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Die Aeste der Bäume zitterten in der\nSonne, als sprängen ihre Knospen auf, und ihr\nglitzernder Flimmer fiel zu Boden.\nDer Knabe hatte eben doch schon zu lange mit\nSchick verkehrt, auch er saß allein uind verlassen,\ntraurig auf einem Schichthaufen Schlagsteine an\nder Landstraße, die zur Stadt führte. Er konnte\nes nicht fassen vom Schick, vom guten treuen\nSchick — das wars, warum er traurig war, und\ndas wars eben, warum Schick so dümmste. —\nNach seinem großen Erlebnis — er hielt siclh\nnoch wochenlang den Hinterkopf — ging der\nKnabe in sich und suchte. Da fand er, daß er der\nschwer leidende Sohn seines Vaters war. Auch\ndas Heer fands, „du bist krank, geh zum Tischler\nund bestell den Bretternen\", sprach das Heer. Das\nstimmte zu seiner Grabesmelodie, die in ihm wie\ndie große Orgel rauschte.\nEr setzte sich auf den Steinhaufen beim letzten\nHause vom Dorf und sah krank aus. Obgleich er\nsich nie im Spiegel sah, wußte er doch, daß er\nbleich war und es abwärts mit ihm ging. Er\nwartete aufs Ende und weinte bei dem Gedanken.\nEr war gerührt, daß ers nicht mehr erlebte, wenn\nder „Buckelschalle\" — so hieß der Steinklopfer —\nauf der Blecheinlage seiner Hosen saß, um die\nSteine zu schlagen und zu klopfen. Es stand gewiß\nso mit ihm, auf den übernächsten Steinhaufen\nsaßen schon die hartfederigen Raben und guckten\nmit weiter Speiseröhre nach ihm.\nSo um die schläfrig zaudernde Mittagszeit\nwars, glöckelte was daher.\nMan sah nichts, aber es kam näher.\nEin Schlitten mit kling klang Pferden bespannt\nkam von der Stadt her, kling klang . . kling klang\n. . träträträ war es ganz nahe. Er hielt an ihm an.\nNein er machte nur kehrt. Der Knabe hatte\nAngst, er werde jetzt angeredet, er rückte\nsich schnell aus seiner bleichen Stimmung\nzurecht, damit er dem feinen Fräulein auch\nrichtig antwortete. Er atmete richtig auf, wie die\nPferde wieder anzogen und ihn in Ruhe ließen.\nAber wie das Mädchen jetzt pfeilschnell in die\nFerne entschwand, merkte ers deutlich „es war\ndas Mädchen vom großen See in dem Schlitten\".\nDie wars. So sah sie aus.\nSchwanenweiß. Sie hatte ihn sogar ganz\nfreundlich angesehen. Der Entschluß „fort vom\nSteinhaufen, in die Stadt auf den großen See\"\nschwang ihn rasch herab, löste seine festgeklebten\nHosen. Auch erschien schon die Abordnung vom\nHeere, ihn zu interviewn. „Wegen deinen Glotzern\nist sie umgekehrt\"; einen Streich mit einer\nPeitsche um die kältegespannten Waden, die aus\nden Rohrstiefeln herausstanden, und die Abord-\nnung hatte ihren Auftrag erfüllt und verschwand\nin einem Stall zum Vieh.\nDer Knabe zog die Beine an und war sich\ndoppelt bewußt, daß das Mädchen seinetwegen\nerschienen war. Es war ihm wie dem gepeitschten\nPferd, das blind an allem vorbeischießt. Er hätte\nnur mögen Sätzen können, wie des Schulzen\ngroßer tigerhoher Bernhardinerhund, um seine\nSchlittschuhe rascher unterwegs nach der Stadt\nzu haben.\nMit den Schlittschuhen an der Hand mußte er\nja leider mit gemessenem Gang einherschreiten,\nspringen nahm sich schlecht aus.\nAus jedem Hause kam ein Soldat gelaufen, hing\nzehn Schritte weit an den Schlittschuhen, um Vor-\nhaben zu erfragen und zugleich endlich einmal\ndem Froschstupfer seine eisernen Schuhe zu\nprüfen, ob sie auch echte seien zum eigentlichen\nDrauffahren, spuckte schnell noch auf die Klapper-\ndinger und lief zurück. Da gabs oft abzuwischen,\nbis der Knabe freie Landstraße gewonnen hatte >—\n„schnuppe, der große See war Stadtmarkung\".\nDer Heerführer versäumte trotzdem nicht, freund-\nlich für Eventualitäten, den genauen Plan zu er-\nfahren. „Der Heerführer war gar nicht so übel\",\ndas gab dem Knaben wieder das Rätsel für unter-\nwegs auf: „warum war der so freundlich zu ihm\nund führte trotzdem den Feind Wider ihn?\"\nEs waren Kleinlichkeiten, die hinter ihm lagen.\nVor ihm, oh! . . . der große See.\nDa lag er vor ihm als eine schwere Prüfung\nund schöne Lockung zugleich. Wagen oder nicht\nwagen?! Das waren ja alle so vornehme große\ngewandte Menschen und Künstler, die an ihm vor-\nbei auf dem See gingen.\nEr stand und betrachtete lange und wurde\nimmer kleinherziger, es sprach ganz weise in ihm,\n„kehre lieber um und geh auf den Froschteich,\nda kannst du auch was Tüchtiges lernen, dann\nwenn dus kannst hats noch Zeit für den großen\nSee\". Auch eine Treumahnung vernahm er: „Was\nbist du Schick schuldig, Schick, der dir die Schlitt-\nschuhe geschenkt hat?\" Wenn man nicht ganz\ndas Herz hat, hört man überall Rat und Mahnung.\nEr erfand einen Ausweg: „er suchte mit den\nAugen das schwarze Gewimmel ab, ob das Mäd-\nchen darunter war. Wenn sie nicht da war, hatte\ndas Schlittschuhlaufen sowieso keinen Zweck\". Er\nstierte auf das Gewimmel und konnte einzelne\nMenschen gar nicht unterscheiden, es ging vor\nseinen Augen wie im Schatten eines Lattenzauns.\nManchmal sah er einen Herrn ein weißes Fräulein\nführen, aber die wars nicht. Er stand steif und\nunschlüssig am Eingang.\nPlötzlich erdröhnte die Luft, es war als zer-\nplatzte eine Bombe, so rappelte alles durchein-\nander. Das Rauschen und Schwirren wurde lauter\nund alles kam allmählich in eine schöne Ordnung,\neine Richtung nach hinten, fern um die Biegung,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9576, "texte": "wieder vor auf ihn zu. Die Mitte vom See wurde\nganz leer und der Ring der Schwebenden außen\nimmer dichter. Stösse wie Wellen und Wogen er-\nschütterten sein Ohr, wirbelnde Trommeln; als be-\nreitete sich eine freudige Begrüßung vor, hob sich\ndie Menge. Seine Augen faßten den ganzen See\nund sahen doch nichts. Ein dumpfer Schlag zuckte\ndarein, er bebte, gelb war der Schlag, er hatte\nihn in der Sonne blitzen gesehen. Noch einmal,\nnoch einmal solch ein Schlag. Jetzt jetzt, darum\nwars. Das Mädchen vom großen See kam heraus\nund stand in der Mitte und Musik und Menge\ndrehte sich um sie wie ein weitsdhwingendes\nKarussell.\nSo wollte es das Mädchen haben, Musik und\nviele Menschen. Es stand ganz still mit gesenktem\nBlick, oft . . sah es auch zu ihm herüber.\nAuf einmal war sie wieder verschwunden.\nNirgends in dem schwarzen Schwärm konnte er\nsie entdecken.\nEr hatte zu ferne nach ihr gesucht, sie war\nnahe bei ihm und rief ihn an: „komm doch herein\".\nEr schnappte in die Kniee und wollte klatsch wie\nein Hase fliehen, aber sie hielt ihn fest und zog\nihn — das Mädchen vom See — zu sich herein.\nEr wagte nicht, zu widerstreben und nicht sie\nanzuschauen, höchstens von der Seite, wenn sie\ngerade wegsah. Als sie ihn aber fragte, „ist dirs\nnicht recht?\" mußte er ihr beim Antworten in die\nAugen sehen, da schoß ihm das Blut gegen den\nKopf.\nDas Mädchen lächelte und zog ihm die Schlitt-\nschuhe an.\nHaarsträubend! die Schande für ihn, er der\nrauhlederne Knabe ließ sich von dem zarten Mäd-\nchen die Schlittschuhe anziehen. —■ Etwas\nsprechen wagte er nicht. — Nur einmal als das\nMädchen in die Hände fror, griff er an seine\nStiefel, aber er erschrak, er hatte sie bisher immer\nverkehrt angeschraubt.\n„Laß es nur\", sagte sie, „wenn man sie selber\nfestmacht halten sie lange nicht so.\" Aha, das war\nder erste Lehrsatz, dachte der Knabe und sah das\nMädchen verwundert an. Gewiß, dachte er weiter,\ndarf auf dem See niemand fahren, der inichts kann,\ndarum will sie michs lehren.\nDas Mädchen ließ seine Füße los und sie\nschlugen auseinander. Sie war fertig und seufzte\nnicht einmal. Sie sah ihn so merkwürdig lieb an,\ndaß in ihm eine Wolke aufstieg. „Willst du mit\nmir fahren?\" frug sie. Er hatte eine Wolke und\nzögerte — das Mädchen konnte ihm auch nur\nschön tun und ihn vielleicht in den See nehmen,\nkonnte man nicht wissen, . . Schick stimmte ihm\nsicher bei — er schaute sie prüfend an.\nDas Mädchen verstand ihn zu nehmen. „Hast\ndu Furcht?\"\nDer Knabe schämte sich seiner Gedanken und\nkreuzte die Arme, wies das Mädchen haben wollte.\nIn ihren zarten Händen fühlte er sich schnell\nwieder als der Plebejer, zu dem sich eine Prin-\nzessin herabließ.\nUnzählig viele Herren und Damen schwebten\nvorbei in vornehmen Bogen und alle nach dem\nTakte der Musik. Und immer im Vorbeifliegen\nhörte der Knabe sagen: „Das ist der Eiskönig\".\nEr konnte das Mädchen nichts fragen, aber als sie\nselbst sagte „du bist der Eiskönig\" war kein\nZweifel mehr, daß er gemeint war. „Natürlich ist\nEiskönig, wer dich führt\", sagte er.\nDas war sein einziges Wort, sein erstes.\nDas Mädchen drückte ihm fest die Hände. —\nEr fühlte sich bald so sicher wie auf den Füßen\nund vergaß, was um ihn vorging. Er schwebte da-\nhin und neben ihm die Eiskönigin. Und alle die\nvielen Menschen umkreisten und umflogen die\nEiskönigin, allen wars, als flögen sie mit Flügeln,\nals hätten sie Schwingen. Und einer unter allen\nwar der Knabe, in ihm klang nur die Musik und\ndas Rauschen und Summen. Ihm wars wie im\nTraum.\nDer „Froschstupfer\" war Eiskönig. Der\n„Froschstupfer\" konnte Schlittschuhlaufen, die\nBeine regen, den Takt halten, schweben und\nfliegen. „See und Krötenloch!\" haha!\nEr drängte sich mit allen, wenn die Musik ver-\nwehte, an die großen Oefen, wos Glühwein,\nPunsch und Pfannkuchen gab. Er aß selbst einen\nPfannkuchen mit Himbeerfüllung wie die andern\ngroßen Eiskünstler, fuhr wieder los, wenn die\nPauke anfing zu murmeln und war gleich wieder\nim Schwung hinein auf den See. Und wies dunkel\nwurde, wurden blaue große Monde an Stangen\naufgehängt und rings am See entlang schaukelten\nin langen Ketten unter den grauen Erlen Lampions\nin allen Formen und Farben und wieder brausten\ndie Töne und die Erlen bewegten leise ihre\ndunkeln Köpfe und der Knabe folgte dem Zuge der\nWindwelle, die an den Erlen hinauslief weit in\nden See.\nEr fuhr weit weit und neben ihm schwieg die\nEiskönigin.\nAls es auf dem See ganz dunkel wurde, weit\nweg von den Lichtern und nur ein weißer Streifen\nPfad war und See, fragte die Eiskönigin: „wie\nheißt du?\" Der Knabe schwieg lange, dann sagte\ner: „ach würde ich dir sagen wie ich heiße, dann\nwärest du mir nicht mehr gut\". Das Mädchen\nfaßte ihn fest an. „Du hast gewiß einen schönen\nNamen?\" Aber der Knabe schwieg und sagte\nseinen Namen nicht. Da schmiegte sich das Mäd-\nchen enger an ihn und küßte ihn. „Ich bin deine\nBraut\", sagte sie, da fühlte der Knabe nicht mehr\ndas Eis unter den Füßen und der weiße Streifen\nwar ein huschendes Nichts.\n* ❖\nDer Knabe war draußen auf dem See, wo die\nBäume aufhörten am Ufer zu stehen, er fühlte wie\ndas Mädchen leicht war neben ihm und wies warm\nüber den See blies. Er schätzte den Streifen ab,\nwie lang er noch sein könnte, er fragte das Mäd-\nchen, „wo liegt denn die Stadt?\"\nKeine Antwort.\nEr wollte des Mädchens Hände fester packen.\nDie Hände waren nicht zu greifen.\nEr sah sich um, sah Niemand hinter sich, neben\nsich, vor sich. Wohin er sich drehte, nur laue\nFinsternis. Da rief er zaghaft „Eiskönigin\", sie\nwar nicht da.\nDas war eine Stille, die seine Füße auf ein\nriesiges Brett stellten, ein Brett so groß wie für\neinen Holzsoldaten von der Länge eines Münster-\nturms. Er vermochte kaum auszuziehen. Er\nmerkte, er war nicht der Eiskönig, sondern ein\nklein winzig Menschlein mit einem riesenschweren\nBrett an den Füßen. Mit diesem Brett an den\nFüßen sollte er sich ans Land, zurück zur Musik,\nvon der auch kein leiser Ton mehr zu hören war,\nschleppen. Er lief rückwärts, in schweisstriefender\nHast, aber die Züge seiner schweren Schlitt-\nschuhe waren kurz und schwächlich.\nWar überhaupt noch etwas da außer ihm auf\nder Erde?\nJa, er sah ihn vor sich sitzen, Schick, einen\nFrosch von der Größe einer Kuh oder eines\nOchsen, der furchtbar blickte starr gerade ihm\nentgegen, wie wenn er ihm eine lange Eisenstange\ngegen die Brust drückte, damit seine Flucht um\nso schmächtiger wurde auf dem See ohne Ende.\nSchick war ein Ochsenfrosch mit einer häßlichen\nHaut und wulstigen Ausschlägen und fing an zu\nlachen, dröhnend, daß das Eis aufsprang vom\nWiderhall.\nSchicks Aussehen wurde immer aussätziger, er\nverschwand unter dem Eis, der Streifen wurde\nweißer und größer. Der Knabe blieb stehen und\nlauschte. Es war ganz still, nur schob sich unter\nihm etwas an der Eisdecke entlang, es rutschte\nimmer lauter, dann ein donnernder Knall und\nSchick schob seinen dicken großen Kopf, hart an\ndie Eisdecke gelegt, wie einen Eisbrccher durch\nden See. Der Knabe sprang mit wackelnden\nBeinen, aber er kam nicht hinaus.\nJetzt schob sich Schick unter seinen Füßen hin\nwie ein Schornsteinfeger, es krachte andauernd,\ner blieb regungslos stehen und wartete bis Schick\nvorbei war. Aber Schick blieb jetzt auch stehen.\n— „Schick sah ihn, Schick wußte von ihm, an\nSchick hatte er sich versündigt.\" —\nDer Knabe rief laut, wußte aber nicht, ob ein\nTon aus seiner Kehle kam. Dafür bemerkte er\ndeutlich vor sich die Erlen, einen dunklen Streifen,\nder den weißen säumte, er hörte sie rauschen und\nfuhr auf sie los, mit gesteigerter, aufgeweckter\nKraft. Den schwarzen Streifen mußte er erreichen,\naber er veränderte sich gar nicht, wurde nicht\nhöher und dunkler.\nEr sah es ein, wies mit ihm stand. Warum hatte\ner auch das Mädchen nicht von sich weggehen\nsehen?! Er ging langlam weiter und fing an zu\nweinen. Die Fußknöchel brannten ihm. Ob er\nseinen Vater und seine Mutter wiedersehen\nwürde! . . wenn sie ihn hier sehen würden! . .\ner schluchzte laut, hielt den Arm vor die Augen\nund wischte sich die Tränen.\nGanz sachte schob sich etwas in seine linke\nfreie Hand. Er wollte es abschütteln und schrie\nauf „bist du der Frosch?\"\n„Mir gehört der See\" und ein Krachen wie\ndumpfer Donner war die Antwort.\nEs packte ihn der Frosch, er führte ihn hinein\nin sein kaltes Wasserhaus ... er flehte „ich will\nwieder auf deinen Teich gehen und auf ihm fahren,\nich will nicht mehr auf den großen See in die\nStadt gehen.\"\n„Geh du nur auf den Stadtsee, wer wird auf\neinem Krötenloch Schlittschuh laufen?\"\"\nEs war also nicht der Frosch, laut krachte es\nhinter seinen Gedanken her. „Nicht iKrötenloch\nsagen\", schrie er, „Schick bricht ja das Eis ent-\nzwei, weil ich . . .\n„Auf einmal nicht mehr Krötenloch, so so?\"\n„Gewiß nicht mehr, Schick hat ein schönes\nKönigreich\", es konnte doch Schick sein, der mit\nihm sprach . . . das schmeichelte und versöhnte\nSchick.\nAber es versöhnte nicht, nein . . es schoß wie\nmit Kanonen auf ihn.\n„Wir müssen eilen, daß wir hinauskommen,\nder Frosch bricht bald durch\", sagte die Hand,\ndie ihn führte.\n„Hast du auch Angst vor dem Frosch?\" fragte\nder Knabe und schaute die schwarze Gestalt, die\nneben ihm ging, endlich an.\n„Mich kann er nicht leiden, er gönnt mir kein\neinziges Eisfest.\"\n„Bist du meine Braut?\" fragte der Knabe zu-\ntraulich.\n„Komm, komm, siehst du nicht, wie mein See\nhinter uns herkommt?, das ganze Eis geht schon\nunter.. wir laufen im Wasser .. laufe, da kommen\njetzt die Erlenbäume, hörst du, wie sie tosen im\nSüdsturm?\" Der Knabe wurde nach vorwärts\ngerissen.\n„Der Frosch ist durch\" und hinter ihnen\nversank der See in die Tiefe.\n„Dein schöner See\" jammerte der Knabe.\nDes Mädchens Tränen fielen auf des Knaben\nHand. Mein See ist noch da, bei Tag würdest du"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9690, "texte": "ihn sehen, aber mein Eis hat der Frosch zer-\nschlagen.\nEs brummte dem letzten schweren Krach eine\nneidische Stimme nach.\n„Dem Frosch seinen Neid merkte ich schon\nbeim Dunkelwerden.\"\n„Hättest du mirs gesagt, dann wäre ich nach\nHause gegangen und du hättest dein Eis noch,\n's ist doch meinetwegen.\"\n„Ich habe ja darum gleich meine Schlittschuhe\nausgezogen und habe sie heimgetragen, damit er\nmein Eis stehen lassen soll, wenigstens noch\neinen Tag. Sonst rechnet er mirs immer an.\"\n„Weils meinetwegen ist, sein Neid.\"\n„Was wirds deinetwegen sein! . . aber eins\nweiß ich, das letztemal wars, daß ich mich um den\nwüsten alten Dickkopf kümmerte.\"\n„Du kennst die Geschichte nicht, ich hätte auf\ndem Froschteich bleiben müssen, er hat mir meine\nSchlittschuhe extra deswegen geschenkt, daß ich\nihn damit ehre.\"\n„So? . . das ist wohl neu, daß einem Frösche\nSchlittschuhe schenken. Sagte es der alte\nSchwindler, daß sie von ihm seien?\" kicherte\ndas Mädchen laut vor Vergnügen.\nDem Knaben kam das Kichern sonderbar vor.\nW'ar denn mit der Schenkung etwas nicht echt?\nSchick war ja als Zauberer bekannt.\n„Das wäre auch ein Geschenk von einem\nFrosch! . . die Qual! auf einem Teiche fahren zu\nmüssen, der nicht größer ist als ein Seerosen-\nblatt!\"\n„Ich habs aber getan\" . . . „eine Qual wars ja\nfür mich\", das Geschenk kam ihm jetzt auch\nzweifelhaft vor . . . „aber auf den See bin ich nun\nnit gegangen\".\n„Für den See, ha ha, dafür ists ein ganz nettes\nGeschenk\" . . „für einen schmierigen Frosch-\nteich sind die feinen Schienen gewiß nicht\" . . der\nKnabe schüttelte sie von den Füßen.\nEs war an Land, so konnte er schon ein bis-\nchen den alten Schick auslachen helfen. Schick\nhätte sichs eben besser überlegen sollen, eh er ihm\netwas schenkte, er war .doch nicht so sehr auf\nden Hinterkopf gefallen! . . es freute ihn, daß ers\nSchick heimgezahlt hatte . . . „Wie schön ist da-\ngegen dein See!\" rief er noch dazu aus.\nHierfür umschlang ihn das Mädchen.\nWars ein Blitz und Donner mitten im Winter?\n. . Schick brummte ferne, vom Dorfe her, aus dem\nFroschteich . . man ging zu weit in der Verhöh-\nnung Seiner!\n„Ist der Blitz nicht im See untergetaucht?\" frug\nleise der Knabe.\n„Wenn dus gesehen hast . .\" das Mädchen\nlag an des Knaben Brust und — weinte, vorhin\nhatte sie noch gelacht.\n„Warum weinst du?\" frug der Knabe, der sich\nauf einmal wie ein derber Mann vorkam.\n„Wirst du auch ohne Eis — zu mir kom-\nmen?\"\n„Wenn du so große Seerosenblätter hast, wie\nSchicks ganzer Teich! . . denke doch . . weine\nnicht. Ich käme aber auch ohne die zu dir, ich\nliebe dich sehr.\"\nDie Erklärung war bestimmt und trocken. Dem\nMädchen kams vor, als ob der Knabe wahrer und\nliebreicher wäre, wenn er schwieg . . „Oder du\nkommst nicht wieder, dir bin ich bloß zum Schlitt-\nschuhlaufen gut genug.\"\n„Du! gut genug? du schönes Mädchen.\"\n„Du hast mich bei Tag noch nicht ohne meinen\nSchleier gesehen.\"\n„Du bist schön, ich habe manchmal durch den\nSchleier hindurchgesehen, du hattest schöne\nAugen. Und dein Mund war so warm . . . Höre\nauf zu weinen! ich komme wieder.\"\n„Versprich mir nur, gehe nicht mehr zu Schick\n. . dann wirst du vielleicht Wort halten\", sie\nging schnell weg und ließ den Knaben stehen, sie\nmußte zu sehr weinen, sie hatte jetzt schon Heim-\nweh nach ihm.\nSie verschwand im See . . . dort wohnte sie . . .\ndas arme Mädchen wohnte in dem nassen grossen\nSee?! Es war so mild und bescheiden und war\ndoch Eiskönigin, sie hatte ihre Pracht und ihren\nGlanz ganz still abgelegt und war mit Trauer im\nHerzen in den See hinabgestiegen. Der Knabe\nwollte es sehen, wollte es hören, nur ein leises\nWasserplatschen war da und hielt an. Es war ihm,\nals hätte sie den Reichtum seiner Seele an sich\ngenommen und würde ihn aufbewahren, daß nichts\ndavon verloren ging. Das Mädchen, wenn's nur\nschon am Morgen wäre! besuchte er täglich, dann\nsah er auch den See und erfuhr das Geheimnis, wo\nsie wohnte und woher sie ihr liebliches Wesen\nhatte. Sie webte sich ihre Lieblichkeit gewiß aus\nden gebleichten Lichtfaden des Mondes und war\nam Tage mit diesem Schleier verhüllt. Das wissen!\nund niemals mehr ging er zu Schick, weil sies nicht\nhaben wollte. Ihr alles zu lieb!\nSchick, der eigennützige Schenker, hatte aus\nWut ihm und dem Mädchen das Eis zerschlagen.\nBenutzte denn jener seine grelle Stimme in\nschönen Sommernächten wirklich bloß für den\nFroschteich . . raubte er nicht mit ihr dem ganzen\nDorfe den Schlaf, weils ihm gefiel?\nDamit hatte er den passenden Vergleich ange-\nzogen und konnte befriedigt den Regen auf sich\nniederklatschen lassen. In Zornwallung nahm er\nsichs vor, Schiclk, wenn er nächsten Sommer sein\nmarkerschütterndes Gerätter losließ, in einer hellen\nSommernacht aufzulauern und ihm eins mit der\nPeitsche, mit langer Schmitze überzuzünden, weil\ner — in den Froschteich gehörte. Dann wars ver-\ngolten. Fürs Eisbrechen! Er empfands, Schick\nwar ein rachsüchtiger Mensch . . rachsüchtig für\ndas unschuldigste Vergnügen. Er stapfte in Stock-\nfinsternis dem Dorfe zu.\n„Holla!\" er war auf die Strasse gekommen und\nausgeglitten.\n„Haha!\" lachte es hinten nach.\n„Elender Schick! auf der Strasse brauche ich\nkein Eis, da ärgerts mich.\"\nSo, der Knabe sah ihn genau sprechen mit\nbreitem Grinsen, ich dachte, du wärest verliebt in\ndie Eiskönigin, habest dadurch eine freundliche\nErinnerung an sie, durch gutes Glatteis auf der\nStraße. Aber da täppelst du wie eine vollgefres-\nsene Ente auf Parquet. Überhaupt woher hast du\nauf einmal so viel Temperament gegen mich her-\ngenommen? von dem Mädchen? Patsch, klatsch,\nwir wollen dich ein bischen hinschlagen, daß du\nwieder mein ordentlich demütig Büblein wirst. Das\nMädchen verderbt deinen Kopf, Knäblein. Klatsch,\npatsch, noch einmal hin.\nAu, au, dem Knaben schmerzten die Knie so\nschon. „Schick\", rief er freundlicher, kannst du\ndenn gar nicht genug bekommen?, höre doch auf.\"\nSchick brach mit seinem Kopfe die Decke vom\nFroschteiche auf, er hörte nicht auf, er hätte am\nliebsten dem Knaben die Eisschollen über den Kopf\ngeschleudert . . dafür war er aber zu weit ent-\nfernt. Noch lieber im See ertränkt! Und Schick\nhatte das Heer hinter sich in seinen Gedanken, er\nlegte es in einen Hinterhalt, Blut mußte\nfließen! Weh dem, der treulos war, und auf den\nStadtsee ging!\nDie ersten Lichtscheiben tauchten vom Dorfe\nauf, dem Knaben klopfte das Herz, weil er heim-\nkam, und seinen Ruhm verkündigen konnte, er\nzählte die Steinhaufen, es waren noch dreie, ein\nschwacher Schimmer pinselte sie, dann kam das\nerste Haus, dann kamen die beiden großen Scheu-\nnen, er wußte, schräg hinüber lag der Frosch-\nteich, er wendete den Kopf aber nicht dorthin, son-\ndern starr geradeaus auf die Mitte der Strasse, auf\nden schwarzen Haufen in der Mitte, hielt er den\nKopf.\nEr trat kurz.\nEr trat kurz, das war das Heer.\nIhm graute. Sein Herz hämmerte, daß es das\nHeer hörte und) unter sich „Pscht\" machte. Um-\nbiegen? Ausweichen nach dem Froschteich? Um-\nkehren?\nEin sdaitzflehender Gedanke nach dem Mäd-\nchen band ein Eisenband auf seine Stirne, es wallte\nsein Blut vor Stolz und Heldenerlebnis auf dem\ngroßen See, er setzte Hörner an die Ecken vom\nKopf, worunter die Schläfen zucken und schuf sich\neinen Hammer, wie Karl Martell, mit seinen\nSchlittschuhen. Sie mußten in Schwung, sie\nsausten wie eine klingende Kreissäge durch die\nLuft.\nVorwärts! er fühlte sich nur als mitsausende\nAchse, so duckte er sich in den Kern der lossprin-\ngenden Säge, seine Faust.\nDer Heerführer sank zu Boden und den Hagel\nvon Hieben durchschnitt die Säge wie vorge-\nworfene Prügel.\nLeichenstille ein stummes Heer.\nDer Knabe trug seine warmen rieselnde»\nKopfwunden zu seinem Vater und erwartete von\nseiner gnädigen Hand den Lorbeerkranz.\n* *\n*\nDie Nacht war lang und das Sickern der\nWasserrinne am Hause war wie ein endloser\nFaden, der ihn wirr mit dem Mädchen, für das er\nin den Heldentod gegangen war, verband. Er hörte\ndas Plätschern . . von einem Brunnen, der in der\nNacht von Schick vors Haus gestellt wurde ...\nund seltsame Dinge geschahen um den Brunnen,\nsein Becken war grün wie der Froschteich und er\nstand am Rand und weinte darüber, daß ihm die\nEier auswichen und untersanken und das Becken\nsich mit trübem Wasser füllte. Und Schick saß\nbescheiden in die Ecke der aus der Mitte ragen-\nden Brunnensäule gedrückt, und sah wehmütig aus\nund machte ganz zaghafte Nickerchen zu ihm, als\ntraute er sich nicht, ihn einzuladen, weil er nun der\ngroße Herr Eiskönig sei. Er hatte Mitleid mit\ndem alten verlassenen Freund, wenn der Wind die\nStrahlen der Rohre schüttelte und Schick die Haut\nzusammenzog.\nDer Nacht folgte ein trüber Tag. Der Knabe\nsaß herum, mürrisch und wehleidig. Es war ihm,\nals hätte ihm Jemand das Mädchen gestohleuu und\nihn Jemand mit Schick entzweit. Die Freundschaft\nzu dem Mädchen am großen See war wie nie,\noder schon vor langer Zeit gewesen, so daß man\nsie nicht mehr erneuern konnte, ohne den Ein-\ndruck jenes Tages zu zerstören und die Erinne-\nrung an ein bestimmtes liebliches Aussehen der\nGeliebten zu verwischen, oder ganz zu verlieren.\nUnd mit Schick konnte es nicht mehr das Alte\nwerden, man hatte sich gegenseitig beschimpft und\nverleumdet. Er preßte die Nase an die Fenster-\nscheiben und sah stundenlang die Schmiedknechte\nan Bindfaden vom Himmel auf die Erde sausen\nund ihre Hämmer durcheinander auf der Straße\nschwingen bis die Schlacke abfloß und die harte\nRinde erschien . . . dann hörten sie auf. Schick\nwar Geschäftsmann und sah die Sache weniger\nsentimental an. Er brauchte notwendig Jemand,\nder seine Anschauung i,m Dorfe vertrat. Hatte das\nder Knabe früher getan, so wirds auch wieder\nwerden, dachte er. Das Heer konnte ein böser\nBundesgenosse werden, wenns einmal ans Angeln\nund Fischen ging, den Erlen die Zweige schnitt,\nPfeifen klopfte, und Peitschen handelte, das sah"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7530, "texte": "Schick voraus. Er hatte darum wahrhaft tücki-\nsches Bemühen, den Knaben anzulocken. Schick\nließ den Knaben durch die Quelle, die er als\nreissenden Bach ins Dorf hineinschickte, mitteilen,\ner möchte zu Schick kommen zu umfangreicher\ninniger Versöhnung, er wolle ein Wasserfest ihm\nzu Ehren geben, eine Ehre sei der andern wert!\nDer Bach richtete es wortgetreu aus und rannte\ndem Knaben über die Hausschwelle, redete sogar\nan dem Knaben herum im Stall, im Keller, auf\nder Miste, in der Scheune, recht aufdringlich, aber\nder Knabe zog bloß die Füße an und lachte: „will\ner mich wieder haben? . . er kann warten . .\ner soll sein Fest allein feiern . . ~ meint Schick,\ner dürfe mich nur einladen, dann . .?\"\nWas zog dem Knaben für ein warm Gefühl\ndurchs Herz, nach der Absage. Seine Freund-\nschaft und Liebschaft war doch erst von gestern.\nEs hellte sich auf und war am Himmel noch gleich\nschwarz und düster.\nDer Quelle wars angenehm, daß der Knabe die\nEinladung nicht annahm. Sie hatte dem Frosch\nden Botendienst nur ungern getan. Und weil sie\nunverrichteter Dinge ins Dorf gelaufen war,\nscheute sie sich zum Frosch zurückzukehren, trieb\nsich herum und verlief. Sie überschwemmte die\nWiesen. Daran merkte Schick, daß er auf den\nKnaben umsonst wartete. Der Lausejunge hockte\ngewiß in der Stube und schrieb Liebesbriefe an\ndas Mädchen mit seinem ABC-Griffel, womöglich\nunter Aufsicht eines unvernünftigen Vaters. „Wenn\ndus willst, so kann auch Krieg bleiben zwischen\nuns\" . . . „aber dann, hüte dich\", er stieß den\nBach weiter und setzte das ganze Dorf unter\nWasser.\n„Kommt ihr vom Heere! wenn er nicht will.\"\nDas Heer wurde zusammengeblasen, der Heer-\nführer war Alarm.\nDer Knabe lächelte. „Dem Heer macht dein\nLärm Ehre . . aber das Heer steht bei mir in\nUnehre . . sieh dir den Heerführer an!\"\nDas Heer zog aus. Voran der Heerführer mit\nder Schärbe von seiner neuesten Auszeichnung,\ndie er sich nur aus Scherz (!) hatte verleihen\nlassen, um den Kopf. Hinter ihm vollzählig die\nnackte Schar der Soldaten. Nackt waren alle bis\nnah an die Hüften von oben sowohl als von unten.\nFreudiger Jubel begleitete das Heer ins Feld, man\nhörte so recht die Pauken, wies elastisch daher\nwogte das Heer durch den reissenden Strom. Es\nschrie und abenteuerte hinaus zum grünen König-\nreich.\n„Gut . . nicht übel\", sagte Schick, als er dem\nAnmarsch unter dem Tor des Stechschrittes\ndurchsah. „So seid ihr ja noch gar nie bei mir ge-\nwesen! ihr lieben Kerle\" ... er blies wie ein\nPanther durch die Nase.\nDas Wasserfest begann. Man schuf neue Flüsse,\nbaute Dämme. Es patschte und klatschte im\nWasser. Schick schmeichelte sich recht in den\nHaufen ein, hätte er Haare besessen, wären sie\nden Soldaten von der Katzenschmalgerei am Leibe\nhängen geblieben. Immer erfand er neue Spässe\nmit seinem Wasser, er vergeudete es eimerweise.\nEr füllte die Dämme, durchbrach die Schleusen,\ner ließ sich auch Steinwürfe auf die schmutzig\ngelbe Decke gefallen, ja, er spülte ihnen gar zum\nWerfen die Steine aus dem Boden. Schließlich\nvesuvte er eine große Ladung schwarzer Lava aus\ndem Grunde in breitem: Strom über die mistge-\nsüßten Wiesen. Wie die glühende Lava des Ve-\nsuvs Feuerwein erzeugt, so erzeugte der schwarze\nSchlammstrom dem Heerführer eine Idee.\nDer Heerführer ging lautlos mit; gutem Beispiel\nvoran, und strich den ganzen nackten Körper mit\ndieser herrlichen ebenholzmatten Masse an und da\ner wußte, daß, wenn der Körper schwarz war,\nman Anstand nicht mehr nötig hatte, verschwand\nauch das bischen Manchette um die Lenden\nvollends. Unter Hurrageschrei ging das Heer auf\ndie Idee tätlich ein. Es pfiff und klatschte, wie\nwenn Seife noch nie etwas gekostet hätte. Bald\nstand das Heer in eintöniger Kameruntoilette, es\njuchzte über die Länder und Meere den Stammes-\nbrüdern und Landsleuten von Ost und Südwest\nGroßafrika in geistvoller Hingebung zu.\nDas war nett. Der Frosch schaute sich sein\nWerk an. Für ihn war es der Glücksgriff des\nTages. Er spreizte die Hände wie eine verzückte\nschlecht geratene Madonna.\nSofort hielt der Heerführer Kriegsrat. Es wurde\nbeschlossen, den grünen Neid und den gelben\nAerger des Knaben zu erwecken. Der Zug w.urde\ngeordnet. _ Wer aus Versehen noch etwas Scham\nfühlte, erhielt einen Klitsch. Bataillon marsch!\nund eine Herde Schwarzwild rannte sauähnlich\nunter Teufelsgrimassen durchs Dorf.\nDer Knabe saß geschickt auf seiner Bank vor\ndem Hause, er wurde liebkost, umtanzt und ver-\nhöhnt, daß er Kleider trug. Modern sei nur dies!\n— Merkwürdig . . das Heer wurde leiser . . der\nKnabe schien sich gar nicht vor ihnen seiner Zivi-\nlisation zu schämen, denn er spuckte sechsmal vor\nihnen aus.\nDaß das auch aus Neid sein könnte, verfehlte\nder Heerführer nicht zu bemerken, schwenkte aber\nmit seiner Schar, es war ihm wie doppelte Scham\n„gestern durch den Knaben verwundet und heute\nverachtet\".\nDer Knabe schien den Respekt auch so nicht\nwieder gewinnen zu wollen.\nDer Frosch zog seine Nasenlöcher zusammen\nwie ein Seehund, ~neuestens ist er zu nichts mehr\nzu gebrauchen . . . glaubet ihm seine Renom-\nmierereien vom großen See nicht!\" sprach er zum\nHeere und entließ das gewaschene Heer mit Sold\nund Schande. Er hätte gern den Knaben\nrecht dick mit Schlamm besudelt. Schick\nwäre gern zehnmal schlauer, hundertmal er-\nfinderischer gewesen, den Knaben herzukriegen.\nDessen runde Absage setzte aller seiner Dreistig-\nkeit die Krone auf. Was wollte aber Schick aus-\nrichten! auf etwas Besseres als wochenlangen\nRegen verfiel er nicht, er hatte vielen was zu\nverderben, nicht bloß noch dem Knaben. So kams,\ndaß ihm der Knabe — durch die Zeit — eine Null\nwurde, entstanden von der negativen Seite.\nDurch die Zeit — Eis gabs nicht — sehnte sich\nder Knabe nach Unterhaltung. Er erinnerte sich\nder Vergangenheit unparteiischer. Neutral.\nKeinen Tag konnte er den Entschluß fassen, an\nden großen See zu gehen. Wird er so, ohne Eis auch\nschön sein? war die Eiskönigin als werktäglich\nMädchen, ganz ohne Schleier, auch hübsch? Nur\nSchwanenweiß, in ihren Schleier gehüllt, hatte er\nsie kennen gelernt, so wollte er sie seinem Ge-\ndächtnis erhalten, so liebte er sie.\nDas Mädchen wußte ja damals schon, daß er\nnicht wiederkommen werde. Wie sollte sie ein-\nsam unter den Erlen stehen und in das dunkle\nWasser sehen, ob e r nicht zu ihr komme. Wie\nkonnte eine Sehnsucht nach ihm existieren? Das\nMädchen würde ihn vielleicht erstaunt ansehen,\nwenn er auf einmal daher käme . . . daß das Mäd-\nchen verlassen war, fiel ihm nicht ein.\nDas Mädchen so zu besitzen, genügte ihm, daß\ner mehr an ihr haben könnte, glaubte er nicht.\nVon dem Kräuseln einer unübersehbaren See-\nfläche, von Schwänen und Wildenten, von dem\nPerlmutterglanz bei untergehender Sonne, von\nnebeldunstigen, von schwebenden Nebeln und\nMorgenglanz, von Bleiglätte, und blitzend weißen\nSegeln, von Schilf und sich spiegelnden Ufer«\nwußte er nichts und davon, daß ihm das Mäd-\nchen so gerne schweigend und deutend gezeigt\nhätte, wußte er auch nichts.\nEr verstand aber — wie ein Studierter — den\nkritischen Vergleich zwischen Froschteich und See\n«ach Vorzügen und Nachteilen zu ordnen. Daß er\ndas Große besser kennen lernen mußte, um das\nKleine gänzlich zu meiden, sah er nicht ein. Etwas\nvom Parteigeist vom Heere und Dorfe besaß er\ndoch, der Neutrale, und wollte den Froschteich als\ngrößten See vom Weiler nicht ganz zu Schanden\ngemacht wissen.\nSo kam der Tag, wo der Knabe zur Aussöh-\nnung mit dem Frosche geneigt war. Ob der Ter-\nmin dem Frosche nicht zu spät war, oder ob ihn'\nSchick noch haben wollte, ob der nicht erstaunt\nwar, erkundigte er sich nicht zuvor. 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Knospen\nGrüne Blätter gelben rauh\nDornen stacheln hoch\nGoldkäfer mit Purpurlitzen flitzen unter hechte\nMoose\nWilde Bienen erflüchten hölle Höhlen\nBaumperlende Ameisen schleppen Fieber in\nschiefe Splittergrotten\nBlitze beulen rostblond\nBreite Ströme harken ihre Ufer ein.\nMeeren\nVerschlingen Felder\nBlitze glitzen Ginster\nEin Elefant zerstampft lange Wälder sternen-\njunger Vergißmeinnicht\nBlitze Stollen strolchrok\nTiger fetzt Primel\nSterne wurzeln Blütentrümmer Wasserwüste\nBlitze schwerten himbeerrot\nSchlangen sonnen sich Waldlicht\nBekämpfen einander\nVerschlingen\nVerknoten\nVerschürzen\nVerbeissen\nReitendes Gleiten rast\nAugendiademe sprühen Schaumgekröse\nSchlangen verschlingen verschlingen Schlangen\nWenige weniger bleiben\ndie Größte bleibt\nRingelt sonnegetunkt Geschmeide\nGolde silber rote Strudel stufen\nBlitze kirchen kirschengrün\nEitler Wolf erklettert die rubine Schale\nopalseidener Wage\nKleine Flamme betupfte Silberschale hält\nGegengewicht\nWolf springt 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versengen\nBlitze geissein Elfenbein\nSilbermöven hacken Silberdisteln\nDornen bohren kraftvoll Silberseide\nLeib und Strand rinnselt rot\nGlatte Wellen küßt Abendsonne.\nIII Taumeln\nSchwarzer Wald\nmilcher Fluß rose Wiese\nWald strotzt wuchtiger massiger .\nSchwarzgrüne Eichen stehen aus schwarzsepia\nFluß seidet silbriger\nWiese wogt Tausendschön\nKornblumen und Roggenähren entwellen\nWiesenwand\nReihen heißen Kranz\nKranz schmiegt sich geschmeidig umarmend über\ndie ganze Fläche\nKistengelber Komet saust auf die Mitte des\nWassers\nStahlgelbe Flammen züngeln\nKranz ringelt rasend um die Flamme\nErstickt Flamme\nErdkugel dreht im flüssigen Azur\nKranz rollt um Europa\nAn Stelle der Aehren tanzen rote Flämmchen\nDie Kornblumen heben sich empor\nSchweben\nSternen\nAzur verblasst\nSterne bären Sterne\nHellen den ganz groß werdenden Blumenstern\nDie Erdkugel fahlt aschenglut und klein\nGraut\nVerwindet in der Tiefe\nBlitzgestreifter Adler mordet blutlistig wein-\nwilde Sänger\nReckt\nStolzt Schwingen\nSonnensilber flimmert\nColibris Chamäleons Tropenfalter Tiefseefische\nflüssigen Schimmer\nSMberdunst weibt Goldwasser\ndie Tierfarben scheinen blühender\nSilberwasser glast Schwarzsamt\nFarbenorgien tollen zechglühend\nTief lilien mattblauen Altar feiert Wachslicht\nheiliges Brennen\nHäßliche Stechmückenschwärme taumeln durch\nGlasfinsternis\nZittern Weihe\nDolchen blinde Flamme\nVerlodern\nRubinrote Perlen fallen auf scheeige Altardecke\nFlamme blitzt Spielen in den Rubinen\nRosenkreuze wachsen weiß\nBetten sterben goldbäumend\nChorfenster hellen auf\nAstern strahlen.\nIV Opfern\nSee fault blaugrün\nSturm stiebt\nPerlmutt gischten\nPerlmutt bändern\nFische hügeln Streichen\nVögel kerzen steilen Reine\nKristalle weilen starr\nMüden staubig\nSteine splittern\nSprengen Kristalle\nSonne funkt\nScherben kochen Erdbeerkerne"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2875, "texte": "Becher bersten Flügel\nKatze packt Buchfink\nRotgelb hackt Blutgrün\nBlut über Kotflügel sonnt naßblanke Spitzen\nDornen sitzen\nTränen sengen Blutsee\nTränen lachen Honigtropfen\nWiegen schwer tanzend auf dem Blut\nTanzsterne ertropfen Paradiesvögel\nDicke Käfiggitter kuppeln Kanten\nKreßgestreifte Tiger begieren haferbraunen Hasen\nHase streichelt weich große Sonnenblume\nLeckt dotter Blütenblätter\nBlume beugt\nHase rädert armen Raum\nSchlägt wirre Purzelbäume\nSilbersonnen baden aus der Blume lichtlohen Weg\nzum Hasen\nHase legt sich ergeben in die Tigertatzen\nSchneesilbrige Winterwiese atmet Nacht\nSkabiosenhimmel stielt Vollmondkugel\nSterne streuen Frieden\nWeite tiefe Silberschale schlingt in sich glänze\nAepfel\nBirnen Aprikosen\nPralle Trauben randen\nBüffel rennen Bäume ein\nBirkenherb flirrt Maischein\nLorbeerzweige leiben Kronenkränze\nMajestäten\nLämmer weiden Lilien\nSilber leuchten dünne Herzen\nWeiße Schwäne sieden golden Glasen\nLila Schwäne furchen mattes Meer\nSchwarze Schwäne kreisen saphyr Glühen\nKorallen lassen Wogen nagen\nEdelweiße sterben Bergesbrand\nKönigskerzen trotzen Hummelheeren\nNachtigallen tollen Morgenlicht\nTrichtern trunken\nNachtfalter sieden Mondguß\nPfirsichblüten sirren nieder\nSprenkeln Taudiamanten\nDrehende Goldurne klemmt Lohe\nBachblumen ranken wuchern Urne\nVerschwinden\nLibellen lachen hinein\nRauch blaut Purpurschleppen\nScheckige Raupen entleibeini an Nesselliaaren\nMenge kleiner knosper Raupen schwillt heraus\nStolpert in leckende Feuer\nDieselben Raupen weiden goldenen Leibes\npurpurpunktiert silberne Weidenzweige\nVier Kondore fliegen lange feldes Meer\naufgehender Sonne entgegen\nFliegen schneller schneller\nSonne bleibt gleich fern\nKondore zerschmettern sich an porphyrfrühen\nGranitzacken\ndie Leiber fliegen pfeilig Blutwolken dampfend\nin das Sonnengold\nEine Marguerite dorrt\nViele Margueriten blühen\nEinzelne Margueriten in vielen Margueriten\ndorren und blühen\nTulpen und Hyazinthen neigen sich flutender\nFlamme zu\nStrahlender leuchten die Farben\nHeller wuchten die Umrisse\nVon der Flamme ergriffen brennen\nFarben und Formen Juwelen.\nV Wohnen\nBlute Strahlen spritzen gleich orange Saffranfeuer\nBlute Strahle speien kurze lange lange kurze\nkurze lange Helle\nSchimmer\nLeuchten\nStern steht\nStarken gelbt\nWälder wachsen\nBerge felsen\nFluten strömen\nKamillen frist fast Sonne\nSand ackert dicken dunklen Acker\nDicht am zungenfrohen Feuermeer treibt\nseltene Blume seltene Blüten fingerhutgroße blasse\nElefanten\nFallen zur Erde\nLaufen fort\nKalifeuer kümmert hinten in der Ferne\nFeld voll Elefantenblumen bärt blühend\nSchwarze Falter fliegen Sonne\nSchwarze Falter stürzen\nWeiße Falter stürzen\nWeiße Falter fliegen Sonne\nSteine bleiben Steine beim Granatbrand\nSonnenuhr spielt unaufhörlich\nStundenglas sandet\nLinden blüten Bruchsekunden\nVertrocknen\nScharlach tunkt den Boden\nBlutbrand ringt um\nUhr und Glas stehen\nLinden blühen lange Lerchen sonnenheiter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "103", "page_fin": "103", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.5.1", "titre_corps": "Oskar Kokoschka: Gertrud Eysoldt", "titre_sommaire": "Oskar Kokoschka: Gertrud Eysoldt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.7", "debut_caractere": 0, 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7224, "texte": "Seidenfaden\nAdolf Knoblauch\nDie listige Sine, Dollings wohlgeratener Erst-\nling, prüfte den von Kerzenschein besonnten Leib.\nSie war unruhig, an den Füßen nicht ganz sauber\nzu sein, aber die dämmernde Beleuchtung ver-\nhüllte das Unvollkommene und beglänzte die\nSchönheit. Sie erwartete mit klopfendem Herzen\ndie Freunde.\nSeidenfaden geleitete den Freund an der Hand,\nder Meister stellte den der Weihe Würdigen im\nTempel dar. Und Siegfried blieb an Seidenfadens\nHand stehen, betrachtete das schöne Weib, wei-\ndete sich an ihrer „ästhetischen Linie\". Dann\nhauchte er zum Meister: „Darf ich . . .?\" Er\ndurfte! Und er stürzte zum Divan, küßte und be-\nrührte Sine am ganzen Leibe. Seidenfaden stand\nneben dem Paare, glücklich, seine Eifersucht zu\nbesiegen, seine Augen zu weiden und zuschauend\nzu genießen.\nSine tat die eine Hand auf das krause Haupt\ndes entbrannten Siegfried und reichte die Andere\ndem lieben Gemahl, der ihr Haupt nahm, über\nden Scheitel glättete, ihr Angesicht am Kinn hob\nund sie auf den Mund küßte. Indes drückte Sieg-\nfried die unteren, niederen Leibesglieder und\nherzte die Freundin. So spielten sie das „Früh-\nstück\" von Manet.\nIm schönsten Spiel wurde die Türklinke nieder-\ngedrückt, und vom Flur rief Gabriele, die aus\nirgend einem Grunde wach geworden war, nach\nihrem Manne. Entsetzt sprang Sinchen auf, und\nmit Bedauern sahen die jungen Leute die ästhe-\ntische Hinterseite des Mädchens wie einen Mond\nin der Gaststube zum weiß duftenden Bett ent-\nschwinden.\nSeidenfaden setzte sich auf das teppichverhüllte\nKleiderbündel, Siegfried öffnete und fragte Ga-\nbriele besorgt, warum sie nicht schliefe. Frau Ga-\nbriele sah im Zimmer die Unordnung, die brennen-\nden Kerzen, den rotbäckigen Seidenfaden, und er-\nlag ihrem traurigen Verdacht. Aber sie traute sich\nvor Seidenfaden nicht, den Ereignissen nachzu-\ngehen, verlangte aber, daß Siegfried sogleich zu\nBett ginge. Er hätte am anderen Morgen zu ar-\nbeiten. Siegfried war verstimmt wie eine Knabe,\nder zu Bett gehen soll und die schönen Weih-\nnachtsspielsachen verlassen muß.\nDie Buntheit hatte Siegfried gefärbt. Das\ngenäschige Dreieck drängte es, die Idylle zu ver-\nlängern. Siegfried mietete ein entlegenes Turm-\nzimmer in der alten Stadt fern von Gabriele, die\nvom apostolischen Geiste der Ueberwindung recht\nunberührt geblieben war. Aber Gabriele fügte\nsich nicht in den Ehestand der Schmach, sie ver-\nbot Siegfried alle Zusammenkünfte mit der Ge-\nsellin des Bunten. Sie hatte auf geheimnisvolle\nWeise die verderblichen Turmzimmerpläne des\nverliebten Dreiecks ausgespürt.\nFreilich blieben Siegfried immer die kleinen\nGelegenheiten, die sich darboten, wenn Geschäfte\nder Partei ihn nach Berlin führten. Dann besuchte\ner das bunte Paar in Sinens blauer Stube bei der\nMutter und nahm fürlieb mit ein Bischen Drücken,\nKosen und Küssen, wobei sie angekleidet blieb: er\ndurfte höchstens die Bluse lüpfen. Aber auch „ein\nBischen\" freute Seidenfaden und er sah genießend,\nüberwindend dem Spiele zu.\nDas gelehrige Melusinchen war die Stolz-\nMagdliche, Verschlossene, die alles Grelle, Harte,\nEifersüchtige mied. Sie ging den Stürmen aus dem\nWeg, um auf der Stube, im Bett die süßen Leiden-\nschaften des Bitteren zu genießen.\nSie hatte zuweilen Augenblicke trübsten Zwei-\nfels, dann erkannte sie in der kreuzweisen Liebe\ndie ärmliche Vermummung sexueller Not und\nin Seidenfadens unerschöpflicher unfruchtbarer\nLiebeswut schwere erotische Belastung! Sie war\neines Tages zu Ostende im heiter menschen-\nwimmelnden Kursaal sehr unglücklich, sie saß be-\nreits eine Stunde schweigend mit Seidenfaden\ninmitten fröhlicher Gespräche der Anderen, und\ner hatte nicht einen Blick für sie, er starrte ohne\nabzulassen auf eine unweit sitzende Dame und\nmachte ihr schöne Augen. Sine wich nicht einen\nAugenblick von seiner Seite und maß den Grad\nseiner Verliebtheit ihr zuleide. Beim Verlassen des\nSaales wies Seidenfaden endlich darauf hin, daß\nwiederum eine Dame verliebt in ihn sei, seinen Fuß\ngetreten, sein Knie berührt habe. An diesem Abend\nweinte Sinchen und betrauerte sterblich ihr Los.\nDoch des Bunten auserwählte Eigenschaften\ngaben ihr die Schwungkraft wieder und sie folgte\nferner blindlings.\nMit wunderlicher Geschwätzigkeit hatte Seiden-\nfaden seiner Leidensgefährtin Jahre lang die Ent-\nhaltsamkeit der Frau als die Grundlage seiner\nLiebe eingedrückt. Und die müssige Sine beschäf-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9829, "texte": "tigte sich gern mit den physiologischen Problemen\nder Enthaltsamkeit und Fruchtbarkeit. Fruchtbar-\nkeit war es, wenn sie vergnügt mit einem Löffel-\nchen den Blütenstaub der männlichen Gurken-\noder Tomatenblüten auf die weiblichen Gefässe\nübertrug. Was .aber war Enthaltsamkeit? Wie\nwollte ihr Bunter das ewige Kinderkriegen ab-\nschaffen? Ihr hatte der Liebste schmeichelnd be-\ndeutet, daß sie auf der gottesmütterlichen Stufe\nder Ueberwindung stünde, den meisten Frauen\nhingegen sei leider Kinderkriegen noch so not, wie\nden Kühen das Gemolkenwerden. Seidenfaden\nhatte sich mit Sine vereinigt, nicht um das phy-\nsische Kind hervorzubringen, sondern um des\n„Kindes in der Höhe\" willen, womit er vermut-\nlich ein neues Manuskript meinte:\n„Ein silbernes Wort ein Weilchen\n„und ein goldnes Nixchen\n„in einem niemalenen Büchschen.\"\n* *\nJe dürftiger, freude- und liebeleerer, ungewis-\nser die Frei-Ehe in zehn Jahren wurde, desto mehr\nwandte sich Sine in der Furdht vor jähem Ende zu\nden Hoffnungen und Stärkungen durch magische\nund sympathetische Zaubermittel, Horoskope und\nVerschönerungs-Apparate.\nSie trug ein elektrisches Amulett des ameri-\nkanischen Erfolgbundes auf der blossen Brust.\nFrüh vorm Aufstehen und nachts vorm Zu-\nbettgehen vereinigte sie sich seelisch durch kon-\nzentriertes Denken an den Erfolg mit dem Ziel\nihrer Wünsche. In den beiden energie-erfülltesten\nAugenblicken am Tage vereinigten alle über das\nErdenrund verstreuten Mitglieder des Bundes ihr\nkonzentriertes Denken auf den einen und gleichen\nErfolg in seinen tausendfachen Gestalten. Sine\ndachte sich den Erfolg .als Gott mit tausend\nArmen, verschanzt auf einem uneinnehmbaren indi-\nschen Himmelsberge, allein bezwingbar durch die\nstarke Belagerung der Hirne. Der Erfolgler war\nder Mandelknacker, der auf die beiden glücklichen\nKerne im Gehäus fahndete, um „ich denke dran\"\nzu rufen. Das Zauberplättchen auf der Brust war\nder Einsatz in des Erfolges Weltlotterie, irgend\neinmal mußte der große Gewinn herausspringen.\nSinens Kontrolle zum Erfolg, Inhaltverzeichnis\naller Möglichkeiten war das Horoskop: unfehl-\nbare Tafel der günstigen und verhängnisvollen Ge-\nstirne, Summe aller vegetativen und animalischen\nMysterien, siebentes Buch Mosis der Erotiker,\nHoffnung, Hülfe und Zuflucht aller enttäuschten\nund gelangweilten Ehefrauen.\n* * «\n*\nEs gab keine Lauge, ikein Duft- und Räucher-\nparfum, kein Salb- und Färbmittel, das Sine nicht\nerprobte: Sie hatte die Absicht, Theos wegen ihre\nplebejisch formlose Nase mit Hühnerfleisch in eine\nantik gerade korrigieren zu lassen. Sie zog alles\nan, was sie schlank und sechzehnjährig machte\nmochte es nun von Dollings Wirtschaftsgeld er-\nworben oder Nonne und den Geschwistern ent-\nwendet sein.\nSine war sparsam, denn sie sorgte für ihre\nbunte Reisekasse, für die gemeinsame jährliche\nEuropareise. Sie sparte, sammelte, hamsterte,\nborgte das ganze Jahr bei Verwandten, Freunden,\nNonne, der Mutter, und sie wußte die immer noch\nfehlenden zehn Mark im letzten Augenblick vor\nder Abreise irgendwo aufzubringen.\nDas bunte Paar war überall im D-Zug gereist,\nes hatte jede Sehenswürdigkeit, die beträchtlich-\nsten Kirchen und Modebäder nach Bädeker be-\nsucht. Sie machten ihre berühmte Reise an der\natlantischen Küste Frankreichs durch die Pyre-\nnäen nach Spanien. In Tanger wurde Sine von\nechten Arabern geführt, bewunderte Bauchtanz!\nSie reisten an der Mittelmeerküste Spaniens nach\nBarzelona, bestiegen den Klosterfelsen Monsalvat.\nVon Florenz reisten sie nach Chamounix, gelang-\nweilt reisten sie durch die Provence, stiegen in\nArles aus, weil van Gogh die Arlesienne gemalt\nhatte, genossen einige Tage Fontainebleau und\nlebeweltliches Brüssel, reisten heim zur Herbst-\naufüihrung von Parsifal in Bayreuth.\nXII\nMeister Theo Graf von Mumm malte Bildnisse\nvon Bohemiens und bat den ihm unbekannten\nSeidenfaden im Bahn-Abteil, ihn malen zu dürfen.\nSeidenfaden sagte gern zu, aber das Bild wurde\neine verpfuschte Studie!\nDem Meister zeigte Seidenfaden die Zeich-\nnungen Sines: Mädchenfratzen und Rangen in\nallen Posen. Theo erklärte Sine für talentiert und\nbot unentgeltliche Ausbildung in seiner Malschule.\nSine trat sogleich in die feudale Malschule ein und\nbegann Aktzeichnen nach nackten Modellen: junge\nund alte Mädchen, dünne und dicke Männer und\nFrauen stellten auf dem Podium die unverhüllte\nFläche und Plastik ihrer Körper den Damen und\nHerren der Malklasse zur Schau. Die Schüler\nbosselten eifrig Zeichnungen nach den ledernen,\nkalkigen Statisten. Sine schleckte selig ani den\nnackten Mannslinien und sorgte liebend, daß ein\nwenig von den süßen Sachen auch für den Bunten\nabfiel.\nSine verliebte sich in den Meister. Ihre Liebe\ngalt dem berühmten Mann. Wenn er zum Korri-\ngieren an ihren Platz trat, hatte sie sich ent-\nsprechend der Apperzeption von Theos Geschmack\nvorbereitet: durch die Linien ihres Haares, das in\nseiner Lieblingsfarbe und nach seinen Frauenbild-\nnissen stilisierte Kleid, durch ihre mädchenhafte\nSchüchternheit und den folgsamen Augen - Auf-\nschlag. Ein Tadel von ihm traf sie als Kränkung\nihrer Liebe! Seidenfaden beobachtete scharf-\nsichtig Sinens keimende Liebe und begeisterte\nsich für ihre liebende Reife als lebendige Frucht\nseiner Ueberwindung. Seidenfaden wurde ins\nHeim des Meisters eingeladen. Theo hatte Frau\nund Töchter, aber er beanspruchte das erotische\nVorrecht des Künstlers, im häuslichen Dreieck mit\nder schönen Kaukasierin Frau Heliodor zu leben.\nVor diesem Dreieck legte der Bunte seine kreuz-\nweisen Ideen dar. Der Graf nahm die kreuzweise\nkrumm, ein Streit endete unliebsam, die Sitzungen\nzu Seidenfadens Bildnis wurden eingestellt.\nSinens Liebe zu Theo war ausersehen, den\ntrüben Bruch zu heilen, ihr sollte er sich in Minne\nneigen, dadurch würde Seidenfaden Frau Helio-\ndoren genießen. Im Uebrigen war ihm auch dieser\nHahn im Korbe völlig gleichgültig!\n*\nJeden Frühling unternahm die gräfliche Mal-\nschule einen Ausflug. Zum ersten Mal stand Sinen\ndieser Ausflug bevor. Aber ihre Toilette war nicht\nim Stande, sie konnte an einem Frühlingstage un-\nmöglich Crepe de Chine tragen, wenn alle jungen\nDamen in Weiß gingen. Sine fuhr zu einer Kon-\nfektion im Berliner Norden um ein Kleid in\nMonatszahlungen von fünf Mark zu erstehen. Aber\ndie Konfektion dankte für das Geschäft und Sine\nstand entrüstet auf der Straße. Da sie nicht Lust\nhatte, das Mitleid der adeligen Damen zu erregen,\nentsagte die Gratisschülerin dem Vergnügen und\nlegte sich an diesem Frühlingstage mit einem\nRoman D'Annunzio zu Bett. Sie dachte an den\nblonden1, rosig glattrasierten germanischen Grafen,\ndem sein Schulhof huldigen durfte. Sie dürstete\nnach Stärke seiner Liebes-Umarmung. Schließ-\nlich empfand sie durch ihn eine bittere\nKränkung, an der Theo unschuldig war, derm er\nwandelte gern aber unberührt unter den brennen-\nden Blumen ihm zu Ehren.\nDer Nachmittag war heiß. Sine lag entblößt\nauf dem Bett bei verschlossenem, verhangenem\nZimmer. Sie bedauerte Herrn Theo, daß er so\ndumm war, sich nicht ihrer schlanken Schönheit\nzu erfreuen. Sie zürnte der Unkraft ihres Bunten,\nden sie gebeten hatte, nur ein wenig zum Auf-\nregen sie hinten drauf zu schlagen. Der Dumme\nhatte es abgelehnt! Sie begehrte vom germani-\nschen Grafen, daß er die Lust fände und sie\nschlüge. Die Mannesgewalt sollte sie zwingen, und\nsie wollte sie fühlen, so besonders weh brauchte\nsie ihr ja nicht zu tun! Sie erflehte den Liebes-\ngenuß von Theo, und verabfolgte sich selbst in\nErmangelung der Mannsfaust eine Reihe tüchtiger\nHiebe mit der flachen Hand auf die nackte Kehr-\nseite. Die Kinder im Spielzimmer wurden auf die\nschallenden: Schläge aufmerksam. Schweigstille\nsah durchs Schlüsselloch. Dann liefen die Mädchen\nzu Nonne, flüsterten geheimnisvoll, und Nonne\nlachte hell auf, als sie die Prügelgeschichte durch-\nschaute.\nDie kleinen Dollinge ahmten eine Woche lang\nSine nach und prügelten sich weidlich die Kehr-\nseite. Sie fanden aber den Sinn der Sache nicht\nheraus, sie war langweilig, und sie vergaßen den\nSport wieder.\n* *\n•5»\nWie andere Frauen die Toilette stellte Sine\nihre erotischen Erlebinisse und Freuden den\nFreundinnen, Nonne und den Nestlingen zur\nSchau, auch das Geheimste wußte sie auszu-\nplaudern. Die Dollinge waren stets auf dem\nLaufenden über Sinens Liebeswirrungen.\nEines Abends bauten die Mädchen vorm Zu-\nbettgehen in Sinens Bett eine aufgerichtete, steife .\nPuppe aus Schachteln und Töpfen und spannten\nüber das Ganze ein Laken. Sie machten ihr Arme\naus Holzlöffeln, den Kopf aus einem mit feuchten\nLappen umwickelten Kochtopf; das Licht von der\nStraße beschien seitlich das gespenstige Blaß-\ngesicht. Es war Theo, der nach Schweigstillens\nAnstiftung die Geliebte im Bett erwartete, um sie\nan sich zu drücken; in die Rechte steckte sie ihm\nden Ausklopfer.\nSine tratt spät ins finstre Schlafzimmer, ging\nachtlos zum Bett, um sich beim Auskleiden hin-\nzulegen, und stieß an die Puppe. Sie schrie auf,\nals sie neben sich eine hohe, weiße Gestalt er-\nblickte, die sich bewegte, einen riesigen Stiel im\nHalbkreis drohend aufrichtete und krachend zu\nBoden stürzte. Schachteln und Töpfe rollten auf\ndie Diele, der feucht umwickelte Kochtopf streifte\nSinens Hand im Fall.\nDie Genarrte stürmte zu den Kinderbetten, die\nDollinge schrieen Hilfe, Sinens Wut entlud sich\nauf Nonne: „Wie konnten Sie es dulden, Sie stiften\nalle Schlechtigkeiten an, ich hätte einen Schlag-\nanfall bekommen können!\" Schweigstille spitzte\nweinerlich: „Wir wollten dir eine Freude machen!\nDas sollte Theo sein, den du so liebst!\" „Sei\nstill, du Freche!\" machte Sine und ging vergrämt\nschlafen.\nXIII\nSinens Stube in der Wohnung ihrer Mutter\nwar dunkelblau und hatte ein hohes, weiß ver-\nhülltes Fenster. Ein warmer Sommerabend von\nstarkem reinen Blau war rötlich geworden und\nwinzige funkelhelle Sterne erschienen. Sine und\nSeidenfaden beschäftigten sich mit den wunder-\nlichem Reptilien, Eidechsen und Schlangen, die in"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3072, "texte": "einem Terrarium in der Mitte der Stube schliefen\noder reglos krochen und allmählich nach einigen\nMonaten eingingen. Sine fütterte ihre Reptilien\nmit Ungeziefer aus der Küche und Fliegen, die\nSeidenfaden fing. Das Terrarium war ein Geburts-\ntagsgeschenk des Bunten.\nAls der Abend vom offnen Fenster kühler\nwurde, hockte Sine auf die Kniee des Bunten, goß\nsich länglich an ihm hin, umhalste ihn. Sie quäckte\nals Kleinkind, das auf den Arm der Mutter will,\ndie quäckenden Stimmen des bunten Paares\nkrochen' zärtlich um Einander. Sie glichen aposto-\nlischen Täufern, die armgeistig wie Kinder in\nKinderkleidchen, mit kindischen Spielzeug sein\nwollten.\n. Im Hintergrund der Stube dämmerte der wun-\nderliche Schrein, den Seidenfaden nach seinem\npersönlichen Längemaß in Gestalt einer schiefen,\noben platten, unten weitbauchigen Birne hatte\ntischlern lassen. Präraffaelitische Liniengeranke\ntraditionelle Dornenhecken des Burne-Jones aus\ndünnem Zinn zierten die Tür, deren Schloß ein\nWort Wodans aus der Walküre siegelte. Der\nSchrein faßte die 'handgeschriebenen, sackleinen-\ngebundenen Werke und Kompositionen Seiden-\nfadens.\nSeidenfaden dämmerte in Sinens Zärtlichkeiten\nund starrte auf die verworrnen Zinnranken des\nWerkschranks. Plötzlich quäckte er: „Balsamin-\nchen — biste schon im Himmel? Oder kommste\nin de Hölle, wenn de schterbst?\" Worauf Sine\nzurückquäckte, indem sie zum Abendlhimmel auf-\nschmachtete und ihr linker Arm am Stuhle schlaff\nniedersank: „Wenn Schiller in nen Himmel kommt,\nkommt Minchen auch hin. Wo Schiller schterbt,\nschterbt Balsaminchen auch.\" „Wo Minchen an\nnen Himmel glaubt, kommt se rein bis zum höch-\nsten Tron von Diamant und Kristall. Schiller\nschterbt nie und kann in nen Himmel, wann er\nwill.\" „Was Schiller nich Alles kann!\" piepte Sin-\nchen träumend und löste mit der Rechten ihr\nblo;ndgefärbtes reiches Haar. „Das vom höchsten\nTron aus Diamant und Kristall hat wohl Haupt-\nmann gedichtet. Hauptmann ist Schillern ähnlich.\"\nSeidenfaden hörte nicht, denn er war erleuchtet:\n„Natur und Innerlichkeit sind die beiden Pole einer\nschräg ansteigenden Linie. Der untere Pol riecht\nsüß und ist Balsamine, der obere ist unriechbar\nund heißt Schiller. Die schräge Linie steigt nun\naus Pol Balsamine, wo Natur am meisten, am\nbreitsten und wo es vier Uhr früh ist, aufwärts\nStunde um Stunde, bis Mittag. Jetzt steht Schiller\nim Gleichgewicht zu Balsamine, gleichviel Natur\n— gleichviel Innerlichkeit, uns ist harmonisch zu\nSinn, es gibt Mittagsessen! Aus dem Gleichge-\nwicht aber steigt die schräge Linie unaufhaltsam\naufwärts, es wird Nachmittag, Abend, und um\nacht Uhr in der Dämmerung erreicht die Linie den\nHöhepunkt: die meiste Innerlichkeit, die höchste\nGeistigkeit, Pol Schiller! Von ihm reichen abwärts\nacht Stunden bis zum reinen Gleichgewicht und\nzweimal acht bis zu Balsaminens urwüchsiger\nNatur. Am Pol Schiller ist Natur gleich Null, die\nErdschwere am Geringsten.\" „Schiller hat recht\",\nschwärmte Sinchen, „Abends geh ich immer gern\nins Theater, Kino, Konzert, dann fühl ich mich am\nwohlsten! 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Spalte / vorletzte Zeile: türmt statt türmt\n111. Spalte / 10. 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Wir kämpfen\nauch mit ungleichen Waffen. Denn er, der Stahl,\nist Kunstkritiker und ich bin „der selbe Herr, der\ndiese Ausstellung veranstaltet und als kunst-\nhändlerischer Vertreter des Künstlers tätig ge-\nwesen ist und noch ist.\" Mein Handel besteht\nnun darin, daß ich für die Künstler handle, die\nKünstler sind. Während Herr Fritz Stahl gegen\ndie Kunst verhandelt und verurteilt wird. Die\nKunstausstellung Der Sturm gibt dem Publikum\ndas selbe Recht \"wie die Königliche Akademie der\nKünste: sich Bilder zu kaufen. Es ist mein Ver-\ndieinst, daß heute sogar Leser des Herrn Fritz\nStahl Kunstwerke kaufen. Meine Verdienste hier-\nbei stelle ich Herrn Fritz Stahl ohne Abzug von\nzwei Prozent Skonto zur Verfügung. Schon des-\nhalb damit er sich die Zeitschrift Der Sturm\nleisten kann; und sich nicht nur in der Kunstaus-\nstellung Der Sturm zu lesen braucht, was er tut,\nstatt sich die Bilder anzusehen. Herr Fritz Stahl\nhat voin den sechsundvierzig Ausstellungen bisher\ndrei gesehen. Und er wagt es, folgenden Satz zu\nschreiben: „... war Marc ein Maler, ganz fern den\nanderen Generationsgenossen, die unkritische Mo-\ndernität zu ihm stellt.\" So bildet sich Herr Stahl\nein Urteil, das er nicht hat, weil er nicht bilden\nkann und nie ein Bild in seinem Leben gesehen\nhat. Er sieht nur Gegenstände, mit denen er zwar\nnicht handelt, die er aber der Galerie Rudolf\nMosse empfiehlt, worauf sie gekauft werden. Mein\nVerdienst ist es, inoch nie Bilder ausgestellt zu\nhaben, die Herr Fritz Stahl empfiehlt. Ich verzichte\nauf die Provision, und begnüge mich mit der Vision.\nWo mit Hilfe des Herrn Fritz Stahl ein Pro vor-\ngesetzt werden kann, muß man dagegen sein. So\neinfach ist es, zu wissen, was Kunst ist. In der\nletzten Marc-Ausstellung hat Herr Fritz Stahl\naber nicht nur die Zeitschrift, nein er hat auch\nden Katalog gelesen. „Ganz etwas anders ist es,\nwenn der selbe Herr, der diese Ausstellungen ver-\nanstaltet und als kunsthändlerischer Vertreter des\nKünstlers tätig gewesen ist und noch ist, im Vor-\nwort des Katalogs verhimmelnde Anrufe stam-\nmelt. Es ist ja gewiß folgerichtig, daß für Men-\nschen, die die Erde zerstören wollen, nicht gerade\nder Takt unberührbar sein kann. Wir Andern aber\nwollen doch zunächst darauf bestehen, daß Kunst-\nhandel und Kunstschriftstellerei reinlich ge-\nschieden bleiben.\" Diese Sätze zeigen den ganzen\nHandelsgeist der Leute, die gegen feste Bezah-\nlung ihren Unsinn über Kunst in den Tageszei-\ntungen drucken lassen. Dieser Schreiber wagt es,\nmir zu unterstellen, daß ich Franz Marc „ver-\nhimmle\", um Bilder zu verkaufen. Leute, denen\nder Himmel verschlossen ist, können natürlich auf\nErden weiter nichts tun, als Geschäfte machen.\nEr kann beruhigt sein, der gute Stahl, seine Erde\nwerde ich ihm nicht zerstören, nur den Takt\nwerde ich ihm weiterschlagen, daß er nach meinen\nNoten tanzen muß, auch wenn wir Andern zu-\nnächst darauf bestehen, daß Kunsthandel und\nKunstschriftstellerei reinlich geschieden bleiben.\nWir Andern wollen aber zunächst darauf bestehen,\ndaß die Kunstschriftsteller nicht über Kunst\nschreiben, sich vielmehr reinlich von der Kunst\nscheiden, wenn sie schon durchaus zwanzig Pfen-\nnig verdienen wollen. Und zwar ohne Spesen, mit\ndenen sie die Ausstellungsleitungen belasten. Das\nGeschäft ist nicht richtig. Ich bin sehr großmütig:\nich schenke Herrn Fritz Stahl im Namen der\nKunstausstellung Der Sturm nicht nur die Ein-\ntrittskarte und den Katalog, ich schenke ihm auch\ndie Kritik. Denn sie ist ein Unrecht, das ich ihm\nnehmen kann. Ich bespreche sie, damit er Geist\nbekommt. Er kann ihn nur in verdünnter Dosis,\nzwanzig Pfennig die Zeile, aufnehmen. Wäre Herr\nFritz Stahl öfters in der Ausstellung gewesen und\nhätte er zum Beispiel auf diese Weise das März-\nheft 1916 der Zeitschrift Der Sturm umsonst ge-\nlesen, so wäre es insofern nicht umsonst gewesen,\nals er dann gewußt hätte, daß mein Vorwort im\nKatalog als Nachwort auf meinen Freund Franz\nMarc unmittelbar nach dem Fall des Künstlers hier\ngestanden hat. Denn, Herr Fritz Stahl, ich ver-\ntrete nur Künstler, die meine Freunde sind. Denn,\nHerr Fritz Stahl, ich habe nur Freunde, die Künst-\nler sind. Denn meine Freunde, mein Freundchen,\nsind Künstler, weil nur Künstler mir Freund sein\nkönnen.\nNun muß ich endlich dem guten Stahl noch\nseine letzte Hoffnung nehmen. Die Bilder von\nFranz Marc, die er für die letzten hält, sind na-\ntürlich die frühesten und umgekehrt. Herr Stahl,\nder Freund der Gegenstände, findet nicht einmal\nauf frühen Werken die Gegenstände: „In dieser\nAusstellung sind es zwei, drei Stücke, von denen\nkeines auf der Höhe steht, wie der weiß und\nschwarze Hund der Sammlung, die man im Som-\nmer sah und ich möchte iini diesem Bilde sein\nletztes sehen, mit dem er dann eine neue und\nvielleicht eine endgültigere Art erreicht hatte.\"\nDieses letztes Bild ist im Jahre 1912 gemalt wor-\nden, also vor den entscheidenden Bildern des\nKünstlers. Herr Stahl hat auf diesem Bild nur den\nHund gesehen, nicht aber den Hasen. Das Bild\nheißt die Angst des Hasen. Herr Stahl hat den\nHasen nicht gesehen, weil er vermutlich sich\nkeinen Katalog hat schenken lassen. Da liegt nun\nder Hase im Pfeffer. Dieses Bild hat Herr Stahl\nauch nicht im Sommer gesehen, sondern in dem\neinen September seines Mißvergnügens 1915, bei\nseinem zweiten Besuch in der Kunstausstellung\nDer Sturm. Ich bin in Tatsachen gar nicht so\nunorientiert, wie Herr Stahl in der Kunst. Mir\nkann er nichts weismachen, auch wenn er es\nschwarz drucken läßt und sich schwarz-weiß be-\ngeistert. Da Herr Fritz Stahl nun aber nicht\nBilder sehen kann, hat er auch nicht gemerkt,\ndaß er in der Gedächtnisausstellung November\n1916 mit Ausnahme von drei Bildern die selben\nBilder sieht, die im September 1915, am 7. Sep-\ntember 1915 Herr Stahl besprochen hat. Die Bilder\nhaben sich in diesem Jahr nicht geändert, wie ich\nglaubhaft versichern kann. Wohl aber Herr Stahl.\nNämlich:\nFritz Stahl über Franz\nMarc September 1915:\n„Vielmehr lassen sie\nwildgeschmierte Flächen\nrecht gewöhnlicher Far-\nben als Bilder ausgeben.\nNur das ist es, wogegen\nwir andern uns wenden,\nnicht das Programm. Im\nGegenteil: jeder, der mit\ndiesem Programm ernst\nmacht, arbeitet wirklich\nfür eine neue Kunst und\nverdient allen Dank.\nFritz Stahl über Franz\nMarc November 1916:\nNichts aber ist gefähr-\nlicher als eine solche Ver-\nneinung, die anstelle des\nallein schöpferischen Eigen-\ngefühls ein Konstruiertes\nsetzt, das viele Dinge ab-\nlehnt, nur weil die andern\nsie auch haben. Die freie\nPersönlichkeit bannt sich\nselbst in ein Programm.\nUnd Franz Marc, vielleicht\nbestimmt, ein Einziger zu\nsein, wurde Expressionist\nund ein ibischen Kubist und\neine Spur Futurist\nHerr Stahl ist eben unmusikalisch. Daher weiß\ner nicht, daß man das Programm nach der Musik\nmacht und nicht die Musik nach dem Programm.\nHerr Stahl sieht nicht, Herr Stahl hört nicht, er\nliest nur. Im Konzert die Programme und in den\nAusstellungen die Kataloge. Dafür besitzt er ein\nEigengefühl, womit er eigens das Gefühl ersetzt,\ndas er für Kunst eben nicht besitzt.\nDer Mensch stirbt, die Kunst gebiert.\nIn deinen Bildern, Franz Marc, spiegelt sich\ndie Erde.\nDenn sie sind über ihr, vor ihr und hinter ihr."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "debut_caractere": 109, "fin_caractere_exclue": 422, "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nGeoff net tagiich von JO—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSiebenundvierzigste Ausstellung\nDeutsche\nExpressionisten\nRudolf Bauer / Martin Rang / Georg Schrimpf /\nFritz Stuckenberg / Maria Uhden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "debut_caractere": 424, "fin_caractere_exclue": 501, "texte": "Achtundvierzigste Ausstellung\nJaeoba\nvan Heemskerck\nErflffmmg: 1. 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I Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung / 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nOskar Kokoschka: Morder Hoffnung der Frauen /\nDrama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Sonderausgabe v e r g r i f -\nfen/ Nummer 40—100 Mark 10\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur ./ In ein-\nhundertundelf Kapiteln I Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplaren auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenliebie /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren I 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften /\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna J II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fur Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen / XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c018", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "debut_caractere": 4945, "fin_caractere_exclue": 5075, "texte": "Handdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzag 10 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c019", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "debut_caractere": 5077, "fin_caractere_exclue": 5563, "texte": "Verein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. 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Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-*\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat von\nKokoschka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "debut_caractere": 5565, "fin_caractere_exclue": 5847, "texte": "Sturm-Austellungskafaloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Otakar Kubin / Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1916-12-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1916-12-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1916-12-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "108", "page_fin": "108", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Die Aeste der Bäume zitterten in der\nSonne, als sprängen ihre Knospen auf, und ihr\nglitzernder Flimmer fiel zu Boden.\nDer Knabe hatte eben doch schon zu lange mit\nSchick verkehrt, auch er saß allein uind verlassen,\ntraurig auf einem Schichthaufen Schlagsteine an\nder Landstraße, die zur Stadt führte. Er konnte\nes nicht fassen vom Schick, vom guten treuen\nSchick — das wars, warum er traurig war, und\ndas wars eben, warum Schick so dümmste. —\nNach seinem großen Erlebnis — er hielt siclh\nnoch wochenlang den Hinterkopf — ging der\nKnabe in sich und suchte. Da fand er, daß er der\nschwer leidende Sohn seines Vaters war. Auch\ndas Heer fands, „du bist krank, geh zum Tischler\nund bestell den Bretternen\", sprach das Heer. Das\nstimmte zu seiner Grabesmelodie, die in ihm wie\ndie große Orgel rauschte.\nEr setzte sich auf den Steinhaufen beim letzten\nHause vom Dorf und sah krank aus. Obgleich er\nsich nie im Spiegel sah, wußte er doch, daß er\nbleich war und es abwärts mit ihm ging. Er\nwartete aufs Ende und weinte bei dem Gedanken.\nEr war gerührt, daß ers nicht mehr erlebte, wenn\nder „Buckelschalle\" — so hieß der Steinklopfer —\nauf der Blecheinlage seiner Hosen saß, um die\nSteine zu schlagen und zu klopfen. Es stand gewiß\nso mit ihm, auf den übernächsten Steinhaufen\nsaßen schon die hartfederigen Raben und guckten\nmit weiter Speiseröhre nach ihm.\nSo um die schläfrig zaudernde Mittagszeit\nwars, glöckelte was daher.\nMan sah nichts, aber es kam näher.\nEin Schlitten mit kling klang Pferden bespannt\nkam von der Stadt her, kling klang . . kling klang\n. . träträträ war es ganz nahe. Er hielt an ihm an.\nNein er machte nur kehrt. Der Knabe hatte\nAngst, er werde jetzt angeredet, er rückte\nsich schnell aus seiner bleichen Stimmung\nzurecht, damit er dem feinen Fräulein auch\nrichtig antwortete. Er atmete richtig auf, wie die\nPferde wieder anzogen und ihn in Ruhe ließen.\nAber wie das Mädchen jetzt pfeilschnell in die\nFerne entschwand, merkte ers deutlich „es war\ndas Mädchen vom großen See in dem Schlitten\".\nDie wars. So sah sie aus.\nSchwanenweiß. Sie hatte ihn sogar ganz\nfreundlich angesehen. Der Entschluß „fort vom\nSteinhaufen, in die Stadt auf den großen See\"\nschwang ihn rasch herab, löste seine festgeklebten\nHosen. Auch erschien schon die Abordnung vom\nHeere, ihn zu interviewn. „Wegen deinen Glotzern\nist sie umgekehrt\"; einen Streich mit einer\nPeitsche um die kältegespannten Waden, die aus\nden Rohrstiefeln herausstanden, und die Abord-\nnung hatte ihren Auftrag erfüllt und verschwand\nin einem Stall zum Vieh.\nDer Knabe zog die Beine an und war sich\ndoppelt bewußt, daß das Mädchen seinetwegen\nerschienen war. Es war ihm wie dem gepeitschten\nPferd, das blind an allem vorbeischießt. Er hätte\nnur mögen Sätzen können, wie des Schulzen\ngroßer tigerhoher Bernhardinerhund, um seine\nSchlittschuhe rascher unterwegs nach der Stadt\nzu haben.\nMit den Schlittschuhen an der Hand mußte er\nja leider mit gemessenem Gang einherschreiten,\nspringen nahm sich schlecht aus.\nAus jedem Hause kam ein Soldat gelaufen, hing\nzehn Schritte weit an den Schlittschuhen, um Vor-\nhaben zu erfragen und zugleich endlich einmal\ndem Froschstupfer seine eisernen Schuhe zu\nprüfen, ob sie auch echte seien zum eigentlichen\nDrauffahren, spuckte schnell noch auf die Klapper-\ndinger und lief zurück. Da gabs oft abzuwischen,\nbis der Knabe freie Landstraße gewonnen hatte >—\n„schnuppe, der große See war Stadtmarkung\".\nDer Heerführer versäumte trotzdem nicht, freund-\nlich für Eventualitäten, den genauen Plan zu er-\nfahren. „Der Heerführer war gar nicht so übel\",\ndas gab dem Knaben wieder das Rätsel für unter-\nwegs auf: „warum war der so freundlich zu ihm\nund führte trotzdem den Feind Wider ihn?\"\nEs waren Kleinlichkeiten, die hinter ihm lagen.\nVor ihm, oh! . . . der große See.\nDa lag er vor ihm als eine schwere Prüfung\nund schöne Lockung zugleich. Wagen oder nicht\nwagen?! Das waren ja alle so vornehme große\ngewandte Menschen und Künstler, die an ihm vor-\nbei auf dem See gingen.\nEr stand und betrachtete lange und wurde\nimmer kleinherziger, es sprach ganz weise in ihm,\n„kehre lieber um und geh auf den Froschteich,\nda kannst du auch was Tüchtiges lernen, dann\nwenn dus kannst hats noch Zeit für den großen\nSee\". Auch eine Treumahnung vernahm er: „Was\nbist du Schick schuldig, Schick, der dir die Schlitt-\nschuhe geschenkt hat?\" Wenn man nicht ganz\ndas Herz hat, hört man überall Rat und Mahnung.\nEr erfand einen Ausweg: „er suchte mit den\nAugen das schwarze Gewimmel ab, ob das Mäd-\nchen darunter war. Wenn sie nicht da war, hatte\ndas Schlittschuhlaufen sowieso keinen Zweck\". Er\nstierte auf das Gewimmel und konnte einzelne\nMenschen gar nicht unterscheiden, es ging vor\nseinen Augen wie im Schatten eines Lattenzauns.\nManchmal sah er einen Herrn ein weißes Fräulein\nführen, aber die wars nicht. Er stand steif und\nunschlüssig am Eingang.\nPlötzlich erdröhnte die Luft, es war als zer-\nplatzte eine Bombe, so rappelte alles durchein-\nander. Das Rauschen und Schwirren wurde lauter\nund alles kam allmählich in eine schöne Ordnung,\neine Richtung nach hinten, fern um die Biegung,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.3", "texte": "wieder vor auf ihn zu. Die Mitte vom See wurde\nganz leer und der Ring der Schwebenden außen\nimmer dichter. Stösse wie Wellen und Wogen er-\nschütterten sein Ohr, wirbelnde Trommeln; als be-\nreitete sich eine freudige Begrüßung vor, hob sich\ndie Menge. Seine Augen faßten den ganzen See\nund sahen doch nichts. Ein dumpfer Schlag zuckte\ndarein, er bebte, gelb war der Schlag, er hatte\nihn in der Sonne blitzen gesehen. Noch einmal,\nnoch einmal solch ein Schlag. Jetzt jetzt, darum\nwars. Das Mädchen vom großen See kam heraus\nund stand in der Mitte und Musik und Menge\ndrehte sich um sie wie ein weitsdhwingendes\nKarussell.\nSo wollte es das Mädchen haben, Musik und\nviele Menschen. Es stand ganz still mit gesenktem\nBlick, oft . . sah es auch zu ihm herüber.\nAuf einmal war sie wieder verschwunden.\nNirgends in dem schwarzen Schwärm konnte er\nsie entdecken.\nEr hatte zu ferne nach ihr gesucht, sie war\nnahe bei ihm und rief ihn an: „komm doch herein\".\nEr schnappte in die Kniee und wollte klatsch wie\nein Hase fliehen, aber sie hielt ihn fest und zog\nihn — das Mädchen vom See — zu sich herein.\nEr wagte nicht, zu widerstreben und nicht sie\nanzuschauen, höchstens von der Seite, wenn sie\ngerade wegsah. Als sie ihn aber fragte, „ist dirs\nnicht recht?\" mußte er ihr beim Antworten in die\nAugen sehen, da schoß ihm das Blut gegen den\nKopf.\nDas Mädchen lächelte und zog ihm die Schlitt-\nschuhe an.\nHaarsträubend! die Schande für ihn, er der\nrauhlederne Knabe ließ sich von dem zarten Mäd-\nchen die Schlittschuhe anziehen. —■ Etwas\nsprechen wagte er nicht. — Nur einmal als das\nMädchen in die Hände fror, griff er an seine\nStiefel, aber er erschrak, er hatte sie bisher immer\nverkehrt angeschraubt.\n„Laß es nur\", sagte sie, „wenn man sie selber\nfestmacht halten sie lange nicht so.\" Aha, das war\nder erste Lehrsatz, dachte der Knabe und sah das\nMädchen verwundert an. Gewiß, dachte er weiter,\ndarf auf dem See niemand fahren, der inichts kann,\ndarum will sie michs lehren.\nDas Mädchen ließ seine Füße los und sie\nschlugen auseinander. Sie war fertig und seufzte\nnicht einmal. Sie sah ihn so merkwürdig lieb an,\ndaß in ihm eine Wolke aufstieg. „Willst du mit\nmir fahren?\" frug sie. Er hatte eine Wolke und\nzögerte — das Mädchen konnte ihm auch nur\nschön tun und ihn vielleicht in den See nehmen,\nkonnte man nicht wissen, . . Schick stimmte ihm\nsicher bei — er schaute sie prüfend an.\nDas Mädchen verstand ihn zu nehmen. „Hast\ndu Furcht?\"\nDer Knabe schämte sich seiner Gedanken und\nkreuzte die Arme, wies das Mädchen haben wollte.\nIn ihren zarten Händen fühlte er sich schnell\nwieder als der Plebejer, zu dem sich eine Prin-\nzessin herabließ.\nUnzählig viele Herren und Damen schwebten\nvorbei in vornehmen Bogen und alle nach dem\nTakte der Musik. Und immer im Vorbeifliegen\nhörte der Knabe sagen: „Das ist der Eiskönig\".\nEr konnte das Mädchen nichts fragen, aber als sie\nselbst sagte „du bist der Eiskönig\" war kein\nZweifel mehr, daß er gemeint war. „Natürlich ist\nEiskönig, wer dich führt\", sagte er.\nDas war sein einziges Wort, sein erstes.\nDas Mädchen drückte ihm fest die Hände. —\nEr fühlte sich bald so sicher wie auf den Füßen\nund vergaß, was um ihn vorging. Er schwebte da-\nhin und neben ihm die Eiskönigin. Und alle die\nvielen Menschen umkreisten und umflogen die\nEiskönigin, allen wars, als flögen sie mit Flügeln,\nals hätten sie Schwingen. Und einer unter allen\nwar der Knabe, in ihm klang nur die Musik und\ndas Rauschen und Summen. Ihm wars wie im\nTraum.\nDer „Froschstupfer\" war Eiskönig. Der\n„Froschstupfer\" konnte Schlittschuhlaufen, die\nBeine regen, den Takt halten, schweben und\nfliegen. „See und Krötenloch!\" haha!\nEr drängte sich mit allen, wenn die Musik ver-\nwehte, an die großen Oefen, wos Glühwein,\nPunsch und Pfannkuchen gab. Er aß selbst einen\nPfannkuchen mit Himbeerfüllung wie die andern\ngroßen Eiskünstler, fuhr wieder los, wenn die\nPauke anfing zu murmeln und war gleich wieder\nim Schwung hinein auf den See. Und wies dunkel\nwurde, wurden blaue große Monde an Stangen\naufgehängt und rings am See entlang schaukelten\nin langen Ketten unter den grauen Erlen Lampions\nin allen Formen und Farben und wieder brausten\ndie Töne und die Erlen bewegten leise ihre\ndunkeln Köpfe und der Knabe folgte dem Zuge der\nWindwelle, die an den Erlen hinauslief weit in\nden See.\nEr fuhr weit weit und neben ihm schwieg die\nEiskönigin.\nAls es auf dem See ganz dunkel wurde, weit\nweg von den Lichtern und nur ein weißer Streifen\nPfad war und See, fragte die Eiskönigin: „wie\nheißt du?\" Der Knabe schwieg lange, dann sagte\ner: „ach würde ich dir sagen wie ich heiße, dann\nwärest du mir nicht mehr gut\". Das Mädchen\nfaßte ihn fest an. „Du hast gewiß einen schönen\nNamen?\" Aber der Knabe schwieg und sagte\nseinen Namen nicht. Da schmiegte sich das Mäd-\nchen enger an ihn und küßte ihn. „Ich bin deine\nBraut\", sagte sie, da fühlte der Knabe nicht mehr\ndas Eis unter den Füßen und der weiße Streifen\nwar ein huschendes Nichts.\n* ❖\nDer Knabe war draußen auf dem See, wo die\nBäume aufhörten am Ufer zu stehen, er fühlte wie\ndas Mädchen leicht war neben ihm und wies warm\nüber den See blies. Er schätzte den Streifen ab,\nwie lang er noch sein könnte, er fragte das Mäd-\nchen, „wo liegt denn die Stadt?\"\nKeine Antwort.\nEr wollte des Mädchens Hände fester packen.\nDie Hände waren nicht zu greifen.\nEr sah sich um, sah Niemand hinter sich, neben\nsich, vor sich. Wohin er sich drehte, nur laue\nFinsternis. Da rief er zaghaft „Eiskönigin\", sie\nwar nicht da.\nDas war eine Stille, die seine Füße auf ein\nriesiges Brett stellten, ein Brett so groß wie für\neinen Holzsoldaten von der Länge eines Münster-\nturms. Er vermochte kaum auszuziehen. Er\nmerkte, er war nicht der Eiskönig, sondern ein\nklein winzig Menschlein mit einem riesenschweren\nBrett an den Füßen. Mit diesem Brett an den\nFüßen sollte er sich ans Land, zurück zur Musik,\nvon der auch kein leiser Ton mehr zu hören war,\nschleppen. Er lief rückwärts, in schweisstriefender\nHast, aber die Züge seiner schweren Schlitt-\nschuhe waren kurz und schwächlich.\nWar überhaupt noch etwas da außer ihm auf\nder Erde?\nJa, er sah ihn vor sich sitzen, Schick, einen\nFrosch von der Größe einer Kuh oder eines\nOchsen, der furchtbar blickte starr gerade ihm\nentgegen, wie wenn er ihm eine lange Eisenstange\ngegen die Brust drückte, damit seine Flucht um\nso schmächtiger wurde auf dem See ohne Ende.\nSchick war ein Ochsenfrosch mit einer häßlichen\nHaut und wulstigen Ausschlägen und fing an zu\nlachen, dröhnend, daß das Eis aufsprang vom\nWiderhall.\nSchicks Aussehen wurde immer aussätziger, er\nverschwand unter dem Eis, der Streifen wurde\nweißer und größer. Der Knabe blieb stehen und\nlauschte. Es war ganz still, nur schob sich unter\nihm etwas an der Eisdecke entlang, es rutschte\nimmer lauter, dann ein donnernder Knall und\nSchick schob seinen dicken großen Kopf, hart an\ndie Eisdecke gelegt, wie einen Eisbrccher durch\nden See. Der Knabe sprang mit wackelnden\nBeinen, aber er kam nicht hinaus.\nJetzt schob sich Schick unter seinen Füßen hin\nwie ein Schornsteinfeger, es krachte andauernd,\ner blieb regungslos stehen und wartete bis Schick\nvorbei war. Aber Schick blieb jetzt auch stehen.\n— „Schick sah ihn, Schick wußte von ihm, an\nSchick hatte er sich versündigt.\" —\nDer Knabe rief laut, wußte aber nicht, ob ein\nTon aus seiner Kehle kam. Dafür bemerkte er\ndeutlich vor sich die Erlen, einen dunklen Streifen,\nder den weißen säumte, er hörte sie rauschen und\nfuhr auf sie los, mit gesteigerter, aufgeweckter\nKraft. Den schwarzen Streifen mußte er erreichen,\naber er veränderte sich gar nicht, wurde nicht\nhöher und dunkler.\nEr sah es ein, wies mit ihm stand. Warum hatte\ner auch das Mädchen nicht von sich weggehen\nsehen?! Er ging langlam weiter und fing an zu\nweinen. Die Fußknöchel brannten ihm. Ob er\nseinen Vater und seine Mutter wiedersehen\nwürde! . . wenn sie ihn hier sehen würden! . .\ner schluchzte laut, hielt den Arm vor die Augen\nund wischte sich die Tränen.\nGanz sachte schob sich etwas in seine linke\nfreie Hand. Er wollte es abschütteln und schrie\nauf „bist du der Frosch?\"\n„Mir gehört der See\" und ein Krachen wie\ndumpfer Donner war die Antwort.\nEs packte ihn der Frosch, er führte ihn hinein\nin sein kaltes Wasserhaus ... er flehte „ich will\nwieder auf deinen Teich gehen und auf ihm fahren,\nich will nicht mehr auf den großen See in die\nStadt gehen.\"\n„Geh du nur auf den Stadtsee, wer wird auf\neinem Krötenloch Schlittschuh laufen?\"\"\nEs war also nicht der Frosch, laut krachte es\nhinter seinen Gedanken her. „Nicht iKrötenloch\nsagen\", schrie er, „Schick bricht ja das Eis ent-\nzwei, weil ich . . .\n„Auf einmal nicht mehr Krötenloch, so so?\"\n„Gewiß nicht mehr, Schick hat ein schönes\nKönigreich\", es konnte doch Schick sein, der mit\nihm sprach . . . das schmeichelte und versöhnte\nSchick.\nAber es versöhnte nicht, nein . . es schoß wie\nmit Kanonen auf ihn.\n„Wir müssen eilen, daß wir hinauskommen,\nder Frosch bricht bald durch\", sagte die Hand,\ndie ihn führte.\n„Hast du auch Angst vor dem Frosch?\" fragte\nder Knabe und schaute die schwarze Gestalt, die\nneben ihm ging, endlich an.\n„Mich kann er nicht leiden, er gönnt mir kein\neinziges Eisfest.\"\n„Bist du meine Braut?\" fragte der Knabe zu-\ntraulich.\n„Komm, komm, siehst du nicht, wie mein See\nhinter uns herkommt?, das ganze Eis geht schon\nunter.. wir laufen im Wasser .. laufe, da kommen\njetzt die Erlenbäume, hörst du, wie sie tosen im\nSüdsturm?\" Der Knabe wurde nach vorwärts\ngerissen.\n„Der Frosch ist durch\" und hinter ihnen\nversank der See in die Tiefe.\n„Dein schöner See\" jammerte der Knabe.\nDes Mädchens Tränen fielen auf des Knaben\nHand. Mein See ist noch da, bei Tag würdest du"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.4", "texte": "ihn sehen, aber mein Eis hat der Frosch zer-\nschlagen.\nEs brummte dem letzten schweren Krach eine\nneidische Stimme nach.\n„Dem Frosch seinen Neid merkte ich schon\nbeim Dunkelwerden.\"\n„Hättest du mirs gesagt, dann wäre ich nach\nHause gegangen und du hättest dein Eis noch,\n's ist doch meinetwegen.\"\n„Ich habe ja darum gleich meine Schlittschuhe\nausgezogen und habe sie heimgetragen, damit er\nmein Eis stehen lassen soll, wenigstens noch\neinen Tag. Sonst rechnet er mirs immer an.\"\n„Weils meinetwegen ist, sein Neid.\"\n„Was wirds deinetwegen sein! . . aber eins\nweiß ich, das letztemal wars, daß ich mich um den\nwüsten alten Dickkopf kümmerte.\"\n„Du kennst die Geschichte nicht, ich hätte auf\ndem Froschteich bleiben müssen, er hat mir meine\nSchlittschuhe extra deswegen geschenkt, daß ich\nihn damit ehre.\"\n„So? . . das ist wohl neu, daß einem Frösche\nSchlittschuhe schenken. Sagte es der alte\nSchwindler, daß sie von ihm seien?\" kicherte\ndas Mädchen laut vor Vergnügen.\nDem Knaben kam das Kichern sonderbar vor.\nW'ar denn mit der Schenkung etwas nicht echt?\nSchick war ja als Zauberer bekannt.\n„Das wäre auch ein Geschenk von einem\nFrosch! . . die Qual! auf einem Teiche fahren zu\nmüssen, der nicht größer ist als ein Seerosen-\nblatt!\"\n„Ich habs aber getan\" . . . „eine Qual wars ja\nfür mich\", das Geschenk kam ihm jetzt auch\nzweifelhaft vor . . . „aber auf den See bin ich nun\nnit gegangen\".\n„Für den See, ha ha, dafür ists ein ganz nettes\nGeschenk\" . . „für einen schmierigen Frosch-\nteich sind die feinen Schienen gewiß nicht\" . . der\nKnabe schüttelte sie von den Füßen.\nEs war an Land, so konnte er schon ein bis-\nchen den alten Schick auslachen helfen. Schick\nhätte sichs eben besser überlegen sollen, eh er ihm\netwas schenkte, er war .doch nicht so sehr auf\nden Hinterkopf gefallen! . . es freute ihn, daß ers\nSchick heimgezahlt hatte . . . „Wie schön ist da-\ngegen dein See!\" rief er noch dazu aus.\nHierfür umschlang ihn das Mädchen.\nWars ein Blitz und Donner mitten im Winter?\n. . Schick brummte ferne, vom Dorfe her, aus dem\nFroschteich . . man ging zu weit in der Verhöh-\nnung Seiner!\n„Ist der Blitz nicht im See untergetaucht?\" frug\nleise der Knabe.\n„Wenn dus gesehen hast . .\" das Mädchen\nlag an des Knaben Brust und — weinte, vorhin\nhatte sie noch gelacht.\n„Warum weinst du?\" frug der Knabe, der sich\nauf einmal wie ein derber Mann vorkam.\n„Wirst du auch ohne Eis — zu mir kom-\nmen?\"\n„Wenn du so große Seerosenblätter hast, wie\nSchicks ganzer Teich! . . denke doch . . weine\nnicht. Ich käme aber auch ohne die zu dir, ich\nliebe dich sehr.\"\nDie Erklärung war bestimmt und trocken. Dem\nMädchen kams vor, als ob der Knabe wahrer und\nliebreicher wäre, wenn er schwieg . . „Oder du\nkommst nicht wieder, dir bin ich bloß zum Schlitt-\nschuhlaufen gut genug.\"\n„Du! gut genug? du schönes Mädchen.\"\n„Du hast mich bei Tag noch nicht ohne meinen\nSchleier gesehen.\"\n„Du bist schön, ich habe manchmal durch den\nSchleier hindurchgesehen, du hattest schöne\nAugen. Und dein Mund war so warm . . . Höre\nauf zu weinen! ich komme wieder.\"\n„Versprich mir nur, gehe nicht mehr zu Schick\n. . dann wirst du vielleicht Wort halten\", sie\nging schnell weg und ließ den Knaben stehen, sie\nmußte zu sehr weinen, sie hatte jetzt schon Heim-\nweh nach ihm.\nSie verschwand im See . . . dort wohnte sie . . .\ndas arme Mädchen wohnte in dem nassen grossen\nSee?! Es war so mild und bescheiden und war\ndoch Eiskönigin, sie hatte ihre Pracht und ihren\nGlanz ganz still abgelegt und war mit Trauer im\nHerzen in den See hinabgestiegen. Der Knabe\nwollte es sehen, wollte es hören, nur ein leises\nWasserplatschen war da und hielt an. Es war ihm,\nals hätte sie den Reichtum seiner Seele an sich\ngenommen und würde ihn aufbewahren, daß nichts\ndavon verloren ging. Das Mädchen, wenn's nur\nschon am Morgen wäre! besuchte er täglich, dann\nsah er auch den See und erfuhr das Geheimnis, wo\nsie wohnte und woher sie ihr liebliches Wesen\nhatte. Sie webte sich ihre Lieblichkeit gewiß aus\nden gebleichten Lichtfaden des Mondes und war\nam Tage mit diesem Schleier verhüllt. Das wissen!\nund niemals mehr ging er zu Schick, weil sies nicht\nhaben wollte. Ihr alles zu lieb!\nSchick, der eigennützige Schenker, hatte aus\nWut ihm und dem Mädchen das Eis zerschlagen.\nBenutzte denn jener seine grelle Stimme in\nschönen Sommernächten wirklich bloß für den\nFroschteich . . raubte er nicht mit ihr dem ganzen\nDorfe den Schlaf, weils ihm gefiel?\nDamit hatte er den passenden Vergleich ange-\nzogen und konnte befriedigt den Regen auf sich\nniederklatschen lassen. In Zornwallung nahm er\nsichs vor, Schiclk, wenn er nächsten Sommer sein\nmarkerschütterndes Gerätter losließ, in einer hellen\nSommernacht aufzulauern und ihm eins mit der\nPeitsche, mit langer Schmitze überzuzünden, weil\ner — in den Froschteich gehörte. Dann wars ver-\ngolten. Fürs Eisbrechen! Er empfands, Schick\nwar ein rachsüchtiger Mensch . . rachsüchtig für\ndas unschuldigste Vergnügen. Er stapfte in Stock-\nfinsternis dem Dorfe zu.\n„Holla!\" er war auf die Strasse gekommen und\nausgeglitten.\n„Haha!\" lachte es hinten nach.\n„Elender Schick! auf der Strasse brauche ich\nkein Eis, da ärgerts mich.\"\nSo, der Knabe sah ihn genau sprechen mit\nbreitem Grinsen, ich dachte, du wärest verliebt in\ndie Eiskönigin, habest dadurch eine freundliche\nErinnerung an sie, durch gutes Glatteis auf der\nStraße. Aber da täppelst du wie eine vollgefres-\nsene Ente auf Parquet. Überhaupt woher hast du\nauf einmal so viel Temperament gegen mich her-\ngenommen? von dem Mädchen? Patsch, klatsch,\nwir wollen dich ein bischen hinschlagen, daß du\nwieder mein ordentlich demütig Büblein wirst. Das\nMädchen verderbt deinen Kopf, Knäblein. Klatsch,\npatsch, noch einmal hin.\nAu, au, dem Knaben schmerzten die Knie so\nschon. „Schick\", rief er freundlicher, kannst du\ndenn gar nicht genug bekommen?, höre doch auf.\"\nSchick brach mit seinem Kopfe die Decke vom\nFroschteiche auf, er hörte nicht auf, er hätte am\nliebsten dem Knaben die Eisschollen über den Kopf\ngeschleudert . . dafür war er aber zu weit ent-\nfernt. Noch lieber im See ertränkt! Und Schick\nhatte das Heer hinter sich in seinen Gedanken, er\nlegte es in einen Hinterhalt, Blut mußte\nfließen! Weh dem, der treulos war, und auf den\nStadtsee ging!\nDie ersten Lichtscheiben tauchten vom Dorfe\nauf, dem Knaben klopfte das Herz, weil er heim-\nkam, und seinen Ruhm verkündigen konnte, er\nzählte die Steinhaufen, es waren noch dreie, ein\nschwacher Schimmer pinselte sie, dann kam das\nerste Haus, dann kamen die beiden großen Scheu-\nnen, er wußte, schräg hinüber lag der Frosch-\nteich, er wendete den Kopf aber nicht dorthin, son-\ndern starr geradeaus auf die Mitte der Strasse, auf\nden schwarzen Haufen in der Mitte, hielt er den\nKopf.\nEr trat kurz.\nEr trat kurz, das war das Heer.\nIhm graute. Sein Herz hämmerte, daß es das\nHeer hörte und) unter sich „Pscht\" machte. Um-\nbiegen? Ausweichen nach dem Froschteich? Um-\nkehren?\nEin sdaitzflehender Gedanke nach dem Mäd-\nchen band ein Eisenband auf seine Stirne, es wallte\nsein Blut vor Stolz und Heldenerlebnis auf dem\ngroßen See, er setzte Hörner an die Ecken vom\nKopf, worunter die Schläfen zucken und schuf sich\neinen Hammer, wie Karl Martell, mit seinen\nSchlittschuhen. Sie mußten in Schwung, sie\nsausten wie eine klingende Kreissäge durch die\nLuft.\nVorwärts! er fühlte sich nur als mitsausende\nAchse, so duckte er sich in den Kern der lossprin-\ngenden Säge, seine Faust.\nDer Heerführer sank zu Boden und den Hagel\nvon Hieben durchschnitt die Säge wie vorge-\nworfene Prügel.\nLeichenstille ein stummes Heer.\nDer Knabe trug seine warmen rieselnde»\nKopfwunden zu seinem Vater und erwartete von\nseiner gnädigen Hand den Lorbeerkranz.\n* *\n*\nDie Nacht war lang und das Sickern der\nWasserrinne am Hause war wie ein endloser\nFaden, der ihn wirr mit dem Mädchen, für das er\nin den Heldentod gegangen war, verband. Er hörte\ndas Plätschern . . von einem Brunnen, der in der\nNacht von Schick vors Haus gestellt wurde ...\nund seltsame Dinge geschahen um den Brunnen,\nsein Becken war grün wie der Froschteich und er\nstand am Rand und weinte darüber, daß ihm die\nEier auswichen und untersanken und das Becken\nsich mit trübem Wasser füllte. Und Schick saß\nbescheiden in die Ecke der aus der Mitte ragen-\nden Brunnensäule gedrückt, und sah wehmütig aus\nund machte ganz zaghafte Nickerchen zu ihm, als\ntraute er sich nicht, ihn einzuladen, weil er nun der\ngroße Herr Eiskönig sei. Er hatte Mitleid mit\ndem alten verlassenen Freund, wenn der Wind die\nStrahlen der Rohre schüttelte und Schick die Haut\nzusammenzog.\nDer Nacht folgte ein trüber Tag. Der Knabe\nsaß herum, mürrisch und wehleidig. Es war ihm,\nals hätte ihm Jemand das Mädchen gestohleuu und\nihn Jemand mit Schick entzweit. Die Freundschaft\nzu dem Mädchen am großen See war wie nie,\noder schon vor langer Zeit gewesen, so daß man\nsie nicht mehr erneuern konnte, ohne den Ein-\ndruck jenes Tages zu zerstören und die Erinne-\nrung an ein bestimmtes liebliches Aussehen der\nGeliebten zu verwischen, oder ganz zu verlieren.\nUnd mit Schick konnte es nicht mehr das Alte\nwerden, man hatte sich gegenseitig beschimpft und\nverleumdet. Er preßte die Nase an die Fenster-\nscheiben und sah stundenlang die Schmiedknechte\nan Bindfaden vom Himmel auf die Erde sausen\nund ihre Hämmer durcheinander auf der Straße\nschwingen bis die Schlacke abfloß und die harte\nRinde erschien . . . dann hörten sie auf. Schick\nwar Geschäftsmann und sah die Sache weniger\nsentimental an. Er brauchte notwendig Jemand,\nder seine Anschauung i,m Dorfe vertrat. Hatte das\nder Knabe früher getan, so wirds auch wieder\nwerden, dachte er. Das Heer konnte ein böser\nBundesgenosse werden, wenns einmal ans Angeln\nund Fischen ging, den Erlen die Zweige schnitt,\nPfeifen klopfte, und Peitschen handelte, das sah"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.5", "texte": "Oskar Kokoschka: Neu Waiden"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.6", "texte": "Schick voraus. Er hatte darum wahrhaft tücki-\nsches Bemühen, den Knaben anzulocken. Schick\nließ den Knaben durch die Quelle, die er als\nreissenden Bach ins Dorf hineinschickte, mitteilen,\ner möchte zu Schick kommen zu umfangreicher\ninniger Versöhnung, er wolle ein Wasserfest ihm\nzu Ehren geben, eine Ehre sei der andern wert!\nDer Bach richtete es wortgetreu aus und rannte\ndem Knaben über die Hausschwelle, redete sogar\nan dem Knaben herum im Stall, im Keller, auf\nder Miste, in der Scheune, recht aufdringlich, aber\nder Knabe zog bloß die Füße an und lachte: „will\ner mich wieder haben? . . er kann warten . .\ner soll sein Fest allein feiern . . ~ meint Schick,\ner dürfe mich nur einladen, dann . .?\"\nWas zog dem Knaben für ein warm Gefühl\ndurchs Herz, nach der Absage. Seine Freund-\nschaft und Liebschaft war doch erst von gestern.\nEs hellte sich auf und war am Himmel noch gleich\nschwarz und düster.\nDer Quelle wars angenehm, daß der Knabe die\nEinladung nicht annahm. Sie hatte dem Frosch\nden Botendienst nur ungern getan. Und weil sie\nunverrichteter Dinge ins Dorf gelaufen war,\nscheute sie sich zum Frosch zurückzukehren, trieb\nsich herum und verlief. Sie überschwemmte die\nWiesen. Daran merkte Schick, daß er auf den\nKnaben umsonst wartete. Der Lausejunge hockte\ngewiß in der Stube und schrieb Liebesbriefe an\ndas Mädchen mit seinem ABC-Griffel, womöglich\nunter Aufsicht eines unvernünftigen Vaters. „Wenn\ndus willst, so kann auch Krieg bleiben zwischen\nuns\" . . . „aber dann, hüte dich\", er stieß den\nBach weiter und setzte das ganze Dorf unter\nWasser.\n„Kommt ihr vom Heere! wenn er nicht will.\"\nDas Heer wurde zusammengeblasen, der Heer-\nführer war Alarm.\nDer Knabe lächelte. „Dem Heer macht dein\nLärm Ehre . . aber das Heer steht bei mir in\nUnehre . . sieh dir den Heerführer an!\"\nDas Heer zog aus. Voran der Heerführer mit\nder Schärbe von seiner neuesten Auszeichnung,\ndie er sich nur aus Scherz (!) hatte verleihen\nlassen, um den Kopf. Hinter ihm vollzählig die\nnackte Schar der Soldaten. Nackt waren alle bis\nnah an die Hüften von oben sowohl als von unten.\nFreudiger Jubel begleitete das Heer ins Feld, man\nhörte so recht die Pauken, wies elastisch daher\nwogte das Heer durch den reissenden Strom. Es\nschrie und abenteuerte hinaus zum grünen König-\nreich.\n„Gut . . nicht übel\", sagte Schick, als er dem\nAnmarsch unter dem Tor des Stechschrittes\ndurchsah. „So seid ihr ja noch gar nie bei mir ge-\nwesen! ihr lieben Kerle\" ... er blies wie ein\nPanther durch die Nase.\nDas Wasserfest begann. Man schuf neue Flüsse,\nbaute Dämme. Es patschte und klatschte im\nWasser. Schick schmeichelte sich recht in den\nHaufen ein, hätte er Haare besessen, wären sie\nden Soldaten von der Katzenschmalgerei am Leibe\nhängen geblieben. Immer erfand er neue Spässe\nmit seinem Wasser, er vergeudete es eimerweise.\nEr füllte die Dämme, durchbrach die Schleusen,\ner ließ sich auch Steinwürfe auf die schmutzig\ngelbe Decke gefallen, ja, er spülte ihnen gar zum\nWerfen die Steine aus dem Boden. Schließlich\nvesuvte er eine große Ladung schwarzer Lava aus\ndem Grunde in breitem: Strom über die mistge-\nsüßten Wiesen. Wie die glühende Lava des Ve-\nsuvs Feuerwein erzeugt, so erzeugte der schwarze\nSchlammstrom dem Heerführer eine Idee.\nDer Heerführer ging lautlos mit; gutem Beispiel\nvoran, und strich den ganzen nackten Körper mit\ndieser herrlichen ebenholzmatten Masse an und da\ner wußte, daß, wenn der Körper schwarz war,\nman Anstand nicht mehr nötig hatte, verschwand\nauch das bischen Manchette um die Lenden\nvollends. Unter Hurrageschrei ging das Heer auf\ndie Idee tätlich ein. Es pfiff und klatschte, wie\nwenn Seife noch nie etwas gekostet hätte. Bald\nstand das Heer in eintöniger Kameruntoilette, es\njuchzte über die Länder und Meere den Stammes-\nbrüdern und Landsleuten von Ost und Südwest\nGroßafrika in geistvoller Hingebung zu.\nDas war nett. Der Frosch schaute sich sein\nWerk an. Für ihn war es der Glücksgriff des\nTages. Er spreizte die Hände wie eine verzückte\nschlecht geratene Madonna.\nSofort hielt der Heerführer Kriegsrat. Es wurde\nbeschlossen, den grünen Neid und den gelben\nAerger des Knaben zu erwecken. Der Zug w.urde\ngeordnet. _ Wer aus Versehen noch etwas Scham\nfühlte, erhielt einen Klitsch. Bataillon marsch!\nund eine Herde Schwarzwild rannte sauähnlich\nunter Teufelsgrimassen durchs Dorf.\nDer Knabe saß geschickt auf seiner Bank vor\ndem Hause, er wurde liebkost, umtanzt und ver-\nhöhnt, daß er Kleider trug. Modern sei nur dies!\n— Merkwürdig . . das Heer wurde leiser . . der\nKnabe schien sich gar nicht vor ihnen seiner Zivi-\nlisation zu schämen, denn er spuckte sechsmal vor\nihnen aus.\nDaß das auch aus Neid sein könnte, verfehlte\nder Heerführer nicht zu bemerken, schwenkte aber\nmit seiner Schar, es war ihm wie doppelte Scham\n„gestern durch den Knaben verwundet und heute\nverachtet\".\nDer Knabe schien den Respekt auch so nicht\nwieder gewinnen zu wollen.\nDer Frosch zog seine Nasenlöcher zusammen\nwie ein Seehund, ~neuestens ist er zu nichts mehr\nzu gebrauchen . . . glaubet ihm seine Renom-\nmierereien vom großen See nicht!\" sprach er zum\nHeere und entließ das gewaschene Heer mit Sold\nund Schande. Er hätte gern den Knaben\nrecht dick mit Schlamm besudelt. Schick\nwäre gern zehnmal schlauer, hundertmal er-\nfinderischer gewesen, den Knaben herzukriegen.\nDessen runde Absage setzte aller seiner Dreistig-\nkeit die Krone auf. Was wollte aber Schick aus-\nrichten! auf etwas Besseres als wochenlangen\nRegen verfiel er nicht, er hatte vielen was zu\nverderben, nicht bloß noch dem Knaben. So kams,\ndaß ihm der Knabe — durch die Zeit — eine Null\nwurde, entstanden von der negativen Seite.\nDurch die Zeit — Eis gabs nicht — sehnte sich\nder Knabe nach Unterhaltung. Er erinnerte sich\nder Vergangenheit unparteiischer. Neutral.\nKeinen Tag konnte er den Entschluß fassen, an\nden großen See zu gehen. Wird er so, ohne Eis auch\nschön sein? war die Eiskönigin als werktäglich\nMädchen, ganz ohne Schleier, auch hübsch? Nur\nSchwanenweiß, in ihren Schleier gehüllt, hatte er\nsie kennen gelernt, so wollte er sie seinem Ge-\ndächtnis erhalten, so liebte er sie.\nDas Mädchen wußte ja damals schon, daß er\nnicht wiederkommen werde. Wie sollte sie ein-\nsam unter den Erlen stehen und in das dunkle\nWasser sehen, ob e r nicht zu ihr komme. Wie\nkonnte eine Sehnsucht nach ihm existieren? Das\nMädchen würde ihn vielleicht erstaunt ansehen,\nwenn er auf einmal daher käme . . . daß das Mäd-\nchen verlassen war, fiel ihm nicht ein.\nDas Mädchen so zu besitzen, genügte ihm, daß\ner mehr an ihr haben könnte, glaubte er nicht.\nVon dem Kräuseln einer unübersehbaren See-\nfläche, von Schwänen und Wildenten, von dem\nPerlmutterglanz bei untergehender Sonne, von\nnebeldunstigen, von schwebenden Nebeln und\nMorgenglanz, von Bleiglätte, und blitzend weißen\nSegeln, von Schilf und sich spiegelnden Ufer«\nwußte er nichts und davon, daß ihm das Mäd-\nchen so gerne schweigend und deutend gezeigt\nhätte, wußte er auch nichts.\nEr verstand aber — wie ein Studierter — den\nkritischen Vergleich zwischen Froschteich und See\n«ach Vorzügen und Nachteilen zu ordnen. Daß er\ndas Große besser kennen lernen mußte, um das\nKleine gänzlich zu meiden, sah er nicht ein. Etwas\nvom Parteigeist vom Heere und Dorfe besaß er\ndoch, der Neutrale, und wollte den Froschteich als\ngrößten See vom Weiler nicht ganz zu Schanden\ngemacht wissen.\nSo kam der Tag, wo der Knabe zur Aussöh-\nnung mit dem Frosche geneigt war. Ob der Ter-\nmin dem Frosche nicht zu spät war, oder ob ihn'\nSchick noch haben wollte, ob der nicht erstaunt\nwar, erkundigte er sich nicht zuvor. Er ging zum\nFrosch.\n\nFortsetzung folgt\n\nFelden\nLichtspiel\nFranz Richard Behrens\n\nI Freuen\nRosen erhängen Rosen\nJunge milche Rosen knien zarte Morgensonne\nRosen tanzen\nRosen strudeln Seesilber\nRosen springen harten Blätterrissen\nSchweben Reigen\nReigen Reigen\nGlühen schwarze glatte Seidenfläche\nGlühen rosawerdend morgenblauen matten Spiegel\nSterne verweinen verblassen\nRosenringe türmen Rosenrasen\nZwei grad Entknospete jauchzen küssend hoch.\nViolen verbrennen\nRosen winden firnenschnee Marmorsäulen\nLilien erröten\nKelche neigen\nInmitten hellen satten Himmel badet Rose Rose\nwandernden Schimmer aller Farben\nAlle Lichter singen buntester Sonne Blühen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.7", "texte": "Oskar Kokoschka: Gertrud Eysoldt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.8", "texte": "II Schrecken\nBuchen schlanken ferne weiten lose Weiten\nSmaragd Lichterperlen schwülen körne Fluren\nSchwalbenschwänze ziehen\nSonnenschalen schatten kaffeebraune Samtflecken\nBlitz schlägt zur Mitte\nBlitz rollt entgegen\nSchnellen\nAugenblick augenzerreissen\nder Purpur.\nWeißes Lamm tröpfelt Blut in milden Wiesenglanz\nBricht wankend zusammen.\nBlitze hauen kaiserblau\nKelch kippt um\nRoter Wein fasert weiße Linnen\nWeinspützer rieseln weiße Nelken\nFluten silberflammend\nBlitzen gießen gasgrün\nTulpengelber Fisch wühlt Waldweiher grau\nBlitze ruten kupfergluten\nRosaschneehaar Tauben schnäbeln in\nFliederbüschen\nSonne feet\nJunge Füchse würgen Tauben\nWind reißt Fliederblüten ab\nFüchse balgen einander\nBallen dichter\nBlutlachen krusten Kristalle\nBlütenkreuze fliedern lila Sonnefunken\nDas Knäuel staut\nStarrt\nBricht\nWenige zerrissene Tiere streicheln einander\nsacht Pfoten\nLecken einander behutsam Blut aus den Wunden\nFuchsköpfe neigen\nRücken\nSchütteln\nFüchse überschlagen in der Luft\nSchmettern gegen Felsen\nStürzen in Abgründe\nBlitze treten Nelken\nRoter Regen reckt Regenbogen Springbrunnen\nHeckenrosen schließen Knospen\nGrüne Blätter gelben rauh\nDornen stacheln hoch\nGoldkäfer mit Purpurlitzen flitzen unter hechte\nMoose\nWilde Bienen erflüchten hölle Höhlen\nBaumperlende Ameisen schleppen Fieber in\nschiefe Splittergrotten\nBlitze beulen rostblond\nBreite Ströme harken ihre Ufer ein.\nMeeren\nVerschlingen Felder\nBlitze glitzen Ginster\nEin Elefant zerstampft lange Wälder sternen-\njunger Vergißmeinnicht\nBlitze Stollen strolchrok\nTiger fetzt Primel\nSterne wurzeln Blütentrümmer Wasserwüste\nBlitze schwerten himbeerrot\nSchlangen sonnen sich Waldlicht\nBekämpfen einander\nVerschlingen\nVerknoten\nVerschürzen\nVerbeissen\nReitendes Gleiten rast\nAugendiademe sprühen Schaumgekröse\nSchlangen verschlingen verschlingen Schlangen\nWenige weniger bleiben\ndie Größte bleibt\nRingelt sonnegetunkt Geschmeide\nGolde silber rote Strudel stufen\nBlitze kirchen kirschengrün\nEitler Wolf erklettert die rubine Schale\nopalseidener Wage\nKleine Flamme betupfte Silberschale hält\nGegengewicht\nWolf springt ab\nJapst auf\nRubinschale sinkt\nWeißes Lamm zagt auf die Rubinschale\nSchale bleibt\nLamm zittert nieder\nBangt wieder auf\nSchale sinkt.\nBlitze schneiden fahnenblei\nUhr füllt Raum\nDer Sekundenzeiger wächst groß erschlägt alle\nanderen Zeiger\nRiese Sekundenzeiger rückt stahllaufend auf\nGlühende Akeleiglocken Levkojendolden dürsten\nhängend gegen den Zeiger\nBlumengewinde zerranken überwinden\nsonnenlach den Zeiger\nSicher rückt Zeiger grau aus schwarz und weiß\nschlagend weiter\ndie Blumen blitzen zu roten Kronen.\nBrennen zur Achse\nBlitze krallen lippenwund\nGeilgrüne Fliegen ertaumeln staube Netze\nStockgelbe Giftspinne klammert Opfer\nFliege rüsselt Blütenbecher\n~\nBlitze sieden südgrün\nMondlicht baut Brücken von goldenen Kugeln\nnach naktschwarzen Gittern\nBlitze kelchen Teelehm\nHasen rennen keuchend Blutkreis\nBlut dickt und dunkelt\nHasen heben nur noch angstverqu eil ende Köpfe\nBlitzen fausten Karmoisin\nZitronenfalter gaukeln sturmhaute Brände\nLassen lässig Flügel versengen\nBlitze geissein Elfenbein\nSilbermöven hacken Silberdisteln\nDornen bohren kraftvoll Silberseide\nLeib und Strand rinnselt rot\nGlatte Wellen küßt Abendsonne.\nIII Taumeln\nSchwarzer Wald\nmilcher Fluß rose Wiese\nWald strotzt wuchtiger massiger .\nSchwarzgrüne Eichen stehen aus schwarzsepia\nFluß seidet silbriger\nWiese wogt Tausendschön\nKornblumen und Roggenähren entwellen\nWiesenwand\nReihen heißen Kranz\nKranz schmiegt sich geschmeidig umarmend über\ndie ganze Fläche\nKistengelber Komet saust auf die Mitte des\nWassers\nStahlgelbe Flammen züngeln\nKranz ringelt rasend um die Flamme\nErstickt Flamme\nErdkugel dreht im flüssigen Azur\nKranz rollt um Europa\nAn Stelle der Aehren tanzen rote Flämmchen\nDie Kornblumen heben sich empor\nSchweben\nSternen\nAzur verblasst\nSterne bären Sterne\nHellen den ganz groß werdenden Blumenstern\nDie Erdkugel fahlt aschenglut und klein\nGraut\nVerwindet in der Tiefe\nBlitzgestreifter Adler mordet blutlistig wein-\nwilde Sänger\nReckt\nStolzt Schwingen\nSonnensilber flimmert\nColibris Chamäleons Tropenfalter Tiefseefische\nflüssigen Schimmer\nSMberdunst weibt Goldwasser\ndie Tierfarben scheinen blühender\nSilberwasser glast Schwarzsamt\nFarbenorgien tollen zechglühend\nTief lilien mattblauen Altar feiert Wachslicht\nheiliges Brennen\nHäßliche Stechmückenschwärme taumeln durch\nGlasfinsternis\nZittern Weihe\nDolchen blinde Flamme\nVerlodern\nRubinrote Perlen fallen auf scheeige Altardecke\nFlamme blitzt Spielen in den Rubinen\nRosenkreuze wachsen weiß\nBetten sterben goldbäumend\nChorfenster hellen auf\nAstern strahlen.\nIV Opfern\nSee fault blaugrün\nSturm stiebt\nPerlmutt gischten\nPerlmutt bändern\nFische hügeln Streichen\nVögel kerzen steilen Reine\nKristalle weilen starr\nMüden staubig\nSteine splittern\nSprengen Kristalle\nSonne funkt\nScherben kochen Erdbeerkerne"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.9", "texte": "Becher bersten Flügel\nKatze packt Buchfink\nRotgelb hackt Blutgrün\nBlut über Kotflügel sonnt naßblanke Spitzen\nDornen sitzen\nTränen sengen Blutsee\nTränen lachen Honigtropfen\nWiegen schwer tanzend auf dem Blut\nTanzsterne ertropfen Paradiesvögel\nDicke Käfiggitter kuppeln Kanten\nKreßgestreifte Tiger begieren haferbraunen Hasen\nHase streichelt weich große Sonnenblume\nLeckt dotter Blütenblätter\nBlume beugt\nHase rädert armen Raum\nSchlägt wirre Purzelbäume\nSilbersonnen baden aus der Blume lichtlohen Weg\nzum Hasen\nHase legt sich ergeben in die Tigertatzen\nSchneesilbrige Winterwiese atmet Nacht\nSkabiosenhimmel stielt Vollmondkugel\nSterne streuen Frieden\nWeite tiefe Silberschale schlingt in sich glänze\nAepfel\nBirnen Aprikosen\nPralle Trauben randen\nBüffel rennen Bäume ein\nBirkenherb flirrt Maischein\nLorbeerzweige leiben Kronenkränze\nMajestäten\nLämmer weiden Lilien\nSilber leuchten dünne Herzen\nWeiße Schwäne sieden golden Glasen\nLila Schwäne furchen mattes Meer\nSchwarze Schwäne kreisen saphyr Glühen\nKorallen lassen Wogen nagen\nEdelweiße sterben Bergesbrand\nKönigskerzen trotzen Hummelheeren\nNachtigallen tollen Morgenlicht\nTrichtern trunken\nNachtfalter sieden Mondguß\nPfirsichblüten sirren nieder\nSprenkeln Taudiamanten\nDrehende Goldurne klemmt Lohe\nBachblumen ranken wuchern Urne\nVerschwinden\nLibellen lachen hinein\nRauch blaut Purpurschleppen\nScheckige Raupen entleibeini an Nesselliaaren\nMenge kleiner knosper Raupen schwillt heraus\nStolpert in leckende Feuer\nDieselben Raupen weiden goldenen Leibes\npurpurpunktiert silberne Weidenzweige\nVier Kondore fliegen lange feldes Meer\naufgehender Sonne entgegen\nFliegen schneller schneller\nSonne bleibt gleich fern\nKondore zerschmettern sich an porphyrfrühen\nGranitzacken\ndie Leiber fliegen pfeilig Blutwolken dampfend\nin das Sonnengold\nEine Marguerite dorrt\nViele Margueriten blühen\nEinzelne Margueriten in vielen Margueriten\ndorren und blühen\nTulpen und Hyazinthen neigen sich flutender\nFlamme zu\nStrahlender leuchten die Farben\nHeller wuchten die Umrisse\nVon der Flamme ergriffen brennen\nFarben und Formen Juwelen.\nV Wohnen\nBlute Strahlen spritzen gleich orange Saffranfeuer\nBlute Strahle speien kurze lange lange kurze\nkurze lange Helle\nSchimmer\nLeuchten\nStern steht\nStarken gelbt\nWälder wachsen\nBerge felsen\nFluten strömen\nKamillen frist fast Sonne\nSand ackert dicken dunklen Acker\nDicht am zungenfrohen Feuermeer treibt\nseltene Blume seltene Blüten fingerhutgroße blasse\nElefanten\nFallen zur Erde\nLaufen fort\nKalifeuer kümmert hinten in der Ferne\nFeld voll Elefantenblumen bärt blühend\nSchwarze Falter fliegen Sonne\nSchwarze Falter stürzen\nWeiße Falter stürzen\nWeiße Falter fliegen Sonne\nSteine bleiben Steine beim Granatbrand\nSonnenuhr spielt unaufhörlich\nStundenglas sandet\nLinden blüten Bruchsekunden\nVertrocknen\nScharlach tunkt den Boden\nBlutbrand ringt um\nUhr und Glas stehen\nLinden blühen lange Lerchen sonnenheiter.\n\nSeidenfaden\nAdolf Knoblauch\nDie listige Sine, Dollings wohlgeratener Erst-\nling, prüfte den von Kerzenschein besonnten Leib.\nSie war unruhig, an den Füßen nicht ganz sauber\nzu sein, aber die dämmernde Beleuchtung ver-\nhüllte das Unvollkommene und beglänzte die\nSchönheit. Sie erwartete mit klopfendem Herzen\ndie Freunde.\nSeidenfaden geleitete den Freund an der Hand,\nder Meister stellte den der Weihe Würdigen im\nTempel dar. Und Siegfried blieb an Seidenfadens\nHand stehen, betrachtete das schöne Weib, wei-\ndete sich an ihrer „ästhetischen Linie\". Dann\nhauchte er zum Meister: „Darf ich . . .?\" Er\ndurfte! Und er stürzte zum Divan, küßte und be-\nrührte Sine am ganzen Leibe. Seidenfaden stand\nneben dem Paare, glücklich, seine Eifersucht zu\nbesiegen, seine Augen zu weiden und zuschauend\nzu genießen.\nSine tat die eine Hand auf das krause Haupt\ndes entbrannten Siegfried und reichte die Andere\ndem lieben Gemahl, der ihr Haupt nahm, über\nden Scheitel glättete, ihr Angesicht am Kinn hob\nund sie auf den Mund küßte. Indes drückte Sieg-\nfried die unteren, niederen Leibesglieder und\nherzte die Freundin. So spielten sie das „Früh-\nstück\" von Manet.\nIm schönsten Spiel wurde die Türklinke nieder-\ngedrückt, und vom Flur rief Gabriele, die aus\nirgend einem Grunde wach geworden war, nach\nihrem Manne. Entsetzt sprang Sinchen auf, und\nmit Bedauern sahen die jungen Leute die ästhe-\ntische Hinterseite des Mädchens wie einen Mond\nin der Gaststube zum weiß duftenden Bett ent-\nschwinden.\nSeidenfaden setzte sich auf das teppichverhüllte\nKleiderbündel, Siegfried öffnete und fragte Ga-\nbriele besorgt, warum sie nicht schliefe. Frau Ga-\nbriele sah im Zimmer die Unordnung, die brennen-\nden Kerzen, den rotbäckigen Seidenfaden, und er-\nlag ihrem traurigen Verdacht. Aber sie traute sich\nvor Seidenfaden nicht, den Ereignissen nachzu-\ngehen, verlangte aber, daß Siegfried sogleich zu\nBett ginge. Er hätte am anderen Morgen zu ar-\nbeiten. Siegfried war verstimmt wie eine Knabe,\nder zu Bett gehen soll und die schönen Weih-\nnachtsspielsachen verlassen muß.\nDie Buntheit hatte Siegfried gefärbt. Das\ngenäschige Dreieck drängte es, die Idylle zu ver-\nlängern. Siegfried mietete ein entlegenes Turm-\nzimmer in der alten Stadt fern von Gabriele, die\nvom apostolischen Geiste der Ueberwindung recht\nunberührt geblieben war. Aber Gabriele fügte\nsich nicht in den Ehestand der Schmach, sie ver-\nbot Siegfried alle Zusammenkünfte mit der Ge-\nsellin des Bunten. Sie hatte auf geheimnisvolle\nWeise die verderblichen Turmzimmerpläne des\nverliebten Dreiecks ausgespürt.\nFreilich blieben Siegfried immer die kleinen\nGelegenheiten, die sich darboten, wenn Geschäfte\nder Partei ihn nach Berlin führten. Dann besuchte\ner das bunte Paar in Sinens blauer Stube bei der\nMutter und nahm fürlieb mit ein Bischen Drücken,\nKosen und Küssen, wobei sie angekleidet blieb: er\ndurfte höchstens die Bluse lüpfen. Aber auch „ein\nBischen\" freute Seidenfaden und er sah genießend,\nüberwindend dem Spiele zu.\nDas gelehrige Melusinchen war die Stolz-\nMagdliche, Verschlossene, die alles Grelle, Harte,\nEifersüchtige mied. Sie ging den Stürmen aus dem\nWeg, um auf der Stube, im Bett die süßen Leiden-\nschaften des Bitteren zu genießen.\nSie hatte zuweilen Augenblicke trübsten Zwei-\nfels, dann erkannte sie in der kreuzweisen Liebe\ndie ärmliche Vermummung sexueller Not und\nin Seidenfadens unerschöpflicher unfruchtbarer\nLiebeswut schwere erotische Belastung! Sie war\neines Tages zu Ostende im heiter menschen-\nwimmelnden Kursaal sehr unglücklich, sie saß be-\nreits eine Stunde schweigend mit Seidenfaden\ninmitten fröhlicher Gespräche der Anderen, und\ner hatte nicht einen Blick für sie, er starrte ohne\nabzulassen auf eine unweit sitzende Dame und\nmachte ihr schöne Augen. Sine wich nicht einen\nAugenblick von seiner Seite und maß den Grad\nseiner Verliebtheit ihr zuleide. Beim Verlassen des\nSaales wies Seidenfaden endlich darauf hin, daß\nwiederum eine Dame verliebt in ihn sei, seinen Fuß\ngetreten, sein Knie berührt habe. An diesem Abend\nweinte Sinchen und betrauerte sterblich ihr Los.\nDoch des Bunten auserwählte Eigenschaften\ngaben ihr die Schwungkraft wieder und sie folgte\nferner blindlings.\nMit wunderlicher Geschwätzigkeit hatte Seiden-\nfaden seiner Leidensgefährtin Jahre lang die Ent-\nhaltsamkeit der Frau als die Grundlage seiner\nLiebe eingedrückt. Und die müssige Sine beschäf-\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.10", "texte": "tigte sich gern mit den physiologischen Problemen\nder Enthaltsamkeit und Fruchtbarkeit. Fruchtbar-\nkeit war es, wenn sie vergnügt mit einem Löffel-\nchen den Blütenstaub der männlichen Gurken-\noder Tomatenblüten auf die weiblichen Gefässe\nübertrug. Was .aber war Enthaltsamkeit? Wie\nwollte ihr Bunter das ewige Kinderkriegen ab-\nschaffen? Ihr hatte der Liebste schmeichelnd be-\ndeutet, daß sie auf der gottesmütterlichen Stufe\nder Ueberwindung stünde, den meisten Frauen\nhingegen sei leider Kinderkriegen noch so not, wie\nden Kühen das Gemolkenwerden. Seidenfaden\nhatte sich mit Sine vereinigt, nicht um das phy-\nsische Kind hervorzubringen, sondern um des\n„Kindes in der Höhe\" willen, womit er vermut-\nlich ein neues Manuskript meinte:\n„Ein silbernes Wort ein Weilchen\n„und ein goldnes Nixchen\n„in einem niemalenen Büchschen.\"\n* *\nJe dürftiger, freude- und liebeleerer, ungewis-\nser die Frei-Ehe in zehn Jahren wurde, desto mehr\nwandte sich Sine in der Furdht vor jähem Ende zu\nden Hoffnungen und Stärkungen durch magische\nund sympathetische Zaubermittel, Horoskope und\nVerschönerungs-Apparate.\nSie trug ein elektrisches Amulett des ameri-\nkanischen Erfolgbundes auf der blossen Brust.\nFrüh vorm Aufstehen und nachts vorm Zu-\nbettgehen vereinigte sie sich seelisch durch kon-\nzentriertes Denken an den Erfolg mit dem Ziel\nihrer Wünsche. In den beiden energie-erfülltesten\nAugenblicken am Tage vereinigten alle über das\nErdenrund verstreuten Mitglieder des Bundes ihr\nkonzentriertes Denken auf den einen und gleichen\nErfolg in seinen tausendfachen Gestalten. Sine\ndachte sich den Erfolg .als Gott mit tausend\nArmen, verschanzt auf einem uneinnehmbaren indi-\nschen Himmelsberge, allein bezwingbar durch die\nstarke Belagerung der Hirne. Der Erfolgler war\nder Mandelknacker, der auf die beiden glücklichen\nKerne im Gehäus fahndete, um „ich denke dran\"\nzu rufen. Das Zauberplättchen auf der Brust war\nder Einsatz in des Erfolges Weltlotterie, irgend\neinmal mußte der große Gewinn herausspringen.\nSinens Kontrolle zum Erfolg, Inhaltverzeichnis\naller Möglichkeiten war das Horoskop: unfehl-\nbare Tafel der günstigen und verhängnisvollen Ge-\nstirne, Summe aller vegetativen und animalischen\nMysterien, siebentes Buch Mosis der Erotiker,\nHoffnung, Hülfe und Zuflucht aller enttäuschten\nund gelangweilten Ehefrauen.\n* * «\n*\nEs gab keine Lauge, ikein Duft- und Räucher-\nparfum, kein Salb- und Färbmittel, das Sine nicht\nerprobte: Sie hatte die Absicht, Theos wegen ihre\nplebejisch formlose Nase mit Hühnerfleisch in eine\nantik gerade korrigieren zu lassen. Sie zog alles\nan, was sie schlank und sechzehnjährig machte\nmochte es nun von Dollings Wirtschaftsgeld er-\nworben oder Nonne und den Geschwistern ent-\nwendet sein.\nSine war sparsam, denn sie sorgte für ihre\nbunte Reisekasse, für die gemeinsame jährliche\nEuropareise. Sie sparte, sammelte, hamsterte,\nborgte das ganze Jahr bei Verwandten, Freunden,\nNonne, der Mutter, und sie wußte die immer noch\nfehlenden zehn Mark im letzten Augenblick vor\nder Abreise irgendwo aufzubringen.\nDas bunte Paar war überall im D-Zug gereist,\nes hatte jede Sehenswürdigkeit, die beträchtlich-\nsten Kirchen und Modebäder nach Bädeker be-\nsucht. Sie machten ihre berühmte Reise an der\natlantischen Küste Frankreichs durch die Pyre-\nnäen nach Spanien. In Tanger wurde Sine von\nechten Arabern geführt, bewunderte Bauchtanz!\nSie reisten an der Mittelmeerküste Spaniens nach\nBarzelona, bestiegen den Klosterfelsen Monsalvat.\nVon Florenz reisten sie nach Chamounix, gelang-\nweilt reisten sie durch die Provence, stiegen in\nArles aus, weil van Gogh die Arlesienne gemalt\nhatte, genossen einige Tage Fontainebleau und\nlebeweltliches Brüssel, reisten heim zur Herbst-\naufüihrung von Parsifal in Bayreuth.\nXII\nMeister Theo Graf von Mumm malte Bildnisse\nvon Bohemiens und bat den ihm unbekannten\nSeidenfaden im Bahn-Abteil, ihn malen zu dürfen.\nSeidenfaden sagte gern zu, aber das Bild wurde\neine verpfuschte Studie!\nDem Meister zeigte Seidenfaden die Zeich-\nnungen Sines: Mädchenfratzen und Rangen in\nallen Posen. Theo erklärte Sine für talentiert und\nbot unentgeltliche Ausbildung in seiner Malschule.\nSine trat sogleich in die feudale Malschule ein und\nbegann Aktzeichnen nach nackten Modellen: junge\nund alte Mädchen, dünne und dicke Männer und\nFrauen stellten auf dem Podium die unverhüllte\nFläche und Plastik ihrer Körper den Damen und\nHerren der Malklasse zur Schau. Die Schüler\nbosselten eifrig Zeichnungen nach den ledernen,\nkalkigen Statisten. Sine schleckte selig ani den\nnackten Mannslinien und sorgte liebend, daß ein\nwenig von den süßen Sachen auch für den Bunten\nabfiel.\nSine verliebte sich in den Meister. Ihre Liebe\ngalt dem berühmten Mann. Wenn er zum Korri-\ngieren an ihren Platz trat, hatte sie sich ent-\nsprechend der Apperzeption von Theos Geschmack\nvorbereitet: durch die Linien ihres Haares, das in\nseiner Lieblingsfarbe und nach seinen Frauenbild-\nnissen stilisierte Kleid, durch ihre mädchenhafte\nSchüchternheit und den folgsamen Augen - Auf-\nschlag. Ein Tadel von ihm traf sie als Kränkung\nihrer Liebe! Seidenfaden beobachtete scharf-\nsichtig Sinens keimende Liebe und begeisterte\nsich für ihre liebende Reife als lebendige Frucht\nseiner Ueberwindung. Seidenfaden wurde ins\nHeim des Meisters eingeladen. Theo hatte Frau\nund Töchter, aber er beanspruchte das erotische\nVorrecht des Künstlers, im häuslichen Dreieck mit\nder schönen Kaukasierin Frau Heliodor zu leben.\nVor diesem Dreieck legte der Bunte seine kreuz-\nweisen Ideen dar. Der Graf nahm die kreuzweise\nkrumm, ein Streit endete unliebsam, die Sitzungen\nzu Seidenfadens Bildnis wurden eingestellt.\nSinens Liebe zu Theo war ausersehen, den\ntrüben Bruch zu heilen, ihr sollte er sich in Minne\nneigen, dadurch würde Seidenfaden Frau Helio-\ndoren genießen. Im Uebrigen war ihm auch dieser\nHahn im Korbe völlig gleichgültig!\n*\nJeden Frühling unternahm die gräfliche Mal-\nschule einen Ausflug. Zum ersten Mal stand Sinen\ndieser Ausflug bevor. Aber ihre Toilette war nicht\nim Stande, sie konnte an einem Frühlingstage un-\nmöglich Crepe de Chine tragen, wenn alle jungen\nDamen in Weiß gingen. Sine fuhr zu einer Kon-\nfektion im Berliner Norden um ein Kleid in\nMonatszahlungen von fünf Mark zu erstehen. Aber\ndie Konfektion dankte für das Geschäft und Sine\nstand entrüstet auf der Straße. Da sie nicht Lust\nhatte, das Mitleid der adeligen Damen zu erregen,\nentsagte die Gratisschülerin dem Vergnügen und\nlegte sich an diesem Frühlingstage mit einem\nRoman D'Annunzio zu Bett. Sie dachte an den\nblonden1, rosig glattrasierten germanischen Grafen,\ndem sein Schulhof huldigen durfte. Sie dürstete\nnach Stärke seiner Liebes-Umarmung. Schließ-\nlich empfand sie durch ihn eine bittere\nKränkung, an der Theo unschuldig war, derm er\nwandelte gern aber unberührt unter den brennen-\nden Blumen ihm zu Ehren.\nDer Nachmittag war heiß. Sine lag entblößt\nauf dem Bett bei verschlossenem, verhangenem\nZimmer. Sie bedauerte Herrn Theo, daß er so\ndumm war, sich nicht ihrer schlanken Schönheit\nzu erfreuen. Sie zürnte der Unkraft ihres Bunten,\nden sie gebeten hatte, nur ein wenig zum Auf-\nregen sie hinten drauf zu schlagen. Der Dumme\nhatte es abgelehnt! Sie begehrte vom germani-\nschen Grafen, daß er die Lust fände und sie\nschlüge. Die Mannesgewalt sollte sie zwingen, und\nsie wollte sie fühlen, so besonders weh brauchte\nsie ihr ja nicht zu tun! Sie erflehte den Liebes-\ngenuß von Theo, und verabfolgte sich selbst in\nErmangelung der Mannsfaust eine Reihe tüchtiger\nHiebe mit der flachen Hand auf die nackte Kehr-\nseite. Die Kinder im Spielzimmer wurden auf die\nschallenden: Schläge aufmerksam. Schweigstille\nsah durchs Schlüsselloch. Dann liefen die Mädchen\nzu Nonne, flüsterten geheimnisvoll, und Nonne\nlachte hell auf, als sie die Prügelgeschichte durch-\nschaute.\nDie kleinen Dollinge ahmten eine Woche lang\nSine nach und prügelten sich weidlich die Kehr-\nseite. Sie fanden aber den Sinn der Sache nicht\nheraus, sie war langweilig, und sie vergaßen den\nSport wieder.\n* *\n•5»\nWie andere Frauen die Toilette stellte Sine\nihre erotischen Erlebinisse und Freuden den\nFreundinnen, Nonne und den Nestlingen zur\nSchau, auch das Geheimste wußte sie auszu-\nplaudern. Die Dollinge waren stets auf dem\nLaufenden über Sinens Liebeswirrungen.\nEines Abends bauten die Mädchen vorm Zu-\nbettgehen in Sinens Bett eine aufgerichtete, steife .\nPuppe aus Schachteln und Töpfen und spannten\nüber das Ganze ein Laken. Sie machten ihr Arme\naus Holzlöffeln, den Kopf aus einem mit feuchten\nLappen umwickelten Kochtopf; das Licht von der\nStraße beschien seitlich das gespenstige Blaß-\ngesicht. Es war Theo, der nach Schweigstillens\nAnstiftung die Geliebte im Bett erwartete, um sie\nan sich zu drücken; in die Rechte steckte sie ihm\nden Ausklopfer.\nSine tratt spät ins finstre Schlafzimmer, ging\nachtlos zum Bett, um sich beim Auskleiden hin-\nzulegen, und stieß an die Puppe. Sie schrie auf,\nals sie neben sich eine hohe, weiße Gestalt er-\nblickte, die sich bewegte, einen riesigen Stiel im\nHalbkreis drohend aufrichtete und krachend zu\nBoden stürzte. Schachteln und Töpfe rollten auf\ndie Diele, der feucht umwickelte Kochtopf streifte\nSinens Hand im Fall.\nDie Genarrte stürmte zu den Kinderbetten, die\nDollinge schrieen Hilfe, Sinens Wut entlud sich\nauf Nonne: „Wie konnten Sie es dulden, Sie stiften\nalle Schlechtigkeiten an, ich hätte einen Schlag-\nanfall bekommen können!\" Schweigstille spitzte\nweinerlich: „Wir wollten dir eine Freude machen!\nDas sollte Theo sein, den du so liebst!\" „Sei\nstill, du Freche!\" machte Sine und ging vergrämt\nschlafen.\nXIII\nSinens Stube in der Wohnung ihrer Mutter\nwar dunkelblau und hatte ein hohes, weiß ver-\nhülltes Fenster. Ein warmer Sommerabend von\nstarkem reinen Blau war rötlich geworden und\nwinzige funkelhelle Sterne erschienen. Sine und\nSeidenfaden beschäftigten sich mit den wunder-\nlichem Reptilien, Eidechsen und Schlangen, die in"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.11", "texte": "einem Terrarium in der Mitte der Stube schliefen\noder reglos krochen und allmählich nach einigen\nMonaten eingingen. Sine fütterte ihre Reptilien\nmit Ungeziefer aus der Küche und Fliegen, die\nSeidenfaden fing. Das Terrarium war ein Geburts-\ntagsgeschenk des Bunten.\nAls der Abend vom offnen Fenster kühler\nwurde, hockte Sine auf die Kniee des Bunten, goß\nsich länglich an ihm hin, umhalste ihn. Sie quäckte\nals Kleinkind, das auf den Arm der Mutter will,\ndie quäckenden Stimmen des bunten Paares\nkrochen' zärtlich um Einander. Sie glichen aposto-\nlischen Täufern, die armgeistig wie Kinder in\nKinderkleidchen, mit kindischen Spielzeug sein\nwollten.\n. Im Hintergrund der Stube dämmerte der wun-\nderliche Schrein, den Seidenfaden nach seinem\npersönlichen Längemaß in Gestalt einer schiefen,\noben platten, unten weitbauchigen Birne hatte\ntischlern lassen. Präraffaelitische Liniengeranke\ntraditionelle Dornenhecken des Burne-Jones aus\ndünnem Zinn zierten die Tür, deren Schloß ein\nWort Wodans aus der Walküre siegelte. Der\nSchrein faßte die 'handgeschriebenen, sackleinen-\ngebundenen Werke und Kompositionen Seiden-\nfadens.\nSeidenfaden dämmerte in Sinens Zärtlichkeiten\nund starrte auf die verworrnen Zinnranken des\nWerkschranks. Plötzlich quäckte er: „Balsamin-\nchen — biste schon im Himmel? Oder kommste\nin de Hölle, wenn de schterbst?\" Worauf Sine\nzurückquäckte, indem sie zum Abendlhimmel auf-\nschmachtete und ihr linker Arm am Stuhle schlaff\nniedersank: „Wenn Schiller in nen Himmel kommt,\nkommt Minchen auch hin. Wo Schiller schterbt,\nschterbt Balsaminchen auch.\" „Wo Minchen an\nnen Himmel glaubt, kommt se rein bis zum höch-\nsten Tron von Diamant und Kristall. Schiller\nschterbt nie und kann in nen Himmel, wann er\nwill.\" „Was Schiller nich Alles kann!\" piepte Sin-\nchen träumend und löste mit der Rechten ihr\nblo;ndgefärbtes reiches Haar. „Das vom höchsten\nTron aus Diamant und Kristall hat wohl Haupt-\nmann gedichtet. Hauptmann ist Schillern ähnlich.\"\nSeidenfaden hörte nicht, denn er war erleuchtet:\n„Natur und Innerlichkeit sind die beiden Pole einer\nschräg ansteigenden Linie. Der untere Pol riecht\nsüß und ist Balsamine, der obere ist unriechbar\nund heißt Schiller. Die schräge Linie steigt nun\naus Pol Balsamine, wo Natur am meisten, am\nbreitsten und wo es vier Uhr früh ist, aufwärts\nStunde um Stunde, bis Mittag. Jetzt steht Schiller\nim Gleichgewicht zu Balsamine, gleichviel Natur\n— gleichviel Innerlichkeit, uns ist harmonisch zu\nSinn, es gibt Mittagsessen! Aus dem Gleichge-\nwicht aber steigt die schräge Linie unaufhaltsam\naufwärts, es wird Nachmittag, Abend, und um\nacht Uhr in der Dämmerung erreicht die Linie den\nHöhepunkt: die meiste Innerlichkeit, die höchste\nGeistigkeit, Pol Schiller! Von ihm reichen abwärts\nacht Stunden bis zum reinen Gleichgewicht und\nzweimal acht bis zu Balsaminens urwüchsiger\nNatur. Am Pol Schiller ist Natur gleich Null, die\nErdschwere am Geringsten.\" „Schiller hat recht\",\nschwärmte Sinchen, „Abends geh ich immer gern\nins Theater, Kino, Konzert, dann fühl ich mich am\nwohlsten! Das hängt auch mit deiner Harmonie\nzusammen.\"\n\nFortsetzung folgt\n\nDruckfehlerberiehtigun\nIn der Arbeit: Ein Vorfall von Bohuslav\nKokoschka / November-Heft / 1916 ist zu\nlesen:\n11. Spalte / vorletzte Zeile: türmt statt türmt\n111. Spalte / 10. Zeile von unten: Es statt er\nIn der Arbeit: Die Not von Sophie van Leer\nfehlt am Schluß das Wort: Welt\n\nAbgewinkt\nHerwarth Waiden\nEigentlich tut er mir leid, der Herr Fritz Stahl.\nEr schreibt für eine Abendausgabe des Berliner\nTageblatts und ich für die Ewigkeit. Wir kämpfen\nauch mit ungleichen Waffen. Denn er, der Stahl,\nist Kunstkritiker und ich bin „der selbe Herr, der\ndiese Ausstellung veranstaltet und als kunst-\nhändlerischer Vertreter des Künstlers tätig ge-\nwesen ist und noch ist.\" Mein Handel besteht\nnun darin, daß ich für die Künstler handle, die\nKünstler sind. Während Herr Fritz Stahl gegen\ndie Kunst verhandelt und verurteilt wird. Die\nKunstausstellung Der Sturm gibt dem Publikum\ndas selbe Recht \"wie die Königliche Akademie der\nKünste: sich Bilder zu kaufen. Es ist mein Ver-\ndieinst, daß heute sogar Leser des Herrn Fritz\nStahl Kunstwerke kaufen. Meine Verdienste hier-\nbei stelle ich Herrn Fritz Stahl ohne Abzug von\nzwei Prozent Skonto zur Verfügung. Schon des-\nhalb damit er sich die Zeitschrift Der Sturm\nleisten kann; und sich nicht nur in der Kunstaus-\nstellung Der Sturm zu lesen braucht, was er tut,\nstatt sich die Bilder anzusehen. Herr Fritz Stahl\nhat voin den sechsundvierzig Ausstellungen bisher\ndrei gesehen. Und er wagt es, folgenden Satz zu\nschreiben: „... war Marc ein Maler, ganz fern den\nanderen Generationsgenossen, die unkritische Mo-\ndernität zu ihm stellt.\" So bildet sich Herr Stahl\nein Urteil, das er nicht hat, weil er nicht bilden\nkann und nie ein Bild in seinem Leben gesehen\nhat. Er sieht nur Gegenstände, mit denen er zwar\nnicht handelt, die er aber der Galerie Rudolf\nMosse empfiehlt, worauf sie gekauft werden. Mein\nVerdienst ist es, inoch nie Bilder ausgestellt zu\nhaben, die Herr Fritz Stahl empfiehlt. Ich verzichte\nauf die Provision, und begnüge mich mit der Vision.\nWo mit Hilfe des Herrn Fritz Stahl ein Pro vor-\ngesetzt werden kann, muß man dagegen sein. So\neinfach ist es, zu wissen, was Kunst ist. In der\nletzten Marc-Ausstellung hat Herr Fritz Stahl\naber nicht nur die Zeitschrift, nein er hat auch\nden Katalog gelesen. „Ganz etwas anders ist es,\nwenn der selbe Herr, der diese Ausstellungen ver-\nanstaltet und als kunsthändlerischer Vertreter des\nKünstlers tätig gewesen ist und noch ist, im Vor-\nwort des Katalogs verhimmelnde Anrufe stam-\nmelt. Es ist ja gewiß folgerichtig, daß für Men-\nschen, die die Erde zerstören wollen, nicht gerade\nder Takt unberührbar sein kann. Wir Andern aber\nwollen doch zunächst darauf bestehen, daß Kunst-\nhandel und Kunstschriftstellerei reinlich ge-\nschieden bleiben.\" Diese Sätze zeigen den ganzen\nHandelsgeist der Leute, die gegen feste Bezah-\nlung ihren Unsinn über Kunst in den Tageszei-\ntungen drucken lassen. Dieser Schreiber wagt es,\nmir zu unterstellen, daß ich Franz Marc „ver-\nhimmle\", um Bilder zu verkaufen. Leute, denen\nder Himmel verschlossen ist, können natürlich auf\nErden weiter nichts tun, als Geschäfte machen.\nEr kann beruhigt sein, der gute Stahl, seine Erde\nwerde ich ihm nicht zerstören, nur den Takt\nwerde ich ihm weiterschlagen, daß er nach meinen\nNoten tanzen muß, auch wenn wir Andern zu-\nnächst darauf bestehen, daß Kunsthandel und\nKunstschriftstellerei reinlich geschieden bleiben.\nWir Andern wollen aber zunächst darauf bestehen,\ndaß die Kunstschriftsteller nicht über Kunst\nschreiben, sich vielmehr reinlich von der Kunst\nscheiden, wenn sie schon durchaus zwanzig Pfen-\nnig verdienen wollen. Und zwar ohne Spesen, mit\ndenen sie die Ausstellungsleitungen belasten. Das\nGeschäft ist nicht richtig. Ich bin sehr großmütig:\nich schenke Herrn Fritz Stahl im Namen der\nKunstausstellung Der Sturm nicht nur die Ein-\ntrittskarte und den Katalog, ich schenke ihm auch\ndie Kritik. Denn sie ist ein Unrecht, das ich ihm\nnehmen kann. Ich bespreche sie, damit er Geist\nbekommt. Er kann ihn nur in verdünnter Dosis,\nzwanzig Pfennig die Zeile, aufnehmen. Wäre Herr\nFritz Stahl öfters in der Ausstellung gewesen und\nhätte er zum Beispiel auf diese Weise das März-\nheft 1916 der Zeitschrift Der Sturm umsonst ge-\nlesen, so wäre es insofern nicht umsonst gewesen,\nals er dann gewußt hätte, daß mein Vorwort im\nKatalog als Nachwort auf meinen Freund Franz\nMarc unmittelbar nach dem Fall des Künstlers hier\ngestanden hat. Denn, Herr Fritz Stahl, ich ver-\ntrete nur Künstler, die meine Freunde sind. Denn,\nHerr Fritz Stahl, ich habe nur Freunde, die Künst-\nler sind. Denn meine Freunde, mein Freundchen,\nsind Künstler, weil nur Künstler mir Freund sein\nkönnen.\nNun muß ich endlich dem guten Stahl noch\nseine letzte Hoffnung nehmen. Die Bilder von\nFranz Marc, die er für die letzten hält, sind na-\ntürlich die frühesten und umgekehrt. Herr Stahl,\nder Freund der Gegenstände, findet nicht einmal\nauf frühen Werken die Gegenstände: „In dieser\nAusstellung sind es zwei, drei Stücke, von denen\nkeines auf der Höhe steht, wie der weiß und\nschwarze Hund der Sammlung, die man im Som-\nmer sah und ich möchte iini diesem Bilde sein\nletztes sehen, mit dem er dann eine neue und\nvielleicht eine endgültigere Art erreicht hatte.\"\nDieses letztes Bild ist im Jahre 1912 gemalt wor-\nden, also vor den entscheidenden Bildern des\nKünstlers. Herr Stahl hat auf diesem Bild nur den\nHund gesehen, nicht aber den Hasen. Das Bild\nheißt die Angst des Hasen. Herr Stahl hat den\nHasen nicht gesehen, weil er vermutlich sich\nkeinen Katalog hat schenken lassen. Da liegt nun\nder Hase im Pfeffer. Dieses Bild hat Herr Stahl\nauch nicht im Sommer gesehen, sondern in dem\neinen September seines Mißvergnügens 1915, bei\nseinem zweiten Besuch in der Kunstausstellung\nDer Sturm. Ich bin in Tatsachen gar nicht so\nunorientiert, wie Herr Stahl in der Kunst. Mir\nkann er nichts weismachen, auch wenn er es\nschwarz drucken läßt und sich schwarz-weiß be-\ngeistert. Da Herr Fritz Stahl nun aber nicht\nBilder sehen kann, hat er auch nicht gemerkt,\ndaß er in der Gedächtnisausstellung November\n1916 mit Ausnahme von drei Bildern die selben\nBilder sieht, die im September 1915, am 7. Sep-\ntember 1915 Herr Stahl besprochen hat. Die Bilder\nhaben sich in diesem Jahr nicht geändert, wie ich\nglaubhaft versichern kann. Wohl aber Herr Stahl.\nNämlich:\nFritz Stahl über Franz\nMarc September 1915:\n„Vielmehr lassen sie\nwildgeschmierte Flächen\nrecht gewöhnlicher Far-\nben als Bilder ausgeben.\nNur das ist es, wogegen\nwir andern uns wenden,\nnicht das Programm. Im\nGegenteil: jeder, der mit\ndiesem Programm ernst\nmacht, arbeitet wirklich\nfür eine neue Kunst und\nverdient allen Dank.\nFritz Stahl über Franz\nMarc November 1916:\nNichts aber ist gefähr-\nlicher als eine solche Ver-\nneinung, die anstelle des\nallein schöpferischen Eigen-\ngefühls ein Konstruiertes\nsetzt, das viele Dinge ab-\nlehnt, nur weil die andern\nsie auch haben. Die freie\nPersönlichkeit bannt sich\nselbst in ein Programm.\nUnd Franz Marc, vielleicht\nbestimmt, ein Einziger zu\nsein, wurde Expressionist\nund ein ibischen Kubist und\neine Spur Futurist\nHerr Stahl ist eben unmusikalisch. Daher weiß\ner nicht, daß man das Programm nach der Musik\nmacht und nicht die Musik nach dem Programm.\nHerr Stahl sieht nicht, Herr Stahl hört nicht, er\nliest nur. Im Konzert die Programme und in den\nAusstellungen die Kataloge. Dafür besitzt er ein\nEigengefühl, womit er eigens das Gefühl ersetzt,\ndas er für Kunst eben nicht besitzt.\nDer Mensch stirbt, die Kunst gebiert.\nIn deinen Bildern, Franz Marc, spiegelt sich\ndie Erde.\nDenn sie sind über ihr, vor ihr und hinter ihr."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19161215-01.1.12", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlagt\nF.Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer StraBe 134 a\nGeoff net tagiich von JO—6 Uhr / Sonntags von\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSiebenundvierzigste Ausstellung\nDeutsche\nExpressionisten\nRudolf Bauer / Martin Rang / Georg Schrimpf /\nFritz Stuckenberg / Maria Uhden\n\nAchtundvierzigste Ausstellung\nJaeoba\nvan Heemskerck\nErflffmmg: 1. Januar 1917\n\nDer Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle I Zeich-\nnungen / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCampendonk I Marc Chagall / Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg Muche / Gabriele Miinter / Nell\nWaldeu\nDiese Kiinstler werdeti ausschlieBlich ditrch den Sturm ver\ntreten\nIsaac Griinewald / Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger J Archipenko / Boccioni I Carlo D.\nCarra / Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann I Yincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund I Oswald Herzog / Johannes Itten I Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMense / Jean Metzinger / Francis Picabia / Pablo\nPicasso / Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkin I Cezanne / van Gogh / Munch\n\nKunstsehule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUnterricht in der expressionistischen Kunst der\nBiihne I der Schauspielerei I der Vortragskunst '\nder Maierei I der Dichtung I der Musik\nBerlin / Potsdamer StraBe 134a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungen werden dort entgegen ge-\nnommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\n\nSturm-Kunstabende\nVerfcin fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nDreiBig Abende September 1916 bis April 1917\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJ e d e n Mittwoch / Beginn aller Abende: 8 Uhr\nFiinfzehnter Abeind / Mittwoch den 20. Dezember\nVortragsabend Rudolf Blumner\ndnter Anderen: Hermann Essig\nSechzehnter Abend / Mittwoch den 27. Dezember\nVortragsabend Rudolf Blumner\nUnter Anderen: Hermann Essig\nSiebzehnter Abend / Mittwoch den 3. Januar\nAage von Kohl / August Stranim\nVortragender: Rudolf Blumner\nAchtzehnter Abend / Mittwoch den 10. Januar\nAage von Kohl / August Stramm\nVortragender: Rudolf Blumner\nKarten 2 und 1 Mark im Vorverkau! fur alle angezeigten\nAbende an der Kasse der Kunstausstellung Der Sturm und\nan der Abendkasse\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nPernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten iedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft 80 Pfennig\nI Fiir das Ausland bei direkter Z u -\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\nI Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\n£in Halbjahr 6 Mark / Ffir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\nDer Sturm: Erster Jahrgang, Nummer 1—56:\n25 Mark / Zweiter Jahrgang, Nummer 57—104:\n20 Mark / Dritter Jahrgang, Nummer 105—152/53:\n30 Mark / Vierter Jahrgang 154—203: 30 Mark /\nFiinfter Jahrgang und sechster Jahrgang je\n10 Mark\n\nBiieher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum: Schiitzengrabenverse / Qedichte /\nGebunden 3 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspiel /\nOberteufel / Tragodie / Ihr still es\nGliick —! I Drama / Ein Taubenschlag /\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung / 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Friihe\nGedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nOskar Kokoschka: Morder Hoffnung der Frauen /\nDrama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Sonderausgabe v e r g r i f -\nfen/ Nummer 40—100 Mark 10\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Glasarchitektur ./ In ein-\nhundertundelf Kapiteln I Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplaren auf\nVan Gelder Biitten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nHerwiarth Walden: Das Buch der Menschenliebie /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplaren I 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Kunst-\nkritiker / Gesammelte Schriften /\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du / Liebesgedichte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna J II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fur Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen / XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fur die Zeitschrift\nDer Sturm I Originallithographie\nDer Abzag 10 Mark\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-*\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwei\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat von\nKokoschka\n\nSturm-Austellungskafaloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupina\nI Otakar Kubin / Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fiinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Biittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zeichnung\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos I 2 Herwarth Walden I 3 Karl Kraus I\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Scheerbart I 6 Yvette\nGuilbert\nOskar Kokoschka: T i e r b i 1 d e r\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachen\nLuigi Russolo: Erinnerung einer Nacht I Zug in\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin I Ruhelose Tanzeriii I\nPan-Pan Tanz\nene Karten\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nSoeben erschienen: Oskar Kokoschka: Menschen-\nkopfe j Mappe mit 15 Zeichnungen auf Japanpapier\nin Strichatzung / Adolf Loos / Herwarth Waldea /\nRichard Dehmel / Paul Scheerbart / Alfred Kerr /\nYvette Guilbert / Karl Kraus / Hermann Essig /\nRudolf Bliimner / Adolf Knoblauch / Mechthild\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg / Qertrud\nEysoldt I Claire Waldoff\nMappe 40 Mark\nEnde Dezember erscheint: Lothar Schreyer /\nJungfrau / Sturmbuch XIV / 50 Pfennig\nSoeben erschienen: Herwarth Walden: Die Juden-\ntochter / Fur Gesang und Klavier / Dichtung aus\ndes Knaben Wunderhorn / Farbige Umschla^-\nzeichnung von Oskar Kokoschka\n1 Mark\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusflihrliche Verzeichnisse des Yer-\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}