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Ich habe mich bemüht, diese lästige Ge-\nsellschaft zu entfernen. Nach einetm Jahr ist es mir\ngelungen. Gerade die bedeutendste lyrische Bega-\nbung Deutschlands, Else Laskeri-Schüler, würide\nmit dem fehlenden Geist deutscher Redakteure\nüberschüttet. Sie konnte unter einem Fehlen nicht\nleiden. Ich wolle aber das Fehlen nicht leiden, ohne\nzu klagen. Pas Leidenlassen beleidigte mich. Und\nauf meine Veranlassung strengte die Dichterin, zu-\nnächst eine Privatklage gegen eine Hamburger\nZeitung an, die sich besonders tief unsinnig benom-\nmen hatte. Die Privatklage wurde abgewiesen.\nDer Richter sprach ausnahmsweise einmal einem\nRedakteur die Wahrung berechtigter Interessen zu.\nEr fand, daß der Vorwurf der Gehirnerweichung\nnicht über das berechtigte Ziel kritischer Betrach-\ntung hinausschieße. Das Hajmburger Blatt hatte\ndas sehr schöne Gedicht „Leise sagen'' nachge-\ndruckt und dazu die Bemerkung gemacht, die kri-\ntische Bemerkung: Vollständige Gehirnerweichung\nhören wir den Leser leise sagen. Das Hambur-\nger Landgericht als zweite Instanz fand, daß die-\nser Satz eine selbstständige geistige Leistung und\nals solche eine berechtigte Kritik darstelle. Das\nHamburger Landgericht scheint also zu wissen,\nwas von der geistigen Leistung eines Hamburger Re-\ndakteurs zu erwarten ist. Auch ein Redakteur soll\nnicht mehr geben als er kann. Er hat also ein ju-\nristisches Recht darauf, für diese bürgerliche „Kor-\nrektheit nicht bestraft zu werden. * Die Kenntnis\ndes Wortes Gehirnerweichung kann immerhin als\nWissenschaft bezeichnet werden. Diese Wissen-\nschaft mit der Ueberschrift eines Gedichtes in einen\nvollständigen) Satz zu formen, scheint zwar\nnicht kritisch, aber doch künstlerisch und selbst-\nständig zu sein. Nachdem mir nun das Hamburger\nLandgericht erklärt hatte, daß die Behauptung von\nGehirnerweichung keine Beleidigung, sondern ein\nLeiden ist, das jeder Redakteur und jeder Richter\nin Wahrnehmung berechtigter Interessen erkennen\nkann, interessierte mich die Angelegenheit nicht\nmehr medizinisch, wohl aber juristisch. Zweifellos\nlag doch durch den nichtberechtigten Nachdruck\neines Gedichtes eine Verletzung des Paragraphen\n19 des Urheberrechts vor. Es wurde also beim\nZrvilgericht in Hamburg auf Schadenersatz von\nzwanzig Mark wegen unbefugten Nachdrucks ge-\nklagt. Ich war überzeugt, daß in Zukunft deutsche\nRedakteure sich nur mit der Medizin befassen wür-\nden, wenn ihr Verlag für deren Verbindung mit Üer\nKunst Honorar zahlen müßte. Das Hamburger\nAmtsgericht wies die Klage zurück, weil es den\nParagraphen 19 des Urheberrechts nicht genügend\nkannte. Die Zivilkammer IX des Hamburger Land-\ngerichts gab zwar die Verletzung des Paragraphen\n39 des Urheberrechts zu, wies aber die Klage auf\nSchadenersatz trotzdem ab. Zulässig ist nämlich\nnach Paragraph 19/1 die Aufnahme von einzel-\nnen Stellen oder kleineren Teilen eines\nSchriftwerks in eine selbständige literarische\nArbeit. Zulässig ist ferner, die Aufnahme einzelner\nAufsätze oder Gedichte in eine selbständige wis-\nsenschaftliche Arbeit. Diese Bestimmung\nwar nach Ansicht des Amtsgerichts und des\nRechtsanwalts der Hamburger Zeitung in die-\nsem Fall anwendbar, da der Satz: Gehirn-\nerweichung hören wir den Leser sagen, eine\nkritische Glosse vorstellt\". Das\nLandgericht Hamburg war aber anderer Ansicht\nEs fand diese Ausführung irrig, weil die Verwechs\"\nlung einer selbständig wissenschaftlichen und\neiner selbständigen literarischen Arbeit vorlag.\nDer Zivilkammer imponierte also die Kenntnis des\nWortes Gehirnerweichung noch nicht als Wissen-\nschaft. Der Satz ist nur literarisch, aber der Ge-\nsetzgeber hat nun einmal das vollständige Nach-\ndrucken von Gedichten bei literarischen Arbeiten\nverboten. Ein unberechtigter Nachdruck lag also\nvor und an sich wäre die beklagte Zeitung der Klä-\ngerin zum Schadenersatz verpflichtet gewesen. Das\nGericht führt nun in seinem Urteil alle möglichen\nArten der Berechnung des Schadenersatzes vor;\nKlägerin könnte die Tatsache des Abdrucks als\nsolche gelten lassen und als rechtswidrig nur\ndas Moment anfechten, daß der Abdruck ohne\nihre Genemigung erfolgt ist. In diesem Fjall\ndarf die -Klägerin Ersatz des Schadens fordern,\nweicher ihr daraus erwachsen ist, daß der\nAbdruck ohue ihre Genehmigung statt-\ngefunden hat. Sie darf mit anderen Worten\ndasjenige fordern, was sie gehabt haben würde,\nwenn der Abdruck mit ihrer Genehmi-\ngung erfolgt wäre.\nDieses ist denn auch der Standpunkt, den die\nKlägerin in vorliegendem Prozeß in erster Linie\nvertritt, Sie führt iru der Klage aus, daß sie be-\nrechtigt gewesen wäre, für den gestatte-\nten Abdruck ihres Gedichts ein Honorar von\nmindestens zwanzig Mark zu verlangen, und\ndaß sie für diesen entgangenen Gewinn\ndie Beklagte verantwortlich mache.\nDie zu entscheidende Frage ist hiernach folgen-\ndermaßen zu präzisieren:\nWüide die Beklagte, der Klägerin, wenn diese\nden Abdruck des Gedichtes in der Zeitung ge-\nstattet hätte, ein Honorar gezahlt haben, oder\nwürde sie wenigstens zur Zahlung eines Hono-\nrars verpflichtet gewesen sein.\nDie beklagte Zeitung bestritt natürlich die Ver-\npflichtung. Worauf sich das Gericht'für verpflich-\ntet hielt, nicht die rechtliche Lage, sondern den li-\nterarischen Wert des Gedichtes „Leise sagen\" zu\nprüfen. Das Gericht glaubt nämlich, für Literatur\nohne weiteres Sachverständig zu sein. Literatur\nIst Gemeingut des Volkes. Das versteht man eben.\nZur Konfektion, zur chemischen Wäschereinigung\nunjd zur Jura braucht man Fachkenntnisse. Die\nLiteratur hat man aber im Gefühl. Mari hat seine\nBildung, man hat Goethe, Schiller und Wildenbrucli\ngelesen, auch den Kampf um Rom, man hat die Hei-\nmat von Sudermann, Alt Heidelberg und die Lusti-\nge Witwe gesehen, man hat seine Dauerkarte zur\nKunstausstellung und seine Aktie zum Zoo. Da\nwird man doch wohl ein kleines Gedicht beurtei-\nlen können. Also:\n„Der erste und unmittelbare Eindruck, den der\nLeser aus der Lektüre dieses Gedichts gewinnt-\n•9\nIst — wenn* man zunächst einmal die Frage\nder unfreiwilligen Komik außer beträcht läßt —\ndas Gefühl der absoluten Verständnis\"\nlos i g kve it. Geht man von der gemeinhin\nverbreiteten Auffassung aus, daß die Sprache\ntöazu dient, Gedanken zutage zu fördern und\nVorstellungen zu erwecken, so fragt man sich\nvergebens nach der Existenzberechtigung eines\nGeistesprodukts, das, wie das vorliegende, im\nwesentlichen nur Worte enthält, Worte, denen\nwenigstens prima facie irgendwelcher vernünf-\ntige Sinn nicht innewohnt. Nun wird sich aller-\ndings der Leser sagen, daß die Verfasserin\nihrerseits mit den von ihr gewählten Worten\ndoch wohl einen Sinn verbunden haben muß,\nund er wird sich bemühen, diesen Sinn heraus-\nzufinden. Tatsächlich wird es ihm vielleicht\nauch gelingen, bei einigen der in dem Gedicht\nvorkommenden Wendungen mittels angestreng\"\nten Nachdenkens und auf dem Wege der Kom-\nbinationen und Vermutungen zu Resultaten zu\ngelangen, die möglicherweise — aber auch nur\nmöglicherweise — dem annähernd entsprechen,\nwas die Verfasserin mit ihren Versen wirklich\nhat zum Ausdruck bringen wollen. Wrenn es\naber beispielsweise in dem Gedicht heißt:\n„Du nahmst Dir alle Sterne\nUeber meinem Herzen\",\nund weiter: 1\n„Ich kann den Abend nicht mehr\nUeber die Hecken tragen\",\nsowie endlich:\n„Mein Herz geht langsam unter,\nIch weiß nicht wo\",\nso steht der normal empfindende Leser diesen\nGefühlsausbrüchen ebenso ratlos gegenüber\nwie der Frage, welche Beziehung wohl der Ti-\ntel „Leise sagen\" zu dem Inhalt des Gedichts\nhaben mag\".\nDer erste und unmittelbare Eindruck des Land-\ngerichts ist also das Gefühl der absoluten Verständ-\nnisiosigkeit. Das habe ich auch. Bisher hat nämlich\ndie Lyrik dazu gedient, Gedanken zutage zu fördern\nund Vorstellungen, zu erwecken. Diesem Gedicht\nwohnt also wenigstens prima facie kein vernünf-\ntiger Sinne inne, sagt das Landgericht. Es ist al-\nlerdings überzeugt, daß die Verfasserin ihrer-\nseits mit den von ihr gewählten Worten doch wohl\neinen Sinn verbunden haben muß. Das Gericht ist nun\nmittels angestrengten Nachdenkens und auf dem\nschwierigen Weg von Kombinationen und Ver-\nmutungen zu Resultaten gekommen. Wenigstens\nbei einigen Zeilen. Bei anderen steht das normal\nempfindende Gericht den Gefühlsausbrüchen ratlos\ngegenüber. Das Gericht hat aber die Güte, von\nden völlig unverständlichen Stellen abzusehen:\nBeschränkt man sich auf diejenigen Wendungen,\nbei denen sich wenigstens ahnen läßt, was die\nDichterin eigentlich hat sagen wollen, so ist\nnicht zu verkennen, daß in dieser Aufeinander-\nhäufig von Unklarheiten eine gewisse Metho-\nIy '\nde liegt. -\nAlso doch eine Methode. Die Sache wird wissen-\n• -C\nschaftlich:\nDieselbe besteht kurz gesagt darin, daß mehre-\nre Bilder, von denen jedes einzelne an\nsich nicht zu beanstanden ist, durch einander-\ngeworien werden. Das Resultat dieses Verfah-\nrens ist aber nicht nur eine bisweilen an völlige\nUnverständigkeit grenzende Unklarheit, son-\ndern vor allem eine Formlosigkeit, welche un-\nästhetisch und teilweise geradezu abstoßend\nwirkt.\nEin Glück, daß bei diesem Verfahren des Durch-\neinanderwerfens von Bildern die Kopflosigkeit nur\nbildlich bleibt.\nWenn beispielsweise die Dichterin „vom Seim\nder Bläue der dem Erzengel gestohlenen\nschwebenden Augen nascht\" so mag ihr zu\n. Gute gehalten werden, daß dieser Gedanken-\nreihe einzelne richtige Bilder (der Vergleich\nder Augen mit einer mit Honigseim gefüllten\nBlüte, das Naschen von der Blüte etcetera) zu\nGrunde liegt. Aus der gewaltsamen Zusam-\nmenstellung dieser heterogen Elemente ergibt\nsich nun aber ein Gebilde, welches vom sprach-\nlichen und vom ästhetischen Standpunkt aus\nim gleichen Maße unmöglich erscheint und mit\nPoesie nichts mehr gemein hat. Ueberhaupt.\nläßt sich von 4em Gedicht sagen, daß für den\nauffallenden, jMangel an vernünftigen Sinn nicht\neinmal eine schöne Form entschädigt.\nNicht einmal das. Wenn es wenigstens gereimt\nwäre, würde es sicher mit der Poesie etwas\ngemein haben. Nach diesem Ausbruch des belei-\ndigten Verstandes hält sich das Gericht nicht etwa\nfür befangen. Es beweist vielmehr seinen Sach-\nverstand\nFührt die vorstehende Betrachtung zu dem Er-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 9982, "texte": "gebnis, daß das Gedicht der Klägerin nach Form\nund Inhalt völlig verfehlt ist und irgendwelchen\npoetischen oder literarischen Wert nicht bean-\nspruchen kann, so glaubte das Gericht keine\nVeranlassung zu haben, nach dieser\nRichtung noch Sachverständige zu vernehmen.\nDie Mängel des Gedichtes sind so krasse und\nso sehr in die Augen fallende, daß sie jedem ge-\nbildeten mit gesundem Menschenverstand und\nmit Empfänglichkeit für Poesie begabten Leser\nohne weiteres die Ueberzeugung von der\nWertlosigkeit dieses Geistesproduktes auf-\ndrängen müssen. Es wäre auch schlimm um\neine Lyrik bestellt, welche sich lediglich an\neinen kleinen Kreis von Sachverständigen wen-\ndet, und nicht im Stande sein müßte, ihre\nSchönheiten jedem mit normaler Intelligenz und\neinem gewissen ästhetischen Sinn ausgestatte-\nten Menschen zu offenbaren.\nSo schlimm ist es heute um die Lyrik bestellt,\ndaß sie sich nicht einmal dem gesunden Menschen-\nverstand, der normalen Intelligenz und dem gewis-\nsen ästhetischen Sinn offenbart. Alle diese Eigen-\nschaften besitzt außer dem Gericht noch der deut-\nsche Redakteur:\nAber auch abgesehen) hiervon handelt es sich\nim vorliegenden Fall lediglich um die Beant-\nwortung der Frage, ob der Redakteur einer Ta-\ngeszeitung geneigt sein wird, dem Gedicht\neinen poetischen Wert beizumessen und das-\nselbe, sofern es ihm als Beitrag eingesandt\nwird, zu honorieren.\n„Dasselbe44 würde niemals dem Redakteur einer\nTageszeitung eingesandt werden.\nDas Gericht glaubt auch diese Frage ohne An-\nhörung von Sachverständigen verneinen zu\nkönnen. Die Redakteure einer Tageszeitung\nwerden. — das ist ihnen ohne weite-\nres zuzutrauen — genügend Urteilsfä-\nhigkeit besitzen, um in Bezug auf die Einschät-\nzung des in Rede stehenden Poems zu dem\ngleichen Resultat zu gelangen, zu welchem die\nvorliegenden Ausführungen geführt haben.\nDas ist den Redakteuren endlich einmal gut\ngegeben. Selbstverständlich würden sie in Be-\nzug auf die Einschätzung dieses Gedichts ebenso\nsachverständig sein, wie der ästhetische Jurist.\nDie Kunst fängt immer dort an, wo diese Herren\naufhören, sie zu begreifen. Ganz sicher fühlt sich\ndas Gericht aber plötzlich wieder nicht:\nNun hat es allerdings den Anschein, als ob die\nKlägerin mit der ihr eigentümlichen Art poeti-\nscher Produktion eine ganz bestimmte Tendenz\nverfolgt und man wird weiterhin mit der Mög-\nlichkeit zu rechnen haben, daß es in der lite-\nrarischen Welt Persönlichkeiten gibt, welche\ndie von der Klägerin vertretene Richtung so\nkonsequent verfolgen, daß sie sogar dem vor-\nliegenden Geistesprodukt einen gewissen Ge-\nschmack abzugewinnen vermögen.\nBei der Feststellung bleibt es erfreulich, daß\ndas Gericht die deutschen Redakteure nicht zur\n„literarischen Welt\" zählt. Denn:\nFür den vorliegenden Rechtsstreit ist aber ein-\nzig und allein derjenige Standpunkt maßgebend,\nwelchen der Redakteur einer Tageszeitung dem\nGedicht der Klägerin gegenüber einnehmen\nwird. Und insoweit muß es bei dem oben Ge-\nsagten sein Bewenden haben.\nDas Gericht kennt die Redakteure insoweit.\nJetzt fühlt sich das Gericht auch nicht juristisch\nmehr sicher: . . . . so muß der Vollständigkeit\nhalber nocTi ein weiterer Gesichtspunkt in Be-\ntracht gezogen werden, welche eine Entschei-\ndung des Reihsgerichts aufstellt. Das Reichs-\ngericht führt aus: „Im vorliegenden Fall und\nüberall wo geistiges Eigentum wegen seines\ninneren Wertes zu einer Verwendung gelangt,\nzu welchem es, wenn nicht von seinem Urhe-\nber bestimmt, doch nach allgemeiner Anschau-\nung geeignet ist, und nach dem Erfolge sich\nals geeignet erweist, ist der Gesichtspunkt n i e-\nm a 1 s abzuweisen, daß sich derjenige, welcher\ndas fremde geistige Eigentum, sei es unredlich»\nfahrlässig, oder, wenn das Gesetz vom 11. Juli\n1870 zur Anwendung kommt, unverschuldet zu\nseinem Vorteil verwendet, verwertet und sich\ndadurch bereichert, einen Gewinn aus dem\nfremden geistigen Eigentum gezogen hat, den\ner eben deshalb dem Urheber oder seinem\nRechtsnachfolger herauszugeben hat. Denn er\nhat dissen Gewinn auf Kosten des Urhebers\ngemacht\".\nHierzu bemerkt das Hamburger Landgericht zu\nseiner Entschuldigung.:\nDiese Ausführungen würden auf den an sich\nviellicht schwierigen Nachweis des Schadens\nerleichtern, wenn,die Beklagte sich das geistige\nEigentum der Klägerin wegen seines inne-\nren Wertes angeeignet, wenn sie also mit\nanderen Worten das Gedicht abgedruckt hätte,\nin der Absicht, ihren Lesern einen poetischen\nGenuß zu verschaffen. Diese Voraussetzung\ntrifft aber offenbar nicht zu. Die Beklagte Hat\ndas Geistesprodukt der Klägerin ironisieren\nwollen. Sie hat es, wie sie sich selbst aus-\ndrückt, lediglich als „Stilblüte\" als \"Dokument\nfür lyrische Verdrehtheit4* der Oeffentlichkeit\nmitteilen und ani den Pranger stellen wollen.\nEs handelt sich um einen Fall der sogenannten\nunfreiwilligen Komik.\nJetzt wird die unfreiwillige Komik ein juristischer\nBegriff: { •\nDie Lektüre des Poems wird bei demjenigen,\nder überhaupt Sinn für Humor hat, ein Gefühl\nder Heiterkeit auslösen.\nDas Gefühl der absoluten Verständnislosigkeit\nlöst tatsächlich das Gefühl der Heiterkeit aus. Die\nunfreiwillige IKomik liegt allerdings dann beim Le-\nser und nicht beim Gelesenen.\nUnd da das Gedicht hiernach tatsächlich zur\nUnterhaltung der Leser beizutragen geeignet\nist, so läßt sich ihm vom Standpunkt dieser\nBetrachtungsweise ein gewisser Wert nicht\nabsprechen.\nDer Begründung auch nicht. Aber wieder er-\nhebt sich drohend das Reichsgericht. Das Reichs-\ngericht wird „vielleicht44 den Fall der sogenannten\nunfreiwilligen Komik nicht unter „den Begriff des\ninneren Wertes des geistigen Eigentums haben sub-\nsummieren wollen\". Man kann das nicht wissen.\nWürde man sich aber auch für diese Ausnahme\nentscheiden, so wäre noch immer zu prüfejn,\nworin denn eigentlich der von der Beklagten\ngemachte Gewinn besteht Dieser könnte\nnur« so konstruiert werden, daß Beklagte einen\nBeitrag, welcher zur Unterhaltung ihrer Leser\ndient, ohne Zahlung erworben hat, während\nsie an sich verpflichtet gewesen wäre, für den-\nselben ein Honorar zu zahlen. Nun werden\naber bekanntlich Beiträge, deren Inhalt sich als\nunfreiwilliger Humor darstellt, hierher gehören\ninsbesondere die von manchen Blättern sogar\nin besonderen Rubriken gesammelten Stilblü-\nten und Druckfehlerteufel niemals honoriert.\nFür. den Abdruck dieses Urteils ist also auch aus\ndiesem Grunde kein1 Honorar fällig.\nAber das Reichgericht macht dem Landgericht\nnoch immer Sorge.\nDas Reichgericht gibt dem durch den Nach-\ndruck Verletzten das Recht, seinen Schaden in\nHöhe der Bereicherung des Nachdrucks geltend\nzu machen. Im vorliegenden Fall könnte eine\nBereicherung der Beklagten wiederum nur da-\nrin erblickt werden, daß sie ein Gedicht kosten-\nlos abgedruckt hat, für welches sie ein Honorar\nhätte zahlen müssen. Nun ergibt sich aber aus\nden vorstehenden Ausführungen, daß eine Ver-\npflichtung der Beklagten zur Bewilligung eines\nHonorars für das Geistesprodukt der Klägerin*\nunter keinen Umständen besteht.\nDer Paragraph 19 des Urheberrechts wird „für\nden vorliegenden! Fall\" also offenbar außer Kraft\ngesetzt.\nDas Gedicht als ernstgemeinten Beitrag\nbrauchte sie wegen seiner literarischen Wert-\nlosigkeit nicht zu honorieren.\nJetzt beginnt die Phantasie des Gerichts zu blühen.\nIm Paragraphi 19 steht nichts von diesem Ausnah-\nmefall zu lesen.\nDie Verwertung desselben als einer Probe un-\nfreiwilligen Humors durfte, der allgemeinen\nVerkehrsübung entsprechend, ohne Gewährung\neiner Vergütung erfolgen.\nAuch davon steht nichts im Paragraph 19 des\nUrheberrechts. Bisher sind Zeitungen, die\nunter dem sogenannten Gesichtspunkt der soge-\nnannten freiwilligen Komik den Nachdruck vor\n#\nGedichten gestatteten, stets entsprechend der De-\nfinition des Reichsgerichts zur Zahlung eines Hono*\nrars verurteilt worden.\nVerleger und Zeitschriftenredakteure sollten\nsich übrigens dieses endgültige Urteil des Hambur-\nger Landgerichts zu Nutze machen. Sie können\nohne jedes Honorar und ohne jede Erlaubnis alle\nihnen passend erscheinenden Gedichte abdrucken.\nErforderlich bleibt nur, über die Gedichte die\nWorte „Unfreiwillige Komik44 oder „Druckfehler-\nteufel44 zu setzen. Dann tritt der Paragraph 19\ndes Urheberrechts außer Kraft, und die allgemeine\nVerkehrsübung kann mit Hilfe des Hamburger\nLandgerichts sich geltend machen.\nAus diesem Urteil ersieht rnan, welche Vor-\nstellung der gebildete Deutsche von Literatur und\nKunst hat. Diese drei Laien, die Herren Landrich-\nter Crasemann, Dr. Hipp, Henschel,\nhaben nicht das geringste Bedenken, ein Urteil über\nein Kunstwerk zu fällen. Ueber die Behauptung,\ndaß eine Bluse schlecht genäht sei, würde sicher\nein Sachverständiger vernommen worden sein. Ein\nGedicht nehmen die Herren selbst auseinander und\nkönnen es nachher nicht mehr zusammenstellen.\nSie haben die einzelnen Stücke in der Hand und\nwundern sichi, daß es nicht paßt. Es paßt ihnen\neben nicht. Die ianze Richtung paßt ihnen eben\nnicht. Kunst ist ihnen nicht normal genug. Das:\nPublikum kann eben seine Sinne nicht benutzen.\nEs hat sich für Kunst eigens einen sechsten Sinn,\nden ästhetischen Sinn, angeschafft. Es liest schlech-\nte Gedichte, die von deutschen Redakteuren ver-\nöffentlicht werden, und findet die guten schlecht,\nweil für die schlechten sogar vom Hamburger\nLandgericht Nachdruckhonorar bewilligt würde.\nEine ,.literarische Welt\" wird zwar zugege-\nben. Sie wird aber/ grundsätzlich für „exzen-\ntrisch44 erklärt. Es wäre auch traurig, wenn sich\nKunst im Zentrum dieser Ausführungen aufhalten\nwürde.\nIch hatte dem Gericht als Sachverständigen\nRichard Dehme 1 vorgeschlagen. Aber cfas\nGericht wußte es allein besser. Ich sandte Herrn\nDr. Richard Dehmel das Urteil des Hamburger\nLandgerichts ein und bat ihn um eine Aeußerung.\nHier ist sie:\nSehr geehrter Herr Waiden,\nEs ist schlechterdings eine Anmaßung, wenn\nein Gerichtshof ein Gedicht für literarisch wertlos\nerklärt, dessen Verfasserin von wirklichen Kennern\nder Literatur als eine ungewöhnlich begabte Dich-\nterin anerkannt ist. Was würden die Herren\nRichter wohl sagen, wenn ein juristischer Laie den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 855, "texte": "Gedankengang ihres Urteils für unverständlich,\nwidersinnig und — unfreiwillig komisch erklärte;\nsie würden wahrscheinlich garnichts sagen, sondern\ndie Achseln zucken und lachen. Ich denke, die\nDichterin wird desgleichen tun. Ich meinesteils —■\nda Sie meine Ansicht zu hören, wünschen -— halte\ndas abgeurteilte Gedicht für eines ihrer schönsten,\nweil einfachsten; das sage ich ausdrücklich deshalb,\nweil manches andre Gedicht von Else Lasker-\nSchüler in der Tat so labyrinthisch gebaut ist, daß\nsich der gewöhnliche Zeitungsleser, dessen lite-\nrarisches Urteil den Herren Richtern' maßgebend\nscheint, gewiß nicht ohne vorherige Erweichung\nseines vertrockneten Gehirns hineinfinden kann.\nNatürlich stelle ich Ihnen frei, diese meine unmaß-\ngebliche Meinung zu veröffentlichen.\nEs möge hier nochmals das mißhandelte Gedicht\nselbst stehen.\n\nBesten GruB\nDehmel"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c004", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.4", "titre_corps": "Leise sagen", "titre_sommaire": "Leise sagen", "signature_source": "Else Lasker-Schüler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.4", "debut_caractere": 857, "fin_caractere_exclue": 1359, "texte": "Leise sagen\nElse Lasker-Schüler\nDu nahmst dir alle Sterne\nUeber meinem Herzen.\nMeine Gedanken kräuseln sich\nIch muß tanzen.\nImmer tust du das, was mich aufschauen läßt,\nMein Leben zu müden.\nIch kann den Abend nicht mehr\nUeber die Hecken tragen.\nIm Spiegel der Bäche\nFinde ich mein Bild nicht mehr.\nDem Erzengel hast du\nDie schwebenden Augen gestohlen.\nAber ich nasche vom Seim\nIhrer Bläue.\nMein Herz geht langsam unter\nIch weiß nicht wo —\nVielleicht in deiner Hand.\nUeberall greift sie an mein Gewrebe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c005", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.5", "titre_corps": "Ich habe denselben jProzeß in Berlin! führen", "titre_sommaire": "Ich habe denselben jProzeß in Berlin! führen", "signature_source": "H. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.4", "debut_caractere": 1361, "fin_caractere_exclue": 2568, "texte": "H. W.\nIch habe denselben jProzeß in Berlin! führen\nlassen. Hier in Berlin ist er endgültig zu Gun-\nsten der Dichterin entschieden und die be-\nklagte Zeitung zum Schadenersatz verurteilt wor-\nden. Ich werde darüber in der nächsten Nummer\ndieser Zeitschrift ausführlich berichten. Ich warne\naber schon heute die deutschen Zeitungsredakteure,\nirgend eine Dichtung dieser Zeitschrift unter dem\n„Gesichtspunkte der unfreiwilligen Komik44 nach-\nzudrucken. Ich habe nichts dagegen, daß die Her-\nren Kunst komisch finden. Ich werde sie aber dar-\nan hindern, ihren Geist an Kunst aufzugeilen. Ich\nwerde mich in ihre Verstandesregion hinunterbe*\ngeben und ihnen beweisen, daß Impotenz keine\nGesundheit ist. Kranke Laien halten sich oft für\ngesund. Man kann es ihnen gönnen. Sie sollen\naber nicht exzentrisch werden wollen und Künstler\nmit dem Ausfluß ihrer Unfähigkeiten besudeln. Sie\nsollen im Lande bleiben und sich redlich mit Ver-\nmischtem nähren, ihre Vergnügungen im Radsport\nund im Rasensport suchen, und sich an der Börse\nund auf dem Hypothekenmarkt betätigen. Lokales\ndiene ihnen zur Zerstreuung. Kunst aber sollen sie\nnicht begreifen. Kunst muß vor Prostitution ge-\nschützt werden. Denn Kunst fordert Liebe."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c006", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 4, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.6", "titre_corps": "Die blaue Dohle", "titre_sommaire": "Die blaue Dohle", "signature_source": "Franz Herczeg", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.4", "debut_caractere": 2570, "fin_caractere_exclue": 9124, "texte": "Die blaue Dohle\nVon Franz Herczeg\nMan unterhielt sich über das Leben und die\nFrauen; einer, der bisher schweigsam dasaß,\nsprach plötzlich und erzählte folgende Begebenheit:\nIn jtlngen Jahren fuhr ich von der Sankt Annen*\nPuszta in die Stadt. An einem schönen Oktober*\nnachmittag. Die Sonne beschien die Wiesen sen=\ngend und gierig und trotz alledem mit dem trau-\nrigen Glänze der Liebe alternder Männer. Kein\nMensch auf der weiten Ebene. Wir kamen an die\nZiegelbrennerei; auch hier gespenstische Ruhe»\nals wären die Leute vor dem Nahen einer\nschreckhaften Gefahr geflohen. Vor den ruß*\nschwarzen Oefen lagen Lehmkisten, Schiebkarren,\nund Werkzeuge in lächerlich wildem Durcheinander.\nHinter der Brennerei biegt der Weg ins Bir-\nkenwäldchen ab. Eine feuchte Kühle berührte mein\nGesicht und die das Blätterwerk durchdringenden\nSonnenstrahlen führten einen betäubenden Reigen\num mich; ich mußte die Augen schließen.\nAn einer Lichtung drang ein leiser Ton an mein\nOhr. Ein munterer Vogelruf ungefähr wie das\nWörtchen „csak\" jedoch in der langgedehnten\noberländischen Mundart. Ein großer Vogel mit\nausgebreiteten Schwingen schnitt in zierlich ruhi*\ngern Bogen die Luft und flog knapp über meinem\nKopfe in die Höhe. . Seine pfauhlauen Federen\nglitzerten in der Sonne, indische Seide. Mär-\nchenhaft in seiner fremden Schönheit hatte er\nsich hierher verirrt von feinen Palmeninseln,\nwich ich sie in meiner Kindheit träumte. In\nseinem Fluge berührte er schon beinahe die Nes«\nselstauden, da hob er die Flügel und schwang sich\nspielend auf die Krone einer jungen Birke, Dort\nließ er sich nieder. Mein Gefährt, das seinen Wald\nschnaubend entlangfuhr, mußte seine Neugierde\nerweckt haben.\nUnd mich ergriff plötzlich wieder dieses wohl*\ntuende Fieber, das sich meiner als Kind bemäch»\ntigte, so oft ich einen wilden Vogel, oder auch nur\neine bunte Feder erblickte. Das eigentümliche und\nverzehrende Wollen, das freie Geschöpf der Luft\nin der Hand zu halten und mein zu nennen, Herr\ndes fremden, aus Waldestiefen und sonnigen Hö=\nhen geholten Zaubers seiner Federn zu sein.\nIch hatte meine Flinte bei mir . . Rasch steckte\nich zwei Kugeln in den Lauf und hieß den Wagen\nstehen bleiben. Ich zielte nach der Dohle, sie rief\nerschrocken „csak4 und stürzte mit gespreizten\nFlügeln vom Baume herunter. Ich feuerte zwei\nrasche Schüsse ab. Der zweite traf sie am Flü=\ngel. Sie ließ sich im Zickzack aufs Gras nieder.\nEin dünner Rauch schwamm in der Luft, etwas\nFlaum wirbelte unter dem Birkenlaub.\nIch sprang vom Wagen und sah nach meiner\nBeute. Lange suchte ich vergeblich im Grase;\nendlich fand ich die Dohle: dort hockte sie auf\neinem Maulwurfshaufen, zu einer blauen Kugel\ngebläht. Ich griff nach ihr, sie entglitt meinen Hän-\nden und entwich in Waschen Spenljngssprüngen. Den\nangeschossenen Flügel schleppte sie nach. Zwi-\nschen Gestrüpp, den Abhang entlang, bis an den\nWaldesrand rannte ich ihr nach. Hier sperrte mir\nspitzes Drahtgeflecht den Weg. Ich blieb vor der\nUmfriedung stehen und brach in Lachen aus. Wel-\ncher Unsinn Doch sogleich ergriff mich\nEigensinn: habe ich was angefangen, so führe\nich es zu Ende! Auch hätte ich mich vor dem Kut-\nscher geschämt, ohne den Vogel zurückzukehren.\nIch stieg über die Hecke und zerriß dabei mein\nGewand, Verfluchter Vogel, jetzt kommst du mir\nerst recht nicht mehr davon,: und sollte ich dich\nbis Sonnenuntergang lagen.\nFlink wie eine Ratte enteilte er mir auf der\nWiese. Plötzlich begann der Boden unter mir zu\nsinken. Bis au die Knöchel sank ich in den Morast,\nmeine Schuhe troffen;, doch endlich hatte ich die\nStrecke überquert. Ich war weit von meinem\nWagen.\nAm Wasserrande blühten dicht die Brombee-\nren. Der; Vogel warf sich unter die Dornensträu-\ncher. Das Gebüsch nahm ihn in seinen Schutz und!\nTausende kampflustiger Domen richteten sich ge-\ngen den Verfolger. Dort hockte die Dohle, keine\nzwei Schritte von mir, keuchend),, mit offnem\nSchnabel. Ich griff nach ihr — wieder entglitt sie\nmeiner Hand. Blind vor Wut rannte ich in das Ge-\nstrüpp. Die Dornen zerfleischten jmin Hals und\nHände; vorwärts, und müßte ich in Fetzen gehen.\nAls (.müßte ich Genugtuung erringen fürj die\nSchmach, die ein dummer, kleiner Vogel meiner\nMenschenwürde antat.\nIcti hatte ihn! :\nAls ich ihn in die Hand bekam rief er sein kläg-\nliches „csak\" und sein Herz schlug heiß und rasch\nunter'meinen Fingern. Dort stand ich mitten im\nGestrüpp, erschöpft, mit blutenden Händen und\nzerschlissenen Kleidern — aber triumpfierend. Die\nDohle warf den Kopf hin und her, in ihren Augen\nbebte die Angst als blausciiwarzer Schimmer. Ei»\nFlügel war zerschossen, auch mußte sie ein Schrot-\nkorn in die Lunge bekommen haben, denn Blut\nsickerte aus dem offenen Schnabel Urplötzlich-\nüberkam mich eine tiefe Unlust. Weshalb hatte ichs>\ngetan? Was sollte ich mit der Dohle? Fortwer-\nfen? Das wäre unmenschlich. Rasch ein Ende mit\nihr machen, damit sie sich nicht länger Quält.\nIch entriß dem Flügel eine Feder und wollte\nihr nach Jägerbrauch den Schädel zerstechen);\nwar ich zu ungeschickt? hatte sie einen allzufestsn\nKopf? — es gelang nicht. Verzweifelt schrie und!\nwandt sich der Vogel unter meinen Griff; mich\nerfaßte ein Ekel vor meinem widerlichen Tun und\nvor Abscheu röchelnd riß ich ihm den Kopf herun-\nter. noch immer pendelte wie wahnwitzig das hei-\nße Herz in dem verstümmelten Körperehenj.\nDie geköpfte Dohle in der Hand machte ich\nmich auf die Suche nach meinem Wagen. Es dau-\nerte lange, bis ich ihn fand. Der Kutscher dachte\nmir entgegenzukommen, er hatte mich verfehlt\nWir fanden uns erst nach langem Herumirren. Es\ndämmerte bereit,, als ich todmüde mein Gefährt\nbestieg.\nDie Dohle Sag zu meinen Füßen. Ich hob sie\nauf: Strohhalme klebten an ihren blutbefleckten\nFedern. Ich entriß ihrer vier — zum mitbringen\nfür die Kinder — und warf das Aas auf die Land-\nstraße. Später bemerkte ich, daß eine der Federn\nzerrissen und gebrochen war; auch diese wrarf\nich in den Wind. Die übrigen drei steckte ich auf\nden Bock: recht sicher in die Schnur, die weiße\nPorzellanknöpfe befestigten.\nEs dunkelte immer mehr, im Westen glühte\nzwischen riesigen senkrechten Wolkensäulen blau-\nrot feurig der Himmel. Dann ward alles grau. Di©\nBirken am Wegrand bogen sich rauschend im\nWinde.\nIch suchte mit dem Blicke meine Federn, doch;\nstach nur noch eine im Kutschersitze. Die übrigen\nzwei mußte der Wind längst verweht haben.\nJetzt bog sich auch die letzte Feder unter dem\nWagengerüttel um, Der Wind ergriff sie und\nschlug sie mir ins Gesicht. Ich faßte danach, doch\nsie flatterte davon und verschwand im Finstern.\nSollte ich ihretwegen den Wagen halten lassen?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c007", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "105", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.7", "titre_corps": "Richter-Berlin Landschaft mit Bachmühle", "titre_sommaire": "Richter-Berlin Landschaft mit Bachmühle", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 39, "texte": "Richter-Berlin Landschaft mit Bachmühle"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c008", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "106", "page_fin": "106", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.8", "titre_corps": "Der Ursprung der Künste", "titre_sommaire": "Der Ursprung der Künste", "signature_source": "Richard Fuchs", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 10135, "texte": "Der Ursprung der Künste\nVon Richard Fuchs\nOrdg-inarlität scheint mir die Kraft, die\nalles und nichts mit andern Wesen teilt und alles\nwill, was keines will, sodaß ihr Ziel zugleich die\nwirklichen Ziele aller enthüllt. Gleiche Ursachen\nwirken in den Menschen nicht gleiche Instinkte. Von\ngroßer Vernunft ist die Natur, die diesen stattli-\nchen Wechsel der Stoffe bietet, dessen Ausdeutung\neine Kunst ist. Die allgemeinen Unerzogenheiten\nPodanterien, Lügen erleiden, eine kleine Ortsver-\nänderung, und die daraus werdenden Qualitäten\nsind zur Bedeutung von Rasse unterschieden er-\nhoben. Schon bestehende Ungleichheiten werden\nalso gut bewahrt und nicht beseitigt, ja alle kleinen\nUnterscheidungen noch pendelich gemacht. Der\nWert Genie, der keine halsbrechende abstrakte\nAktion ist, bekommt keine geringe Macht dadurch»\ndaß über dem verwickelten Kleinen nun zugleich\ndas Große von so einfacher Güte, wie sie nur mög\"\nlieh ist, erscheint. Im Künstler herrscht ein Wider-\nwillen gegen das Persönliche wie das Abstrakte.\nDer Künstler selbst ist eine [Person und hat eine\nWelt zur Aufgabe. Nur kein privater und kein all-\ngemeiner Begriff, sonst alles nützt ihm zu diesem\neigentümlichen Ideale. Im individuellen Werk er-\nholt sich sein Menschlichstes von seiner Verach-\ntung der Menschlichkeiten.\nJugend wehrt sich lange dagegen,, daß es nicht\nmehr als blos eine physische Lebensform geben\nsoll, bis beginnende Reife in der Kunst die wohl-\ntuende Erdhaftigkeit bemerkt, wodurch der über\ndie glückliche Mittelmäßigkeit entzückte sich zu\nfreiem Leben rettet. So bereichert doch der Kün-\nstler die Möglichkeiten des Lebens, findet die Har-\nmonie, ist eine Einheit in der Natur, die unbekann-\nten Schauder, die er für sich suchte, erweckt er uun\nmit Lust. Bei andern machen die Korrespondenzen\ndas Geheimnis des Lebens. Jeder von diesen ver-\nsteht von der Sprache der Kunst, was er nach der\nSpezialität seines Standes von ihren Begriffen und!\nZeichen konjugiert. Der Artist weiß, daß alle Worte\nOrte des Lebens sind uid genügnd für das Werk\ndes Menschen zeugen. Th. Gautier, ein Maler in\nder Literatur, war nach eigenem Geständnis ein\nMensch, für den die äußere Welt existierte. Aber\nes ist nichts poetisch, was nicht wahrhaft frei ist.\nDie sensuellsten Menschen sind nur die aufrichti-\ngeren Mystiker, während die Symbolisten (eitle\nMissionen treiben, wenn sie zu Gott sagen: „Ich\nnähere mich ihnen, Herr, um zu verschwinden vor\nIhnen.'4\nImpressionisten und Expressi-\non i s t e n können in den bildenden Künsten in die-\nser Reihenfolge mit wachsender Kraft einander ab-\nlösen. Hier sind in der bloßen Andeutung reine\nFarbe, reine Form und absoluter Klang wenig-\nstens möglich, wiewohl das Ausdrucksvolle erst\ndas Wahre und Wirkliche ist. Aber reiner Geist,\nreines Gewissen wäre der reinste Sproß. Erst\nim Kampf mit der Wirklichkeit findet der Geist\nseine Einfachheit. Der Eindruck und die Bedeu-\ntung des Ausdrucks fallen zeitlich in vielen Fällen\nauseinander. Denn durch den im Werk ausgedrück-\nten freien Gegensatz zur einengenden Welt feiert\nder Geist seine Kunst, der Geist des Lebens, der\norganisch an der Sprache haftet. Jeder Kampf geht\num den Sieg einer Anschauung, die das größere\nLeben in sich faßt. In keiner Kunst reißt so leicht\nder Stoff ab„ und eine Kunst, die nirgends Wider-\nspruch erregte, währe ohne Wert.\nAber ist im Leben das Unschuldige und Un-\nschädliche nicht zu achten? Gegen die Uebergrif-\nfe der Intellektuellen verdient bescheidne Dumm-\nheit Ehre und philiströse Ansicht Respekt. Die\nWut der Fortgeschrittenen deutet die Erscheinun-\ngen der Menschen moralisch, sie wünschen sie zu\nregeln und aufzuheben, aber damit wollen sie das\nGlück und das Qenie aufheben. Jede glatte Lö-\nsung fällt in die Wissenschaft. Der Aberglaube\naller Literatur ist, daß Tatsachen aufgehoben sei-\nen,, sobald sie beschrieben werden. Beschreibung\nist ein Handwerk und wird gelernt. Man sagt uns,\ndaß eine Kultur bloß der Vornehmen aufreizen wür-\nde. Beachten wir, wie in Wirklichkeit immer sie\nkonservierte und heilte, was individualistischer\nUebereifcr hinter dem Schild der Befreiung ver-\nnichten wollte: bestehende persönliche\nSchwache als natürliche und ange-\nbor n e, und persönliche Stärke als angeborne.\nDie Freigeister hoffen noch mehr als auf die Gleich-\nheit auf die Kraft der Nachahmung. Aber dank\nder Schwäche und Dehnbarkeit der Welt ist Per-\nsönlichkeit, die mit dem Bewußtsein ihres Natur-\nwertes sich abhebt, nicht nachahmbar, Freiheit al-\nso im Kleinen und Großen unübertragbar.\nWissenschaft lehrt nur, ihr Leben liegt\nin keiner Anschauung. Die künstlerisch von ihr\nGebildeten haben mehr Geist als irgend ein Künst-\nler und vermitteln heute die Künste materialge-\nrecht ä jour. Das ist der literarische Sieg der bil-\ndenden Künste, in der Sprachkunst als ihrer Tech-\nnik. Lautlos hat sich die Welt gedreht. Das stum-\nme Wort ringt ungeboren, einsam, um seine Ent-\nstehung. Von ihrem Künstler abgetrennt, sinkt die\nlebende Sprache zum bloßen Buchwert. Wie könn-\nte man ein Kunstwerk das schon ein\nLeben enthält, abgezogen von seinem Ursprung,\neigner leben? Gegen so hohe Gunst gäbe es für\nwohlgeratene Seelen als Rettung noch die Liebe\nzu einem ersten so vorbildlich Lebenden, und\nKunstgenuß würde zum Anzeichen für feine In-\nnenwelt. Wird doch ein ganzer Mensch schon\ndurch sein natürliches Ideal gebildet, und sogar\nder ursprüngliche Künstler besteht trotz dem Bil-\ndungsstoff. Ich bin entschieden gegen das Dogma,\ndaß es gewisse noble Künste gebe. Der Gegen-\nsatz unnobel fehlt in der Kunst ganz und gar, und\nvon rohen Herzen ist keine Kunst zu erwarten.\nSie charakterisieren weder die Wissenschaft noch\ndie Kunst, sondern, nur das Leben. Ihr Geist ist ein\nanderer Mensch als ihr Charakter. Man kann nicht\nKünstler sein und mit dem Volk vermitteln in einer\nPerson, man ist eben damit kein Künstler und schä-\ndigt die echten Menschen in ihrer Sicherheit. Hinter\nunseren aesthetischen Gelehrten vermutet der Laie\neinen geschmackvollen Müßiggang. O Schrecken\n— möge er den raffinierten Geschäftsgang derer\nnie kennen lernen, die hier die Feder im Kampf um\ndie geistige Not führen! Wirklicher Glanz und\nKraft der Blendung würde nicht stören. Um Bei-\nfall werben alle. Aber der Aesthet will unser\nKunstwerk erst vollenden,, nach der Theorie vom\nwahren Schönen; doch kann er nur technische In-\ndustrien darauf gründen. Wohl gibt es Grade\nder Vollendung in einzelnen Werken des Künst-\nlers. Geniale Menschen sind verwundete und\ndoch gewiß vollendete Wesen, wenn auch noch\nnicht das Vollendete. Sie sind das erreichbar\nHöchste, wenn auch nicht das absolut Höchste.\nAber sie brauchen keine Vermittler. Der Künstler\nselbst gibt in seinem Werk seine Aesthetik. Das\nKomplement jeder Kunst ist der Mensch. Keine\nKünst ergänzt 'auch die andere, keine\nKunst erklärt eine andere, undi die Erklärung der\neinzelnen Künste würde nur den Menschenfeind\nunterrichten, wie man ohne Künste lebt In grö-\nßeren Kulturen, als die heutige ist, gingen alle\nKünste aus der Weltdichtung hervor. Ein Künst-\nler, der etwas zu sagen hat, meldet sich durch\nein einziges Wort, („,1 m Wald! Entzücken! Wer\nkann alles ausdrücken! Allmächtiger im Wald,\nheilig ! heilig! .... In den Höhen ist Ruhe, — Ru-\nhe, ihm zu dienen!\" Beethoven).\nfn der Kunstkritik genießt der Nichtkünst-\nler Macht über den Künstler — und sie ist mit un-\nserer Gesellschaftspolitik verknüpft! Die Kritik\nsozialer Uebelstände, diktiert von aristokratischer\nLebensführung,„ wäre fast ein Teil der hohen Kunst\nOscar Wildes. Aber wenn die Üeberwindung des\nGeistes, die ihrem Schöpfer oblag, dem Nachahmer\nerlassen wird, wird das Kunstwerk annuliert, ehe\nes fruchtbar geworden ist. Unser Dasein im Le-\nben ist rätselhaft, ja unverständlich. Der begriffli-\nche Umstand betrügt uns gerade um das Wunder-\nbare. Wo ich bloß Geist entHecke, werde ich jetzt\nstutzig. Der Geist, der die andern männlichen\nEigenschaften ersetzen muß, ist der Einwand, ver-\ndeckt den Mangel der Natur. Die Zukunft ist unbe-\nwußt, aber nicht dunkel. Mehr als ein helles Ge-\nfühl in mir zeigt den Willen an, den die Götter\nlieben. Durch die bildende Kunst kann kein ; :\nmut wachsen, aber auch nicht durch Geisteskunst.\nDenn gerade die Absicht bleibt in jeder Kunst ver-\nborgen. Die Zwecke des Genies sind verschwie-\ngen. Wir empfinden, wo heute in einem guten Ma-\nterial etwas gut getan wird. Das Leben mit seinen\nMenschen, das uns gegeben ist, verleiht dem Künst-\nler seine Position wie andern. Aber die Welt\nist damit nicht geschaffen, sie ist immer\neine leere Abstraktion noch. Sie war schon ein\nGlauben und eine Hoffnung, ein Stolz und eine\nScham, Freiheit und Niederlage, sie war die Kunst\nselbst und ein enttäuschungsreiches Nichts (Flau-\nbert). Sie ist jedenfalls kein Naturwinkel einiger\nTemperamente. Frage einen bildenden Menschen\num den andern, was ihm die Welt ist, er wird sa-\ngen: Meine Vision der Schönheit TSatiren auf die\nChinesische Mauer),, oder: Meine pantomimische\nMusik um die Toten der Fiametta, oder: Mein Zorn\n\\ /\nüber Gabriel Schillings Flucht (zu Strindbergs Ju-\nbeljahr)?). Wozu mehr? Immer erfordert die\nWelt ein Schicksal vom Künstler.\nDie eine Art von Schriftstellern weiß genau\nvorher, was von ihnen auf ihnem Blatt stehen\nwird, da sie für sich bald einen aesthetischen Aus-\ndruck zum allgemeinen Gebrauch finden. Die hö-\nhere Art Schriftsteller entdeckt mühsam, welches\nWort auf das erste folgen muß. Aber dieses ihr\npräzises Wort ist nicht nochmals zu formulieren,\nweil sein Dichter sich selbst die Nacht mit ihren\nSternen war. Geniale Werke sind nie Worte der\nWeisheit: sie stimmen nicht in sich und1 sTimmen\nnicht mit der Welt, wie sie gilt, überein. Aber sie\ngehen restlos auf, sobald man nur darauf denkt,\ndaß ihr Urheber ein Genie und Einsamer ist. Man\nblättere \\frie dieser Autor in den Werken der an-\nderen; derselbe Zauber wird an ihnen zur Lächer\nlichkeit: nichts stimmt, weil alles nur ohne die Vor-\naussetzung eines Menschen, ja eines Menschenwun-\nsches richtig und simpel ist. Aber der Künstler,\ndessen Realität man nicht erträgt,, doch dessen\nKunst man nicht entbehren kann, wird auf seine\nSchöpfung herabgedrückt. Vor lauter Kunst ist\nder Ursprung der Künste vergessen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c009", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "106", "page_fin": "108", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.9", "titre_corps": "Jour Fixe", "titre_sommaire": "Jour Fixe", "signature_source": "Thaddäus Rittner ; Thaddäus Rittner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.6", "debut_caractere": 10137, "fin_caractere_exclue": 10385, "texte": "Jour Fixe\nVon Thaddäus Rittner\n\nIn der Regel war es entsetzlich langweilig. 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Zur Zeit des\nVollmondes war die Beleuchtung geradezu süperbe.\nDies mußte selbst Signora Fiora (gestorben an\ngelben Fieber) nolens volens zugeben, wie gerne\nsie auch sonst über alles schimpfte.\nAn Mobilar war außer einigen grauen, Sar-\nkophagen — nichts Bemerkenswertes vorhanden,\naber dafür waren die Wände mit Malereien des Fra\nFilippo königlich geschmückt. Und immer duftete\ndie See, oft auch die sinnlche Mimosa oder die zar-\nte, süße Magnolie.\n„Manche behaupteten Posa habe den schönsten\nFriedhof in ganz Italien\", sagte Cosimo und faßte\ngeschickt zwei Würfel Zucker mit der Zange, „aber\ndas ist falsch, unser Campo santo ist viel schöner\"*\nViel schöner, wiederholte die Hausfrau Signo-\nra Coravanti.\nVor allem haben wir viel bessere Luft, setzte\nCosimo ein wenig träge 'die Konversation fort.\nWeil wir unmittelbar am Meere wohnen schloß\napathisch die Coravanti.\nSie fühlte: lieber den gleichgiltigsten, konven-\ntionellen Blödsinn, das Schweigen. Sie wußte was\nsich schickte.\nOb Durchlaucht noch eine Tasse Tee genehmi-\nge. Nein, Durchlaucht dankt verbindlichst.\nIn der Ferne läuteten 'die Glocken von Messina.\nEs kam wieder ein Gast. Seine Kleidung war noch\nganz hübsch, er ist erst vor kurzem gestorben. Das\nGesicht, die Haare waren so ziemlich erhalten. Die\nHausfrau wollte ihn dem Fürsten vorstellen, aber\nda erhob sich dieser und rief:\n„ Anselmo!\"\n„Ja, Anselmo\", sagte der neue Gast.\nDie Hausfrau wurde aus unbekannten Gründen\nentsetzlich verlegen und begann verdächtigt rasch\nvom Wetter zu sprechen. Zu ihrem größten Erstau-\nnen brach Anselmo in ein schallendes Gelächter aus\n„Sie lachen ...\" stammelte sie.\n„Er kleidet sich gut\", bemerkte freundlich der\nFürst.\n„Tante grazie\", dankte Anselmo, und er fügte\nhinzu: „zu meinen Lebzeiten, war ich immer ernst.\nUnd erst hier lernte Feh lachen . . . \"\n„Das ist der Einfluß (Ter hier herrschenden Ru-\nhe und der günstigen klimatischen Verhältnisse\",\nmeinte Cosimo.\n„Schon möglich\",, sagte Anselmo. Die letzten\nJahre meines Leben waren viel trauriger als der\njetzige Aufenthalt auf dem Campo santo\".\nDer Fürst lächelte höflich.\n„Das kann ich wohl begreifen. Es tut mir auf-\nrichtig leid, daß Sie diese letzten Jahre — quasi\ndurch meine Schuld im Gefängnis zubringen, muß-\nten \"\nO bitte, unterbrach ihn Anselmo,, es war mei-\nne Schuld, sagte milde der Fürst.\nUnd das Echo wiederholte niemandes Schuld\".\nDann wurde es still. Man hörte die Zypressen\nam Meeresufer rauschen.\nEs erschien Signora Aurora (112 1890 an Liebe)\nin Gesellschaft des Poeten Heliotrop und des Die-\nbes Pafnuzio (der hier trptz seiner Vergangenheit\nin den besten Häusern empfangen wurde). Anselmo\nwurde vorgestellt. Aurora begann sofort mit ihm\nzu kokettieren, denn er war sozusagen von allen\nder jüngste. Sie bewegte ihren kahlen Schädel hin\nund her und es funkelten ihre ewigen Goldblomben\nund Brillanten.\n„An was für eine Krankheit sind sie gestorben?\nfragte sie Anselmo.\nDieser zeigte auf Cosimo.\nDer Fürst war, meine Krankheit. Jahrelang\ngrübelte ich darüber, wie ich ihn töten könnte,.\nUnd schließlich habe ich ihn getötet.\nMacht er Spjaß? fragte Aufora die anderen.\nAch nein, antwortete der; Fürst, er spricht die\nWahrheit. Ich war seine Krankheit und er die mei-\nne. Jahrelang zitterte ich heimlich vor seinem Dol-\nche. Und schließlich durchborte sein Dolch mein\nHerz/'\nPafnuzio lachte: „Dumm ist das Leben . . .\nAnselmo warum hast du den Fürsten ermordeat?\nWeil ich Italien liebte. Cosimo war ein Feind\nder Freiheit.\nDer Dichter fragte: „Cosimo, du hassest die\nFreiheit?\n„Ja, denn ich liebte Italien.\nDie Anwesenden lachten: Dumm ist das Le-\nben.\nCoravanti rümpkte die Nase, sie liebet nicht\nso laute Unterhaltung.\nWünscht jemand noch Tee? fragte sie, um die\nlachenden zu beruhigen.\nAber die Gesellschaft lachte immer lauter,\nklapperte mit den Knochen und sang im Takte:\n—Dumm ist das Leben.\"\n... Da ächzte plötzlich das eiserne Tor des\nHauses der Coravanti und ein« düsterer, großer\nMann erschien an der Schwelle.\nMacht keinen Lärm brummte er. „Warum stört\nihr die Nachtruhe! Im Grabe der Allegri flucht\nman euch entsetzlich!\" •\nAurora flüsterte süß: i Brumme nicht, Enrico\n.... Tritt näher und unterhalte dich mit uns.\nEnrico schaute sie nicht an (er hatte immer\ndas Gold mehr geliebt wie «die Frauen), aber er\ntrat ein und ließ sich eine Tasse Tee von der Haus\"\nfrau reichen.\nDer Fürst und Pafnuzio spielten ein seltsames\nWürfelspiel, irgendwo im dunkelsten Winkel und\nder Poet blickte zum Himmel hinauf und sprach\nmit dem Monde leise und zärtlich.\nDie Weiber setzten sich ganz nahe zu Enrico\n(weil er sie nie geliebt hatte) und blickten ihm\nschmachtend in die Augen. Er brummte:\nIhr singt immer dasselbe. Immer: Dumm ist\ndas Leben! Den elenden Gassenhauer. Banal seid\nihr. Banal und neidisch. Ihr wißt, das Leben ist\nsüß wie Honig. Und darum heult ihr. Denn ihr\nsehnt euch nach dem Leben zurück.\n„Ich sehne mich nicht zurück, Enrico\", sagte\nbitter die Coravanti. Mein Mann schlug mich\nunbarmherzig, schlug mich bei jedem Anlaß\n„Recht hatte er, freute sich Enrico. Und was\ntut er jetzt?\"\nEr schläft — sie zuckte verächtlich mit den\nAchseln — „er schläft im Grabe nebenan, in Ge-\nsellschaft seiner Vorfahren/' In seiner Fajnilie\nschlafen alle. Ich bin eine Carnesi.\n.... Es rauschte das Meer ud es rauschten\ndie Zypressen. Und der Poet sprach mit dem\nMonde leise und zärtlich.\nAuch ich sehne mich nicht nach dem Leben\nzurück, flüsterte Aurora, glaub' mir. Enrico. Ich\nhatte prächtig schwarzes Haar und es wurde weiß\ngegen Abend, so wie die Nacht gegen Morgen er-\nbleicht. Ich hatte Augen wie Sterne und sie erlo-\nschen. Ich hatte Lippen wie Rosen und Rubine\nund sie verwelkten und verbrannten zu Asche.\nGewonnen sagte der Dieb Pafnunzio zum Für\"\nsten. Und sie fingen ein neues Spiel an. Pafnu-\nzio saß abgewendet da und niemand konnte sehen»\nwie er den Fürsten Betrog.\nWie Kinder hattet ihr gelebt, verhöhnte Enrico\ndie Weiber — und darum sind euch keine schönen\nErinnerungen geblieben. Da war mein Leben ganz\nanders. .... ~~ ;\nUnd er begann von seinen Reichtümern zu spre-\nchen (denn er war einstens der größte Kapitalist\nin Messina und schrecklich sich zu brüsten, wie\nherrlich es ihm bis zu seinem Tode ergangen sei.\nDa kam ein (soeben verstorbener) Mann herein\nund fragte: Liegt hier nicht zufällig die schöne\nAurora?\nEnrico antwortete unfreundlich: Zuerst klopft\nman an und erst dann tritt man ein. Und er fügte\nhinzu.\n„Hier liegt überhaupt niemand. Das ist ein\nSalon, verstehen sie, kein Schlafzimmer.\nAurora warf sich dem Manne stürmisch an die\nBrust. Aber dieser erkannte sie nicht und stleB\nsie mit Ekel weg.\nWo ist Aurora? fragte er weiter. Sagt mir\nbitte wo sie ist? Wie Feuer war ihre Schönheit.. .\nIch hatte sie einst aus Eifersucht gehaßt . . . aber\njetzt liebe ich sie wie3er. Wo ist sie?\nSie steht ja hier, kicherte Enrico und wies\nschadenfroh auf das mit Brillanten behängte Ge-\nrippe. Du lügst! schrie der Mann voll Zorn wei-\nnend, und lief hinaus.\n.... Dann hörte man, wie er bei den Allegri\nfragte:\nLiegt hier nicht zufällig die schöne Aurora? . . ...\n.... Und dann bei den Carnesi:\nLiegt hier nicht . . .\nEnrico freute sich und lachte.\nAlle hattet ihr wie Kinder gelebt, räsonierte\nund darum habt ihr jetzt keine Erinnerungen. Was\nist euch im letzten Augenblick geblieben, sagt nur,,\nim letzten Augenblick? Dich, Aurora, hat deine\nSchönheit betrogen — und darum war so bitter\ndein Abend. Wie kann man auf die Schöheit zäh-\nlen! ... . Aber mein Leben, seht, mein Leben. . .\nEr trank seinen Tee, prahlte und log.\n„Nur mein Leben war schön bis zu Ende. Denn\ndas Gold wird nicht schlechter und das Gold be-\ntrügt nicht. Ich freute mich daran bis zum letztem\nAugenblick. Als ich im Sterben lag, war in meinen\nTruhen mehr Reichtum, als in ganz Messina.\nUnd da er so schwätzte, erhob sich Pafnuzio,-\nnäherte sich ihm still und unbemerkt und begann;\nplötzlich dem Schwätzer ins Gesicht zu lachen, so\nfrech und höhnisch, daß Enrico verstummte.\n„Lüge nicht\", flüsterte der Dieb, ,,lüge nicht,.\nEnrico. Denn als du im Sterben lagst, waren deine\nTruhen leer\".\nUnd Pafnuzio erzählte laut und lustig, wie er\"\nden Geizhals bestohlen hatte. Wie der reiche En-\nrico als Greis von seinem Reichtum und einend\njungen Dieb betrogen wurde.\nDa erscholl ein großes, unbändiges\nDenn Enrico zitterte so vor Scham und Aerger,\ndaß sein Unterkiefer herabfiel und auf dem mar-\nmornen Fußboden in tausend Stücke zerschellte.\nNur mit den Augen konnte er fluchen. Und mit\nden Augen sagte er zur Hausfrau:\n„Sonderbare Leute empfängst du in deinem\nHause, Signora Coravanti\".\nDann ging er weg. Einige Zeit lachte noch die\nGesellschaft, aber später wurde sie stiller und stil-\nler.\nUnd man hörte nur die Stimme Heliotrops, des\nDichters, der zum Himmel hinaufblickte:\n„Herrliche Nacht, meine Geliebte Du\nsilberner Traum der Erde \"\nDie Coravanti dachte:\n„Der Dichter Heliotrop hat das wahre Leben\ngehabt. Nur den Träumer kann nichts betrügen\"..\nAui dem raeaen o vellftnbaiid ▼ oh Thaddäus Rittner:\nlob knime Si« / Deutsch-österreichischer Verlag / Wieii\n\nThaddäus Rittner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c010", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "107", "page_fin": "107", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.9.1", "titre_corps": "Richter-Berlin Landschaft mit holländischer Mühle", "titre_sommaire": "Richter-Berlin Landschaft mit holländischer Mühle", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 49, "texte": "Richter-Berlin Landschaft mit holländischer Mühle"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c011", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "109", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.10", "titre_corps": "Dame und Dirne", "titre_sommaire": "Dame und Dirne", "signature_source": "J. 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Auf einem sittlich höheren Niveau, als\ndie Voraussetzung eines Plauderers der Elegan-\nten Welt: daß die bürgerliche Tugend im Leben\nder Dame tief verankert sei, stand ein Keller, zwi-\nschen dessen vier Wänden die großen Distanzen,\n-die die Herren der Schöpfung im Lauf e vieler\nJabrhunidtferte zwischen der Filau und derl\nDirne geschaffen haben, im Nu zusammenschrumpf-\nten. Die letzte Existenzberechtigung der Elegan-\nten Welt hätte von recEtswegen an einer Notiz\naus der plebejischen Gerichtssaalecke zerschellen\nmüssen. Dieses Käseblatt verpestet zum Ueber-\ndruß das schmutzige Ventilationsgeschäft zwischen\ndem Drinnen der Sinnlichkeit und dem Draußen der\nMoral. Es redet von Noblesse und ist gemein, es\npreist die Aesthetik und ist ordinär, es paktiert\nmit der Moral und ist frivol, und mit Causerien und\nPhrasen, die schon in der großen Tagespresse zu\nTrödelware abgetragen worden sind, begrüßt es\njede neue Mode. Zu zwei dritteln existiert diese\nErbärmlichkeit von der Photographie Gnaden, der,\nda schon die Besten ihrer Macht nicht widerstehen\nkönnen, die Kleinen, die Nur-eiteln immer zu Wil-\nlen sind. Ihrer Bilder ist nicht allein die Elegante\nWelt fcurn Bersten voll. Bis in. ihr Schlafgemach\nläßt die Dame dem servilen und allerdings eunu-\nchenhaften Photographen vor, sie posiert noch in\nihrem Bette, sie lächelt, als gewährte ihr die Ver-\nsicherung, populär zu werden, flüssige Wonnesum-\nmen der Befriedigung. Was wird nicht alles von\nder „Woche\" bis zur „Eleganten Welt\" an der\nHand von Aufnahmen breitgetreten. _ Zu einer Se-\nrie Photografien berühmter Monocleträ-\nger es gehören zu diesen auch Ewers, der M o -\nde-Epoeg ene, Harry Waiden, der Einzige,, und\nder schnurrige Roda Roda,, liefert ein Schmock\neinen Text, darin er sich1 mit Worten, die originell\nsein sollen, in. einer Weise übernimmt, daß man das\nganze als Retourware wieder von sich geben\nmöchte.\nAber das Höchste an minutiöser Anbiederungs-\ntaktik ist doch mit den „S tundeni der Dam el 4\ngeschlagen. Mit einer Vergewaltigung des Stils\nsetzt die Galanterie ein.\nVon allen häuslichen Stunden im Leben einer\neleganten Frau ist die erste, den Tag begin-\nnende, wohl die wichtigste seit jeher gewesen\nund1 noch heute: das Lever — die <T oil e 11 e.\nDiese Stunde legt die Basis,, auf der sich die\nanderen Tagesereignisse organisch aufbauen.\nIn ihr entscheidet sich die Totiettfrage, die in\nengem Konnex mit deri Einteilung des Tages,\ndiesem die Note gibt. Der eine Tag gehört\nausschließlich der Schneiderin, der andere teilt\nsich, zwischen Modistin und Shoping, der dritte\nbringt Rennen, Spazierfahrten, Bälle, Theater,\ndie erst die Abendstunden, in Anspruch nehmen\nund doch schon bei der Toilette erwogen wer-\nden. Von allen exzeptionellen Ereignissen will\nich absehen und nur vom normalen Tage-\nwerk der Dame von Welt sprechen\".\nUnd nicht auch vom abnormalen. Warum\nreicht? Das wäre so schön. 'Jedenfalls gehört\nhierzu das Liebesleben. Der Chronist berührt\nes mit keinem Sterbenswörtchen — als ob es in\neinem erschreckenden Gegensatz zu dem norma-\nlen, harmlosen Tagewerk der Dame stände, die\n„sich nach der Toilette und dem Frühstück an\nden Schreibtisch setzt um mit Hilfe einer\nStenotypistin, schlimmstenfalls eigenhändig, ih-\nre Korrespondenz zu erledigen. Die elegante\nFrau von 1912ü5t eine viel umfangreichere\nKorrespondenz als 3le Dame vor zwei Jahren.\nGroße Korrespondenz gilt heute als schick. Und\ndie aus\"* Paris stammende Mode, sie für diesen\nZweck eine Stenotypistin zu engagieren, findet\nihre leichte Erklärung in der Tatsache, daß so\nviele der elegantesten Bühnenkünstlerinnen und\nbekannten Schönheiten mit der Grammatik und\nder Schrift überhaupt arg auf dem Kriegsfüße\nstehen.\nUeberhaupt. Dannf ldoch noch lieber als die\nleidige Grammatik mit allen bekannten Schönhei-\nten auf Kriegsfuß stehn, als als Zeitgenossen mit\neinem Schmok in Frieden leben. Das wäre der Tod.\nViele von diesen Luxuspflänzchen, deren Hei-\nmat die Loge eines Theaterportiers war, (eisten\nin vieler Beziehung Hervorragndes und sind\ndoch nicht zu bewegen,, einen Brief zu schreiben.\nEin Barbar, der sie zu solchen Dingen miß-\nbrauchen will. Gibt es nicht schon Männer genug,\ndie immerzu schreiben,,, Briefe und anderes, und\nauch sonst in keiner Beziehung hervorragendes\nleisten?\nMit Klavierspiel, Anproben und anderen Pas-\nsionen, harmloser Natur geht die Zeit bis zum Di-\nner hin.\nFalls nach diesem im Interesse des guten Aus-\nsehens ein Nickerchen angebracht ist,\nverschlummert man äußerst angenehm die\nStunde,, die zum Tee nachmittags überleitet.\nDie Teestunde spielt jedenfalls eine große Rolle\nim Leben der Dame. Oeffentlich oder privat,\ntanzend oder wohltätig.\nMan staune nur über die Launen einer höheren,\nunabwendbaren Regie. Die Teestunde spielt je-\ndenf a 11 s eine große Rolle im Leben der\nDame; die Liebe eine so kleine, so unwich-\ntige, daß der Plauderer ihren Namen nicht\neinmal unter dem Vermerk nennt: ferner tra-\ngen noch zum Gelingen der Posse —-. Er schweigt\nvon ihr wie von einem Statisten, dessen Namen\nman nicht kennt, der im Hintergrund so gut wie\nnicht da ist. Die Dame von Welt, in deren Leben\ndie Frieseurin,, der Schneider und die Teestunden\ndie Bombenrollen beständig nur so hinschmeißen,\nmuß selber\n„drei Stunden im Theater absitzen. Aber\nkaum ist das letztemal der Vorhang gesunken,\neilt man zum Auto, und während die Unsoliden\nden strahlend aufflammenden Lichtern der\nNachtlokale nachschwirren, wie die Motten ans\nLicht, saust man den heimatlichen Penaten zu,\ngähnt müde und unterdrückt und freut\nsich auf's Bett.\nWas wird unterdrückt?\nIm Pyjama kommt der Herr des Hauses noch\nmal herein um Gutenacht zu sagen, aber die\ntiefen Atemzüge verraten schon den gesunden,\nregelmäßigen Schlaf. Und zärtliche oder junge\nEhegatten knipsen dann wohl noch mal das\nLicht an und betrachten, bevor sie zur Ruhe\ngehen, im Schimmer des rosigen Limpenschir-\nmes das zarte Kindergesicht von aufgelöstem\nHaar umgeben, das vor wenigen Minuten noch\nin der Loge saß und unter dem kostbaren Hut\nvon wohlondulierten Locken umgeben hochmü-\ntig um sich sah, und das sich in so kurzer Zeit\nvon der Lady zum Baby entwickelte.\nWas doch in der vornehmen Welt möglich ist.\nEin Kindergesicht entwickelt sich in der kürzesten\nZeit von einer Lady zu einem Baby. Als Lady\nunterdrückt es etwas im dahinsausenden Auto,, und\nals Baby schleicht es zu Bett — ladyg. Nochmals\nläßt sich der Herr des Hauses, dies Mal i m Py -\nja m a (er liest Ewers) sehen, aber schon ver-\nraten tiefe Atemzüge einen festen Schlaf. Und\ner macht es sich leicht. Ist er jung oder gar zärt-\nlich, knipst er nochmals das Licht an, und er sieht\nnur noch ein Baby vor sich, wo erst die Lust nach\neinem erstorben ist. Kindlich unschuldig sind alle\nUnterbrechungen, die die Stunden der Dame\nim Heim erfahren; als prominenteste der\nSpazirgang, das Shopping, das Rendezvous, der\nBesuch,, die Teevisite zu nennen, die vor- oder\nnachmittäglich in launigem Wechsel variieren.\nDer Spaziergang ersolgt unter Assistenz des\nAutos, das auf dem Fahrdamm neben- oder hin-\nterherrollt, während Madame, das Hündchen\nauf dem Arm oder im Muff, einige Schritte trip-\npelt, um bald wieder das schützende Innene\ndes Wagens aufzusuchen.,\nAber es gibt Dinge, zwischen zwei Straßen-\necken, hinter die nur die 'Polizei gelangt. Den Sei-\nnen gibt der Herr im Schlaf, wovon sich der gut\nunterrichtete Schmok nichts träumen läßt.\nIn ein eigenartiges Milieu leuchtete eine Ver-\nhandlung hinein, die gestern* unter Ausschluß\nder Oeffentliclikeit das Schöffengericht Berlin-\nMitte beschäftigte. Angeklagt wegen Erre-\ngung öffentlichen Aergernisses\nwar die Klavierspielerin Anna Pruk s c h. Die\nAngeklagte war in einem Kellerlokal in der\nTaubenstraße'> 8 angestellt, in dem es rechlt\nsonderbar zuging. In dem Lokal verkehrten\nausschließlich Angehörige des .weiblichen Ge-\nschlechts und zwar von. de r Bankier s-\ngattin vom Ku rfü r st n dam m bis her-\nunter zu den zweifelhaftesten Elementen aus\nder Friedrichstraße. Die Polizeibeamten be-\nobachteten häufig, daß tiefverschleierte Damen»\ndie ihrem eleganten Automobil, um nicht aufzu-\nfallen, schon; an der nächsten Straßenecke ent-\nstiegen waren, schnell in ienen Keller hinein-\nschlüpften. Um diesen skandalösen Zuständen\nendlich ein Ende zu bereiten, erschien. eines\nNachts der Reviervorstand des zuständigen\nPolizeireviers in Begleitung eines Kriminal-\nj wachmeisters unvermutet in dem Lokal. Sie\nkamen gerade dazu, wie die Angeklagte vor\neinem aus angetrunkenen Frauenzimmern be-\nstehenden Auditorium ein zotiges Lied sang.\nDas Qricht erkannte mit Rücksicht darauf, dal?\nder Kampf gegen derartige Lasterhöhlen nach\njeder Richtung mit aller Schärfe geführt werden\nmüsse, auf eine Gefängnisstrafe von\nneun Monaten.\nIn einem Dirnen-Keller, in eine Lasterhöhle,\nstieg die Dame vom dürren Gipfel der Eleganz hin-\nab. Die Dame von Welt, das Baby gesellte sich\ndem Mädchen von der Straße, dem Weib, das\nreicher ist als sie."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c012", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "110", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.11", "titre_corps": "Josef", "titre_sommaire": "Josef", "signature_source": "Franz Jung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.9", "debut_caractere": 9239, "fin_caractere_exclue": 9628, "texte": "Josef\nVon Franz Jung\nSie zankten«: sich.\nEr erklärte ihr, daß er sie im allgemeinen nicht\nernst nehme, daß er ihre Erregung irgeneiner\nKrankheit zuschreiben müsse, es wäre ihm im übri-\ngen auch gleichgiltig und so:\nSie schrie ihn an: „Pack' dich!\"\nDann bekam sie einen feuerroten Kopf.\n„Du blöder Einfaltspinsel!\" Sie spuckte aus.\nEr entgegnete ruhig: „Du wirst dich beherr-\nschen müssen\"."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4272, "texte": "Aber in seinen Worten zitterte etwas Gehei-\nmes, Verstecktes, Lauerndes.\nEr sagte: „Wenn du die Sache satt hast, so\ngeh'44.\nSie lachte gereizt: „Das willst du mir sagen,\ndu — aber warte!\" Sie zerriß eine Photographie\nund warf ihm die Stücke vor die Füße.\n„So — sie spuckte wieder aus — ich geh*!\"\nDann lief sie dem Haus zu. i\n! Er setzte sich in die Laube und dachte:\nWas ist eigentlich, warum der Streit? Er ver-\nsuchte sich der Vorgänge zu erinnern, ich habe sie\nzwar gescholten — vorhin — wegen der Bemer-\nkungen — aber sie sah mich so feindselig an\nJa, wieso eigentlich?\nIn der Laube saß Josef. \\*\nEr achtete nicht auf ihn.\nJosef war der kleine Sohn des Wirtes, auf\neiner Seite gelähmt. Er fuhr mit dem Finger die\nTischritzen entlang und stieß kurze pfeifende\nSchreie aus.\nDer Mann achtete nicht auf ihn. Er dachtc\nweiter: Da unten liegt sicher mein Bild, was wir<l\nsie tun? Was soll das alles — Er sah siqh Jahre\nzurück, wie er sie wie er bebte und getrof-\nfen wurde. Und schließlich ist sie mit mir ver-\nwachsen, fühlte er. Vielleicht ist sie auch über\nmich hinaus. Er erschrak.\nNein, zitterte es in ihm, mit dieser Behandlung\nist es nichts. Soll ich ihr nach,, sie küssen, um Ver-\nzeihung bitten wie früher —- oder still sein?\nRasender Schmerz fraß an ihm.\nEr fühlte plötzlich, wie tief er Josef haßte.\nWas tut er hier, warum schlägt man ein solches\nVieh nicht tot? Nur zum Ekel lebt er.\nEr hörte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis\nvon Leuten und schien sehr erregt. Sie schrie und\nweinte und lachte dann wieder auf.\nJosef humpelte scheu aus der Laube heraus.\nEin kleines Mädchen sammelte Steine in einen\nSchubkarren.\nJosef zeigte auf die Steine und schrie.\nDas Mädchen lachte und fragte ihn etwas.\nIn, der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An\nden Kirschbäumen waren die ersten Blüten.\nJosef stand mit gesenktem Kopf und lauschte.\nDann schleppte er das eine Bein nach und drehte\nsich auf dem anderen langsam herum.\nJosef tanzte.\nDie Gartentür fiel ins Schloß.\nDer Mann in der Laube fuhr auf, Wenn sie jetzt\ngeht, dachte er, mag sie mich wieder verleumdet\nhaben, bespien, alles wieder breitgetreten, vor den\nLeuten da, es ist gleich, ganz gleich,, und es rang\nsich etwas empor in ihm, gewaltsam, es war für\nihn schon zu spät darüber klar zu werden, er\nschrie verzweifelt: „Du — Du ....\nAber es klang hart und rauh und befehlend.\nEr schrak zusammen, gestand sich, daß es\nweich und mild hätte klingen sollen.\nEs war zu spät.\nDoch er fühlte sofort: Nein, nicht zu spät. Sie\nwird wiederkommen, vielleicht wird es doch wir-\nken. Sie wird sich damit beschäftigen. Ich werde\nsie dann prügeln, wie(früher, als sie auf dem Boden\nlag und ich ihr den Haß aus den Augen schlug. Sie\nbraucht das. Was tuts, ich verliere einige Stunden,\nwas tuts.\nEine Unruhe hatte ihn erfaßt.\nEr rief den Wirt und! zeigte lachend auf Josef.\nAuch der Wirt lachte. Dann ging er zu seinem\nSohn und faßte ihn grob am Arm.\n„Was tust du hier? Habe ich dir nicht ver-\nboten?\"\nJosef hing regungslos in der Faust des Vaters.\nEr gab keinen Laut von sich, als man ihn in\nseine Bodenkammer schleppte.\nDer Mann ging im Garten auf und ab.\nIch werde sie doch anders behandeln, dachte\ner, mehr nach außen, mit Liebe. Wenn sie kommt,\nwerde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein,\nEr wurde zufrieden und lächelte. Die Stücke\nseines Bildes hob er auf und verwahrte sie in sei-\nner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fühlte er.\nDas Mädchen sammelte weiter Steine.\nAb und zu erschien Josef in der Dachluke und\nstieß schrille, pfeifende Schreie aus.\nEs klang wie der Schrei wandernder Affen im\nUrwald.\nDer Wirt bediente lächelnd seine Gäste. Wenn\nman ihn totschlagen könnte, dieses Rabenas,\nknurrte er, und bediente lächelnd weiter.\nSpätabends kam sie heim.\nEr saß im Zimmer und wartete.\nSie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell:\n„Weißt du, wen ich getroffen habe, den T. Es war\nriesig nett\".\nnur. Eigentlich wollte ich mit dir noch\nfortgehen, aber jetzt u\n„Ach ja. Er wird noch warten, im Cafe, er\nwußte nicht ...\" fügte sie schelmisch hinzu.\nEr stimmte traurig zu. Eine Angst Quälte ihn.\nNur keine weiteren Worte, und wie gehetzt er-\nzählte er von Josef, dem Tanz und dem Wirt und\nnannte ihn irgendwie.\nSeine Worte bekamen Würde, daß sie erstaunt\nzu ihm aufsah.\nDann schritten sie schweigend durch die Nacht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c013", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "110", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.12", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.10", "debut_caractere": 4274, "fin_caractere_exclue": 5264, "texte": "Gedichte\n\nDer liebende Knabe\nHeinrich Nowak\nDie Zeit geht durch die Nacht im Uhrenticken —-\nauf einen Knabenleib drückt Schwüle schwer —-\nund Kraft ergießt sich dann in Augenblicken\ndie Hand fühlt Glieder und gefällt sich sehr -—\nBald greift sie in der weißen Decke Brüste,\naus Dunkelheit türmt sich ein Frauenleib,\nverlockend gibt er jetzt einsame Lüste,\nund alle Dinge ringsum sind nur Weib —\n\nDurch die Nacht\nHeinrich Nowak\nEin Auto jagt vorbei auf schiefen Rädern,\ndie Steine schaukeln wie auf weichen Federn\nund laufen wippend unter allen Füßen —\nZwei Häuser türmen sich zu Hindernissen —\nUeppige Weiberbrüste gehn spazieren\nein Gasthausschild wird sich noch strangulieren.\nDie weißen Bogenlampenlichter kreischen.\nEin offnes Fenster will sich gar zerfleischen -—\nDie Nacht krallt ihre Finger in die Gassen.\nEin geiler Mensch will eine Dirne fassen.\nEin Winterrock wird sich durch Gehn ermüden\nUnd spricht in großen Gesten Plattitüden —.\nWegen sianeutstellender Druckfehler wiederholt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c014", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "110", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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T, MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde, e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e Edition\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nLe Roi Bombance\nTragedie satirique, 3e Edition\nEdition du „Mercure de France\" / Pari»\nLa Ville Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / £diteurs / Pari»\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner.Verlag / Innsbruck« ;\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVeriacr J&hoda und Sieget/Wien\nPIERRE HAMP\nVieille Histoire\nContes ecrits dans le Nord\nParis / Editions de la Nouvelle Revue\nMarcel Rivifcre et Co\nSVEND BORBERD\nLiliths Bog\nKopenhagen / Gjidendals Forlag\nNICOLAS BEAUDUIN\nLes Poetes\nParis I E. Basset et C*« j Editeurs\nJEAN BONNEROT\n•Province / Carnets de Vogoge\nMonlins [Allier] / Les Cahiers du Ceni're\nAAGE VON KOHL\nDer Weg durch die Nacht / Roman\nVerlag Rütter und Loening / Frankfurt am Main-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c017", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "110", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.14", "titre_corps": "Notiz", "titre_sommaire": "Notiz", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.10", "debut_caractere": 6782, "fin_caractere_exclue": 6881, "texte": "Notiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession;"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c018", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "110", "page_fin": "110", "image_debut": 10, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.10", "debut_caractere": 6957, "fin_caractere_exclue": 7220, "texte": "Standige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nKonigin-Augusta-Strasse 51\nu*Kea3b©r der vo&'der-Heyut.-Stratise\nZuriickgestellte Bilder\ndes SoHderbundes/KoIn\nKaadinsky / Marc / Jawlensky /' WefCfkin / Bloch /\nMilliter\nGeoffnet ta&Iich von 10 bis 6 Ubr\nErne Mark"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c019", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 72, "texte": "KUNSTLERISCHE RAUHE\n«\nB\n%\nHUGO\n19 tt\nALBERT KOBLINSKX\nBERUNBRUCKENALLEE6"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c020", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.11", "debut_caractere": 74, "fin_caractere_exclue": 1436, "texte": "Sine 55ockn[(brift\n©egrihibf t wm *®CTt SoQQni\nSufensiQ Siama •omnotm offjf\nSierteljabiltdj 13 §efte\nP\"is bes etnjelnen fjeftes 50 Pf.\nim 2lbonnement:\nburdj 3u<fsanMer ober poftamtec 6as Dierteljafyr 6 2Ttf.,\n6ireft unter Krcujbanb 6as EHerteljafyr:\nfur 6as 3nlans 7 ZHf. 50 pf., fur bas 8 ittf. 50 pf.\n®«tnter 3eit««B, 31t. 78 bom 1. STpril 1912: gjlit bem foeben «.\nfdjienenen $eft 13 ber „Waxf bai erfie Ouortal bel faufeit.\nben ®S fei mieberbott auf fcicfe nnb\nBietfettige aufmerffam gemad&t, bie in iijret ganjen fmltung\nbie fteie unb fiifdic 3ttmo|pt)ate SDiiindjtnS [etlennen lojjt mit bem tjer»\nten §aucf), bet bon ben benadjbarteti Sergriefen meljt. $tr „Wlat%\" ift\ntote ber tin bobenftanbigeg ©ernacbs, bai nut in\nSJliindjen gum unb @ebeif;en femmen lonnte. Seine cfjaratter.\nboUe ®igenart bat nicfjts ju tun mit fiibb'utfdjem gkrtifutarismus unb\nSMainlinieniibertieferung. 3m GSegenteil ift bet „2Rarj\" fiibbeutfd) im\nbeften ©inne, aud) im item unb ct bebeutet in feiner Kn=\nertennung fiibbeutf(ser unb noxibeutfeter Strt in tljren $crfd>iebenbeiten\nnid|ts meniger als eine geifiige S3riic!e Slorb unb Sub. Smmet\nift ber „sD2firj\" antegenb unb ftifcf) mie au<s bo* bor uns lisgenbe\n©djlujjijeft bes erften QuartolS, bag bon ben folgenben baS befte et-\nmarten liijjt.\ngratia nub franfo bom\n32lar3;33erlag ©. m. b. <Q.r 2Hiirtd)ert\njlttulbadjftrafje 91."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c021", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.11", "debut_caractere": 1438, "fin_caractere_exclue": 1615, "texte": "5 rue Ghaptal / Paris\nDiese literariscbe Zeit-\nschrift veroffentlichtedas\nfranzosisehe Original der\nTagebiieher Flau-\nbert s, deren Ueber-\ntragung in Deutschland\nyerboten wurde."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1919-07-27-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1919-07-27_01#c022", "volume": "bmtnabg_1919-07-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Sprachorgane\nn.d.Meth.Prof.Ed.\nempfohlen von er-\nsten arztllchen u.\n: kiinstlerischen :\n: Kapazitaten :\nWissenschaftler, Schriftsteller,\n:: Recitatoren. ::\nErziehuiig zu hyg. u. phonet. rich-\ntigem Sprechen zweeks Veredlungr\nKraftignng u. Erhaltung d. Stimme..\nHeilung y. Sprachitorungen u. v.\n:: Stimmleiden jeder Art. ::\nn. 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PsPjifiw toSS®» wtSmSi * fl® fllpPS S Btj «y8«§j&\nWUIAJWSJ i jfel^^S^afej\nWOCHENSCHRIFT FÜR KULTUR UND DIE KÜNSTE\nRedaktion und Verlag: Berlin W 9 / Potsdamer Straße 18\nFernsprecher Amt Lötzow 4443 / Anzeigenannahme durch\nden Verlag und sämtliche Annoncenbureaus :-:\nHerausgeber und Schriftleiter:\nHER WARTH WAL DEN\nVierteljahrsbezug 1,50 Mark / Halbjahrsbezug 3 Mark /\nJahrfesbezug 6,— Mark / bei freier Zustellnng / Anzeigen-\npreis für die fünfgespaltene Nonpareillezeile 60 Pfennig\nDRITTER JAHRGANG\nBERLIN JULI 1912\nNUMMER 1191120\n\nInhalt:\nH. W.: Deutsche Dichter und Deutsche Richter / Franz Herczeg: Die blaue Dohle / Richard Fuchs: Vom Ursprung\nder Künste / Thaddäus Rittner: Jour fixe / J. A.: Dame und Dirne / Franz Jung: Joseph / Heinrich Nowak: Ge-\ndichte / Fr. Rosenkranz: Original-Holzschnitt / Richter-Berlin: Landschaftfmit bachmühle / Landschaft mit holländi-\nscher Muhle / Original-Holzschnitte\n\nFr. 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Die Privatklage wurde abgewiesen.\nDer Richter sprach ausnahmsweise einmal einem\nRedakteur die Wahrung berechtigter Interessen zu.\nEr fand, daß der Vorwurf der Gehirnerweichung\nnicht über das berechtigte Ziel kritischer Betrach-\ntung hinausschieße. Das Hajmburger Blatt hatte\ndas sehr schöne Gedicht „Leise sagen'' nachge-\ndruckt und dazu die Bemerkung gemacht, die kri-\ntische Bemerkung: Vollständige Gehirnerweichung\nhören wir den Leser leise sagen. Das Hambur-\nger Landgericht als zweite Instanz fand, daß die-\nser Satz eine selbstständige geistige Leistung und\nals solche eine berechtigte Kritik darstelle. Das\nHamburger Landgericht scheint also zu wissen,\nwas von der geistigen Leistung eines Hamburger Re-\ndakteurs zu erwarten ist. Auch ein Redakteur soll\nnicht mehr geben als er kann. Er hat also ein ju-\nristisches Recht darauf, für diese bürgerliche „Kor-\nrektheit nicht bestraft zu werden. * Die Kenntnis\ndes Wortes Gehirnerweichung kann immerhin als\nWissenschaft bezeichnet werden. Diese Wissen-\nschaft mit der Ueberschrift eines Gedichtes in einen\nvollständigen) Satz zu formen, scheint zwar\nnicht kritisch, aber doch künstlerisch und selbst-\nständig zu sein. Nachdem mir nun das Hamburger\nLandgericht erklärt hatte, daß die Behauptung von\nGehirnerweichung keine Beleidigung, sondern ein\nLeiden ist, das jeder Redakteur und jeder Richter\nin Wahrnehmung berechtigter Interessen erkennen\nkann, interessierte mich die Angelegenheit nicht\nmehr medizinisch, wohl aber juristisch. Zweifellos\nlag doch durch den nichtberechtigten Nachdruck\neines Gedichtes eine Verletzung des Paragraphen\n19 des Urheberrechts vor. Es wurde also beim\nZrvilgericht in Hamburg auf Schadenersatz von\nzwanzig Mark wegen unbefugten Nachdrucks ge-\nklagt. Ich war überzeugt, daß in Zukunft deutsche\nRedakteure sich nur mit der Medizin befassen wür-\nden, wenn ihr Verlag für deren Verbindung mit Üer\nKunst Honorar zahlen müßte. Das Hamburger\nAmtsgericht wies die Klage zurück, weil es den\nParagraphen 19 des Urheberrechts nicht genügend\nkannte. Die Zivilkammer IX des Hamburger Land-\ngerichts gab zwar die Verletzung des Paragraphen\n39 des Urheberrechts zu, wies aber die Klage auf\nSchadenersatz trotzdem ab. Zulässig ist nämlich\nnach Paragraph 19/1 die Aufnahme von einzel-\nnen Stellen oder kleineren Teilen eines\nSchriftwerks in eine selbständige literarische\nArbeit. Zulässig ist ferner, die Aufnahme einzelner\nAufsätze oder Gedichte in eine selbständige wis-\nsenschaftliche Arbeit. Diese Bestimmung\nwar nach Ansicht des Amtsgerichts und des\nRechtsanwalts der Hamburger Zeitung in die-\nsem Fall anwendbar, da der Satz: Gehirn-\nerweichung hören wir den Leser sagen, eine\nkritische Glosse vorstellt\". Das\nLandgericht Hamburg war aber anderer Ansicht\nEs fand diese Ausführung irrig, weil die Verwechs\"\nlung einer selbständig wissenschaftlichen und\neiner selbständigen literarischen Arbeit vorlag.\nDer Zivilkammer imponierte also die Kenntnis des\nWortes Gehirnerweichung noch nicht als Wissen-\nschaft. Der Satz ist nur literarisch, aber der Ge-\nsetzgeber hat nun einmal das vollständige Nach-\ndrucken von Gedichten bei literarischen Arbeiten\nverboten. Ein unberechtigter Nachdruck lag also\nvor und an sich wäre die beklagte Zeitung der Klä-\ngerin zum Schadenersatz verpflichtet gewesen. Das\nGericht führt nun in seinem Urteil alle möglichen\nArten der Berechnung des Schadenersatzes vor;\nKlägerin könnte die Tatsache des Abdrucks als\nsolche gelten lassen und als rechtswidrig nur\ndas Moment anfechten, daß der Abdruck ohne\nihre Genemigung erfolgt ist. In diesem Fjall\ndarf die -Klägerin Ersatz des Schadens fordern,\nweicher ihr daraus erwachsen ist, daß der\nAbdruck ohue ihre Genehmigung statt-\ngefunden hat. Sie darf mit anderen Worten\ndasjenige fordern, was sie gehabt haben würde,\nwenn der Abdruck mit ihrer Genehmi-\ngung erfolgt wäre.\nDieses ist denn auch der Standpunkt, den die\nKlägerin in vorliegendem Prozeß in erster Linie\nvertritt, Sie führt iru der Klage aus, daß sie be-\nrechtigt gewesen wäre, für den gestatte-\nten Abdruck ihres Gedichts ein Honorar von\nmindestens zwanzig Mark zu verlangen, und\ndaß sie für diesen entgangenen Gewinn\ndie Beklagte verantwortlich mache.\nDie zu entscheidende Frage ist hiernach folgen-\ndermaßen zu präzisieren:\nWüide die Beklagte, der Klägerin, wenn diese\nden Abdruck des Gedichtes in der Zeitung ge-\nstattet hätte, ein Honorar gezahlt haben, oder\nwürde sie wenigstens zur Zahlung eines Hono-\nrars verpflichtet gewesen sein.\nDie beklagte Zeitung bestritt natürlich die Ver-\npflichtung. Worauf sich das Gericht'für verpflich-\ntet hielt, nicht die rechtliche Lage, sondern den li-\nterarischen Wert des Gedichtes „Leise sagen\" zu\nprüfen. Das Gericht glaubt nämlich, für Literatur\nohne weiteres Sachverständig zu sein. Literatur\nIst Gemeingut des Volkes. Das versteht man eben.\nZur Konfektion, zur chemischen Wäschereinigung\nunjd zur Jura braucht man Fachkenntnisse. Die\nLiteratur hat man aber im Gefühl. Mari hat seine\nBildung, man hat Goethe, Schiller und Wildenbrucli\ngelesen, auch den Kampf um Rom, man hat die Hei-\nmat von Sudermann, Alt Heidelberg und die Lusti-\nge Witwe gesehen, man hat seine Dauerkarte zur\nKunstausstellung und seine Aktie zum Zoo. Da\nwird man doch wohl ein kleines Gedicht beurtei-\nlen können. Also:\n„Der erste und unmittelbare Eindruck, den der\nLeser aus der Lektüre dieses Gedichts gewinnt-\n•9\nIst — wenn* man zunächst einmal die Frage\nder unfreiwilligen Komik außer beträcht läßt —\ndas Gefühl der absoluten Verständnis\"\nlos i g kve it. Geht man von der gemeinhin\nverbreiteten Auffassung aus, daß die Sprache\ntöazu dient, Gedanken zutage zu fördern und\nVorstellungen zu erwecken, so fragt man sich\nvergebens nach der Existenzberechtigung eines\nGeistesprodukts, das, wie das vorliegende, im\nwesentlichen nur Worte enthält, Worte, denen\nwenigstens prima facie irgendwelcher vernünf-\ntige Sinn nicht innewohnt. Nun wird sich aller-\ndings der Leser sagen, daß die Verfasserin\nihrerseits mit den von ihr gewählten Worten\ndoch wohl einen Sinn verbunden haben muß,\nund er wird sich bemühen, diesen Sinn heraus-\nzufinden. Tatsächlich wird es ihm vielleicht\nauch gelingen, bei einigen der in dem Gedicht\nvorkommenden Wendungen mittels angestreng\"\nten Nachdenkens und auf dem Wege der Kom-\nbinationen und Vermutungen zu Resultaten zu\ngelangen, die möglicherweise — aber auch nur\nmöglicherweise — dem annähernd entsprechen,\nwas die Verfasserin mit ihren Versen wirklich\nhat zum Ausdruck bringen wollen. Wrenn es\naber beispielsweise in dem Gedicht heißt:\n„Du nahmst Dir alle Sterne\nUeber meinem Herzen\",\nund weiter: 1\n„Ich kann den Abend nicht mehr\nUeber die Hecken tragen\",\nsowie endlich:\n„Mein Herz geht langsam unter,\nIch weiß nicht wo\",\nso steht der normal empfindende Leser diesen\nGefühlsausbrüchen ebenso ratlos gegenüber\nwie der Frage, welche Beziehung wohl der Ti-\ntel „Leise sagen\" zu dem Inhalt des Gedichts\nhaben mag\".\nDer erste und unmittelbare Eindruck des Land-\ngerichts ist also das Gefühl der absoluten Verständ-\nnisiosigkeit. Das habe ich auch. Bisher hat nämlich\ndie Lyrik dazu gedient, Gedanken zutage zu fördern\nund Vorstellungen, zu erwecken. Diesem Gedicht\nwohnt also wenigstens prima facie kein vernünf-\ntiger Sinne inne, sagt das Landgericht. Es ist al-\nlerdings überzeugt, daß die Verfasserin ihrer-\nseits mit den von ihr gewählten Worten doch wohl\neinen Sinn verbunden haben muß. Das Gericht ist nun\nmittels angestrengten Nachdenkens und auf dem\nschwierigen Weg von Kombinationen und Ver-\nmutungen zu Resultaten gekommen. Wenigstens\nbei einigen Zeilen. Bei anderen steht das normal\nempfindende Gericht den Gefühlsausbrüchen ratlos\ngegenüber. Das Gericht hat aber die Güte, von\nden völlig unverständlichen Stellen abzusehen:\nBeschränkt man sich auf diejenigen Wendungen,\nbei denen sich wenigstens ahnen läßt, was die\nDichterin eigentlich hat sagen wollen, so ist\nnicht zu verkennen, daß in dieser Aufeinander-\nhäufig von Unklarheiten eine gewisse Metho-\nIy '\nde liegt. -\nAlso doch eine Methode. Die Sache wird wissen-\n• -C\nschaftlich:\nDieselbe besteht kurz gesagt darin, daß mehre-\nre Bilder, von denen jedes einzelne an\nsich nicht zu beanstanden ist, durch einander-\ngeworien werden. Das Resultat dieses Verfah-\nrens ist aber nicht nur eine bisweilen an völlige\nUnverständigkeit grenzende Unklarheit, son-\ndern vor allem eine Formlosigkeit, welche un-\nästhetisch und teilweise geradezu abstoßend\nwirkt.\nEin Glück, daß bei diesem Verfahren des Durch-\neinanderwerfens von Bildern die Kopflosigkeit nur\nbildlich bleibt.\nWenn beispielsweise die Dichterin „vom Seim\nder Bläue der dem Erzengel gestohlenen\nschwebenden Augen nascht\" so mag ihr zu\n. Gute gehalten werden, daß dieser Gedanken-\nreihe einzelne richtige Bilder (der Vergleich\nder Augen mit einer mit Honigseim gefüllten\nBlüte, das Naschen von der Blüte etcetera) zu\nGrunde liegt. Aus der gewaltsamen Zusam-\nmenstellung dieser heterogen Elemente ergibt\nsich nun aber ein Gebilde, welches vom sprach-\nlichen und vom ästhetischen Standpunkt aus\nim gleichen Maße unmöglich erscheint und mit\nPoesie nichts mehr gemein hat. Ueberhaupt.\nläßt sich von 4em Gedicht sagen, daß für den\nauffallenden, jMangel an vernünftigen Sinn nicht\neinmal eine schöne Form entschädigt.\nNicht einmal das. Wenn es wenigstens gereimt\nwäre, würde es sicher mit der Poesie etwas\ngemein haben. Nach diesem Ausbruch des belei-\ndigten Verstandes hält sich das Gericht nicht etwa\nfür befangen. Es beweist vielmehr seinen Sach-\nverstand\nFührt die vorstehende Betrachtung zu dem Er-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.3", "texte": "gebnis, daß das Gedicht der Klägerin nach Form\nund Inhalt völlig verfehlt ist und irgendwelchen\npoetischen oder literarischen Wert nicht bean-\nspruchen kann, so glaubte das Gericht keine\nVeranlassung zu haben, nach dieser\nRichtung noch Sachverständige zu vernehmen.\nDie Mängel des Gedichtes sind so krasse und\nso sehr in die Augen fallende, daß sie jedem ge-\nbildeten mit gesundem Menschenverstand und\nmit Empfänglichkeit für Poesie begabten Leser\nohne weiteres die Ueberzeugung von der\nWertlosigkeit dieses Geistesproduktes auf-\ndrängen müssen. Es wäre auch schlimm um\neine Lyrik bestellt, welche sich lediglich an\neinen kleinen Kreis von Sachverständigen wen-\ndet, und nicht im Stande sein müßte, ihre\nSchönheiten jedem mit normaler Intelligenz und\neinem gewissen ästhetischen Sinn ausgestatte-\nten Menschen zu offenbaren.\nSo schlimm ist es heute um die Lyrik bestellt,\ndaß sie sich nicht einmal dem gesunden Menschen-\nverstand, der normalen Intelligenz und dem gewis-\nsen ästhetischen Sinn offenbart. Alle diese Eigen-\nschaften besitzt außer dem Gericht noch der deut-\nsche Redakteur:\nAber auch abgesehen) hiervon handelt es sich\nim vorliegenden Fall lediglich um die Beant-\nwortung der Frage, ob der Redakteur einer Ta-\ngeszeitung geneigt sein wird, dem Gedicht\neinen poetischen Wert beizumessen und das-\nselbe, sofern es ihm als Beitrag eingesandt\nwird, zu honorieren.\n„Dasselbe44 würde niemals dem Redakteur einer\nTageszeitung eingesandt werden.\nDas Gericht glaubt auch diese Frage ohne An-\nhörung von Sachverständigen verneinen zu\nkönnen. Die Redakteure einer Tageszeitung\nwerden. — das ist ihnen ohne weite-\nres zuzutrauen — genügend Urteilsfä-\nhigkeit besitzen, um in Bezug auf die Einschät-\nzung des in Rede stehenden Poems zu dem\ngleichen Resultat zu gelangen, zu welchem die\nvorliegenden Ausführungen geführt haben.\nDas ist den Redakteuren endlich einmal gut\ngegeben. Selbstverständlich würden sie in Be-\nzug auf die Einschätzung dieses Gedichts ebenso\nsachverständig sein, wie der ästhetische Jurist.\nDie Kunst fängt immer dort an, wo diese Herren\naufhören, sie zu begreifen. Ganz sicher fühlt sich\ndas Gericht aber plötzlich wieder nicht:\nNun hat es allerdings den Anschein, als ob die\nKlägerin mit der ihr eigentümlichen Art poeti-\nscher Produktion eine ganz bestimmte Tendenz\nverfolgt und man wird weiterhin mit der Mög-\nlichkeit zu rechnen haben, daß es in der lite-\nrarischen Welt Persönlichkeiten gibt, welche\ndie von der Klägerin vertretene Richtung so\nkonsequent verfolgen, daß sie sogar dem vor-\nliegenden Geistesprodukt einen gewissen Ge-\nschmack abzugewinnen vermögen.\nBei der Feststellung bleibt es erfreulich, daß\ndas Gericht die deutschen Redakteure nicht zur\n„literarischen Welt\" zählt. Denn:\nFür den vorliegenden Rechtsstreit ist aber ein-\nzig und allein derjenige Standpunkt maßgebend,\nwelchen der Redakteur einer Tageszeitung dem\nGedicht der Klägerin gegenüber einnehmen\nwird. Und insoweit muß es bei dem oben Ge-\nsagten sein Bewenden haben.\nDas Gericht kennt die Redakteure insoweit.\nJetzt fühlt sich das Gericht auch nicht juristisch\nmehr sicher: . . . . so muß der Vollständigkeit\nhalber nocTi ein weiterer Gesichtspunkt in Be-\ntracht gezogen werden, welche eine Entschei-\ndung des Reihsgerichts aufstellt. Das Reichs-\ngericht führt aus: „Im vorliegenden Fall und\nüberall wo geistiges Eigentum wegen seines\ninneren Wertes zu einer Verwendung gelangt,\nzu welchem es, wenn nicht von seinem Urhe-\nber bestimmt, doch nach allgemeiner Anschau-\nung geeignet ist, und nach dem Erfolge sich\nals geeignet erweist, ist der Gesichtspunkt n i e-\nm a 1 s abzuweisen, daß sich derjenige, welcher\ndas fremde geistige Eigentum, sei es unredlich»\nfahrlässig, oder, wenn das Gesetz vom 11. Juli\n1870 zur Anwendung kommt, unverschuldet zu\nseinem Vorteil verwendet, verwertet und sich\ndadurch bereichert, einen Gewinn aus dem\nfremden geistigen Eigentum gezogen hat, den\ner eben deshalb dem Urheber oder seinem\nRechtsnachfolger herauszugeben hat. Denn er\nhat dissen Gewinn auf Kosten des Urhebers\ngemacht\".\nHierzu bemerkt das Hamburger Landgericht zu\nseiner Entschuldigung.:\nDiese Ausführungen würden auf den an sich\nviellicht schwierigen Nachweis des Schadens\nerleichtern, wenn,die Beklagte sich das geistige\nEigentum der Klägerin wegen seines inne-\nren Wertes angeeignet, wenn sie also mit\nanderen Worten das Gedicht abgedruckt hätte,\nin der Absicht, ihren Lesern einen poetischen\nGenuß zu verschaffen. Diese Voraussetzung\ntrifft aber offenbar nicht zu. Die Beklagte Hat\ndas Geistesprodukt der Klägerin ironisieren\nwollen. Sie hat es, wie sie sich selbst aus-\ndrückt, lediglich als „Stilblüte\" als \"Dokument\nfür lyrische Verdrehtheit4* der Oeffentlichkeit\nmitteilen und ani den Pranger stellen wollen.\nEs handelt sich um einen Fall der sogenannten\nunfreiwilligen Komik.\nJetzt wird die unfreiwillige Komik ein juristischer\nBegriff: { •\nDie Lektüre des Poems wird bei demjenigen,\nder überhaupt Sinn für Humor hat, ein Gefühl\nder Heiterkeit auslösen.\nDas Gefühl der absoluten Verständnislosigkeit\nlöst tatsächlich das Gefühl der Heiterkeit aus. Die\nunfreiwillige IKomik liegt allerdings dann beim Le-\nser und nicht beim Gelesenen.\nUnd da das Gedicht hiernach tatsächlich zur\nUnterhaltung der Leser beizutragen geeignet\nist, so läßt sich ihm vom Standpunkt dieser\nBetrachtungsweise ein gewisser Wert nicht\nabsprechen.\nDer Begründung auch nicht. Aber wieder er-\nhebt sich drohend das Reichsgericht. Das Reichs-\ngericht wird „vielleicht44 den Fall der sogenannten\nunfreiwilligen Komik nicht unter „den Begriff des\ninneren Wertes des geistigen Eigentums haben sub-\nsummieren wollen\". Man kann das nicht wissen.\nWürde man sich aber auch für diese Ausnahme\nentscheiden, so wäre noch immer zu prüfejn,\nworin denn eigentlich der von der Beklagten\ngemachte Gewinn besteht Dieser könnte\nnur« so konstruiert werden, daß Beklagte einen\nBeitrag, welcher zur Unterhaltung ihrer Leser\ndient, ohne Zahlung erworben hat, während\nsie an sich verpflichtet gewesen wäre, für den-\nselben ein Honorar zu zahlen. Nun werden\naber bekanntlich Beiträge, deren Inhalt sich als\nunfreiwilliger Humor darstellt, hierher gehören\ninsbesondere die von manchen Blättern sogar\nin besonderen Rubriken gesammelten Stilblü-\nten und Druckfehlerteufel niemals honoriert.\nFür. den Abdruck dieses Urteils ist also auch aus\ndiesem Grunde kein1 Honorar fällig.\nAber das Reichgericht macht dem Landgericht\nnoch immer Sorge.\nDas Reichgericht gibt dem durch den Nach-\ndruck Verletzten das Recht, seinen Schaden in\nHöhe der Bereicherung des Nachdrucks geltend\nzu machen. Im vorliegenden Fall könnte eine\nBereicherung der Beklagten wiederum nur da-\nrin erblickt werden, daß sie ein Gedicht kosten-\nlos abgedruckt hat, für welches sie ein Honorar\nhätte zahlen müssen. Nun ergibt sich aber aus\nden vorstehenden Ausführungen, daß eine Ver-\npflichtung der Beklagten zur Bewilligung eines\nHonorars für das Geistesprodukt der Klägerin*\nunter keinen Umständen besteht.\nDer Paragraph 19 des Urheberrechts wird „für\nden vorliegenden! Fall\" also offenbar außer Kraft\ngesetzt.\nDas Gedicht als ernstgemeinten Beitrag\nbrauchte sie wegen seiner literarischen Wert-\nlosigkeit nicht zu honorieren.\nJetzt beginnt die Phantasie des Gerichts zu blühen.\nIm Paragraphi 19 steht nichts von diesem Ausnah-\nmefall zu lesen.\nDie Verwertung desselben als einer Probe un-\nfreiwilligen Humors durfte, der allgemeinen\nVerkehrsübung entsprechend, ohne Gewährung\neiner Vergütung erfolgen.\nAuch davon steht nichts im Paragraph 19 des\nUrheberrechts. Bisher sind Zeitungen, die\nunter dem sogenannten Gesichtspunkt der soge-\nnannten freiwilligen Komik den Nachdruck vor\n#\nGedichten gestatteten, stets entsprechend der De-\nfinition des Reichsgerichts zur Zahlung eines Hono*\nrars verurteilt worden.\nVerleger und Zeitschriftenredakteure sollten\nsich übrigens dieses endgültige Urteil des Hambur-\nger Landgerichts zu Nutze machen. Sie können\nohne jedes Honorar und ohne jede Erlaubnis alle\nihnen passend erscheinenden Gedichte abdrucken.\nErforderlich bleibt nur, über die Gedichte die\nWorte „Unfreiwillige Komik44 oder „Druckfehler-\nteufel44 zu setzen. Dann tritt der Paragraph 19\ndes Urheberrechts außer Kraft, und die allgemeine\nVerkehrsübung kann mit Hilfe des Hamburger\nLandgerichts sich geltend machen.\nAus diesem Urteil ersieht rnan, welche Vor-\nstellung der gebildete Deutsche von Literatur und\nKunst hat. Diese drei Laien, die Herren Landrich-\nter Crasemann, Dr. Hipp, Henschel,\nhaben nicht das geringste Bedenken, ein Urteil über\nein Kunstwerk zu fällen. Ueber die Behauptung,\ndaß eine Bluse schlecht genäht sei, würde sicher\nein Sachverständiger vernommen worden sein. Ein\nGedicht nehmen die Herren selbst auseinander und\nkönnen es nachher nicht mehr zusammenstellen.\nSie haben die einzelnen Stücke in der Hand und\nwundern sichi, daß es nicht paßt. Es paßt ihnen\neben nicht. Die ianze Richtung paßt ihnen eben\nnicht. Kunst ist ihnen nicht normal genug. Das:\nPublikum kann eben seine Sinne nicht benutzen.\nEs hat sich für Kunst eigens einen sechsten Sinn,\nden ästhetischen Sinn, angeschafft. Es liest schlech-\nte Gedichte, die von deutschen Redakteuren ver-\nöffentlicht werden, und findet die guten schlecht,\nweil für die schlechten sogar vom Hamburger\nLandgericht Nachdruckhonorar bewilligt würde.\nEine ,.literarische Welt\" wird zwar zugege-\nben. Sie wird aber/ grundsätzlich für „exzen-\ntrisch44 erklärt. Es wäre auch traurig, wenn sich\nKunst im Zentrum dieser Ausführungen aufhalten\nwürde.\nIch hatte dem Gericht als Sachverständigen\nRichard Dehme 1 vorgeschlagen. Aber cfas\nGericht wußte es allein besser. Ich sandte Herrn\nDr. Richard Dehmel das Urteil des Hamburger\nLandgerichts ein und bat ihn um eine Aeußerung.\nHier ist sie:\nSehr geehrter Herr Waiden,\nEs ist schlechterdings eine Anmaßung, wenn\nein Gerichtshof ein Gedicht für literarisch wertlos\nerklärt, dessen Verfasserin von wirklichen Kennern\nder Literatur als eine ungewöhnlich begabte Dich-\nterin anerkannt ist. Was würden die Herren\nRichter wohl sagen, wenn ein juristischer Laie den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.4", "texte": "Gedankengang ihres Urteils für unverständlich,\nwidersinnig und — unfreiwillig komisch erklärte;\nsie würden wahrscheinlich garnichts sagen, sondern\ndie Achseln zucken und lachen. Ich denke, die\nDichterin wird desgleichen tun. Ich meinesteils —■\nda Sie meine Ansicht zu hören, wünschen -— halte\ndas abgeurteilte Gedicht für eines ihrer schönsten,\nweil einfachsten; das sage ich ausdrücklich deshalb,\nweil manches andre Gedicht von Else Lasker-\nSchüler in der Tat so labyrinthisch gebaut ist, daß\nsich der gewöhnliche Zeitungsleser, dessen lite-\nrarisches Urteil den Herren Richtern' maßgebend\nscheint, gewiß nicht ohne vorherige Erweichung\nseines vertrockneten Gehirns hineinfinden kann.\nNatürlich stelle ich Ihnen frei, diese meine unmaß-\ngebliche Meinung zu veröffentlichen.\nEs möge hier nochmals das mißhandelte Gedicht\nselbst stehen.\n\nBesten GruB\nDehmel\n\nLeise sagen\nElse Lasker-Schüler\nDu nahmst dir alle Sterne\nUeber meinem Herzen.\nMeine Gedanken kräuseln sich\nIch muß tanzen.\nImmer tust du das, was mich aufschauen läßt,\nMein Leben zu müden.\nIch kann den Abend nicht mehr\nUeber die Hecken tragen.\nIm Spiegel der Bäche\nFinde ich mein Bild nicht mehr.\nDem Erzengel hast du\nDie schwebenden Augen gestohlen.\nAber ich nasche vom Seim\nIhrer Bläue.\nMein Herz geht langsam unter\nIch weiß nicht wo —\nVielleicht in deiner Hand.\nUeberall greift sie an mein Gewrebe.\n\nH. W.\nIch habe denselben jProzeß in Berlin! führen\nlassen. Hier in Berlin ist er endgültig zu Gun-\nsten der Dichterin entschieden und die be-\nklagte Zeitung zum Schadenersatz verurteilt wor-\nden. Ich werde darüber in der nächsten Nummer\ndieser Zeitschrift ausführlich berichten. Ich warne\naber schon heute die deutschen Zeitungsredakteure,\nirgend eine Dichtung dieser Zeitschrift unter dem\n„Gesichtspunkte der unfreiwilligen Komik44 nach-\nzudrucken. Ich habe nichts dagegen, daß die Her-\nren Kunst komisch finden. Ich werde sie aber dar-\nan hindern, ihren Geist an Kunst aufzugeilen. Ich\nwerde mich in ihre Verstandesregion hinunterbe*\ngeben und ihnen beweisen, daß Impotenz keine\nGesundheit ist. Kranke Laien halten sich oft für\ngesund. Man kann es ihnen gönnen. Sie sollen\naber nicht exzentrisch werden wollen und Künstler\nmit dem Ausfluß ihrer Unfähigkeiten besudeln. Sie\nsollen im Lande bleiben und sich redlich mit Ver-\nmischtem nähren, ihre Vergnügungen im Radsport\nund im Rasensport suchen, und sich an der Börse\nund auf dem Hypothekenmarkt betätigen. Lokales\ndiene ihnen zur Zerstreuung. Kunst aber sollen sie\nnicht begreifen. Kunst muß vor Prostitution ge-\nschützt werden. Denn Kunst fordert Liebe.\n\nDie blaue Dohle\nVon Franz Herczeg\nMan unterhielt sich über das Leben und die\nFrauen; einer, der bisher schweigsam dasaß,\nsprach plötzlich und erzählte folgende Begebenheit:\nIn jtlngen Jahren fuhr ich von der Sankt Annen*\nPuszta in die Stadt. An einem schönen Oktober*\nnachmittag. Die Sonne beschien die Wiesen sen=\ngend und gierig und trotz alledem mit dem trau-\nrigen Glänze der Liebe alternder Männer. Kein\nMensch auf der weiten Ebene. Wir kamen an die\nZiegelbrennerei; auch hier gespenstische Ruhe»\nals wären die Leute vor dem Nahen einer\nschreckhaften Gefahr geflohen. Vor den ruß*\nschwarzen Oefen lagen Lehmkisten, Schiebkarren,\nund Werkzeuge in lächerlich wildem Durcheinander.\nHinter der Brennerei biegt der Weg ins Bir-\nkenwäldchen ab. Eine feuchte Kühle berührte mein\nGesicht und die das Blätterwerk durchdringenden\nSonnenstrahlen führten einen betäubenden Reigen\num mich; ich mußte die Augen schließen.\nAn einer Lichtung drang ein leiser Ton an mein\nOhr. Ein munterer Vogelruf ungefähr wie das\nWörtchen „csak\" jedoch in der langgedehnten\noberländischen Mundart. Ein großer Vogel mit\nausgebreiteten Schwingen schnitt in zierlich ruhi*\ngern Bogen die Luft und flog knapp über meinem\nKopfe in die Höhe. . Seine pfauhlauen Federen\nglitzerten in der Sonne, indische Seide. Mär-\nchenhaft in seiner fremden Schönheit hatte er\nsich hierher verirrt von feinen Palmeninseln,\nwich ich sie in meiner Kindheit träumte. In\nseinem Fluge berührte er schon beinahe die Nes«\nselstauden, da hob er die Flügel und schwang sich\nspielend auf die Krone einer jungen Birke, Dort\nließ er sich nieder. Mein Gefährt, das seinen Wald\nschnaubend entlangfuhr, mußte seine Neugierde\nerweckt haben.\nUnd mich ergriff plötzlich wieder dieses wohl*\ntuende Fieber, das sich meiner als Kind bemäch»\ntigte, so oft ich einen wilden Vogel, oder auch nur\neine bunte Feder erblickte. Das eigentümliche und\nverzehrende Wollen, das freie Geschöpf der Luft\nin der Hand zu halten und mein zu nennen, Herr\ndes fremden, aus Waldestiefen und sonnigen Hö=\nhen geholten Zaubers seiner Federn zu sein.\nIch hatte meine Flinte bei mir . . Rasch steckte\nich zwei Kugeln in den Lauf und hieß den Wagen\nstehen bleiben. Ich zielte nach der Dohle, sie rief\nerschrocken „csak4 und stürzte mit gespreizten\nFlügeln vom Baume herunter. Ich feuerte zwei\nrasche Schüsse ab. Der zweite traf sie am Flü=\ngel. Sie ließ sich im Zickzack aufs Gras nieder.\nEin dünner Rauch schwamm in der Luft, etwas\nFlaum wirbelte unter dem Birkenlaub.\nIch sprang vom Wagen und sah nach meiner\nBeute. Lange suchte ich vergeblich im Grase;\nendlich fand ich die Dohle: dort hockte sie auf\neinem Maulwurfshaufen, zu einer blauen Kugel\ngebläht. Ich griff nach ihr, sie entglitt meinen Hän-\nden und entwich in Waschen Spenljngssprüngen. Den\nangeschossenen Flügel schleppte sie nach. Zwi-\nschen Gestrüpp, den Abhang entlang, bis an den\nWaldesrand rannte ich ihr nach. Hier sperrte mir\nspitzes Drahtgeflecht den Weg. Ich blieb vor der\nUmfriedung stehen und brach in Lachen aus. Wel-\ncher Unsinn Doch sogleich ergriff mich\nEigensinn: habe ich was angefangen, so führe\nich es zu Ende! Auch hätte ich mich vor dem Kut-\nscher geschämt, ohne den Vogel zurückzukehren.\nIch stieg über die Hecke und zerriß dabei mein\nGewand, Verfluchter Vogel, jetzt kommst du mir\nerst recht nicht mehr davon,: und sollte ich dich\nbis Sonnenuntergang lagen.\nFlink wie eine Ratte enteilte er mir auf der\nWiese. Plötzlich begann der Boden unter mir zu\nsinken. Bis au die Knöchel sank ich in den Morast,\nmeine Schuhe troffen;, doch endlich hatte ich die\nStrecke überquert. Ich war weit von meinem\nWagen.\nAm Wasserrande blühten dicht die Brombee-\nren. Der; Vogel warf sich unter die Dornensträu-\ncher. Das Gebüsch nahm ihn in seinen Schutz und!\nTausende kampflustiger Domen richteten sich ge-\ngen den Verfolger. Dort hockte die Dohle, keine\nzwei Schritte von mir, keuchend),, mit offnem\nSchnabel. Ich griff nach ihr — wieder entglitt sie\nmeiner Hand. Blind vor Wut rannte ich in das Ge-\nstrüpp. Die Dornen zerfleischten jmin Hals und\nHände; vorwärts, und müßte ich in Fetzen gehen.\nAls (.müßte ich Genugtuung erringen fürj die\nSchmach, die ein dummer, kleiner Vogel meiner\nMenschenwürde antat.\nIcti hatte ihn! :\nAls ich ihn in die Hand bekam rief er sein kläg-\nliches „csak\" und sein Herz schlug heiß und rasch\nunter'meinen Fingern. Dort stand ich mitten im\nGestrüpp, erschöpft, mit blutenden Händen und\nzerschlissenen Kleidern — aber triumpfierend. Die\nDohle warf den Kopf hin und her, in ihren Augen\nbebte die Angst als blausciiwarzer Schimmer. Ei»\nFlügel war zerschossen, auch mußte sie ein Schrot-\nkorn in die Lunge bekommen haben, denn Blut\nsickerte aus dem offenen Schnabel Urplötzlich-\nüberkam mich eine tiefe Unlust. Weshalb hatte ichs>\ngetan? Was sollte ich mit der Dohle? Fortwer-\nfen? Das wäre unmenschlich. Rasch ein Ende mit\nihr machen, damit sie sich nicht länger Quält.\nIch entriß dem Flügel eine Feder und wollte\nihr nach Jägerbrauch den Schädel zerstechen);\nwar ich zu ungeschickt? hatte sie einen allzufestsn\nKopf? — es gelang nicht. Verzweifelt schrie und!\nwandt sich der Vogel unter meinen Griff; mich\nerfaßte ein Ekel vor meinem widerlichen Tun und\nvor Abscheu röchelnd riß ich ihm den Kopf herun-\nter. noch immer pendelte wie wahnwitzig das hei-\nße Herz in dem verstümmelten Körperehenj.\nDie geköpfte Dohle in der Hand machte ich\nmich auf die Suche nach meinem Wagen. Es dau-\nerte lange, bis ich ihn fand. Der Kutscher dachte\nmir entgegenzukommen, er hatte mich verfehlt\nWir fanden uns erst nach langem Herumirren. Es\ndämmerte bereit,, als ich todmüde mein Gefährt\nbestieg.\nDie Dohle Sag zu meinen Füßen. Ich hob sie\nauf: Strohhalme klebten an ihren blutbefleckten\nFedern. Ich entriß ihrer vier — zum mitbringen\nfür die Kinder — und warf das Aas auf die Land-\nstraße. Später bemerkte ich, daß eine der Federn\nzerrissen und gebrochen war; auch diese wrarf\nich in den Wind. Die übrigen drei steckte ich auf\nden Bock: recht sicher in die Schnur, die weiße\nPorzellanknöpfe befestigten.\nEs dunkelte immer mehr, im Westen glühte\nzwischen riesigen senkrechten Wolkensäulen blau-\nrot feurig der Himmel. Dann ward alles grau. Di©\nBirken am Wegrand bogen sich rauschend im\nWinde.\nIch suchte mit dem Blicke meine Federn, doch;\nstach nur noch eine im Kutschersitze. Die übrigen\nzwei mußte der Wind längst verweht haben.\nJetzt bog sich auch die letzte Feder unter dem\nWagengerüttel um, Der Wind ergriff sie und\nschlug sie mir ins Gesicht. Ich faßte danach, doch\nsie flatterte davon und verschwand im Finstern.\nSollte ich ihretwegen den Wagen halten lassen?"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.5", "texte": "Richter-Berlin Landschaft mit Bachmühle"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.6", "texte": "Der Ursprung der Künste\nVon Richard Fuchs\nOrdg-inarlität scheint mir die Kraft, die\nalles und nichts mit andern Wesen teilt und alles\nwill, was keines will, sodaß ihr Ziel zugleich die\nwirklichen Ziele aller enthüllt. Gleiche Ursachen\nwirken in den Menschen nicht gleiche Instinkte. Von\ngroßer Vernunft ist die Natur, die diesen stattli-\nchen Wechsel der Stoffe bietet, dessen Ausdeutung\neine Kunst ist. Die allgemeinen Unerzogenheiten\nPodanterien, Lügen erleiden, eine kleine Ortsver-\nänderung, und die daraus werdenden Qualitäten\nsind zur Bedeutung von Rasse unterschieden er-\nhoben. Schon bestehende Ungleichheiten werden\nalso gut bewahrt und nicht beseitigt, ja alle kleinen\nUnterscheidungen noch pendelich gemacht. Der\nWert Genie, der keine halsbrechende abstrakte\nAktion ist, bekommt keine geringe Macht dadurch»\ndaß über dem verwickelten Kleinen nun zugleich\ndas Große von so einfacher Güte, wie sie nur mög\"\nlieh ist, erscheint. Im Künstler herrscht ein Wider-\nwillen gegen das Persönliche wie das Abstrakte.\nDer Künstler selbst ist eine [Person und hat eine\nWelt zur Aufgabe. Nur kein privater und kein all-\ngemeiner Begriff, sonst alles nützt ihm zu diesem\neigentümlichen Ideale. Im individuellen Werk er-\nholt sich sein Menschlichstes von seiner Verach-\ntung der Menschlichkeiten.\nJugend wehrt sich lange dagegen,, daß es nicht\nmehr als blos eine physische Lebensform geben\nsoll, bis beginnende Reife in der Kunst die wohl-\ntuende Erdhaftigkeit bemerkt, wodurch der über\ndie glückliche Mittelmäßigkeit entzückte sich zu\nfreiem Leben rettet. So bereichert doch der Kün-\nstler die Möglichkeiten des Lebens, findet die Har-\nmonie, ist eine Einheit in der Natur, die unbekann-\nten Schauder, die er für sich suchte, erweckt er uun\nmit Lust. Bei andern machen die Korrespondenzen\ndas Geheimnis des Lebens. Jeder von diesen ver-\nsteht von der Sprache der Kunst, was er nach der\nSpezialität seines Standes von ihren Begriffen und!\nZeichen konjugiert. Der Artist weiß, daß alle Worte\nOrte des Lebens sind uid genügnd für das Werk\ndes Menschen zeugen. Th. Gautier, ein Maler in\nder Literatur, war nach eigenem Geständnis ein\nMensch, für den die äußere Welt existierte. Aber\nes ist nichts poetisch, was nicht wahrhaft frei ist.\nDie sensuellsten Menschen sind nur die aufrichti-\ngeren Mystiker, während die Symbolisten (eitle\nMissionen treiben, wenn sie zu Gott sagen: „Ich\nnähere mich ihnen, Herr, um zu verschwinden vor\nIhnen.'4\nImpressionisten und Expressi-\non i s t e n können in den bildenden Künsten in die-\nser Reihenfolge mit wachsender Kraft einander ab-\nlösen. Hier sind in der bloßen Andeutung reine\nFarbe, reine Form und absoluter Klang wenig-\nstens möglich, wiewohl das Ausdrucksvolle erst\ndas Wahre und Wirkliche ist. Aber reiner Geist,\nreines Gewissen wäre der reinste Sproß. Erst\nim Kampf mit der Wirklichkeit findet der Geist\nseine Einfachheit. Der Eindruck und die Bedeu-\ntung des Ausdrucks fallen zeitlich in vielen Fällen\nauseinander. Denn durch den im Werk ausgedrück-\nten freien Gegensatz zur einengenden Welt feiert\nder Geist seine Kunst, der Geist des Lebens, der\norganisch an der Sprache haftet. Jeder Kampf geht\num den Sieg einer Anschauung, die das größere\nLeben in sich faßt. In keiner Kunst reißt so leicht\nder Stoff ab„ und eine Kunst, die nirgends Wider-\nspruch erregte, währe ohne Wert.\nAber ist im Leben das Unschuldige und Un-\nschädliche nicht zu achten? Gegen die Uebergrif-\nfe der Intellektuellen verdient bescheidne Dumm-\nheit Ehre und philiströse Ansicht Respekt. Die\nWut der Fortgeschrittenen deutet die Erscheinun-\ngen der Menschen moralisch, sie wünschen sie zu\nregeln und aufzuheben, aber damit wollen sie das\nGlück und das Qenie aufheben. Jede glatte Lö-\nsung fällt in die Wissenschaft. Der Aberglaube\naller Literatur ist, daß Tatsachen aufgehoben sei-\nen,, sobald sie beschrieben werden. Beschreibung\nist ein Handwerk und wird gelernt. Man sagt uns,\ndaß eine Kultur bloß der Vornehmen aufreizen wür-\nde. Beachten wir, wie in Wirklichkeit immer sie\nkonservierte und heilte, was individualistischer\nUebereifcr hinter dem Schild der Befreiung ver-\nnichten wollte: bestehende persönliche\nSchwache als natürliche und ange-\nbor n e, und persönliche Stärke als angeborne.\nDie Freigeister hoffen noch mehr als auf die Gleich-\nheit auf die Kraft der Nachahmung. Aber dank\nder Schwäche und Dehnbarkeit der Welt ist Per-\nsönlichkeit, die mit dem Bewußtsein ihres Natur-\nwertes sich abhebt, nicht nachahmbar, Freiheit al-\nso im Kleinen und Großen unübertragbar.\nWissenschaft lehrt nur, ihr Leben liegt\nin keiner Anschauung. Die künstlerisch von ihr\nGebildeten haben mehr Geist als irgend ein Künst-\nler und vermitteln heute die Künste materialge-\nrecht ä jour. Das ist der literarische Sieg der bil-\ndenden Künste, in der Sprachkunst als ihrer Tech-\nnik. Lautlos hat sich die Welt gedreht. Das stum-\nme Wort ringt ungeboren, einsam, um seine Ent-\nstehung. Von ihrem Künstler abgetrennt, sinkt die\nlebende Sprache zum bloßen Buchwert. Wie könn-\nte man ein Kunstwerk das schon ein\nLeben enthält, abgezogen von seinem Ursprung,\neigner leben? Gegen so hohe Gunst gäbe es für\nwohlgeratene Seelen als Rettung noch die Liebe\nzu einem ersten so vorbildlich Lebenden, und\nKunstgenuß würde zum Anzeichen für feine In-\nnenwelt. Wird doch ein ganzer Mensch schon\ndurch sein natürliches Ideal gebildet, und sogar\nder ursprüngliche Künstler besteht trotz dem Bil-\ndungsstoff. Ich bin entschieden gegen das Dogma,\ndaß es gewisse noble Künste gebe. Der Gegen-\nsatz unnobel fehlt in der Kunst ganz und gar, und\nvon rohen Herzen ist keine Kunst zu erwarten.\nSie charakterisieren weder die Wissenschaft noch\ndie Kunst, sondern, nur das Leben. Ihr Geist ist ein\nanderer Mensch als ihr Charakter. Man kann nicht\nKünstler sein und mit dem Volk vermitteln in einer\nPerson, man ist eben damit kein Künstler und schä-\ndigt die echten Menschen in ihrer Sicherheit. Hinter\nunseren aesthetischen Gelehrten vermutet der Laie\neinen geschmackvollen Müßiggang. O Schrecken\n— möge er den raffinierten Geschäftsgang derer\nnie kennen lernen, die hier die Feder im Kampf um\ndie geistige Not führen! Wirklicher Glanz und\nKraft der Blendung würde nicht stören. Um Bei-\nfall werben alle. Aber der Aesthet will unser\nKunstwerk erst vollenden,, nach der Theorie vom\nwahren Schönen; doch kann er nur technische In-\ndustrien darauf gründen. Wohl gibt es Grade\nder Vollendung in einzelnen Werken des Künst-\nlers. Geniale Menschen sind verwundete und\ndoch gewiß vollendete Wesen, wenn auch noch\nnicht das Vollendete. Sie sind das erreichbar\nHöchste, wenn auch nicht das absolut Höchste.\nAber sie brauchen keine Vermittler. Der Künstler\nselbst gibt in seinem Werk seine Aesthetik. Das\nKomplement jeder Kunst ist der Mensch. Keine\nKünst ergänzt 'auch die andere, keine\nKunst erklärt eine andere, undi die Erklärung der\neinzelnen Künste würde nur den Menschenfeind\nunterrichten, wie man ohne Künste lebt In grö-\nßeren Kulturen, als die heutige ist, gingen alle\nKünste aus der Weltdichtung hervor. Ein Künst-\nler, der etwas zu sagen hat, meldet sich durch\nein einziges Wort, („,1 m Wald! Entzücken! Wer\nkann alles ausdrücken! Allmächtiger im Wald,\nheilig ! heilig! .... In den Höhen ist Ruhe, — Ru-\nhe, ihm zu dienen!\" Beethoven).\nfn der Kunstkritik genießt der Nichtkünst-\nler Macht über den Künstler — und sie ist mit un-\nserer Gesellschaftspolitik verknüpft! Die Kritik\nsozialer Uebelstände, diktiert von aristokratischer\nLebensführung,„ wäre fast ein Teil der hohen Kunst\nOscar Wildes. Aber wenn die Üeberwindung des\nGeistes, die ihrem Schöpfer oblag, dem Nachahmer\nerlassen wird, wird das Kunstwerk annuliert, ehe\nes fruchtbar geworden ist. Unser Dasein im Le-\nben ist rätselhaft, ja unverständlich. Der begriffli-\nche Umstand betrügt uns gerade um das Wunder-\nbare. Wo ich bloß Geist entHecke, werde ich jetzt\nstutzig. Der Geist, der die andern männlichen\nEigenschaften ersetzen muß, ist der Einwand, ver-\ndeckt den Mangel der Natur. Die Zukunft ist unbe-\nwußt, aber nicht dunkel. Mehr als ein helles Ge-\nfühl in mir zeigt den Willen an, den die Götter\nlieben. Durch die bildende Kunst kann kein ; :\nmut wachsen, aber auch nicht durch Geisteskunst.\nDenn gerade die Absicht bleibt in jeder Kunst ver-\nborgen. Die Zwecke des Genies sind verschwie-\ngen. Wir empfinden, wo heute in einem guten Ma-\nterial etwas gut getan wird. Das Leben mit seinen\nMenschen, das uns gegeben ist, verleiht dem Künst-\nler seine Position wie andern. Aber die Welt\nist damit nicht geschaffen, sie ist immer\neine leere Abstraktion noch. Sie war schon ein\nGlauben und eine Hoffnung, ein Stolz und eine\nScham, Freiheit und Niederlage, sie war die Kunst\nselbst und ein enttäuschungsreiches Nichts (Flau-\nbert). Sie ist jedenfalls kein Naturwinkel einiger\nTemperamente. Frage einen bildenden Menschen\num den andern, was ihm die Welt ist, er wird sa-\ngen: Meine Vision der Schönheit TSatiren auf die\nChinesische Mauer),, oder: Meine pantomimische\nMusik um die Toten der Fiametta, oder: Mein Zorn\n\\ /\nüber Gabriel Schillings Flucht (zu Strindbergs Ju-\nbeljahr)?). Wozu mehr? Immer erfordert die\nWelt ein Schicksal vom Künstler.\nDie eine Art von Schriftstellern weiß genau\nvorher, was von ihnen auf ihnem Blatt stehen\nwird, da sie für sich bald einen aesthetischen Aus-\ndruck zum allgemeinen Gebrauch finden. Die hö-\nhere Art Schriftsteller entdeckt mühsam, welches\nWort auf das erste folgen muß. Aber dieses ihr\npräzises Wort ist nicht nochmals zu formulieren,\nweil sein Dichter sich selbst die Nacht mit ihren\nSternen war. Geniale Werke sind nie Worte der\nWeisheit: sie stimmen nicht in sich und1 sTimmen\nnicht mit der Welt, wie sie gilt, überein. Aber sie\ngehen restlos auf, sobald man nur darauf denkt,\ndaß ihr Urheber ein Genie und Einsamer ist. Man\nblättere \\frie dieser Autor in den Werken der an-\nderen; derselbe Zauber wird an ihnen zur Lächer\nlichkeit: nichts stimmt, weil alles nur ohne die Vor-\naussetzung eines Menschen, ja eines Menschenwun-\nsches richtig und simpel ist. Aber der Künstler,\ndessen Realität man nicht erträgt,, doch dessen\nKunst man nicht entbehren kann, wird auf seine\nSchöpfung herabgedrückt. Vor lauter Kunst ist\nder Ursprung der Künste vergessen.\n\nJour Fixe\nVon Thaddäus Rittner\n\nIn der Regel war es entsetzlich langweilig. Die\nAnwesenden gähnten so zynisch, daß man das\nEcho hörte (die Wände, der Plafond und alles war\nhier von Stein) — aber hie und da kamen doch\nganz annehmbare Leute zusammen."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.7", "texte": "Richter-Berlin Landschaft mit holländischer Mühle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.8", "texte": "Zum Beispiel: von bekannten, Schönheiten Sig-\nnora Aurora oder vonj der Creme de ia Creme\nFürst Cosimo in persona oder von der literarischen\nWelt Heliotrop, der Dichter.\nDer Salon gehörte der Familie Coravanti (Kauf-\nleute, aber, wie Cosimo sagte, „im übrigen ganz\nanständige Menschen'4) —- und zählte zu den\nschönsten Grüften des Friedhofes. Zur Zeit des\nVollmondes war die Beleuchtung geradezu süperbe.\nDies mußte selbst Signora Fiora (gestorben an\ngelben Fieber) nolens volens zugeben, wie gerne\nsie auch sonst über alles schimpfte.\nAn Mobilar war außer einigen grauen, Sar-\nkophagen — nichts Bemerkenswertes vorhanden,\naber dafür waren die Wände mit Malereien des Fra\nFilippo königlich geschmückt. Und immer duftete\ndie See, oft auch die sinnlche Mimosa oder die zar-\nte, süße Magnolie.\n„Manche behaupteten Posa habe den schönsten\nFriedhof in ganz Italien\", sagte Cosimo und faßte\ngeschickt zwei Würfel Zucker mit der Zange, „aber\ndas ist falsch, unser Campo santo ist viel schöner\"*\nViel schöner, wiederholte die Hausfrau Signo-\nra Coravanti.\nVor allem haben wir viel bessere Luft, setzte\nCosimo ein wenig träge 'die Konversation fort.\nWeil wir unmittelbar am Meere wohnen schloß\napathisch die Coravanti.\nSie fühlte: lieber den gleichgiltigsten, konven-\ntionellen Blödsinn, das Schweigen. Sie wußte was\nsich schickte.\nOb Durchlaucht noch eine Tasse Tee genehmi-\nge. Nein, Durchlaucht dankt verbindlichst.\nIn der Ferne läuteten 'die Glocken von Messina.\nEs kam wieder ein Gast. Seine Kleidung war noch\nganz hübsch, er ist erst vor kurzem gestorben. Das\nGesicht, die Haare waren so ziemlich erhalten. Die\nHausfrau wollte ihn dem Fürsten vorstellen, aber\nda erhob sich dieser und rief:\n„ Anselmo!\"\n„Ja, Anselmo\", sagte der neue Gast.\nDie Hausfrau wurde aus unbekannten Gründen\nentsetzlich verlegen und begann verdächtigt rasch\nvom Wetter zu sprechen. Zu ihrem größten Erstau-\nnen brach Anselmo in ein schallendes Gelächter aus\n„Sie lachen ...\" stammelte sie.\n„Er kleidet sich gut\", bemerkte freundlich der\nFürst.\n„Tante grazie\", dankte Anselmo, und er fügte\nhinzu: „zu meinen Lebzeiten, war ich immer ernst.\nUnd erst hier lernte Feh lachen . . . \"\n„Das ist der Einfluß (Ter hier herrschenden Ru-\nhe und der günstigen klimatischen Verhältnisse\",\nmeinte Cosimo.\n„Schon möglich\",, sagte Anselmo. Die letzten\nJahre meines Leben waren viel trauriger als der\njetzige Aufenthalt auf dem Campo santo\".\nDer Fürst lächelte höflich.\n„Das kann ich wohl begreifen. Es tut mir auf-\nrichtig leid, daß Sie diese letzten Jahre — quasi\ndurch meine Schuld im Gefängnis zubringen, muß-\nten \"\nO bitte, unterbrach ihn Anselmo,, es war mei-\nne Schuld, sagte milde der Fürst.\nUnd das Echo wiederholte niemandes Schuld\".\nDann wurde es still. Man hörte die Zypressen\nam Meeresufer rauschen.\nEs erschien Signora Aurora (112 1890 an Liebe)\nin Gesellschaft des Poeten Heliotrop und des Die-\nbes Pafnuzio (der hier trptz seiner Vergangenheit\nin den besten Häusern empfangen wurde). Anselmo\nwurde vorgestellt. Aurora begann sofort mit ihm\nzu kokettieren, denn er war sozusagen von allen\nder jüngste. Sie bewegte ihren kahlen Schädel hin\nund her und es funkelten ihre ewigen Goldblomben\nund Brillanten.\n„An was für eine Krankheit sind sie gestorben?\nfragte sie Anselmo.\nDieser zeigte auf Cosimo.\nDer Fürst war, meine Krankheit. Jahrelang\ngrübelte ich darüber, wie ich ihn töten könnte,.\nUnd schließlich habe ich ihn getötet.\nMacht er Spjaß? fragte Aufora die anderen.\nAch nein, antwortete der; Fürst, er spricht die\nWahrheit. Ich war seine Krankheit und er die mei-\nne. Jahrelang zitterte ich heimlich vor seinem Dol-\nche. Und schließlich durchborte sein Dolch mein\nHerz/'\nPafnuzio lachte: „Dumm ist das Leben . . .\nAnselmo warum hast du den Fürsten ermordeat?\nWeil ich Italien liebte. Cosimo war ein Feind\nder Freiheit.\nDer Dichter fragte: „Cosimo, du hassest die\nFreiheit?\n„Ja, denn ich liebte Italien.\nDie Anwesenden lachten: Dumm ist das Le-\nben.\nCoravanti rümpkte die Nase, sie liebet nicht\nso laute Unterhaltung.\nWünscht jemand noch Tee? fragte sie, um die\nlachenden zu beruhigen.\nAber die Gesellschaft lachte immer lauter,\nklapperte mit den Knochen und sang im Takte:\n—Dumm ist das Leben.\"\n... Da ächzte plötzlich das eiserne Tor des\nHauses der Coravanti und ein« düsterer, großer\nMann erschien an der Schwelle.\nMacht keinen Lärm brummte er. „Warum stört\nihr die Nachtruhe! Im Grabe der Allegri flucht\nman euch entsetzlich!\" •\nAurora flüsterte süß: i Brumme nicht, Enrico\n.... Tritt näher und unterhalte dich mit uns.\nEnrico schaute sie nicht an (er hatte immer\ndas Gold mehr geliebt wie «die Frauen), aber er\ntrat ein und ließ sich eine Tasse Tee von der Haus\"\nfrau reichen.\nDer Fürst und Pafnuzio spielten ein seltsames\nWürfelspiel, irgendwo im dunkelsten Winkel und\nder Poet blickte zum Himmel hinauf und sprach\nmit dem Monde leise und zärtlich.\nDie Weiber setzten sich ganz nahe zu Enrico\n(weil er sie nie geliebt hatte) und blickten ihm\nschmachtend in die Augen. Er brummte:\nIhr singt immer dasselbe. Immer: Dumm ist\ndas Leben! Den elenden Gassenhauer. Banal seid\nihr. Banal und neidisch. Ihr wißt, das Leben ist\nsüß wie Honig. Und darum heult ihr. Denn ihr\nsehnt euch nach dem Leben zurück.\n„Ich sehne mich nicht zurück, Enrico\", sagte\nbitter die Coravanti. Mein Mann schlug mich\nunbarmherzig, schlug mich bei jedem Anlaß\n„Recht hatte er, freute sich Enrico. Und was\ntut er jetzt?\"\nEr schläft — sie zuckte verächtlich mit den\nAchseln — „er schläft im Grabe nebenan, in Ge-\nsellschaft seiner Vorfahren/' In seiner Fajnilie\nschlafen alle. Ich bin eine Carnesi.\n.... Es rauschte das Meer ud es rauschten\ndie Zypressen. Und der Poet sprach mit dem\nMonde leise und zärtlich.\nAuch ich sehne mich nicht nach dem Leben\nzurück, flüsterte Aurora, glaub' mir. Enrico. Ich\nhatte prächtig schwarzes Haar und es wurde weiß\ngegen Abend, so wie die Nacht gegen Morgen er-\nbleicht. Ich hatte Augen wie Sterne und sie erlo-\nschen. Ich hatte Lippen wie Rosen und Rubine\nund sie verwelkten und verbrannten zu Asche.\nGewonnen sagte der Dieb Pafnunzio zum Für\"\nsten. Und sie fingen ein neues Spiel an. Pafnu-\nzio saß abgewendet da und niemand konnte sehen»\nwie er den Fürsten Betrog.\nWie Kinder hattet ihr gelebt, verhöhnte Enrico\ndie Weiber — und darum sind euch keine schönen\nErinnerungen geblieben. Da war mein Leben ganz\nanders. .... ~~ ;\nUnd er begann von seinen Reichtümern zu spre-\nchen (denn er war einstens der größte Kapitalist\nin Messina und schrecklich sich zu brüsten, wie\nherrlich es ihm bis zu seinem Tode ergangen sei.\nDa kam ein (soeben verstorbener) Mann herein\nund fragte: Liegt hier nicht zufällig die schöne\nAurora?\nEnrico antwortete unfreundlich: Zuerst klopft\nman an und erst dann tritt man ein. Und er fügte\nhinzu.\n„Hier liegt überhaupt niemand. Das ist ein\nSalon, verstehen sie, kein Schlafzimmer.\nAurora warf sich dem Manne stürmisch an die\nBrust. Aber dieser erkannte sie nicht und stleB\nsie mit Ekel weg.\nWo ist Aurora? fragte er weiter. Sagt mir\nbitte wo sie ist? Wie Feuer war ihre Schönheit.. .\nIch hatte sie einst aus Eifersucht gehaßt . . . aber\njetzt liebe ich sie wie3er. Wo ist sie?\nSie steht ja hier, kicherte Enrico und wies\nschadenfroh auf das mit Brillanten behängte Ge-\nrippe. Du lügst! schrie der Mann voll Zorn wei-\nnend, und lief hinaus.\n.... Dann hörte man, wie er bei den Allegri\nfragte:\nLiegt hier nicht zufällig die schöne Aurora? . . ...\n.... Und dann bei den Carnesi:\nLiegt hier nicht . . .\nEnrico freute sich und lachte.\nAlle hattet ihr wie Kinder gelebt, räsonierte\nund darum habt ihr jetzt keine Erinnerungen. Was\nist euch im letzten Augenblick geblieben, sagt nur,,\nim letzten Augenblick? Dich, Aurora, hat deine\nSchönheit betrogen — und darum war so bitter\ndein Abend. Wie kann man auf die Schöheit zäh-\nlen! ... . Aber mein Leben, seht, mein Leben. . .\nEr trank seinen Tee, prahlte und log.\n„Nur mein Leben war schön bis zu Ende. Denn\ndas Gold wird nicht schlechter und das Gold be-\ntrügt nicht. Ich freute mich daran bis zum letztem\nAugenblick. Als ich im Sterben lag, war in meinen\nTruhen mehr Reichtum, als in ganz Messina.\nUnd da er so schwätzte, erhob sich Pafnuzio,-\nnäherte sich ihm still und unbemerkt und begann;\nplötzlich dem Schwätzer ins Gesicht zu lachen, so\nfrech und höhnisch, daß Enrico verstummte.\n„Lüge nicht\", flüsterte der Dieb, ,,lüge nicht,.\nEnrico. Denn als du im Sterben lagst, waren deine\nTruhen leer\".\nUnd Pafnuzio erzählte laut und lustig, wie er\"\nden Geizhals bestohlen hatte. Wie der reiche En-\nrico als Greis von seinem Reichtum und einend\njungen Dieb betrogen wurde.\nDa erscholl ein großes, unbändiges\nDenn Enrico zitterte so vor Scham und Aerger,\ndaß sein Unterkiefer herabfiel und auf dem mar-\nmornen Fußboden in tausend Stücke zerschellte.\nNur mit den Augen konnte er fluchen. Und mit\nden Augen sagte er zur Hausfrau:\n„Sonderbare Leute empfängst du in deinem\nHause, Signora Coravanti\".\nDann ging er weg. Einige Zeit lachte noch die\nGesellschaft, aber später wurde sie stiller und stil-\nler.\nUnd man hörte nur die Stimme Heliotrops, des\nDichters, der zum Himmel hinaufblickte:\n„Herrliche Nacht, meine Geliebte Du\nsilberner Traum der Erde \"\nDie Coravanti dachte:\n„Der Dichter Heliotrop hat das wahre Leben\ngehabt. Nur den Träumer kann nichts betrügen\"..\nAui dem raeaen o vellftnbaiid ▼ oh Thaddäus Rittner:\nlob knime Si« / Deutsch-österreichischer Verlag / Wieii\n\nThaddäus Rittner"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.9", "texte": "Dame und Dirne\nJ. A.\nDie Moral ist wieder einmal schwer erschüt-\ntert worden, und die Elegante We 11 hat einen\nheftigen Stoß erlitten. Vielleicht gerade an jenem\nTage, an dem diese mit einer perfiden Anhimme-\nlung dter Dame alle Scham verletzte, legte unter\nder Erde der Schutzmann Hand auf jene Wunde,, die\nwie die blutige Rache des schwächeren Geschlech-\ntes klafft. Auf einem sittlich höheren Niveau, als\ndie Voraussetzung eines Plauderers der Elegan-\nten Welt: daß die bürgerliche Tugend im Leben\nder Dame tief verankert sei, stand ein Keller, zwi-\nschen dessen vier Wänden die großen Distanzen,\n-die die Herren der Schöpfung im Lauf e vieler\nJabrhunidtferte zwischen der Filau und derl\nDirne geschaffen haben, im Nu zusammenschrumpf-\nten. Die letzte Existenzberechtigung der Elegan-\nten Welt hätte von recEtswegen an einer Notiz\naus der plebejischen Gerichtssaalecke zerschellen\nmüssen. Dieses Käseblatt verpestet zum Ueber-\ndruß das schmutzige Ventilationsgeschäft zwischen\ndem Drinnen der Sinnlichkeit und dem Draußen der\nMoral. Es redet von Noblesse und ist gemein, es\npreist die Aesthetik und ist ordinär, es paktiert\nmit der Moral und ist frivol, und mit Causerien und\nPhrasen, die schon in der großen Tagespresse zu\nTrödelware abgetragen worden sind, begrüßt es\njede neue Mode. Zu zwei dritteln existiert diese\nErbärmlichkeit von der Photographie Gnaden, der,\nda schon die Besten ihrer Macht nicht widerstehen\nkönnen, die Kleinen, die Nur-eiteln immer zu Wil-\nlen sind. Ihrer Bilder ist nicht allein die Elegante\nWelt fcurn Bersten voll. Bis in. ihr Schlafgemach\nläßt die Dame dem servilen und allerdings eunu-\nchenhaften Photographen vor, sie posiert noch in\nihrem Bette, sie lächelt, als gewährte ihr die Ver-\nsicherung, populär zu werden, flüssige Wonnesum-\nmen der Befriedigung. Was wird nicht alles von\nder „Woche\" bis zur „Eleganten Welt\" an der\nHand von Aufnahmen breitgetreten. _ Zu einer Se-\nrie Photografien berühmter Monocleträ-\nger es gehören zu diesen auch Ewers, der M o -\nde-Epoeg ene, Harry Waiden, der Einzige,, und\nder schnurrige Roda Roda,, liefert ein Schmock\neinen Text, darin er sich1 mit Worten, die originell\nsein sollen, in. einer Weise übernimmt, daß man das\nganze als Retourware wieder von sich geben\nmöchte.\nAber das Höchste an minutiöser Anbiederungs-\ntaktik ist doch mit den „S tundeni der Dam el 4\ngeschlagen. Mit einer Vergewaltigung des Stils\nsetzt die Galanterie ein.\nVon allen häuslichen Stunden im Leben einer\neleganten Frau ist die erste, den Tag begin-\nnende, wohl die wichtigste seit jeher gewesen\nund1 noch heute: das Lever — die <T oil e 11 e.\nDiese Stunde legt die Basis,, auf der sich die\nanderen Tagesereignisse organisch aufbauen.\nIn ihr entscheidet sich die Totiettfrage, die in\nengem Konnex mit deri Einteilung des Tages,\ndiesem die Note gibt. Der eine Tag gehört\nausschließlich der Schneiderin, der andere teilt\nsich, zwischen Modistin und Shoping, der dritte\nbringt Rennen, Spazierfahrten, Bälle, Theater,\ndie erst die Abendstunden, in Anspruch nehmen\nund doch schon bei der Toilette erwogen wer-\nden. Von allen exzeptionellen Ereignissen will\nich absehen und nur vom normalen Tage-\nwerk der Dame von Welt sprechen\".\nUnd nicht auch vom abnormalen. Warum\nreicht? Das wäre so schön. 'Jedenfalls gehört\nhierzu das Liebesleben. Der Chronist berührt\nes mit keinem Sterbenswörtchen — als ob es in\neinem erschreckenden Gegensatz zu dem norma-\nlen, harmlosen Tagewerk der Dame stände, die\n„sich nach der Toilette und dem Frühstück an\nden Schreibtisch setzt um mit Hilfe einer\nStenotypistin, schlimmstenfalls eigenhändig, ih-\nre Korrespondenz zu erledigen. Die elegante\nFrau von 1912ü5t eine viel umfangreichere\nKorrespondenz als 3le Dame vor zwei Jahren.\nGroße Korrespondenz gilt heute als schick. Und\ndie aus\"* Paris stammende Mode, sie für diesen\nZweck eine Stenotypistin zu engagieren, findet\nihre leichte Erklärung in der Tatsache, daß so\nviele der elegantesten Bühnenkünstlerinnen und\nbekannten Schönheiten mit der Grammatik und\nder Schrift überhaupt arg auf dem Kriegsfüße\nstehen.\nUeberhaupt. Dannf ldoch noch lieber als die\nleidige Grammatik mit allen bekannten Schönhei-\nten auf Kriegsfuß stehn, als als Zeitgenossen mit\neinem Schmok in Frieden leben. Das wäre der Tod.\nViele von diesen Luxuspflänzchen, deren Hei-\nmat die Loge eines Theaterportiers war, (eisten\nin vieler Beziehung Hervorragndes und sind\ndoch nicht zu bewegen,, einen Brief zu schreiben.\nEin Barbar, der sie zu solchen Dingen miß-\nbrauchen will. Gibt es nicht schon Männer genug,\ndie immerzu schreiben,,, Briefe und anderes, und\nauch sonst in keiner Beziehung hervorragendes\nleisten?\nMit Klavierspiel, Anproben und anderen Pas-\nsionen, harmloser Natur geht die Zeit bis zum Di-\nner hin.\nFalls nach diesem im Interesse des guten Aus-\nsehens ein Nickerchen angebracht ist,\nverschlummert man äußerst angenehm die\nStunde,, die zum Tee nachmittags überleitet.\nDie Teestunde spielt jedenfalls eine große Rolle\nim Leben der Dame. Oeffentlich oder privat,\ntanzend oder wohltätig.\nMan staune nur über die Launen einer höheren,\nunabwendbaren Regie. Die Teestunde spielt je-\ndenf a 11 s eine große Rolle im Leben der\nDame; die Liebe eine so kleine, so unwich-\ntige, daß der Plauderer ihren Namen nicht\neinmal unter dem Vermerk nennt: ferner tra-\ngen noch zum Gelingen der Posse —-. Er schweigt\nvon ihr wie von einem Statisten, dessen Namen\nman nicht kennt, der im Hintergrund so gut wie\nnicht da ist. Die Dame von Welt, in deren Leben\ndie Frieseurin,, der Schneider und die Teestunden\ndie Bombenrollen beständig nur so hinschmeißen,\nmuß selber\n„drei Stunden im Theater absitzen. Aber\nkaum ist das letztemal der Vorhang gesunken,\neilt man zum Auto, und während die Unsoliden\nden strahlend aufflammenden Lichtern der\nNachtlokale nachschwirren, wie die Motten ans\nLicht, saust man den heimatlichen Penaten zu,\ngähnt müde und unterdrückt und freut\nsich auf's Bett.\nWas wird unterdrückt?\nIm Pyjama kommt der Herr des Hauses noch\nmal herein um Gutenacht zu sagen, aber die\ntiefen Atemzüge verraten schon den gesunden,\nregelmäßigen Schlaf. Und zärtliche oder junge\nEhegatten knipsen dann wohl noch mal das\nLicht an und betrachten, bevor sie zur Ruhe\ngehen, im Schimmer des rosigen Limpenschir-\nmes das zarte Kindergesicht von aufgelöstem\nHaar umgeben, das vor wenigen Minuten noch\nin der Loge saß und unter dem kostbaren Hut\nvon wohlondulierten Locken umgeben hochmü-\ntig um sich sah, und das sich in so kurzer Zeit\nvon der Lady zum Baby entwickelte.\nWas doch in der vornehmen Welt möglich ist.\nEin Kindergesicht entwickelt sich in der kürzesten\nZeit von einer Lady zu einem Baby. Als Lady\nunterdrückt es etwas im dahinsausenden Auto,, und\nals Baby schleicht es zu Bett — ladyg. Nochmals\nläßt sich der Herr des Hauses, dies Mal i m Py -\nja m a (er liest Ewers) sehen, aber schon ver-\nraten tiefe Atemzüge einen festen Schlaf. Und\ner macht es sich leicht. Ist er jung oder gar zärt-\nlich, knipst er nochmals das Licht an, und er sieht\nnur noch ein Baby vor sich, wo erst die Lust nach\neinem erstorben ist. Kindlich unschuldig sind alle\nUnterbrechungen, die die Stunden der Dame\nim Heim erfahren; als prominenteste der\nSpazirgang, das Shopping, das Rendezvous, der\nBesuch,, die Teevisite zu nennen, die vor- oder\nnachmittäglich in launigem Wechsel variieren.\nDer Spaziergang ersolgt unter Assistenz des\nAutos, das auf dem Fahrdamm neben- oder hin-\nterherrollt, während Madame, das Hündchen\nauf dem Arm oder im Muff, einige Schritte trip-\npelt, um bald wieder das schützende Innene\ndes Wagens aufzusuchen.,\nAber es gibt Dinge, zwischen zwei Straßen-\necken, hinter die nur die 'Polizei gelangt. Den Sei-\nnen gibt der Herr im Schlaf, wovon sich der gut\nunterrichtete Schmok nichts träumen läßt.\nIn ein eigenartiges Milieu leuchtete eine Ver-\nhandlung hinein, die gestern* unter Ausschluß\nder Oeffentliclikeit das Schöffengericht Berlin-\nMitte beschäftigte. Angeklagt wegen Erre-\ngung öffentlichen Aergernisses\nwar die Klavierspielerin Anna Pruk s c h. Die\nAngeklagte war in einem Kellerlokal in der\nTaubenstraße'> 8 angestellt, in dem es rechlt\nsonderbar zuging. In dem Lokal verkehrten\nausschließlich Angehörige des .weiblichen Ge-\nschlechts und zwar von. de r Bankier s-\ngattin vom Ku rfü r st n dam m bis her-\nunter zu den zweifelhaftesten Elementen aus\nder Friedrichstraße. Die Polizeibeamten be-\nobachteten häufig, daß tiefverschleierte Damen»\ndie ihrem eleganten Automobil, um nicht aufzu-\nfallen, schon; an der nächsten Straßenecke ent-\nstiegen waren, schnell in ienen Keller hinein-\nschlüpften. Um diesen skandalösen Zuständen\nendlich ein Ende zu bereiten, erschien. eines\nNachts der Reviervorstand des zuständigen\nPolizeireviers in Begleitung eines Kriminal-\nj wachmeisters unvermutet in dem Lokal. Sie\nkamen gerade dazu, wie die Angeklagte vor\neinem aus angetrunkenen Frauenzimmern be-\nstehenden Auditorium ein zotiges Lied sang.\nDas Qricht erkannte mit Rücksicht darauf, dal?\nder Kampf gegen derartige Lasterhöhlen nach\njeder Richtung mit aller Schärfe geführt werden\nmüsse, auf eine Gefängnisstrafe von\nneun Monaten.\nIn einem Dirnen-Keller, in eine Lasterhöhle,\nstieg die Dame vom dürren Gipfel der Eleganz hin-\nab. Die Dame von Welt, das Baby gesellte sich\ndem Mädchen von der Straße, dem Weib, das\nreicher ist als sie.\n\nJosef\nVon Franz Jung\nSie zankten«: sich.\nEr erklärte ihr, daß er sie im allgemeinen nicht\nernst nehme, daß er ihre Erregung irgeneiner\nKrankheit zuschreiben müsse, es wäre ihm im übri-\ngen auch gleichgiltig und so:\nSie schrie ihn an: „Pack' dich!\"\nDann bekam sie einen feuerroten Kopf.\n„Du blöder Einfaltspinsel!\" Sie spuckte aus.\nEr entgegnete ruhig: „Du wirst dich beherr-\nschen müssen\"."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.10", "texte": "Aber in seinen Worten zitterte etwas Gehei-\nmes, Verstecktes, Lauerndes.\nEr sagte: „Wenn du die Sache satt hast, so\ngeh'44.\nSie lachte gereizt: „Das willst du mir sagen,\ndu — aber warte!\" Sie zerriß eine Photographie\nund warf ihm die Stücke vor die Füße.\n„So — sie spuckte wieder aus — ich geh*!\"\nDann lief sie dem Haus zu. i\n! Er setzte sich in die Laube und dachte:\nWas ist eigentlich, warum der Streit? Er ver-\nsuchte sich der Vorgänge zu erinnern, ich habe sie\nzwar gescholten — vorhin — wegen der Bemer-\nkungen — aber sie sah mich so feindselig an\nJa, wieso eigentlich?\nIn der Laube saß Josef. \\*\nEr achtete nicht auf ihn.\nJosef war der kleine Sohn des Wirtes, auf\neiner Seite gelähmt. Er fuhr mit dem Finger die\nTischritzen entlang und stieß kurze pfeifende\nSchreie aus.\nDer Mann achtete nicht auf ihn. Er dachtc\nweiter: Da unten liegt sicher mein Bild, was wir<l\nsie tun? Was soll das alles — Er sah siqh Jahre\nzurück, wie er sie wie er bebte und getrof-\nfen wurde. Und schließlich ist sie mit mir ver-\nwachsen, fühlte er. Vielleicht ist sie auch über\nmich hinaus. Er erschrak.\nNein, zitterte es in ihm, mit dieser Behandlung\nist es nichts. Soll ich ihr nach,, sie küssen, um Ver-\nzeihung bitten wie früher —- oder still sein?\nRasender Schmerz fraß an ihm.\nEr fühlte plötzlich, wie tief er Josef haßte.\nWas tut er hier, warum schlägt man ein solches\nVieh nicht tot? Nur zum Ekel lebt er.\nEr hörte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis\nvon Leuten und schien sehr erregt. Sie schrie und\nweinte und lachte dann wieder auf.\nJosef humpelte scheu aus der Laube heraus.\nEin kleines Mädchen sammelte Steine in einen\nSchubkarren.\nJosef zeigte auf die Steine und schrie.\nDas Mädchen lachte und fragte ihn etwas.\nIn, der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An\nden Kirschbäumen waren die ersten Blüten.\nJosef stand mit gesenktem Kopf und lauschte.\nDann schleppte er das eine Bein nach und drehte\nsich auf dem anderen langsam herum.\nJosef tanzte.\nDie Gartentür fiel ins Schloß.\nDer Mann in der Laube fuhr auf, Wenn sie jetzt\ngeht, dachte er, mag sie mich wieder verleumdet\nhaben, bespien, alles wieder breitgetreten, vor den\nLeuten da, es ist gleich, ganz gleich,, und es rang\nsich etwas empor in ihm, gewaltsam, es war für\nihn schon zu spät darüber klar zu werden, er\nschrie verzweifelt: „Du — Du ....\nAber es klang hart und rauh und befehlend.\nEr schrak zusammen, gestand sich, daß es\nweich und mild hätte klingen sollen.\nEs war zu spät.\nDoch er fühlte sofort: Nein, nicht zu spät. Sie\nwird wiederkommen, vielleicht wird es doch wir-\nken. Sie wird sich damit beschäftigen. Ich werde\nsie dann prügeln, wie(früher, als sie auf dem Boden\nlag und ich ihr den Haß aus den Augen schlug. Sie\nbraucht das. Was tuts, ich verliere einige Stunden,\nwas tuts.\nEine Unruhe hatte ihn erfaßt.\nEr rief den Wirt und! zeigte lachend auf Josef.\nAuch der Wirt lachte. Dann ging er zu seinem\nSohn und faßte ihn grob am Arm.\n„Was tust du hier? Habe ich dir nicht ver-\nboten?\"\nJosef hing regungslos in der Faust des Vaters.\nEr gab keinen Laut von sich, als man ihn in\nseine Bodenkammer schleppte.\nDer Mann ging im Garten auf und ab.\nIch werde sie doch anders behandeln, dachte\ner, mehr nach außen, mit Liebe. Wenn sie kommt,\nwerde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein,\nEr wurde zufrieden und lächelte. Die Stücke\nseines Bildes hob er auf und verwahrte sie in sei-\nner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fühlte er.\nDas Mädchen sammelte weiter Steine.\nAb und zu erschien Josef in der Dachluke und\nstieß schrille, pfeifende Schreie aus.\nEs klang wie der Schrei wandernder Affen im\nUrwald.\nDer Wirt bediente lächelnd seine Gäste. Wenn\nman ihn totschlagen könnte, dieses Rabenas,\nknurrte er, und bediente lächelnd weiter.\nSpätabends kam sie heim.\nEr saß im Zimmer und wartete.\nSie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell:\n„Weißt du, wen ich getroffen habe, den T. Es war\nriesig nett\".\nnur. Eigentlich wollte ich mit dir noch\nfortgehen, aber jetzt u\n„Ach ja. Er wird noch warten, im Cafe, er\nwußte nicht ...\" fügte sie schelmisch hinzu.\nEr stimmte traurig zu. Eine Angst Quälte ihn.\nNur keine weiteren Worte, und wie gehetzt er-\nzählte er von Josef, dem Tanz und dem Wirt und\nnannte ihn irgendwie.\nSeine Worte bekamen Würde, daß sie erstaunt\nzu ihm aufsah.\nDann schritten sie schweigend durch die Nacht.\n\nGedichte\n\nDer liebende Knabe\nHeinrich Nowak\nDie Zeit geht durch die Nacht im Uhrenticken —-\nauf einen Knabenleib drückt Schwüle schwer —-\nund Kraft ergießt sich dann in Augenblicken\ndie Hand fühlt Glieder und gefällt sich sehr -—\nBald greift sie in der weißen Decke Brüste,\naus Dunkelheit türmt sich ein Frauenleib,\nverlockend gibt er jetzt einsame Lüste,\nund alle Dinge ringsum sind nur Weib —\n\nDurch die Nacht\nHeinrich Nowak\nEin Auto jagt vorbei auf schiefen Rädern,\ndie Steine schaukeln wie auf weichen Federn\nund laufen wippend unter allen Füßen —\nZwei Häuser türmen sich zu Hindernissen —\nUeppige Weiberbrüste gehn spazieren\nein Gasthausschild wird sich noch strangulieren.\nDie weißen Bogenlampenlichter kreischen.\nEin offnes Fenster will sich gar zerfleischen -—\nDie Nacht krallt ihre Finger in die Gassen.\nEin geiler Mensch will eine Dirne fassen.\nEin Winterrock wird sich durch Gehn ermüden\nUnd spricht in großen Gesten Plattitüden —.\nWegen sianeutstellender Druckfehler wiederholt.\n\nBeachtenswerte Bücher\nAusführliche Besprechung vorbehalten\nRücksendung findet in keinem Falle statt\nBOTHO GRAEF\nliodlers und liofmanns Wandbilder in der Uni=\nversität Jena\nVerlag Eugen Diederich's / Jena\nFRANCIS VIELe GRIFFIN\nLa Lumiere de Grece\nParis Editionsde la Nouvelte Reoue f\nMarcel Riviere et Cie\nTHADDÄUS RITTNER\nIclt kenne Sie / Novellen\nWien und Leipzig / Deutsch-Qesterreichischer\nVerlag\nALDO PALAZZESCHI\nII Codice di Peielä\nRomanzo Futurista\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesiä\"\nALBERT EHRENSTEIN\nDer'SeJbstmord eines Katers / Novellen-\nMünchen / Verlag Georg Müller\nF. T, MARINETTI\nDistruzione / Poema\nMailand / Edizioni Futuriste di „Poesia\"\nLa Momie sanglante\nPoeme dramatique\nEditions du „Verde, e Azzuro\" / Milan\nD'Annunzio intime\n4e Edition\nEditions du „Verde e Azzuro\" / Milan\nLe Roi Bombance\nTragedie satirique, 3e Edition\nEdition du „Mercure de France\" / Pari»\nLa Ville Charnelle\n4e edition\nE. Sansot et Cie. / £diteurs / Pari»\nCARL DALLAGO\nPhilister\nBrenner.Verlag / Innsbruck« ;\nKARL KRAUS\nNestroy und die Nachwelt\nzum fünfzigsten Todestag\nVeriacr J&hoda und Sieget/Wien\nPIERRE HAMP\nVieille Histoire\nContes ecrits dans le Nord\nParis / Editions de la Nouvelle Revue\nMarcel Rivifcre et Co\nSVEND BORBERD\nLiliths Bog\nKopenhagen / Gjidendals Forlag\nNICOLAS BEAUDUIN\nLes Poetes\nParis I E. Basset et C*« j Editeurs\nJEAN BONNEROT\n•Province / Carnets de Vogoge\nMonlins [Allier] / Les Cahiers du Ceni're\nAAGE VON KOHL\nDer Weg durch die Nacht / Roman\nVerlag Rütter und Loening / Frankfurt am Main-\n\nNotiz\nDie Holzschnitte auf der fünften Seite jeder\nNummer sind von Mitgliedern der Neuen Sezession;\n\nVerantwortlich für die Schriftleitung\nHERWARTH- WALDEN / BERLIN-HALENSEE\n\nStandige Ausstellungen\nder Zeitschrift Der Sturm\nKonigin-Augusta-Strasse 51\nu*Kea3b©r der vo&'der-Heyut.-Stratise\nZuriickgestellte Bilder\ndes SoHderbundes/KoIn\nKaadinsky / Marc / Jawlensky /' WefCfkin / Bloch /\nMilliter\nGeoffnet ta&Iich von 10 bis 6 Ubr\nErne Mark"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.11", "texte": "KUNSTLERISCHE RAUHE\n«\nB\n%\nHUGO\n19 tt\nALBERT KOBLINSKX\nBERUNBRUCKENALLEE6\n\nSine 55ockn[(brift\n©egrihibf t wm *®CTt SoQQni\nSufensiQ Siama •omnotm offjf\nSierteljabiltdj 13 §efte\nP\"is bes etnjelnen fjeftes 50 Pf.\nim 2lbonnement:\nburdj 3u<fsanMer ober poftamtec 6as Dierteljafyr 6 2Ttf.,\n6ireft unter Krcujbanb 6as EHerteljafyr:\nfur 6as 3nlans 7 ZHf. 50 pf., fur bas 8 ittf. 50 pf.\n®«tnter 3eit««B, 31t. 78 bom 1. STpril 1912: gjlit bem foeben «.\nfdjienenen $eft 13 ber „Waxf bai erfie Ouortal bel faufeit.\nben ®S fei mieberbott auf fcicfe nnb\nBietfettige aufmerffam gemad&t, bie in iijret ganjen fmltung\nbie fteie unb fiifdic 3ttmo|pt)ate SDiiindjtnS [etlennen lojjt mit bem tjer»\nten §aucf), bet bon ben benadjbarteti Sergriefen meljt. $tr „Wlat%\" ift\ntote ber tin bobenftanbigeg ©ernacbs, bai nut in\nSJliindjen gum unb @ebeif;en femmen lonnte. Seine cfjaratter.\nboUe ®igenart bat nicfjts ju tun mit fiibb'utfdjem gkrtifutarismus unb\nSMainlinieniibertieferung. 3m GSegenteil ift bet „2Rarj\" fiibbeutfd) im\nbeften ©inne, aud) im item unb ct bebeutet in feiner Kn=\nertennung fiibbeutf(ser unb noxibeutfeter Strt in tljren $crfd>iebenbeiten\nnid|ts meniger als eine geifiige S3riic!e Slorb unb Sub. Smmet\nift ber „sD2firj\" antegenb unb ftifcf) mie au<s bo* bor uns lisgenbe\n©djlujjijeft bes erften QuartolS, bag bon ben folgenben baS befte et-\nmarten liijjt.\ngratia nub franfo bom\n32lar3;33erlag ©. m. b. <Q.r 2Hiirtd)ert\njlttulbadjftrafje 91.\n\n5 rue Ghaptal / Paris\nDiese literariscbe Zeit-\nschrift veroffentlichtedas\nfranzosisehe Original der\nTagebiieher Flau-\nbert s, deren Ueber-\ntragung in Deutschland\nyerboten wurde.\n\nL'Effort Libre\n112 ruber: L'Effort\nMonatsschrift\n:: Herausgeber: ::\nJean Richard Bloch\nPoitiers (Vienne)\n\nL' Indgpendance\nHaibmonatsschrift\nKiinste, Kultur, Philosophie,\nPolitik\n: Jahresbezug: 15 Francs :\nParis I 31 rue Jacob\n\nliefert und verleiht\nHH i it ii th 6-m-b-H-\nBerlin 26, - Mpl. 4612\nOranienstrasse 6\n\n' V Vy54 ..\n' ,, M , \" -3r' ;* « 1< *■ ' .''V'\" - i ' f ,'i j < 1 « „ ► 5 a '. »' > t j J -\nV , -, '■\" \" I\nv&i. „„„ , .,.\n«i<. .•\nW//\nI\nI\nu\n•ZtfTk*\nf.Si>\n'/>-•*\nH\ne»^j*\nliSSNi\na*\nyM\nr<\nPM3i\n&j'\nlea\nmm\n■*!<;\nM\n!,*a\nvrt\nSmSI\nm\nsa»\n&\nW\nif\na\nHPfi\nm\nt\"\nf.\nr\nWll\ni<v''\nm\n■&**>\n£*\n/j?-*\nax\nSfMSi\nX'.,,\nis\ni\nA\niMmSs\n•f*\nA<aS\nX-,-\niK3\n$a\n>.>i\nX*;\n> t»\nf-V\n■V\"^\n«V'\n2!\nI «• sV;;,%,o v ,\n-ivV'-\na\n$S&S\n•w\ni\nSgWSjitf/?\nS&<\n■•:>.: >\nK*\n$\n\nWichtig fOr die\n—WWMMW—WWMMBMMBMBtt——SB3»EM«SMCaWCT»—ttaaraiMgyi f\\»ry-tiitf\\l<ilC'fc'taJßftBoMLfcaßfcagMggWKeiHWßKßß3WaaßMPWWMPaMßaa>MaßWßggagaMMttS^BgK^gMMM\nHerren Chefs!!\nStenotypistinnen, nach dem\n„Tast-System\"\nausgebildet, leisten\n30-50 Prozent mehr\nals die nach der alten Methode\nausgebildeten Typistinnen :::\nInteressenten erhaltea weitere Infoimationen von\nSmith Premier Typewriter Co.\nBerlin W 8, Frietirichstrasse 62\nTel.: Zentrum 11734/11736\n■\n\nLes Editions de la Nouvelle Revue frangaise out publie'\nEmile Verhaeren: Helene de Sparte / drame en 4 actei\nPaul Claudel: L-otage drame en 3 actes\nL'Annonce faite a Marie / myaiere en 4 actei\nAndrG Gide; sabelle / rScit\nCh.-L. Philippe: La Mere et I'Enfant\nLettres de jeunesse\nChaque volume 3?50 francs —\n31 / pue Jacob / Paris"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19190727-01.1.12", "texte": "Brune Sellin, 8. 14.\n\nAusstellungen, Salons Kunsthandlungen etc.\n\nCASPERS Kunst-Salon\nPotsdamer Strasse 19 Eintritt 50 Pf\nKollektion Gemalde von d'Espagnat\nund Schwarz-Weiss-Ausstellung von\nCorinth Kiimt Rafiaelli\nForain Leistikow Paetschke\nHa nee Liebermann Skarbina\nHelieu Menzel Sfevogt\n\nGRAPHISCHES KABINETT\nBuch- und Kunsthandlung, Antiquariat, Verlag\nBERLIN W 15, Kurfflrstendamm 33 ::\nStandige Ansstellong\nmoderner Graphik\n:ElNf RITT FRE I :\nIm Eckhause. eegeniib d. Se-\nzession Grolmannstr.\nIllustriert. Katalog u. Prospekte\ngratSs.\n0 • ♦ •\n• • • ♦\n• * • •\nAnkauf guter Graphik\nund illustderter Bticher\naaaaaaaaaaaßaaßaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaßt\n\nAtelier Hanni Schwarz\nInhaberinnen: Marie Luise Schmidt Ji. 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