{"numero_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_sha256": "90410327ffedb0e1212d0625c9e5095d6924e96b580eb53669cf511fecf73233", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1917/07/15_01/bmtnabg_1917-07-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1917/07/15_01/bmtnabg_1917-07-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.1", "debut_caractere": 259, "fin_caractere_exclue": 548, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: Ausweisungen: Kein Blick in Kunst / Kopfunter / Denker und Dichter / Abgestäubt / Echteste und innigste\nLyrik / Franz Richard Behrens: Gedichte / Theodor Däubler: Albatros / Paul Bommersheim: Die Hoho-Katze / Adolf Knoblauch: Gereut /\nPaul Klee: Sieben Zeichnungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.2", "titre_corps": "Paul Klee: Abgeschiedene von einem gedeckten Tisch angezogen / Zeichnung", "titre_sommaire": "Paul Klee: Abgeschiedene von einem gedeckten Tisch angezogen / Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.1", "debut_caractere": 550, "fin_caractere_exclue": 622, "texte": "Paul Klee: Abgeschiedene von einem gedeckten Tisch angezogen / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "51", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.3", "titre_corps": "Ausweisungen", "titre_sommaire": "Ausweisungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7998, "texte": "Ausweisungen\n\nKein Blick in Kunst\nEin Herr —pg— bemüht sich in der Schiesischen Volks-\nzeitung um meinen Einblick in Kunst, Ich lasse ihn einen Blick\nin Kunst tun und er selbst sieht ein, daß ich „deswegen in ihm\ndas Musterbeispiel eines Banausen oder auch Kunstkritikers\nerkennen werde\". So schlimm bin ich gar nicht. Ich erkenne\nnur deswegen, daß Herr —pg— noch immer nicht sieht, was\nKunst ist. Er ist für mich kein Musterbeispiel. Ein Muster ohne\nWiert ist kein Beispiel und ein Beispiel kein Spiel. Also keine\nKunst. Diese Leute wollen immer nur beispielen, nicht einmal\nmitspielen, so spielen sie immer nebenbei. Man höre: ~In der\nEinleitung stehen Sätze, die man ohne Weiteres unterschreibt,\nmit haarsträubenden Ungereimtheiten zusammen, vielfach durch,\nunklare Wortspiele erst recht widersinnig verschoben\". Man\nsehe: Sätze (ungereimte) stehen mit Ungereimtheiten zusammen,\nSchulter an Schulter, mit Ungereimtheiten, denen sich die\nHaare sträuben. Die Ungereimtheiten stehen aber nicht sehr\nfest, da sie durch Wortspiele widersinnig verschoben werden.\nSolche Sätze schreibt ein oder auch Kunstkritiker, der nur Ge-\nreimtheiten ohne Weiteres unterschreibt, weil er Ungereimtes\nnicht schreiben kann. Nur daß ich keine Gereimtheiten schrei-\nbe. Herr —pg— wird sich aus diesem kaum einen Vers zusam-\nmenreimen, Denn Herr —pg— ist, wie alle Herren —pg—\nJeder, was bei ihm die Menschheit heißt:,, Waiden redet so viel\nvon Gefühl, Was hilft uns aber ein Gefühl, das auf jeden außer\ndem Künstler selbst verrückt und im günstigsten Falle quälend\nwirkt?\" Ein Gefühl wirkt auf jeden verrückt, der sich nicht in\nein Gefühl verrücken kann. Jeder fühlt nur, wobei er sich\netwas denken kann. Jeder denkt nur, was schon gereimt ist.\nUnd wenn die Wörter ungereimt spielen, sträuben sich jedem\ndie Haare, soweit sie sich noch verschieben lassen. „Gönnen\nwir uns einen anderen Einblick in Kunst: Die Jahresmappe.\"\nJa, die Jahresmappe. Dabei läßt sich etwas denken. Es tum-\nmelt sich in der Jahresmappe! „St. Michael von Friedrich\nWirnhier schlägt auf dem Titelblatt sieghaft und stark niederem\nGewürm die Köpfe ab,\" So etwas tut Sankt Michael schon auf\ndem Titelblatt. Die Jahresmappe scheint stark genug zu sein,\ndie Köpfung auszuhalten, „Die Bonifacius-Kirche in Hamburg\n(Fritz Kunst) stellt auf schön gegliedertem Giebel die Gestalt\ndes Deutschen Apostels heraus.\" Ich glaube der Bonifacius-\nKirche, daß sie auf einem schön gegliedertem Giebel eine Ge-\nstalt herausstellt. Ich glaube ihr das, wenn sie es ohne Hilfe\nvon Fritz Kunst tut. Die Kunst wird zwar menschlicher, wenn\nsie einen Vornamen hat, aber sie wird nicht übermenschlich,\nauch wenn sie die Bonifacius-Kirche auf einem Giebel heraus-\nstellt. Herausstellen ist Theater. Auch Köpfeabschlagen ist\nkeine Kunst. Und wer sich kopflos herausstellt, ist das Muster-\nbeispiel eines oder auch Kunstkritikers.\n\nKopfunter\nKieler Zeitung: „Das Wort, das die Lächerlichkeit tötet,\nscheint Futuristen, Kubisten und ähnlichen Käuzen gegenüber\nsein Geltungsrecht verloren zu haben.\" Jedes Sprichwort lebt\nlänger als der Kauz, der es spricht. Auch wenn es in der Kieler\nZeitung das Geltungsbereich verloren zu haben scheint. Es\ngilt. Nur merkt der tote Kauz nicht, daß er lächerlich ist. „Am\nFirnistage kam ein sehr bekannter Futurist gerade noch zur\nrechten Zeit, um mit Entsetzen wahrzunehmen, daß sein jüng-\nstes Meisterwerk verkehrt aufgehängt war. Wütend trat er\nheran, und war gerade dabei, es umzudrehen, als eine Schar\nseiner glühenden Verehrer sich auf ihn stürzte, ihm die Hände\ndrückte, und ihm schmeichelhafte Dinge über die Vollendung\nseines Meisterwerks sagte, daß der Unglückliche nicht den Mut\nfand, einzugestehen, daß es ja auf dem Kopfe stehe.\" Jetzt wird\nder Kauz der Kieler Zeitung aber Kopf stehen, wenn ich ihm sa-\nge, daß sein Futurist kein Futurist und kein Künstler war. Sonst\nwürde der Künstler, wenn er einer ist, den Mut gefunden haben,\neinzugestehen, daß Bilder keine Köpfe haben, und keine Beine.\nDaß Bilder kein Schwergewicht haben, haben dürfen, sondern\ndaß diese glückliche Eigenschaft den lächerlichen Dingen der\nErde vorbehalten ist. Allerdings wenn sich Käuze malen las-\nsen, wissen sie, was oben ist, nämlich da, wo ihre Beine nicht\nsind. Vielmehr: Wfo zwei Striche statt eines Kreises stehen.\nDer Kauz sieht in jedem Kreis einen Kopf, wenn auch jeder\nKopf lange nicht ein Kreis ist. Ein Bild ist, wenn man weiß, was\noben ist. Analyse der Kieler Zeitung und verwandter Preß-\norgane. Oder Lächerlichkeit tötet. Noch ist das Geltungsrecht\nnicht verloren.\n\nDenker und Dichter\nHerr Karl Scheffler dichtet weiter Novellen, nachdem ich ihm\ndie Kunstkritik verleidet habe. Herr Scheffler schreibt Novel-\nlen im Ullsteinstil für Ullsteinleser. Er glaubt, auf diese Weise\ndie neue Kunst bekämpfen zu können, die nicht nur neue Kunst\nist, die die Kunst ist. Seine Novellentechnik ist die bewährte: er\nkommt den Lesern sanft entgegen. Scheffer und die anderen An-\nhänger von Ullstein wissen eben, wie Kunst entsteht: „Der junge\nMeister trieb sich spazieren im Park lesend auf dem Sofa oder de-\nbattierend im Cafe umher. Hier saß er mit den Kollegen bis in die\nNächte, um über die neue Kunst zu sprechen, die nun endlich\nkommen müsse.\" Die Kunstmaler von Schettlers Gnaden ver-\ntreiben sich die Kunst damit, Bücher von Scheffler zu lesen.\nHierauf vergeht ihnen alle Lust, über Kunst zu sprechen. Im-\nmerhin will ich Herrn Scheffler und seiner zarten Leserschar\ngern glauben, daß sie glauben, Kunst kommt vom Sprechen,\ninsbesondere durch das Besprechen von Herrn Scheffler. Ich\nkann den Lesern dieser Zeitschrift nicht seine ganze Novelle\n„Die Geburt des neuen Stils\" hier abdrucken lassen, weil eben\nder Verlag Der Sturm nicht der Verlag Ullstein & Co. ist, und\nweil die Vossische Zeitung vom 19, Mai 1917 ihren Verdienst\nhaben soll. Die Novelle ist aber zum Glück gegenständlich.\nMan kann die Handlung erzählen und man kann sich sogar dabei\netwas denken. Ein Vorzug, den die Kunst leider nicht hat, wes-\nhalb sie auch nicht im Verlag Ullstein & Co. erscheint. Also\ndieser junge Meister aus dem Cafe hat ein Atelier mit einem\nGliedermann und einem Gipsabguß der medicischen Venus.\nDiese beiden lernen sich, wie das in Ullstein-Büchern üblich ist,\nkennen und lieben. Der Gipsabguß ist für Ullsteinverhältnisse\nsogar etwas anmaßend. Er äußert sich über den abwesenden\nMeister: „Wie habe ich mich für ihn geschämt, wenn er hier ein\nnacktes Menschenweib als Modell vor sich stehen hatte und\nnach diesem kümmerlichen Körper dann arbeitete. Du hast\nmich mit diesen Geschöpfen vergleichen können; war ich nicht\nviel schöner?!\" Hierbei gibt es etwas zu denken. Herr Scheff-\nler denkt, mit leichter Ironie, was so die Ullsteinpresse für\nIronie hält: diesen jungen Meistern des neuen Stiles genügt das\nnackte Menschenweib als Modell nicht mehr, weil ihnen die\nNatur zu wenig ist. Also müssen sie sich, denkt Herr Scheffler\nweiter, wieder zum Gipsabguß bekehren. Denn daß es außer-\ndem etwas gäbe, das ahnt Herr Scheffler nicht einmal. Stil\nist für ihn Gipsabguß. Die Novelle geht indessen unbeküm-\nmert weiter. Sie wird erotisch und naturalistisch, also modern\nnach Schefflerart. Die holden Leserinnen der Vossischen Zei-\ntung werden außer sich vor Entzücken über ihren perversen\nUllsteinmeister gewesen sein: „Er streckte die langen Arme\nder Göttin entgegen und hob sie zu sich aufs Podium herauf.\nDabei fiel sein Gewand zu Boden und er stand nackt da in der\nganzen Pracht seiner Kugelgelenke. Da ließ auch Venus die\nschützenden Hände sinken, gab sich hin, und beide sanken, in\ntiefer seliger Umarmung auf das Lager !\nTeufi, Teufi. Neun wohlgezählte Gedankenstriche, was man\nsich dabei denken kann. Das ist ein Moderner, dieser Scheff-\nler. Sinnfällig, daß das Lager kracht. Und die Novelle geht\nimmer unbekümmert weiter. Der Gipsabguß fühlt sich guter\nHoffnung, gebar einen stattlichen Jüngling, was etwas unnatu-\nralistisch ist, aber die Naturalisten tun es nicht unter Stattlich-\nkeit, der junge Meister von Schettlers Gnaden kommt einmal aus"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7005, "texte": "dem Cafe nachhause, hält die Jünglingsfigur für ein Werk seiner\nHand, er kann sich offenbar die Fruchtbarkeit von Gipsabgüssen\nnicht denken, stürzt wie ein Besessener ins Cafe zurück und\nruft, er habe den neuen Stil geschaffen, man stürmt ins Atelier,\nder Künstler wurde beglückwünscht, die Figur wurde als das\nWerk seines Genies hochgepriesen, und allgemein war die An-\nsicht, nun sei die neue Kunst da,\" Die Novelle ist aus und der\nLeser kann sich etwas dabei denken. Man nehme einen Glie-\nderman und einen Gipsabguß, klebe sie zusammen und die neue\nKunst ist da. Das ist das Wissen des Herrn Scheffler um die\nKunst. Welch ein Geist. Welch ein Gemüt. Er soll uns Ro-\nmane schreiben. Die Novelle sei ihm hiermit verleidet. Wir\nfordern es von ihm. Wir wollen seine Romane kennen und\n♦\nlieben lernen.\n\nAbgestäubt\nHerr Fritz Stahl, der große Unbekannte des Berliner Tage-\nblattes, ist nach Düsseldorf gefahren, um dort die Berliner Kunst\nzu besprechen. Die Große Berliner Kunstausstellung imponiert\nselbst ihm in Düsseldorf nicht mehr. „Die Secessionen hatten\nes etwas leichter. Die tödlich schwere Masse des ganz Gleich-\ngültigen fällt bei ihnen fort. . . und ist der Gesamtton ziemlich\ngut wahrnehmbar, so stellen sich doch die PersÖnlichkeiten\nnicht recht dar.\" Es sind nämlich keine Persönlichkeiten da,\nPersönlichkeiten sind noch keine Künstler, und Herr Stahl sieht\nhöchstens einen Gesamtton. Einen Ton kann er nicht hö-\nren. Die freie Secession rückt, wie es bei der Ueberzeugung\ndieser beiden Maler begreiflich, wenn auch sachlich nicht ganz\neinwandsfrei ist, die modernste Gruppe in den Vordergrund.\nHerr Stahl hält nämlich Ausstellungen dann nicht für sachlich\neinwandsfrei, wenn auf ihnen der Versuch gemacht wird, sich\nder Kunst zu nähern. Nun kann die Freie Secession aber nicht\ndas in den Vordergrund rücken, was Herr Fritz Stahl die mo-\ndernste Gruppe nennt. Denn die Gruppe, die Herr Stahl meint,\nstellt nur in der Kunstausstellung Der Sturm aus, die Herr Stahl\nzu meiner Freude nicht besucht. Aber auch dann könnte Herr\nStahl nur vom Hörensagen darüber schreiben. Er ist nun ein-\nmal kunstblind. Kunst wirkt auf ihn, wie das bekannte rote\nTuch, vor dem aber im Gegensatz zu den vierbeinigen Gottes-\ngeschöpfen die zweibeinigen zurückschrecken. Wie blind muß\naber erst ein Blinder werden, wenn ihm etwas ins Auge fällt:\n„Die allerneuesten Exzentrizitäten. . . . fallen mit ihren nun\nschon so verstaubt wirkenden Neuheiten von gestern ins Auge.\nHerr Stahl hat zwar noch nicht einmal die Neuheiten von gestern\ngesehen, sodaß e r wenigstens niemandem Staub vor die Augen\nmachen kann. Er wirbelt Staub auf und bestaubt sich selber.\nDie Anlagen werden dem Schutze des Publikums empfohlen.\nDeshalb wundern sich die Leser des Berliner Tageblattes auch\nweniger über Kunst als über Herrn Fritz Stahl, dem hiermit\nwieder eine Abfuhr gegeben sei.\n\nEchteste und innigste Lyrik\nHerr Ernst Lissauer, der anerkannte Lyriker des Berliner\nTageblattes, hat nunmehr auch Bach mit seinen Verschen be-\ndichtet. Das Berliner Tageblatt läßt ihm die Tatsache durch\nHerrn Meyer bestätigen. Das Berliner Tageblatt will etwas für\nBach tun. Herr Lissauer auch. Herr Meyer auch. Bach, ein\nälterer Komponist, hat sich ja schon einen gewissen Namen ge-\nmacht. Er hat eine kleine Gemeinde und ist erst vor einhun-\ndertsiebenundsechzig Jahren gestorben. Jetzt könnte man\netwas für ihn tun, denkt das Berliner Tageblatt. Man soll sich\nfür die Kunst einsetzen und deshalb darf Herr Meyer unge-\nstrichen schreiben: „Lissauers Dichtung wird gewiß Bach\nneue Freunde werben und seine Kunst weiter bei uns einbür-\ngern helfen.\" Wenn der Bürger Lissauer sich für Bach verwen-\ndet, werden die guten Familien ein offenes Ohr für ihn haben,\neine Empfehlung von Lissauer macht den Mann vielleicht markt-\nfähig. Herr Meyer hat aber Bedenken, daß Bach vielleicht\ntauben Ohren predigt und daß vielleicht der Zwischenhändler\ndadurch zu geringen Umsatz hat. Deshalb trompetet Herr\nMeyer: „Sie ist aber nicht nur für Bachverehrer und solche,\ndie es werden wollen, geschaffen, sie verlangt nicht einmal, daß\nman eigentlich musikalisch ist: das Werk ist vielmehr für sich\nselbst eine künstlerische Schöpfung von starkem Eigenwert und\nhohem Range.\" Man wird neugierig. Eine Dichtung, die ein\nWerk für sich selbst ist und für die vielleicht der ältere Kom-\nponist nur ein Vorwand ist, die vielmehr ob ihres starken Ei-\ngenwertes vom Berliner Tageblatt gerühmt wird, eine solche\nDichtung kann ich mir nicht vorstellen: „Eine Probe dieser Ge-\ndichte wird am ehesten eine Vorstellung von dem eigenwertigen\nWerke geben.\" Herr Lissauer probt:\nArbeit\nIm Oberstock übt Christian am Klavier,\nHans Christophs Geigenspiel dringt durch die Tür, — .\nBach hört sie nicht.\nEr sitzt am Tisch, die Hände vorm Gesicht,\nEr hört fern innen\n• »\nVon rings ein selig summend Rinnen,\nEr sitzt tief in sich selber eingesenkt, 1 ! !\nGesammelt Kraft bei Kraft zu voller Macht;\nAus seinem Haupte und Geblüt\nGoldstill ein Glanz atmet und glüht,\nDer sanft die dumpfe Stube scheinend tränkt.\nIch glaube, es liegt eine Personenverwechselung vor. Ich\nmöchte vermuten, daß Herr Lissauer selbst sein Schaffen uns\nmenschlich näher bringen will. Er sitzt am Tisch, die Hände\nvorm Gesicht, den Mann kenn ich doch, das muß der Dichter\nLissauer sein. Glanz, der atmet, glüht und tränkt, gibt eine\nVorstellung von Lissauers Geblüt. Bach brauchte nicht soviel\nV orbereitungen.\n~Die Rechte löst sich sacht und liegt bereit,\" ,\nMan sieht, wie der Dichter Lissauer den Federhalter ergreift\n~Gesang haucht ausgegossen,\"\nWas die eigenwertige Umschreibung von Tinte ist\n„Weitaufgeschlossen\"\nDas Dichten macht ihm heiß\n~Sitzt er in seiner Seligkeit\"\nWjeil nämlich Herr Meyer hinter diesem Satz bemerken wird:\n„Das ist echteste und innigste Lyrik.\"\nWeil nämlich jemand im Oberstübchen übt und zwar am\nKlavier, damit das Geigenspiel durch die Tür dringt. Die\nTür will sich zwar auch noch nicht ganz so recht auf Klavier\nreimen, aber schließlich war Schiller Schwabe und der hat es\nauch schon so gemacht. Warum soll es der Herr Lissauer aus\nBerlin sich nicht auch leisten können. Das alles ist so hoch-\nrangig gedichtet, daß man eigentlich nicht einmal musikalisch\nzu sein braucht. Deshalb bemerkt auch Herr Meyer ser richtig:\n~Nicht viele Lyriker werden sich einer so frisch und reich quel-\nlenden Erfindungsgabe rühmen können wie Lissauer.\" Gewiß\nkann sich Herr Lissauer rühmen, die Hände vorm Gesicht. Hört\ner doch fern innen von Meyer ein selig summend Rinnen. Aber\nnicht damit genug: „Es ist nicht sein geringster Ruhm, daß seine\nEingebungen fast immer so einfach, so natürlich und unmittel-\nbar einleuchtend sind.\" Wie einfach ist die Eingebung, daß\nChristian Klavier übt, wie natürlich, daß Lissauer die Hände\nvorm Gesicht hält, wie unmittelbar einleuchtend, daß ein Glanz\ndie dunkle Stube tränkt. Das ist echteste und innigste Lyrik,\nnicht nur für Bachverehrer und solche, die es werden wollen,\nes ist die Lyrik, die sich bei dem Berliner Tageblatt ganz\nschlicht und ohne Kunst einbürgert."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "50", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.3.1", "titre_corps": "Ein Herr —pg— bemüht sich in der Schiesischen", "titre_sommaire": "Ein Herr —pg— bemüht sich in der Schiesischen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.2", "debut_caractere": 14, "fin_caractere_exclue": 2853, "texte": "Kein Blick in Kunst\nEin Herr —pg— bemüht sich in der Schiesischen Volks-\nzeitung um meinen Einblick in Kunst, Ich lasse ihn einen Blick\nin Kunst tun und er selbst sieht ein, daß ich „deswegen in ihm\ndas Musterbeispiel eines Banausen oder auch Kunstkritikers\nerkennen werde\". 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Sonst\nwürde der Künstler, wenn er einer ist, den Mut gefunden haben,\neinzugestehen, daß Bilder keine Köpfe haben, und keine Beine.\nDaß Bilder kein Schwergewicht haben, haben dürfen, sondern\ndaß diese glückliche Eigenschaft den lächerlichen Dingen der\nErde vorbehalten ist. Allerdings wenn sich Käuze malen las-\nsen, wissen sie, was oben ist, nämlich da, wo ihre Beine nicht\nsind. Vielmehr: Wfo zwei Striche statt eines Kreises stehen.\nDer Kauz sieht in jedem Kreis einen Kopf, wenn auch jeder\nKopf lange nicht ein Kreis ist. Ein Bild ist, wenn man weiß, was\noben ist. Analyse der Kieler Zeitung und verwandter Preß-\norgane. Oder Lächerlichkeit tötet. 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Herr Scheffler schreibt Novel-\nlen im Ullsteinstil für Ullsteinleser. Er glaubt, auf diese Weise\ndie neue Kunst bekämpfen zu können, die nicht nur neue Kunst\nist, die die Kunst ist. Seine Novellentechnik ist die bewährte: er\nkommt den Lesern sanft entgegen. Scheffer und die anderen An-\nhänger von Ullstein wissen eben, wie Kunst entsteht: „Der junge\nMeister trieb sich spazieren im Park lesend auf dem Sofa oder de-\nbattierend im Cafe umher. Hier saß er mit den Kollegen bis in die\nNächte, um über die neue Kunst zu sprechen, die nun endlich\nkommen müsse.\" Die Kunstmaler von Schettlers Gnaden ver-\ntreiben sich die Kunst damit, Bücher von Scheffler zu lesen.\nHierauf vergeht ihnen alle Lust, über Kunst zu sprechen. Im-\nmerhin will ich Herrn Scheffler und seiner zarten Leserschar\ngern glauben, daß sie glauben, Kunst kommt vom Sprechen,\ninsbesondere durch das Besprechen von Herrn Scheffler. Ich\nkann den Lesern dieser Zeitschrift nicht seine ganze Novelle\n„Die Geburt des neuen Stils\" hier abdrucken lassen, weil eben\nder Verlag Der Sturm nicht der Verlag Ullstein & Co. ist, und\nweil die Vossische Zeitung vom 19, Mai 1917 ihren Verdienst\nhaben soll. Die Novelle ist aber zum Glück gegenständlich.\nMan kann die Handlung erzählen und man kann sich sogar dabei\netwas denken. Ein Vorzug, den die Kunst leider nicht hat, wes-\nhalb sie auch nicht im Verlag Ullstein & Co. erscheint. Also\ndieser junge Meister aus dem Cafe hat ein Atelier mit einem\nGliedermann und einem Gipsabguß der medicischen Venus.\nDiese beiden lernen sich, wie das in Ullstein-Büchern üblich ist,\nkennen und lieben. Der Gipsabguß ist für Ullsteinverhältnisse\nsogar etwas anmaßend. Er äußert sich über den abwesenden\nMeister: „Wie habe ich mich für ihn geschämt, wenn er hier ein\nnacktes Menschenweib als Modell vor sich stehen hatte und\nnach diesem kümmerlichen Körper dann arbeitete. Du hast\nmich mit diesen Geschöpfen vergleichen können; war ich nicht\nviel schöner?!\" Hierbei gibt es etwas zu denken. Herr Scheff-\nler denkt, mit leichter Ironie, was so die Ullsteinpresse für\nIronie hält: diesen jungen Meistern des neuen Stiles genügt das\nnackte Menschenweib als Modell nicht mehr, weil ihnen die\nNatur zu wenig ist. Also müssen sie sich, denkt Herr Scheffler\nweiter, wieder zum Gipsabguß bekehren. Denn daß es außer-\ndem etwas gäbe, das ahnt Herr Scheffler nicht einmal. Stil\nist für ihn Gipsabguß. Die Novelle geht indessen unbeküm-\nmert weiter. Sie wird erotisch und naturalistisch, also modern\nnach Schefflerart. Die holden Leserinnen der Vossischen Zei-\ntung werden außer sich vor Entzücken über ihren perversen\nUllsteinmeister gewesen sein: „Er streckte die langen Arme\nder Göttin entgegen und hob sie zu sich aufs Podium herauf.\nDabei fiel sein Gewand zu Boden und er stand nackt da in der\nganzen Pracht seiner Kugelgelenke. Da ließ auch Venus die\nschützenden Hände sinken, gab sich hin, und beide sanken, in\ntiefer seliger Umarmung auf das Lager !\nTeufi, Teufi. Neun wohlgezählte Gedankenstriche, was man\nsich dabei denken kann. Das ist ein Moderner, dieser Scheff-\nler. Sinnfällig, daß das Lager kracht. Und die Novelle geht\nimmer unbekümmert weiter. Der Gipsabguß fühlt sich guter\nHoffnung, gebar einen stattlichen Jüngling, was etwas unnatu-\nralistisch ist, aber die Naturalisten tun es nicht unter Stattlich-\nkeit, der junge Meister von Schettlers Gnaden kommt einmal aus"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 799, "texte": "dem Cafe nachhause, hält die Jünglingsfigur für ein Werk seiner\nHand, er kann sich offenbar die Fruchtbarkeit von Gipsabgüssen\nnicht denken, stürzt wie ein Besessener ins Cafe zurück und\nruft, er habe den neuen Stil geschaffen, man stürmt ins Atelier,\nder Künstler wurde beglückwünscht, die Figur wurde als das\nWerk seines Genies hochgepriesen, und allgemein war die An-\nsicht, nun sei die neue Kunst da,\" Die Novelle ist aus und der\nLeser kann sich etwas dabei denken. Man nehme einen Glie-\nderman und einen Gipsabguß, klebe sie zusammen und die neue\nKunst ist da. Das ist das Wissen des Herrn Scheffler um die\nKunst. Welch ein Geist. Welch ein Gemüt. Er soll uns Ro-\nmane schreiben. Die Novelle sei ihm hiermit verleidet. Wir\nfordern es von ihm. Wir wollen seine Romane kennen und\n♦\nlieben lernen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c007", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "51", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.3.4", "titre_corps": "Herr Fritz Stahl, der große Unbekannte des Berliner", "titre_sommaire": "Herr Fritz Stahl, der große Unbekannte des Berliner", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.3", "debut_caractere": 801, "fin_caractere_exclue": 2849, "texte": "Abgestäubt\nHerr Fritz Stahl, der große Unbekannte des Berliner Tage-\nblattes, ist nach Düsseldorf gefahren, um dort die Berliner Kunst\nzu besprechen. Die Große Berliner Kunstausstellung imponiert\nselbst ihm in Düsseldorf nicht mehr. „Die Secessionen hatten\nes etwas leichter. Die tödlich schwere Masse des ganz Gleich-\ngültigen fällt bei ihnen fort. . . und ist der Gesamtton ziemlich\ngut wahrnehmbar, so stellen sich doch die PersÖnlichkeiten\nnicht recht dar.\" Es sind nämlich keine Persönlichkeiten da,\nPersönlichkeiten sind noch keine Künstler, und Herr Stahl sieht\nhöchstens einen Gesamtton. Einen Ton kann er nicht hö-\nren. Die freie Secession rückt, wie es bei der Ueberzeugung\ndieser beiden Maler begreiflich, wenn auch sachlich nicht ganz\neinwandsfrei ist, die modernste Gruppe in den Vordergrund.\nHerr Stahl hält nämlich Ausstellungen dann nicht für sachlich\neinwandsfrei, wenn auf ihnen der Versuch gemacht wird, sich\nder Kunst zu nähern. Nun kann die Freie Secession aber nicht\ndas in den Vordergrund rücken, was Herr Fritz Stahl die mo-\ndernste Gruppe nennt. Denn die Gruppe, die Herr Stahl meint,\nstellt nur in der Kunstausstellung Der Sturm aus, die Herr Stahl\nzu meiner Freude nicht besucht. Aber auch dann könnte Herr\nStahl nur vom Hörensagen darüber schreiben. Er ist nun ein-\nmal kunstblind. Kunst wirkt auf ihn, wie das bekannte rote\nTuch, vor dem aber im Gegensatz zu den vierbeinigen Gottes-\ngeschöpfen die zweibeinigen zurückschrecken. Wie blind muß\naber erst ein Blinder werden, wenn ihm etwas ins Auge fällt:\n„Die allerneuesten Exzentrizitäten. . . . fallen mit ihren nun\nschon so verstaubt wirkenden Neuheiten von gestern ins Auge.\nHerr Stahl hat zwar noch nicht einmal die Neuheiten von gestern\ngesehen, sodaß e r wenigstens niemandem Staub vor die Augen\nmachen kann. Er wirbelt Staub auf und bestaubt sich selber.\nDie Anlagen werden dem Schutze des Publikums empfohlen.\nDeshalb wundern sich die Leser des Berliner Tageblattes auch\nweniger über Kunst als über Herrn Fritz Stahl, dem hiermit\nwieder eine Abfuhr gegeben sei."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c008", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "51", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.3.5", "titre_corps": "Herr Ernst Lissauer, der anerkannte Lyriker des Berliner", "titre_sommaire": "Herr Ernst Lissauer, der anerkannte Lyriker des Berliner", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.3", "debut_caractere": 2851, "fin_caractere_exclue": 7005, "texte": "Echteste und innigste Lyrik\nHerr Ernst Lissauer, der anerkannte Lyriker des Berliner\nTageblattes, hat nunmehr auch Bach mit seinen Verschen be-\ndichtet. Das Berliner Tageblatt läßt ihm die Tatsache durch\nHerrn Meyer bestätigen. Das Berliner Tageblatt will etwas für\nBach tun. Herr Lissauer auch. Herr Meyer auch. Bach, ein\nälterer Komponist, hat sich ja schon einen gewissen Namen ge-\nmacht. Er hat eine kleine Gemeinde und ist erst vor einhun-\ndertsiebenundsechzig Jahren gestorben. Jetzt könnte man\netwas für ihn tun, denkt das Berliner Tageblatt. Man soll sich\nfür die Kunst einsetzen und deshalb darf Herr Meyer unge-\nstrichen schreiben: „Lissauers Dichtung wird gewiß Bach\nneue Freunde werben und seine Kunst weiter bei uns einbür-\ngern helfen.\" Wenn der Bürger Lissauer sich für Bach verwen-\ndet, werden die guten Familien ein offenes Ohr für ihn haben,\neine Empfehlung von Lissauer macht den Mann vielleicht markt-\nfähig. Herr Meyer hat aber Bedenken, daß Bach vielleicht\ntauben Ohren predigt und daß vielleicht der Zwischenhändler\ndadurch zu geringen Umsatz hat. Deshalb trompetet Herr\nMeyer: „Sie ist aber nicht nur für Bachverehrer und solche,\ndie es werden wollen, geschaffen, sie verlangt nicht einmal, daß\nman eigentlich musikalisch ist: das Werk ist vielmehr für sich\nselbst eine künstlerische Schöpfung von starkem Eigenwert und\nhohem Range.\" Man wird neugierig. Eine Dichtung, die ein\nWerk für sich selbst ist und für die vielleicht der ältere Kom-\nponist nur ein Vorwand ist, die vielmehr ob ihres starken Ei-\ngenwertes vom Berliner Tageblatt gerühmt wird, eine solche\nDichtung kann ich mir nicht vorstellen: „Eine Probe dieser Ge-\ndichte wird am ehesten eine Vorstellung von dem eigenwertigen\nWerke geben.\" Herr Lissauer probt:\nArbeit\nIm Oberstock übt Christian am Klavier,\nHans Christophs Geigenspiel dringt durch die Tür, — .\nBach hört sie nicht.\nEr sitzt am Tisch, die Hände vorm Gesicht,\nEr hört fern innen\n• »\nVon rings ein selig summend Rinnen,\nEr sitzt tief in sich selber eingesenkt, 1 ! !\nGesammelt Kraft bei Kraft zu voller Macht;\nAus seinem Haupte und Geblüt\nGoldstill ein Glanz atmet und glüht,\nDer sanft die dumpfe Stube scheinend tränkt.\nIch glaube, es liegt eine Personenverwechselung vor. Ich\nmöchte vermuten, daß Herr Lissauer selbst sein Schaffen uns\nmenschlich näher bringen will. Er sitzt am Tisch, die Hände\nvorm Gesicht, den Mann kenn ich doch, das muß der Dichter\nLissauer sein. Glanz, der atmet, glüht und tränkt, gibt eine\nVorstellung von Lissauers Geblüt. Bach brauchte nicht soviel\nV orbereitungen.\n~Die Rechte löst sich sacht und liegt bereit,\" ,\nMan sieht, wie der Dichter Lissauer den Federhalter ergreift\n~Gesang haucht ausgegossen,\"\nWas die eigenwertige Umschreibung von Tinte ist\n„Weitaufgeschlossen\"\nDas Dichten macht ihm heiß\n~Sitzt er in seiner Seligkeit\"\nWjeil nämlich Herr Meyer hinter diesem Satz bemerken wird:\n„Das ist echteste und innigste Lyrik.\"\nWeil nämlich jemand im Oberstübchen übt und zwar am\nKlavier, damit das Geigenspiel durch die Tür dringt. Die\nTür will sich zwar auch noch nicht ganz so recht auf Klavier\nreimen, aber schließlich war Schiller Schwabe und der hat es\nauch schon so gemacht. Warum soll es der Herr Lissauer aus\nBerlin sich nicht auch leisten können. Das alles ist so hoch-\nrangig gedichtet, daß man eigentlich nicht einmal musikalisch\nzu sein braucht. Deshalb bemerkt auch Herr Meyer ser richtig:\n~Nicht viele Lyriker werden sich einer so frisch und reich quel-\nlenden Erfindungsgabe rühmen können wie Lissauer.\" Gewiß\nkann sich Herr Lissauer rühmen, die Hände vorm Gesicht. Hört\ner doch fern innen von Meyer ein selig summend Rinnen. Aber\nnicht damit genug: „Es ist nicht sein geringster Ruhm, daß seine\nEingebungen fast immer so einfach, so natürlich und unmittel-\nbar einleuchtend sind.\" Wie einfach ist die Eingebung, daß\nChristian Klavier übt, wie natürlich, daß Lissauer die Hände\nvorm Gesicht hält, wie unmittelbar einleuchtend, daß ein Glanz\ndie dunkle Stube tränkt. Das ist echteste und innigste Lyrik,\nnicht nur für Bachverehrer und solche, die es werden wollen,\nes ist die Lyrik, die sich bei dem Berliner Tageblatt ganz\nschlicht und ohne Kunst einbürgert."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c009", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "56", "image_debut": 4, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.4", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Franz Richard Behrens ; Theodor Däubler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, 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Schlacht\nErstürme Feuerfällen\nKanonenlichter peitschen Leben\nGranatentrichter lusten Himmel\nBlutschweiß blüht Menschen\nLodern geladen zerspalten\nWurzel\nStiebt\nStern\nStumm klafft Klirre\nHimmel weinen erwürgt\nEntrostet erschossen\nHimmel weinen erbrochen\nHeimat knospen mohnen Mund\nHeimat schwingen Fetzen Hirn\nHeimat träumt ein einzig Bein\nLeiche Himmel Heimat\nFleisch mein Fleisch\nDu\nSchwester\nBruder\nVater\nMutter\nBraut blüht bleicher Toter\nMenschen kameraden Kämpfen\nKämpfen kameraden Leben\nLeben kameraden Gott.\nAn der Aisne Mai 1917"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.8", "debut_caractere": 2214, "fin_caractere_exclue": 2229, "texte": "Theodor Däubler"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c010", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", 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träumt ein einzig Bein\nLeiche Himmel Heimat\nFleisch mein Fleisch\nDu\nSchwester\nBruder\nVater\nMutter\nBraut blüht bleicher Toter\nMenschen kameraden Kämpfen\nKämpfen kameraden Leben\nLeben kameraden Gott.\nAn der Aisne Mai 1917"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c031", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "56", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.5", "titre_corps": "Albatros", "titre_sommaire": "Albatros", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.6", "debut_caractere": 1216, "fin_caractere_exclue": 4754, "texte": "Albatros\n\nVogel, du spannst deine siegreichen Flügel aus; zwei sicher-\ngereimte Sicheln. Des Mondes erstes Erscheinen im Abendhim-\nmel trägst du, und des Mondes Abschiednehmen im grauen Ge-\nheimwerden des Morgens erhebst du, Albatros, wiegend und\ngewiß, verspielt in deinen Ernst, wolkenhoch durch den wolken-\nlosen Azur überm tropischen Ozean. Dazwischen, Vogel, ist\ndas Wissen der Welt; du witterst kaum deine Fahrt und den\nFlug; doch im Leib bleibt und verweilt es, das Wissen der Welt:\neingedichtet in des Blutes warmem Auf und Ab gibt es dich kund.\nDu selbst, Albatros, bist die Verleiblichung der urgewußten Ge-\nburt eines feingesichelten Flügelpaares. Die Weisheit der Welt\naber heißt: alles Geschaffene hat seinen Rücklauf; der Mond\nwahrt und offenbart zugleich diesen aller Welt kundgegebnen\nund dennoch geheimnisvollen Kern der Schöpfung. Wenn wir\nzum Monde emporblicken, so werden wir getäuscht: aber wo\ndu, Mensch, dich dem Monde hingibst und enthüllst, da fühlst\ndu den Menschen als das Wesen, das von allen Sicheln anwachs-\nender und dahinsterbender Monde, urhaft, in sich selbst, als\nseine eigenste vorgebend, zerwühlt wird. Denn wir 'haben\nMondungen für die Erde mitgebracht. Wer zur Welt kommt,\nsammelt Abfälle seiner fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.\nDarum stirbt der Leib so schnell ab. Ist doch der Mond selbst\neine Totgeburt. Sichtbar uns allen sichelt und siecht er dahin,\nsichelt und siecht er immer wieder empor zu sich selbst und\ndann abermals aus sich selber herab: unser Mond! Aber dein\nSchicksal, Mensch, bleibt festgeschmiedet und dennoch ein\nLied: blos wenn du singst, Dichter, wird es ersinnbar: wir bauen\nes auf in der Strophe! Und die Katastrophe kommt immer von\nselbst, unweigerlich ergießt, ereignet sie sich in den demutvoll\ndichterisch Schauenden. Die Gerechtigkeit, nicht du, Sänger,\nbefügt sich zum Reim.\nDer Mond auf seinen Rundgang verdinglicht die Symmetrien\nim Kosmos: der Mensch entsteht, um sie geistig zu vertreten.\nDer Beweis, daß ein Wissen die Welt verwaltet, in dem grund-\nbestimmt festbleibt, daß auf das erste Erscheinen der Sichel\nnach Neumond ein Verschwinden der Sichel vor Neumond folgt\nund zu ihm gehört, findet vor uns Anschauenden seinen Aus-\ndruck durch das Vorhandensein von Vögeln. Sang, Reim, Flü-\ngelpaar werden zum Gegebnen: die erste Sichel ist zugleich\ndie letzte Sichel: weil und wo ein Vogel ist. Jeder Augenblick\n„Sichel\" beim Aufgehen in den Mond hat auch seinen Gegen-\naugenblick „Sichel\" beim Dahinbieichen aus dem Vollmond.\nDaher die vielen verschiedenen Vögel. Der Albatros erfüllt die\ngrößte Spannweite: in ihm verkörpert sich die erste und die\nletzte Sichel: daher kann er einen Monat lang kreisen ohne zu\nerlahmen. In seiner Wesenheit wiegt sich das furchtbar sicher-\nste Wissen über die Dinge: sein ganzes Unterunssem ist das\nEntzücken im All, daß auf ein erstes Versprechen eine ganz\nebenbürtige Antwort erwartet werden muß, Vögel, die den bei-\nden Halbmonden, dem aufsteigenden und dem abnehmenden,\nnäher flughaft werden, flattern mehr als sie fliegen; sie versinn-\nbildlichen daher auch mit weniger Sicherheit das Vertrauen in\ndie entlegendsten Symmetrien im Kosmos. Der Albatros jedoch\nverwaltet heiliges Glauben über den Meeren. Er ist die ver-\nkörperte Unermüdlichkeit. Ueberdies gebietet sein Wesen\nüber die Besternung des Leichtbeschwingten, die den übrigen\nfliegenden und flatternden Vögeln nach rhytmischer Abstufung\nmangelt.\nDu, Albatros, und das geschmeidig gereimte Lied, ihr be-\nherbergt in der Seele alle Mondmöglichkeiten bis zum Vollmond"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2212, "texte": "und zugleich vom Vollmond abwärts bis zu eurer, der geschlii-\nfenen Sichel ebenbürtigen Schwingenschmiegsamkeit. Es tau-\nchen auch in Euch alle Sterne und Sternzeichen auf und nie-\nder, Sogar die Milchstraße ist im Albatros vorhanden, nur wird\nsie dauernd vom Schwingeschwang der Sicheln überstrahlt. Der\nAugenblick „Neumond\" entgeht jedem Vogel, denn er findet\nweder Reim noch sangbaren Ausdruck. Er bedeutet Freiheit.\nDie hat blos das Ich. Und das Ich beschwingt die Welt. Auch\ndu, Vogel, drehst dich um uns, die wir ein Ich sind: sogar der\nMond! In unserm Augenblick, mehr ist es nicht, herrscht die\nMilchstraße, siegen die beiden Polarsterne, besteht der Mensch.\nDas Ich bestimmt sich und die Sterne, daher kommt es, daß kein\nMensch fliegen kann. Hingegen fliegen von allem Anfand an\nMonde um den Menschen herum: der Mann vollbringt seine\nersten Taten: sie heißen Vögel und der Mond. Das Weib weicht\nbereits vom Manne etwas ab, denn es wohnt ihm mondhafte\nSchmiegsamkeit inne. Es wird vielleicht einmal fliegen, Je-\ndenfalls viel eher als der Mann. Der Mann verschmäht ja den\nFlug. Er siegt, singt, reimt, ahmt das Fliegen nach, um dem\nWeibe zu gefallen: das Ich besteht. So überlistet, erhöht auch\nder Mann, als Schwan oder Taube verkleidet, seine willige\nWelt: das Weib. Das sind aber auch lauter leichter begreif-\nliche Vollmondtiere. Zumal der Schwan. Nicht weich ist hin-\ngegen der Albatros: in ihm gebiert sich bereits die schmiegsame\nAnspannung zum Stahl, Der Degen, auch ein treffliches Sichel-\ngeschenk, wurde im Augenblick des Aufblitzens der Idee Stich,\nGegenstich, im Manne sofort nach Neumond entdeckt. Zwei\ngekreuzte Degen entsprechen, ebenso wie die Schwingen des\nAlbatros, einem bis zur höchsten Genauigkeit hinauf gewagten\nReimpaar, Der Säbel fuchtelt schon mehr durch die Luft; er\nwurde um Vollmond herum erfunden und entspricht als Verkör-\nperung des Gedankens Hieb, Gegenhieb, mehr flatternden Flü-\ngeln. Der Albatros hat kein Ich: er ist blos im Schwung gehal-\ntenes Weltwissen. Den Dahinsegelnden begleitet er rastlos.\nNur einmal im Monat berührt er den Schaum der Welle oder\nsein Weibchen. So, eine verleiblichte Antwort auf die Frage\nwas tut der Mond ist der meerbekreisende Albatros."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c032", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c032", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.5.1", "titre_corps": "Paul Klee: Schöpfungsvorfeier / Zeichnung", "titre_sommaire": "Paul Klee: Schöpfungsvorfeier / Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 41, "texte": "Paul Klee: Schöpfungsvorfeier / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c033", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c033", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.5.2", "titre_corps": "Paul Klee: Der Zauberer / Zeichnung", "titre_sommaire": "Paul Klee: Der Zauberer / Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.7", "debut_caractere": 43, "fin_caractere_exclue": 78, "texte": "Paul Klee: Der Zauberer / Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c034", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.6", "titre_corps": "Die Hoho-Katze", "titre_sommaire": "Die Hoho-Katze", "signature_source": "Paul Bommersheim", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.8", "debut_caractere": 2231, "fin_caractere_exclue": 6607, "texte": "Die Hoho-Katze\nPaul Bommersheim\nEine große grüne Katze, gelbäugig, sprang vom Dach eines\nHauses herab, als die Bahnschlange ihre Glühaugen immer näher\nschob. Das liebe Untier wollte niemand nichts antun. Es wollte\nnur die Fahrgäste ein bischen necken. Und damit glaubte das\nbange Zittern seines Tierherzens Gott zu loben. Das Tier stand\nauf den Hinterbeinen, als der Zug seinen grünen Leib ableuch-\ntete und seine Nase mit Dampf kitzelte. Die Vorderpfoten\ntätzelten in den Telegraphendrähten herum. Ein Satz und die\nKatze saß auf der, Eisenbahn. Sie machte auf dem Dach ihre\nSprünge, daß die Wagen wackelten und die Leute nur so auf\nihren Plätzen herumhopserten. Dann streckte das Vieh seinen\nGrünkopf in ein Abteilfenster und drehte die gelben Augen hin\nund herum. Im Abteil ruhten Menschen zusammen, Sie kann-\nten sich nicht und waren doch alle Menschen. Schrei: „Jessus,\nJessus, ich sterbe!\" Und das Mädchen kroch in sich zusammen\nfast bis zum Punkt. Ein blauer Pfarrer sagte: „Fürchte Dich\nnicht, das ist Gottes Lieblingstier.\" Das glaubte ein fettglän-\nzender Gescheiter nicht, da flog er zur Strafe zum Fenster hin-\naus und nun saß er auf dem Bahndamm und konnte zu Fuß zur\nnächsten Station strampeln. Ein Berliner wußte Bescheid: ~Ja,\ndas ist die Hoho-Katze. Die ist sanft. Die kann man strei-\ncheln.\" Und er klopfte dem Tier ins Knisterhaar, daß es knurr-\ntet Und er neckte weiter: ~Du hast ja Haar, daß man dir einen\nZopf flechten kann.\" Wie er es aber am Haar packt, hopp ist\nder Katzenkopf mit dem Berliner schon hoch und der Berliner\nsitzt auf dem Dach. Es war aber auch ein Flötenbläser im Zug.\nDurch den fuhr ein Strahl und es öffneten sich seine Augen-\nlider überm Blau. Er stand auf, öffnete die Tür, setzte sich aufs\nTrittbrett und flötete der Hoho-Katze vor, daß ringsum das\ndurchfahrene Land stille wurde und der Zug im Takt des Liedes\nfuhr, Da barschte der Herr Schaffner den Musikanten an: „In\nPreußen ist es verboten, auf dem Trittbrett zu sitzen.\" Der An-\ngeschnauzte aber: „Ich bin preußischer Pfeifer und hab auf alles\nzu pfeifen. Deshalb pfeif ich auch auf Euer Verbot.\" Da lach-\nten dem Schaffner die roten Bäckelchen um den roten Nasen-\nwulst herum; er rupfte sich am Schnauzbart und ging weg. Der\nPfeifer darauf klebte seine Locke an die Stirn und flötete das\nLied:\nBlaugrundwelle, Urgeflüster,\naus dir springt das auf, springt das auf:\nweiße Gedanken, große Träume,\nGedichte, Tiere, Kinder, Blumen,\nflutende Gesichte, die über ein stürzen,\nTöne, Liebe , . , Liebe, Liebe,\ni\nLächeln, Sträuße, Augen, Strahlen,\nMenschenlustigkeit.\nBlaugrundwelle, Urgeflüster,\nSpringst du auf. Springst du auf.\nSpringst über alles. Springst über alles.\nTiefe Augen tauchen aus dir.\nGeister geisten aus dir.\nBlaue Blasen steigen himmelauf.\nUnd so flötete der Bläser seine Lieder weiter. Die Katze\naber tanzte zu den Liedern. Bald duckte sie sich auf das Dach,\ndaß sie Dellen hineindrückte, so eng und fest. Bald streifte sie\nsich aufrecht; die Vorderbeine weit auseinandergestreckt; die\nAugen weit aufgerissen im Dumpfstaunen des Tiers. Dann\nstürzte sie sich nach hinten, schlug Purzelbäume über alle Wa-\ngen, bis ihr Fell schwarz war von der rußigen Eisenbahn. Als\nder Zug an ein Kaktusbeet kam, da hatte sich auch die Hoho-\nKatze schon hineingestürzt und wälzte sich so recht von Herzen\ndrin herum. Die Stachelköpfe aber taten sich zusammen und\nrupften ihr freundlich und sorgfältig den Ruß vom Fell. Indes-\nsen konnte der Zug nicht mehr weiterfahren; so fest hafteten die\nBlicke aller Reisenden an dem lustigen Untier.\nAuf einmal sprang es auf; schüttelte die Flocken seiner\nMähne und jagte, verschwand in den Wäldern. Aus den Wäl-\ndern schössen grüne Flammen. Ein Baum warf dem andern den\nroten Sonnenball zu. Bis dieser an einen schwarzen Baum kam.\nDer war so schwarz, daß er den Tagesstern nicht halten konnte.\nDa fiel die Sonne hinab, Da sanken alle im Zug zum Schlaf zu-\nsammen, Nur ein Dichter-Mensch wurde gegangen. Er wurde\ngeklettert .. . . leise , , . auf das Dach des Wagens und ragte\nin die Nacht, Viele Sterne erzählten sich Kichern und Knistern.\nVom Saturn her sang ein Kinderlied. Auf einmal stieg die Hoho-\nKatze die oberste Planetenbahn hinauf und das Tier war auf-\ngebaut aus grünen Gestirnen und schwänzelte mit Kometen.\nAuf seinem Rücken trug es den Höchsten durch sein Reich.\nGoldfarbiges Lächeln fiel von den Lippen des Höchsten in die\nWelt,"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c035", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "62", "image_debut": 8, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.7", "titre_corps": "Gereut : Erzählung", "titre_sommaire": "Gereut : Erzählung", "signature_source": "Adolf Knoblauch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.8", "debut_caractere": 6688, "fin_caractere_exclue": 7158, "texte": "Gereut\nErzählung\nAdolf Knoblauch\n\nIX\nGereut hatte seinen Verlagschef ersucht, ihn als Arbeiter im\nMaschinensaal der Druckerei einzustellen. Er verabscheute\ndie eleganten Zehnpfennig-Blättchen des Verlages, aber sie zu\ndrucken dünkte ihm eher eine produktive Arbeit, als Ver-\nsand-Adressen zu schreiben. Der Chef hatte indessen keine\nsonderliche Meinung von Gereuts Eignimg für produktive Ar-\nbeit und lehnte das Anerbieten schlicht ab. Gereut kündigte\ndarauf den Dienst."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7718, "texte": "Er beeilte sich, seine kleinen Angelegenheiten in der Stadt\nzu ordnen, und verabschiedete sich bei den wenigen Freunden\nmit der Begründung, daß er eine Wanderung plane. Irgendwo\nstand in unbekannter Zone eine düstere Stadt mächtiger Ar-\nbeit, nach des Reiches Erzstadt wollte er wandern.\nIrgendwo blaute eine Heimat für den müden Knaben, am\nsonnigen Fluß ein weißes Ufer, auf dem er nackt liegen\nwollte. Irgendwo strahlte eine allerstillste Stunde, liebe\nErinnerung an junges Zweisam-Wandeln. Von Irgendwo\nläutete ferne Glocke im hohen Blau: Heimatland ist\nheimliches Land!\nFräulein Laura wollte den düsteren Gereut nicht gehen\nlassen. Er war höflich zurückhaltend und nahm schweigend\nAbschied. Auf dem Gleiskörper der Nordwestbahnen reiste er\nnach Hamburg. Mit einem schlanken weißen Nordseedampfer\nfuhr er die Elbe hinab und schaute von fern die Stätten der Ju-\ngend-Wanderungen, das heimliche „Alte Land!\" der Elbmarsch.\nVorm Meere wurde der Strom breit und grün. Seewind\nspannte starke, gebogene, weiße Flügel, schlug Gereuts Brust,\nseine weißen Flüge schwebten um sein Haupt reinen Brau-\nsens,\nDas Nordmeer, ewige See, grünste Tiefe, kräuselte sich\nseinem Fuß. Er bebte nicht vor dem Grauen seiner Oede,\ndem kettenlosen Ungestüm, verheerenden Ansturm. Er kannte\ndes Meeres Heimlichkeit, seine lammswollige Wiegen-Zärtlich-\nkeit, die gnädig in Schlaf wiegt, wenn er nach ihr schreit, matt\nvom allzubangen Streit.\nAn der Küste begann Gereut die Heimats-Wanderung.\nNach kreisendem Umschwung eines Jahrzehntes wurde er von\nNeuem an der rauhen Küste ausgesetzt und fühlte ihren schlich-\nten Kuß. Der Kuß der zärtlich geliebten Heimat kehrte hinter\nihm die düstere Stadt, die aus Drachenschlünden zum Himmel\nspie. Er lag am Urbeginn nackt und hilflos, aus dem Ozean war\ndie ehrwürdige Mutterfeste zum Tage aufgestiegen, um ihre\nhilflosen und nackten Kinder zu tragen und zu nähren. Den\nKiesel in der Brandung den Grashalm im Seewind, die krei-\nschende Möwe auf der Woge, den wehrlosen Knaben in der\nHöhlung des Sturmes schirmte die Ehrwürdige gegen über-\nmächtige Gewalten des furchtbaren Werdens. Die Geschwister\nhatte Gereut lang geflohen und fand heim zu ihnen liebenden\nErbebens.\nGereut hungerte, ihn fror, er grub sich nackt in Dünensand,\ner trug seine Bettlerkleidung auf dem Rücken, wenn er im Seich-\nten hinaus zu den Tiefs wanderte. Ein Sturmtag kam, der\nSturm setzte vom Meer zum Angriff auf die flache Küste an,\nDonner brüllten, Hagel brach nieder, Blitze reckten zerbrochene\nFeuersäulen in die tobende Finsternis fahlroten Glühens. Nach\ndreitägigem Sturm zog Gereut am schäumenden Meer nach\nSüden; Gedörrt von Julisonne, salzigem Wind, frühe gegürtet\nmit dem Purpur der ersten Sonne war der irrende Jüngling jedem\nbösen Willen, jedem zufälligen Verderben preisgegeben. Der\nbettelarme Knabe wanderte im heimlichen Land. Sein Herz-\nblut glühte köstlich, ewige Jugend der See, des Meeres Auf-\nblicke, Atem, Wunder gingen in seinem sonnenkreisenden Her-\nzen auf, entzückten, vergingen, Adam lebte am ersten Tage der\newigen Schöpfung, Freude in den Flügen des Windes schwebte\nvor ihm her und küßte sein stolzes Haupt, die junge Birke in\nfrischer Anmut war Gereut, als er an der Mündung seines gro-\nßen Heimatsstromes in die ewige See die Kinderarme empor-\nbreitete und vaterlandsliebend droben im rauhen Wind die\ngrüne Fahne seiner Jugend unter Liedern entfaltete.\nIn Bremen aß er von seinem letzten Zehrgeld Mittag und\ntrank festlichen Wein. Im westfälischen Münster, der geheim-\nnisvollen Stadt der Dome schlief er ein einziges Mal auf seiner\nPilgerfahrt im Bett eines Gasthofes. Zärtlich wanderte er durch\ndie Paradiesesauen des sanften Münsterlandes. Er bettelte um\nBrot als sein Mittag und seine Vesper, in der Frühe nährte er\nsich von Wurzeln aus der taunassen Ackererde, und Abends biß\ner auf bittere Blätter vom Waldesgesträuch. Aber köstlich\nmundete das Wasser aus den Bächen mit weißem Sand, wo\nKiesel rein und klar in der hellen Woge ruhten. Seine Schuh-\nsohlen waren zerrissen. Er schlief die Nächte in zugigen Scheu-\nnen oder auf Moos im dichten Wald, früh vom eisigen Morgen-\ntau geweckt.\nLiebkosenden Blickes schaute Gereut die üppigen Wiesen\nmit ihren Weidengebüschen und hohen ernsten Pappeln. Er\nlehnte sich in den sanft gewellten Hügelhang über der unend-\nlichen Ebene, er sprang über den Landstraßen-Graben, um sich\nins Gras zu stürzen, das Antlitz in die Gräser zu betten und\ndem dichten Lied der allergeringsten Geschöpfe zu lauschen.\nGereut liebte den strahlenden, tosenden D-Zug, der fern schlan-\ngenhaft nach Süden zog. Er achtete sorgsam auf die Wander-\nbrüder der Landstraße, die versteckte Fragen an ihn richteten.\n* *\n*\nGereut wanderte in die Erzstadt des Reiches, das stählerne\nEssen, die ungeheure Werkstätte, Germaniens Waffenschmiede.\nVon Morgens bis Abends war Gereut auf der Suche nach Ar-\nbeit, um in Essen zu bleiben. Mit allen Arbeitsuchenden stand\ner in der Frühe vor den Toren der Werkstätten, Gießereien,\nStahl- und Elektrizitätswerke. Trotz seiner schauernden Ehr-\nfurcht vor dem Namen Krupp hatte er im Meldezimmer des\nWerkes gewartet, aber man erklärte, daß er wohl kaum Arbeit\nbeim Hochofen übernehmen könne, andere Arbeit gäbe es nicht!\nGereut warb unverdrossen, er meldete sich als Austräger bei\nZeitungen und Bäckereien. Niemand wollte die Beine des Dich-\nters für sich in Bewegung bringen. Schließlich bot man ihm Ar-\nbeit auf einer Ziegelei bei Gelsenkirchen: er schreckte zurück\nvor vierzehn Stunden härtester Tagesfrohn.\nEr lag in Schlafstelle mit einer Schar jugendlicher Arbeiter,\ndie bei Tagesgrauen zur Arbeit in Gießereien aufbrachen, sie\ntrugen täglich zwölf Stunden große Tiegel mit siedendeij\nSchmelze, bedienten Maschinen für Erzpressung. Er begleitete\ntäglich einen Kameraden auf dem Wege zur Arbeit, den nutz-\nlosen törichten Gereut beruhigte es einen Augenblick, an der\nSeite eines rauhen Gesellen im Heere der düstren Werker zu\nscheiten; während sie ihren guten und schlechten Taten entge-\ngenreiften, blieb er allein mit seinem schwachen ohnmächtigen\nWillen. War der Geselle endlich im dröhnenden Tor der Fabrik\nverschwunden, starrte Gereut lange verzweiflungsvoll nach: der\nArbeitslose rechnete ängstlich aus, wie er den grauen Werktag\nmüßig inmitten des rastlosen Antriebs bestehen sollte. Die\nSonne hatte ihr Auge trübe und rot verschleiert mit Rauch und\nDünsten der Fabriktürme.\nAls er kein Geld mehr besaß, um sein Bett zu bezahlen,\nstieg Gereut in die Wälder empor und wanderte nach Süden\nzum Rhein. Erschöpft kam Gereut nach Düsseldorf, schlich\nmühselig wund, aber aufrechten Hauptes durch die weiten Stra-\nßen zum Strom. Er setzte sich auf einen Pfeilerkopf, der aus\ndem Strom über die Kaimauer ragte, und sah den mächtigen\nRhein: in uralter Stromes-Schönheit glich er der hohen grünen\nSee und schaukelte seine Lasten in schimmernder Erregung.\nNachdem Gereut sich satt schaute, ging er in die Stadt und\nbettelte in der Herberge um Obdach. Der Herbergsvater prüfte\nseine Kleider auf Ungeziefer, und der Irrende durfte im Schlaf-\nsaal zu den anderen Wanderburschen in ein eigenes Bett sich\nlegen.\nX\nGereut ging im Schatten der riesigen, düster drohenden\nDomtürme über Kaiser Wilhelms Rheinbrücke nach Köln hinein.\nEr suchte umsonst eine Bank zum Ausruhen seiner wanderwun-\nden Glieder rings um die gespenstige Kathedrale und begab sich\nzum Hafen. Es war dunkel geworden und er bettelte in der\nFinsternis nahe einer Dampfer-Anlegestelle von einem gutge-\nkleideten Herrn Schlafgeld für die Herberge. Der Behäbige\nschlug erschrocken den Rock über seine goldene Uhrkette,\nmusterte den mageren Jungen und war plötzlich verschwunden.\nUm zehn Uhr stand Gereut müde auf einem stillen Markt-\nplatz der lustigen Stadt Köln und bat einen Schutzmann um"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7820, "texte": "Aufnahme ins Obdachlosen-Asyl. Auf der nächsten Polizei-\nwache prüfte man seine Person und Papiere und erlaubte ihm\ndann, sich im Riesen-Schlafsaal des Asyls auf die schräge Holz-\npritsch-Bahn zu legen. Diese schräge Holzpritsche war die\nSchlafslätte der täglichen düsteren Gemeinde von Hunderten\nder Aermsten, ihre starken, feuchten Ausdünstungen verdarben\ndie Luft, ihre schutzlose Blöße verhüllte der gemeinsame Schlaf.\nVon der Landstraße, vom Hafen, seinen Anlegestellen, Schen-\nken und Speichern, aus Kellern, nassen Büschen der Parks\nkrochen sie vor Mitternacht herbei, um einige Stunden Obdach\nund Wärme zu genießen. — In der ersten Frühe wurde ihre\nHerde in die Stadt getrieben. In seinem wilden Hunger rannte\nGereut durch die breiten Alleen zur Altstadt hinab. Gegen den\nbrutalen Gesellen Hunger stritt er in furchtbarer Schwäche und\numsonst. In der kleinen Bäckerei einer altertümlich krummen\nGasse bettelte er flüsternd und erhielt nach einem scharfen\nBlick der Bäckerin eine Semmel. Er brach das Brot auf einem\nMarktplatz und fraß es, ängstlich vor der Polizei.\nDann ging er zum Heim der englischen Heilsarmee und wurde\nnach mißtrauischem Verhör ins Arbeitshaus aufgenommen. Er war\nverpflichtet, von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends zu arbeiten\nund sich das bloße Essen und den bloßen Schlaf zu verdienen.\nGereut dankte der Heilsarmee seine Rettung. Er sortierte Lum-\npen, Kehricht und Kot der lebensfreudigen Stadt Köln, schälte\nKartoffeln von früh bis spät, betete mit den Armen, Entgleisten,\nVerwahrlosten, Verkümmerten, die auf rauher Erdwanderung\nsturmumtobt zur letzten Ruhestätte heimfanden, er sang Lieder\nder Heilsarmee im Takt von Gassenhauern, er betete unhörbar\nin seinem bebenden Herzen das Gedenken an alle Armen,\nLeidenden, Unglücklichen auf den rauhen Straßen der ganzen\nErde, seine hohe Messe der Armut und des Elends, und er de-\nmütigte sich.\nNach mühevollen Wochen der Arbeit, die ihn zufrieden und\nstill machte, bekam er ein Schreiben von Fräulein Laura, sein\nVater habe ihn durch die Polizei von Berlin bis Köln suchen\nlassen. Sie bäte ihn, heimzukehren, denn sie sei sehr krank, und\nschickte Geld. Gereut verließ gehorsam das Arbeitshaus und\nwandelte an einem frühen Morgen zum ersten Male am arbeits-\nwimmelnden, goldglühenden Rhein zur Kathedrale.\nAus Kölns buntem Herbstmorgen trat er in das Grab des\nDomes, schritt unter den massigen Säulen, beugte sich vor den\nfinstren Mauern. Fern vor schimmernden Weihbildern brann-\nten Kerzen, Priester murmelten ununterbrochen in den Hallen.\nVon der Straße kamen Händler, Frauen, Vorübergehende, knie-\nten, gingen einige Schritte, knieten nochmals.\nDer einsame Gereut, der Wissende stand abseits, geschie-\nden von den Gläubigen. Seine Wanderung hatte er getan, sie\ngeendigt in der Grabkammer der Riesenkirche. Gefahr, Hunger,\nNot, harter Frohn waren ihre Stufen der Läuterung. Er durfte\ndas Gebet seines frommen Knabentumes wieder beten, er durfte\nHeben mit der fleischlichen Liebe, die aus makellosen Quellen\nhervorging, um zu spielen, sich zu freuen und glücklich zu sein,\nin den unbeirrten ursprünglichen Eingebungen. Er empfing den\nJünglingsleib aus Gottes Hand zum rechten Leben, um ihn ehr-\nfürchtig zu hüten. Von den Straßen der Welt durfte er heim-\nkehren in heilende Stille.\n* , -k\n•k\nNach langer Nachtreise kehrte Gereut um vier Uhr früh\nin die große Stadt zurück und fuhr mit dem ersten Zug nach dem\nVorort hinaus. Er suchte das Gelände der früheren „Mündigen\nGemeinde\" auf, schlich durch den Forst zum Freilicht-Theater,\ndas die Mündigen zu ihren Dionysien gebaut hatten, um es nie\nzu benutzen, denn als es fertig stand, lief der Pachtvertrag der\nGemeinde ab, und sie zerstreute sich völlig. Hinter der Bühne\nbefanden sich die zum Umkleiden der Schauspieler bestimmten\nBretterverschläge für beide Geschlechter. Die Bretter waren\nmorsch und faucht, aber der Erdboden war sauber und voll\nNadelstreu. Gereut breitete seinen Mantel aus und legte sich\numständlich schlafen. Er schlief den ganzen Tag.\nGegen Abend ging er in das verlassene Haus und mietete\nbeim Pächter das Stallgebäude, Er klomm allein die Hühner-\nstiege zum ziegelgepflasterten Sälchen hinauf, in dem einst\nMyrddhin den Befehl des Todes erwartete. Das rohe Gebälk\ndes flachen Stalldaches drückte niedrig auf den heißen Raum.\nVon den Wänden waren große Stücke Kalk abgebröckelt, Kis-\ntenbretter und Holzwolle lagen verstreut auf dem roten Ziegel-\npflaster, und an der Stelle, wo Myrddhins Sofa gestanden hatte,\nhing an der Wand ein Bündel dürres Reisig. Zwei Fenster hell-\nten das Sälchen, und Gereut öffnete ihre blinden Scheiben* um\nim Licht und im Atem von Myrddhins Abendröte die Verwesung\nder Kammer zu tilgen. Zu Myrddhin kehrte sein Jünger heim!\nGereut machte Vertrag mit einem Verleger zur deutschen\nHerausgabe von Miltons „Verlorenem Paradiese\". Er durfte\nin zeitloser Zwiesprache mit seinem blinden Schöpfer zum Lichte\nbeten:\nSo kehren mit dem Jahre Jahreszeiten wieder\naber zu mir kehren nicht wieder Tag,\nsüßes Herannahen von Abend und Morgen,\nAnschauen der Frühlingsblume und Sommerrose,\nund der Herden und des göttlich menschlichen Angesichtes.\nWolke des immer dauernden Dunkels umfängt mich,\ngeschieden von frohen Menschenwegen.\nEin Jahr fernster Einsamkeit, inneren Reifens, fruchtbarer\nArbeit wurde Gereut beschieden; Tauben, Waldvögel flogen\nmitten durchs Sälchen vom offenen Fenster im Osten zum offe-\nnen Fenster im Westen, sie weckten ihn in der Frühe mit gol-\ndenen Rufen und Rauschen der Fittiche unter dem Gebälk).\nSein Haupt schlief des Nachts im tiefen Ringe demantener Stern-\nfunken des Höhenblaus.\nUeber seiner Jugend standen die ehrwürdigen Meister, die\nhehren Wächter, die Ewigen, die väterlich sein Leben, seine\nTräume, seinen tiefen Schlaf leiteten und seinen Leib, die heile,\ngöttlich gebildete Schale mit ihren Händen bewahrten; Myrd-\ndhin und Meister Eckhart. Die Unsterblichen seiner Rasse\nkamen schirmend zum Jüngling in seiner Blöße und Ohnmacht,\nund er empfand im Dunkel seines Schlafes, ihre Stärke, die ihn\nschwebend über Länder und Meere hob. Er flüsterte mitten in\nder Nachtstille einsam wachend Gottes höchsten Gedanken\nin der Sprache seiner Vorfahren:\nDer Mensche sol niht haben, noch im lazen genüegen mit\neinem gedahten Gotte. Wenne der gedank vergat, so vergat\nauch der got . . . Sus mac der mensche niht gelernen mit flie-\nhen, daz er din dinc fliehet und sich an die einöde kehret von\nuzwendikeit, sunder er muoz ein inerlich einöde lernen, wa\noder bi v/im er ist. Er muoz lernen, din dinc durchbrechen unde\nsinen got dar inne nennen unde denne Kreftecliche in sich Kün-\nnen erbilden.\n* *\n*\nFräulein Laura hatte geglaubt, daß Gereut ihretwegen von\nder wunderlichen Wanderschaft heimgekehrt war. Aber er\nhielt sich streng zurück und war zu keinem Besuch zu bewegen.\nAls sie es wagte, das frühere Spiel zu treiben, in Myrddhins\nSaal zur Nacht zu bleiben und sich in sein Bett zu legen, ließ\ner sie ruhig gewähren, blieb die Nacht bei seiner Arbeit auf und\nkochte ihr morgens Kaffee. Als sie endlich fortgegangen war,\nschrieb er ihr, daß er auf fleischliche Gemeinsamkeit mit ihr\nverzichte, erbäte, ihn zu entschuldigen!\nFräulein Laura entschuldigte durchaus nicht und schrieb,\ntief in die Wurzel ihrer Hoffnung getroffen, dem Männchen böse\nDirnenworte. Nach diesem Fehlschlag ihres letzten Traumes\nin Europa reiste sie mit einem Auswanderer-Dampfer nach den\nVereinigten Staaten und ließ sich in einer Stadt am Michigan\nnieder, wo sie Arbeit fand und sich schnell mit einem kleinen\nFarmer nach Virginien verheiratete.\nNach etlichen Jahren schrieb sie ihren ersten Brief und\nsandte Gereut Dollarscheine. Sie empfahl sich seiner Herzens-\nErinnerung und bat ihn, die Scheine als Dank für seine gütige\nFreundschaft in Europa anzunehmen. Sie wisse, daß er noch\nimmer arm sei, und da sie selbst ihm nicht Brot und Reis kaufen"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7561, "texte": "könne, müsse er eben die Dollars wechseln und von dem Gelde\nkaufen.\nGereut lehnte die märchenhaften Scheine aus Dollarika ab.\nFräulein Laura in Virginien aber kehrte sich nicht daran, Woche\nfür Woche kamen Dollars im Geleit von Worten der Sehnsucht\nund Rückkehr. Gereut wandelte die Amerikaner auf der Bank in\nDeutsche um; zur Genüge von ökonomischen Sorgen zerzaust,\nkaufte er sich wohlhabend Brot und Reis. , . .\nXI\nGereut dachte eine Ehe zu schließen!\nEs waren zehn Jahre seit seinem Ausgang von der mündigen\nGemeinde verflossen, aber es ging ihm noch immer nicht gut.\nEs war ihm klar, daß er selbst an seiner trostlosen Lage Schuld\ntrug, ein tätiger Entschluß würde den Trug der berufslosen Ar-\nmut und des freiwilligen Darbens zerstören. Er mußte (sich\nscharf in einen Verdienst zwängen, werktätige: Verantwort-\nlichkeit anfassen, sein Dasein mit Wehr und Waffen gürten,\nsein Heim mußte fest gebaut stehen, wenn er eine Frau hinein-\nzuführen wagte. Niemand konnte ihm seinen Lohn erstreiten,\ner mußte sich selbst bemühen.\nEines Tages sandte Nonne an Gereut eine Pappschachtel\nvoll guter Sachen zum Essen. Dankbar, aber recht beschämt\nempfing er diese Kundgebung weiblichen Gedenkens und Be-\nmühens. Er mußte sich geradezu Vorwürfe machen, nie war\nsein bettlerhafter Zustand ihm kläglicher erschienen. Er barg\nin seinem Dasein noch die beschämende Unwürdigkeit; er hatte\nnicht genug und tat nicht genug, um unabhängig von willkür-\nlichen Wohltaten Fremder leben zu können. Doch hatte er Ge-\nsundheit und Kraft, um sein Genüge zu erarbeiten. Wirkliche\nArbeit schändete nicht»\nEr lud sich bei Nonne im Dollingschen Hause an einem\nAbend, als sie allein war, zu Gast. Sie empfing ihn, wunderte\nsich, aber wußte, daß er ihretwegen kam. Als er seinen wohlbe-\ndachten Ehe-Antrag unbeholfen kundtat, wurde ihr Gesichtchen\nzart weiß. Sie war ohne Weiteres einverstanden.\nGereut war glücklich, sein Glück war groß, denn er besaß\ndie Festigkeit des Herzens, seinen Entschluß zu verwirklichen,\ner hatte die gespannte Zuversicht, die Berge versetzte, er hatte\nLust, die Sonne aus einem rohen Metallklumpen zu bilden und\nzu versuchen, ob sie nicht besser als die Alte diene. Er gürtete\nsich in Wehr und Waffen, um sein Heim zu schirmen.\nNonne harrte aus bei der Arbeit im Dollingschen Hause,\nGereut mietete in ihrer Nähe eine Mansardenstube und sie hiel-\nten Hochzeit. Die Hochzeit sollte in dem einfachen Ja-Bündnis\nvor dem Gemeinde-Beamten bestehen, als Zeugen hatte Gereut\neinen befreundeten Maurer und Nonne Dollings Melusine ge-\nbeten, sie sollten unter der Linde beim Gemeindeamt zur be-\nstimmten Zeit zusammentreffen. Aber Sine kam nicht.\nAls Nonnens festliche Stunde nahte, hatte Sine mit dem arg-\nlosen Vater einen Spaziergang unternommen, und sie kehrten\nnicht eher heim, als bis sie wußte, daß die Sache beim Ge-\nmeindeamt erledigt war. Ein unheilvoller Tag stand im Horo-\nskop, sie fürchtete die bindenden Förmlichkeiten und die Un-\nterschrift.\nFrau Nonne hatte nach einem Glase Wein ihren Mann und\nden Freund verabschiedet und sich rüstig an die Arbeit bei\nDollings begeben, Sine kam vorsichtig zu ihr: „Nonnchen,\nbiste böse? aber wahrhaftig ich hatte vergessen, daß du Hoch-\nzeit hast, ich war Pilzesuchen mit Vätern und plötzlich fiels mir\nein. Da bin ich denn gerannt und habe im Gemeindeamt ge-\nfragt, aber ihr wart schon weg!\"\n* *. *\n*\nEin Flieger war auf freien Felde niedergegangen, um einen\nMotorfehler zu beseitigen.\nEs war zur Stunde des mittäglichen Schulschlusses im Ort.\nAuf das Gerücht vom Flieger machten alle Mädchen den Um-\nweg über die Aecker, um ihre Neugierde am Flugzeug zu weiden.\nDie Dollingsmädchen staunten mit den Anderen die kochen«\nde, wütend puffende Maschine an. Nach Sättigung der Schau-\nlust bummelten sie langsam auf den ausgefahrenen Weg am\nFeldrain mit den langen Schultaschen, Sie unterhielten sich\nüber das Ereignis aus der Luft, welches herniedergestiegen war,\num die mühsam eingestampften Rechenformeln, das Aufsatz-\nthema zur höheren Bildung und die eben gepaukten Vokabeln\nin alle Winde zu streuen. Tiefes Gebüsch säumte die krumme\nLandstraße, Der frische, sonnige Herbst stand droben gewölbt.\nDie Ackerscholle war frisch vom Pflug gebrochen für die Win-\ntersaat. Die Kinder tummelten sich in der heiteren Wärme und\nsuchten Steinnelken. Am Weg erhob sich einsam eine riesige\nalte Weide. Der Stamm war vom Blitz getroffen, bis auf die\nstämmige Rinde verbrannt. Aber droben wölbte sich unzer-\nstörbar grünend der mächtige Wipfel weit über der Brache.\nDie Mädchen kletterten in den Baum und seine Zweige\ntrugen sie starkarmig schützend. Sibille saß träge in der Baum-\nhöhle und ordnete ihre Blumen, Schweigstille kletterte zu-\nhöchst und plapperte Strofen aus dem französischen Lesebuch,\nindem sie die korrekte Deklamation der Schule parodierte. Sie\nrächte sich für die Schulplage. Katherine saß im Laub des\nWipfels, jungenshaft rauh Nonnens muntere Lieder singend.\nDie Kinder sahen fern auf dem Wege, der unter ihrem\nBaum hinführte, einen Spaziergänger und schickten sich an,\nein Konzert zu geben. Gereut, der von einem Spaziergang\nheimkehrte, erschien unter dem Baum und plötzlicher Gesang\nbegrüßte ihn. Er schaute auf zum alten Weidenhaupt und blieb\nam Herzen gefaßt stehen: drei lichtblaue Mädels, lange, blonde\nLocken, blaue Mützen mit rotem Rand leuchteten herrlich in\nschlanken, zarten Blättern. Oktobersonne, golden und klar,\nliebte ihre tiefblauen Früchte, in den Wohllaut des Liedes wob\ndas Raunen des väterlichen Wipfels.\nSchweigstille hatte die blaue Kordel des Gürtels gelöst,\nund hing sie als Angel herab, um dem Mann drunten die Nase\nzu kitzeln, aber als sie Nonnens Mann erkannte, unterließ sie\nfüglich den Possen. Gereut grüßte mit den Hut, indem er sein\nkastanienbraunes Haupt neigte, und sprach herzlich: ~Freude\nschenkt mir euer heller Tag!\"\nNach glücklich beendetem Lied, von Gereuts Gruß mit dem\nHut sehr geehrt, hielt die Mädchen nichts auf dem Baume. Sie\nhatten Hunger. Man wartete auf sie zu Hause!\n* *\n&\nDer Vater hatte eine Einladung zum Abend nach Berlin.\nEs war nur gerecht: wenn die Herren vom Presseverein zum\nFeste fuhren, mußten sie den Töchtern eine Steuer entrichten.\nEs war ausgemacht, daß die Väter nicht allein feiern sollten.\nVater Dollings schlürfte laut seine Suppe, Der Löffel des\nberühmten Kritikers war hastig. Sein Blick hinter dem strahl-\nsammelnden Augenglas war in die Betrachtung der wuchernden\nBartzierde versunken. Es war eine bekannte Tatsache, daß es\nganz unmöglich war, ihn aus seinen Stieren aufzurütteln. Nur\nmit stärksten Mitteln war das zu erreichen.\nSine aß verdrossen stumm. Die Kinder stießen Nonne auf-\nmunternd an die Schienbeine, bis Nonne mitten in Dollings\nSuppe hineinfragte: „Herr Delling — die Kinder möchten eine\nMark, weil Sie heute Abend nach Berlin eingeladen sind,\" Dol-\nling hatte nichts vernommen und löffelte. Sine 'bemächtigte\nsich der Möglichkeit, eine Mark zu hamstern: „Warum sollen\nimmer die Jöhren Geld bekommen, die werden verwöhnt! Ich\nkann mir nicht mal Strumpfbänder kaufen, und die verschmö-\nkern das schöne Geld!\"\nDolling hatte den Fleck der Suppe mit bösgerunzelter Stirn\nvom Teller getilgt und verlangte Fleisch, Er hatte das Ge-\nspräch nicht bemerkt. Als Nonne die Gelegenheit begriff und\nzum zweiten Male bat, sank wiederum sein Blick senkrecht\nhinab, die oben starrten in den tiefen Brunnen, aus dem ab-\nwegiges Brummen vernehmlich war: „Ja — ja— ja —!\"\nSchweigstille, den schmalen Blondkopf an die hohe Stuhl-\nlehne zurückgebogen, setzte zum Sturm an. Sie schwang den\nSuppenlöffel im Fäustchen als Taktstock und schrie: „Herr"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7599, "texte": "Dolling — Herr Doli—linggg!\" Zugleich griff Nonne an: „Herr\nDolling — Doli—linng — Doli—linnggg —.\" Nun faßte Katherine\nden Vater im Sturmangriff mit rauher Stimme: „Papa Doli—ling\n— Doli—linnggg — Papa paaa —\" Endlich sang Sibille den\nChor: „Doli—ling — Doli — Dolll —\nDer stürmende Ring war geschlossen. Köpfe zurückge-\nbogen, frei die Kehlen, Stühle wippend, schlugen die Mädels\nSturmtrommeln mit Löffeln an leere Teller, mit Hacken, Schuh-\nsohle an Tischbein und Balken, Fünf Minuten Höllenlärm!\nDie Kinder strengten sich an, um des hohen Zieles willen ernst\nzu bleiben. Schweigstille lachte Tränen. Sie flüchtete wütend\nvor der Trampelei der unvernünftigen Kreatur auf ihren Nerven.\nDer versunkenste Ichdenker würde nicht standhaft bleiben.\nDollings blutrote Träume von fürstlichen Bettgenüssen, die\nSeiner nach den geistigen Vereins-Anstrengungen um Mitter-\nnacht unentgeltlich harrten, erblaßten, zitterten vor dem Auf-\nruhr: Nonne vernahm den schwachen Hauch der Ergebung im\ndichten Wirbel und gebot Stille. Der Vater nahm das Augen-\nglas aus dem mageren, verwittert roten Gesicht, und wischte\numständlich die kleinen, blinzelnden Augen: „Ja — ja — Herz-\nchen, Kinderchen — wollt ihr was?\"\nDer erregte Chor schrie im Takt: „Eine Mark, wir wollen\neine Mark! Atemlos aus Schalkheit schrie Schweigstille er-\nbärmlich: „Du gehst zum Fest! W;ir müssen allein bleiben.\nNonne kann nicht mal Kuchen kaufen!\" Sie drückte mühsam\neine Träne zwischen die Finger. Der Chor krähte weinerlich:\n„Nicht mal Kuchen kaufen!\"\nIn diesem Augenblick tauchte der Vater wieder in seinen\ntiefen Brunnen, er hatte sein Fleisch zerlegt und die Welt rings\num seinen Teller drohte verloren zu gehen. Aber die Welt\nhatte die Gefahr schnell erkannt. Rufen hüben Sirenen —-\nschrill an: ~Vater Doli—ll—ling—linnggg —!\" Endlich hörte\nNonne, die zunächst saß, seine Stimme vernünftig anordnen:\n„Ich gebe zwei Mark fünfzig, Jedem fünfzig Pfennige, auch Sine\nund Nonne! Er wandte sich an die Töchter: „Kinderchen!\nHerzchen! seid artig, ihr kriegt euer Geschenk, ich lasse doch\nmeine Kinderchen nicht weinen! Und nun laßt euer geplagtes\nVäterchen sein Mittag in Ruhe essen!\" »„Sieg! Sieg!\" rief\nSchweigstille, Der Siegespreis war bezahlt, die Töchter konn-\nten zum Feste rüsten.\n* *\n*\nNonne machte mit den Kindern schnell Schularbeiten. Nach\nVater Dollings Fortgang versammelten sich zehn kleine Mädels\nm der Wohnung, alle im gleichen Alter und gleich bereit, im\naufrührerischen Schwung der Dollinge zum Unfug und Schrek-\nken der Hausbesitzer.\nVon ihren Loggien und Altanen blickten Hausbesitzer und\nNaturfreunde behaglich auf ein Paradies von geschorenen und\nwohlgezäuntem R.asen hernieder, auf Trauerweiden, Rosen-/\nstocke, und prächtig kiesgelbe zirkelrunde Wege. Beständig\nwurde das Paradies besprengt, und sein Frieden bewacht.\nDie Dollinge flogen das Geländer der Haupttreppe herab,\nzehn kleine Mädels von der Schulstrenge frei, unbändige Spring-\nlust in den Beinen. Katherine lachte herzlich mit rauher Stim-\nme, die träge Sibille sauste mit senkrecht hängenden Locken,\nquecksilbrig zankte Schweigstille und bockte hinein in den\nSchwärm, daß er auseinanderstob. An Sines Fenster zur ebenen\nErde vorbei ging die Fahrt der Hexen, der Kies knirschte unterm\nGetrampel der heillosen Unvernunft. Sine lag zu Bett und sie\numklammerte ihren Schädel, dessen Knochen nicht standhielten,\nmit den Händen und starrte umnachteten Auges auf ihren augen-\nblicklichen Roman: „Der Kommilitone, Geschichte eines jüdi-\nschen* Studenten.\"\nDie Hausbesitzer standen rings hinter den jeweiligen Zäu-\nnen ihrer Grundstücke, und lauerten nervös auf eine Gelegen-\nheit, um den wilden Lärm zu dämmen. Die Sonne stand niedrig\nrot über dem Bahngleis, kleine rote Flammen züngelten vom\nliimmelsfernen Brand durch 'das Laub des\nNonne deckte Wen Kaffeetisch hinter der blätterumrankten\n#\nLaubenwand der Altane, dort durften die Mädels unbekümmert\nsein.\nAls Nonne den Kaffee Sinen ans „Krankenbett\" gebracht\nhatte, rief Nonne die Kinder. Katherine schenkte ein, Nonne\nteilte den Kuchen ein. Man war ganz unter sich, und Schweig-\nstille führte alle an, indem sie schonungslos Spitzen gegen Jede\nstach. Sehr kritisches, empörend ungezogenes Gespräch, das\nbildreich und kräftig war, beschäftigte die Kaffeerunde, während\nder Vater seine Schäferin zum italienischen Presseabend ab-\nholte.\nKein Eest der Mädchen ohne Gesang. Nonne führte den\nTakt, und alle sangen richtig, ruhig, fest. Sie sangen den licht-\nblauen Abend und geleiteten ihn zur langen Nacht, unverdros-\nsen, unbekümmert um Hausbesitzer, Naturfreunde. Sie sangen\nwilde Blumen, Vögel, Winde, die bekannten und unbekannten\nTräume! Nachbaren, kleine Mädchen, verliebte Knaben lausch-\nten dem Gesänge auf himmlischen Flügeln.\n* *\n*\nGereut ging die Stiege in der Dollingschen Wohnung zum\nSchlafzimmer der Kinder hinab, Sie hatten verlangt, und Nonn**\nhatte gebeten, daß Gereut gute Nacht sage. Im dunklen Flur\nöffnete Nonne die Tür vor Gereut, und er schaute in drei helle\nerwartende Mädchengesichter. Er lachte, sie freuten sich in\nden weißen Betten und antworteten ihm. Nonne drehte das\nLicht aus, der helle Leuchtfaden erlosch, und die Kinder schau-\nten auf das freie, weiße Rechteck der Tür, das im Schein des\nelektrischen Mondes hoch von der Straße glänzte. Sie warte-\nten in der langen Stunde vor dem Einschlafen darauf, daß die\nTür sich auftäte. Wer Alles mochte an die Tür klopfen und\ndurch die Stube gehen: sieben Jünglinge in Gestalt von sieben\nRaben mochten zu den Betten herbeifliegen und nach der\nSchwester fragen!\nNonne lehnte die Tür vorsichtig an, und beim leisen Fort-\ngehen hörte er undeutlich: „Herr Gereut .... bereut . . . .\"\nNonne war müde, der Abend gar zu lang, denn Vater Dol-\nling würde erst mit dem Frühzug heimkommen, und bis dahin\nsollte sie Kinderwache halten. Gereut blieb bei ihr, sie legte\nsich auf den Divan, er deckte sie zu, löschte das Licht, und kau-\nerte im Finstren lauschend am Fenster. Er starrte auf die Straße\nmit den beiden Reihen dichter Kastanienschatten, durch die\nFunken von Gaslaternen glitzerten. Gereut fieberte. Er\nwollte mit Nonne heimgehen und nach dem Werktage ruhen\ndürfen.\nAls Nonne eingeschlafen war, trat er leise in Dollings Ar-\nbeitszimmer, drehte Licht an und wanderte auf dem roten Tep-\npich: er grübelte über den Weg, den er gehen könnte, um end-\nlich Nonne im eigenen Heim behalten zu dürfen und sie nieman-\ndem mehr herauszugeben.\nEr blieb vor den Gestellen stehen, in denen Reihen nie ge-\nsichteter, selten benutzter, lieblos weggestopfter Bücher ver-\nstaubten: Theaterkritik, Dramaturgie, Goethe und Schiller\nfriscne Romane und Gedichte, Buch der Erfindungen, Hausbi-\nbliothek des Wissens, Weltall und Menschheit,\nGereut hatte der Verdummung der Presse widerstanden\nund sich der vielschreibenden Geschäftigkeit und Betrieb-\nsamkeit entgegengestemmt. Er war mit Elend, dem gottver-\nhängten Dichterlos bestraft worden. Er wagte es, im Elend\nsein Schicksal festlich zu empfangen.\nEr starrte auf die zur Besprechung eingegangenen frischen\nBücner, die Nonne sorglich auf dem roten Teppich aufgestapelt\nhatte, und versetzte den wuchernden Haufen Tritte, daß sie um-\nstürzten. Erschrocken hielt er inne, denn er glaubte Nonne\nvom Lärm erwacht. Aber die Nacht rauschte still, Schritte\nVorübergehender, laute Unterhaltung brachen die Einsamkeit\nund ihn fror. Wengen und Stirn brannten, seine Füße waren\neiskalt.\nEr dachte dies: Theaterhallen, Festsäle in der Fülle ge-\nschmückter Mengen, zierdenreicher Frauen, gepflegter gutge-\nkleideter * Männer. Gespräch, Elektrizität der Geberden,\nLachen, Flug von Blicken! Lichtkronen schimmerten riesig"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7511, "texte": "über den gebeugten Mengen, unendliche Musik flammte, dröhn-\nte, Stimmen der Solis wurden von Meeresarmen des Orchesters\nmit Liebesbrausen empfangen!\nDies dachte der arme Gereut. Nonne erwachte, als hörte\nsie Gereut deutlich reden: ,»Lieber, warum sind wir so arm,\nwomit haben wir die Strafe verdient?\" Er beugte vor Nonnens\nunvermuteter Stimme aus dem Dunkel das Llaupt, er dachte mit\nbrennendem Heimweh an ihren einzigen freien Tag, als sie voia\nSakrow nach der Römerschanze gewandert waren. Im Augen-\nblick dieser stummen Erinnerung begann Nonne ernst von\nSakrow zu erzählen, und Gereut lauschte , , ,\nEr schaute auf die nächtige, laternenbesäumte Straße hin-\naus, die nach Berlin führte. Die unendliche Straße, stürzende\nMassen, tosende Bahnhöfe, Heere von Automobilen, Orkan der\nKraft und des Hasses —! Nonne erzählte sanft von Sakrows\nzartem Glockenturm aus Schinkels Zeiten und dem hohen alten\nBirkenhain am See,\nEine Stimme kam aus dem Kinderzimmer, im Traume\nmurmelnd. Nonne war aufgestanden und hatte Gereut umarmt.\nIhr Gesichtchen leuchtete weiß.\nXII\nNonne klatschte mit den Händen nach Gereut, Durch die\nNacht flog ihre Stimme zu ihm auf wie ein kleiner silbriger Vo-\ngel mit weichem Gefieder. Gereut erhob sich am kleinen Fen-\nster wie der Schatten eines jungen Bären und antwortete\nhinab ins Dunkel, in dem nur der helle Vogel schimmerte.\nDas Zimmer war mit einem langen, faltigen Vorhang in zwei\nTeile geschieden, in Arbeits- und Ehe-Stube. In der Arbeits-\nstube stand der runde Tisch mit Nonnens Armsessel, in dem sie\nMittags zur Ruhe saß und auf die Aecker jenseits vom Bahn-\ngleis blickte. In der Ehestube prangten ihre schönen Betten.\nGereut stand vor dem lieben Bilde über seinem Arbeits-\ntisch, dem Druck nach einem flandrischen Meister. Eine Eva\nsteht keusch und bietet zurückhaltend erhoben den Apfel der\nsanften Liebe, ernst, ruhig atmend, nackt. Der Mann schreitet\ngeraden Blickes, strengen Angesichtes, fester Stirn, senkrechter\nStärke am kurzen fliehenden Augenblick vorüber. Das Bild\nverlangt kein Gelübde, heiles stolzes Schweigen deckt seine\narme, verletzliche Scham.\nDer Schreitende auf dem flandrischen Bilde biegt nicht\nwillig das Haupt zum Gruß, das Haar steht als Helm, die schräg\nherabgestreckte Hand faßt unsichtbare £>iitze in ihrer Kraft,\nHell, entflammt war Gereut, um Einöden zu durchziehen, un-\nbezwingliche Hindernisse zu versuchen, ins absichtsvolle Dunkel\nder Herzen zu tauchen, das Rätsel der Welt zu stammeln . , .\n* *\n*\nDrei Kerzen will ich dir anzünden!\nGereuts Ehe war ein heimlich zweisam Reich!\njWimter-Schnee, herber Frostzwang friedete und ,Märzen-\nsonne wärmte sein traulich Reich, die Stürme fuhren drüberhin,\nohne es zu versehren. Gereut senkte den Blick in die Ge-\nschlechter seiner verehrungswürdigen Vorfahren, er hatte die\nRegierung angetreten über die fünfhundert ehrfürchtig geliebten\nSeelen, die er durch die Kraft und Anmut seiner Gedichte ge-\nwonnen hatte, er war Großgrundbesitzer und besaß den uner-\nmeßlich reichen Holzschlag aus den Wäldern der deutschen\nSprache, und diese Wälder standen noch dicht wie die deutschen\nHeere. Auf den Zinnen seines Palastes glänzten frei zehn Him-\nmelsgestirne, darunter Bär und Jupiter, Gereut war Mann,\nKrieger und Fürst.\nNonne saß neben Gereut am Abend ihres Werktags, sie\nhatte es noch immer mühselig! Ihre Hoffnung erhob sich auf\nschlichten Liedesflügeln und flog der Sonne nach in ihren Ab-\ngrund, dessen Röte langsam verblich, Sie sang die Todesweise\nvom Königskinde: Drei Kerzen will ich dir anzünden!\nGereut erbebte beim Schmerz ewigen Abschiedes, allfül-\nlender Todesklage. Alles was geschah, sein Geheimnis, sein\nSchicksal waren in ihm vorgebildet, er war vertraut mit Allem,\nehe es geschah, in seinen Träumen hatten sie lange neben ihm\ngeschlafen, um plötzlich zu mahnender Gewißheit\nEreignisse, Taten, Abschiede, Herrlichkeit, Größe. Sie waren\nein Ihn-Rufen, Ihn-Verwandeln, Ihn-Heiligen, vor dem sein Herz\nzitterte. Schrecken reckte den Stachel, Furcht ätzte Todes-\ngift ins Blut, Vernichtung zerschlug: Den, der nicht aus erzbe-\nreitem Rillen die Tat vollbrachte, Sendling am guten Tag des\nGewitters! Gereut kannte wehrhaft Tag und Stunde, sanft\nunschreckbar stand sein Haupt, seiner Sonne folgte das Schick-\nsal donnernd nach.\nGereut hatte den schweren Schatten der Furcht empfunden,\nStachel und Vernichtung seines Selbstseins: den Hemmenden,\nden Zergliederer, den Halbmann! Aus seinen verfluchten Sümp-\nfen war Pinkepank, von den Seelen der Menschen genährt und\nselbstbewußt geworden, in Gold gekleidet, aufgefahren gen Him-\nmel, und hatte sich in das ewige Licht an Gottes Seite gesetzt.\nGottes Fülle eignete er sich nach Art roher Emporkömmlinge\nan und besaß sie, die Mächtigkeit menschlicher Seelen, die groß\nan Liebe und Weisheit geworden waren, ließ er zum Purpur-\nmantel weben, in dem er sich zur Schau ausstellte. Wissen und\nKraft der Zeitalter benutzte er listig, um Stolz und Würde der\nRassen zu untergraben, und an ihrer ehrwürdigen Stätte sein\nIch aufzurichten. Er knechtete die Fülle des unendlichen Lebens\nund das geduldige Rind wartete vor dem Messer des Schlächters.\nReichtum des Erdballs, königliche Herrschermacht verlieh Pin-\nkepank seiner zerrütteten Brut, über den Erdball sank ein\nfurchtbarer Schatten, er hatte ihn durch blutigen Fleiß bezwun-\ngen, er hatte ihn bezahlt, deshalb gehörte er ihm.\nAber Pinkepank war zur Schöpferliebe unfähig, obgleich\ner versuchte, die ungeheure und leise Schwungkraft des Lebens\naus seinem Feuerkreise in den verdorrten Adern gerinnen zu\nlassen. Er blieb unfruchtbar, seine Werke strebten zum dürf-\ntigsten Zusammenhang, ihm war die geheimnisvolle Bindung der\nLiebe versagt.\nLiebe suchte er allerwege, um jeden Nerv mit Weineskraft\nzu entflammen, in jegliche Kälte, jeglichen leeren Augenblick\ngeschlechtliche Brände zu schleudern. Er selbst brannte und\nflammte und liebte nicht, Demut der Liebe band nicht seine\nschweifenden Hände, schöpferisches Feuer brach nie seine\nkarge Art.\nFurchtbare Stunde, wenn aus erloschenem Krater die La-\nwine des Feuers aus dem Erdinnern grollt; tötlicher Untergang,\nschmerzvolle Befreiung! Dem glorreichen Tage jauchzte Gereut,\nder göttliche Urmensch, Fürst der Sterne, Sieger der Aufgänge\nSonne, dem das Schicksal donnernd folgte. Der Schatten wich\nvon seinem Selbstsein, der Makellose trat vor ins All und hob\ngrüßend die Waffen. Sein Schwur zuckte die Herzen, sein\nSchlachtruf weckte die Krieger: die gebückt in der Erde, auf\nSaturn, Venus, Neptun, M,ars und allen großen Gestirnen der\nHimmels-Gespanne dem Schöpfer ihre Angesichter zukehrten\nund ihm Treue leisteteten. Sie eilten herbei, die Erde bedeckte\nsich mit ihren Scharen und an ihrer Spitze brach der rote Gereut\nhervor auf Pinkepanks lederne Haufen, seinen lottrigen, von\nrasenden Reden und Flüchen geschwollenen Heerbaum der\nzerfressenen Gesichter, der von bürgerlichen Gewohnheiten,\nAusschweifungen geschwächten Geister und verkommenen Lei-\nber. Das fressende Feuer fiel nieder und Gereut schmiedete\nzum Siegesmal Pinkepank auf den Ambos mit Blitzen aus seinen\nSchöpferhänden von Stahl, warf die Türme um und setzte Gott\naus dem Schatten ein in sein ewiges Licht,\nin Gottes Herrlichkeit:\nVor den Getreuen sang Gereut das uralte Gebet des Lord\nEr ist so niedrig, daß ich alle seine Gesichter sehe,\nEr ist so hoch, daß ihn niemand erreichen kann,\nder Verborgene, dessen Namen niemand kennt.\nEr ist unter den Menschen\nEr ist bei den Göttern\nwenn sie leben,\nwenn sie sterben,\nohn Aufhören gibt er die Hand ihrem Sein\nsie sind ewig in I H M\nEnde"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c036", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "57", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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April 1917 bis 31.\nMarz 1918\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der\nZeitschrift Der Sturm / Freier Besuch aller\nSturmausstellungen / Besuch der Sturm-\nKunstabende zu halben Preisen / Jedes\nJahr frei eine Sturmgabe / 1917/18 nach\nWahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unter-\nschriebener Holzschnitt aui Kaiserlich\nJapan-Papier oder zwei Kunstdrucke nach\nWahl oder das Sturmplakat von Kokoschka"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c057", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c057", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.16", "debut_caractere": 2829, "fin_caractere_exclue": 2980, "texte": "Kunstbuchhandlung\nDer Sturm\nPotsdamer StraBe 138 a\nFcrnruf Liitzow 4443\nhat gute und seltene Biicher und Noten\nvorratig und nimmt Bestellungen entgegen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-07-15-01-c058", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-07-15_01#c058", "volume": "bmtnabg_1917-07-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.2.28", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.16", "debut_caractere": 2982, "fin_caractere_exclue": 3570, "texte": "Neuanzeigen Der Sturm\nNeu erschienen: Herwarth Walden:\nGesammelte Tonwerke: Schwerftertanz /\nW,erk 18 / Mark 4,— / Tanz der Tone /\nWcrk 23 I Mark 3,— / Umschlagzeichnimg\nvon Rudolf Bauer\nDie Preise der iriiheren Jahrgange der\nZeitschrift Der Sturm sind laut Anzeige\nauf der vorhergehenden Seite erhoht\nHerwarth Walden: Einblick in Kunst\nMit vierundsechzig Abbildungen nach Ge-\nmaiden der Sturm-Kunstler\n4 Mark 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten der Sammlung Wal«\nden I Erste Foige; 24 Karten\nJede Karte 20 Pfennig\nHermann Essig: Der Wetterfrosch / Er\nzahlung\n2 Mark 50 Pfennig\nGebiwiden 4 Mark"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\n■ Redaktion und Verlag Herausgeber und Schriftleiter j I Kunstausstellung I\n| Berlin W 9 Potsdamer Straße 134 a HERWARTH WALDEN Berlin / Potsdamer Straße 134 a S\nACHTER JAHRGANG\nBERLIN JULI 1917\nVIERTES HEFT\n\nInhalt:\nHerwarth Waiden: Ausweisungen: Kein Blick in Kunst / Kopfunter / Denker und Dichter / Abgestäubt / Echteste und innigste\nLyrik / Franz Richard Behrens: Gedichte / Theodor Däubler: Albatros / Paul Bommersheim: Die Hoho-Katze / Adolf Knoblauch: Gereut /\nPaul Klee: Sieben Zeichnungen\n\nPaul Klee: Abgeschiedene von einem gedeckten Tisch angezogen / Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.2", "texte": "Ausweisungen\n\nKein Blick in Kunst\nEin Herr —pg— bemüht sich in der Schiesischen Volks-\nzeitung um meinen Einblick in Kunst, Ich lasse ihn einen Blick\nin Kunst tun und er selbst sieht ein, daß ich „deswegen in ihm\ndas Musterbeispiel eines Banausen oder auch Kunstkritikers\nerkennen werde\". So schlimm bin ich gar nicht. Ich erkenne\nnur deswegen, daß Herr —pg— noch immer nicht sieht, was\nKunst ist. Er ist für mich kein Musterbeispiel. Ein Muster ohne\nWiert ist kein Beispiel und ein Beispiel kein Spiel. Also keine\nKunst. Diese Leute wollen immer nur beispielen, nicht einmal\nmitspielen, so spielen sie immer nebenbei. Man höre: ~In der\nEinleitung stehen Sätze, die man ohne Weiteres unterschreibt,\nmit haarsträubenden Ungereimtheiten zusammen, vielfach durch,\nunklare Wortspiele erst recht widersinnig verschoben\". Man\nsehe: Sätze (ungereimte) stehen mit Ungereimtheiten zusammen,\nSchulter an Schulter, mit Ungereimtheiten, denen sich die\nHaare sträuben. Die Ungereimtheiten stehen aber nicht sehr\nfest, da sie durch Wortspiele widersinnig verschoben werden.\nSolche Sätze schreibt ein oder auch Kunstkritiker, der nur Ge-\nreimtheiten ohne Weiteres unterschreibt, weil er Ungereimtes\nnicht schreiben kann. Nur daß ich keine Gereimtheiten schrei-\nbe. Herr —pg— wird sich aus diesem kaum einen Vers zusam-\nmenreimen, Denn Herr —pg— ist, wie alle Herren —pg—\nJeder, was bei ihm die Menschheit heißt:,, Waiden redet so viel\nvon Gefühl, Was hilft uns aber ein Gefühl, das auf jeden außer\ndem Künstler selbst verrückt und im günstigsten Falle quälend\nwirkt?\" Ein Gefühl wirkt auf jeden verrückt, der sich nicht in\nein Gefühl verrücken kann. Jeder fühlt nur, wobei er sich\netwas denken kann. Jeder denkt nur, was schon gereimt ist.\nUnd wenn die Wörter ungereimt spielen, sträuben sich jedem\ndie Haare, soweit sie sich noch verschieben lassen. „Gönnen\nwir uns einen anderen Einblick in Kunst: Die Jahresmappe.\"\nJa, die Jahresmappe. Dabei läßt sich etwas denken. Es tum-\nmelt sich in der Jahresmappe! „St. Michael von Friedrich\nWirnhier schlägt auf dem Titelblatt sieghaft und stark niederem\nGewürm die Köpfe ab,\" So etwas tut Sankt Michael schon auf\ndem Titelblatt. Die Jahresmappe scheint stark genug zu sein,\ndie Köpfung auszuhalten, „Die Bonifacius-Kirche in Hamburg\n(Fritz Kunst) stellt auf schön gegliedertem Giebel die Gestalt\ndes Deutschen Apostels heraus.\" Ich glaube der Bonifacius-\nKirche, daß sie auf einem schön gegliedertem Giebel eine Ge-\nstalt herausstellt. Ich glaube ihr das, wenn sie es ohne Hilfe\nvon Fritz Kunst tut. Die Kunst wird zwar menschlicher, wenn\nsie einen Vornamen hat, aber sie wird nicht übermenschlich,\nauch wenn sie die Bonifacius-Kirche auf einem Giebel heraus-\nstellt. Herausstellen ist Theater. Auch Köpfeabschlagen ist\nkeine Kunst. Und wer sich kopflos herausstellt, ist das Muster-\nbeispiel eines oder auch Kunstkritikers.\n\nKopfunter\nKieler Zeitung: „Das Wort, das die Lächerlichkeit tötet,\nscheint Futuristen, Kubisten und ähnlichen Käuzen gegenüber\nsein Geltungsrecht verloren zu haben.\" Jedes Sprichwort lebt\nlänger als der Kauz, der es spricht. Auch wenn es in der Kieler\nZeitung das Geltungsbereich verloren zu haben scheint. Es\ngilt. Nur merkt der tote Kauz nicht, daß er lächerlich ist. „Am\nFirnistage kam ein sehr bekannter Futurist gerade noch zur\nrechten Zeit, um mit Entsetzen wahrzunehmen, daß sein jüng-\nstes Meisterwerk verkehrt aufgehängt war. Wütend trat er\nheran, und war gerade dabei, es umzudrehen, als eine Schar\nseiner glühenden Verehrer sich auf ihn stürzte, ihm die Hände\ndrückte, und ihm schmeichelhafte Dinge über die Vollendung\nseines Meisterwerks sagte, daß der Unglückliche nicht den Mut\nfand, einzugestehen, daß es ja auf dem Kopfe stehe.\" Jetzt wird\nder Kauz der Kieler Zeitung aber Kopf stehen, wenn ich ihm sa-\nge, daß sein Futurist kein Futurist und kein Künstler war. Sonst\nwürde der Künstler, wenn er einer ist, den Mut gefunden haben,\neinzugestehen, daß Bilder keine Köpfe haben, und keine Beine.\nDaß Bilder kein Schwergewicht haben, haben dürfen, sondern\ndaß diese glückliche Eigenschaft den lächerlichen Dingen der\nErde vorbehalten ist. Allerdings wenn sich Käuze malen las-\nsen, wissen sie, was oben ist, nämlich da, wo ihre Beine nicht\nsind. Vielmehr: Wfo zwei Striche statt eines Kreises stehen.\nDer Kauz sieht in jedem Kreis einen Kopf, wenn auch jeder\nKopf lange nicht ein Kreis ist. Ein Bild ist, wenn man weiß, was\noben ist. Analyse der Kieler Zeitung und verwandter Preß-\norgane. Oder Lächerlichkeit tötet. Noch ist das Geltungsrecht\nnicht verloren.\n\nDenker und Dichter\nHerr Karl Scheffler dichtet weiter Novellen, nachdem ich ihm\ndie Kunstkritik verleidet habe. Herr Scheffler schreibt Novel-\nlen im Ullsteinstil für Ullsteinleser. Er glaubt, auf diese Weise\ndie neue Kunst bekämpfen zu können, die nicht nur neue Kunst\nist, die die Kunst ist. Seine Novellentechnik ist die bewährte: er\nkommt den Lesern sanft entgegen. Scheffer und die anderen An-\nhänger von Ullstein wissen eben, wie Kunst entsteht: „Der junge\nMeister trieb sich spazieren im Park lesend auf dem Sofa oder de-\nbattierend im Cafe umher. Hier saß er mit den Kollegen bis in die\nNächte, um über die neue Kunst zu sprechen, die nun endlich\nkommen müsse.\" Die Kunstmaler von Schettlers Gnaden ver-\ntreiben sich die Kunst damit, Bücher von Scheffler zu lesen.\nHierauf vergeht ihnen alle Lust, über Kunst zu sprechen. Im-\nmerhin will ich Herrn Scheffler und seiner zarten Leserschar\ngern glauben, daß sie glauben, Kunst kommt vom Sprechen,\ninsbesondere durch das Besprechen von Herrn Scheffler. Ich\nkann den Lesern dieser Zeitschrift nicht seine ganze Novelle\n„Die Geburt des neuen Stils\" hier abdrucken lassen, weil eben\nder Verlag Der Sturm nicht der Verlag Ullstein & Co. ist, und\nweil die Vossische Zeitung vom 19, Mai 1917 ihren Verdienst\nhaben soll. Die Novelle ist aber zum Glück gegenständlich.\nMan kann die Handlung erzählen und man kann sich sogar dabei\netwas denken. Ein Vorzug, den die Kunst leider nicht hat, wes-\nhalb sie auch nicht im Verlag Ullstein & Co. erscheint. Also\ndieser junge Meister aus dem Cafe hat ein Atelier mit einem\nGliedermann und einem Gipsabguß der medicischen Venus.\nDiese beiden lernen sich, wie das in Ullstein-Büchern üblich ist,\nkennen und lieben. Der Gipsabguß ist für Ullsteinverhältnisse\nsogar etwas anmaßend. Er äußert sich über den abwesenden\nMeister: „Wie habe ich mich für ihn geschämt, wenn er hier ein\nnacktes Menschenweib als Modell vor sich stehen hatte und\nnach diesem kümmerlichen Körper dann arbeitete. Du hast\nmich mit diesen Geschöpfen vergleichen können; war ich nicht\nviel schöner?!\" Hierbei gibt es etwas zu denken. Herr Scheff-\nler denkt, mit leichter Ironie, was so die Ullsteinpresse für\nIronie hält: diesen jungen Meistern des neuen Stiles genügt das\nnackte Menschenweib als Modell nicht mehr, weil ihnen die\nNatur zu wenig ist. Also müssen sie sich, denkt Herr Scheffler\nweiter, wieder zum Gipsabguß bekehren. Denn daß es außer-\ndem etwas gäbe, das ahnt Herr Scheffler nicht einmal. Stil\nist für ihn Gipsabguß. Die Novelle geht indessen unbeküm-\nmert weiter. Sie wird erotisch und naturalistisch, also modern\nnach Schefflerart. Die holden Leserinnen der Vossischen Zei-\ntung werden außer sich vor Entzücken über ihren perversen\nUllsteinmeister gewesen sein: „Er streckte die langen Arme\nder Göttin entgegen und hob sie zu sich aufs Podium herauf.\nDabei fiel sein Gewand zu Boden und er stand nackt da in der\nganzen Pracht seiner Kugelgelenke. Da ließ auch Venus die\nschützenden Hände sinken, gab sich hin, und beide sanken, in\ntiefer seliger Umarmung auf das Lager !\nTeufi, Teufi. Neun wohlgezählte Gedankenstriche, was man\nsich dabei denken kann. Das ist ein Moderner, dieser Scheff-\nler. Sinnfällig, daß das Lager kracht. Und die Novelle geht\nimmer unbekümmert weiter. Der Gipsabguß fühlt sich guter\nHoffnung, gebar einen stattlichen Jüngling, was etwas unnatu-\nralistisch ist, aber die Naturalisten tun es nicht unter Stattlich-\nkeit, der junge Meister von Schettlers Gnaden kommt einmal aus"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.3", "texte": "dem Cafe nachhause, hält die Jünglingsfigur für ein Werk seiner\nHand, er kann sich offenbar die Fruchtbarkeit von Gipsabgüssen\nnicht denken, stürzt wie ein Besessener ins Cafe zurück und\nruft, er habe den neuen Stil geschaffen, man stürmt ins Atelier,\nder Künstler wurde beglückwünscht, die Figur wurde als das\nWerk seines Genies hochgepriesen, und allgemein war die An-\nsicht, nun sei die neue Kunst da,\" Die Novelle ist aus und der\nLeser kann sich etwas dabei denken. Man nehme einen Glie-\nderman und einen Gipsabguß, klebe sie zusammen und die neue\nKunst ist da. Das ist das Wissen des Herrn Scheffler um die\nKunst. Welch ein Geist. Welch ein Gemüt. Er soll uns Ro-\nmane schreiben. Die Novelle sei ihm hiermit verleidet. Wir\nfordern es von ihm. Wir wollen seine Romane kennen und\n♦\nlieben lernen.\n\nAbgestäubt\nHerr Fritz Stahl, der große Unbekannte des Berliner Tage-\nblattes, ist nach Düsseldorf gefahren, um dort die Berliner Kunst\nzu besprechen. Die Große Berliner Kunstausstellung imponiert\nselbst ihm in Düsseldorf nicht mehr. „Die Secessionen hatten\nes etwas leichter. Die tödlich schwere Masse des ganz Gleich-\ngültigen fällt bei ihnen fort. . . und ist der Gesamtton ziemlich\ngut wahrnehmbar, so stellen sich doch die PersÖnlichkeiten\nnicht recht dar.\" Es sind nämlich keine Persönlichkeiten da,\nPersönlichkeiten sind noch keine Künstler, und Herr Stahl sieht\nhöchstens einen Gesamtton. Einen Ton kann er nicht hö-\nren. Die freie Secession rückt, wie es bei der Ueberzeugung\ndieser beiden Maler begreiflich, wenn auch sachlich nicht ganz\neinwandsfrei ist, die modernste Gruppe in den Vordergrund.\nHerr Stahl hält nämlich Ausstellungen dann nicht für sachlich\neinwandsfrei, wenn auf ihnen der Versuch gemacht wird, sich\nder Kunst zu nähern. Nun kann die Freie Secession aber nicht\ndas in den Vordergrund rücken, was Herr Fritz Stahl die mo-\ndernste Gruppe nennt. Denn die Gruppe, die Herr Stahl meint,\nstellt nur in der Kunstausstellung Der Sturm aus, die Herr Stahl\nzu meiner Freude nicht besucht. Aber auch dann könnte Herr\nStahl nur vom Hörensagen darüber schreiben. Er ist nun ein-\nmal kunstblind. Kunst wirkt auf ihn, wie das bekannte rote\nTuch, vor dem aber im Gegensatz zu den vierbeinigen Gottes-\ngeschöpfen die zweibeinigen zurückschrecken. Wie blind muß\naber erst ein Blinder werden, wenn ihm etwas ins Auge fällt:\n„Die allerneuesten Exzentrizitäten. . . . fallen mit ihren nun\nschon so verstaubt wirkenden Neuheiten von gestern ins Auge.\nHerr Stahl hat zwar noch nicht einmal die Neuheiten von gestern\ngesehen, sodaß e r wenigstens niemandem Staub vor die Augen\nmachen kann. Er wirbelt Staub auf und bestaubt sich selber.\nDie Anlagen werden dem Schutze des Publikums empfohlen.\nDeshalb wundern sich die Leser des Berliner Tageblattes auch\nweniger über Kunst als über Herrn Fritz Stahl, dem hiermit\nwieder eine Abfuhr gegeben sei.\n\nEchteste und innigste Lyrik\nHerr Ernst Lissauer, der anerkannte Lyriker des Berliner\nTageblattes, hat nunmehr auch Bach mit seinen Verschen be-\ndichtet. Das Berliner Tageblatt läßt ihm die Tatsache durch\nHerrn Meyer bestätigen. Das Berliner Tageblatt will etwas für\nBach tun. Herr Lissauer auch. Herr Meyer auch. Bach, ein\nälterer Komponist, hat sich ja schon einen gewissen Namen ge-\nmacht. Er hat eine kleine Gemeinde und ist erst vor einhun-\ndertsiebenundsechzig Jahren gestorben. Jetzt könnte man\netwas für ihn tun, denkt das Berliner Tageblatt. Man soll sich\nfür die Kunst einsetzen und deshalb darf Herr Meyer unge-\nstrichen schreiben: „Lissauers Dichtung wird gewiß Bach\nneue Freunde werben und seine Kunst weiter bei uns einbür-\ngern helfen.\" Wenn der Bürger Lissauer sich für Bach verwen-\ndet, werden die guten Familien ein offenes Ohr für ihn haben,\neine Empfehlung von Lissauer macht den Mann vielleicht markt-\nfähig. Herr Meyer hat aber Bedenken, daß Bach vielleicht\ntauben Ohren predigt und daß vielleicht der Zwischenhändler\ndadurch zu geringen Umsatz hat. Deshalb trompetet Herr\nMeyer: „Sie ist aber nicht nur für Bachverehrer und solche,\ndie es werden wollen, geschaffen, sie verlangt nicht einmal, daß\nman eigentlich musikalisch ist: das Werk ist vielmehr für sich\nselbst eine künstlerische Schöpfung von starkem Eigenwert und\nhohem Range.\" Man wird neugierig. Eine Dichtung, die ein\nWerk für sich selbst ist und für die vielleicht der ältere Kom-\nponist nur ein Vorwand ist, die vielmehr ob ihres starken Ei-\ngenwertes vom Berliner Tageblatt gerühmt wird, eine solche\nDichtung kann ich mir nicht vorstellen: „Eine Probe dieser Ge-\ndichte wird am ehesten eine Vorstellung von dem eigenwertigen\nWerke geben.\" Herr Lissauer probt:\nArbeit\nIm Oberstock übt Christian am Klavier,\nHans Christophs Geigenspiel dringt durch die Tür, — .\nBach hört sie nicht.\nEr sitzt am Tisch, die Hände vorm Gesicht,\nEr hört fern innen\n• »\nVon rings ein selig summend Rinnen,\nEr sitzt tief in sich selber eingesenkt, 1 ! !\nGesammelt Kraft bei Kraft zu voller Macht;\nAus seinem Haupte und Geblüt\nGoldstill ein Glanz atmet und glüht,\nDer sanft die dumpfe Stube scheinend tränkt.\nIch glaube, es liegt eine Personenverwechselung vor. Ich\nmöchte vermuten, daß Herr Lissauer selbst sein Schaffen uns\nmenschlich näher bringen will. Er sitzt am Tisch, die Hände\nvorm Gesicht, den Mann kenn ich doch, das muß der Dichter\nLissauer sein. Glanz, der atmet, glüht und tränkt, gibt eine\nVorstellung von Lissauers Geblüt. Bach brauchte nicht soviel\nV orbereitungen.\n~Die Rechte löst sich sacht und liegt bereit,\" ,\nMan sieht, wie der Dichter Lissauer den Federhalter ergreift\n~Gesang haucht ausgegossen,\"\nWas die eigenwertige Umschreibung von Tinte ist\n„Weitaufgeschlossen\"\nDas Dichten macht ihm heiß\n~Sitzt er in seiner Seligkeit\"\nWjeil nämlich Herr Meyer hinter diesem Satz bemerken wird:\n„Das ist echteste und innigste Lyrik.\"\nWeil nämlich jemand im Oberstübchen übt und zwar am\nKlavier, damit das Geigenspiel durch die Tür dringt. Die\nTür will sich zwar auch noch nicht ganz so recht auf Klavier\nreimen, aber schließlich war Schiller Schwabe und der hat es\nauch schon so gemacht. Warum soll es der Herr Lissauer aus\nBerlin sich nicht auch leisten können. Das alles ist so hoch-\nrangig gedichtet, daß man eigentlich nicht einmal musikalisch\nzu sein braucht. Deshalb bemerkt auch Herr Meyer ser richtig:\n~Nicht viele Lyriker werden sich einer so frisch und reich quel-\nlenden Erfindungsgabe rühmen können wie Lissauer.\" Gewiß\nkann sich Herr Lissauer rühmen, die Hände vorm Gesicht. Hört\ner doch fern innen von Meyer ein selig summend Rinnen. Aber\nnicht damit genug: „Es ist nicht sein geringster Ruhm, daß seine\nEingebungen fast immer so einfach, so natürlich und unmittel-\nbar einleuchtend sind.\" Wie einfach ist die Eingebung, daß\nChristian Klavier übt, wie natürlich, daß Lissauer die Hände\nvorm Gesicht hält, wie unmittelbar einleuchtend, daß ein Glanz\ndie dunkle Stube tränkt. Das ist echteste und innigste Lyrik,\nnicht nur für Bachverehrer und solche, die es werden wollen,\nes ist die Lyrik, die sich bei dem Berliner Tageblatt ganz\nschlicht und ohne Kunst einbürgert."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.4", "texte": "Gedichte\nFranz Richard Behrens\n\nBirsinde\nBlühlichter streifen lenzlichttoll\nBeblättern beugt Birsinde\nSitander tändelt kieselgrün\nDie Andern rauten Lindenziehn\nRosreise lohen landverbrannt\nStrang strandet glutbang Strudelung\n\nJünger\nKußkronen kindern Kringelkranz\nBesamt besät befliedert\nHerzhügel heben hellen Hang.\nMaiglocken miedern Matten\nRotgeigenstrahl kelcht Blühenschnee\nEntflattert Tau Trompetentag\n\nRauschende Stille\nBesilbern rieseln Säuselsand\nFrohlocken flocken Beten\nWasser fallen glashartrein\nSchreien amen Abendschreiten\nSchatten schluchzen schon\nSchwäne betränen Beblümen\n\nAmeisen\nRoträder ergießen Erleuchten\nBeflammen bebauen Berädern\nSonnenseesengender Honigklee kocht\nTreiben wühlfeilen\nTropfendick wimmeln fein Wälder\nPerle bleicht fieberlos\nPerlen perlen schwellen Schwirren\nHastperlen ketten Sonnengezwitscher\n\nStaaten\nHouston Stewart Chamberlain zugeeignet\nSchwertschliffen Rippen strotzen Stehen\nKnochen packen SternepfKigen\nSplindangelsprung\nTrutzroggen schreiten\nWogen nagen Samensagen\nBrüten zerblüht blut Sichelschnitt,\n\nKanonenverliebt\nBronze münden so Sonne\nSonne so silbriggezückt\nFieber hätscheln Flammenfliegen\nMohne aaren roten Samen\nSteilen Röhren Fassen\nRote Locken brodeln Rosenkronen\n\nKriegerisch\nAugen blinden bluse Blenden\nLeiber bluten\nAetzen engein Ernten\nHirten ächzen\nMusketen küssen Kinder\nSchlankschlitz loht Lichtlust\n\nHeldisch\nEugen Diederichs gewidmet\nFahnen fließen wasserweis\nFahnen blassen schattenschießen\nWürfel rollen Fahnen fort.\nFahnenblut würgt Blassen Fließen\nFahnenblut lacht losen Schatten\nKnospen flaggen Fahnenblut\n\nTötet\nPolstert sonnensamt die Flugbahn\nPurpurseidet die Postenpupillen\nRosen um die Rachen der Rohre\nKniend vergiftet die Gewehre\nEuropa weiht sich selten Wein\nGranaten graben gerne graue Wurzeln\n\nBlutweiden\nDenen von La Fere und Tulman\nBluter Brand Glühjubelgischt\nResedenstahl entzünden Tanzlichthaar\nWelt wundert wund sudsudellos\nUnd Rennensangen singen Rennen\nMaiaugen torkeln Wiesenfalter\nRudelung rennt blüte Brise\n\nElisabeth\nHellenlind\nRinnen blüht\nStirn stimmt Stern\nWindrittfroh\nBlase Mohn\nKronreif Kuckucksblume\n\nSchießen\nKolibrisiede\nSie streicheln\nTau fällt Tal an\nTrollen tränen\nZügel stutzen\nZundzerfetzen\nAn der Düna Ende 1916\n\nStück vom Führungsring\nSonnebirke verführt\nFrühsonnegrün strauchelt\nKupferkuß köpft\nKupfer köpft Schlängelein\nSüßbrand flitzt\nHeim\n\nVolltreffer\nWelt wurzelt auf\nWühlen fahnenflattert\nBlut wiesen Mohnschaum\nAlle Sterne gefangen\nChlor kläfft Strähne\nTränen leuchten leicht\n\nBarbara betet\nAlle Granaten Silberbach\nGasruten Mondenbaum\nGewehrfront Freudenhaus\nDeindu Blutglas\nDeindu Stirnreif\nEinmal König\nEinmal Kelch\nHeimglut weht gottrotten gut.\n\nSprengstück\n\nHimmelhetzhang hüpft\nSchiinge schlitzt Schlange"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.5", "texte": "Paul Klee: Feurige Kapelle / Zeichnung\n\nPaul Klee: Der Mord / Zeichnung"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.6", "texte": "Rudel trotzen\nTrubel trotzen\nKlotz kneift Knacken\nSicheil\nTigertatze.\nMai 1917\n\nMunition\nMaiblumenstrang\nSternblütenrund\nRieseln\nSeiden Sieden\nBrausen horsten\nBlei\nNarren stürzen\nRiesen\nSchlitzschlag\nSchwört\n\nKanonenkuß\nTrinke Sand\nTrete Licht\nWiese Sand\nBeblättern\nEnt samen\nSchmettern armen\nLänder fahnen Brüder\nGalgen küssen\n\nPurpurbruder Toter\nLocken locken\nSonne nüstern\nGott sieht Sand\nSehen flanken\nSehen rehen\nSehen sehnen\nSehen stürzen\nAugen beben\nStürzen Strang\nHonighitze hetzt Herzhang\nBeben bäumt\nBeben blitzt\nSternfall bebt\nBeben betet blanken Kuß\nBeben schlägt Strahlen\nBeben frieren Rohrgekicher\nFrüh zerspringen Frühgelächter\nBeben flammt mairoten Gott\nBäume die Schlacht\nErstürme Feuerfällen\nKanonenlichter peitschen Leben\nGranatentrichter lusten Himmel\nBlutschweiß blüht Menschen\nLodern geladen zerspalten\nWurzel\nStiebt\nStern\nStumm klafft Klirre\nHimmel weinen erwürgt\nEntrostet erschossen\nHimmel weinen erbrochen\nHeimat knospen mohnen Mund\nHeimat schwingen Fetzen Hirn\nHeimat träumt ein einzig Bein\nLeiche Himmel Heimat\nFleisch mein Fleisch\nDu\nSchwester\nBruder\nVater\nMutter\nBraut blüht bleicher Toter\nMenschen kameraden Kämpfen\nKämpfen kameraden Leben\nLeben kameraden Gott.\nAn der Aisne Mai 1917\n\nAlbatros\n\nVogel, du spannst deine siegreichen Flügel aus; zwei sicher-\ngereimte Sicheln. Des Mondes erstes Erscheinen im Abendhim-\nmel trägst du, und des Mondes Abschiednehmen im grauen Ge-\nheimwerden des Morgens erhebst du, Albatros, wiegend und\ngewiß, verspielt in deinen Ernst, wolkenhoch durch den wolken-\nlosen Azur überm tropischen Ozean. Dazwischen, Vogel, ist\ndas Wissen der Welt; du witterst kaum deine Fahrt und den\nFlug; doch im Leib bleibt und verweilt es, das Wissen der Welt:\neingedichtet in des Blutes warmem Auf und Ab gibt es dich kund.\nDu selbst, Albatros, bist die Verleiblichung der urgewußten Ge-\nburt eines feingesichelten Flügelpaares. Die Weisheit der Welt\naber heißt: alles Geschaffene hat seinen Rücklauf; der Mond\nwahrt und offenbart zugleich diesen aller Welt kundgegebnen\nund dennoch geheimnisvollen Kern der Schöpfung. Wenn wir\nzum Monde emporblicken, so werden wir getäuscht: aber wo\ndu, Mensch, dich dem Monde hingibst und enthüllst, da fühlst\ndu den Menschen als das Wesen, das von allen Sicheln anwachs-\nender und dahinsterbender Monde, urhaft, in sich selbst, als\nseine eigenste vorgebend, zerwühlt wird. Denn wir 'haben\nMondungen für die Erde mitgebracht. Wer zur Welt kommt,\nsammelt Abfälle seiner fehlgeschlagenen Schaffung des Mondes.\nDarum stirbt der Leib so schnell ab. Ist doch der Mond selbst\neine Totgeburt. Sichtbar uns allen sichelt und siecht er dahin,\nsichelt und siecht er immer wieder empor zu sich selbst und\ndann abermals aus sich selber herab: unser Mond! Aber dein\nSchicksal, Mensch, bleibt festgeschmiedet und dennoch ein\nLied: blos wenn du singst, Dichter, wird es ersinnbar: wir bauen\nes auf in der Strophe! Und die Katastrophe kommt immer von\nselbst, unweigerlich ergießt, ereignet sie sich in den demutvoll\ndichterisch Schauenden. Die Gerechtigkeit, nicht du, Sänger,\nbefügt sich zum Reim.\nDer Mond auf seinen Rundgang verdinglicht die Symmetrien\nim Kosmos: der Mensch entsteht, um sie geistig zu vertreten.\nDer Beweis, daß ein Wissen die Welt verwaltet, in dem grund-\nbestimmt festbleibt, daß auf das erste Erscheinen der Sichel\nnach Neumond ein Verschwinden der Sichel vor Neumond folgt\nund zu ihm gehört, findet vor uns Anschauenden seinen Aus-\ndruck durch das Vorhandensein von Vögeln. Sang, Reim, Flü-\ngelpaar werden zum Gegebnen: die erste Sichel ist zugleich\ndie letzte Sichel: weil und wo ein Vogel ist. Jeder Augenblick\n„Sichel\" beim Aufgehen in den Mond hat auch seinen Gegen-\naugenblick „Sichel\" beim Dahinbieichen aus dem Vollmond.\nDaher die vielen verschiedenen Vögel. Der Albatros erfüllt die\ngrößte Spannweite: in ihm verkörpert sich die erste und die\nletzte Sichel: daher kann er einen Monat lang kreisen ohne zu\nerlahmen. In seiner Wesenheit wiegt sich das furchtbar sicher-\nste Wissen über die Dinge: sein ganzes Unterunssem ist das\nEntzücken im All, daß auf ein erstes Versprechen eine ganz\nebenbürtige Antwort erwartet werden muß, Vögel, die den bei-\nden Halbmonden, dem aufsteigenden und dem abnehmenden,\nnäher flughaft werden, flattern mehr als sie fliegen; sie versinn-\nbildlichen daher auch mit weniger Sicherheit das Vertrauen in\ndie entlegendsten Symmetrien im Kosmos. Der Albatros jedoch\nverwaltet heiliges Glauben über den Meeren. Er ist die ver-\nkörperte Unermüdlichkeit. Ueberdies gebietet sein Wesen\nüber die Besternung des Leichtbeschwingten, die den übrigen\nfliegenden und flatternden Vögeln nach rhytmischer Abstufung\nmangelt.\nDu, Albatros, und das geschmeidig gereimte Lied, ihr be-\nherbergt in der Seele alle Mondmöglichkeiten bis zum Vollmond"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.7", "texte": "Paul Klee: Schöpfungsvorfeier / Zeichnung\n\nPaul Klee: Der Zauberer / Zeichnung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.8", "texte": "und zugleich vom Vollmond abwärts bis zu eurer, der geschlii-\nfenen Sichel ebenbürtigen Schwingenschmiegsamkeit. Es tau-\nchen auch in Euch alle Sterne und Sternzeichen auf und nie-\nder, Sogar die Milchstraße ist im Albatros vorhanden, nur wird\nsie dauernd vom Schwingeschwang der Sicheln überstrahlt. Der\nAugenblick „Neumond\" entgeht jedem Vogel, denn er findet\nweder Reim noch sangbaren Ausdruck. Er bedeutet Freiheit.\nDie hat blos das Ich. Und das Ich beschwingt die Welt. Auch\ndu, Vogel, drehst dich um uns, die wir ein Ich sind: sogar der\nMond! In unserm Augenblick, mehr ist es nicht, herrscht die\nMilchstraße, siegen die beiden Polarsterne, besteht der Mensch.\nDas Ich bestimmt sich und die Sterne, daher kommt es, daß kein\nMensch fliegen kann. Hingegen fliegen von allem Anfand an\nMonde um den Menschen herum: der Mann vollbringt seine\nersten Taten: sie heißen Vögel und der Mond. Das Weib weicht\nbereits vom Manne etwas ab, denn es wohnt ihm mondhafte\nSchmiegsamkeit inne. Es wird vielleicht einmal fliegen, Je-\ndenfalls viel eher als der Mann. Der Mann verschmäht ja den\nFlug. Er siegt, singt, reimt, ahmt das Fliegen nach, um dem\nWeibe zu gefallen: das Ich besteht. So überlistet, erhöht auch\nder Mann, als Schwan oder Taube verkleidet, seine willige\nWelt: das Weib. Das sind aber auch lauter leichter begreif-\nliche Vollmondtiere. Zumal der Schwan. Nicht weich ist hin-\ngegen der Albatros: in ihm gebiert sich bereits die schmiegsame\nAnspannung zum Stahl, Der Degen, auch ein treffliches Sichel-\ngeschenk, wurde im Augenblick des Aufblitzens der Idee Stich,\nGegenstich, im Manne sofort nach Neumond entdeckt. Zwei\ngekreuzte Degen entsprechen, ebenso wie die Schwingen des\nAlbatros, einem bis zur höchsten Genauigkeit hinauf gewagten\nReimpaar, Der Säbel fuchtelt schon mehr durch die Luft; er\nwurde um Vollmond herum erfunden und entspricht als Verkör-\nperung des Gedankens Hieb, Gegenhieb, mehr flatternden Flü-\ngeln. Der Albatros hat kein Ich: er ist blos im Schwung gehal-\ntenes Weltwissen. Den Dahinsegelnden begleitet er rastlos.\nNur einmal im Monat berührt er den Schaum der Welle oder\nsein Weibchen. So, eine verleiblichte Antwort auf die Frage\nwas tut der Mond ist der meerbekreisende Albatros.\n\nTheodor Däubler\n\nDie Hoho-Katze\nPaul Bommersheim\nEine große grüne Katze, gelbäugig, sprang vom Dach eines\nHauses herab, als die Bahnschlange ihre Glühaugen immer näher\nschob. Das liebe Untier wollte niemand nichts antun. Es wollte\nnur die Fahrgäste ein bischen necken. Und damit glaubte das\nbange Zittern seines Tierherzens Gott zu loben. Das Tier stand\nauf den Hinterbeinen, als der Zug seinen grünen Leib ableuch-\ntete und seine Nase mit Dampf kitzelte. Die Vorderpfoten\ntätzelten in den Telegraphendrähten herum. Ein Satz und die\nKatze saß auf der, Eisenbahn. Sie machte auf dem Dach ihre\nSprünge, daß die Wagen wackelten und die Leute nur so auf\nihren Plätzen herumhopserten. Dann streckte das Vieh seinen\nGrünkopf in ein Abteilfenster und drehte die gelben Augen hin\nund herum. Im Abteil ruhten Menschen zusammen, Sie kann-\nten sich nicht und waren doch alle Menschen. Schrei: „Jessus,\nJessus, ich sterbe!\" Und das Mädchen kroch in sich zusammen\nfast bis zum Punkt. Ein blauer Pfarrer sagte: „Fürchte Dich\nnicht, das ist Gottes Lieblingstier.\" Das glaubte ein fettglän-\nzender Gescheiter nicht, da flog er zur Strafe zum Fenster hin-\naus und nun saß er auf dem Bahndamm und konnte zu Fuß zur\nnächsten Station strampeln. Ein Berliner wußte Bescheid: ~Ja,\ndas ist die Hoho-Katze. Die ist sanft. Die kann man strei-\ncheln.\" Und er klopfte dem Tier ins Knisterhaar, daß es knurr-\ntet Und er neckte weiter: ~Du hast ja Haar, daß man dir einen\nZopf flechten kann.\" Wie er es aber am Haar packt, hopp ist\nder Katzenkopf mit dem Berliner schon hoch und der Berliner\nsitzt auf dem Dach. Es war aber auch ein Flötenbläser im Zug.\nDurch den fuhr ein Strahl und es öffneten sich seine Augen-\nlider überm Blau. Er stand auf, öffnete die Tür, setzte sich aufs\nTrittbrett und flötete der Hoho-Katze vor, daß ringsum das\ndurchfahrene Land stille wurde und der Zug im Takt des Liedes\nfuhr, Da barschte der Herr Schaffner den Musikanten an: „In\nPreußen ist es verboten, auf dem Trittbrett zu sitzen.\" Der An-\ngeschnauzte aber: „Ich bin preußischer Pfeifer und hab auf alles\nzu pfeifen. Deshalb pfeif ich auch auf Euer Verbot.\" Da lach-\nten dem Schaffner die roten Bäckelchen um den roten Nasen-\nwulst herum; er rupfte sich am Schnauzbart und ging weg. Der\nPfeifer darauf klebte seine Locke an die Stirn und flötete das\nLied:\nBlaugrundwelle, Urgeflüster,\naus dir springt das auf, springt das auf:\nweiße Gedanken, große Träume,\nGedichte, Tiere, Kinder, Blumen,\nflutende Gesichte, die über ein stürzen,\nTöne, Liebe , . , Liebe, Liebe,\ni\nLächeln, Sträuße, Augen, Strahlen,\nMenschenlustigkeit.\nBlaugrundwelle, Urgeflüster,\nSpringst du auf. Springst du auf.\nSpringst über alles. Springst über alles.\nTiefe Augen tauchen aus dir.\nGeister geisten aus dir.\nBlaue Blasen steigen himmelauf.\nUnd so flötete der Bläser seine Lieder weiter. Die Katze\naber tanzte zu den Liedern. Bald duckte sie sich auf das Dach,\ndaß sie Dellen hineindrückte, so eng und fest. Bald streifte sie\nsich aufrecht; die Vorderbeine weit auseinandergestreckt; die\nAugen weit aufgerissen im Dumpfstaunen des Tiers. Dann\nstürzte sie sich nach hinten, schlug Purzelbäume über alle Wa-\ngen, bis ihr Fell schwarz war von der rußigen Eisenbahn. Als\nder Zug an ein Kaktusbeet kam, da hatte sich auch die Hoho-\nKatze schon hineingestürzt und wälzte sich so recht von Herzen\ndrin herum. Die Stachelköpfe aber taten sich zusammen und\nrupften ihr freundlich und sorgfältig den Ruß vom Fell. Indes-\nsen konnte der Zug nicht mehr weiterfahren; so fest hafteten die\nBlicke aller Reisenden an dem lustigen Untier.\nAuf einmal sprang es auf; schüttelte die Flocken seiner\nMähne und jagte, verschwand in den Wäldern. Aus den Wäl-\ndern schössen grüne Flammen. Ein Baum warf dem andern den\nroten Sonnenball zu. Bis dieser an einen schwarzen Baum kam.\nDer war so schwarz, daß er den Tagesstern nicht halten konnte.\nDa fiel die Sonne hinab, Da sanken alle im Zug zum Schlaf zu-\nsammen, Nur ein Dichter-Mensch wurde gegangen. Er wurde\ngeklettert .. . . leise , , . auf das Dach des Wagens und ragte\nin die Nacht, Viele Sterne erzählten sich Kichern und Knistern.\nVom Saturn her sang ein Kinderlied. Auf einmal stieg die Hoho-\nKatze die oberste Planetenbahn hinauf und das Tier war auf-\ngebaut aus grünen Gestirnen und schwänzelte mit Kometen.\nAuf seinem Rücken trug es den Höchsten durch sein Reich.\nGoldfarbiges Lächeln fiel von den Lippen des Höchsten in die\nWelt,\n\nWenn Du dies liest:\nEin Lächeln tiefstinnen\nund noch tiefer Gott.\nFortsetzung\n\nGereut\nErzählung\nAdolf Knoblauch\n\nIX\nGereut hatte seinen Verlagschef ersucht, ihn als Arbeiter im\nMaschinensaal der Druckerei einzustellen. Er verabscheute\ndie eleganten Zehnpfennig-Blättchen des Verlages, aber sie zu\ndrucken dünkte ihm eher eine produktive Arbeit, als Ver-\nsand-Adressen zu schreiben. Der Chef hatte indessen keine\nsonderliche Meinung von Gereuts Eignimg für produktive Ar-\nbeit und lehnte das Anerbieten schlicht ab. Gereut kündigte\ndarauf den Dienst."}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.9", "texte": "Paul Klee: Neues Land / Zeichnung\n\nPaul Klee: Zeichnung 1914/162"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.10", "texte": "Er beeilte sich, seine kleinen Angelegenheiten in der Stadt\nzu ordnen, und verabschiedete sich bei den wenigen Freunden\nmit der Begründung, daß er eine Wanderung plane. Irgendwo\nstand in unbekannter Zone eine düstere Stadt mächtiger Ar-\nbeit, nach des Reiches Erzstadt wollte er wandern.\nIrgendwo blaute eine Heimat für den müden Knaben, am\nsonnigen Fluß ein weißes Ufer, auf dem er nackt liegen\nwollte. Irgendwo strahlte eine allerstillste Stunde, liebe\nErinnerung an junges Zweisam-Wandeln. Von Irgendwo\nläutete ferne Glocke im hohen Blau: Heimatland ist\nheimliches Land!\nFräulein Laura wollte den düsteren Gereut nicht gehen\nlassen. Er war höflich zurückhaltend und nahm schweigend\nAbschied. Auf dem Gleiskörper der Nordwestbahnen reiste er\nnach Hamburg. Mit einem schlanken weißen Nordseedampfer\nfuhr er die Elbe hinab und schaute von fern die Stätten der Ju-\ngend-Wanderungen, das heimliche „Alte Land!\" der Elbmarsch.\nVorm Meere wurde der Strom breit und grün. Seewind\nspannte starke, gebogene, weiße Flügel, schlug Gereuts Brust,\nseine weißen Flüge schwebten um sein Haupt reinen Brau-\nsens,\nDas Nordmeer, ewige See, grünste Tiefe, kräuselte sich\nseinem Fuß. Er bebte nicht vor dem Grauen seiner Oede,\ndem kettenlosen Ungestüm, verheerenden Ansturm. Er kannte\ndes Meeres Heimlichkeit, seine lammswollige Wiegen-Zärtlich-\nkeit, die gnädig in Schlaf wiegt, wenn er nach ihr schreit, matt\nvom allzubangen Streit.\nAn der Küste begann Gereut die Heimats-Wanderung.\nNach kreisendem Umschwung eines Jahrzehntes wurde er von\nNeuem an der rauhen Küste ausgesetzt und fühlte ihren schlich-\nten Kuß. Der Kuß der zärtlich geliebten Heimat kehrte hinter\nihm die düstere Stadt, die aus Drachenschlünden zum Himmel\nspie. Er lag am Urbeginn nackt und hilflos, aus dem Ozean war\ndie ehrwürdige Mutterfeste zum Tage aufgestiegen, um ihre\nhilflosen und nackten Kinder zu tragen und zu nähren. Den\nKiesel in der Brandung den Grashalm im Seewind, die krei-\nschende Möwe auf der Woge, den wehrlosen Knaben in der\nHöhlung des Sturmes schirmte die Ehrwürdige gegen über-\nmächtige Gewalten des furchtbaren Werdens. Die Geschwister\nhatte Gereut lang geflohen und fand heim zu ihnen liebenden\nErbebens.\nGereut hungerte, ihn fror, er grub sich nackt in Dünensand,\ner trug seine Bettlerkleidung auf dem Rücken, wenn er im Seich-\nten hinaus zu den Tiefs wanderte. Ein Sturmtag kam, der\nSturm setzte vom Meer zum Angriff auf die flache Küste an,\nDonner brüllten, Hagel brach nieder, Blitze reckten zerbrochene\nFeuersäulen in die tobende Finsternis fahlroten Glühens. Nach\ndreitägigem Sturm zog Gereut am schäumenden Meer nach\nSüden; Gedörrt von Julisonne, salzigem Wind, frühe gegürtet\nmit dem Purpur der ersten Sonne war der irrende Jüngling jedem\nbösen Willen, jedem zufälligen Verderben preisgegeben. Der\nbettelarme Knabe wanderte im heimlichen Land. Sein Herz-\nblut glühte köstlich, ewige Jugend der See, des Meeres Auf-\nblicke, Atem, Wunder gingen in seinem sonnenkreisenden Her-\nzen auf, entzückten, vergingen, Adam lebte am ersten Tage der\newigen Schöpfung, Freude in den Flügen des Windes schwebte\nvor ihm her und küßte sein stolzes Haupt, die junge Birke in\nfrischer Anmut war Gereut, als er an der Mündung seines gro-\nßen Heimatsstromes in die ewige See die Kinderarme empor-\nbreitete und vaterlandsliebend droben im rauhen Wind die\ngrüne Fahne seiner Jugend unter Liedern entfaltete.\nIn Bremen aß er von seinem letzten Zehrgeld Mittag und\ntrank festlichen Wein. Im westfälischen Münster, der geheim-\nnisvollen Stadt der Dome schlief er ein einziges Mal auf seiner\nPilgerfahrt im Bett eines Gasthofes. Zärtlich wanderte er durch\ndie Paradiesesauen des sanften Münsterlandes. Er bettelte um\nBrot als sein Mittag und seine Vesper, in der Frühe nährte er\nsich von Wurzeln aus der taunassen Ackererde, und Abends biß\ner auf bittere Blätter vom Waldesgesträuch. Aber köstlich\nmundete das Wasser aus den Bächen mit weißem Sand, wo\nKiesel rein und klar in der hellen Woge ruhten. Seine Schuh-\nsohlen waren zerrissen. Er schlief die Nächte in zugigen Scheu-\nnen oder auf Moos im dichten Wald, früh vom eisigen Morgen-\ntau geweckt.\nLiebkosenden Blickes schaute Gereut die üppigen Wiesen\nmit ihren Weidengebüschen und hohen ernsten Pappeln. Er\nlehnte sich in den sanft gewellten Hügelhang über der unend-\nlichen Ebene, er sprang über den Landstraßen-Graben, um sich\nins Gras zu stürzen, das Antlitz in die Gräser zu betten und\ndem dichten Lied der allergeringsten Geschöpfe zu lauschen.\nGereut liebte den strahlenden, tosenden D-Zug, der fern schlan-\ngenhaft nach Süden zog. Er achtete sorgsam auf die Wander-\nbrüder der Landstraße, die versteckte Fragen an ihn richteten.\n* *\n*\nGereut wanderte in die Erzstadt des Reiches, das stählerne\nEssen, die ungeheure Werkstätte, Germaniens Waffenschmiede.\nVon Morgens bis Abends war Gereut auf der Suche nach Ar-\nbeit, um in Essen zu bleiben. Mit allen Arbeitsuchenden stand\ner in der Frühe vor den Toren der Werkstätten, Gießereien,\nStahl- und Elektrizitätswerke. Trotz seiner schauernden Ehr-\nfurcht vor dem Namen Krupp hatte er im Meldezimmer des\nWerkes gewartet, aber man erklärte, daß er wohl kaum Arbeit\nbeim Hochofen übernehmen könne, andere Arbeit gäbe es nicht!\nGereut warb unverdrossen, er meldete sich als Austräger bei\nZeitungen und Bäckereien. Niemand wollte die Beine des Dich-\nters für sich in Bewegung bringen. Schließlich bot man ihm Ar-\nbeit auf einer Ziegelei bei Gelsenkirchen: er schreckte zurück\nvor vierzehn Stunden härtester Tagesfrohn.\nEr lag in Schlafstelle mit einer Schar jugendlicher Arbeiter,\ndie bei Tagesgrauen zur Arbeit in Gießereien aufbrachen, sie\ntrugen täglich zwölf Stunden große Tiegel mit siedendeij\nSchmelze, bedienten Maschinen für Erzpressung. Er begleitete\ntäglich einen Kameraden auf dem Wege zur Arbeit, den nutz-\nlosen törichten Gereut beruhigte es einen Augenblick, an der\nSeite eines rauhen Gesellen im Heere der düstren Werker zu\nscheiten; während sie ihren guten und schlechten Taten entge-\ngenreiften, blieb er allein mit seinem schwachen ohnmächtigen\nWillen. War der Geselle endlich im dröhnenden Tor der Fabrik\nverschwunden, starrte Gereut lange verzweiflungsvoll nach: der\nArbeitslose rechnete ängstlich aus, wie er den grauen Werktag\nmüßig inmitten des rastlosen Antriebs bestehen sollte. Die\nSonne hatte ihr Auge trübe und rot verschleiert mit Rauch und\nDünsten der Fabriktürme.\nAls er kein Geld mehr besaß, um sein Bett zu bezahlen,\nstieg Gereut in die Wälder empor und wanderte nach Süden\nzum Rhein. Erschöpft kam Gereut nach Düsseldorf, schlich\nmühselig wund, aber aufrechten Hauptes durch die weiten Stra-\nßen zum Strom. Er setzte sich auf einen Pfeilerkopf, der aus\ndem Strom über die Kaimauer ragte, und sah den mächtigen\nRhein: in uralter Stromes-Schönheit glich er der hohen grünen\nSee und schaukelte seine Lasten in schimmernder Erregung.\nNachdem Gereut sich satt schaute, ging er in die Stadt und\nbettelte in der Herberge um Obdach. Der Herbergsvater prüfte\nseine Kleider auf Ungeziefer, und der Irrende durfte im Schlaf-\nsaal zu den anderen Wanderburschen in ein eigenes Bett sich\nlegen.\nX\nGereut ging im Schatten der riesigen, düster drohenden\nDomtürme über Kaiser Wilhelms Rheinbrücke nach Köln hinein.\nEr suchte umsonst eine Bank zum Ausruhen seiner wanderwun-\nden Glieder rings um die gespenstige Kathedrale und begab sich\nzum Hafen. Es war dunkel geworden und er bettelte in der\nFinsternis nahe einer Dampfer-Anlegestelle von einem gutge-\nkleideten Herrn Schlafgeld für die Herberge. Der Behäbige\nschlug erschrocken den Rock über seine goldene Uhrkette,\nmusterte den mageren Jungen und war plötzlich verschwunden.\nUm zehn Uhr stand Gereut müde auf einem stillen Markt-\nplatz der lustigen Stadt Köln und bat einen Schutzmann um"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.11", "texte": "Aufnahme ins Obdachlosen-Asyl. Auf der nächsten Polizei-\nwache prüfte man seine Person und Papiere und erlaubte ihm\ndann, sich im Riesen-Schlafsaal des Asyls auf die schräge Holz-\npritsch-Bahn zu legen. Diese schräge Holzpritsche war die\nSchlafslätte der täglichen düsteren Gemeinde von Hunderten\nder Aermsten, ihre starken, feuchten Ausdünstungen verdarben\ndie Luft, ihre schutzlose Blöße verhüllte der gemeinsame Schlaf.\nVon der Landstraße, vom Hafen, seinen Anlegestellen, Schen-\nken und Speichern, aus Kellern, nassen Büschen der Parks\nkrochen sie vor Mitternacht herbei, um einige Stunden Obdach\nund Wärme zu genießen. — In der ersten Frühe wurde ihre\nHerde in die Stadt getrieben. In seinem wilden Hunger rannte\nGereut durch die breiten Alleen zur Altstadt hinab. Gegen den\nbrutalen Gesellen Hunger stritt er in furchtbarer Schwäche und\numsonst. In der kleinen Bäckerei einer altertümlich krummen\nGasse bettelte er flüsternd und erhielt nach einem scharfen\nBlick der Bäckerin eine Semmel. Er brach das Brot auf einem\nMarktplatz und fraß es, ängstlich vor der Polizei.\nDann ging er zum Heim der englischen Heilsarmee und wurde\nnach mißtrauischem Verhör ins Arbeitshaus aufgenommen. Er war\nverpflichtet, von sechs Uhr früh bis sechs Uhr abends zu arbeiten\nund sich das bloße Essen und den bloßen Schlaf zu verdienen.\nGereut dankte der Heilsarmee seine Rettung. Er sortierte Lum-\npen, Kehricht und Kot der lebensfreudigen Stadt Köln, schälte\nKartoffeln von früh bis spät, betete mit den Armen, Entgleisten,\nVerwahrlosten, Verkümmerten, die auf rauher Erdwanderung\nsturmumtobt zur letzten Ruhestätte heimfanden, er sang Lieder\nder Heilsarmee im Takt von Gassenhauern, er betete unhörbar\nin seinem bebenden Herzen das Gedenken an alle Armen,\nLeidenden, Unglücklichen auf den rauhen Straßen der ganzen\nErde, seine hohe Messe der Armut und des Elends, und er de-\nmütigte sich.\nNach mühevollen Wochen der Arbeit, die ihn zufrieden und\nstill machte, bekam er ein Schreiben von Fräulein Laura, sein\nVater habe ihn durch die Polizei von Berlin bis Köln suchen\nlassen. Sie bäte ihn, heimzukehren, denn sie sei sehr krank, und\nschickte Geld. Gereut verließ gehorsam das Arbeitshaus und\nwandelte an einem frühen Morgen zum ersten Male am arbeits-\nwimmelnden, goldglühenden Rhein zur Kathedrale.\nAus Kölns buntem Herbstmorgen trat er in das Grab des\nDomes, schritt unter den massigen Säulen, beugte sich vor den\nfinstren Mauern. Fern vor schimmernden Weihbildern brann-\nten Kerzen, Priester murmelten ununterbrochen in den Hallen.\nVon der Straße kamen Händler, Frauen, Vorübergehende, knie-\nten, gingen einige Schritte, knieten nochmals.\nDer einsame Gereut, der Wissende stand abseits, geschie-\nden von den Gläubigen. Seine Wanderung hatte er getan, sie\ngeendigt in der Grabkammer der Riesenkirche. Gefahr, Hunger,\nNot, harter Frohn waren ihre Stufen der Läuterung. Er durfte\ndas Gebet seines frommen Knabentumes wieder beten, er durfte\nHeben mit der fleischlichen Liebe, die aus makellosen Quellen\nhervorging, um zu spielen, sich zu freuen und glücklich zu sein,\nin den unbeirrten ursprünglichen Eingebungen. Er empfing den\nJünglingsleib aus Gottes Hand zum rechten Leben, um ihn ehr-\nfürchtig zu hüten. Von den Straßen der Welt durfte er heim-\nkehren in heilende Stille.\n* , -k\n•k\nNach langer Nachtreise kehrte Gereut um vier Uhr früh\nin die große Stadt zurück und fuhr mit dem ersten Zug nach dem\nVorort hinaus. Er suchte das Gelände der früheren „Mündigen\nGemeinde\" auf, schlich durch den Forst zum Freilicht-Theater,\ndas die Mündigen zu ihren Dionysien gebaut hatten, um es nie\nzu benutzen, denn als es fertig stand, lief der Pachtvertrag der\nGemeinde ab, und sie zerstreute sich völlig. Hinter der Bühne\nbefanden sich die zum Umkleiden der Schauspieler bestimmten\nBretterverschläge für beide Geschlechter. Die Bretter waren\nmorsch und faucht, aber der Erdboden war sauber und voll\nNadelstreu. Gereut breitete seinen Mantel aus und legte sich\numständlich schlafen. Er schlief den ganzen Tag.\nGegen Abend ging er in das verlassene Haus und mietete\nbeim Pächter das Stallgebäude, Er klomm allein die Hühner-\nstiege zum ziegelgepflasterten Sälchen hinauf, in dem einst\nMyrddhin den Befehl des Todes erwartete. Das rohe Gebälk\ndes flachen Stalldaches drückte niedrig auf den heißen Raum.\nVon den Wänden waren große Stücke Kalk abgebröckelt, Kis-\ntenbretter und Holzwolle lagen verstreut auf dem roten Ziegel-\npflaster, und an der Stelle, wo Myrddhins Sofa gestanden hatte,\nhing an der Wand ein Bündel dürres Reisig. Zwei Fenster hell-\nten das Sälchen, und Gereut öffnete ihre blinden Scheiben* um\nim Licht und im Atem von Myrddhins Abendröte die Verwesung\nder Kammer zu tilgen. Zu Myrddhin kehrte sein Jünger heim!\nGereut machte Vertrag mit einem Verleger zur deutschen\nHerausgabe von Miltons „Verlorenem Paradiese\". Er durfte\nin zeitloser Zwiesprache mit seinem blinden Schöpfer zum Lichte\nbeten:\nSo kehren mit dem Jahre Jahreszeiten wieder\naber zu mir kehren nicht wieder Tag,\nsüßes Herannahen von Abend und Morgen,\nAnschauen der Frühlingsblume und Sommerrose,\nund der Herden und des göttlich menschlichen Angesichtes.\nWolke des immer dauernden Dunkels umfängt mich,\ngeschieden von frohen Menschenwegen.\nEin Jahr fernster Einsamkeit, inneren Reifens, fruchtbarer\nArbeit wurde Gereut beschieden; Tauben, Waldvögel flogen\nmitten durchs Sälchen vom offenen Fenster im Osten zum offe-\nnen Fenster im Westen, sie weckten ihn in der Frühe mit gol-\ndenen Rufen und Rauschen der Fittiche unter dem Gebälk).\nSein Haupt schlief des Nachts im tiefen Ringe demantener Stern-\nfunken des Höhenblaus.\nUeber seiner Jugend standen die ehrwürdigen Meister, die\nhehren Wächter, die Ewigen, die väterlich sein Leben, seine\nTräume, seinen tiefen Schlaf leiteten und seinen Leib, die heile,\ngöttlich gebildete Schale mit ihren Händen bewahrten; Myrd-\ndhin und Meister Eckhart. Die Unsterblichen seiner Rasse\nkamen schirmend zum Jüngling in seiner Blöße und Ohnmacht,\nund er empfand im Dunkel seines Schlafes, ihre Stärke, die ihn\nschwebend über Länder und Meere hob. Er flüsterte mitten in\nder Nachtstille einsam wachend Gottes höchsten Gedanken\nin der Sprache seiner Vorfahren:\nDer Mensche sol niht haben, noch im lazen genüegen mit\neinem gedahten Gotte. Wenne der gedank vergat, so vergat\nauch der got . . . Sus mac der mensche niht gelernen mit flie-\nhen, daz er din dinc fliehet und sich an die einöde kehret von\nuzwendikeit, sunder er muoz ein inerlich einöde lernen, wa\noder bi v/im er ist. Er muoz lernen, din dinc durchbrechen unde\nsinen got dar inne nennen unde denne Kreftecliche in sich Kün-\nnen erbilden.\n* *\n*\nFräulein Laura hatte geglaubt, daß Gereut ihretwegen von\nder wunderlichen Wanderschaft heimgekehrt war. Aber er\nhielt sich streng zurück und war zu keinem Besuch zu bewegen.\nAls sie es wagte, das frühere Spiel zu treiben, in Myrddhins\nSaal zur Nacht zu bleiben und sich in sein Bett zu legen, ließ\ner sie ruhig gewähren, blieb die Nacht bei seiner Arbeit auf und\nkochte ihr morgens Kaffee. Als sie endlich fortgegangen war,\nschrieb er ihr, daß er auf fleischliche Gemeinsamkeit mit ihr\nverzichte, erbäte, ihn zu entschuldigen!\nFräulein Laura entschuldigte durchaus nicht und schrieb,\ntief in die Wurzel ihrer Hoffnung getroffen, dem Männchen böse\nDirnenworte. Nach diesem Fehlschlag ihres letzten Traumes\nin Europa reiste sie mit einem Auswanderer-Dampfer nach den\nVereinigten Staaten und ließ sich in einer Stadt am Michigan\nnieder, wo sie Arbeit fand und sich schnell mit einem kleinen\nFarmer nach Virginien verheiratete.\nNach etlichen Jahren schrieb sie ihren ersten Brief und\nsandte Gereut Dollarscheine. Sie empfahl sich seiner Herzens-\nErinnerung und bat ihn, die Scheine als Dank für seine gütige\nFreundschaft in Europa anzunehmen. Sie wisse, daß er noch\nimmer arm sei, und da sie selbst ihm nicht Brot und Reis kaufen"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.12", "texte": "könne, müsse er eben die Dollars wechseln und von dem Gelde\nkaufen.\nGereut lehnte die märchenhaften Scheine aus Dollarika ab.\nFräulein Laura in Virginien aber kehrte sich nicht daran, Woche\nfür Woche kamen Dollars im Geleit von Worten der Sehnsucht\nund Rückkehr. Gereut wandelte die Amerikaner auf der Bank in\nDeutsche um; zur Genüge von ökonomischen Sorgen zerzaust,\nkaufte er sich wohlhabend Brot und Reis. , . .\nXI\nGereut dachte eine Ehe zu schließen!\nEs waren zehn Jahre seit seinem Ausgang von der mündigen\nGemeinde verflossen, aber es ging ihm noch immer nicht gut.\nEs war ihm klar, daß er selbst an seiner trostlosen Lage Schuld\ntrug, ein tätiger Entschluß würde den Trug der berufslosen Ar-\nmut und des freiwilligen Darbens zerstören. Er mußte (sich\nscharf in einen Verdienst zwängen, werktätige: Verantwort-\nlichkeit anfassen, sein Dasein mit Wehr und Waffen gürten,\nsein Heim mußte fest gebaut stehen, wenn er eine Frau hinein-\nzuführen wagte. Niemand konnte ihm seinen Lohn erstreiten,\ner mußte sich selbst bemühen.\nEines Tages sandte Nonne an Gereut eine Pappschachtel\nvoll guter Sachen zum Essen. Dankbar, aber recht beschämt\nempfing er diese Kundgebung weiblichen Gedenkens und Be-\nmühens. Er mußte sich geradezu Vorwürfe machen, nie war\nsein bettlerhafter Zustand ihm kläglicher erschienen. Er barg\nin seinem Dasein noch die beschämende Unwürdigkeit; er hatte\nnicht genug und tat nicht genug, um unabhängig von willkür-\nlichen Wohltaten Fremder leben zu können. Doch hatte er Ge-\nsundheit und Kraft, um sein Genüge zu erarbeiten. Wirkliche\nArbeit schändete nicht»\nEr lud sich bei Nonne im Dollingschen Hause an einem\nAbend, als sie allein war, zu Gast. Sie empfing ihn, wunderte\nsich, aber wußte, daß er ihretwegen kam. Als er seinen wohlbe-\ndachten Ehe-Antrag unbeholfen kundtat, wurde ihr Gesichtchen\nzart weiß. Sie war ohne Weiteres einverstanden.\nGereut war glücklich, sein Glück war groß, denn er besaß\ndie Festigkeit des Herzens, seinen Entschluß zu verwirklichen,\ner hatte die gespannte Zuversicht, die Berge versetzte, er hatte\nLust, die Sonne aus einem rohen Metallklumpen zu bilden und\nzu versuchen, ob sie nicht besser als die Alte diene. Er gürtete\nsich in Wehr und Waffen, um sein Heim zu schirmen.\nNonne harrte aus bei der Arbeit im Dollingschen Hause,\nGereut mietete in ihrer Nähe eine Mansardenstube und sie hiel-\nten Hochzeit. Die Hochzeit sollte in dem einfachen Ja-Bündnis\nvor dem Gemeinde-Beamten bestehen, als Zeugen hatte Gereut\neinen befreundeten Maurer und Nonne Dollings Melusine ge-\nbeten, sie sollten unter der Linde beim Gemeindeamt zur be-\nstimmten Zeit zusammentreffen. Aber Sine kam nicht.\nAls Nonnens festliche Stunde nahte, hatte Sine mit dem arg-\nlosen Vater einen Spaziergang unternommen, und sie kehrten\nnicht eher heim, als bis sie wußte, daß die Sache beim Ge-\nmeindeamt erledigt war. Ein unheilvoller Tag stand im Horo-\nskop, sie fürchtete die bindenden Förmlichkeiten und die Un-\nterschrift.\nFrau Nonne hatte nach einem Glase Wein ihren Mann und\nden Freund verabschiedet und sich rüstig an die Arbeit bei\nDollings begeben, Sine kam vorsichtig zu ihr: „Nonnchen,\nbiste böse? aber wahrhaftig ich hatte vergessen, daß du Hoch-\nzeit hast, ich war Pilzesuchen mit Vätern und plötzlich fiels mir\nein. Da bin ich denn gerannt und habe im Gemeindeamt ge-\nfragt, aber ihr wart schon weg!\"\n* *. *\n*\nEin Flieger war auf freien Felde niedergegangen, um einen\nMotorfehler zu beseitigen.\nEs war zur Stunde des mittäglichen Schulschlusses im Ort.\nAuf das Gerücht vom Flieger machten alle Mädchen den Um-\nweg über die Aecker, um ihre Neugierde am Flugzeug zu weiden.\nDie Dollingsmädchen staunten mit den Anderen die kochen«\nde, wütend puffende Maschine an. Nach Sättigung der Schau-\nlust bummelten sie langsam auf den ausgefahrenen Weg am\nFeldrain mit den langen Schultaschen, Sie unterhielten sich\nüber das Ereignis aus der Luft, welches herniedergestiegen war,\num die mühsam eingestampften Rechenformeln, das Aufsatz-\nthema zur höheren Bildung und die eben gepaukten Vokabeln\nin alle Winde zu streuen. Tiefes Gebüsch säumte die krumme\nLandstraße, Der frische, sonnige Herbst stand droben gewölbt.\nDie Ackerscholle war frisch vom Pflug gebrochen für die Win-\ntersaat. Die Kinder tummelten sich in der heiteren Wärme und\nsuchten Steinnelken. Am Weg erhob sich einsam eine riesige\nalte Weide. Der Stamm war vom Blitz getroffen, bis auf die\nstämmige Rinde verbrannt. Aber droben wölbte sich unzer-\nstörbar grünend der mächtige Wipfel weit über der Brache.\nDie Mädchen kletterten in den Baum und seine Zweige\ntrugen sie starkarmig schützend. Sibille saß träge in der Baum-\nhöhle und ordnete ihre Blumen, Schweigstille kletterte zu-\nhöchst und plapperte Strofen aus dem französischen Lesebuch,\nindem sie die korrekte Deklamation der Schule parodierte. Sie\nrächte sich für die Schulplage. Katherine saß im Laub des\nWipfels, jungenshaft rauh Nonnens muntere Lieder singend.\nDie Kinder sahen fern auf dem Wege, der unter ihrem\nBaum hinführte, einen Spaziergänger und schickten sich an,\nein Konzert zu geben. Gereut, der von einem Spaziergang\nheimkehrte, erschien unter dem Baum und plötzlicher Gesang\nbegrüßte ihn. Er schaute auf zum alten Weidenhaupt und blieb\nam Herzen gefaßt stehen: drei lichtblaue Mädels, lange, blonde\nLocken, blaue Mützen mit rotem Rand leuchteten herrlich in\nschlanken, zarten Blättern. Oktobersonne, golden und klar,\nliebte ihre tiefblauen Früchte, in den Wohllaut des Liedes wob\ndas Raunen des väterlichen Wipfels.\nSchweigstille hatte die blaue Kordel des Gürtels gelöst,\nund hing sie als Angel herab, um dem Mann drunten die Nase\nzu kitzeln, aber als sie Nonnens Mann erkannte, unterließ sie\nfüglich den Possen. Gereut grüßte mit den Hut, indem er sein\nkastanienbraunes Haupt neigte, und sprach herzlich: ~Freude\nschenkt mir euer heller Tag!\"\nNach glücklich beendetem Lied, von Gereuts Gruß mit dem\nHut sehr geehrt, hielt die Mädchen nichts auf dem Baume. Sie\nhatten Hunger. Man wartete auf sie zu Hause!\n* *\n&\nDer Vater hatte eine Einladung zum Abend nach Berlin.\nEs war nur gerecht: wenn die Herren vom Presseverein zum\nFeste fuhren, mußten sie den Töchtern eine Steuer entrichten.\nEs war ausgemacht, daß die Väter nicht allein feiern sollten.\nVater Dollings schlürfte laut seine Suppe, Der Löffel des\nberühmten Kritikers war hastig. Sein Blick hinter dem strahl-\nsammelnden Augenglas war in die Betrachtung der wuchernden\nBartzierde versunken. Es war eine bekannte Tatsache, daß es\nganz unmöglich war, ihn aus seinen Stieren aufzurütteln. Nur\nmit stärksten Mitteln war das zu erreichen.\nSine aß verdrossen stumm. Die Kinder stießen Nonne auf-\nmunternd an die Schienbeine, bis Nonne mitten in Dollings\nSuppe hineinfragte: „Herr Delling — die Kinder möchten eine\nMark, weil Sie heute Abend nach Berlin eingeladen sind,\" Dol-\nling hatte nichts vernommen und löffelte. Sine 'bemächtigte\nsich der Möglichkeit, eine Mark zu hamstern: „Warum sollen\nimmer die Jöhren Geld bekommen, die werden verwöhnt! Ich\nkann mir nicht mal Strumpfbänder kaufen, und die verschmö-\nkern das schöne Geld!\"\nDolling hatte den Fleck der Suppe mit bösgerunzelter Stirn\nvom Teller getilgt und verlangte Fleisch, Er hatte das Ge-\nspräch nicht bemerkt. Als Nonne die Gelegenheit begriff und\nzum zweiten Male bat, sank wiederum sein Blick senkrecht\nhinab, die oben starrten in den tiefen Brunnen, aus dem ab-\nwegiges Brummen vernehmlich war: „Ja — ja— ja —!\"\nSchweigstille, den schmalen Blondkopf an die hohe Stuhl-\nlehne zurückgebogen, setzte zum Sturm an. Sie schwang den\nSuppenlöffel im Fäustchen als Taktstock und schrie: „Herr"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.13", "texte": "Dolling — Herr Doli—linggg!\" Zugleich griff Nonne an: „Herr\nDolling — Doli—linng — Doli—linnggg —.\" Nun faßte Katherine\nden Vater im Sturmangriff mit rauher Stimme: „Papa Doli—ling\n— Doli—linnggg — Papa paaa —\" Endlich sang Sibille den\nChor: „Doli—ling — Doli — Dolll —\nDer stürmende Ring war geschlossen. Köpfe zurückge-\nbogen, frei die Kehlen, Stühle wippend, schlugen die Mädels\nSturmtrommeln mit Löffeln an leere Teller, mit Hacken, Schuh-\nsohle an Tischbein und Balken, Fünf Minuten Höllenlärm!\nDie Kinder strengten sich an, um des hohen Zieles willen ernst\nzu bleiben. Schweigstille lachte Tränen. Sie flüchtete wütend\nvor der Trampelei der unvernünftigen Kreatur auf ihren Nerven.\nDer versunkenste Ichdenker würde nicht standhaft bleiben.\nDollings blutrote Träume von fürstlichen Bettgenüssen, die\nSeiner nach den geistigen Vereins-Anstrengungen um Mitter-\nnacht unentgeltlich harrten, erblaßten, zitterten vor dem Auf-\nruhr: Nonne vernahm den schwachen Hauch der Ergebung im\ndichten Wirbel und gebot Stille. Der Vater nahm das Augen-\nglas aus dem mageren, verwittert roten Gesicht, und wischte\numständlich die kleinen, blinzelnden Augen: „Ja — ja — Herz-\nchen, Kinderchen — wollt ihr was?\"\nDer erregte Chor schrie im Takt: „Eine Mark, wir wollen\neine Mark! Atemlos aus Schalkheit schrie Schweigstille er-\nbärmlich: „Du gehst zum Fest! W;ir müssen allein bleiben.\nNonne kann nicht mal Kuchen kaufen!\" Sie drückte mühsam\neine Träne zwischen die Finger. Der Chor krähte weinerlich:\n„Nicht mal Kuchen kaufen!\"\nIn diesem Augenblick tauchte der Vater wieder in seinen\ntiefen Brunnen, er hatte sein Fleisch zerlegt und die Welt rings\num seinen Teller drohte verloren zu gehen. Aber die Welt\nhatte die Gefahr schnell erkannt. Rufen hüben Sirenen —-\nschrill an: ~Vater Doli—ll—ling—linnggg —!\" Endlich hörte\nNonne, die zunächst saß, seine Stimme vernünftig anordnen:\n„Ich gebe zwei Mark fünfzig, Jedem fünfzig Pfennige, auch Sine\nund Nonne! Er wandte sich an die Töchter: „Kinderchen!\nHerzchen! seid artig, ihr kriegt euer Geschenk, ich lasse doch\nmeine Kinderchen nicht weinen! Und nun laßt euer geplagtes\nVäterchen sein Mittag in Ruhe essen!\" »„Sieg! Sieg!\" rief\nSchweigstille, Der Siegespreis war bezahlt, die Töchter konn-\nten zum Feste rüsten.\n* *\n*\nNonne machte mit den Kindern schnell Schularbeiten. Nach\nVater Dollings Fortgang versammelten sich zehn kleine Mädels\nm der Wohnung, alle im gleichen Alter und gleich bereit, im\naufrührerischen Schwung der Dollinge zum Unfug und Schrek-\nken der Hausbesitzer.\nVon ihren Loggien und Altanen blickten Hausbesitzer und\nNaturfreunde behaglich auf ein Paradies von geschorenen und\nwohlgezäuntem R.asen hernieder, auf Trauerweiden, Rosen-/\nstocke, und prächtig kiesgelbe zirkelrunde Wege. Beständig\nwurde das Paradies besprengt, und sein Frieden bewacht.\nDie Dollinge flogen das Geländer der Haupttreppe herab,\nzehn kleine Mädels von der Schulstrenge frei, unbändige Spring-\nlust in den Beinen. Katherine lachte herzlich mit rauher Stim-\nme, die träge Sibille sauste mit senkrecht hängenden Locken,\nquecksilbrig zankte Schweigstille und bockte hinein in den\nSchwärm, daß er auseinanderstob. An Sines Fenster zur ebenen\nErde vorbei ging die Fahrt der Hexen, der Kies knirschte unterm\nGetrampel der heillosen Unvernunft. Sine lag zu Bett und sie\numklammerte ihren Schädel, dessen Knochen nicht standhielten,\nmit den Händen und starrte umnachteten Auges auf ihren augen-\nblicklichen Roman: „Der Kommilitone, Geschichte eines jüdi-\nschen* Studenten.\"\nDie Hausbesitzer standen rings hinter den jeweiligen Zäu-\nnen ihrer Grundstücke, und lauerten nervös auf eine Gelegen-\nheit, um den wilden Lärm zu dämmen. Die Sonne stand niedrig\nrot über dem Bahngleis, kleine rote Flammen züngelten vom\nliimmelsfernen Brand durch 'das Laub des\nNonne deckte Wen Kaffeetisch hinter der blätterumrankten\n#\nLaubenwand der Altane, dort durften die Mädels unbekümmert\nsein.\nAls Nonne den Kaffee Sinen ans „Krankenbett\" gebracht\nhatte, rief Nonne die Kinder. Katherine schenkte ein, Nonne\nteilte den Kuchen ein. Man war ganz unter sich, und Schweig-\nstille führte alle an, indem sie schonungslos Spitzen gegen Jede\nstach. Sehr kritisches, empörend ungezogenes Gespräch, das\nbildreich und kräftig war, beschäftigte die Kaffeerunde, während\nder Vater seine Schäferin zum italienischen Presseabend ab-\nholte.\nKein Eest der Mädchen ohne Gesang. Nonne führte den\nTakt, und alle sangen richtig, ruhig, fest. Sie sangen den licht-\nblauen Abend und geleiteten ihn zur langen Nacht, unverdros-\nsen, unbekümmert um Hausbesitzer, Naturfreunde. Sie sangen\nwilde Blumen, Vögel, Winde, die bekannten und unbekannten\nTräume! Nachbaren, kleine Mädchen, verliebte Knaben lausch-\nten dem Gesänge auf himmlischen Flügeln.\n* *\n*\nGereut ging die Stiege in der Dollingschen Wohnung zum\nSchlafzimmer der Kinder hinab, Sie hatten verlangt, und Nonn**\nhatte gebeten, daß Gereut gute Nacht sage. Im dunklen Flur\nöffnete Nonne die Tür vor Gereut, und er schaute in drei helle\nerwartende Mädchengesichter. Er lachte, sie freuten sich in\nden weißen Betten und antworteten ihm. Nonne drehte das\nLicht aus, der helle Leuchtfaden erlosch, und die Kinder schau-\nten auf das freie, weiße Rechteck der Tür, das im Schein des\nelektrischen Mondes hoch von der Straße glänzte. Sie warte-\nten in der langen Stunde vor dem Einschlafen darauf, daß die\nTür sich auftäte. Wer Alles mochte an die Tür klopfen und\ndurch die Stube gehen: sieben Jünglinge in Gestalt von sieben\nRaben mochten zu den Betten herbeifliegen und nach der\nSchwester fragen!\nNonne lehnte die Tür vorsichtig an, und beim leisen Fort-\ngehen hörte er undeutlich: „Herr Gereut .... bereut . . . .\"\nNonne war müde, der Abend gar zu lang, denn Vater Dol-\nling würde erst mit dem Frühzug heimkommen, und bis dahin\nsollte sie Kinderwache halten. Gereut blieb bei ihr, sie legte\nsich auf den Divan, er deckte sie zu, löschte das Licht, und kau-\nerte im Finstren lauschend am Fenster. Er starrte auf die Straße\nmit den beiden Reihen dichter Kastanienschatten, durch die\nFunken von Gaslaternen glitzerten. Gereut fieberte. Er\nwollte mit Nonne heimgehen und nach dem Werktage ruhen\ndürfen.\nAls Nonne eingeschlafen war, trat er leise in Dollings Ar-\nbeitszimmer, drehte Licht an und wanderte auf dem roten Tep-\npich: er grübelte über den Weg, den er gehen könnte, um end-\nlich Nonne im eigenen Heim behalten zu dürfen und sie nieman-\ndem mehr herauszugeben.\nEr blieb vor den Gestellen stehen, in denen Reihen nie ge-\nsichteter, selten benutzter, lieblos weggestopfter Bücher ver-\nstaubten: Theaterkritik, Dramaturgie, Goethe und Schiller\nfriscne Romane und Gedichte, Buch der Erfindungen, Hausbi-\nbliothek des Wissens, Weltall und Menschheit,\nGereut hatte der Verdummung der Presse widerstanden\nund sich der vielschreibenden Geschäftigkeit und Betrieb-\nsamkeit entgegengestemmt. Er war mit Elend, dem gottver-\nhängten Dichterlos bestraft worden. Er wagte es, im Elend\nsein Schicksal festlich zu empfangen.\nEr starrte auf die zur Besprechung eingegangenen frischen\nBücner, die Nonne sorglich auf dem roten Teppich aufgestapelt\nhatte, und versetzte den wuchernden Haufen Tritte, daß sie um-\nstürzten. Erschrocken hielt er inne, denn er glaubte Nonne\nvom Lärm erwacht. Aber die Nacht rauschte still, Schritte\nVorübergehender, laute Unterhaltung brachen die Einsamkeit\nund ihn fror. Wengen und Stirn brannten, seine Füße waren\neiskalt.\nEr dachte dies: Theaterhallen, Festsäle in der Fülle ge-\nschmückter Mengen, zierdenreicher Frauen, gepflegter gutge-\nkleideter * Männer. Gespräch, Elektrizität der Geberden,\nLachen, Flug von Blicken! Lichtkronen schimmerten riesig"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.14", "texte": "über den gebeugten Mengen, unendliche Musik flammte, dröhn-\nte, Stimmen der Solis wurden von Meeresarmen des Orchesters\nmit Liebesbrausen empfangen!\nDies dachte der arme Gereut. Nonne erwachte, als hörte\nsie Gereut deutlich reden: ,»Lieber, warum sind wir so arm,\nwomit haben wir die Strafe verdient?\" Er beugte vor Nonnens\nunvermuteter Stimme aus dem Dunkel das Llaupt, er dachte mit\nbrennendem Heimweh an ihren einzigen freien Tag, als sie voia\nSakrow nach der Römerschanze gewandert waren. Im Augen-\nblick dieser stummen Erinnerung begann Nonne ernst von\nSakrow zu erzählen, und Gereut lauschte , , ,\nEr schaute auf die nächtige, laternenbesäumte Straße hin-\naus, die nach Berlin führte. Die unendliche Straße, stürzende\nMassen, tosende Bahnhöfe, Heere von Automobilen, Orkan der\nKraft und des Hasses —! Nonne erzählte sanft von Sakrows\nzartem Glockenturm aus Schinkels Zeiten und dem hohen alten\nBirkenhain am See,\nEine Stimme kam aus dem Kinderzimmer, im Traume\nmurmelnd. Nonne war aufgestanden und hatte Gereut umarmt.\nIhr Gesichtchen leuchtete weiß.\nXII\nNonne klatschte mit den Händen nach Gereut, Durch die\nNacht flog ihre Stimme zu ihm auf wie ein kleiner silbriger Vo-\ngel mit weichem Gefieder. Gereut erhob sich am kleinen Fen-\nster wie der Schatten eines jungen Bären und antwortete\nhinab ins Dunkel, in dem nur der helle Vogel schimmerte.\nDas Zimmer war mit einem langen, faltigen Vorhang in zwei\nTeile geschieden, in Arbeits- und Ehe-Stube. In der Arbeits-\nstube stand der runde Tisch mit Nonnens Armsessel, in dem sie\nMittags zur Ruhe saß und auf die Aecker jenseits vom Bahn-\ngleis blickte. In der Ehestube prangten ihre schönen Betten.\nGereut stand vor dem lieben Bilde über seinem Arbeits-\ntisch, dem Druck nach einem flandrischen Meister. Eine Eva\nsteht keusch und bietet zurückhaltend erhoben den Apfel der\nsanften Liebe, ernst, ruhig atmend, nackt. Der Mann schreitet\ngeraden Blickes, strengen Angesichtes, fester Stirn, senkrechter\nStärke am kurzen fliehenden Augenblick vorüber. Das Bild\nverlangt kein Gelübde, heiles stolzes Schweigen deckt seine\narme, verletzliche Scham.\nDer Schreitende auf dem flandrischen Bilde biegt nicht\nwillig das Haupt zum Gruß, das Haar steht als Helm, die schräg\nherabgestreckte Hand faßt unsichtbare £>iitze in ihrer Kraft,\nHell, entflammt war Gereut, um Einöden zu durchziehen, un-\nbezwingliche Hindernisse zu versuchen, ins absichtsvolle Dunkel\nder Herzen zu tauchen, das Rätsel der Welt zu stammeln . , .\n* *\n*\nDrei Kerzen will ich dir anzünden!\nGereuts Ehe war ein heimlich zweisam Reich!\njWimter-Schnee, herber Frostzwang friedete und ,Märzen-\nsonne wärmte sein traulich Reich, die Stürme fuhren drüberhin,\nohne es zu versehren. Gereut senkte den Blick in die Ge-\nschlechter seiner verehrungswürdigen Vorfahren, er hatte die\nRegierung angetreten über die fünfhundert ehrfürchtig geliebten\nSeelen, die er durch die Kraft und Anmut seiner Gedichte ge-\nwonnen hatte, er war Großgrundbesitzer und besaß den uner-\nmeßlich reichen Holzschlag aus den Wäldern der deutschen\nSprache, und diese Wälder standen noch dicht wie die deutschen\nHeere. Auf den Zinnen seines Palastes glänzten frei zehn Him-\nmelsgestirne, darunter Bär und Jupiter, Gereut war Mann,\nKrieger und Fürst.\nNonne saß neben Gereut am Abend ihres Werktags, sie\nhatte es noch immer mühselig! Ihre Hoffnung erhob sich auf\nschlichten Liedesflügeln und flog der Sonne nach in ihren Ab-\ngrund, dessen Röte langsam verblich, Sie sang die Todesweise\nvom Königskinde: Drei Kerzen will ich dir anzünden!\nGereut erbebte beim Schmerz ewigen Abschiedes, allfül-\nlender Todesklage. Alles was geschah, sein Geheimnis, sein\nSchicksal waren in ihm vorgebildet, er war vertraut mit Allem,\nehe es geschah, in seinen Träumen hatten sie lange neben ihm\ngeschlafen, um plötzlich zu mahnender Gewißheit\nEreignisse, Taten, Abschiede, Herrlichkeit, Größe. Sie waren\nein Ihn-Rufen, Ihn-Verwandeln, Ihn-Heiligen, vor dem sein Herz\nzitterte. Schrecken reckte den Stachel, Furcht ätzte Todes-\ngift ins Blut, Vernichtung zerschlug: Den, der nicht aus erzbe-\nreitem Rillen die Tat vollbrachte, Sendling am guten Tag des\nGewitters! Gereut kannte wehrhaft Tag und Stunde, sanft\nunschreckbar stand sein Haupt, seiner Sonne folgte das Schick-\nsal donnernd nach.\nGereut hatte den schweren Schatten der Furcht empfunden,\nStachel und Vernichtung seines Selbstseins: den Hemmenden,\nden Zergliederer, den Halbmann! Aus seinen verfluchten Sümp-\nfen war Pinkepank, von den Seelen der Menschen genährt und\nselbstbewußt geworden, in Gold gekleidet, aufgefahren gen Him-\nmel, und hatte sich in das ewige Licht an Gottes Seite gesetzt.\nGottes Fülle eignete er sich nach Art roher Emporkömmlinge\nan und besaß sie, die Mächtigkeit menschlicher Seelen, die groß\nan Liebe und Weisheit geworden waren, ließ er zum Purpur-\nmantel weben, in dem er sich zur Schau ausstellte. Wissen und\nKraft der Zeitalter benutzte er listig, um Stolz und Würde der\nRassen zu untergraben, und an ihrer ehrwürdigen Stätte sein\nIch aufzurichten. Er knechtete die Fülle des unendlichen Lebens\nund das geduldige Rind wartete vor dem Messer des Schlächters.\nReichtum des Erdballs, königliche Herrschermacht verlieh Pin-\nkepank seiner zerrütteten Brut, über den Erdball sank ein\nfurchtbarer Schatten, er hatte ihn durch blutigen Fleiß bezwun-\ngen, er hatte ihn bezahlt, deshalb gehörte er ihm.\nAber Pinkepank war zur Schöpferliebe unfähig, obgleich\ner versuchte, die ungeheure und leise Schwungkraft des Lebens\naus seinem Feuerkreise in den verdorrten Adern gerinnen zu\nlassen. Er blieb unfruchtbar, seine Werke strebten zum dürf-\ntigsten Zusammenhang, ihm war die geheimnisvolle Bindung der\nLiebe versagt.\nLiebe suchte er allerwege, um jeden Nerv mit Weineskraft\nzu entflammen, in jegliche Kälte, jeglichen leeren Augenblick\ngeschlechtliche Brände zu schleudern. Er selbst brannte und\nflammte und liebte nicht, Demut der Liebe band nicht seine\nschweifenden Hände, schöpferisches Feuer brach nie seine\nkarge Art.\nFurchtbare Stunde, wenn aus erloschenem Krater die La-\nwine des Feuers aus dem Erdinnern grollt; tötlicher Untergang,\nschmerzvolle Befreiung! Dem glorreichen Tage jauchzte Gereut,\nder göttliche Urmensch, Fürst der Sterne, Sieger der Aufgänge\nSonne, dem das Schicksal donnernd folgte. Der Schatten wich\nvon seinem Selbstsein, der Makellose trat vor ins All und hob\ngrüßend die Waffen. Sein Schwur zuckte die Herzen, sein\nSchlachtruf weckte die Krieger: die gebückt in der Erde, auf\nSaturn, Venus, Neptun, M,ars und allen großen Gestirnen der\nHimmels-Gespanne dem Schöpfer ihre Angesichter zukehrten\nund ihm Treue leisteteten. Sie eilten herbei, die Erde bedeckte\nsich mit ihren Scharen und an ihrer Spitze brach der rote Gereut\nhervor auf Pinkepanks lederne Haufen, seinen lottrigen, von\nrasenden Reden und Flüchen geschwollenen Heerbaum der\nzerfressenen Gesichter, der von bürgerlichen Gewohnheiten,\nAusschweifungen geschwächten Geister und verkommenen Lei-\nber. Das fressende Feuer fiel nieder und Gereut schmiedete\nzum Siegesmal Pinkepank auf den Ambos mit Blitzen aus seinen\nSchöpferhänden von Stahl, warf die Türme um und setzte Gott\naus dem Schatten ein in sein ewiges Licht,\nin Gottes Herrlichkeit:\nVor den Getreuen sang Gereut das uralte Gebet des Lord\nEr ist so niedrig, daß ich alle seine Gesichter sehe,\nEr ist so hoch, daß ihn niemand erreichen kann,\nder Verborgene, dessen Namen niemand kennt.\nEr ist unter den Menschen\nEr ist bei den Göttern\nwenn sie leben,\nwenn sie sterben,\nohn Aufhören gibt er die Hand ihrem Sein\nsie sind ewig in I H M\nEnde"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.15", "texte": "Verantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag\nP. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer StraBe 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschriit Der Sturm\nErsckemt am iiinfzehnten jedes Monats\nBauerbezug\nGewohnliche Ausgabe Fur Deutsch-\nI a nd i.i n d Oesterreich-Ungarn:\nEin Jahr 6 Mark / Em Halbjahr 3 Mark /\nEinzelheft 80 Pfennig / Fur-das Aus-\nland bei direkter Zustellung\ndurch die Post: Ein Jahr 8 Mark /\nEin Halbjahr 4 Mark / Einzelheft 1 Mark\nSonderausgabe: Ungebrochene\nExemplare, Versendung in R o 1-\nlen direkt durch die Post fur\nDeutschland und Oesterreich-\nUngarn: Ein Jahr 12 Mark / Ein Halb-\njahr 6 Mark / Fur das Ausland: Ein\nJahr 14 Mark / Ein Halbjahr 7 Mark\n\np\nr e i s e\nder friiheren Jahrgange / Voll-\nstandige Ausgabe\n1. Jahrgang\n2. Jahrgang\n3. Jahrgang\n4. Jahrgang\n5. Jahrgang\n6. Jahrgang\n7. Jahrgang\n1910/11\n1911/12\n1912/13\n1913/14\n1914/15\n1915/16\n1916/17\nGewohnliche\nAusgabe:\n30 Mark\n30 Mark\n30 Mark\nvergriffen\n20 Mark\n20 Mark\n10 Mark\nSonder-\nausgabe;\nvergriffen\n40 Mark\n30 Mark\n30 Mark\n20 Mark\nEinzelhefte, soweit vorhanden; crster bis\nsiebenter Jahrgang je 1 Mark\n\nBiicher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum\nS c h u t z e n g r a b e n v e r s e / Ge-\nd i c h t e\nQebunden 3 Mark\nHermann Essig\nDer Frauenmut / Lustspiel\nUberteufel / Tragodie\nIhr stilles Gliick / Drama\nEin Taubenschlag / Lustspiel\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne / Eme Dichtung\nGeheftet 2 Mark\nKreis desAnfangs / Friihe Gedichte\nGeheftet 5 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\nOskar Kokoschka\nMorder Hoffnung der Frauen\nDrama mit Zeichnimgen\nGebunden 10 Mark (Auflage 100)\nSonderausgabe vergriffen\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln\nGeheftet 2 Mark / Sonderausgabe 50 Mark\nAugust Stramm\nD u I Liebesgedichte\nGebunden 3 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der M e n s c h e n 1 i e b e\nRoman\nGeheftet 3 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\nG e s ammelte Schriften: Band I:\nKunstmaler und Kunstkritiker\nGeheltet 2 Mark\nWeib I Komitragodie\nGeheftet 3 Mark / Sonderausgabe 60 Mark\n\nSturm-Bucher I: August Stramm: Sancta\nSusanna / II: August Stramm: Rudi-\nment ar I Ills Mynona: Fur Hunde und\nandere Menschen / IV: August Stramm:\nDie Haidebraut / V. August Stramm: Er~\nwachen / VI: Aage von Kohl: Die Hange-\nmatie des Riuge / VII: Adolf Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm:\nKrafte / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / X: Aage von Kohl: Der tierische\nAugenblick / XI: August Stramm: Ge-\nschehen: / XII: August Stramm: Die Un~\nfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland /\nXIV: Lothar Schreyer: Jungfrau\nJedes Sturmbuch 50 Pfennig\n\nMusik\nHerwartli Walden\nDer Sturm / Hecresmarsch\nFiir Klavier / Eine Mark\nDie Judentochter\nFiir Gesang und Klavier\nFarbige Umschlagzeichnimg von Oskar\nKokoschka\nEine Mark\nZehn Dafmslieder / Zu Gedichten von\nArno Holz\nFiir Gesang und Klavier\n3 Mark\nNummer Er hort mit ihr den Gukguk\nschreyn\nEinzclausgabe / 50 Pfennig\n\nMappen und Alben / Verlag Dcr Sturm\nHeemskerck-Mappe: Sechs handgedruckte\nund einzeln unterschriebene Holzschnitte /\nAuflage 30 Mappen\nMappe je einhundert Mark\nKandinsky-Album / Schrift cfcs Kiinstlers\niiber sich selbst mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen seiner Werke von 1901 bis\n1913\nAlbum 10 Mark\nOskar Kokoschka: Mappe mit 20 Blatt\nZeichnungen in Strichatzung\nAuf Kaiserlich Japanpapier 30 Mark\nAuf Costakarton 20 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe\nMappe mit 15 Zeichnungen auf Japan-\npapier in Strichatzung / Adolf Loos / Her-\nwarth Walden / Richard Dehmel / Paul\nScheerbart / Alfred Kerr / Yvette Guil-\nbert I Karl Kraus / Hermann Essig / Rudolf\nBliimner / Adolf Knoblauch / Mechthild\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg /\nGertrud Eysoldt / Claire Waldoff\nMappe 40 Mark\n\nK ilns tlerk art en\nJede Karte 20 Pfennig\nNacft Gemalden, Zeichnungen und\nwerken folgender Kiinstler:\nAlexander Archipenko 4 Fernand Ldger 2\nRudolf Bauer 1\nVincene Benes 1\nUmberto Boccioni :\nCampendonk 2\nMarc Chagall 7\nRobert Delaunay 1\nAugust Macke 1\nFranz Marc 3\nCarl Mense 1\nJean Metzinger 1\nGeorg Muche 1\nQabriele Munter 1\n\nAlbert Qleizes 2\nJacoba v. Heemskerck 3\nS. tijerten-Qrunewald 1\nAlexei' von Jawlensky 2\nKandinsky 3\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\nNegerplastik 1\nGeorg Schrimpf I\nGino Severini 4\nFritz Stuckenberg 1\nArnold Topp 1\nMaria Uhden 1\nNell Walden 1\nMarianne von Werefkin\n\nH5K8K£88H8OT\nSturm-Ausstellungskataloge\nMit Abbildungen\nMarc Chagall\nAlexander Archipenko\nDer Blaue Reiter\nKandinsky\nGino Severini\nSkupina\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen\n60 Pfennig\nFranz Marc\n1 Mark\nErster Deutscher Herbstsalon 1913\nMit 50 Abbildungen in Kupfertiefdruck\n2 Mark\n\nKunstdrucke aus dcm Verlag Der Sturm\nAuf Japan- und Biittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Zeidmung\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka Menschenkiopfe:\n1 Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl\nKraus / 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheer-\nbart I 6 Yvette Guilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nMiMm\n\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten\nJede Karte 20 Pfennig\nL August Stramm\nII. Herwarth Walden\nIII. Jacoba van Heemskerck\nIV. Kandinsky\nV. Rudolf Blumner\nVI. Campendonk\nVII. Peter Baum\nVIII. Hermann Essig\nIX. Oskar Kokoschka\nX. Adolf Knoblauch\nXI. Paul Klee\n\nHanddrucke\nOskar Kokoschka;\nschrift der Sturm\nAbzug 10 Mark\nP1 a k a t fur die Zeit-\n/ Originallithographie\n\nSturm-Einbande\nAuf Japanpapier handgemalt von\nGeorg. Schrimpf fur alle Ausgaben\ndes Verlags Der Sturm\nEinband fiir Biicher: 20 Mark\nEinband fiir Noten und fiir den Jahrgang der Mo-\nnatsschrift Der Sturm: 30 Mark"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19170715-01.1.16", "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen\nAusführliche Verzeichnisse\ndes Verlags Der Sturm kosten-\n-1 o s Verlag Der Sturm\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin / Potsdamer Stra&e 134a\nGeoff net taglich von 10—6 Uhr / Sonntags\nyon 11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahreskarte 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\n#\nDreiundfiinfzigste Aussiellung\n3. Sturiri'-Gesamtschau\nJuni I Juli 1917\nVierundfiinfzigste Ausstellung\nSammlung Kluxen\nEroffnung: 5. August\nSturm - Ausstellungen\nHamburg: Gesamtschau\nKunsthandlung Louis Bock und Sohn\n1. Juli bis 31. August\nDiisseldori: Graphik\nEroffnung: 1. August\n\nDER STURM\nvertritt folgende Kiinstlcr ausschliefilich\nund verfiigt iiber ihrc Werke (Gemalde /\nGraphik / Holzschnittc / Handdrucke) zum\nVerkauf und zu Ausstellungen in dcr gan-\nzen Welt:\nCampendonk / Marc Chagall / Jacoba van\nHeemskerck / Kandinsky / Franz Marc /\nGeorg Muche / Gabricle Miinter / Nell\nWalden\nDER STURM\nvertritt fur Deutschland folgende Kiinstler\nund yerfiigt iiber ihre Werke zum Verkauf\nund fur Ausstellungen:\nAlbert-Bloch / Alexander Archipenko /\nRudolf Bauer / Fritz Baumann / Vincenc\nBenes / Umberto Boccioni / Carlo D„ Carra\nMax Ernst / Lyonel Feininger / Emil\nFilla I Albert Gleizes / Otto Gutfreund /\nOswald Herzog / Sigrid Hjerten-Griine-\nwald I Isaac Grimewald / Johannes Itten /\nAlexei von Jawlenski / Paul Klee / Os-\nkar Kokoschka / Otakar Kubin / Fernand\nLeger / Carl Mense / Jean Metzinger /\nFrancis Picabia / Georg Schrimpf / Gino\nSeverini / Fritz Stuckenberg / Arnold\nTopp I Maria Uhden / Marianne yon We-\nrefkin\n\nKunstschule Der Sturm\nLeitung : Herwarth Waldcn\nUnterricht und Ausbildung in der\nexpressionistischen Kunst\nBiihne\nSchauspielerei\nVortragskunst\nMalcrei\nDichtung\nMusik\nLehrer der Kunstschule Der Sturm\nRudolf Bauer\nRudolf Bliimner\nCampendonk\nJacoba van Heemskerck\nPaul Klee\nGeorg Muche\nGabriele Miinter\nLothar Schreyer\nHerwarth Wfolden\nSprechstunden der1 Leitung der Kunstschule Der\nSturm: Dienstag, Mittwoch, Freitag, Sonnabend\n4—5 I Das Sekretariat ist taglich von 10—6 ge-\noffnet\n\n©ffentliche Vorirage\nJede Vortragsreihe 5 Mark\nDie neuen Vortragsreihen beginnen am\n1. September 1917\nVortragender\nLothar Schreyer\nHerwarth Walden\n\nSturm - Kunstabende\nVcrein fur Kunst / Vierzehntes Jahr\nIn dcr Kunstausstellung Der Sturm / BerHm\nJcden Mittwoch / Beginn aller Abcndc:\n%S Uhr\nWiederbeginn der Abende\nMittwoch den 5/September 1917\n\nVerein fur Kunst\nLeitung Herwarth Walden\nVierzehntes Jahr 1. April 1917 bis 31.\nMarz 1918\nJahresbeitrag 20 Mark\nRechte der Mitglieder: Freier Bezug der\nZeitschrift Der Sturm / Freier Besuch aller\nSturmausstellungen / Besuch der Sturm-\nKunstabende zu halben Preisen / Jedes\nJahr frei eine Sturmgabe / 1917/18 nach\nWahl:\nHeemskerck: handgedruckter und unter-\nschriebener Holzschnitt aui Kaiserlich\nJapan-Papier oder zwei Kunstdrucke nach\nWahl oder das Sturmplakat von Kokoschka\n\nKunstbuchhandlung\nDer Sturm\nPotsdamer StraBe 138 a\nFcrnruf Liitzow 4443\nhat gute und seltene Biicher und Noten\nvorratig und nimmt Bestellungen entgegen\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nNeu erschienen: Herwarth Walden:\nGesammelte Tonwerke: Schwerftertanz /\nW,erk 18 / Mark 4,— / Tanz der Tone /\nWcrk 23 I Mark 3,— / Umschlagzeichnimg\nvon Rudolf Bauer\nDie Preise der iriiheren Jahrgange der\nZeitschrift Der Sturm sind laut Anzeige\nauf der vorhergehenden Seite erhoht\nHerwarth Walden: Einblick in Kunst\nMit vierundsechzig Abbildungen nach Ge-\nmaiden der Sturm-Kunstler\n4 Mark 50 Pfennig\nKunstlerpostkarten der Sammlung Wal«\nden I Erste Foige; 24 Karten\nJede Karte 20 Pfennig\nHermann Essig: Der Wetterfrosch / Er\nzahlung\n2 Mark 50 Pfennig\nGebiwiden 4 Mark"}]}