart aneinandergedrückt. So schläft\nsie, fünfzig Schritte von ihrem Haus, auf dem\nWaldboden...\nSein Gesicht ist dem ihren nahegekommen und\ner drückt es in das ihre und fest und lange ...\nEine feine, warme Nase spürt er in seiner\nWange. Sie merkt nichts, so fest schläft sie...\nDie Möwen sind wieder da, schnellen weiß vor\ndem gelben Fenster, hin und her, obwohl es schon\nfinster wird vor dem Fenster und spät draußen\nund über dem Meer. Ihre Schatten huschen wie\nFledermäuse auf dem Zimmerboden und an den\nWänden.\nDa zieht er einen Sechsläufigen aus der Tasche,\neinen wackeren Sechsläufigen, um die Setzten paar\nsechsundvierzig Kronen. Der wollte sich bezahlt\nmachen jetzt.\nEin Schuß kracht."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.4", "texte": "Schöne Künste\n\nDer Schweizer als Erzieher oder Bode zu Hause\nHerr Generaldirektor Wilhelm von Bode ver-\nöffentlicht in einer nebensächlichen Zeitschrift\nWieland Urteile der Neutralen über neueste deut-\nsche Kunst. Herr Generaldirektor Wilhelm von\nBode ist in den Augen der Kunstlaien und Kunst-\nhistoriker eine Autorität. Dieser Fachmann kann\nin Deutschland offenbar nicht mehr genügend Laien\nfinden, die ihm seine Urteilslosigkeit bestätigen.\nVertrauensvoll wendet er sich daher an das neu-\ntrale Ausland. Und wie einst ein Deutsch-Ameri-\nkaner gefunden wurde, der das Werk Hugo von\nTschudis in der Nationalgalerie anspuckte, so hat\nauch Herr Generaldirektor von Bode einen\nSchweizer gefunden, der sich an der Kunst ver-\ngreift. Man bedenke: der Generaldirektor der\nKöniglichen Museen findet in Deutschland und im\ngesamten neutralen Ausland nur einen\nSchweizer, der sich mit ihm verurteilen läßt. Einen\nSchweizer, von dem man nur erfährt, daß er ein\nBekannter des Herrn von Bode ist. Der Bekannte\nscheint aber kein guter Bekannter gewesen zu\nsein, denn er weiß nicht einmal, daß sein Be-\nkannter, Herr von Bode, ebenso wenig von Kunst\nversteht, wie er selbst. Ich will den Bekannten\nvon Herrn von Bode so vorstellen, daß er zugleich\nbestellt und mit seinem Bekannten abbestellt ist.\n„Sie werden sich wundern, daß ich als Schweizer\nund nach allen Klagen, die ich gerade gegen Sie\nüber die neuere Entwicklung unser Schweizer\nKunst habe laut werden lassen, über Ihre modern-\nste Malerei in Deutschland mich abfällig hören\nlasse . . . Verstehen Sie, was diese neue Kunst\nwill? In allen Zu- und Beischriften, die man in die\nHand gedrückt oder zugeschickt bekommt, habe\nich gestöbert, aber ich bin nur noch dümmer da-\ndurch geworden. Sie sind ja — ebenso unverständ-\nlich wie die „Kunst\" welche sie feiern. So viel\nlese ich wohl heraus, daß es jetzt genug sei mit\naller rohen Naturnachahmung, mit dem wüsten Im-\npressionismus, ein Höheres sei das Ziel der wahren\nKunst: Abstraktion von der Natur, Verbildlichung\nder Naturkräfte, Symbolisierung, echten Stil wolle\nder Expressionismus. Und bietet er das wirklich?\nWas ich davon in den Ausstellungen der ver-\nschiedenen Sezessionen, der Kunsthandlungen von\nGoltz, Gurlitt, im Sturm undsoweiter an Bildern,\nPlastiken und namentlich von graphischer Kunst\ngesehen habe, kam meinem altmodischen Auge\nsehr viel roher vor, als der äußerste Impressionis-\nmus; was als hohe Form mir angepriesen wurde,\nerschien mir völlig formlos und formwidrig und in\nden Produkten des Kubismus konnte ich nur die\nAusartungen eines kranken Mathematiker-Gehirns\nentdecken. Und dazu die widerlichen Motive!\nNuditäten läßt man sich ja gern gefallen, wenn\nman sie nicht als solche, wenn man sie als Kunst\naber wie soll man sich an diesen\nplumpen Gestalten, deren unendliche Länge, oder\nderen unmögliche Kürze, deren doppelt ge-\nbrochene Glieder, aufgeschwellte Bäuche und Mus-\nkeln, deren fratzenhafte Gesichter ebenso wider-\nlich als unwahr und unmöglich sind, die mit ab-\nsichtlicher Rohheit hingestrichen, gekritselt oder\ngemeisselt sind, erfreuen oder gar erbauen?\"\nDiesen Unsinn, den heute nicht einmal ein Jour-\nnalist mehr schreibt, läßt der Generaldirektor Wil-\nhelm von Bode im September 1916 drucken. Der\nSchweizer mit dem altmodischen Auge läßt sich\nja gern Nuditäten gefallen, wenn man sie nicht a'ls\nsolche empfindet. Aber wenn ihm die Kunst nackt\nvor die Augen tritt, findet er sie roh. Er redet\nmit Genehmigung des Herrn von Bode wieder von\nden jungen Herren, die originell sein wollen und\nnach dem Stillen Ozean reisen, ohne, ebensowenig\nwie Herr von Bode, zu wissen, daß der größte\nKünstler Deutschlands, Franz Marc, ein halbes\nJahr vorher in Frankreich gefallen ist. Die beiden\nBekannten kennen weder Kokoschka noch\nCampendonk und reden über deutsche Kunst. Die\nbeiden Bekannten wissen ebensowenig, daß sich in\nden verschiedenen Sezessionen wie in den Kunst-\nhandlungen von Goltz und Gurlitt die Nachahmer\ndieser Künstler befinden, ebenso wie sich in den\nMuseen des Herrn von Bode die Nachahmer von\nHolbein und Grünewald breitmachen. Herr von\nBode bemerkt in seinem Schlußwort: „Ich will die\nbitteren Auslassungen, zu denen solche unge-\nwohnte Ausstellungen des Allermodernsten meinen\nBekannten veranlaßt haben, hier nicht weiter\nwiedergeben. Wir sind ja heute, nachdem wir in\nden Ausstellungen der letzten Jahre schon mehr\nan diese hypermoderne und futuristische Richtung\ngewöhnt sind, bei aller Ablehnung solcher extremer\nund schließlich auch unkünstlerischer Ausartungen\ndoch zugleich imstande zu sehen, was als echter\nKern in unserer deutschen Kunst auch heute noch\nlebendig oder latent ist, was sich auch durch solche\nVerirrungen hindurchringen und vielleicht als\nneue echte Kunst später daraus erwachsen wird.\"\nHerr von Bode gewöhnt sich an den Futurismus,\nund ist imstande zu sehen, daß ein Kern sich\nhindurchringen und später wachsen wird. Das ist\nHerr von Bode imstande ;zu sehen. Nur möchte\nich gerne von Herrn von Bode wissen, wie aus\neinem ringenden echten Kern später naturalistisch\nechte Kunst heraus erwächst, wenn der Kern in\neiner überlebten und vielfach kranken Kultur\nsteckt. „Gewiß sind diese exzentrischen Werke in\nden verschiedensten Kunstgattungen der Ausdruck\neiner überlebten und vielfach kranken Kultur, nicht\nnur bei uns in Deutschland sondern überall. Wir\nkönnen sie am wenigsten als das Morgenrot der\nKunst gelten lassen, welche die schwere Gewalt\nder Zeit die wir jetzt durchleben und durchkämpfen\nheraufführen soll, und unsere tapferen Kämpfer an\nder Front würden an einer Verherrlichung durch\ndiese Kunst gewiß keine Freude haben.\" Ebenso-\nwenig wie ein Schweizer das Recht hat, seinen\nUnsinn als Urteil der Neutralen auszugeben, eben-\nsowenig hat ein Bode das Recht, im Namen der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.5", "texte": "Kämpfer an der Front zu sprechen. Er würde sich\nwundern, der Herr von Bode, wenn er die Urteile\nder Kämpfer an der Front kennen würde. Ich\nhabe auch Bekannte, die sogar Namen haben und\ndie Herrn vön Bode zur Verfügung stehen. Er\nwürde an diesen Urteilen gewiß keine Freude\nhaben. Aber Herr von Bode hat außer dem\nSchweizer noch einen Zeugen, das Geschäft. „Aber\ndas ist doch nicht die echte deutsche Kunst\nvon heute, das ist nicht unser heutiger Geschmack.\nWäre er es, würden dann für frühere Werke eines\nThoma und Liebermann, für Bilder von Leibi,\nFeuerbach so außerordentliche, noch immer\nsteigende Preise gezahlt werden?\" Von wem?\nFreilich, einen Leonardo kann sich nicht jeder\nleisten. Und die Preise steigen, wenn die Künstler\nfallen. „Freilich drängt sich diese neue Kunst\nüberall vor und wird durch Presse und Händler\nnoch mehr in den Vordergrund geschoben. Aber\nden gesunden alten Kern werden sie nicht über-\nwuchern; sie wird sich überleben und Neues wird\nsich entwickeln.\" Herr von Bode knackt immer\nauf dem Kern herum. Jedenfalls wird ein Kern\nnicht überwuchert, wenn etwas in den Vorder-\ngrund geschoben wird. Das sollte ein alter Natur-\nkenner wie Herr von Bode eigentlich wissen. Nur\nverstehe ich nicht, daß Herr von Bode und seine\nBekannten immer behaupten, daß diese neue Kunst\nsich vordrängt. Sie wird in ganz wenigen Aus-\nstellungen gezeigt, die Presse hat sie bis vor\nkurzer, Zeit verhöhnt, der Generaldirektor der Kö-\nniglichen Museen kämpft zusammen mit einem\nSchweizer gegen sie, während dem Impressionis-\nmus alle Ausstellungen und alle Museen geöffnet\nsind, und für ihn nach dem einwandfreien Zeugnis\ndes Herrn von Bode außerordentliche Preise be-\nzahlt werden. Nein, meine Herren Bode und Ge-\nnossen, diese neue Kunst, die keine neue Kunst\nsondern Kunst ist, drängt sich nicht vor, sie drängt.\nUnd sie drängt zurück, was nicht Kunst ist. Und\n,zwar nicht durch Händler oder durch Presse,\nsondern durch ihre eigene Macht, die Macht der\nKunst. Sie drängt zurück, was nicht Kunst ist.\nSie drängt vor, gegen die Händler, gegen die\nPresse, sogar gegen den Generaldirektor der Kö-\nniglichen Museen. Daß Kunst die Augen öffnet,\nkann selbst ein Schweizer nicht verhindern. Es gibt\nkeine Neutralität in der Kunst. Künstler sind\nKämpfer an der Front. Kein Künstler kann so jung\nsein wie die Kunst es ist. Es ist keine Ehre, alt zu\nsein. Es ist keine Ehre, alt zu werden. Alter\nschützt vor Torheit nicht, sagt der deutsche Volks-\nmund. Der deutsche Volksmund ist gesund, das\nwird selbst Herr von Bode zugeben, der sich so\ngern auf das deutsche Volk beruft. Dann nämlich,\nwenn dieser deutsche Volksmund schweigt. Oder\nsich nur durch einen Schweizer Bekannten äußert.\nUnd wieder sucht Herr von Bode seine Rettung\nin der Bildhauerei. „Zudem hat unsere Plastik\ngerade durch die selben Künstler in technischer\nBeziehung einen großen Fortschritt gemacht, indem\ndie Künstler ihre Bildwerke vielfach eigenhändig\nausführen, wodurch in ihren Arbeiten die künstle-\nrische Empfindung voll zum Ausdruck und der be-\nsondere Reiz des Materials zur Geltung kommt.\"\nEin großer Fortschritt, daß die Herren Professoren\nihre Bildwerke vielfach eigenhändig ausführen.\nHandarbeit. Das muß einen besonderen Reiz geben.\n„Auch hier dürfen wir aber hoffen, daß gerade die\nLeichtfertigkeit dieser neuesten Richtung und die\nBrutalität mit der sie sich aufdrängt eine ener-\ngische Reaktion herbeiführen wird .... Jene\nbösen Verirrungen sind die häßlichen Nebener-\nscheinungen des erbitterten Kampfes der alten\nnaturalistischen Schule mit der neuen auf einen\ngebundenen Stil ausgehenden Richtung.\" Zwar geht\neine Richtung nie aus, aber plötzlich merkt Herr\nvon Bode, daß er Kunsthistoriker ist. Er redet so\nnebenbei von einem Kampf des alten Naturalismus\ngegen den neuen gebundenen Stil. Warum ist Herr\nvon Bode denn so ungebunden. Ist es denn leicht-\nfertig, gebunden zu sein, sich gebunden zu fühlen.\nJeder kann doch nicht eine Individualität sein wie\nHerr von Bode, denn, Herr von Bode, der Künstler\nfühlt sich stets gebunden. Gebundenheit ist Re-\nligion. Gebundenheit ist Kunst. Aber die Natur\nnachzuahmen, Herr von Bode, das ist Größen-\nwahn. Bild ist, was gebildet, und nicht was ver-\nbildet ist. Und prophezeien Sie nie Geschichte,\nHerr von Bode. Erst muß etwas geschehen, damit\nSie die Geschichte davon haben. Erst sind die\nBilder, und dann schreibt sie die Geschichte auf.\nMerken Sie sich das.\nDer Mordsstrich\n„Seit ihrer Dresdner Uraufführung sind „Die\ntoten Augen\" bekanntlich in vielen großen deut-\nschen Städten genau so gegeben worden, wie\nHanns Heinz Ewers sie sprachlich gefügt und Eugen\nd'Albert sie in Musik gesetzt hat.\" Die Sprache\nkann bekanntlich nicht mehr aus den Augen sehen,\nwenn Hanns Heinz Ewers sie gefügt hat. „In Ber-\nlin dagegen wurde die bevorstehende Aufführung\nvon einer unwesentlichen und einer sehr wesent-\nlichen Aenderung abhängig gemacht. Da Hanns\nHeinz Ewers sich zur Zeit in einem anderen, uns\ngegenwärtig sehr fernliegenden Erdteil aufhält,\nkonnte nur Eugen d'Albert befragt werden und der\nwar gleich bei der Hand...\" Hanns Heinz Ewers\nwäre über das Meer geflogen, wenn er gewußt\nhätte, daß ihn die Presse unterreden soll oder er\ndie Presse überreden kann. Beide Herren sind\ngegen die Zensur, so weit sie nicht „sehr gut\"\nheißt, doch ich bleibe bei der Stimmung: „Wer\nnun etwa angenommen, er möchte sich aus Kum-\nmer über die ihm aufgelegten Veränderungen an\nden toten Augen rote Augen geweint haben, wurde\nangenehm enttäuscht, denn d'Albert empfing den\nBesucher strahlenden Angesichts.\" Die Zensur hat\nihm offenbar die Augen aufgemacht, doch sein An-\ngesicht strahlte aus anderm Grunde, ihm kribbelte\nes im Ohr: „Vielleicht kribbelte ihm noch vom\nVorabend der Beifall jener zweitausend Menschen\nim Ohr, die in der Philharmonie Zeugen seines\ngigantischen Kampfes mit einem soliden Bechstein\ngewesen waren.\" Zu diesen Zeugen gehört auch\nder Musikkritiker und Herausgeber einer Musik-\nzeitschrift August Spanuth, der sich gleich unter-\nreden wird. Jedenfalls, der solide Bechstein konnte\ndiesem Künstler nicht widerstehen. Denn: „Schien\ndoch seine Laune die allerbeste zu sein. Behag-\nlich breitete er seine beiden Löwenpranken auf dem\nTisch aus, und die Finger begannen alsbald dessen\nPlatte mit förmlichem Trommelfeuer zu bear-\nbeiten.\" Welch ein Künstler. Ja, der August\nSpanuth versteht es, Zeugen zu überzeugen. Aber\nnicht etwa für die Zeugen breitete sich der Künst-\nler behaglich über dem Tisch aus, so etwas tut der\nKünstler nur für die Presse: „Aha! Er wollte jeden-\nfalls dem Mann der Feder beweisen, daß die Presse\nsich irre, daß er dennoch unablässig übe!\" Welch\nein Künstler! Er übt unablässig, mit und (ohne\nPresse. Und dem schlichten Mann der Feder ist\nes leicht bewiesen, daß er es tut. Also beruhigt\nkratzt der Mann der Feder los: „Die Zensur hat\nIhnen einen Mord gestrichen und da es der einzige\nim Stück ist, möchte man doch gerne wissen, wie\nSie den Verlust verschmerzen.\" Der kleine man\nist der große Mann der Feder, den jeder Strich\nschmerzt. Die Zensur hat also den einzigen Mord\nin Stücke gerissen, aber der Zensierte findet, daß\nsein Stück dadurch gewinnt. Er findet es nicht\nnur, er sprudelt, daß ihm der Mord von der Seele,\ngenommen ist: „Ja, denken Sie, sprudelte er her-\nvor, mir haben schon mehrere Theaterkenner ge-\nstanden, daß das Ganze dadurch beträchtlich ge-\nwinnt, daß der Schluß der Toten Augen durch den\nwegfallenden Mord des Galba psychologisch glaub-\nhafter und im allgemeinen versöhnlicher wird.\"\nDie Zensur hat den mehreren Theaterkennern Mut\ngemacht. Auch d'Albert ist versöhnlicher, da er\nsoeben erst den soliden Bechstein erledigt hat.\nD'Albert ist an sich sogar trotz seinen beiden\nLöwenpranken eigentlich ein guter Mensch, von,\ndem der Sprachdichter Hanns Heinz Ewers, zur\nZeit anderer Erdteil, nur zuviel verlangt hat. Die\nZensur hat d'Albert die toten Augen geöffnet: „Es:\nist ja auch beinahe zuviel verlangt, daß die schöne\nMyrtocle den grundhäßlichen Arcenius wieder in\nGnaden annimmt, nachdem er den ebenfalls schönen:\nGalba, den sie für ihren Gatten gehalten, vor ihren\nsehenden Augen erwürgt hat.\" Der Mann mit der\nFeder hat zwar Familiensinn, stellt sich aber doch\nauf den andern Erdteil: „Gewiß, menschlicher wird\nes schon dadurch, aber nicht consequenter.\" Dies-\nmal hat der solide Mann der Feder den Löwen\nbesiegt: „Das gab d'Albert ohne Weiteres zu und\nmeinte außerdem, daß bei Bühnenstücken, die\nwirken sollen, vornehmlich aber bei Opern das\nmenschliche Glaubhafte doch nicht immer die ein-\nzige Richtschnur sein dürfe.\" Zwar meint er außer-\ndem, es sei beinahe zu viel verlangt, aber eine\nSchnur läßt sich eben richten. Hierauf wird d'Al-\nbert übermenschlich: „Auch räumte er ein, daß\nihm persönlich nach der Beseitigung des Mordes\ndieser überlebensgroße Edelmut der drei Haupt-\npersonen ein wenig gegen den Strich gehe.\" Wo\nhingegen die Zensur den Edelmut mit einem Strich\nerzeugte. „Immerhin, die Beseitigung der Mord-\ntat habe auch ihre unbestreitbaren Vorzüge.'6\"\nHierauf streiten sich die Herren weiter, ob es vor-\nzüglicher sei, jemanden durch Mord oder den\nMord durch jemanden zu beseitigen. Der Mann der\nFeder hält ihm die Beseitigung vor: „Das Un-\nwahrscheinlichste bleibt aber dennoch, daß Myr-\ntocle sich freiwillig des eben durch Christi Gnade\ngewonnenen Augenlichts wieder beraubt.\" Hier\nfällt die Frau des Löwen musikalisch ein: „Da\nhaben Sie Recht, fiel hier die junge Frau d'Alberts\nein. So etwas mag eine Frau höchstens im alten\nheroischen Zeitalter getan haben. Aber heutzu-\ntage!\" Der Mut d'Alberts steigert sich zum Ueber-\nmut: „Also du würdest es für mich auch nicht tun?\nscherzte d'Albert in übermütiger Laune, worauf\ndie blonde Frau, die nicht nur durch die Haar-\nfarbe ein wenig an die fabelhafte Griechin erin-\nnerte, ebenso spaßhaft erwiderte: Nein, gewiß\nnicht!...\" Die Zensur müßte auch die ausge-\nstochenen Augen beseitigen, man kann nicht\nwissen, was so ein Künstler von seiner Frau mit\ngriechischer Haarfarbe verlangt. Jedenfalls ver-\nsichert uns Herr Spanuth, Herr d'Albert wisse\nnicht, ob ihm seine toten Augen mit oder ohne\nMord lieber seien. Der Künstler hat nichts da-\ngegen einzuwenden, wie Herr August Spanuth\nglaubhaft versichert, daß das Stück in Berlin ohne\nMord und in den übrigen deutschen Städten mit\nMord gegeben wird. „Ob es so oder so mehr\nziehen wird, kann ja erst die Erfahrung lehren.\"\nAber heutzutage. Herr d'Albert will mit seiner\nGriechin gern ins Theater gehen, aber Herr Spanuth\nkommt nicht über den Strich, den er unter dem.\nStrich behandeln soll. Schließlich gibt der Mann\nder Feder dem Mann des Bechsteins und der\nGriechin einen wohlgemeinten Presserat: „Sorgen\nSie nur dafür, daß man diese Worte aus dem\nHintergrunde am nächsten Donnerstag auch recht\ndeutlich hört, sonst geht dem Zuhörer eine wichtige"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.6", "texte": "Pointe verloren, war die letzte Bemerkung des\nhartnäckigen Fragestellers.\" „Das ist allerdings\nrichtig, sagte d'Albert. Wenn dem Publikum nur\nklar wird, daß Jesus die verhängnisvollen Folgen\nseiner Wundertat profetisch voraussah, ist es gleich-\ngültig, wer die Mahnung ausspricht.\" Das könnte\nsogar Herr August Spanuth übernehmen. Daß aber\nJesus die verhängnisvollen Folgen einer Wunder-\ntat von Hanns Heinz Ewers profetisch voraussieht,\ndas hätte die Zensur bestimmt streichen müssen.\nDarüber läßt sich nicht streiten.\nEigenhändig\n„Die Echtheit der Autographen ist garantiert.\"\nDer Antiquariatskatalog eigenhändiger Briefe mit\neigenhändigen Unterschriften des Buchhändlers\nEdmund Meyer führt in die Werkstatt der Herren\nKünstler. Sie sagen antiquierte Worte, eigenhändig\nmit eigenhändiger Unterschrift. Der Buchhändler\nhat es gern, wenn ihn die Kunst unterstützt. Ich\nempfehle daher einige Autographen den Lesern\ndieser Zeitschrift:\n(die Abkürzungen sind laut zu lesen)\n32. Blumenthal, Dr. Oscar, Schriftsteller und\nTheaterdirektor, geb. 1852, ein eigh. U. 1% S. In\ns. Eigensch. als Direktor d. Lessingtheaters;\nä 2.—\n„Interessante geschäftliche und private Mittei-\nlungen aus der Werkstatt des Dichters und\nTheaterdirektors.\"\n„79. Engel, Fritz, Redakteur, geb. 1867, ein S.\nFol. e. m. U. 2. 6. 15 B.—\n„Schönes Gedicht: Deutsche Soldatenfrau. Mut-\nter, warum weinst Du so? 14 Zeilen.\"\n„83. Ernst, Otto, Schriftsteller, geb. 1862. Eine\nUnterschrift: Hochachtungsvoll Otto Ernst I.—\n„90. Falke, Gustav, Schriftst, geb. 1853. Einige\nBriefe e. m. U. ä 2.50\n„Mit originellem eingedrucktem Briefkopf\nbis 5.—\n„112. Fulda, Ludwig, Schriftst., geb. 1862. Eine\nSeite e. m. U. 14.50\n„Sinniges Gedicht: Wir wissen nicht, woher wir\nstammen Wir wissen nicht, wohin wir gehen; Wir\nfinden uns im Raum zusammen, Bevor wir in der\nZeit verwehen. Wir suchen fragend zu erbeuten,\nVom dunklen Schleier einen Saum, Und können\ndoch nur immer deuten, Des Lebens wunderlichen\nTraum.\"\n„227. Liebermann, Prof. Max, Maler, geb. 1859,\nein eigh. Br. m. U. S. 8° Berlin 22. 4. 99\n25.—,\n„Sehr humorvoller, interessanter Brief; u. A.:\n„Im übrigen geht das Geschäft fabelhaft und ich\nwerde wohl nächstens ein paar Lehrlinge einstel-\nlen müssen, um die hiesige und auswärtige Kund-\nschaft zufriedenzustellen.\"\n„330. Schienther, Paul, Kritiker und Literar-\nhistoriker, 1854—1916. Ein eigh. Br. m. U. % S. 8°\n1. 5. 83. sm_\n„Er fragt an, ob man seine Broschüre über\nd. Zustände d. Kgl. Schauspielhauses anonym\ndrucken will.\"\n„372. Stettenheim, Julius (Wippchen), Humorist\nund Schriftst., geb. 1831. Viele interessante Briefe\ngeschäftlichen und humoristischen Inhalts. Bis 4.40.\nDas ist die sogenannte richesse d'embarras: die\ninteressanten geschäftlichen Mitteilungen aus der\nWerkstatt des Dichters Blumenthal, Dr. Oscar\nä 2.—. Hochachtungsvoll, Ernst, Otto, Schriftsteller\n2.50. Falke, Gustav, Schriftst. mit originel-\nlem Briefkopf bis 5.—. Fulda, Ludwig, Schriftst.,\nwunderlicher Traum für Mk. 14.50. Lieber-\nmann, Prof. Max, mit dem fabelhaften Ge-\nschäft für Mk. 25.—. Schienther, Paul, der\nanonyme Kritiker und Literarhistoriker, schon\nfür Mk. 5.—. Stettenheim, Julius, interessant\ndurch Geschäft und Humor schon bis Mk. 4.50: und\nalles eigenhändig, mit Garantie der Echtheit. Ich\nhabe sie alle gekannt, die Herren Künstler, bevor\nich sie brieflich behandeln konnte.\n\nHerwarth Walden\n\nDer Wetterfrosch\nHermann Essig\nEinen Fuchssprung vom Dorfe stand eine\nErlengruppe um einen kleinen Teich. Dort wohnte\nein sehr alter Frosch. Man nannte ihn den „alten\nSchick\". Der Ursprung dieses Namens war Nie-\nmand bekannt, beliebt war „Schick\" bei den\nübrigen Dorfbewohnern nicht.\nIn seinem Hause oder in seinem kleinen König-\nreich, das dicht bevölkert war, ließ er sich von\nkeinem Menschen etwas drein reden. Im Gegen-\nteil „Er\" dehnte mit Willkür seine Macht bis auf\neine Meile und noch weiter im Umkreis aus. Er\nmachte Wetter.\nSchick sprach zu aller Welt von seinem\nFroschteich und lobte ihn über alle Massen. Weil\ndie Erlenbäume mit den glänzenden Blättern ihm\nwohl als Hüter dienten und ihre Blätter gar rege\nUnterhaltung mit den Insassen des Teichs pflogen,\nbegriff man das aufdringliche Eigenlob des Herrn\nSchick, und allgemein lag hinter dem Dorfe noch\nvor dem Tannenwald das „grüne Königreich\".\nBoshaftigkeit nur sagte „Krötenloch\".\nSchick mißtraute dem einen Ausdruck, er hielt\nihn für Schmeichelei, glaubte den andern nicht,\nweil er deutlich vom Neide ausging. Nur die,\nwelche mit Bewußtsein zum „Froschteich\" gingen,\ngingen zu Herrn Schick und nur die beachtete er.\nEr haßte aber die, welche seiner Eitelkeit ein Leid\nzufügten, an denen rächte er >,sich. Und seine\nRache war sehr gefürchtet. Wenn er Rache nahm,\nnahm er sie an Hab und Gut, auch an Leib und\nLeben der Ortsbewohner und ihres Viehs.\nDurch sein allgemeines Bekanntsein hatten\nSchicks Kopf, seine Augen, sein Maul, seine\nBacken, sein Bauch, seine Arme, seine Beine,\nextra seine Schenkel — von diesen erzählten die\nBauern die fabelhaftesten Wunder — eine Herren-\nbedeutung im Dorfe erlangt. Ging ein Bauer an\nSchicks Hause, am grünen Königreich, vorbei und\nsah Schicks glacezarten Bauch, so wars ein Beutel\nvoll schlechter Laune und es setzte ein Gewitter\nauf die lahmen Kühe, daß sie ausgriffen wie eng-\nlische Renner und der Wagen hinterdreinschlen-\nkerte wie ein ungewisses Fragezeichen. Schick\nhob dann an herzlich hinter her zu lachen, bis er\nwieder gut gelaunt war. Wer einen Frosch schon\nlachen gehört hat! . . der hat genug davon. Hagel,\nBlitz und Donner.\nIm Sommer saß Schick oft mit glatter Blosse\nden Erlen auf die Füße und die ließen sich's ge-\nfallen, weil sie nicht davon konnten. Die Erle, die\ner gerade für sein Hinterteil in Anspruch zu neh-\nmen geruhte, war — seiner Ansicht nach — fein\nheraus. Aber die Erle durchschauerte es, sie fing\nan, sich zu bewegen und ihre Schwestern und\nBrüder halfen so lange mit, bis ein kräftiges\nSäussein entstand und dem Frosch auf den Rücken\nbließ. Da das ekelhaft kitzelte und ihm den Rücken\nhinauflief, plumps! platschte er ins Wasser, das\nihn gleichmäßig warm umhüllte und das Jucken\nrasch entfernte. Zum Zeichen aber, daß die Erlen\ndumm seien, hob er den breiten Kopf schräg\ndurch die reizenden Algen und Tange „denen\ner eben so zugetan sei, ja die Algen gerade wären\nder wahre Schmuck des Hauses, die Zierde des\nReiches, nur derenwegen sei es möglich, vom\n,grünen Königreich' zu reden.\" Das war den Erlen\nwurst, sie waren froh, daß sie ihn los waren, in\nhellem Lachen zitterten ihre Blätter. Aus Höflich-\nkeit kicherte Schick, sah aber sofort wieder eitel\nund ernst nach zwei schön blau gekleideten Libel-\nlinnen. Er querkste, .da sie nicht her sahen. Bis\nendlich lachte und drehte sich die eine auf dem\nglitzernden Erlenblatt: „schwimberim haha der\nalte Schick\". Das freute Schick mächtig und mit\nklaffender Zahnlücke grinste er nach oben. Aber\ndie Libellen waren schon hoch in die Luft ge-\nschnellt und weg. Das brach ihm das alte Herz\nund er setzte sich mitten im Teich auf den Boden.\nHerzensqual und Libellenliebe. Er sah ein, das\nmußte enden, es brachte ihn ja unter den Boden.\nEr beschloß, die Freuden, die Sommerlust, dies-\nmal zeitig abzubrechen, — zu schließen.\nDer alte Schick schloß.\nWas das hieß! Es war nicht bloß wie in den\ngroßen Städten, wo man über Nacht Rolläden\nüber die glänzenden Schaufenster herabläßt. Das\nwar ein Schluß auf lange. Das wußte Jederman.\nDas hieß „es wurde ein grimmer Winter\".\nDie Raben flogen vom Walde aufs Feld heraus,\nsie sammelten sich und dohlten und krächzten laut\ndurcheinander. Die meisten schönen Singvögelein\nflogen fort in warme Gegenden, um ihren Kehlkopf\nvor der rauhen Luft zu schützen. Der Bauern\nKinder wischten das gelbe Zäpfchen von der Nase\nund schlüpften in die Strümpfe und mit den\nStrümpfen in die Schuhe. Die Wäsche trocknete\njetzt in der Stube am warmen Ofen. Wer dickes\nZeug hatte holte das aus den Truhen. Die Bettler\nvon der Landstraße bewarben sich um Arbeit und\nums Arrestlokal. — Das alles kam, wenn Schick\nschloß.\nDer alte Schick machte diesmal ein besonders\ngraues Gesicht. Er berief die geschicktesten, stot-\nterndsten Klempner, die spitznäsigsten Glaser mit\nden meisten Splittern um die Augen, die sanftesten\nMaler und eitelsten Künstler im Jugendstil bis zu\nden Algen und Tangen zu sich. Es ärgerte ihn, daß\nsie sich erst um ihn sammeln wollten, er schrie sie\nan: „ein dickes festes Dach will ich über den Teich\n.„ein dickes festes Dach will ich über den Teich\ngelegt haben\". Ein Murmeln ging durch die Ver-\nsammlung, der Spiegel vom Teich geriet in Span-\nnung. Ohne lautes Widerwort ging alles fleissig\nan die Arbeit, es zog und schob, knackte und\nklopfte, klebte und malte. Viele erfroren vor Kälte\ndie Finger, die Ohren und Nasen und mußten auf-\ngeben und zu Boden sinken. Aber Schick knurrte\nnur und drückte die Daumen an die Waden: „bis\nMorgen früh zum Sonnenaufgang muß das Dach\nfertig sein! flink!\" „Ich will nichts -mehr\nwissen von der Welt draußen\". So kam es auch.\nAls die Sonne am kalten Himmel heraufkam, und\ndonnernd aufbrach, lag die Erde weiß wie Zink\nda und der Teich war still, ganz totenstill, aber\nschön. Oh! dieses Wunder. Eine smaragdgrüne\nMosaik mit Perlmutter und Perlen, Edelsteinen und\nDemanten durchsetzt, aus Glas und aus Blättern.\nDieser kostbare Aufwand! kein König von den\nHebriden vermochte ihn zu machen. Aber sie war\nda, die herrliche Decke vom Froschteich, mit Mil-\nliarden verfertigt. So reich war der Frosch. Darum\nauch „das grüne Königreich\". Und wenn man\ndurch das Dach hin durchsah, sah man unten auf\ndem Grunde unbeweglich und steinvornehm den\nalten Schick sitzen, den reichen Herrn. An Algen,\nan grünen Algen, die so wunderbar leuchteten,\nwar er so beneidenswert reich, jede einzelne\nwiegt Millionen von Gold auf in ihrer kleinen\nPracht —.\nAls sich die Erlen die Augen ausrieben und\nblinzelten, sahen sie zunächst nur weiß, weiß bis"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.7", "texte": "zum Horizonte, das Dorf, alles war weiß. Die\nErlen zwinkerten geblendet in die Sonne und\ngähnten. Auf einmal bemerkte eine Erle unter\nsich, direkt an ihren Zehen das farbige —• tausend\nWunder! — Pflaster, sie stieß die andern an, die\nguckten auch an sich hinab und sahen dasselbe.\nSie schwankten und krauzten; das war viel, daß\nsie sich bewegten mit ihren starren Gliedern.\nUnd ganz leise sagte eine Erle: „hört ihr auch\nwie die Quelle, die in den Froschteich fließt, auf\neinmal klingert, hört ihr?\" „kling kling klingeri\nkling''. Dazu bewegte sich der Frosch. Man sah's\nnicht genau, weil er wieder ganz stille saß.\nDer Frosch regte sich, regte sich nicht? Er\nträumte? Ja. Etwas mußte er tun. Er hörte\ndarauf, was ihm das dünne Fadenbächlein tele-\nphonierte. Darum machte das auch fortwährend\nkling klingeri kling. Es gab doch noch so viel\nschönes draußen, was der alte Schick gern wissen\nwollte. Dem horchte er zu und rührte sich dazu\nnicht. Er tat, als sähe er den Erlen ins Gesicht\nund beobachtete die, aber soweit gingen seine\nAugen nicht. Die gingen nur bis zu der herrlichen\nDecke und lagen auf ihr still.\nWie ein großes helles Auge sah der Froschteich\nin den kalten blauen Himmel, die Erlen waren die\nWimpern. Aber das Auge bewegte sich nicht, es\nsah starr hinauf und doch lebte es. Kling klingeri\nkling.\nSchicks Herz klopfte Zauberkunst. Als solchen\nkannten ihn die Bauern, als alten Zauberer.\nKein Mensch ging darum hin zum Froschteich,\nwenn er wie ein Auge starrte. Jeder scheute\nsich, den alten Zauberer auf dem Grunde des\nTeiches sitzen zu sehen.\n* *\n❖\nNur ein Knabe schlich gewohnheitsmässig hin-\nüber an den Froschteich. Er hatte sich dadurch\nvom „Heere , seinen Altersgenossen, die man so\nnannte, so gefürchtet waren sie, den Beinamen\n„Froschstupfer\" verdient. Er war immer still,\nstumm und guckte mit großen Augen, man wußte\nnicht recht, war er ganz gescheit oder nur halb\noder lernte er Zauberei. Daß er nicht mit dem\nHeere auszog und hinter Hecken und Zäunen lag,\nplünderte und prügelte, war eine Ungehörigkeit\nund die Alten 'lachten, wenn sie „den Froscji-\nstupfer\" vom Heere gehetzt, gejagt, mit Stecken\nund Stangen getrieben, beschimpft und verhöhnt\ndurchs Dorf rennen sahen.\nZuweilen hielt ihn ein Lediger, einer der schon\naus der Schule war, auf und faßte ihn solange,\nbis ein Schüler ganz nahe an ihm war und ihn\nwenigstens mit einem Stein treffen konnte. Er war\nbefreit, wenn es ihm gelang, zwischen den beiden\ngroßen Scheunen, durch den engen Winkel voll\nKot und Morast durchzukommen, dann machte er\neinen Sprung über den Graben und hörte nur noch\ndie Verwünschung hinter sich: „daß dich der Schick\nhole\".\nKnabe stand aber mit Schick gut, er hatte\nvon ihm nichts zu befürchten. Schick war sein\nlieber alter Freund und gar kein Zauberer.\nDas Heer überschritt den Graben nie; die\nWiese, in welcher der Froschteich lag, war kein\nSchlachtfeld, Schick konnte möglicherweise ein-\ngreifen.\nKein einziger Fußtritt führte jetzt über die\ngioße weiße Fläche hinüber ins grüne Königreich.\nDas Heer sah schweigend und abwartend dem\nFroschstupfer nach, der Künste kennen mußte.\n„Wer wußte, wie's jetzt drüben aussah! vielleicht\nsaß der alte Schick im Teich und holte Jeden der\nhinkam\"! so redete eine scheue Gier im Heere.\n„Jetzt wird er ihn holen\"! der Froschstupfer\nbrauchte noch ein paar Schritte. Das Heer stand\nfluchtbereit. Ein Schreck fuhr hinein. Der Heer-\nführer schrie laut von hinten und stieß den Haufen\nübereinander: „Der Schick kommt\"! So schnell\nging aber das Fliehen in den engen Winkel nicht,\ndas Heer wälzte sich im Kot übereinander, trat\nsich mit den Stiefeln auf die Köpfe, zerstreute sich\nund sammelte sich erst wieder in der Dorf-Gasse.\nNiemand sah von weitem den Knaben seine\nKünste treiben. Der Knabe jubelte vor Entzücken,\nbog die Erlenzweige zurück und trat ganz an den\nRand von Schicks Reich. Erst mußte er über-\nlegen. Das war ja glatter als der geschliffenste\nSpiegel, klarer als der durchsichtigste Krystall. Es\ngelüstete ihn auf die schönen Farben zu treten,\nnach ihnen zu greifen. „Dort die grünen Eier\n— er meinte die Algen — hat Schick für mich\naußen liegen lassen, die hol ich\". Er trat auf die\nDecke.\nSchick wackelten augenblicklich angstvoll die\nackentaschen, w,as da auch sei; sah an die Decke\nund sah des Knaben Füße, da faßte er sich und\nlachte leise über den Besuch. Sie kannten sich\nvom Sommer. Aber schon knackte das Dach von\ndem bischen Lachen. Beschwichtigend hob er die\nHand und saß ganz still „nur keinen Riß in mein\nschönes Dach!\"\nDer Knabe war erschrocken durch das Knacken,\naber er beruhigte sich wieder. Er wollte jetzt die\ngrünen Eier einstreichen. Aber wie er darnach\ngriff, stieß er mit den Fingerknöcheln an. Das\nschmerzte und fror. Erstaunt starrte er die Eier\n■an, daß sie nicht zu greifen sein sollten. Er ver-\nsuchte es nochmals, strich aber ganz sacht mit\nder Hand darüber hin, da merkte er, daß die\nDecke durchsichtiger war als Luft. Er staunte\nund sah auf den Grund des Teiches. Und wie er\nlange hinabsah, versuchte er noch nach den Erlen-\nblättern auf dem Grunde zu greifen. Je länger er\nhinsah, je mehr sah er auf ein Rätsel.\nSchick schüttelte es vor Lachen, er konnte es\nnicht länger halten. Es freute ihn zu sehr, daß\nihm die Täuschung so gut gelungen war, daß man\nsie nicht einmal einsehen konnte.\nHätte es ihn aber lieber nicht so geschüttelt!\njetzt entdeckte ihn der Knabe, wie er auf dem\nBoden saß. Schnell saß er wieder ganz ruhig.\nDer Knabe legte sein Gesicht aufs Eis und\nprüfte und prüfte, „ist das nicht der Schick?\", er\ndrehte sich im Kreise und prüfte in allen Lagen\nund Stellungen, es mußte so sein, „es ist Schick\".\n„Schick\" rief der Knabe. Weil er sich nicht rührte\nwieder „Schiick\". Da lachte Schick, verzog aber\nwieder schnell das Gesicht und verbiß das Lachen.\nWeils ihm nicht recht gewiß war, stand der\nKnabe auf, schüttelte den Kopf und fing an zu\nstampfen. Dadurch klingerte die Quelle bloß viel\nheller, aber Schick rührte sich doch nicht. Daß\nder Frosch eine ganz bedenkliche Miene aufge-\nsetzt hatte, sah der Knabe nicht. Er stampfte\nweiter. Jetzt fing es an, sich da unten zu be-\nwegen. Er sah, wie Perlen aus dem Grunde her-\nvorschossen und sich an der Decke zu Riesenperlen\nverschmolzen. Aha! wenn er hüpfte, fielen sogar\ndie grünen Eier hinab und Perlen kamen dafür\nherauf. Das machte Schick gewiß ihm zu lieb. —\nSchick wollte aber bezwecken, daß der Knabe mit\nStampfen aufhören sollte, denn er hielt den Knaben\nfür so bescheiden, nicht alle seine Perlen heraus-\nzufordern. — Es hörte nicht auf mit Perlen, Perlen\nhatte Schick viele Billionen mal mehr als Sand-\nkörner in einer Streudose. Die Perlen stiegen auf\nin langen Schnüren, die alle der Frosch in der\nHand hielt. Und sie nahmen kein Ende. Jetzt\ngings trapp trapp sss, der Knabe glitt mit den\nschweren Stiefeln über das Eis hin. Und immer\nwieder trapp trapp sss.\n„Was hat der Knabe auf einmal? . . der ruhige\nKnabe macht einen solchen Höllenspektakel.\" Der\nFrosch rückte hin und her und war daran, einzu-\ngreifen, wenn er nicht aufhörte. Er hatte Angst\num sein schönes Dach, es könnte kaput gehen. Er\nstand auf . . das war doch Mühe, . . er blieb noch\neinmal sitzen und sah mit vertrauensseligen Augen,\ndie einen schlimmen Ausdruck annahmen, an die\nDecke. Da er nicht mehr mit den guten Eigen-\nschaften des Knaben rechnen wollte, dachte er\n„schweige ich und sitze still, so wird das Gepolter\noben eher aufhören, als wenn ich schelte oder gar\nPerlen herausgebe\". Das war klug.\nDer Knabe bekams über und setzte sich still\nhin. Und als er still saß und dem kling klingeri\nkling zuhorchte, wurde das Geklinge der Quelle\nimmer deutlicher und vornehmlicher. Er verstand\nauf einmal, daß Schick mit ihm redete.\nSchick hatte sich inzwischen gar manches über-\nlegt. Er mußte seine Einfälle fesseln, sie trieben\nihn fast bis zum Knaben vor Selbstbewunderung\nhinauf.\nMit niedergekämpfter Erregung sprach Schick:\n„Du Knabe, du würdest mein ganz besonders\nlieber Freund, wenn du mir einmal eine rechte\nEhre erweisen wolltest. Es ist zwar nicht Sitte,\ndaß man um Ehrerbietung bittet, aber es wäre\nganz nett und es würde mich freuen. Ich könnte\ndamit dem Dorfe beweisen, daß ich bisher Grund\nhatte zum Zorn, weil mir eine Ehrung grundsätz-\nlich verweigert wurde, die dem Mädchen drüben\nvom großen See — du wirst sie zwar nicht\nkennen — . . Der Knabe lauschte . . schon längst\nseit ihrer Geburt erwiesen wird. Es wäre ein ganz\ngeschicktes Uebereinkommen zwischen uns Bei-\nden, wenn du vor den Leuten so tun würdest, als\nerwiesest du mir diese Ehre als ganz selbstver-\nständlich dem Herrn Schick gebührend. Du\nsprächst, wenn sie dich darüber ausfragten, ganz\neinfach, „Ehre dem Ehre gebühret\". Da müßten\nsie sich an die Brust greifen und ich könnte mir\ndie Hände reiben. Du würdest nur dabei profi-\ntieren, für mich bedeutete es mehr eine Formalität.\nNur Du hättest den Gewinn.\"\nDer Knabe lauschte, er hoffte die schönsten\nDinge.\n„An mich denke ich dabei überhaupt nicht\",\nredete Schick weiter, „ich begreife nicht wie ich\nvon einer Ehrung für mich sprechen konnte. Ich\nwill dir ein Geschenk machen, so ists.\"\nWarum er dann solange drum rum redete,\nwollte der Knabe fragen. Aber er wußte nicht, obs\nSchick nicht übel nehmen würde. Er schwieg.\n„Ja, ein Geschenk mache ich dir, der Frosch.\"\nEs mußte doch etwas ganz Besonderes sein,\nwenn man ihm das Geschenk nicht einfach hinwarf\nwie eine ungeschälte Kartoffel.\n„Hast du je einmal schon an Schlittschuhe ge-\ndacht?54 frugs jetzt.\n„Gieb Antwort!\" schrie Schick.\nDem Knaben wogte der Puls beim Gedanken an\nSchlittschuhe. Einmal hatte er davon geträumt, es\nwar damals so ein schöner Traum. —• „Schlitt-\nschuhe von Schick\"! er erschrak, ob ihn auch\nNiemand hörte, er bekam sonst noch seinen\nZaubererprozeß.\n„Du kommst dann täglich zu mir heraus auf\nmeinen Teich. Du sollst sehen, wie sie dann zu\nmir gelaufen kommen. Was sage ich. Du wirst\nstaunen, wie schön das Schlittschuhlaufen auf\nmeinem Teiche ist. Habe keine Bedenken, geh\njetzt nach Hause, es wird schon dunkel. Der\nKüster zieht schon den Strang von der Glocke.\nLaufe! Gute Nacht.\"\nDem Knaben wars wie nach einer Ueber-\nrumpelung, ihm glühte der Kopf vor Schlittschuhen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.8", "texte": "Aber woher nehmen?! Schon schwankte die\nAbendglocke, mit der er daheim sein mußte. Er\nhörte den Frosch noch nachschwätzen „Schlitt-\nschuhe schonen mein Dach besser als die schwe-\nren Stiefel.\" Wie machte denn das der Frosch,\ndaß er ihm echte Schlittschuhe schenkte? dachte\nder Knabe. „Gute Nacht, lieber Schick\", rief er beim\nUeberspringen des Grabens zurück, während die\nGlocke langsam anging bum .... bum . . . bum . .\nbum. Dem Heere begegnete er nicht mehr, das\nwar ein gutes Vorzeichen. Es war schon in die\nKaserne eingerückt. Was „Zapfenstreich\" hieß,\nkonnte jeder Soldat erklären.\nSchlaf und Traum trabten diese Nacht mitein-\nander wie störrischer Gaul und trunkener Reiter.\nZwischen Frosch und Teich, Schlittschuhe, Knabe,\nEis schob sich etwas ganz Verzwicktes hinein, es\nsah aus wie ein Mädchen und war ein Schwan.\n„Das Mädchen vom großen See\", das der Frosch\nerwähnt hatte, wars. Das verdrehte und verwirrte\nalle schönen Bilder von Perlen und grünen Kröten-\neiern. Wollte er den Schwan streicheln, so rief\nSchick „laß es, es ist eine Gans\". Wars dann ein\nMädchen, das er umarmen wollte, so glotzte der\nFrosch so fürchterlich, daß er aufschrie und . . aus\ndem Bette fiel. Er mußte sich drehen und wälzen\ndie ganze Nacht, nach seinem Bette tasten, wäh-\nrend das große Auge, draußen vor dem Dorfe,\ntiefschwarz mit einem gelben Schein in den Mond\nam dunkeln Himmel sah aus der weißen kahlen\nkalten Fläche.\n* *\n*\nI\nIm Dorfe schien etwas „um\" zu gehen. In den\nmeisten Scheunen wurde gedroschen, vielmehr\nnicht gedroschen, denn alle Dreschflegel hatten\nhinter den aufgetürmten Strohgarben vorzulugen,\ndie Spatzen und Haubenlerchen mußten auf die\nDachrinnen schwärmen, weil ein ganz frecher\nBengel mit Schlittschuhen nud „Pelzhändschen\" die\nGasse daherklirrte. „M\", hieß es, „wo hat er die\nhergenommen?\" „Du\", rief es, „sieh dich um\" . .\n„woher, wo 'naus\"? „„Ehre wem Ehre gebüh-\nret\" war die kurze klare Antwort und der Knabe\nklirrte vorbei, weiter, hinaus zum Dorfe. — Die\nBauern waren so genagelt, daß sie nicht weiter\ndreschen konnten, „ist er\" oder „sind wir\" ver-\nrückt geworden? kamen die Dreschflegel in eine\nEcke und alles brach auf hinter dem Knaben her.\nWas hieß daß? „Ehre wem Ehre gebühret\". Sie\nmußten das beobachten. Diesmal konnte man deir\nüberzwerchen Knaben ertappen. Das Heer kam\ngar nicht in Betracht, denn es mußte das Interesse\nder Großen und Klugen respektieren und sich klein\nhalten. Die Großen und Klugen hatten gerade\ngenug zu gucken, zu staunen, den seltsamen Kerl\nzu schlucken.\n„Da ist er umgebogen, zwischen den Scheunen\nist er durch\", alles beschleunigte sich, — „Hinüber\nans grüne Königreich\",4 wahrhaftig. Ein großer\nHaufen stand in den Winkel gedrückt und sah dem\nKnaben nach, die Großen hatten die Kleinen zwi-\nschen den Beinen, die bald an den Froschteich\nhinüberzielten, bald an den Großen hinauf zum\nKopf schauten.\nDem Knaben krabbelte es im Rücken, weil die\nNeugierde ihm galt. Aber seine Zuschauer wußtens\nnicht, daß ihn der Stolz krabbelte, darum blieben\nsie stehen und warteten ab. Jeder äußerte seine\nMeinung und erwarb sich dadurch die staunende\nBewunderung vom Heere. Der Bauer mit der\nTrottel an der Mütze und dem Keilkopf sagte jetzt\nauch etwas, man spannte, denn der Knabe war\nschon beinahe am Teich. „Er hats vom Schick\"\nsagte er. Ein Kräuseln überlief alles was gaffte\nund gerade, als hätte jeder Furcht, die Maul-\nseuche wäre in seinem Stall ausgebrochen, lief es\nauseinander, jeder einzelne mit seinem Sohn., den\ner im Heere stehen hatte. So.\n„So da bin ich lieber Schick\"! sagte der Knabe\nund stand schüchtern, einsam, am Teich und wurde\nnoch verlegener, als Schick schwieg. Er klirrte\nmit den Schlittschuhen. Er guckte sich um, ob er\nauch allein war, nach rechts . . links . ~ sah auf\ndas Eis, aber Schick blieb ganz leise.\nSchick sah die Schlittschuhe wohl, aber er sagte\nnichts, er wartete mit Herzklopfen, bis ihm der\nKnabe den Kranz der Ehre umhing, wodurch er\nalsdann den gesunden Blick über und durch sein\nReich verlieren könnte.\nWas dauerte das lange, bis der Knabe die\nSchlittschuhe anbrachte! dem Frosch verging fast\ndie ganze Feststimmung, er half von unten mit\nden Augen die Riemen zuziehen, aber das eine\nLoch war zu weit und zum andern reichte es\nnicht. Demi Frosch hingen die Lippen und dem\nKnaben die Schweißtropfen herab. Die Schweiß-\ntropfen fielen auf die Stiefelspitzen.\nDer Frosch wurde breiter um die Brust.\nDer Knabe richtete sich hoch, aufrecht auf die\nBeine! „Beiseite, beiseite wer im Weg ist\" dachte\nSchick . . da war aber Niemand. „Leise, er fällt\nsonst um. Holla, da liegt er schon.\"\nSchicks Augen zwinselten. „Was hast du denn\nheute, daß du immer hinfällst\" schmunzelte der\nFrosch.\n„Ich habe Schlittschuhe an\", antwortete der\nKnabe.\nDa lachte Schick und pustete.\nDas Fallen ging weiter, als befände sich der\nKnabe in einer Arena und schmisse sich ums Geld\nhin. Da wurde Schick nachdenklich: „das habe\nich mir doch ein bischen freundlicher vorgestellt,\nhör Knabe, zu was hast du denn die Schlittschuhe?\ndu liegst ja fortwährend da wie ein geschlagener\nRobbe.\"\nDer Knabe lag oft wie ein sterbender Krieger,\naber ein eisiger Ehrgeist stellte ihn jedesmal\nwieder auf die Schienen. Er stand wie ein Holder-\nmann mit viel Unruhe im Schwerpunkt.\nDer Frosch hob sein Hinterteil immer höher\nan, als ob er nächstdem „Dem da oben\" eine An-\nstandsvisite im Zylinder zu machen hätte. Wie\nsollte er ihn aber anreden? „Ich danke für Ihr\nErscheinen\". Er besann sich auf eine andere An-\nrede, aber er kam nicht davon ab „Ich danke für\nIhr Erscheinen\". Es war weder mit Hand noch\nmit Handschuhen von der Stirne zu streichen. Er\nkam in Verlegenheit wie ein Bürgermeister, dem\nbeim Empfang des Fürsten nichts einfällt. Er\nmußte schwelgen, denn „Beleidigen\" —!\nSchick schwieg immer größeres Mißbehagen in\nsich hinein, er füllte sich mit Luft wie einen Dudel-\nsack, ohne einen Ton hinauszulassen. Er glich dem\nkleinen Bonaparte nach 1812, darum hatte er wie\ngeblasen ein Heer da.\nDas Heer war im Anmarsch.\nDer Heerführer stand auf einmal wie „Hannibal\nante portas\". Dem Knaben wurds zu Mut wiö\ndem armen Jungen der Kuh, hinter dem der\nschwarz und gelbe Fleischerhund hetzt. Er hing\nfest an seinen Schlittschuhen und der Heerführer\nlachte ihn an wie ein Grislybär. „Du stehst ja da\nauch nicht alleine\", sagte dem Knaben seine Le-\nbenserfahrung, „ich weiß schon, dort drüben steht\ndein Heer\". Laut sagte er das nicht, denn fing\ner das Gespräch an, so war der Ausgang stets\nschlimm. Er schwieg, so wies Schick machte. Aber\num nicht feig zu erscheinen, machte er einige\nSchrittchen,... so beherzt wie möglich. Eins zweiee\ndrei und er schlug gerade mit dem Hinterkopf aufs\nEis.\nMit „Hallo\" brach das ganze Heer hervor und\numtanzte den Knaben, der ohnmächtig auf dem\nEise lag.\nWeil der Knabe sich gar nicht mehr regte und\nso ruhig liegen blieb, wurds dem Heerführer wie\n„Langeweile\", er pfiff und seine Schar zog lär-\nmend und gröhlend ab, hinein ins Dorf. Das Heer\ntriumphierte — der Heerführer fand eine Ausrede,\ner beurlaubte sich und ernannte einen zum Haupt-\nmann.\nEs war ganz still, nur kling kling klingeri kling\nfings dem Knaben im Ohre an, er spürte Wasser\nan seiner Kopfhaut, er hatte ein Loch in die Eis-\ndecke geschlagen. Dann öffnete er die Augen,\nstand langsam auf und ging nach Hause, stöhnte\nund ächzte unterwegs und dachte nichts mehr.-\nSchick . . . Schick.\nDer Himmel überzog sich dicht grau und es war\neinsam langweilig auf dem Krötenloch.\nEs war, als ob Schick eine böse ewige Nacht\naufging.\nSchick arbeitete mit seinem Maule, als ob er\nsein Gewissen tabakkaute. — Geehrt war er, so-\nviel stand fest — das ganze Heer war Zeuge, daß\nman bei ihm Schlittschuh lief — der Knabe hatte\nseine Aufgabe erfüllt. „Hatte er, Schick, sich ihm\ngegenüber gut betragen? war es recht, daß er\ndas Heer rief, um den Knaben wegzubringen, nach-\ndem er ihn selbst vorher eingeladen hatte? er\nschlug sogar den Hinterkopf auf, lag halbtot!\" Das\nzerrieb Schick schmerzlich, aber sein Herz preßte\ner zu einer harten Stahlkugel, das Zerreiben\nspürte die Stahlkugel nicht mehr. „Er hat mir ein\nLoch in meine schöne Decke geschlagen!\" — „wie\nmein Dach jetzt aussieht! so zerkratzt und zer-\nschunden!\" — „Schöne Ehre, wenn man selber sein\nTeil dazu beitragen muß!\" — „Er braucht nicht\nwieder zu kommen;\" — Ehre das!\" — „Was Mäd-\nchen vom großen See!\" brummte er zuletzt und\nschlief mit verächtlich verzogenem Mundwinkel,\ngelangweilt, ein.\nIn stockfinsterer Nacht stritten sich die Erlen\nnoch lange, zu wem sie Partei nehmen sollten,\nzum Frosch oder zum Knaben. Der Streit hörte\nerst auf, als im Himmel ein schwerer Deckel auf-\ngezogen wurde und durch den weiten Raum die\nSchneewolken langsam niedersanken. Es hörte\nnicht auf mit Sinken. Alle ungezählten Schnee-\nflocken wurden in der Nacht leise, jede sachte auf\neiner Hand, auf die Erde getragen. Die Hand ging\nunter jeder Flocke erst weg, wenn sie gerade den\nBoden berührte. Jede Flocke blieb ein kunstvoll\nschön aufgebauter Krystall.\nDie Erlen wachten am andern Tag sehr spät\nauf und erstaunten gleich mit weit offenen Augen.\nWie sahen sie aus! wie Schneemänner! wo war\nder Froschteich? wo die Quelle? man hörte nur\nein dumpfes klung klung klung. An dem mußten\ndie Erlen erkennen, daß sie noch am alten Fleck\nstanden. Und die Sonne blendete, obgleich sie mit\neinem Schleier bedeckt war.\nDer Frosch war vergrämt, er deckte sich jetzt\nlieber dick mit Schnee zu.\nWas jetzt dalag, beim Dorfe, war ein Haufen\ndumpfer Haß gegen alles, auch gegen ihn Schick\nselbst. Die Quelle war so fest verstopft, daß sie\nnur ganz selten und ganz tief klungerte.\nWenn ihn trotzdem Jemand schikanieren wollte,\nso versank der im Schnee und so wars gut.\n\nFortsetzung folgt."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.9", "texte": "Die Not\nSophie van Leer\nTief im Garten bauen sie einen Zirkus. Die\nSonne glüht ihre hämmernden Hände.\n„Warum verbieten die Eltern?\"\n„Du bist ein Junge und ich bin kein Kind mehr.\"\n„Verstehst du das?\"\n„Nein.\"\n„Es ist, wenn ich abends zu Bett gehe. Ich\nfalte die suchenden Hände. Morgens liegen sie\nweit von mir und klammern die Bettkante. Ich\nliege auf einer Planke gestrafft. Das Meer spielt\nmit meinem Herzen, und ich werde nicht mehr\nfertig mit meinen Aufgaben.\"\n„Wirst du nicht versetzt?\"\n„Nein.\"\nDer Mohn flammt im Kornfeld.\nSein Kopf sinkt in die Halme.\n„Wie deine Augen singen. Wie der Mohn in\ndeinem Haar klingt. Komm. Auf meinem Kissen\nliegt der Mond. An der Decke läutet ein Käfer.\nDer Wind wogt ins Fenster. Nacht rauscht und\nsummt die bösen Träume in den Schlaf. Komm.\nWarum lernen wir?\"\n„Wir müssen uns vergessen.\"\n„Ich kann die Prüfung doch nicht bestehen. Und\ndann muß ich fort.\"\n„Warum lernst du nicht?\"\n„Nichts ist gut und schön -wie du.\"\n„Nun mußt du fort. Alle Nächte wache ich auf\ndeiner Schwelle. Deine sehnenden Schmerzen\nbeugen meine Arme. Mein Kuß blüht, brennende\nMohnblume, auf meinen Lippen. Der Kelch meines\nHerzens ist über dich ausgegossen. Die Stunden\nirren von mir zu dir und jagen sich im Kreise.\nWeit ist mein Himmel zu dir gebreitet. Ich bin\ndie Flamme, die loht, wenn du fern die Träume\nniederbetest. Schwarze Särge sind die Tage. Jede\nSonnenstunde will ich begraben. Denn ich will\nnicht mehr leben.\"\n„Ich werfe meine Stimme in die 'leere Zeit. Leid\nbrennt auf meiner Stirn. Mein blinder Blick zer-\nschellt in meiner blinden Seele. Und meine Hände\ntasten nach dem Tod.\"\n♦ *\n*\nDer Regen flüstert auf dem Hof. Wasser-\ntümpel frösteln. Ein Wolkenball treibt träumend\ndurch die Aeste. ,\nPapier knistert im Schulzimmer. Erschrocken\nblättert ein Buch. Der Lehrer bückt, und legt einen\nBrief auf sein Pult. Seine Stimme liest in Höhnen:\n„Wie ich mich nach dir sehne. Nachts trinkt\nder Mond meine Tränen.\"\nDie Kinder lachen. Er reißt das Blatt in kleine\nFetzen.\nDie Schule wird geschlossen. Die Gänge jauch-\nzen, durch offene Fenster jubeln blaue Ferientage.\n„Bleibe. Ich habe mit dir zu sprechen.\"\nIhre Augen gleiten am Boden. Ihre Arme\nkreuzen den Rücken. Ihre Zähne beissen die Lip-\npen blutleer.\n„Liebesbriefe sind nichts für Kinder. Du bist\nnoch viel zu jung.\"\nSeine Finger schleichen um' ihre Schultern,\nkrallen in Gier ihren Hals, seine Lippen pressen\nihren Mund.\nIhr Schrei ruft an der verschlossenen Tür.\n„Still. Oder ich schreibe deinen Eltern, daß du\nein Verhältnis hast.\"\nAm Hügelrande wandelt der Mond.\nAm Wege rieselt Wasser.\nEin Vogel seufzt im Schlaf.\nZwei kleine Schlangen winden ihre Köpfchen\ndurch lautloses Gras.\nDie beiden Kinder kauern im Gestrüpp.\n„Wir suchen uns. Wir finden uns. Die alten,\nalten Menschen, die schütteln unsre Worte aus und\nkönnen sie nicht hören.\"\nBlau brennt ein Stern im Nebel:\nEin Tropfen fällt von Ast zu Ast.\nAuf silbernen Flügeln hebt die Nacht sie in die\n\nGedichte\nKurt Heynicke\n\nGedicht\nIch bin im Dämmern eingeschlossen\nich bin in dunkle Schale ausgegossen\nim atemlosen Nichtsein uferfern geboren.\nDie Nächte tragen meine Narrenkappe feucht\nim Haar.\nIch fühle Straßen meinen Sinn durchlaufen\nich will in Gottes Sternenarme brausen\nund sinke dunkel in das tiefe Ich.\n\nKirchenlied\nGott,\nhinzuknieen in kalte Altäre\nGott i\ngetragen von eifrigen Worten der Priester\nIhr Kirchen am Wege der lauten Gebete\nin eueren Armen die Sonne zu töten!\nIhr Schläfer im Staube der alten Gesetze\nfurchtsam hinzitternd eure Schuld zu weinen!\nGottesname, unfaßbar von Himmeln gehütet\nich bin die Feier, fremd zu dienen.\nAn deiner Sonne bade ich mich auf\nund lächle alle Schuld in deine Sterne.\nIhr Sünden hoch mein Haupt zu krönen\nund tief zu lächeln in die Nacht.\nIhr Sünden, heller Glanz meiner Augen\nzu schmücken meiner Liebe Weg.\n\nSterne\nSterne reigen tiefe Nacht.\nHoch ihr Sterne meiner Brust zu singen.\nSterne fragen tief hinab.\nTief ihr Sterne mich zu beugen.\nWeit ihr Sterne meiner Seele\nglühhinab im Schoß der Nächte!\nBlutentfachtes Jubelleuchten\nhelle Dämmernis der Ferne\ntauumtauft mein Haar zu feuchten\ngottumflossen\no ihr Sterne in den Nächten!\n\nEhe\nWir wollen zwei Maibäume sein\nvon unseren Schultern rmnt Frühling.\nZwei Quellen wollen wir uns ergießen\nWiesen betreuen\nin einem Strome verfließen.\nWir wollen unseren Garten umschönen\nLilien und Mohn unserm Haupte krönen\nvor unserm Werke beugend beten.\nBerggipfel sollen unserer Füße Heimat sein,\nglanzgleitend ins Sonnenrot\nhändenah\nGott umfassen.\n\nGebet\nHerr, du hast Gnade in deinen Händen\ndeine Fülle strömt über mein dunkeles Haar,\nmeine Seele breite ich in die Welt\ndeinen grünen Teppich in Sonne.\nHerr, ich bin blind im blühenden Feld von\nGetreide\nich fühle meine Schultern mit Segen beladen.\nNimm mein Leben, deiner Gnade zu danken\nglänzend von dir\nvon Sehnsüchten umkleidet\nreinen Schritts zu gehn ins Endelose.\n\nBange Nacht\nUrewig will das Du uns groß umfangen\nNacht kommt aus wildem Mohn gegangen,\nweiß in die tiefen Wälder träumt das Haus.\nWir löschen alle Lichter aus\naus unsern Fenstern blüht die Dunkelheit\nnachtblumenstill lauscht unser Garten.\nDie Sterne wandeln hoch und weit\ndie tiefen Küsse sind ein banges Warten.\nIm großen Schoß des Lebens schlafen unsre Herzen\nund träumen schmerzhaft ihren Traum entzwei,\nlichthaft\nurfern mit Kinderaugen\nwallt weit die wilde Welt vorbei.\n\nNacht\nIm Schatten meiner Kinderträume gehst\ndu groß dahin.\nUm deine Lenden, reife Halme, wiegt mein Sinn.\nAn deiner hellen Stirne träumt mein Blut.\nEs wird mein Willen groß an deinen Händen,\nmit deinem kühlen Auge gürtest du die Scham,\ndoch meinen Namen schreit der Wind aus\ndunklen Gärten.\nEin Silberboot singt uns der fernen Insel zu\nvom Mond berauscht versinkt der Kiel im Schoß\nder Wellen\nviel Sterne raunen unsern Namen ewig—eins.\nTief senkt die Nacht ihr blaues Herz in unsern\nSchlaf,\nauf unsern Träumen schreiten wir zu fernen Ufern\nund eine Welt erblüht mit weißen Toren aufgetan.\nAuf Morgenwolken kommt der graue Tag\nhinabgezogen ist ein Traum- im Staub der Stadt.\nDie Ranken blättern einsam von der kalten Brust\nein keuscher Glaube endet gassenhin.\nLaut braust das wehe Lied in unsern Tag:\nWir sind ein Atmen in dem Schoß der Zeit!\nIm Tode sind wir Ewigkeit,\nin Gottes Wellen uferlos verloren.\n\nStunde\nEine Stimme geht:\nDu.\nIn unser Dunkel braust der Telegraphendraht\nurnahe schreit die Welt in unser Zwei.\nStern in der Nacht\nerleuchte uns.\nerhöre uns\nStern über uns.\nErhebe dich in mir\nzu uns!\nFern\ndie stille Geige.\nDu.\n\nBekenntnis\n\nIch habe im schwarzen Fensterausschnitt ein\npaar armselige graue Dächer vor mir, eine ge-\nteerte Wand und einen lotrecht-genauen roten\nVierkantschornstein, in der Hauptsache einen un-\nbewegten stummen fahlen Himmel. August Stramm"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.10", "texte": "— diesen ganzen Abend bist du mir nahe — ich\nkann an dein entlegenes frühes sinnloses Grab in\nRußland nicht denken ohne Tränen. Du warst,\ngefaßt und geduldig, ein Werkzeug Gottes — du\nglühtest, leuchtetest und strahltest — nie werde\nich den Glanz vergessen, mit dem deine Dichtung\nGeschehen vor mir in den Himmel stieg. Meine\nAugen sehen in dem grauen gerahmten Himmel vor\nmir ein unaufhörliches buntes Feuer steigen, kühn\nund stolz, verschwenderisch, unerschöpflich.\nIch bekenne mich an diesem glücklichen Abend\ninnig zu dir — du jubelnder Ueberwinder.\nGern hätte ich dem Lebenden das gesagt —\nnun nimm mein Bekenntnis als Busch glühender\nRosen auf dein Grab.\n\nAdolf Behne\n\nSeidenfaden\nErzählung\nAdolf Knoblauch\nVIII\nIm Hause des verwittweten Dolling waren die\ndrei Mädels mit Nonne allein. Der Vater war\nzum Stelldichein fortgefahren und kam erst am\nandern Morgen zurück. Sine war zur Malstunde,\nhatte aber ihre Rückkehr am Nachmittag und Sei-\ndenfadens Besuch angekündigt.\nIn den zehn Jahren seit Sinens Selbstmord\nwar Seidenfaden dem schwiegerväterlichen Hause\nferngeblieben. Er hatte sich endlich entschlossen,\nSinens Bitten nachzugeben aus Neugier nach den\nKleinen im Nest. Aber nur in Abwesenheit des\nFamilienpapas kam er infolge der triebhaften Ab-\nneigung gegen andere Hähne, die im Korbe sassen.\nSeidenfaden liebte die weibliche Geselligkeit\nund zog sie endgültig anderen Beziehungen vor,\ner wollte seine kreuzweisen Gelegenheiten haben.\nBei Verwandten und Bekannten der Eltern und\nder Dollinge lud er sich zu Familienfesten ein\nund empfahl sich der weiblichen Schätzung.\nSinens Bräutigam wollte kommen. Die Dolling-\nmädels flüsterten neugierig von den schwarzen\nKniehosen Herrn Seidenfadens, seinen runden\nAugen, schwarzen Locken, vom blassen Lenau-\ngesicht, an das er die Geige drückte. Sibille be-\nstand ernsthaft darauf, Geige lernen zu wollen.\nKatherine fuhr mit dem Zeigefinger wagerecht vor\nSibillens Nase: „dafür gibt der Papa kein Geld,\ndenn er braucht alles für die Liebste\". Schweig-\nstille stichelte auf die lange Engelslocken-Sibille:\n„must Herrn Seidenfadens zweite Liebste werden,\ndann kriegst dus umsonst\".\nDie Mädchen redeten sich wirr um Sinens\nLiebsten, bis Nonne den Kaffe fertig hatte. Sie\nsassen alle wartend im Kinderzimmer zusammen\nund guckten fleissig auf die Gartentür. Die Fen-\nster standen weit auf. Der schöne Sommer-Nach-\nmittag bog sein feuriges Antlitz über ihre zarten,\nfestlichen Herzen, alle Drei fühlten, daß der\nLiebste vor der Gartentür stünde, und hörten\nseine Stimme traulich undeutlich Einlaß begehren.\nSibillens Locken prangten flimmernd, Katharine\nlachte mit rundem Lachen lieben Glückes,\nSchweigstille ahmte Seidenfadens Schmachten\nnach. Dann sangen sie mit Nonne:\n„Als ich kam an das kanaljeische Meer\nfand ich drei Männer und noch viel mehr.\nDer Eine hatte niemals Was\nDer Andere nicht Das\nund der Dritte garnichts.\nDie kauften sich eine Semmel\nund einen Zentner holländischen Käse,\nfuhren damit an das kanaljeische Meer.\nAls sie kamen an das kanaljeische Meer\nkamen sie in ein Land, das war leer.\nSie kamen an eine Kirche von Papier,\ndrin war eine Kanzel von Korduan\nund ein Pfaff von Rotstein schrie:\nheut' haben wir Sünde getan!\nVerleiht uns Gott das Leben,\nwollen wir Morgen wieder dran!\nUnd die drei Schwestern Lazari\nKatharine, Sibille, Schweigstille\nweinten bitterlich.\nDer Hahn krähete Buttermilch!\"\nWeinerlich Geschluchz endete das schöne Lied,\nbis Schweigstille, die erste Stimme hatte, schrill\nkrähte, und alle Vier „Buttermilch\" murmelten, als\nbegrüben sie einen Toten. Dann schrillten die\nStimmen hoch zum Katzenkonzert „Buttermilch\",\nund die Mädels hüpften und freuten sich. Als der\nPfaff von der Sünde schrie, an die er „Morgen\nwieder dran wolle\", war Sine mit Seidenfaden un-\nbeobachtet in die Gartentür getreten und gingen\nleise in die Wohnung, huschten ins Bücherzimmer,\ndenn sie hatten Angst vor dem alten Hahn.\nMit einmal hieß es in -der Kinderstube „der\nBräutigam\"! Alle stürmten die Treppe und ver-\nfügten sich zum Kaffetisch, guckten auf die Tür.\nSchweigstille ulkte „heut haben wir Sünde getan\"\nund hieb mit dem Fäustchen nach Sibillen, als\ngäbe es eine Ohrfeige.\nNach langem Zieren erschien Seidenfaden im\nKreis der Mädchen: kein Lenau, nur ein rot-\nwangiger,, elegant angezogener Ziegenbart mit der\nStimme einer quäkenden Kindertrompete. Ein\nBräutigam, der sauer sah, nichts redete, alle an-\nstarrte und jeder Bewegung, jedem Blick der\nMädchen folgte. Die steife leicht befangene Sibille\nwagte sich nicht zu bewegen und wartete nur\ndarauf, endlich vom Tisch aufstehen zu dürfen.\nUnter peinlichem Schweigen vollzog sich das sonst\nso muntre Kafeetrinken. Nonne betrachtete ver-\nstohlen die in blaue Schleier gehüllte Sine,, an\nder alles merkwürdig blau war, blau waren auch\ndie Augbrauen mit dem Farbstift nachgetönt. Sine,\nfeierlich steif und gepudert, war gattinnenhaft um\nden Bunten bemüht, bediente ihn eigenhändig und\nwar von zurückhaltender Wohlerzogenheit.\nIn der unruhigen Stille sprach Schweigstille\nmit Kühle: „Sibille! du stippst die Locken in den\nKaffee.\" Die träg vornübergesunkene Sibille fuhr\nhoch. Die Dollinge lachten und Schweigstille rief:\n„Der Hahn krähete Buttermilch!\"\nDie Dollinge schnellten am Faden gezogen von\nden Stühlen auf und sagten artig „Guten Abend\",\nliefen hinaus und lachten über den wunderlichen\nStock von Bräutigam. Seidenfaden kehrte mit\nSinen ins Bücherzimmer zurück und kramte im\nWust neu eingelaufener Rezensionsexemplare.\nNachdem er die für sich geeigneten Bücher be-\nzeichnet und zurechtgelegt hatte, erwog der Bunte\ndie Liebesmöglichkeiten der drei Nestlinge und\nbeschloß, Sibillen der Ruhigen, Engelshaften, sich\nkünftig zu nähern und sie auszuzeichnen. Er\nmachte Sinen auf die spröde, aber reifende und\nsanfte Jungfräulichkeit aufmerksam. „Bunterchen,\nkommst nu öfter, so scheene Meechens for Schil-\nlern\", quäkte Sinchen im blauen Schleier, hin-\ngebend an seine Erotik. Draußen sangen die\nDollinge: „Als sie kamen an das kanaljeische Meer,\nkamen sie in ein Land, das war leer.\"\nIX\nFrau Gabriele hatte sich nach hitzigen Ver-\nirrungen Siegfried, dem Freunde Seidenfadens,\nhingegeben. Siegfried nahm nachbarlich ihrer Ehe-\nwohnung eine Stube, in der er im Geiste ge-\nschwisterlich seine Frei-Ehe begann, indes sie\nnoch Frau in alter Ehe-Ordnung war.\nDanach nahm der Mann alter Ehe-Ordnung,\ngeödet von gemeinsamer Unfruchtbarkeit, in der\nStadt ein Zimmer und überließ Frau Gabrielens\nEhestand dem Anwärter der neuen Ordnung. Er\nwar nur sonntäglich genehmer Gast ,der jungen\nFrei-Ehe. Er leitete die kaufmännische Aus-\ngleichung der verschobenen und neu zu knüpfen-\nden Interessen des Dreiecks, das ein Fund für\nkniffliche Haarspaltereien, unerschöpfliche Witze\nwar. Als der Mann alter Ehe-Ordnung im Schweiß\ndes gelobten Strebens am Ausgleich der Ver-\nschiebungen arbeitete, um siegbahnend für Ga-\nbrielens verjüngten Liebesgeist die uralte Ehe-\nmauer zu bezwingen, verreisten die Liebenden\neines Sommertages mit der Unvermitteltheit, die\nein gebieterisch nahendes Ereignis befahl.\nAus dem Haag und London kamen Ansichts-\nkarten: „Frau Gabrielens blauer Schleier weht auf\ndem Ozean! Der Liebsten braunes Jungens-\ngesicht ist weich und innig geworden. Ihr seid\nEinander so gleich —!\" verbeugte er sich liebens-\nwürdig vor Sinen.\nFrau Gabrielens blauer Schleier wehte zur süd-\nlichen Halbkugel hinab. Die Liebenden ahmten\nSeidenfadens große Reise nach, nur daß Siegfried\nTanger nicht berührte. Sie reisten durch Spanien\nund wohnten eine Woche in Paris, dem Vorort\naller Republiken, um das Fest der Erstürmung der\nBastille mitzufeiern. Die Liebenden ;hatten auf der\nReise in Frankreich glücklich das Geheimnis ihres\nLiebespfandes gehegt. Vor den Öl-Leinwänden\nder Watteau, Fragonard, Prudhon wünschten sie\nbegeistert, daß ihr Kind ein Mädchen würde, dem\nsie den Namen der Göttin von Paris: Marianne\nmit der phrygischen Mütze schenkten.\nNach Siegfrieds Heimkehr begann Frau Ga-\nbrielens juristisch kniffliche Schwangerschaft. Der\nden dicken Frauen, dem Dickwerden überhaupt\nfeindlich gesonnene Seidenfaden weilte noch am\nGardasee zur Kräftigungskur von erotischen\nSchwächungen. Frau Gabriele war hochgeseg-\nneten Leibes, an ihr vollzog sich die wunderliche\nEntstellung der Schwangerschaft, und ihr Gesicht\nwurde weich und gedunsen. Der Jahrzehnte\nschlummernde Trieb zur Ausdehnung ihrer inneren\nOrgane war mit elementarer Ueberschwemmung\naufgebrochen, (Urwüchsige Kraft trieb den Leib\nhoch wie Hefe den Kuchen im Backofen.\nSiegfried betete zum gesegneten Leib der Lieb-\nsten,, er und der Mann alter Ehe-Ordnung ab-\nwechselnd hüteten und versorgten die neue Mut-\nter. Siegfrieds jugendliche Dankbarkeit war er-\nfrischend! Ein schönes, kraftvolles Weib zu\nEigen, eine unbekannte, urwüchsige Welt weit-\noffen, unbeschritten: das bedeutete Gnade in der\nDürre seiner Mannheit! Frau Gabriele gebar die\nwirkliche Marianne. Der frei-eheliche Vater und\nder treue unfruchtbare Ehemann stellten gemein-\nsam zärtlich das Neugeborene aufrecht ins Licht\nder Welt. Es ergab sich die kniffliche Frage, wer\nals Vater gelten, wer vor die Behörde hintreten\nund erklären sollte: „dies ist mein Kind!\" Ein\nKind, das jenen Namen des unfruchtbaren Mannes\nalter Ehe-Ordnung erbte, das verurteilt war, den\nNamen seines Erzeugers zu verleugnen, denn gar\nzu eilig hatte diese besondere Idee einer mensch-\nlichen Individualität mit der größten Gier und Hef-\ntigkeit nach ihrer Realisation in der Erscheinung\ngestrebt.\nMarianne lebte im Licht der Welt, und als sie\nPapa und Mama sagen konnte, lernte sie bereits\ndie Melodie jenes gefeierten Liedes: die Inter-\nnationale! Im dritten Jahre stammelte sie kind-\nlich von den „Geldssränken der Reichen!\" Den"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.11", "texte": "Besuchern wurde das Kind von den stolzen Eltern\ndargestellt:\n„Völker, hört ihr die Signale!\"\nX\nSiegfried neigte zur Sozialdemokratie. Er ver-\nstand es, sich auf Kongressen und Parteitagen den\njüngeren Führern zu nähern und sich wiederholt\nim Gespräch mit einer verehrten Persönlichkeit\nder Arbeiterpartei auf der Strasse knippsen zu\nlassen, sodaß er früh in die illustrierte Presse kam.\nund seine Jugend bereits auf Sonnenhöhen der\nÖffentlichkeit wandelte.\nAls es galt, so schnell wie möglich die amt-\nliche Beurkundung seiner Vaterschaft zu erwirken,\nals er Gabrielen die erwartete Versorgung be-\nschaffen sollte: meldete er sich in engerer Wahl\nfür eine Redakteurstellung an der sozialdemokra-\ntischen Zeitung einer märkischen Stadt. Er wurde\ngewählt und erhielt gleichzeitig das Amt des\nPartei-Seelenwärters im Landkreise.\nSolang die Verschiebungen des Mannes alter\nEhe-Ordnung noch im Schweben waren, durfte\nSiegfried nur sonntäglich zu Gabriele und seinem\nKinde reisen. Endlich durfte er heiraten! Vor die\nBehörde traten gemeinsam zwei verjüngte Paare\nund gaben den Ausgleich der verschobenen, jetzt\nendlich neu geknüpften Interessen zu Protokoll.\nDer Mann alter Ehe-Ordnung führte einen frucht-\nbaren Gegensatz neuen Reizes zu ehelichen Hoff-\nnungen. Marianne wurde als Eigen von ihrem\nErzeuger adoptiert. Als Seidenfaden von der Nach-\nkur seiner erotischen Schwächungen heimkehrte,\nwar Siegfried bereits glücklich mit den Seinen\nvereint. Ihre beiden guten Männchen sorgten,\ndaß rings um die junge Frau alles beim Alten\nblieb. Sie behielt die überflüssigen Truhen, scheuß-\nlichen Sofas, lächerlichen Nippes. Im Besuchzim-\nmer lag ein Geschenk Siegfrieds zur Schau auf\nschmalem Tischchen: Georges Teppich des Lebens\nin Prachtausgabe. Ueber dem Teppich des Lebens\nhing an der Wand das „Bettelmädchen\" eines eng-\nlischen Präraffaeliten. Fast entblößt in ärmlichen\nLumpen war die keusche Gliederpracht des\nschönen Mädchens, das märchenhaft erhöht tronte,\nvor ihm kniete König Kopheta, ein gepanzerter\nSiegfried ähnlicher Ritter, den Helm vom kraus-\nte kigen Haupt gehoben.\n♦ *\n*\nSiegfried wurde Stadtverordneter. Die Jahre\nverflossen in politischen Kämpfen und täglichen\nLeitartikeln. Irgend ein Minister oder Junker warf\nsein Knäuel unter die Kritiker, es rollte durch die\nganze Provinz, und jede Redaktionsstube schnitt\nihr Garn davon ab. Siegfried brauchte täglich\nAnrempelungen, um die Landbevölkerung zu\nweiden und die städtischen Genossen zu schärfen.\nEines Mittags gelangte die Kunde zu Siegfried,\ndaß der Bunte einkehren würde. Nahte Seiden-\nfaden, mußte der Redakteur sich eilig zum über-\nwindenden Ästheten wandeln. Es war nicht leicht,\nsich über den geschwätzigen Zeitungsberuf aufzu-\nschwingen, erst nach Stunden sauren Beisam-\nmenseins vermochte über Siegfrieds Schwatzsucht\ndas wirksame Schweigen Macht zu gewinnen, das\nSeidenfaden liebte als Vorstufe zur Verlautbarung\nhöherer Einsichten an Wohlmeinende, aber geistig\nTiefstehende. Seidenfaden genügte es, im Niedren\nden Funken ;zu wecken.\nStumm verdrossen drückte sich Seidenfaden\nauf dem Sofa zwischen Sine und Gabriele. Ge-\nmütlich weiß gedeckt war der Kaffeetisch. Frau\nGabriele reichte Likör, Siegfried rauchte Zigaretten\num den Kaffee abzurunden, und Seidenfaden ent-\nwickelte ein spitziges Gespräch. Er streichelte\nbeim Sprechen Sinens Haupt, und tauschte mit\nbeiden Frauen beredte Blicke. In diesem Augen-\nblick gedachte er der Nacht, die er ritterlich zwi-\nschen beiden Frauen geschlafen hatte. Aber er\nschwieg, und die Familie zagte vor der Stumm-\nheit der Gäste.\nDa stürzte Siegfried in die hemmungslose Er-\nzählung des berühmten Wahlrechts-Umzuges, den\ner jüngst an einem Sonntag durch die Stadt ge-\nführt hatte. Nach wochenlanger Rede- und Leit-\nartikelzurüstung waren Stadt- und Landkreis\nkämpferisch entflammt. Am bestimmten Vormit-\ntage versammelten sich die Genossen zu langen\nZügen und schwenkten dann von überall in die\nHauptstrasse der Stadt: sonntäglich angekleidet,\nihre Frauen untergefaßt, die Kinder an der Hand,\nin Reihen zu Vieren, nach Bezirken geordnet, mar-\nschierten die Demonstranten hinter ihren Papp-\ntafeln mit den Wahlrechtslosungen und den ge-\nschmückten Fahnen. Brausend sang das Wahl-\nrechtsheer die „Internationale\", und Siegfried an\nder Spitze gab in bestimmten Augenblicken nach\nder Uhr die Losung mit brüllender Stimme aus,\nund der Ruf strömte donnernd die ganze Haupt-\nstrasse entlang unter Hüte- und Bannerschwen-\nken: „Her das allgemeine, direkte, geheime Wahl-\nrecht!\"\nDie dröhnende Masse rückte vorwärts bis Mi-\nlitär von der Garnison mit unbeweglicher Drohung\nden Marsch absperrte. Siegfried begab sich als\nParlamentär zum Leutnant, der den entblößten\nDegen gesenkt hielt, und begann über ruhigen\nDurchlaß zu verhandeln. In diesem Augenblick\nwurde aus allen Stockwerken der Häuser in der\nHauptstrasse ein Wolkenbruch wunderlicher Wurf-\ngeschosse auf den Wahlrechtszug entladen: von\nFenster- und Balkonbrüstungen wälzte die mili-\ntante Weiblichkeit einen Sturmregen von Töpfen\nmit Erde, Kartoffelschalen, Kaffeetassen, zer-\nbrochenen Tellern, Blechschalen, faulen Aepfeln\nund Eiern, es regnete Petroleum und anderes\nFlüssiges auf Siegfried, sogar der Offizier kam\nin Gefahr, besudelt zu werden. Es war Siegfrieden\nzu Mute, als tobte der ewige Fafner, Gott des\nbürgerlichen Besitzes wider die kärgliche Frei-\nheit. Mit einem Zauberschlag löste sich der Wahl-\nrechtszug auf, denn Jeder fürchtete für den Sonn-\ntags-Anzug. Das Militär nahm lachend Siegfried in\ndie schützende Mitte und führte ihn behutsam\nzur Wache. Beim Einbruch der Dunkelheit durfte\ner unbehelligt zu Frau Gabrielen heimkehren.\nIn der Stadtverordneten-Versammlung nach die-\nsem Lustspiel durfte Siegfried den berühmten Hin-\nweis tun: er habe festgestellt, daß im Hof der\nKaserne zwei Kanonen bereit gestanden hätten,\num nötigenfalls auf das Volk zu schießen. Sieg-\nfried vergaß, hiernach vor den Stadtvätern den\nDank des Volkes auszusprechen, den es der mili-\ntanten Weiblichkeit schuldete für ihre prächtige\nBeschießung mit harmlosen Töpfen, Aepfeln und\nAsche mit Koks.\n♦ *\n*\nSeidenfaden hatte sauer zugehört. Kein Laut\nvon Billigung oder Tadel war seinem Denkdäm-\nmer zu entlocken.\nNach dem Abendbrot beanspruchte Frau Ga-\nbriele, mit Marianne schlafen gehen zu dürfen. Sie\nlud die lieben Gäste ein, fürlieb zu nehmen und\nzur Nacht zu bleiben. Die lieben Gäste nahmen\ndankend an. Gabriele rüstete das Ruhebett in der\nkleinen Stube neben Siegfrieds Arbeitszimmer.\nSiegfried blieb mit seinem Besuch im gaser-\nleuchteten Arbeitszimmer zigarettenrauchend und\nwitzelnd. Auf dem Divan lag Sine an Seiden-\nfaden hingegossen, der ihren Busen umschlang.\nSie kokettierte munter mit Siegfried und\ntete zum Bunten auf.\nEs war die Zeit, da man den russischen Roman\n„Szanin\" las! Den kreuzweis besessenen Seiden-\nfaden ließ die dürre Versuchung nicht los, seine\nLiebste einem durchschnittlich begabten Freunde\nnackt zu zeigen und ihre erotische Wirkung zu\nerforschen. Stunde und Gelegenheit waren gün-\nstig. Gabriele schlief den eheweiblichen Schlaf,\ndie Tür zum Flur würde zugeschlossen. Sine\nwürde den wunderbaren Stolz erleben, nackt bei\nihren Freunden zu verweilen, ohne die konven-\ntionelle, häßliche Eifersucht fürchten zu brauchen.\nUnd Siegfried? Die Sozialdemokratie verlangte\nfreie Geschlechtswahl, das Recht der Entwicke-\nlung für die Frau. Würde Siegfried die Freiheit\nin ihrer vollen Wirklichkeit zu ertragen fähig\nsein? Darauf kam es jetzt an. Seidenfaden war\nder Gelüste seiner Freunde sicher.\nSiegfried tat alles nach Wunsch: schloß Tür\nund Vorhänge, löschte das Gaslicht, entzündete\ndie Wandleuchter. Seidenfaden rückte den Divan\nin die Mitte, stellte die nie brennenden Kerzen rings\nzu Häupten und bat Siegfried, ein Weilchen hin-\nterm Vorhang der kleinen Stube zu verschwinden,\nwo Gabrielens Gastbett duftend weiß auf den\nlieben Besuch wartete.\nSeidenfaden flüsterte mit Sine. Versonnen\nlauschte Sine und bemühte sich, den tiefen Zu-\nsammenhang seines wunderlichen Planes zu be-\ngreifen, sie bewunderte den Bunten mehr denn je.\nDer kupplerische Trieb entflammte das Weibchen\nund es hauchte ein unbedenklich „Ja!\" Jetzt ver-\nließ auch Seidenfaden die Liebste zu ihrer Ver-\nwandlung.\nDie jungen Leute flüsterten in der Gaststube.\nDas junge Weib entkleidete sich im Ringe der\nbrennenden Kerzen, deckte ihre Kleider samt den\nkorrigierenden Apparaten mit einem Teppich zu\nund legte sich nackt auf den Divan, den Seiden-\nfaden mit einem weichen Seidenteppich verhüllt\nhatte. Sie streckte die Beine aus, legte sich auf\ndie linke Hüfte und hörte ihr Herz aufgeregt\nschlagen. Ihr in eine süße Schneckenfrisur ge-\nrahmtes Haupt stützte sie nachdenklich mit dem\nArm. Sie bemühte sich, einen Eindruck hervor-\nzurufen, der die bunte Mitte hielt zwischen\nPauline von Borghese in Marmor von Canova und\nIngres Odaliske im Louvre.\nSine hatte stets Lust, sich zur Schau zu stellen\nund nackt bewundern zu lassen. In Seidenfadens\nHimmel aus Indigo und Wolkenweiß lebte sie\nimmer nackt und schmiegte ihre Nacktheit in allen\nPosen an den Bunten. Die Kerzen besonnten mit\ndunklem warmem Schein die neue Luzinde, die\nein Schlegefl unserer Zeit als ästhetisches Schau-\ngericht preisgab. Helle Glieder, dunkle Leibesmale\nder intimen Liebe standen Siegfrieds Blicken frei!\nEs gibt asiatische Stämme, die ihren Gästen\neinfältig die eigene Frau ins Bett zum Beilagei\neiner Nacht schenken.\nAuf der Höhe der Kultur errang Seidenfaden,\nder Erste Aller in der Liebe, die Ueberwindung\nder Eifersucht, den einfältigen Sieg des Nomaden.\nEr vollbrachte, glücklich begabt, die Krönung der\nmännlichen Liebe und „aß nicht die bittere Wur-\nzel\". Er wies die gewalttätige Fesselung des\nweiblichen Selbstes von sich, er geriet nicht in die\nlistige Fallgrube der Ehe mit ihren spanischen\nReitern, er gab dem Weibe seine Freiheit, seina\nethische Selbstbestimmung, stellte und legte sie\nauf eigene Füsse.\n\nFortsetzung folgt\n\nDruekfehlerberichtigung\nIn dem ersten Gedicht von Wilhelm Runge /\nOktober-Heft / 1916 ist zu lesen:\nErste Zeile: Blut flieht\nIn der letzten Zeile: Vogel schein"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161115-01.1.12", "texte": "Sturm-Ausstellung zu Jena\nNovember 1916: Albert-Bloch / Campendonk\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag«\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potidamer StraSe 134 9\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Soitntags vom\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSechsundvierzigste Ausstellung\nFranz Mare\nGedachtaisaussiellung\nSiebenundvierzigste Ausstellung\nDeutsche\nExpressionisten\nRudolf Bauer / Martin Rang / Georg Schrimpf /\nFritz Stuckenberg / Maria Uhden\n\nDer Sturm vertritt folgende Kiinstler und verftigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle I Zeich-\nnungen / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCampendonk I Marc Chagall I Jacoba van Heems-\nkerck / Kandlnsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg Muche / Gabriele Miinter / Nell\nWalden\nDiese Kunstler werden ausschlieBlich durch den Starm ver\ntreten\nIsaac Grunewald / Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger / Archipenko / Boccionl I Carlo D.\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann I Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund ' Oswald Herzog I Johannes Itten I Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMense / Jean Metzinger / Francis Picabia / Pablo\nPicasso I Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkin I Cezanne / van Gogh / Munch\n\nKunstsehule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUnterricht in der expressionistischen Kunst der\nBuhne / der Schauspielerei I der Vortragskunst I\nder Malerei I der Dichtung I der Musik\nBerlin / Potsdamer StraBe 134a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungen werden dort entgegen ge-\nnommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\n\nSturm-Kunstabende\nVerein fur Kunst / Dreizehntes Jahr\nDreiBig Abende September 1916 bis April 1917\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJ e d e n Mittwoch / Beginn aller Abende: 8 Uhr\nElfter Abend / Mittwoch den 22. November\nAdolf Knoblauch / Peter Altenberg\nVortragender: Rudolf Blumner\nZwolfter Abend / Mittwoch den 29. November\nAdolf Knoblauch / Peter Altenberg\nVortragender: Rudolf Blumner\nDreizehnter Abend / Mittwoch den 6. Dezember\nHermann Essig\nVierzehnter Abend / Mittwoch den 13. Dezember\nHermann Essig\nKarten 3, 2 und 1 Mark im Vorverkaaf ffir alle angezeigten\nAbende an der Kasse der Kunstausstellung Der Sturm und\nan der Abendkasse\nObertragbare Dauerkarte fiir zehn Abende:\n20 Mark / Verzeichnisse kostenlos\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFeraruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fiir Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft 80 Pfennig\n./ Fiir das A us land bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\nI Ein Halbiahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nEin Halbjahr 6 Mark / Fflr das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark I Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n30 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 30 Mark /\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je\n10 Mark\n\nBueher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum: Schutzengrabenverse / Gedichte /\nGebanden 3 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stifles\nQ1 tick —! / Drama / Ein Taubenschla* I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung / 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nPaul Leppin: DanielJesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur / In ein-\nhundertundelf Kapiteln I Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplar en auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart fiinfundzwanzig Mark\nWalden: Das Buch der Menschenliebe /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren / 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du / Llebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna ./ II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fiir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut. / V: August\nStramm: Erwachen ./ VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst J VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen / XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Veriag Der Sturm\nGskar Kokoschka: P1 a k a t ftir die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzug 10 Mark\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\n\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat von\nKokoschka\n\nSturm - Austel iungskataloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Otakar Kubin I Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark\n\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Biittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zeichnung\nIaulKIee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos I 2 Herwarth Walden I 3 Karl Kraus /\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Schcerbart I 6 Yvette\nGuilbert\nOskar Kokoschka: T i e r b i 1 d e r\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachen\nL.uigi Russolo: Erinnerung einer Nacht / Zug in\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin I Ruhelose Tanzerin '\nPan-Pan Tanz\n7 verschiedene Karten\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nOskar Kokoschka: Morder Hoffnung der Frauen /\nDrama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Sonderausgabe v e r g r i f -\nfen/ Nummer 40—>100 Mark 10\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten/5: Rudolf\nBlumner / 6: Campendonk / 7: Peter Baum !\n8: Hermann Essig / 9: Oskar Kokoschka / 1Q:\nAdolf Knoblauch\nJede Karte 20 Pfennig\nSoeben erschienen: Herwarth Walden: Die Juden-\ntochter / Fiir Gesang und Klavier / Dichtung aus\ndes Knaben Wunderhorn / Farbige Umschlag-\nzeichnung von Oskar Kokoschka\n1 Mark\nSoeben erschienen: Oskar Kokoschka: Zeichnung\nRudolf Blumner / Postkarte / 20 Pfennig\nAm 1. Dezember erscheint: Sturm-Kiinstler /\nLichtbildkarte 11: Paul Klee / 20 Pfennig\nDer Preis der Kokoschka-Mappe ist erhoht: Ein-\nfache Ausgabe: 20 Mark / Sonderausgabe: 30 Mark\n(20 Blatt Zeichnungen in Strichatzung)\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver-\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}