{"numero_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_sha256": "475002efeeb4643e24a4a51269f99be3254779fcd086fc8873c172b040b6d1a6", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1917/11/15_01/bmtnabg_1917-11-15_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1917/11/15_01/bmtnabg_1917-11-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c001", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.1", "titre_corps": "Inhalt:", "titre_sommaire": "Inhalt:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.1", "debut_caractere": 332, "fin_caractere_exclue": 698, "texte": "Inhalt:\nHerwarth Waiden: KenHer: Er ist so frei / Er wundert sich / Durch Licht znr Nacht / Die schönere Kunst / Das kommt\n▼om Übermalen / Der Überzeitgenosse / Wilhelm Runge: Gedichte / Kurt Heynicke: Angriff / Günther Mfirr: Marienliedcr / Mynona:\nWilly Wille / Für die Zeiten / Georg Schrimpf: Holzschnitt / Maria Uhden: Zwei Holzschnitte / Paul Klee: Zeichnungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c002", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "113", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.2", "titre_corps": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "titre_sommaire": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.1", "debut_caractere": 700, "fin_caractere_exclue": 748, "texte": "Georg Schrimpf: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c003", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "114", "page_fin": "120", "image_debut": 2, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.3", "titre_corps": "Kenner", "titre_sommaire": "Kenner", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8217, "texte": "Kenner\n\nEr ist so frei\nHerr Pfarrer Traub aus Dortmund benutzt seine wiederge-\nwonnene christliche Freiheit, unchristlich in die Freiheit der\nKunst einzubrechen. Er stiehlt sich sogar die Freiheit: „In Dres-\nden stahl ich mir zwei Stunden für die dortige Sommerausstel-\nlung und habe es wahrhaftig nicht bereut.\" Das ist unschrist-\nlich. Denn er verzeiht ohne zu verstehen. Und er versteht\nnicht, ohne zu verzeihen. „Ich wußte nicht, wie mannigfaltig\nund ernst hier gearbeitet wird. Mit vielem kann sich mein ver-\naltetes ästhetisches Urteil nicht befreunden. Daß aber aus der\nWelt des Expressionismus sich eine wirkliche Kunst herausar-\nbeiten kann, davon bin ich überzeugt,\" Der Diebstahl hat also\nFolgen, Nur hat sich der Herr Pfarrer in der Welt geirrt:\n„Wenn freilich der Hauptsaal mit den Bildern von Hettner, Röß-\nler, Beckmann und besonders Böckstiegel der Höhepunkt der\nAusstellung sein soll, dann bin ich schwer enttäuscht.\" Man\nsieht aus den, Namen dieser Bildermaler, daß Herr Traub wäh-\nrend der letzten Jahrzehnte sich keine zwei Stunden gestohlen\nhat. Während er also früher sich die Zeit nicht nahm, hat er\ndesto schneller in aufgezwungener Freiheit sein ganzes Christen-\ntum vergessen. Nun steht das Christentum der Kunst näher als\ndie Freiheit der fortschrittlichen Volkspartei, Herr Traub fühlt\nsich als Persönlichkeit. Es ist sogar sein größtes Glück gewor-\nden, Er hat sogar Urteil. Jede Persönlichkeit urteiU. Zwei\nStunden hat er mit sich zu Rat gesessen und als Angeklagter\nsteht er vor der Welt, die er stolz durch den Hauptsaal betreten\nhat. Aber er steht nicht betreten da. Er ist eine Persönlich-\nkeit. Seine Freiheit gibt Gesetze. Während nur das Gesetz die\nFreiheit ist:„Das oberste Gesetz aller Kunst bleibt die Form.\nDie Farbe hat die Form zu beleben, zu gestalten, aber nicht zu\nerdrücken. Die Farbe selbst ist schon herrisch genug, desto not-\nwendiger daß man ihr Meister, nicht ihr Sklave sei.\" Eine Per-\nsönlichkeit ist immer in Form. Nur ist die Form recht farblos.\nDie Persönlichkeit fühlt sich von der herrischen Farbe erdrückt\nund will sie meistern. Die Farbe soll Halt machen an der\nGrenze der Persönlichkeit. Die Grenze, die der Persönlichkeit\nForm ist. Die Persönlichkeit scheut sich vor dem Leuchten.\nIm Leuchten sieht sie ihre Grenze, die dicht vor ihrer Freiheit\ngezogen ist. Die Persönlichkeit fürchtet sich vor dem Leuch-\nten, Sie sieht die Form nicht mehr, die vier Striche, die ihre\nWelt ist. Darum muß das Leuchten gelöscht werden. Es brennt.\nAber Farben sind herrisch, Sie brennen, selbst wenn ein Herr\nTraub sich seines ästhetischen Urteils versichert, Herr Traub\nist sehr unsicher in der Welt, in die er sich hineingestohlen haj.\nEr sieht Feuer, das nicht brennt. Er sieht Farben, die nicht\nleuchten. Er fürchtet sich, der freie Mann. Er will nicht Sklave\nsein, der freie Mann. Der Heiligenschein ist ihm nur Dogma. Er\nist nicht heilig mehr, der Herr Traub. Er ist schlicht Meister.\nMeister der Meister, die sich von der Farbe nicht beherrschen\nlassen.\nAber noch mehr fällt ihm auf: „Es fällt mir überhaupt auf,\nwie Männerköpfe und Frauenbilder zunehmen und wie der\nMensch wieder als Persönlichkeit gewinnt. Ob das mit dem\nKriege zusammenhängt?\" Die Persönlichkeit beginnt zu denken.\nOb das mit dem Kriege zusammenhängt, das Zunehmen der\nMännerköpfe und der Frauenbilder? Darüber ließe sich lange\nphilosophieren, „Frauen werden sich mehr für das Bild eignen\nund Männer mehr für die Statue, Auch darüber ließe sich lange\nphilosophieren,\" Und diese Erkenntnis hat Herr Traub in zwei\nStunden gewonnen. Es ist nicht auszudenken. Wirklich, der\nMensch gewinnt wieder als Persönlichkeit, „Freilich müssen sie\nwirkliche Männer sein. Es ist eine Freude zu sehen, daß wir\nKöpfe besitzen — trotz der männermordenden Schlachten,\" Und\ndabei ist Herr Traub noch nicht einmal in Stein gehauen. Ob-\nwohl ich ihn mehr malerisch empfinde.\nHerr Traubist für den Geist trotz dem Genitiv seiner män-\nnermordenden Schlachten. Aber er hat auch Gemüt: „Für Still-\nleben habe ich nie viel übrig gehabt\". Er dankt für gemalte\nLebensmittel, Ob das mit dem Kriege zusammenhängt? In\nden Ausstellungen taucht aber allmählich eine neue Art dieser\nBildform auf. Aus dem bewegten Wasser rauscht: „Nicht\nAepfel und Fische, nicht Gläser und Vasen, nein erzählende Bil-\nder voll Tragik oder Sonnenschein, wie sie sich in einem ein-\nzigen Möbel oder in einem Zimmereck einstellen/' Die Bilder voll\nTragik oder Sonnenschein werden sich in einem einzigen Zim-\nmereck besser einstellen, als in einem einzigen Möbel. Solche\nBilder können sich in einem einzigen Gehirn einstellen, das wirk-\nlich ein recht altes Möbel ist. Die Folge ist, daß Herr Traub\nüber eine Zigarrenkiste stolpert, die mächtig in das Möbel fähirt.\n„Daß eine Zigarrenkiste mit Gewichtsteinen und einem kleinen\nHolzfäßchen vor der Wage uns zum Stillstehen zwingt, sollte\nman garnicht glauben/' Durch die tragische Zigarrenkiste mit\ndem sonnigen Holzfäßchen wächst das Ich des Herrn Traub zu\neinem feierlichen Uns, Er lebt, er versöhnt sich sogar mit ge-\nmalten Aepfeln, für die er nicht viel übrig hat: „Dieser Künstler\nmuß mit der Seele der Dinge leben. Er läßt uns den ganzen\nDuft und die frische Pracht des Apfelkorbs einatmen in einer\nverlorenen Ecke, umgeben von verfaulten Stiefeln, Feldmütze\nund Schlapphut, die wie die Bettler vor dem Domportal stehen\nund doch mit dazu gehören,\" O Tragik! 0 Sonnenschein! Und\ndaß dieser Künstler uns die verfaulten Stiefel nicht mit einatmen\nläßt, zeugt für die Güte seiner Seele und die Schwäche seiner\nMalerei. Man soll nicht Bilder durch die Nase sehen. Wer aber\neine so feine Nase hat, wie Herr Traub, der kann in einer ver-\nlorenen Ecke frische Pracht einatmen.\nAber Herr Traub hat nicht nur Geist, Aber Herr Traub hat\nnicht nur Gemüt, Herr Traub hat eine Seele, Er ist komplett:\n„Nun will ich von Bildern erzählen, die den stärksten seelischen\nEindruck auf mich machten. Da war das wuchtige Bild vom\nSchweinehirten, . , . Das Bild in Saal drei hat ja fast etwas Lino-\nleumartiges in seinen gespensterhaften schwarzen Flächen.\" Man\nkönnte es also gut als Teppichersatz für das verlorene Zimmer-\neck verwenden, „Man muß sich langsam in dem Dunkel zurecht-\nfinden, ehe man in diesem Schweinegrunzen den verlorenen\nHirten finden kann.\" Der Hirteist offenbar etwas aus der Form\ngeraten. Doch der Sonnenschein der Seele findet sich langsam\nauch in der dunklen Tragik des Schweinegrunzens zurecht. „Er-\nschütternde Nacht deckt die Tragik eines reichen Jünglings. Er\nscheint selbst fast wie aufgefressen von diesen Schweinen. Es\nfehlen ihm nur noch die vier Füße, bald wäre er auch nur ein\nStück dieser Herde.\" Der Künstler hat sich dieses Schweine-\nleben schwer gemacht. Hätte er wenigstens die zwei Füße des\nreichen Jünglings vor den Schweinen gerettet, so würden ihm\nnur noch zwei Füße gefehlt haben, um ein sichtbares Stück die-\nser Herde zu sein. „In schwarzen Strähnen strömt sein Haar\nzur Erde, Und doch atmet diese Spukgestalt des Elends volles\nMenschentum, so nah die Sauen sich an sie heranwagen. Seine\nHeimat ist noch nicht verloren,\" Herr Traub atmet bekanntlich\ndie frische Pracht ein. O Sonnenschein, während der reiche\nJüngling volles Menschentum ausatmet. 0 Tragik. 0 Tragik\nder Sauen in Linoleumart. O Zimmereck. O Zigarrenkiste.\nNicht Aepfel und Fische. Eine neue Art der Bildform taucht\nauf. Der Traub saß daran: „Ergriffen ging ich ganz langsam\nvon diesem Bilde weg, um noch manchesmal zurückzukehren.\"\nDie zwei Stunden werden gut ausgenutzt. Und siehe. Herr\nTraub sieht zwar keine Bilder, er erzählt weiter von Bildern,\ndie den stärksten seelischen Eindruck auf ihn machen. Er geht'\nweg. Er kehrt zurück: „Dann aber packte mich immer mehr das\nsitzende Mädchen in seiner grellen strotzenden Sündenfrische,\"\nHerr Traub schwärmt aus in seiner Freiheit, so weit das\npackende Mädchen es zuläßt: „Das ist eine leuchtende Predigt\nvon Farbe und Fleisch, von Schicksal und Gewalt, Eine einzige\nfreche Harmonie zusammengepreßter Farben,\" Hier hat die\nFarbe sich offenbar an der Sündenfrische des Mädchens ge-\nhalten. Es ist nicht schwer das Fleisch zu predigen, wenn es\nForm hat, O Seele, 0 Kunst, Mit dem Frauenkopf hingegen\nweiß Herr Traub zuerst nichts anzufangen. Er ist nun einmal"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7774, "texte": "für Männerköpfe (o Sonnenschein): „Auch mit dem Frauen-\nkopf und seinen blauen Haaren wußte ich zuerst nicht, was ich\nanfangen sollte.\" Der Kopf packte eben nicht. ~Dieser Frauen-\nkopf gemahnte mich an Menschen, die beim Anfassen sich fast\nwie erdrückt zusammenziehen, aber doch von durchdringender\nZähigkeit und fester Innerlichkeit sind/' Das kann man sich an\nden blauen Haaren heranziehen. 0 Form der Seele.\nAber Herr Traub hat nicht nur eine Seele. Aber Herr\nTraub hat nicht nur ein Gemüt. Aber Herr Traub hat nicht nur\neinen Geist. Herr Traub hat einen Briefkasten. Scherz bei\nSeite. Er hat einen ernsten Briefkasten. Der Briefkasten\nhängt an der christlichen Freiheit, die Herr Traub wöchentlich\nfür deutschen Glauben und deutsche Zukunft herausgibt. Herr\nTraub stiehlt dem deutschen Glauben und der deutschen Zu-\nkunft gelegentlich einige Minuten, um sich mit der Dichtung\nzu befassen. Herr Traub denkt, er kann sich aber nicht denken,\ndaß Gott lenkt. Herr Traubist sehr gebildet. Er kennt Ge-\ndichte von Heinrich Heine und Elisabeth Gcercke. Durch\neine unglückliche Fügung Gottes bekommt er die Zeitschrift\nDer Sturm in die Hand, er liest ein Liebesgedicht von A.\nSchamm und er druckt es unberechtigt in christlicher Freiheit\nnach. Worauf er über ~A. Schamm\" bemerkt: „So etwas\nwird geschrieben — im Krieg! Man möchte sich ja vor Lachen\nschütteln, aber ich bringe das nicht fertig, denn es ist eine sehr\nernste Sache, wenn hinter solchen Erbärmlichkeiten Geld steht.\nDaß sich heute wirklich Geldgeber finden, welche solche Erzeug-\nnisse nicht nur kaufen, sondern von vornherein ermuntern und\nkapitalistisch tragen, das ist tieftraurig.\" Herr Traub kann\nnicht lachen. Geld steht dahinter. Geld ist nicht lächerlich.\nDas deutsche Volk wird in seinem Nationalvermögen ge-\nschädigt. Liebesgedichte werden kapitalistisch getragen. Das\nmacht Herrn Traub tief traurig. Nun will ich nicht bestreiten,\ndaß ein freisinnig gebildeter Mann wie Herr Traub alles ver-\nsteht, was ein Gehirn verstehen kann. Herr Traub und die\nübrigen freisinnig Gebildeten verstehen aber nicht, daß die\nKunst da anfängt, wo ihr Verständnis aufhört. Kunst ist ihnen\nStimmung nach dem Abendessen. Ein ehemaliger Pfarrer sollte\nwenigstens Stimmung nach dem Abendmahl 'kennen. Herr\nTraubist aber Denker. Ihm ist Brot Brot und Wein Wein.\nAlles übrige list Wahnsinn. Es wäre auch zu entsetzlich, um-\nsonst gelernt zu haben, wo doch Geld dahinter steht. Man\nhat doch nun einmal gelernt, was Brot ist. Da läßt man sich\neben nichts vormachen. Man hat seine Erfahrung. Und wenn\nman sich gemächlich dem biblischen Alter nähert, ist es Lebens-\nerfahrung und sehr schön geworden. Herr Traubist eben ein\nDenker. Wenn ihm einer sagt: ich weiß nicht, was soll es be-\ndeuten, so weiß er sofort, was es bedeuten soll. Er ist eben\nein Denker. Und wenn ihm einer sagt, er weiß es nicht, so\nist das eben die Kunst der christlichen Freiheit, die er meint.\nEr kann es verstehen, der Denker, daß der andere es nicht weiß.\nDas kann er begreifen. Das kann er fühlen, in seinem ver-\nlorenen Zimmereck unter Schweinegrunzen, daß er so traurig\nist. Und außerdem besitzt er einen Briefkasten. In ihn steckt\ner die Antworten auf Fragen, die an ihn nicht gestellt wurden.\nEiner weiß ja immer nicht, was es bedeuten soll: „Ich habe die\nGedichte von A. Stramm als entsetzliche Verirrung in einer der\nletzten Nummern gebrandmarkt und es sind mir aus diesem\nAnlaß freundliche dankende Stimmen zu Gehör gekommen.\"\nEr hat ein feines Gehör, der Herr Traub. Freisinnige empfin-\nden Brandmarkung stets freundlich. Nur irrt sich Herr Traub\ndarin, daß er gebrandmarkt hat. Sich hat er gebrandmarkt.\nWenn ich tausend Finger hätte, ich könnte sie nicht in alle\ndie Wunden legen, die er sich geschlagen hat. Die Kunst,\nHerr Traub, ist kein sitzendes Mädchen, das man packen kann.\nDie Kunst ist eine Fackel, die Gehirne aufbrennt. Sie können\nnicht brennen, weil Sie sich in die Kunst hineinstehlen. Sie\nhaben keinen Mut, zu bekennen, sie haben nur das Gehirn, zu\nerkennen. Nämlich das, was sie erfahren haben. Kunst haben\nSie nie erfahren, Sie Erfahrener. Sie haben aber nicht einmal\nden Mut, Tatsachen zu bekennen, Unwissenheit zu bekennen.\nAm vierten Juni 1917 wußten Sie etwas von einem Herrn A.\nSchamm. Am 24. Juni 1917 steht in Ihrem Briefkasten: „Der\nVerfasser jener Gedichte ist aber einstweilen auf dem Feld\nder Ehre gestorben und hat außerordentliches geleistet. Am 1.\nSeptember 1915 fiel er als letzter Ueberlebender seiner Kom-\npagnie bei einem Sturm in den Rokitnosümpfen, nachdem er\nüber siebzig Schlachten mitgemacht hatte.\" Einstweilen. Also\nzwischen dem 4. und 24. uli 1917. Sie haben nicht den Mut,\nden freundlichen dankenden Stimmen zu bekennen, daß Sie\nvon August Stramm nichts wußten. Sie lassen den Künstler\nsterben, einstweilen sterben, weil es Ihnen besser für Ihren\nBriefkasten paßt. Mit freisinniger Geberde schreiben Sie\nstolz: „An jenem Urteil kann ich freilich nichts ändern.\" Wo-\nher nehmen sie den Glauben an Ihr Urteil. Ihr Urteil ist\nIhr Gefühl, werden Sie sagen, Haben Sie Ihr Gefühl gebildet.\nAbgesehen von dem Besuch der Sommerausstellung in Dres-\nden. Sie haben Ihren Heinrich Heine gelesen, von dem' Sie\nlernten, daß er ein Dichter sei. Sie können nicht beweisen,\ndaß er ein Dichter ist. Ich habe Ihnen bewiesen, daß er es\nnicht ist. Aber Sie sind nicht fähig, sich etwas beweisen ztr\nlassen und haben als Antwort nur den Satz: „Der Sturm in\nBerlin pöbelt das Lied: ich weiß nicht was soll es bedeuten\nals den Tiefstand der Lyrik an.\" Einstweilen halte ich es für\neine Anpöbelung, zu unterstellen, daß August Stramm durch\nVeröffentlichung ewiger Dichtungen kapitalistisch ermuntert\nwurde. Soviel deutschen Glauben und deutsche Zukunft\nwerden Sie nie fassen können. Sie halten diese Veröffentlichung\nfür öffentlichen Unfug. Ich aber sage Ihnen: Es ist öffentlicher\nUnfug, wenn ein Mann wie Sie Urteile über Bilder und Dich-\ntungen abgibt, der nicht mehr weiß, was er gelernt hat und nur\nweiß, was es bedeuten soll.\nDas deutsche Volk soll aber wissen, was für Sie ein Ge-\ndicht bedeutet Vor Ihrem Briefkasten steht es:\nVom Morgen bis zum Abendrot\nUnd in die dunkle Nacht\nwohl hundert heiße Tage schon\nwährt nun die große Schlacht.\nNur manchmal in der heiligen Früh\nnickt sie ganz leise ein\ndann hört mein treuer Kanonier\nim Wald die Vögelein.\nIch stelle Ihnen einen gleichwertigen Beitrag für die christ-\nliche Freiheit ohne kapitalistischen Ehrgeiz zur Verfügung:\nEs zog der Traub aus hoch zu Roß\nEinstweilen die Kunst zu erschlagen\nAuf ihn zurück prallt sein Geschoß\nDeß muß er traurig klagen.\nEr wundert sich\nHerr Franz Servaes hat jetzt sehr viel Zeit, nachdem er sich\nvon seiner Verpflichtung entbunden hat, sich durch Besprechun-\n♦\ngen der Kunstausstellung Der Sturm lächerlich zu machen.\nEr benutzt seine freie Zeit nun dazu, Novellen zu schreiben\noder im Grunewald spazieren zu gehen. Beschäftigungen für\ndas Herz. Im Grunewald besucht er die Künstler. Künstler\nwohnen immer im Grunewald. Herr Doktor Franz Servaes\nbeginnt seine Novelle: „Wo es am stillsten ist im Grunewald,\ndennoch nicht weit vom schmuckvollen Roseneck .. ..\" Er ist\nin Stimmung und geht auf Künstlervisite: „Es war ein kühler*\nsonniger Augustnachmittag, als ich den Meister dort besuchte\nund in freundlicher Weise von ihm empfangen wurde/' Also,\nes war im Grunewald, im Monat August, als Herr Servaes nicht\nweit vom schmuckvollen Roseneck den Bildhauer August Gaul\nbesuchte. Und als feinsinniger Novellist wirkt Gaul als Gaul\nauf ihn: „Er geleitet mich durch den Garten in seinen Arbeits-\nraum, der wie ein kleines Museum Gaulscher Plastiken auf mich\nwlirkt.\" Ein schöner Zug von dem Künstler, daß er den Doktor\nsanft an der Hand geleitet. Der Doktor blickt sich um oder\nvielmehr er „streift rasch mit seinen Blicken und zwar aller-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8326, "texte": "Hand plastisches Getier.\" Hierauf streift der Herr Doktor den\nKünstler mit seinen Blicken, der tut, was eben der Künstler tut,\ner sinnt: „Er steht sinnend und prüfend vor einer in Arbeit be-\nfindlichen Thonbüste, aus der schon mit voller Deutlichkeit die\nleidgeprüften Dichter- und Denkerzüge Gerhart Hauptmanns\nsich entwickeln,\" Welch ein Novellist, der Doktor Servaes.\nNur er kann mit voller Deutlichkeit die Leidenszüge Gerhart\nHauptmanns sehen. Die Dichter tun sich alle gegenseitig leid.\nDas ist nun einmal Künstlers Erdenwallen. Ueberhaupt der\nKopf von Hauptmann, der macht der Mitwelt und dem Doktor\nServaes zu schaffen: „Ein Kopf v/ie der Hauptmanns macht dem\nKünstler zu schaffen, weil verborgene Widersprüche und\nwunderliche Unregelmäßigkeiten mit einander ringen.\" Dieser\nRingkampf in Thon hat es dem Doktor Servaes angetan, dem\nDenker und Novellisten. Er beglückwünscht Gaul zu der neuen\nWendung, durch Hauptmanns Fügung, „dabei bleibe ich m(ir be-\nwußt, daß er seinen Ruhm doch vor allem seinen Tierplastiken\nverdankt.\" Neugierig sucht der Herr Kunstkritiker Servaes\nnach den Modellen. Weit und breit kein Hauptmann, kein Bär,\nkein Ferkel, keine Fischotter, nicht einmal ein Ochse ist zu\nsehen. Das geht dem Kunstkritiker denn doch über den Strich\nund er stellt an Gaul die Frage unter dem Strich: „Als ich mich\nverabschiedete, drückte ich meine Verwunderung aus, in der\nUmgebung des begnadetsten Tierschöpfers so gar kein wirk-\nliches lebendes Getier gefunden zu haben.\" Wirklich, diese\nKünstler sind merkwürdige Leute. Da soll sich ein Kunst-\nkritiker nun auskennen. Herr Gaul erhebt sich über sein,\nSchaffen: „Der Künstler lächelt geheimnisvoll,\" Jetzt wird er\nmir etwas sagen, denkt der Servaes, das Ringen zwischen ver-\nborgenen Widersprüchen und wunderlichen Unregelmäßigkeiten\naufklären: „Das sind zweierlei Dinge, sagte er, Der Mensch\nbraucht dem Künstler nicht immer ins Buch zu gucken,\" Herr\nServaes merkt noch immer nichts, „Und was mich bei den\nTieren anzieht, das ist ganz wesentlich künstlerischer Art.\" Herr\nServaes merkt noch immer nichts. Er möchte zu gern ins Buch\ngucken: „Er drückt mir verbindlichst die Hand und wünscht\nmir angenehmen Heimweg.\" Herr Servaes merkt noch immer\nnichts. Herr Servaes hat die Dichterweihe empfangen: „Ich\nwandere allein und beglückt in den leuchtenden Abend.\" Ge-\nleitet von dem Handdruck eines Künstlers. Es soll der Kritiker\nmit dem Künstler wandern, von einem Roseneck zu einem an-\ndern, Wie ich aus erster Quelle erfahre, soll Herr Servaes dem-\nnächst getönt werden. Titel des Kunstwerkes: „Wo es am still-\nsten ist.\"\nDurch Licht zur Nacht\n„Die Klopstockstraße lag in jugendlichem Maienglanz. An\nfliederduftenden Vorgärten ging ich vorbei und an quecksilbrig\nvergnügten Spielkindern.\" Die Persönlichkeit verrät sich am\nStil. Es muß der Dichter des Rosenecks sein. Eine fabelhafte\nGegend die Klopstockstraße. „Die ganze Gegend war wie in\nSonne ertrunken, in Sonne, die gleichwohl weder brannte noch\ndrückte.\" Sie leuchtet ihm ins Herz hinein: „Die Pflastersteine,\ndie Häuserfronten, die vielen Fensterscheiben leuchteten und\nfunkelten vor eitel Frühlingsfreude.\" Dieser Dichter ist ein\nVerschwender. Dichter sind nun einmal Verschwender. Nicht\netwa ist die Sonne und Zutaten der Klopstockstraße der Beginn\neines Ullsteinbuches, überall vorrätig, nein, Herr Franz Servaes\nmacht nur einen Besuch. Ich brauche nicht zu sagen, daß er\neinen Künstler besucht. Vor eitel Frühlingsfreude hat er die\nHausnummer vergessen: „Jetzt stand ich vor dem Hause, das ich\nsuchte, Lovis Corinth wohnte darin und seine kluge Gattin,\"\nHerr Servaes geht nicht etwa gleich herauf, er tut, was ein\nDichter tut, er gedenkt. Und läßt uns glückliche Leser in seine\nSonnenseele blicken: „Ich gedachte eines herbstlichen Abends,\nals /ich diesen beiden Leuten einen Besuch machte, um mitzu-\nraten und ein wenig auch zu taten über die Aufstellung der\nneuen Büste, die der Bildhauer Metzner nach dem Hausherrn\nsoeben vollendet hatte.\" Wie interessant. Wie stimmungsvoll.\nDer große Kunstkritiker der Vossischen Zeitung von Staats-\nund gelehrten Sachen, der hervorragende Ullsteindichter wan-\ndert am späten Herbstabend zum Künstlerpaare, einen Büstenrat\nabzuhalten, Platz für alles hat die Erde, Aber es ist doch im-\nmer gut, wenn ein Kunstkritiker und Freund, der das Herz\nauf dem richtigen Platz hat, die Büste auf den richtigen Platz\nstellen hilft: „Damals hatte ich in den künstlerisch geschmück-\nten Wohnräumen, die ich zum erstenmal betrat, mich gleich\nsehr wohl gefühlt.\" Ich könnte mir keinen freudigeren Anlaß\ndenken, einen Freund zum erstenmal die künstlerisch ge-\nschmückten Wohnräume betreten zu lassen, als Platzangst vor der\nBüste. Herr Servaes steht immer noch unten, in Gedenken: „Un-\nter allerhand Scherzen hatten wir miteinander gearbeitet, schließ-\nlich die Büste in einem Eckplatz am Fenster zu leidlicher Be-\nfriedigung postiert und zum feierlichen Abschluß in der von\ngelbrotem Laub umsponnenen Straßenveranda gesessen.\" Ich\nhabe gewußt, daß die Büste auf den Eckplatz am Fenster kommt.\nSo ein Kunstkritiker hat stets den richtigen Blick. Ich habe ge-\nwußt, daß Herr Servaes sich für den Eckplatz entscheidet. In\nder Ecke sieht jede Büste plastisch aus. Dann träumten sie nach\ndem Werk, das sie soeben vollendet hatten in gelbroter Straßen-\nveranda. Man wird intim, gemeinsame Arbeit verbindet die\nSeelen: ~Dort waren wir sorglich geschützt gegen die Neugier-\nblicke vorbeistreifender Müssiggänger und haben von den schon\ndamals zusammenschmelzenden Genüssen gekostet, die der\nKrieg uns noch übrig ließ.\" Die quecksilbrigen Spielkinder woll-\nten auch gern einmal den Doktor Servaes von Ullstein sehen.\nDie ganze Klopstockstraße sogar war leicht erregt. Servaes\nbei Corinth! Große Ereignisse werfen ihren Herbstschatten\nvoraus. Und gelbrotes Laub schützt sorglich Arbeiter vor\nMüssiggängern. Die Butter des Krieges schmilzt zusammen,\naber sie hatten das Brot des Lebens: „Genuß hin, Genuß her.\nWir plauderten, daß es eine Freude war. Und kamen gewiß der\nLösung des Welträtsels um gut ein halbes Millimeter näher.\" Das\nwaren Zeiten! Wir sehen gespannt auf den gedenkenden Dok-\ntor . , , und jetzt geschieht das Wunder: „Daran also dachte ich,\nals ich jetzt , , . nicht in die Parterrewohnung einbog, sondern\ndie vier Stiegen hinaufkletterte, die zu dem Atelier führen, in\ndem der Meisler — er ist inzwischen sogar zum Professor er-\nnannt worden — mich empfangen wollte.\" Und die Leser hatten\nsich nun gerade auf die Straßenveranda gefreut. Aber ehr-\nfurchtsvoll wie Leser nun einmal sind, klettern sie die Stiegen\nhinauf zur Höhe des Meisters. „Viel Jubel und Schmerzen, viel\nArbeit und Ringkampf haben hier sich schon abgespielt, und\nwenn die Wände flüstern könnten, sie hätten gar manches zu\nerzählen.\" Die Wände können es nicht, deshalb macht sich Herr\nServaes zum Sprachrohr, der Bedichter des Ringkampfs, Jetzt\ngibt es gar manches zu erzählen. Die W.ände empfangen den\nMund des Sonnenfreundes und die Ohren der geneigten Leser:\n„Wie von den beiden ersten Bewohnern, so auch von dem nun\nschon seü einem Jahrzehnt hier hausenden Lovis Corinth, des-\nsen Gattin —- wo steckt sie nur die kluge Frau? — nebenan,\nihren Arbeitsraum besitzt, die Pilgerstätte so mancher zum Mo-\ndellsitzen herbeschiedenen Bühnengrößen.\" Herr Servaes wan-\ndert nur, die Bühnengrößen pilgern, und die kluge Frau, Ge-\ndankenstrich, wo steckt sie nur, ist sie ausgewandert, ist sie aus-\ngepilgert, die Frage kann der Doktor nicht lösen. „Der Neben-\nraum öffnet sich nicht, es tönt auch nichts daraus hervor.\"\nKein Klang der Mandoline, o Künstlervölkchen, Preisrätsel für\ndie Zeitbilder der Vossischen Zeitung: Wo steckt die kluge Frau,\nHerr Servaes faßt sich männlich: „Ich bin allein mit Meister Lovis\n(Lovis sagt und spiiicht man heute, beileibe nicht Louis) — und\nwir sitzen alsbald einander gegenüber und tasten nach den Ein-\ngängen zu unserm Gespräch.\" Wir setzen uns. Meister Lovis\nbeileibe und Meister Franz beiseele tasten. Die Straßenveranda\nfehlt: „Corinth ist nicht das, was man einen Plauderer nennen\nkann,\" Ich kenne einen, aber ich nenne ihn nicht, „Seine\nschwere und gerade ostpreußische Natur bewegt das Wort nur\nzögernd im Munde, Zum Glück liegen ein paar Steine neben\nuns auf dem Tisch.\" Wenn Steine reden, werden Menschen\nschweigen. Doch Meister Franz tastet weiter: „Steine, deren"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8493, "texte": "glatt geschliffene Fläche mit lebhaft hingekritzelten Zeichnungen\nbedeckt ist. Darauf blicke ich gleich pflichtschuldigst und\nbeuge mich über sie hin, um die mit schmissiger Hand hingefeg-\nten Kompositionen meinen kurzsichtigen Augen etwas näher zu\nbringen/' Das Hinkritzeln und das Hinfegen sieht der Servaes\nauf den ersten Blick. Dann legt er pflichtschuldigst sein Haupt\nauf die glattgeschliffene Fläche und tastet sich mit schmissiger\nHand an die Komposition heran. „Daran arbeite ich jetzt gerade,\"\nerläutert Corinth, „es sind die Illustrationen zu Achims Tollem\nInvaliden/' Der Doktor Servaes wird ganz aufpoliert: „Ich er-\ninnere mich mit Wohlbehagen, daß meine allgemeine Bildung erst\nunlängst durch ein Ullsteinbüchlein entsprechend aufpjoliert\nworden ist, wodurch mir auch der Tolle Invalide nach schier\ndreißigjähriger Vergessenheit wieder zu Gemüt geführt wurde/'\nWelch ein Gemüt. Welch eine Ehrlichkeit. Der Ullsteinkritiker\nwird durch Ullsteinbüchlein schier wieder allgemein gebildet.\nIch empfinde Wohlbehagen, ein guter Verlag, der sich seine Kri-\ntiker bildet. Was wäre aus Achim geworden, wenn Ullstein\nihn nicht den Servaes zu Gemüt geführt hätte. Die allgemeine\nUllsteinbildung hat dem Volk gefehlt. Der Verdienst ist nicht zu\nunterschätzen, wenn man nur gedenkt, wie gut es jetzt dem\nServaes-Doktor geht: „Ich mache also von melinen wohlerwor-\nbenen Kenntnissen Gebrauch ...\" jeder Band eine Mark, wohl-\nr r\nfeil erworben, überall vorrätig ... „und sage einige ziemlich zu-\ntreffende Dinge teils über Arnim, teils über die Corinthschen\nSteinzeichnungen,\" Leider verschweigt der Doktor diese teils\nteils zutreffenden Dinge dem Leser. Das könnte übrigens ein neues\nUllsteinbuch geben voll eitel Frühlingsfreude. „Diese sollen\nübrigens demnächst bei Julius Bard in Buchform erscheinen und\nich bitte den geehrten Leser, seine Ungeduld bis dahin zu\nzügeln.\" Der geehrte Leser wird von dem tastenden Doktor\nschier sorglich in Geduld geübt. Wir vertreiben uns die Unruhe,\nindem wir weitertasten: „Im übrigen ist der Atelierraum an-\ngefüllt\" — man sollte es niicht für möglich halten — „mit Bildern.\nAlle Wänden hängen voll davon, auf Staffeleien und auf dem\nBoden stehen noch gar manche herum.\" Das hat Herr Servaes\ngar nie erwartet. „Einige sind älteren und sogar ältesten Datums.\nDie meisten aber sind neuerdings entstanden.\" Ich wette, Herr\nServaes glaubt, sich in einem kleinen Museum Corinthscher Bil-\nder zu befinden. Nun hat er sich hineingetastet und muß sich\ndaher etwas Bewegung schaffen: „Ich bitte um Erlaubnis, ein\nwenig herumspazieren zu dürfen und der Künstler geht neben\nmir her und gibt auf Befragen Auskünfte und Erläuterungen.\"\nDas Bild sollte festgehalten werden. Famos, wie sie beide in\ndie Weite schweifen und der Servaes sich erklären läßt. Er ist\nnun eben kurzsichtig, Meister Lovis. Man wird mählich intim,\nschweigt: „Auch jetzt bleibt er wortkarg und versäumt durch-\naus die herrliche Gelegenheit, sich dem Kritiker einer großen\nTageszeitung beredt anzupreisen.\" Wo doch der Servaes soviel\nnützen kann, dieser kurzsichtige Kunstkritiker. Er hätte es\nfertig gebracht, Corinth für die Ullsteinbücher zu entdecken.\nUnd das läßt sich ein Künstler entgehen. Ein Gemüt, denken\ndie geehrten Leser der Vossischen Zeitung, sie haben schon lange\ngemerkt, daß man sich an Herrn Servaes herantasten kann. Der\nfühlt sich durch diese Wortkargheit schier gar nicht mehr als\nöffentliche Meinung: „Ich selbst aber freue mich, daß ich endlich\neinmal nicht als kritischer Beschnüffler und vereidigter Besser-\nwisser zwischen Kunstwerken einherzuwandeln brauche, son-\ndern daß ich mich als harmloser Besucher und Genießer fühlen\ndarf, der wie ein Kind die Eindrücke auf siich wirken läßt.\"\nDas ist aber ein Erfolg, wo der Doktor doch die allgemeine Ull-\nsteinbildung hat, Zwar weiß er nicht viel, doch weiß er alles\nbesser, da er sich selbst vereidigt hat. Für Ullstein brauchte er\nnicht zu beschnüffeln, weil Meister Lovis die herrliche Gelegen-\nheit durchaus versäumt, sich beredt anzupreisen. Und nun wir-\nken die Eindrücke auf dieses Kind los: „Also was steht da alles\nherum. Herr Servaes fühlt sich schon so als Kind, daß er an\nsemen Instinkt glaubt, nach schier dreißigjähriger Vergessen-\nheit: „Und ich begebe mich, instinktiv hingezogen, vor ein gro-\nßes Bild, das einen alten Ritter mit eiserner Faust, also so eine\nArt Götz, darstellt, wie er am Tisch sitzt und sinnend vor sich\nhinbrütet.\" Da Bild hat eine verzweifelnde Aehnlichkeit mit\ndem verzweifelten Servaes an jenem Tisch des Tastens, Nur\ndie eiserne Faust ist von mir. „Des weiteren einen Kain (zu dem\nein junger Theologe Modell gestanden) zu Füßen die Leiche des\nAbel und das Haupt furchtsam-trotzig aufgereckt zu einer\nSchar von Raben, die ihn umflattern.\" Wer mag zu der Leiche\nmit dem aufgereckten Haupt Modell gelegen haben, „Endlich,\ndie Figur einer Abundantia, in Gestalt eines keineswegs zu ma-\nger geratenen Weibes\", die Abundantia fließt in Erwartung der\nkommenden Genüsse über, „Weibes, das sich in einem Haufen\nersehenswerter Dinge, darunter eines zart rötlich lockenden\nKriegsschinkens (der flugs noch einmal besonders gemalt wurde)\nSchulter- und hüftenbreit erhebt.\" Hoffentlich trampelt die\ndicke Dame nicht die ganzen Lebensmittel zusammen in diesen\nschweren Kriegszeiten. Den flugs noch einmal besonders ge-\nmalten Kriegsschinken wird sich hoffentlich Herr Servaes ge-\nrettet haben. Ich könnte schier sonst nicht dem Hymnus des\nsonnigen Kritikers greifen: „Ja freilich, Frau Abundantia, in die-\nsem Atelier habt ihr Euch wohlbehaglich niedergelassen.\" Ein\nlebendes Bild, soeben erhob sie sich noch Schulter- und hüften-\nbreit, Und ihr habt dem Pinsel saftige Fülle gegeben, auf daß er\ndie Leinewand üppig anfülle mit neu gewonnener Gestalt.\" Der\nMeister Lovis wird doch in diesen schweren Zeiten nicht selinen\nSchinken mit echtem Schinken malen. Dieser Naturalismus\nscheint mir zu übertrieben. „Habt Dank, meine Dame! Ihr\nhabt Euer Geschäft hier trefflich verstanden.\" Sie hat den Schin-\nken ohne Fleischkarte hintenrum erstanden. So etwas tut man,\nHerr Doktor, aber man sagt es nicht. „Beim weiteren Umher-\nschweifen erwische ich noch mancherlei,\" zwar keine Lebens-\nmittel, immerhin ~noch mancherlei Köpfe von Gerhart Haupt-\nmann.\" Und damit noch nicht genug: „Italienische Strand- und\nBadeszenen, die noch kurz vorm Kriegsausbruch entstanden\nsind, ein sich balgendes Liebespaar im Adamskostüm,\" was der\nEva besonds gut stehen muß, natürlich entstanden lange nach\nKriegsausbruch und nach Beginn der Kleiderbezugsscheine.\n„Skizzen zu einem Joseph und Potiphar, B'ilder in zumeist recht\ndrastischer Wiedergabe, niicht zu vergessen,\" der Servaes kommt\nnicht über den Schinken hinweg, „nicht zu vergessen ein ge-\nschlachtetes Schwein, einen Farbenrausch in blutendem Rot.\"\nUnd, o Jammer, o Schinken: „Corinths erstes selbständiges Ge-\nmälde, einen schummrigen Kuhstall iriit zwei schwarz-weißen\nKühen — als Andenken an eine dahingeschwundene Zeit natür-*\nlieh unverkäuflich.\" Er ist unersättlich, der Doktor. 0 Gelegen-\nheit ohne Fleischkarten. 0 beredtes Schweigen. Herr Servaes ist\nnun gefüllt: „Dies alles sah ich und hätte bei neugierigem\nSchnüffeln noch mehr sehen können.\" Zu jedem Ullsteinbuch\ngehört ein Schuß Erotik: „Denn da stand in einem Nebenzim-\nmer, in dem eine nackte Gliederpuppe sich auf einem alter*\nDiwan breit machte, noch ein sehr geheimnisvoller Kasten, der\nmit Zeichnungen, Radierungen und Lithographien bis oben hin\nangefüllt ist. Einige davon bekam ich auch zu sehen. Doch\ndarf man schließlich nicht alles ausplaudern.\" Was mag in dem\nKasten gewesen sein. 0 beredtes Schweigen. Jedenfalls nichts\nfür die Leser der Vossischen Zeitung, O Gliederpuppe, Doch\ndarf man schließlich nicht alles ausplaudern: „Jedenfalls, als ich\nmich nach ein, zwei Stunden dankend empfahl, fühlte ich mich\nmit neu gewonnenen Eindrücken überreich beschenkt,\" Wort-\nkarg geht er hinaus in den jugendlichen Maienglanz der Klop-\nstockstraße. An fliederduftenden Vorgärten vorbei. Die ganze\nGegend ist jetzt bereits in Sonne ersoffen. Einsam wandert der\nDichter einer großen Tageszeitung an den vielen leuchtenden\nFensterscheiben vorbei. Vorbei in eitel Frühlingsfreude, Ein\nschnüffelndes Kind. Fest in der nicht mehr geleiteten Hand ein\nUllsteinbüchlein, Er pilgert nach Hause, Richtung Roseneck.\nDie schönere Kunst\nDiesmal soll in Leipzig die deutsche Kunst gerettet werden.\nUnd zwar von einem Herrn Dobsky. Herr Dobsky hat eine\nZeitschrift, die sich Deutsche Volkskunst nennt. Herr Dobsky"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6098, "texte": "hat auch einen deutschen Volkskunstmaler entdeckt. Der Mann\nheißt Anton Schöner. Man erfährt durch die Güte des Herrn\nDobsky, daß Herr Schöner „in der Stadt Albrecht Dürers und\nanderer Großen der Kunst zur Welt gekommen ist, das ist zu-\nnächst erstmal der einzige Vorzug gewesen, der ihm be-\nschieden war.\" Dürer kann sich vor Freude nicht lassen. „Aber\ndas ausgesprochene Talent, das Mutter Natur ihm nun einmal\nbescheert, war doch auch wohl etwas wert.\" Die JWirkung so\nguter Eltern, des Vaters Dürer und der Mutter Natur blieb\nnicht aus; „Seine etwa zwanzigjährige Tätigkeit in Berlin machte\nihn dort zu einem sehr gesuchten Porträtisten und wie Lenbach\nin München, so sah Schöner in Berlin eine Reihe der hervor-\nragendsten Persönlichkeiten in seinem Atelier.\" Aber nicht\nnur, daß er die hervorragendsten Persönlichkeiten bei sich sieht,\n„doch auch als Schriftsteller steht Schöner im Dienst der Kunst.\nMit unerschrockenem Kämpfermut hat er sich zum eifrigen Ver-\nfechter einer guten und gesunden deutschen Kunst gemacht.\"\nEr hörte aber deshalb nicht auf zu malen. Er hat sich zum\neifrigen Verfechter seiner guten und gesunden deutschen Kunst\ngemacht. In seiner Tätigkeit ist ihm nur ein Dorn im Auge:\n„Ihm ist vor allem die Herabwertung der deutschen Kunst durch\ndie Ueberschätzung einzelner zu Ungunsten vieler anderer ein\nDorn im Auge.\" Herr Schoner fühlt sich nicht genug über-\nschätzt, weshalb Herr Dobsky ihn heraufwerten muß. Wer\nist Herr Dobsky. Er ist nicht nur der Herausgeber der deut-\nschen Volkskunst in Leipzig, er hat auch ein Buch geschrieben.\nEs heißt Deutscher Humor im Bilde. In seiner Deutschen Volks-\nkunst läßt Herr Dobsky seinen Humor also heraufwerten: „Und\nauch in der bildenden Kunst ist man am ehesten empfänglich,\nwenn sie in den leicht beschwingten Pfaden des Humors wan-\ndelt.\" „Die bildende Kunst in leicht beschwingten Pfaden\nwandelnd, ist ein gutes und gesundes deutsches Bild von Anton\nSchöner. „Wohl hätte sich, das wußte gewiß auch Dobsky, aus\ndem Thema ein ganz dicker Band machen lassen.\" Gewiß\nwußte das Dobsky, Dicke ist aber der Leichtbeschwingtheit\nhinderlich. „Von Meister Albrecht Dürer bis zu den Modernen\ngeht der Weg, dem man zu folgen hat,\" Der Weg, der leicht und\nSchönerbeschwingte, „Und daß er lustig und erheiternd ge-\nworden ist , , , dafür bürgen auch die warmherzigen, froh-\nstimmenden Worte.\" Mich hat schon die warmherzige Be-\nsprechung frohgestimmt. Doch Herr Dobsky kann auch furcht-\nbar böse sein, wenn die Kunst nicht noch schöner ist. Er hat\nzunächst einen Verein in Leipzig gegründet, weil ihm meine\nTätigkeit ein Dorn im Auge ist. Das gleiche Leiden hat die\nHerren zusammengeführt. Ich bin sehr für Vereine. Vereine\nmachen mich geradezu glücklich. Es erleichtert mir das Leben,\nIch bitte dringend alle Freunde gesunder Kunst einzutreten.\nDann kann ich sie wenigstens alle auf einmal erledigen. Ich\nhabe sie alle auf einem Platz, in Leipzig, Gabelsberger Straße 1,\nIch kann nicht jeden Dobsky finden. Ich warte auf die Tätig-\nkeit, meine Herren. Vorläufig drohen sie mit der Staatsgewalt.\nEin Rechtsanwalt ist sogar eingetreten. Ich werde den Staats-\nanwalt spielen und zwar so, daß den Herren bald der leicht\nbeschwingte Humor vergehen wird. „Ein Maler, der blaue\nPferde malt, weil er vorgibt, sie so zu sehen, der die natürliche\nErscheinung und das Fleisch eines Frauenkörpers zu wider-\nlichen schmutzigen Klumpen herabwürdigt, der ist ein Könner,\nein Genie, der andere, der mit Ehrlichkeit * und Fleiß ein an-\nständiges Bild malt, ist ein Kitschier, über den man sich lächer-\nlich macht Man ist noch lange nicht anständig, wenn man ehr-\nlich und fleißig ist. Man ist noch lange nicht Könner, wenn\nman braune Pferde malt, weil man vorgibt, sie so zu sehen.\nMan ist erst Könner, wenn man sehen kann, also keinen Dorn im\nAuge hat. Man ist noch lange nicht Genie, wenn man Könner\nist. Und Fleisch ist noch lange kein Jedenfalls,\nHerr Dobsky ist furchtbar böse, wenn man ihn blau malt. Ich\nwarte, meine Herren. Der Verein soll seine Tätigkeit beginnen.\nIch werde Sie aller Farbe entkleiden. Herr Dobsky soll weiß\ngewaschen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung.\nDas kommt vom Uebermalen\n~Ich bin zu Professor von Lenbach gegangen, um ihm die\nLandschaft zu zeigen.. Lenbach sagte, daß er das Bild nicht\nkenne und keine Idee habe, wer es gemalt habe.\" „Die Land-\nschaft soll doch ein Lenbach sein, obwohl er sagt, daß er das\nBild nicht gemalt habe. Ein hiesiger Künstler versichert mir,\ndaß er gesehen, wie Lenbach in Gegenwart Makarts daran ge-\nmalt habe. Lenbach soll sehr häufig seine Arbeit nicht mehr\ngekannt haben.\"\nAber Herr Lenbach kannte nicht nur seine Bilder nicht,\nweil es keine Bilder waren. Er hatte auch Humor, Künstlerwitz.\nKein geringerer als Herr Karl Scheffler, Herausgeber von Kunst\nund Künstlern, veröffentlicht diese Anekdote: „Zu Lenbach\nkam einst eine reiche, etwas eingebildete und nicht eben\nhübsche Dame. Herr Professor, sagte sie, ich möchte mich von\nIhnen malen lassen, ich möchte ein ähnliches und schönes Bild\nhaben. Lenbach erwiderte: Ja gnädige Frau, da müssen sie sich\nschon für das eine oder das andere entscheiden.\"\nDer schöne Humor des Herrn Professors ist seinen Bildern\nzum Verwechseln ähnlich.\nDer Ueberzeitgenosse\nHerr Karl Sternheim hat sich eilten „Berg' sogenannter mo-\nderner Literatur kommen lassen. Und zwar von seinem Buch-\nhändler. Und schreibt darauf im Berliner Tageblatt: „Aber\nwas trotz gehöhtem Stil, unbändig kreißenden Perioden aus die-\nsen oft mit Schaum am Mund Sprechenden mir nicht entgegen-\ntönte, war der Beweis großer einzelner Person mit eignem fer-\ntigen neuem Bild der Welt, von dem den Zeitgenossen sie den\nüberwältigenden Eindruck gibt.\" Ich begnüge mich mit Karl\nSternheim. Der Zeitgenosse ist überwältigend. Er schafft ein\neignes fertiges neues Bild der Welt. Die Welt wollte nur Herrn\nKarl Sternheim sitzen. Sie hat es mir selbst gesagt. Und wer\nes etwa nicht glauben will, der frage das Berliner Tageblatt. Im\nUebrigem teile ich Herrn Sternheim mit, daß der Sturm nicht\nmodern ist. 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Schreie. Toten-Tanz. Schlamm,\nDreck. Uferlose Flüche, Gebete, Bete!!\nAlle Gedanken schreien nach dem Morgen,\nBeten. Fluchen, Toben, Brüllen.\nDie Luft wird kühler.\nDie Sprengstücke klirren heller.\nSacht sinkt aus der Nacht die Dämmernis,\nJetzt,\nDas Rasen ebbt.\nLangsam,\nNach und nach.\nFlutet wieder. Hinter unserm Rücken, rasend,\ntobend, Gardine des lebendigen Todes,\nbereitet vom Wahnsinn der menschlichen Hirne,\nGas,\nGasmasken,\nDie Kautschukfratze vors Gesicht,\nDer Augenblick drückt die Brust zum Bersten,\nHandgranaten bellen.\nFremde Flüche,\nDeckung,\nBraune Menschen-Flut.\nWellen vorbei.\nMeer von pfeifenden Geschossen, bellenden Handgranaten,\nwütenden Händen,\nDie Maschine mäht Menschen,\nEs singt unser Gewehr,\nBlut.\nSchlamm.\nTod.\nWieder braune Flut,\nZurück.\nVorbei.\nMeer von Geschossen.\nBrandung des Todes,\nFlut,\nZurück.\nHeulen,\nWär sind!\nWir.\nV\nUnsre Hände kosen das Gewehr.\nAlle Dinge werden schlaff,\nLeere schöpft unsere Hirne aus.\nEs ist alles süß und müde.\nEs ist alles tot.\nDreihundert Meter vor uns hockt ein Tank,\nUnsre Granaten treffen an seinem Leibe.\nWir sind tot.\nRuhe.\nDa!\nFlut! Erde reißt hoch, Dreck und Eisen\npeitscht neue Gewalt.\nNeuer Tanz.\nSchrei und Blut,\nUnser liebes Gewehr wächst uns an die Brust,\nDer Spaten frißt gelbbraunen Lehm,\nRegen durchsticht unseren Rock,\nRegen tötet unser warmes Blut\nNeuer Tanz.\nTobende Winde,\nBlühende Wiese von Schrapnellen über uns.\nKein Ende.\nt , - . /\nDer Tod ist mein lieber Freund,\nLieber Freund, ich bete"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.12", "debut_caractere": 3842, "fin_caractere_exclue": 4007, "texte": "Ich hasse alle Menschen,\nIch liebe unser Maschinengewehr,\nIch liebe das Sterben,\nDen Schlaf.\nDie Luft zerrt wütende Töne.\nEs rauscht.\nLieber Tod.\nLieber, lieber Tod."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c011", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "123", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.5.2", "titre_corps": "Paul Klee: Zeichnungen", "titre_sommaire": "Paul Klee: Zeichnungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 22, "texte": "Paul Klee: Zeichnungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c012", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "124", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.6", "titre_corps": "Marienlieder", "titre_sommaire": "Marienlieder", "signature_source": "Günther Mürr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2005, "texte": "Marienlieder\nGünther Mürr\nTausendfach Du\njeden Herzschlag alt und neu Geliebte\nStrom und Fisch Du\nsüßes Blut und Herz\nStrahl und Stern Du\nmilde Hand und Streicheln\nKüsse ich den Schmerz aus Deinem Schein,\nBlutmeer sündflutbrandend steigt\nWir eng umschlungen, Grenzen hingeschmolzen,\nknien uns inbrünstig in alltragende Liebeshand«\n*\nSollst Du fallen,\nlaß die Krallhand los\nstürz ab, gleit ab,\nsinkst Du in die Ewigkeit,\nDir verschlungen Marie fällt mit Dir,\nlichthin, kreuzhin,\nliebewärts,\nhimmelnah und weit,\nlichthin, kreuzhin,\nüber Meer und Stern,\nfallend wandelnd Weh und Schmelz,\nlosgelöst, entbunden,\nschwungen Freis,\nlichthin, kreuzhin,\naufzublühn,\neinzuwachsen\nin knie enden,\nin anbetenden Liebesleib,\nWollen zerfasert in dem eintönigen Wind,\nRegen fältt schwer, sinkt schwer,\nSumpf wächst, Sumpf steigt,\nIch sinkt ein, tief und tiefer ein,\numwirrt von Dunst Zigarettenrauch.\nRegen tupft, plattert vielsilbigen Einton,\nNur fern, nur klein\nsüßes Lied vom Du.\n*\nNun Strahl,\nnun Welle,\nüberstilles Kreisen,\nnicht auf, nicht ab,\nlahm bleibt Sonne zurück\nFlug fällt\nSchuß ab\nAuge auch ermattet.\nIn der Hand tausendliebe Marienlast.\nSünde ab,\nAngst ab.\nHell und Dunkel lösch.\nSchwingen, Sausen, Stille ewigen Kreises.\nStets Du Demiutgebeugte\nzieh mich zu Dir in stillen Staub.\nNie fügen Hände, Arme sich so in einander.\nEines Atem Umarmte wir.\nGeist neigt, beugt sich,\nwirft sich aufschlagend in Staub,\nHerz bleibt hängen an steilem Ich,\nAus Dir erbarmende Strenge\nzieh mich geistnach,\nHerz, schmilz hin.\nDu, Marie mir.\nHeiz, brich ihr nach.\nFlamm auf,\nflamm auf,\nbis k:b erbrannt verbrenne!\nKTing auf,\nkling hin,\ndaß ich mit schwingend verklinge!\nSei ich,\no Du!\nWir\nER\n*\nErde kleint, Mond gelbt,\nHöhe dunkel steigt jesusweit,\nHasse Rakete zuckt, Verräter,\nabfällt, muß todwärts.\nHerz steigt auf,\nreißt fetzendes, durchsticktes Wolkenkleid,\nfliegt in unendliches Herz.\n*\nTiefbrauner Samt\nheimatschweres Männersingen\nhell zieht jungzärtliche Stimme\nweißgoldene Streifen.\nFernfernes Mädchen,\nnahgeliebtes."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c013", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "124", "page_fin": "126", "image_debut": 12, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.7", "titre_corps": "Willi Wille!", "titre_sommaire": "Willi Wille!", "signature_source": "Mynona", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.12", "debut_caractere": 2007, "fin_caractere_exclue": 3840, "texte": "Willi Wille!\nMynona\nAch Sie! Tun Sie doch nicht so! Sie kennen ja doch die\nHefe des Volkes, den Mob, den Pöbel, das Volgus, die Plebs (ge-\nbildete Leser müssen sich hier mit „der, die, das\" sehr in Acht\nnehmen), den Janhagel. Sie kennen die Plebs, aber Sie ken-\nnen sie nicht genug. Mit einem Worte, Sie kennen den Schwei-\nnehirten Willi Wille nicht. Vertrauen Sie mir, daß seine Ge-\nburt über und über bemakelt war. So etwas von befleckter\nEmpfängnis hat sich, seit Adam und Eva, vielleicht noch niemand\ngeleistet (selbst Ewers, Alraune nur mit schwerem Herzen aus-\ngenommen). Seine Ahnen waren sämtlich Verbrecher, die Müt-\nter Dirnen: freche Königsmörder, Unzüchtlinge, Blutschänder\n(Oedipus nur Waisenknabe); es ist keineswegs gänzlich auszu-\nschließen, daß Willi so etwas wie sein eigener Enkel war, in dem\ner sich seiner Großmama .... doch Diskretion. Er war das\nMusterstück schlechter Rasse: sein Blut roch nach allem, nach\nNegern, Pescherähs, Mongolen, Semiten, Germanen, sogar nach\nMenschen-Affen; er erinnerte an den Herrn Haeckelschen Pi-\nthekanthropos. Als Houston Stuart Chamberlain ihn zufällig\nsah, fühlte er sich vom sogenannten der Schwange-\nren angewandelt: dieser Zufall erst ermöglichte ihm die intui-\ntive Einfühlung in solche hysterischen Phänomene. Der Bauer,\nder sich diese Spottgeburt von Schweinehirten hielt, hätte, mit\nlebhaftem Vergnügen, vor dem geringsten seiner Schweine den\nHut tiefer abgezogen als vor diesem konzentrierten Unflate.\nWilli war ein fleischgewordenes Pfui. Es kam eines Tages so\nweit, daß sein Hund Willis Kopf als . . . Prellstein benutzte —\nund daß Willi nur darüber grinste und sich die Lippen leckte.\nMeine teuren Leser verzeihen mir, daß ich sie zum Abstieg in\ndiese Senkgrube menschlicher Gemeinheit zwinge; das hat ja\nauch sein Angenehmes; desto olympischer dürfen sich auch die"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8392, "texte": "ftiißgeborensten Leser fühlen. Wlillis Rekord in der leiblich-\nseelischen Verdreckung schlägt doch niemand — geben Sie sich\nkeine Mühe, Herr v, H , .ml!\nWird man es nun für möglich halten, daß gerade Willi eine\nAnrührung absolut solitärer Art in sich empfand, wie sonst nur\nvereidigte Religionsstifter, Philosophen, Genies und besonders\nTatmänner höchster Ordnung? Wie soll ich das nur glaub-\nhaft, nur einleuchtend machen! Ich will mir alle Mühe geben,\nbis selbst Chamberlain mir gerührt zugesteht: ja, Mynona, es\nist dir gelungen; du hast flas Herz mir bezwungen, Ein tausend-\nprozentiger weiserer Autor als ich hat das Verdienst mit dem\nSchießpulver verglichen: je stärker, sagt er, es komprimiert, also\nbeeinträchtigt würde, desto drastischer sei die Wirkung, die\nExplosion, Setzen wir nun, Spaßes halber, den Fall: Das, was\n— in degenerierten, dekadenten, neurasthenischen Menschen —\nschauerlichst komprimiert, beeinträchtigt, entstellt, verwahrlost\nwürde, sei dasselbe, was vornehme Charaktere, mit beneidens-\nwertem Augenaufschlage, „Gott\" nennen, so müßte, genau im\nFalle der in- und extensivsten Kompression und also Verwahr-\nlosung, diese so abscheulich gehemmte innerste göttliche Selbst-\nempfindung nur desto vehementer explodieren. Die Sonne kriegt\ndie strahlendeste Corona bei Verfinsterungen. Kein Himmel-\nblau ist seliger leuchtend als das durch die schwärzesten Wol-\nken dringende. Oh, wie furchtbar irren Sie, wenn Sie meinen,\nder Dreck setze keine Reinheit voraus. Im Gegenteil, gerade\nnur die makelloseste Reinheit ist der Befleckung fähig; nur die\nUrgesundheit der Erkrankung; nur Gott des Teufels, Voraus-\ngesetzt wird, wo nur irgend von Irrtum, Sünde, Häßlichkeit die\nRede geht, stillschweigend immer, nolens volens, das Schöne,\nWahre, Gute, Göttliche, Und man sollte es eben nicht still-\nschweigend, sondern ausgesprochen, wissentlich und willentlich\nvoraussetzen — dann würde man den Teufel besiegen; denn im\nselben Momente, in welchem sich dieser nicht mehr als etwas\nan sich selber Seiendes, sondern nur noch als die Verrenkung\nGottes empfindet, zieht er es vor, sein eigener Orthopäde zu\nWerden.\nWundern Sie sich also nicht allzu sehr, daß just Willi eines\nschönen Tages die erste Anwandlung dessen in sich verspürte.\nWilli bedeutet ja eben den Schulfall eliner solchen Selbstentdek-\nkung des Göttlichen gerade in der fratzenhaftesten Entstellung\nund Verrenkung. Sie erkundigen sich höflich nach der Möglich-\nkeit einer derartigen Depravation der göttlichen Reinheit? Wie\noft soll ich Ihnen betonen, daß Gott kein träges Prinzip, sondern\ndurch und durch Selbstbemühung ist! Wenn es von Freiheit\nund Leben heißt, nur der verdiene sie sich, der täglich sie er-\nobern hälfe, so gilt dieses eigentlich von Gott. Seine Bemühung\num sich selber ist aber keineswegs fatal: er muß nicht, ist nicht\ngezwungen, sondern frei — und in seiner Freiheit gerade lie-\ngen alle Möglichkeiten und Gefahren der niedrigsten Selbstver-\nwahrlosung. Immerhin aber ist, und gerade im Falle der tief-\nsten Gesunkenheit, das Göttliche mindestens potentiell energisch.\nSchuld kann sich nur an der ursprünglichen Unschuld zeigen.\nAuf irgend einen der zahllosen Anlässe seiner Verworfenheit\nmachte Willi die Bekanntschaft mit sich selbst in diesem unschul-\ndig, göttlich ursprünglichen Sinne, Diese Bekanntschaft aber\nschlug wie ein Blitzstrahl in ihn ein.\nIn ihm loderte die göttliche Flamme auf, das Freiheits-, Un-\nschulds-, Allmachtsbewußtsein, der Urwille, der Schöpfer, das\nAllerinwendigste inmitten seiner entsetzlichen psycho-physi-\nschen Misere. Schauen Sie sich doch unter Ihren Bekannten\nuni! Es gibt kein teuflisches Prinzip; das ist der tollste, der\nverderblichste Irrtum: es gibt nur das göttliche Prinzip, den be-\nsten, friedlichsten, verträglichsten Willen. Aber, wehe! wenn\nman um sich selber nicht diesen Bescheid weiß; wenn man sich\nselber in dieser göttlich innersten Bedeutung vergißt, vernach-\nlässigt, sich gehen läßt — voilä, das ist der „Teufel\", die Unver-\nträglichkeit, der Krieg, die Zwietracht: kein Prinzip, sondern\ndie Selbstvernachlässigung des göttlichen Prinzips. Nicht, als ob\nWilli diesen Gedanken deutlich dachte; er war kein Denker,\naber er dachte ihn .... als ein unerhörtes Gefühl, das seine\nMuskeln zur Tat schwellte. Zunächst zur Untat, zum Verbre-\nchen. Konnte es anders sein? Mit einem einzigen Schwünge\nwar er über den Müllhaufen seiner Existenz hoch hinausversetzt.\nEr, er in seiner innersten Allmachtsbedeutung, in seiner voll-\nkommenen Freiheit, sah, wie vom Himmel her, so Sauhirten wie\nKaiser und Könige. Willi schmiß seinen knorrigen Hirtenstek-\nken weit weg und ging durch die Lande, deren Herrn er sich\nwußte und fühlte. Sein eigener Name, Wille, befeuerte ihn wie\neine Siegesfahne. Darauf — man erschrecke nicht — ermordete\ner gegen sechzig Menschen mit eigener Hand; Männer, darunter\nEisenbahnbeamte, Kegelklubmitglieder, Barone, Damenimitato-\nren, einen Philosophieprofessor, ein paar Rentier und einen Kü-\nchenchef; dreiundzwanzig Weiber, unter anderem Fräulein Dr.\nKäte Mirrschacher, die Kaiserin Kreuzwendeime, fünf alte\nHofdamen, eine Apothekersfrauen, die einhunderteinund-\nsechzig Jahre alte Greisin Ganghofer, die Bedürfnisan-\nstaltsehrenbeamtin Bratenau und ein ganzes Fräuleinstift;\nden Beschluß machte er mit einigen Kindern. Er lief Amok,\nmachte bunte Reihe. Natürlich war es kein Tropen-, aber der\nAllmachtskoller. Willi war kein gebildeter Mann, sonst hätte\ner sich darüber aufgeklärt, daß Allmacht sich nicht mordsmäßig,\nsondern ordentlich auferbauend äußere, widrigenfalls sie ja nur\nsich selber, ihre eigene Schöpfung, zerstöre. Darüber darf man\naber nicht ungerecht werden und nicht vergessen, daß Willis\nRaserei immerhin streng göttlich intendiert war. Er war ein\ni bischer ''^^r^rßclißr ; sein Zweck war die ungehemmte\nAustragung seiner inwendigen Allmacht; er mußte schonungs-\nlos gegen alles bereits Vorhandene sein und leistete hierin Er-\nstaunliches. Es ist keine Kleinigkeit, in unseren so zivilisierten\nZuständen erst nach gelungener Ermordung von mehreren\nDutzend Menschen gefangen gesetzt zu werden.\nSelbstverständlich mußte sich Willi ins Irrenhaus verfügen.\nUnd selbstverständlich dokterten der Psychiater Dr. Futsch und\nPastor Pauke ahnungslos an ihm herum, Sie diagnostizierten auf\nParanoia, und Pastor Pauke gab den Rat, um Willis geheimes\nMordmotiv zu eruieren, die psychoanalytische Methode anzu-\nwenden.\nInzwischen aber ereignete sich mit Willin, in der Eremitage\nseiner Isolierzelle, ein Wunder. Das Erhabenheitsgefühl, womit\ner, von seinem allmächtigen Innnern aus, auf sich als armseligen\nSchweinehirten hinsah, intensivierte sich mehr und mehr, bis es\nschließlich dermaßen kulminierte, daß er, von diesem innern\nGipfel her, des Schweinehirten wirklich omnipotent wurde.\nWilli war jetzt, auch leiblich, ganz und gar in der magischen Ge-\nwalt seines Innern, des schöpferischen Willens. Pastor Pauken\nfiel, noch früher als dem Dr. Futsch, diese Veränderung rein\näußerlich hell in die Augen. Dr Futsch, den er darauf hinwies,\nmeinte nur: Kerl erholt sich bei der guten Pflege. Aber Pauke ver-\nstand es tiefer, verhängnisvoller; er verstand es so, wie Dr.\nFließ es verstanden haben würde, nämlich als Euphorie. ~Geb-\nen Sie Acht, lieber Doktor, er flackert noch einmal auf, bevor\ner stirbt; eben daher scheint sich nun auch das Verantwortlich-\nkeitsgefühl wieder einzustellen. Ich gewinne Hoffnung, daß er\nbereue.\" Dr. Futsche blieb skeptisch, beschloß aber, Willin ge-\nnauer zu untersuchen.\nIn der Tat aber begann ;Willis allmächtiger Wille endlich,\nbesonnen statt rasend, nach außen zu wirken, zuvörderst auf\nWillis eigenen Leib. Schon aber machten sich leiseste An-\nzeichen bemerkbar, daß er durch diesen Leib magisch auch auf\nandere Leiber, ja auf Lebloses übergreifen könnte. Gewiß, der\neinzelmenschliche Wiille, sogar die Summe einzelner Willen\nrichtet wenig genug und auch dieses Wenige am wirksamsten\nnur technisch-mittelbar aus. Hingegen der inwendigste, ek-\nstatisch in die göttliche Allmacht verzückte einzige Sonnen-\nwille ist die magische Kraft aller Kräfte, die Beherrscherin aller\nNatur, Analog aber wie es in der Technik lange Zeiten dauert,\nbevor man sich einer Naturkraft vernünftig bemächtigen lernt:\nanalog genügt es nicht etwa, innerlichst allmächtig zu sein, um\nmit dieser inwendigen Allmacht auch äußere Wirkungen zu er-\nzielen; sondern der göttliche Schöpfer im Innern muß, will er"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7666, "texte": "nach außen sich betätigen, zum bescheidenen Schüler werden\n— und eben diese schwierige Bedingung verhindert unter Men-\nschen die Magie des Willens, Denn entweder gibt es fleißigste\nLehrlinge, welche aber, in Ermangelung der inwendig göttlichen\nKultur, sich nur empirisch-technisch behelfen können; oder re-\nligiös-ekstatischen Willen, der dann voreilig auf alle Welt und\nWirklichkeit resigniert. Sehr selten finden wir in der Men-\nschengeschichte diese Bedingung der Magie auch nur halbwegs\nerfüllt, daß der schöpferisch innerste Wille sich alltäglich nüch-\ntern zu äußern bestrebt ist; sondern meistenteils geschieht ent-\nweder an der Welt, der Wirklichkeit, oder am innersten Willen\nirgend ein Abbruch; aber der zarteste Abbruch macht die Magie\neigentlich unmöglich. Höchstens ästhetisch-künstlerisch bewirkt\nsie das Genie,\nAuf Willin jedoch traf die Bedingung überraschend zu. Rein\näußerlich mehr als derb alltäglich von dieser Welt, ein grobes\nStück Fleisch, war er im Innern ganz und gar götticher Aether,\nschöpferischer Anhauch, Und als ihm, durch längeren Aufent-\nhalt im Irrenhause (Gummijacke, niedrig-enge Zelle, zugleich\naber nahrhaftere Kost) die tobende Raserei, das finstre Mißver-\nständnis zwischen heilig-allmächtigem Geist und gierig-triebhaf-\ntem Fleisch sich zu lichten, und, immer mehr zunehmend Beson-\nnenheit einzutreten begann, mußte endlich der Geist der All-\nmacht das Fleisch erfassen, bis das Wunder der magi-\nschen Einwirkung des Geistes auf die Außendinge slich\nimmer deutlicher ereignete; zunächst aber, das war Patsor Pau-\nken aufgefallen, an Willin selber — „Menschheit\" (um auch\nSchillern endlich wieder das Wort zu geben) „trat auf die ent-\nwölkte Stirn/' Die Materialisation des göttlichen Geistes, seine\nauch nur einigermaßen adäquate Inkarnation, ist keine leichte\nSache, sondern tarn difficile quam rarum, weil der göttliche\nGeist selber das seltenste Wunder aller Wunder ist. Nur die\nSchlaraffen-Phantasie hat erbärmlich faulpelzige Vorstellungen\nvon Allmacht, Hört ihr aber nicht, ihr sterile Schlaraffen, wie\ndas göttlich-inwendige Allmachtsbewußtsein in Dr, Faust auf-\nstöhnt, daß es nach außen nichts bewegen könne. Ja, solange\nFaust, anstatt sich selber zu vertrauen, vermittelst des mephi-\nstophelischen Hokuspokus, nach außen wirken wollte, blieb er\nder Untertan eines rasendzerstörerischen Willens, Er wünscht\nsich die Magie des Selbstvertrauens: „Stünd' ich, Natur, vor dir,\nein Mann allein!\" Das Wunder der Erlösung von Ohnmacht und\nBeschränkung vollzieht sich erst, wenn die eigene „starke Gei-\nsteskraft die Elemente an sich heranrafft,M\nPastor Pauke hatte allen Grund, über das sich immer reiner\nverklärende Aussehen Willis, über die Verwandlung des Pithe-\nkanthropus in das unverkennbar Seraphische zu erstaunen. Die\neinzige Erklärung, welche er ausfindig machte: daß Willin der\nTod nahe, war nicht einmal falsch, aber doch anders richtig als\ner dachte. Der sogenannte Tod — das ist eben, allerdings un-\nheimlich verborgen noch die unerhörte eigene Schöpferkraft,\nwelche freilich hier, da sie sich nicht mit Wissen, Willen und\nvoller Selbstgefühl kultivierte, in furchtbarem Inkognito, wie\nvon außen, an das Selbst herantritt. Versteht ihr die physiolo\"\ngische Hieroglyphe der Natur, die engste Benachbarung der Or-\ngane der Zeugung mit denen der Verwesung? — Willi verklärte\nsich engelhaft. Herr Doktor Futsch, Pastor Pauke und ein paar\nGefängniswärter überzeugten sich davon. Sie versammelten\nsich in Willis Zelle. Futsch untersuchte ihn sorgfältig und\nmochte der Diagnose Paukes (auf Euphorie) nicht zustimmen,\n„Ih wo,\" sagte er, „is nich, Pauke, der Junge fühlt sich ganz ein-\nfach sauwohl; er war ja auch ein Schweinekerl\", Pauke wider-\nsprach, er fing wieder mit Dr. Fließ an. Und angesichts des\nalso bevorstehenden Todes redete er Willin mitten (ins Gewissen:\n„Sechzig gute Herren, Damen, Männer und Weiber, und, fürch-\nterlich! auch einige Kinder hast du umgebracht. Bist du nun\nzum Bewußtsein dieser schnöden Taten erwacht und bereust du\nsie? Bedenke dein baldiges Ende!\"\nWilli brach in das herzlichste Gelächter aus, sodaß alle\nWärter sich in der Richtung auf ihn in Bewegung setzten, aber\nplötzlich wie entgeistert innehielten — sie empfingen schmerz-\nhafte elektrische Schläge, welche ihnen Arme und Beine fast\nlähmten. Futsch und Pauke retirierten vor Willin, der, immer\nnoch lachend, auf sie zuging, ohne daß die Wärter sich im Stande\nfühlten, es zu hindern. Wille sagte lachend: „Ich bin vollkom-\nmen unschuldig, und deshalb kann ich alles, was ich will. Es\ngibt gar keinen Tod, Wer stirbt, hat nie gelebt. Wer mordet,\nmordet garnichts. Warum sind sie nicht haltbarer? Ich tötep\nich belebe, ich bin der liebe Gott!\"\nFutsch, mit dem berühmten Tierbändigerblick, sah Willin\nins Auge und versuchte, ihn zu bannen. Da kam er schön an:\nWille schickte ihm seinen Blick wie eine Pistolenkugel zurück;\nFutsch sank um wie ein Klumpen Lehm. Pastor Pauke schrie'\nzitternd, indem er sich dem Monstrum allein gegenüber befand:\n„Frevler! Fürchte das Schreckensgericht!\" „Fürchte du es\nselbst, Pauke!\" frohlockte der strahlende Schweinehirt, Auch\nPauke sank wie entseelt dahin; die Wärter standen im Starr-\nkrämpfe, Willi schritt, an ihnen vorbei, durch die Tür seiner\nZelle in den geräumigen Korridor und erreichte das Freie, Als\ner auf der Schwelle zur Welt, jenseits des Irrenhauses stand,\ntraf ihn sein eigener Gedanke wie ein Pfeil: Allmacht wird am\nsichersten inkognito ausgeübt.\nNein! Wie denkt ihr euch das? Er durfte sich nicht zuviel\nzumuten. Ja, unter günstigen Bedingungen, mag Allmacht sich\nherrlichst an den Tag geben; unter so elenden aber, wie sie die\nMenschenwelt liefert, würde sogar die Allmacht, welche ja, nach\naußen hin, wie gesagt, einstweilen Schülerin ist, sich überan-\nstrengen, wenn sie sich nicht klüglich verstecken wollte — wie\nder Tod: sie ist der sogenannte Tod\n„Der Massenmörder Willi Wille, der über vier Dutzend\nMenschen tötete, bevor man seiner habhaft wurde, ist heute früh\nals Leichnam, vor dem Portal des Dr. Futschschen Irrenhauses\ngefunden worden. Daß er, trotzdem sich in seiner Zelle der\nDirektor, Pastor Pauke und einige Wärter aufhielten, das Freie\ngewinnen konnte, erklärt sich vielleicht aus dem Paroxysmus des\nTobsüchtigen, der ihm Riesenkräfte verlieh, welche jedoch, man\nmöchte wohl sagen glücklicher weise, zu dessen plötzlichem\nZusammenbruch und Ende führten. Genaueres läßt sich wohl\nerst konstatieren, wenn sich die Beteiligten von dem Chock er-\nholt haben werden, den ihnen die Flucht des irren Verbrechers\nzugefügt hat; besonders Herr Pastor Pauke ist recht arg mitge-\nnommen. — Die Obduktion der Leiche Willes ergab interessante\nResultate. Man fand an den Schulterblättern flügelartige Aus-\nwüchse. Das Antlitz hatte sich durch den Tod sichtlich ver-\nedelt; es erinnert sonderbarer Weise an die Totenmaske\nNapoleons, Die Autopsie der inneren Organe zeigte deren anor-\nmalste Schrumpfungen. Dagegen erwies sich das Nervensystem,\nbesonders das Gehirn, verwunderlich genug, von einer noch nie\ndagewesenen auserlesenen Beschaffenheit, Fachmännischer«\nseits verlautet hypothetisch, daß diese Hypertrophie des Nerven-\nsystems, bei Atrophie der Muskeln und der Verdauungsorgane,\nzu diesen schauerlichen Exzessen geführt habe, — Derartige\nMonstra sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu\nmachen; sie sind als blinde Naturkräfte zu betrachten und zu\nbehandeln. Auch Herrn Pastor Pauken, dem allverehrten wür-\ndigen Manne, der schon in manchem irren Verbrecher das Ge«\nwissen erweckt hat, ist es in diesem entsetzlichen Falle nicht ge-\nlungen, in das Innere des Kranken einzudringen; wahrscheinlich\nhaben derartig Vertierte gar kein eigentliches Innenleben,\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1917-11-15-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1917-11-15_01#c014", "volume": "bmtnabg_1917-11-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "126", "image_debut": 14, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.2.8", "titre_corps": "Für die Zeiten", "titre_sommaire": "Für die Zeiten", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.14", "debut_caractere": 7668, "fin_caractere_exclue": 7939, "texte": "Für die Zeiten\nDie Kunstkritiker folgender Zeitungen: Berliner Tageblatt /\nBerliner Lokalanzeiger / Vossische Zeitung / Vorwärts haben\nihren Lesern die Oktoberausstellung im Sturm Marc Chagall\nverschwiegen. 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August Stramm\n11. Herwarth Wald\n111. Jacoba van\nHeemskerck\nIV. Kandinsky\nV. Rudolf Bliimner\nVI. Campendonk\nVII. Peter Baum\nVIII. Hermann Essig\nIX. Oskar Kokoschka\nX. Adolf Knoblauch\nXI. Paul Klee\nXII. Gabriele Miinter\nXIII. 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Er stiehlt sich sogar die Freiheit: „In Dres-\nden stahl ich mir zwei Stunden für die dortige Sommerausstel-\nlung und habe es wahrhaftig nicht bereut.\" Das ist unschrist-\nlich. Denn er verzeiht ohne zu verstehen. Und er versteht\nnicht, ohne zu verzeihen. „Ich wußte nicht, wie mannigfaltig\nund ernst hier gearbeitet wird. Mit vielem kann sich mein ver-\naltetes ästhetisches Urteil nicht befreunden. Daß aber aus der\nWelt des Expressionismus sich eine wirkliche Kunst herausar-\nbeiten kann, davon bin ich überzeugt,\" Der Diebstahl hat also\nFolgen, Nur hat sich der Herr Pfarrer in der Welt geirrt:\n„Wenn freilich der Hauptsaal mit den Bildern von Hettner, Röß-\nler, Beckmann und besonders Böckstiegel der Höhepunkt der\nAusstellung sein soll, dann bin ich schwer enttäuscht.\" Man\nsieht aus den, Namen dieser Bildermaler, daß Herr Traub wäh-\nrend der letzten Jahrzehnte sich keine zwei Stunden gestohlen\nhat. Während er also früher sich die Zeit nicht nahm, hat er\ndesto schneller in aufgezwungener Freiheit sein ganzes Christen-\ntum vergessen. Nun steht das Christentum der Kunst näher als\ndie Freiheit der fortschrittlichen Volkspartei, Herr Traub fühlt\nsich als Persönlichkeit. Es ist sogar sein größtes Glück gewor-\nden, Er hat sogar Urteil. Jede Persönlichkeit urteiU. Zwei\nStunden hat er mit sich zu Rat gesessen und als Angeklagter\nsteht er vor der Welt, die er stolz durch den Hauptsaal betreten\nhat. Aber er steht nicht betreten da. Er ist eine Persönlich-\nkeit. Seine Freiheit gibt Gesetze. Während nur das Gesetz die\nFreiheit ist:„Das oberste Gesetz aller Kunst bleibt die Form.\nDie Farbe hat die Form zu beleben, zu gestalten, aber nicht zu\nerdrücken. Die Farbe selbst ist schon herrisch genug, desto not-\nwendiger daß man ihr Meister, nicht ihr Sklave sei.\" Eine Per-\nsönlichkeit ist immer in Form. Nur ist die Form recht farblos.\nDie Persönlichkeit fühlt sich von der herrischen Farbe erdrückt\nund will sie meistern. Die Farbe soll Halt machen an der\nGrenze der Persönlichkeit. Die Grenze, die der Persönlichkeit\nForm ist. Die Persönlichkeit scheut sich vor dem Leuchten.\nIm Leuchten sieht sie ihre Grenze, die dicht vor ihrer Freiheit\ngezogen ist. Die Persönlichkeit fürchtet sich vor dem Leuch-\nten, Sie sieht die Form nicht mehr, die vier Striche, die ihre\nWelt ist. Darum muß das Leuchten gelöscht werden. Es brennt.\nAber Farben sind herrisch, Sie brennen, selbst wenn ein Herr\nTraub sich seines ästhetischen Urteils versichert, Herr Traub\nist sehr unsicher in der Welt, in die er sich hineingestohlen haj.\nEr sieht Feuer, das nicht brennt. Er sieht Farben, die nicht\nleuchten. Er fürchtet sich, der freie Mann. Er will nicht Sklave\nsein, der freie Mann. Der Heiligenschein ist ihm nur Dogma. Er\nist nicht heilig mehr, der Herr Traub. Er ist schlicht Meister.\nMeister der Meister, die sich von der Farbe nicht beherrschen\nlassen.\nAber noch mehr fällt ihm auf: „Es fällt mir überhaupt auf,\nwie Männerköpfe und Frauenbilder zunehmen und wie der\nMensch wieder als Persönlichkeit gewinnt. Ob das mit dem\nKriege zusammenhängt?\" Die Persönlichkeit beginnt zu denken.\nOb das mit dem Kriege zusammenhängt, das Zunehmen der\nMännerköpfe und der Frauenbilder? Darüber ließe sich lange\nphilosophieren, „Frauen werden sich mehr für das Bild eignen\nund Männer mehr für die Statue, Auch darüber ließe sich lange\nphilosophieren,\" Und diese Erkenntnis hat Herr Traub in zwei\nStunden gewonnen. Es ist nicht auszudenken. Wirklich, der\nMensch gewinnt wieder als Persönlichkeit, „Freilich müssen sie\nwirkliche Männer sein. Es ist eine Freude zu sehen, daß wir\nKöpfe besitzen — trotz der männermordenden Schlachten,\" Und\ndabei ist Herr Traub noch nicht einmal in Stein gehauen. Ob-\nwohl ich ihn mehr malerisch empfinde.\nHerr Traubist für den Geist trotz dem Genitiv seiner män-\nnermordenden Schlachten. Aber er hat auch Gemüt: „Für Still-\nleben habe ich nie viel übrig gehabt\". Er dankt für gemalte\nLebensmittel, Ob das mit dem Kriege zusammenhängt? In\nden Ausstellungen taucht aber allmählich eine neue Art dieser\nBildform auf. Aus dem bewegten Wasser rauscht: „Nicht\nAepfel und Fische, nicht Gläser und Vasen, nein erzählende Bil-\nder voll Tragik oder Sonnenschein, wie sie sich in einem ein-\nzigen Möbel oder in einem Zimmereck einstellen/' Die Bilder voll\nTragik oder Sonnenschein werden sich in einem einzigen Zim-\nmereck besser einstellen, als in einem einzigen Möbel. Solche\nBilder können sich in einem einzigen Gehirn einstellen, das wirk-\nlich ein recht altes Möbel ist. Die Folge ist, daß Herr Traub\nüber eine Zigarrenkiste stolpert, die mächtig in das Möbel fähirt.\n„Daß eine Zigarrenkiste mit Gewichtsteinen und einem kleinen\nHolzfäßchen vor der Wage uns zum Stillstehen zwingt, sollte\nman garnicht glauben/' Durch die tragische Zigarrenkiste mit\ndem sonnigen Holzfäßchen wächst das Ich des Herrn Traub zu\neinem feierlichen Uns, Er lebt, er versöhnt sich sogar mit ge-\nmalten Aepfeln, für die er nicht viel übrig hat: „Dieser Künstler\nmuß mit der Seele der Dinge leben. Er läßt uns den ganzen\nDuft und die frische Pracht des Apfelkorbs einatmen in einer\nverlorenen Ecke, umgeben von verfaulten Stiefeln, Feldmütze\nund Schlapphut, die wie die Bettler vor dem Domportal stehen\nund doch mit dazu gehören,\" O Tragik! 0 Sonnenschein! Und\ndaß dieser Künstler uns die verfaulten Stiefel nicht mit einatmen\nläßt, zeugt für die Güte seiner Seele und die Schwäche seiner\nMalerei. Man soll nicht Bilder durch die Nase sehen. Wer aber\neine so feine Nase hat, wie Herr Traub, der kann in einer ver-\nlorenen Ecke frische Pracht einatmen.\nAber Herr Traub hat nicht nur Geist, Aber Herr Traub hat\nnicht nur Gemüt, Herr Traub hat eine Seele, Er ist komplett:\n„Nun will ich von Bildern erzählen, die den stärksten seelischen\nEindruck auf mich machten. Da war das wuchtige Bild vom\nSchweinehirten, . , . Das Bild in Saal drei hat ja fast etwas Lino-\nleumartiges in seinen gespensterhaften schwarzen Flächen.\" Man\nkönnte es also gut als Teppichersatz für das verlorene Zimmer-\neck verwenden, „Man muß sich langsam in dem Dunkel zurecht-\nfinden, ehe man in diesem Schweinegrunzen den verlorenen\nHirten finden kann.\" Der Hirteist offenbar etwas aus der Form\ngeraten. Doch der Sonnenschein der Seele findet sich langsam\nauch in der dunklen Tragik des Schweinegrunzens zurecht. „Er-\nschütternde Nacht deckt die Tragik eines reichen Jünglings. Er\nscheint selbst fast wie aufgefressen von diesen Schweinen. Es\nfehlen ihm nur noch die vier Füße, bald wäre er auch nur ein\nStück dieser Herde.\" Der Künstler hat sich dieses Schweine-\nleben schwer gemacht. Hätte er wenigstens die zwei Füße des\nreichen Jünglings vor den Schweinen gerettet, so würden ihm\nnur noch zwei Füße gefehlt haben, um ein sichtbares Stück die-\nser Herde zu sein. „In schwarzen Strähnen strömt sein Haar\nzur Erde, Und doch atmet diese Spukgestalt des Elends volles\nMenschentum, so nah die Sauen sich an sie heranwagen. Seine\nHeimat ist noch nicht verloren,\" Herr Traub atmet bekanntlich\ndie frische Pracht ein. O Sonnenschein, während der reiche\nJüngling volles Menschentum ausatmet. 0 Tragik. 0 Tragik\nder Sauen in Linoleumart. O Zimmereck. O Zigarrenkiste.\nNicht Aepfel und Fische. Eine neue Art der Bildform taucht\nauf. Der Traub saß daran: „Ergriffen ging ich ganz langsam\nvon diesem Bilde weg, um noch manchesmal zurückzukehren.\"\nDie zwei Stunden werden gut ausgenutzt. Und siehe. Herr\nTraub sieht zwar keine Bilder, er erzählt weiter von Bildern,\ndie den stärksten seelischen Eindruck auf ihn machen. Er geht'\nweg. Er kehrt zurück: „Dann aber packte mich immer mehr das\nsitzende Mädchen in seiner grellen strotzenden Sündenfrische,\"\nHerr Traub schwärmt aus in seiner Freiheit, so weit das\npackende Mädchen es zuläßt: „Das ist eine leuchtende Predigt\nvon Farbe und Fleisch, von Schicksal und Gewalt, Eine einzige\nfreche Harmonie zusammengepreßter Farben,\" Hier hat die\nFarbe sich offenbar an der Sündenfrische des Mädchens ge-\nhalten. Es ist nicht schwer das Fleisch zu predigen, wenn es\nForm hat, O Seele, 0 Kunst, Mit dem Frauenkopf hingegen\nweiß Herr Traub zuerst nichts anzufangen. Er ist nun einmal"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.3", "texte": "für Männerköpfe (o Sonnenschein): „Auch mit dem Frauen-\nkopf und seinen blauen Haaren wußte ich zuerst nicht, was ich\nanfangen sollte.\" Der Kopf packte eben nicht. ~Dieser Frauen-\nkopf gemahnte mich an Menschen, die beim Anfassen sich fast\nwie erdrückt zusammenziehen, aber doch von durchdringender\nZähigkeit und fester Innerlichkeit sind/' Das kann man sich an\nden blauen Haaren heranziehen. 0 Form der Seele.\nAber Herr Traub hat nicht nur eine Seele. Aber Herr\nTraub hat nicht nur ein Gemüt. Aber Herr Traub hat nicht nur\neinen Geist. Herr Traub hat einen Briefkasten. Scherz bei\nSeite. Er hat einen ernsten Briefkasten. Der Briefkasten\nhängt an der christlichen Freiheit, die Herr Traub wöchentlich\nfür deutschen Glauben und deutsche Zukunft herausgibt. Herr\nTraub stiehlt dem deutschen Glauben und der deutschen Zu-\nkunft gelegentlich einige Minuten, um sich mit der Dichtung\nzu befassen. Herr Traub denkt, er kann sich aber nicht denken,\ndaß Gott lenkt. Herr Traubist sehr gebildet. Er kennt Ge-\ndichte von Heinrich Heine und Elisabeth Gcercke. Durch\neine unglückliche Fügung Gottes bekommt er die Zeitschrift\nDer Sturm in die Hand, er liest ein Liebesgedicht von A.\nSchamm und er druckt es unberechtigt in christlicher Freiheit\nnach. Worauf er über ~A. Schamm\" bemerkt: „So etwas\nwird geschrieben — im Krieg! Man möchte sich ja vor Lachen\nschütteln, aber ich bringe das nicht fertig, denn es ist eine sehr\nernste Sache, wenn hinter solchen Erbärmlichkeiten Geld steht.\nDaß sich heute wirklich Geldgeber finden, welche solche Erzeug-\nnisse nicht nur kaufen, sondern von vornherein ermuntern und\nkapitalistisch tragen, das ist tieftraurig.\" Herr Traub kann\nnicht lachen. Geld steht dahinter. Geld ist nicht lächerlich.\nDas deutsche Volk wird in seinem Nationalvermögen ge-\nschädigt. Liebesgedichte werden kapitalistisch getragen. Das\nmacht Herrn Traub tief traurig. Nun will ich nicht bestreiten,\ndaß ein freisinnig gebildeter Mann wie Herr Traub alles ver-\nsteht, was ein Gehirn verstehen kann. Herr Traub und die\nübrigen freisinnig Gebildeten verstehen aber nicht, daß die\nKunst da anfängt, wo ihr Verständnis aufhört. Kunst ist ihnen\nStimmung nach dem Abendessen. Ein ehemaliger Pfarrer sollte\nwenigstens Stimmung nach dem Abendmahl 'kennen. Herr\nTraubist aber Denker. Ihm ist Brot Brot und Wein Wein.\nAlles übrige list Wahnsinn. Es wäre auch zu entsetzlich, um-\nsonst gelernt zu haben, wo doch Geld dahinter steht. Man\nhat doch nun einmal gelernt, was Brot ist. Da läßt man sich\neben nichts vormachen. Man hat seine Erfahrung. Und wenn\nman sich gemächlich dem biblischen Alter nähert, ist es Lebens-\nerfahrung und sehr schön geworden. Herr Traubist eben ein\nDenker. Wenn ihm einer sagt: ich weiß nicht, was soll es be-\ndeuten, so weiß er sofort, was es bedeuten soll. Er ist eben\nein Denker. Und wenn ihm einer sagt, er weiß es nicht, so\nist das eben die Kunst der christlichen Freiheit, die er meint.\nEr kann es verstehen, der Denker, daß der andere es nicht weiß.\nDas kann er begreifen. Das kann er fühlen, in seinem ver-\nlorenen Zimmereck unter Schweinegrunzen, daß er so traurig\nist. Und außerdem besitzt er einen Briefkasten. In ihn steckt\ner die Antworten auf Fragen, die an ihn nicht gestellt wurden.\nEiner weiß ja immer nicht, was es bedeuten soll: „Ich habe die\nGedichte von A. Stramm als entsetzliche Verirrung in einer der\nletzten Nummern gebrandmarkt und es sind mir aus diesem\nAnlaß freundliche dankende Stimmen zu Gehör gekommen.\"\nEr hat ein feines Gehör, der Herr Traub. Freisinnige empfin-\nden Brandmarkung stets freundlich. Nur irrt sich Herr Traub\ndarin, daß er gebrandmarkt hat. Sich hat er gebrandmarkt.\nWenn ich tausend Finger hätte, ich könnte sie nicht in alle\ndie Wunden legen, die er sich geschlagen hat. Die Kunst,\nHerr Traub, ist kein sitzendes Mädchen, das man packen kann.\nDie Kunst ist eine Fackel, die Gehirne aufbrennt. Sie können\nnicht brennen, weil Sie sich in die Kunst hineinstehlen. Sie\nhaben keinen Mut, zu bekennen, sie haben nur das Gehirn, zu\nerkennen. Nämlich das, was sie erfahren haben. Kunst haben\nSie nie erfahren, Sie Erfahrener. Sie haben aber nicht einmal\nden Mut, Tatsachen zu bekennen, Unwissenheit zu bekennen.\nAm vierten Juni 1917 wußten Sie etwas von einem Herrn A.\nSchamm. Am 24. Juni 1917 steht in Ihrem Briefkasten: „Der\nVerfasser jener Gedichte ist aber einstweilen auf dem Feld\nder Ehre gestorben und hat außerordentliches geleistet. Am 1.\nSeptember 1915 fiel er als letzter Ueberlebender seiner Kom-\npagnie bei einem Sturm in den Rokitnosümpfen, nachdem er\nüber siebzig Schlachten mitgemacht hatte.\" Einstweilen. Also\nzwischen dem 4. und 24. uli 1917. Sie haben nicht den Mut,\nden freundlichen dankenden Stimmen zu bekennen, daß Sie\nvon August Stramm nichts wußten. Sie lassen den Künstler\nsterben, einstweilen sterben, weil es Ihnen besser für Ihren\nBriefkasten paßt. Mit freisinniger Geberde schreiben Sie\nstolz: „An jenem Urteil kann ich freilich nichts ändern.\" Wo-\nher nehmen sie den Glauben an Ihr Urteil. Ihr Urteil ist\nIhr Gefühl, werden Sie sagen, Haben Sie Ihr Gefühl gebildet.\nAbgesehen von dem Besuch der Sommerausstellung in Dres-\nden. Sie haben Ihren Heinrich Heine gelesen, von dem' Sie\nlernten, daß er ein Dichter sei. Sie können nicht beweisen,\ndaß er ein Dichter ist. Ich habe Ihnen bewiesen, daß er es\nnicht ist. Aber Sie sind nicht fähig, sich etwas beweisen ztr\nlassen und haben als Antwort nur den Satz: „Der Sturm in\nBerlin pöbelt das Lied: ich weiß nicht was soll es bedeuten\nals den Tiefstand der Lyrik an.\" Einstweilen halte ich es für\neine Anpöbelung, zu unterstellen, daß August Stramm durch\nVeröffentlichung ewiger Dichtungen kapitalistisch ermuntert\nwurde. Soviel deutschen Glauben und deutsche Zukunft\nwerden Sie nie fassen können. Sie halten diese Veröffentlichung\nfür öffentlichen Unfug. Ich aber sage Ihnen: Es ist öffentlicher\nUnfug, wenn ein Mann wie Sie Urteile über Bilder und Dich-\ntungen abgibt, der nicht mehr weiß, was er gelernt hat und nur\nweiß, was es bedeuten soll.\nDas deutsche Volk soll aber wissen, was für Sie ein Ge-\ndicht bedeutet Vor Ihrem Briefkasten steht es:\nVom Morgen bis zum Abendrot\nUnd in die dunkle Nacht\nwohl hundert heiße Tage schon\nwährt nun die große Schlacht.\nNur manchmal in der heiligen Früh\nnickt sie ganz leise ein\ndann hört mein treuer Kanonier\nim Wald die Vögelein.\nIch stelle Ihnen einen gleichwertigen Beitrag für die christ-\nliche Freiheit ohne kapitalistischen Ehrgeiz zur Verfügung:\nEs zog der Traub aus hoch zu Roß\nEinstweilen die Kunst zu erschlagen\nAuf ihn zurück prallt sein Geschoß\nDeß muß er traurig klagen.\nEr wundert sich\nHerr Franz Servaes hat jetzt sehr viel Zeit, nachdem er sich\nvon seiner Verpflichtung entbunden hat, sich durch Besprechun-\n♦\ngen der Kunstausstellung Der Sturm lächerlich zu machen.\nEr benutzt seine freie Zeit nun dazu, Novellen zu schreiben\noder im Grunewald spazieren zu gehen. Beschäftigungen für\ndas Herz. Im Grunewald besucht er die Künstler. Künstler\nwohnen immer im Grunewald. Herr Doktor Franz Servaes\nbeginnt seine Novelle: „Wo es am stillsten ist im Grunewald,\ndennoch nicht weit vom schmuckvollen Roseneck .. ..\" Er ist\nin Stimmung und geht auf Künstlervisite: „Es war ein kühler*\nsonniger Augustnachmittag, als ich den Meister dort besuchte\nund in freundlicher Weise von ihm empfangen wurde/' Also,\nes war im Grunewald, im Monat August, als Herr Servaes nicht\nweit vom schmuckvollen Roseneck den Bildhauer August Gaul\nbesuchte. Und als feinsinniger Novellist wirkt Gaul als Gaul\nauf ihn: „Er geleitet mich durch den Garten in seinen Arbeits-\nraum, der wie ein kleines Museum Gaulscher Plastiken auf mich\nwlirkt.\" Ein schöner Zug von dem Künstler, daß er den Doktor\nsanft an der Hand geleitet. Der Doktor blickt sich um oder\nvielmehr er „streift rasch mit seinen Blicken und zwar aller-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.4", "texte": "Hand plastisches Getier.\" Hierauf streift der Herr Doktor den\nKünstler mit seinen Blicken, der tut, was eben der Künstler tut,\ner sinnt: „Er steht sinnend und prüfend vor einer in Arbeit be-\nfindlichen Thonbüste, aus der schon mit voller Deutlichkeit die\nleidgeprüften Dichter- und Denkerzüge Gerhart Hauptmanns\nsich entwickeln,\" Welch ein Novellist, der Doktor Servaes.\nNur er kann mit voller Deutlichkeit die Leidenszüge Gerhart\nHauptmanns sehen. Die Dichter tun sich alle gegenseitig leid.\nDas ist nun einmal Künstlers Erdenwallen. Ueberhaupt der\nKopf von Hauptmann, der macht der Mitwelt und dem Doktor\nServaes zu schaffen: „Ein Kopf v/ie der Hauptmanns macht dem\nKünstler zu schaffen, weil verborgene Widersprüche und\nwunderliche Unregelmäßigkeiten mit einander ringen.\" Dieser\nRingkampf in Thon hat es dem Doktor Servaes angetan, dem\nDenker und Novellisten. Er beglückwünscht Gaul zu der neuen\nWendung, durch Hauptmanns Fügung, „dabei bleibe ich m(ir be-\nwußt, daß er seinen Ruhm doch vor allem seinen Tierplastiken\nverdankt.\" Neugierig sucht der Herr Kunstkritiker Servaes\nnach den Modellen. Weit und breit kein Hauptmann, kein Bär,\nkein Ferkel, keine Fischotter, nicht einmal ein Ochse ist zu\nsehen. Das geht dem Kunstkritiker denn doch über den Strich\nund er stellt an Gaul die Frage unter dem Strich: „Als ich mich\nverabschiedete, drückte ich meine Verwunderung aus, in der\nUmgebung des begnadetsten Tierschöpfers so gar kein wirk-\nliches lebendes Getier gefunden zu haben.\" Wirklich, diese\nKünstler sind merkwürdige Leute. Da soll sich ein Kunst-\nkritiker nun auskennen. Herr Gaul erhebt sich über sein,\nSchaffen: „Der Künstler lächelt geheimnisvoll,\" Jetzt wird er\nmir etwas sagen, denkt der Servaes, das Ringen zwischen ver-\nborgenen Widersprüchen und wunderlichen Unregelmäßigkeiten\naufklären: „Das sind zweierlei Dinge, sagte er, Der Mensch\nbraucht dem Künstler nicht immer ins Buch zu gucken,\" Herr\nServaes merkt noch immer nichts, „Und was mich bei den\nTieren anzieht, das ist ganz wesentlich künstlerischer Art.\" Herr\nServaes merkt noch immer nichts. Er möchte zu gern ins Buch\ngucken: „Er drückt mir verbindlichst die Hand und wünscht\nmir angenehmen Heimweg.\" Herr Servaes merkt noch immer\nnichts. Herr Servaes hat die Dichterweihe empfangen: „Ich\nwandere allein und beglückt in den leuchtenden Abend.\" Ge-\nleitet von dem Handdruck eines Künstlers. Es soll der Kritiker\nmit dem Künstler wandern, von einem Roseneck zu einem an-\ndern, Wie ich aus erster Quelle erfahre, soll Herr Servaes dem-\nnächst getönt werden. Titel des Kunstwerkes: „Wo es am still-\nsten ist.\"\nDurch Licht zur Nacht\n„Die Klopstockstraße lag in jugendlichem Maienglanz. An\nfliederduftenden Vorgärten ging ich vorbei und an quecksilbrig\nvergnügten Spielkindern.\" Die Persönlichkeit verrät sich am\nStil. Es muß der Dichter des Rosenecks sein. Eine fabelhafte\nGegend die Klopstockstraße. „Die ganze Gegend war wie in\nSonne ertrunken, in Sonne, die gleichwohl weder brannte noch\ndrückte.\" Sie leuchtet ihm ins Herz hinein: „Die Pflastersteine,\ndie Häuserfronten, die vielen Fensterscheiben leuchteten und\nfunkelten vor eitel Frühlingsfreude.\" Dieser Dichter ist ein\nVerschwender. Dichter sind nun einmal Verschwender. Nicht\netwa ist die Sonne und Zutaten der Klopstockstraße der Beginn\neines Ullsteinbuches, überall vorrätig, nein, Herr Franz Servaes\nmacht nur einen Besuch. Ich brauche nicht zu sagen, daß er\neinen Künstler besucht. Vor eitel Frühlingsfreude hat er die\nHausnummer vergessen: „Jetzt stand ich vor dem Hause, das ich\nsuchte, Lovis Corinth wohnte darin und seine kluge Gattin,\"\nHerr Servaes geht nicht etwa gleich herauf, er tut, was ein\nDichter tut, er gedenkt. Und läßt uns glückliche Leser in seine\nSonnenseele blicken: „Ich gedachte eines herbstlichen Abends,\nals /ich diesen beiden Leuten einen Besuch machte, um mitzu-\nraten und ein wenig auch zu taten über die Aufstellung der\nneuen Büste, die der Bildhauer Metzner nach dem Hausherrn\nsoeben vollendet hatte.\" Wie interessant. Wie stimmungsvoll.\nDer große Kunstkritiker der Vossischen Zeitung von Staats-\nund gelehrten Sachen, der hervorragende Ullsteindichter wan-\ndert am späten Herbstabend zum Künstlerpaare, einen Büstenrat\nabzuhalten, Platz für alles hat die Erde, Aber es ist doch im-\nmer gut, wenn ein Kunstkritiker und Freund, der das Herz\nauf dem richtigen Platz hat, die Büste auf den richtigen Platz\nstellen hilft: „Damals hatte ich in den künstlerisch geschmück-\nten Wohnräumen, die ich zum erstenmal betrat, mich gleich\nsehr wohl gefühlt.\" Ich könnte mir keinen freudigeren Anlaß\ndenken, einen Freund zum erstenmal die künstlerisch ge-\nschmückten Wohnräume betreten zu lassen, als Platzangst vor der\nBüste. Herr Servaes steht immer noch unten, in Gedenken: „Un-\nter allerhand Scherzen hatten wir miteinander gearbeitet, schließ-\nlich die Büste in einem Eckplatz am Fenster zu leidlicher Be-\nfriedigung postiert und zum feierlichen Abschluß in der von\ngelbrotem Laub umsponnenen Straßenveranda gesessen.\" Ich\nhabe gewußt, daß die Büste auf den Eckplatz am Fenster kommt.\nSo ein Kunstkritiker hat stets den richtigen Blick. Ich habe ge-\nwußt, daß Herr Servaes sich für den Eckplatz entscheidet. In\nder Ecke sieht jede Büste plastisch aus. Dann träumten sie nach\ndem Werk, das sie soeben vollendet hatten in gelbroter Straßen-\nveranda. Man wird intim, gemeinsame Arbeit verbindet die\nSeelen: ~Dort waren wir sorglich geschützt gegen die Neugier-\nblicke vorbeistreifender Müssiggänger und haben von den schon\ndamals zusammenschmelzenden Genüssen gekostet, die der\nKrieg uns noch übrig ließ.\" Die quecksilbrigen Spielkinder woll-\nten auch gern einmal den Doktor Servaes von Ullstein sehen.\nDie ganze Klopstockstraße sogar war leicht erregt. Servaes\nbei Corinth! Große Ereignisse werfen ihren Herbstschatten\nvoraus. Und gelbrotes Laub schützt sorglich Arbeiter vor\nMüssiggängern. Die Butter des Krieges schmilzt zusammen,\naber sie hatten das Brot des Lebens: „Genuß hin, Genuß her.\nWir plauderten, daß es eine Freude war. Und kamen gewiß der\nLösung des Welträtsels um gut ein halbes Millimeter näher.\" Das\nwaren Zeiten! Wir sehen gespannt auf den gedenkenden Dok-\ntor . , , und jetzt geschieht das Wunder: „Daran also dachte ich,\nals ich jetzt , , . nicht in die Parterrewohnung einbog, sondern\ndie vier Stiegen hinaufkletterte, die zu dem Atelier führen, in\ndem der Meisler — er ist inzwischen sogar zum Professor er-\nnannt worden — mich empfangen wollte.\" Und die Leser hatten\nsich nun gerade auf die Straßenveranda gefreut. Aber ehr-\nfurchtsvoll wie Leser nun einmal sind, klettern sie die Stiegen\nhinauf zur Höhe des Meisters. „Viel Jubel und Schmerzen, viel\nArbeit und Ringkampf haben hier sich schon abgespielt, und\nwenn die Wände flüstern könnten, sie hätten gar manches zu\nerzählen.\" Die Wände können es nicht, deshalb macht sich Herr\nServaes zum Sprachrohr, der Bedichter des Ringkampfs, Jetzt\ngibt es gar manches zu erzählen. Die W.ände empfangen den\nMund des Sonnenfreundes und die Ohren der geneigten Leser:\n„Wie von den beiden ersten Bewohnern, so auch von dem nun\nschon seü einem Jahrzehnt hier hausenden Lovis Corinth, des-\nsen Gattin —- wo steckt sie nur die kluge Frau? — nebenan,\nihren Arbeitsraum besitzt, die Pilgerstätte so mancher zum Mo-\ndellsitzen herbeschiedenen Bühnengrößen.\" Herr Servaes wan-\ndert nur, die Bühnengrößen pilgern, und die kluge Frau, Ge-\ndankenstrich, wo steckt sie nur, ist sie ausgewandert, ist sie aus-\ngepilgert, die Frage kann der Doktor nicht lösen. „Der Neben-\nraum öffnet sich nicht, es tönt auch nichts daraus hervor.\"\nKein Klang der Mandoline, o Künstlervölkchen, Preisrätsel für\ndie Zeitbilder der Vossischen Zeitung: Wo steckt die kluge Frau,\nHerr Servaes faßt sich männlich: „Ich bin allein mit Meister Lovis\n(Lovis sagt und spiiicht man heute, beileibe nicht Louis) — und\nwir sitzen alsbald einander gegenüber und tasten nach den Ein-\ngängen zu unserm Gespräch.\" Wir setzen uns. Meister Lovis\nbeileibe und Meister Franz beiseele tasten. Die Straßenveranda\nfehlt: „Corinth ist nicht das, was man einen Plauderer nennen\nkann,\" Ich kenne einen, aber ich nenne ihn nicht, „Seine\nschwere und gerade ostpreußische Natur bewegt das Wort nur\nzögernd im Munde, Zum Glück liegen ein paar Steine neben\nuns auf dem Tisch.\" Wenn Steine reden, werden Menschen\nschweigen. Doch Meister Franz tastet weiter: „Steine, deren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.5", "texte": "Maria Uhden: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.6", "texte": "glatt geschliffene Fläche mit lebhaft hingekritzelten Zeichnungen\nbedeckt ist. Darauf blicke ich gleich pflichtschuldigst und\nbeuge mich über sie hin, um die mit schmissiger Hand hingefeg-\nten Kompositionen meinen kurzsichtigen Augen etwas näher zu\nbringen/' Das Hinkritzeln und das Hinfegen sieht der Servaes\nauf den ersten Blick. Dann legt er pflichtschuldigst sein Haupt\nauf die glattgeschliffene Fläche und tastet sich mit schmissiger\nHand an die Komposition heran. „Daran arbeite ich jetzt gerade,\"\nerläutert Corinth, „es sind die Illustrationen zu Achims Tollem\nInvaliden/' Der Doktor Servaes wird ganz aufpoliert: „Ich er-\ninnere mich mit Wohlbehagen, daß meine allgemeine Bildung erst\nunlängst durch ein Ullsteinbüchlein entsprechend aufpjoliert\nworden ist, wodurch mir auch der Tolle Invalide nach schier\ndreißigjähriger Vergessenheit wieder zu Gemüt geführt wurde/'\nWelch ein Gemüt. Welch eine Ehrlichkeit. Der Ullsteinkritiker\nwird durch Ullsteinbüchlein schier wieder allgemein gebildet.\nIch empfinde Wohlbehagen, ein guter Verlag, der sich seine Kri-\ntiker bildet. Was wäre aus Achim geworden, wenn Ullstein\nihn nicht den Servaes zu Gemüt geführt hätte. Die allgemeine\nUllsteinbildung hat dem Volk gefehlt. Der Verdienst ist nicht zu\nunterschätzen, wenn man nur gedenkt, wie gut es jetzt dem\nServaes-Doktor geht: „Ich mache also von melinen wohlerwor-\nbenen Kenntnissen Gebrauch ...\" jeder Band eine Mark, wohl-\nr r\nfeil erworben, überall vorrätig ... „und sage einige ziemlich zu-\ntreffende Dinge teils über Arnim, teils über die Corinthschen\nSteinzeichnungen,\" Leider verschweigt der Doktor diese teils\nteils zutreffenden Dinge dem Leser. Das könnte übrigens ein neues\nUllsteinbuch geben voll eitel Frühlingsfreude. „Diese sollen\nübrigens demnächst bei Julius Bard in Buchform erscheinen und\nich bitte den geehrten Leser, seine Ungeduld bis dahin zu\nzügeln.\" Der geehrte Leser wird von dem tastenden Doktor\nschier sorglich in Geduld geübt. Wir vertreiben uns die Unruhe,\nindem wir weitertasten: „Im übrigen ist der Atelierraum an-\ngefüllt\" — man sollte es niicht für möglich halten — „mit Bildern.\nAlle Wänden hängen voll davon, auf Staffeleien und auf dem\nBoden stehen noch gar manche herum.\" Das hat Herr Servaes\ngar nie erwartet. „Einige sind älteren und sogar ältesten Datums.\nDie meisten aber sind neuerdings entstanden.\" Ich wette, Herr\nServaes glaubt, sich in einem kleinen Museum Corinthscher Bil-\nder zu befinden. Nun hat er sich hineingetastet und muß sich\ndaher etwas Bewegung schaffen: „Ich bitte um Erlaubnis, ein\nwenig herumspazieren zu dürfen und der Künstler geht neben\nmir her und gibt auf Befragen Auskünfte und Erläuterungen.\"\nDas Bild sollte festgehalten werden. Famos, wie sie beide in\ndie Weite schweifen und der Servaes sich erklären läßt. Er ist\nnun eben kurzsichtig, Meister Lovis. Man wird mählich intim,\nschweigt: „Auch jetzt bleibt er wortkarg und versäumt durch-\naus die herrliche Gelegenheit, sich dem Kritiker einer großen\nTageszeitung beredt anzupreisen.\" Wo doch der Servaes soviel\nnützen kann, dieser kurzsichtige Kunstkritiker. Er hätte es\nfertig gebracht, Corinth für die Ullsteinbücher zu entdecken.\nUnd das läßt sich ein Künstler entgehen. Ein Gemüt, denken\ndie geehrten Leser der Vossischen Zeitung, sie haben schon lange\ngemerkt, daß man sich an Herrn Servaes herantasten kann. Der\nfühlt sich durch diese Wortkargheit schier gar nicht mehr als\nöffentliche Meinung: „Ich selbst aber freue mich, daß ich endlich\neinmal nicht als kritischer Beschnüffler und vereidigter Besser-\nwisser zwischen Kunstwerken einherzuwandeln brauche, son-\ndern daß ich mich als harmloser Besucher und Genießer fühlen\ndarf, der wie ein Kind die Eindrücke auf siich wirken läßt.\"\nDas ist aber ein Erfolg, wo der Doktor doch die allgemeine Ull-\nsteinbildung hat, Zwar weiß er nicht viel, doch weiß er alles\nbesser, da er sich selbst vereidigt hat. Für Ullstein brauchte er\nnicht zu beschnüffeln, weil Meister Lovis die herrliche Gelegen-\nheit durchaus versäumt, sich beredt anzupreisen. Und nun wir-\nken die Eindrücke auf dieses Kind los: „Also was steht da alles\nherum. Herr Servaes fühlt sich schon so als Kind, daß er an\nsemen Instinkt glaubt, nach schier dreißigjähriger Vergessen-\nheit: „Und ich begebe mich, instinktiv hingezogen, vor ein gro-\nßes Bild, das einen alten Ritter mit eiserner Faust, also so eine\nArt Götz, darstellt, wie er am Tisch sitzt und sinnend vor sich\nhinbrütet.\" Da Bild hat eine verzweifelnde Aehnlichkeit mit\ndem verzweifelten Servaes an jenem Tisch des Tastens, Nur\ndie eiserne Faust ist von mir. „Des weiteren einen Kain (zu dem\nein junger Theologe Modell gestanden) zu Füßen die Leiche des\nAbel und das Haupt furchtsam-trotzig aufgereckt zu einer\nSchar von Raben, die ihn umflattern.\" Wer mag zu der Leiche\nmit dem aufgereckten Haupt Modell gelegen haben, „Endlich,\ndie Figur einer Abundantia, in Gestalt eines keineswegs zu ma-\nger geratenen Weibes\", die Abundantia fließt in Erwartung der\nkommenden Genüsse über, „Weibes, das sich in einem Haufen\nersehenswerter Dinge, darunter eines zart rötlich lockenden\nKriegsschinkens (der flugs noch einmal besonders gemalt wurde)\nSchulter- und hüftenbreit erhebt.\" Hoffentlich trampelt die\ndicke Dame nicht die ganzen Lebensmittel zusammen in diesen\nschweren Kriegszeiten. Den flugs noch einmal besonders ge-\nmalten Kriegsschinken wird sich hoffentlich Herr Servaes ge-\nrettet haben. Ich könnte schier sonst nicht dem Hymnus des\nsonnigen Kritikers greifen: „Ja freilich, Frau Abundantia, in die-\nsem Atelier habt ihr Euch wohlbehaglich niedergelassen.\" Ein\nlebendes Bild, soeben erhob sie sich noch Schulter- und hüften-\nbreit, Und ihr habt dem Pinsel saftige Fülle gegeben, auf daß er\ndie Leinewand üppig anfülle mit neu gewonnener Gestalt.\" Der\nMeister Lovis wird doch in diesen schweren Zeiten nicht selinen\nSchinken mit echtem Schinken malen. Dieser Naturalismus\nscheint mir zu übertrieben. „Habt Dank, meine Dame! Ihr\nhabt Euer Geschäft hier trefflich verstanden.\" Sie hat den Schin-\nken ohne Fleischkarte hintenrum erstanden. So etwas tut man,\nHerr Doktor, aber man sagt es nicht. „Beim weiteren Umher-\nschweifen erwische ich noch mancherlei,\" zwar keine Lebens-\nmittel, immerhin ~noch mancherlei Köpfe von Gerhart Haupt-\nmann.\" Und damit noch nicht genug: „Italienische Strand- und\nBadeszenen, die noch kurz vorm Kriegsausbruch entstanden\nsind, ein sich balgendes Liebespaar im Adamskostüm,\" was der\nEva besonds gut stehen muß, natürlich entstanden lange nach\nKriegsausbruch und nach Beginn der Kleiderbezugsscheine.\n„Skizzen zu einem Joseph und Potiphar, B'ilder in zumeist recht\ndrastischer Wiedergabe, niicht zu vergessen,\" der Servaes kommt\nnicht über den Schinken hinweg, „nicht zu vergessen ein ge-\nschlachtetes Schwein, einen Farbenrausch in blutendem Rot.\"\nUnd, o Jammer, o Schinken: „Corinths erstes selbständiges Ge-\nmälde, einen schummrigen Kuhstall iriit zwei schwarz-weißen\nKühen — als Andenken an eine dahingeschwundene Zeit natür-*\nlieh unverkäuflich.\" Er ist unersättlich, der Doktor. 0 Gelegen-\nheit ohne Fleischkarten. 0 beredtes Schweigen. Herr Servaes ist\nnun gefüllt: „Dies alles sah ich und hätte bei neugierigem\nSchnüffeln noch mehr sehen können.\" Zu jedem Ullsteinbuch\ngehört ein Schuß Erotik: „Denn da stand in einem Nebenzim-\nmer, in dem eine nackte Gliederpuppe sich auf einem alter*\nDiwan breit machte, noch ein sehr geheimnisvoller Kasten, der\nmit Zeichnungen, Radierungen und Lithographien bis oben hin\nangefüllt ist. Einige davon bekam ich auch zu sehen. Doch\ndarf man schließlich nicht alles ausplaudern.\" Was mag in dem\nKasten gewesen sein. 0 beredtes Schweigen. Jedenfalls nichts\nfür die Leser der Vossischen Zeitung, O Gliederpuppe, Doch\ndarf man schließlich nicht alles ausplaudern: „Jedenfalls, als ich\nmich nach ein, zwei Stunden dankend empfahl, fühlte ich mich\nmit neu gewonnenen Eindrücken überreich beschenkt,\" Wort-\nkarg geht er hinaus in den jugendlichen Maienglanz der Klop-\nstockstraße. An fliederduftenden Vorgärten vorbei. Die ganze\nGegend ist jetzt bereits in Sonne ersoffen. Einsam wandert der\nDichter einer großen Tageszeitung an den vielen leuchtenden\nFensterscheiben vorbei. Vorbei in eitel Frühlingsfreude, Ein\nschnüffelndes Kind. Fest in der nicht mehr geleiteten Hand ein\nUllsteinbüchlein, Er pilgert nach Hause, Richtung Roseneck.\nDie schönere Kunst\nDiesmal soll in Leipzig die deutsche Kunst gerettet werden.\nUnd zwar von einem Herrn Dobsky. Herr Dobsky hat eine\nZeitschrift, die sich Deutsche Volkskunst nennt. Herr Dobsky"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.7", "texte": "Maria Uhden: Holzschnitt / Vom Stock gedruckt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.8", "texte": "hat auch einen deutschen Volkskunstmaler entdeckt. Der Mann\nheißt Anton Schöner. Man erfährt durch die Güte des Herrn\nDobsky, daß Herr Schöner „in der Stadt Albrecht Dürers und\nanderer Großen der Kunst zur Welt gekommen ist, das ist zu-\nnächst erstmal der einzige Vorzug gewesen, der ihm be-\nschieden war.\" Dürer kann sich vor Freude nicht lassen. „Aber\ndas ausgesprochene Talent, das Mutter Natur ihm nun einmal\nbescheert, war doch auch wohl etwas wert.\" Die JWirkung so\nguter Eltern, des Vaters Dürer und der Mutter Natur blieb\nnicht aus; „Seine etwa zwanzigjährige Tätigkeit in Berlin machte\nihn dort zu einem sehr gesuchten Porträtisten und wie Lenbach\nin München, so sah Schöner in Berlin eine Reihe der hervor-\nragendsten Persönlichkeiten in seinem Atelier.\" Aber nicht\nnur, daß er die hervorragendsten Persönlichkeiten bei sich sieht,\n„doch auch als Schriftsteller steht Schöner im Dienst der Kunst.\nMit unerschrockenem Kämpfermut hat er sich zum eifrigen Ver-\nfechter einer guten und gesunden deutschen Kunst gemacht.\"\nEr hörte aber deshalb nicht auf zu malen. Er hat sich zum\neifrigen Verfechter seiner guten und gesunden deutschen Kunst\ngemacht. In seiner Tätigkeit ist ihm nur ein Dorn im Auge:\n„Ihm ist vor allem die Herabwertung der deutschen Kunst durch\ndie Ueberschätzung einzelner zu Ungunsten vieler anderer ein\nDorn im Auge.\" Herr Schoner fühlt sich nicht genug über-\nschätzt, weshalb Herr Dobsky ihn heraufwerten muß. Wer\nist Herr Dobsky. Er ist nicht nur der Herausgeber der deut-\nschen Volkskunst in Leipzig, er hat auch ein Buch geschrieben.\nEs heißt Deutscher Humor im Bilde. In seiner Deutschen Volks-\nkunst läßt Herr Dobsky seinen Humor also heraufwerten: „Und\nauch in der bildenden Kunst ist man am ehesten empfänglich,\nwenn sie in den leicht beschwingten Pfaden des Humors wan-\ndelt.\" „Die bildende Kunst in leicht beschwingten Pfaden\nwandelnd, ist ein gutes und gesundes deutsches Bild von Anton\nSchöner. „Wohl hätte sich, das wußte gewiß auch Dobsky, aus\ndem Thema ein ganz dicker Band machen lassen.\" Gewiß\nwußte das Dobsky, Dicke ist aber der Leichtbeschwingtheit\nhinderlich. „Von Meister Albrecht Dürer bis zu den Modernen\ngeht der Weg, dem man zu folgen hat,\" Der Weg, der leicht und\nSchönerbeschwingte, „Und daß er lustig und erheiternd ge-\nworden ist , , , dafür bürgen auch die warmherzigen, froh-\nstimmenden Worte.\" Mich hat schon die warmherzige Be-\nsprechung frohgestimmt. Doch Herr Dobsky kann auch furcht-\nbar böse sein, wenn die Kunst nicht noch schöner ist. Er hat\nzunächst einen Verein in Leipzig gegründet, weil ihm meine\nTätigkeit ein Dorn im Auge ist. Das gleiche Leiden hat die\nHerren zusammengeführt. Ich bin sehr für Vereine. Vereine\nmachen mich geradezu glücklich. Es erleichtert mir das Leben,\nIch bitte dringend alle Freunde gesunder Kunst einzutreten.\nDann kann ich sie wenigstens alle auf einmal erledigen. Ich\nhabe sie alle auf einem Platz, in Leipzig, Gabelsberger Straße 1,\nIch kann nicht jeden Dobsky finden. Ich warte auf die Tätig-\nkeit, meine Herren. Vorläufig drohen sie mit der Staatsgewalt.\nEin Rechtsanwalt ist sogar eingetreten. Ich werde den Staats-\nanwalt spielen und zwar so, daß den Herren bald der leicht\nbeschwingte Humor vergehen wird. „Ein Maler, der blaue\nPferde malt, weil er vorgibt, sie so zu sehen, der die natürliche\nErscheinung und das Fleisch eines Frauenkörpers zu wider-\nlichen schmutzigen Klumpen herabwürdigt, der ist ein Könner,\nein Genie, der andere, der mit Ehrlichkeit * und Fleiß ein an-\nständiges Bild malt, ist ein Kitschier, über den man sich lächer-\nlich macht Man ist noch lange nicht anständig, wenn man ehr-\nlich und fleißig ist. Man ist noch lange nicht Könner, wenn\nman braune Pferde malt, weil man vorgibt, sie so zu sehen.\nMan ist erst Könner, wenn man sehen kann, also keinen Dorn im\nAuge hat. Man ist noch lange nicht Genie, wenn man Könner\nist. Und Fleisch ist noch lange kein Jedenfalls,\nHerr Dobsky ist furchtbar böse, wenn man ihn blau malt. Ich\nwarte, meine Herren. Der Verein soll seine Tätigkeit beginnen.\nIch werde Sie aller Farbe entkleiden. Herr Dobsky soll weiß\ngewaschen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung.\nDas kommt vom Uebermalen\n~Ich bin zu Professor von Lenbach gegangen, um ihm die\nLandschaft zu zeigen.. Lenbach sagte, daß er das Bild nicht\nkenne und keine Idee habe, wer es gemalt habe.\" „Die Land-\nschaft soll doch ein Lenbach sein, obwohl er sagt, daß er das\nBild nicht gemalt habe. Ein hiesiger Künstler versichert mir,\ndaß er gesehen, wie Lenbach in Gegenwart Makarts daran ge-\nmalt habe. Lenbach soll sehr häufig seine Arbeit nicht mehr\ngekannt haben.\"\nAber Herr Lenbach kannte nicht nur seine Bilder nicht,\nweil es keine Bilder waren. Er hatte auch Humor, Künstlerwitz.\nKein geringerer als Herr Karl Scheffler, Herausgeber von Kunst\nund Künstlern, veröffentlicht diese Anekdote: „Zu Lenbach\nkam einst eine reiche, etwas eingebildete und nicht eben\nhübsche Dame. Herr Professor, sagte sie, ich möchte mich von\nIhnen malen lassen, ich möchte ein ähnliches und schönes Bild\nhaben. Lenbach erwiderte: Ja gnädige Frau, da müssen sie sich\nschon für das eine oder das andere entscheiden.\"\nDer schöne Humor des Herrn Professors ist seinen Bildern\nzum Verwechseln ähnlich.\nDer Ueberzeitgenosse\nHerr Karl Sternheim hat sich eilten „Berg' sogenannter mo-\nderner Literatur kommen lassen. Und zwar von seinem Buch-\nhändler. Und schreibt darauf im Berliner Tageblatt: „Aber\nwas trotz gehöhtem Stil, unbändig kreißenden Perioden aus die-\nsen oft mit Schaum am Mund Sprechenden mir nicht entgegen-\ntönte, war der Beweis großer einzelner Person mit eignem fer-\ntigen neuem Bild der Welt, von dem den Zeitgenossen sie den\nüberwältigenden Eindruck gibt.\" Ich begnüge mich mit Karl\nSternheim. Der Zeitgenosse ist überwältigend. Er schafft ein\neignes fertiges neues Bild der Welt. Die Welt wollte nur Herrn\nKarl Sternheim sitzen. Sie hat es mir selbst gesagt. Und wer\nes etwa nicht glauben will, der frage das Berliner Tageblatt. Im\nUebrigem teile ich Herrn Sternheim mit, daß der Sturm nicht\nmodern ist. Sein Buchhändler hat ihn falsch unterrichtet.\nSturm ist Ewigkeit.\n\nHerwarth Walden\n\nGedichte\nWilhelm Runge\n\nSeine Stimme schüttelt leis das Blatt\ntritt auf Zehen in die Sommerseide\nTrillern lauscht\nblaß zittert Dursten\nBienen tasten Duft\nHimmel klettert tauen durch die Gräser\nMücken stoßen ihre Ellenbogen\nGrille jubelt wiesenriesenweit\nund die Vögel wiegen eine Ferne\nin den blauen Zwitschersonnentag.\n#\nAuge reißt die Bäume von den Hangen\nSchluchzen wirft sich in die Wiesen wund\nbricht der Sonne Streicheln in den Händen\nstößt die Andacht aus der Blumen Arm\nHohn gellt Bluten\nZucken\nSterben\nModern\nFragen windet Schluchten durch die Stirn\nLächeln tanzt\nStreicht leis vom Kleid die Falten\nund die Zeiten küssen seinen Saum,"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.9", "texte": "Paul Klee: Zeichnungen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.10", "texte": "Tornister zuckt und schilt über die Schultern\nAechzen quält Rücken\nArme baumeln Schlaf\nDer Willen schreitet\nFüße murren Folgen\nDie Erde bäumt\nGekreisch und Stäuben splittert\nGranaten grinsen Grauen\ngröhlen Sterben\nBlut bettelt Atem\nSeele lächelt Ahnen\nund in den Windeln strampelt ein Gebet.\n*\nVerbissen knirscht die Erde\nreißt ab den Sommerplunder von dem Leibe\nblau aus den welken Augen tränt der Himmel\ndie Steine ziehen ihre Schultern ein\nund spötteln Menschen\nweichen\nstarren Sterben\nstill hebt die Nacht den Finger an den Mund\nKanonen gröhlen ihren grellen Hohn\nund poltern hin durch Beten\nFluchen\nSchreien\nHerz lächelt nieder sie auf ihre Knie\nstumm 1\nblicken ihre heißen Stirnen\nDank.\n*\nHeiß winkt dein Auge\nStirne tanzt Vergessen\nleichtherzig wirft dein Mund die Kleider ab\nan meines Willens Tür.\n•all deine W/orte stoßen\ndrängen Einlaß\nlaut bittet Zittern\nleise schämen, gehn,\nfern in der Seele schluchzt die Ahnung Lieben\nund Küssen kränzt der Tränen Kinderstirn.\n\nAngriff\nKurt Heynicke\n\nZweiundsiebzig Stunden heult die Luft.\nJede halbe Minute durchjauchzt eine wollüstige Granate,\nUnser nasser Körper wechselt die Erdlöcher.\nWir pressen uns aneinander.\nDie Nässe zerschneidet unsern Körper in tausend frierende\nTeilchen.\nUnsre Nerven sind tot.\nBlut stiert in unsere stumpfen Gedanken,\nBlut in die krampfhaften Augen,\nUnser Maschinengewehr wächst uns in die Hände,\nDer Spaten gräbt kleine Gruben,\nDie Geschosse singen sich durch die Ohren,\nPressen die Gehirne zusammen.\nBohren, schreien wuthaft auf,\nzersplirren in tausend tötende Teilchen.\nSingen der nächtlichen Vögel aus Stahl,\nFlirren im Flackerlicht zuckender Raketen,\nUnsre Herzen sinken in die Erstarrung\nPeitschen sich neu in das Leben,\nV\nStehen sprungaufl\nSinken.\nStehen wiederaufgepeitscht zuck da!\nKeine Angst. *\nNur Lust.\nLust am Leben,\nFernes Leben,\nRote Dächer, Wälderberge, Städte im Licht,\nMädchengeflüster, Kinderwiege,\nViel Blut. Schreie. Toten-Tanz. Schlamm,\nDreck. Uferlose Flüche, Gebete, Bete!!\nAlle Gedanken schreien nach dem Morgen,\nBeten. Fluchen, Toben, Brüllen.\nDie Luft wird kühler.\nDie Sprengstücke klirren heller.\nSacht sinkt aus der Nacht die Dämmernis,\nJetzt,\nDas Rasen ebbt.\nLangsam,\nNach und nach.\nFlutet wieder. Hinter unserm Rücken, rasend,\ntobend, Gardine des lebendigen Todes,\nbereitet vom Wahnsinn der menschlichen Hirne,\nGas,\nGasmasken,\nDie Kautschukfratze vors Gesicht,\nDer Augenblick drückt die Brust zum Bersten,\nHandgranaten bellen.\nFremde Flüche,\nDeckung,\nBraune Menschen-Flut.\nWellen vorbei.\nMeer von pfeifenden Geschossen, bellenden Handgranaten,\nwütenden Händen,\nDie Maschine mäht Menschen,\nEs singt unser Gewehr,\nBlut.\nSchlamm.\nTod.\nWieder braune Flut,\nZurück.\nVorbei.\nMeer von Geschossen.\nBrandung des Todes,\nFlut,\nZurück.\nHeulen,\nWär sind!\nWir.\nV\nUnsre Hände kosen das Gewehr.\nAlle Dinge werden schlaff,\nLeere schöpft unsere Hirne aus.\nEs ist alles süß und müde.\nEs ist alles tot.\nDreihundert Meter vor uns hockt ein Tank,\nUnsre Granaten treffen an seinem Leibe.\nWir sind tot.\nRuhe.\nDa!\nFlut! Erde reißt hoch, Dreck und Eisen\npeitscht neue Gewalt.\nNeuer Tanz.\nSchrei und Blut,\nUnser liebes Gewehr wächst uns an die Brust,\nDer Spaten frißt gelbbraunen Lehm,\nRegen durchsticht unseren Rock,\nRegen tötet unser warmes Blut\nNeuer Tanz.\nTobende Winde,\nBlühende Wiese von Schrapnellen über uns.\nKein Ende.\nt , - . /\nDer Tod ist mein lieber Freund,\nLieber Freund, ich bete"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.11", "texte": "Paul Klee: Zeichnungen"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.12", "texte": "Marienlieder\nGünther Mürr\nTausendfach Du\njeden Herzschlag alt und neu Geliebte\nStrom und Fisch Du\nsüßes Blut und Herz\nStrahl und Stern Du\nmilde Hand und Streicheln\nKüsse ich den Schmerz aus Deinem Schein,\nBlutmeer sündflutbrandend steigt\nWir eng umschlungen, Grenzen hingeschmolzen,\nknien uns inbrünstig in alltragende Liebeshand«\n*\nSollst Du fallen,\nlaß die Krallhand los\nstürz ab, gleit ab,\nsinkst Du in die Ewigkeit,\nDir verschlungen Marie fällt mit Dir,\nlichthin, kreuzhin,\nliebewärts,\nhimmelnah und weit,\nlichthin, kreuzhin,\nüber Meer und Stern,\nfallend wandelnd Weh und Schmelz,\nlosgelöst, entbunden,\nschwungen Freis,\nlichthin, kreuzhin,\naufzublühn,\neinzuwachsen\nin knie enden,\nin anbetenden Liebesleib,\nWollen zerfasert in dem eintönigen Wind,\nRegen fältt schwer, sinkt schwer,\nSumpf wächst, Sumpf steigt,\nIch sinkt ein, tief und tiefer ein,\numwirrt von Dunst Zigarettenrauch.\nRegen tupft, plattert vielsilbigen Einton,\nNur fern, nur klein\nsüßes Lied vom Du.\n*\nNun Strahl,\nnun Welle,\nüberstilles Kreisen,\nnicht auf, nicht ab,\nlahm bleibt Sonne zurück\nFlug fällt\nSchuß ab\nAuge auch ermattet.\nIn der Hand tausendliebe Marienlast.\nSünde ab,\nAngst ab.\nHell und Dunkel lösch.\nSchwingen, Sausen, Stille ewigen Kreises.\nStets Du Demiutgebeugte\nzieh mich zu Dir in stillen Staub.\nNie fügen Hände, Arme sich so in einander.\nEines Atem Umarmte wir.\nGeist neigt, beugt sich,\nwirft sich aufschlagend in Staub,\nHerz bleibt hängen an steilem Ich,\nAus Dir erbarmende Strenge\nzieh mich geistnach,\nHerz, schmilz hin.\nDu, Marie mir.\nHeiz, brich ihr nach.\nFlamm auf,\nflamm auf,\nbis k:b erbrannt verbrenne!\nKTing auf,\nkling hin,\ndaß ich mit schwingend verklinge!\nSei ich,\no Du!\nWir\nER\n*\nErde kleint, Mond gelbt,\nHöhe dunkel steigt jesusweit,\nHasse Rakete zuckt, Verräter,\nabfällt, muß todwärts.\nHerz steigt auf,\nreißt fetzendes, durchsticktes Wolkenkleid,\nfliegt in unendliches Herz.\n*\nTiefbrauner Samt\nheimatschweres Männersingen\nhell zieht jungzärtliche Stimme\nweißgoldene Streifen.\nFernfernes Mädchen,\nnahgeliebtes.\n\nWilli Wille!\nMynona\nAch Sie! Tun Sie doch nicht so! Sie kennen ja doch die\nHefe des Volkes, den Mob, den Pöbel, das Volgus, die Plebs (ge-\nbildete Leser müssen sich hier mit „der, die, das\" sehr in Acht\nnehmen), den Janhagel. Sie kennen die Plebs, aber Sie ken-\nnen sie nicht genug. Mit einem Worte, Sie kennen den Schwei-\nnehirten Willi Wille nicht. Vertrauen Sie mir, daß seine Ge-\nburt über und über bemakelt war. So etwas von befleckter\nEmpfängnis hat sich, seit Adam und Eva, vielleicht noch niemand\ngeleistet (selbst Ewers, Alraune nur mit schwerem Herzen aus-\ngenommen). Seine Ahnen waren sämtlich Verbrecher, die Müt-\nter Dirnen: freche Königsmörder, Unzüchtlinge, Blutschänder\n(Oedipus nur Waisenknabe); es ist keineswegs gänzlich auszu-\nschließen, daß Willi so etwas wie sein eigener Enkel war, in dem\ner sich seiner Großmama .... doch Diskretion. Er war das\nMusterstück schlechter Rasse: sein Blut roch nach allem, nach\nNegern, Pescherähs, Mongolen, Semiten, Germanen, sogar nach\nMenschen-Affen; er erinnerte an den Herrn Haeckelschen Pi-\nthekanthropos. Als Houston Stuart Chamberlain ihn zufällig\nsah, fühlte er sich vom sogenannten der Schwange-\nren angewandelt: dieser Zufall erst ermöglichte ihm die intui-\ntive Einfühlung in solche hysterischen Phänomene. Der Bauer,\nder sich diese Spottgeburt von Schweinehirten hielt, hätte, mit\nlebhaftem Vergnügen, vor dem geringsten seiner Schweine den\nHut tiefer abgezogen als vor diesem konzentrierten Unflate.\nWilli war ein fleischgewordenes Pfui. Es kam eines Tages so\nweit, daß sein Hund Willis Kopf als . . . Prellstein benutzte —\nund daß Willi nur darüber grinste und sich die Lippen leckte.\nMeine teuren Leser verzeihen mir, daß ich sie zum Abstieg in\ndiese Senkgrube menschlicher Gemeinheit zwinge; das hat ja\nauch sein Angenehmes; desto olympischer dürfen sich auch die\n\nIch hasse alle Menschen,\nIch liebe unser Maschinengewehr,\nIch liebe das Sterben,\nDen Schlaf.\nDie Luft zerrt wütende Töne.\nEs rauscht.\nLieber Tod.\nLieber, lieber Tod."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.13", "texte": "ftiißgeborensten Leser fühlen. Wlillis Rekord in der leiblich-\nseelischen Verdreckung schlägt doch niemand — geben Sie sich\nkeine Mühe, Herr v, H , .ml!\nWird man es nun für möglich halten, daß gerade Willi eine\nAnrührung absolut solitärer Art in sich empfand, wie sonst nur\nvereidigte Religionsstifter, Philosophen, Genies und besonders\nTatmänner höchster Ordnung? Wie soll ich das nur glaub-\nhaft, nur einleuchtend machen! Ich will mir alle Mühe geben,\nbis selbst Chamberlain mir gerührt zugesteht: ja, Mynona, es\nist dir gelungen; du hast flas Herz mir bezwungen, Ein tausend-\nprozentiger weiserer Autor als ich hat das Verdienst mit dem\nSchießpulver verglichen: je stärker, sagt er, es komprimiert, also\nbeeinträchtigt würde, desto drastischer sei die Wirkung, die\nExplosion, Setzen wir nun, Spaßes halber, den Fall: Das, was\n— in degenerierten, dekadenten, neurasthenischen Menschen —\nschauerlichst komprimiert, beeinträchtigt, entstellt, verwahrlost\nwürde, sei dasselbe, was vornehme Charaktere, mit beneidens-\nwertem Augenaufschlage, „Gott\" nennen, so müßte, genau im\nFalle der in- und extensivsten Kompression und also Verwahr-\nlosung, diese so abscheulich gehemmte innerste göttliche Selbst-\nempfindung nur desto vehementer explodieren. Die Sonne kriegt\ndie strahlendeste Corona bei Verfinsterungen. Kein Himmel-\nblau ist seliger leuchtend als das durch die schwärzesten Wol-\nken dringende. Oh, wie furchtbar irren Sie, wenn Sie meinen,\nder Dreck setze keine Reinheit voraus. Im Gegenteil, gerade\nnur die makelloseste Reinheit ist der Befleckung fähig; nur die\nUrgesundheit der Erkrankung; nur Gott des Teufels, Voraus-\ngesetzt wird, wo nur irgend von Irrtum, Sünde, Häßlichkeit die\nRede geht, stillschweigend immer, nolens volens, das Schöne,\nWahre, Gute, Göttliche, Und man sollte es eben nicht still-\nschweigend, sondern ausgesprochen, wissentlich und willentlich\nvoraussetzen — dann würde man den Teufel besiegen; denn im\nselben Momente, in welchem sich dieser nicht mehr als etwas\nan sich selber Seiendes, sondern nur noch als die Verrenkung\nGottes empfindet, zieht er es vor, sein eigener Orthopäde zu\nWerden.\nWundern Sie sich also nicht allzu sehr, daß just Willi eines\nschönen Tages die erste Anwandlung dessen in sich verspürte.\nWilli bedeutet ja eben den Schulfall eliner solchen Selbstentdek-\nkung des Göttlichen gerade in der fratzenhaftesten Entstellung\nund Verrenkung. Sie erkundigen sich höflich nach der Möglich-\nkeit einer derartigen Depravation der göttlichen Reinheit? Wie\noft soll ich Ihnen betonen, daß Gott kein träges Prinzip, sondern\ndurch und durch Selbstbemühung ist! Wenn es von Freiheit\nund Leben heißt, nur der verdiene sie sich, der täglich sie er-\nobern hälfe, so gilt dieses eigentlich von Gott. Seine Bemühung\num sich selber ist aber keineswegs fatal: er muß nicht, ist nicht\ngezwungen, sondern frei — und in seiner Freiheit gerade lie-\ngen alle Möglichkeiten und Gefahren der niedrigsten Selbstver-\nwahrlosung. Immerhin aber ist, und gerade im Falle der tief-\nsten Gesunkenheit, das Göttliche mindestens potentiell energisch.\nSchuld kann sich nur an der ursprünglichen Unschuld zeigen.\nAuf irgend einen der zahllosen Anlässe seiner Verworfenheit\nmachte Willi die Bekanntschaft mit sich selbst in diesem unschul-\ndig, göttlich ursprünglichen Sinne, Diese Bekanntschaft aber\nschlug wie ein Blitzstrahl in ihn ein.\nIn ihm loderte die göttliche Flamme auf, das Freiheits-, Un-\nschulds-, Allmachtsbewußtsein, der Urwille, der Schöpfer, das\nAllerinwendigste inmitten seiner entsetzlichen psycho-physi-\nschen Misere. Schauen Sie sich doch unter Ihren Bekannten\nuni! Es gibt kein teuflisches Prinzip; das ist der tollste, der\nverderblichste Irrtum: es gibt nur das göttliche Prinzip, den be-\nsten, friedlichsten, verträglichsten Willen. Aber, wehe! wenn\nman um sich selber nicht diesen Bescheid weiß; wenn man sich\nselber in dieser göttlich innersten Bedeutung vergißt, vernach-\nlässigt, sich gehen läßt — voilä, das ist der „Teufel\", die Unver-\nträglichkeit, der Krieg, die Zwietracht: kein Prinzip, sondern\ndie Selbstvernachlässigung des göttlichen Prinzips. Nicht, als ob\nWilli diesen Gedanken deutlich dachte; er war kein Denker,\naber er dachte ihn .... als ein unerhörtes Gefühl, das seine\nMuskeln zur Tat schwellte. Zunächst zur Untat, zum Verbre-\nchen. Konnte es anders sein? Mit einem einzigen Schwünge\nwar er über den Müllhaufen seiner Existenz hoch hinausversetzt.\nEr, er in seiner innersten Allmachtsbedeutung, in seiner voll-\nkommenen Freiheit, sah, wie vom Himmel her, so Sauhirten wie\nKaiser und Könige. Willi schmiß seinen knorrigen Hirtenstek-\nken weit weg und ging durch die Lande, deren Herrn er sich\nwußte und fühlte. Sein eigener Name, Wille, befeuerte ihn wie\neine Siegesfahne. Darauf — man erschrecke nicht — ermordete\ner gegen sechzig Menschen mit eigener Hand; Männer, darunter\nEisenbahnbeamte, Kegelklubmitglieder, Barone, Damenimitato-\nren, einen Philosophieprofessor, ein paar Rentier und einen Kü-\nchenchef; dreiundzwanzig Weiber, unter anderem Fräulein Dr.\nKäte Mirrschacher, die Kaiserin Kreuzwendeime, fünf alte\nHofdamen, eine Apothekersfrauen, die einhunderteinund-\nsechzig Jahre alte Greisin Ganghofer, die Bedürfnisan-\nstaltsehrenbeamtin Bratenau und ein ganzes Fräuleinstift;\nden Beschluß machte er mit einigen Kindern. Er lief Amok,\nmachte bunte Reihe. Natürlich war es kein Tropen-, aber der\nAllmachtskoller. Willi war kein gebildeter Mann, sonst hätte\ner sich darüber aufgeklärt, daß Allmacht sich nicht mordsmäßig,\nsondern ordentlich auferbauend äußere, widrigenfalls sie ja nur\nsich selber, ihre eigene Schöpfung, zerstöre. Darüber darf man\naber nicht ungerecht werden und nicht vergessen, daß Willis\nRaserei immerhin streng göttlich intendiert war. Er war ein\ni bischer ''^^r^rßclißr ; sein Zweck war die ungehemmte\nAustragung seiner inwendigen Allmacht; er mußte schonungs-\nlos gegen alles bereits Vorhandene sein und leistete hierin Er-\nstaunliches. Es ist keine Kleinigkeit, in unseren so zivilisierten\nZuständen erst nach gelungener Ermordung von mehreren\nDutzend Menschen gefangen gesetzt zu werden.\nSelbstverständlich mußte sich Willi ins Irrenhaus verfügen.\nUnd selbstverständlich dokterten der Psychiater Dr. Futsch und\nPastor Pauke ahnungslos an ihm herum, Sie diagnostizierten auf\nParanoia, und Pastor Pauke gab den Rat, um Willis geheimes\nMordmotiv zu eruieren, die psychoanalytische Methode anzu-\nwenden.\nInzwischen aber ereignete sich mit Willin, in der Eremitage\nseiner Isolierzelle, ein Wunder. Das Erhabenheitsgefühl, womit\ner, von seinem allmächtigen Innnern aus, auf sich als armseligen\nSchweinehirten hinsah, intensivierte sich mehr und mehr, bis es\nschließlich dermaßen kulminierte, daß er, von diesem innern\nGipfel her, des Schweinehirten wirklich omnipotent wurde.\nWilli war jetzt, auch leiblich, ganz und gar in der magischen Ge-\nwalt seines Innern, des schöpferischen Willens. Pastor Pauken\nfiel, noch früher als dem Dr. Futsch, diese Veränderung rein\näußerlich hell in die Augen. Dr Futsch, den er darauf hinwies,\nmeinte nur: Kerl erholt sich bei der guten Pflege. Aber Pauke ver-\nstand es tiefer, verhängnisvoller; er verstand es so, wie Dr.\nFließ es verstanden haben würde, nämlich als Euphorie. ~Geb-\nen Sie Acht, lieber Doktor, er flackert noch einmal auf, bevor\ner stirbt; eben daher scheint sich nun auch das Verantwortlich-\nkeitsgefühl wieder einzustellen. Ich gewinne Hoffnung, daß er\nbereue.\" Dr. Futsche blieb skeptisch, beschloß aber, Willin ge-\nnauer zu untersuchen.\nIn der Tat aber begann ;Willis allmächtiger Wille endlich,\nbesonnen statt rasend, nach außen zu wirken, zuvörderst auf\nWillis eigenen Leib. Schon aber machten sich leiseste An-\nzeichen bemerkbar, daß er durch diesen Leib magisch auch auf\nandere Leiber, ja auf Lebloses übergreifen könnte. Gewiß, der\neinzelmenschliche Wiille, sogar die Summe einzelner Willen\nrichtet wenig genug und auch dieses Wenige am wirksamsten\nnur technisch-mittelbar aus. Hingegen der inwendigste, ek-\nstatisch in die göttliche Allmacht verzückte einzige Sonnen-\nwille ist die magische Kraft aller Kräfte, die Beherrscherin aller\nNatur, Analog aber wie es in der Technik lange Zeiten dauert,\nbevor man sich einer Naturkraft vernünftig bemächtigen lernt:\nanalog genügt es nicht etwa, innerlichst allmächtig zu sein, um\nmit dieser inwendigen Allmacht auch äußere Wirkungen zu er-\nzielen; sondern der göttliche Schöpfer im Innern muß, will er"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.14", "texte": "nach außen sich betätigen, zum bescheidenen Schüler werden\n— und eben diese schwierige Bedingung verhindert unter Men-\nschen die Magie des Willens, Denn entweder gibt es fleißigste\nLehrlinge, welche aber, in Ermangelung der inwendig göttlichen\nKultur, sich nur empirisch-technisch behelfen können; oder re-\nligiös-ekstatischen Willen, der dann voreilig auf alle Welt und\nWirklichkeit resigniert. Sehr selten finden wir in der Men-\nschengeschichte diese Bedingung der Magie auch nur halbwegs\nerfüllt, daß der schöpferisch innerste Wille sich alltäglich nüch-\ntern zu äußern bestrebt ist; sondern meistenteils geschieht ent-\nweder an der Welt, der Wirklichkeit, oder am innersten Willen\nirgend ein Abbruch; aber der zarteste Abbruch macht die Magie\neigentlich unmöglich. Höchstens ästhetisch-künstlerisch bewirkt\nsie das Genie,\nAuf Willin jedoch traf die Bedingung überraschend zu. Rein\näußerlich mehr als derb alltäglich von dieser Welt, ein grobes\nStück Fleisch, war er im Innern ganz und gar götticher Aether,\nschöpferischer Anhauch, Und als ihm, durch längeren Aufent-\nhalt im Irrenhause (Gummijacke, niedrig-enge Zelle, zugleich\naber nahrhaftere Kost) die tobende Raserei, das finstre Mißver-\nständnis zwischen heilig-allmächtigem Geist und gierig-triebhaf-\ntem Fleisch sich zu lichten, und, immer mehr zunehmend Beson-\nnenheit einzutreten begann, mußte endlich der Geist der All-\nmacht das Fleisch erfassen, bis das Wunder der magi-\nschen Einwirkung des Geistes auf die Außendinge slich\nimmer deutlicher ereignete; zunächst aber, das war Patsor Pau-\nken aufgefallen, an Willin selber — „Menschheit\" (um auch\nSchillern endlich wieder das Wort zu geben) „trat auf die ent-\nwölkte Stirn/' Die Materialisation des göttlichen Geistes, seine\nauch nur einigermaßen adäquate Inkarnation, ist keine leichte\nSache, sondern tarn difficile quam rarum, weil der göttliche\nGeist selber das seltenste Wunder aller Wunder ist. Nur die\nSchlaraffen-Phantasie hat erbärmlich faulpelzige Vorstellungen\nvon Allmacht, Hört ihr aber nicht, ihr sterile Schlaraffen, wie\ndas göttlich-inwendige Allmachtsbewußtsein in Dr, Faust auf-\nstöhnt, daß es nach außen nichts bewegen könne. Ja, solange\nFaust, anstatt sich selber zu vertrauen, vermittelst des mephi-\nstophelischen Hokuspokus, nach außen wirken wollte, blieb er\nder Untertan eines rasendzerstörerischen Willens, Er wünscht\nsich die Magie des Selbstvertrauens: „Stünd' ich, Natur, vor dir,\nein Mann allein!\" Das Wunder der Erlösung von Ohnmacht und\nBeschränkung vollzieht sich erst, wenn die eigene „starke Gei-\nsteskraft die Elemente an sich heranrafft,M\nPastor Pauke hatte allen Grund, über das sich immer reiner\nverklärende Aussehen Willis, über die Verwandlung des Pithe-\nkanthropus in das unverkennbar Seraphische zu erstaunen. Die\neinzige Erklärung, welche er ausfindig machte: daß Willin der\nTod nahe, war nicht einmal falsch, aber doch anders richtig als\ner dachte. Der sogenannte Tod — das ist eben, allerdings un-\nheimlich verborgen noch die unerhörte eigene Schöpferkraft,\nwelche freilich hier, da sie sich nicht mit Wissen, Willen und\nvoller Selbstgefühl kultivierte, in furchtbarem Inkognito, wie\nvon außen, an das Selbst herantritt. Versteht ihr die physiolo\"\ngische Hieroglyphe der Natur, die engste Benachbarung der Or-\ngane der Zeugung mit denen der Verwesung? — Willi verklärte\nsich engelhaft. Herr Doktor Futsch, Pastor Pauke und ein paar\nGefängniswärter überzeugten sich davon. Sie versammelten\nsich in Willis Zelle. Futsch untersuchte ihn sorgfältig und\nmochte der Diagnose Paukes (auf Euphorie) nicht zustimmen,\n„Ih wo,\" sagte er, „is nich, Pauke, der Junge fühlt sich ganz ein-\nfach sauwohl; er war ja auch ein Schweinekerl\", Pauke wider-\nsprach, er fing wieder mit Dr. Fließ an. Und angesichts des\nalso bevorstehenden Todes redete er Willin mitten (ins Gewissen:\n„Sechzig gute Herren, Damen, Männer und Weiber, und, fürch-\nterlich! auch einige Kinder hast du umgebracht. Bist du nun\nzum Bewußtsein dieser schnöden Taten erwacht und bereust du\nsie? Bedenke dein baldiges Ende!\"\nWilli brach in das herzlichste Gelächter aus, sodaß alle\nWärter sich in der Richtung auf ihn in Bewegung setzten, aber\nplötzlich wie entgeistert innehielten — sie empfingen schmerz-\nhafte elektrische Schläge, welche ihnen Arme und Beine fast\nlähmten. Futsch und Pauke retirierten vor Willin, der, immer\nnoch lachend, auf sie zuging, ohne daß die Wärter sich im Stande\nfühlten, es zu hindern. Wille sagte lachend: „Ich bin vollkom-\nmen unschuldig, und deshalb kann ich alles, was ich will. Es\ngibt gar keinen Tod, Wer stirbt, hat nie gelebt. Wer mordet,\nmordet garnichts. Warum sind sie nicht haltbarer? Ich tötep\nich belebe, ich bin der liebe Gott!\"\nFutsch, mit dem berühmten Tierbändigerblick, sah Willin\nins Auge und versuchte, ihn zu bannen. Da kam er schön an:\nWille schickte ihm seinen Blick wie eine Pistolenkugel zurück;\nFutsch sank um wie ein Klumpen Lehm. Pastor Pauke schrie'\nzitternd, indem er sich dem Monstrum allein gegenüber befand:\n„Frevler! Fürchte das Schreckensgericht!\" „Fürchte du es\nselbst, Pauke!\" frohlockte der strahlende Schweinehirt, Auch\nPauke sank wie entseelt dahin; die Wärter standen im Starr-\nkrämpfe, Willi schritt, an ihnen vorbei, durch die Tür seiner\nZelle in den geräumigen Korridor und erreichte das Freie, Als\ner auf der Schwelle zur Welt, jenseits des Irrenhauses stand,\ntraf ihn sein eigener Gedanke wie ein Pfeil: Allmacht wird am\nsichersten inkognito ausgeübt.\nNein! Wie denkt ihr euch das? Er durfte sich nicht zuviel\nzumuten. Ja, unter günstigen Bedingungen, mag Allmacht sich\nherrlichst an den Tag geben; unter so elenden aber, wie sie die\nMenschenwelt liefert, würde sogar die Allmacht, welche ja, nach\naußen hin, wie gesagt, einstweilen Schülerin ist, sich überan-\nstrengen, wenn sie sich nicht klüglich verstecken wollte — wie\nder Tod: sie ist der sogenannte Tod\n„Der Massenmörder Willi Wille, der über vier Dutzend\nMenschen tötete, bevor man seiner habhaft wurde, ist heute früh\nals Leichnam, vor dem Portal des Dr. Futschschen Irrenhauses\ngefunden worden. Daß er, trotzdem sich in seiner Zelle der\nDirektor, Pastor Pauke und einige Wärter aufhielten, das Freie\ngewinnen konnte, erklärt sich vielleicht aus dem Paroxysmus des\nTobsüchtigen, der ihm Riesenkräfte verlieh, welche jedoch, man\nmöchte wohl sagen glücklicher weise, zu dessen plötzlichem\nZusammenbruch und Ende führten. Genaueres läßt sich wohl\nerst konstatieren, wenn sich die Beteiligten von dem Chock er-\nholt haben werden, den ihnen die Flucht des irren Verbrechers\nzugefügt hat; besonders Herr Pastor Pauke ist recht arg mitge-\nnommen. — Die Obduktion der Leiche Willes ergab interessante\nResultate. Man fand an den Schulterblättern flügelartige Aus-\nwüchse. Das Antlitz hatte sich durch den Tod sichtlich ver-\nedelt; es erinnert sonderbarer Weise an die Totenmaske\nNapoleons, Die Autopsie der inneren Organe zeigte deren anor-\nmalste Schrumpfungen. Dagegen erwies sich das Nervensystem,\nbesonders das Gehirn, verwunderlich genug, von einer noch nie\ndagewesenen auserlesenen Beschaffenheit, Fachmännischer«\nseits verlautet hypothetisch, daß diese Hypertrophie des Nerven-\nsystems, bei Atrophie der Muskeln und der Verdauungsorgane,\nzu diesen schauerlichen Exzessen geführt habe, — Derartige\nMonstra sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu\nmachen; sie sind als blinde Naturkräfte zu betrachten und zu\nbehandeln. Auch Herrn Pastor Pauken, dem allverehrten wür-\ndigen Manne, der schon in manchem irren Verbrecher das Ge«\nwissen erweckt hat, ist es in diesem entsetzlichen Falle nicht ge-\nlungen, in das Innere des Kranken einzudringen; wahrscheinlich\nhaben derartig Vertierte gar kein eigentliches Innenleben,\"\n\nFür die Zeiten\nDie Kunstkritiker folgender Zeitungen: Berliner Tageblatt /\nBerliner Lokalanzeiger / Vossische Zeitung / Vorwärts haben\nihren Lesern die Oktoberausstellung im Sturm Marc Chagall\nverschwiegen. Ueber Kunst berichten: Berliner Börsencourier\nund B Z am Mittag."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.15", "texte": "Verantwortlich für die Schriftleitung:\nLothar Schreyer\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Verlag\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nVerSag Der Sturm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMoaat&schrift Der Sturm\nBrscheint am iiinizehnten jedes Monats\nBauerbezug\nGewohnliche Atasgabe: Fur Deutsch-\nland und Oesterreich-Ungarn:\nEin Jahr 6 Mark / Ein Halbjahr 3 Mark /\nEinzelheft 1 Mark / Fur das Ausland\nbei direkter Zustellung durch\nd ie P os t: Ein Jabr 8 Mark / Ein Halbjahr\n4 Mark / Einzelheft 1 Mark 50 Pfennig\nSoaderausgabe: Ungebrochene\nExemplare, Versendung in Rol-\nIca direkt durch die Post / Fur\nDeutschland und Oesterreich-\nUagarn: Ein Jahr 12 Mark / Ein Halb-\njahr 6 Mark / Fur das Ausland: Ein\nJahr 14 Mark / Ein Halbjahr 7 Mark\n\n1. Jahrgang\n2. Jahrgang\n3. Jahrgang\n4. Jahrgang\n5. Jahrgang\n6. Jahrgang\n7. Jahrgang\n30 Mark\n30 Mark\n30 Mark\nvergriffen\n20 Mark\n20 Mark\n10 Mark\nI Voll-\nSonder-\nausgabe:\nPre is e der friiheren Jahrgange\nstandige Ausgabe Q^wohnliche\nAusgabe:\n1910/11\n1911/12\n1912/13\n1913/14\n1914/15\n1915/16\n1916/17\nEinzelhefte, sowcit vorhanden, crster bis\nsiebenter Jahrgang je 1 Mark\nvergriffen\n40 Mark\n30 Mark\n30 Mark\n20 Mark\n\nBticher aus dem Verlag Der Sturm\nPeter Baum\nSchiitzengrabenverse\nGebunden 3 Mark\nFranz Richard Behrens\nBlutblute I Gedichte\nOeheftet 3 Mark / Gebunden 4 Mark 50 Pfennig\nHermann Essig\nDer Frauenmut / Lustspiel\ntjberteufel / Tragodie\nIhr stilles Gliick / Drama\nEin Taubenschlag / Lustspiel\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nDer Wetterfrosch / Erzahlung\nJedes Buch 2 Mark 50 Pfennig / Gebunden 4 Mark\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte\nGeheftet 3 Mark / Gebunden 4 Mark 50 Pfennig\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne / Eine Dichtung\nGeheftet 2 Mark\nKreis desAnfangs / Friihe Gedichte\nGeheftet 5 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\nOskar Kokoschka\nMorder Hoffnung der Frauen\nDrama mit Zeichnungen\nGebunden 10 Mark (Auflage 100)\nSonderausgabe vergriffen\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln\nGeheftet 2 Mark / Sonderausgabt 50 Mark\nAugust Stramm\nDu I Liebesgedichte\nGeheftet 3 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der Menschenliebe\nGeheftet 3 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\n\nGesammelte Schriften: Band I\nKunstmaler und Kunstkritiker\nGeheftet 2 Mark\nWeib I Komitragodie\nGeheftet 3 Mark / Sonderausgabe f'O Mark\nSturm-Bucher Is August Stramm: Sancta\nSusanna / II: August Stramm: Rudi-\nmentar / III: Mynona: Fur Hundc und\nandere Menschen / IV: August Stramm:\nDie Haidebraut / V. August Stramm: Er-\nwachen / VI: Aagc von Kohl: Die Hange-\nmatte des Riuge / VII: Adoli Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm:\nKrafte / IX: Aage yon Kohl: Die rote\nSonne / X: Aage von Kohl: Der tierische\nAugenblick / XI: August Stramm: Ge-\nschehen: / XII: August Stramm: Die Un-\nfruchtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland /\nXIV: Lothar Schreyer: Jungfrau\nJedes Sturmbuch 60 Pfennig\n\nMusik\nHerwarth Walden\nGesammelte Tonwerke\nEntbietung / Werk 92\nDichtung von Richard Dehmel\nFiir Gesang und Klavier / 2 Mark\nZehn Dafnislieder / Werk 11\nZu Qedichten von Arno Holz\nFiir Gesang und Klavier / 3 Mark\nDie Judentochter / Werk 17\nFarbige Umschlagzeichnung von Oskar Kokoschka\nFiir Qesang und Klavier / 1 Mark\nSchwertertanz / Werk 18\nFiir Klavier / 4 Mark\nDer Sturm / Heeresmarsch / Werk 21\nFiir Klavier / 1 Mark\nTanz der Tone / Werk 23\nFiir Klavier / 3 Mark\n\nMappen und Alben / Verlag Der Sturm\nHeemskerck-Mappe; Sechs handgedruckte\nund einzeln unterschriebene Holzschnitte /\nAuflage 30 Mappen\nMappe ie einhundert Mark\nKandinsky-Album / Schrift des Kiinstlers\niiber sich selbst mit sechzig ganzseitigen\nAbbildungen seiner Werke von 1901 bis\n1913\nAlbum 10 Mark\nOskar Kokoschka: Mappe mit 20 Blatt\nZeichnungen in Strichatzung\nAuf Kaiserlich Japanpapier 30 Mark\nAuf Costakarton 20 Mark\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe\nMappe mit 15 Zeichnungen auf Japan-\npapier in Strichatzung: Adolf Loos / Her-\nwarth Walden / Richard Dehmel / Paul\nScheerbart / Alfred Kerr / Yvette Guil-\nbert I Karl Kraus / Hermann Essig / Rudolf\nBliimner / Adolf Knoblauch / Mechthild\nLichnowsky / Nell Walden / Max Berg /\nGertrud Eysoldt / Claire Waldoff\nMappe 40 Mark\n\nKiinstlerkarten\nJede Karte 20 Pfennig\nNachl Gemalden, Zeichnungen und Bild\nwerken folgender Kiinstlcr:\nAlexander Archipenko 4 Fernand L6ger 2\nRudolf Bauer 1 August Mack# 1\nVincenc Benes 1 Franz Marc 3\n\nUmberto Boccioni 2\nCarnpendonk 2\nMarc Chagall 7\nRobert Delaunay 1\nLyonel Feininger 1\nAlbert Ql#izes 2\nJacobavan Heemskerck 3\nS. tijert6n-Griinewald 1\nAlexei von Jawlensky 2\nKandinsky 3\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\nCarl Mense 1\nJean Metzinger 1\nGeorg Muche 1\nQabriele Miinter 1\nNegerplastik 1\nGeorg Schrimpf I\nGino Severini 4\n.Fritz Stuckenberg 1\nArnold Topp 1\nMaria Uhden I\nNell Walden 1\nMarianne von Werefkin\n\nSturm-Ausstellungskataloge\nMit Abbildungen\nMarc Chagall\nAlexander Archipenko\nDer Blaue Reiter\nKandinsky\nQino Serverini\nSkupina ! ;\nJe 50 Pfennig\nDie Futuristen\n60 Pfennig\nFranz Marc\n1 Mark\nErster Deutscher Herbstsalon 1913\nMit 50 Abbildungen in Kupfertiefdrucl<\n2 Mark\n\nKimstdrucke aus dein Verlag Dcr Sturm\nAul Japan- und Blittenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nMarc Chagall: Interieur / Der Jude / Der\nGeigenspieler / Die Schwangere / Essender\nBauer\nLyonel Feminger; Klein Schmidthausen /\nMark Wippach II\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka Menschenfcopfe:\n1 Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl\nKraus / 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheer-\nbart I 6 Yvette Guilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\n\nSturm-Kunstlcr / Lichibildkarten\nJede Karte 20 Pfenaig\nI. August Stramm\n11. Herwarth Wald\n111. Jacoba van\nHeemskerck\nIV. Kandinsky\nV. Rudolf Bliimner\nVI. Campendonk\nVII. Peter Baum\nVIII. Hermann Essig\nIX. Oskar Kokoschka\nX. Adolf Knoblauch\nXI. Paul Klee\nXII. Gabriele Miinter\nXIII. Rudolf Bauer\n\nHanddrucke\nOskar Kokoschka: P1 ak a t fur die Zeit-\nschrift der Sturm / Originallithographie\nAbzug 30 Mark\n\nSturm-Einbande\nAuf Japanpapier handgemalt von\nGeorg Schrimpf fur alle Ausgaben\ndcs Verlags Der Sturm\nEinband fiir Biicher: 20 Mark\nEinband fur Noten und fiir den Jahrgang der Mo-\nnatsschrift Der Sturm: 30 Mark"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19171115-01.1.16", "texte": "Der Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin / Potsdamer Sira&e 134 a\nGeoiinet taglicli von 10—6 Uhr / Sonntags\n▼on 11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark / Jahrcskartc 6 Mark\nMonatlicher Wechsel\nSiebenundfiinfzigste Aussiellung\nRudolf Bauer\nAditundfiinfzigste Ausstellung\nGosta Adrian-Nilsson\nPaul Klee\nGabriele Miinler\nEroffnung: 2. Dezember\nSturm - Ausstellungen\nHamburg\nSturm-Sonderschau\n1. November bis 30. November\nFrankfurt am Main\nJacoba van Heemskerck\n15. Oktober bis 30. November\nStockholm\nSturm-Graphik\n\nDER STURM\nyertritt iolgende Kiinstler ausschließlich\nund verfiigt iiber ihre Werkc (Gcinaldc /\nGraphik / Holzschnittc / Handdruckc) zum\nVerkauf und zu Ausstellungen in dcr gan-\nzen Welt:\nRudolf Bauer / Campendonk / Marc Cha-\ngall I Jacoba van Heemskerck / Kandinsky /\nGeorg Muche / Gabriele Miinter / Fritz\nStuckenberg / Nell Walden\nDER STURM\nyertritt fiir Deutschland iolgende Kiinstler\nund veriiigt iiber ihre Werke zum Verkaui\nund fiir Ausstellungens\nGosta Adrian - Nilsson / Albert -Bloch /\nAlexander Archipenko / Fritz Baumann /\nVincenc Benes / Umberto Boccioni / Carlo\nD. Carra / Max Ernst / Lyonel Feininger /\nEmil Filla / Albert Gleizes / Otto Gut-\nireund / Oswald Herzog / Sigrid Hjerten\nGriinewald / Isaac Griinewald / Johannes\nItten I Alexei von Jawlenski / Paul Klee /\nOskar Kokoschka / Otakar Kubin / Fernand\nLeger / Franz Marc / Carl Mense /Jean\nMetzinger / Francis Picabia / Georg\nSchrimpf / Gino Severini / Arnold Topp /\nMaria Uhden / Marianne von Wereikin\n\nKunstschule Der Sturm\nLeitung : Herwarth Walden\nZweitcs Jahr\nUnterricht und Aasbildung in der .\nexpressionistischen Kunst\nBiihne / Schauspielerei / Vortragskunst /\nMalerei / Dichtung / Musik\nLehrcr der Kunstschule Der Sturm\nRudolf Bauer\nRudolf Bliimner\nCampendonk\nJacoba van Heemskerck\nPaul Klee\nGeorg Muche\nGabriele Mtinter\nLothar Schreyer\nHerwarth Walden\nSprechstundcn der Leitung der Kunstschule Der\nSturm: Dienstag, Mittwoch, Freitag, Sonnabend\n4—5 I Das Sekretariat ist taglich von 10—6 ge-\ntffnet\n\nOffentliche Vortrage\nJede Vortragsreihe 5 Mark\nLothar Schreyer: Der Expressionismus\nSonntags 11—12: 7. und 21. Oktober / 4. und\n18. November / 2. Dezember\nLothar Schreyer: Das Biihnenkunstwerk\nDienstags 6—7: 9. und 23. Oktober / 6. und 20.\nNovember / 4. Dezember\nDie Vortrage finden in der Kunstschule Der Sturm\nstatt\nHorerkarte fur den einzelnen Vortrag: Mark 1,50\n\nSturm - Kunstabende\nVerein fur Kunst / Vierzehntes Jahr\nIn der Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJcden Mittwoch / Beginn aller Abende:\n%8 Uhr\nMittwoch den 21. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nMittwoch den 28. November\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nMittwoch den 5. Dezember\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nMittwoch den 12. Dezember\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nMittwoch den 17. Dezember\nDichtungen der Sturm-Kiinstler\nVortragender: Rudolf Bliimner\nKarten zu 3, 2, 1 Mark im Vorverkauf und an der\nAbendkasse\n\nJena: 3. December\n\nVerein Sturmbiihne\nVorsitzender: Dr. John Schikowski\nGeschaftsstelle: Charlottenburg / Scharrenstraße II\nAufruf und Satzungen kostenlos\n\nKunstbudihandlung\nDer Sturm\nPotsdamer Strafie 138 a\nFernruf Lutzow 4443\nhat gute und seltcne Biicher und Noten\nvorratig und nimmt Bestellungen entgcgcn\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nAugust Stramm: Die Menschheit\n1 Mark 50 Pfennig\nHerwarth Walden: Die Harte der Welten*\nliebe / Roman\n4 Mark / Gebunden 6 Mark\nNumerierte und signierte Auflage (10)\n50 Mark / Umschlagzeichnung von Nell\nWalden\nKunstdrucke\nAuf Japanpapier / Blatt 5 Mark\nUmberto Boccioni\nAbschied >\nDie Abfahrenden\nDie Zuriickbleibenden ;\ni\nRudolf Bauer^Mappe\nLithographien\n100 Mark / Auflage 10 Mappen\nRudolf Bauer\nSchwarz-Weiß-Komposition 14\nHerwarth Walden: EinbUck in Kunst\nMit vierundsechzig Abbildungen nach Ge«?\nmaiden der Sturm-Kiinstler\n4 Mark 50 Pfennig\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten\nJede Karte 20 Pfear\"\nXIV: Nell Walden\nSturm-Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nI: Marc Chagall\n3 Mark 50 Pfennig\nQ: Alexander Archipenko\n3 Mark 50 Pfennig\n\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\nAusfiihrliche Verzeichniss«\ndes Verlags Der Sturm kosten~\n1 os Verlag Der Sturm"}]}