{"numero_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_sha256": "35cd0959d71b46c1547bb3e1d4071071094d7708c5a95af7a00feffb6744d0bc", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1917/02/15_01/bmtnabg_1917-02-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1917/02/15_01/bmtnabg_1917-02-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-02-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.1", "debut_caractere": 351, "fin_caractere_exclue": 612, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Weib / Komitragödie / Kurt Heynicke: Gedichte / Hermann Essig: Der Wetterfrosch / Sophie van Leer: Gedichte /\nPaul Klee: Zeichnungen: Mondaufgang / Gefangene Tiere / Tierseelen / Drama in der Kuhwelt / Schiffe, ein Schiff, Fisch Bastard"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-02-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.2.2", "titre_corps": "Paul Klee: Mondaufgang", "titre_sommaire": "Paul Klee: Mondaufgang", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.1", "debut_caractere": 614, "fin_caractere_exclue": 636, "texte": "Paul Klee: Mondaufgang"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-02-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "122", "page_fin": "126", "image_debut": 2, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.2.3", "titre_corps": "Weib", "titre_sommaire": "Weib", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5217, "texte": "Weib\nHerwarth Walden\n\nKomitragödie / Fünf Akte\nMädel\nDie Freundin\nDer Mann im Gehrock\nDer Gehilfe\nDer Bürger\nDie Frau Rat\nPförtner\nDie Kleine\nPolizist\nDer zweite Polizist\nDer Herr der Tagespresse\nDer Zeichner der Tagespresse\nDer Kellner\nDie Obstfrau\nStraBe\nMädel:\nFreundchen.\nDer Mann im Qehrock:\nSie wohnen hier?\nMädel:\nWas schenkst Du mir?\nDer Mann im Qehrock:\nSie sind sehr heiß.\nMädel:\nDie Wirtin hat mich rausgeschmissen. Ich habe\nnur das Trikot unter dem Mantel. !\nDer Mann im Qehrock:\nSie wohnen nicht hier?\nMädel:\nAlle Männer nehmen miclh auf.\nDer Mann im Gehrock:\nSie sind eine Jungfrau.\nMädel:\nGewesen, Freundchen. Schenk mir einen Apfel.\nDer Mann im Gehrock:\nUnmöglich. Ich habe keinen.\nMädel:\nNicht einmal einen Apfel willst Du mir\nschenken?\nDie Freundin:\nMach daß Du fortkommst. Die Polizei sucht\nDich.\nMädel:\nMan hat mir meinen Rock gestohlen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch werde mit der Polizei sprechen.\nMädel:\nLaß Dich nicht mit dem ein. Nicht einmal einen\nApfel will er mir schenken.\nDer Mann im Gehrock:\nMan kann nichts Unmögliches verlangen.\nDie Freundin:\nDas sagen die Männer immer, wenn sie ver-\nheiratet sind.\nDer Mann im Gehrock«:\nIch bin nicht verheiratet.\nMädel:\nHeiraten Sie nicht.\nDie Freundin:\nDer Polizist blickt um die Ecke.\nDer Mann im Geh rock:\nIch werde ihm ein paar Zigarren geben.\nMädel:\nUnd mir wollen Sie keinen Apfel schenken?\nDer Bürger aus dem Fenster:\nRuhe da unten!\nMädel:\nDen kenne ich. Er gibt immer zehn Mark und\nläßt sich sieben rausgeben.\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nUnerhört! Dazu zieht man in eine stille Straße.\nMädel:\nZiehen Sie doch um.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nMan kann nicht einmal das Fenster offen lassen.\nDie Freundin:\nMachen Sie doch die Ohren zu.\nDer Mann im Qehrock:\nJungfrau!\nMädel:\nKomm! Laß den Professor stehen.-\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nUnerhört dieses Benehmen.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nIch verstehe nicht.\nDer Mann im Qehrock:\nKann ich vermitteln?\nPolizist:\nHaben Sie eine Dame ohne Rock gesehen?\nDer Mann im Gehrock:\nEs ist dunkel.\nPolizist:\nIm Dunkel sehen mein Herr, das ist unser\nBeruf.\nDer Mann im Gehrock:\nDarf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?\nPolizist:\nDas ist ja ein Apfel Sie vergreifen Sich.\nDer Mann im Gehrock:\nIch habe mich nie vergriffen.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nIch begreife nicht, warum Sie den Mann nicht\nfestnehmen, Schutzmann.\nDie Frau Rat aas dem Fenster:\nSo, mein Moppel, daß Du mir aber gleich zu-\nrückkommst.\nPolizist:\nHunde müssen an der Leine geführt werden.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nSo ein Hundeleben. Ich werde mich beschwe-\nren.\nDer Mann im Gehrock:\nIch esse nie Obst. Ich begreife nicht\nPolizist:\nDen Apfel nehme ich meiner Kleinen mit. Und\nnun geben Sie mal die Zigarre.\nDer Mond scheint ein Viertel.\nPolizist:\nDer macht ein kleines Gesicht.\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nMoppel! Moppel!\nDer Mann im Gehrock:\nFühren sie mich zur Wache. Ich habe den Rock\ngestohlen.\nZwei Fenster werden zugeworfen. Der Hund keift.\nMädel und Freundin treten aus dem Haus.\nDie Freundin:\nDer Mann mit dem Gehrock hat ihn einge-\nwickelt.\nMädel:\nSchade. Nun ist die Straße leer.\nDie Freundin:\nDie Alte war außer sich. Warum wolltest Du\nnicht mitgehen?\nMädel:\nEinen sanften Heinrich kann ich nicht ausstehen.\nIch brauche Liebe.\nDie Freundin:\nWenn nur gut gezahlt wird. Mich wollte er\nnicht. Und dabei brauche ich einen neuen Rock.\nMädel:\nEin Mantel ist praktischer.\nDie Freundin:\nDer Mantel der Liebe. Zum Aufdecken.\nMädel:\nSetzen wir uns aar das Geländer, bis einer\nkommt.\nDie Freundin:\nKeine Nacht kannst Du allein sein.\nMädel:\nEiner kommt immer. Ich sitze zu gern auf dem\nGeländer. Nur ein Apfel gehört dazu.\nDie Freundin:\nEin Sofa ist bequemer. Außerdem ist das lang-\nweilig. Außerdem kommt keiner.\nMädel:\nEiner kommt immer.\nDie Freundin:\nGute Nacht!\nMädel:\nGuten Morgen!\nDer Mond scheint auf das Mädel.\nMädel:\nGuter Mond, du gehst so stille.\nPförtner aus dem Haus:\n%•\nSie, gehen Sie mal da stille fort!\nMädel:\nIch werde Ihnen kein Loch ins Geländer sitzen.\nPförtner:\nMachen Sie keine Redensarten!\nMädel:\nDa nehmen Sie mich doch mit in Ihre Stube.\nPförtner:\nWas soll es denn kosten?\nMädel:\nSo ein schöner Mann.\nPförtner:\nKomm!\nDie Straße ist leer.\nDer Mann im Gehrock sucht durch das\nDunkel, setzt sich auf das Geländer.\nDie Obstfrau fährt durch die Straße.\nDer Mann im Gehroc'k:\nKönnen Sie mir einen Rock verkaufen?\nDie Obstfrau:\nSo ein anständiger Mann macht so gemeine\nWitze. Mit faulen Aepfeln sollte man nach Ihnen\nschmeißen.\nMädel aus dem Fenster:\nSie junge Frau, langen Sie mal ein Pfund rüber.\nPförtner aus dem Fenster:\nHeiß ist es. Da sitzt schon wieder einer. Sie,\ngehen Sie mal da fort.\nDer Mann im Qehrock steht auf.\nMädel aus dem Fenster:\nIch komme schon. Gute Nacht, August und schlaf\nDich aus.\nDie Obstfrau:\nIch kann mir doch hier nicht nen Ast in den\nBauch stehen für fünfzig Pfennig.\nDer Mann im Geh rock:\nHier Frau.\nDie Obstfrau:\nSowas ist mir noch nicht vorgekommen. Son\nfeiner Mann schickt seine Frau verdienen.\nDie Haustür schließt sich hinter dem Mädel.\nDie Obstfrau fährt um die Ecke.\nMädel:\nHat es lange gedauert?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte. Hier sind die Aepfel.\nMädel:\nAlle warten auf mich. Was soll icih mit den\ndummen Aepfeln? Komm, setz Dich zu mir.\nDer Mann im Gehrock:\nMan hat es verboten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5991, "texte": "Mädel:\nAugust erlaubt es. Mir ist alles erlaubt.\nWohnst du weit von hier?\nDer Mann im Gehrock:\nIch will Sie heiraten.\nMädel:\nViele Männer warten auf mich.\nDer Mann im Gehrock:\nIch will neben Ihrem Bett sitzen.\nMädel:\nDas ist mir zu langweilig. Außerdem weiß ich\nkeinen Tag, wo in der Nacht mein Bett steht.\nDer Mann im Gehrock:\nIch hatte Sie belogen. Ich hatte einen Apfel in\nder Tasche und habe ihn verweigert.\nMädel:\nWas reden Sie nur immer von den Aepfeln.\nKommen Sie nach Hause.\nDer Mann im Geh rock:\nNach Hause\nMädel:\nIn Ihr Haus. Oder wollen wir die ganze Nacht\nauf dem Geländer sitzen. Nein, ich habe meinen\nMantel vergessen und August wird fest\nschlafen.\nDer Mann im Gehrock zieht seinen Geh-\nrock aus.\nMädel:\nNein, wie komisch Sie in Hemdsärmeln aus-\nsehen. Und Röllchen tragen Sie?\nDer Mann im Gehrock:\nWas verstehen Sie unter Röllchen?\nMädel:\nKomm, Kleiner. Ich werde Dir das feine Leben\nbeibringen. Warum ziehst Du denn den Rock\naus, ist Dir schon zu heiß?\nDer Mann ohne Gehrock:\nDer Rock soll Sie decken statt Ihres Mantels.\nMädel:\nMeine Beine können sich sehen lassen, aber\nIhre Röllchen nicht. Komm, kleiner Christus.\nWohnst Du weit?\nDer Mann ohne Gehrock:\nIch wohne am Ende der Straße auf dem Feld.\nMädel:\nKann man bei Dir die Sonne aufgehen sehen?\nDas wäre fein. Das habe ich schon lange auf\nmeinem Programm.\nDer Mann ohne Gehrock:\nIch werde Ihren Schlaf beschützen.\nMädel:\nIch schlafe nie vor Sonnenaufgang. Außerdem\nbrauche ich keinen Schutzmann.\nPolizist:\nDa Ihaben wir ja die Person. Na und Sie hat\nsie schon bis auf den Rock ausgepowert.\nMädel:\nAber Schutzmännchen, der kleine Christus\ngeniert sich doch für mich.\nPolizist:\nKommen Sie mit, los.\nMädel:\nWohnst Du weit?\nPolizist:\nMachen Sie keine Witze im Amt.\nMädel:\nZieh doch dein Amt aus. Du hast einen so schönen\nSchnurrbart. Der muß sich herrlich küssen\nlassen. Sei lieb, Wilhelm.\nPolizist:\nWoher wissen Sie denn meinen Vornamen?\nMädel:\nDas ganze Revier kennt doch den schönen\nWilhelm. Und nun sei lieb und nimm mich mit.\nIch bin sehr müde.\nPolizist:\nDrei Uhr. Jetzt hat mein Kamerad die Runde.\nIch brauche nichts mehr zu sehen.\nMädel:\nSieh mich an, Wilhelm, bin ich nicht schön\nund lieb.\nPolizist:\nSie müssen nicht glauben, Herr, Herr Professor,\ndaß ich unsittlich bin. Ich bin stets korrekt\nim Amt.\nMädel:\nJetzt hat aber seine Stunde geschlagen.\nPolizist:\nDer Herr wollte doch mit Dir gehen.\nMädel:\nDer Herr wartet. Nicht wahr? Oder Du gehst\nschon immer zum Feld. Der Wilhelm hat so\nschweren Dienst. Alle Menschen müssen fröh-\nlich sein. Du bist gewöhnt zu warten.\nDer Mann ohne Gehrock:\nWo soll ich warten?\nMädel:\nSetz Dich auf das Geländer. August erlaubt es.\nEhe Du Dir den Rock angezogen hast, bin ich\nwieder zurück.\nDer Mann mit dem Gehrock in\nder Hand:\nSie werden sich in der Morgenluft erkälten.\nMädel:\nVerliere die Röllchen nicht. Ich komme bald.\nKomm Wilhelm.\nPolizist:\nNichts für ungut, Herr Professor. Donnerwetter,\nda kommt der Kamerad.\nDer zweite Polizist:\nMorgen, Kamerad. Schöne frische Luft.\nPolizist:\nIch muß die Person abführen und dann ins Bett.\nDer zweite Polizist:\nWas hats denn gegeben?\nPolizist:\nUnsittliche Aufführung.\nDer zweite Polizist:\nEine hübsche Person. Man könnte ein Auge zu-\ndrücken.\nMädel:\nNicht wahr, Herr Wachtmeister. Und ich drücke\nihm das andere zu.\nPolizist:\nKommen Sie, Fräulein.\nDer Himmel zwinkert.\nDer zweite Polizist:\nNa, Männeken, etwas übernommen? Worauf\nwarten Sie denn?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte auf meine Braut.\nDer zweite Polizist:\nDie ist wohl in der Brautnacht?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nWarten Sie nun so schon lange?\nDer Mann im Gehrock:\nMein ganzes Leben.\nDer zweite Polizist:\nEtwas zu früh verlobt, mein Lieber. Ist sie hier\nim Haus?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nSie scheinen auch ein solider Vegetarier zu sein.\nDabei sind Sie ganz anständig angezogen. Was\nsind Sie denn sonst, wenn man fragen darf?\nDer Mann im Gehrock:\nBotaniker.\nDer zweite Polizist:\nSie kleben so die Blumen auf Papier. Eine\nhübsche Beschäftigung. Das habe ich in der\nSchule auch gern gemacht. Bringt denn das\netwas ein, wenn man fragen darf?\nDer Mann im Geh rock:\nIch bin nicht ganz abhängig.\nDer zweite Polizist:\nDann würde ich auch lieber Blumen kleben.\n'Aber was machen Sie denn hier nachts auf der\nStraße? Sie werden sich doch nicht an fremden\nBlumen vergreifen?\nDer Mann im Gehrock:\nIch habe mich nie vergriffen.\nDer zweite Polizist:\nMich geht es ja nicht an, aber ich würde doch\nan Ihrer Stelle lieber auf das Feld gehen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nWo haben Sie denn die Trommel?\nDie Haustür wird aufgeschlossen.\nDer Pförtner in Hemdsärmeln:\nMorgen, Herr Wachtmeister. Seihöne frische\nLuft. Na, Sie warten noch immer. Ihre Kleine\nist schon längst fort.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer Pförtner:\nDie Kleine hat ihren Mantel vergessen. Warten\nSie, Sie können ihn ihr mitnehmen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nSie scheinen sich eine merkwürdige Pflanze ge-\nklebt zu haben. Mich geht es eingentlich nichts\nan, aber als Botaniker würde ich mehr auf Ord-\nnung halten.\nPförtner an der Tür:\nHier ist der Lumpen. Nicht mal auffangen\nkönnen Sie.\nDer Mann im Gehrock:\nIch danke Ihnen im Namen der Dame.\nPförtner:\nHerr Wachtmeister, trinken wir einen kleinen\nFrühschoppen?\nDer zweite Polizist:\nGemacht, vielleicht tut der Herr Botaniker mit?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDie Haustür wird geschlossen.\nDie Sonne zwinkert.\nMädel steigt aus der Droschke:\nAlso brav, daß Du solange gewartet hast. Hof-\nfentlich ist die Sonne noch nicht aufgegangen.\nSteig ein.\nDer Mann im Gehrock:\nHier ist der Mantel.\nMädel:\nIch dachte gar nicht, daß so ein feiner Mann wie\nDu mit dem August verkehrst.\nDer Mann im Geh rock:\nIch leide um Dich, Jungfrau.\nMädel:\nKeine Faxen, steig ein.\nDie Haustür wird geöffnet.\nDer zweite Polizist:\nNanu?\nMädel:\nWilhelm hat beide Augen zugedrückt. Nein, wie\nnett der August in Hemdsärmeln aussieht.\nPförtner:\nDu solltest mir erst im Gehrock kennen. Mit\nManschetten."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6619, "texte": "Mädel:\nDer Gehrock sitzt schon drin. Wiedersehn.\nDie Droschke fährt.\nDer zweite Polizist:\nAlso hat er doch nicht umsonst gewartet. Und\nder Wilhelm. Immer hat er die feinste Nummer.\nIch muß mir mal die Straße sagen lassen.\nDer Bürger in der Haustür:\nGuten Morgen!\nPförtner:\nGuten Morgen, Herr Direktor. Wieder zur Kur,\nHerr Direktor?\nDer Bürger:\nBrunnen wirkt nur in der Frühe. Uebrigens\nPortier, heute Nacht war ein Lärm auf der\nStraße, wie es sich für eine anständige Straße\nnicht gehört. Nicht einmal bei offenem Fenster\nkann man schlafen. Ich werde die Sache bei\nder Polizei melden.\nPförtner:\nIch habe nichts gehört. Und hier der Herr\nWachtmeister\nDer zweite Polizist:\nIch für meine Person habe nichts vernommen.\nEs hat sich bisher auch niemand beklagt.\nDie Frau Rat in der Tür:\nMoppel, Moppel!\nDer Bürger geht über den Damm:\nGuten Morgen, Frau Rat. Was macht Ihr Herz?\nDie Frau Rat:\nGuten Morgen, Herr Direktor. Moppel, Moppel!\nWas einem die Hunde das Leben verbittern.\nDer Bürger:\nEs ist ein Hundeleben. Dieser Lärm heute Nacht\nund mein Herz.\nDie Frau Rat:\nWas wollten Sie heute nacht sagen?\nDer Bürger:\nJa, denken Sie nur, Frau Rat, dieser Portier\nhat die Unverschämtheit zu behaupten\nSie gehen beide um die Ecke.\nPförtner:\nW7ie sich die beiden wichtig tun. Und dabei\nlangt es gerade nur zur Kur auf dem Kreuz-\nberg.\nDer zweite Polizist:\nWasser am Morgen! Lieber werde ich Bota-\nniker.\nPförtner:\nWas ist das, Herr Wachtmeister?\nDer zweite Polizist:\nWenn man an Blumen klebt, nee, Blumen an-\nklebt.\nDer Pförtner lacht.\nDie Sonne lacht.\nZimmer\nMädel:\nWar ich lieb?\nDer Mann im Gehrock:\nNun mußt du meine Frau werden, sonst finde ich\nkeinen Frieden mehr.\nMädel:\nIch heiße übrigens Friedel. Wie heißt Du?\nDer Mann im Gehrock:\nAugust Wilhelm.\nMädel:\nDu bist ja gleich zwei Männer stark. Das sieht\nman Dir nicht an. Dir fehlt nur die Uebung. Und\ndann mußt Du Dir den feinen Quivive ange-\nwöhnen. Keine schwarzen Hosen. Du bist doch\nkein Sargträger.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, ich liebe Dich.\nMädel:\nDas hat mir noch jedermann gesagt. Etwas an\nDir mag ich.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Dich liebe ich.\nMädel:\nDu bist stark, aber nicht grob. Noch etwas\nschusselig, aber das kommt von der ewigen\nKleberei.\nDer Mann im Geh rock:\nFriedel, wenn Du willst, gebe ich meinen Beruf\nauf.\nMädel:\nSammle ruhig weiter. Ich lasse mich doch nicht\nankleben.\nDer Mann im Gehrock:\nWie ich dich liebe, Friedel. Mein Name ist in\nder Wissenschaft sehr geachtet. Ein großer Er-\nfolg ist mir beschieden. Ich stehe in der Mitte\ndes öffentlichen Interesses. Dir will ich alles\nopfern, wenn Du mir bleibst.\nMädel:\nWas hast Du denn für eine Blume gefunden?\nDer Mann im Gehrock:\nLinne hat sich völlig geirrt.\nMädel:\nDen kenne ich nicht. Warum soll sich der arme\nMann nicht geirrt haben. Laß ihn doch. Sei doch\nnicht so. Wie leicht kann sich der Mensch\nirren.\nDer M{ann im Geh rock:\nFriedel, jedes Opfer bringe ich, unserer Liebe.\nIst es zu spät. Die Wissenschaft, die Presse be-\nschäftigt sich schon seit Tagen mit meiner Ent-\ndeckung\nMädel\nHat der Mann auch eine so nette Villa wie Du?\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Linne ist schon lange tot und war der\ngrößte Botaniker der Erde.\nMädel:\nUnd wenn Du ihn noch töter machst, bist Du\nder größte. Denn man zu! Kommst Du auch in\ndie Zeitung?\nDer Mann im Gehrock:\nDie ganze Presse beschäftigt sich mit mir.\nMädel:\nIch meine als Bild.\nDer Mann im Gehrock:\n)Ich soll auch gemalt werden.\nMädel:\nLaß Dir aber vorher den Vollbart abnehmen. Auf\nBildern sieht so was immer so gruselig aus.\nKannst Du mich nicht auch in die Zeitung\nbringen?\nDer Mann im Gehrock:\nDie Presse wird sich freuen, das Bild meiner\nFrau bringen zu dürfen.\nMädel:\nIch bin nämlich Künstlerin, mußt Du wissen, das\nandere mache ich nebenbei. Ich habe eine sehr\nschöne Stimme, hat neulich ein Versicherungs-\ndoktor zu mir gesagt. Er hat sich auch meinet-\nwegen den Vollbart abnehmen lassen.\nDer Mann im Gehrock:\nWie ich Dich liebe, Friedel. Werde meine Frau.\nDu sollst an die große Oper kommen, alle Welt\nwird Dich bewundern, Dich, meine Frau.\nMädel:\nIch gehe lieber an ein erstklassiges Variete.\nOhne Verhältnis ist das nicht möglich, wenn\nman nur ein bischen Stimme hat. Aber wenn\nDu mit der Presse gut stehst, können ja die\nLeute über meine Kunst schreiben.\nDer Mann im Gehrock:\nAlles, Friedel, alles was Du willst. Mein Gehilfe\nkennt einen Theaterkritiken\nDer Gehilfe:\nEin Herr von der Tagespresse wünscht den\nHerrn Professor zu sprechen.\nMädel:\nEin hübscher junger Mann. Guten Morgen, Herr.\nDer Mann im Gehrock:\nIch lasse bitten.\nMädel:\nJetzt wirst Du mich wegschicken. Ich lasse mir\nmein Recht nicht nehmen. Ich werde kein Wort\nsprechen, vielleicht kann der Herr gleich über\nmich schreiben.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Friedel, Du bist meine Verlobte.\nMädel:\nDarauf soll es mir nicht ankommen. Ist der junge\nMann immer bei Dir?\nDer Mann im Gehrock:\nMein Gehilfe.\nMädel:\nEinen hübschen Schnurrbart hat er. Keck sieht\ner aus.\nDer Herr der Tagespresse:\nGuten Morgen, Herr Professor. Ich komme wohl\nungelegen, Sie haben Besuch.\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte.\nDer Herr der Tagespresse:\nSehr interessant. Ich werde darüber eine kleine\nNotiz geben, wenn Sie gestatten.\nMäde'l:\nSchreiben Sie nur eine große, wir nehmen das\nnicht übel. Sie können auch mein Bild gleich\nbringen, ich bin nämlich Künstlerin.\nDer Herr der Tagespresse:\nSehr interessant. Wo sind gnädiges Fräulein\naufgetreten, wenn man fragen darf?\nMädel:\nIn Neu York. Schreiben Sie es nur gleich in die\nZeitung. Ich bin dort riesig beliebt.\nDer Mann im Gehrock:\nSie wollten etwas über meine Schrift gegen\nLinne wissen?\nMädel:\nLassen wir doch den alten Knaben. Wer inter-\nessiert sich für den? Hast Du Sherry zu Hause,\nAugust Wilhelm. Der Herr Redakteur trinkt\nsicher gern ein Gläschen.\nDer Herr der Tagespresse:\nGnädiges Fräulein sind zu gütig. Man bekommt\nschon Durst, wenn man soviel Papierstaub\nschluckt. Ist es nicht eigentlich sehr gefährlich,\nHerr Professor, immer so zwischen trockenen\nBlumen zu leben?\nDer Mann im Gehrock:\nLinne hat sich grundsätzlich darin geirrt\nDer Herr der Tagespresse:\nHerr Professor, das versteht das Publikum doch\nnicht. Die Hauptsache bleibt, daß Linne sich ge-\nirrt hat. Und ein Mann von Ihrer Autorität\nMädel:\nEr soll sich den Vollbart abnehmen lassen. Fin-\nden Sie das nicht auch, Herr Redakteur? Wir\nkönnen übrigens gleich zum Photographieren\ngehen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch glaube doch, daß das Publikum ein Recht\nhat\nDer Herr der Tagespresse:\nGlauben Sie mir, Herr Professor, das Publikum\nhat gar kein Recht. Das Publikum hat sich nach\nder öffentlichen Meinung zu richten, die ich zu\nvertreten die Ehre habe. Das Publikum will No-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5202, "texte": "tizen. Das Publikum will das Bild. Das Publikum\nwill Ihr Fräulein Braut kennen lernen. Glauben\nSie einem alten Fachmann, der es gut mit der\nWissenschaft und mit Ihnen meint.\nMädel:\nDas Publikum will Künstlerinnen.\nDer Herr der Tagespresse:\nIhr Fräulein Braut verfügt über den gesunden\nMenschenverstand. Ihren Verstand in allen\nEhren, Herr Professor, aber Journalisten und\nKünstlerinnen wissen, wie es gemacht wird.\nHeute liegt es bereits auf der Hand, daß sich\nLinne geirrt hat, die Spatzen pfeifen es sozu-\nsagen vom Dache\nMädel:\nWie schön er spricht.\nDer Gehilfe:\nDer Kunstzeichner der Tagespresse wünscht den\nHerrn Professor zu sprechen.\nDer Herr der Tagespresse:\nAh, Kollege Schulze-Neufeld. Ja, die Tages-\npresse arbeitet. Glauben Sie mir, Herr Profes-\nsor, Sie hatten noch kaum die Fehler von Linne\nheraus, und schon waren wir bereit\nDer Zeichner der Tagespresse:\nHerr Professor. Guten Morgen, Kollege.\nMädel:\nDie Samtjoppe steht Ihnen. Zeichnen Sie mich\nnur gleich mit. Nicht wahr August Wilhelm?\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nSehr interessant. Vielleicht stellen wir eine\nGruppe.\nMädel:\nIch setze mich auf Deinen Schoß.\nDer Herr der Tagespresse:\nDas gnädige Fräulein ist nämlich Künstlerin aus\nNew York, Kollege.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nIch glaube nicht, daß solch eine Aufnahme im\nRahmen unseres Verlags\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte ist sehr jung.\nMädel:\nVierundzwanzig und nicht aus Dummsdorf. Sie,\nGehilfe, holen Sie Sherry. Hast Du Geld, August\nWilhelm?\nDer Herr der Tagespresse:\nWie Sie diese Naivität kleidet, gnädiges Fräu-\nlein. Sie werden die Sonne des Humors\nin unseres so allgemein verehrten Herrn Profes-\nsors Haus bringen.\nMädel:\nMachen Sie kein so verliebtes Gesicht, Kleiner,\nran mit dem Sherry, August Wilhelm wartet\nnicht länger.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nIch habe heute leider nur wenig Zeit, ich muß\nnoch sieben Professoren, neun Kommerzienräte\nund dreizehn Siebzigjährige für unsern Verlag\nzeichnen.\nMädel am Fenster:\nSieh mal, August Wilhelm, da geht Wilhelm.\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Herren, die Arbeit wartet auf mich, viel-\nleicht können wir ein anderes Mal\nMädel:\nSchick doch die netten Leute nicht weg. Du ver-\ndirbst Dein Verhältnis mit der Presse.\nDer Herr der Tagespresse:\nUnser Beruf, gnädiges Fräulein, ist uns heilig.\nWir erkennen nur wirkliche Werte an.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nMit Aufbieten unseres ganzen Talentes\nMädel:\nWarum Ihr Männer immer feierlich werdet,\nwenn man Euch hinter die Krawatte guckt.\nWickeln Sie sich man in ihr Zeitungspapier ein.\nDer Herr der Tagespresse:\nVielleicht darf ich zu einer gelegeneren Stunde\nMädel:\nVergessen Sie nicht, daß ich Friedel heiße.\nDie Herren der Tagespresse ziehen sich ergebenst\nzurück.\nDer Mann im Gehrock schweigt.\nMädel:\nNun?\nDer Mann im Gehrock:\nDu, meine Braut!\nMädel:\nDu fängst ja doch zu zanken an. Die Affen\nwaren mir zu affig.\nDer Mann im Ge hr o ck:\nHeilig will ich um meine Liebe leiden.\nMädel:\nEntloben wir uns. Bei der Feinheit gehe ich zu-\ngrunde. Ist ja alles Quatsch. Du machst Dich\nwichtig, weil sich der tote Mann geirrt hat, und\ndie machen sich wichtig, weil sie noch nicht\nwissen, ob Du Dich geirrt hast. Ich weiß, was\nich weiß. Denn ich habe alle Männer nackt ge-\nsehen.\nDer M< an n im Gehrock:\nFriedel, Du hast Recht.\nMädel:\nAber Du kannst es nicht vertragen, wenn ein\nanderer Recht hat.\nDer Mlann im Gehrock:\nEs ist schwer, Mensch zu sein.\nMädel:\nNachts sind wir gut, aber am Tage sollen wir\nschlecht sein. Nein, mein Junge, Dein Gehrock\nkann mir nicht imponieren. Ich gehe zu Wel-\nheim.\nDer Gehilfe:\nEin Schutzmann wünscht den Herrn Professor\nzu sprechen.\nMädel:\nMein Wilhelm!\nPolizist:\nHerr Professor, eine peinliche Angelegenheit\nführt mich zu Ihnen. Sie haben eine Person bei\nsich aufgenommen, die des Diebstahls bezichtigt\nwird.\nMädel:\nWilhelm, was Du für Töne redest!\nPolizist:\nDas ist die Person. Im Namen des Gesetzes, Sie\nsind verhaftet.\nMädel:\nFür Dich bin ich auch nur in der Nacht gut.\nPolizist:\nBenehmen Sie sich anständig, sonst muß ich Sie\nwegen Beamtenbeleidung anzeigen.\nDer Mann im Gehrock:\nIst es nicht mit Geld gutzumachen?\nMädel:\nMit Geld! Keinen Pfennig gibst Du dem\nHalunken. Erst saugen sie einen aus, geben\neinem nicht einen Pfennig und wenn man etwas\nbraucht, stecken sie einen ins Gefängnis. Ihr seid\ngemeiner als das Vieh!\nDer Mann im Gehrock:\nIch bürge für die Dame, Herr Wachtmeister. Es\nmuß ein Irrtum vorliegen.\nPolizist:\nDie Person hat in der Nacht einem Herrn eine\nServiette gestohlen.\nMädel:\nWenn ich doch keinen Bezug habe. Kann man\nverlangen, daß ich auf einem nackten Kissen\nliege? Ist das Gerechtigkeit?\nDer Mann im Gehrock:\nHier sind zehn Mark. Damit dürfte die Sache\nerledigt sein.\nPolizist:\nDas ist Bestechung, Herr Professor. Seien Sie\nfroh, wenn ich das nicht dienstlich melde. Ich\nhabe Sie zu verhaften. Kommen Sie, damit ich\nnicht Gewalt anzuwenden brauche.\nMädel:\nDas ist ungerecht. Gott wird Dich strafen,\nHalunke. Ihr nehmt mir, was ihr mir nicht gebt.\nIch schreie es in die ganze Stadt hinaus, meine\nServiette wollt Ihr mir nehmen. 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Der Froschteich glänzte\nhell vom grellen Morgenrot und schielte wie das\nAuge eines gefräßigen Drachens nach dem Dorfe,\naus dem ein kleiner Knabe mit seinen Schlitt-\nschuhen herauskam.\nIn den Ställen rasselten Ketten und standen die\nKühe auf, sonst war alles ganz still. In der Dorf-\ngasse Niemand. Das Heer war brav und schlief\nmit Engelsköpfen. Unter den Füßen des Knaben\nknackten ein paar milchweiße Pfützen auf und\nschmutziges Wasser drang hervor, das war die\nerste Spur der Veränderung der Natur durch die\nMenschen. Kälte und Morgenwind streichelten die\nweißen Giebel und dunklen Dächer und rutschten\ndurch den Winkel zwischen den hohen Scheunen,\nmanchmal ein dünner Rauch stieg aus den Ka-\nminen, die den Himmel anguckten wie Sterndeuter\nund ihn über sich blanker werden ließen.\nDer Knabe nahm sich aus in der Stille wie\nein zu früh aufgescheuchter Vogel. Draußen auf\nden Wiesen war's wilder, da war's wie frische\nVorzeit, da kämpfte das Tier mit dem Sauerstoff\ndem Ernährenden und dem Stickstoff dem Er-\nstickenden. Das hatte noch immer keine Feder-\nbetten und kannte das Lachen nicht besser als\nvor Tausenden von Jahren, das griff der Aether\ngleich an wie damals, an Federn und Fell. An den\nErlen drüben am Froschteich hatten die Raben\neinen Lärm wie eine Volksschule ohne Aufsicht,\nsie flogen gestört auf, als der Knabe näher kam\nund lärmten wo anders.\nSchick nahm's wahr, er begab sich in eine\nKörperlage, in der er lange ruhig ausharren\nkonnte . . die Freude der reuigen Umkehr des\nKnaben hatte er gestern gehabt, heute . . es kam\nihm nicht darauf an, seinen Bauch als Lumpen-\nsack bereit zu stellen.\nRingsum war Halbdunkel und langsames Auf-\nwachen, in dem Knaben war muntere Regung. Er\nhatte die Schlittschuhe hervorgeholt und wollte\nsich zeigen, vor sich selber und vor Schick, der\nihn nur als elenden Stümper kannte. Er hob seine\nSchlittschuhe, sein Paar erprobte Eissegler, gegen\nden Himmel „Silber oder nicht Silber, sie haben\nmich weit getragen\".\n— Aber das kränkende Gefühl, daß das Mäd-\nchen ihn als Minderwertigen taxiert hatte, für den\nEisen genügt, senkte lähmend seinen Arm; was\nfür traurige Andere werden's gewesen sein, die\nsilberne bekommen hatten! So redete es in ihm\nfort. Aus Kraftbewußtsein oder gar aus Eifer-\nsucht? War's denn nicht einerlei, ob man mit\nSilber oder Tombak in den Tod mit der Eiskönigin\nfuhr? Hatte er denn schon eine Ahnung von Rit-\nterminne? Einfach. Er war in dem Stück „Ge-\nnosse\" und forderte „Gleichheit\". Daß er ja einen\nVorzug vor den „Versilberten\" besaß, bedachte\ner nicht. Er war „Genosse\".\nMit einem verachtenden Zuoken um die Lippen\nließ er die Eisen aneinander klirren und sah . . .\nauf sie hinab ... sie waren Silber. Es grieselte\nKälte von seinem Kopf hinab bis zur Zehe. Er\nstand still und das Mädchen sah ihn an mit ihren\ngroßen schönen Augen und sagte „gehe nicht\nwieder zum Froschteich\".\nEr hatte Hände so kalt wie Schick ... er\nfühlte Ekel vor sich . . Er fühlte, Schick hatte ihn\nbelogen, aber die Wahrheit gesagt. So irr war\nseine Ueberlegung. Er mußte hin zu Schick, weg\nvon dem Mädchen, sie war eine Falsche!\n„Deine Schlittschuhe blitzen im hellen Morgen-\nschein Silber! . . . . sie sind Silber\" hielt es ihn\nan ... er taumelte zu Schick. Der schwache\nFingerzeig war vergeblich, er war gedeutet wie\nin die unendliche Ferne, die die Welten zusam-\nmenrückt zu Schimären und Sternbildern. Er\nkonnte nicht unterscheiden.\nEs sprühte Silber, es sahen's die Erlen, es\nsah's alles, es sah's die Quelle und nahm das\nBeitzen mit fort und rannte geängstigt um den\nKnaben zum Mädchen an den großen See. Der\nKnabe stand vor dem Teiche.\nWieder in dem quälenden Gefühl' „er paßte\nnicht mehr dahin\". Er war etwas Erhabeneres ge-\nwöhnt. Der Froschteich war eine große zuge-\nfrorene Waschwanne, und der See war eine freie\nhelle Ebene. Trotzig und einmal da, sprach er in\nsich, setzte sich wuchtig und warf die Schlitt-\nschuhe neben sich: „Ich will's tun, was du haben\nwillst, aber wenn ich einmal hinfliege, schlage\nich deinen Glaspa'l'ast in tausend Fetzen\", preßte\ndie Kiefer aufeinander und zog mürrisch die glanz-\nlosen Dinger an. Er saß und machte fest.\nNachdem sie angeschraubt waren und festge-\nschnallt, machte sich der Geist der Arbeit breit,\nder Trotz vergaß weiter zu murren, und die wich-\ntige Absicht, das Möglichste zu leisten, machte\nkeine Erwägung mehr zwischen den Mitteln. Der\nGeist der Arbeit faßt überall gleich zu, ob er in\ndie Tiefen der Erde oder auf die Spitze eines\nKirchturms gerufen ist. — Der Knabe prüfte das\nEis.\nDaß ihn der Frosch, wie er jetzt den Fuß an-\nsetzte, nicht begrüßte, war nichts zum Verwun-\ndern, klarerweise war's seine Sache, stillschwei-\ngend das alte Verhältnis wiederherzustellen. —\nEin Bischen dünn! so kurz vor dem Frühjahr war\nnicht mehr zu verlangen ... ich weiß nicht, —\ndoch fast zu dünn! ... es biegt sich durch —.\nEr hing an den Erlenzweigen. Die Erlen halfen\nmiteinander zusammen und hielten den Knaben\nfest, damit er ruhig prüfte.\n„Jetzt kommt's auf . . . daß du nichts kannst\",\nertönte eine Stimme aus einem verbundenen\nKopfe. — Weil's wärmer war und dekorierte, be-\nhielt der Heerführer die Binde bis in den Hoch-\nsommer hinein um.\n„Warum gehst du denn auf's Eis, solang noch\ndas Käuzchen schreit? . . damit's Niemand sehen\nsoll, wie du bloß davor hinstehtst, solang bis du\ndeinen Zauberspruch gemurmelt hast, der dann\n„Schlittschuhgelaufen\" heißt? . . . nachher wärst\ndu durch's Dorf gelaufen, „ich war heute morgen\nschon auf dem Eise\" . . . s'ist nur gut, daß Ich\nbin ... Du mit deinen Matrosenkleidern . . . Da-\nvor hinstehen kann ich auch. Da steh ich. O du\nKünstler!\", der ungewaschene Heerführer fuhr\ndem Knaben durch die gekämmten Haare. „Ver-\nlogen ist die Geschichte mit dem großen See,\nmit dir wird wohl auch eine Eiskönigin fahren, halt\nuns nicht für so dumm!\"\n„Jawohl ist sie gefahren.\"\n„Man sollte dich beim Lehrer anzeigen, daß du\nlügst.\"\n„Ich lüge doch nicht.\"\n„Dann beweis es uns, Ich bin da . . . vor mir\nkannst es ja beweisen.\"\n„Ich trau nicht, ob's auch halten wird\", zagte\ner den Heerführer an. Warum mußte der auch\nkommen! er konnte nicht einmal mehr ruhig\nprüfen.\n„Halten. Da.\" Der Heerführer trat vorsichtig\nan den Rand und wippte bedächtig mit seinem\nFuße. „Trägt mich's nicht? und ich bin schwerer\nals du.\"\n„Aber mit den Schlittschuhen trau ich nicht.\"\n„Ueberleg einmal, mit den Füssen stehst du\nmit der ganzen großen Fläche auf dem Eise, auf\nden Schlittschuhen nur mit einer dünnen schmalen\nSchiene, berührst das Eis im Vergleiche überhaupt\nnicht. Wann ist's wohl schwerer, mit den Stiefeln\noder mit den schmalen Schlittschuhen?\"\n„ha ... mit den Stiefeln\" .... „Das Gefühl\nhabe ich zwar anders.\"\n„Dein Verstand ist gut,, aber dein Gefühl ist\nein EseL\"\n„Ja, du hast gut reden, du hast sie nicht an.\"\n„Ich ziehe sie gleich an, wenin du sie mir\nborgst .... gieb.\"\nDer Knabe traute nicht, auf diese Art trachtete\nihm der Heerführer die Schlittschuhe zu entwen-\nden. Jedoch. Gab er sie nach der Aufforderung\nnicht her, zog auch nicht los, so setzte es\nPrügel, das sagte ihm sein eselhaft gescheites\nGefühl.\nDer Heerführer und — noch einer, Schick —\nlauerten auf den Augenblick, mäuschenstille.\nDer Knabe hing an den straffen Erlenzweigen,\ndie Erlen hielten ihn fast bis zum Abreißen. Mit\neiner Hand ließ er kurz los, dann faßte er\nwieder an.\n„Du mußt nur nicht stehen 'bleiben, sondern . .\nimmer dich bewegen, dann wird's nicht so sehr\nkrachen.\"\n— Der Knabe sah noch einmal unschlüssig nach\nallen Seiten. Er wußte, er hatte furchtbare Angst.\nEr blickte aufs Eis, ob nicht der Frosch zu sehen\nwäre, aber Schick hatte sich versteckt, er war\nsich heute selbst zu wüst. —\n„Du zitterst ja, laß doch los ... du reißt ihnen\neinen ganzen Zopf aus.\"\n— Der Knabe blickte hilfesuchend zu den Erlen\nhinauf, ob sie's ihm verzeihten, wenn er den Zopf\nausrisse. Die Erlen gaben ihn gerne her."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9608, "texte": "„Wenn er abreißt, dann stürzst du platterlängs\nin den Teich, folge mir. Laß los!\"\nWenn das Mädchen da wäre, hätte er eher\nden Mut, dachte der Knabe.\n„Ewig kannst du nicht da hängen, ich muß\nheim, mein Vater wartet\", sagte der Heerführer\nund tat wie Weggehen.\n„Bleib doch da! ... ich laufe jetzt\", er schämte\nsich, daß er vor dem Heerführer so gezittert hatte,\nwas würde der für Schande über ihn ausstreuen.\n„Dann wollen wir sehen . . . aber ich kann\nnicht mehr lang warten.\"\nEs gab nur noch eins, er vertraute Schick als\nFreund, der ihm Eis versprochen hatte und das\ndarum schon halten mußte. Schick ließ sich jetzt\nauch sehen, er nickte freundlich. Der Knabe\nwurde zuversichtlich und . . . zog aus, hinein in\nden Teich.\n„Eisrkönig\", schmeichelte der Heerführer.\nAber er schmeichelte nicht lange, dem Knaben\nkam eine fadendünne Stelle, ein mit einem Men-\nschenhäutchen überzogenes Loch entgegen.\n„Eiskönig, Eis . . .\", es klirrte als träte er in\nein Frühbeet sank der Knabe ein, zerrte und\nwollte heraussteigen.\nEr sank tiefer und bald führte er allein einen\nheißen Kampf gegen Versinken und Einbrechen,\ner mußte ertrinken, der Heerführer verschwand\nim Winkel zwischen den Scheunen und war ganz\nstill.\nDer Knabe schlug heftig um sich und machte\nrückende Schritte gegen das zertrümmerte Eis,\naber jeder Schritt brachte ihn tiefer. Er fühlte,\nwie der Frosch ihn am Beine hinabzog in den\nSchlamm. Er versuchte mit dem Fuße nach\nSchick zu stoßen, aber er hing ihm daran wie\nschweres Blei und auf einem Bein sank er noch\ntiefer ein. Er blieb ruhig stehen und sah sich nach\neiner Rettung um, er drehte sich nach einer\ndickeren Eisstelle, er wollte sich darauf stützen\nund herausheben, aber er platschte nach vorne in's\nWasser und hatte Mühe, wieder auf die Beine\nzu kommen. Er brüllte um Hilfe.\nNiemand kam auf sein Schreien, als die Sonne,\n— langsam daß sie Niemand wachkitzelte, der\nden Knaben hören konnte.\nEs fing an, um ihn zu tanzen und sich zu\ndrehen wie ein Brummkreisel und der Gestank\ndes Wassers trat an seine Nase und Sichleim\nzog durch die feine Linie zwischen seinen Lippen.\nÖffnete er die Augen, so dehnte sich in flimmern-\ndem Schimmer ein großer See vor ihm aus.\nWie er die Augen zum letztenmal schloß, war's\nwie des Mädchens Hand, die ihn führte, hinaus\nin den See, bis die Ufer versdhwanden und er\nallein stand. Dann war er wie in einem finster\nabgeschlossenen Fahrstuhl, der in die Tiefe sauste\nund anhielt. Er wurde an den Füßen fest ge-\nbunden mit langen Tangen an versunjkenen\nBaumwurzeln, Schick selbst band ihn mit scheuen\nBlicken nach den Furien fest.\nSchick kannte den Fischerknoten, das Ge-\nheimnis dieses Knoten hatte er von einem betörten\nFischer, dem er Goildfische dafür versprochen\nhatte. Er zog gerade das lange Ende durch die\nSdhlinge und sah zu, welch lieblicher Knabe, er\nsah ihm zum erstenmal ohne gebrochene Strahlen,\nin der Schlinge schaukelte, da kam von hinten\nein großer schwarzer Schatten, wie die Flügel\neines ägyptischen Storches über ihn, er kreuzte\ndie Augen über die Schultern und sah einer bild-\nschönen Furie ins Gesicht, daß ihm der Tang ent-\nglitt, und er den nach oben sausenden Fahrstuhl\nnicht aufhalten konnte. Er konnte ihm nur das\nstaunende Maul nachsenden, das ihm bei der Ge-\nschwindigkeit des Entschwindens seiner Beute,\nklicks klacks, durchschnitten war und heftig\nbrannte.\nSchick war gezeichnet. Sein ohnehin breitge-\nsägtes Maul hatte einen Schnitt quer wie von\neiner Sense. Mit diesem Maule wollte er sich be-\nschweren, er schwamm nach oben, ein Schimpf-\nwort auf der Zunge.\nDas Schimpfen verging ihm jedoch, als er die\nEiskönigin am Ufer sitzen sah, die den Knaben\nim Schosse liegen hatte. Der Knabe umklammerte\nnoch ihre Hand wie ein erstarrter Toter. „Meine\nSchlittschuhe sind hart, ihre Härte ist echt\", hörte\ner die Eiskönigin sagen, darum tauchte Schick\nlieber wieder und versteckte seinen Schmiß.\nSchick drückte sich in eine dunkle Ecke und\nwar froh, wenn ihn die Eiskönigin in Ruhe ließ.\nEr hatte die Härte der Schlittschuhe verspürt und\nfürchtete sich vor Schlimmeren. Sie konnte sich\njetzt an ihm rächen.\nAber die Eiskönigin rächte sich mit Milde,\nSchick war ihr viel zu schmutzig. Der Frosch war\ndamit sehr einverstanden, sein Leben war ihm so\nteuer und kostbar. Sterben war für ihn etwas\nSchreckliches, andere morden, etwas Herrliches.\nEr zählte den Weggehenden die Schritte nach,\nbis er dachte, sie werden nicht mehr umkehren.\nDann aber lachte er dem Mädchen höhnisch nach,\ndaß es ihren treulosen Knaben beim Gehen stütze,\nund es werde wissen, warum es ihn, Schick,\nschone und Schadenfreude und Hohn wollten\nnicht enden.\n„Gehn wir in deine Hütte?\" fragte der Knabe,\nals sie dem See näher kamen.\n„Ja, da will ich dir den Kopf waschen\", er-\nwiederte das Mädchen.\nDem Knaben wurde bang, ob er nicht klüger\ndie Feuerzange seiner Mutter gewählt hätte, als\ndas Kopfwaschen im großen See, sie werde ihn\ngewiß mit Seife und Wurzelbürste scheuern. Aber\ner war zu erschöpft, er trottete nun eben mit. —\n„Hörst du den Frosch lachen? hörst du? das be-\ndeutet ein großes Unglück für uns, wir dürfen\nnicht miteinander gehen\", und wollte sich los-\nreißen.\nDas Mädchen hielt ihn diesmal fest. „Laß ihn\nlachen, er ist mir viel zu albern. Nur die, welche\nsich um ihn kümmern, haben den Schaden davon.\"\nWeiter sagte sie nichts, aber der Knabe\nwußte, wie's gemeint war. Er war zu schwach,\num sich zu entschuldigen. Er konnte sich's auch\ngar nicht zusammen reimen, wie's so schlimm ge-\nkommen war. Er sagte immer nur „wenn das\nEis dicker gewesen wäre\"!\n„Sei jetzt stille, warte bis wir daheim sind\",\nsagte es dann.\n„Wenn das Eis dicker gewesen wäre\" sagte\ner noch einmal, als er mit (hartgefrorenen Klei-\ndern in die Hütte trat. Es ilag ihm daran, den\nbevorstehenden Auftritt abzuschwächen.\n* *\n*\nIn der Hütte lagen lauter schöne weiße\nSchwanen, die vor dem Mädchen aufstanden und\ndie Hälse vor ihr neigten. — Das Mädchen war\ngewiß auch ein Schwan.\nDas Mädchen lachte laut auf, weil sie der\nKnabe daraufhin prüfte. Sie scheuchte die Schwa-\nnen hinaus und breitete das Stroh auseinander. —\nIm Hinausgehen sagten die Schwanen, sie soll\nleise sein und nichts verraten, alle machten\nss sst. —\nSo da kannst du darauf liegen, sagte jetzt das\nMädchen und schüttelte das letzte Bund besonders\nkräftig auf. — Das Mädchen verwandelte ihn ge-\nwiß in einen Schwan. Warum anders soillte er\nstatt denen Platz nehmen?\nSie lachte wieder hell auf, als der Knabe\nzögerte. Und unter Lachen forderte sie jetzt den\nKnaben auf, seine Kleider auszuziehen. Sie dachte,\ner wird's nicht tun aus Furcht, er werde zum\nSchwan . . . Was? das tat er! sie erstaunte. —\nWenn ich keine Kleider anhabe, wo soll sie dann\nzur Verwandlung die Federn hernehmen, sagte\nsich der Knabe. —\nDer Knabe mußte sich die Kleider vom Leibe\nreißen, sie waren festgebacken. Und das Mädchen\nmußte kräftig mit ziehen helfen. Manchmal schrie\ner auf, wenn ein Stückchen Haut angefroren war,\nda lachte sie ihn aus. Schließdich brachten sie die\nArbeit mit vereinten Kräften zu Ende, der Knabe\nmußte sich hinlegen, und das Mädchen deckte ihn\nschnell mit Stroh zu, dann nahm sie einen Rechen\nvom Nagel und holte die vielen warmen Federn\nvon den Schwanen zusammen und schüttete sie\nunter freudigem Lachen über den Knaben, der\nschrie „ich erstick . . ich erstick.\"\n„Ersticke nur\", foppte sie ihn, „besser hier als\nim Froschteich\".\n„Sei froh, daß ich noch am Leben bin\", stöhnte\nder Knabe, die Federn lagen ihm vor den Nasen-\nlöchern.\n„Was! an dir soll man auch noch froh sein?\",\nfoppte das Mädchen weiter.\n„Ich hätte ja auch sterben können\", schluchzte\njetzt der Knabe.\n„Weine doch nicht ... du Lieber\", beugte sich\ndas Mädchen zu ihm nieder und küßte ihn. Der\nKnabe weinte darum noch stärker.\n„Oh, oh, wenn du wüßtest, wie er mich ange-\nbunden hat\", schluchzte er.\n„Sei doch still, du bist jetzt bei mir\". Tränen\ntraten ihr in die Augen.\nOh, oh, was habe ich dir getan!\" fing er jetzt\nan und gestand, daß er sie an den Frosch verraten\nhabe . . . sein Absagebrief liege noch daheim . .\n„Wenn du dich an mir rächen willst, so tu s\", er\ndrehte sich zur Seite und schluchzte in die weißen\nFedern, „Schick hat mich betrogen\".\n„Ich weiß es schon\", war alles was das Mäd-\nchen zu sagen vermochte.\n— Das Mädchen ließ ihn ruhig ausweinen, sie\nsaß still neben ihm und legte die Hand auf seine\nheißen Schläfen. Er hatte Fieber. Sie seufzte tief\nund blickte vor sich hin. Endlich schlief er ein.\nDas Miädchen stand sachte auf, nahm des\nKnaben Kleider und trocknete sie. Die Schwanen\nmußten darauf sitzen, so ging es am raschesten.\nDas Wasser klatschte an die Holzwand, hinter\nder der Knabe schlief. Er maehte eine meilen-\nweite Seefahrt und blieb doch am gleichen Orte\nstehen.\nEin fester ruhiger Schlaf im Schwanenbett von\neinem Morgen bis zum andern Morgen war die\nRache des Mädchens vom großen See. Nur ein-\nmal nachts hörte er die Schwanen durcheinander\nreden und merkte, wie sich das Mädchen neben\nihm aufrichtete und eine Tür ging, worauf's\nwieder ganz still wurde, und der See an die Hütte\nweiter klatschte. Er durfte nichts von Schick\nträumen, sondern von den schönen weißen\nSchwanen, die auch vor ihm aufstanden und die\nHälse bogen, von dem Mädchen, das neben ihm\nschlief und ihn küßte.\n1 Ein lautes Geschrei weckte ihn auf, er richtete\nsich bestürzt auf, vor ihm lag das Meer und ein\ngroßer leuchtender Ball schwebte und rollte gegen\nihn, er rief nach dem Mädchen. Er war ganz ver-\nlassen ... er stand ganz besinnungslos auf, fuhr\nschnell in seine Kleider, die frisch wie vom\nSchneider vor ihm lagen. Mit halb betäubter Neu-\ngierde streckte er den Kopf zur Türe hinaus . .\noh! oh! jetzt wurde er schnell belebt und beson-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8879, "texte": "nen. Das Mädchen stand auf einer schmalen\nBrücke weit drinnen im See und die Schwanen\numkreisten sie mit einer Behendigkeit, wie er's\nnoch nie gesehen hatte. Riesenvögel stiegen aus\ndem Wasser und streckten sich hoch nach dem\nMädchen. Da mußte er schnell hinaus und dabei\nsein,\nUnd jetzt wurden die Kreise weit größer, wie\ner hinkam und das Mädchen lachte ihn stolz an,\njetzt war er ihr Liebster, da sie ihm ihre Herr-\nlichkeit zeigen konnte.\nStille . Schwanenkreise . Meeresweite . Son-\nnenglanz .\nDer Knabe schwieg wie ein Gebet.\n„Der gehört dir? der See?\"\nDas Mädchen liebte den Knaben, er hatte\nWorte so einfadh, die seine tiefe Bewunderung\nam schönsten ausdrückten. Dafür mußte er eine\nreiche Mitgift erhalten, „er gehört auch dir\", sagte\nsie und drückte ihn an sich.\nDie Schwanen hatten ihr Wohlgefallen, sie\ntrennten sich paarweise und schwenkten in höf-\nlichen Umschweifen hinter den Schilf, eine festes-\nhalber losgelassene Wunderlichkeit, fliegende\nWeinflaschen.\n„Was haben denn die im Schilfe getan?\" fragt\nder Knabe.\n„Sie haben Frösche gefressen\", sagte das Mäd-\nchen.\n„Frösche! . . Bei dir werden die Frösche ein-\nfach gefressen und bei uns nimmt sich der Frosch\nso viel heraus?!\"\n„Das ist auch ein Unterschied, mein See und\neuer kleiner Teich.\"\n„Oh ja ist das ein Unterschied . . dein's ist ein\nMeer . . . größer ist das Meer auch nicht?\"\n„Von denen, die einem Mädchen gehören, ist\nmein See der größte und schönste.\"\n„Das glaube ich auch, so einen giebt's nicht\nwieder\" .... „man sieht ja kaum hinüber\" . . .\nüber den Froschteich konnte ich hinüberspucken\nund wenn man . . .\"\n„Und trotzdem bist du hineingefallen\", sagte\ndas Mädchen und hielt ihn zurück, er soll den\nVersuch nicht machen, sie wisse schon, daß es\ngleich an den Füßen niederfalle und aussehe wie\neine Handspanne breit. —\n„Jetzt ärgert' mich's . . . wie anmassend Schick\nist mit seinem Dreckloch\", er betonte es und die\nKopfadern schwollen an.\n„Du hättest eben stolz sein müssen auf deinen\nSee, aber so bist du, du hast ein schlechtes Ge-\ndächtnis für seine Größe.\"\nVon jetzt ab bin ich stolz ... ich behalte, daß\nam andern Ende die Sonne heraufkam, die kommt\nbei uns hinter dem Berg, der über eine Stunde\nentfernt ist/4\n„Merke dir lieber, daß es für dich keinen\nFroschteich mehr giebt.\"\n„Du noch mehr, wenn ich wieder zu Hause\nbin, sag ich's dem ganze Dorfe, was für ein ein-\ngebildeter Dummkopf Schick ist.\"\n„Lal3 das! dir glaubt man's doch nicht.\"\n„Warum nicht? . . . mir?\"\n„Weil du auf den Sumpf gekrabbelt bist.44\n„Allerdings, das stimmt44, das Mädchen küßte\nihn . . . „da bleibe ich lieber bei dir auf dem großen\nSee44, unangenehme Erinnerungen an seine Heimat\ntauchten in ihm auf.\n„Bleibe nur, bis du so gescheit bist, wie ich\nbin und du dem Frosch sein Königreich schnei-\ndest.\"\nSchneidest. Der Knabe übte, was das Wort\nheißen sollte mit verächtlichen Mienen.\n„Wann du dann auf dem großen See gescheit\ngeworden bist und dann noch von dem Dumm-\nköpf Schick reden willst, wird man dir's eher\nglauben.\"\n„Dann ist er mir ganz einerlei.\"\n„So . . . das heißt man schneiden\" „jetzt\nkannst du heimgehen.\"\n„Fällt mir ein! . . . Schick kann allein re-\ngieren.\"\n„Dein Vater und deine Mutter suchen dich.\"\n„Woher weißt du das?\"\n„Das ganze Dorf sucht dich.\"\n„Mich suchen? . . . mich hat noch kein Mensch\nileiden mögen.\"\n„Jetzt wirst du gesucht, weil du schon gescheit\ngeworden bist.\"\n„Ich gescheit? nein, wenn ich an dich\ndenke . . .!\"\n„Darum bist du's ja, weil du an mich denkst.\"\n„Weißt du das gewiß?\"\n„Jawohl\" und lachte ihn herzlich an.\n„Oder bin ich schon gescheit, weil du mich\nfort haben möchtest? . . .\"\n„Da . . .\", das Mädchen hielt ihm schnell ein\nStück trockene Hopfenrebe hin und ein Streich-\nholz zum Beschwören seines Mißtrauens.\n„Hast du das immer bei dir? Rauchzeug? fragte\nder Knabe und griff zu und fuhr mit dem Schwe-\nfelholze, je zehnmal mit jedem neuen, über den\nHintern und zeigte seine Absicht, sich als Mann\nzu beweisen, indem er zog wie ein Wahnsinniger\nund sogar Kopfschmerzen bekam vor Ziehen ....\n„Das machen wir flott\", sagte er, als es endlich\nbrannte . . . und hinter einer Rauchwolke frug er\nnoch einmal „hast du das immer bei dir?\"\nErrötend gestand das Mädchen ein, daß sie\ndiese Zigarre seit dem Eisfeste bei sich trage und\nbisher nur vergeblich auf ihn gewartet habe.\nWenn das wahr wäre, dachte der Knabe, wäre\nes ein Zeichen von großer Aufmerksamkeit und\nhoher Einschätzung . . aber er hüllte sich in eine\nWolke und fragte „rauchen nicht die Schiffer\ngerne?\"\nEr mußte die Frage sehr häßlich betont haben,\ndenn das Mädchen antwortete ihm überhaupt\nnicht und bekam Tränen in die Augen.\n„Beißt der Rauch?\" fragte er und hustete.\n„Nein\", sie schlug ihm die Zigarre heftig aus\nder Hand, „das giebt's nicht mehr, du bist, wenn\ndu rauchst, deinem Schiok sehr ähnlich.\"\n„Weshalb denn\", wollte er fragen, aber er sah\nsein kurzes Vergnügen zu deutlich im See schwim-\nmen und sein peinliches Empfinden ilenkte seine\nAufmerksamkeit schnell einer Ente zu, die gerade\naufflog. „Schicke doch die Ente hinüber, sie soll\nden Frosch auffressen.\"\n„Zu was denn, auf einmal.\"\n„Räche mich doch, denke, wenn ich ertrunken\nwäre\" . . . „es wäre ganz nett zuzuschauen, wenn\nSchick der Ente im Schnabel zappelte in Todes-\nangst.4'\n„Wenn du zappeltest\", diesmal war's ihr aber\nernst.\nDer Knabe hatte geglaubt, wenn er seiner\nMißachtung gegen Schick Ausdruck gebe, habe er\nam schnellstem „Pardon\" .... aber nun stand er\nda mit abgeschnittenen Rückzug auf schmaler\nPlanke ... er schwieg jetzt am klügsten . . . und\njetzt kamen die Schwanen geschwommen.\n„Wenn ich jetzt wollte . . . siehst du das ein?\"\n„Ja, ich sehe es ein.\"\n„Was willst du immer mit deiner Rache?\" . . .\n„soll ich mich rächen?\"\n„Nein, tu's nicht . . . das Brett kippt um, laß\nes doch sein!\"\nAber das Mädchen schöpfte ihm schon eine\nHand voll Wasser über den Kopf und das Brett\nkippte nicht.\n„Was machst du denn da?\" schrie der Knabe.\n„Dich taufen'4 . . . daß deine Bosheit vergeht.\n„Ich werde ja wieder ganz naß.'4\n„Mein Wasser schadet dir nichts .... sei froh,\ndas du's wert bist\" . . . „sieh hin, dort draußen\nfährt ein Schiff\", lachte sie.\n„Ja schön Schiff\" und ließ das Wasser an\nseinem Nacken an der Wirbelsäule hinabfließen\n. . . aber es kam wirklich leise ein Schiff näher . . .\nein; Ding, so groß wie ein Haus, er erhob den\nNassen Hals und schaute mit großen Augen von\nder Planke auf. „Was tun die Menschen alle auf\ndem Schiff? haben die im See gebadet oder . . .\nsind es lauter Gerettete?\"\n„Gerettete?\" fragte das Mädchen.\n„Ich meine, die du auf's Eis geführt hast. Sie\nkommen doch dort hinten herauf, wo das Ufer\naufhört.\"\nDas Mädchen mußte dem nachforschen. Sie\nfragte eindringlich und endlich gestand der Knabe\n„. . . sie kriege doch keinen Mann und darum ver-\nschenke sie Schlittschuhe\" . . . und so weiten\nDiesen Teil von Schick's verläumderischer Rede\nhatte er bis jetzt noch nicht preisgegeben, aber\nes erschien ihm an der Zeit bei der harten Be-\ndrängnis auf der Planke.\n„Eigentlich müßte ich dich jetzt hinein-\nschmeißen\" packte das Mädchen den Knaben an.\n„Nein, nein, t werf mich nicht hinein\", er drängte\nheftig ans Land . . . „es ist so, wie ich dir's er-\nzählt habe.\"\n„Gerade deshalb.\"\n„Darum sage ich ja, sollst du dich an Schick\nrächen . . . darum.\"\n„Darum an dir . . . Schick überlasse ich Ande-\nren\", das Mädchen ließ ihn los.\n„Aber du tust's nicht?\" fragte der Knabe noch\neinmal zu seiner Vergewisserung, ob das Neben-\nihrstehen auch gefahrlos wäre.\nWie er sie dabei anschaute, das Mädchen\nmußte ihn umarmen.\nUnd der Knabe fühlte, daß er ein Dummer war,\nsich vor dem Mädchen zu fürchten. „Gelt, du\nkannst mir nichts Böses antun?\" sagte er.\n„Von wem sollte ich's gelernt haben?\" schaute\nsie an ihm hinauf. ,\nDie Sonne stand hoch und die blitzende See-\nfläche kräuselte sich warm. Der See war schön\nund groß, der Knabe hatte ihn ganz kennen ge-\nlernt, er gehörte ihm ja mit, nichts von seiner\nPracht hatte ihm das Mädchen verborgen oder\ndoch? weil sie wiederholte „Nun must du nach\nHause gehn\".\nWas blies für ein frischer Wind in die Segel\nhinein! ... es bauchte sich tief und ein schwarzer\nSchatten huschte darüber.\nDurfte er doch nicht alles sehen? weil sie ihn\nso sehr nach Hause drängte. Oder war er taktlos\ngewesen und zu lange geblieben? Was er zur\nEntschuldigung vorbringen konnte, wußte er nicht.\nDarum sagte er nur zaghaft „Es ist schön bei dir\ngewesen\". Das Mädchen zitterte nur mit den\nLippen ...\nEr machte sich schnell davon, den Schmerz\nund die Tränen zeigte er dem Mädchen nicht\ngerne.\nDas Mädchen blieb lange,stehen. Die Schwanen\nkamen geschwommen und hielten neben ihr still.\nSie blickten in die fremden Uferfernen des Sees,\nkam der Knabe dorther wieder? hatte sie der\nKnabe versanden? Kam er diesmal zu ihr zurück?\nkam er als Jüngling? oder erst später, viel viel\nspäter?\n* #\n*\nDem Knaben war es so hart das Scheiden.\nBald wieder bei ihr sein, hätte er gewollt. Er\nwar so hart, der Abschied."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8535, "texte": "Wut wollte zuletzt in ihm über den Schmerz\nder Trennung, wie das Dorf immer näher kam,\nausbrechen. Zurückhängend ,in der Kultur war's,\nlangweilig, öde ... er konnte sich's vorstellen, wie\ndie Pflüge auf dem Holzbock aufs Feld rutschten\nund eine Spur hinterließen, wie die Bauern hinter\nden Ohren des Störrvieh's schwankten und Peit-\nschen knallten, jeder seine Melodie.\nAber wann trifft eine Vorstellung der Wirklich-\nkeit? Niemals. Das Bekannteste ist immer anders\nals man s erwartet hat. ,\nDas Dorf glich einem verlassenen Immenhaus\nund der Schwärm hing abseits. Groß und schwarz\nhing er am Froschteich. ,\nUnd die jüngste Brut ließ den Schwärm los\nund schwärmte auf ihn zu, setzte sich an ihm\nnieder und suchte ein Schlupfloch. Das Heer\nstürzte ihm entgegen.\nEr hatte, die Pflicht, zum Froschteich nicht\nhinauszusehen, weil er nicht mehr für ihn da war.\nMit grimmigen Trotz furchte er die Stirne und\nsah geradeaus. Wäre eine eingespannte Kuh ge-\nkommen, er wäre ihr zwischen die Hörner ge-\nlaufen. Der Ansturm des t Heeres war wie eine\nschlecht gerittene Kavallerieattake.\nDer Heerführer jagte viel zu weit voraus, Säbel\nund Lanze flogen ihm beiseite, er ging zum\n„Feind\" über, und fiel ihm an den Hals. Der\nHeerführer schien die Erleichterung seines Ge-\nwissen sehr nötig zu haben. Kein Silbchen hatte\ner verlauten lassen, daß der Knabe im Froschteich\nertrunken war, bis die, Leute von selber dort nach\nihm suchten. Er war daneben gestanden, wie sie\nmit Baumhacken und Beilen das Eis einschlugen,\ndie Schollen ans Land zogen, zwischen den\nSchollen fischten, aber den Knaben nicht fanden\nund nichts hatte er verraten, er benahm sich nur\nungeschickt, wie der Mörder im Leichenzug, be-\nwies überschwängliche Teilnahme und stellte\nängstliche Fragen.\nDas Heer verachtete eigentlich die Taktik\nseines Führers, aber er mußte schon seinen Grund\nhaben, vielleicht schlug er „ihm\" dann recht un-\nvermutet eine ? Gesalzene 'runter, hinter der Um-\narmung. Aber die Gesalzene unterblieb, das Heer\nmunkelte was, es schaute sich um die Beiden, die\numschlungen gingen wie David und Jonathan, und\ndisputierte über „ . noch gut gegangen .. . froh\nsein .... schief gehen können . . . mit dem Heere\nnicht passieren können . . . man geht nicht alleine\n. . . Schick holt Jeden . . . Zauberer Schick . . .\nunheimlicher Ort, das grüne Königreich.\"\nDer Knabe ging unter der Last des\nrers wankend wie ein Wähler vom Wahl-\nschoppen. Bei diesem Umschwung konnte er auch\nnicht klarer sehn, als ein Betrunkener. Oder war\ner wirklich ein Gescheiter geworden? das Mäd-\nchen meinte es ja.\nPlötzlich ließ ihn das Heer wieder los und\nrannte zum Froschteich hinüber, der Knabe ver-\nstand das sonderbare Treiben kaum besser als die\nSprünge eines Polizeihundes.\n— Aha! sie kamen von neuem angerannt unter\nlebhaftem Freudengeschrei und brachten diesmal\ndie Alten mit, der schwarze Knäuel an den Erlen\nlöste sich auf ihn zu auf. Schnell! er wurde als\nein vom Tode Auferstandener gefeiert. Sofort\nmachte er ein ganz verklärtes Gesicht zum\nZeichen, daß er wirklich den Blick ins Jenseits\ngetan hatte.\nEin regelrechtes Fest hatte das Heer, das\nganze Dorf, durch den Knaben. Der Froschteich\nwurde wie ein großer See geeist.\nDas war wohl die Ehrung, die Schick vom\nDorfe empfangen wollte. „Siehst du Schick, was\ndir durch mich widerfährt\", dachte der Knabe.\n— wenn Schick den Gedanken gekannt hätte, er\nwäre geplatzt vor Aerger! Diebstahl, Eisdiebstahl\nwar doch keine Ehrung! denn in jeder Scholle lag\nein großer Teil seines Vermögens. — Ob des-\nhalb der Knabe lachte?! Er mußte sich zusam-\nmennehmen, ein feierliches Gesicht, ein Leichen-\nbittergesicht, zu behalten.\nAlles kam und umdrängte ihn als Straßenereig-\nnis. Die Großen bogen sich weit über dem Schwer-\npunkt nach ihm, nur durch die Kleinen, die schon\nalle steife Nacken hatten, wurden sie gestützt.\nMan frug ihn tausend Fragen und er war doch\nganz einfach ins Krötenloch gefallen. Daß eine\nneue aera über ihn aufging, so viel verspürte er.\nEiner frug sogar, „war das Wasser frisch?\" und\ner hatte Gelegenheit, die teilnehmende Frage zu\nbejahen.\nAllen Fragen lieh er ein aufmerksames Ohr\nund gab auch auf die dümmsten Antwort, dadurch\nstieg seine Beliebtheit wie eine Goldaktie.\nUnd diese Aktie wäre gestiegen wie eine\nSternrakete, aber mitten aus dem Haufen hob ihn\neine gut gebaute Hand und setzte ihn auf die\nBank hinter den lisch zwischen seine sechs Ge-\nschwister, die alle teale Werte darstellten.\nSchon war das Mitleid mit dem „Bübchen\",\n„das heimgezogen wird und doch fast umgekom-\nmen war\", unter der Bevölkerung, so sehr war\ndie Liebe des Volkes plötzlich für ihn erwacht.\nDas schmeichelte jnd leckte wie eine Bärenzunge.\nNur einer grollte weiter gegen ihn, Schick, der\neinsam, neben draußen vom Dorfe, wohnte,\nSchick maß dem Knaben das ganze Elend seines\njetzigen Zustandes bei. Schon als die erste Eis-\nscholle weggenommen war, zog eine garstige\nKälte an seine Schultern, so tief er sich duckte\nund verbarg. Das Eis zerschmolz auf der Wiese.\nEr entdeckte allmählich, daß er bettelarm wurde.\nEr fing an, die Quelle zu vermissen, die wie ein\nSatyr an ihm vorbeisprang. Und das viele Wasser\nvom Eise fehlte ihm auch. Er knurrte „eine Pfütze\nist mir geblieben.\"\nEr machte das Gesicht der selbstverschuldeten\nArmut, das tiefe Falten auf der Stirne hat, die\ndem Unschuldigsten am meisten zürnen.\nUnd wenn er den Kopf hervorstreckte, so sah\ner das Dorf, das Haus, wo dieser Unschuldigste\nals Berühmtheit geehrt und gesucht wohnte. Er\nwarf den Kopf hoch gegen den Himmel und flehte\num Hundstage, daß das Häuschen in Flammen auf-\nginge vor sengender Hitze, aber der Himmelhund\nhörte ihn nicht. Da sah er die Erlen die Köpfe\ndrehen. Die Erlen wandten sich von ihm ab und\nwurden Kostgänger der Quelle.\nDa warf sich Schick wütend in sein Bischen\nWasser.\nEr verwünschte sich, daß er die Eiskönigin\nausgelacht hatte, weil sie nicht Rache an ihm\nnahm. Hätte sich nur die schöne Eiskönigin an\nan ihm gerächt! jetzt hattens die Bauern getan.\nEr wünschte den Knaben herbei, er müßte ihm\nhelfen. Der Knabe sollte den Stein vor der Quelle\nwegnehmen. Das Heer sollte ihn wegnehmen.\nAber kein Himmelhund und kein Erdenmensch\nhörte mehr auf ihn.\nDarum mußte ihm der Trotz vom Trotz helfen.\nUnd der hilft Jedermann gerne ins Unglück.\nSchick sprach: „viei besser lebe ich in der Pfütze*\nich kann mich dicker mit Schlamm überziehen und\nmich als Erdklumpen den Augen aller verbergen.\"\nAber die Augen fanden ihn doch und sahen\ndeutlich, daß Schick der häßliche Klumpen war.\nder Niemanden was Gutes sein Lebtag erwiesen\nhatte, nicht einmal dem Knaben.\nUnd der Bauer mit der Trottel sagte mit ganz\nscheuschiefen Kopf „ist das der Schick?\" Und\nSchick mußte sich ansehen und stupfen lassen von\nAllen. Und Jedem ging ein kalter Ekel durchs\nRückenmark, daß der beinahe den Gescheite-\nsten vom Ort geholt hätte.\n„Man sollte ihn zuschütten\", sagte schließlich\nder mit der Trottel und seine Augen kamen dabei\nheraus wie die Fühler der Schnecke . . . „im Som-\nmer hält mans nicht aus vor Mücken, wenn man\ndas Wasser so stehen läßt ... die Mücken saugen\nuns und unserem Vieh das Blut aus.\"\nEin „Stehwasser\" war der Froschteich\ngeworden, das Heer flüsterte untereinander laut,\ndaß ein Stehwasser das Gemeinste auf Erden sein\nmüsse. Und Schicks böse Blicke konnten flehen wie\nErbarmen, wenn er das mit lautem Herzklopfen an-\nhören mußte ... er wurde zugeschüttet.\nSteinvornehm war er gewesen und jetzt war\ner ein Bettler.\nEr hockte zuletzt wie ein verdurstender Krüp-\npel in der Gluthitze des heißen Sommers an der\nverlassenen Straße. Das Heer, dessen Dienste\nihm so geschickt gewesen waren, warf in den\nHundstagen ein viergliedriges Stück Leder herum\nund in dem Stück dürren Leders war ein ver-\nschrumpftes Körnchen gefühlloses Leben. Es\nwurde zerstampft von genagelten Stiefeln und\nAbsätzen wie in der Sandmühle und als Pulver im\nWinde zerstreut . . . Und bei dem allen sah der\nKnabe nicht einmal zu, so unwürdig war Schick.\nAm Sonntag Nachmittag, den Tag nach Schicks\nTode, saßen die Bauern in langen Reihen vor den\nHäusern. Und überall, wo einer zu einer Bank\ntrat, um sich dicht neben dem vierten als\nfünften auf die Ecke zu quetschen, spuckte er\naus, sah an den blauen wolkenlosen Himmel und\nmeinte: „Der Frosch ist verreckt\". „Ja, s' sieht so\naus\", bestätigte der rauhe Chor und ein dicker\nTabaksqualm zog dem Knaben unter das Fenster,\nhinter dem er einer neuen philosopischen Bear-\nbeitung seiner Sprichwörter oblag. Mm, schnub-\nberte er dabei als Dorfgötze den Duft des Brand-\nopfers ... so hat die Zigarre der Eiskönigin ge-\nrochen.\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-02-15_01#c016", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "131", "page_fin": "131", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.2.6", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Sophie van Leer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.11", "debut_caractere": 8537, "fin_caractere_exclue": 9226, "texte": "Gedichte\nSophie van Leer\nIch pflücke deine Schritte von den Straßen\nIn wildem Atem wehrt mein Herz\nDie Blumen weinen ihre Seele in den Tau\nDer Wald verträumt in deinem Schatten\nDie Tage fallen betend in die Nacht\nund sinken zwischen deinen Händen in\ndie Ewigkeit\n* *\n*\nSinge Meine Stimme\nDie See rauscht aus den Muscheln\nSpielesteinchen rieseln\nsind aus großen Bergen gebrochen\nSterne und Leuchtkäfer\nDer Mond küßt deine Träume\n* *\n*\nTief wachsen Häuser in die Erde\nAuf seinen guten Rücken nimmt das Reh die Welt\nUm seine großen Augen singt die Nacht\nDort steht der Mond\nDrei Himmel und der Sonnenschein\nDas Reh wölbt seine Glieder in die Wolken\nund seine Füße knieen sanft auf Gottes Tron"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-02-15-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-02-15_01#c017", "volume": "bmtnabg_1917-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "132", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.2.7", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.12", "debut_caractere": 107, "fin_caractere_exclue": 416, "texte": "Per Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Strafie 134 %\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr 1 Sonntags voi\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\n4cmatlicher Wechsel\n/\nNeunundvierzigste Ausstellung\nPaul Klee\nGeorg Muehe\nFiinfzigste Ausstellung\nSturm-Gesamtsehau\nEroffnung Sonntag den 4. 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Anmeldungei! wevden dort entgegen ge-\nuommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\nVortragsreihe 1: Lothar SQhreyer: Der Expressionismus\nin der Dichtung I Sechs Vortrage: 17. Januar,\n21. Januar, 14. Februar, 28. Februar, 14. Marz, 28. 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JHk >w :&',■ ■>/ VBSBRI MBt ffwii E&f WÜ\nÄ6*w*r,,lf I '■-s\":-'■'■iIBEIII 4HHHV 4HIHH|Hv\nMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag\nBerlin W9 / Potsdamer Straße 134 a\nHerausgeber und Schriftleiter\nHERWARTH WALDEN\nKunstaus stellun g\nBerlin / Potsdamer Straße 134 a\nSIEBENTER JAHRGANG\nBERLIN FEBRUAR 1917\nELFTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Weib / Komitragödie / Kurt Heynicke: Gedichte / Hermann Essig: Der Wetterfrosch / Sophie van Leer: Gedichte /\nPaul Klee: Zeichnungen: Mondaufgang / Gefangene Tiere / Tierseelen / Drama in der Kuhwelt / Schiffe, ein Schiff, Fisch Bastard\n\nPaul Klee: Mondaufgang"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.2", "texte": "Weib\nHerwarth Walden\n\nKomitragödie / Fünf Akte\nMädel\nDie Freundin\nDer Mann im Gehrock\nDer Gehilfe\nDer Bürger\nDie Frau Rat\nPförtner\nDie Kleine\nPolizist\nDer zweite Polizist\nDer Herr der Tagespresse\nDer Zeichner der Tagespresse\nDer Kellner\nDie Obstfrau\nStraBe\nMädel:\nFreundchen.\nDer Mann im Qehrock:\nSie wohnen hier?\nMädel:\nWas schenkst Du mir?\nDer Mann im Qehrock:\nSie sind sehr heiß.\nMädel:\nDie Wirtin hat mich rausgeschmissen. Ich habe\nnur das Trikot unter dem Mantel. !\nDer Mann im Qehrock:\nSie wohnen nicht hier?\nMädel:\nAlle Männer nehmen miclh auf.\nDer Mann im Gehrock:\nSie sind eine Jungfrau.\nMädel:\nGewesen, Freundchen. Schenk mir einen Apfel.\nDer Mann im Gehrock:\nUnmöglich. Ich habe keinen.\nMädel:\nNicht einmal einen Apfel willst Du mir\nschenken?\nDie Freundin:\nMach daß Du fortkommst. Die Polizei sucht\nDich.\nMädel:\nMan hat mir meinen Rock gestohlen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch werde mit der Polizei sprechen.\nMädel:\nLaß Dich nicht mit dem ein. Nicht einmal einen\nApfel will er mir schenken.\nDer Mann im Gehrock:\nMan kann nichts Unmögliches verlangen.\nDie Freundin:\nDas sagen die Männer immer, wenn sie ver-\nheiratet sind.\nDer Mann im Gehrock«:\nIch bin nicht verheiratet.\nMädel:\nHeiraten Sie nicht.\nDie Freundin:\nDer Polizist blickt um die Ecke.\nDer Mann im Geh rock:\nIch werde ihm ein paar Zigarren geben.\nMädel:\nUnd mir wollen Sie keinen Apfel schenken?\nDer Bürger aus dem Fenster:\nRuhe da unten!\nMädel:\nDen kenne ich. Er gibt immer zehn Mark und\nläßt sich sieben rausgeben.\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nUnerhört! Dazu zieht man in eine stille Straße.\nMädel:\nZiehen Sie doch um.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nMan kann nicht einmal das Fenster offen lassen.\nDie Freundin:\nMachen Sie doch die Ohren zu.\nDer Mann im Qehrock:\nJungfrau!\nMädel:\nKomm! Laß den Professor stehen.-\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nUnerhört dieses Benehmen.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nIch verstehe nicht.\nDer Mann im Qehrock:\nKann ich vermitteln?\nPolizist:\nHaben Sie eine Dame ohne Rock gesehen?\nDer Mann im Gehrock:\nEs ist dunkel.\nPolizist:\nIm Dunkel sehen mein Herr, das ist unser\nBeruf.\nDer Mann im Gehrock:\nDarf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?\nPolizist:\nDas ist ja ein Apfel Sie vergreifen Sich.\nDer Mann im Gehrock:\nIch habe mich nie vergriffen.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nIch begreife nicht, warum Sie den Mann nicht\nfestnehmen, Schutzmann.\nDie Frau Rat aas dem Fenster:\nSo, mein Moppel, daß Du mir aber gleich zu-\nrückkommst.\nPolizist:\nHunde müssen an der Leine geführt werden.\nDer Bürger aus dem Fenster:\nSo ein Hundeleben. Ich werde mich beschwe-\nren.\nDer Mann im Gehrock:\nIch esse nie Obst. Ich begreife nicht\nPolizist:\nDen Apfel nehme ich meiner Kleinen mit. Und\nnun geben Sie mal die Zigarre.\nDer Mond scheint ein Viertel.\nPolizist:\nDer macht ein kleines Gesicht.\nDie Frau Rat aus dem Fenster:\nMoppel! Moppel!\nDer Mann im Gehrock:\nFühren sie mich zur Wache. Ich habe den Rock\ngestohlen.\nZwei Fenster werden zugeworfen. Der Hund keift.\nMädel und Freundin treten aus dem Haus.\nDie Freundin:\nDer Mann mit dem Gehrock hat ihn einge-\nwickelt.\nMädel:\nSchade. Nun ist die Straße leer.\nDie Freundin:\nDie Alte war außer sich. Warum wolltest Du\nnicht mitgehen?\nMädel:\nEinen sanften Heinrich kann ich nicht ausstehen.\nIch brauche Liebe.\nDie Freundin:\nWenn nur gut gezahlt wird. Mich wollte er\nnicht. Und dabei brauche ich einen neuen Rock.\nMädel:\nEin Mantel ist praktischer.\nDie Freundin:\nDer Mantel der Liebe. Zum Aufdecken.\nMädel:\nSetzen wir uns aar das Geländer, bis einer\nkommt.\nDie Freundin:\nKeine Nacht kannst Du allein sein.\nMädel:\nEiner kommt immer. Ich sitze zu gern auf dem\nGeländer. Nur ein Apfel gehört dazu.\nDie Freundin:\nEin Sofa ist bequemer. Außerdem ist das lang-\nweilig. Außerdem kommt keiner.\nMädel:\nEiner kommt immer.\nDie Freundin:\nGute Nacht!\nMädel:\nGuten Morgen!\nDer Mond scheint auf das Mädel.\nMädel:\nGuter Mond, du gehst so stille.\nPförtner aus dem Haus:\n%•\nSie, gehen Sie mal da stille fort!\nMädel:\nIch werde Ihnen kein Loch ins Geländer sitzen.\nPförtner:\nMachen Sie keine Redensarten!\nMädel:\nDa nehmen Sie mich doch mit in Ihre Stube.\nPförtner:\nWas soll es denn kosten?\nMädel:\nSo ein schöner Mann.\nPförtner:\nKomm!\nDie Straße ist leer.\nDer Mann im Gehrock sucht durch das\nDunkel, setzt sich auf das Geländer.\nDie Obstfrau fährt durch die Straße.\nDer Mann im Gehroc'k:\nKönnen Sie mir einen Rock verkaufen?\nDie Obstfrau:\nSo ein anständiger Mann macht so gemeine\nWitze. Mit faulen Aepfeln sollte man nach Ihnen\nschmeißen.\nMädel aus dem Fenster:\nSie junge Frau, langen Sie mal ein Pfund rüber.\nPförtner aus dem Fenster:\nHeiß ist es. Da sitzt schon wieder einer. Sie,\ngehen Sie mal da fort.\nDer Mann im Qehrock steht auf.\nMädel aus dem Fenster:\nIch komme schon. Gute Nacht, August und schlaf\nDich aus.\nDie Obstfrau:\nIch kann mir doch hier nicht nen Ast in den\nBauch stehen für fünfzig Pfennig.\nDer Mann im Geh rock:\nHier Frau.\nDie Obstfrau:\nSowas ist mir noch nicht vorgekommen. Son\nfeiner Mann schickt seine Frau verdienen.\nDie Haustür schließt sich hinter dem Mädel.\nDie Obstfrau fährt um die Ecke.\nMädel:\nHat es lange gedauert?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte. Hier sind die Aepfel.\nMädel:\nAlle warten auf mich. Was soll icih mit den\ndummen Aepfeln? Komm, setz Dich zu mir.\nDer Mann im Gehrock:\nMan hat es verboten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.3", "texte": "Mädel:\nAugust erlaubt es. Mir ist alles erlaubt.\nWohnst du weit von hier?\nDer Mann im Gehrock:\nIch will Sie heiraten.\nMädel:\nViele Männer warten auf mich.\nDer Mann im Gehrock:\nIch will neben Ihrem Bett sitzen.\nMädel:\nDas ist mir zu langweilig. Außerdem weiß ich\nkeinen Tag, wo in der Nacht mein Bett steht.\nDer Mann im Gehrock:\nIch hatte Sie belogen. Ich hatte einen Apfel in\nder Tasche und habe ihn verweigert.\nMädel:\nWas reden Sie nur immer von den Aepfeln.\nKommen Sie nach Hause.\nDer Mann im Geh rock:\nNach Hause\nMädel:\nIn Ihr Haus. Oder wollen wir die ganze Nacht\nauf dem Geländer sitzen. Nein, ich habe meinen\nMantel vergessen und August wird fest\nschlafen.\nDer Mann im Gehrock zieht seinen Geh-\nrock aus.\nMädel:\nNein, wie komisch Sie in Hemdsärmeln aus-\nsehen. Und Röllchen tragen Sie?\nDer Mann im Gehrock:\nWas verstehen Sie unter Röllchen?\nMädel:\nKomm, Kleiner. Ich werde Dir das feine Leben\nbeibringen. Warum ziehst Du denn den Rock\naus, ist Dir schon zu heiß?\nDer Mann ohne Gehrock:\nDer Rock soll Sie decken statt Ihres Mantels.\nMädel:\nMeine Beine können sich sehen lassen, aber\nIhre Röllchen nicht. Komm, kleiner Christus.\nWohnst Du weit?\nDer Mann ohne Gehrock:\nIch wohne am Ende der Straße auf dem Feld.\nMädel:\nKann man bei Dir die Sonne aufgehen sehen?\nDas wäre fein. Das habe ich schon lange auf\nmeinem Programm.\nDer Mann ohne Gehrock:\nIch werde Ihren Schlaf beschützen.\nMädel:\nIch schlafe nie vor Sonnenaufgang. Außerdem\nbrauche ich keinen Schutzmann.\nPolizist:\nDa Ihaben wir ja die Person. Na und Sie hat\nsie schon bis auf den Rock ausgepowert.\nMädel:\nAber Schutzmännchen, der kleine Christus\ngeniert sich doch für mich.\nPolizist:\nKommen Sie mit, los.\nMädel:\nWohnst Du weit?\nPolizist:\nMachen Sie keine Witze im Amt.\nMädel:\nZieh doch dein Amt aus. Du hast einen so schönen\nSchnurrbart. Der muß sich herrlich küssen\nlassen. Sei lieb, Wilhelm.\nPolizist:\nWoher wissen Sie denn meinen Vornamen?\nMädel:\nDas ganze Revier kennt doch den schönen\nWilhelm. Und nun sei lieb und nimm mich mit.\nIch bin sehr müde.\nPolizist:\nDrei Uhr. Jetzt hat mein Kamerad die Runde.\nIch brauche nichts mehr zu sehen.\nMädel:\nSieh mich an, Wilhelm, bin ich nicht schön\nund lieb.\nPolizist:\nSie müssen nicht glauben, Herr, Herr Professor,\ndaß ich unsittlich bin. Ich bin stets korrekt\nim Amt.\nMädel:\nJetzt hat aber seine Stunde geschlagen.\nPolizist:\nDer Herr wollte doch mit Dir gehen.\nMädel:\nDer Herr wartet. Nicht wahr? Oder Du gehst\nschon immer zum Feld. Der Wilhelm hat so\nschweren Dienst. Alle Menschen müssen fröh-\nlich sein. Du bist gewöhnt zu warten.\nDer Mann ohne Gehrock:\nWo soll ich warten?\nMädel:\nSetz Dich auf das Geländer. August erlaubt es.\nEhe Du Dir den Rock angezogen hast, bin ich\nwieder zurück.\nDer Mann mit dem Gehrock in\nder Hand:\nSie werden sich in der Morgenluft erkälten.\nMädel:\nVerliere die Röllchen nicht. Ich komme bald.\nKomm Wilhelm.\nPolizist:\nNichts für ungut, Herr Professor. Donnerwetter,\nda kommt der Kamerad.\nDer zweite Polizist:\nMorgen, Kamerad. Schöne frische Luft.\nPolizist:\nIch muß die Person abführen und dann ins Bett.\nDer zweite Polizist:\nWas hats denn gegeben?\nPolizist:\nUnsittliche Aufführung.\nDer zweite Polizist:\nEine hübsche Person. Man könnte ein Auge zu-\ndrücken.\nMädel:\nNicht wahr, Herr Wachtmeister. Und ich drücke\nihm das andere zu.\nPolizist:\nKommen Sie, Fräulein.\nDer Himmel zwinkert.\nDer zweite Polizist:\nNa, Männeken, etwas übernommen? Worauf\nwarten Sie denn?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte auf meine Braut.\nDer zweite Polizist:\nDie ist wohl in der Brautnacht?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nWarten Sie nun so schon lange?\nDer Mann im Gehrock:\nMein ganzes Leben.\nDer zweite Polizist:\nEtwas zu früh verlobt, mein Lieber. Ist sie hier\nim Haus?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nSie scheinen auch ein solider Vegetarier zu sein.\nDabei sind Sie ganz anständig angezogen. Was\nsind Sie denn sonst, wenn man fragen darf?\nDer Mann im Gehrock:\nBotaniker.\nDer zweite Polizist:\nSie kleben so die Blumen auf Papier. Eine\nhübsche Beschäftigung. Das habe ich in der\nSchule auch gern gemacht. Bringt denn das\netwas ein, wenn man fragen darf?\nDer Mann im Geh rock:\nIch bin nicht ganz abhängig.\nDer zweite Polizist:\nDann würde ich auch lieber Blumen kleben.\n'Aber was machen Sie denn hier nachts auf der\nStraße? Sie werden sich doch nicht an fremden\nBlumen vergreifen?\nDer Mann im Gehrock:\nIch habe mich nie vergriffen.\nDer zweite Polizist:\nMich geht es ja nicht an, aber ich würde doch\nan Ihrer Stelle lieber auf das Feld gehen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nWo haben Sie denn die Trommel?\nDie Haustür wird aufgeschlossen.\nDer Pförtner in Hemdsärmeln:\nMorgen, Herr Wachtmeister. Seihöne frische\nLuft. Na, Sie warten noch immer. Ihre Kleine\nist schon längst fort.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer Pförtner:\nDie Kleine hat ihren Mantel vergessen. Warten\nSie, Sie können ihn ihr mitnehmen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDer zweite Polizist:\nSie scheinen sich eine merkwürdige Pflanze ge-\nklebt zu haben. Mich geht es eingentlich nichts\nan, aber als Botaniker würde ich mehr auf Ord-\nnung halten.\nPförtner an der Tür:\nHier ist der Lumpen. Nicht mal auffangen\nkönnen Sie.\nDer Mann im Gehrock:\nIch danke Ihnen im Namen der Dame.\nPförtner:\nHerr Wachtmeister, trinken wir einen kleinen\nFrühschoppen?\nDer zweite Polizist:\nGemacht, vielleicht tut der Herr Botaniker mit?\nDer Mann im Gehrock:\nIch warte.\nDie Haustür wird geschlossen.\nDie Sonne zwinkert.\nMädel steigt aus der Droschke:\nAlso brav, daß Du solange gewartet hast. Hof-\nfentlich ist die Sonne noch nicht aufgegangen.\nSteig ein.\nDer Mann im Gehrock:\nHier ist der Mantel.\nMädel:\nIch dachte gar nicht, daß so ein feiner Mann wie\nDu mit dem August verkehrst.\nDer Mann im Geh rock:\nIch leide um Dich, Jungfrau.\nMädel:\nKeine Faxen, steig ein.\nDie Haustür wird geöffnet.\nDer zweite Polizist:\nNanu?\nMädel:\nWilhelm hat beide Augen zugedrückt. Nein, wie\nnett der August in Hemdsärmeln aussieht.\nPförtner:\nDu solltest mir erst im Gehrock kennen. Mit\nManschetten."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.4", "texte": "Mädel:\nDer Gehrock sitzt schon drin. Wiedersehn.\nDie Droschke fährt.\nDer zweite Polizist:\nAlso hat er doch nicht umsonst gewartet. Und\nder Wilhelm. Immer hat er die feinste Nummer.\nIch muß mir mal die Straße sagen lassen.\nDer Bürger in der Haustür:\nGuten Morgen!\nPförtner:\nGuten Morgen, Herr Direktor. Wieder zur Kur,\nHerr Direktor?\nDer Bürger:\nBrunnen wirkt nur in der Frühe. Uebrigens\nPortier, heute Nacht war ein Lärm auf der\nStraße, wie es sich für eine anständige Straße\nnicht gehört. Nicht einmal bei offenem Fenster\nkann man schlafen. Ich werde die Sache bei\nder Polizei melden.\nPförtner:\nIch habe nichts gehört. Und hier der Herr\nWachtmeister\nDer zweite Polizist:\nIch für meine Person habe nichts vernommen.\nEs hat sich bisher auch niemand beklagt.\nDie Frau Rat in der Tür:\nMoppel, Moppel!\nDer Bürger geht über den Damm:\nGuten Morgen, Frau Rat. Was macht Ihr Herz?\nDie Frau Rat:\nGuten Morgen, Herr Direktor. Moppel, Moppel!\nWas einem die Hunde das Leben verbittern.\nDer Bürger:\nEs ist ein Hundeleben. Dieser Lärm heute Nacht\nund mein Herz.\nDie Frau Rat:\nWas wollten Sie heute nacht sagen?\nDer Bürger:\nJa, denken Sie nur, Frau Rat, dieser Portier\nhat die Unverschämtheit zu behaupten\nSie gehen beide um die Ecke.\nPförtner:\nW7ie sich die beiden wichtig tun. Und dabei\nlangt es gerade nur zur Kur auf dem Kreuz-\nberg.\nDer zweite Polizist:\nWasser am Morgen! Lieber werde ich Bota-\nniker.\nPförtner:\nWas ist das, Herr Wachtmeister?\nDer zweite Polizist:\nWenn man an Blumen klebt, nee, Blumen an-\nklebt.\nDer Pförtner lacht.\nDie Sonne lacht.\nZimmer\nMädel:\nWar ich lieb?\nDer Mann im Gehrock:\nNun mußt du meine Frau werden, sonst finde ich\nkeinen Frieden mehr.\nMädel:\nIch heiße übrigens Friedel. Wie heißt Du?\nDer Mann im Gehrock:\nAugust Wilhelm.\nMädel:\nDu bist ja gleich zwei Männer stark. Das sieht\nman Dir nicht an. Dir fehlt nur die Uebung. Und\ndann mußt Du Dir den feinen Quivive ange-\nwöhnen. Keine schwarzen Hosen. Du bist doch\nkein Sargträger.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, ich liebe Dich.\nMädel:\nDas hat mir noch jedermann gesagt. Etwas an\nDir mag ich.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Dich liebe ich.\nMädel:\nDu bist stark, aber nicht grob. Noch etwas\nschusselig, aber das kommt von der ewigen\nKleberei.\nDer Mann im Geh rock:\nFriedel, wenn Du willst, gebe ich meinen Beruf\nauf.\nMädel:\nSammle ruhig weiter. Ich lasse mich doch nicht\nankleben.\nDer Mann im Gehrock:\nWie ich dich liebe, Friedel. Mein Name ist in\nder Wissenschaft sehr geachtet. Ein großer Er-\nfolg ist mir beschieden. Ich stehe in der Mitte\ndes öffentlichen Interesses. Dir will ich alles\nopfern, wenn Du mir bleibst.\nMädel:\nWas hast Du denn für eine Blume gefunden?\nDer Mann im Gehrock:\nLinne hat sich völlig geirrt.\nMädel:\nDen kenne ich nicht. Warum soll sich der arme\nMann nicht geirrt haben. Laß ihn doch. Sei doch\nnicht so. Wie leicht kann sich der Mensch\nirren.\nDer M{ann im Geh rock:\nFriedel, jedes Opfer bringe ich, unserer Liebe.\nIst es zu spät. Die Wissenschaft, die Presse be-\nschäftigt sich schon seit Tagen mit meiner Ent-\ndeckung\nMädel\nHat der Mann auch eine so nette Villa wie Du?\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Linne ist schon lange tot und war der\ngrößte Botaniker der Erde.\nMädel:\nUnd wenn Du ihn noch töter machst, bist Du\nder größte. Denn man zu! Kommst Du auch in\ndie Zeitung?\nDer Mann im Gehrock:\nDie ganze Presse beschäftigt sich mit mir.\nMädel:\nIch meine als Bild.\nDer Mann im Gehrock:\n)Ich soll auch gemalt werden.\nMädel:\nLaß Dir aber vorher den Vollbart abnehmen. Auf\nBildern sieht so was immer so gruselig aus.\nKannst Du mich nicht auch in die Zeitung\nbringen?\nDer Mann im Gehrock:\nDie Presse wird sich freuen, das Bild meiner\nFrau bringen zu dürfen.\nMädel:\nIch bin nämlich Künstlerin, mußt Du wissen, das\nandere mache ich nebenbei. Ich habe eine sehr\nschöne Stimme, hat neulich ein Versicherungs-\ndoktor zu mir gesagt. Er hat sich auch meinet-\nwegen den Vollbart abnehmen lassen.\nDer Mann im Gehrock:\nWie ich Dich liebe, Friedel. Werde meine Frau.\nDu sollst an die große Oper kommen, alle Welt\nwird Dich bewundern, Dich, meine Frau.\nMädel:\nIch gehe lieber an ein erstklassiges Variete.\nOhne Verhältnis ist das nicht möglich, wenn\nman nur ein bischen Stimme hat. Aber wenn\nDu mit der Presse gut stehst, können ja die\nLeute über meine Kunst schreiben.\nDer Mann im Gehrock:\nAlles, Friedel, alles was Du willst. Mein Gehilfe\nkennt einen Theaterkritiken\nDer Gehilfe:\nEin Herr von der Tagespresse wünscht den\nHerrn Professor zu sprechen.\nMädel:\nEin hübscher junger Mann. Guten Morgen, Herr.\nDer Mann im Gehrock:\nIch lasse bitten.\nMädel:\nJetzt wirst Du mich wegschicken. Ich lasse mir\nmein Recht nicht nehmen. Ich werde kein Wort\nsprechen, vielleicht kann der Herr gleich über\nmich schreiben.\nDer Mann im Gehrock:\nFriedel, Friedel, Du bist meine Verlobte.\nMädel:\nDarauf soll es mir nicht ankommen. Ist der junge\nMann immer bei Dir?\nDer Mann im Gehrock:\nMein Gehilfe.\nMädel:\nEinen hübschen Schnurrbart hat er. Keck sieht\ner aus.\nDer Herr der Tagespresse:\nGuten Morgen, Herr Professor. Ich komme wohl\nungelegen, Sie haben Besuch.\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte.\nDer Herr der Tagespresse:\nSehr interessant. Ich werde darüber eine kleine\nNotiz geben, wenn Sie gestatten.\nMäde'l:\nSchreiben Sie nur eine große, wir nehmen das\nnicht übel. Sie können auch mein Bild gleich\nbringen, ich bin nämlich Künstlerin.\nDer Herr der Tagespresse:\nSehr interessant. Wo sind gnädiges Fräulein\naufgetreten, wenn man fragen darf?\nMädel:\nIn Neu York. Schreiben Sie es nur gleich in die\nZeitung. Ich bin dort riesig beliebt.\nDer Mann im Gehrock:\nSie wollten etwas über meine Schrift gegen\nLinne wissen?\nMädel:\nLassen wir doch den alten Knaben. Wer inter-\nessiert sich für den? Hast Du Sherry zu Hause,\nAugust Wilhelm. Der Herr Redakteur trinkt\nsicher gern ein Gläschen.\nDer Herr der Tagespresse:\nGnädiges Fräulein sind zu gütig. Man bekommt\nschon Durst, wenn man soviel Papierstaub\nschluckt. Ist es nicht eigentlich sehr gefährlich,\nHerr Professor, immer so zwischen trockenen\nBlumen zu leben?\nDer Mann im Gehrock:\nLinne hat sich grundsätzlich darin geirrt\nDer Herr der Tagespresse:\nHerr Professor, das versteht das Publikum doch\nnicht. Die Hauptsache bleibt, daß Linne sich ge-\nirrt hat. Und ein Mann von Ihrer Autorität\nMädel:\nEr soll sich den Vollbart abnehmen lassen. Fin-\nden Sie das nicht auch, Herr Redakteur? Wir\nkönnen übrigens gleich zum Photographieren\ngehen.\nDer Mann im Gehrock:\nIch glaube doch, daß das Publikum ein Recht\nhat\nDer Herr der Tagespresse:\nGlauben Sie mir, Herr Professor, das Publikum\nhat gar kein Recht. Das Publikum hat sich nach\nder öffentlichen Meinung zu richten, die ich zu\nvertreten die Ehre habe. Das Publikum will No-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.5", "texte": "Paul Klee: Gefangene Tiere\n\nPaul Klee: Tierchen"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.6", "texte": "tizen. Das Publikum will das Bild. Das Publikum\nwill Ihr Fräulein Braut kennen lernen. Glauben\nSie einem alten Fachmann, der es gut mit der\nWissenschaft und mit Ihnen meint.\nMädel:\nDas Publikum will Künstlerinnen.\nDer Herr der Tagespresse:\nIhr Fräulein Braut verfügt über den gesunden\nMenschenverstand. Ihren Verstand in allen\nEhren, Herr Professor, aber Journalisten und\nKünstlerinnen wissen, wie es gemacht wird.\nHeute liegt es bereits auf der Hand, daß sich\nLinne geirrt hat, die Spatzen pfeifen es sozu-\nsagen vom Dache\nMädel:\nWie schön er spricht.\nDer Gehilfe:\nDer Kunstzeichner der Tagespresse wünscht den\nHerrn Professor zu sprechen.\nDer Herr der Tagespresse:\nAh, Kollege Schulze-Neufeld. Ja, die Tages-\npresse arbeitet. Glauben Sie mir, Herr Profes-\nsor, Sie hatten noch kaum die Fehler von Linne\nheraus, und schon waren wir bereit\nDer Zeichner der Tagespresse:\nHerr Professor. Guten Morgen, Kollege.\nMädel:\nDie Samtjoppe steht Ihnen. Zeichnen Sie mich\nnur gleich mit. Nicht wahr August Wilhelm?\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nSehr interessant. Vielleicht stellen wir eine\nGruppe.\nMädel:\nIch setze mich auf Deinen Schoß.\nDer Herr der Tagespresse:\nDas gnädige Fräulein ist nämlich Künstlerin aus\nNew York, Kollege.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nIch glaube nicht, daß solch eine Aufnahme im\nRahmen unseres Verlags\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Verlobte ist sehr jung.\nMädel:\nVierundzwanzig und nicht aus Dummsdorf. Sie,\nGehilfe, holen Sie Sherry. Hast Du Geld, August\nWilhelm?\nDer Herr der Tagespresse:\nWie Sie diese Naivität kleidet, gnädiges Fräu-\nlein. Sie werden die Sonne des Humors\nin unseres so allgemein verehrten Herrn Profes-\nsors Haus bringen.\nMädel:\nMachen Sie kein so verliebtes Gesicht, Kleiner,\nran mit dem Sherry, August Wilhelm wartet\nnicht länger.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nIch habe heute leider nur wenig Zeit, ich muß\nnoch sieben Professoren, neun Kommerzienräte\nund dreizehn Siebzigjährige für unsern Verlag\nzeichnen.\nMädel am Fenster:\nSieh mal, August Wilhelm, da geht Wilhelm.\nDer Mann im Gehrock:\nMeine Herren, die Arbeit wartet auf mich, viel-\nleicht können wir ein anderes Mal\nMädel:\nSchick doch die netten Leute nicht weg. Du ver-\ndirbst Dein Verhältnis mit der Presse.\nDer Herr der Tagespresse:\nUnser Beruf, gnädiges Fräulein, ist uns heilig.\nWir erkennen nur wirkliche Werte an.\nDer Zeichner der Tagespresse:\nMit Aufbieten unseres ganzen Talentes\nMädel:\nWarum Ihr Männer immer feierlich werdet,\nwenn man Euch hinter die Krawatte guckt.\nWickeln Sie sich man in ihr Zeitungspapier ein.\nDer Herr der Tagespresse:\nVielleicht darf ich zu einer gelegeneren Stunde\nMädel:\nVergessen Sie nicht, daß ich Friedel heiße.\nDie Herren der Tagespresse ziehen sich ergebenst\nzurück.\nDer Mann im Gehrock schweigt.\nMädel:\nNun?\nDer Mann im Gehrock:\nDu, meine Braut!\nMädel:\nDu fängst ja doch zu zanken an. Die Affen\nwaren mir zu affig.\nDer Mann im Ge hr o ck:\nHeilig will ich um meine Liebe leiden.\nMädel:\nEntloben wir uns. Bei der Feinheit gehe ich zu-\ngrunde. Ist ja alles Quatsch. Du machst Dich\nwichtig, weil sich der tote Mann geirrt hat, und\ndie machen sich wichtig, weil sie noch nicht\nwissen, ob Du Dich geirrt hast. Ich weiß, was\nich weiß. Denn ich habe alle Männer nackt ge-\nsehen.\nDer M< an n im Gehrock:\nFriedel, Du hast Recht.\nMädel:\nAber Du kannst es nicht vertragen, wenn ein\nanderer Recht hat.\nDer Mlann im Gehrock:\nEs ist schwer, Mensch zu sein.\nMädel:\nNachts sind wir gut, aber am Tage sollen wir\nschlecht sein. Nein, mein Junge, Dein Gehrock\nkann mir nicht imponieren. Ich gehe zu Wel-\nheim.\nDer Gehilfe:\nEin Schutzmann wünscht den Herrn Professor\nzu sprechen.\nMädel:\nMein Wilhelm!\nPolizist:\nHerr Professor, eine peinliche Angelegenheit\nführt mich zu Ihnen. Sie haben eine Person bei\nsich aufgenommen, die des Diebstahls bezichtigt\nwird.\nMädel:\nWilhelm, was Du für Töne redest!\nPolizist:\nDas ist die Person. Im Namen des Gesetzes, Sie\nsind verhaftet.\nMädel:\nFür Dich bin ich auch nur in der Nacht gut.\nPolizist:\nBenehmen Sie sich anständig, sonst muß ich Sie\nwegen Beamtenbeleidung anzeigen.\nDer Mann im Gehrock:\nIst es nicht mit Geld gutzumachen?\nMädel:\nMit Geld! Keinen Pfennig gibst Du dem\nHalunken. Erst saugen sie einen aus, geben\neinem nicht einen Pfennig und wenn man etwas\nbraucht, stecken sie einen ins Gefängnis. Ihr seid\ngemeiner als das Vieh!\nDer Mann im Gehrock:\nIch bürge für die Dame, Herr Wachtmeister. Es\nmuß ein Irrtum vorliegen.\nPolizist:\nDie Person hat in der Nacht einem Herrn eine\nServiette gestohlen.\nMädel:\nWenn ich doch keinen Bezug habe. Kann man\nverlangen, daß ich auf einem nackten Kissen\nliege? Ist das Gerechtigkeit?\nDer Mann im Gehrock:\nHier sind zehn Mark. Damit dürfte die Sache\nerledigt sein.\nPolizist:\nDas ist Bestechung, Herr Professor. Seien Sie\nfroh, wenn ich das nicht dienstlich melde. Ich\nhabe Sie zu verhaften. Kommen Sie, damit ich\nnicht Gewalt anzuwenden brauche.\nMädel:\nDas ist ungerecht. Gott wird Dich strafen,\nHalunke. Ihr nehmt mir, was ihr mir nicht gebt.\nIch schreie es in die ganze Stadt hinaus, meine\nServiette wollt Ihr mir nehmen. Mein ist sie,\ndenn ich brauche sie, wie ihr mich brauchtet, ihr\nalle.\nPolizist:\nFort mit Dir.\nEin Schrei klagt die Menschheit an\nFortsetzung folgt\n\nGedichte\nKurt Heynicke\n\nEiner Mutter\nAuf den Feldern des Todes wandelt deine Seele\ndeines Sohnes Weg ist mit Schmerzen getränkt\ndeine Tränen weinen die Nacht herein.\nViel sind deine Seufzer\nwie die weißen Blumen der Schrapnelle\nam Himmel\nMit deinen einsamen Stunden spielen\ndie Granaten.\nDer Tod singt die Welt,\nder Tod ist all deine Liebe,\nviel Sonne braucht dein graues Haar.\nDeine Söhne sind Halme der Welt\ngefallen der fremden Sense.\n\nHändefassen\nWind aus den Rosengärten\nlöscht deine Schmerzen aus.\nSonne hat unser Haus aufgetan\nweile in meinem glänzenden Zimmer.\nStelle dein Seelchen in die Vase mit hellgrünen\nBirken\nzage will ich Wächter sein.\nSchimmer und Schein ist alle Welt\nrot und golden alle Stunden erhellt\nfern hergetragen in das Nun.\nWeile vor mir.\nMorgen verschlingt uns der jegliche Tag.\nHeute nachtigallen noch alle Sterne.\nWind aus den Rosen will mit uns reden.\nDuftreich entbliihn wir uns in den Schoß.\n\nErhebung\nHeb dein Herz ins große Schweigen\nStunden neigen dämmerhaft ihr Abendangesicht.\nHebe deine Augen unerschöpflich in das Licht.\nSterne beben erdenwärts in unsre Brust.\nDurch das Tor des Abends sind wir heimgeführt\ngoldne Wolken haben unsern Schuh geziert\nglühend ist ein Rausch zur Welt gestiegen.\nDen Weg der Sterne wandeln unsre Schritte nach,\naus gottgepflügter Scholle blüht ein Baum\nins Licht.\nmit tausend Früchten ist sein Laub gesegnet.\nWir sind Korallen, die im Meere träumen.\nWir sind ein Reh, das nachts dem Mond begegnet.\n\nGedicht\n\nIch bin vom Meere trunken\nmeine Seele tönt im Meer."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.7", "texte": "Paul Klee: Drama in der Kuhwelt\n\nPaul Klee: Schiffe, ein Schiff, Fisch Bastard"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.8", "texte": "Ich bin der Himmel in ihm.\nMeine Hände fülle ich mit Sonne\nhin zu dir.\nEine Menschenbrust klingt:\nIch bin das Meer zutiefst\nin dunkelgrünem Grunde schlummerhaft\numschlossen\numflossen\nvon dem tiefen Glanz der Ewigkeit\nIch bin.\n\nGedicht\nEin Meer ist mein Blut.\nAn deines Leibes Küsten brandet laut das Meer.\nIch bin ein Schiff.\nUnd bin von Knabenträumen schwer.\nEin Glockenton verfliegt in unserm Haar,\ndie Sonne glutet tief in uns hinein,\nes blüht ein Baum für unsre Liebe.\nIn unsern Garten fällt ein neuer Traum.\nHoch blüht der Baum in unserm Garten.\nDie weißen Wege münden hell in deine Brust.\nDu leuchtest.\nUnd die Stunde singt.\nAus allen Himmeln senkt sich blaue Luft.\n\nHerbst\nDie Monde sind von Schweigen schwer\nDie Sterne stieren kalt und herbstlich aus\nder Nacht.\nIm Gang der Stunden werden die Gedanken alt,\nleer wehen sie aus nackten Wäldern gram\nund weh.\nEin Sommerabendtraum verlischt im Nebelrauch\nauf trüben Gräbern schrickt ein Hauch,\nund schreit ein schwarzer Vogel Nacht und\nSchatten auf uns beide.\n\nDer Wetterfrosch\nHermann Essig\nEs nahte der Morgen. Der Froschteich glänzte\nhell vom grellen Morgenrot und schielte wie das\nAuge eines gefräßigen Drachens nach dem Dorfe,\naus dem ein kleiner Knabe mit seinen Schlitt-\nschuhen herauskam.\nIn den Ställen rasselten Ketten und standen die\nKühe auf, sonst war alles ganz still. In der Dorf-\ngasse Niemand. Das Heer war brav und schlief\nmit Engelsköpfen. Unter den Füßen des Knaben\nknackten ein paar milchweiße Pfützen auf und\nschmutziges Wasser drang hervor, das war die\nerste Spur der Veränderung der Natur durch die\nMenschen. Kälte und Morgenwind streichelten die\nweißen Giebel und dunklen Dächer und rutschten\ndurch den Winkel zwischen den hohen Scheunen,\nmanchmal ein dünner Rauch stieg aus den Ka-\nminen, die den Himmel anguckten wie Sterndeuter\nund ihn über sich blanker werden ließen.\nDer Knabe nahm sich aus in der Stille wie\nein zu früh aufgescheuchter Vogel. Draußen auf\nden Wiesen war's wilder, da war's wie frische\nVorzeit, da kämpfte das Tier mit dem Sauerstoff\ndem Ernährenden und dem Stickstoff dem Er-\nstickenden. Das hatte noch immer keine Feder-\nbetten und kannte das Lachen nicht besser als\nvor Tausenden von Jahren, das griff der Aether\ngleich an wie damals, an Federn und Fell. An den\nErlen drüben am Froschteich hatten die Raben\neinen Lärm wie eine Volksschule ohne Aufsicht,\nsie flogen gestört auf, als der Knabe näher kam\nund lärmten wo anders.\nSchick nahm's wahr, er begab sich in eine\nKörperlage, in der er lange ruhig ausharren\nkonnte . . die Freude der reuigen Umkehr des\nKnaben hatte er gestern gehabt, heute . . es kam\nihm nicht darauf an, seinen Bauch als Lumpen-\nsack bereit zu stellen.\nRingsum war Halbdunkel und langsames Auf-\nwachen, in dem Knaben war muntere Regung. Er\nhatte die Schlittschuhe hervorgeholt und wollte\nsich zeigen, vor sich selber und vor Schick, der\nihn nur als elenden Stümper kannte. Er hob seine\nSchlittschuhe, sein Paar erprobte Eissegler, gegen\nden Himmel „Silber oder nicht Silber, sie haben\nmich weit getragen\".\n— Aber das kränkende Gefühl, daß das Mäd-\nchen ihn als Minderwertigen taxiert hatte, für den\nEisen genügt, senkte lähmend seinen Arm; was\nfür traurige Andere werden's gewesen sein, die\nsilberne bekommen hatten! So redete es in ihm\nfort. Aus Kraftbewußtsein oder gar aus Eifer-\nsucht? War's denn nicht einerlei, ob man mit\nSilber oder Tombak in den Tod mit der Eiskönigin\nfuhr? Hatte er denn schon eine Ahnung von Rit-\nterminne? Einfach. Er war in dem Stück „Ge-\nnosse\" und forderte „Gleichheit\". Daß er ja einen\nVorzug vor den „Versilberten\" besaß, bedachte\ner nicht. Er war „Genosse\".\nMit einem verachtenden Zuoken um die Lippen\nließ er die Eisen aneinander klirren und sah . . .\nauf sie hinab ... sie waren Silber. Es grieselte\nKälte von seinem Kopf hinab bis zur Zehe. Er\nstand still und das Mädchen sah ihn an mit ihren\ngroßen schönen Augen und sagte „gehe nicht\nwieder zum Froschteich\".\nEr hatte Hände so kalt wie Schick ... er\nfühlte Ekel vor sich . . Er fühlte, Schick hatte ihn\nbelogen, aber die Wahrheit gesagt. So irr war\nseine Ueberlegung. Er mußte hin zu Schick, weg\nvon dem Mädchen, sie war eine Falsche!\n„Deine Schlittschuhe blitzen im hellen Morgen-\nschein Silber! . . . . sie sind Silber\" hielt es ihn\nan ... er taumelte zu Schick. Der schwache\nFingerzeig war vergeblich, er war gedeutet wie\nin die unendliche Ferne, die die Welten zusam-\nmenrückt zu Schimären und Sternbildern. Er\nkonnte nicht unterscheiden.\nEs sprühte Silber, es sahen's die Erlen, es\nsah's alles, es sah's die Quelle und nahm das\nBeitzen mit fort und rannte geängstigt um den\nKnaben zum Mädchen an den großen See. Der\nKnabe stand vor dem Teiche.\nWieder in dem quälenden Gefühl' „er paßte\nnicht mehr dahin\". Er war etwas Erhabeneres ge-\nwöhnt. Der Froschteich war eine große zuge-\nfrorene Waschwanne, und der See war eine freie\nhelle Ebene. Trotzig und einmal da, sprach er in\nsich, setzte sich wuchtig und warf die Schlitt-\nschuhe neben sich: „Ich will's tun, was du haben\nwillst, aber wenn ich einmal hinfliege, schlage\nich deinen Glaspa'l'ast in tausend Fetzen\", preßte\ndie Kiefer aufeinander und zog mürrisch die glanz-\nlosen Dinger an. Er saß und machte fest.\nNachdem sie angeschraubt waren und festge-\nschnallt, machte sich der Geist der Arbeit breit,\nder Trotz vergaß weiter zu murren, und die wich-\ntige Absicht, das Möglichste zu leisten, machte\nkeine Erwägung mehr zwischen den Mitteln. Der\nGeist der Arbeit faßt überall gleich zu, ob er in\ndie Tiefen der Erde oder auf die Spitze eines\nKirchturms gerufen ist. — Der Knabe prüfte das\nEis.\nDaß ihn der Frosch, wie er jetzt den Fuß an-\nsetzte, nicht begrüßte, war nichts zum Verwun-\ndern, klarerweise war's seine Sache, stillschwei-\ngend das alte Verhältnis wiederherzustellen. —\nEin Bischen dünn! so kurz vor dem Frühjahr war\nnicht mehr zu verlangen ... ich weiß nicht, —\ndoch fast zu dünn! ... es biegt sich durch —.\nEr hing an den Erlenzweigen. Die Erlen halfen\nmiteinander zusammen und hielten den Knaben\nfest, damit er ruhig prüfte.\n„Jetzt kommt's auf . . . daß du nichts kannst\",\nertönte eine Stimme aus einem verbundenen\nKopfe. — Weil's wärmer war und dekorierte, be-\nhielt der Heerführer die Binde bis in den Hoch-\nsommer hinein um.\n„Warum gehst du denn auf's Eis, solang noch\ndas Käuzchen schreit? . . damit's Niemand sehen\nsoll, wie du bloß davor hinstehtst, solang bis du\ndeinen Zauberspruch gemurmelt hast, der dann\n„Schlittschuhgelaufen\" heißt? . . . nachher wärst\ndu durch's Dorf gelaufen, „ich war heute morgen\nschon auf dem Eise\" . . . s'ist nur gut, daß Ich\nbin ... Du mit deinen Matrosenkleidern . . . Da-\nvor hinstehen kann ich auch. Da steh ich. O du\nKünstler!\", der ungewaschene Heerführer fuhr\ndem Knaben durch die gekämmten Haare. „Ver-\nlogen ist die Geschichte mit dem großen See,\nmit dir wird wohl auch eine Eiskönigin fahren, halt\nuns nicht für so dumm!\"\n„Jawohl ist sie gefahren.\"\n„Man sollte dich beim Lehrer anzeigen, daß du\nlügst.\"\n„Ich lüge doch nicht.\"\n„Dann beweis es uns, Ich bin da . . . vor mir\nkannst es ja beweisen.\"\n„Ich trau nicht, ob's auch halten wird\", zagte\ner den Heerführer an. Warum mußte der auch\nkommen! er konnte nicht einmal mehr ruhig\nprüfen.\n„Halten. Da.\" Der Heerführer trat vorsichtig\nan den Rand und wippte bedächtig mit seinem\nFuße. „Trägt mich's nicht? und ich bin schwerer\nals du.\"\n„Aber mit den Schlittschuhen trau ich nicht.\"\n„Ueberleg einmal, mit den Füssen stehst du\nmit der ganzen großen Fläche auf dem Eise, auf\nden Schlittschuhen nur mit einer dünnen schmalen\nSchiene, berührst das Eis im Vergleiche überhaupt\nnicht. Wann ist's wohl schwerer, mit den Stiefeln\noder mit den schmalen Schlittschuhen?\"\n„ha ... mit den Stiefeln\" .... „Das Gefühl\nhabe ich zwar anders.\"\n„Dein Verstand ist gut,, aber dein Gefühl ist\nein EseL\"\n„Ja, du hast gut reden, du hast sie nicht an.\"\n„Ich ziehe sie gleich an, wenin du sie mir\nborgst .... gieb.\"\nDer Knabe traute nicht, auf diese Art trachtete\nihm der Heerführer die Schlittschuhe zu entwen-\nden. Jedoch. Gab er sie nach der Aufforderung\nnicht her, zog auch nicht los, so setzte es\nPrügel, das sagte ihm sein eselhaft gescheites\nGefühl.\nDer Heerführer und — noch einer, Schick —\nlauerten auf den Augenblick, mäuschenstille.\nDer Knabe hing an den straffen Erlenzweigen,\ndie Erlen hielten ihn fast bis zum Abreißen. Mit\neiner Hand ließ er kurz los, dann faßte er\nwieder an.\n„Du mußt nur nicht stehen 'bleiben, sondern . .\nimmer dich bewegen, dann wird's nicht so sehr\nkrachen.\"\n— Der Knabe sah noch einmal unschlüssig nach\nallen Seiten. Er wußte, er hatte furchtbare Angst.\nEr blickte aufs Eis, ob nicht der Frosch zu sehen\nwäre, aber Schick hatte sich versteckt, er war\nsich heute selbst zu wüst. —\n„Du zitterst ja, laß doch los ... du reißt ihnen\neinen ganzen Zopf aus.\"\n— Der Knabe blickte hilfesuchend zu den Erlen\nhinauf, ob sie's ihm verzeihten, wenn er den Zopf\nausrisse. Die Erlen gaben ihn gerne her."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.9", "texte": "„Wenn er abreißt, dann stürzst du platterlängs\nin den Teich, folge mir. Laß los!\"\nWenn das Mädchen da wäre, hätte er eher\nden Mut, dachte der Knabe.\n„Ewig kannst du nicht da hängen, ich muß\nheim, mein Vater wartet\", sagte der Heerführer\nund tat wie Weggehen.\n„Bleib doch da! ... ich laufe jetzt\", er schämte\nsich, daß er vor dem Heerführer so gezittert hatte,\nwas würde der für Schande über ihn ausstreuen.\n„Dann wollen wir sehen . . . aber ich kann\nnicht mehr lang warten.\"\nEs gab nur noch eins, er vertraute Schick als\nFreund, der ihm Eis versprochen hatte und das\ndarum schon halten mußte. Schick ließ sich jetzt\nauch sehen, er nickte freundlich. Der Knabe\nwurde zuversichtlich und . . . zog aus, hinein in\nden Teich.\n„Eisrkönig\", schmeichelte der Heerführer.\nAber er schmeichelte nicht lange, dem Knaben\nkam eine fadendünne Stelle, ein mit einem Men-\nschenhäutchen überzogenes Loch entgegen.\n„Eiskönig, Eis . . .\", es klirrte als träte er in\nein Frühbeet sank der Knabe ein, zerrte und\nwollte heraussteigen.\nEr sank tiefer und bald führte er allein einen\nheißen Kampf gegen Versinken und Einbrechen,\ner mußte ertrinken, der Heerführer verschwand\nim Winkel zwischen den Scheunen und war ganz\nstill.\nDer Knabe schlug heftig um sich und machte\nrückende Schritte gegen das zertrümmerte Eis,\naber jeder Schritt brachte ihn tiefer. Er fühlte,\nwie der Frosch ihn am Beine hinabzog in den\nSchlamm. Er versuchte mit dem Fuße nach\nSchick zu stoßen, aber er hing ihm daran wie\nschweres Blei und auf einem Bein sank er noch\ntiefer ein. Er blieb ruhig stehen und sah sich nach\neiner Rettung um, er drehte sich nach einer\ndickeren Eisstelle, er wollte sich darauf stützen\nund herausheben, aber er platschte nach vorne in's\nWasser und hatte Mühe, wieder auf die Beine\nzu kommen. Er brüllte um Hilfe.\nNiemand kam auf sein Schreien, als die Sonne,\n— langsam daß sie Niemand wachkitzelte, der\nden Knaben hören konnte.\nEs fing an, um ihn zu tanzen und sich zu\ndrehen wie ein Brummkreisel und der Gestank\ndes Wassers trat an seine Nase und Sichleim\nzog durch die feine Linie zwischen seinen Lippen.\nÖffnete er die Augen, so dehnte sich in flimmern-\ndem Schimmer ein großer See vor ihm aus.\nWie er die Augen zum letztenmal schloß, war's\nwie des Mädchens Hand, die ihn führte, hinaus\nin den See, bis die Ufer versdhwanden und er\nallein stand. Dann war er wie in einem finster\nabgeschlossenen Fahrstuhl, der in die Tiefe sauste\nund anhielt. Er wurde an den Füßen fest ge-\nbunden mit langen Tangen an versunjkenen\nBaumwurzeln, Schick selbst band ihn mit scheuen\nBlicken nach den Furien fest.\nSchick kannte den Fischerknoten, das Ge-\nheimnis dieses Knoten hatte er von einem betörten\nFischer, dem er Goildfische dafür versprochen\nhatte. Er zog gerade das lange Ende durch die\nSdhlinge und sah zu, welch lieblicher Knabe, er\nsah ihm zum erstenmal ohne gebrochene Strahlen,\nin der Schlinge schaukelte, da kam von hinten\nein großer schwarzer Schatten, wie die Flügel\neines ägyptischen Storches über ihn, er kreuzte\ndie Augen über die Schultern und sah einer bild-\nschönen Furie ins Gesicht, daß ihm der Tang ent-\nglitt, und er den nach oben sausenden Fahrstuhl\nnicht aufhalten konnte. Er konnte ihm nur das\nstaunende Maul nachsenden, das ihm bei der Ge-\nschwindigkeit des Entschwindens seiner Beute,\nklicks klacks, durchschnitten war und heftig\nbrannte.\nSchick war gezeichnet. Sein ohnehin breitge-\nsägtes Maul hatte einen Schnitt quer wie von\neiner Sense. Mit diesem Maule wollte er sich be-\nschweren, er schwamm nach oben, ein Schimpf-\nwort auf der Zunge.\nDas Schimpfen verging ihm jedoch, als er die\nEiskönigin am Ufer sitzen sah, die den Knaben\nim Schosse liegen hatte. Der Knabe umklammerte\nnoch ihre Hand wie ein erstarrter Toter. „Meine\nSchlittschuhe sind hart, ihre Härte ist echt\", hörte\ner die Eiskönigin sagen, darum tauchte Schick\nlieber wieder und versteckte seinen Schmiß.\nSchick drückte sich in eine dunkle Ecke und\nwar froh, wenn ihn die Eiskönigin in Ruhe ließ.\nEr hatte die Härte der Schlittschuhe verspürt und\nfürchtete sich vor Schlimmeren. Sie konnte sich\njetzt an ihm rächen.\nAber die Eiskönigin rächte sich mit Milde,\nSchick war ihr viel zu schmutzig. Der Frosch war\ndamit sehr einverstanden, sein Leben war ihm so\nteuer und kostbar. Sterben war für ihn etwas\nSchreckliches, andere morden, etwas Herrliches.\nEr zählte den Weggehenden die Schritte nach,\nbis er dachte, sie werden nicht mehr umkehren.\nDann aber lachte er dem Mädchen höhnisch nach,\ndaß es ihren treulosen Knaben beim Gehen stütze,\nund es werde wissen, warum es ihn, Schick,\nschone und Schadenfreude und Hohn wollten\nnicht enden.\n„Gehn wir in deine Hütte?\" fragte der Knabe,\nals sie dem See näher kamen.\n„Ja, da will ich dir den Kopf waschen\", er-\nwiederte das Mädchen.\nDem Knaben wurde bang, ob er nicht klüger\ndie Feuerzange seiner Mutter gewählt hätte, als\ndas Kopfwaschen im großen See, sie werde ihn\ngewiß mit Seife und Wurzelbürste scheuern. Aber\ner war zu erschöpft, er trottete nun eben mit. —\n„Hörst du den Frosch lachen? hörst du? das be-\ndeutet ein großes Unglück für uns, wir dürfen\nnicht miteinander gehen\", und wollte sich los-\nreißen.\nDas Mädchen hielt ihn diesmal fest. „Laß ihn\nlachen, er ist mir viel zu albern. Nur die, welche\nsich um ihn kümmern, haben den Schaden davon.\"\nWeiter sagte sie nichts, aber der Knabe\nwußte, wie's gemeint war. Er war zu schwach,\num sich zu entschuldigen. Er konnte sich's auch\ngar nicht zusammen reimen, wie's so schlimm ge-\nkommen war. Er sagte immer nur „wenn das\nEis dicker gewesen wäre\"!\n„Sei jetzt stille, warte bis wir daheim sind\",\nsagte es dann.\n„Wenn das Eis dicker gewesen wäre\" sagte\ner noch einmal, als er mit (hartgefrorenen Klei-\ndern in die Hütte trat. Es ilag ihm daran, den\nbevorstehenden Auftritt abzuschwächen.\n* *\n*\nIn der Hütte lagen lauter schöne weiße\nSchwanen, die vor dem Mädchen aufstanden und\ndie Hälse vor ihr neigten. — Das Mädchen war\ngewiß auch ein Schwan.\nDas Mädchen lachte laut auf, weil sie der\nKnabe daraufhin prüfte. Sie scheuchte die Schwa-\nnen hinaus und breitete das Stroh auseinander. —\nIm Hinausgehen sagten die Schwanen, sie soll\nleise sein und nichts verraten, alle machten\nss sst. —\nSo da kannst du darauf liegen, sagte jetzt das\nMädchen und schüttelte das letzte Bund besonders\nkräftig auf. — Das Mädchen verwandelte ihn ge-\nwiß in einen Schwan. Warum anders soillte er\nstatt denen Platz nehmen?\nSie lachte wieder hell auf, als der Knabe\nzögerte. Und unter Lachen forderte sie jetzt den\nKnaben auf, seine Kleider auszuziehen. Sie dachte,\ner wird's nicht tun aus Furcht, er werde zum\nSchwan . . . Was? das tat er! sie erstaunte. —\nWenn ich keine Kleider anhabe, wo soll sie dann\nzur Verwandlung die Federn hernehmen, sagte\nsich der Knabe. —\nDer Knabe mußte sich die Kleider vom Leibe\nreißen, sie waren festgebacken. Und das Mädchen\nmußte kräftig mit ziehen helfen. Manchmal schrie\ner auf, wenn ein Stückchen Haut angefroren war,\nda lachte sie ihn aus. Schließdich brachten sie die\nArbeit mit vereinten Kräften zu Ende, der Knabe\nmußte sich hinlegen, und das Mädchen deckte ihn\nschnell mit Stroh zu, dann nahm sie einen Rechen\nvom Nagel und holte die vielen warmen Federn\nvon den Schwanen zusammen und schüttete sie\nunter freudigem Lachen über den Knaben, der\nschrie „ich erstick . . ich erstick.\"\n„Ersticke nur\", foppte sie ihn, „besser hier als\nim Froschteich\".\n„Sei froh, daß ich noch am Leben bin\", stöhnte\nder Knabe, die Federn lagen ihm vor den Nasen-\nlöchern.\n„Was! an dir soll man auch noch froh sein?\",\nfoppte das Mädchen weiter.\n„Ich hätte ja auch sterben können\", schluchzte\njetzt der Knabe.\n„Weine doch nicht ... du Lieber\", beugte sich\ndas Mädchen zu ihm nieder und küßte ihn. Der\nKnabe weinte darum noch stärker.\n„Oh, oh, wenn du wüßtest, wie er mich ange-\nbunden hat\", schluchzte er.\n„Sei doch still, du bist jetzt bei mir\". Tränen\ntraten ihr in die Augen.\nOh, oh, was habe ich dir getan!\" fing er jetzt\nan und gestand, daß er sie an den Frosch verraten\nhabe . . . sein Absagebrief liege noch daheim . .\n„Wenn du dich an mir rächen willst, so tu s\", er\ndrehte sich zur Seite und schluchzte in die weißen\nFedern, „Schick hat mich betrogen\".\n„Ich weiß es schon\", war alles was das Mäd-\nchen zu sagen vermochte.\n— Das Mädchen ließ ihn ruhig ausweinen, sie\nsaß still neben ihm und legte die Hand auf seine\nheißen Schläfen. Er hatte Fieber. Sie seufzte tief\nund blickte vor sich hin. Endlich schlief er ein.\nDas Miädchen stand sachte auf, nahm des\nKnaben Kleider und trocknete sie. Die Schwanen\nmußten darauf sitzen, so ging es am raschesten.\nDas Wasser klatschte an die Holzwand, hinter\nder der Knabe schlief. Er maehte eine meilen-\nweite Seefahrt und blieb doch am gleichen Orte\nstehen.\nEin fester ruhiger Schlaf im Schwanenbett von\neinem Morgen bis zum andern Morgen war die\nRache des Mädchens vom großen See. Nur ein-\nmal nachts hörte er die Schwanen durcheinander\nreden und merkte, wie sich das Mädchen neben\nihm aufrichtete und eine Tür ging, worauf's\nwieder ganz still wurde, und der See an die Hütte\nweiter klatschte. Er durfte nichts von Schick\nträumen, sondern von den schönen weißen\nSchwanen, die auch vor ihm aufstanden und die\nHälse bogen, von dem Mädchen, das neben ihm\nschlief und ihn küßte.\n1 Ein lautes Geschrei weckte ihn auf, er richtete\nsich bestürzt auf, vor ihm lag das Meer und ein\ngroßer leuchtender Ball schwebte und rollte gegen\nihn, er rief nach dem Mädchen. Er war ganz ver-\nlassen ... er stand ganz besinnungslos auf, fuhr\nschnell in seine Kleider, die frisch wie vom\nSchneider vor ihm lagen. Mit halb betäubter Neu-\ngierde streckte er den Kopf zur Türe hinaus . .\noh! oh! jetzt wurde er schnell belebt und beson-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.10", "texte": "nen. Das Mädchen stand auf einer schmalen\nBrücke weit drinnen im See und die Schwanen\numkreisten sie mit einer Behendigkeit, wie er's\nnoch nie gesehen hatte. Riesenvögel stiegen aus\ndem Wasser und streckten sich hoch nach dem\nMädchen. Da mußte er schnell hinaus und dabei\nsein,\nUnd jetzt wurden die Kreise weit größer, wie\ner hinkam und das Mädchen lachte ihn stolz an,\njetzt war er ihr Liebster, da sie ihm ihre Herr-\nlichkeit zeigen konnte.\nStille . Schwanenkreise . Meeresweite . Son-\nnenglanz .\nDer Knabe schwieg wie ein Gebet.\n„Der gehört dir? der See?\"\nDas Mädchen liebte den Knaben, er hatte\nWorte so einfadh, die seine tiefe Bewunderung\nam schönsten ausdrückten. Dafür mußte er eine\nreiche Mitgift erhalten, „er gehört auch dir\", sagte\nsie und drückte ihn an sich.\nDie Schwanen hatten ihr Wohlgefallen, sie\ntrennten sich paarweise und schwenkten in höf-\nlichen Umschweifen hinter den Schilf, eine festes-\nhalber losgelassene Wunderlichkeit, fliegende\nWeinflaschen.\n„Was haben denn die im Schilfe getan?\" fragt\nder Knabe.\n„Sie haben Frösche gefressen\", sagte das Mäd-\nchen.\n„Frösche! . . Bei dir werden die Frösche ein-\nfach gefressen und bei uns nimmt sich der Frosch\nso viel heraus?!\"\n„Das ist auch ein Unterschied, mein See und\neuer kleiner Teich.\"\n„Oh ja ist das ein Unterschied . . dein's ist ein\nMeer . . . größer ist das Meer auch nicht?\"\n„Von denen, die einem Mädchen gehören, ist\nmein See der größte und schönste.\"\n„Das glaube ich auch, so einen giebt's nicht\nwieder\" .... „man sieht ja kaum hinüber\" . . .\nüber den Froschteich konnte ich hinüberspucken\nund wenn man . . .\"\n„Und trotzdem bist du hineingefallen\", sagte\ndas Mädchen und hielt ihn zurück, er soll den\nVersuch nicht machen, sie wisse schon, daß es\ngleich an den Füßen niederfalle und aussehe wie\neine Handspanne breit. —\n„Jetzt ärgert' mich's . . . wie anmassend Schick\nist mit seinem Dreckloch\", er betonte es und die\nKopfadern schwollen an.\n„Du hättest eben stolz sein müssen auf deinen\nSee, aber so bist du, du hast ein schlechtes Ge-\ndächtnis für seine Größe.\"\nVon jetzt ab bin ich stolz ... ich behalte, daß\nam andern Ende die Sonne heraufkam, die kommt\nbei uns hinter dem Berg, der über eine Stunde\nentfernt ist/4\n„Merke dir lieber, daß es für dich keinen\nFroschteich mehr giebt.\"\n„Du noch mehr, wenn ich wieder zu Hause\nbin, sag ich's dem ganze Dorfe, was für ein ein-\ngebildeter Dummkopf Schick ist.\"\n„Lal3 das! dir glaubt man's doch nicht.\"\n„Warum nicht? . . . mir?\"\n„Weil du auf den Sumpf gekrabbelt bist.44\n„Allerdings, das stimmt44, das Mädchen küßte\nihn . . . „da bleibe ich lieber bei dir auf dem großen\nSee44, unangenehme Erinnerungen an seine Heimat\ntauchten in ihm auf.\n„Bleibe nur, bis du so gescheit bist, wie ich\nbin und du dem Frosch sein Königreich schnei-\ndest.\"\nSchneidest. Der Knabe übte, was das Wort\nheißen sollte mit verächtlichen Mienen.\n„Wann du dann auf dem großen See gescheit\ngeworden bist und dann noch von dem Dumm-\nköpf Schick reden willst, wird man dir's eher\nglauben.\"\n„Dann ist er mir ganz einerlei.\"\n„So . . . das heißt man schneiden\" „jetzt\nkannst du heimgehen.\"\n„Fällt mir ein! . . . Schick kann allein re-\ngieren.\"\n„Dein Vater und deine Mutter suchen dich.\"\n„Woher weißt du das?\"\n„Das ganze Dorf sucht dich.\"\n„Mich suchen? . . . mich hat noch kein Mensch\nileiden mögen.\"\n„Jetzt wirst du gesucht, weil du schon gescheit\ngeworden bist.\"\n„Ich gescheit? nein, wenn ich an dich\ndenke . . .!\"\n„Darum bist du's ja, weil du an mich denkst.\"\n„Weißt du das gewiß?\"\n„Jawohl\" und lachte ihn herzlich an.\n„Oder bin ich schon gescheit, weil du mich\nfort haben möchtest? . . .\"\n„Da . . .\", das Mädchen hielt ihm schnell ein\nStück trockene Hopfenrebe hin und ein Streich-\nholz zum Beschwören seines Mißtrauens.\n„Hast du das immer bei dir? Rauchzeug? fragte\nder Knabe und griff zu und fuhr mit dem Schwe-\nfelholze, je zehnmal mit jedem neuen, über den\nHintern und zeigte seine Absicht, sich als Mann\nzu beweisen, indem er zog wie ein Wahnsinniger\nund sogar Kopfschmerzen bekam vor Ziehen ....\n„Das machen wir flott\", sagte er, als es endlich\nbrannte . . . und hinter einer Rauchwolke frug er\nnoch einmal „hast du das immer bei dir?\"\nErrötend gestand das Mädchen ein, daß sie\ndiese Zigarre seit dem Eisfeste bei sich trage und\nbisher nur vergeblich auf ihn gewartet habe.\nWenn das wahr wäre, dachte der Knabe, wäre\nes ein Zeichen von großer Aufmerksamkeit und\nhoher Einschätzung . . aber er hüllte sich in eine\nWolke und fragte „rauchen nicht die Schiffer\ngerne?\"\nEr mußte die Frage sehr häßlich betont haben,\ndenn das Mädchen antwortete ihm überhaupt\nnicht und bekam Tränen in die Augen.\n„Beißt der Rauch?\" fragte er und hustete.\n„Nein\", sie schlug ihm die Zigarre heftig aus\nder Hand, „das giebt's nicht mehr, du bist, wenn\ndu rauchst, deinem Schiok sehr ähnlich.\"\n„Weshalb denn\", wollte er fragen, aber er sah\nsein kurzes Vergnügen zu deutlich im See schwim-\nmen und sein peinliches Empfinden ilenkte seine\nAufmerksamkeit schnell einer Ente zu, die gerade\naufflog. „Schicke doch die Ente hinüber, sie soll\nden Frosch auffressen.\"\n„Zu was denn, auf einmal.\"\n„Räche mich doch, denke, wenn ich ertrunken\nwäre\" . . . „es wäre ganz nett zuzuschauen, wenn\nSchick der Ente im Schnabel zappelte in Todes-\nangst.4'\n„Wenn du zappeltest\", diesmal war's ihr aber\nernst.\nDer Knabe hatte geglaubt, wenn er seiner\nMißachtung gegen Schick Ausdruck gebe, habe er\nam schnellstem „Pardon\" .... aber nun stand er\nda mit abgeschnittenen Rückzug auf schmaler\nPlanke ... er schwieg jetzt am klügsten . . . und\njetzt kamen die Schwanen geschwommen.\n„Wenn ich jetzt wollte . . . siehst du das ein?\"\n„Ja, ich sehe es ein.\"\n„Was willst du immer mit deiner Rache?\" . . .\n„soll ich mich rächen?\"\n„Nein, tu's nicht . . . das Brett kippt um, laß\nes doch sein!\"\nAber das Mädchen schöpfte ihm schon eine\nHand voll Wasser über den Kopf und das Brett\nkippte nicht.\n„Was machst du denn da?\" schrie der Knabe.\n„Dich taufen'4 . . . daß deine Bosheit vergeht.\n„Ich werde ja wieder ganz naß.'4\n„Mein Wasser schadet dir nichts .... sei froh,\ndas du's wert bist\" . . . „sieh hin, dort draußen\nfährt ein Schiff\", lachte sie.\n„Ja schön Schiff\" und ließ das Wasser an\nseinem Nacken an der Wirbelsäule hinabfließen\n. . . aber es kam wirklich leise ein Schiff näher . . .\nein; Ding, so groß wie ein Haus, er erhob den\nNassen Hals und schaute mit großen Augen von\nder Planke auf. „Was tun die Menschen alle auf\ndem Schiff? haben die im See gebadet oder . . .\nsind es lauter Gerettete?\"\n„Gerettete?\" fragte das Mädchen.\n„Ich meine, die du auf's Eis geführt hast. Sie\nkommen doch dort hinten herauf, wo das Ufer\naufhört.\"\nDas Mädchen mußte dem nachforschen. Sie\nfragte eindringlich und endlich gestand der Knabe\n„. . . sie kriege doch keinen Mann und darum ver-\nschenke sie Schlittschuhe\" . . . und so weiten\nDiesen Teil von Schick's verläumderischer Rede\nhatte er bis jetzt noch nicht preisgegeben, aber\nes erschien ihm an der Zeit bei der harten Be-\ndrängnis auf der Planke.\n„Eigentlich müßte ich dich jetzt hinein-\nschmeißen\" packte das Mädchen den Knaben an.\n„Nein, nein, t werf mich nicht hinein\", er drängte\nheftig ans Land . . . „es ist so, wie ich dir's er-\nzählt habe.\"\n„Gerade deshalb.\"\n„Darum sage ich ja, sollst du dich an Schick\nrächen . . . darum.\"\n„Darum an dir . . . Schick überlasse ich Ande-\nren\", das Mädchen ließ ihn los.\n„Aber du tust's nicht?\" fragte der Knabe noch\neinmal zu seiner Vergewisserung, ob das Neben-\nihrstehen auch gefahrlos wäre.\nWie er sie dabei anschaute, das Mädchen\nmußte ihn umarmen.\nUnd der Knabe fühlte, daß er ein Dummer war,\nsich vor dem Mädchen zu fürchten. „Gelt, du\nkannst mir nichts Böses antun?\" sagte er.\n„Von wem sollte ich's gelernt haben?\" schaute\nsie an ihm hinauf. ,\nDie Sonne stand hoch und die blitzende See-\nfläche kräuselte sich warm. Der See war schön\nund groß, der Knabe hatte ihn ganz kennen ge-\nlernt, er gehörte ihm ja mit, nichts von seiner\nPracht hatte ihm das Mädchen verborgen oder\ndoch? weil sie wiederholte „Nun must du nach\nHause gehn\".\nWas blies für ein frischer Wind in die Segel\nhinein! ... es bauchte sich tief und ein schwarzer\nSchatten huschte darüber.\nDurfte er doch nicht alles sehen? weil sie ihn\nso sehr nach Hause drängte. Oder war er taktlos\ngewesen und zu lange geblieben? Was er zur\nEntschuldigung vorbringen konnte, wußte er nicht.\nDarum sagte er nur zaghaft „Es ist schön bei dir\ngewesen\". Das Mädchen zitterte nur mit den\nLippen ...\nEr machte sich schnell davon, den Schmerz\nund die Tränen zeigte er dem Mädchen nicht\ngerne.\nDas Mädchen blieb lange,stehen. Die Schwanen\nkamen geschwommen und hielten neben ihr still.\nSie blickten in die fremden Uferfernen des Sees,\nkam der Knabe dorther wieder? hatte sie der\nKnabe versanden? Kam er diesmal zu ihr zurück?\nkam er als Jüngling? oder erst später, viel viel\nspäter?\n* #\n*\nDem Knaben war es so hart das Scheiden.\nBald wieder bei ihr sein, hätte er gewollt. Er\nwar so hart, der Abschied."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.11", "texte": "Wut wollte zuletzt in ihm über den Schmerz\nder Trennung, wie das Dorf immer näher kam,\nausbrechen. Zurückhängend ,in der Kultur war's,\nlangweilig, öde ... er konnte sich's vorstellen, wie\ndie Pflüge auf dem Holzbock aufs Feld rutschten\nund eine Spur hinterließen, wie die Bauern hinter\nden Ohren des Störrvieh's schwankten und Peit-\nschen knallten, jeder seine Melodie.\nAber wann trifft eine Vorstellung der Wirklich-\nkeit? Niemals. Das Bekannteste ist immer anders\nals man s erwartet hat. ,\nDas Dorf glich einem verlassenen Immenhaus\nund der Schwärm hing abseits. Groß und schwarz\nhing er am Froschteich. ,\nUnd die jüngste Brut ließ den Schwärm los\nund schwärmte auf ihn zu, setzte sich an ihm\nnieder und suchte ein Schlupfloch. Das Heer\nstürzte ihm entgegen.\nEr hatte, die Pflicht, zum Froschteich nicht\nhinauszusehen, weil er nicht mehr für ihn da war.\nMit grimmigen Trotz furchte er die Stirne und\nsah geradeaus. Wäre eine eingespannte Kuh ge-\nkommen, er wäre ihr zwischen die Hörner ge-\nlaufen. Der Ansturm des t Heeres war wie eine\nschlecht gerittene Kavallerieattake.\nDer Heerführer jagte viel zu weit voraus, Säbel\nund Lanze flogen ihm beiseite, er ging zum\n„Feind\" über, und fiel ihm an den Hals. Der\nHeerführer schien die Erleichterung seines Ge-\nwissen sehr nötig zu haben. Kein Silbchen hatte\ner verlauten lassen, daß der Knabe im Froschteich\nertrunken war, bis die, Leute von selber dort nach\nihm suchten. Er war daneben gestanden, wie sie\nmit Baumhacken und Beilen das Eis einschlugen,\ndie Schollen ans Land zogen, zwischen den\nSchollen fischten, aber den Knaben nicht fanden\nund nichts hatte er verraten, er benahm sich nur\nungeschickt, wie der Mörder im Leichenzug, be-\nwies überschwängliche Teilnahme und stellte\nängstliche Fragen.\nDas Heer verachtete eigentlich die Taktik\nseines Führers, aber er mußte schon seinen Grund\nhaben, vielleicht schlug er „ihm\" dann recht un-\nvermutet eine ? Gesalzene 'runter, hinter der Um-\narmung. Aber die Gesalzene unterblieb, das Heer\nmunkelte was, es schaute sich um die Beiden, die\numschlungen gingen wie David und Jonathan, und\ndisputierte über „ . noch gut gegangen .. . froh\nsein .... schief gehen können . . . mit dem Heere\nnicht passieren können . . . man geht nicht alleine\n. . . Schick holt Jeden . . . Zauberer Schick . . .\nunheimlicher Ort, das grüne Königreich.\"\nDer Knabe ging unter der Last des\nrers wankend wie ein Wähler vom Wahl-\nschoppen. Bei diesem Umschwung konnte er auch\nnicht klarer sehn, als ein Betrunkener. Oder war\ner wirklich ein Gescheiter geworden? das Mäd-\nchen meinte es ja.\nPlötzlich ließ ihn das Heer wieder los und\nrannte zum Froschteich hinüber, der Knabe ver-\nstand das sonderbare Treiben kaum besser als die\nSprünge eines Polizeihundes.\n— Aha! sie kamen von neuem angerannt unter\nlebhaftem Freudengeschrei und brachten diesmal\ndie Alten mit, der schwarze Knäuel an den Erlen\nlöste sich auf ihn zu auf. Schnell! er wurde als\nein vom Tode Auferstandener gefeiert. Sofort\nmachte er ein ganz verklärtes Gesicht zum\nZeichen, daß er wirklich den Blick ins Jenseits\ngetan hatte.\nEin regelrechtes Fest hatte das Heer, das\nganze Dorf, durch den Knaben. Der Froschteich\nwurde wie ein großer See geeist.\nDas war wohl die Ehrung, die Schick vom\nDorfe empfangen wollte. „Siehst du Schick, was\ndir durch mich widerfährt\", dachte der Knabe.\n— wenn Schick den Gedanken gekannt hätte, er\nwäre geplatzt vor Aerger! Diebstahl, Eisdiebstahl\nwar doch keine Ehrung! denn in jeder Scholle lag\nein großer Teil seines Vermögens. — Ob des-\nhalb der Knabe lachte?! Er mußte sich zusam-\nmennehmen, ein feierliches Gesicht, ein Leichen-\nbittergesicht, zu behalten.\nAlles kam und umdrängte ihn als Straßenereig-\nnis. Die Großen bogen sich weit über dem Schwer-\npunkt nach ihm, nur durch die Kleinen, die schon\nalle steife Nacken hatten, wurden sie gestützt.\nMan frug ihn tausend Fragen und er war doch\nganz einfach ins Krötenloch gefallen. Daß eine\nneue aera über ihn aufging, so viel verspürte er.\nEiner frug sogar, „war das Wasser frisch?\" und\ner hatte Gelegenheit, die teilnehmende Frage zu\nbejahen.\nAllen Fragen lieh er ein aufmerksames Ohr\nund gab auch auf die dümmsten Antwort, dadurch\nstieg seine Beliebtheit wie eine Goldaktie.\nUnd diese Aktie wäre gestiegen wie eine\nSternrakete, aber mitten aus dem Haufen hob ihn\neine gut gebaute Hand und setzte ihn auf die\nBank hinter den lisch zwischen seine sechs Ge-\nschwister, die alle teale Werte darstellten.\nSchon war das Mitleid mit dem „Bübchen\",\n„das heimgezogen wird und doch fast umgekom-\nmen war\", unter der Bevölkerung, so sehr war\ndie Liebe des Volkes plötzlich für ihn erwacht.\nDas schmeichelte jnd leckte wie eine Bärenzunge.\nNur einer grollte weiter gegen ihn, Schick, der\neinsam, neben draußen vom Dorfe, wohnte,\nSchick maß dem Knaben das ganze Elend seines\njetzigen Zustandes bei. Schon als die erste Eis-\nscholle weggenommen war, zog eine garstige\nKälte an seine Schultern, so tief er sich duckte\nund verbarg. Das Eis zerschmolz auf der Wiese.\nEr entdeckte allmählich, daß er bettelarm wurde.\nEr fing an, die Quelle zu vermissen, die wie ein\nSatyr an ihm vorbeisprang. Und das viele Wasser\nvom Eise fehlte ihm auch. Er knurrte „eine Pfütze\nist mir geblieben.\"\nEr machte das Gesicht der selbstverschuldeten\nArmut, das tiefe Falten auf der Stirne hat, die\ndem Unschuldigsten am meisten zürnen.\nUnd wenn er den Kopf hervorstreckte, so sah\ner das Dorf, das Haus, wo dieser Unschuldigste\nals Berühmtheit geehrt und gesucht wohnte. Er\nwarf den Kopf hoch gegen den Himmel und flehte\num Hundstage, daß das Häuschen in Flammen auf-\nginge vor sengender Hitze, aber der Himmelhund\nhörte ihn nicht. Da sah er die Erlen die Köpfe\ndrehen. Die Erlen wandten sich von ihm ab und\nwurden Kostgänger der Quelle.\nDa warf sich Schick wütend in sein Bischen\nWasser.\nEr verwünschte sich, daß er die Eiskönigin\nausgelacht hatte, weil sie nicht Rache an ihm\nnahm. Hätte sich nur die schöne Eiskönigin an\nan ihm gerächt! jetzt hattens die Bauern getan.\nEr wünschte den Knaben herbei, er müßte ihm\nhelfen. Der Knabe sollte den Stein vor der Quelle\nwegnehmen. Das Heer sollte ihn wegnehmen.\nAber kein Himmelhund und kein Erdenmensch\nhörte mehr auf ihn.\nDarum mußte ihm der Trotz vom Trotz helfen.\nUnd der hilft Jedermann gerne ins Unglück.\nSchick sprach: „viei besser lebe ich in der Pfütze*\nich kann mich dicker mit Schlamm überziehen und\nmich als Erdklumpen den Augen aller verbergen.\"\nAber die Augen fanden ihn doch und sahen\ndeutlich, daß Schick der häßliche Klumpen war.\nder Niemanden was Gutes sein Lebtag erwiesen\nhatte, nicht einmal dem Knaben.\nUnd der Bauer mit der Trottel sagte mit ganz\nscheuschiefen Kopf „ist das der Schick?\" Und\nSchick mußte sich ansehen und stupfen lassen von\nAllen. Und Jedem ging ein kalter Ekel durchs\nRückenmark, daß der beinahe den Gescheite-\nsten vom Ort geholt hätte.\n„Man sollte ihn zuschütten\", sagte schließlich\nder mit der Trottel und seine Augen kamen dabei\nheraus wie die Fühler der Schnecke . . . „im Som-\nmer hält mans nicht aus vor Mücken, wenn man\ndas Wasser so stehen läßt ... die Mücken saugen\nuns und unserem Vieh das Blut aus.\"\nEin „Stehwasser\" war der Froschteich\ngeworden, das Heer flüsterte untereinander laut,\ndaß ein Stehwasser das Gemeinste auf Erden sein\nmüsse. Und Schicks böse Blicke konnten flehen wie\nErbarmen, wenn er das mit lautem Herzklopfen an-\nhören mußte ... er wurde zugeschüttet.\nSteinvornehm war er gewesen und jetzt war\ner ein Bettler.\nEr hockte zuletzt wie ein verdurstender Krüp-\npel in der Gluthitze des heißen Sommers an der\nverlassenen Straße. Das Heer, dessen Dienste\nihm so geschickt gewesen waren, warf in den\nHundstagen ein viergliedriges Stück Leder herum\nund in dem Stück dürren Leders war ein ver-\nschrumpftes Körnchen gefühlloses Leben. Es\nwurde zerstampft von genagelten Stiefeln und\nAbsätzen wie in der Sandmühle und als Pulver im\nWinde zerstreut . . . Und bei dem allen sah der\nKnabe nicht einmal zu, so unwürdig war Schick.\nAm Sonntag Nachmittag, den Tag nach Schicks\nTode, saßen die Bauern in langen Reihen vor den\nHäusern. Und überall, wo einer zu einer Bank\ntrat, um sich dicht neben dem vierten als\nfünften auf die Ecke zu quetschen, spuckte er\naus, sah an den blauen wolkenlosen Himmel und\nmeinte: „Der Frosch ist verreckt\". „Ja, s' sieht so\naus\", bestätigte der rauhe Chor und ein dicker\nTabaksqualm zog dem Knaben unter das Fenster,\nhinter dem er einer neuen philosopischen Bear-\nbeitung seiner Sprichwörter oblag. Mm, schnub-\nberte er dabei als Dorfgötze den Duft des Brand-\nopfers ... so hat die Zigarre der Eiskönigin ge-\nrochen.\nEnde\n\nGedichte\nSophie van Leer\nIch pflücke deine Schritte von den Straßen\nIn wildem Atem wehrt mein Herz\nDie Blumen weinen ihre Seele in den Tau\nDer Wald verträumt in deinem Schatten\nDie Tage fallen betend in die Nacht\nund sinken zwischen deinen Händen in\ndie Ewigkeit\n* *\n*\nSinge Meine Stimme\nDie See rauscht aus den Muscheln\nSpielesteinchen rieseln\nsind aus großen Bergen gebrochen\nSterne und Leuchtkäfer\nDer Mond küßt deine Träume\n* *\n*\nTief wachsen Häuser in die Erde\nAuf seinen guten Rücken nimmt das Reh die Welt\nUm seine großen Augen singt die Nacht\nDort steht der Mond\nDrei Himmel und der Sonnenschein\nDas Reh wölbt seine Glieder in die Wolken\nund seine Füße knieen sanft auf Gottes Tron"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170215-01.1.12", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag;\nHarnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nPer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin W Potsdamer Strafie 134 %\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr 1 Sonntags voi\n11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark I Jahreskarte 6 Mark\n4cmatlicher Wechsel\n/\nNeunundvierzigste Ausstellung\nPaul Klee\nGeorg Muehe\nFiinfzigste Ausstellung\nSturm-Gesamtsehau\nEroffnung Sonntag den 4. Mara 1917\n\nStiirm-Ausstellung zu Basel / Schweiz\n1. Februar bis 1. Marz 1917\nSturm-Aussteliung zu Zurich / Schweiz\n1. Marz bis 1. April 1917\nSturm-AussielhiHg zu Dresdea\nJacoba van Heemskerck / 1. Marz bis 1. April\nSturm-Aussteiking zu Wiesbaden\nFranz Marc-Gedachtnisausstellung\n\nDer Sturm vertritt folgende Kiinstler und verfiigt\nstandig iiber deren Gemalde I Aquarelle I Zeich-\nnungeti / Handdrucke / Plastiken zum Verkauf\nCampendonk / Marc Chagall I Jacoba van Heems-\nkerck / Kandinsky / Oskar Kokoschka / Franz\nMarc I Georg iVluche / Gabriele Miinter / Nell\nWalden\nDiese Kiinstler werden ausschlieBlich durch den Sturm\nvertreten 4\nIsaac Griinewald / Sigrid Hjerten-Griinewald\nFernand Leger / Archipenko / Boccioni I Carlo D.\nCarra I Luigi Russolo I Gino Severini\nFritz Baumann / Yincenc Benes I Albert-Bloch I\nMax Ernst / Emil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nfreund I Oswald Herzog I Johannes Itten / Alexei\nJawlensky / Paul Klee / Otakar Kubin / Carl\nMense / Jean Metzinger / Francis Picabia / Pablo\nPicasso I Georg Schrimpf / Marianne von Weref-\nkin I Cezanne / van Gfogh / Munch\n\nKunstsehule Der Sturm\nLeitung Herwarth Walden\nUiiterricht in der expressfonlstischen Kunst der\nBiihne I der Schauspielerei I der Vortragskunst I\nder Malerei I der Bichtung / der Musik\nBerlin / Potsdamer StraBe 134a\nProspekte kostenios dwrch das Sekretariat Der\nSturm. Anmeldungei! wevden dort entgegen ge-\nuommen. Eintritt am Ersten jedes Monats.\nVortragsreihe 1: Lothar SQhreyer: Der Expressionismus\nin der Dichtung I Sechs Vortrage: 17. Januar,\n21. Januar, 14. Februar, 28. Februar, 14. Marz, 28. Marz\nS—6 Uhr I Horgebiihr flir die Vortragsreihe 5 Mark I\nAnmei'dungen auch schriftlich im Sturm I Berlin W 9\n\nSturm-Kunstabende\nVerein fiir Kunst I Dreizehntes Jahr\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJeden Mittwoch / Beginn aller Abende: %8 Uhr\nVierundzwanzigster Abend I Mittwoch den 21. Februar\nFranz Richard Behrens / Kosztolanyi / Wilhelm Runge\nVortragender: Rudolf Bliimner\nFiinfundzwanzigster Abend I Mittwoch den 28. Februar\nFranz Richard Behrens / Kosztolanyi / Wilhelm Runge\nVortragender: Rudolf Bliimner\n\nSechsundzwanzigster Abend I Mittwoch den 7. JVlarz\nFranz Richard Behrens / Kosztolanyi / Wilhelm Runge\nVortragender: Rudolf Bliimner\nSiebenundzwanzigster Abend I Mittwoch den 14. Marz\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nKarten 2 und I Mark im Vorverkauf fur alle angezeigten\nAbende an der Kasse der Kunstausstellung Der Sturm\nund an der Abendkasse\n\nSturm-Kunstabend zu Dresden / Kunstauststellung Emil\nRichter\nAm 6. Marz K8 Uhr\nVortragender: Rudolf Bliimner\nKarten 4, 3, 2, 1 Mark / Vorverkauf in der Kunstaus-\nsteliung Emil Richter, Prager StraBe 13\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschrift Der Sturm\nErscheint am fiinfzehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewohnliche Ausgabe F ii r Deutschland\nund Oesterr eich-Ungarn: Ein Jahr 6\nMark I Ein Halbjahr 3 Mark I Einzelheft 80 Pfennig\n/ Fiir das Ausland bei direkter Zu-\nstellung durch die Post: Ein Jahr 8 Mark\nI Ein Halbjahr 4 Mark I Einzelheft 1 Mark\nSonflerausgabe: Ungebrochene Exem-\nplare, Versendung in Rollen direkt\ndurch die Post fiir Deutschland und\nOesterreich-Ungarn: Ein Jahr 12 Mark I\nKin Halbjahr 6 Mark / Fflr das Ausland:\nEin Jahr 14 Mark I Ein Halbjahr 7 Mark\n\nBucher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum\nSchiitzengrabenverse I Gedichte\nGebunden 3 Mark\nHermann Essig\nDer Frauenmut I Lustspiel\nOberteufel I Tragodie\nIhr stilles Qliick I Drama\nEin Taubenschlag I Lustspiel\nNapoleons Aufstieg I Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne I Eine Dichtung\nQeheftet 2 Mark\nKreis des Anfangs / Frlihe Gedichte\nQeheftet 5 Mark I Sonderausgabe 30 Mark\nOskar Kokoschka\nMorder Hoffnung der Frauen I Drama mit\nZeichnungen\nQebunden 10 Mark (Auflage 100) I Sonderausgabe ver-\ngriffen\nPaul Scheerbart\nGlasar chitektur I In 111 Kapiteln\nQeheftet 2 Mark I Sonderausgabe 25 Mark\nAugust Stramm\nDu / Li ebesgedichte\nQebunden 3 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der Menschenliebe / Roman\nQeheftet 3 Mark I Sonderausgabe 30 Mark\nQesammelte Schriften: Band I: Kunstmaler und\nKunstkritiker\nQeheftet 2 Mark\nSturm-Biicher I: August Stramm: Sancta Su-\nsanna / II: August Stramm: Rudimentar /\nIII: Mynona: Fur Hunde und andere Menschen /\nIV: August Stramm: Die Haidebraut / V: August\nStramm: Erwachen / VI: Aage von Kohl: Die\nHangematte des Riuge / VII: Adolf Behtte: Zur\nneuen Kunst I VIII: August Stramm: Krafte /\n\nIX: Aage von Kohl: Die rote Sonne / X: Aage von\nKohl: Der tierische Augenblick / XI: August\nStramm: Qeschehen I XII: August Stramm: Die\nUnfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland /\nXIV: Lothar Schreyer: Jungfrau\nJedes Sturmbueh 50 Pfennig\n\nHanddrueke aus dem Verlag Der Sturm\nOskar Kokoschka: Plakat fOr die Zeitschrift\nDer St'jrm I Originallithographie\nDer Abzyg 10 Mark\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nDreizehjites Jahr b April 1916 bis 31. Marz 1917\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der Zeit-\nschrift Der Sturm / Freier Besuch aller Sturm-\nausstellungen I Besuch der Sturm-Kunstabende zu\nhalben Preisen I Jedes Jahr frei eine Sturmpubli-\nkation / 1916/17 nach Wahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unterschriebener\nHolzschnitt an? Kaiserlich Japan-Papior oder zwd\nKunstdrucke nach Wahl oder das Sturmplakat voh\nKokoschka\n\nSturm - Austellungskataloge\nmit Abbildungen\nDer Blaue Reiter / Severlni / Archipenko / Skupina\nI Otakar Kubin I Marc Chagall / Kandinskv\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen / 60 Pfennig\nErster Deutscher flerbstsalou / Mit ffinfzig Ab-\nbildungen in Kupfertiefdruck / 2 Mark\nFranz Marc / 1 Mark\n\nKunstlerpostkarten / Verlag Der Sturm\nJede Karie 20 Pfennig\nCampendonk: Kleine Tiere / Aquarell\nFuturisten: Umberto Boccioni: Das Lachen\nI.ulgi Russolo: Erinnerung einer Nacht I Zug in\nvoller Fahrt\nQino Severini: Die Modistin I Ruhelose Tanzerin '\nPan-Pan Tanz\n37 verschiedene Karten\n\nDer Sturm\nlierwarth Walden: Weib / Komitragodie\n3 Mark I Signierte Sonderausgabe (Auilage 10) 30 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe / Mappe\nmit 15 Zeichnungen auf Japanpapier in Strich-\natzung I Adolf Loos / Herwarth Walden /\nRichard Dehmel / Paul Scheerbart / Alfred Kerr /\nYvette Guilbert / Karl Kraus / Hermann Essig /\nRudolf Bliimner / Adolf Knoblauch / Mechthild\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg / Qertrud\nEysoldt I Claire Waldoff\nMappe 40 Mark\nHerwarth Walden: Die Judentochter / Fur Ge-\nsang und Klavier / Dichtung aus des Knaben\nWunderhorn / Farbige Umschlagzeichnung von\nOskar Kokoschka\n1 Mark\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichnisse des Ver-\nlags Der Sturm kostenlos\nVerlag Der Sturm"}]}