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Wir können nicht mehr in\nden alten Werten fühlen und denken. Neue Werte werden in\nuns. Alte Werte empfangen einen neuen Sinn und der neue\nSinn erzeugt in ihnen eine neue Kraft, Die Erkenntnis des neuen\nSinnes, der nicht notwendig ein neuer, sondern nur ein anderer,\nder Weltwende gemäßer Sinn ist, erscheint grausam wie jeder\nVorgang des Vergehens. Aber wie jedes Vergehen ein Vorgang\nder Reinigung ist, so entsteht ein gereinigter Wert, dessen reini-\ngende Kraft uns durchdringt. Die Werte wandeln sich und wan-\ndeln uns Menschen.\nDas Verhältnis des leidenden Menschen zum leidenden Menschen\nwird ein anderes. Mitleid heißt dieses Verhältnis.\nDer Sinn des Mitleids wandelt sich.\nWas ist der alte Sinn des Mitleids? Wir sehen einen Menschen\nleiden. Es tut uns weh, ihn leiden zu sehen. Es ist ein dunkler\nTrieb, der in uns dieses Gefühl hervorruft. Vielleicht haben wir\ndabei auch den Gedanken, daß wir einmal in ähnlichen leiden-\nden Zustand geraten sind oder geraten können. Jedenfalls füh-\nlen wir in diesem Augenblick mit dem Leidenden. Wir leiden\nmit ihm. Wir bemitleiden ihn. Aus dem Gefühl des Mitleids\nwird die Handlung des Mitleids. Der Mitleidige sucht den Lei-\ndenden in seinem Leid zu trösten. Das Gefühl und die Handlung\ndes Mitleids sind nach der bisherigen Moral so eng verbunden,\ndaß der untätig Mitleidende nicht als mitleidig empfunden wird.\nAndrerseits wird allerdings auch nach der bisherigen Moral\njeder, der ohne Gefühl des Mitleids wie ein Mitleidiger handelt,\nnicht als mitleidig angesehen. Auch wer noch nicht über den\nSinn des Mitleids nachgedacht hat, wird wissen, daß viele mit-\nleidige Handlungen, die ohne Mitleid getan werden, ebenso heil-\nsam zu wirken scheinen wie die mitleidvollen Handlungen.\nStiftet z. B. ein reicher Fabrikherr eine Million Mark zum Bau\ngesundheitsgemäßer Arbeiterwohnungen, weil er weiß, daß ge-\nsund wohnende Arbeiter besser für ihn arbeiten können als un-\ngesund wohnende, so wirkt diese Handlung nach außen ebenso\nmitleidig, als wäre sie aus dem Motiv des Mitleids getan. Trotz-\ndem wird diese Handlung ernsthaft niemand mitleidig nennen.\nAber jeder wird ~die Witwe, die ihr Scherflein gibt\", mitleidig\nnennen. Aus diesem Vergleich ergeben sich die Fragen, ob nach\nder bisherigen Lehre die Handlung des Mitleids unwesentlich\nfür das Mitleid ist und ob das Mitleid sich nur in Handlungen ganz\nbestimmter Art äußern kann. Es wird niemand bezweifeln, daß\nein Mitleid ohne Objekt nach der bisherigen Lehre nicht mög-\nlich ist. Es muß etwas da sein, mit dem ich Mitleid habe. Es ist\nnicht nötig, daß dies ein Mensch ist. Auch mit einen! Tier ist\nMitleid möglich, Objekt des Mitleids braucht nicht ein anderer\nMensch zu sein. Ich kann auch mit mir selbst Mitleid haben.\nDa dieses Mitleid jedenfalls ein bestimmtes Objekt hat, muß\nes sich in bestimmter Richtung äußern. Der Mensch ikann sich\naber in bestimmter Richtung nicht anders äußern als durch eine\nHandlung im weitesten Sinne, mag diese Handlung nun mehr\noder weniger sichtbar sein. Ein Händedruck, ein Blick genügt.\nEine Handlung gehört also zum Wesen dieses Mitleids. Muß\ndiese Handlung nun besonderer Art sein? Vielleicht ist sie nur\nauf Objekte mit besonderem Leiden gerichtet. Es gibt vorwie-\ngelnd körperliche und vorwiegend geistige (seelische) Leiden.\nMit jedem körperlich oder geistig leidenden Wesen ist Mitleid\ndenkbar. Kommt es darauf an, in wie weitem Maße Leiden ge-\nstillt wird? Sicherlich nicht, wenn wir die Handlung des Fabrik-\nherrn und der armen Witwe vergleichen. Und warum nicht?\nWeil der Glaube besteht, daß nur eine wahrhaft mitleiderfüllte\nwohltätige Handlung innerlich wirkt. Also kommt es der Lehre\ndieses Mitleids nur auf die innerliche Wirkung an. Die inner-\nliche Wirkung ist geistige Beziehung des Mitleidigen zu dem\nBemitleideten. Nur Handlungen dieser Art sind mitleidig. Und\nohne solche Handlung ist dieses Mitleid nicht denkbar, Ist diese\ninnerliche Wirkung zugleich eine Leidheilung? Es kann eine\nLeidheilung sein oder ein, Leidheilung kann die weitere Folge\nsein. Notwendig ist sie nicht. Die mitleiderfüllte Handlung wird\nnicht unmitleidig, wenn sie das Leid des Bemitleideten nicht\nheilt. Sie ist selbst dann nicht unmitleidig, wenn die innerliche\nWirkung nur eine einseitige ist, wenn der Bemitleidete die\nHandlung des Mitleidigen ablehnt. Vielleicht hält man dem\nentgegen, daß zur späteren Zeit eine Nachwirkung eintritt oder\ndie Wirkung sich unbewußt vollzieht. Das ist möglich. Aber\nwir nennen eine Handlung nicht erst dann mitleidig, wenn wir\nihre Heilswirkung geprüft haben oder prüfen können. Es er-\nscheit sogar in vielen Fällen ausgeschlossen, eine Heilswirkung\nüberhaupt festzustellen. Und es ist sehr wohl denkbar, daß das,\nwas wir für eine Heilswirkung halten, keine solche ist. Wenn\nwir die Heilswirkung nicht oder nicht bestimmt erkennen kön-\nnen, so wird vielleicht noch eingewandt, daß dann das Mitleid\nnicht stark genug war. Nun ist gewiß die Mitleidskraft bei den\nverschiedenen Menschen verschieden stark. Aber auch1 ein\nschwaches Mitleid ist Mitleid. Und der erste schwache Ver-\nsuch eines Menschen, Mitleid zu üben, der es bisher nie übte,\nund der keine Erwiderung bei dem Bemitleideten findet, kann\nnach dieser Lehre erschütternde Bedeutung haben, denm ein\nneuer Mensch hat sich durch seine Uebung zu ihr bekannt.\nDiese Lehre wandelt sich um.\nWir gehen aus von der Tatsache des Leidens, Das Leiden ist\nkörperlich oder geistig (seelisch). Körperliche und geistige Lei-\nden sind untrennbar. Nur durch das Bewußtsein unseres Gei-\nstes leiden wir, sind wir unserer Leiden bewußt. Alle seeli-\nschen Leiden sind nichts anderes als Bewußtsemsvorgänge, als\ngeistige Leiden. Außerhalb seines Bewußtseins kennt sich der\nMensch nicht, kann er also auch nicht leiden. Wer eine Lei-\ndensheilung versucht, muß eine körperlich-geistige Wirkung zu\nerreichen versuchen. Die innerliche Beziehung eines Mitleidi-\ngen zu einem Bemitleideten ist körperlich-geistiger Art. Wir\nmußten schon nach der alten Lehre sehen, daß aus dieser Be-\nziehung nicht notwendigerweise eine Heilswirkung folgt. Wir\nfragen nun weiter: ist eine Heilswirkung überhaupt möglich?\nMit der Vorstellung einer Heilswirkung nehmen wir die Mög-\nlichkeit an, daß das Leiden zu heilen ist, und zwar durch die\nMitwirkung eines anderen Menschen. Heilung vom Leiden ist\nGesundung durch einen körperlich-geistigen Einfluß. Dieser\nEinfluß vollzieht sich so, daß die körperlich-geistige Not des\nMenschen gestillt wird. Die Quelle alles Leidens ist die kör-\nperlich-geistige Unbefriedigtheit. Durch mitleiderfüllte Hand-\nlungen, die als Wohltat und Trost erscheinen, sucht der Mit-\nleidige die körperlich-geistigen Bedürfnisse des anderen zu\nstillen. Durch solche Handlungen ist das Leiden vielleicht ge-\nstillt. Aber es ist eben nur still gemacht, nur beruhigt. Es ist\ntrotzdem da, allen Sinnen und Gedanken greifbar. Denn auch\ndas so gestillte, ruhige Wesen leidet latent. Bis zum Schwin-\nden des Bewußtseins leidet es. Es sind nur Schutzvorstellun-\ngen, innerhalb deren der Bewußte nicht mehr zu leiden glaubt.\nAuen der Kranke, der glaubt, daß er gesund ist, ist krank, und\nwenn er bis zum Tod an seine Gesundheit glaubt. Solange es\nLeben gibt und überall, wo es Leben gibt, finden wir die Tat-\nsache des Leidens.\nWir erkennen, daß die Heilswirkung des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nMit dieser Erkenntnis stellt sich die Frage ein; Hat denn nun\ndieses Mitleid überhaupt einen Sinn? Denn wir haben jetzt der\nHandlung des Mitleids, ohne die das Mitleid nicht denkbar\nscheint, den Zweck genommen. Aber das Mitleid hat noch ein\nObjekt. Eine Wirkung mit nur eingebildetem Zweck ist denk-\nbar. Das Mitleid soll also auf ein leidendes Wesen gerichtet\nsein. Es wird vorgegeben, mit diesem Wesen zu leiden. Das\nheißt: das Leiden des anderen Menschen tut uns so leid, daß\nwir unter seinem Leiden mitleiden. Wir sind es also, die durch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3356, "texte": "den anderen leiden. Ohne dieses unser Leiden ist dieses unser\nMitleid gar nicht möglich. Dieses Leiden ist diesem Mitleid\nnotwendig und wesentlich. Diese Mitleidigen selbst sind die\nLeidenden. Und sie suchen ihr eigenes Leiden zu stillen, zu be-\nruhigen, während sie glauben, daß es ihnen nur um das Leiden\nder Bemitleideten zu tun ist. Sie befreien freilich ebenso wenig\nsich wie den Bemitleideten vom Leiden. Wesentlich für das\nMitleid ist es nicht, daß ein anderer leidet. Es gibt Mitleid mit\nsich selbst. Der Mitleidige, der sich selbst zum Objekt setzt,\nvervielfacht sein Leiden. Er leidet an seinem Leiden, Kann\naber ein Mensch zugleich Subjekt und Objekt seines eigenen\nLeidens sein? Das ist unmöglich. Was ich auch leide, immer\nist es mein Ich, das leidet. Der Mitleidige mit sich selbst ist\nalso der Leidende, Da ich das Leiden nut in mir fühlen kann,\nkann ich auch nur mein Leiden fühleh. Und wenn das Leiden\nanderer Wesen in mir Leiden erzeugt, so leide ich mein eigenes\nLeiden und nicht das Leiden anderer. Der Mitleidige mit einem\nanderen Wesen ist also der Leidende. Mein eigenes Leiden ist\nes, was ich stillen will, wenn ich das Leiden anderer stillen will\nund dadurch den Grund zu meinem eigenen Leiden zu beseiti-\ngen suche.\nWir erkennen, daß das Objekt des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nDie mitleidige Handlung ist nun ihrer Heils Wirkung und ihres\nObjekts entkleidet. Die Handlung ist nicht mehr auf ein Ziel\ngerichtet. Der Mitleidsvorgang erfüllt sich im Subjekt. Der\nLeidende leidet. Dieses Leiden des nun erkannten Mitleidigen\nist keine Handlung. Das Leiden ist reines Fühlen. Das Leiden\nkann Ursache und Folge einer Handlung sein. Das Leiden selbst\nkann sich als Handlung äußern. Jedoch wesentlich ist die Ver-\nknüpfung des Leidens mit der Handlung nicht. Das Gefühl des\nLeidens ist Grundtatsache des Geschehens. Aber der Leidende\nmuß nicht handeln. Die Handlung ist nicht wesentlich dem\nLeid, dem Mitleid.\nWir erkennen, daß die Handlung des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nEin Irrtum wird dadurch nicht entschuldbar oder weniger\nschwer, daß wir ihn fromm nennen. Wir nennen ihn fromm, um\nzu sagen, daß die Frömmigkeit die Wlelt in schwere unentschuld-\nbare Irrtümer verstrickt.\nNun wir die Irrtümer des alten Mitleids erkannt haben, be-\nginnen wir das neue Mitleid zu erkennen.\nWir Mitleidende sind Leidende. Jedes lebende Wesen leidet.\nDarum leiden auch wir. Darum leidet auch alles um uns. Darum\nsind wir Mitleidende Auchleidende. Darum sind die Auch-\nleidenden unsere Mitleidenden. Darum sind alle Wesen Mit-\nleidige,\nDieses Mitleid äußert sich in der Tatsache des Leides.\nLeiden ist allen Wesen gleich und nur die Stärke des Leidens\nist verschieden. Das Gefühl des Leidens ist das Gemeinschafts-\ngefühl der Lebendigen.\nDa wir unser Leiden erkannt haben, können wir uns nicht mehr\nüber uns selbst täuschen. Wir lehnen daher alle „mitleidigen\"\nHandlungen ab, die unser Leiden stillen wollen und es doch nie-\nmals aufheben können.\nErkenne, daß du leidest, solange du Bewußtsein hast. Erkenne,\ndaß alle Wesen leiden, solange sie Bewußtsein haben. Also\nbekenne das Leiden.\nDu kannst dein Leiden nicht aufheben, solange du Bewußtsein\nhast. Du kannst das Leiden keines Wesens aufheben, solange\nes Bewußtsein hat. Also versuche nicht das Unmögliche.\nDiese Sätze sind Voraussetzung des Mitleids der in der Welt-\nwende werdenden Zeit."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c004", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "139", "page_fin": "139", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.4", "titre_corps": "Nachspiel : Adolf Allwohn", "titre_sommaire": "Nachspiel : Adolf Allwohn", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.3", "debut_caractere": 3358, "fin_caractere_exclue": 4399, "texte": "Nachspiel\nAdolf Allwohn\nFür Arnold Topp\nNur der Tote kann beten\nLust trieb raffte den Tag erstorben\nSpielen Traumhand die Blüten\nOh so leicht weihrauht der Dom in den Himmel des Letzten\nHäuser schmerzen Risse\nDer Schweiß tropft von den Weiden\nDie Liebe ist fern und gebeugt\nDer Purpur trauert die Tiere\nKlage schnittert der Mond\nBlut ist auf den Dächern <\nDie Sonne ist groß und gefallen\nDer grüne Baum dunkelt die Schau\nUnd die Tiere nüstern das Rätsel der Nacht.\nWir spielen\nBlau blitzt der Stern die Fenster auf\nGoldene Früchte silbert das Lächeln in die Wiese\nUnd grün klettern Wolken durch der Zäune Tag.\nDas Wunder wächst weint rot aus den Welten\nDu wanderst das schweigende Leid in dir\nStill staunt sich Verzücken tot in das Grab\nTürmen türmen den Berg\nIch bete die Streben\nSteil\nIch kreuze die Türme\nHandüber die Sterne\nDie Sterne und Monde\nLichtnebel der Leuchten rauschüber gebaut in die Firnen der\nWolke\nRauschunter gebeugt in das Blau glimmer Gluten\nKreise die Hände liebgolde die Tore\nGottspiel die Träume Ineinsstrahl der Ring."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c005", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "139", "page_fin": "140", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.5", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.3", "debut_caractere": 4401, "fin_caractere_exclue": 5336, "texte": "Gedichte\nKurt Heynicke\n\nLieder an Gott\nIch bin hinausgestoßen in die Welt\nden Gang der Erde kreisend mitzuwiegen,\nich bin erhellt von deiner Flamme,\nHerr, ich bin!\nIch bin im Kreise wandelnd festgeschlossen,\nich bin hinausgegossen in das Meer,\nich reige meinen Tanz an Händen fremder Brüder.\nDein Willen will mich an mich binden,\ngottüberströmt will ich den Ursprung finden\nHerr\nich bin!\nDie Nächte rauschen auf mit fernem Urgesicht,\nIn meine Augen fällt das blaue Licht.\nStern meiner Seelen — Heimat glanzumflossen!\nDu W.eltgebärer in den tiefsten Sternen,\nentfernen will ich meinen Schlaf vor dir\nurewig wachend wie die Gottesaugen!\n\\\nDu hast mich hoch gebaut.\nDu gibst mein Haupt in deinen Schoß\ntief meine Glieder in den Staub der Erde»\nAll meine Stimmen jauchzen dir entgegen,\nich fühle tausend Segen niederrauschen\nam fernsten Ohr der Welt lauscht meine Seele.\nVon dir erhoben knie ich an der Sternentür:\nHerr\nKröne mich mit dir!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2013, "texte": "/\ni\nGott,\nBruder spricht die stille Stimme in der Nacht.\nMein Bruder, alle Wahrheit ist erwacht\naus Schutt und Asche glüht ein Flammenturm empor\no Bruder, Menschen knieen dir am Ohre in brausenden Gebeten,\nO Menschen — Gott\ngib viele Sünden, dich zu finden\n\nChoral\nEs singt mein Herz.\nHerz, meiner Seele tiefstes, singt hinauf zu dir,\nsingt den Choral dir ungemessnen Himmel\nweit in Unendlichkeit,\nHerz, meiner Seele tiefstes, singt hinauf zu dir,\nweit hingestreckt in deine Erde jauchzt mein Blick:\nDu bist!\nNicht tote Kirchen künden deinen Namen\nnicht dunkle Priester tragen dich in ihren Worten,\nes strömt mein Blut in meiner Stirne\nmein Willen fühlt sich überströmt von dir\nDu bist! '\nKein Odem stammelt dich,\ndu namenloser Mensch im Menschenwald!\n\nMeerwacht\nAuf dunkelblauen Himmeln reitet der Mond,\nUnten am Meere\nzischen die glühenden Schüsse auf Dünen\nund gebären im Sand\nTod um Tod.\nZerrissene Gesichter\nund schreiende Schmerzen\nund tiefe Augen\nvon uns:\nRache.\nDie eisernen Kästen im Meer\nverbluten\nnordwärts\nim Morgen,\n\nFerne Granate\nDer Wald springt auf,\ndie Winde ächzen\naufsternendhimmelende in* den Schrei!\nDie schwarze Maske\nreißt den gelben Fetzen\nhoch\nder blinden Sonne\npeitschenquer\nins Abendgesicht,\n\nUeber den Sternen\nMorgensonne weist den Weg\ntausendabertausend Tage ist sie hingeflogen\n<lir in deine offne Brust\nI\nmir in meine aufgeblühte Seele!\nSonne trinken\nhoch die hohen Wege wallen\no hoch sind wir\ngroß erblühend über Allen!\nEinst sind unsre Seelen Eine,\neine hochgehobne Siegerseele.\nGott\nnimm unsre Leiber von der Seele,\ngib den süßen Tod in unsre Hände!\n\nDichter\nAuf uns stürzt Tag\nNacht hebt uns auf\num wirbelt peitscht uns Träne und Entzücken.\ni\nIn unsern Himmel sinkt die blaue Welt\naus ihrem Herzen blühen unsre Sterne\ndem Winke unsrer Hand singt Gott, der Geist.\nWir sind, ein Kreuz aus tausend Schwertern\nweißblütenhingeflattert heller Klang.\nWir sind Erbarmen, großer Schoß\nsind Gottes unermeßliches Erlösen,\nWir\nTanz der Welt.\nWir Sonne!\nIhr Menschen, kreist um unsre Seelen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c006", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "139", "page_fin": "140", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Juni 1916\nMann sichelt Veilchenwälder\nGott stillt grün 1 '\nHeime seiden Träumetanz\nViolen violinen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c020", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "142", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.8.1", "titre_corps": "Es ist dieselbe Lerche", "titre_sommaire": "Es ist dieselbe Lerche", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.6", "debut_caractere": 855, "fin_caractere_exclue": 1106, "texte": "Es ist dieselbe Lerche\nGüldlache klettert Heideglühe\nGrau werden nie Veilchen werden\nVeilchen werden nie grau werden\nDie Sonne streichelt eine Mücke\nGott stolpert über seine Sterne\nWir purzeln in die blauen Blumen\nLippenzerbissen den Mond zerschnitten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c021", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "142", "page_fin": "142", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Herr\nProfessor Dessoir hat sich in abseitigen Universitätskreisen da-\ndurch einen Namen gemacht, daß er neben Goethe und Schiller\nauch ihren Epigonen Stefan George ästhetisch rechtfertigte. Herr\nDessoir hält den Expressionismus für einen Geheimbund, der\nauf Anregung von Rudolf Steiner durch August Strindberg,\nGustav Meyrink und Franz Werfel gegründet ist. Besonders\ndas Stuhlproblem hat es Herrn Dessoir angetan. Er kann es\nsich nicht erklären, daß ein Stuhl durch „Deformation\" uns\nmenschlich näher gebracht werden soll. Dieses Stuhlproblem\ndes Expressionismus läßt ihn nicht etwa aufsitzen. Im Gegen-\nteil, er findet den Stuhl nur falsch gefaßt. Der Astralleib des\nStuhles scheint ihm physiologisch unhaltbar. Und die Stuhl-\nbeine des expressionistischen Bildes fliegen ihm zu unordent-\nlich in der Luft der Fläche herum. Freilich, Meyrink verfügt\nüber ungewöhnliche spiritistische Kenntnisse und Herr Werfel\nhat Euripides sogar gut übersetzt, sagt Herr Dessoir. Dennoch\nist der Stuhl ein Lebensfaktor, dem man nicht so ohne weitres\nan die Lehne kann. Aus diesem Grunde ist auch die Neger-\nkunst abzulehnen, die den Fortschritt nicht berücksichtigt.\nHerr Professor Dessoir ist eben auf die dreitausend Jahre Fort-\nschritt versessen. Zwar hat die Erde Raum für alles, was ästhe-\ntisch festgelegt ist. Aber ein Universitätsprofessor hat das\nRecht auf ästhetischere Sitzgelegenheiten. Die Gemälde des"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 556, "texte": "Herrn Werfel werden nur noch durch die Aesthetik des Herrn\nProfessor Dessoir übertroffen, ohne die Verdienste des Traum-\nspiels von August Strindberg um das Wesen des Expressionis-\nmus schmälern zu wollen.\nDie Stühle bogen sich, die Sezessionisten saßen trotzdem ganz\nernsthaft und solide. Sie freuten sich, daß sie ihren numerier-\nten Platz im Geist des Herrn Professor Dessoir hatten. Er trug\nseine iWeisheit mit Ausdruck vor. Er dürfte also von der Kunst-\nwissenschaft zum wahren Professor des Expressionismus dem-\nnächst ernannt werden\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c028", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "143", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.9.1", "titre_corps": "William Wauer: Zeichnung", "titre_sommaire": "William Wauer: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 24, "texte": "William Wauer: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c029", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "146", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.10", "titre_corps": "Kant und die Freiheit : nach Ernst Marcus", "titre_sommaire": "Kant und die Freiheit : nach Ernst Marcus", "signature_source": "S. Friedlaender", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.8", "debut_caractere": 558, "fin_caractere_exclue": 8049, "texte": "Kant und die Freiheit\nnach Ernst Marcus\nDr, S. Friedlaender\nWas Freiheit sei, versteht man am leichtesten aus deren Beein-\nträchtigungen. Das aber, was da beeinträchtigt wird, ist ein\nWesen, welches so selbstverständlich wie wunderbar erscheint;\nes ist der Wille, Nach der Freiheit des Willens zu fragen, ist\neigentlich überflüssig; denn wenn es überhaupt so etwas wie\nWillen gibt, so ist er seinem Wesen nach die Freiheit selber,\nsonst ist er eben kein Wille, sondern irgend eine leblose Me-\nchanik. Der freie Wille ist eine unleugbar derbe Tatsache des\nBewußtseins. Ja, wie könnte man nach Freiheit überhaupt fra-\ngen, wenn wir nicht echte Freiheit von scheinbarer unterschie-\nden. Während ich mich nämlich in meinem Selbstbewußtsein\nals frei empfinde, stelle ich mich in der Natur, im Lauf des Ge-\nschehens als vollkommen unfrei, als notwendiges Produkt der\nVergangenheit dar. Ich gerate in den altberühmten Zweifel, ob\nmeine Freiheit dem Schicksal unterliege oder ihm überlegen\nsei. Die Freiheit meines Willens scheint vom Naturlaufe mit\nVernichtung bedroht.\nWenn nur nicht das Bewußtsein meiner Freiheit ebenso alt\nwäre wie das mechanische Schicksal. Mit andern Worten: ich\nkann mir alles Mögliche entstanden denken, nur nicht das Be-\nwußtsein, den ebenbürtigen Zeugen des Naturgeschehens. Daß\ndas Bewußtsein, also auch das Freibewußtsein, nur die Wirkung\ndes ursächlichen Geschehens sei, ist ein Schein. Ohne mein\nBewußtsein gibt es für mich auch kein Geschehen; beides ent-\nsteht zusammen, nicht aber jenes aus diesem; sie haben glei-\nchen Rang. Das Schicksal ist Gegenstand meines Bewußtseins,\nnicht dessen Ursache. Woraus beide auf einmal entstanden\nseien, ist eine ganz andere Frage. Ohne vorausgesetztes Frei-\nbewußtsein würde kein Schicksal einen Kontrast dazu machen\nkönnen, und sogar der Zweifel an der Freiheit setzt die Freiheit\nvoraus. Obendrein bedient sich mein freier Wille des Schick-\nsals, des äußeren Geschehens; wir überblicken die Zukunft und\nunterwerfen uns der Natur. Jedoch sind wir ihr damit noch\nnicht eigentlich überlegen. Sondern insofern unser freier Wille\neine der Natur ebenbürtige Macht ist, gehört er immerhin noch\nzu ihr. Zwar ist er nicht unternatürlich, aber deshalb noch nicht\ngleich übernatürlich — und dieses müßte die echte Freiheit\nallerdings sein; es genügt nicht, daß sie nur Natur sei. Die\nnatürliche Freiheit des Willens wäre nur die subjektive Seite\ndes objektiven Schicksals, nur ein anderes Schicksal, und bei-\nder Räder griffen zum Gesamtschicksal ineinander. Wem aber\nereignet sich dieses. Das ist die eigentliche Rätselfrage nach\nder naturüberlegenen Freiheit des Willens. Die naturüberlegene\nFreiheit des Willens ist in seiner natürlichen so geheimnisvoll\nverborgen, daß sie von Alters her zwar geahnt, gefühlt, ge-\nstammelt, aber von Immanuel Kant erst eigentlich entdeckt\nund mit wissenschaftlicher Gründlichkeit ans Licht gestellt\nworden ist.\nWenn die Bibel den Willen als unfrei erklärt: „Und stehet in\nNiemandes Macht, wie er wandele oder seinen Gang richte\"\n(Jeremias); so meint sie den nur natürlichen Willen. Ueber-\nhaupt gibt es vor den alten Griechen noch keine Ansätze zum\nSystem der Wissenschaft. Insbesondere der wissenschaftlichen\nErgründung des Freiheitsproblems gegenüber sind die AHea\nnoch unkritisch naiv. Aristoteles unterscheidet die Willkür vojb\nder Notwendigkeit, bekommt aber damit das eigentliche Pro-\nblem noch garnicht zu Gesicht. Auch Cicero beruhigt sich vor-\neilig mit der natürlichen Freiheit des Wallens, die er dem\nSchicksal entgegensetzt. Die christlichen Denker wahren das\nInteresse der Kirche, indem sie bemüht sind, dem menschlichen\nWillen, trotzdem er von Gott erschaffen ist, die Wahlfreiheit\nzwischen Gut und Böse zü lassen, weil ja sonst Gott selber zun*\nUrheber der Sünde werden müßte. Mit dieser Verlegenheit\nquält sich zumal der Kirchenvater Augustin. Es ist eine Ver-\nlegenheit, welche bis dicht in die Tage vor Kant reicht. Hiime,\nin der Erkenntnistheorie der unmittelbare Vorgänger Kants,\nmacht Gott für die Schuld des Menschen verantwortlich; „Denn\nwie ein Mann, der eine Mine anzündet, für alle Folgen hiervo»\nverantwortlich* ist, der Schwefelfaden, mag lang oder kurz ge-\nwesen sein; ebenso ist überall, wo eine ununterbrochene Ver-\nkettung notwendig wirkender Ursachen feststeht, das Wesen,\nes sei endlich oder unendlich, welches die erste bewirkt, auch\nder Urheber aller übrigen.\" Die besonnensten Philosophen, von\nHobbes bis Spinoza und Hume, sehen deutlich ein, daß der\nWille niemals in dem Sinne frei sein könne, daß er ohne ein zu-\nreichendes Motiv handelte. Das wäre aber auch ein Mißver-\nständnis der Freiheit, welches denn auch, wie so viele Mißver-\nständnisse, historisch eine große Rolle spielt. Der freie Wille\nsteht nicht etwa zum bestimmten in Widerstreit, sondern seine\npassive Bestimmtheit zur aktiven. Freiheit bedeutet Aktivität.\nBrennend und zur Entscheidung durch Kant drängend wurde\nder Kampf um Freiheit im 18. Jahrhundert. Voltaire schleuderte\nseinen Blitz gegen die kirchliche Knechtung des Willens, und\nRousseau, dessen Emile stark auf Kant einwinkte, suchte den\nWillen von aller Gezwungenheit und Verkünstelung zur Natur\nzurückzuerlösen. Sowohl Rousseau wie Kant dringen gegen-\nüber einer flachen Verstandesaufklärung, in der die materiali-\nstische Sinnenfälligkeit triumphierte, auf die Ursprünglichkeit\ndes innersten Gemüts. Sie heben beide das superkluge Wisse®\num die innersten Gründe des Daseins auf. Rousseau tut dieses\nin einer mehr schwärmerischen Manier, indem er sich an der\nnackten Natur berauscht; Kant aber philosophisch vernünftig*\nindem er das Mysterium des Gemüts, die Freiheit, wissenschaft-\nlich nüchtern und streng begründet.\nVor Kant erledigte man das Problem der Freiheit wie alle an-\nderen philosophischen Probleme naiv oder zweiflerisch: man\nvertraute dem eigenen Geiste blindlings oder mißtraute ihn®\nnicht weniger blind. Kant unternimmt, bevor er zur Lösung der\nProbleme schreitet, eine Selbstprüfung des Geistes und kommt\nzu der erstaunlichen Entdeckung, daß der auffassende Geist der\nNatur, welche dort draußen in anscheinender Unabhängigkeit\nvor ihm schwebt, durch und durch seinen eigenen Charakter\naufdrückt. So gehören nicht nur die Gesetze der Natur, son-\ndern auch der unendliche Raum und die unaufhörlich« Zeit dem\neigenen Geiste an, der demnach, wo er die Dinge selber wahr-\nzunehmen wähnt, nur deren Erscheinungen in seiner Auf-\nfassung erfährt. Bisher hatte sich der Geist, vertrauensselig\noder argwöhnisch, d. h. dogmatisch oder skeptisch, tun die\nDinge gedreht: die Sonne des Geistes bewegte sich um die\nErde der Dinge. Kant bewirkt den kopernikanischen Um-\nschwung: die Sonne des Geistes steht still und wird zum Zen-\ntrum und Schwerpunkt des Systems der Natur. Jedoch, wie\nwir den Schein, daß die Sonne sich um die Erde bewege, zwar\ndurch den Gedanken, aber nicht für die Sinne beseitigen kön-\nnen; so können wir den Anschein, als ob die Natur der Fix-\nstern, das Wesen selber, und der Geist nur ihr Trabant wäre{\nnur in Gedanken berichtigen. Wir können den richtigen Ge-\ndanken der absoluten Freiheit unseres Geistes, unseres Wesens,\nden Gedanken der göttlichen, unsterblichen und freien Ober-\nhoheit über die gesamte natürlich-sinnliche Welt, allzumensch-\nlicher Weise nur denken und glauben, aber nicht anschaulich\nerfahren.\nAllein.' ein solcher Gedanke, Glaube und Wille', mag ihm aucft\ndie Natur sinnlich widerstreiten, mag er auch theoretisch nie 2u\nerfahren sein, ist doch praktisch-moralisch von der dttrchdriß-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8516, "texte": "gendsten und unentbehrlichsten Erheblichkeit. Das Reich der\nFreiheit ist ebenso stark, ja stärker gewährleistet als das der\nNatur, welches allerdings die sonnenklare Anschaulichkeit vor.\nihm voraus hat, sonst aber in jedem Moment explodieren kann;\nwährend die dunkle Freiheit unseres innersten Willens und\nWesens auf ein Reich, ein Ideal hinausdeutet, welches ewigen\nBestand verspricht.\nWelche Gefahren drohen herauf, wenn der Mensch Vermeint,\ndie Freiheit plump mit Händen greifen zu können. Wie der\nnaive Mensch sich täuscht, wenn er die Gesetze seines Vier-\nstandes für die Gesetze der Natur der Dinge hält; wenn er\nseine eigenen Organe, Raum und Zeit, von draußen passiv zu\nempfangen wähnt: so entstehen die entsetzlichsten Verirrungen,\nnamentlich in der Politik, wenn man die Freiheit sinnlich un-\nmittelbar als Natur verwirklichen möchte, fier Traum aller\nradikalen Revolutionäre, das praktische Gegenstück zur theore-\ntischen Verwechselung der Auffassungsweise unseres Geistes\nmit dem Wesen der Dinge selber. Nein, die ewig revolutionäre\nIdee Freiheit hat das Reich der Natur, das Reich der Gesetze,\nder menschlich-allzumenschlichen Bedingungen und Notwendig-\nkeiten zu ihrer Aufgabe, zu ihrem Arbeitsthema: „Das Gesetz\nnur kann uns Freiheit geben.\"\nLaut Kant und dessen klassischen Interpreten Ernst Marcus\nbedeutet Freiheit: die unabhängige oder unbedingte Ursaclie\nvon Wirkungen sein. Jede andere Ursache ist wiederum be-\nwirkt, also bedingt. Ein völlig an die Natur gebundener Geist\nmuß die Freiheit leugnen, befindet sich dann aber in der Ver-\nlegenheit des Eichhörnchens im Rade. „Es erscheint als wider-\nsinnig, sagt Ernst Marcus, ~eine endlose Fortsetzung zu den-\nken, während dasjenige fehlt, was fortgesetzt wird, nämlich\nder Anfang.\" Solange man die Zeit nicht als unser Organ ent-\ndeckt, sondern sie für ein Ding hält, ist dieser Widersinn unver-\ntilgbar. Das gesamte Reich fortgesetzter Bedingungen mit Ein-\nschluß der gesamten Zeit ist aber kein Wesen an sich selber,\nsondern hängt nur von einem solchen, also von der Freiheit,\neiner ursprünglichen Schöpferkraft ab. Die Natur als solche ist\nnur Geschöpf, nicht frei, nicht Schöpfer.\nEine solche schöpferische Ursache kann ich rein logisch den-\nken, ohne daß ich die Ursachenordnung der Natur damit ver-\nwirre. Aber daraus folgt noch nicht, daß diese Freiursache\nwirklich existiert. Es zeigt sich aber, daß unser eigener Geist,\nindem er auf Freiheit dringt, indem er diese Forderung des Un-\nbedingten erhebt, ein solches gänzlich freies Wesen sein muß.\nSeine Kraft geht weit über alle bloße Natur hinaus; und wenn\ndiese Kraft auch finster ist, wenn unsere Freiheit die Anschau-\nlichkeit der Natur entbehrt, so übertrifft sie dafür die Natur un-\nendlich an Unabhängigkeit und schöpferischem Vermögen. Sie\ngeht auf eine übernatürliche Welt der Ideale und erfaßt wenig-\nstens in der idee einen göttlichen Geist, welcher diese Ideale\nnicht nur erdenkt, sondern auch sinnlich anschaut und erlebt.\nVor Allem aber ist sie selber, die Kraft unserer eigenen Ver-\nnunft, wirklich frei, unabhängig, unbedingt, wenn sie selbsttätig\nhandelt. Der vernünftige Wille ist keine mechanische Natur-\nkraft mehr, obgleich er natürliche Wirkungen auszuüben ver-\nmag. Wie sich das Erkennen auf Gegenstände bezieht, so be-\nzieht sich der handelnde Wille auf Neigungen, resp. Abneigun-\ngen, auf Begierde und Abscheu: also auf die gewollte, gefürch-\ntete, erhoffte, geliebte und gehaßte Natur. Insofern erhält er\ndie Beweggründe seines Handelns nicht aus sich selber, sondern\nvon der begehrten oder verabscheuten Natur. Der vernünftige\nWille ist, wenn er der angeboren natürlichen Neigung folgt,\nzwar gewiß nicht genötigt, aber darum doch noch nicht eigent-\nlich frei, noch kein ~aus sich rollendes Rad\", sondern nur der\nMitarbeiter (der Koeffizient) der Natur. Wille im Dienste der\neigenen Neigung ist keine nur mechanische Ursache mehr,\ndenn der überlegende Geist ist die ursprüngliche, ebenbürtige\nMitbedingung der Natur, und der Handelnde so alt wie die\nganze Zeit; erst von ihm aus eröffnet sich die Perspektive auf\nVergangenheit und Zukunft, und die Zeit ist nichts als ein Or-\ngan des Geistes. Tiere folgen ihren Trieben und Instinkten.\nDer Mensch, relativ freier, ist nicht dermaßen der Sklave\nseiner Natur, d. h. seiner Neigungen; er kann die einen auf Ko-\nsten der anderen bevorzugen und einem dauernden Glück zu\nLiebe auf viele flüchtige Genüsse verzichten; damit kommt er\naber von der Neigung überhaupt noch nicht los. Er erwirbt all-\nmählich praktische Weisheit, und die kurze Kette, womit das\nTier an seine Begierde gefesselt ist, kann beim Menschen lang\nund elastisch werden; eine Kette bleibt es aber trotzdem. Der\nhandelnde Mensch ist dem Schicksal nicht unterworfen, aber er\nbeherrscht es erst dann absolut frei, wenn er auch von seiner\nNeigung absolut unabhängig ist; wenn er rein aus sich selber\nwirkt. Man hält gemeinhin diese Souveränität des handelnden\nWillens für unmöglich oder mindestens für so zweifelhaft, daß\nman sich seit tausenden von Jahren darum streitet. Man hält\nden Willen — - es ist das Thema der Schicksalsdramen und des\ntürkischen Fatalismus — für unentrinnbar in die Ursächlichkeit\nder Natur verflochten, vernichtet ihn damit, ohne es recht zu\nmerken, und leugnet jede Möglichkeit von Schuld und Verant-\nwortung. Und allerdings, müßte der Wille unter allen Umstän-\nden der natürlichen Begierde dienstbar sein, so hätte man damit\nRecht. Solange der Wille seine Beweggründe nicht aus sich\nselber allein, sondern aus der ihm zufällig angeborenen Natur\nseiner Neigungen holt, bleibt er dem Schicksal verhaftet und\nsteigert sich höchstens zum weisesten aller Tiere.\nAuch der freie Wille handelt nicht ohne Beweggrund, ent-\nnimmt ihn aber keinem fremden Zwange, dergleichen schließ-\nlich auch natürliche Neigungen sind, sondern gänzlich seinem\neigenen Wesen. Aber auch sogar das Wie der Handlungsweise,\nihr Mittel muß aus dem reinen Willen selber entspringen, wenn\ner frei sein soll. Eine solche Reinheit des Willens von aller\nNatur, von sämtlichen Begierden, welche sich auf die Natur\nrichten, scheint unglaublich; es scheint keinen anderen Willen\nzu geben als den natürlichen, mehr oder minder tierischen.\nDennoch, wie könnte Freiheit die alarmierendste aller Ideen\nsein, wie könnte sie nicht nur den Einzelnen, sondern ganze\nVölkermassen revolutionieren, bis zur Schwärmerei und zum\nWahnsinn bringen, wenn der Wille nichts wäre als Naturtrieb,\nwenn er nicht selbstherrlich, absolut unabhängig, schöpferisch,\noriganal und übernatürlich handeln könnte. Die Leugner der\nWillensfreiheit sind recht eigentlich geistlos. Man soll ihnen\naber den mildernden Umstand zusprechen, daß es weder leicht\nist, frei zu sein, noch leicht ist, die eigene Freiheit so tief- und\nscharfsinnig zu entdecken wie, nach Jahr-Aeonen, der einzige\nKant. Es ist nicht einmal leicht, Kant hierin, in seinem Zen-\ntralproblem, zu verstehen. Besänne man sich allgemein auf die\nKantische Lösung, so würde das menschliche Kultur-Niveau\ngänzlich über alles Tierische emporgehoben werden.\nDer reine freie Wille ist gar keine Naturkraft mehr, weder me-\nchanisch noch animalisch, sondern rein intelligente Ursache\nvon Wirkungen. Gewiß ist auch er noch Begierde, aber\nschöpferische, nicht mehr gleichsam nachahmende und auf eine\nbereits vorhandene Natur angewiesene. Seine Welt ist erst\nnoch von ihm zu erschaffen und auch das Mittel, dessen er sich\ndazu bedient, verdankt er sich selber. Dieses Mittel ist die\nreine Form des Gesetzes überhaupt: Freiheit wirkt nur ge-\nsetzlich oder garnicht. Das Gesetz entstammt nicht der Natur,\nsondern der Intelligenz. Der intelligente Wille bringt das Ge-\nsetz, nach dem er sich richten muß, selber hervor. Er gehorcht\nnicht mehr dem fremden Gesetz der Natur, der sich auf natür-\nliche Dinge richtenden Begierden, sondern dem eigenen; und\nwer dem eigenen Gesetz gehorcht, ist frei. Bereits alle Natur-\ngesetze gehören eigentlich der Intelligenz an, welche aber hier\nnicht schöpferischer Wille ist, sondern dem fremden Zwange\nder Natur unterliegt. Nun aber, praktisch werdend, als han-\ndelnder Wille, vermag sie, der Natur das Gesetz wieder zu ent-\nreißen und es zur schöpferischen Herrschaft über alle Natur-\ngesetze zu gebrauchen. So kommt es zu einem gewaltigen Rin-\ngen zwischen Freiheit und bloßer Natur, zwischen Schöpfer und\nGeschöpf, zwischen dem reinen Gesetz des freien Willens und\ndem Gesetz der Natur.\nDer nur halbfreie natürliche Wille handelt noch nicht streng\ngesetzlich, sondern schwankend und launisch, z. B. bald kosmo-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 8767, "texte": "politisch, bald patriotisch, bald kriegerisch, bald friedlich.\nOhne eine streng wissenschaftliche Ethik wird sich das nicht\nändern, Kants Freiheitslehre ist diese Wissenschaft vom freien\nWillen lind seiner einzig möglichen Handlungsweise. Diese\nHandlungsweise ist keine Geschmacksache, sondern gesetzlich;\nsie unterscheidet sich von der natürlichen nur durch diese reine\nGesetzlichkeit. Das Gesetz kennt keine Ausnahme, und es\nunterwirft sich seinen Gegenstand restlos. Der freie Wille ist\nkeine Natur-, sondern eine vernünftige, also logisch gesetzliche\nKraft. Er ist also Niemandem Untertan als den logischen Ge-\nsetzen seiner eigenen Vernunft, diesen aber ausnahmslos. Frei\nvon der Natur, von allen Motiven der natürlichen Begierde, sind\nnur vernünftige Wesen, deren es außer dem Menschen vielleicht\nnoch andere geben mag; und keines von diesen ist, was ihre\nFreiheit anbelangt, vor dem anderen bevorzugt. Ihre natür-\nlichen Verschiedenheiten mögen noch so groß sein, aber vor\ndem Vernunftgesetz ihres übernatürlich freien Willens sind sie\ngleich. Der revolutionäre Schrei nach Gleichheit gellt allzu\nsehr von natürlicher Begierde; die Sprache der reinen Vernunft\ndurchdringt hier noch nicht den trüben Jargon der Natur. Die\nvernünftige Begierde lechzt nicht wie die natürliche nach Vor-\nteilen, geht nicht launisch nach Sympathie, sondern handelt,\nohne Rücksicht auf die Vorteile oder Nachteile der Natur,\nunter allen Umständen gesetzlich. Gerade der absoluten Frei-\nheit — und nur die reine Vernunft ist frei — sind gewisse Hand-\nlungen, z. B. das Lügen und Töten, absolut verboten und zwar\nvon ihr selber: sie würde sich selber zunichte machen, wenn\nsie sich selber belöge oder ermordete; wohlgemerkt: es sind\nlauter Verbote, resp. Befehle der Vernunft an die Vernunft; nur\nSchwärmerei verbietet sich das Töten oder Belisten unver-\nnünftiger Naturmächte, z. B. des von Naturbegierden strotzen-\nden Verbrechers oder giftigen Ungeziefers, welche der Vernunft\nzu Leibe gehen wollen. Wer die Notwehr oder die Todesstrafe\nbeseitigen will, wie die Tolstoyaner, ist kein freier, sondern ein\nnaturgebundener Geist, welcher nicht vernünftig gesetzlich,\nsondern sympathetisch urteilt. Freiheit ist nicht wild, wie es\nsich die vulgäre Unvernunft einbildet, sondern die Vernunft und\nihre gesetzliche Logik selber. Die berauschten Schwärmer der\nFreiheitsidee begeistern sich geistlos unvernünftig, ihr Wahn-\nwitz macht echte Freiheit zur blutigsten Karikatur. Echte\nFreiheit bedeutet die gesetzliche Herrschaft der Vernunft über\nsich selber und die blinde Natur. Der schwärmerischen Frei-\nheitsbegeisterung fehlt die Begeisterung für das einzige wun-\nderbare Mittel des freien Vernunftwillens; das logische Gesetz.\nNur dieses macht uns theoretisch und praktisch zu absolut freien\nHerren der Natur.\nMan hat Kant entgegengehalten, daß das Gesetz eine leere Form\nohne Inhalt sei; ein törichter Einwand, denn die natürliche Be-\ngierde ist der Stoff der vernünftigen, d. h. des Gesetzes. Der\nfreie Wille verwandelt, was sonst nur mechanische Natur wäre,\nin vernünftige Ordnimg; er erschafft aus dem Rohstoff der Natur\neigentätig das Reich der Freiheit, worin es weder Lug noch\nTrug, noch sonst ein Verbrechen geben kann. Sämtliche Be-\nweggründe des tierischen Trieblebens sind vom vernünftigen\nüberwunden, welches nicht mehr unmittelbar nach Nutzen und\nSchaden des Menschentieres, sondern unmittelbar nur noch\nnach den Interessen der vernünftigen Gesetzlichkeit fragt.\nSämtliche Naturmotive sinken, kann man sagen, vor dem der\nFreiheit zur mechanichen Natur hinab; und wie sich das natür-\nliche Motiv der Materie bedient; so dient jetzt die gesamte\nNatur einschließlich des natürlichen Wollens dem Gesetz des\nunbedingt freien Vernunftwillens, Dessen Begierden, seine Be-\nfehle, seine Verbote gelten unter allen, auch den der natür-\nlichen Neigung widrigsten Umständen. Unter keinen Umstän-\nden sollen z, B. vernünftige Wesen einander oder sich selber\ntöten, verletzen, belügen. Das geheime Wissen um diese un-\nbedingte Herrschaft des naturfreien Willens über alle Gelüste\ndes natürlichen ist das Gewissen, Es meldet sich dem\nnatürlichen Triebwillen als dessen höchste Instanz von selber\nan. Aber nicht eher ist eine unerschütterliche Herrschaft der\nVernunft und also Freiheit zu erwarten, als bis dieses nur naive\nGewissen sich auch kritisch-wissenschaftlich, nach der Lehre\nKants, auf sich besinnt, wenn auch die feine Anwendung dieser\nWissenschaft jedem einzelnen Menschen überlassen bleibt, weil\nWissenschaft nur das Allgemeine feststellt, ohne in das Kon-\nkrete selbst zu gelangen,\nDer freie Wille ist also nichts anderes, als der gute, der sitt-\nliche Wille, während der naturgebundene Wille weder gut noch\nböse, sondern eine sittlich indifferente Naturkraft ist. Im Mo-\nmente aber, in dem der freie Wille diese Naturkraft vernünltig\nbeherrscht, meldet sich das Gewissen und wertet diese Natur-\nkraft als gut oder böse, je nachdem sie willfahrt oder wider-\nstrebt — und sie widerstrebt bereits, wenn sie den Gehorsam\nunterläßt, Freier Wille, gesetzgebende Vernunft, Intelligenz\nist der unmittelbare Ausdruck göttlicher Schöpferkraft und All-\nmacht: ja, er wäre Gott selber, wenn er sich nicht im Kampf\ngegen den natürlichen mühselig unct beharrlich zu bewähren\nhätte. Seine Waffe gegen die ihm eigentlich zufälligen und\nfremden Gesetze des natürlichen ist sein eigenes Vernunft-\ngesetz. Der natürliche Wille muß müssen, obgleich er dieses\nMüssen, weil er sich selber liebt, nicht als Zwang empfindet.\nGäbe es nur natürliche Motive, so wäre sein Freiheitsbewußt-\nsein begründet. Der freie Wille mu ß den natürlichen nicht\nüberwinden, aber er soll es! Die Stimme des Gewissens tönt\nals dieses unbedingte Soll, und diesem gegenüber fühlt sich der\nnatürliche Wille nicht mehr frei. Er soll jetzt z, 8,, obgleich er\nlügen, stehlen, morden könnte, auch wenn er nie ertappt würde,\naus Achtung vor der Majestät seiner selbst, des vernünftigen\nGesetzgebers, der die Ordnung der Welt, nichts Einzelnes allein\nim Auge hat, das natürliche Gelüst überwinden. Diese Allge-\nmeinheit gilt aber auch keiner Summe, z. B, der Menschen-\nmasse, also auch nicht dem nur natürlichen Massenglück, son-\ndern unbedingt gesetzlich, auch wenn das Massenglück im Na-\nturverstande dabei zu Schaden käme. Dagegen handelt es sich\nbei dieser vernünftigen Maßregelung der Naturgelüste nicht\netwa um deren Austilgung im Sinne der schwärmerischen\nAskese, sondern nur um deren Einschränkung durch das ver-\nnünftige Gesetz, und der Heilige Kantischen Schlages nimmt\nsich intelligenter, wenn auch weniger dekorativ aus als die\nHeiligen der Konfessionen. — Gäbe es nichts als Natur, so würde\nman Wollen und Müssen zwar verstehen, aber keinerlei\nSollen: die Existenz dieses Begriffs beweist, daß es eine nicht\nnur natürliche, relative, sondern eine übernatürliche, absolute\nFreiheit des Willens gibt.\nFreiheit ist, wie Kant lehrt, die unerhörteste Kraft, welche es\ngeben kann: aber sie ist so gewiß wie uns innenfällig. Daraus\nleuchtet ein, wie schwer es für den sinnlichen Menschen sein\nmuß, der Natur kraft seiner Freiheit zu obsiegen. Der Mensch\nist ein Doppelwesen, ein Grenzbewohner zwischen dem Reich\nder Natur und dem der Freiheit. Seiner äußerlichen Erschei-\nnung nach ein kluges Tier, meistens das berühmte Tier mit\nroten Backen, ist es seinem Wesen nach, in seinem innersten\nGewissen, die göttliche Freiheit selber. Alle natürlichen Ge-\nlüste sind populär; hingegen ist die übernatürliche Neigung, die\nLiebe, das herzliche Gefühl für das, was sein sollte, selten vor-\nhanden, und wenn vorhanden, selten rein von der Natur ge-\nsondert. Die Naturschwärmerei übertrifft meistens die Begei-\nsterung für die übersinnliche Freiheit der Vernunft und ihrer\nGesetze, Niemand unterdrückt gern natürliche Sympathie oder\nAntipathie aus Liebe zu übernatürlichen Werten. —\nEs gibt keinen freieren Geist als Immanuel Kant, wenn man unter\nFreiheit Initiative und Aktivität und deren Aktionsmittel nicht\nschwärmerisch, sondern gesetzlich versteht. An Stelle von\nLaunen tritt erst seit Kant die stete Gesinnung. Der freie Geist\neines Nietzsche konnte doch nicht umhin, nachdem er die christ-\nliche Moral verurteilt hatte, ein neues Soll, neue Gesetzestafeln\nüber der Menschheit aufzuhängen. Es entgeht ihm so sehr, wie\ntriftig er hierin mit Kant zusammenstimmt, daß er wähnt, ein\nGegner Kants sein zu können. Aber das Prinzipielle an dieser\ngöttlichen Lehre des nie genug zu bewundernden Kant ist un-\nsterblich wahr, mag auch vielleicht die Art, moralische Gesetze\ndaraus abzuleiten, der Kritik noch sehr bedürfen. Der über-\nirdische Quell, der sich hier in die Natur ergießt, ist lauter.\nVermengt er sein reines Wasser mit der Natur, so entsteht zu-\nnächst eine Trübung, deren reinigende Auflösung der Sinn des\nLebens ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c030", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "147", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.11", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "debut_caractere": 164, "fin_caractere_exclue": 654, "texte": "Verlag Der Siurm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschriit Der Sturm\nErscbeint am iunizehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewShnliche Ausgabe: Fur Deutsch-\nland: Ein Jalir 9 Mk / Em Halbjahr 5 Mk /\nEinzelheft 1 Mark /FiirdasAusland;\nEin Jahr 12 Mark / Ein Halbjahr 7 Mark I\nEinzelheft 1 Mark 50 Pfennig\nSender - Ausgabe: Ungebrochene\nExemplare, Versendung in Rol-\nlen direkt durch die Post / Fur\nDeutschland: Ein Jahr 15 Mark /\nFiir das Ausland : Ein Jahr 20 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c031", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "147", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.12", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "debut_caractere": 656, "fin_caractere_exclue": 1098, "texte": "Pre is e der friiheren Jahrgange\nVoilst&ndige Ausgabe\nL Jahrgang\n2. 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Behne: Zur\nneuen Kunst / VIII: August Stramm;\nKrafte / IX: Aage von Kohl: Die rote\nSonne / X: Aage Kohl: Der tierische\nAugenblick / XI: August Stramm: Ge-\nschehen: / XII: August Stramm: Die Un-\nfrucKtbaren / XIII: Peter Baum: Kyland /\nXIV: Lothar Schreyer: Jungfrau\nJedes Sturrnbuch 1 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c034", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c034", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "147", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "debut_caractere": 3401, "fin_caractere_exclue": 4039, "texte": "Musik\nHerwarth Walden\nQesammelte Tonwerke\nDann / Vergeltung / Verdammnis\nDichtungen von Else Lasker-Schuler\nFiir Gesang und Klavier / Je 2 Mark\nBruder Liederlich / Werk 51\nFiir Gesang und Klavier I 2 Mark\nEntbietung / Werk 92\nDichtung von Richard Dehmel\nFur Qesang und Klavier / 2 Mark\nZehn Dafnislieder / Werk 11\nZu Gedichten von Arno Holz\nFiir Gesang und Klavier / 3 Mark\nDie Judentochter I Werk 17\nFarbige Umschlagzeichnung von Oskar Kokoschka\nFur Gesang und Klavier / 1 Mark 50 Pfennig\nSchwertertanz / Werk 18\nFiir Klavier / 4 Mark\nDer Sturm / Heeresmarsch / Werk 21\nFiir Klavier / 1 Mark\nTanz der Tone I Werk 23\nFiir Klavier / 3 Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c035", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "147", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "debut_caractere": 4041, "fin_caractere_exclue": 4147, "texte": "Handdrucke\nOskar Kokoschka:\nschrift der Sturm\nAbzug 30 Mark\nP1 ak a t fur die Zeit-\n/ Originallithographie"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-02-15-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-02-15_01#c036", "volume": "bmtnabg_1919-02-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "147", "page_fin": "147", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "debut_caractere": 4149, "fin_caractere_exclue": 4762, "texte": "Sturm-Kartcn\nJede Kar(e 30 Pfennig\nNach Gemalden. 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August Stramm\n11. Herwarth Waldei\n111. van Heemskerck\nIV. Kandinsky\nV. Rudolf Blumner\nVI. Campendonk\nVII. Peter Baum\nVIII. Hermann Essig\nIX. Os'kar Kokoschka\nX. Adolf Knoblawfih\nXI. Paul Klee\nXII. Gabriele\nXIII. Rudolf Bauer\nXIV. Nell Walden\nXV- Mynona\nXVI. Kurt Heynicke\nXVIII. William Wauer\nXIX. Lothar Schreyer\nXX. 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Wir können nicht mehr in\nden alten Werten fühlen und denken. Neue Werte werden in\nuns. Alte Werte empfangen einen neuen Sinn und der neue\nSinn erzeugt in ihnen eine neue Kraft, Die Erkenntnis des neuen\nSinnes, der nicht notwendig ein neuer, sondern nur ein anderer,\nder Weltwende gemäßer Sinn ist, erscheint grausam wie jeder\nVorgang des Vergehens. Aber wie jedes Vergehen ein Vorgang\nder Reinigung ist, so entsteht ein gereinigter Wert, dessen reini-\ngende Kraft uns durchdringt. Die Werte wandeln sich und wan-\ndeln uns Menschen.\nDas Verhältnis des leidenden Menschen zum leidenden Menschen\nwird ein anderes. Mitleid heißt dieses Verhältnis.\nDer Sinn des Mitleids wandelt sich.\nWas ist der alte Sinn des Mitleids? Wir sehen einen Menschen\nleiden. Es tut uns weh, ihn leiden zu sehen. Es ist ein dunkler\nTrieb, der in uns dieses Gefühl hervorruft. Vielleicht haben wir\ndabei auch den Gedanken, daß wir einmal in ähnlichen leiden-\nden Zustand geraten sind oder geraten können. Jedenfalls füh-\nlen wir in diesem Augenblick mit dem Leidenden. Wir leiden\nmit ihm. Wir bemitleiden ihn. Aus dem Gefühl des Mitleids\nwird die Handlung des Mitleids. Der Mitleidige sucht den Lei-\ndenden in seinem Leid zu trösten. Das Gefühl und die Handlung\ndes Mitleids sind nach der bisherigen Moral so eng verbunden,\ndaß der untätig Mitleidende nicht als mitleidig empfunden wird.\nAndrerseits wird allerdings auch nach der bisherigen Moral\njeder, der ohne Gefühl des Mitleids wie ein Mitleidiger handelt,\nnicht als mitleidig angesehen. Auch wer noch nicht über den\nSinn des Mitleids nachgedacht hat, wird wissen, daß viele mit-\nleidige Handlungen, die ohne Mitleid getan werden, ebenso heil-\nsam zu wirken scheinen wie die mitleidvollen Handlungen.\nStiftet z. B. ein reicher Fabrikherr eine Million Mark zum Bau\ngesundheitsgemäßer Arbeiterwohnungen, weil er weiß, daß ge-\nsund wohnende Arbeiter besser für ihn arbeiten können als un-\ngesund wohnende, so wirkt diese Handlung nach außen ebenso\nmitleidig, als wäre sie aus dem Motiv des Mitleids getan. Trotz-\ndem wird diese Handlung ernsthaft niemand mitleidig nennen.\nAber jeder wird ~die Witwe, die ihr Scherflein gibt\", mitleidig\nnennen. Aus diesem Vergleich ergeben sich die Fragen, ob nach\nder bisherigen Lehre die Handlung des Mitleids unwesentlich\nfür das Mitleid ist und ob das Mitleid sich nur in Handlungen ganz\nbestimmter Art äußern kann. Es wird niemand bezweifeln, daß\nein Mitleid ohne Objekt nach der bisherigen Lehre nicht mög-\nlich ist. Es muß etwas da sein, mit dem ich Mitleid habe. Es ist\nnicht nötig, daß dies ein Mensch ist. Auch mit einen! Tier ist\nMitleid möglich, Objekt des Mitleids braucht nicht ein anderer\nMensch zu sein. Ich kann auch mit mir selbst Mitleid haben.\nDa dieses Mitleid jedenfalls ein bestimmtes Objekt hat, muß\nes sich in bestimmter Richtung äußern. Der Mensch ikann sich\naber in bestimmter Richtung nicht anders äußern als durch eine\nHandlung im weitesten Sinne, mag diese Handlung nun mehr\noder weniger sichtbar sein. Ein Händedruck, ein Blick genügt.\nEine Handlung gehört also zum Wesen dieses Mitleids. Muß\ndiese Handlung nun besonderer Art sein? Vielleicht ist sie nur\nauf Objekte mit besonderem Leiden gerichtet. Es gibt vorwie-\ngelnd körperliche und vorwiegend geistige (seelische) Leiden.\nMit jedem körperlich oder geistig leidenden Wesen ist Mitleid\ndenkbar. Kommt es darauf an, in wie weitem Maße Leiden ge-\nstillt wird? Sicherlich nicht, wenn wir die Handlung des Fabrik-\nherrn und der armen Witwe vergleichen. Und warum nicht?\nWeil der Glaube besteht, daß nur eine wahrhaft mitleiderfüllte\nwohltätige Handlung innerlich wirkt. Also kommt es der Lehre\ndieses Mitleids nur auf die innerliche Wirkung an. Die inner-\nliche Wirkung ist geistige Beziehung des Mitleidigen zu dem\nBemitleideten. Nur Handlungen dieser Art sind mitleidig. Und\nohne solche Handlung ist dieses Mitleid nicht denkbar, Ist diese\ninnerliche Wirkung zugleich eine Leidheilung? Es kann eine\nLeidheilung sein oder ein, Leidheilung kann die weitere Folge\nsein. Notwendig ist sie nicht. Die mitleiderfüllte Handlung wird\nnicht unmitleidig, wenn sie das Leid des Bemitleideten nicht\nheilt. Sie ist selbst dann nicht unmitleidig, wenn die innerliche\nWirkung nur eine einseitige ist, wenn der Bemitleidete die\nHandlung des Mitleidigen ablehnt. Vielleicht hält man dem\nentgegen, daß zur späteren Zeit eine Nachwirkung eintritt oder\ndie Wirkung sich unbewußt vollzieht. Das ist möglich. Aber\nwir nennen eine Handlung nicht erst dann mitleidig, wenn wir\nihre Heilswirkung geprüft haben oder prüfen können. Es er-\nscheit sogar in vielen Fällen ausgeschlossen, eine Heilswirkung\nüberhaupt festzustellen. Und es ist sehr wohl denkbar, daß das,\nwas wir für eine Heilswirkung halten, keine solche ist. Wenn\nwir die Heilswirkung nicht oder nicht bestimmt erkennen kön-\nnen, so wird vielleicht noch eingewandt, daß dann das Mitleid\nnicht stark genug war. Nun ist gewiß die Mitleidskraft bei den\nverschiedenen Menschen verschieden stark. Aber auch1 ein\nschwaches Mitleid ist Mitleid. Und der erste schwache Ver-\nsuch eines Menschen, Mitleid zu üben, der es bisher nie übte,\nund der keine Erwiderung bei dem Bemitleideten findet, kann\nnach dieser Lehre erschütternde Bedeutung haben, denm ein\nneuer Mensch hat sich durch seine Uebung zu ihr bekannt.\nDiese Lehre wandelt sich um.\nWir gehen aus von der Tatsache des Leidens, Das Leiden ist\nkörperlich oder geistig (seelisch). Körperliche und geistige Lei-\nden sind untrennbar. Nur durch das Bewußtsein unseres Gei-\nstes leiden wir, sind wir unserer Leiden bewußt. Alle seeli-\nschen Leiden sind nichts anderes als Bewußtsemsvorgänge, als\ngeistige Leiden. Außerhalb seines Bewußtseins kennt sich der\nMensch nicht, kann er also auch nicht leiden. Wer eine Lei-\ndensheilung versucht, muß eine körperlich-geistige Wirkung zu\nerreichen versuchen. Die innerliche Beziehung eines Mitleidi-\ngen zu einem Bemitleideten ist körperlich-geistiger Art. Wir\nmußten schon nach der alten Lehre sehen, daß aus dieser Be-\nziehung nicht notwendigerweise eine Heilswirkung folgt. Wir\nfragen nun weiter: ist eine Heilswirkung überhaupt möglich?\nMit der Vorstellung einer Heilswirkung nehmen wir die Mög-\nlichkeit an, daß das Leiden zu heilen ist, und zwar durch die\nMitwirkung eines anderen Menschen. Heilung vom Leiden ist\nGesundung durch einen körperlich-geistigen Einfluß. Dieser\nEinfluß vollzieht sich so, daß die körperlich-geistige Not des\nMenschen gestillt wird. Die Quelle alles Leidens ist die kör-\nperlich-geistige Unbefriedigtheit. Durch mitleiderfüllte Hand-\nlungen, die als Wohltat und Trost erscheinen, sucht der Mit-\nleidige die körperlich-geistigen Bedürfnisse des anderen zu\nstillen. Durch solche Handlungen ist das Leiden vielleicht ge-\nstillt. Aber es ist eben nur still gemacht, nur beruhigt. Es ist\ntrotzdem da, allen Sinnen und Gedanken greifbar. Denn auch\ndas so gestillte, ruhige Wesen leidet latent. Bis zum Schwin-\nden des Bewußtseins leidet es. Es sind nur Schutzvorstellun-\ngen, innerhalb deren der Bewußte nicht mehr zu leiden glaubt.\nAuen der Kranke, der glaubt, daß er gesund ist, ist krank, und\nwenn er bis zum Tod an seine Gesundheit glaubt. Solange es\nLeben gibt und überall, wo es Leben gibt, finden wir die Tat-\nsache des Leidens.\nWir erkennen, daß die Heilswirkung des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nMit dieser Erkenntnis stellt sich die Frage ein; Hat denn nun\ndieses Mitleid überhaupt einen Sinn? Denn wir haben jetzt der\nHandlung des Mitleids, ohne die das Mitleid nicht denkbar\nscheint, den Zweck genommen. Aber das Mitleid hat noch ein\nObjekt. Eine Wirkung mit nur eingebildetem Zweck ist denk-\nbar. Das Mitleid soll also auf ein leidendes Wesen gerichtet\nsein. Es wird vorgegeben, mit diesem Wesen zu leiden. Das\nheißt: das Leiden des anderen Menschen tut uns so leid, daß\nwir unter seinem Leiden mitleiden. Wir sind es also, die durch"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.3", "texte": "den anderen leiden. Ohne dieses unser Leiden ist dieses unser\nMitleid gar nicht möglich. Dieses Leiden ist diesem Mitleid\nnotwendig und wesentlich. Diese Mitleidigen selbst sind die\nLeidenden. Und sie suchen ihr eigenes Leiden zu stillen, zu be-\nruhigen, während sie glauben, daß es ihnen nur um das Leiden\nder Bemitleideten zu tun ist. Sie befreien freilich ebenso wenig\nsich wie den Bemitleideten vom Leiden. Wesentlich für das\nMitleid ist es nicht, daß ein anderer leidet. Es gibt Mitleid mit\nsich selbst. Der Mitleidige, der sich selbst zum Objekt setzt,\nvervielfacht sein Leiden. Er leidet an seinem Leiden, Kann\naber ein Mensch zugleich Subjekt und Objekt seines eigenen\nLeidens sein? Das ist unmöglich. Was ich auch leide, immer\nist es mein Ich, das leidet. Der Mitleidige mit sich selbst ist\nalso der Leidende, Da ich das Leiden nut in mir fühlen kann,\nkann ich auch nur mein Leiden fühleh. Und wenn das Leiden\nanderer Wesen in mir Leiden erzeugt, so leide ich mein eigenes\nLeiden und nicht das Leiden anderer. Der Mitleidige mit einem\nanderen Wesen ist also der Leidende. Mein eigenes Leiden ist\nes, was ich stillen will, wenn ich das Leiden anderer stillen will\nund dadurch den Grund zu meinem eigenen Leiden zu beseiti-\ngen suche.\nWir erkennen, daß das Objekt des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nDie mitleidige Handlung ist nun ihrer Heils Wirkung und ihres\nObjekts entkleidet. Die Handlung ist nicht mehr auf ein Ziel\ngerichtet. Der Mitleidsvorgang erfüllt sich im Subjekt. Der\nLeidende leidet. Dieses Leiden des nun erkannten Mitleidigen\nist keine Handlung. Das Leiden ist reines Fühlen. Das Leiden\nkann Ursache und Folge einer Handlung sein. Das Leiden selbst\nkann sich als Handlung äußern. Jedoch wesentlich ist die Ver-\nknüpfung des Leidens mit der Handlung nicht. Das Gefühl des\nLeidens ist Grundtatsache des Geschehens. Aber der Leidende\nmuß nicht handeln. Die Handlung ist nicht wesentlich dem\nLeid, dem Mitleid.\nWir erkennen, daß die Handlung des Mitleids ein frommer\nIrrtum ist.\nEin Irrtum wird dadurch nicht entschuldbar oder weniger\nschwer, daß wir ihn fromm nennen. Wir nennen ihn fromm, um\nzu sagen, daß die Frömmigkeit die Wlelt in schwere unentschuld-\nbare Irrtümer verstrickt.\nNun wir die Irrtümer des alten Mitleids erkannt haben, be-\nginnen wir das neue Mitleid zu erkennen.\nWir Mitleidende sind Leidende. Jedes lebende Wesen leidet.\nDarum leiden auch wir. Darum leidet auch alles um uns. Darum\nsind wir Mitleidende Auchleidende. Darum sind die Auch-\nleidenden unsere Mitleidenden. Darum sind alle Wesen Mit-\nleidige,\nDieses Mitleid äußert sich in der Tatsache des Leides.\nLeiden ist allen Wesen gleich und nur die Stärke des Leidens\nist verschieden. Das Gefühl des Leidens ist das Gemeinschafts-\ngefühl der Lebendigen.\nDa wir unser Leiden erkannt haben, können wir uns nicht mehr\nüber uns selbst täuschen. Wir lehnen daher alle „mitleidigen\"\nHandlungen ab, die unser Leiden stillen wollen und es doch nie-\nmals aufheben können.\nErkenne, daß du leidest, solange du Bewußtsein hast. Erkenne,\ndaß alle Wesen leiden, solange sie Bewußtsein haben. Also\nbekenne das Leiden.\nDu kannst dein Leiden nicht aufheben, solange du Bewußtsein\nhast. Du kannst das Leiden keines Wesens aufheben, solange\nes Bewußtsein hat. Also versuche nicht das Unmögliche.\nDiese Sätze sind Voraussetzung des Mitleids der in der Welt-\nwende werdenden Zeit.\n\nNachspiel\nAdolf Allwohn\nFür Arnold Topp\nNur der Tote kann beten\nLust trieb raffte den Tag erstorben\nSpielen Traumhand die Blüten\nOh so leicht weihrauht der Dom in den Himmel des Letzten\nHäuser schmerzen Risse\nDer Schweiß tropft von den Weiden\nDie Liebe ist fern und gebeugt\nDer Purpur trauert die Tiere\nKlage schnittert der Mond\nBlut ist auf den Dächern <\nDie Sonne ist groß und gefallen\nDer grüne Baum dunkelt die Schau\nUnd die Tiere nüstern das Rätsel der Nacht.\nWir spielen\nBlau blitzt der Stern die Fenster auf\nGoldene Früchte silbert das Lächeln in die Wiese\nUnd grün klettern Wolken durch der Zäune Tag.\nDas Wunder wächst weint rot aus den Welten\nDu wanderst das schweigende Leid in dir\nStill staunt sich Verzücken tot in das Grab\nTürmen türmen den Berg\nIch bete die Streben\nSteil\nIch kreuze die Türme\nHandüber die Sterne\nDie Sterne und Monde\nLichtnebel der Leuchten rauschüber gebaut in die Firnen der\nWolke\nRauschunter gebeugt in das Blau glimmer Gluten\nKreise die Hände liebgolde die Tore\nGottspiel die Träume Ineinsstrahl der Ring.\n\nGedichte\nKurt Heynicke\n\nLieder an Gott\nIch bin hinausgestoßen in die Welt\nden Gang der Erde kreisend mitzuwiegen,\nich bin erhellt von deiner Flamme,\nHerr, ich bin!\nIch bin im Kreise wandelnd festgeschlossen,\nich bin hinausgegossen in das Meer,\nich reige meinen Tanz an Händen fremder Brüder.\nDein Willen will mich an mich binden,\ngottüberströmt will ich den Ursprung finden\nHerr\nich bin!\nDie Nächte rauschen auf mit fernem Urgesicht,\nIn meine Augen fällt das blaue Licht.\nStern meiner Seelen — Heimat glanzumflossen!\nDu W.eltgebärer in den tiefsten Sternen,\nentfernen will ich meinen Schlaf vor dir\nurewig wachend wie die Gottesaugen!\n\\\nDu hast mich hoch gebaut.\nDu gibst mein Haupt in deinen Schoß\ntief meine Glieder in den Staub der Erde»\nAll meine Stimmen jauchzen dir entgegen,\nich fühle tausend Segen niederrauschen\nam fernsten Ohr der Welt lauscht meine Seele.\nVon dir erhoben knie ich an der Sternentür:\nHerr\nKröne mich mit dir!"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.4", "texte": "/\ni\nGott,\nBruder spricht die stille Stimme in der Nacht.\nMein Bruder, alle Wahrheit ist erwacht\naus Schutt und Asche glüht ein Flammenturm empor\no Bruder, Menschen knieen dir am Ohre in brausenden Gebeten,\nO Menschen — Gott\ngib viele Sünden, dich zu finden\n\nChoral\nEs singt mein Herz.\nHerz, meiner Seele tiefstes, singt hinauf zu dir,\nsingt den Choral dir ungemessnen Himmel\nweit in Unendlichkeit,\nHerz, meiner Seele tiefstes, singt hinauf zu dir,\nweit hingestreckt in deine Erde jauchzt mein Blick:\nDu bist!\nNicht tote Kirchen künden deinen Namen\nnicht dunkle Priester tragen dich in ihren Worten,\nes strömt mein Blut in meiner Stirne\nmein Willen fühlt sich überströmt von dir\nDu bist! '\nKein Odem stammelt dich,\ndu namenloser Mensch im Menschenwald!\n\nMeerwacht\nAuf dunkelblauen Himmeln reitet der Mond,\nUnten am Meere\nzischen die glühenden Schüsse auf Dünen\nund gebären im Sand\nTod um Tod.\nZerrissene Gesichter\nund schreiende Schmerzen\nund tiefe Augen\nvon uns:\nRache.\nDie eisernen Kästen im Meer\nverbluten\nnordwärts\nim Morgen,\n\nFerne Granate\nDer Wald springt auf,\ndie Winde ächzen\naufsternendhimmelende in* den Schrei!\nDie schwarze Maske\nreißt den gelben Fetzen\nhoch\nder blinden Sonne\npeitschenquer\nins Abendgesicht,\n\nUeber den Sternen\nMorgensonne weist den Weg\ntausendabertausend Tage ist sie hingeflogen\n<lir in deine offne Brust\nI\nmir in meine aufgeblühte Seele!\nSonne trinken\nhoch die hohen Wege wallen\no hoch sind wir\ngroß erblühend über Allen!\nEinst sind unsre Seelen Eine,\neine hochgehobne Siegerseele.\nGott\nnimm unsre Leiber von der Seele,\ngib den süßen Tod in unsre Hände!\n\nDichter\nAuf uns stürzt Tag\nNacht hebt uns auf\num wirbelt peitscht uns Träne und Entzücken.\ni\nIn unsern Himmel sinkt die blaue Welt\naus ihrem Herzen blühen unsre Sterne\ndem Winke unsrer Hand singt Gott, der Geist.\nWir sind, ein Kreuz aus tausend Schwertern\nweißblütenhingeflattert heller Klang.\nWir sind Erbarmen, großer Schoß\nsind Gottes unermeßliches Erlösen,\nWir\nTanz der Welt.\nWir Sonne!\nIhr Menschen, kreist um unsre Seelen!\n\nGedichte\nWilhelm Runge\n\nLied\nGlocken weiden durch das träume Dorf\nSonne schließt den märchenmüden Mund\nscheu auf schiele Dächer schleicht der Mond\nWiese hebt ihr Mückenschwarmgeflüster\nsummt die Wolkenwangen wankelmüd\nBächlein mit den Augen in den Sternen\nstolpertänzelt\nstockend\nüberstein\nSeeje wendet aus dem Wälderspiele\nsenkt das Ringelrangelrosenköpfchen\nwogt\nder Schlaf,\n\nLied\nIn Deine Augen kehr ich ein des Abends wenn icÜ müde bin\nkühl über meine Schwüle rauscht ihr Blick.\nLiegt ein Lächeln leicht auf deinen Lippen\nbiegen sie sich drunter weg zum Tanz\nund mein Atem gibt die Diele frei\nm\nihrem wolkenzarten Flüsterfuss /\nGinster schlingt die sommergoldnen Arme den geliebten Bienen\num den Hals,\nUnd der Himmel wirft die blauen Locken in des Nackens\nApfelblütenschnee\nTrunken lehnt die Sonne an die Gärten\nDeiner Wangen Flieder steht in Duft\nzögernd dränge ich durch seine Zweige\nbreche schnell die allerschönsten Blüten\nund nun steht des Herzens Haus voll Frühling.\n\nWinterlied\nHimmel flockt schneeab ins Tal der Wald\nWinde schlittenfegen drüber hin\nund die Füße unsrer Kompagnie spinnen Schnee\nstern diamantgewebt\nMaschen fallen aus ,\nTritt holt sie ein\nTannenwäldertief orgelt das Blut\nund verstummt die Lippen\nwenn die Sonne aus dem dunklen Traum der Wolken\nzum Feldrein tanzt hin auf weißem Teppich\nallerschneeweischen\nrosenrot.\n\nLied\nWenn du langsam hingehst\nfühl ich Abend\nNebel schieiert hock"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.6", "texte": "mein Fuß geht irr durch die Macht deines Auges\nMeiner Hände Trauerweiden hängen\nund der Lippen Lerchen schlummern still\nbis der Lorgen sonnenlachengoldig wieder alle Wiesen über-\nspringt\nund die Stirne wie der Himmel aufsteigt\nklar und unbewölkt\nfrühwindum spült.\n\nDem Tod Wilhelm Runges\nWalter Mehring\nErdenschoß wiegt erstes Grün\nWiegenhimmeJ ballt Wolkenfäustchen\nLachen schaufelt Wangengrübchen\nLachen sonnt von Astzuast\nLachen wirrt in schrecke Augen'\nLachen klirrt das Blut zu Eis\nEisen schaufelt lüfteauf\nEisen graben herzenauf\nEisen läuten seelenauf\nNahebei lacht <\nHimmel werfen gräberauf\nNahebei stürzt wirft erdenweit krallt ängstetief und zerrt das\nLachen in den Tod\nBlühen pochen Tod\nHerzen pocht an Kinderfäustchen\nKinderlachen stapft Rasenschnee\nSchneerosen lachen ins erste Grün\nErdenschoß küßt Kindergrab\n\nGedichte\nFranz Richard Behrens\n\nEs ist dieselbe Lerche\nGüldlache klettert Heideglühe\nGrau werden nie Veilchen werden\nVeilchen werden nie grau werden\nDie Sonne streichelt eine Mücke\nGott stolpert über seine Sterne\nWir purzeln in die blauen Blumen\nLippenzerbissen den Mond zerschnitten\n\nMargot\nIrislispeln\nGartunden\nIrissielen *\nBesichelung\nIrissieden\nHirschblutblitzen\nIrislinden\nPlatzbloßtank , -\nIrissiedeln\nSuch es,mg en\nIn Irishissen Herz gefieder\n\nAn die Füße der Geliebten\nLilien streuen linke Lichter\nRechte Strahlen rosen Tanzen\nKnien leuchten Küssen\nStehen\nScharlachsandalenschbee\nFließen\nMärzbirkensonne\nFlattern\nTempelwiese\n\nDer graue Tau\nBraune Rosen sensen Sengen\nWetter wühlen winkenauf\nLande letzen Lächeln\nImmer Winter winterwurzelweich\nImmer weiße Weite eichenweiß\nImmer schwarze Schimmel\nGlocken faulen wenn sie brennen\nMetzeln mühlen rot und grau 1\nBrennen blüht Gottunddublau\n\nEr hat sich an den Sternen aufgehangen\nBlutet\nSichgesicht\nRau\nSo\nÖ\no\nGerädert __\nRanke\nRist\nHei\n\nGoethe\nNamen leeren Zitterwellen\nWimmel scharen allen Sitz\nFlügel flattern Schlagen\nMilde blitzen\nAugen schlingen\nKetten kreisen\nKrumme schelmen\nAngst weiß Hals\nWölben inseln flüstern inseln\nSäusel schweben wurzelauf\nUre menschen Kraft\n\nPeter Baum\nGefallen am 5. Juni 1916\nMann sichelt Veilchenwälder\nGott stillt grün 1 '\nHeime seiden Träumetanz\nViolen violinen\n\nDer deformierte Professor\n\nHerr Professor Dessoir hat im Eden-Hotel die Berliner Sezession\nund ihre Gesellschaft über Expressionismus aufgeklärt. Herr\nProfessor Dessoir hat sich in abseitigen Universitätskreisen da-\ndurch einen Namen gemacht, daß er neben Goethe und Schiller\nauch ihren Epigonen Stefan George ästhetisch rechtfertigte. Herr\nDessoir hält den Expressionismus für einen Geheimbund, der\nauf Anregung von Rudolf Steiner durch August Strindberg,\nGustav Meyrink und Franz Werfel gegründet ist. Besonders\ndas Stuhlproblem hat es Herrn Dessoir angetan. Er kann es\nsich nicht erklären, daß ein Stuhl durch „Deformation\" uns\nmenschlich näher gebracht werden soll. Dieses Stuhlproblem\ndes Expressionismus läßt ihn nicht etwa aufsitzen. Im Gegen-\nteil, er findet den Stuhl nur falsch gefaßt. Der Astralleib des\nStuhles scheint ihm physiologisch unhaltbar. Und die Stuhl-\nbeine des expressionistischen Bildes fliegen ihm zu unordent-\nlich in der Luft der Fläche herum. Freilich, Meyrink verfügt\nüber ungewöhnliche spiritistische Kenntnisse und Herr Werfel\nhat Euripides sogar gut übersetzt, sagt Herr Dessoir. Dennoch\nist der Stuhl ein Lebensfaktor, dem man nicht so ohne weitres\nan die Lehne kann. Aus diesem Grunde ist auch die Neger-\nkunst abzulehnen, die den Fortschritt nicht berücksichtigt.\nHerr Professor Dessoir ist eben auf die dreitausend Jahre Fort-\nschritt versessen. Zwar hat die Erde Raum für alles, was ästhe-\ntisch festgelegt ist. Aber ein Universitätsprofessor hat das\nRecht auf ästhetischere Sitzgelegenheiten. Die Gemälde des"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.7", "texte": "William Wauer: Zeichnung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.8", "texte": "Herrn Werfel werden nur noch durch die Aesthetik des Herrn\nProfessor Dessoir übertroffen, ohne die Verdienste des Traum-\nspiels von August Strindberg um das Wesen des Expressionis-\nmus schmälern zu wollen.\nDie Stühle bogen sich, die Sezessionisten saßen trotzdem ganz\nernsthaft und solide. Sie freuten sich, daß sie ihren numerier-\nten Platz im Geist des Herrn Professor Dessoir hatten. Er trug\nseine iWeisheit mit Ausdruck vor. Er dürfte also von der Kunst-\nwissenschaft zum wahren Professor des Expressionismus dem-\nnächst ernannt werden\n\nHerwarth Walden\n\nKant und die Freiheit\nnach Ernst Marcus\nDr, S. Friedlaender\nWas Freiheit sei, versteht man am leichtesten aus deren Beein-\nträchtigungen. Das aber, was da beeinträchtigt wird, ist ein\nWesen, welches so selbstverständlich wie wunderbar erscheint;\nes ist der Wille, Nach der Freiheit des Willens zu fragen, ist\neigentlich überflüssig; denn wenn es überhaupt so etwas wie\nWillen gibt, so ist er seinem Wesen nach die Freiheit selber,\nsonst ist er eben kein Wille, sondern irgend eine leblose Me-\nchanik. Der freie Wille ist eine unleugbar derbe Tatsache des\nBewußtseins. Ja, wie könnte man nach Freiheit überhaupt fra-\ngen, wenn wir nicht echte Freiheit von scheinbarer unterschie-\nden. Während ich mich nämlich in meinem Selbstbewußtsein\nals frei empfinde, stelle ich mich in der Natur, im Lauf des Ge-\nschehens als vollkommen unfrei, als notwendiges Produkt der\nVergangenheit dar. Ich gerate in den altberühmten Zweifel, ob\nmeine Freiheit dem Schicksal unterliege oder ihm überlegen\nsei. Die Freiheit meines Willens scheint vom Naturlaufe mit\nVernichtung bedroht.\nWenn nur nicht das Bewußtsein meiner Freiheit ebenso alt\nwäre wie das mechanische Schicksal. Mit andern Worten: ich\nkann mir alles Mögliche entstanden denken, nur nicht das Be-\nwußtsein, den ebenbürtigen Zeugen des Naturgeschehens. Daß\ndas Bewußtsein, also auch das Freibewußtsein, nur die Wirkung\ndes ursächlichen Geschehens sei, ist ein Schein. Ohne mein\nBewußtsein gibt es für mich auch kein Geschehen; beides ent-\nsteht zusammen, nicht aber jenes aus diesem; sie haben glei-\nchen Rang. Das Schicksal ist Gegenstand meines Bewußtseins,\nnicht dessen Ursache. Woraus beide auf einmal entstanden\nseien, ist eine ganz andere Frage. Ohne vorausgesetztes Frei-\nbewußtsein würde kein Schicksal einen Kontrast dazu machen\nkönnen, und sogar der Zweifel an der Freiheit setzt die Freiheit\nvoraus. Obendrein bedient sich mein freier Wille des Schick-\nsals, des äußeren Geschehens; wir überblicken die Zukunft und\nunterwerfen uns der Natur. Jedoch sind wir ihr damit noch\nnicht eigentlich überlegen. Sondern insofern unser freier Wille\neine der Natur ebenbürtige Macht ist, gehört er immerhin noch\nzu ihr. Zwar ist er nicht unternatürlich, aber deshalb noch nicht\ngleich übernatürlich — und dieses müßte die echte Freiheit\nallerdings sein; es genügt nicht, daß sie nur Natur sei. Die\nnatürliche Freiheit des Willens wäre nur die subjektive Seite\ndes objektiven Schicksals, nur ein anderes Schicksal, und bei-\nder Räder griffen zum Gesamtschicksal ineinander. Wem aber\nereignet sich dieses. Das ist die eigentliche Rätselfrage nach\nder naturüberlegenen Freiheit des Willens. Die naturüberlegene\nFreiheit des Willens ist in seiner natürlichen so geheimnisvoll\nverborgen, daß sie von Alters her zwar geahnt, gefühlt, ge-\nstammelt, aber von Immanuel Kant erst eigentlich entdeckt\nund mit wissenschaftlicher Gründlichkeit ans Licht gestellt\nworden ist.\nWenn die Bibel den Willen als unfrei erklärt: „Und stehet in\nNiemandes Macht, wie er wandele oder seinen Gang richte\"\n(Jeremias); so meint sie den nur natürlichen Willen. Ueber-\nhaupt gibt es vor den alten Griechen noch keine Ansätze zum\nSystem der Wissenschaft. Insbesondere der wissenschaftlichen\nErgründung des Freiheitsproblems gegenüber sind die AHea\nnoch unkritisch naiv. Aristoteles unterscheidet die Willkür vojb\nder Notwendigkeit, bekommt aber damit das eigentliche Pro-\nblem noch garnicht zu Gesicht. Auch Cicero beruhigt sich vor-\neilig mit der natürlichen Freiheit des Wallens, die er dem\nSchicksal entgegensetzt. Die christlichen Denker wahren das\nInteresse der Kirche, indem sie bemüht sind, dem menschlichen\nWillen, trotzdem er von Gott erschaffen ist, die Wahlfreiheit\nzwischen Gut und Böse zü lassen, weil ja sonst Gott selber zun*\nUrheber der Sünde werden müßte. Mit dieser Verlegenheit\nquält sich zumal der Kirchenvater Augustin. Es ist eine Ver-\nlegenheit, welche bis dicht in die Tage vor Kant reicht. Hiime,\nin der Erkenntnistheorie der unmittelbare Vorgänger Kants,\nmacht Gott für die Schuld des Menschen verantwortlich; „Denn\nwie ein Mann, der eine Mine anzündet, für alle Folgen hiervo»\nverantwortlich* ist, der Schwefelfaden, mag lang oder kurz ge-\nwesen sein; ebenso ist überall, wo eine ununterbrochene Ver-\nkettung notwendig wirkender Ursachen feststeht, das Wesen,\nes sei endlich oder unendlich, welches die erste bewirkt, auch\nder Urheber aller übrigen.\" Die besonnensten Philosophen, von\nHobbes bis Spinoza und Hume, sehen deutlich ein, daß der\nWille niemals in dem Sinne frei sein könne, daß er ohne ein zu-\nreichendes Motiv handelte. Das wäre aber auch ein Mißver-\nständnis der Freiheit, welches denn auch, wie so viele Mißver-\nständnisse, historisch eine große Rolle spielt. Der freie Wille\nsteht nicht etwa zum bestimmten in Widerstreit, sondern seine\npassive Bestimmtheit zur aktiven. Freiheit bedeutet Aktivität.\nBrennend und zur Entscheidung durch Kant drängend wurde\nder Kampf um Freiheit im 18. Jahrhundert. Voltaire schleuderte\nseinen Blitz gegen die kirchliche Knechtung des Willens, und\nRousseau, dessen Emile stark auf Kant einwinkte, suchte den\nWillen von aller Gezwungenheit und Verkünstelung zur Natur\nzurückzuerlösen. Sowohl Rousseau wie Kant dringen gegen-\nüber einer flachen Verstandesaufklärung, in der die materiali-\nstische Sinnenfälligkeit triumphierte, auf die Ursprünglichkeit\ndes innersten Gemüts. Sie heben beide das superkluge Wisse®\num die innersten Gründe des Daseins auf. Rousseau tut dieses\nin einer mehr schwärmerischen Manier, indem er sich an der\nnackten Natur berauscht; Kant aber philosophisch vernünftig*\nindem er das Mysterium des Gemüts, die Freiheit, wissenschaft-\nlich nüchtern und streng begründet.\nVor Kant erledigte man das Problem der Freiheit wie alle an-\nderen philosophischen Probleme naiv oder zweiflerisch: man\nvertraute dem eigenen Geiste blindlings oder mißtraute ihn®\nnicht weniger blind. Kant unternimmt, bevor er zur Lösung der\nProbleme schreitet, eine Selbstprüfung des Geistes und kommt\nzu der erstaunlichen Entdeckung, daß der auffassende Geist der\nNatur, welche dort draußen in anscheinender Unabhängigkeit\nvor ihm schwebt, durch und durch seinen eigenen Charakter\naufdrückt. So gehören nicht nur die Gesetze der Natur, son-\ndern auch der unendliche Raum und die unaufhörlich« Zeit dem\neigenen Geiste an, der demnach, wo er die Dinge selber wahr-\nzunehmen wähnt, nur deren Erscheinungen in seiner Auf-\nfassung erfährt. Bisher hatte sich der Geist, vertrauensselig\noder argwöhnisch, d. h. dogmatisch oder skeptisch, tun die\nDinge gedreht: die Sonne des Geistes bewegte sich um die\nErde der Dinge. Kant bewirkt den kopernikanischen Um-\nschwung: die Sonne des Geistes steht still und wird zum Zen-\ntrum und Schwerpunkt des Systems der Natur. Jedoch, wie\nwir den Schein, daß die Sonne sich um die Erde bewege, zwar\ndurch den Gedanken, aber nicht für die Sinne beseitigen kön-\nnen; so können wir den Anschein, als ob die Natur der Fix-\nstern, das Wesen selber, und der Geist nur ihr Trabant wäre{\nnur in Gedanken berichtigen. Wir können den richtigen Ge-\ndanken der absoluten Freiheit unseres Geistes, unseres Wesens,\nden Gedanken der göttlichen, unsterblichen und freien Ober-\nhoheit über die gesamte natürlich-sinnliche Welt, allzumensch-\nlicher Weise nur denken und glauben, aber nicht anschaulich\nerfahren.\nAllein.' ein solcher Gedanke, Glaube und Wille', mag ihm aucft\ndie Natur sinnlich widerstreiten, mag er auch theoretisch nie 2u\nerfahren sein, ist doch praktisch-moralisch von der dttrchdriß-"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.9", "texte": "gendsten und unentbehrlichsten Erheblichkeit. Das Reich der\nFreiheit ist ebenso stark, ja stärker gewährleistet als das der\nNatur, welches allerdings die sonnenklare Anschaulichkeit vor.\nihm voraus hat, sonst aber in jedem Moment explodieren kann;\nwährend die dunkle Freiheit unseres innersten Willens und\nWesens auf ein Reich, ein Ideal hinausdeutet, welches ewigen\nBestand verspricht.\nWelche Gefahren drohen herauf, wenn der Mensch Vermeint,\ndie Freiheit plump mit Händen greifen zu können. Wie der\nnaive Mensch sich täuscht, wenn er die Gesetze seines Vier-\nstandes für die Gesetze der Natur der Dinge hält; wenn er\nseine eigenen Organe, Raum und Zeit, von draußen passiv zu\nempfangen wähnt: so entstehen die entsetzlichsten Verirrungen,\nnamentlich in der Politik, wenn man die Freiheit sinnlich un-\nmittelbar als Natur verwirklichen möchte, fier Traum aller\nradikalen Revolutionäre, das praktische Gegenstück zur theore-\ntischen Verwechselung der Auffassungsweise unseres Geistes\nmit dem Wesen der Dinge selber. Nein, die ewig revolutionäre\nIdee Freiheit hat das Reich der Natur, das Reich der Gesetze,\nder menschlich-allzumenschlichen Bedingungen und Notwendig-\nkeiten zu ihrer Aufgabe, zu ihrem Arbeitsthema: „Das Gesetz\nnur kann uns Freiheit geben.\"\nLaut Kant und dessen klassischen Interpreten Ernst Marcus\nbedeutet Freiheit: die unabhängige oder unbedingte Ursaclie\nvon Wirkungen sein. Jede andere Ursache ist wiederum be-\nwirkt, also bedingt. Ein völlig an die Natur gebundener Geist\nmuß die Freiheit leugnen, befindet sich dann aber in der Ver-\nlegenheit des Eichhörnchens im Rade. „Es erscheint als wider-\nsinnig, sagt Ernst Marcus, ~eine endlose Fortsetzung zu den-\nken, während dasjenige fehlt, was fortgesetzt wird, nämlich\nder Anfang.\" Solange man die Zeit nicht als unser Organ ent-\ndeckt, sondern sie für ein Ding hält, ist dieser Widersinn unver-\ntilgbar. Das gesamte Reich fortgesetzter Bedingungen mit Ein-\nschluß der gesamten Zeit ist aber kein Wesen an sich selber,\nsondern hängt nur von einem solchen, also von der Freiheit,\neiner ursprünglichen Schöpferkraft ab. Die Natur als solche ist\nnur Geschöpf, nicht frei, nicht Schöpfer.\nEine solche schöpferische Ursache kann ich rein logisch den-\nken, ohne daß ich die Ursachenordnung der Natur damit ver-\nwirre. Aber daraus folgt noch nicht, daß diese Freiursache\nwirklich existiert. Es zeigt sich aber, daß unser eigener Geist,\nindem er auf Freiheit dringt, indem er diese Forderung des Un-\nbedingten erhebt, ein solches gänzlich freies Wesen sein muß.\nSeine Kraft geht weit über alle bloße Natur hinaus; und wenn\ndiese Kraft auch finster ist, wenn unsere Freiheit die Anschau-\nlichkeit der Natur entbehrt, so übertrifft sie dafür die Natur un-\nendlich an Unabhängigkeit und schöpferischem Vermögen. Sie\ngeht auf eine übernatürliche Welt der Ideale und erfaßt wenig-\nstens in der idee einen göttlichen Geist, welcher diese Ideale\nnicht nur erdenkt, sondern auch sinnlich anschaut und erlebt.\nVor Allem aber ist sie selber, die Kraft unserer eigenen Ver-\nnunft, wirklich frei, unabhängig, unbedingt, wenn sie selbsttätig\nhandelt. Der vernünftige Wille ist keine mechanische Natur-\nkraft mehr, obgleich er natürliche Wirkungen auszuüben ver-\nmag. Wie sich das Erkennen auf Gegenstände bezieht, so be-\nzieht sich der handelnde Wille auf Neigungen, resp. Abneigun-\ngen, auf Begierde und Abscheu: also auf die gewollte, gefürch-\ntete, erhoffte, geliebte und gehaßte Natur. Insofern erhält er\ndie Beweggründe seines Handelns nicht aus sich selber, sondern\nvon der begehrten oder verabscheuten Natur. Der vernünftige\nWille ist, wenn er der angeboren natürlichen Neigung folgt,\nzwar gewiß nicht genötigt, aber darum doch noch nicht eigent-\nlich frei, noch kein ~aus sich rollendes Rad\", sondern nur der\nMitarbeiter (der Koeffizient) der Natur. Wille im Dienste der\neigenen Neigung ist keine nur mechanische Ursache mehr,\ndenn der überlegende Geist ist die ursprüngliche, ebenbürtige\nMitbedingung der Natur, und der Handelnde so alt wie die\nganze Zeit; erst von ihm aus eröffnet sich die Perspektive auf\nVergangenheit und Zukunft, und die Zeit ist nichts als ein Or-\ngan des Geistes. Tiere folgen ihren Trieben und Instinkten.\nDer Mensch, relativ freier, ist nicht dermaßen der Sklave\nseiner Natur, d. h. seiner Neigungen; er kann die einen auf Ko-\nsten der anderen bevorzugen und einem dauernden Glück zu\nLiebe auf viele flüchtige Genüsse verzichten; damit kommt er\naber von der Neigung überhaupt noch nicht los. Er erwirbt all-\nmählich praktische Weisheit, und die kurze Kette, womit das\nTier an seine Begierde gefesselt ist, kann beim Menschen lang\nund elastisch werden; eine Kette bleibt es aber trotzdem. Der\nhandelnde Mensch ist dem Schicksal nicht unterworfen, aber er\nbeherrscht es erst dann absolut frei, wenn er auch von seiner\nNeigung absolut unabhängig ist; wenn er rein aus sich selber\nwirkt. Man hält gemeinhin diese Souveränität des handelnden\nWillens für unmöglich oder mindestens für so zweifelhaft, daß\nman sich seit tausenden von Jahren darum streitet. Man hält\nden Willen — - es ist das Thema der Schicksalsdramen und des\ntürkischen Fatalismus — für unentrinnbar in die Ursächlichkeit\nder Natur verflochten, vernichtet ihn damit, ohne es recht zu\nmerken, und leugnet jede Möglichkeit von Schuld und Verant-\nwortung. Und allerdings, müßte der Wille unter allen Umstän-\nden der natürlichen Begierde dienstbar sein, so hätte man damit\nRecht. Solange der Wille seine Beweggründe nicht aus sich\nselber allein, sondern aus der ihm zufällig angeborenen Natur\nseiner Neigungen holt, bleibt er dem Schicksal verhaftet und\nsteigert sich höchstens zum weisesten aller Tiere.\nAuch der freie Wille handelt nicht ohne Beweggrund, ent-\nnimmt ihn aber keinem fremden Zwange, dergleichen schließ-\nlich auch natürliche Neigungen sind, sondern gänzlich seinem\neigenen Wesen. Aber auch sogar das Wie der Handlungsweise,\nihr Mittel muß aus dem reinen Willen selber entspringen, wenn\ner frei sein soll. Eine solche Reinheit des Willens von aller\nNatur, von sämtlichen Begierden, welche sich auf die Natur\nrichten, scheint unglaublich; es scheint keinen anderen Willen\nzu geben als den natürlichen, mehr oder minder tierischen.\nDennoch, wie könnte Freiheit die alarmierendste aller Ideen\nsein, wie könnte sie nicht nur den Einzelnen, sondern ganze\nVölkermassen revolutionieren, bis zur Schwärmerei und zum\nWahnsinn bringen, wenn der Wille nichts wäre als Naturtrieb,\nwenn er nicht selbstherrlich, absolut unabhängig, schöpferisch,\noriganal und übernatürlich handeln könnte. Die Leugner der\nWillensfreiheit sind recht eigentlich geistlos. Man soll ihnen\naber den mildernden Umstand zusprechen, daß es weder leicht\nist, frei zu sein, noch leicht ist, die eigene Freiheit so tief- und\nscharfsinnig zu entdecken wie, nach Jahr-Aeonen, der einzige\nKant. Es ist nicht einmal leicht, Kant hierin, in seinem Zen-\ntralproblem, zu verstehen. Besänne man sich allgemein auf die\nKantische Lösung, so würde das menschliche Kultur-Niveau\ngänzlich über alles Tierische emporgehoben werden.\nDer reine freie Wille ist gar keine Naturkraft mehr, weder me-\nchanisch noch animalisch, sondern rein intelligente Ursache\nvon Wirkungen. Gewiß ist auch er noch Begierde, aber\nschöpferische, nicht mehr gleichsam nachahmende und auf eine\nbereits vorhandene Natur angewiesene. Seine Welt ist erst\nnoch von ihm zu erschaffen und auch das Mittel, dessen er sich\ndazu bedient, verdankt er sich selber. Dieses Mittel ist die\nreine Form des Gesetzes überhaupt: Freiheit wirkt nur ge-\nsetzlich oder garnicht. Das Gesetz entstammt nicht der Natur,\nsondern der Intelligenz. Der intelligente Wille bringt das Ge-\nsetz, nach dem er sich richten muß, selber hervor. Er gehorcht\nnicht mehr dem fremden Gesetz der Natur, der sich auf natür-\nliche Dinge richtenden Begierden, sondern dem eigenen; und\nwer dem eigenen Gesetz gehorcht, ist frei. Bereits alle Natur-\ngesetze gehören eigentlich der Intelligenz an, welche aber hier\nnicht schöpferischer Wille ist, sondern dem fremden Zwange\nder Natur unterliegt. Nun aber, praktisch werdend, als han-\ndelnder Wille, vermag sie, der Natur das Gesetz wieder zu ent-\nreißen und es zur schöpferischen Herrschaft über alle Natur-\ngesetze zu gebrauchen. So kommt es zu einem gewaltigen Rin-\ngen zwischen Freiheit und bloßer Natur, zwischen Schöpfer und\nGeschöpf, zwischen dem reinen Gesetz des freien Willens und\ndem Gesetz der Natur.\nDer nur halbfreie natürliche Wille handelt noch nicht streng\ngesetzlich, sondern schwankend und launisch, z. B. bald kosmo-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.10", "texte": "politisch, bald patriotisch, bald kriegerisch, bald friedlich.\nOhne eine streng wissenschaftliche Ethik wird sich das nicht\nändern, Kants Freiheitslehre ist diese Wissenschaft vom freien\nWillen lind seiner einzig möglichen Handlungsweise. Diese\nHandlungsweise ist keine Geschmacksache, sondern gesetzlich;\nsie unterscheidet sich von der natürlichen nur durch diese reine\nGesetzlichkeit. Das Gesetz kennt keine Ausnahme, und es\nunterwirft sich seinen Gegenstand restlos. Der freie Wille ist\nkeine Natur-, sondern eine vernünftige, also logisch gesetzliche\nKraft. Er ist also Niemandem Untertan als den logischen Ge-\nsetzen seiner eigenen Vernunft, diesen aber ausnahmslos. Frei\nvon der Natur, von allen Motiven der natürlichen Begierde, sind\nnur vernünftige Wesen, deren es außer dem Menschen vielleicht\nnoch andere geben mag; und keines von diesen ist, was ihre\nFreiheit anbelangt, vor dem anderen bevorzugt. Ihre natür-\nlichen Verschiedenheiten mögen noch so groß sein, aber vor\ndem Vernunftgesetz ihres übernatürlich freien Willens sind sie\ngleich. Der revolutionäre Schrei nach Gleichheit gellt allzu\nsehr von natürlicher Begierde; die Sprache der reinen Vernunft\ndurchdringt hier noch nicht den trüben Jargon der Natur. Die\nvernünftige Begierde lechzt nicht wie die natürliche nach Vor-\nteilen, geht nicht launisch nach Sympathie, sondern handelt,\nohne Rücksicht auf die Vorteile oder Nachteile der Natur,\nunter allen Umständen gesetzlich. Gerade der absoluten Frei-\nheit — und nur die reine Vernunft ist frei — sind gewisse Hand-\nlungen, z. B. das Lügen und Töten, absolut verboten und zwar\nvon ihr selber: sie würde sich selber zunichte machen, wenn\nsie sich selber belöge oder ermordete; wohlgemerkt: es sind\nlauter Verbote, resp. Befehle der Vernunft an die Vernunft; nur\nSchwärmerei verbietet sich das Töten oder Belisten unver-\nnünftiger Naturmächte, z. B. des von Naturbegierden strotzen-\nden Verbrechers oder giftigen Ungeziefers, welche der Vernunft\nzu Leibe gehen wollen. Wer die Notwehr oder die Todesstrafe\nbeseitigen will, wie die Tolstoyaner, ist kein freier, sondern ein\nnaturgebundener Geist, welcher nicht vernünftig gesetzlich,\nsondern sympathetisch urteilt. Freiheit ist nicht wild, wie es\nsich die vulgäre Unvernunft einbildet, sondern die Vernunft und\nihre gesetzliche Logik selber. Die berauschten Schwärmer der\nFreiheitsidee begeistern sich geistlos unvernünftig, ihr Wahn-\nwitz macht echte Freiheit zur blutigsten Karikatur. Echte\nFreiheit bedeutet die gesetzliche Herrschaft der Vernunft über\nsich selber und die blinde Natur. Der schwärmerischen Frei-\nheitsbegeisterung fehlt die Begeisterung für das einzige wun-\nderbare Mittel des freien Vernunftwillens; das logische Gesetz.\nNur dieses macht uns theoretisch und praktisch zu absolut freien\nHerren der Natur.\nMan hat Kant entgegengehalten, daß das Gesetz eine leere Form\nohne Inhalt sei; ein törichter Einwand, denn die natürliche Be-\ngierde ist der Stoff der vernünftigen, d. h. des Gesetzes. Der\nfreie Wille verwandelt, was sonst nur mechanische Natur wäre,\nin vernünftige Ordnimg; er erschafft aus dem Rohstoff der Natur\neigentätig das Reich der Freiheit, worin es weder Lug noch\nTrug, noch sonst ein Verbrechen geben kann. Sämtliche Be-\nweggründe des tierischen Trieblebens sind vom vernünftigen\nüberwunden, welches nicht mehr unmittelbar nach Nutzen und\nSchaden des Menschentieres, sondern unmittelbar nur noch\nnach den Interessen der vernünftigen Gesetzlichkeit fragt.\nSämtliche Naturmotive sinken, kann man sagen, vor dem der\nFreiheit zur mechanichen Natur hinab; und wie sich das natür-\nliche Motiv der Materie bedient; so dient jetzt die gesamte\nNatur einschließlich des natürlichen Wollens dem Gesetz des\nunbedingt freien Vernunftwillens, Dessen Begierden, seine Be-\nfehle, seine Verbote gelten unter allen, auch den der natür-\nlichen Neigung widrigsten Umständen. Unter keinen Umstän-\nden sollen z, B. vernünftige Wesen einander oder sich selber\ntöten, verletzen, belügen. Das geheime Wissen um diese un-\nbedingte Herrschaft des naturfreien Willens über alle Gelüste\ndes natürlichen ist das Gewissen, Es meldet sich dem\nnatürlichen Triebwillen als dessen höchste Instanz von selber\nan. Aber nicht eher ist eine unerschütterliche Herrschaft der\nVernunft und also Freiheit zu erwarten, als bis dieses nur naive\nGewissen sich auch kritisch-wissenschaftlich, nach der Lehre\nKants, auf sich besinnt, wenn auch die feine Anwendung dieser\nWissenschaft jedem einzelnen Menschen überlassen bleibt, weil\nWissenschaft nur das Allgemeine feststellt, ohne in das Kon-\nkrete selbst zu gelangen,\nDer freie Wille ist also nichts anderes, als der gute, der sitt-\nliche Wille, während der naturgebundene Wille weder gut noch\nböse, sondern eine sittlich indifferente Naturkraft ist. Im Mo-\nmente aber, in dem der freie Wille diese Naturkraft vernünltig\nbeherrscht, meldet sich das Gewissen und wertet diese Natur-\nkraft als gut oder böse, je nachdem sie willfahrt oder wider-\nstrebt — und sie widerstrebt bereits, wenn sie den Gehorsam\nunterläßt, Freier Wille, gesetzgebende Vernunft, Intelligenz\nist der unmittelbare Ausdruck göttlicher Schöpferkraft und All-\nmacht: ja, er wäre Gott selber, wenn er sich nicht im Kampf\ngegen den natürlichen mühselig unct beharrlich zu bewähren\nhätte. Seine Waffe gegen die ihm eigentlich zufälligen und\nfremden Gesetze des natürlichen ist sein eigenes Vernunft-\ngesetz. Der natürliche Wille muß müssen, obgleich er dieses\nMüssen, weil er sich selber liebt, nicht als Zwang empfindet.\nGäbe es nur natürliche Motive, so wäre sein Freiheitsbewußt-\nsein begründet. Der freie Wille mu ß den natürlichen nicht\nüberwinden, aber er soll es! Die Stimme des Gewissens tönt\nals dieses unbedingte Soll, und diesem gegenüber fühlt sich der\nnatürliche Wille nicht mehr frei. Er soll jetzt z, 8,, obgleich er\nlügen, stehlen, morden könnte, auch wenn er nie ertappt würde,\naus Achtung vor der Majestät seiner selbst, des vernünftigen\nGesetzgebers, der die Ordnung der Welt, nichts Einzelnes allein\nim Auge hat, das natürliche Gelüst überwinden. Diese Allge-\nmeinheit gilt aber auch keiner Summe, z. B, der Menschen-\nmasse, also auch nicht dem nur natürlichen Massenglück, son-\ndern unbedingt gesetzlich, auch wenn das Massenglück im Na-\nturverstande dabei zu Schaden käme. Dagegen handelt es sich\nbei dieser vernünftigen Maßregelung der Naturgelüste nicht\netwa um deren Austilgung im Sinne der schwärmerischen\nAskese, sondern nur um deren Einschränkung durch das ver-\nnünftige Gesetz, und der Heilige Kantischen Schlages nimmt\nsich intelligenter, wenn auch weniger dekorativ aus als die\nHeiligen der Konfessionen. — Gäbe es nichts als Natur, so würde\nman Wollen und Müssen zwar verstehen, aber keinerlei\nSollen: die Existenz dieses Begriffs beweist, daß es eine nicht\nnur natürliche, relative, sondern eine übernatürliche, absolute\nFreiheit des Willens gibt.\nFreiheit ist, wie Kant lehrt, die unerhörteste Kraft, welche es\ngeben kann: aber sie ist so gewiß wie uns innenfällig. Daraus\nleuchtet ein, wie schwer es für den sinnlichen Menschen sein\nmuß, der Natur kraft seiner Freiheit zu obsiegen. Der Mensch\nist ein Doppelwesen, ein Grenzbewohner zwischen dem Reich\nder Natur und dem der Freiheit. Seiner äußerlichen Erschei-\nnung nach ein kluges Tier, meistens das berühmte Tier mit\nroten Backen, ist es seinem Wesen nach, in seinem innersten\nGewissen, die göttliche Freiheit selber. Alle natürlichen Ge-\nlüste sind populär; hingegen ist die übernatürliche Neigung, die\nLiebe, das herzliche Gefühl für das, was sein sollte, selten vor-\nhanden, und wenn vorhanden, selten rein von der Natur ge-\nsondert. Die Naturschwärmerei übertrifft meistens die Begei-\nsterung für die übersinnliche Freiheit der Vernunft und ihrer\nGesetze, Niemand unterdrückt gern natürliche Sympathie oder\nAntipathie aus Liebe zu übernatürlichen Werten. —\nEs gibt keinen freieren Geist als Immanuel Kant, wenn man unter\nFreiheit Initiative und Aktivität und deren Aktionsmittel nicht\nschwärmerisch, sondern gesetzlich versteht. An Stelle von\nLaunen tritt erst seit Kant die stete Gesinnung. Der freie Geist\neines Nietzsche konnte doch nicht umhin, nachdem er die christ-\nliche Moral verurteilt hatte, ein neues Soll, neue Gesetzestafeln\nüber der Menschheit aufzuhängen. Es entgeht ihm so sehr, wie\ntriftig er hierin mit Kant zusammenstimmt, daß er wähnt, ein\nGegner Kants sein zu können. Aber das Prinzipielle an dieser\ngöttlichen Lehre des nie genug zu bewundernden Kant ist un-\nsterblich wahr, mag auch vielleicht die Art, moralische Gesetze\ndaraus abzuleiten, der Kritik noch sehr bedürfen. Der über-\nirdische Quell, der sich hier in die Natur ergießt, ist lauter.\nVermengt er sein reines Wasser mit der Natur, so entsteht zu-\nnächst eine Trübung, deren reinigende Auflösung der Sinn des\nLebens ist."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.11", "texte": "Verantwortlich für die Schriftleitung:\nLothar Schreyer\nVerantwortlich für den gesamten Inhalt und Vertag\nF. Harnisch / Berlin W 35\nDruck Carl Hause / Berlin SO 26\n\nVerlag Der Siurm\nBerlin W 9 Potsdamer Straße 134 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nMonatsschriit Der Sturm\nErscbeint am iunizehnten jedes Monats\nDauerbezug\nGewShnliche Ausgabe: Fur Deutsch-\nland: Ein Jalir 9 Mk / Em Halbjahr 5 Mk /\nEinzelheft 1 Mark /FiirdasAusland;\nEin Jahr 12 Mark / Ein Halbjahr 7 Mark I\nEinzelheft 1 Mark 50 Pfennig\nSender - Ausgabe: Ungebrochene\nExemplare, Versendung in Rol-\nlen direkt durch die Post / Fur\nDeutschland: Ein Jahr 15 Mark /\nFiir das Ausland : Ein Jahr 20 Mark\n\nPre is e der friiheren Jahrgange\nVoilst&ndige Ausgabe\nL Jahrgang\n2. Jahrgang\n3- Jahrgang\n4. Jahrgang\n5. Jahrgang\n6. Jahrgang\n7. Jahrgang\n8. 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Zeichnungen und Bild-\nwerken folgender Kunstler:\nAlexander Archipenko 4\nRudolf Bauer 4\nVincenc Benes 1\nUmberto Boccioni 2\nCampendonk 2\nMarc Chagall 7\nRobert Delaunay 1\nLyonel Feininger 1\nAlbert Gleizes 2\nJacobavan Heemskerck 3\nHiert6n-Gninewald 1\nAlexei von Jawlensky 2\nKandinsky 3\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\nFernand L6g©r 2\nAugust Macke 1\nF'ranz Marc 2\nCarl Mense l\nJean Metzinger I\nGeorg Muche 1\nGabriele Munter 1\nNegerplastik 1\nGeorg Schrimpf I\nGino Severini 4\nArnold Topp 1\nMaria Uhden 1\nNell Walden 1\nWilliam Wauer 5\nMarianne von Werefkin 2\n\nSturm- Ausstellungskataloge\nMit A bbildungen\nAlexander Archipenko ' Kandinsky\nRudolf Bauer Gino Severini\nMarc Chagall Skupina\nJe 60 Pfennig\nFranz Marc\nT Mark\nErster Deutscher Herbstsalon Der Sturm 1913\nMit 50 Abbildungen in Kupfertiefdruck\n2 Mark\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Stum\nAui Japan- und Buttenpapier\nJeder Kunstdruck 5 Mark\nRudolf Bauer\nSchwarz-Weiß-Komposition 14\nUmbcrto Boccioni: Abschicd / Die Ab&ah-\nrenden / Die Zuriickbleibenden\nMarc Chagall: Intcfrieur / Der Jude / Der\nGelgenspieler / Die Schwangere / Esseuder\nBauer / Madchen\nRobert Delaunay: Der Turin\nLyonel Feininger: Klein ScKmidtKausen I\nMark Wippach II\nJacoba van Heemskerck: Baum / Land-\nschaft\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka Menschenkidpfe;\n1 Adolf Loos I 2 Herwarth Walden / 3 Karl\nfCraus I 4 Richard Dehmel / 5 Paul Scheer-\nbart I 6 Yvette Guilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nFernand Leger: Akt\n\nSturm-Kiinstler / Lichtbildkarten\nJede Karte 30 Pfennig\nI. August Stramm\n11. Herwarth Waldei\n111. van Heemskerck\nIV. Kandinsky\nV. Rudolf Blumner\nVI. Campendonk\nVII. Peter Baum\nVIII. Hermann Essig\nIX. Os'kar Kokoschka\nX. Adolf Knoblawfih\nXI. Paul Klee\nXII. Gabriele\nXIII. Rudolf Bauer\nXIV. Nell Walden\nXV- Mynona\nXVI. Kurt Heynicke\nXVIII. William Wauer\nXIX. Lothar Schreyer\nXX. Georg Muche"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190215-01.1.12", "texte": "Alle Werke des Verlags Der Sturm sind\nin der Buchhandlung Hassing / Politikens\nHus in Kopenhagen vorrätig\nAnzeigen werden nicht aufgenommen\n\nDer Sturm\nStandige Ausstellungen\nBerlin / Poisdamer Sirafje 134 a\nGedfinet taglicfe yob 10—6 Uhr / Sonntags\nvon 11—2 Uhr\nTageskarte 1 Mark 50 Pfemdg\nJahreskarte 9 Mark\nMonatlichcr Wcchsel\ni\nEinundsiebzigste Aussiellung\nFebruar 1919\nSturm-Gesamtschau\nZweiundsiebzigste Ausstellung\nMarz 1919\nWilliam Wauer\nGemalde / Zeiclmungen / Plastiken\nEroffnung: Sonntag den 2. Marz 1919\n\nDER STURM\n▼ertritt iolgende Kunstler ausschliefilich\nand veriiigt iiber ihre Wcrke (Gem aide /\nGraphik / Holzschnitte j Handdrncke) zum\nYerkauf and za Ausstellungen in der gan-\nzen Welt;\nRudolf Bauer / Campendonk / Marc Cha-\ngall I Jacoba van Heemskerck / Kandinsky /\nGeorg Muche / Nell Walden I William\nWauer\nDER STURM\nvertritt fiir Deutschland lolgende Kunstler\nand yerfiigt fiber ihre Werkc zum Verkau!\nand fiir Ausstellungen:\nGosta Adrian-Nilsson / Alexander Archi-\npenko j Fritz Baumann / Vincenc Benes /\nUmberto Boccioni / Carlo D„ Carra / Mas\nErnst I Lyonel Feininger / Emil Filla /\nAlbert Gleizes / Otto Gutireund / Oswald\nHerzog / Sigrid Hjerten-Grunewald / Isaac\nGriinewald / Johannes It ten / Alexei von\nJawlensky / Paul Klee / Oskar Kokoschka\n/ Otakar Kubin / Fernand Leger / Franz\nMarc I Gabriele Miinter / Jean Metzinger /\nJohannes Molzahn / Francis Picabia /\nGino Severini / Arnold Topp / Maria\nUhden / Marianne von Werefkin\n\nSturmschule\nLeitung : Herwarth WaMan\nDrittes Jahr\nBerlin / Potsdamcr Strafie 134 a\nUnterricht and Ausbildung in der\nexpressionistischen Kunst\nBiihne / Schauspielerei / Vortragskunst /\nMaierei / Dichtung / Mnsik\nLehrer der Sturmschule\nRudoli Bauer\nRudolf Bliimner\nCampendonk\nJacoba van Heemskerck\nPaul Klee\nGeorg Muche\nLothar Schreyer\nHerwarth Wialden i\nWilliam Wauer\nSprechstimden der Leitung: Dienstag, Mittwoch,\nFreitag, Sonnabend 4—5 / Das Sekretariat ist\ntaglich von 10—6 geoffnet\n\nLeitung dcr Sturmschule liir Holland;\nJacoba van Heemskerck / Den Haag\nAnmeldungen durch den Sturm / Berlin W 9\n\nSturm -Abende\nVerein flir Kunst / Fiinizehntes Jahr\nIn dcr Kunstausstellung Der Sturm / Berlin\nJeden Mittwoch %8 Uhr\nVortragender: Rudolf Blumner\nKarten zu 5, 4, 3, 2, 1 Mark im Vorverkauf und an\nder Abendkasse\n\nEssen: 3. Februar\nHamburg: 17. Februar\n\nVerein fiir Kunst\nFiinfzehntes Jahr\nJahresbeitrag 25 Mark\nRechte; Freier Bezug der Zeitschrift Der\nSturm I Freier Besuch der Sturm-Ausstel-\nlimgen / Jahrlich 2 Kunstdrucke\nAnmeldungen durcli den Sturm\n\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und numerierte Handdrucke\nvon den meisten Zeichnungen Kunstdrucke\nkauflich zu erwerben. 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