{"numero_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_sha256": "aa1a2abeb8dc462e057cd510d79c67f0a9b065a33d38be5f2e5441347164acd6", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1917/01/15_01/bmtnabg_1917-01-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1917/01/15_01/bmtnabg_1917-01-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "109", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.1", "debut_caractere": 241, "fin_caractere_exclue": 683, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Für die Zeiten: Der tragische Scheffler / Neuorientierung / Hinaus in die Ferne / Naturbilder / Der Ekel / Das X für ein U /\nHermann Essig: Der Wetterfrosch / Kurt Striepe: Maya / Adolf Knoblauch: Seidenfaden / Kurt Heynicke: Gedichte / Lothar Schreyer: Das Drama / Georg\nSchrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Jacoba van Heemskerck; Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Campendonk: Holzschnitt vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "109", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.2", "titre_corps": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.1", "debut_caractere": 685, "fin_caractere_exclue": 733, "texte": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "112", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.3", "titre_corps": "Für die Zeiten", "titre_sommaire": "Für die Zeiten", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10886, "texte": "Für die Zeiten\n\nDer tragische Scheffler\nHerr Karl Scheffler versucht sich jetzt in der\nLiteratur. Er ist zwar noch immer für Lieber-\nmann, aber gegen Ibsen. Wie ahnungslos, wie un-\nkünstlerisch Herr Scheffler der Kunst gegenüber\nsteht, hat er selber nie besser bewiesen, als mit\nseiner Arbeit „Ibsen-Dämmerung\", die die Vossi-\nsche Zeitung für Staats- und gelehrte Sachen ab-\ndruckte. „Im Volksfeind läßt Ibsen seinen Doktor\nStockmann in dessen großer Programmrede\nsagen: Eine normal gebaute Wahrheit lebt, sagen\nwir, in der Regel, siebzehn bis achtzehn, höch-\nstens zwanzig Jahre; selten länger. Dieser Aus-\nspruch richtet sich nun auch gegen die Wahr-\nheiten, die Ibsen in seinen Dramen verkündet hat,\nauch diese sind schon recht gealtert und einige\nvon ihnen werden demnächst ganz eingehen.\"\nHerr Scheffler hält also Künstler für Menschen,\ndie Wahrheiten verkünden. Vielleicht hält sich\ndeshalb Herr Scheffler selbst für einen Künstler,\nwenn seine Wahrheiten auch nicht einmal normal\ngebaut sind. „Ibsens Wahrheiten sind schneller\nsterblich, weil ihnen das Elementare fehlt, weil\nsie alle absichtsvoll gedacht, weil sie überhaupt\nzu sehr gedacht sind; es sind nicht so sehr all-\ngemein menschliche als vielmehr soziale Wahr-\nheiten. Und sie sind darum abhängig vom Wandel\nder sozialen Anschauungen und Einrichtungen.\"\nHingegen findet Herr Scheffler den Wallenstein\nund den Oedipus elementar und „ewig aktuell\".\nEr hält Ibsen offenbar deshalb für einen Na-\nturalisten, weil in seinen Dramen Journalisten vor-\nkommen. Wahrheiten werden für ihn dann ewig\naktuell, wenn sie in ein historisches Kostüm ge-\nsteckt werden. Er sieht das Unkünstlerische in\nKleidern nicht, hält aber die Kleider für künst-\nlerisch. Die Bilder müssen natürlich und die Dra-\nmen unnatürlich sein. Er hält es für eine allgemein\nmenschliche Wahrheit, seine Mutter zu heiraten,\naber für eine soziale Wahrheit, daß der stärkste\nMann allein steht. „Der Wandel der sozialen An-\nschauungen und Einrichtungen hat es mit sich ge-\nbracht, daß die stärksten Männer sich zu Ver-\nbänden zusammen schließen.\" Sei es auch nur zum\nVerband der Berliner Kritiker. „Dem Zuschauer\nfällt es immer häufiger auf, wenn er sich im\nTheater selbst beobachtet, daß gewisse Züge\ndieser Dramen, die früher quälend und beunruhi-\ngend gewirkt haben, heute satirisch, ja ausge-\nsprochen komisch auf ihn wirken.\" Ueber das Be-\nunruhigende hat sidh der Zuschauer stets dadurch\nhinweggesetzt, daß er es komisch findet. Immer\nmit die Ruhe. Die Züge kommen mir bekannt vor.\nHierauf verfolgt Herr Scheffler die Züge, da er\nnicht mitfahren kann: „Verfolgt man die Emp-\nfindung, so gelangt man bald zu der Erkenntnis,\ndaß Ibsen sich grundsätzlich in seinen bürger-\nlichen Dramen im Stil vergriffen hat, und daß er\nes hat tun müssen, weil er zu sehr abhängig ge-\nwesen ist von den zeitlich beschränkten Wahr-\nheiten.\" Herr Scheffler tut es eben nicht unter\nder Ewigkeit und er ist so schnell zu der Erkennt-\nnis gelangt, weil er nicht schneller laufen konnte.\nAlso ausgesprochen komisch wirkt Ibsen auf\nHerrn Karl Scheffler. Das nennt der Mann Er-\nkenntnis. „Sieht man das Lebenswerk dieses ge-\nnialen Mannes (— der sich grundsätzlich im Stil\nvergreift —) tendenzlos an, so stellt sich heute\nwie von selbst die Ueberzeugung ein, daß die\nmeisten der Stoffe, woraus Ibsen seine Tragödien\nder menschlichen Seele gestaltet hat, mit unge-\nwöhnlicher Bildungskraft, mit einer Kunst, worin\noft ein altmeisterliches Können ist, recht eigentlich\nLustspielstoffe sind, daß die Gestalten, die sich so\nintensiv aber immer auch passiv mit ihren Emp-\nfindungen beschäftigen, als sei das die einzig\nernste Angelegenheit des Lebens, ihrer Anlage\nnach zumeist Komödienfiguren sind.\" Die Erkennt-\nnis des Herrn Schefflerist noch nicht sehr weit\ngelangt, sonst müßte er wissen, daß Lustspiele\nkeine Komödien sind und daß jede Komödie auch\neine Tragödieist. Es ist zum Beispiel ein Lust-\nspiel, wenn Herr Scheffler das Leben mit seinen\neinzig ernsten: Angelegenheiten für eine klassische\nTragödie hält. Dabei ist die Angelegenheit nur\neine Angelegenheit des Empfängers. Denn: „Diese\nBehauptung ist auch von anderer Seite schon aus-\ngesprochen worden.\" Die andere Seite von Herrn\nScheffler besteht aus zwei Herren, nämlich den\nHerren Paul Ernst und dem Badener Arzt Georg\nGroddeck. Herr Paul Ernst hat nicht etwa gegen\nNietzsche geschrieben, das war wiederum Herr\nOtto Ernst, hingegen ist er Neu-Klassiker, verfügt\nalso über zeitlich unbeschränkte neue Wahrheiten.\nHerr Scheffler legt sich aber noch mehr auf die\nandere Seite: „Vielleicht haben auch andere noch\nin diesem Sinne geschrieben; jedenfalls sind die\nStimmen ungehört verhallt.\" Die Stimmen schrei-\nben in diesem Sinne und verhallen, weil sie sich\nverschrieben haben. Herr Scheffler hingegen\nschreibt verhalten: „Jetzt scheint aber eine ge-\nwisse allgemeinere Bereitschaft da zu sein, es\nscheint an der Zeit, einmal eine Diskussion in\ngrößerem Umfange zu eröffnen.\" Die Stimmen\nstimmen ab und die Diskussion gibt eine nette\nRundfrage für Tageszeitungen zu irgend einem\nfröhlichen Fest. Man ahnt gar nicht, wie wichtig\nes ist, eine allgemeinere Bereitschaft gegen Ibsen\nmobilzumachen. Denn: „Es handelt sich ja\nkeineswegs um eine müssige oder eine nur lite-\nrarische Formfrage, sondern um Fragen der Welt-\nanschauung, die irgendwie jeden Einzelnen an-\ngehen.\" Zwar handelt es sich um die Weltan-\nschauung des Herrn Scheffler, die keine An-\nschauung ist, sondern eine Frage, noch dazu eine\nangehende Frage. Von Bildern versteht eben Herr\nScheffler nichts. „Die Entscheidung darüber, ob\ndie Menschen und Probleme, die Ibsen vor\nunseren Augen dramatisch bewegt, tragisch oder\nkomisch aufgefaßt werden müssen, oder welche\ninnere Berechtigung die modernen Zwitterformen\nder Tragikomödie, die sich bei Ibsen schon an-\nkündigt, hat, zieht andere wichtige Lebensent-\nscheidungen nach sich.\" Die wichtige Entschei-\ndung, die Herr Scheffler zwischen der Kunst und\nseinem Leben trifft, ist tragikomisch. Sie ist auch\nhumoristisch, weil Herr Scheffler sich einbildet,\nbilden kann er nicht, daß Ibsen Menschen und\nProbleme vor seinen Augen zu Gunsten der allge-\nmeineren Bereitschaft dramatisch bewegt. „Ibsen\nund mit ihm sein Publikum — es war das beste\nPublikum, das ein Dichter sich wünschen mag —\nhaben nicht über den Zeitproblemen gestanden,\nsondern mitten darin.\" Herr Scheffler hingegen\nsteht über der Zeit, aber mitten in der Zeitung.\nEr hat kein Gesicht, aber einen Gesichtspunkt.\nTalent hingegen ist dem Ibsen nicht abzusprechen:\n„Mehr Talent als Ibsen braucht ein Dramatiker\ngar nicht zu haben; es reicht vollauf zu Ewig-\nkeitswerken, wenn die rechte Kunstform gefunden\nund gemeistert wird.\" Die rechte Kunstform haben\ndie Herren Scheffler und Paul Ernst gefunden, nur\nläßt sich die rechte Kunstform nicht meistern, der\nMeister formt die Kunst. „Daß Ibsen offenbare\nLustspielstoffe mit grausamer Konsequenz ins\nTragische gezwungen hat, daß er widerstreitende\nElemente tragikomisch zusammengebracht und\naufs schwerste gegen das Stilgefühl gesündigt hat,\ndaß ihm die große Oekonomie der Klassiker fehlt\n— das alles weist letzten Endes auf die selbe Ur-\nsache zurück: der ungemeinen Qualität der Be-\ngabung entsprach nicht die Qualität der Persön-\nlichkeit.4' Man denke sich eine Persönlichkeit wie\nHerrn Karl Scheffler mit der ungewöhnlichen Be-\ngabung: von Ibsen, sie hätte jede Tragödie ins\nLächerliche gezwungen. Das ganze Leben hätte sich\nanders entschieden. Und wenn man auch noch so\nüppig auf Kosten der Klassiker lebt, sie alle zu-\nsammen besitzen nicht so viel Oekonomie wie\nIbsen. Freilich konnte er nicht so sparsam mit der\nKunst umgehen wie Herr Scheffler. Sein Kavalier-\nKunst-Ersatz hat die Qualität des Kavalier-Ei-\nErsatzes, der in einschlägigen Geschäften empfoh-\nlen- wird. Herr Scheffler hat eben einen Gesichts-\npunkt, er setzt seinen lebensentscheidenden Punkt\nauf das große I und versagt Ibsen: „Und diese\nPersönlichkeit versagte auf dem entscheidenden\nPunkt, weil sie determiniert war von einer Zeit,\ndie ein schlechtes unruhiges Gewissen hatte, die\nerfüllt war von dunklen Gefühlen der Sündhaftig-\nkeit, der es an der Unbescholtenheit des Instinktes\nfehlte.\" Diesen Satz schreibt Herr Scheffler mit\nruhigem Gewissen in die Zeitung, der stets der\nInstinkt fehlt, namentlich wenn unbescholtene Per-\nsönlichkeiten in ihr schreiben, die von ihrer Sünd-\nlosigkeit überzeugt sind. „Ibsen selbst steht im-\nponierend und auch ein wenig komisch da, wie ein\nSophokles im schwarzen Gehrock, mit Zylinderhut\nund Regenschirm, mit einem durch scharfe Brillen-\ngläser funkelnden Forscherblick und mit klein-\nstädtischen, klein-ländlichen Gewohnheiten.'4 Ganz\nanders dagegen der nackte Herr Scheffler, dessen\nBlick auch ohne Gläser nicht funkelt, und der mit\ngroßstädtischen Gewohnheiten den oder die\nModen-Alfred-Marie bespricht. Also Ibsen mußte\nKomödiendichter werden, wenn er sich für das\nLebensgefühl des Herrn Scheffler interessiert\nhätte: „Tragisch kann nur der Kampf derer, die\ngern und stark leben, mit einem unentrinnbaren\nGeschick sein, und dargestellt kann ein solcher\nKampf nur werden von einem Pathos, das dem\nSkeptiker von vorne herein verdächtig erscheinen\nmuß.\" Dieses Deutsch ist zwar pathetisch, aber\nnoch nicht tragisch. Herr Scheffler kämpft mit\neinem unentrinnbaren Ungeschick; das ihn von\nvornherein unverdächtig erscheinen läßt. „Die\nSkepsis hat Ibsen fast immer verhindert, den Be-\ngriff des Schicksals elementar zu fassen. Er hat\ndie allgemeine Tristheit des Lebens für tragisch\ngehalten.\" Die allgemeine Tristheit des Lebens ist\ndie Lebensentscheidung des Herrn Scheffler, die\nallerdings trist stimmen kann. Hätte Ibsen nur den\nHerrn Scheffler kennen gelernt, es wäre sicher\ndaraus eine Komödie entstanden. Solche Typen\nhat Ibsen mit begreiflichem Stilgefühl nie tragisch\ngenommen. Wenn er auch nicht über das Pathos\ndes Herrn Scheffler verfügte und über eine solche\nPersönlichkeit. „Darum kann er in seinen Stücken\neigentlich nur Menschen brauchen, die sich eigen-\nsinnig verrennen und alle mehr oder weniger un-\nvernünftig handeln und denken.\" Vernunft wird\nUnsinn, sagte ein großer Klassiker, er hätte Herrn\nScheffler also auch nicht brauchen können. „Schwie-\nrigere Situationen als die in Ibsens Dramen werden\nvom einfachen Volk täglich ohne alle Tragik auf-\ngelöst.\" Volk und Künstler wissen sich zu helfen,\nnur die Kritiker nicht. Gewiß, alles geht mit die\nRuhe. Auch klassische Tragik wird vom einfachen\nVolk täglich ohne Apparate aufgelöst. Romeo kann\nJulia heiraten, die Jungfrau von Orleans wird\nFrauenrechtlerin, Oedipus wird von dem Onkel\nmitgeteilt, daß jene seine Mutter ist. Es geht\nglänzend. Namentlich aber, wenn man wie Herr\nKarl Scheffler nicht nur über einen Wällen, nein\nauch über die Willensfreiheit verfügt. Herr Scheff-\nler kann nämlich sowohl so wie so: „Fast immer\nfehlt der Zwang, der von außen kommt; der tragi-\nsche Zwang bei Ibsen ist zumeist etwas Inner-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10205, "texte": "liches und ist darum eigentlich keiner, weil der\nMensch fast immer sowohl so wie so\nka n n.\" Es ist nicht zu bezweifeln, daß Herr\nScheffler sowieso sowohl so wie so kann. Der\nMensch kann fast immer, aber wenn er nicht kann,\nschafft Ibsen die Tragödie. Herrn Scheffler hin-\ngegen wird es erst dann tragisch zumute, wenn\nder Zwang von außen kommt. Trotzdem es eigent-\nlich unrecht ist, eine solche Persönlichkeit zu\nzwingen. Ich habe nie gezweifelt, daß ein Zei-\ntungsschreiber fast immer sowohl so wie so kann.\nNur kann er fast immer nichts, was man wieder\nsowohl so wie so auffassen kann. Herr Karl\nScheffler aber verlautbart ahnungslos, wieso er\nnichts von Kunst versteht: „Der innerliche Zwang\nist eigentlich keiner.\" Herr Scheffler kann vielen\nUnsinn mit Vernunft schreiben, kein Gott hindert\nihn daran. Die Vossische Zeitung rechnet es sich\nsogar zur Ehre und ihm als Honorar an. Ehre,\nwem Honorar gebührt. Herrn Scheffler gab ein\nGott nichts zu sagen. Darum schreibt er gegen\nIbsen und gegen Kunst. Und nachdem Herr Scheff-\nler den Ibsen zerrissen hat, speist er ihn auf:\n„Dieser seltsam große Mensch will geistig ver-\ndaut sein; wie Böcklin und Wagner, Nietzsche und\nTolstoi verdaut werden müssen.\" Ibsen liegt ihm\naber zu schwer im Magen. Denn: „Jetzt aber\nscheint es an der Zeit, aus der Bezauberung auf-\nzuwachen. Die Literaturkritik sollte sich des The-\nmas Ibsen von neuen Standpunkten bemächtigen.\nUmsomehr, als es eine sehr unterhaltende und be-\nlehrende Tätigkeit wäre.\" Wenn die Kollegen nur\nnicht vom den Punkten herunterfallen. Ein Punkt\nist kein fester Stand. Und jeder Künstler ist so\ngroß, daß diese Art Kritiker nur auf die eigne Nase\nfallen kann. Das wird ein Fest. An langen Win-\nterabenden stellen sich die Kollegen auf die ver-\nschiedenen Punkte, Herr Scheffler stellt sich etwas\nunglücklich auf ein Fragezeichen, man unterhält\nsich, indem man das Rätsel Ibsen löst und belehrt\nsich, indem man das Rätsel Kunst für gelöst hält.\nMit Hilfe der ernzig ernsten Angelegenheiten des\nLebens und mit dem lebensgroßen Pathos. Pathe-\ntisch kündet Herr Karl Scheffler in der Vossisdhen\nZeitung die neue Zeit an: „Jetzt scheint eine neue\nZeit anzubrechen. Wie bestehen vor ihr Nora und\nHedda Gabler, Rebekka West, Ellida Wangel,\nHelene Alving, Hilde Wangel.\" Es geht ihnen gut,\nd i e neue Zeit war ihnen schon längstens bestens\nbekannt. „Wie erscheinen den von Erfahrungen\ndieser Zeit Begehrten Gregers Werle und Brand,\nStockmann und Solneß und andere Verwandte des\nEdlen von La Maneha.\" Die lachen über Sancho\nScheffler, der so unsinnig vernünftig ist. Herr Karl\nSdheffler ist die Persönlichkeit, die in der neuen\nZeit angebrochen wird. Sie ist aber nicht zu ver-\ndauen. Gehen wir, meine Freunde, aus der neuen\nZeit. Gehen wir aus der Zeit. Die Zeit scheint\nsolchen Leuten neu anzubrechen. Wir aber\nbrechen die Zeit ab, damit wir beschienen werden\nin Ewigkeit.\nNeuorientierung\nDas Berliner Tageblatt wundert sich über die\nPosener Neuesten Nachrichten. Der Posener Kri-\ntiker kennt Rilke nicht und schreibt ihn Rielke.\nEr nennt ihn sogar einen unbekannten Dichter-\nling. Das Berliner Tageblatt ist sehr stolz, und\nerklärt dem Herrn Kollegen aus Posen, daß der\nunbekannte Dichterling Rainer Maria Rilke sei.\nDer Name ist hierorts bestens bekannt. Ich könnte\ndem Posener Kollegen helfen, wenn ich wollte.\nJeder wirkliche Dichter ist für das Berliner Tage-\nblatt einmal ein unbekannter Dichterling gewesen.\nUnd jeder unbekannte Dichterling ist vom Ber-\nliner Tageblatt als wirklicher Dichter gefeiert\nworden. Der Herr aus Posen soll nur nicht zum\nBerliner Tageblatt in die Schule gehen.\nHinaus in die Ferne\nHerr Fritz Stahl versucht noch einmal gegen\nden Sturm zu säuseln: „Nun aber hat der Sturm,\nder sich wesentlich vom „Sturm\" unterscheidet,\nden jungen Maler aus Atelier und Parteicafe hin-\nausgewirbelt, und da draußen hat die große Natur\nmit ihm ein ernstes Wort gesprochen und ihm\nAufgaben gezeigt, wo er bisher noch Probleme\nsah. Noch ist er nicht ganz frei, irgend einer der\nbösen Ismen fährt ihm hie und da noch einmal\nins Konzept/' Der „Sturm\" unterscheidet sich da-\ndurch nur wesentlich von dem Sturm, daß er auch\nden Stahl aus der Kunst und aus der Kritik hin-\nausgewirbelt hat. So kann er draußen ein ernstes\nWort sprechen. Die große Natur wird den kleinen\nStahl plappern lassen und der kleine Stahl wird\nglauben, er habe die Aufgabe gelöst, die ihm das\nBerliner Tageblatt gestellt hat. Ein gegenständ-\nliches Bild: Stahl hält Zwiesprach mit der Natur.\nNaturbilder\nIch empfehle Herrn Stahl die Porträtmalerin\nThomann, Ansbacher Strasse 9, direkt am Witten-\nbergplatz, fertigt Oel'porträts auch nach der klein-\nsten Photographie, unter Garantie der vollkom-\nmenen Aehnlichkeit. Lebensgroßes Brustbild Mk.\n95.—. Empfohlen im Anzeigenteil des Berliner\nTageblatts vom 14. November 1916. Herr Stahl\nmöge sich der Nachwelt mit geschwellter Brust\nfür Mk. 95.— erhalten. Fehlt es doch nicht an\neinigen Anerkennungen: „Herr Exporteur M., Ber-\nlin, Wilhelmstraße. Nachdem die beiden bei Ihnen\nnach Potographien bestellten Oelportraits (Herren-\nund Damenbildnis) jetzt fertiggestellt und in\nmeinen Besitz gekommen sind, kann ich nicht um-\nhin, Ihnen nochmals mitzuteilen, daß die Bilder\nwirklich vorzüglich ausgefallen sind. Dieselben\nwaren für ein Geburtstagsgeschenk bestimmt una\nwar die Ueberraschung und Freude über die über-\naus gute Wiedergabe der Bilder ungemein groß.\nDer damit beabsichtigte Zweck ist voll und\nganz erfüllt worden, aber auch von allen\nanderen Seiten sind die Bilder als sehr gut\nausgefallen bezeichnet worden.\" Nicht damit ge-\nnug. „Frau Ingenieur R., Nollendorfstraße,\nschreibt: „Die künstlerische Ausführung, sowie\ndie Aehnlichkeit des von Ihnen gemalten Portraits\nmeines Mannes befriedigt mich dermaßen, daß ich\nmich ebenfalls malen lasse.\" Nicht damit genug:\n„Herr Bankdirektor Dr. K-, Kurfürstendamm: Das\nBild meines Vaters hat allgemein gut gefallen und\nbitte noch drei Stück zu malen.\" Aufgaben,\nHerr Stahl, ohne Ismen und ohne Probleme. Na-\ntürliche Bilder, mit gesunden Augen gemalt und\nvon gesunden Augen anerkannt.\nDer Ekel\nDie Kölnische Zeitung hat eine vergnügliche\nRubrik „Kunst, Wissenschaft und Leben\". Für\ndiese Rubrik wird allerlei gefunden: „In den Blät-\ntern für Kunst und Kritik, der literarischen Bei-\nlage des Kölner Tageblattes, finden wir folgende\nvergnügliche Buchbesprechung aus der Feder von\nMax Ernst, die wir unsern Lesern nicht vorent-\nhalten möchten.\" Das Kölner Tageblatt hat näm-\nlich Kunst gefunden, und die Kölnische Zeitung\nmöchte sie dem Leben nicht vorenthalten. Die Be-\nsprechung von Max Ernst wird also nachgedruckt.\nIn ihr heißt es: „Zeitungen begeiferten August\nStramm zu ihrer Schande. Das Geschehen ant-\nwortete mit tiefster Beschämung: Das Leben des\nHauptmanns Stramm geschah seinen Tod in der\nSchlacht, als Zeitungen seinem verrückten Geist\neine vierzehntägige Kur im Schützengraben ver-\nschrieben.\" Hierzu bemerkt die Kölnische Zei-\ntung: „So, nun weißt du es, verehrter Leser —\nsofern du nämlich zu jenem halben Dutzend von\nAuserlesenen gehörst, die heute das literarische\nGeschehen der Zukunft machen. So du aber zu\nder großen Hammelherde der übrigen Sterblichen\ngehörst, die noch mitten drin stehen in den lite-\nrarischen Vorurteilen einer verblödeten Gegen-\nwart, dann stehst du da wie der Ochse vor dem\nScheunentor . . .\" Von solchen Ochsen läßt sich\nnicht einmal die große Hammelherde mehr leiten.\nAlso lies das Buch von Stramm! Oder hast du\nschon genug an der Kritik des Herrn Ernst? Ernst\nist die Kritik und zum „Stramm\"peln diese\nKunst!\" Es gehört wohl nicht zu den literarischen\nVorurteilen einer verblödeten Gegenwart, solche\nWitze für schamlos zu erklären.\nDas X für ein U\n„Jugendlicher Unreife entsprechend, steht die\nErörterung sexualer Dinge im Vordergrund. Nir-\ngends ist auch in diesem Bemühen ein Sinn, ein\nZweck, ein Ziel faßbar.\" Das steht zu lesen in\nder Zeitschrift „Die Hilfe\" und diese Sätze schrieb\nHerr Universitätsprofessor Richard Hamann in\nMarburg an der Lahn. Diese sexualen Dinge fin-\ndet Herr Professor Hamann in der Zeitschrift\n„Der Sturm\". Jugendlicher Unreife entsprechend,\nich bin nämlich ein Jahr älter als Herr Professor\nHamann, bemüht er sich um einen Zweck, der\nkeine Ursache hat. Der Herr Professor steht sehr\nim Vordergrund und wagt sich nach Berlin. Er\nschreibt über den Sturm und über Kandinsky. Das\ntat er auch schon im Hintergrund an der Lahn.\nZu Marburg veranstaltete die Buchhandlung Ebel\nim Februar 1914 eine „Ausstellung moderner ex-\npressionistischer und futuristischer Kunst\". Das\nglaubte Herr Professor Richard Hamann der\nBuchhandlung und schrieb in den Marburger Zei-\ntungen also über Kandinsky: „Den Höhepunkt rein\nkünstlerischen Komponierens stellen wohl die\nBilder Candinskys vor, Opus 4a, Opus 63... das\nist das rein Malerische, grenzenloser Zusammen-\nklang der Farben — unbestimmt, mystisch, wie\nMusik der Sphären, Harmonien, die nun den Ur-\ngrund der Welt ahnen lassen Von der Souve-\nränität dieser Künstler gibt einen Begriff eine uns\nvielleicht Marotte erscheinende Kleinigkeit: Can-\ndinsky — der sich sonst Kandinsky schreibt —\nschreibt sich hier einmal zur Abwechslung mit C.\nAuch wird der aufmerksame Betrachter bemer-\nken, daß die meisten Bilder mit Pastellstiften ge-\nmalt sind, der schnellsten Technik — denn wie\nwäre es möglich, diesen von aller Materie gelösten\nnur die Anschauung nicht die Substanz der Dinge\nbetreffenden Ideen zu geben, wenn die Künstler\ngezwungen wären, auf das Trocknen der Farben\nzu warten, bis sie eine andere darüber setzen\nkönnten.\" Die Maler hatten sich offenbar für\nMarburg verschworen, sich über die Buchstaben\nhinwegzusetzen. Denn Herr Professor Hamann\nschreibt weiter: „Ich hebe nur die Federzeich-\nnung eines Athleten (Nummer 2 der Sieger von\nDenoir) hervor, nur noch Brustfleisch.\" Von D\nauf R konnte der Herr Professor nicht springen.\nWenige Tage später las Herr Professor in seiner\nZeitung: „Was einige wußten, manche im stillen\nahnten.... die Ausstellung war ein Scherz, ein\nFastnachtsulk.\" Aber die Marburger Zeitung hatte\neinen sanften Trost für ihren Kunstkritiker Ha-\nmann: ..Denn denen, die alles für Ernst nahmen,\nsei zum Trost gesagt, daß sie weniger Vorwurf\nate die Künstler Anerkennung verdienen, da einige"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2077, "texte": "die zum Muster genommenen futuristischen und\nexpressionistischen Autoren so gut nachgeahmt\nhaben, daß ein Kunstkritiker sich nicht zu scheuen\nbrauchte, daran das Wesen dieser Kunst zu de-\nmonstrieren.\" Auf Grund dieser Kenntnisse und\nnach diesem Einfall mit R wagt dieser Universi-\ntätsprofessor viele Spalten über Kandinsky mit K\nzu schreiben. Ich sehe darin eine sexuale Marotte.\nIn der Hilfe heißt es mit professoraler Gewissen-\nhaftigkeit : „Denn wer die Bilder nicht\ngesehen hat, wird sich schwerlich eine Vor-\nstellung von diesem Wirrwarr machen können.\nEin Trümmerhaufen hat mehr Sinn und Gestalt,\nund Farben, die man auf Wasser gießt, könnten\nnicht so grenzenlos chaotisch verfließen, wie die\nElemente auf diesen Bildern sich verflechten.\" Ich\nwill dem Herrn Professor aus Marburg zur Hilfe\nkommen, der nur Bilder von Candinsky ohne K\ngesehen hat. In Marburg hieß es: „Das ist das\nrein Malerische, grenzenloser Zusammenklang der\nFarben, unbestimmt, mystisch, wie Musik der\nSphären.\" Jetzt heißt es: „Das Sinnlose als jugend-\nliche Unbesonnenheit, das absolut Ungesetzliche\ndieser Kunst.\" Kandinsky ist zwar dreizehn Jahre\nälter als der jugendlich unbesonnene Hamann.\n„Es muß doch wohl ein allgemeines Bedürfnis der\nZeit darin zum Ausdruck kommen, wenn er gerade\nmit diesen sich eine Gefolgschaft errang, die in\nder Zeitschrift Der Sturm sich versammelt und\näußert.\" Hier will man sich nicht mit schlechten\nElementen verflechten, wir verzichten auf die Ge-\nfolgschaft aus Marburg . Denn wir haben Wich-\ntigeres zu tun. Die Leser dieser Zeitschrift wissen\nes: Wir müssen Heft für Heft die Erörterung\nsexualer Dinge in den Vordergrund stellen, und\ndeshalb jugendlich unreifen Professoren das Lesen\nverbieten, weil sie nicht schreiben können. Das\nSchreiben verbieten, weil sie nicht sehen können,\ndas Sehen verbieten, weil sie noch nicht einmal\nlesen können, und sich ein C für ein K vormachen\nlassen, und Elemente verflechten. Herr Hamann\nsoll die Tintenfinger von der Kunst lassen. Sonst\nwerde ich ihn noch elementarer an den verflochte-\nnen Zopf fassen.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "112", "page_fin": "116", "image_debut": 4, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.4", "titre_corps": "Der Wetterfrosch : Hermann Essig", "titre_sommaire": "Der Wetterfrosch : Hermann Essig", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.4", "debut_caractere": 2079, "fin_caractere_exclue": 2109, "texte": "Der Wetterfrosch\nHermann Essig"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.4", "debut_caractere": 2124, "fin_caractere_exclue": 9412, "texte": "Mit unbehaglichem Gefühl machte er sich auf.\nNiemand begegnete er, nicht dem gemeinsten\nSpießknecht. Das steigerte sein Unbehagen. Er\nwar immer in wilder Hetzjagd über den Graben\ngesprungen, langweilig war der enge Durchgang\nzwischen den fettfeuchten Steinmauern der\nScheunen. Es war, als wäre dem Frosch sein\nBesuch ganz gleichgültig. Das stachelte seinen\nEhrgeiz, begehrt zu sein. Er mußte wieder der\nwerden, den Schick als Liebling aus dem Dorfe\nerkor. Freundschaftssucht, ein kriecherischer\nEigendünkel, geleitete ihn über die grüngelben\nWiesen mit den schwarzen Maulwurfshaufen.\nBis der Froschteich kam! es war nicht zu er-\nleben! Schick schenkte ihm sogar die Zeit, es\nnoch einmal zu überlegen.\nAuch war da gar nichts los. Dem Knaben lag\nein großes Schuhpechpflaster auf der Haut. Wenn\ner s gewußt hätte, wie schmutzig das Krötenloch\nwar, er wäre noch geflohen. Er stand vor einem\nArmenhaus, nicht mehr vor einem Königspalast.\nWäre er noch geflohen. Aber es war zu spät.\nEin wüster abscheulicher Kopf kam heraus und\nredete ihn an. Er schauderte, aber fliehen konnte\ner nicht mehr. Furcht und das Auge von Schick\nnagelten i(hn fest. In seinem Herzen schnitt ihm\ndie Mahnung des Mädchens, der schönen Eis-\nkönigin „geh nicht wieder zum Froschteich\" wie's\nein Griffel in eine Schiefertafel eingrub.\n„Gutenmorgen mein Jüngelchen\" pfui! wie das\nklang. Aber er blieb stehen. Der Frosch durfte\nihm seinen Ekel nicht anmerken. Der Eiskönigin\nwäre es gewiß nicht darauf angekommen, ihren\nEkel vor dem „Ekel'4 auszusprechen, aber e r\nkonnte das nicht.\nAuch war er ja ein Mann und Männer tun\nDinge, die Frauen niemals begreifen. Die Eis-\nkönigin verstand das ja gar nicht, daß er mit\nSchick nicht ganz brechen konnte. Er mußte hin-\ngehen, und war's die düsterste Zaubererhöhle, die\nvor ihm lag.\nDaß er ein „Schöner\" war, daran dachte er\nnicht, zum Frosche ging er eher hin als zu seinem\nHerzlieb. Trotzdem. Als er jetzt dastand und den\ntrüben Sumpf vor sicih sah, fühlte er sich als ein\nganz gewöhnliches Menschenexemplar, ausge-\nstoßen von Glück, Glanz und Ruhm.\nDer Unsinn war vollendet.\n„Guten Morgen mein Jüngelchen.\" — Der\nKnabe nickte nur.\n„Warst du krank?\"\n„Nein.\"\n„Nicht krank?\" „Warst du auf Arbeit?\"\n„Nein.\"\n„Warst du verreist?\"\nAha, jetzt war er daran. Besser, ich lasse ihn\nnoch einmal ein bischen anders fragen, dachte der\nKnabe.\n„Also du warst verreist? wo warst du denn?\n. . bei deiner Tante?\" Tante. Der Frosch wußte\ngenau wo er war, der Knabe spürte es dem\nFrosche an. Warum also lügen?! „Eigentlich ver-\nreist war ich nicht, aber ich war einmal auf dem\nEise auf dem Stadtsee.\"\n„Allein oder mit wem?\"\nDer Knabe erschrak . . Was antworten? Er\nwar allein hingegangen. — Der Frosch legte sich\nplatt ins Wasser wie ein Haspelkreuz, und wartete\nauf Antwort.\n„Allein.\" Der Frosch zuckte wie elektrisiert\nmit allen vier Beinen, stand aber wieder still . .\ner merkte die Auffassung des Knaben und sagte\nruhig „So? . . war's hübsch? das rauhe Eis\nschleifen? es ist doch ein bischen rauh auf einem\nSee? nicht?\"\nGanz erleichtert, daß der Frosch nicht zankte\n— er hätte mindestens erwartet, daß er ihm die\ngroße Zehe wegschnappte, — fing der Knabe voll\nBegeisterung an „gar nicht rauh ist's, ich habe\nauch inicht geschliffen, ich bin auf meinen Schlitt-\nschuhen gefahren, es war Musik, einen Pfann-\nkuchen habe ich gegessen, mm . . mm . .\" weiter\nwußte er nicht, das letzte fügte er schon bei, um\nsein Schlittschuhlaufen (etwas zu verdecken, es\nschien ihm doch, als knurrte Schick.\n„Nein, ganz so glatt war es nicht, aber doch\nauch spiegelglatt.\"\n„Erinnerst du dich noch, wie du die Eier greifen\nwolltest? was?\"\n„Allerdings so spiegelhell und kristallklar war\nes nicht . .\"\n„Drum eben\" bemerkte der Frosch in hohem\nStolz und Selbstbewußtsein, er schwankte wie ein\nHolz im Kielwasser eines aufgeblasenen Seglers.\nDer Knabe liebte diese Gesprächswendung\nnicht, er merkte, daß er das Mädchen dadurch vor\ndem Frosche schlecht machte. In gewisser Hin-\nsicht war's glätter als beim Frosch. Aber dies\nwagte er nicht zu sagen, denn so konnte es sein,\ndaß der Frosch böser Laune wurde. Der Knabe\nschwankte wie ein Kavalier beim Wucherer.\n„Aber Schlittschuhlaufen konntest du denn\ndas?\" hielt der Frosch im Schaukeln inne.\nJetjt kam's. Er mußte bekennen, daß Schicks\nTodfeindin seine Freundin war. Daß er sie Braut\nnannte, wollte er wenigstens hinter dem Berge\nhalten. „Jawohl, könnt ich's. Ein Mädchen hat\nmir's ein paar mal vorgemacht.\"\n„Ist sie nicht einmal mit dir gefahren?\" ver-\nächtlich.\n„Oh, immer, wir kreuzten die Arme, es war\nwie im Himmel.\"\n„Daß dich\" . . . wollte Schick anfangen, aber\ner besänftigte sich und sagte: „Die, welche immer\nzusammen laufen, gelten als Braut und Bräutigam\n. . . weißt du das?\"\nDer Knabe bekam einen Kopf so rot wie die\nGichtrose, weil er merkte, daß Schick alles be-\nkannt war, wie's auf dem Eisfeste gewesen war.\nSchick rückte näher auf. „Wenn du das nicht\nwußtest, und dir das nachträglich unangenehm\nsein sollte, so sage mir, wer das Mädchen war,\nvielleicht kann ich dich wieder von ihr los machen.\nIch beschäftige mich mit Heiratsvermittlung, ich\nkönnte für das Mädchen wohl schnell einen\nanderen Bräutigam finden.\"\nNun wußte der Knabe, — sagte er jetzt, wer\ndas Mädchen war, . . so beging er einen schänd-\nlichen Verrat. — Er schwieg.\nDer Frosch hatte Takt, wenn er klug sein\nmußte. Er knüpfte das Gespräch anders, neu, am:\n„Gefällt dir das Schlittschuhlaufen?\"\n„Nichts tu ich lieber. Wenn man so dahinsaust!\nSchick, ich sage dir.\" Er wurde ganz keck vor\nmutigen Gedanken.\n„Ja ja, es soll sehr schön sein . . „hast du\nauch gute Schlittschuhe?\"\nDer Knabe grinste.\n„Sind sie gut? ich meine, du seiest auf meinem\nTeich — er erwähnte es mit Mischung von Bitter-\nkeit und Bedauern — hart damit gefallen?\"\n„Bessere Schlittschuhe hättest du mir gar nicht\nschenken können, im Anfang war ich nur zu zag-\nhaft.\"\n„Was höre ich? Ich habe sie dir geschenkt?\n. . du träumst wohl, du . . ich schenke dir Schlitt-\nschuhe, damit du aufs Eis auf den großen See\ngehst, . . . glaubst wohl, wenn ich so was getan\nhätte, ich hätte dich nicht auf meinem Teiche fest-\nzuhalten verstanden, auf meinem schönen Teiche?\n. . Sprich.\"\nDer Knabe schlotterte in den Knieen, so hatte\nihn Schick angefahren. „Du hattest's ja gesagt, sie\nseien von dir . . von wem sollen sie denn sein?\"\n„Das hatte ich nicht gesagt . . Fertig ab!\" . .\ner drehte sich einmal um sich selber, „ich will\nvon der Schenkung nichts wissen und weiß auch\nnichts. Ich schenke dir Objekte der Beleidigung?!\n. . so eine . . das Mädchen vom großen See macht\ndas nur,. .die hat sie dir in einer Nacht gebracht.\nWeißt du's besser? . . . nein, du weißt es nicht\nbesser, denn so ist's\", er drehte sich ein paar mal\num sich selber wie eine vom Aerger getriebene\nTurbine.\n„Das Mädchen!! \" der Knabe trat auf\nwie ein Pfarrer im Beichtstuhl, würdevoll, „warum\nhast du dann so getan, als wäretra sie von dir?\"\nals vergäße er sich und wähnte sich hinter dem\nWirtshaustisch fuhrs hinterher, „He\"?\nHe? der Frosch ging auf wie Hefenteig. „Du\nscheinst mich damals in der Tat mißverstanden\nzu haben.\"\nDer Knabe ballte sich wie der arme Konrad,\njetzt, er schrie: „Da hätte ich gar nicht so ängst-\nlich tun müssen, als wäre ich an dein Dreckloch\ngebunden.\" Als stopfte ihm das Mädchen eine\nLadung Salz in den Mund, so bissig wurde er."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9817, "texte": "Der Frosch schlug kopfüber — Dreckloch! —\nund lag wie tot im — Dreckloch!! —- den rasierten\nBauch an der Luft, wie einen blanken Sterntaler.\n„Was liegt in der Luft?'4 der Knabe wurde\nvoll Unruhe, als er den fetten Leichnam schwim-\nmen sah. Schicks Bauch. Es mußte etwas un-\nheimlich Tückisches und Schlimmes passieren . . .\ner hatte sich zu sehr hinreißen lassen.\n„Noch einmal\", drehte sich der Frosch langsam\nund sprach: „noch einmal will ich dir's vergeben\".\nDen Knaben überschlich ein ganz wachsweiches\nGefühl. Nach einer Pause, in der er sich den Leib\nin die Lage schob, fuhr Schick fort „leih, weiß,\nwer dich gegen mich aufgehetzt hat\" . . . Der\nKnabe wollte was sagen, aber es ging 'nicht.\n„Erstens\" Schick leierte es wie der Ausrufer\n„Pflicht eines jeden guten Dörflers ist es, den\nStadtsee zu meiden und sich ausschließlich mit\ndem Froschteich als See zu befassen\" ... er hielt\ninne und saugte Luft an.\nDer Knabe kannte dies Ortsstatut, er war im\nUnrecht, so aufzumucken, und schwieg stille, froh,\ndaß der Frosch seinen Unglücksspiegel wieder\neingesteckt hatte.\n„Zweitens44 der Frosch war mit dem Eindruck\nzufrieden, er bog ein, „sagtest du soeben, daß du\nvor mir Angst hattest . . . stimmt's?\"\n„Ja\", sagte der Knabe zaghaft.\n„Das war töricht von dir, du hättest schon\nlange zu mir kommen könften. Reue schätze ich\nwohl.\" Dem Knaben wurd's wie Zwiebelschneiden.\n„Nun aber noch eins44, der Frosch durch-\nschwamm einmal sein Becken. Der Knabe wartete\naufmerksam, bis Schick herum war.\n„Hat dir das Mädchen vom großen See gesagt,\ndaß sie dir die* Schlittschuhe geschenkt hat?\" er\nsaß ganz still.\n„Nein, sie hat mir nichts gesagt . . . Schick'4.\nSchick durchschwamm wieder das Becken.\n„Aber geredet hat sie mit dir?44\nDer Knabe ivurde rot, dann blaß. Der Frosch\nliatte ihn gefangen, er sah iihn an. — Er schwieg.\n„Du, Knabe, war das schön von dir, daß du\nmir verheimlichen wolltest, daß das Mädchen\nsie! war? . . . mich anlügen wolltest? . . . wie\nnett und offen sprachen wir früher immer mit-\neinander?\" Dem Knaben rannen die Tränen über\ndie Wangen in langen Strömen. Er wendete sich\nab wie Petrus. Seine Unterärmel wurden durch-\nmaß.\nSchick erinnerte den Knaben an den Sommer,\nan die Perlen und Eier, daß der Knabe schließlich\nmit erstickter Stimme um Verzeihung bat . . .\n„Wichtiger lind wertvoller als die Verzeihung\nist mir, daß du wieder wie ehedem mein guter,\nlieber Freund wirst. Willst du?\"\n„Jaa.\"\n„Dann höre auf zu weinen.44 Der Knabe\nwischte sich auch schon mit dem Aermel die\nTränen ab. „Vergiß es.44 Schick war klug, er sagte\nnicht — wir wollen vergessen —. „Morgen mache\nich dir eine neue Eisdecke zurecht, ich verspreche\ndir's. Ich tu's obgleich schon der Frühling den\nStorch zu mir geschickt hat — weißt, damit ich\nnicht so überrumpelt werde. — Also obgleich44\nSchick war doch ein . . . zum ins Glasfassen. „Bist\ndu damit zufrieden?44\n„Jaa.4' Der Frosch sprach so liebevoll. Der\nKnabe erkannte seinen alten treuen Schick wieder\n. . er war fertig mit Abwischen.\n%\nAlso morgen war wieder Eisbahn auf dem\nFroschteich. So weit kam's.\n„Also machen wir's\", sagte Schick und\npfupferte vor Freude. Dem Knaben ging ein\nfreundliches Lächeln über's Gesicht wie ein\nSonnenfleck über eine Regenlandschaft.\n„Nun . . . waren wir aber mit unserer Unter-\nredung noch nicht zu Ende.44\nWas konnte noch kommen? es war ja heraus,\nalso war's dem 'Knaben gleichgültig.\n„Das Mädchen gestand dir die Schenkung also\nnicht ein?!\"\n„Nein.44 Schick fing ja wieder vorne an.\n„Weißt du auch warum?44 — Der Knabe\nlauschte. — „Weil sie dich aufs Eis gelockt hat.\"\nDer Frosch setzte ein Bein auf des Knaben Stiefel-\nspitze.\nDer Knabe sperrte den Frosch an.\n„Weißt du auch warum?44 „Das Mädchen\nvom großen See sucht nämlich schon längst einen\nIVLann, aber sie will keiner.\"\n„Vorhin sagtest du, sie hätte gleich wieder\neinen.44\n„Ganz recht, einen, wenn ich ihn !hr gebe\",\nredete sich der Frosch heraus. — „Und darum\nschenkt sie dem und jenem ein paar Schlittschuhe,\nmanche kriegen sogar silberne, dir hat sie nicht\neinmal vernickelte geschenkt, fährt mit ihnen in\nden dunklen See hinaus unter allen möglichen Zu-\nflüsterungen von Liebe und weiß Gott was und\ndort draußen will sie ertränken, mit sich in den\nSee hinabnehmen. Dich wollte sie auch mit sich\nhinabnehmen, bloß weil ich dazwischen kam und\nihr Eis zertrümmerte und ihr drohte, wenn du\nwegen ihr ertrinken müßtest, ich ihren ganzen See\nablassen würde, bloß darum hat sie dich wieder\nselbst ans Land geführt.\" Schick tauchte schnell\nunter.\nDer Knabe fiel fast tot um, so enstetzt war er.\nSchick kam wieder herauf, er hatte das Lachen\nüber seine vorzügliche Lüge unten niederge-\nkämpft. Er sah den Knaben lange und gut-\nherzig an.\nDem Knaben brummte der Kopf noch wie der\nTon in einer zersprungenen Glocke. Das Mädchen\nwar eine kalte Eiskönigin, sie stellte sich nur so\nmild und warm. Sie sagte, es war so! sie sei seine\nBraut. Schick hatte ihm also gar nichts getan. Er\ngab dem Frosch die Hand und hielt die kalten\nFroschfinger lange in Dankbarkeit fest.\nSchick kannte das edle stumme einer Freund-\nschaft nicht, er mußte noch einmal anfangen. „War\nes klug, daß du dich von mir verfolgt fühltest?\nwars nicht unklug, daß du dich mit ihr einließest?\n— nehm dich nur in acht, daß nichts nachfolgt!\n— Warst du treu gegen deinen alten Schick?44\nDer Frosch mußte noch einmal Reuetränen haben,\nder Spiegel seines Teiches hob sich dadurch um\nein kleines Millimeter. Und die Tränen taten ihm\nso wohl, sie waren seine einzige Rache.\nNachdem Frosch und Knabe noch ein Weilchen\neinander stumm abgesucht hatten, ging der Knabe\nnach Hause und versprach beim Abschied, morgen\nauf das frische Eis mit den Schlittschuhen zu kom-\nmen. „Bestimmt\", und warf ihm Augen hin wie\nerlassene Zinsen aber verschuldetes Kapital.\n*»•* •»»\n*\nDer Knabe philosophierte sich zu den Seinigen\nnach Hause, entschlossen das Ergebnis seiner Phi-\nlosophie erst nach Jahren aufzutischen. Er fühlte,\nwie es anzog, die Maulwurfshaufen bekamen\nschon eine harte Kruste, es war sicher, daß der\nFrosch Wort hielt auf Morgen.\nUeberhaupt der Frosch! wie konnte er sich von\nder Schönheit des Mädchens blenden lassen —\nSprichwort „laß dich nicht vom Satan blenden—!\"\nWüst war der Frosch, aber treuherzig und ein\nwahrer Freund — Sprichwort „meidet allen\nHeuchelschein44 — nämlich der Frosch meidet. Er\nbesann sich darauf, wie das Mädchen in der Tat\nan ihm stichelte, ihn hetzte gegen den Frosch, den\nFrosch verleumdete „Schwindler44 — Sprichwort\n„wenn dich die bösen Buben locken44 — das Mäd-\nchen hatte ihn gelockt. — Wie froh war er, daß\ner durch Zufall erfuhr, was für einen Leumund\ndas Mädchen hatte, womöglich schminkte sie sich\nund war eine häßliche Kröte — Sprichwort „traue\nden Feinden\", der Frosch hatte über seine Tod-\nfeindin geredet. —\nEr schrieb zu Hause sofort einen Absagebrief\nan das Mädchen und teilte ihr mit, was für eine\nFalsche sie war, indem er ihr zugleich -die vier für\nsie passenden Sprichwörter erläuterte. Er nahm\nsichs fest vor. Er konnte jetzt im See sitzen und\nvon Schlangen gefressen werden.\nNoch nie war ihm das „Leben\" so klar ge-\nworden wie jetzt. Die Weisheiten der Alten waren\nwirkliche Wahrheiten. Man brauchte nur nach\nitaen zu leben, so war alles glatt und eben. „Dieser\nSatan blendete ihn zwiefach!44\nSchick hätte er's nicht einmal sagen dürfen, wie\ner seinen Brief fassen wollte, er hätte dem Knaben\nabgeraten. Dem Frosch war's da schon lieber,\nwenn ein- Bräutigam seine Braut im Ungewissen\nsitzen ließ, er konnte sie dann bei Gelegenheit\nnoch schimpflicher abtrumpfen.\nSchick sah seinem Philosophen nach und fühlte\nseinem Gange große Schwächen an. Die Stimmung\nwird bei dem Knaben nicht lange anhalten, dachte\ner. Auf seiner Seele Grund habe ich gesehen —\nDreckloch! das war unverhüllte Sprache —\nDreckloch! — Rache! Rache! schrie Schick, als\nder Knabe im Winkel verschwand.\nWarte nur Morgen! Morgen! . . auf Verzeihung\nbin ich gar nicht eingegangen . . . Rache! er tum-\nmelte sich aufgeregt in seinem —r Dreckk)ch!\nEr mußte sich setzen und umschauen. Wie\nauch seine Blicke im Dreckloch herumkletterten,\nes war nicht ein Körnchen Wahrheit in dem per-\nfiden Schimpfwort. Seit der Ueberschwemmung\nkonnte er's mit der feinsten römischen Badewanne\naufnehmen — im reichsten Tempel. Er wartete\ni\nfür den Sommer nur noch auf die geeignete\nSusanna, dabei hatte er ein scharfes Auge auf\neine Dorfschöne, die schon längst das Waschen\nnötig hatte, um freien zu können. Er war ihr\nschon zweimal im Traume erschienen und hatte\ngesagt: „Rehböckchen — so hieß die Schönte —\nRehböckchen verharre nicht auf deinem Stand-\npunkt, sondern überlasse dich mir, ich habe eine\nmarmorne Wanne und schwarze Lilienmilchseife,\ndie schloseweiß macht... Rehböckchen, Rehböck-\nchen.\". Daß Rehböckchen nicht kam, konnte er\ndafür? Mit Selbstzufriedenheit und wonnigen\nSommerwünschen schaukelte er sich in seinem\nBadezwinger. Sein Wert war für ihn noch ge-\nstiegen, seit er wahrnahm, daß die Quelle nicht\nmehr zu ihm hineinfloß.\nSeitdem die Quelle gestreikt hatte , kam er\nbesser mit ihr aus. Sie ging ihn einfach nichts\nmehr an,\nJedesmal wenn die Quelle in die Nähe vom\nFroschteich kam, bog sie schnell um und floß weit\nüber die Felder hinüber zur Stadt in den großen\nSee. Dort wo sie umbog, hatte ihr einer vom\nHeere einen großen Stein vorgesetzt, daß sie keine\nFurcht zu haben brauchte, aus Versehen wieder\nin den Froschteicti zu springen.\nDas Mädchen vom großen See nahm die\nQuelle gut auf. „Willst du auch zu mir kommen?\"\nfrug sie und trank einen tiefen Schluck von dem\nWasser, das ihr die Quelle als Geschenk mit-\nbrachte. „Wenn du auch gar winzig bist, du hast\nfrisches Wasser und wirst meinen Fischlein gut\ntun . . . fließ nur hinein in meinen See.\"\nDie Quelle sagte: „Zum Dank für die freund-\nliche Aufnahme will ich dir immer erzählen und\nverraten, was am Froschteich vorgeht . . . wenn\ndu's wissen möchtest.\""}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2000, "texte": "Das Mädchen dachte: „Verrat mag ich nicht\nleiden . . . aber wenn du einmal meinen Bräutigam\nmit dem Frosche reden siehst, kannst du mir's ja\nsagen . . , verraten\" und kicherte.\nDarum die Quelle, weani sie jetzt umbog,\nstreckte jedesmal den Kopf ein klein wenig heraus\nund guckte nach dem Froschteich und rannte\nweiter. Sie tat's fleißig, tagaus, tagein, damit sie\nja nichts zu verraten versäumte.\nDen Frosch ärgerte wohl das „Ueberdenzaun-\ngucken\", aber sie gehörte nicht mehr her. Und\ngut. Was ihre Naseweisheit zu bedeuten hatte,\nwußte er ja nicht. Er vermißte sie nicht, sein\nWasser blieb jetzt immer ruhig stehen und wankte\nnicht, einen Abfluß, einen ungeschickten brauchte\ner auch nicht mehr, also war's vorzüglich. Sein\nVermögen blieb mehr beieinander, es wucherte\nZinseszinsen und verdrängte das unnötig viele\nWaschwasser — für Rehböckchen blieb noch\ngenug —. Man roch die Effekten schon auf hun-\ndert Schritte dm Umkreis. Das war die beste\nReklame für seinen erstickenden Wohlstand.\nUnd bei diesem Wohlstand von Dreckloch\nreden! — Rache!\nIhm blieb das „Morgen\". Morgen, seine Tempe-\nratur fiel zum Gefrierpunkt. Aber es mußte sein.\nDemi solange das Mädchen noöh von seinem Ge-\nsellen träumte und im Kahne wehmütig singend —\nbei gutem Wetter hörte er ihre Stimme bis her-\nüber — hinausfuhr auf den See, konnte ihm der\nKnabe wieder abtrünnig werden. Da half nur eins.\nEin blutiger Gedanke an das Morgen erhitzte ihn,\ner entstieg langsam seinem beengenden Umihn\nund setzte sich das erstemal dieses Jahr den Erlesa\nauf die Füße.\nDie Erlen wandten sich aus Abscheu vor ihm,\nsie empfanden seine wüste Seele. Sie wanden sich\nimmer weidiger.\nDem Frosche ließ es auch außen, wo ihn die\nLuft, der unendlich weite Himmel umgab, keine\nRuhe. Ein Sturm von leidenschaftlichen Greuel-\ntaten warf ihn in seine Wanne zurück, in der er\nherumwirbelte wie eine haltlose Qualle.\nEndlich drückte er sich fest und hielt den\nSturm auf, er verscheudhte die Wolketa und\n«nachte sein Herz zur Eiskugei\nFortsetzung folgt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.4.1", "titre_corps": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 44, "texte": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "115", "page_fin": "115", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.4.2", "titre_corps": "Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 55, "texte": "Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "116", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.5", "titre_corps": "Maya", "titre_sommaire": "Maya", "signature_source": "Kurt Striepe", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.8", "debut_caractere": 2002, "fin_caractere_exclue": 4332, "texte": "Maya\nKurt Striepe\nGanz tief bin ich in eine kalte Mauer gestellt.\nMünde umsaugen welk meine blasse Seele. Es ist\nein Träumen über meinen Händen\nEin Dieb schleiche ich durch die Nächte. Eine\nAllmacht faltet nieine Sinne. Mein Gebet ist\ngrößer als ein Leben.\nAlle liegen in den Hängen des Lebens. Die\nKöpfe zur Erde geketirt Ich schaue zu dem\nSternen. Und staune. Wir glauben aJie an ein\nWunder, das uns selig macht- Und sterben einen\nTod. Das Grauen haben viele gelernt.\nNichts — Maya — ist schwerer als der Tod im\nBett Ihnen muß ich immer vom Tod erzählen.\nIch spiele damit. Meine Lust stirbt Es ist ein\nzartes Spiel. Keiner schreit. Einer lauert auf den\nandern.\nNun stirbt meine Mutter. Meine müden Arme\nhalten sie einen halben Tag. Dann kommt das Ende.\nIch sah viel Sterben. Den Wald — schreiend\nstreckt er zerrissene Bäume in den blutenden\nMund. Städte — im Feuertanz, lodernder Kirchen.\nMenschen sali iefe sterben —* im Spielen der\nKinder. . ....\nNun erfüllt sich mein; Schicksal. .\nMaya — mein Glaube ist alles! Ich glaube an\nSie. Trotz allem. Einen schönen Namen kann ich\nnicht vergessen. Und Augen und Ihre Hände.\nIhre Hände verfolgen mich — Maya! Hände\nsind über dem Leben. Ein Gebet.\nSie schreiben nicht mehr. Sie wollen nicht mehr\nschreiben. Ein großes Herz sind Ihre Briefe.\nIch liege auf dem höchsten Berge. Sein wildes\nPochen- ist Musik. Das ist die ganze Erde — die\nich in mein Herz presse. So sind Ihre Briefe.\nEin köstliches Kleinod — opalschimmernd —\ntrage ich in meinen lichtigen Händen. Mein\nHerz ? Meine Hände wissen. Meine Hände\nsehnen sich nach Ihren Händen. Ich gehe zag. Ich\nbin die Mutter, die eine wehe Geburt in ihren\nArmen hält.\nIch habe ein Geheimnis. Sie wissen darum.\nAber daß ich nun ruhiger bin —- ist das Seltsame.\nIch bin mein Narr. Ich sehne mich nach etwas.\nIch ersehne immer die Nichterfüllung. Nur der\nTod brächte eine Änderung.\nDaß ich so ohnmächtig bin — Maya, das ist das\nGrauenhafte.\nIch möchte fluchen können. Ich möchte beten\nkönnen. Oder fluchen und betem zugleich. Aber\ngarnichts können und immer alles wissen\n— das erschöpft mich. Das macht so müde.\nWenn ich nicht Ihre Hände sähe —! Idh werde\nkrank danach. Und nach Ihrem Namen geht ein\nLechzen durch meinen Mund.\nIch werde einmal ein heller Stern sein. In\nmeinem Leuchten sollen Ihre Augen trunken wer-\nden.\nDanach sehne ich mich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "118", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.6", "titre_corps": "Seidenfaden", "titre_sommaire": "Seidenfaden", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.8", "debut_caractere": 4334, "fin_caractere_exclue": 9166, "texte": "Seidenfaden\nAdoll Knoblauch\nSeidenfaden bog: fiebrig die Finger und\nrutschte unruhig auf dem Stuhl: „Anfangs ist\nNatur im Ueberge wicht und lastet bei Taggrauen\nauf der Innerlichkeit. Vom Mittag aufwärts, dem\nPunkt der Harmonie, siegt der Geist und kriegt\ngegen die Natur. Schiller steht im Zenith, der\nStern um neun Uhr Abends. Dann beginnt die\nNacht, die Finsternis, in der ich Nichts bin und\nschlafe, um früh ais Natur mit Etwas zu beginnen.\nIn der Nußschale hast du die Weltgeschichte im\newigen Kreislauf: von der Natur zur Harmonie,\ndurch Streit und Krieg ins Himmelreich, denn sifc\nsteigt Immer wieder neu aus der Natur.\nSchiller kriegt gegen Balsamine und siegt in\nder Höhe. Und wenn Baisamme schterbt, so\nkommt sie in Schillern sein Himmelreich.41\nSinen war der Verstand vom. der wunderlichen\nHarmonie verwirrt. Die Sehlingen im Terrarium\nregten sich träge, reckten in der Dämmerung die\ngefleckten Leiber über den offenen Glashafen\nund erhoben die Köpfe schmachtend ins Dunkel,\ndie Eidechsen rasdielten unheimlich flink, Sine\nsprang hinzu und deckette die ungehorsamen\nKindleM zu.\n* *\n❖\nSine brachte den Bunten :zum Bahnhof und\nkehrte durch den Tiergarten in die Stadt zurück.\nVon den Bogedampen schien der Nachthimmel\nüber den hohen alten Linden blaß, die Blüten\nleuchteten auf weitem Rasenrund, Büsche dufte-\nten, und Sine huschte an Liebespärchen, die ein-\nander auf Bänken und in den Wegen umarmten,\nvorüber. Hinter einem Busche afi' Äsamer Stelle\ntrat aus der Dunkelheit schnell ein Mann S!«e&\nin den Weg und tat die allnächtlichen Fragen:\n„Allein, mein Fräulein? Darf ich Sie begleiten?\"\nUnd er nahm ungezwungen ihren Arm. Sine blieb\nerschrocken stehen und schaute sich um, sie war\nallein mit ihm, fern überm Rasenrund schritt däe\nstarre Erzgestalt des Auerstieres.\nSine fürchtete, den Unbekannten durch Flucht\nzu reizen und beschloß, ruhig auszuhalten, sie\nmochte nicht prüde und albern sein. Die Harmonie\ndes Bunten drückte maaßlos ihre Seele, drängte\nsie zu Tat. Sie erhob die Fahne der kreuzweise»\nLiebe, ihrer bunten Erfüllung! Der heilige Scheie\nam Himmel war ganz weiß. Sine gab Kunde von\nSeidenfadens süßer Lehre, sie zwang den begehr-\nlichen, finster triebhaften Mann zum Bewußtsein\nseiner niederen Durchsdhnittlichkeit: „Sie habe»\ngewiß den Willen, recht zu lieben, aber Sie haben\nnicht die Rechte gefunden, das ist auch schwer!\nEs liegt nur am Willen, recht zu lieben, dann-\nfinden Sie die Rechte. Sie dürfen nicht etwa\nEine lieben: Alle, die Sie sehen, soviele, die Ihnen\nbisher im Vorübergehen flüchtig gefielen, müssen\nSie finden und lieben! Sie müssen unaufhörlich\nlieben, sich jeden Tag verlieben, in Viele, Alle . . .\nDann lieben Sie recht, und Alle, die Sie lieben, Sinti\ndie Rechten!\"\nNach dieser Rede wurde des Mannes blasses\nGesicht unter dem modisch weichen Hut sichtbar,\ner ließ den Arm seiner neuen Tiergartenbraut\nsinken. Ermutigt durch diesen Eindruck, mahnte\nSine zur Ueberwindung, tröstete mit der Liebe\naller unbegrenzten Möglichkeiten. Sie lud ihn zum\nBesuch, der Bunte würde ihm den herzlichen Weg\nund der kreuzweisen Liebe Stärke deuten.\nDer Unbekannte drückte den Hut fest in die\nStirne, schlug die Hände in die Hosentaschen and:\nsprang hintern nächsten Busch in die Dunkelheit\nAls Sine Seidenfaden das Abenteuer erzähltt,.\nfügte sie bei: „Wenn der Dumme ahnte, daß icfo\nihm ganz gern einen Kuß gegeben hätte! Bf\ndauerte mich so . . .!\"\nXIV\nSine hatte Leine wand eingespannt, um Motive\nift den Ferien fern vom Meister zu malen. Es fiel\nihr unüberwindlich schwer, vor der Leine wand\nzu stehen, um Farben aus dem Blauen ins Weift\nzu pinseln. Ihre Seele suchte den starken Mann&s-\nhalt, sie brachte leider nichts zuwege in Gel.\nSie griff zum Kodak, der als Motivsucher m\nMalferien gehört. Sie plagte sich redlich, phot*>-\ngraphierte Alles und Alle, im Heu, im Bach, autf\nBäumen, springend, kletternd, purzelnd, kopf-\nstehend, brüllend, heulend, pfeifend, weinend —\naber ihr rechtes Motiv fand sie nicht. Bis eines\nTages Seidenfaden vorsichtig einflüsterte, die\nkleinen Dollinge nackt zu knippsen. Das rechte\nMotiv! Die Kinder als nackte Modelle zu ihres\nMädelsfratzen!\nKatharine wies Sinens honigsüßes Ansinne«\nrauh von sich. Schweigstille traute inie Sinen i*M\nwollte, wenn die Anderen wollten. Nur der lang-\nlockig hingebende Engel Sibille wollte, zierte siefß-\nund ließ sich nackt knippsen: einmal seitlich, das?\nHaupt in Pose auf den dünnen Arm gestützt, e&s*\nander Mal horizontal auf dem Rücken, Brust und;\nBeine in Wogenlinie auf Profil, schließlich auf deim\nBauch mit der deutlich sich abhebenden Rückseite\ndes Leibes.\nJetzt wollten die beiden Schwestern nicht zu-\nrückstehen, und sie wurden gleich gründlich\ndurchgeknippst Am Ende stellten die drei\nwissenden Mätze ein keckes Ballett: So wurde®»\ndie edlen nackten Kinderkörper für den\ngierigen Erotiker Seidenfaden photographiert."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9954, "texte": "Seidenfaden erklärte Sibillens Bild für das\nSchönste und er näherte sich dringend DoMings\nNestlingen. Abends, wenn der Vater fort war, er-\nschien er bei den Kindern und reichte ihnen feines\nMarzipan ins Bett. Er kam jeden Sonntag und\nbrachte Siegfried mit, um ihm die heranreifende\nJugend zu zeigen. Aus den Jöhren waren ent-\nzückende flinke Mädelchens geworden, mit denen\ngeflirtet wurde.\nDie brummige Engelslocken-Sibille samt einer\nebenso flachgesichtigen Freundin waren Seiden-\nfadens Lieblinge, mit denen er gewandt Tanz-\nstunden-Unterhaltung übte. Diese Mädels waren\nunnahbar, wenn ihr Verehrer sich um sie bemühte.\nWar er fort, so hatte Nonne ihre Not, sie in Fran-\nzösisch und Aufsatz vorwärts zu bringen. Gegen\neine Gebühr von täglich fünfzig Pfennigen durfte\nder „Bräutigam\" am Familien-Mittag teilnehmen.\nEr durfte sein blau lackiertes Piano in die Wohnung\nbringen und Klavier-Unterricht erteilen. Er setzte\nes durch, daß Sibille schließlich allein Klavier-\nstunden nahm, denn die anderen Mädels hatten\nzu häßlich rote Finger für die Tasten. Die kupple-\nrische Sine begünstigte die Idylle, die des Bunten\nBlut wärmte, ihm rote Backen machte und dünne\nKnabengeb er den aus ihm lockte.\nSibille tat, als lernte sie nur Klavierspielen.\nSeidenfaden legte häufig weich ihre Finger an die\nrichtige Taste und führte die Finger, indem er\nsich dicht ans warme Mädel schmiegte. Der zag-\nhafte Koser warb um die Holde, legte den Arm\nsanft vergessen um ihre Hüfte, indem er ihre\nnackte Linie mach der Photographie genoß:\n„Merkst du ein wenig, wie furchtbar lieb ich dich\nhabe, Sibille! Sei auch zu mir gut!\" Er drückte\nseine Lippen auf ihre, indem er den Engelslocken-\nkopf in beide Hände nahm.\nSibille mochte das große Ereignis nicht ver-\nschweigen. Sie erzählte, daß sie es sich habe ge-\nfallen lassen, weil er so drum bat. Katharine\ndrohte, es dem Vater wiederzusagen. Seiden-\nfaden war betrübt von Sibillens Kälte und\nzweifelte an ihrer erotischen Fähigkeit. Er hoffte,\nsie der Erziehung durch proletarische Kinder-\nwärterinnen zu entwinden und der Erotik zuzu-\nführen. Sibille würde er einmal an die Stelle der\nalternden Sine setzen! Sine begann, sich mit\nSibille in die ohnehin geringe Mannheit des Bunten\nzu teilen.\n* *\n*\nSeidenfaden siedelte in die Nähe von Böllings,\nEr wollte Sibille nahe sein, er haßte Sine, wenn\nSibille in ihrem tantenhaften Schutz zum seltnen\nBesuche kam. Er wollte ihre Luft atmen, ihre\nSpiele genießen, sich täglich an ihr freuen. Jen-\nseits des Bahndammes stand ein einzelnes Haus\ninmitten freier mit Kartoffeln und Hafer bestellter\nFelder. Gartenland, das in Laubenkolonien aufge-\nteilt war, dehnte sich hinter dem Hause bis zum\nBahndamm. Hier wohnte Malz, Wachtmeister der\nKreis-Gendarmerie mit seinen Mädels. In Malzens\nschmucken Laubenkolonien, dem birkengehegten\nTeichgelände spielten täglich die Dollinge mit den\nNachbarmädels. Von Malzens mietete der Bunte\neine Stube und zog mit dem blaulackierten Trödel\n-ein.\nDer Ruf von seiner Verliebtheit war Seiden-\nfaden im töchtergesegneten Hause Malzens vor-\nausgeflogen. Die Mädchen hatten vereint seine\nneue Stube sauber hergerichtet, und beim Kom-\nmeii des Bunten wimmelte das Haus von jungen\nFrauen, und süßen Mädels, die auf der Treppe\nstanden oder neugierig aus den Wohntüren lugten.\nAls er ans Stubenfenster trat, blickte er auf die\nBlumenbeete, die Birken und Teiche, die Ernte-\nwirnpel, Lauben und Bänke in den Gärten nieder.\nLändliche Paradieseswonne entzückte den Seide-\nnen und er vermeinte noch den Druck zu spüren von\ndünnen Knieen, zehnjährigen Armen, nackten\nBeinen, die auf der Treppe sich an ihn schmiegten\nund schmachteten. Er war der wissend Verfolgte,\nder die heimliche Sünde kindlicher Unschuld auf\nsich lud, ihre Begierdenflamme am Blitzleiter\nseiner Erotik entlud.\nTäglich stieg er in Malzens Garten nieder,\nwenn der Dollingschwarm tobte: er lief hinter\neinem Dutzend schalkischer Mädels her, um eine\nIrmgard, Gertrud, Magda oder Sibille zu kriegen,\nsie auf Zöpfe, Mund und Nacken zu küssen, und\num ihn erscholl das Lied: „Bunter im munteren\nMädchengedränge!\"\nDie Mädchen spielten „Rattenfänger von\nHameln4'! Seidenfaden trug eine Laute mit bunten\nWimpeln am seidenen Band nach Art der Wander-\nvögel umgehängt und klimperte und sang mit\ntiefer Stimme Wandervogellieder. Den braunen\nSamthut auf den Locken, im hellen Anzug, in\nLackschuhen mit Seidenflügeln, seidenen Strümp-\nfen diente er den lieben Mädels. „Rattenfänger!\"\nDie Zöpfe flogen um die Wette, und er lief ihnen\nnach, als gelte es einer neuen Erotik!\nSeine Lieblinge beschenkte er mit seidenen\nHaarschleifen und feinem Marzipan, und er nahm\nsich heraus, die Lieblinge beim Spiel zu küssen.\nManch Mädel, das in der stolzen, hellen, gold-\nkreuzgeschmückten Brust das Gedenken an einen\nschmalen schönen Gymnasiasten barg, warf ihm\nein „Pfui\" zu und warnte: „Rattenfänger, nimm\ndich zusammen! Wenn das die Mutter erfährt!\"\nDie wilden Mädels äfften Seidenfaden mit\nseinem Geklimper nach, sie hüpften vor ihm,\nschwangen die fürchterlichen Rattenzöpfe, bargen\nsich flink hinter Birken und in Lauben und lockten\nden bebänderten Herrn mit Handkuß und Mund-\nspitzen, sie zu haschen. Dazu sangen sie, daß es\nschallte:\nIch führe euch ins Freudenland\nnahebei — ganz nahebei!\nQuellen springen, Früchte wachsen,\nBlumen prangen, und Alles ist bunt\nund fremd und wunderbar.\nSperlinge sind farbiger als Pfaue,\nHunde laufen schneller als Hirsche,\nBienen fliegen ohne Stacheln,\nPferde spannen Adlerflügel!\nRattenfänger führt euch in das Land\nnahebei — ganz nahebei!\nMalzens kleiner Stall war der Koppelberg,\ndessen Finsternis sich auftat, um den Rattenfänger\nsamt der verführten Brut zu verschlingen. Viele\nMale stolperte der Bunte über Mistgabel oder\nSpaten, die ihm zwischen die Beine fielen, oder\nStrohwische an der Wäschestange kitzelten ihn\nund beschmutzten seine Wimpel. Endlich war er\nim Koppelberg gefangen, der Riegel fuhr zu, und\nin der Finsternis regnete es von allen Seiten Stroh,\nKartoffelschalen flogen im Kehrichtdunst an Herrn\nSeidenfadens geschmücktes Haupt, und tolle\nMädels zupften an den Wimpeln, Seidenflügeln\nund Locken.\nEndlich hatte er das Tor aufgestoßen, be-\nschmutzt, entrüstet rannte er von dannen, hinter\nihm die Mädelschar. Katharinen stand vom über-\nmäßigen Lachen ein nasser Fleck vorm auf dem\nt\nKleid, sie hatte sich vor Lust naß gemacht.\nSchweigstille kugelte sich und biß ins Gras, um\nnicht zu platzen.' Sibille raste als Führerin der\nRadhejagd dicht hinter dem Flüchtigen und« schrie\natemlos: „Herr Rattenfänger! Spielen Sie doch\nweiter mit uns, noch einmal! Wir klopfen Ihnen\nden Staub aus, bitte Herr Seidenfaden!\"\nXV\nAlle Dolinge fuhren zum Geburtstag eines\nkleinem Vetters, die ganze Verwandtschaft fand\nsich beim Familientag ein. Auch Seidenfaden hatte\nsich eingeladen und folgte Sibillen nach. Und Sine\nfuhr mit Seidenfaden.\nDie Kinder hatten zum Festtage als ganz be-\nsonderes Geschenk die Erlaubnis erhalten, einmal\nganz unter sich und dhne „Erwachsene\" sein zu\ndürfen. Der 'liebesgeduldige Seidenfaden nahm die\nLaute mit bunten Wimpeln und trat klimpernd und\naus tiefster Brust singend zu den Kindern in die\nStube. Die Kinder verstummten und der Unge-\nbetene erklärte hochfahrend, daß er die Er-\nwachsenen nicht kenne, sie seien, alle beisammen\nso langweilig und dumm, daß er lieber bei Si-\nbillens Freunden sitzen wolle. Die Knaben, die\nmit den lieben Mädels gern allein gewesen wären,\nfügten sich ins Unvermeidliche, um das Fest nicht\nzu stören, und beachteten den „Affen\" garnicht.\nEin Knabe stand auf und hielt eine Ansprache\nauf das Geburtstagskind. Seidenfaden, der rasend\neifersüchtig war, rief dazwischen: „hab ich allens\nmal gelesem\", „Stuß! Der wickelt euch ein\", „wie\ngebüldet!\" und er klimperte und sang jeden Satz\ndem Knaben nach, um ihn lächerlich vor Sibillen\nzu machen.\nAls der Knabe zu Ende war, beklagten sich\nAlle über die unaufhörlichen Störungen. Seiden-\nfaden spottete: „Ich hab ihm ja Alles nur nach-\ngesungen!\" Unwiderstehlich sang der Bunte ein\nLied nach dem Anderen und verdarb gründlich\nden frohen Tag.\nFredi fragte: „Wißt ihr, ob Herr Seidenfaden\nSibillen schon geküßt hat. Sine antwortete: „Das\nkann jeder wissen! Seidenfaden hat Sibille schon\nviele Male geküßt.'\nAm anderen Tage klagte Seidenfaden bei Ka-\ntharine: „Auf dem Geburtstag war es doch zu\nlangweilig!\" Katharine brach los: „Daran waren\nSie allein Schuld! Mit Ihrem ewigen Geklimper\nund Gesinge haben Sie allen das Fest verdorben!\nAlle waren auf Sie wütend! Wir waren ganz\nunter uns, dann mischten Sie sich ein und machten\nden Affen! Warum waren Sie nicht geblieben, wo\nSie hingehörten?\"\nEntrüstet, tief beleidigt zürnte der Bunte: „Das\nwill ich Sibille fragen, ob ich ihr auch das\nFest verdorben habe. Er beraumte eine Klavier-\nstunde für Sibille am selben Nachmittag an. Als\ner mit ihr allein war, bot er ihr einen Stuhl und nahm\ngegenüber Platz: „Sibille, Klavierstuinde haben wir\nallerdings nicht, wie du weißt. Ich bestellte dich\nher, weil ich fragen will, ob ich dir auch den\nGeburtstag verdorben habe?\" „Allen haben Sie\nden Abend mit dem dämlichen Gesinge und dem\ngräßlichen Geklimper verdorben! Sie waren\nscheußlich gegen die Jungens. Die Jungens waren\nnoch viel zu anständig und Sie waren ein lang-\nweiliger Affe —!\"\nSeidenfaden sprang hoch, streckte den rechten\nZeigefinger wagerecht aus: „Falsche, dich habe\nich nicht gekannt! Schöne Augen könnt ihr\nmachen, mich mit den Knieen drücken, mit\nRöcken streifen, mich mit Händen und Beinen be-\ntasten, küssen laßt ihr euch auf Mund und Augen,\nlaßt euch das Haar streicheln, nehmt Geschenke\nan — pfui, ihr Schamlosen —!\" „Seien Sie nur\nganz still, Herr Seidemfaden, ich werde sonst dem\nVater erzählen, was Sie mit mir und den anderen\nMädels für Sachen treiben! Sie laufen arg den\nkleinen Mädels nach, das wissen schon Alle, und\nSie graulen Alle von uns weg, weil Sie immer\nverliebt sind!\" „Lügnerin, du hast gesagt, du lieb-\ntest mich! Ich werde eurem Vater erzählen, was\nihr Falschen für Sachen treibt mit euren Augen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4762, "texte": "und Knieen und Röcken und Beinen und Händen\nund euren falschen Küssen.\" Seidenfaden, der\nzagende Koser, eilte leidenschaftlich aus der Stube\nund schloß sich mit Sine ein.\nEr verbarg sich mit seinem Liebesschmerz, und\nSine war im Liebsten tief mitbeleidigt. Eine bittre\nWoche lang waren die zänkischen Frei-Ehegatten\ntäubchenzart beisammen, waren zu den Frühlings-\ntagen des orangenen Honigmondes heimgekehrt.\nSine betreute mütterlich den Liebsten, dem freche\nMädels roh das Herz verletzt hatten. Sine stürmte\nrächend durchs Haus, warf eine bittre Woche lang\ndie Türen, züchtigte tantenhaft und blieb unnah-\nbar. Bis auf Weiteres fiel der Klavier-Unterricht\naus.\n* *\nNonne saß am Vormittag auf dem griinumlaub-\nten Balkon und flickte Vater Dollmgs Hemden.\nDie Mädchen waren zur Schule, Dolling schrieb,\nund im Bücherzimmer war Seidenfaden bei Sinen\nzu Besuch. Nonne war allein, die Morgensonne\nschien in ihr freies, starkes Gesicht, in das die\nArbeit ihrer Familie seit Generationen früh die\nschweren Zeichen gefurcht hatte. Sie hatte\nJugendjahre unerträglich anstrengenden Dienstes\nin Dollings Familie verbracht und die drei Mäd-\nchen großgezogen. Ihre mütterliche Kraft gab den\nKindern sittlichen Halt.\nNonne sang Eines der wunderbaren Kinder-\nlieder, ihr Haupt war auf die Näherei gebeugt und\nihr im Nacken ruhte sonnig der schwere Liebes-\nknoten des Haares.\nUnerwartet trat Sine in die Stille, legte sich in\nden Liegestuhl und starrte heiß auf die fleißige\nArbeiterin, die das Mannshemd gegens Licht hob,\num die geflickten Risse zu prüfen. Sine begann:\n„Nonnchen, deine Jöhren sind jetzt zu frech.\nDu hast sie nie ordentlich durchgehauen, jetzt\nsind sie gegen Alle frech. Wenn du sie nicht haust,\ndann tue ich's. Ich will es ihnen zeigen!'4\nNonne prüfte noch die Flickerei und legte das\nHemd ruhig in Falten zusammen. „Das ist nicht\nwahr\", antwortete sie, „die Kinder sind nicht frech.\nSie machen mal' neu tollen Streich, aber sie\nmutzen Niemand was auf, wenn ers nicht wirklich\nverdient hat.'4\nSine sprang vom Liegestuhl auf: „Willst du\ndamit sagen, daß die Jöhren Recht hatten, Herrn\nSeidenfaden zu beschimpfen?\" Nonnens scharfe\nblaue Augen blickten stählern: „Herr Seidenfaden\n— hat Ursache zu dem Zank gegeben. Warum\nsetzt er sich unter Kinder, die nichts von ihm\nwissen wollen! Bei seinen vierunddreißig\nJahren . . .!\"\n„Und du Nonne, bei deinen achtundzwanzig\nJahren hast noch immer keinen Mann und weil\ndu häßlich bist, bist du gegen den armen Seiden-\nfaden, der Niemand was tut, niederträchtig! Du\nallein hetzt die Kinder gegen ihn auf und nimmst\nihre Schlechtigkeit noch in Schutz. Aber künftig\nhaue ich sie . . .\"\nNonne antwortete eulenspiegefrid, doch ernst:\n„Jedenfalls haben die Kinder gegen seine Zu-\ndringlichkeit sich mit vollem Recht gewehrt, seine\nBackpfeife hat er weg! Ihr Stauniger darf die\nkleinen Mädels gern anschauen und ihren Spuren\nvon fern folgen, aber es ist verboten, sie anzu-\nrühren. Er tat allzu schön mit ihnen, aber meine\nkleinen göttlichen Mädels waren eine harte Nuß,\ndie er nicht knacken konnte.\"\nNonne wollte aufstehen, als Sine jäh ihr eine\nfurchtbare Ohrfeige gab. „Da haben Sie Ihre\nBackpfeife!\", schrie die Bunte und stürmte fort.\nNonne weinte stille Tränen, die Wange schmerzte\nvon der harten Faust, sie war unglücklich über\ndie Kränkung, aber ganz unfähig, sie zu rächen\nund nach niedrer Weiber Art Sinen ;zum Faust-\nkampf herauszufordern.\nSine verließ mit dem armen Seidenfaden das\nungastliche Haus. Nach dem Essen setzte sich\nNonne mit den Kindern zu Schularbeiten. Alle\nbesprachen eifrig das unerhörte Ereignis. „Nonne\nhat ganz Recht\", sagte Katharine, „der Affe hat an\nAllem Schuld. Er war immer hinter allen Mädels\nher.\"\nSibille trumpfte auf: „Nonne hätte nachgeben\nmüssen. Jetzt sind sie auf uns Alle wütend, und\nHerr Seidenfaden verkehrt nicht mehr bei uns!\"\nSchweigstille pfiff: „Puff! Piano! Hopsa!\" und\nahmte Ziehleute nach, die das Piano in Gurten\nforttrugen.\n„Die verfluchte Katze hat Nonne geschlagen\",\nbrummte Katharine. „Uns hat sie nicht ge-\nschlagen\", rief stol'z Sibille und leise flüsterte sie\nSchweigstille zu: „Es ist ja bloß Nonne, Der scha-\ndet's nicht!\"\nNonne richtete sich auf, weißen Schein im\nAngesicht: „Sine will euch hauen, wenn ihr künf-\ntig Streiche macht. Sie sagte, ich nähme all eure\nSchlechtigkeit in Schutz.\"\n„Se haut, haut, haut!\" tobte Schweigstille.\nKatharine schrie erregt: „Giebt es denn gar-\nnichts gegen diese verfluchte Katze?\"\nNonne sprach mit heimlich wachsender Stimme:\n„Katzen beißen die kleinen, dummen Vögel' durch\nden Hals. Die Mutter warnt ihre Nestlinge, und\nsolange ich im Hause bin, wird keine Katze euren\nHals durchbeißen.\"\nSibille begann unter Nonnens Leitung den Auf-\nsatz: „Johanna von Orleans reitet allein im Geleit\nvon zwei Rittern zum Königshof.\"\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "119", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 4764, "fin_caractere_exclue": 7487, "texte": "Gedichte\nKurt Heynicke\n\nBiese Tage\n0 Lächeln der Frauen\ndas in den roten Schoß der Tage verglimmt\nein blasses Feuer.\nEin Herzschlag nimmt\nleise aus dem letzten Funken\neinen zitternden Geigenstrich\nund legt ihn auf die vernarbte Wunde.\nMir ist eine Stunde\nlauter Sonnenblüten\nin den Schoß gefallen.\n\nin den Schlaf\nMeine Träume sinken in die Nacht\nnimm in deine Hände\nmein Haupt.\nDir an die Brust\nlege ich meinen Gesang,\nhoch\nihr Sterne über mir.\nMeine Augen suchen den Qlanz\nder aus Bergwäldern streicht;\nSonne, die du bist.\nFerner Klang.\nGeliebte.\n\nAngriff\nSonnen stieben in Scherben.\nMensdhen ackern dampfende Erde\nzuckende Pflugschare in brennenden Fingern.\nDie Himmelslichter sterben auf die Städte hinab,\nFlammen flirren auf\nund fressen die Sterne.\n\nGedieht\nAus schwarzen Zweigen spreitet sich ein\ndunkles Tor\nmein Nachen schneidet schmerzhaft auf\nden Fluten.\nGedanken tropfen leise in die Nacht\nund legen weiße Tränen auf die Hände.\nDie Brunnen steigen dunkel\ndie Granate bohrt sie.\nIch gehe durch den Tod der Freude\nüber buntes Laub.\nDie Wasser schluchzen\nwenn sie des Ruder schlägt.\nNahe\nSchreit sich ein Geschoß aus den Fesseln.\n\nAbschied\nDie Stille spricht.\nMiid gehn die Blicke waldein in die Nacht\nund über unserm Fenster\nstirbt das Leuchten.\nSacht\ngleiten alle Schatten in die Ferne.\nDein Haar verblüht in meiner Hand.\nNun\nirrt mein Tasten nach dem Wanderstabe\nUnd sucht das Licht des letzten Dampfers\nauf dem Flusse.\n\nStreife\nAugen spiegeln in den Mond\nalle Schritte frißt der Wald.\nIm Traume spricht ein Maschinengewehr.\nFlüche fallen in die Gräben\nHauptüber\nreitet eine Granate auf dem Tod.\n\nGedieht\nSterne schatten Gottes Gesicht.\nMeine Hände schreien in die Sterne\naus den Gassen blutet mein Ruf\nhimmelauf.\nMein Gebet ist ein weinendes Mädchen\naus den Stuben der Liebe.\nAuf meiner Besinnung tanzen die Stunden.\nGraue Vögel sind meine Tage\nWorte verbrennen im Meere der Nacht.\nIch zerreiße das Lächeln der Sonne\nund liege schlafend auf den Gräbern der Stadt.\nIch bin ein Spiel auf dünnem Gewässer,\nGottes Wind\nweht meine Seele welthindurch.\n\nPsalm\nDeine Welt im Mai ist mein Altar\neine Frage himmelhinauf mein Gebet.\nEin Jubeln bin ich deinem Gewitter\nein weites Tor\nist deinen Stürmen mein Herz.\nBerge knieen vor dir\nStröme schreiten deinen Gang\nMeere singen Choräle deiner Hand.\nWelle bin ich,\nalle Gedanken töten deinen Namen\nStaubhinab\nKniee ich blütenüber\nunfaßbar Dich.\n\nGedicht\nIch glänze tausend Gewänder,\nich hebe die Wälder an meine Brust,\nin ihren Schatten geht meine Liebe.\nMeine Liebe ist ein weißes Reh\nmeinen Händen ewige Sehnsucht.\nMeine Seele ist ein blühender Baum,\nim Tal schläft er mit dem Mai des Nachts.\nSternfall jubelt Erkenntnis in meine Besinnung,\nich fühle die Tage an meinem Fuß."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2183, "texte": "Weltatem bin ich empor zu Gott,\nfremde Flamme auf den Altären,\nviele Stunden überleuchtet mein Sein.\n\nIm Zuge\nDurch die Fenster steigt das Land\nin die Blicke blühen Wälder\nrote Dächer an den Brüsten\nund im Arm die Somerbirken.\nMein Herz braust laut den Rädern zu\nich träume Tanz und atme Du\nund glühe Glück in alle Sonnen\nurewig aufwärts dunkel Du!\n\nHügelland\nDie Wälder fließen dunkel in das Land\nam Arm der Straßen hängen junge Birken.\nDie Felden beten brünstig in die Mahd,\nfern grauen Wolken Dämmern himmelab.\nEin Berg blaut tief dem Fern entgegen.\n\nMädehen\nO, fremder Schritt meiner jungen Schmerzen\ndes Nachts zu betten meinem Schoß,\no blühes Blut in meinen« Kissen\ndes Nachts zu weinen in den Schlaf.\nIch gehe alle spitzen Wege\nund friere nackt vor fremdem Blick.\nIch trage meine Fragen in den Wald\nund bebe unfaßbar\nblutumquollen\nsinnverlassen\nfern in das Du.\n\nSommer\nAm Hang des Himmels wuchten Wolken\nin das Grau\nhochgipfelüber sonnenmatt umquellt\nEin rotes Dorf duckt blaß zu ihren Füßen\nhochbeinig steigen Föhren in den Sand,\nBlauäugig uferlos ins Land gestellt\ngrünt Korn dem Schnitter in die Hände\nIch bin ein Weib\nund schreite brennend in das Tal\nund blühe Sommerblut aus meiner Lende.\n\nNichts\nEine Stunde hat eine Rose im Haar\nmensch enblaß\nblüht und verblüht der Baum.\nEin Lied aus der Sommernacht\nvon Winden zerpflückt.\nTief glühen Küsse in dein Blut\nam Morgen\nverweht ein Lächeln fern das Du.\nFeucht ist mein Blick in den Tag,\nAbend umglüht meine Hände,\nin die Sterne tastet mein Sinn,\nim Sonnenrot\ntaumelt ein neuer Tag.\n\nHeimat\nVon» allen Ufern trennst du mich\naus allen Gassen hebst du mich an deine Brust.\nDein Atem öffnet mich\nstraßenlängs\nwälderhinüber\nDu.\nHimmelblau badet im See\nHeimat trägst du mich unter die Wipfel der Föhren\nmein Boot ist die Sonne\nSegel der Wind.\nEine Kinderwiege schlummert im Schilf\nmeiner Mutter totes Herz blüht aus der Gruft.\nHeimat bin ich\nalle Fenster hat meine Seele auf\nalle Wege münden in meine Brust\nunter einem roten Dach ist meine Sehnsucht\ndaheim.\nMeine Arme breiten in die Welt.\nSchüchterne Blumen im Feld sind meine Schuhe\nzu gehn die Heimat in den Frieden,\nden Tag zu tragen in das Licht\nbeglänzt zu singen\nHeimat\nDu!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.1", "titre_corps": "Biese Tage", "titre_sommaire": "Biese Tage", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 4788, "fin_caractere_exclue": 5061, "texte": "Biese Tage\n0 Lächeln der Frauen\ndas in den roten Schoß der Tage verglimmt\nein blasses Feuer.\nEin Herzschlag nimmt\nleise aus dem letzten Funken\neinen zitternden Geigenstrich\nund legt ihn auf die vernarbte Wunde.\nMir ist eine Stunde\nlauter Sonnenblüten\nin den Schoß gefallen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.2", "titre_corps": "in den Schlaf", "titre_sommaire": "in den Schlaf", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 5063, "fin_caractere_exclue": 5311, "texte": "in den Schlaf\nMeine Träume sinken in die Nacht\nnimm in deine Hände\nmein Haupt.\nDir an die Brust\nlege ich meinen Gesang,\nhoch\nihr Sterne über mir.\nMeine Augen suchen den Qlanz\nder aus Bergwäldern streicht;\nSonne, die du bist.\nFerner Klang.\nGeliebte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.3", "titre_corps": "Angriff", "titre_sommaire": "Angriff", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 5313, "fin_caractere_exclue": 5516, "texte": "Angriff\nSonnen stieben in Scherben.\nMensdhen ackern dampfende Erde\nzuckende Pflugschare in brennenden Fingern.\nDie Himmelslichter sterben auf die Städte hinab,\nFlammen flirren auf\nund fressen die Sterne."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.4", "titre_corps": "Gedieht", "titre_sommaire": "Gedieht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 5518, "fin_caractere_exclue": 5900, "texte": "Gedieht\nAus schwarzen Zweigen spreitet sich ein\ndunkles Tor\nmein Nachen schneidet schmerzhaft auf\nden Fluten.\nGedanken tropfen leise in die Nacht\nund legen weiße Tränen auf die Hände.\nDie Brunnen steigen dunkel\ndie Granate bohrt sie.\nIch gehe durch den Tod der Freude\nüber buntes Laub.\nDie Wasser schluchzen\nwenn sie des Ruder schlägt.\nNahe\nSchreit sich ein Geschoß aus den Fesseln."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.5", "titre_corps": "Abschied", "titre_sommaire": "Abschied", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 5902, "fin_caractere_exclue": 6193, "texte": "Abschied\nDie Stille spricht.\nMiid gehn die Blicke waldein in die Nacht\nund über unserm Fenster\nstirbt das Leuchten.\nSacht\ngleiten alle Schatten in die Ferne.\nDein Haar verblüht in meiner Hand.\nNun\nirrt mein Tasten nach dem Wanderstabe\nUnd sucht das Licht des letzten Dampfers\nauf dem Flusse."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c015", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.6", "titre_corps": "Streife", "titre_sommaire": "Streife", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 6195, "fin_caractere_exclue": 6369, "texte": "Streife\nAugen spiegeln in den Mond\nalle Schritte frißt der Wald.\nIm Traume spricht ein Maschinengewehr.\nFlüche fallen in die Gräben\nHauptüber\nreitet eine Granate auf dem Tod."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c016", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.7", "titre_corps": "Gedieht", "titre_sommaire": "Gedieht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 6371, "fin_caractere_exclue": 6820, "texte": "Gedieht\nSterne schatten Gottes Gesicht.\nMeine Hände schreien in die Sterne\naus den Gassen blutet mein Ruf\nhimmelauf.\nMein Gebet ist ein weinendes Mädchen\naus den Stuben der Liebe.\nAuf meiner Besinnung tanzen die Stunden.\nGraue Vögel sind meine Tage\nWorte verbrennen im Meere der Nacht.\nIch zerreiße das Lächeln der Sonne\nund liege schlafend auf den Gräbern der Stadt.\nIch bin ein Spiel auf dünnem Gewässer,\nGottes Wind\nweht meine Seele welthindurch."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c017", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.8", "titre_corps": "Psalm", "titre_sommaire": "Psalm", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 6822, "fin_caractere_exclue": 7155, "texte": "Psalm\nDeine Welt im Mai ist mein Altar\neine Frage himmelhinauf mein Gebet.\nEin Jubeln bin ich deinem Gewitter\nein weites Tor\nist deinen Stürmen mein Herz.\nBerge knieen vor dir\nStröme schreiten deinen Gang\nMeere singen Choräle deiner Hand.\nWelle bin ich,\nalle Gedanken töten deinen Namen\nStaubhinab\nKniee ich blütenüber\nunfaßbar Dich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c018", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "119", "image_debut": 10, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.9", "titre_corps": "Gedicht", "titre_sommaire": "Gedicht", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "debut_caractere": 7157, "fin_caractere_exclue": 7487, "texte": "Gedicht\nIch glänze tausend Gewänder,\nich hebe die Wälder an meine Brust,\nin ihren Schatten geht meine Liebe.\nMeine Liebe ist ein weißes Reh\nmeinen Händen ewige Sehnsucht.\nMeine Seele ist ein blühender Baum,\nim Tal schläft er mit dem Mai des Nachts.\nSternfall jubelt Erkenntnis in meine Besinnung,\nich fühle die Tage an meinem Fuß."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 100, "texte": "Weltatem bin ich empor zu Gott,\nfremde Flamme auf den Altären,\nviele Stunden überleuchtet mein Sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c019", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.10", "titre_corps": "Im Zuge", "titre_sommaire": "Im Zuge", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 102, "fin_caractere_exclue": 348, "texte": "Im Zuge\nDurch die Fenster steigt das Land\nin die Blicke blühen Wälder\nrote Dächer an den Brüsten\nund im Arm die Somerbirken.\nMein Herz braust laut den Rädern zu\nich träume Tanz und atme Du\nund glühe Glück in alle Sonnen\nurewig aufwärts dunkel Du!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.11", "titre_corps": "Hügelland", "titre_sommaire": "Hügelland", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 350, "fin_caractere_exclue": 552, "texte": "Hügelland\nDie Wälder fließen dunkel in das Land\nam Arm der Straßen hängen junge Birken.\nDie Felden beten brünstig in die Mahd,\nfern grauen Wolken Dämmern himmelab.\nEin Berg blaut tief dem Fern entgegen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.12", "titre_corps": "Mädehen", "titre_sommaire": "Mädehen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 554, "fin_caractere_exclue": 867, "texte": "Mädehen\nO, fremder Schritt meiner jungen Schmerzen\ndes Nachts zu betten meinem Schoß,\no blühes Blut in meinen« Kissen\ndes Nachts zu weinen in den Schlaf.\nIch gehe alle spitzen Wege\nund friere nackt vor fremdem Blick.\nIch trage meine Fragen in den Wald\nund bebe unfaßbar\nblutumquollen\nsinnverlassen\nfern in das Du."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c022", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.13", "titre_corps": "Sommer", "titre_sommaire": "Sommer", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 869, "fin_caractere_exclue": 1200, "texte": "Sommer\nAm Hang des Himmels wuchten Wolken\nin das Grau\nhochgipfelüber sonnenmatt umquellt\nEin rotes Dorf duckt blaß zu ihren Füßen\nhochbeinig steigen Föhren in den Sand,\nBlauäugig uferlos ins Land gestellt\ngrünt Korn dem Schnitter in die Hände\nIch bin ein Weib\nund schreite brennend in das Tal\nund blühe Sommerblut aus meiner Lende."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c023", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.14", "titre_corps": "Nichts", "titre_sommaire": "Nichts", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 1202, "fin_caractere_exclue": 1540, "texte": "Nichts\nEine Stunde hat eine Rose im Haar\nmensch enblaß\nblüht und verblüht der Baum.\nEin Lied aus der Sommernacht\nvon Winden zerpflückt.\nTief glühen Küsse in dein Blut\nam Morgen\nverweht ein Lächeln fern das Du.\nFeucht ist mein Blick in den Tag,\nAbend umglüht meine Hände,\nin die Sterne tastet mein Sinn,\nim Sonnenrot\ntaumelt ein neuer Tag."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c024", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.7.15", "titre_corps": "Heimat", "titre_sommaire": "Heimat", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 1542, "fin_caractere_exclue": 2183, "texte": "Heimat\nVon» allen Ufern trennst du mich\naus allen Gassen hebst du mich an deine Brust.\nDein Atem öffnet mich\nstraßenlängs\nwälderhinüber\nDu.\nHimmelblau badet im See\nHeimat trägst du mich unter die Wipfel der Föhren\nmein Boot ist die Sonne\nSegel der Wind.\nEine Kinderwiege schlummert im Schilf\nmeiner Mutter totes Herz blüht aus der Gruft.\nHeimat bin ich\nalle Fenster hat meine Seele auf\nalle Wege münden in meine Brust\nunter einem roten Dach ist meine Sehnsucht\ndaheim.\nMeine Arme breiten in die Welt.\nSchüchterne Blumen im Feld sind meine Schuhe\nzu gehn die Heimat in den Frieden,\nden Tag zu tragen in das Licht\nbeglänzt zu singen\nHeimat\nDu!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c025", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.8", "titre_corps": "Das Drama", "titre_sommaire": "Das Drama", "signature_source": "Lothar Schreyer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "debut_caractere": 2185, "fin_caractere_exclue": 7942, "texte": "Das Drama\nLothar Schreyer\nDas Drama ist tot. Es lebe das Drama!\nDie Toten sind dargestellt. Das neue Werk ist\ngestaltet.\nDas neue Werk ist das Bühnenkunstwerk. Es\nist die Einheit und die Gestalt der Kunstmittel\nForm und Farbe und Bewegung und Ton.\nDer Sprachton des Bühnenkunstwerkes ist\nvom Wort getragen. Die Wortgestalt ist Dichtung.\nDas neue Drama ist die Wortgestalt der Vision\ndes Bühnenkunstwerkes.\nDas neue Drama ist nicht Handlung. Die Dich-\ntung stellt keine Handlung dar. Der Mensch han-\ndelt. Das Kunstwerk ist. Das Drama bedeutet\nnicht die Welt. Es deutet nicht die Welt. Die\nKunst ist die Welt. Das Kunstwerk ist die endliche\nGestalt der unendlichen Welt. Der Künstler sieht\ndas Gesicht der Unendlichkeit. Der Künstler\nkündet das Gesicht.\nDie innere Gestalt des Dramas ist das kos-\nmische Erlebnis. Der Erlebende ist nicht Mensch.\nEr und der Kosmos sind eins. Er ist weltmächtig.\nDie innere Gestalt ist gekündet in der äußeren\nGestalt. Die äußere Gestalt ist mit Kunstmitteln\ngeschaffen. Das Kunstmittel des Dichters ist der\nSprachton.\nDer Sprachton ist gesprochener Ton. Er ist an\ndie Sprache gebunden. Er ist tönendes Wort.\nDas Wort der Dichtung kündet keine natürliche;\nWirklichkeit. Eine natürliche Wirklichkeit be-\ndeutet das Wort durch seine Beziehung auf eine\nnatürliche Wirklichkeit. Die grammatikalisch logi-\nsche Verknüpfung vermittelt die Beziehung von\nGeist und Natur. Sie schafft die Umgangssprache.\nDie Sprache des Wortkunstwerkes ist nicht um-\ngänglich. Wer mit dem Kunstwerk umgehen will,\ngeht um es herum. Das Kunstwerk vermittelt nicht\ndie Beziehungen von Geist und Natur. Das Kunst-\nwerk kennt diese Beziehungen nicht. Die Gram-\nmatik der Umgangssprache ist für das Wortkunst-\nwerk belanglos. Jedes Wort kann auch im Kunst-\nwerk seine Gestalt ändern. Die geänderte Gestalt\nkann die Gestalt einer grammatikalischen Be-\nziehungsform sein. Ohne den grammatikalischen\nZusammenhang sind die Beziehungsformen iso-\nlierte Werte, deren Beziehungsmacht ohne Ziel ins\nUnendliche wirkt. Die Macht wirkt nicht in einer be-\nstimmten Richtung, sondern nach allen Richtungen.\nDie Wirkung des einen Wortes kreuzt die Wir-\nkung anderer Worte. Die Worte geben keinen\ngrammatikalischen Zusammenhang. Sie fließen\nnicht ineinander. Sie schneiden sich. Sie wirken\nüber sich hinaus. Bringt das Wortkunstwerk die\nGestalt eines grammatikalischen Zusammenhangs,\nso ist er eine Einheit wie das Wort. Ein Wort-\nsatz entsteht, wenn die künstlerische Notwendig-\nkeit ihn fordert.\nDie Worte als gestaltete Begriffe sind im\nDrama Gestaltungen des Erlebnisses in die Wort-\ngestalt. Das Erlebnis wird nicht beschrieben. Es\nkann nicht beschrieben werden. Die Gestaltung ist\neine Konzentration des Erlebnisses in die Gestalt.\nDie Kunstgestalt ist ein Organismus. Das Kunst-\nwerk ist organisch und nicht abstrakt. Es gibt\nkeine abstrakten Organismen. Der Organismus\ndes Kunstwerkes kündet die geistige Welt. Das\nKunstwerk ist keine Abstraktion der natürlichen\nWelt. Der Begriff im Kunstwerk ist eine Wirk-\nlichkeit des Geistes. Die Gestaltung formt den\nBegriff. Der gestaltete Begriff ist ungreifbar, un-\nendlich. Er ist rhythmisch.\nDie Gestalt des Dramas ist aharmonisch, rhyth-\nmisch. Jedes gestaltete Wort, jeder gestaltete\nWortsatz hat seinen Rhythmus. Jede Wortge-\nstalt ist ein rhythmisches Glied im Rhythmus des\nWerkes. Jede Wortgestalt ist eine rhythmische\nEinheit.\nDie rhythmische Wortreihe des Dramas ist\nrhythmische Tonreihe.\nDer Sprachton des Wortes ist Klang und Ge-\nräusch. Die gesprochenen Vokale sind Klang, die\ngesprochenen Konsonanten Geräusch.\nDie Macht des Sprachtones ist bedingt durch\nden Wortton. Jedes Wort hat einen bestimmten\nWortton, der abhängig ist von dem Klang der\nVokale und dem Geräusch der Konsonanten.\nDie Kunstmacht der Vokale ist die Kunstmacht\nihrer Klänge.\nDie Konsonanten wandeln die Macht der Vo-\nkale. Die Konsonanten sind Tonmischungen, in\ndenen sich die Teiltöne nicht zu Klängen, sondern\nGeräuschen zusammenschließen.\nDie Geräusche wirken mit der Macht der As-\nsoziationen. Assoziationen ergeben sich aus der\nAehnlichkeit von Tönen der Naturgeräusche und\nder Konsonanten. Assoziationen ergeben sich aus\ndem Wortinhalt und den Gefühlsvorstellungen des\nWortinhaltes. Assoziationen von Wortform zu\nWortform sind nur dann Kunstmittel, wenn sie\ndem Inhalt nach Assoziationen sind.\nDie meisten Worte haben aus sich selbst einen\nGefühlswert. Worte, die keinen Gefühlswert\nhaben, erhalten ihn im Ton.\nDie Gefühlswerte des Wortes und des Wort-\ntones sind nicht notwendig die gleichen, oft wirkt\nder Ton ein Teilgefühl' des gestalteten Begriffs.\nAuch der Ton jedes anderen Gefühles, besonders\nder Kontrastgefühle, kann im Wort tönen.\nDas Drama ist die Wortgestalt des Bühnen-\nkunstwerkes. Im Drama ist das Wort gestaltet\nDie Sprachtongestalt ist vom Wort abhängig, nicht\nvom Wort bestimmt.\nDas Drama gibt die Wortgestalt der tönenden\nFarbformgestalten.\nJede Farbformgestalt ist ein Begriff anderer\nArt. Anderer Art ist jede Wortgestalt. Die Wort-\ngestalt jeder tönenden Farbformgestalt ist eine\nEinheit. Sie unterscheidet sich von den Wort-\nreihen der anderen Farbformgestalten. Die inein-\nander und nacheinander tönenden Wortreihen sind\ndas Sprachtonspiel.\nDas Drama gibt die Farbformgestalt des Büh-\nnenkunstwerkes in Wortgestalt. Es gibt die Be-\nwegungsgestalt und die Tongestalt des Bühnen-\nkunstwerkes in Wortgestalt.\nDas Drama ist ein Teil des Bühnenkunstwerkes\nund ist dem Bühnenkunstwerk fremd. Teil des\nBühnenkunstwerkes sind die Wortreihen der\nFarbformgestalten. Die Gesamtheit des Wort-\nkunstwerkes ist selbständige Dichtung, ist Drama.\nDas Drama kann nicht gespielt werden. Es\nwird vorgetragen. Gespielt wird das Bühnenkunst-\nwerk.\nDas Drama lebt.\nDas Bühnenkunstwerk lebt.\nMenschwerk stirbt.\nKunstwerk stirbt nie."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c026", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.9", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 174, "fin_caractere_exclue": 494, "texte": "Der Sturm\nStandige Aussteilungen\nBerlin W Potsdamer Stra&e 134«\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr 1 Sonntags vob\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nAchtundvierzigste Ausstellung\nJaeoba\nvan Heemskerck\nNeunundvierzigste Ausstellung\nPaul Klee\nGeorg Muche\nEroffnung: Sonntag den 4. Februar 1917"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c027", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 496, "fin_caractere_exclue": 1308, "texte": "I)er Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle 1 Zeich-\nnun gen / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCatnpendonk ' Marc Chagall I Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg Muctie / Gabriele Mfinter / Nell\nWaldeo\nDSese Kiinstler werden ausschließlich durch den Storm ver\ntretea\nIsaac Griinewald / Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger I Archipenko I Boccioni I Carlo D,\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann / Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Fifla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreittid / Oswald fierzog I Johannes Itten I Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMease / lean Metzinger / Fraiicis Picabia / Pablo\nPicasso I Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkitt / Cezanne / van Qogh / Munch"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c028", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 1310, "fin_caractere_exclue": 1921, "texte": "Kunstsehule Der Sturm\nLetiung fierwartti Walden\nUnterricht in der expressJonistischen Kunst der\nBtfhne I der Schauspieleret I der Vortragskunst I\nder Malerei / der Dichtung I der Musik\nBerlin / Potsdamer Strafie 134 a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anrneldungeu werden dort entgegen ge-\nnotnmen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\nVortragsreihe 1: Lothar Schreyer: Der Expressionismus\nin der Dichtung I Sechs Vortrage: 17. Januar,\n21. Januar, 14. Februar, 28. Februar, 14. Marz, 28. Marz\n5—6 Uhr I Horgebiihr fiir die Vortragsreihe 5 Mark I\nAnmetdungen auch schriftlich im Sturm I Berlin W 9"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c029", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 1923, "fin_caractere_exclue": 2658, "texte": "Sturm-Kunstabende\nVerelti fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nDreißig Abende September 1916 bis April 1917\nIti der Kunstausstellung Der Storm / Berlin\nJeden Mittwoch / Beginn aller Abende: %8 Uhr\nNeunzehnter Abend / Mittwoch den 17. Jannar\nAage von Kohl I August Stramm I Heynicke\nVortragender: Rudolf Bliimner\nZwanzigster Abend I Mittwoch den 24. Januar\nHerwarth Walden I Das Buch der Menschenliebe\nVortragender: Herwarth Walden\nEinundzwanzigster Abend I Mittwoch den 31. Januar\nLothar Schreyer: Nacht\nVortragender: Rudolf Bliimner\nTonwerke von Herwarth Walden\nZweiundzwanzigster Abend / Mittwoch den 7. Februar\nLothar Schreyer: Nacht\nVortragender: Rudolf Bliimner\nDreiuradzwanzigster Abend I Mittwoch den 14. Februar\nLothar Schreyer: Nacht"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c030", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 2660, "fin_caractere_exclue": 2846, "texte": "Vortragender: Rudolf Bliimner\nTonwerke von Herwarth Walden\nKarten 2 und 1 Mark irn Vorverkaul fur a!le angezeigten\nAbende an der Kasse der KunstaussteHung Der Slurm und\nan der Abendkasse"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c031", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 2848, "fin_caractere_exclue": 3007, "texte": "Sturm-Kunstabend zu Hamburg\nHamburger Hof Am 6. Februar 8 Uhr\nVortragender: Rudolf Bliimner\nKarten 3, 2, 1 Mark / Vorverkaui bei Joh. Aug. Bohme /\nAlterwall 44"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c032", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c032", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 3009, "fin_caractere_exclue": 3623, "texte": "Verlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschriit Der Sturm\nErscheint am fiinfzehiiten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark / Einzelheft 80 Pfennig\nJ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\n/ Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nSin Halbjahr 6 Mark / Etir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c033", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 3625, "fin_caractere_exclue": 5322, "texte": "Bucher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum: Schiitzengrabenverse / Qedichte /\nGebunden 3 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspicl /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQliick —! I Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nJedes Bach 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung / 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Fruhe\nQedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nOskar Kokoschka: Morder Hoffnung der Frauen /\nDrama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Sonderausgabe verg r if -\nfen/ Nummer 40—100 Mark 10\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur ./ In ein-\nhundertundelf Kapiteln I Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplar en auf\nVan Qelder Butten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Das Buch der Menschenlieb© /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplar en I 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Runst-\nkritiker / Qesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedlchte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Ftir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst I VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c034", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 5324, "fin_caractere_exclue": 5453, "texte": "Handdrueke aus dem Veriag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat Mr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie\nDer Kbzuz 10 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c035", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 5455, "fin_caractere_exclue": 5940, "texte": "Verein far Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen / Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen / Jedes Jahr frei eine SturmpttbK-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwel\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat won\nKokoschka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c036", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 5942, "fin_caractere_exclue": 6228, "texte": "Sturm - Austel lungskataloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupiii«\n/ Otakar Kubin I Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c037", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c037", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 6230, "fin_caractere_exclue": 6543, "texte": "Kunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Biittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zelchnung\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos I 2 Her war th Walden I 3 Karl Kraus /\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Scheerbart I 6 Yvette\nQuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c038", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c038", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.21", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 6545, "fin_caractere_exclue": 6825, "texte": "Kunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachei\nLuigi Russolo: Erinnerung einer Nacht / Zug m\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin I Ruhelose Tanzeria /\nPan-Pan Tanz\n7 verschiedene Karten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c039", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c039", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.22", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 6827, "fin_caractere_exclue": 7523, "texte": "Neuanzeigen Der Sturm\nSoeben erschienen: Herwarth Walden: Weib /\nKomitragodie\n3 Mark I Signierte Sonderausgabe (Auflage 10) 30 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe / Mappe\nmit 15 Zeichnungen auf Japanpapier in Strich-\natzung I Adolf Loos / Herwarth Walden j\nRichard Dehmel / Paul Scheerbart / Alfred Kerr /\nYvette Guilbert / Karl Kraus / Hermann Essig /\nRudolf Bliimner / Adolf Knoblauch / Mechthiid\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg / Gertrad\nEysoldt I Claire Waldoff\nSoeben erschienen: Lothar Schreyer: Jungfrau /\nSturmbudh XIV / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Die Judentochter / Fur Ge-\nsang und Klavier / Dichtung aus des Knaben\nWundenhorn / Farbige Umschlagzeichnung von\nOskar Kokoschka\n1 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-01-15-01-c040", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-01-15_01#c040", "volume": "bmtnabg_1917-01-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.2.23", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "debut_caractere": 7525, "fin_caractere_exclue": 7639, "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Yer-\n1a g s D©r Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.1", "texte": "DER STURM\nFÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nKunstaus stellun g\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nSIEBENTER JAHRGANG\nBERLIN JANUAR 1917\nZEHNTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Für die Zeiten: Der tragische Scheffler / Neuorientierung / Hinaus in die Ferne / Naturbilder / Der Ekel / Das X für ein U /\nHermann Essig: Der Wetterfrosch / Kurt Striepe: Maya / Adolf Knoblauch: Seidenfaden / Kurt Heynicke: Gedichte / Lothar Schreyer: Das Drama / Georg\nSchrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Jacoba van Heemskerck; Holzschnitt / Vom Stock gedruckt / Campendonk: Holzschnitt vom Stock gedruckt\n\nGeorg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.2", "texte": "Für die Zeiten\n\nDer tragische Scheffler\nHerr Karl Scheffler versucht sich jetzt in der\nLiteratur. Er ist zwar noch immer für Lieber-\nmann, aber gegen Ibsen. Wie ahnungslos, wie un-\nkünstlerisch Herr Scheffler der Kunst gegenüber\nsteht, hat er selber nie besser bewiesen, als mit\nseiner Arbeit „Ibsen-Dämmerung\", die die Vossi-\nsche Zeitung für Staats- und gelehrte Sachen ab-\ndruckte. „Im Volksfeind läßt Ibsen seinen Doktor\nStockmann in dessen großer Programmrede\nsagen: Eine normal gebaute Wahrheit lebt, sagen\nwir, in der Regel, siebzehn bis achtzehn, höch-\nstens zwanzig Jahre; selten länger. Dieser Aus-\nspruch richtet sich nun auch gegen die Wahr-\nheiten, die Ibsen in seinen Dramen verkündet hat,\nauch diese sind schon recht gealtert und einige\nvon ihnen werden demnächst ganz eingehen.\"\nHerr Scheffler hält also Künstler für Menschen,\ndie Wahrheiten verkünden. Vielleicht hält sich\ndeshalb Herr Scheffler selbst für einen Künstler,\nwenn seine Wahrheiten auch nicht einmal normal\ngebaut sind. „Ibsens Wahrheiten sind schneller\nsterblich, weil ihnen das Elementare fehlt, weil\nsie alle absichtsvoll gedacht, weil sie überhaupt\nzu sehr gedacht sind; es sind nicht so sehr all-\ngemein menschliche als vielmehr soziale Wahr-\nheiten. Und sie sind darum abhängig vom Wandel\nder sozialen Anschauungen und Einrichtungen.\"\nHingegen findet Herr Scheffler den Wallenstein\nund den Oedipus elementar und „ewig aktuell\".\nEr hält Ibsen offenbar deshalb für einen Na-\nturalisten, weil in seinen Dramen Journalisten vor-\nkommen. Wahrheiten werden für ihn dann ewig\naktuell, wenn sie in ein historisches Kostüm ge-\nsteckt werden. Er sieht das Unkünstlerische in\nKleidern nicht, hält aber die Kleider für künst-\nlerisch. Die Bilder müssen natürlich und die Dra-\nmen unnatürlich sein. Er hält es für eine allgemein\nmenschliche Wahrheit, seine Mutter zu heiraten,\naber für eine soziale Wahrheit, daß der stärkste\nMann allein steht. „Der Wandel der sozialen An-\nschauungen und Einrichtungen hat es mit sich ge-\nbracht, daß die stärksten Männer sich zu Ver-\nbänden zusammen schließen.\" Sei es auch nur zum\nVerband der Berliner Kritiker. „Dem Zuschauer\nfällt es immer häufiger auf, wenn er sich im\nTheater selbst beobachtet, daß gewisse Züge\ndieser Dramen, die früher quälend und beunruhi-\ngend gewirkt haben, heute satirisch, ja ausge-\nsprochen komisch auf ihn wirken.\" Ueber das Be-\nunruhigende hat sidh der Zuschauer stets dadurch\nhinweggesetzt, daß er es komisch findet. Immer\nmit die Ruhe. Die Züge kommen mir bekannt vor.\nHierauf verfolgt Herr Scheffler die Züge, da er\nnicht mitfahren kann: „Verfolgt man die Emp-\nfindung, so gelangt man bald zu der Erkenntnis,\ndaß Ibsen sich grundsätzlich in seinen bürger-\nlichen Dramen im Stil vergriffen hat, und daß er\nes hat tun müssen, weil er zu sehr abhängig ge-\nwesen ist von den zeitlich beschränkten Wahr-\nheiten.\" Herr Scheffler tut es eben nicht unter\nder Ewigkeit und er ist so schnell zu der Erkennt-\nnis gelangt, weil er nicht schneller laufen konnte.\nAlso ausgesprochen komisch wirkt Ibsen auf\nHerrn Karl Scheffler. Das nennt der Mann Er-\nkenntnis. „Sieht man das Lebenswerk dieses ge-\nnialen Mannes (— der sich grundsätzlich im Stil\nvergreift —) tendenzlos an, so stellt sich heute\nwie von selbst die Ueberzeugung ein, daß die\nmeisten der Stoffe, woraus Ibsen seine Tragödien\nder menschlichen Seele gestaltet hat, mit unge-\nwöhnlicher Bildungskraft, mit einer Kunst, worin\noft ein altmeisterliches Können ist, recht eigentlich\nLustspielstoffe sind, daß die Gestalten, die sich so\nintensiv aber immer auch passiv mit ihren Emp-\nfindungen beschäftigen, als sei das die einzig\nernste Angelegenheit des Lebens, ihrer Anlage\nnach zumeist Komödienfiguren sind.\" Die Erkennt-\nnis des Herrn Schefflerist noch nicht sehr weit\ngelangt, sonst müßte er wissen, daß Lustspiele\nkeine Komödien sind und daß jede Komödie auch\neine Tragödieist. Es ist zum Beispiel ein Lust-\nspiel, wenn Herr Scheffler das Leben mit seinen\neinzig ernsten: Angelegenheiten für eine klassische\nTragödie hält. Dabei ist die Angelegenheit nur\neine Angelegenheit des Empfängers. Denn: „Diese\nBehauptung ist auch von anderer Seite schon aus-\ngesprochen worden.\" Die andere Seite von Herrn\nScheffler besteht aus zwei Herren, nämlich den\nHerren Paul Ernst und dem Badener Arzt Georg\nGroddeck. Herr Paul Ernst hat nicht etwa gegen\nNietzsche geschrieben, das war wiederum Herr\nOtto Ernst, hingegen ist er Neu-Klassiker, verfügt\nalso über zeitlich unbeschränkte neue Wahrheiten.\nHerr Scheffler legt sich aber noch mehr auf die\nandere Seite: „Vielleicht haben auch andere noch\nin diesem Sinne geschrieben; jedenfalls sind die\nStimmen ungehört verhallt.\" Die Stimmen schrei-\nben in diesem Sinne und verhallen, weil sie sich\nverschrieben haben. Herr Scheffler hingegen\nschreibt verhalten: „Jetzt scheint aber eine ge-\nwisse allgemeinere Bereitschaft da zu sein, es\nscheint an der Zeit, einmal eine Diskussion in\ngrößerem Umfange zu eröffnen.\" Die Stimmen\nstimmen ab und die Diskussion gibt eine nette\nRundfrage für Tageszeitungen zu irgend einem\nfröhlichen Fest. Man ahnt gar nicht, wie wichtig\nes ist, eine allgemeinere Bereitschaft gegen Ibsen\nmobilzumachen. Denn: „Es handelt sich ja\nkeineswegs um eine müssige oder eine nur lite-\nrarische Formfrage, sondern um Fragen der Welt-\nanschauung, die irgendwie jeden Einzelnen an-\ngehen.\" Zwar handelt es sich um die Weltan-\nschauung des Herrn Scheffler, die keine An-\nschauung ist, sondern eine Frage, noch dazu eine\nangehende Frage. Von Bildern versteht eben Herr\nScheffler nichts. „Die Entscheidung darüber, ob\ndie Menschen und Probleme, die Ibsen vor\nunseren Augen dramatisch bewegt, tragisch oder\nkomisch aufgefaßt werden müssen, oder welche\ninnere Berechtigung die modernen Zwitterformen\nder Tragikomödie, die sich bei Ibsen schon an-\nkündigt, hat, zieht andere wichtige Lebensent-\nscheidungen nach sich.\" Die wichtige Entschei-\ndung, die Herr Scheffler zwischen der Kunst und\nseinem Leben trifft, ist tragikomisch. Sie ist auch\nhumoristisch, weil Herr Scheffler sich einbildet,\nbilden kann er nicht, daß Ibsen Menschen und\nProbleme vor seinen Augen zu Gunsten der allge-\nmeineren Bereitschaft dramatisch bewegt. „Ibsen\nund mit ihm sein Publikum — es war das beste\nPublikum, das ein Dichter sich wünschen mag —\nhaben nicht über den Zeitproblemen gestanden,\nsondern mitten darin.\" Herr Scheffler hingegen\nsteht über der Zeit, aber mitten in der Zeitung.\nEr hat kein Gesicht, aber einen Gesichtspunkt.\nTalent hingegen ist dem Ibsen nicht abzusprechen:\n„Mehr Talent als Ibsen braucht ein Dramatiker\ngar nicht zu haben; es reicht vollauf zu Ewig-\nkeitswerken, wenn die rechte Kunstform gefunden\nund gemeistert wird.\" Die rechte Kunstform haben\ndie Herren Scheffler und Paul Ernst gefunden, nur\nläßt sich die rechte Kunstform nicht meistern, der\nMeister formt die Kunst. „Daß Ibsen offenbare\nLustspielstoffe mit grausamer Konsequenz ins\nTragische gezwungen hat, daß er widerstreitende\nElemente tragikomisch zusammengebracht und\naufs schwerste gegen das Stilgefühl gesündigt hat,\ndaß ihm die große Oekonomie der Klassiker fehlt\n— das alles weist letzten Endes auf die selbe Ur-\nsache zurück: der ungemeinen Qualität der Be-\ngabung entsprach nicht die Qualität der Persön-\nlichkeit.4' Man denke sich eine Persönlichkeit wie\nHerrn Karl Scheffler mit der ungewöhnlichen Be-\ngabung: von Ibsen, sie hätte jede Tragödie ins\nLächerliche gezwungen. Das ganze Leben hätte sich\nanders entschieden. Und wenn man auch noch so\nüppig auf Kosten der Klassiker lebt, sie alle zu-\nsammen besitzen nicht so viel Oekonomie wie\nIbsen. Freilich konnte er nicht so sparsam mit der\nKunst umgehen wie Herr Scheffler. Sein Kavalier-\nKunst-Ersatz hat die Qualität des Kavalier-Ei-\nErsatzes, der in einschlägigen Geschäften empfoh-\nlen- wird. Herr Scheffler hat eben einen Gesichts-\npunkt, er setzt seinen lebensentscheidenden Punkt\nauf das große I und versagt Ibsen: „Und diese\nPersönlichkeit versagte auf dem entscheidenden\nPunkt, weil sie determiniert war von einer Zeit,\ndie ein schlechtes unruhiges Gewissen hatte, die\nerfüllt war von dunklen Gefühlen der Sündhaftig-\nkeit, der es an der Unbescholtenheit des Instinktes\nfehlte.\" Diesen Satz schreibt Herr Scheffler mit\nruhigem Gewissen in die Zeitung, der stets der\nInstinkt fehlt, namentlich wenn unbescholtene Per-\nsönlichkeiten in ihr schreiben, die von ihrer Sünd-\nlosigkeit überzeugt sind. „Ibsen selbst steht im-\nponierend und auch ein wenig komisch da, wie ein\nSophokles im schwarzen Gehrock, mit Zylinderhut\nund Regenschirm, mit einem durch scharfe Brillen-\ngläser funkelnden Forscherblick und mit klein-\nstädtischen, klein-ländlichen Gewohnheiten.'4 Ganz\nanders dagegen der nackte Herr Scheffler, dessen\nBlick auch ohne Gläser nicht funkelt, und der mit\ngroßstädtischen Gewohnheiten den oder die\nModen-Alfred-Marie bespricht. Also Ibsen mußte\nKomödiendichter werden, wenn er sich für das\nLebensgefühl des Herrn Scheffler interessiert\nhätte: „Tragisch kann nur der Kampf derer, die\ngern und stark leben, mit einem unentrinnbaren\nGeschick sein, und dargestellt kann ein solcher\nKampf nur werden von einem Pathos, das dem\nSkeptiker von vorne herein verdächtig erscheinen\nmuß.\" Dieses Deutsch ist zwar pathetisch, aber\nnoch nicht tragisch. Herr Scheffler kämpft mit\neinem unentrinnbaren Ungeschick; das ihn von\nvornherein unverdächtig erscheinen läßt. „Die\nSkepsis hat Ibsen fast immer verhindert, den Be-\ngriff des Schicksals elementar zu fassen. Er hat\ndie allgemeine Tristheit des Lebens für tragisch\ngehalten.\" Die allgemeine Tristheit des Lebens ist\ndie Lebensentscheidung des Herrn Scheffler, die\nallerdings trist stimmen kann. Hätte Ibsen nur den\nHerrn Scheffler kennen gelernt, es wäre sicher\ndaraus eine Komödie entstanden. Solche Typen\nhat Ibsen mit begreiflichem Stilgefühl nie tragisch\ngenommen. Wenn er auch nicht über das Pathos\ndes Herrn Scheffler verfügte und über eine solche\nPersönlichkeit. „Darum kann er in seinen Stücken\neigentlich nur Menschen brauchen, die sich eigen-\nsinnig verrennen und alle mehr oder weniger un-\nvernünftig handeln und denken.\" Vernunft wird\nUnsinn, sagte ein großer Klassiker, er hätte Herrn\nScheffler also auch nicht brauchen können. „Schwie-\nrigere Situationen als die in Ibsens Dramen werden\nvom einfachen Volk täglich ohne alle Tragik auf-\ngelöst.\" Volk und Künstler wissen sich zu helfen,\nnur die Kritiker nicht. Gewiß, alles geht mit die\nRuhe. Auch klassische Tragik wird vom einfachen\nVolk täglich ohne Apparate aufgelöst. Romeo kann\nJulia heiraten, die Jungfrau von Orleans wird\nFrauenrechtlerin, Oedipus wird von dem Onkel\nmitgeteilt, daß jene seine Mutter ist. Es geht\nglänzend. Namentlich aber, wenn man wie Herr\nKarl Scheffler nicht nur über einen Wällen, nein\nauch über die Willensfreiheit verfügt. Herr Scheff-\nler kann nämlich sowohl so wie so: „Fast immer\nfehlt der Zwang, der von außen kommt; der tragi-\nsche Zwang bei Ibsen ist zumeist etwas Inner-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.3", "texte": "liches und ist darum eigentlich keiner, weil der\nMensch fast immer sowohl so wie so\nka n n.\" Es ist nicht zu bezweifeln, daß Herr\nScheffler sowieso sowohl so wie so kann. Der\nMensch kann fast immer, aber wenn er nicht kann,\nschafft Ibsen die Tragödie. Herrn Scheffler hin-\ngegen wird es erst dann tragisch zumute, wenn\nder Zwang von außen kommt. Trotzdem es eigent-\nlich unrecht ist, eine solche Persönlichkeit zu\nzwingen. Ich habe nie gezweifelt, daß ein Zei-\ntungsschreiber fast immer sowohl so wie so kann.\nNur kann er fast immer nichts, was man wieder\nsowohl so wie so auffassen kann. Herr Karl\nScheffler aber verlautbart ahnungslos, wieso er\nnichts von Kunst versteht: „Der innerliche Zwang\nist eigentlich keiner.\" Herr Scheffler kann vielen\nUnsinn mit Vernunft schreiben, kein Gott hindert\nihn daran. Die Vossische Zeitung rechnet es sich\nsogar zur Ehre und ihm als Honorar an. Ehre,\nwem Honorar gebührt. Herrn Scheffler gab ein\nGott nichts zu sagen. Darum schreibt er gegen\nIbsen und gegen Kunst. Und nachdem Herr Scheff-\nler den Ibsen zerrissen hat, speist er ihn auf:\n„Dieser seltsam große Mensch will geistig ver-\ndaut sein; wie Böcklin und Wagner, Nietzsche und\nTolstoi verdaut werden müssen.\" Ibsen liegt ihm\naber zu schwer im Magen. Denn: „Jetzt aber\nscheint es an der Zeit, aus der Bezauberung auf-\nzuwachen. Die Literaturkritik sollte sich des The-\nmas Ibsen von neuen Standpunkten bemächtigen.\nUmsomehr, als es eine sehr unterhaltende und be-\nlehrende Tätigkeit wäre.\" Wenn die Kollegen nur\nnicht vom den Punkten herunterfallen. Ein Punkt\nist kein fester Stand. Und jeder Künstler ist so\ngroß, daß diese Art Kritiker nur auf die eigne Nase\nfallen kann. Das wird ein Fest. An langen Win-\nterabenden stellen sich die Kollegen auf die ver-\nschiedenen Punkte, Herr Scheffler stellt sich etwas\nunglücklich auf ein Fragezeichen, man unterhält\nsich, indem man das Rätsel Ibsen löst und belehrt\nsich, indem man das Rätsel Kunst für gelöst hält.\nMit Hilfe der ernzig ernsten Angelegenheiten des\nLebens und mit dem lebensgroßen Pathos. Pathe-\ntisch kündet Herr Karl Scheffler in der Vossisdhen\nZeitung die neue Zeit an: „Jetzt scheint eine neue\nZeit anzubrechen. Wie bestehen vor ihr Nora und\nHedda Gabler, Rebekka West, Ellida Wangel,\nHelene Alving, Hilde Wangel.\" Es geht ihnen gut,\nd i e neue Zeit war ihnen schon längstens bestens\nbekannt. „Wie erscheinen den von Erfahrungen\ndieser Zeit Begehrten Gregers Werle und Brand,\nStockmann und Solneß und andere Verwandte des\nEdlen von La Maneha.\" Die lachen über Sancho\nScheffler, der so unsinnig vernünftig ist. Herr Karl\nSdheffler ist die Persönlichkeit, die in der neuen\nZeit angebrochen wird. Sie ist aber nicht zu ver-\ndauen. Gehen wir, meine Freunde, aus der neuen\nZeit. Gehen wir aus der Zeit. Die Zeit scheint\nsolchen Leuten neu anzubrechen. Wir aber\nbrechen die Zeit ab, damit wir beschienen werden\nin Ewigkeit.\nNeuorientierung\nDas Berliner Tageblatt wundert sich über die\nPosener Neuesten Nachrichten. Der Posener Kri-\ntiker kennt Rilke nicht und schreibt ihn Rielke.\nEr nennt ihn sogar einen unbekannten Dichter-\nling. Das Berliner Tageblatt ist sehr stolz, und\nerklärt dem Herrn Kollegen aus Posen, daß der\nunbekannte Dichterling Rainer Maria Rilke sei.\nDer Name ist hierorts bestens bekannt. Ich könnte\ndem Posener Kollegen helfen, wenn ich wollte.\nJeder wirkliche Dichter ist für das Berliner Tage-\nblatt einmal ein unbekannter Dichterling gewesen.\nUnd jeder unbekannte Dichterling ist vom Ber-\nliner Tageblatt als wirklicher Dichter gefeiert\nworden. Der Herr aus Posen soll nur nicht zum\nBerliner Tageblatt in die Schule gehen.\nHinaus in die Ferne\nHerr Fritz Stahl versucht noch einmal gegen\nden Sturm zu säuseln: „Nun aber hat der Sturm,\nder sich wesentlich vom „Sturm\" unterscheidet,\nden jungen Maler aus Atelier und Parteicafe hin-\nausgewirbelt, und da draußen hat die große Natur\nmit ihm ein ernstes Wort gesprochen und ihm\nAufgaben gezeigt, wo er bisher noch Probleme\nsah. Noch ist er nicht ganz frei, irgend einer der\nbösen Ismen fährt ihm hie und da noch einmal\nins Konzept/' Der „Sturm\" unterscheidet sich da-\ndurch nur wesentlich von dem Sturm, daß er auch\nden Stahl aus der Kunst und aus der Kritik hin-\nausgewirbelt hat. So kann er draußen ein ernstes\nWort sprechen. Die große Natur wird den kleinen\nStahl plappern lassen und der kleine Stahl wird\nglauben, er habe die Aufgabe gelöst, die ihm das\nBerliner Tageblatt gestellt hat. Ein gegenständ-\nliches Bild: Stahl hält Zwiesprach mit der Natur.\nNaturbilder\nIch empfehle Herrn Stahl die Porträtmalerin\nThomann, Ansbacher Strasse 9, direkt am Witten-\nbergplatz, fertigt Oel'porträts auch nach der klein-\nsten Photographie, unter Garantie der vollkom-\nmenen Aehnlichkeit. Lebensgroßes Brustbild Mk.\n95.—. Empfohlen im Anzeigenteil des Berliner\nTageblatts vom 14. November 1916. Herr Stahl\nmöge sich der Nachwelt mit geschwellter Brust\nfür Mk. 95.— erhalten. Fehlt es doch nicht an\neinigen Anerkennungen: „Herr Exporteur M., Ber-\nlin, Wilhelmstraße. Nachdem die beiden bei Ihnen\nnach Potographien bestellten Oelportraits (Herren-\nund Damenbildnis) jetzt fertiggestellt und in\nmeinen Besitz gekommen sind, kann ich nicht um-\nhin, Ihnen nochmals mitzuteilen, daß die Bilder\nwirklich vorzüglich ausgefallen sind. Dieselben\nwaren für ein Geburtstagsgeschenk bestimmt una\nwar die Ueberraschung und Freude über die über-\naus gute Wiedergabe der Bilder ungemein groß.\nDer damit beabsichtigte Zweck ist voll und\nganz erfüllt worden, aber auch von allen\nanderen Seiten sind die Bilder als sehr gut\nausgefallen bezeichnet worden.\" Nicht damit ge-\nnug. „Frau Ingenieur R., Nollendorfstraße,\nschreibt: „Die künstlerische Ausführung, sowie\ndie Aehnlichkeit des von Ihnen gemalten Portraits\nmeines Mannes befriedigt mich dermaßen, daß ich\nmich ebenfalls malen lasse.\" Nicht damit genug:\n„Herr Bankdirektor Dr. K-, Kurfürstendamm: Das\nBild meines Vaters hat allgemein gut gefallen und\nbitte noch drei Stück zu malen.\" Aufgaben,\nHerr Stahl, ohne Ismen und ohne Probleme. Na-\ntürliche Bilder, mit gesunden Augen gemalt und\nvon gesunden Augen anerkannt.\nDer Ekel\nDie Kölnische Zeitung hat eine vergnügliche\nRubrik „Kunst, Wissenschaft und Leben\". Für\ndiese Rubrik wird allerlei gefunden: „In den Blät-\ntern für Kunst und Kritik, der literarischen Bei-\nlage des Kölner Tageblattes, finden wir folgende\nvergnügliche Buchbesprechung aus der Feder von\nMax Ernst, die wir unsern Lesern nicht vorent-\nhalten möchten.\" Das Kölner Tageblatt hat näm-\nlich Kunst gefunden, und die Kölnische Zeitung\nmöchte sie dem Leben nicht vorenthalten. Die Be-\nsprechung von Max Ernst wird also nachgedruckt.\nIn ihr heißt es: „Zeitungen begeiferten August\nStramm zu ihrer Schande. Das Geschehen ant-\nwortete mit tiefster Beschämung: Das Leben des\nHauptmanns Stramm geschah seinen Tod in der\nSchlacht, als Zeitungen seinem verrückten Geist\neine vierzehntägige Kur im Schützengraben ver-\nschrieben.\" Hierzu bemerkt die Kölnische Zei-\ntung: „So, nun weißt du es, verehrter Leser —\nsofern du nämlich zu jenem halben Dutzend von\nAuserlesenen gehörst, die heute das literarische\nGeschehen der Zukunft machen. So du aber zu\nder großen Hammelherde der übrigen Sterblichen\ngehörst, die noch mitten drin stehen in den lite-\nrarischen Vorurteilen einer verblödeten Gegen-\nwart, dann stehst du da wie der Ochse vor dem\nScheunentor . . .\" Von solchen Ochsen läßt sich\nnicht einmal die große Hammelherde mehr leiten.\nAlso lies das Buch von Stramm! Oder hast du\nschon genug an der Kritik des Herrn Ernst? Ernst\nist die Kritik und zum „Stramm\"peln diese\nKunst!\" Es gehört wohl nicht zu den literarischen\nVorurteilen einer verblödeten Gegenwart, solche\nWitze für schamlos zu erklären.\nDas X für ein U\n„Jugendlicher Unreife entsprechend, steht die\nErörterung sexualer Dinge im Vordergrund. Nir-\ngends ist auch in diesem Bemühen ein Sinn, ein\nZweck, ein Ziel faßbar.\" Das steht zu lesen in\nder Zeitschrift „Die Hilfe\" und diese Sätze schrieb\nHerr Universitätsprofessor Richard Hamann in\nMarburg an der Lahn. Diese sexualen Dinge fin-\ndet Herr Professor Hamann in der Zeitschrift\n„Der Sturm\". Jugendlicher Unreife entsprechend,\nich bin nämlich ein Jahr älter als Herr Professor\nHamann, bemüht er sich um einen Zweck, der\nkeine Ursache hat. Der Herr Professor steht sehr\nim Vordergrund und wagt sich nach Berlin. Er\nschreibt über den Sturm und über Kandinsky. Das\ntat er auch schon im Hintergrund an der Lahn.\nZu Marburg veranstaltete die Buchhandlung Ebel\nim Februar 1914 eine „Ausstellung moderner ex-\npressionistischer und futuristischer Kunst\". Das\nglaubte Herr Professor Richard Hamann der\nBuchhandlung und schrieb in den Marburger Zei-\ntungen also über Kandinsky: „Den Höhepunkt rein\nkünstlerischen Komponierens stellen wohl die\nBilder Candinskys vor, Opus 4a, Opus 63... das\nist das rein Malerische, grenzenloser Zusammen-\nklang der Farben — unbestimmt, mystisch, wie\nMusik der Sphären, Harmonien, die nun den Ur-\ngrund der Welt ahnen lassen Von der Souve-\nränität dieser Künstler gibt einen Begriff eine uns\nvielleicht Marotte erscheinende Kleinigkeit: Can-\ndinsky — der sich sonst Kandinsky schreibt —\nschreibt sich hier einmal zur Abwechslung mit C.\nAuch wird der aufmerksame Betrachter bemer-\nken, daß die meisten Bilder mit Pastellstiften ge-\nmalt sind, der schnellsten Technik — denn wie\nwäre es möglich, diesen von aller Materie gelösten\nnur die Anschauung nicht die Substanz der Dinge\nbetreffenden Ideen zu geben, wenn die Künstler\ngezwungen wären, auf das Trocknen der Farben\nzu warten, bis sie eine andere darüber setzen\nkönnten.\" Die Maler hatten sich offenbar für\nMarburg verschworen, sich über die Buchstaben\nhinwegzusetzen. Denn Herr Professor Hamann\nschreibt weiter: „Ich hebe nur die Federzeich-\nnung eines Athleten (Nummer 2 der Sieger von\nDenoir) hervor, nur noch Brustfleisch.\" Von D\nauf R konnte der Herr Professor nicht springen.\nWenige Tage später las Herr Professor in seiner\nZeitung: „Was einige wußten, manche im stillen\nahnten.... die Ausstellung war ein Scherz, ein\nFastnachtsulk.\" Aber die Marburger Zeitung hatte\neinen sanften Trost für ihren Kunstkritiker Ha-\nmann: ..Denn denen, die alles für Ernst nahmen,\nsei zum Trost gesagt, daß sie weniger Vorwurf\nate die Künstler Anerkennung verdienen, da einige"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.4", "texte": "die zum Muster genommenen futuristischen und\nexpressionistischen Autoren so gut nachgeahmt\nhaben, daß ein Kunstkritiker sich nicht zu scheuen\nbrauchte, daran das Wesen dieser Kunst zu de-\nmonstrieren.\" Auf Grund dieser Kenntnisse und\nnach diesem Einfall mit R wagt dieser Universi-\ntätsprofessor viele Spalten über Kandinsky mit K\nzu schreiben. Ich sehe darin eine sexuale Marotte.\nIn der Hilfe heißt es mit professoraler Gewissen-\nhaftigkeit : „Denn wer die Bilder nicht\ngesehen hat, wird sich schwerlich eine Vor-\nstellung von diesem Wirrwarr machen können.\nEin Trümmerhaufen hat mehr Sinn und Gestalt,\nund Farben, die man auf Wasser gießt, könnten\nnicht so grenzenlos chaotisch verfließen, wie die\nElemente auf diesen Bildern sich verflechten.\" Ich\nwill dem Herrn Professor aus Marburg zur Hilfe\nkommen, der nur Bilder von Candinsky ohne K\ngesehen hat. In Marburg hieß es: „Das ist das\nrein Malerische, grenzenloser Zusammenklang der\nFarben, unbestimmt, mystisch, wie Musik der\nSphären.\" Jetzt heißt es: „Das Sinnlose als jugend-\nliche Unbesonnenheit, das absolut Ungesetzliche\ndieser Kunst.\" Kandinsky ist zwar dreizehn Jahre\nälter als der jugendlich unbesonnene Hamann.\n„Es muß doch wohl ein allgemeines Bedürfnis der\nZeit darin zum Ausdruck kommen, wenn er gerade\nmit diesen sich eine Gefolgschaft errang, die in\nder Zeitschrift Der Sturm sich versammelt und\näußert.\" Hier will man sich nicht mit schlechten\nElementen verflechten, wir verzichten auf die Ge-\nfolgschaft aus Marburg . Denn wir haben Wich-\ntigeres zu tun. Die Leser dieser Zeitschrift wissen\nes: Wir müssen Heft für Heft die Erörterung\nsexualer Dinge in den Vordergrund stellen, und\ndeshalb jugendlich unreifen Professoren das Lesen\nverbieten, weil sie nicht schreiben können. Das\nSchreiben verbieten, weil sie nicht sehen können,\ndas Sehen verbieten, weil sie noch nicht einmal\nlesen können, und sich ein C für ein K vormachen\nlassen, und Elemente verflechten. Herr Hamann\nsoll die Tintenfinger von der Kunst lassen. Sonst\nwerde ich ihn noch elementarer an den verflochte-\nnen Zopf fassen.\n\nHerwarth Walden\n\nDer Wetterfrosch\nHermann Essig\n\nFortsetzung\n\nMit unbehaglichem Gefühl machte er sich auf.\nNiemand begegnete er, nicht dem gemeinsten\nSpießknecht. Das steigerte sein Unbehagen. Er\nwar immer in wilder Hetzjagd über den Graben\ngesprungen, langweilig war der enge Durchgang\nzwischen den fettfeuchten Steinmauern der\nScheunen. Es war, als wäre dem Frosch sein\nBesuch ganz gleichgültig. Das stachelte seinen\nEhrgeiz, begehrt zu sein. Er mußte wieder der\nwerden, den Schick als Liebling aus dem Dorfe\nerkor. Freundschaftssucht, ein kriecherischer\nEigendünkel, geleitete ihn über die grüngelben\nWiesen mit den schwarzen Maulwurfshaufen.\nBis der Froschteich kam! es war nicht zu er-\nleben! Schick schenkte ihm sogar die Zeit, es\nnoch einmal zu überlegen.\nAuch war da gar nichts los. Dem Knaben lag\nein großes Schuhpechpflaster auf der Haut. Wenn\ner s gewußt hätte, wie schmutzig das Krötenloch\nwar, er wäre noch geflohen. Er stand vor einem\nArmenhaus, nicht mehr vor einem Königspalast.\nWäre er noch geflohen. Aber es war zu spät.\nEin wüster abscheulicher Kopf kam heraus und\nredete ihn an. Er schauderte, aber fliehen konnte\ner nicht mehr. Furcht und das Auge von Schick\nnagelten i(hn fest. In seinem Herzen schnitt ihm\ndie Mahnung des Mädchens, der schönen Eis-\nkönigin „geh nicht wieder zum Froschteich\" wie's\nein Griffel in eine Schiefertafel eingrub.\n„Gutenmorgen mein Jüngelchen\" pfui! wie das\nklang. Aber er blieb stehen. Der Frosch durfte\nihm seinen Ekel nicht anmerken. Der Eiskönigin\nwäre es gewiß nicht darauf angekommen, ihren\nEkel vor dem „Ekel'4 auszusprechen, aber e r\nkonnte das nicht.\nAuch war er ja ein Mann und Männer tun\nDinge, die Frauen niemals begreifen. Die Eis-\nkönigin verstand das ja gar nicht, daß er mit\nSchick nicht ganz brechen konnte. Er mußte hin-\ngehen, und war's die düsterste Zaubererhöhle, die\nvor ihm lag.\nDaß er ein „Schöner\" war, daran dachte er\nnicht, zum Frosche ging er eher hin als zu seinem\nHerzlieb. Trotzdem. Als er jetzt dastand und den\ntrüben Sumpf vor sicih sah, fühlte er sich als ein\nganz gewöhnliches Menschenexemplar, ausge-\nstoßen von Glück, Glanz und Ruhm.\nDer Unsinn war vollendet.\n„Guten Morgen mein Jüngelchen.\" — Der\nKnabe nickte nur.\n„Warst du krank?\"\n„Nein.\"\n„Nicht krank?\" „Warst du auf Arbeit?\"\n„Nein.\"\n„Warst du verreist?\"\nAha, jetzt war er daran. Besser, ich lasse ihn\nnoch einmal ein bischen anders fragen, dachte der\nKnabe.\n„Also du warst verreist? wo warst du denn?\n. . bei deiner Tante?\" Tante. Der Frosch wußte\ngenau wo er war, der Knabe spürte es dem\nFrosche an. Warum also lügen?! „Eigentlich ver-\nreist war ich nicht, aber ich war einmal auf dem\nEise auf dem Stadtsee.\"\n„Allein oder mit wem?\"\nDer Knabe erschrak . . Was antworten? Er\nwar allein hingegangen. — Der Frosch legte sich\nplatt ins Wasser wie ein Haspelkreuz, und wartete\nauf Antwort.\n„Allein.\" Der Frosch zuckte wie elektrisiert\nmit allen vier Beinen, stand aber wieder still . .\ner merkte die Auffassung des Knaben und sagte\nruhig „So? . . war's hübsch? das rauhe Eis\nschleifen? es ist doch ein bischen rauh auf einem\nSee? nicht?\"\nGanz erleichtert, daß der Frosch nicht zankte\n— er hätte mindestens erwartet, daß er ihm die\ngroße Zehe wegschnappte, — fing der Knabe voll\nBegeisterung an „gar nicht rauh ist's, ich habe\nauch inicht geschliffen, ich bin auf meinen Schlitt-\nschuhen gefahren, es war Musik, einen Pfann-\nkuchen habe ich gegessen, mm . . mm . .\" weiter\nwußte er nicht, das letzte fügte er schon bei, um\nsein Schlittschuhlaufen (etwas zu verdecken, es\nschien ihm doch, als knurrte Schick.\n„Nein, ganz so glatt war es nicht, aber doch\nauch spiegelglatt.\"\n„Erinnerst du dich noch, wie du die Eier greifen\nwolltest? was?\"\n„Allerdings so spiegelhell und kristallklar war\nes nicht . .\"\n„Drum eben\" bemerkte der Frosch in hohem\nStolz und Selbstbewußtsein, er schwankte wie ein\nHolz im Kielwasser eines aufgeblasenen Seglers.\nDer Knabe liebte diese Gesprächswendung\nnicht, er merkte, daß er das Mädchen dadurch vor\ndem Frosche schlecht machte. In gewisser Hin-\nsicht war's glätter als beim Frosch. Aber dies\nwagte er nicht zu sagen, denn so konnte es sein,\ndaß der Frosch böser Laune wurde. Der Knabe\nschwankte wie ein Kavalier beim Wucherer.\n„Aber Schlittschuhlaufen konntest du denn\ndas?\" hielt der Frosch im Schaukeln inne.\nJetjt kam's. Er mußte bekennen, daß Schicks\nTodfeindin seine Freundin war. Daß er sie Braut\nnannte, wollte er wenigstens hinter dem Berge\nhalten. „Jawohl, könnt ich's. Ein Mädchen hat\nmir's ein paar mal vorgemacht.\"\n„Ist sie nicht einmal mit dir gefahren?\" ver-\nächtlich.\n„Oh, immer, wir kreuzten die Arme, es war\nwie im Himmel.\"\n„Daß dich\" . . . wollte Schick anfangen, aber\ner besänftigte sich und sagte: „Die, welche immer\nzusammen laufen, gelten als Braut und Bräutigam\n. . . weißt du das?\"\nDer Knabe bekam einen Kopf so rot wie die\nGichtrose, weil er merkte, daß Schick alles be-\nkannt war, wie's auf dem Eisfeste gewesen war.\nSchick rückte näher auf. „Wenn du das nicht\nwußtest, und dir das nachträglich unangenehm\nsein sollte, so sage mir, wer das Mädchen war,\nvielleicht kann ich dich wieder von ihr los machen.\nIch beschäftige mich mit Heiratsvermittlung, ich\nkönnte für das Mädchen wohl schnell einen\nanderen Bräutigam finden.\"\nNun wußte der Knabe, — sagte er jetzt, wer\ndas Mädchen war, . . so beging er einen schänd-\nlichen Verrat. — Er schwieg.\nDer Frosch hatte Takt, wenn er klug sein\nmußte. Er knüpfte das Gespräch anders, neu, am:\n„Gefällt dir das Schlittschuhlaufen?\"\n„Nichts tu ich lieber. Wenn man so dahinsaust!\nSchick, ich sage dir.\" Er wurde ganz keck vor\nmutigen Gedanken.\n„Ja ja, es soll sehr schön sein . . „hast du\nauch gute Schlittschuhe?\"\nDer Knabe grinste.\n„Sind sie gut? ich meine, du seiest auf meinem\nTeich — er erwähnte es mit Mischung von Bitter-\nkeit und Bedauern — hart damit gefallen?\"\n„Bessere Schlittschuhe hättest du mir gar nicht\nschenken können, im Anfang war ich nur zu zag-\nhaft.\"\n„Was höre ich? Ich habe sie dir geschenkt?\n. . du träumst wohl, du . . ich schenke dir Schlitt-\nschuhe, damit du aufs Eis auf den großen See\ngehst, . . . glaubst wohl, wenn ich so was getan\nhätte, ich hätte dich nicht auf meinem Teiche fest-\nzuhalten verstanden, auf meinem schönen Teiche?\n. . Sprich.\"\nDer Knabe schlotterte in den Knieen, so hatte\nihn Schick angefahren. „Du hattest's ja gesagt, sie\nseien von dir . . von wem sollen sie denn sein?\"\n„Das hatte ich nicht gesagt . . Fertig ab!\" . .\ner drehte sich einmal um sich selber, „ich will\nvon der Schenkung nichts wissen und weiß auch\nnichts. Ich schenke dir Objekte der Beleidigung?!\n. . so eine . . das Mädchen vom großen See macht\ndas nur,. .die hat sie dir in einer Nacht gebracht.\nWeißt du's besser? . . . nein, du weißt es nicht\nbesser, denn so ist's\", er drehte sich ein paar mal\num sich selber wie eine vom Aerger getriebene\nTurbine.\n„Das Mädchen!! \" der Knabe trat auf\nwie ein Pfarrer im Beichtstuhl, würdevoll, „warum\nhast du dann so getan, als wäretra sie von dir?\"\nals vergäße er sich und wähnte sich hinter dem\nWirtshaustisch fuhrs hinterher, „He\"?\nHe? der Frosch ging auf wie Hefenteig. „Du\nscheinst mich damals in der Tat mißverstanden\nzu haben.\"\nDer Knabe ballte sich wie der arme Konrad,\njetzt, er schrie: „Da hätte ich gar nicht so ängst-\nlich tun müssen, als wäre ich an dein Dreckloch\ngebunden.\" Als stopfte ihm das Mädchen eine\nLadung Salz in den Mund, so bissig wurde er."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.5", "texte": "Campendonk: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.6", "texte": "Der Frosch schlug kopfüber — Dreckloch! —\nund lag wie tot im — Dreckloch!! —- den rasierten\nBauch an der Luft, wie einen blanken Sterntaler.\n„Was liegt in der Luft?'4 der Knabe wurde\nvoll Unruhe, als er den fetten Leichnam schwim-\nmen sah. Schicks Bauch. Es mußte etwas un-\nheimlich Tückisches und Schlimmes passieren . . .\ner hatte sich zu sehr hinreißen lassen.\n„Noch einmal\", drehte sich der Frosch langsam\nund sprach: „noch einmal will ich dir's vergeben\".\nDen Knaben überschlich ein ganz wachsweiches\nGefühl. Nach einer Pause, in der er sich den Leib\nin die Lage schob, fuhr Schick fort „leih, weiß,\nwer dich gegen mich aufgehetzt hat\" . . . Der\nKnabe wollte was sagen, aber es ging 'nicht.\n„Erstens\" Schick leierte es wie der Ausrufer\n„Pflicht eines jeden guten Dörflers ist es, den\nStadtsee zu meiden und sich ausschließlich mit\ndem Froschteich als See zu befassen\" ... er hielt\ninne und saugte Luft an.\nDer Knabe kannte dies Ortsstatut, er war im\nUnrecht, so aufzumucken, und schwieg stille, froh,\ndaß der Frosch seinen Unglücksspiegel wieder\neingesteckt hatte.\n„Zweitens44 der Frosch war mit dem Eindruck\nzufrieden, er bog ein, „sagtest du soeben, daß du\nvor mir Angst hattest . . . stimmt's?\"\n„Ja\", sagte der Knabe zaghaft.\n„Das war töricht von dir, du hättest schon\nlange zu mir kommen könften. Reue schätze ich\nwohl.\" Dem Knaben wurd's wie Zwiebelschneiden.\n„Nun aber noch eins44, der Frosch durch-\nschwamm einmal sein Becken. Der Knabe wartete\naufmerksam, bis Schick herum war.\n„Hat dir das Mädchen vom großen See gesagt,\ndaß sie dir die* Schlittschuhe geschenkt hat?\" er\nsaß ganz still.\n„Nein, sie hat mir nichts gesagt . . . Schick'4.\nSchick durchschwamm wieder das Becken.\n„Aber geredet hat sie mit dir?44\nDer Knabe ivurde rot, dann blaß. Der Frosch\nliatte ihn gefangen, er sah iihn an. — Er schwieg.\n„Du, Knabe, war das schön von dir, daß du\nmir verheimlichen wolltest, daß das Mädchen\nsie! war? . . . mich anlügen wolltest? . . . wie\nnett und offen sprachen wir früher immer mit-\neinander?\" Dem Knaben rannen die Tränen über\ndie Wangen in langen Strömen. Er wendete sich\nab wie Petrus. Seine Unterärmel wurden durch-\nmaß.\nSchick erinnerte den Knaben an den Sommer,\nan die Perlen und Eier, daß der Knabe schließlich\nmit erstickter Stimme um Verzeihung bat . . .\n„Wichtiger lind wertvoller als die Verzeihung\nist mir, daß du wieder wie ehedem mein guter,\nlieber Freund wirst. Willst du?\"\n„Jaa.\"\n„Dann höre auf zu weinen.44 Der Knabe\nwischte sich auch schon mit dem Aermel die\nTränen ab. „Vergiß es.44 Schick war klug, er sagte\nnicht — wir wollen vergessen —. „Morgen mache\nich dir eine neue Eisdecke zurecht, ich verspreche\ndir's. Ich tu's obgleich schon der Frühling den\nStorch zu mir geschickt hat — weißt, damit ich\nnicht so überrumpelt werde. — Also obgleich44\nSchick war doch ein . . . zum ins Glasfassen. „Bist\ndu damit zufrieden?44\n„Jaa.4' Der Frosch sprach so liebevoll. Der\nKnabe erkannte seinen alten treuen Schick wieder\n. . er war fertig mit Abwischen.\n%\nAlso morgen war wieder Eisbahn auf dem\nFroschteich. So weit kam's.\n„Also machen wir's\", sagte Schick und\npfupferte vor Freude. Dem Knaben ging ein\nfreundliches Lächeln über's Gesicht wie ein\nSonnenfleck über eine Regenlandschaft.\n„Nun . . . waren wir aber mit unserer Unter-\nredung noch nicht zu Ende.44\nWas konnte noch kommen? es war ja heraus,\nalso war's dem 'Knaben gleichgültig.\n„Das Mädchen gestand dir die Schenkung also\nnicht ein?!\"\n„Nein.44 Schick fing ja wieder vorne an.\n„Weißt du auch warum?44 — Der Knabe\nlauschte. — „Weil sie dich aufs Eis gelockt hat.\"\nDer Frosch setzte ein Bein auf des Knaben Stiefel-\nspitze.\nDer Knabe sperrte den Frosch an.\n„Weißt du auch warum?44 „Das Mädchen\nvom großen See sucht nämlich schon längst einen\nIVLann, aber sie will keiner.\"\n„Vorhin sagtest du, sie hätte gleich wieder\neinen.44\n„Ganz recht, einen, wenn ich ihn !hr gebe\",\nredete sich der Frosch heraus. — „Und darum\nschenkt sie dem und jenem ein paar Schlittschuhe,\nmanche kriegen sogar silberne, dir hat sie nicht\neinmal vernickelte geschenkt, fährt mit ihnen in\nden dunklen See hinaus unter allen möglichen Zu-\nflüsterungen von Liebe und weiß Gott was und\ndort draußen will sie ertränken, mit sich in den\nSee hinabnehmen. Dich wollte sie auch mit sich\nhinabnehmen, bloß weil ich dazwischen kam und\nihr Eis zertrümmerte und ihr drohte, wenn du\nwegen ihr ertrinken müßtest, ich ihren ganzen See\nablassen würde, bloß darum hat sie dich wieder\nselbst ans Land geführt.\" Schick tauchte schnell\nunter.\nDer Knabe fiel fast tot um, so enstetzt war er.\nSchick kam wieder herauf, er hatte das Lachen\nüber seine vorzügliche Lüge unten niederge-\nkämpft. Er sah den Knaben lange und gut-\nherzig an.\nDem Knaben brummte der Kopf noch wie der\nTon in einer zersprungenen Glocke. Das Mädchen\nwar eine kalte Eiskönigin, sie stellte sich nur so\nmild und warm. Sie sagte, es war so! sie sei seine\nBraut. Schick hatte ihm also gar nichts getan. Er\ngab dem Frosch die Hand und hielt die kalten\nFroschfinger lange in Dankbarkeit fest.\nSchick kannte das edle stumme einer Freund-\nschaft nicht, er mußte noch einmal anfangen. „War\nes klug, daß du dich von mir verfolgt fühltest?\nwars nicht unklug, daß du dich mit ihr einließest?\n— nehm dich nur in acht, daß nichts nachfolgt!\n— Warst du treu gegen deinen alten Schick?44\nDer Frosch mußte noch einmal Reuetränen haben,\nder Spiegel seines Teiches hob sich dadurch um\nein kleines Millimeter. Und die Tränen taten ihm\nso wohl, sie waren seine einzige Rache.\nNachdem Frosch und Knabe noch ein Weilchen\neinander stumm abgesucht hatten, ging der Knabe\nnach Hause und versprach beim Abschied, morgen\nauf das frische Eis mit den Schlittschuhen zu kom-\nmen. „Bestimmt\", und warf ihm Augen hin wie\nerlassene Zinsen aber verschuldetes Kapital.\n*»•* •»»\n*\nDer Knabe philosophierte sich zu den Seinigen\nnach Hause, entschlossen das Ergebnis seiner Phi-\nlosophie erst nach Jahren aufzutischen. Er fühlte,\nwie es anzog, die Maulwurfshaufen bekamen\nschon eine harte Kruste, es war sicher, daß der\nFrosch Wort hielt auf Morgen.\nUeberhaupt der Frosch! wie konnte er sich von\nder Schönheit des Mädchens blenden lassen —\nSprichwort „laß dich nicht vom Satan blenden—!\"\nWüst war der Frosch, aber treuherzig und ein\nwahrer Freund — Sprichwort „meidet allen\nHeuchelschein44 — nämlich der Frosch meidet. Er\nbesann sich darauf, wie das Mädchen in der Tat\nan ihm stichelte, ihn hetzte gegen den Frosch, den\nFrosch verleumdete „Schwindler44 — Sprichwort\n„wenn dich die bösen Buben locken44 — das Mäd-\nchen hatte ihn gelockt. — Wie froh war er, daß\ner durch Zufall erfuhr, was für einen Leumund\ndas Mädchen hatte, womöglich schminkte sie sich\nund war eine häßliche Kröte — Sprichwort „traue\nden Feinden\", der Frosch hatte über seine Tod-\nfeindin geredet. —\nEr schrieb zu Hause sofort einen Absagebrief\nan das Mädchen und teilte ihr mit, was für eine\nFalsche sie war, indem er ihr zugleich -die vier für\nsie passenden Sprichwörter erläuterte. Er nahm\nsichs fest vor. Er konnte jetzt im See sitzen und\nvon Schlangen gefressen werden.\nNoch nie war ihm das „Leben\" so klar ge-\nworden wie jetzt. Die Weisheiten der Alten waren\nwirkliche Wahrheiten. Man brauchte nur nach\nitaen zu leben, so war alles glatt und eben. „Dieser\nSatan blendete ihn zwiefach!44\nSchick hätte er's nicht einmal sagen dürfen, wie\ner seinen Brief fassen wollte, er hätte dem Knaben\nabgeraten. Dem Frosch war's da schon lieber,\nwenn ein- Bräutigam seine Braut im Ungewissen\nsitzen ließ, er konnte sie dann bei Gelegenheit\nnoch schimpflicher abtrumpfen.\nSchick sah seinem Philosophen nach und fühlte\nseinem Gange große Schwächen an. Die Stimmung\nwird bei dem Knaben nicht lange anhalten, dachte\ner. Auf seiner Seele Grund habe ich gesehen —\nDreckloch! das war unverhüllte Sprache —\nDreckloch! — Rache! Rache! schrie Schick, als\nder Knabe im Winkel verschwand.\nWarte nur Morgen! Morgen! . . auf Verzeihung\nbin ich gar nicht eingegangen . . . Rache! er tum-\nmelte sich aufgeregt in seinem —r Dreckk)ch!\nEr mußte sich setzen und umschauen. Wie\nauch seine Blicke im Dreckloch herumkletterten,\nes war nicht ein Körnchen Wahrheit in dem per-\nfiden Schimpfwort. Seit der Ueberschwemmung\nkonnte er's mit der feinsten römischen Badewanne\naufnehmen — im reichsten Tempel. Er wartete\ni\nfür den Sommer nur noch auf die geeignete\nSusanna, dabei hatte er ein scharfes Auge auf\neine Dorfschöne, die schon längst das Waschen\nnötig hatte, um freien zu können. Er war ihr\nschon zweimal im Traume erschienen und hatte\ngesagt: „Rehböckchen — so hieß die Schönte —\nRehböckchen verharre nicht auf deinem Stand-\npunkt, sondern überlasse dich mir, ich habe eine\nmarmorne Wanne und schwarze Lilienmilchseife,\ndie schloseweiß macht... Rehböckchen, Rehböck-\nchen.\". Daß Rehböckchen nicht kam, konnte er\ndafür? Mit Selbstzufriedenheit und wonnigen\nSommerwünschen schaukelte er sich in seinem\nBadezwinger. Sein Wert war für ihn noch ge-\nstiegen, seit er wahrnahm, daß die Quelle nicht\nmehr zu ihm hineinfloß.\nSeitdem die Quelle gestreikt hatte , kam er\nbesser mit ihr aus. Sie ging ihn einfach nichts\nmehr an,\nJedesmal wenn die Quelle in die Nähe vom\nFroschteich kam, bog sie schnell um und floß weit\nüber die Felder hinüber zur Stadt in den großen\nSee. Dort wo sie umbog, hatte ihr einer vom\nHeere einen großen Stein vorgesetzt, daß sie keine\nFurcht zu haben brauchte, aus Versehen wieder\nin den Froschteicti zu springen.\nDas Mädchen vom großen See nahm die\nQuelle gut auf. „Willst du auch zu mir kommen?\"\nfrug sie und trank einen tiefen Schluck von dem\nWasser, das ihr die Quelle als Geschenk mit-\nbrachte. „Wenn du auch gar winzig bist, du hast\nfrisches Wasser und wirst meinen Fischlein gut\ntun . . . fließ nur hinein in meinen See.\"\nDie Quelle sagte: „Zum Dank für die freund-\nliche Aufnahme will ich dir immer erzählen und\nverraten, was am Froschteich vorgeht . . . wenn\ndu's wissen möchtest.\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.7", "texte": "Jacoba van Heemskerck: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.8", "texte": "Das Mädchen dachte: „Verrat mag ich nicht\nleiden . . . aber wenn du einmal meinen Bräutigam\nmit dem Frosche reden siehst, kannst du mir's ja\nsagen . . , verraten\" und kicherte.\nDarum die Quelle, weani sie jetzt umbog,\nstreckte jedesmal den Kopf ein klein wenig heraus\nund guckte nach dem Froschteich und rannte\nweiter. Sie tat's fleißig, tagaus, tagein, damit sie\nja nichts zu verraten versäumte.\nDen Frosch ärgerte wohl das „Ueberdenzaun-\ngucken\", aber sie gehörte nicht mehr her. Und\ngut. Was ihre Naseweisheit zu bedeuten hatte,\nwußte er ja nicht. Er vermißte sie nicht, sein\nWasser blieb jetzt immer ruhig stehen und wankte\nnicht, einen Abfluß, einen ungeschickten brauchte\ner auch nicht mehr, also war's vorzüglich. Sein\nVermögen blieb mehr beieinander, es wucherte\nZinseszinsen und verdrängte das unnötig viele\nWaschwasser — für Rehböckchen blieb noch\ngenug —. Man roch die Effekten schon auf hun-\ndert Schritte dm Umkreis. Das war die beste\nReklame für seinen erstickenden Wohlstand.\nUnd bei diesem Wohlstand von Dreckloch\nreden! — Rache!\nIhm blieb das „Morgen\". Morgen, seine Tempe-\nratur fiel zum Gefrierpunkt. Aber es mußte sein.\nDemi solange das Mädchen noöh von seinem Ge-\nsellen träumte und im Kahne wehmütig singend —\nbei gutem Wetter hörte er ihre Stimme bis her-\nüber — hinausfuhr auf den See, konnte ihm der\nKnabe wieder abtrünnig werden. Da half nur eins.\nEin blutiger Gedanke an das Morgen erhitzte ihn,\ner entstieg langsam seinem beengenden Umihn\nund setzte sich das erstemal dieses Jahr den Erlesa\nauf die Füße.\nDie Erlen wandten sich aus Abscheu vor ihm,\nsie empfanden seine wüste Seele. Sie wanden sich\nimmer weidiger.\nDem Frosche ließ es auch außen, wo ihn die\nLuft, der unendlich weite Himmel umgab, keine\nRuhe. Ein Sturm von leidenschaftlichen Greuel-\ntaten warf ihn in seine Wanne zurück, in der er\nherumwirbelte wie eine haltlose Qualle.\nEndlich drückte er sich fest und hielt den\nSturm auf, er verscheudhte die Wolketa und\n«nachte sein Herz zur Eiskugei\nFortsetzung folgt\n\nMaya\nKurt Striepe\nGanz tief bin ich in eine kalte Mauer gestellt.\nMünde umsaugen welk meine blasse Seele. Es ist\nein Träumen über meinen Händen\nEin Dieb schleiche ich durch die Nächte. Eine\nAllmacht faltet nieine Sinne. Mein Gebet ist\ngrößer als ein Leben.\nAlle liegen in den Hängen des Lebens. Die\nKöpfe zur Erde geketirt Ich schaue zu dem\nSternen. Und staune. Wir glauben aJie an ein\nWunder, das uns selig macht- Und sterben einen\nTod. Das Grauen haben viele gelernt.\nNichts — Maya — ist schwerer als der Tod im\nBett Ihnen muß ich immer vom Tod erzählen.\nIch spiele damit. Meine Lust stirbt Es ist ein\nzartes Spiel. Keiner schreit. Einer lauert auf den\nandern.\nNun stirbt meine Mutter. Meine müden Arme\nhalten sie einen halben Tag. Dann kommt das Ende.\nIch sah viel Sterben. Den Wald — schreiend\nstreckt er zerrissene Bäume in den blutenden\nMund. Städte — im Feuertanz, lodernder Kirchen.\nMenschen sali iefe sterben —* im Spielen der\nKinder. . ....\nNun erfüllt sich mein; Schicksal. .\nMaya — mein Glaube ist alles! Ich glaube an\nSie. Trotz allem. Einen schönen Namen kann ich\nnicht vergessen. Und Augen und Ihre Hände.\nIhre Hände verfolgen mich — Maya! Hände\nsind über dem Leben. Ein Gebet.\nSie schreiben nicht mehr. Sie wollen nicht mehr\nschreiben. Ein großes Herz sind Ihre Briefe.\nIch liege auf dem höchsten Berge. Sein wildes\nPochen- ist Musik. Das ist die ganze Erde — die\nich in mein Herz presse. So sind Ihre Briefe.\nEin köstliches Kleinod — opalschimmernd —\ntrage ich in meinen lichtigen Händen. Mein\nHerz ? Meine Hände wissen. Meine Hände\nsehnen sich nach Ihren Händen. Ich gehe zag. Ich\nbin die Mutter, die eine wehe Geburt in ihren\nArmen hält.\nIch habe ein Geheimnis. Sie wissen darum.\nAber daß ich nun ruhiger bin —- ist das Seltsame.\nIch bin mein Narr. Ich sehne mich nach etwas.\nIch ersehne immer die Nichterfüllung. Nur der\nTod brächte eine Änderung.\nDaß ich so ohnmächtig bin — Maya, das ist das\nGrauenhafte.\nIch möchte fluchen können. Ich möchte beten\nkönnen. Oder fluchen und betem zugleich. Aber\ngarnichts können und immer alles wissen\n— das erschöpft mich. Das macht so müde.\nWenn ich nicht Ihre Hände sähe —! Idh werde\nkrank danach. Und nach Ihrem Namen geht ein\nLechzen durch meinen Mund.\nIch werde einmal ein heller Stern sein. In\nmeinem Leuchten sollen Ihre Augen trunken wer-\nden.\nDanach sehne ich mich.\n\nSeidenfaden\nAdoll Knoblauch\nSeidenfaden bog: fiebrig die Finger und\nrutschte unruhig auf dem Stuhl: „Anfangs ist\nNatur im Ueberge wicht und lastet bei Taggrauen\nauf der Innerlichkeit. Vom Mittag aufwärts, dem\nPunkt der Harmonie, siegt der Geist und kriegt\ngegen die Natur. Schiller steht im Zenith, der\nStern um neun Uhr Abends. Dann beginnt die\nNacht, die Finsternis, in der ich Nichts bin und\nschlafe, um früh ais Natur mit Etwas zu beginnen.\nIn der Nußschale hast du die Weltgeschichte im\newigen Kreislauf: von der Natur zur Harmonie,\ndurch Streit und Krieg ins Himmelreich, denn sifc\nsteigt Immer wieder neu aus der Natur.\nSchiller kriegt gegen Balsamine und siegt in\nder Höhe. Und wenn Baisamme schterbt, so\nkommt sie in Schillern sein Himmelreich.41\nSinen war der Verstand vom. der wunderlichen\nHarmonie verwirrt. Die Sehlingen im Terrarium\nregten sich träge, reckten in der Dämmerung die\ngefleckten Leiber über den offenen Glashafen\nund erhoben die Köpfe schmachtend ins Dunkel,\ndie Eidechsen rasdielten unheimlich flink, Sine\nsprang hinzu und deckette die ungehorsamen\nKindleM zu.\n* *\n❖\nSine brachte den Bunten :zum Bahnhof und\nkehrte durch den Tiergarten in die Stadt zurück.\nVon den Bogedampen schien der Nachthimmel\nüber den hohen alten Linden blaß, die Blüten\nleuchteten auf weitem Rasenrund, Büsche dufte-\nten, und Sine huschte an Liebespärchen, die ein-\nander auf Bänken und in den Wegen umarmten,\nvorüber. Hinter einem Busche afi' Äsamer Stelle\ntrat aus der Dunkelheit schnell ein Mann S!«e&\nin den Weg und tat die allnächtlichen Fragen:\n„Allein, mein Fräulein? Darf ich Sie begleiten?\"\nUnd er nahm ungezwungen ihren Arm. Sine blieb\nerschrocken stehen und schaute sich um, sie war\nallein mit ihm, fern überm Rasenrund schritt däe\nstarre Erzgestalt des Auerstieres.\nSine fürchtete, den Unbekannten durch Flucht\nzu reizen und beschloß, ruhig auszuhalten, sie\nmochte nicht prüde und albern sein. Die Harmonie\ndes Bunten drückte maaßlos ihre Seele, drängte\nsie zu Tat. Sie erhob die Fahne der kreuzweise»\nLiebe, ihrer bunten Erfüllung! Der heilige Scheie\nam Himmel war ganz weiß. Sine gab Kunde von\nSeidenfadens süßer Lehre, sie zwang den begehr-\nlichen, finster triebhaften Mann zum Bewußtsein\nseiner niederen Durchsdhnittlichkeit: „Sie habe»\ngewiß den Willen, recht zu lieben, aber Sie haben\nnicht die Rechte gefunden, das ist auch schwer!\nEs liegt nur am Willen, recht zu lieben, dann-\nfinden Sie die Rechte. Sie dürfen nicht etwa\nEine lieben: Alle, die Sie sehen, soviele, die Ihnen\nbisher im Vorübergehen flüchtig gefielen, müssen\nSie finden und lieben! Sie müssen unaufhörlich\nlieben, sich jeden Tag verlieben, in Viele, Alle . . .\nDann lieben Sie recht, und Alle, die Sie lieben, Sinti\ndie Rechten!\"\nNach dieser Rede wurde des Mannes blasses\nGesicht unter dem modisch weichen Hut sichtbar,\ner ließ den Arm seiner neuen Tiergartenbraut\nsinken. Ermutigt durch diesen Eindruck, mahnte\nSine zur Ueberwindung, tröstete mit der Liebe\naller unbegrenzten Möglichkeiten. Sie lud ihn zum\nBesuch, der Bunte würde ihm den herzlichen Weg\nund der kreuzweisen Liebe Stärke deuten.\nDer Unbekannte drückte den Hut fest in die\nStirne, schlug die Hände in die Hosentaschen and:\nsprang hintern nächsten Busch in die Dunkelheit\nAls Sine Seidenfaden das Abenteuer erzähltt,.\nfügte sie bei: „Wenn der Dumme ahnte, daß icfo\nihm ganz gern einen Kuß gegeben hätte! Bf\ndauerte mich so . . .!\"\nXIV\nSine hatte Leine wand eingespannt, um Motive\nift den Ferien fern vom Meister zu malen. Es fiel\nihr unüberwindlich schwer, vor der Leine wand\nzu stehen, um Farben aus dem Blauen ins Weift\nzu pinseln. Ihre Seele suchte den starken Mann&s-\nhalt, sie brachte leider nichts zuwege in Gel.\nSie griff zum Kodak, der als Motivsucher m\nMalferien gehört. Sie plagte sich redlich, phot*>-\ngraphierte Alles und Alle, im Heu, im Bach, autf\nBäumen, springend, kletternd, purzelnd, kopf-\nstehend, brüllend, heulend, pfeifend, weinend —\naber ihr rechtes Motiv fand sie nicht. Bis eines\nTages Seidenfaden vorsichtig einflüsterte, die\nkleinen Dollinge nackt zu knippsen. Das rechte\nMotiv! Die Kinder als nackte Modelle zu ihres\nMädelsfratzen!\nKatharine wies Sinens honigsüßes Ansinne«\nrauh von sich. Schweigstille traute inie Sinen i*M\nwollte, wenn die Anderen wollten. Nur der lang-\nlockig hingebende Engel Sibille wollte, zierte siefß-\nund ließ sich nackt knippsen: einmal seitlich, das?\nHaupt in Pose auf den dünnen Arm gestützt, e&s*\nander Mal horizontal auf dem Rücken, Brust und;\nBeine in Wogenlinie auf Profil, schließlich auf deim\nBauch mit der deutlich sich abhebenden Rückseite\ndes Leibes.\nJetzt wollten die beiden Schwestern nicht zu-\nrückstehen, und sie wurden gleich gründlich\ndurchgeknippst Am Ende stellten die drei\nwissenden Mätze ein keckes Ballett: So wurde®»\ndie edlen nackten Kinderkörper für den\ngierigen Erotiker Seidenfaden photographiert.\n\nFortsetzung"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.9", "texte": "Seidenfaden erklärte Sibillens Bild für das\nSchönste und er näherte sich dringend DoMings\nNestlingen. Abends, wenn der Vater fort war, er-\nschien er bei den Kindern und reichte ihnen feines\nMarzipan ins Bett. Er kam jeden Sonntag und\nbrachte Siegfried mit, um ihm die heranreifende\nJugend zu zeigen. Aus den Jöhren waren ent-\nzückende flinke Mädelchens geworden, mit denen\ngeflirtet wurde.\nDie brummige Engelslocken-Sibille samt einer\nebenso flachgesichtigen Freundin waren Seiden-\nfadens Lieblinge, mit denen er gewandt Tanz-\nstunden-Unterhaltung übte. Diese Mädels waren\nunnahbar, wenn ihr Verehrer sich um sie bemühte.\nWar er fort, so hatte Nonne ihre Not, sie in Fran-\nzösisch und Aufsatz vorwärts zu bringen. Gegen\neine Gebühr von täglich fünfzig Pfennigen durfte\nder „Bräutigam\" am Familien-Mittag teilnehmen.\nEr durfte sein blau lackiertes Piano in die Wohnung\nbringen und Klavier-Unterricht erteilen. Er setzte\nes durch, daß Sibille schließlich allein Klavier-\nstunden nahm, denn die anderen Mädels hatten\nzu häßlich rote Finger für die Tasten. Die kupple-\nrische Sine begünstigte die Idylle, die des Bunten\nBlut wärmte, ihm rote Backen machte und dünne\nKnabengeb er den aus ihm lockte.\nSibille tat, als lernte sie nur Klavierspielen.\nSeidenfaden legte häufig weich ihre Finger an die\nrichtige Taste und führte die Finger, indem er\nsich dicht ans warme Mädel schmiegte. Der zag-\nhafte Koser warb um die Holde, legte den Arm\nsanft vergessen um ihre Hüfte, indem er ihre\nnackte Linie mach der Photographie genoß:\n„Merkst du ein wenig, wie furchtbar lieb ich dich\nhabe, Sibille! Sei auch zu mir gut!\" Er drückte\nseine Lippen auf ihre, indem er den Engelslocken-\nkopf in beide Hände nahm.\nSibille mochte das große Ereignis nicht ver-\nschweigen. Sie erzählte, daß sie es sich habe ge-\nfallen lassen, weil er so drum bat. Katharine\ndrohte, es dem Vater wiederzusagen. Seiden-\nfaden war betrübt von Sibillens Kälte und\nzweifelte an ihrer erotischen Fähigkeit. Er hoffte,\nsie der Erziehung durch proletarische Kinder-\nwärterinnen zu entwinden und der Erotik zuzu-\nführen. Sibille würde er einmal an die Stelle der\nalternden Sine setzen! Sine begann, sich mit\nSibille in die ohnehin geringe Mannheit des Bunten\nzu teilen.\n* *\n*\nSeidenfaden siedelte in die Nähe von Böllings,\nEr wollte Sibille nahe sein, er haßte Sine, wenn\nSibille in ihrem tantenhaften Schutz zum seltnen\nBesuche kam. Er wollte ihre Luft atmen, ihre\nSpiele genießen, sich täglich an ihr freuen. Jen-\nseits des Bahndammes stand ein einzelnes Haus\ninmitten freier mit Kartoffeln und Hafer bestellter\nFelder. Gartenland, das in Laubenkolonien aufge-\nteilt war, dehnte sich hinter dem Hause bis zum\nBahndamm. Hier wohnte Malz, Wachtmeister der\nKreis-Gendarmerie mit seinen Mädels. In Malzens\nschmucken Laubenkolonien, dem birkengehegten\nTeichgelände spielten täglich die Dollinge mit den\nNachbarmädels. Von Malzens mietete der Bunte\neine Stube und zog mit dem blaulackierten Trödel\n-ein.\nDer Ruf von seiner Verliebtheit war Seiden-\nfaden im töchtergesegneten Hause Malzens vor-\nausgeflogen. Die Mädchen hatten vereint seine\nneue Stube sauber hergerichtet, und beim Kom-\nmeii des Bunten wimmelte das Haus von jungen\nFrauen, und süßen Mädels, die auf der Treppe\nstanden oder neugierig aus den Wohntüren lugten.\nAls er ans Stubenfenster trat, blickte er auf die\nBlumenbeete, die Birken und Teiche, die Ernte-\nwirnpel, Lauben und Bänke in den Gärten nieder.\nLändliche Paradieseswonne entzückte den Seide-\nnen und er vermeinte noch den Druck zu spüren von\ndünnen Knieen, zehnjährigen Armen, nackten\nBeinen, die auf der Treppe sich an ihn schmiegten\nund schmachteten. Er war der wissend Verfolgte,\nder die heimliche Sünde kindlicher Unschuld auf\nsich lud, ihre Begierdenflamme am Blitzleiter\nseiner Erotik entlud.\nTäglich stieg er in Malzens Garten nieder,\nwenn der Dollingschwarm tobte: er lief hinter\neinem Dutzend schalkischer Mädels her, um eine\nIrmgard, Gertrud, Magda oder Sibille zu kriegen,\nsie auf Zöpfe, Mund und Nacken zu küssen, und\num ihn erscholl das Lied: „Bunter im munteren\nMädchengedränge!\"\nDie Mädchen spielten „Rattenfänger von\nHameln4'! Seidenfaden trug eine Laute mit bunten\nWimpeln am seidenen Band nach Art der Wander-\nvögel umgehängt und klimperte und sang mit\ntiefer Stimme Wandervogellieder. Den braunen\nSamthut auf den Locken, im hellen Anzug, in\nLackschuhen mit Seidenflügeln, seidenen Strümp-\nfen diente er den lieben Mädels. „Rattenfänger!\"\nDie Zöpfe flogen um die Wette, und er lief ihnen\nnach, als gelte es einer neuen Erotik!\nSeine Lieblinge beschenkte er mit seidenen\nHaarschleifen und feinem Marzipan, und er nahm\nsich heraus, die Lieblinge beim Spiel zu küssen.\nManch Mädel, das in der stolzen, hellen, gold-\nkreuzgeschmückten Brust das Gedenken an einen\nschmalen schönen Gymnasiasten barg, warf ihm\nein „Pfui\" zu und warnte: „Rattenfänger, nimm\ndich zusammen! Wenn das die Mutter erfährt!\"\nDie wilden Mädels äfften Seidenfaden mit\nseinem Geklimper nach, sie hüpften vor ihm,\nschwangen die fürchterlichen Rattenzöpfe, bargen\nsich flink hinter Birken und in Lauben und lockten\nden bebänderten Herrn mit Handkuß und Mund-\nspitzen, sie zu haschen. Dazu sangen sie, daß es\nschallte:\nIch führe euch ins Freudenland\nnahebei — ganz nahebei!\nQuellen springen, Früchte wachsen,\nBlumen prangen, und Alles ist bunt\nund fremd und wunderbar.\nSperlinge sind farbiger als Pfaue,\nHunde laufen schneller als Hirsche,\nBienen fliegen ohne Stacheln,\nPferde spannen Adlerflügel!\nRattenfänger führt euch in das Land\nnahebei — ganz nahebei!\nMalzens kleiner Stall war der Koppelberg,\ndessen Finsternis sich auftat, um den Rattenfänger\nsamt der verführten Brut zu verschlingen. Viele\nMale stolperte der Bunte über Mistgabel oder\nSpaten, die ihm zwischen die Beine fielen, oder\nStrohwische an der Wäschestange kitzelten ihn\nund beschmutzten seine Wimpel. Endlich war er\nim Koppelberg gefangen, der Riegel fuhr zu, und\nin der Finsternis regnete es von allen Seiten Stroh,\nKartoffelschalen flogen im Kehrichtdunst an Herrn\nSeidenfadens geschmücktes Haupt, und tolle\nMädels zupften an den Wimpeln, Seidenflügeln\nund Locken.\nEndlich hatte er das Tor aufgestoßen, be-\nschmutzt, entrüstet rannte er von dannen, hinter\nihm die Mädelschar. Katharinen stand vom über-\nmäßigen Lachen ein nasser Fleck vorm auf dem\nt\nKleid, sie hatte sich vor Lust naß gemacht.\nSchweigstille kugelte sich und biß ins Gras, um\nnicht zu platzen.' Sibille raste als Führerin der\nRadhejagd dicht hinter dem Flüchtigen und« schrie\natemlos: „Herr Rattenfänger! Spielen Sie doch\nweiter mit uns, noch einmal! Wir klopfen Ihnen\nden Staub aus, bitte Herr Seidenfaden!\"\nXV\nAlle Dolinge fuhren zum Geburtstag eines\nkleinem Vetters, die ganze Verwandtschaft fand\nsich beim Familientag ein. Auch Seidenfaden hatte\nsich eingeladen und folgte Sibillen nach. Und Sine\nfuhr mit Seidenfaden.\nDie Kinder hatten zum Festtage als ganz be-\nsonderes Geschenk die Erlaubnis erhalten, einmal\nganz unter sich und dhne „Erwachsene\" sein zu\ndürfen. Der 'liebesgeduldige Seidenfaden nahm die\nLaute mit bunten Wimpeln und trat klimpernd und\naus tiefster Brust singend zu den Kindern in die\nStube. Die Kinder verstummten und der Unge-\nbetene erklärte hochfahrend, daß er die Er-\nwachsenen nicht kenne, sie seien, alle beisammen\nso langweilig und dumm, daß er lieber bei Si-\nbillens Freunden sitzen wolle. Die Knaben, die\nmit den lieben Mädels gern allein gewesen wären,\nfügten sich ins Unvermeidliche, um das Fest nicht\nzu stören, und beachteten den „Affen\" garnicht.\nEin Knabe stand auf und hielt eine Ansprache\nauf das Geburtstagskind. Seidenfaden, der rasend\neifersüchtig war, rief dazwischen: „hab ich allens\nmal gelesem\", „Stuß! Der wickelt euch ein\", „wie\ngebüldet!\" und er klimperte und sang jeden Satz\ndem Knaben nach, um ihn lächerlich vor Sibillen\nzu machen.\nAls der Knabe zu Ende war, beklagten sich\nAlle über die unaufhörlichen Störungen. Seiden-\nfaden spottete: „Ich hab ihm ja Alles nur nach-\ngesungen!\" Unwiderstehlich sang der Bunte ein\nLied nach dem Anderen und verdarb gründlich\nden frohen Tag.\nFredi fragte: „Wißt ihr, ob Herr Seidenfaden\nSibillen schon geküßt hat. Sine antwortete: „Das\nkann jeder wissen! Seidenfaden hat Sibille schon\nviele Male geküßt.'\nAm anderen Tage klagte Seidenfaden bei Ka-\ntharine: „Auf dem Geburtstag war es doch zu\nlangweilig!\" Katharine brach los: „Daran waren\nSie allein Schuld! Mit Ihrem ewigen Geklimper\nund Gesinge haben Sie allen das Fest verdorben!\nAlle waren auf Sie wütend! Wir waren ganz\nunter uns, dann mischten Sie sich ein und machten\nden Affen! Warum waren Sie nicht geblieben, wo\nSie hingehörten?\"\nEntrüstet, tief beleidigt zürnte der Bunte: „Das\nwill ich Sibille fragen, ob ich ihr auch das\nFest verdorben habe. Er beraumte eine Klavier-\nstunde für Sibille am selben Nachmittag an. Als\ner mit ihr allein war, bot er ihr einen Stuhl und nahm\ngegenüber Platz: „Sibille, Klavierstuinde haben wir\nallerdings nicht, wie du weißt. Ich bestellte dich\nher, weil ich fragen will, ob ich dir auch den\nGeburtstag verdorben habe?\" „Allen haben Sie\nden Abend mit dem dämlichen Gesinge und dem\ngräßlichen Geklimper verdorben! Sie waren\nscheußlich gegen die Jungens. Die Jungens waren\nnoch viel zu anständig und Sie waren ein lang-\nweiliger Affe —!\"\nSeidenfaden sprang hoch, streckte den rechten\nZeigefinger wagerecht aus: „Falsche, dich habe\nich nicht gekannt! Schöne Augen könnt ihr\nmachen, mich mit den Knieen drücken, mit\nRöcken streifen, mich mit Händen und Beinen be-\ntasten, küssen laßt ihr euch auf Mund und Augen,\nlaßt euch das Haar streicheln, nehmt Geschenke\nan — pfui, ihr Schamlosen —!\" „Seien Sie nur\nganz still, Herr Seidemfaden, ich werde sonst dem\nVater erzählen, was Sie mit mir und den anderen\nMädels für Sachen treiben! Sie laufen arg den\nkleinen Mädels nach, das wissen schon Alle, und\nSie graulen Alle von uns weg, weil Sie immer\nverliebt sind!\" „Lügnerin, du hast gesagt, du lieb-\ntest mich! Ich werde eurem Vater erzählen, was\nihr Falschen für Sachen treibt mit euren Augen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.10", "texte": "und Knieen und Röcken und Beinen und Händen\nund euren falschen Küssen.\" Seidenfaden, der\nzagende Koser, eilte leidenschaftlich aus der Stube\nund schloß sich mit Sine ein.\nEr verbarg sich mit seinem Liebesschmerz, und\nSine war im Liebsten tief mitbeleidigt. Eine bittre\nWoche lang waren die zänkischen Frei-Ehegatten\ntäubchenzart beisammen, waren zu den Frühlings-\ntagen des orangenen Honigmondes heimgekehrt.\nSine betreute mütterlich den Liebsten, dem freche\nMädels roh das Herz verletzt hatten. Sine stürmte\nrächend durchs Haus, warf eine bittre Woche lang\ndie Türen, züchtigte tantenhaft und blieb unnah-\nbar. Bis auf Weiteres fiel der Klavier-Unterricht\naus.\n* *\nNonne saß am Vormittag auf dem griinumlaub-\nten Balkon und flickte Vater Dollmgs Hemden.\nDie Mädchen waren zur Schule, Dolling schrieb,\nund im Bücherzimmer war Seidenfaden bei Sinen\nzu Besuch. Nonne war allein, die Morgensonne\nschien in ihr freies, starkes Gesicht, in das die\nArbeit ihrer Familie seit Generationen früh die\nschweren Zeichen gefurcht hatte. Sie hatte\nJugendjahre unerträglich anstrengenden Dienstes\nin Dollings Familie verbracht und die drei Mäd-\nchen großgezogen. Ihre mütterliche Kraft gab den\nKindern sittlichen Halt.\nNonne sang Eines der wunderbaren Kinder-\nlieder, ihr Haupt war auf die Näherei gebeugt und\nihr im Nacken ruhte sonnig der schwere Liebes-\nknoten des Haares.\nUnerwartet trat Sine in die Stille, legte sich in\nden Liegestuhl und starrte heiß auf die fleißige\nArbeiterin, die das Mannshemd gegens Licht hob,\num die geflickten Risse zu prüfen. Sine begann:\n„Nonnchen, deine Jöhren sind jetzt zu frech.\nDu hast sie nie ordentlich durchgehauen, jetzt\nsind sie gegen Alle frech. Wenn du sie nicht haust,\ndann tue ich's. Ich will es ihnen zeigen!'4\nNonne prüfte noch die Flickerei und legte das\nHemd ruhig in Falten zusammen. „Das ist nicht\nwahr\", antwortete sie, „die Kinder sind nicht frech.\nSie machen mal' neu tollen Streich, aber sie\nmutzen Niemand was auf, wenn ers nicht wirklich\nverdient hat.'4\nSine sprang vom Liegestuhl auf: „Willst du\ndamit sagen, daß die Jöhren Recht hatten, Herrn\nSeidenfaden zu beschimpfen?\" Nonnens scharfe\nblaue Augen blickten stählern: „Herr Seidenfaden\n— hat Ursache zu dem Zank gegeben. Warum\nsetzt er sich unter Kinder, die nichts von ihm\nwissen wollen! Bei seinen vierunddreißig\nJahren . . .!\"\n„Und du Nonne, bei deinen achtundzwanzig\nJahren hast noch immer keinen Mann und weil\ndu häßlich bist, bist du gegen den armen Seiden-\nfaden, der Niemand was tut, niederträchtig! Du\nallein hetzt die Kinder gegen ihn auf und nimmst\nihre Schlechtigkeit noch in Schutz. Aber künftig\nhaue ich sie . . .\"\nNonne antwortete eulenspiegefrid, doch ernst:\n„Jedenfalls haben die Kinder gegen seine Zu-\ndringlichkeit sich mit vollem Recht gewehrt, seine\nBackpfeife hat er weg! Ihr Stauniger darf die\nkleinen Mädels gern anschauen und ihren Spuren\nvon fern folgen, aber es ist verboten, sie anzu-\nrühren. Er tat allzu schön mit ihnen, aber meine\nkleinen göttlichen Mädels waren eine harte Nuß,\ndie er nicht knacken konnte.\"\nNonne wollte aufstehen, als Sine jäh ihr eine\nfurchtbare Ohrfeige gab. „Da haben Sie Ihre\nBackpfeife!\", schrie die Bunte und stürmte fort.\nNonne weinte stille Tränen, die Wange schmerzte\nvon der harten Faust, sie war unglücklich über\ndie Kränkung, aber ganz unfähig, sie zu rächen\nund nach niedrer Weiber Art Sinen ;zum Faust-\nkampf herauszufordern.\nSine verließ mit dem armen Seidenfaden das\nungastliche Haus. Nach dem Essen setzte sich\nNonne mit den Kindern zu Schularbeiten. Alle\nbesprachen eifrig das unerhörte Ereignis. „Nonne\nhat ganz Recht\", sagte Katharine, „der Affe hat an\nAllem Schuld. Er war immer hinter allen Mädels\nher.\"\nSibille trumpfte auf: „Nonne hätte nachgeben\nmüssen. Jetzt sind sie auf uns Alle wütend, und\nHerr Seidenfaden verkehrt nicht mehr bei uns!\"\nSchweigstille pfiff: „Puff! Piano! Hopsa!\" und\nahmte Ziehleute nach, die das Piano in Gurten\nforttrugen.\n„Die verfluchte Katze hat Nonne geschlagen\",\nbrummte Katharine. „Uns hat sie nicht ge-\nschlagen\", rief stol'z Sibille und leise flüsterte sie\nSchweigstille zu: „Es ist ja bloß Nonne, Der scha-\ndet's nicht!\"\nNonne richtete sich auf, weißen Schein im\nAngesicht: „Sine will euch hauen, wenn ihr künf-\ntig Streiche macht. Sie sagte, ich nähme all eure\nSchlechtigkeit in Schutz.\"\n„Se haut, haut, haut!\" tobte Schweigstille.\nKatharine schrie erregt: „Giebt es denn gar-\nnichts gegen diese verfluchte Katze?\"\nNonne sprach mit heimlich wachsender Stimme:\n„Katzen beißen die kleinen, dummen Vögel' durch\nden Hals. Die Mutter warnt ihre Nestlinge, und\nsolange ich im Hause bin, wird keine Katze euren\nHals durchbeißen.\"\nSibille begann unter Nonnens Leitung den Auf-\nsatz: „Johanna von Orleans reitet allein im Geleit\nvon zwei Rittern zum Königshof.\"\nEnde\n\nGedichte\nKurt Heynicke\n\nBiese Tage\n0 Lächeln der Frauen\ndas in den roten Schoß der Tage verglimmt\nein blasses Feuer.\nEin Herzschlag nimmt\nleise aus dem letzten Funken\neinen zitternden Geigenstrich\nund legt ihn auf die vernarbte Wunde.\nMir ist eine Stunde\nlauter Sonnenblüten\nin den Schoß gefallen.\n\nin den Schlaf\nMeine Träume sinken in die Nacht\nnimm in deine Hände\nmein Haupt.\nDir an die Brust\nlege ich meinen Gesang,\nhoch\nihr Sterne über mir.\nMeine Augen suchen den Qlanz\nder aus Bergwäldern streicht;\nSonne, die du bist.\nFerner Klang.\nGeliebte.\n\nAngriff\nSonnen stieben in Scherben.\nMensdhen ackern dampfende Erde\nzuckende Pflugschare in brennenden Fingern.\nDie Himmelslichter sterben auf die Städte hinab,\nFlammen flirren auf\nund fressen die Sterne.\n\nGedieht\nAus schwarzen Zweigen spreitet sich ein\ndunkles Tor\nmein Nachen schneidet schmerzhaft auf\nden Fluten.\nGedanken tropfen leise in die Nacht\nund legen weiße Tränen auf die Hände.\nDie Brunnen steigen dunkel\ndie Granate bohrt sie.\nIch gehe durch den Tod der Freude\nüber buntes Laub.\nDie Wasser schluchzen\nwenn sie des Ruder schlägt.\nNahe\nSchreit sich ein Geschoß aus den Fesseln.\n\nAbschied\nDie Stille spricht.\nMiid gehn die Blicke waldein in die Nacht\nund über unserm Fenster\nstirbt das Leuchten.\nSacht\ngleiten alle Schatten in die Ferne.\nDein Haar verblüht in meiner Hand.\nNun\nirrt mein Tasten nach dem Wanderstabe\nUnd sucht das Licht des letzten Dampfers\nauf dem Flusse.\n\nStreife\nAugen spiegeln in den Mond\nalle Schritte frißt der Wald.\nIm Traume spricht ein Maschinengewehr.\nFlüche fallen in die Gräben\nHauptüber\nreitet eine Granate auf dem Tod.\n\nGedieht\nSterne schatten Gottes Gesicht.\nMeine Hände schreien in die Sterne\naus den Gassen blutet mein Ruf\nhimmelauf.\nMein Gebet ist ein weinendes Mädchen\naus den Stuben der Liebe.\nAuf meiner Besinnung tanzen die Stunden.\nGraue Vögel sind meine Tage\nWorte verbrennen im Meere der Nacht.\nIch zerreiße das Lächeln der Sonne\nund liege schlafend auf den Gräbern der Stadt.\nIch bin ein Spiel auf dünnem Gewässer,\nGottes Wind\nweht meine Seele welthindurch.\n\nPsalm\nDeine Welt im Mai ist mein Altar\neine Frage himmelhinauf mein Gebet.\nEin Jubeln bin ich deinem Gewitter\nein weites Tor\nist deinen Stürmen mein Herz.\nBerge knieen vor dir\nStröme schreiten deinen Gang\nMeere singen Choräle deiner Hand.\nWelle bin ich,\nalle Gedanken töten deinen Namen\nStaubhinab\nKniee ich blütenüber\nunfaßbar Dich.\n\nGedicht\nIch glänze tausend Gewänder,\nich hebe die Wälder an meine Brust,\nin ihren Schatten geht meine Liebe.\nMeine Liebe ist ein weißes Reh\nmeinen Händen ewige Sehnsucht.\nMeine Seele ist ein blühender Baum,\nim Tal schläft er mit dem Mai des Nachts.\nSternfall jubelt Erkenntnis in meine Besinnung,\nich fühle die Tage an meinem Fuß."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.11", "texte": "Weltatem bin ich empor zu Gott,\nfremde Flamme auf den Altären,\nviele Stunden überleuchtet mein Sein.\n\nIm Zuge\nDurch die Fenster steigt das Land\nin die Blicke blühen Wälder\nrote Dächer an den Brüsten\nund im Arm die Somerbirken.\nMein Herz braust laut den Rädern zu\nich träume Tanz und atme Du\nund glühe Glück in alle Sonnen\nurewig aufwärts dunkel Du!\n\nHügelland\nDie Wälder fließen dunkel in das Land\nam Arm der Straßen hängen junge Birken.\nDie Felden beten brünstig in die Mahd,\nfern grauen Wolken Dämmern himmelab.\nEin Berg blaut tief dem Fern entgegen.\n\nMädehen\nO, fremder Schritt meiner jungen Schmerzen\ndes Nachts zu betten meinem Schoß,\no blühes Blut in meinen« Kissen\ndes Nachts zu weinen in den Schlaf.\nIch gehe alle spitzen Wege\nund friere nackt vor fremdem Blick.\nIch trage meine Fragen in den Wald\nund bebe unfaßbar\nblutumquollen\nsinnverlassen\nfern in das Du.\n\nSommer\nAm Hang des Himmels wuchten Wolken\nin das Grau\nhochgipfelüber sonnenmatt umquellt\nEin rotes Dorf duckt blaß zu ihren Füßen\nhochbeinig steigen Föhren in den Sand,\nBlauäugig uferlos ins Land gestellt\ngrünt Korn dem Schnitter in die Hände\nIch bin ein Weib\nund schreite brennend in das Tal\nund blühe Sommerblut aus meiner Lende.\n\nNichts\nEine Stunde hat eine Rose im Haar\nmensch enblaß\nblüht und verblüht der Baum.\nEin Lied aus der Sommernacht\nvon Winden zerpflückt.\nTief glühen Küsse in dein Blut\nam Morgen\nverweht ein Lächeln fern das Du.\nFeucht ist mein Blick in den Tag,\nAbend umglüht meine Hände,\nin die Sterne tastet mein Sinn,\nim Sonnenrot\ntaumelt ein neuer Tag.\n\nHeimat\nVon» allen Ufern trennst du mich\naus allen Gassen hebst du mich an deine Brust.\nDein Atem öffnet mich\nstraßenlängs\nwälderhinüber\nDu.\nHimmelblau badet im See\nHeimat trägst du mich unter die Wipfel der Föhren\nmein Boot ist die Sonne\nSegel der Wind.\nEine Kinderwiege schlummert im Schilf\nmeiner Mutter totes Herz blüht aus der Gruft.\nHeimat bin ich\nalle Fenster hat meine Seele auf\nalle Wege münden in meine Brust\nunter einem roten Dach ist meine Sehnsucht\ndaheim.\nMeine Arme breiten in die Welt.\nSchüchterne Blumen im Feld sind meine Schuhe\nzu gehn die Heimat in den Frieden,\nden Tag zu tragen in das Licht\nbeglänzt zu singen\nHeimat\nDu!\n\nDas Drama\nLothar Schreyer\nDas Drama ist tot. Es lebe das Drama!\nDie Toten sind dargestellt. Das neue Werk ist\ngestaltet.\nDas neue Werk ist das Bühnenkunstwerk. Es\nist die Einheit und die Gestalt der Kunstmittel\nForm und Farbe und Bewegung und Ton.\nDer Sprachton des Bühnenkunstwerkes ist\nvom Wort getragen. Die Wortgestalt ist Dichtung.\nDas neue Drama ist die Wortgestalt der Vision\ndes Bühnenkunstwerkes.\nDas neue Drama ist nicht Handlung. Die Dich-\ntung stellt keine Handlung dar. Der Mensch han-\ndelt. Das Kunstwerk ist. Das Drama bedeutet\nnicht die Welt. Es deutet nicht die Welt. Die\nKunst ist die Welt. Das Kunstwerk ist die endliche\nGestalt der unendlichen Welt. Der Künstler sieht\ndas Gesicht der Unendlichkeit. Der Künstler\nkündet das Gesicht.\nDie innere Gestalt des Dramas ist das kos-\nmische Erlebnis. Der Erlebende ist nicht Mensch.\nEr und der Kosmos sind eins. Er ist weltmächtig.\nDie innere Gestalt ist gekündet in der äußeren\nGestalt. Die äußere Gestalt ist mit Kunstmitteln\ngeschaffen. Das Kunstmittel des Dichters ist der\nSprachton.\nDer Sprachton ist gesprochener Ton. Er ist an\ndie Sprache gebunden. Er ist tönendes Wort.\nDas Wort der Dichtung kündet keine natürliche;\nWirklichkeit. Eine natürliche Wirklichkeit be-\ndeutet das Wort durch seine Beziehung auf eine\nnatürliche Wirklichkeit. Die grammatikalisch logi-\nsche Verknüpfung vermittelt die Beziehung von\nGeist und Natur. Sie schafft die Umgangssprache.\nDie Sprache des Wortkunstwerkes ist nicht um-\ngänglich. Wer mit dem Kunstwerk umgehen will,\ngeht um es herum. Das Kunstwerk vermittelt nicht\ndie Beziehungen von Geist und Natur. Das Kunst-\nwerk kennt diese Beziehungen nicht. Die Gram-\nmatik der Umgangssprache ist für das Wortkunst-\nwerk belanglos. Jedes Wort kann auch im Kunst-\nwerk seine Gestalt ändern. Die geänderte Gestalt\nkann die Gestalt einer grammatikalischen Be-\nziehungsform sein. Ohne den grammatikalischen\nZusammenhang sind die Beziehungsformen iso-\nlierte Werte, deren Beziehungsmacht ohne Ziel ins\nUnendliche wirkt. Die Macht wirkt nicht in einer be-\nstimmten Richtung, sondern nach allen Richtungen.\nDie Wirkung des einen Wortes kreuzt die Wir-\nkung anderer Worte. Die Worte geben keinen\ngrammatikalischen Zusammenhang. Sie fließen\nnicht ineinander. Sie schneiden sich. Sie wirken\nüber sich hinaus. Bringt das Wortkunstwerk die\nGestalt eines grammatikalischen Zusammenhangs,\nso ist er eine Einheit wie das Wort. Ein Wort-\nsatz entsteht, wenn die künstlerische Notwendig-\nkeit ihn fordert.\nDie Worte als gestaltete Begriffe sind im\nDrama Gestaltungen des Erlebnisses in die Wort-\ngestalt. Das Erlebnis wird nicht beschrieben. Es\nkann nicht beschrieben werden. Die Gestaltung ist\neine Konzentration des Erlebnisses in die Gestalt.\nDie Kunstgestalt ist ein Organismus. Das Kunst-\nwerk ist organisch und nicht abstrakt. Es gibt\nkeine abstrakten Organismen. Der Organismus\ndes Kunstwerkes kündet die geistige Welt. Das\nKunstwerk ist keine Abstraktion der natürlichen\nWelt. Der Begriff im Kunstwerk ist eine Wirk-\nlichkeit des Geistes. Die Gestaltung formt den\nBegriff. Der gestaltete Begriff ist ungreifbar, un-\nendlich. Er ist rhythmisch.\nDie Gestalt des Dramas ist aharmonisch, rhyth-\nmisch. Jedes gestaltete Wort, jeder gestaltete\nWortsatz hat seinen Rhythmus. Jede Wortge-\nstalt ist ein rhythmisches Glied im Rhythmus des\nWerkes. Jede Wortgestalt ist eine rhythmische\nEinheit.\nDie rhythmische Wortreihe des Dramas ist\nrhythmische Tonreihe.\nDer Sprachton des Wortes ist Klang und Ge-\nräusch. Die gesprochenen Vokale sind Klang, die\ngesprochenen Konsonanten Geräusch.\nDie Macht des Sprachtones ist bedingt durch\nden Wortton. Jedes Wort hat einen bestimmten\nWortton, der abhängig ist von dem Klang der\nVokale und dem Geräusch der Konsonanten.\nDie Kunstmacht der Vokale ist die Kunstmacht\nihrer Klänge.\nDie Konsonanten wandeln die Macht der Vo-\nkale. Die Konsonanten sind Tonmischungen, in\ndenen sich die Teiltöne nicht zu Klängen, sondern\nGeräuschen zusammenschließen.\nDie Geräusche wirken mit der Macht der As-\nsoziationen. Assoziationen ergeben sich aus der\nAehnlichkeit von Tönen der Naturgeräusche und\nder Konsonanten. Assoziationen ergeben sich aus\ndem Wortinhalt und den Gefühlsvorstellungen des\nWortinhaltes. Assoziationen von Wortform zu\nWortform sind nur dann Kunstmittel, wenn sie\ndem Inhalt nach Assoziationen sind.\nDie meisten Worte haben aus sich selbst einen\nGefühlswert. Worte, die keinen Gefühlswert\nhaben, erhalten ihn im Ton.\nDie Gefühlswerte des Wortes und des Wort-\ntones sind nicht notwendig die gleichen, oft wirkt\nder Ton ein Teilgefühl' des gestalteten Begriffs.\nAuch der Ton jedes anderen Gefühles, besonders\nder Kontrastgefühle, kann im Wort tönen.\nDas Drama ist die Wortgestalt des Bühnen-\nkunstwerkes. Im Drama ist das Wort gestaltet\nDie Sprachtongestalt ist vom Wort abhängig, nicht\nvom Wort bestimmt.\nDas Drama gibt die Wortgestalt der tönenden\nFarbformgestalten.\nJede Farbformgestalt ist ein Begriff anderer\nArt. Anderer Art ist jede Wortgestalt. Die Wort-\ngestalt jeder tönenden Farbformgestalt ist eine\nEinheit. Sie unterscheidet sich von den Wort-\nreihen der anderen Farbformgestalten. Die inein-\nander und nacheinander tönenden Wortreihen sind\ndas Sprachtonspiel.\nDas Drama gibt die Farbformgestalt des Büh-\nnenkunstwerkes in Wortgestalt. Es gibt die Be-\nwegungsgestalt und die Tongestalt des Bühnen-\nkunstwerkes in Wortgestalt.\nDas Drama ist ein Teil des Bühnenkunstwerkes\nund ist dem Bühnenkunstwerk fremd. Teil des\nBühnenkunstwerkes sind die Wortreihen der\nFarbformgestalten. Die Gesamtheit des Wort-\nkunstwerkes ist selbständige Dichtung, ist Drama.\nDas Drama kann nicht gespielt werden. Es\nwird vorgetragen. Gespielt wird das Bühnenkunst-\nwerk.\nDas Drama lebt.\nDas Bühnenkunstwerk lebt.\nMenschwerk stirbt.\nKunstwerk stirbt nie."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170115-01.1.12", "texte": "Sturm-Ausstellung zu Zürich / Schweiz\n1. Februar bis 1. März 1917\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und VerlafS*\nHarnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nDer Sturm\nStandige Aussteilungen\nBerlin W Potsdamer Stra&e 134«\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr 1 Sonntags vob\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nAchtundvierzigste Ausstellung\nJaeoba\nvan Heemskerck\nNeunundvierzigste Ausstellung\nPaul Klee\nGeorg Muche\nEroffnung: Sonntag den 4. Februar 1917\n\nI)er Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle 1 Zeich-\nnun gen / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCatnpendonk ' Marc Chagall I Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg Muctie / Gabriele Mfinter / Nell\nWaldeo\nDSese Kiinstler werden ausschließlich durch den Storm ver\ntretea\nIsaac Griinewald / Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger I Archipenko I Boccioni I Carlo D,\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann / Vincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Fifla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreittid / Oswald fierzog I Johannes Itten I Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMease / lean Metzinger / Fraiicis Picabia / Pablo\nPicasso I Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkitt / Cezanne / van Qogh / Munch\n\nKunstsehule Der Sturm\nLetiung fierwartti Walden\nUnterricht in der expressJonistischen Kunst der\nBtfhne I der Schauspieleret I der Vortragskunst I\nder Malerei / der Dichtung I der Musik\nBerlin / Potsdamer Strafie 134 a\nProspekte kostenlos durch das Sekretariat Der\nSturm. Anrneldungeu werden dort entgegen ge-\nnotnmen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\nVortragsreihe 1: Lothar Schreyer: Der Expressionismus\nin der Dichtung I Sechs Vortrage: 17. Januar,\n21. Januar, 14. Februar, 28. Februar, 14. Marz, 28. Marz\n5—6 Uhr I Horgebiihr fiir die Vortragsreihe 5 Mark I\nAnmetdungen auch schriftlich im Sturm I Berlin W 9\n\nSturm-Kunstabende\nVerelti fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nDreißig Abende September 1916 bis April 1917\nIti der Kunstausstellung Der Storm / Berlin\nJeden Mittwoch / Beginn aller Abende: %8 Uhr\nNeunzehnter Abend / Mittwoch den 17. Jannar\nAage von Kohl I August Stramm I Heynicke\nVortragender: Rudolf Bliimner\nZwanzigster Abend I Mittwoch den 24. Januar\nHerwarth Walden I Das Buch der Menschenliebe\nVortragender: Herwarth Walden\nEinundzwanzigster Abend I Mittwoch den 31. Januar\nLothar Schreyer: Nacht\nVortragender: Rudolf Bliimner\nTonwerke von Herwarth Walden\nZweiundzwanzigster Abend / Mittwoch den 7. Februar\nLothar Schreyer: Nacht\nVortragender: Rudolf Bliimner\nDreiuradzwanzigster Abend I Mittwoch den 14. Februar\nLothar Schreyer: Nacht\n\nVortragender: Rudolf Bliimner\nTonwerke von Herwarth Walden\nKarten 2 und 1 Mark irn Vorverkaul fur a!le angezeigten\nAbende an der Kasse der KunstaussteHung Der Slurm und\nan der Abendkasse\n\nSturm-Kunstabend zu Hamburg\nHamburger Hof Am 6. Februar 8 Uhr\nVortragender: Rudolf Bliimner\nKarten 3, 2, 1 Mark / Vorverkaui bei Joh. Aug. Bohme /\nAlterwall 44\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschriit Der Sturm\nErscheint am fiinfzehiiten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutschland\nund Oesterreich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark / Einzelheft 80 Pfennig\nJ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\n/ Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nSin Halbjahr 6 Mark / Etir das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\n\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum: Schiitzengrabenverse / Qedichte /\nGebunden 3 Mark\nHermann Essig: Der Frauenmut / Lustspicl /\nOberteufel / Tragodie / Ihr stilles\nQliick —! I Drama / Ein Taubenschlag I\nLustspiel aus dem Leben einer Dienstherrschaft I\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nJedes Bach 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Die schwarze Fahne I\nEine Dichtung / 2 Mark\nAdolf Knoblauch: Kreis des Anfangs / Fruhe\nQedichte / 5 Mark / Sonderausgabe (Auflage 10):\n30 Mark\nOskar Kokoschka: Morder Hoffnung der Frauen /\nDrama mit Zeichnungen /\nNumerierte Auflage: Sonderausgabe verg r if -\nfen/ Nummer 40—100 Mark 10\nPaul Leppin: Daniel Jesus / Roman\nPaul Scheerbart: Qlasarchitektur ./ In ein-\nhundertundelf Kapiteln I Sonderausgabe in zwanzig\nnumerierten und gezeichneten Exemplar en auf\nVan Qelder Butten, Decke und Vorsatzpapier von\nAnna Scheerbart funfundzwanzig Mark\nHerwarth Walden: Das Buch der Menschenlieb© /\nRoman / Nummerierte Auflage von 500 Exem-\nplar en I 3 Mark I Sonderausgabe von Verfasser\ngezeichnet (Auflage 10): 30 Mark\nHerwarth Walden: Kunstmaler und Runst-\nkritiker / Qesammelte Schriften I\nBand I\nJeder Band 2 Mark\nAugust Stramm: Du I Liebesgedlchte\nNur gebunden 3 Mark\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Ftir Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst I VIII: August Stramm: Krafte /\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Geschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Veriag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat Mr die Zeitschrift\nDer Sturm / Originallithographie\nDer Kbzuz 10 Mark\n\nVerein far Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehntes Jahr 1. April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen / Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen / Jedes Jahr frei eine SturmpttbK-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt auf Kaiserlich Japan-Papier oder zwel\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat won\nKokoschka\n\nSturm - Austel lungskataloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severini / Archipenko / Skupiii«\n/ Otakar Kubin I Marc Chagall I Kandinsky\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen I 60 Pfennig\nErster Deutscher Herbstsalon / Mit fflnfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark\n\nKunstdrueke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Biittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zelchnung\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos I 2 Her war th Walden I 3 Karl Kraus /\n4 Richard Dehmel I 5 Paul Scheerbart I 6 Yvette\nQuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karte 20 Pfennig\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachei\nLuigi Russolo: Erinnerung einer Nacht / Zug m\nvoller Fahrt\nGino Severini: Die Modistin I Ruhelose Tanzeria /\nPan-Pan Tanz\n7 verschiedene Karten\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nSoeben erschienen: Herwarth Walden: Weib /\nKomitragodie\n3 Mark I Signierte Sonderausgabe (Auflage 10) 30 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe / Mappe\nmit 15 Zeichnungen auf Japanpapier in Strich-\natzung I Adolf Loos / Herwarth Walden j\nRichard Dehmel / Paul Scheerbart / Alfred Kerr /\nYvette Guilbert / Karl Kraus / Hermann Essig /\nRudolf Bliimner / Adolf Knoblauch / Mechthiid\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg / Gertrad\nEysoldt I Claire Waldoff\nSoeben erschienen: Lothar Schreyer: Jungfrau /\nSturmbudh XIV / 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Die Judentochter / Fur Ge-\nsang und Klavier / Dichtung aus des Knaben\nWundenhorn / Farbige Umschlagzeichnung von\nOskar Kokoschka\n1 Mark\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Yer-\n1a g s D©r Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}