{"numero_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_sha256": "2b092ead34c1f93eb62484a47277d7b138a4715ef33202124bf31730797686b7", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1921/02/05_01/bmtnabg_1921-02-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1921/02/05_01/bmtnabg_1921-02-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c001", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.1", "titre_corps": "Zeichnung", "titre_sommaire": "Zeichnung", "signature_source": "Tour Donas", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.1", "debut_caractere": 91, "fin_caractere_exclue": 112, "texte": "Tour Donas: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c002", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "28", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.2", "titre_corps": "Kubismus in Stahl", "titre_sommaire": "Kubismus in Stahl", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.3", "debut_caractere": 56, "fin_caractere_exclue": 3482, "texte": "Kubismus in Stahl\n\nDer Verein Berliner Kunstkritiker hat in\neiner Sitzung festgestellt, dass „in einem\nFalle die Ausstellung Der Sturm systematisch\ntotgeschwiegen wird\". Dieser eine Fall ist\ndas Berliner Tageblatt und sein Kunstkritiker\nHerr Fritz Stahl. Herr Stahl darf als Kunst-\nkritiker nicht über Kunst schreiben und\nmuss .sich daher die Besprechung der Aus-\nstellungen des Sturm versagen. Um so\nmehr, da ich Besprechungen von Zauber-\nlehrlingen nicht unbesprochen lasse. Herr\nStahl hat plötzlich durch irgend ein Hexen-\nkunststück die Sprache des Berliner Tage-\nblaüs wiedergefunden. Es geht geisterhaft\nzu, wenn dieser Tote erwacht. Da nun\nHerr Stahl ohne Geister nicht sprechen\nwollte, beschaffte er sich vor der Beschwö-\nrung ein Buch des Geistes Doktor Otto\nGrautoff. Herr Doktor Grautoff ist Kenner.\nEr hat in Paris gelebt und von dort Ge-\ndichte an die Jugend gesandt. Der Krieg\nenthob ihn dieser lyrischen Beschäftigung.\nEr weihte sein Leben der Kunstgeschichte\nund schrieb als moderner Mensch ein humo-\nristisches Buch über den Expressionismus,\nnicht ohne vorher einige Namen von Künst-\nlern auswendig gelernt zu haben. Man wird\ndiese Tätigkeit nicht unterschätzen dürfen.\nDenn Namen wie Severinsky und Kandini\nsind schwer zu merken, sie machen sich aber\nin einer modernen Kunstgeschichte. Herr\nDoktor Grautoff hatte sogar die Absicht,\nWerke dieser Künstler zu reproduzieren\nund sich deshalb an den Verlag Der Sturm\ngewandt Man konnte ihm nicht helfen,\nda der Sturm die Werke von Severinsky\nund Kandini noch nicht importiert hatte, wie\nHerr Fritz Stahl sich handelspolitisch aus-\nzudrücken pflegt. Herr Stahl ist nur für\nden Import von Rembrandts aus Holland,\nals Erzieher iedem Deutschen bestens\nbekannt. Es erübrigt sich daher, ihn für\nden Import besonders zu empfehlen. Da\nnun aber Russisch namentlich recht\nschwer ist und ein bischen Französisch\nsich immer recht gut macht, schrieb Herr\nDoktor Grautoff schnell ein Buch über die\nfranzösische Malerei seit 1014. Herr Doktor\nGrautoff hatte zwar bis 1914 in Paris ge-\nlebt, war aber durch seine lyrische ITätig-\nkeit behindert, sich mit der französischen\nneuen Malerei vor 1914 zu befassen. Und\nnur der Krieg hat diesen Kenner verhin-\ndert, der Geburtsfeier des Kubismus am\nersten August 1914 beizuwohnen. C'est la\nguerre. Herr Doktor Grautoff nahm nun\ndie erste Möglichkeit wahr, seinen Haus-\nsland in Paris aufzulösen. Er konnte es\nbei dieser Gelegenheit nicht unterlassen,\nsich mit den Vätern des' Kubismus in\nVerbindung zu setzen, um das nötige\npholographische Material zu beschaffen,\nwas ihm zur Herausgabe eines Buches\nüber die Neugeburt unerlässlich schien.\nDa er mit dem Hausstand sehr viel\nzu tun hatte und er ausserdem Feuille-\ntons für die Vossische Zeitung aus\neinem inneren Drange schreiben musste,\nkonnte er sich persönlich um die Fest-\nstellung der Vaterschaft des geliebten ku-\nbistischen Kindes nicht sehr bemühen. Er\nging immerhin einmal in ein Kaffeehaus,\nwo das Künstlervölkchen zu sitzen pflegt,\nund besann sich zur unrechten Zeit, dass\ner ja bereits vor 1914 etwas von Herrn\nMatisse gehört halte. Herr Malisse war\nindessen von der deutschen Tagespresse\nzum Vater des Kubismus ernannt worden,\ntrotzdem er daran unschuldiger als das\nneugeborene Kind ist. Herr Doktor Grau-\ntoff Hess sich deshalb von Herrn Matisse\nsexuell aufklären, hörte, dass Picasso wie\nIngres male und schrieb sein Buch. Bilder\nvon Picasso hat Herr Doktor Grautoff nicht"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4444, "texte": "angesehen. Wusste er doch ausserdem aus\nBerlin, dass Picasso „zerlegte Geigen\" male.\nEs war zwar eine Mandoline, aber man\nstreicht sich eben so darüber hinweg. Dieses\nBuch des Herrn Grautoff hat nun Herr\nStahl studiert und hieraus eine „Geschichte\ndes Kubismus\" für das Berliner Tageblatt\nverfasst, nicht ohne vorher die Ausstellung\nder Kubisten im Sturm besucht zu haben.\nHerr Stahl stellt fest, dass der Kubismus\nin Paris tot, und es für ihn daher wieder\neine Lust zu leben ist. Der Grautoffdoktor\nhat es gesagt. Auch die Kunst beginnt\nwieder zu leben, weil Picasso wie Ingres\nmalt. Herr Stahl hat immer gesagt, schon\nvor seinem Tode, dass das junge Volk wie\nIngres malen müsse. Oder wie Rembrandt,\nder Erzieher. Oder wie sonst irgend ein\ntoter Maler. Aber Herr Stahl ist zu früh\nerwacht, oder Herr Grautoff zu früh aus\nParis abgereist. Denn ich bin jetzt in Paris\ngewesen, zwar nicht in dem Kaffeehaus, wo\ndas Künstlervölkchen sitzt. Ich hatte auch\nkeinen Hausstand in Paris aufzulösen, fand\ndaher die Zeit, mir Bilder anzusehen. Es\ntut mir wirklich für Herrn Stahl und für\nHerrn Grautoff leid, aber Picasso malt\nwieder kubistisch. Ingres ist verloren. Da-\nfür malt Picasso jetzt Gleizes. Da staunen\nSie, Herr Stahl, den Namen haben Sie noch\nniemals gehört. Und Sie, Herr Doktor\nGrautoff, können in Ihrem eigenen Buch\nwenigstens eine Abbildung eines Werkes\nvon Gleizes finden. Sehen Sie sich diese\nAbbildung genau einmal an, wenn Sie Zeit\nhaben, Sie können sich die zweite Reise\nnach Paris sparen, und Sie wissen genau,\nwie Picasso malt. Das Bild Ihrer Abbil-\ndung können Sie in der Ausstellung des\nSturm sehen (Der Sturm ist nämlich eine\nständige Ausstellung zu Berlin). Aber dazu\nwerden Sie kaum Zeit haben, da Sie Vor-\nträge über Kubismus halten müssen. Also,\nHerr Stahl, aus ist es mit dem Ingres\nbei Picasso. Und nun werde ich Ihnen\netwas ins Ohr schreien, dass Sie sprachlos\nwerden: Picasso ist nie eine primäre künst-\nlerische Erscheinung gewesen. Natürlich\nkann man von Ihnen nicht verlangen, dass\nSie jedes Jahr nach Paris fahren, nur um fest-\nzusteilen, ob und wie weit sich das junge\nVolk von Ingres entfernt. Natürlich kann\nman von Ihnen als Kunstkritiker nicht ver-\nlangen, dass Sie sich jede Ausstellung des\nSturm ansehen. Denn schliesslich haben\nSie wichtigere Dinge zu tun als über Kunst\nzu schreiben. Was soll denn sonst aus\nRembrandt und Bismarck werden, von\nBöcklin ganz zu schweigen. Allerdings\nhätten Sie dann schon seit vielen Jahren\nBilder von Gleizes gesehen, der Sie zwar\npersönlich nichts angeht, dafür aber kein\nBild von Picasso. Da die Ausstellung Der\nSturm die Eigentümlichkeit hat, nur pri-\nmäre künstlerische Erscheinungen zu zeigen,\nhaben wir uns leider sämtliche Perioden\nvon Picasso versagen müssen, der nur ein\nmalerisch sehr begabter Anempfinder ist.\nInfolgedessen hat sich die übrige deutsche\nKunstkritik, einschliesslich der ganz grossen\nKenner wie Herr Westheim, er hat den\nGeburtstag des Kubismus auf das Jahr 1919\nverlegt, stets darüber beschwert, dass der\nMeister des Kubismus im Sturm nicht aus-\ngestellt wird. Da staunste, sagt der Ber-\nliner, während Herr Stahl behauptet, dass\nder Berliner Maske sagt. Aber der Berliner\nsagt niemals Maske, Herr Stahl, hinter ihr\nsucht man sich in der Redaktion des Ber-\nliner Tageblatts zu verstecken. Aber man\nfindet ihm doch. Theata, sagt der Berliner.\nSon Theata. Der Berliner sagt auch nicht\nPalette. Er sagt Bild. Tableau. Da staunste,\nHerr Stahl. Um nach dem bischen Fran-\nzösisch wieder hochdeutsch zu reden:\nPicasso beweist nichts für oder gegen den\nKubismus, oder noch hochdeutscher gesagt:\nfür oder gegen die Kunst. Herr Stahl hin-\ngegen ist ein Gemütsmensch. Ihm bricht\ndas Herz, dass die Kubisten alles mit der\nkalten Lamäng malen und nicht mit dem\nGemüt. Das würde Herr Stahl tun, wenn\ner Maler wäre. Da uns ein gütiger Gott\ndas versagt hat, bleibt ihm nichts übrig,\ner muss als Kritiker mit der Seele sprechen,\nwie einst im Mai. Und Herr Stahl hat\nnicht nur eine Seele, die ihn vor anderen\nMenschen auszeichnet und die er den Lesern\ndes Berliner Tageblatts ausmalt. Herr Stahl\nist auch Denker. Es ist nicht auszumalen,\nwas der Herr Stahl sich alles ausdenken\nkann. Er denkt natürlich mit der Seele,\nnicht ohne einen schlichten französischen\nEinschlag: „Wenn Künstler denken, passiert\nja meistens ein Malheur\". Herr Stahl ist\nkein Künstler und ihm passiert daher das\nMalheur, Witze des Ulk für Denktätigkeit\nzu halten. Aber wie unser Berliner sagt:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4454, "texte": "Dachte sind keine Lichte oder hochdeutsch\nmit dem beliebten Einschlag: ein Unglück\nschleppt nach sich seinen Bruder. Da Herr\nStahl nicht bilden kann, er ist sehr gebildet,\nlässt er sich einbilden, dass Picasso die\nKubisten sind, und die Kubisten Aeusserun-\ngen von Cezanne falsch verstanden haben.\nSo ergibt sich die höchst einfache Ge-\nburt des Kubismus. Die Kubisten haben\nsich die Kritiken des Fritz Herrn Stahl\n-T\nbeschafft und auch die Bücher von Otto\n* ■*\nDoktor Grautoff, haben aus ihnen ge-\nwisse Aeusserungen kennen gelernt, sie\ndank ihrer Künstlerschaft falsch ver-\nstanden und darauf beschlossen, den Kubis-\nmus mit der kalten Lamäng zu erfinden\nund zwar nun gerade ohne Seele, um die\nGemütsmenschen zu ärgern. Dieser Vor-\ngang ist historisch so einfach, dass man\nnicht versteht, warum ein Denker wie Herr\nStahl sich deshalb entgeistert. Und ein\ngrosser Denker wie Herr Stahl kann natür-\nlich nicht auf die Idee kommen, dass\nKünstler sich vielleicht auch Bilder von\nCezanne angesehen haben. So etwas tut\nein Denker nicht. Ein Denker der Seele,\n• •\nder gewisse Äusserungen zur Verfügung hat.\nMit solchen Fähigkeiten undsolchemMaterial\nwird man sich doch nicht um die saudumme\nKunst kümmern. Auf Grund dieses Denk-\nprozesses verurteilt Herr Stahl also den ge-\nsamten Kubismus in seinem Bausch und\nauf seinen Bogen. Da lobt er sich die\nKlassiker. Die dachten sich zum Beispiel\nein Gesetz der Pyramide aus, um das Bild-\ngemässe einer Komposition.. . Bei Klassikern\ndarf man das Wort Frechheit anwenden,\nda sie nicht mehr die Fähigkeit haben,\nsubjektiv beleidigt zu werden. Es ist also\neine Frechheit von den Klassikern, sich\nGesetze auszudenken, was nur Herr Stahl\ntun darf. Und das Malheur trat auch auto-\nmatisch ein: es entstand die Renaissance.\nDie Klassiker durften aber vielleicht denken,\nteils weil sie tote Klassiker sind und teils\nweil sie es offenbar mit der Seele taten.\nHerr Fritz Stahl besitzt nämlich die ausser-\nordentliche Fähigkeit, zu prüfen, wann das\nKünstlermensch a) mit der kalten Lamäng\nb) mit der ausgekochten Seele gedacht hat.\nAusserdem kann man sich bei einer Pyra-\nmide was denken, bei einem Würfel aber\nnichts, namentlich wenn der Würfel kein\nWürfel ist. Ferner hat der Bau der Pyra-\nmiden viel Arbeit gemacht, was ich aus\nder Kunstgeschichte des Herrn Stahl weiss.\nHingegen einen Würfel zu malen, der kein\nWürfel ist, das ist keine Kunst zu lernen:\n„Und diese Art wurde dann in der ganzen\nWelt ein wahres Fressen für alle die Jugend,\nder es unbequem war, etwas zu lernen.\"\nFressen und Würfelspiel hat stets zusammen-\ngehört. Die Fresser stürzten sich auf die\nWürfelspiele der Kubisten, so dass die\nKubisten wieder etwas zu fressen hatten.\nUnd es war alles in der schönsten Ordnung\nauf der Erde bis auf das Malheur der Denk-\ntätigkeit des Herrn Stahl, der sich ä tout\nprix verspielt hat. Es ist also kein Wunder,\nes ist pyramidal überzeugend, dass Herr\nFritz Stahl bei solchen Verlusten den Kopf\nverloren hat, sodass sich nunmehr seine\nDenktätigkeit kopflos äussert. Der Denker\nschreibt also über die ausgestellten! Bilder\nim Sturm: „Aber ein Teil von ihnen ist trotz-\ndem etwas, nämlich gutes Malhandwerk,\ndas wirklich für eine neue Malerei, an die\nich nach wie vor fest glaube, von Bedeutung\nwerden kann.\" Das gute Malhandwerk hat\ndieses junge kubistische Volk mit der Seele\ngelernt, weil ihm das Fressen zu unbequem\nwar. Die Verwirrung wird immer grösser.\nAuf Grund gewisser Äusserungen erlernen\ngewisse Leute das Malhandwerk, weil es\nihnen zu unbequem ist. Ihr Gelerntes kann\nsogar für Herrn Stahl von Bedeutung werden,\nder mit dem Verstand an die neue Malerei\nglaubt und vor eitel Seele keine Gedanken\nhat, Bilder mit dem Gemüt zu hören. Die\nSache mit der Pyramide ist offenbar doch\neinfacher. Was sollen nun diese unglück-\nlichen Kubisten tun. Lernen sie etwas,\nkommen keine Bilder für Herrn Stahl her-\naus, wenn sie auch von Bedeutung werden\nkönnen, lernen sie nichts, erscheint die\nSeele des Herrn Stahl geistlos. Ich würde\nvorschlagen, vielleicht einmal die Er-\nscheinung des Herrn Stahl in Würfel zu\n„zerlegen\", um diesem Kinderspiel mit sitt-\nlichem Ernst beizukommen. Nun wird\nHerr Stahl wieder behaupten, er würde\nvon mir beschimpft: „Und jeder, der wie\netwa Grautoff ehrlich berichtet, was in Paris\ngeschehen ist, wird beschimpft.\" Nämlich,\ndass Ingres wie Picasso malt und Picasso\nwie Gleizes, dessen Name nun Herrn Stahl\nhiermit bekannt geworden ist. Gleizes und\nMetzinger haben nämlich das historische"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2759, "texte": "_ -\nVerdienst, gewisse Äusserungen vonCezanne\nfalsch verstanden zu haben, um mich der\nDenksprache des Berliner Tageblatts zu be-\ndienen. Herr Stahl braucht das nicht zu\nwissen, da er vom Fach aus Denker und\nnicht Historiker ist, Herr Stahl betreibt\nseinen Beruf durchaus privatkapitalistisch.\nEr arbeitet so für sein Denkgeschäft, dass\ner die Konkurrenz einfach tot macht. Oder\nda er es nicht kann, sie wenigstens tot sagt.\nUnd wenn sie schon tot ist, versetzt er ihr\neins hinterher. So kann er es noch heute\nnicht verschmerzen, dass der gefallene Franz\nMarc eine lobende Kritik des Herrn Stahl\nnicht anerkannt hat. Er behauptet infolge-\ndessen, dass Franz Marc nicht denken könne:\n„Marc zieht es vor, offenbar von dem\nspintisierenden Vater her (man nennt das\nphilosophieren) beiastet, zu denken. Und\nwenn Künstler denken, — — siehe oben.\"\nZwei Gedankenstriche für die Leser des\nBerliner Tageblatts drücken die Denkge-\nmeinschaft zwischen diesem Vordenker und\nden abonnierten Nachdenkern bildhaft aus.\nDu weisst doch, Bürger Kaufmann, und\nauch Sie, hochverehrte gnädige Frau, das\nKünstlervölkchen und Denken! Nicht ein-\nmal einfache Buchführung können sie.\nArme Luder, ohne Anstellung und Pension,\ndie sich auf der Leinewand mit Ölfarbe\nausträumen, um sich von unsereins begut-\nachten zu lassen. Und wenn sie so wie\nwir träumen, soll es uns auf einen Hunderter\nfür den Salon nicht ankommen. Und so-\ngar nicht auf einen Tausender, wenn das\nBerliner Tageblatt die Seele beglaubigt hat.\nBildungsspesen. Ganz umsonst kann man\nnicht Volk der Dichter und Denker genannt\nwerden. Das Denken hat Herr Stahl gütigst\nübernommen, und zwar ausschliesslich auf\nKonto Rudolf Mosse, Dichter brauchen das\nHungern für die Vision, es bleibt also der\nTausender für das Volk der Maler übrig,\ntrotzdem selbst Herr Stahl noch nicht ein-\n. mal gewagt hat, uns das Volk der Maler\nzu nennen. Dafür haben wir die einfache\nBuchführung. Und über Ihren Geist, Herr\nFritz Stahl, wird hier einfach Buch geführt,\nÜber diesen Geist, unter dem der deutsche\nAbonnent sich Kunst denkt. Kunst mit\nMalheur, vastehste. Ich schimpfe nicht,\nHerr Stahl, das tun nur Denker, die auf\ndiese Weise die absolute Wahrheit ver-\nteidigen. Aber ich schlage. Spielend. Was\nKunst ist. Schlage auf die Hände, die Kunst\nbefassen wollen. Auf die Hände der Ge-\nmütsmensehen des Verstandes. Auf die\nHände der Verstandesmenschen des Gemütes.\nDie Formen spielen und die Farben. Sie\nverstehen sich. Der Vollbart denkt. Denkt\nverächllich: Künstler. Die Kinder schreien\nvor Lachen. Vor Lachen, Herr Stahl.\nKünstler und Kinder haben keine Seele, die\nin der Presse festzustellen ist. Aber sie\nhaben das Herz zu spielen. Ihr S'piel sich\nzu gestalten. Und nur wer spielen kann,\nfühlt sehend, dass es schön ist.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c003", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "28", "page_fin": "31", "image_debut": 6, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.3", "titre_corps": "Kritik der vorexpressionistischen Dichtung", "titre_sommaire": "Kritik der vorexpressionistischen Dichtung", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.6", "debut_caractere": 2761, "fin_caractere_exclue": 2821, "texte": "Kritik der vor-\nexpressionistischen Dichtung\nHerwarth Walden"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.6", "debut_caractere": 2836, "fin_caractere_exclue": 4119, "texte": "Es ist durch diese Untersuchung festgestellt,\ndass ein künstlerischer Wertunterschied\nzwischen den Gedichten Goethes und Heines\nnicht vorhanden ist. Die Gedichte dieser\nbeiden Dichter sind künstlerisch wertlos.\nGoethe steht jenseits der Kritik, lehrt die\ndeutsche Kritik. Die alldeutsche Kritik lässt\nwenigstens Heine fallen. Verschiedene ältere\nHerren, wie zum Beispiel Herr Professor\nBartels, haben nämlich entdeckt, dass Heine\nwegen seines jüdischen Geistes unkünstlerisch\nist. So hat zum Beispiel ein komischer\nAlter Herr festgestellt, dass das Gedicht „Du\nbist wie eineßlume\" auf eine schwarzhaarige\nJüdin gedichtet und deshalb schlechtsei. Das\nwiderspricht den Gesetzen der Kunst, die\nblond ist, wie jedermann weiss. Die Haar-\nfarbe der Liebe ist noch nicht endgültig\nfestgestellt. Und in unserer Zeit, wo man\nsich die Haare einwandfrei färben lassen\nkann, wird infolgedessen die künstlerische\nEntscheidung immer schwieriger. Es ist\nein Glück für die Liebe, dass man ihr nicht\nso genau auf die Haare sieht. Immerhin,\nfür Heine ist reichlich Ersatz gefunden, hat\ndoch die nachklassische Zeit über genügend\nblonde Dichter verfügt. Die Klassiker mit\nihrem Internationalitätsfimmel sind sowieso\nnicht einwandfrei und schon deshalb\njenseits der Kritik gestellt. Ein blondes\nGedicht:"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3936, "texte": "Es war als hätt' der Himmel\nDie Erde still geküsst\nDass sie im Blütenschimmer\nVon ihm nun träumen müsst\nDie kalten Winde bliesen\nMir grad ins Angesicht\nDer Hut flog mir vom Kopfe\nIch wendete mich nicht\nAuf Zinnen möcht ich springen\nIn alter Fürsten Schloss\nMöcht hohe Lieder singen\nMich schwingen auf das Ross\nUnd in der Winde Sausen\nUnd in der Möwe Schrein\nIn Schaum und Wellenbrausen\nJauchz ich berauscht hinein\nMein Herz gleicht ganz dem Meere\nHat Sturm und Ebb und Flut\nUnd manche schöne Perle\nIn seiner Tiefe ruht\nNun bin ich manche Stunde\nEntfernt von jenem Ort\nUnd immer hör ich's rauschen\nDu fändest Ruhe dort\nDie ungefärbte Blondheit des Gedichtes ist\nsichtbar. Der Dichter lässt sich nur von\nder Natur und nicht von gewissen jüdischen\nMädchen ergreifen. Die Liebe zur Natur\nspricht aus jeder Zeile: Himmel, Wind,\nRoss,Möwe, Sturm, Ort. Insbesondere macht\ndie Betonung des Meeres das Gedicht sehr\nsympathisch. Auch die Perle als Sinnbild\nder Reinheit ist nicht vergessen. Ausserdem\nist die Natur bekanntlich eine alldeutsche\nAngelegenheit. Etwas, was Deutschland vor\nder Welt voraus hat. Während die Liebe\neine jüdische Erfindung ist und daher in\nder deutschen Poesie nur mit Massen ver-\nwendet werden darf. Deshalb haben die\ndeutschen Dichter in der Liebe mit Vorliebe\ndie Untreue besungen. Und zwar in choral-\nartigem Mass. Metrisch. Rhythmische Er-\nregungen finden nicht statt. Es wird also\nmehr die Natur besungen. Und zwar auch\nchoralartig. Der Dichter, das Subjekt, stellt\nsich vor die Natur und betet sie mit An-\nmerkungen an. Die Natur ist Objekt, ver-\nhält sich objektiv und ist sogar untreu.\nDenn sie tritt nie in Erscheinung und ist\nnie künstlerisch vorhanden. Sie wird eben\ndurch Schreiben nicht sichtbar. Die Natur\nhat nämlich keine Gefühle. Die Sonne ist\nnicht lustig und der Regen nicht traurig.\nDurch die BewegungsVorgänge der Natur,\ndurch ihren Rhythmus, finden rhythmische\nErregungen des Menschen statt. Die Er-\nregung des Menschen, seine Bewegung durch\nNaturvorgänge, werden daher nur durch\ndie Bewegung, den Rhythmus, fühlbar und\nhörbar. Will man sie sichtbar machen,\nwie es die assoziative Dichtung will, so\nmuss ein logisches oder alogisches Bild ge-\nstaltet werden: durch die Beziehungen der\nWortwerte im Rhythmus und ihrer begriff-\nlichen Übertragung im optischen Wert.\nDurch Beschreibung von Gegenständen und\nBenennung von Gefühlswirkungen kann\nauch assioziativ nie ein Kunstwerk entstehen.\nNach dem Stand der bisherigen Unter-\nsuchungen braucht wohl nicht noch einmal\nbewiesen zu werden, dass dieses neue\nMeistergedicht ohne jeden rhythmischen\nWert ist, dass nicht einmal ein Versuch zur\nGestaltung des inneren Rhythmus vorliegt.\nAuch die metrische Gliederung ist völlig\nmechanisch. Der Vers wird nach der be-\ntonten dritten Silbe abgebrochen. Es wird\nauch nicht der geringste Wert darauf gelegt,\ndass die betonte Silbe wenn auch nur be-\ngriffsmässig betont ist. Man dichtet nicht\neinmal wie der Vogel singt. Denn der\nVogel singt nicht so, wie Dilettanten es\nhören. Jedenfalls zählt der Vogel seine\nTöne nicht, und wenn er sie schon zählt,\nempfindet er triebhaft, welche Töne zu be-\ntonen sind. Wenn die Dichter wirklich die\nSprache der Vögel verstehen würden, oder\ngar die Sprache der Töne, wären sie wenig-\nstens auf die katastrophale Verwechslung\nvon Metrik und Rhvthmik nie verfallen.\nDennoch: der verbildete Leser ist von\ndiesem Gedicht befriedigt. Es gibt Stimmung\nund gibt einen Sinn. Der Sinn ist sinnfällig,\ntrotzdem er Unsinn ist. Was kann man\nsich nicht alles darunter denken, dass der\nHimmel die Erde geküsst hat, dann die\nkalten Winde, die Störung der Liebe, der\nDichter, der sich wegen der Störung nun\ndurchaus auf das Ross schwingen muss und\ntrotz der Störung in die Winde berauscht\nhineinjauchzt. In solchen erhebenden Mo-\nmenten pflegt stets irgendwo eine Möwe zu\nschreien. Von der Möwe ist es nicht weit\nzum Meere, dem das Herz gleicht. Und\njedes Dichterherz ist eine Perle. Und wenn"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1957, "texte": "es nicht eine Perle ist, so ruht sie wenig-\nstens für es in der Tiefe des Meeres.\nSchliesslich muss auch ein Dichter einmal\nschlafen gehen, nicht ohne auch im Schlaf\ndas Meer rauschen zu hören. Dieses Ge-\ndicht ist ein typisches Gedicht. Es ist so-\ngar komponiert. Ich habe es nämlich in\nfünf Minuten aus fünf beliebigen Gedichten\nvon fünf beliebten Dichtern wieder einmal\nzusammengestellt. Die fünf Dichter heissen:\nJoseph von Eichendorff, Wilhelm Müller,\nEduard Mörike, Emanuel Geibel und Heinrich\nHeine. Der jüdische Geist hat sich ganz\nbrav emanzipiert. Also auch die nach-\nklassische Zeit hat keinen einzigen Wort-\nkünstler gehabt. Man wende mir nicht etwa\nNikolaus Lenau ein. Bitte:\n0 dann ist es keine Lüge\nDass im Schoss der Wellennacht\nIn verborgener Genüge\nEin Geschlecht von Menschen wacht\nDenke lieber, dass ein Freund\nDir getreulich steht zur Seite\nDer es gut mit Dir nur meint\nUnd Dir gern gibt sein Geleite\nDort auch darf der Freund nicht fehlen\nWie im hellen Sonnentag\nDem Natur ihr Leid erzählen\nDer mit ihr empfinden mag.\nDie zweite Strophe ist aus einem Neujahrs-\ngedicht der Botenfrau der Berliner Morgen-\npost, dafür sind die beiden andern Strophen\ngarantiert echte Lenaus. Die Botenfrau ist\nwenigstens optimistisch und glaubt noch\nan das Geleit. Hingegen:\nSo hab ich nun die Stadt verlassen\nWo ich gelebet lange Zeit\nIch ziehe rüstig meiner Strassen\nEs gibt mir niemand das Geleit\nMan hat mir nicht den Rock zerrissen\n(es wär auch schade um das Kleid)\nNoch in die Wange mich gebissen\nVor übergrossem Herzeleid\nDiese Besorgnis um einen Gegenstand des\ntäglichen Bedarfs bei übergrossem Herze-\nleid lässt auf jüdischen Geist schliessen.\nDafür ist aber das Gedicht von Ludwig\nUhland, der von Bartels als rasserein an-\nerkannt ist. Die Sache liegt aber viel ein-\nfacher. Uhland musste sich um das Kfeid\nsorgen, weil er sonst das Herzeleid nicht\nanbringen konnte. 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Nieder!\nEntlöse Lieder\nPfauen deinen Haaren\nWeh Knall\nfratzen die Fressen\nEs würgt mich die Gosse.\n\nVerkrampft in roter Gasse\n\nWind frisst die Knochen\nKreischen scherbt\nZerwahnen schwefeln\nkratzen\nbröckeln\nder Schrei der Schrei\nschlurft Lache"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 743, "texte": "schluckt\nzerschleimt\nzerschliert\nUmducken zückt\ngemergelt siichten Flammen\nkrischen\nrissen\ndas Dunkel tulpt vertränte Hand\nweiss\nkeuschen Rosen\nMagdalene\nder Vorhang peitscht\nund\nBlöcke Donner keulen Uhren\nzerschlurren Beile\nblitzen gellen—\nund\ndiademen\nBlütenchor betweiner Füsse\nZerbrausen\nBrausen\ndie Kreuze knien\nKasteien Weihen\nschrill\nzückt das Blut\nzerweibt\nverrosten Fleische Höhnen\nLaterne überstülpt\nHvänenborsten\ngell\nfletschen Fenster Gieren\nzerstinken Eiter\nKitzeln Zitzen\nder Hurenhai\nzersägt zerbleckt\nschrei flackert roter Wagen Schädelschlamm\ndie Hirne garben\nZerknirschen\nSinken\nSuchen B Jll linKsi £S SS\nVerbeben\n-\nsternhoch\n-\nzerhetzen\nperlendes Ave\ndie Därme würgen\nich fresse die Steine\noh schlafschluchze Tränen\noh Kind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c006", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "31", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Da ich mir überdies die Freiheit\ngenommen habe, diese Erledigung durch eine\ngenaue Erörterung und Untersuchung Ihres\n„Fall Marc\" hinauszuschieben, so mögen Sie\ninzwischen vergessen haben, um was es geht,\nWir suchen Zeit und Ort, wo Sie Kandinskys\nEntwicklung aus der Banalität heraus an-\nerkannt haben. Finden wir nichts, so\nwerden Sie doch noch zugeben müssen,\ndass Ihr inzwischen berühmt gewordener\nSatz von Kandinskys Entwicklung keinen\nSinn hatte. Oder die Zeit ist wirklich ge-\nkommen, in der Sie wieder einmal einen\nStellungswechsel vornehmen — bon gr6\nmal gre. (Diese paar französischen Brocken\nwerden Sie jetzt hoffentlich verstehen.\nDenn ich nehme an, dass Sie durch Ihre\nengen Beziehungen zu französischen Ku-\nbisten in die Lage gekommen sind, ab und\nzu die Briefe jener Maler zu lesen, die Sie\nfrüher für Schmierfinken und Clowns ge-\nhalten haben.) Auch begreife ich wahr-\nhaftig nicht, wie Sie als Herausgeber des\nKunstblatts ohne die Anerkennung Kan-\ndinskys auf die Dauer auskommen wollen.\nNur dass Sie Ihre Anerkennung, wenn ich\nIhren verzwickten Satz doch noch für eine\nsolche halten muss, ich will sagen ausge-\nrechnet in dem Artikel unterbringen, in\ndem Sie Ihre unmotivierten Stellungsän-\nderungen quasi leugnen, das, Herr West-\nheim, das wäre eine Ungeschicklichkeit\nallererster Ordnung. Darum will ich zu-\nnächst lieber glauben, dass Sie gar nicht\nwissen, was Sie schreiben, oder dass Sie\nKandinskys Entwicklung doch früher ein-\nmal anerkannt und diese neue Stellung-\nnahme auch begründet haben. Bis jetzt\nsind wir leider über das Jahr 1913 nicht\nhinausgekommen und haben nichts gefun-\nden als wüste Beschimpfungen Kandinskys.\nVielleicht sagen Sie mir selbst, ob es sich\nlohnt, weiterzusuchen. Oder genügt Ihnen\nmeine Versicherung, dass ich zehn dicke"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4251, "texte": "Bände (leuischer Kunstkritik, schauerliche\nDokumente der Unzulänglichkeit, durch-\ngelesen und nichts gefunden habe, worin\noder wodurch Sie Ihre plötzlich veränderte\nAnschauung über Kandinsky auch nur\neinigermassen plausibel machen. Dass Sie\nin naher oder ferner Zukunft Hymnen auf\nKandinsky anstimmen werden, daran zweifle\nich schon heute nicht mehr. Wie nannten\nSie ihn kürzlich in der Frankfurter Zei-\ntung: „Eine problematische Erscheinung!\"\nSchlimmeres wollen Sie ihm also nicht\nmehr nachsagen? Von der problematischen\nErscheinung bis zum bewunderten Genie\noder wenigstens zur Aeusserung der Be-\nwunderung ist bei Ihnen bekanntlich nicht\neinmal ein Schritt. Aber wie es die\nSchildbürger nicht vertragen können, dass\nman ihnen etwas Kluges zutraue, so ver-\ndriesst es Sie, der Vernunft soviel nachzu-\ngeben, dass Sie Kandinsky nur eine pro-\nblematische Erscheinung nennen. Darum\nschreiben Sie schnell hinterdrein etwas vom\nAbklatsch Kandinskys, den Der Sturm aus-\nstelle. Aber wer seit zehn Jahren über die\nneue Kunst so schreibt, wie Sie es getan\nhaben, der könnte ein noch besseres Ge-\ndächtnis haben, als es das Ihrige ist, er\nwürde sich doch in Widersprüche ver-\nwickeln. Abklatsch von Kandinsky! So\netwas gibt es? Von einem Maler, der\nkunterbunt drauflospinselt, der schlechtes\nTunkpapier anfertigt, von einem solchen\nFratzen gibt es nicht nur einen Abklatsch,\nsondern ausserdem noch einen solchen,\nden Der Sturm ausstellt? Sapperlot, muss\nder Abklatsch schlecht sein! Armer Budolf\nBauer und wen Sie sonst noch zu diesem\nAbklatsch rechnen. Aber Sie, Herr West-\nheim, werden sogar eines Tages diesen Ab-\nklatsch preisen, und das sogar noch, bevor\nSie begriffen haben, worin sich Budolf\nBauer von Kandinsky unterscheidet. Und\ndarum darf ich nicht einen Augenblick\nzögern, festzustellen, wie Sie die „proble-\nmatische Erscheinung\" im Jahr 1916 ver-\nstanden haben, als Sie nämlich noch nicht\nglaubten, dass Laien in der Bewunderung\nund im Verstehen Kandinsky'scher Bilder\neinen so gewaltigen Vorsprung vor Ihnen\nhaben könnten.\n„Sein Akrobatentum hat etwas von der\nSuche nach dem perpetuum mobile. Er\nweist einem nach, weist einem sogar über-\nzeugend nach, dass eine Malerei rein\naus Farbenklängen eigentlich funktionieren\nmüsste. Aber da diese theoretische Malerei\neine Uebersteigung des Prinzips ist, da sie\nihm keine Möglichkeit mehr bietet, seine\nEmpfindungen zu objektivieren, so wird er\nnichtssagend für das Empfinden des Be-\nschauers. Seine Flächen, mögen sie Traum-\ngebilde eines noch so absoluten Malergeistes\nsein, werden gigantische Tunkpapiere.\"\nUnd ein Mensch, der so etwas schreibt,\nredigiert ein „Kunstblatt\". Ein Mensch,\nder sich einbildet, ein Maler objektiviere\nEmpfindungen, schreibt über Kunst! Ein\nMensch, der von Traumgebilden faselt,\nwagt es, von „Mitläufern\" zu reden, die\nDer Sturm ausstelle. Wer ist denn der\n„Mitläufer\"? Budolf Bauer, Neil Waiden,\nWauer und Goering? Oder etwa Sie? Ja,\nSie, Herr Westheim, Sie sind der Mitläufer.\nSie laufen seit einigen Jahren mit. Oder\nnein, Sie laufen ja gar nicht mit, Sie laufen\nhinterher. Alle paar Jahre laufen Sie hinter-\nher und verkünden den Buhm von Malern,\ndie Sie vorher auf jede Weise verkannt\nund geschmäht haben. Und während Sie\nso hinter denen herlaufen, die der Sturm\nzur Anerkennung gebracht hat, verkennen\nund schmähen Sie die Jüngeren, die Sie\nnach ein paar Jahren wieder anerkennen\nund preisen müssen.\nUnd damit, Herr Westheim sind wir so\nweit, dass wir einen Schritt weiter tun\nkönnen. Nur einen Schritt. Und nur einen\nSatz. Er heisst:\n„Auch wird man es da (gemeint war Der\nSturm und Herwarth Waiden) wohl kaum\nbegreifen, dass es nicht gerade die besten\nKritiker sind, die dumm und hartköpfig\neinem Schaffenden gegenüber bei ihrem\nVerdikt bleiben, eben nur — weil sie es\neinmal ausgesprochen haben.\"\nWenn ich diesen Satz mit jenem von Kan-\ndinskys Entwicklung vergleiche, so muss\nich sagen, dass Sie sich darin selbst über-\ntroffen haben, oder dass der erste Satz, der\nan Sinnlosigkeit seines Gleichen zu suchen\nschien, von dem zweiten doch noch über-\nboten wird.\nWenn der Anfang des Satzes: „Auch wird\nman es da wohl kaum begreifen\" nicht\neine blosse journalistische Bedensart ist, so\ngehört er mindestens zu den von Ihnen be-\nvorzugten Wendungen. Denn Sie bringen"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4352, "texte": "sie an dieser Stelle schon zum zweitenmal\nin dem gleichen Artikel. Das erste Mal\nhielten Sie es für sinnlos, Waiden klar zu\nmachen, dass Künstler keine Maschinen\nseien. Jetzt zweifeln Sie, dass seine geistigen\nFähigkeiten ausreichen,einenWestheimschen\nSatz zu begreifen. Ich will Ihnen zeigen,\nwie ich ihn auffasse, und es darauf ankommen\nlassen, dass man, mich für einen schwer-\nfälligen Geist hält.\nSie geben also hier endlich zu, dass Sie\nIhre Stellung zu einzelnen Künstlern ge-\nändert haben. Und zwar geben Sie es\nendlich ohne umständliches Hin- und\nHerdrehen und ohne allzu vieldeutige\nWendungen zu. Im Beginn Ihres Artikels\näusserten Sie sich noch vorsichtiger: „Zweck\nder Bemühung ist, nachzuweisen, dass ich\nfrüher einmal eine andere Stellung zu\neinzelnen Künstlern eingenommen hätte.\"\nDieses „hätte\" habe ich Ihnen schon in mei-\nnem ersten Brief als eine grammatikalische\nUngenauigkeit nachgewiesen. Jetzt tun Sie\nmir wenigstens den Gefallen, diese Unge-\nnauigkeit selbst zu korrigieren. Denn ich\nnehme an, dass Sie sich hier in ein ganz\nbesonders günstiges Licht rücken wollen,\nindem Sie auf gewisse andere Kritiker zu\nschimpfen anfangen. Sagte ich schimpfen?\nNicht doch: indem Sie anfangen, gegen\nIhre Kollegen schwere Beleidigungen auszu-\nstossen. Sie möchten nicht, dass man Sie\nzu den dummen und hartköpfigen Kritikern\nzählt. Sie sind nicht von der Art. Sie\nändern Ihre Ansicht über ein-\nzelne Künstler. Und warum das?\nWenn ich Sie recht verstehe, weil Sie weder\ndumm noch hartköpfig sind, sondern klug\nund — kennen Sie ein Wort, wodurch das\nGegenteil eines Hartköpfigen erschöpfend\nzum Ausdruck käme. Das Gegenteil muss\numschrieben werden, etwa mit „ Schmiegsam,\nAnpassungsfähig\". Pardon, Herr Westheim,\nSie irren sich. Soweit bin ich noch\nlange nicht, wie Sie in diesem Augenblick\ndachten. Und was dachten Sie? Dass\nich die Worte „schmiegsam und an-\npassungsfähig\" recht boshaft und ironisch\ngemeint habe. Soweit bin ich noch nicht.\nIch denke mir bei den Worten das, was\nIhnen selbst als Gegensatz des „Hart-\nköpfigen\" vorgeschwebt haben mag. Aber\nda ist ein Haken. Warum nennen Sie einen\nKritiker, der bei einem „Verdikt\" bleibt,\ndum m? Ein Verdikt ist ein Wahrspruch,\nder Ausspruch einer Wahrheit. Sie nennen\nalso einen Kritiker, der bei der Wahrheit\nbleibt, einen Dummkopf. Da sehen Sie,\nwas für krauses Zeug Sie zusammenschreiben.\nDenn ich kann nicht glauben, dass Sie einen\nwahrhaftigen Menschen in allem Ernst als\neinen Dummkopf bezeichnen wollen. Oder\nmuss ich Sie doch so verstehen? Es wären\nwohl Anzeichen für eine solche Auffassung\nda. Aber so wahrscheinlich es auch sein\nmag, dass Sie wahrhaftige Kritiker für Dumm-\nköpfe halten, so kann ich doch nicht glauben,\ndass Sie dieses hier haben behaupten wollen.\nIch habe Sie in einem ganz andern Ver-\ndacht. Dass Sie nämlich entweder nicht\nwussten, was Verdikt auf deutsch heisst,\noder dass Sie sich wieder einmal eine Ihrer\nOberflächlichkeiten im sprachlichen Aus-\ndruck haben zu Schulden kommen lassen.\nSie sind nicht der erste Journalist, dem das\nVersehen mit dem Verdikt passiert. Die\nHerren, die von früh bis Abends und leider\nauch des Nachts, die deutsche Sprache ver-\nhunzen, dafür aber über August Stramm's\nsprachliches Urgefühl zetern, verstehen\nunter Verdikt schlechthin ein Urteil. Da\nsie den Ursprung dieses Wortes vielleicht\nkennen, im Wort selbst aber nicht mehr\nhören, so haben sie sich daran gewöhnt,\nunter Verdikt ein Verdammungsurteil\nzu verstehen. Und ich habe die Herren\nund also auch Sie, Herr Westheim, ausser-\ndem in dem Verdacht, dass die vier ersten\nBuchstaben des Wortes Verdikt kraft\neiner konfusen Assoziation mit dem Wort\nVe r d ammung die missbräuchliche An-\nwendung verschuldet haben. Fangen Sie\nan zu merken, Herr Westheim, wie klug\nich bin? Dass ich sogar herausfinde, was\nSie mit Ihrem Galimathias eigentlich haben\nsagen wollen: Dass Sie mit „Ver-dikt\" recht\neigentlich das Gegenteil des Wortes meinten,\nnämlich ein False Diktum. Einen Falsch-\nspruch. Denn was anderes kann das Ver-\ndikt gewesen sein, wenn diejenigen, die\ndabei bleiben, Dummköpfe sind? Aber viel-\nleicht werden Sie versuchen, mir durch\neine Hinter- oder Nebentür zu entwischen.\nVielleicht werden Sie behaupten wollen,\ndass Sie sich der Bedeutung des Wortes\nVerdikt durchaus bewusst gewesen seien.\nUnd ich bin wiederum so klug, dass ich\nsogar diesen Einwand verstehe. „Bei ihrem"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4419, "texte": "Verdikt\" soll heissen: bei der Verurteilung,\ndie sie früher einmal für Wahrheit hielten.\nAber machen Sie sich nicht viel Hoffnung\nauf eine solche Auslegung. Denn erstens\nsprechen Sie von sich aus, und nicht vom\nStandpunkt der Dummen und Hartköpfigen.\nUnd ausserdem nehmen Sie ja an, dass die\nDummen und die Hartköpfigen wissen,\ndass ihr vermeintlicher Wahrspruch falsch\nwar: „eben nur, weil sie es ein-\nmal ausgesprochen haben.\" Die\nHartköpfigkeit soll also der einzige Grun;l\ndafür sein, dass diese Kritiker bei ihrem\nfrüheren Urteil bleiben. Und daraus würde\nsich ergeben, dass ihre Dummheit gerade\nin dieser Hartköpfigkeit besteht. Soweit\nalso, Herr Westheim, habe ichSie verstanden.\nWas aber wollen Sie mit dem ganzen Satz\nsagen? Gott behüte, dass Sie auf bestimmte\nKritiker anspielen. Oder wollen Sie im\nErnst behaupten, dass es solche Kritiker\ngibt? „ . . . dass es nicht die besten Kritiker\nsind, die ...\" Dieses „sind\" kann nur\nheissen :es gibt solche Dummköpfe. Kritiker,\ndie zum Beispiel noch heute auf Kandinsky\nschimpfen, um bei Ihrem eigenen Beispiel\nzu bleiben. Aber freilich sollen nur die-\njenigen nicht die besten Kritiker, sondern\nDummköpfe sein, die auf einen Schaffenden\neinzig aus dem Grunde schimpfen, weil sie\nfrüher einmal auf ihn geschimpft haben.\nUnd da sehen Sie, in welche Verlegenheit\nSie mich bringen. Wie soll ich einem\nKritiker nachweisen, dass er nur aus einem\nsolchen Grunde bei seinem ehemaligen\n„Verdikt\" zum Beispiel gegen Kandinsky\nbleibt? Wird nicht jeder behaupten, dass\ner seine guten Gründe habe? Ja, wer wüsste\nbesser als Sie, dass jeder, der schimpft, be-\nhauptet,! er habe seine Gründe? Zweifle ich\ndenn daran, dass Sie Kandinskys Malerei\nwirklich nicht begreifen? Zweifle ich bei\nirgend einem, der wertvolle Kunstwerke\ntadelt, dass er wirklich nichts von Kunst\nversteht? Herr Westheim, ich frage Sie\nnoch einmal: Gibt es wirklich Kritiker,\ndie auf die neue Malerei nur deswegen\nschimpfen, weil sie es früher einmal getan\nhaben? „ . . . eben nur, weil ...\" Das\nheisst: sonst haben sie keine Ursache zu\ntadeln. Sie haben inzwischen eingesehen,\ndass ihr früherer Tadel ein Irrtum war,\naber sie tadeln weiter, dumm und hart-\nköpfig, eben nur, weil sie früher ein-\nmal getadelt haben. Ich gebe Ihnen mein\nWort, Herr Westheim, dass ich nicht einen\nKritiker nennen könnte, dem ich eine solche\nDummheit, Hartköpfigkeit und darum\nschuftige Niederträchtigkeit zutrauen dürfte.\nAuch Ihnen nicht. Dafür trauen Sie anderen\nKritikern so etwas zu. Behaupten, es gibt\nsolche Kritiker. Denn hier kann ich Ihnen\nnicht einmal zu Hilfe kommen, um Ihnen\naus den Schlingen Ihres Satzes herauszu-\nhelfen. Ich kann Ihnen nicht zu der Be-\nhauptung raten, das Ganze sei etwa von\nIhnen nur hypothetisch gesagt gewesen.\nDafür haben Sie sich zu positiv ausgedrückt.\nUnd was wichtiger ist: in einer hypothetischen\nAuffassung bricht Ihr ganzer Satz als eine\nvollkommene Sinnlosigkeit zusammen. Er\nwürde hypothetisch so lauten: „ . . . dass\nes nicht gerade die besten Kritiker wären,\ndie usw.\" Dieses würde heissen: Es gibt\nzwar keine solchen Kritiker, aber wenn\nes sie gäbe, wären sie nicht gerade die\nbesten. Eine solche geringfügige Weis-\nheit braucht ein leidlich vernünftiger Mensch\nnicht erst niederzuschreiben: dass nämlich\nein dummer, hartköpfiger Kritiker, der\nwider sein besseres Wissen und Gewissen\nKünstler tadelt, also ausserdem noch ein\nLump ist, nicht als einer der besten Kritiker\ngelten könne. Selbst Sie, Herr Westheim,\nwürden das für so selbstverständlich halten,\ndass Sie sogar Waiden zutrauten, er könne\nes begreifen. Nein, ich kann Ihnen aus\nden Schlingen Ihres Satzes nicht heraus-\nhelfen. Sie haben ihn als positive Be-\nhauptung verstanden. Sie wagen es wirklich\nauszusprechen, es gibt solche Lumpen von\nKritikern. Und wenn ich Ihnen wieder-\nhole, dass ich dies aus voller Ueberzeugung\nnicht glaube, dann könnte ich Ihnen die\nVerantwortung für Ihre unerhörte Be-\nhauptung überlassen. Aber leider haben\nSie Ihrer Behauptung eine Vermutung\nvorausgeschickt, die nun zwar ihrerseits\nvon Ihnen hypothetisch gefasst, aber, wie\nich Sie verstehe, positiv gedacht ist. „Auch\nwird man es da (Herwarth Waiden) wohl\nkaum begreifen, dass Diese Ver-\nmutung rückt Ihren ganzen Satz erst in die\nrichtige Beleuchtung. Wenn Sie nämlich\nvermuten, dass Waiden Sie nicht begreifen\nwerde, so können Sie damit nur das Fol-\ngende gemeint haben. Erstens hält Waiden\nsolche dumme, hartköpfige Lumpen für die"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2058, "texte": "besten Kritiker. Und zweitens gehöre ich,\nPaul Westheim, nicht zu diesen schlechten\nKritikern, da ich ja meine Stellung zu ein-\nzelnen Künstlern geändert habe. Mit\ndem Ersten will ich mich nicht zu lang\naufhalten. Denn im Ernst glauben Sie selbst\nnicht daran, dass Waiden dumme, hart-\nköpfige und schurkische Kritiker für die\nbesten hält. Ihr Hauptkunststück ist Nummer\nzwei. Damit möchten Sie sich selbst ein\nZeugnis der Klugheit und der Nicht-Hart-\nköpfigkeit ausstellen und dafür allgemeinen\nBeifall verdienen. Nun will ich Ihnen gern\nzugeben, dass man Kluge und von Hait-\nköpfigkeit Freie nicht tadeln soll. Und\ndarum — und das ist Ihr Hauptkunststück\n— glauben Sie, Waiden müsse Sie loben.\nAber hat er Sie denn ein einziges Mal ge-\ntadelt, weil Sie ihm nicht hartköpfig genug\nerschienen? Hat er denn von Ihnen ver-\nlangt, dass Sie über die neue Kunst noch\ngenau so unfähig urteilen wie früher?\nOder hat er Sie gar getadelt, w7eil Sie jetzt\nzu einer besseren Einsicht gekommen wären?\nHat er Sie nicht vielmehr getadelt, weil Sie\nzu keiner besseren Einsicht gekommen\nsind und dennoch das von Ihnen heute noch\nnicht Verstandene loben, ja sogar sich als\nden Förderer und Beschützer der neuen\nKunst aufspielen? Sie tadeln Kunstkritiker,\ndie zu einer besseren Einsicht gekommen\nsind und trotzdem tadeln. Und ich sage,\nsolche Lumpen gibt es nicht. Waiden tadelt\nSie, weil Sie zu keiner besseren Ein-\nsicht gekommen sind und doch loben. Es\nsieht also eher so aus, als wären Sie der-\njenige, der nicht begreifen kann, was man\nihm seit Jahren vorhält. Aber es sieht\neben nur so aus. Denn ich mache keine\nsolchen Redensarten, als könne einer das\nEinfachste nicht begreifen, und wenn es\nein Westheim wäre. Es sieht nur so aus,\nals begriffen Sie Waldens Vorwürfe noch\nimmer nicht. In Wahrheit verstehen Sie\nihn ganz vorzüglich. Und nun sitzen Sie\nda und müssen Sätze von der Art des hier\nentlarvten und zerfetzten niederschreiben,\num vor Ihren Lesern die Rolle eines Mannes\nzu spielen, der anderen als Muster eines\nuntadeligen Kritikers dienen könne.\n\nRudolf Blümner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c012", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "39", "image_debut": 17, "image_fin": 17, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.5.1", "titre_corps": "Zeichnung", "titre_sommaire": "Zeichnung", "signature_source": "Iwan Puni", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 20, "texte": "Iwan Puni: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c013", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "37", "image_debut": 14, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.6", "titre_corps": "Wanklmut", "titre_sommaire": "Wanklmut", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 40, "texte": "Wanklmut\n{ j£t<zw*nJ\nHernarth Walden\n£/A"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c016", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "42", "image_debut": 19, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.7", "titre_corps": "August Stramm", "titre_sommaire": "August Stramm", "signature_source": "Kurt Liebmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.19", "debut_caractere": 2060, "fin_caractere_exclue": 4408, "texte": "August Stramm\n\nI\nVision gestaltete ihn so: Er hing blut-all-emp-\nfangende Schale in Fernen, die uns Wunder\nsind. War Mund des All-Einen: unmenschlich,\nunfassbar, überzeitlich, wirbel entstürzt. Glut\nkreiste ihn zu Ur-Schrei und Kraft. Er gab\nNamenlos-Gefesseltem die namenlose Bewegung.\nEr blühte, er glühte, er brach den Kosmos\nseiner Werke aus sich heraus und zerfiel. Fiel\nin die Arme der Erde, die er bestrahlte.\nDer Mensch war. Die Kunst ist. Gewalt be-\nfreiter Wort-Stürze, Grenzenloses erlöster Ge-\nstalt fauchen inakel masslos in Allheit und Tanz.\nKrystalleneKurve aufschwebender Wort-Gestalt\nverbiegt sich nicht vor Augenaufschlag ich-be-\nsel igten Gefühls.\nNicht höckern Reflexions-Pustel um Schlankheit\nsteigender Form. Psycho-Logismus seziert nicht\nden Rausch alogischen Seins. Nicht spritzen\nZuspitzungen anthropozenirisch-differenzierter\nSphäre: Spleen, Blague, Horla! Horla! Nicht\nbreitet sich Ziel: humanozentrischer Wille.\nHart stösst stahl-wilder Strahl unmenschlicher\nSchau. Des Seins Ur-Tanz enthoben. Entladung.\nKatarakt. Ungerichtet. Sinnlos. Nur in sieh\nselbst brennend. Gebändigt. Auftrieb. Trieb\nüber aller Materialität. Aetherisiert.\nII\nGeheimnis blutet auf in Dramas bogendem\nKreis. Mensch und All schwingen die Einheit\noffenbarender Ekstase.\nAlle Verkörperung menschlicher All-Sehnsucht\nin Merlin-Ahasver-Faust-Peer Gynt-Gestalten\nbetasten Totalität nur, die verworrener und\nqualvoller sich öffnet. Handlung (psycho-logisch\ngeleitet) zappelt fratzenhaft vor Grenzenlosigkeit\nbewegenden Rauschs.\nKreisend wächst die Erfüllung: Raum gegen-\nstandsloser Kunst wird Ausdruck des Ein-\nBrennens menschlich-schöpferischer Flamme\nin Ur-Feuer all-endloser Kraft.\nErste Dramen Stramm s bilden sich so: Gestalten-\nlose Bewegung umtanzt gestaltete Vision der\nGestalt. Hartpunktuelles, Konturen fallen.\nFliessendes durchstrahlt Körperhaftes. Herr-\nschend ist: Formung des Kreises der Schau, von\ndem zufällige Erscheinung Mensch ein kleinster\nTeil ist. Tat dieser Erscheinung wird nicht\nMotiv, Konflikt. Dynamisches Schwellungs-\nmass wird nur gesteigert. Die Kraft hinter\nKörper-Form stösst und bewegt. Stürzt in Tiefe\nund Höhe des Worts. Da beginnt tastende\nBewegung des Körpers ganz in unmenschliche\nLinie zu fliessen. Vor Einsturz in Anfang und\nEnde und Anfang und All blocken die Namen:\n„Erwachen\", „Kräfte\", „Geschehen\". Die blut-"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2994, "texte": "brüllenden, schattenlosen Biegungen, Auf-\nreckungen, Strahlen des Ich, des Du, des Wir\nschütten Worte, Ur-Schreie, die letzte Ballungen\nder Sprache, letztes Dichtmachen des Form-\nOrganismus bedeuten.\nDie Worte zischen, peitschen, hacken, quadern,\ntropfen mildesSehnen, speien Glut, verdämmern,\nsprühen Licht. Und haschen sich und halten\nsich; und streicheln,umarmen,beissen, morden\nsich: Der Tanz der Worte.\nDer Werke Adern sind mit Intensität bis zum\nBersten gefüllt. Die Menschen dialogisieren\nnicht. Werfen nicht Körper gegen Körper.\nSeele gegen Seele. Letzt-zusamniengepresster\nStrahl ihrer erlösten Gestalt spielt sie gegen-\neinander. Sie umkreisen sich nicht. Sind\nnicht an die Periferie der Bühne fixiert. Sie\nzücken und tanzen wie Schwerter. Zerhacken\neinander. Stechen. Schwirren. Biegen. Fliegen.\nUmeinen. Das Kraft-Spiel durchstösst mit\nFlammen und Flämmchen den Raum. Raum\nempfängt kubische Gestalt: Einfach. Alchimie.\nAugeundKreis. Schleier. Strahl entschleiernder\nErlösung.\n111\nKörperlos wächst Spiel des Geschlechts.\nDie Liebesgedichte „Da\" sind nicht erotische\nKonfessionen: Günther, Goethe, Conradi, Lilien-\ncron, Dehmel. Nicht Anbetungen der Madonna:\nNovalis. Nicht ist das Geschlecht barbarisch-\nbrodelnd besungen: Whitman. Nicht bleckende\nVerwesung: Skelett und Mors syphilitica: das\nWeib Felicien Rops. — Von purpurn welt-\nkreisenden Rhythmen gezogen sank Stramm\nin die Tänze des Du, Qual und Lust eines\nLiebesschicksals von allem Persönlichen ent-\nschlackend.\nDu ist nicht Leonore, Friederike, Charlotte\nvon Stein. Nicht Laura am Klavier. Nicht\nDaphne, nicht Chloe, nicht Nymphe, nicht\nBacchantin, auch nicht pomphaft Venus\nExcelsior, Venus Urania, Venus Heroica. —\nDu ist das Geschlecht selbst, schwingt die\nKurve des tiefsten Wissens über die Liebe, die\nwir in der Venus von Archipenko wiederfinden.\nTrieb-Rhythmen kreisen und pulsen.\nDie weiblichen Brüste rollen beherrschende\nKugeln über den Erd-Ball. Alles, was an Qual\nund Feier, an Quellkraft und Vernichtung für\nden männlichen Menschen in ihren Schächten\nbrennt, ist leidenschaftlich entmaterialisiert\ngestaltet. Besinnungslos geschieht der Sturz\nin Blutes Katarakt. Der Körper flammt. Die\nWelt erlischt. Tanz des Ich —Du schwebt\nzu Allheit. Wird All.\nIV\nStramm löste nur das von sich ab, was er als\nreinste Gestaltung des Gesichts erlebte und\nlitt. Er war sich der Gnade der Schau sehr\nhewusst und arbeitete, kondensierte, machte\ndicht, um seinem All-Erleben letzt-überzeitliche\nForm zu hämmern. Er war Fanatiker ewiger\nKunst. Er krümmte sich in Kasteiung und\nblutete vor Überwindung menschlicher Form.\nAber der Schrei des Martyriums verstummte\nvor dem beseligten Tanz der Vision. Nicht\nbrach aus ihm Klage über schmerzvoll wütend\ngeführten Kampf mit der Materie. Er liess sich\nnur glühend bezwingen von Flamme erfüllen-\nder Gestaltung. Bezwungen zwang er den\nRhythmus. Gehorchend befahl er dem Wort.\nEr sah den An fang der Bewegung. 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Dieser Herr Moszkowski\nsoll allein sechzehntausend sogenannte\nWitze für die so genannten Lustigen Blätter\nverfasst haben. Das kann nicht nur der\ngeistige Herr Walter Rathenau fassen. Selbst\ndie engeren Kollegen geben Ehre, wer Witze\ngebiert. Der ältere junge Mann von der\nB. Z. am Mittag ernennt diesen Moszkowski\nzu Alexander dem Vielseitigen, damit die\nB. Z. am Abend ihn von Alexander dem\nGrossen unterscheiden kann. Der ältere\njunge Mann ist nicht in der Lage, die Ver-\ndienste gebührend verrechnen zu können.\nEr fordert für das werte Konto des Herrn\nMoszkowski einen „gründlichen Kenner der\nPhilosophie\", einen „Meister der Musik und\nder Musikgeschichte\", einen „Philologen\",\neinen „Meister der Vortragskunst\" und einen\n„Juristen\" für das meistgelesenste Buch der\nRechtswissenschaft, das der Siebzigjährige\neinst ebenso ernst wie heiter „Stuss im Jus\"\nnannte. Solange in Deutschland noch solche\nMänner siebzig Jahr alt werden, ist die\ndeutsche Tagespresse, nicht verloren. Um\nden vielbeschäftigten Lesern der B. Z. am\nMittag die Lektüre der Werke dieses Nestors\ndes Witzes zu ersparen, wird dem Jubilar\ndas Schlusswort erteilt. Zur ewigen Schande\ndieser Zeitanhänger mit Einschluss des\nHerrn Walter Rathenau und der beteiligten\ndeutschen Redakteure sei dieses Schluss-\nwort hier wiedergegeben:"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3789, "texte": "Wenn ick schon höre: Jubilar!\nDann wird mir koddrig janz und jar.\nDa quasseln welche fürchterlich\nUnd machen jenem miess vor sich.\nUnd sabbern ihn uf det Jedeck,\nUnd fressen ihm det beste weg,\nUnd erst wenn alle wieder raus,\nDann bricht der Mann in Jubel aus!\nIn der Gesellschaft dieses siebzigjährigen\nGrossmeisters brechen die deutschen In-\ntellektuellen in Jubel aus. Gute Mahlzeit.\nWeib\nDiese Gesellschaft geht auch auf Sylvester-\nbälle, nicht ohne hierzu durch Dichtungen\nnach Moszkowskiart eingeladen zu werden.\nDie Dichtungen sind eigens zu diesem\nZweck von den führenden Komponisten\nder Lebensfreude geschaffen worden. So\nsieht die Lebensfreude von Berlin aus:\nLeon Jessel:\nIhr wollt 'nen Vers, o Golt, da streikt mein\nSchädel,\nMein Notenköpfchen gibt nur Töne her,\nEs tanzt der Zinnsoldat mit meinem\nSchwarzwaldmädel,\nIch schlag den Takt dazu — was wollt ihr\nmehr?\nDas bewegt die Herzen aller Frauen von\nBerlin:\nVictor Holländer:\nSilvesterball — was soll ich dazu sagen?\nDrum frag' ich meine alten Melodien,\nDa schwingt und klingt es und ich höre\nschlagen\nDie Herzen aller Frauen von Berlin.\nSilvesterfrohsinn, Narrheit, tolle Streiche,\nMan nimmt den Vorschuss auf die Seligkeit\nso gern.\nPackt nur das Zipfelchen vom Himmelreiche\nUndzolltApplaus dem bess'ren ält'renHerrn.\nDie deutsche Tagespresse möge sich diese\nGedichte für die betreffenden Geburtstags-\nfeiern der zukünftigen Nestoren sorgfältig\naufbewahren. Angenehme Ruhe.\nGesang\nHerr Gerhart Hauptmann ist zum deutschen\nKleinmeister ernannt worden. Zu diesem\nZweck ist eigens ein Verlag gegründet\nworden, der behauptet, seine Kunstwerke\nnur in der Auflage zu beschränken, sie\naber dafür kostbar auszustatten. Die Vossische\nZeitung ist bereits in der Lage, „den Klein-\nmeister\" der Grossmasse zu empfehlen.\nMan erfährt durch die Redaktion nicht nur,\ndass „unser grosser Dramatiker\" als Lyriker\nbegonnen hat, man erfährt auch wieso die\nWelt nichts mehr von dieser Lyrik weiss:\n„1885 schrieb Hauptmann einen Band Verse\n„Promethidenlos\". Er liess ihn aus dem\nHandel ziehen, „und die Welt weiss von\ndem Lyriker Gerhart Hauptmann nichts\nmehr\". Die Handelswelt ertrug diese Baisse\nin Lyrik mannhaft. Wenige spekulierten\ninsgeheim auf die lyrische Hausse: „Fein-\nhörige wollen den heimlichen Lyriker Ger-\nhart Hauptmann überall erkannt haben\".\nEr wurde aber nicht gehandelt. Auch die\nRedaktion der Vossischen Zeitung will nicht\nso feinhörig gewesen sein. Leise [Schwan-\nkungen des Marktes. Bis heute: „Heute\nbringen wir hier ein bisher unveröffent-\nlichtes Gedicht Hauptmanns\". Jetzt wird\nnicht mehr gemäkelt, jetzt wird gemäkelt,\nder makellose Lyriker wird erkannt: „Auf\nder Höhe seines dramatischen Schaffens be-\nginnt der Dichter Sonette zu veröffentlichen.\nEine lyrische Form also, die stets eigentlich\ndie lyrische Form der Grossen gewesen ist\n(Petrarca, Shakespeare, Goethe). Die hier\nabgedruckte Dichtung erscheint als erstes\nder Bücher der deutschen Kleinmeister\".\nEs ist entschieden undemokratisch, Verfasser\nvon Sonetten einmal zu Grossmeistern und\neinmal zu Kleinmeistern zu ernennen,\nnamentlich wenn sie auf der Hausse des\ndramatischen Schaffens stehen. Und wenn\ndie Lyriker Moszkowski und Victor Holländer\nzu m Sehl usswort kommen, hat ein Sonetterich\nerst recht das Recht sich auszuklingen:\nDie heisse Luft aus Süd, die finst're Wolke,\nDie schweigend über den Gebirgen türmet,\nErscheinet überfüllt mit diesem Volke!\nWo starrt der Fels, den dieses Heer bestürmet,\nVon Kriegern, die mit bösen Stimmen greinen\nWie Kinder, die ein Vater nicht beschirmet,\nUnd, statt zu kämpfen, Regentropfen weinen?\nHieraus könnte nun wieder der Grossdichter\nMoszkowski den philosophischen Witz von\ndem Vater ohne Regenschirm ziehen. Man\nweinet Regentropfen. Und statt zu kämpfen,\nwünscht man sich allseitig, gegenseitig\nfröhliche Ostern."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1238, "texte": "Gedanke\nKönigsberger Allgemeine Zeitung: „Es ist\nwie ein Symbol, wenn zwei dieser Maler\neine Reihe ihrer Kompositionen ~nafure\nmorte\" (tote Natur) nennen: es ist in der\nTat etwas Totes, Abgestorbenes, was dieser\nArt anhaftet.\" So äussert sieh nicht ohne\nTiefe Königsberg über die Sturmausstellung\nfranzösischer Kubisten. Diese Stadt, in der\nzwar nicht der grosse Denker Stahl gestorben,\naber der spintisierende Kant geboren wurde.\nMan nennt das philosophieren nach Fritz\nStahl. Der deutsche Kunstkritiker sollie\nsich in der französischen Sprache nie über\ndas Wort Malheur hinaus wagen, sonst passiert\netwas, nämlich ein schlichtes deutsches Un-\nglück. .Es ist wie ein Symbol, wenn zwei\ndeutsche Maler eine Reihe ihrer Kompo-\nsitionen Stilleben (nature 111 orte) nennen:\nEs ist in der Tat etwas Stilles, Lebloses,\nwas dieser Art anhaftet. Es würde sich\ndaher empfehlen, wenn die Franzosen mit\nEinschluss ihrer Klassiker i hre natu res mortes\nin Sülleben und die Deutschen mit Ein-\nschluss ihrer Klassiker ihre Stilleben in\nnatures mortes umtaufen würden. Dann\nwird die Erklärung dieser Kompositionen\nso kompliziert, auf hochdeutsch konfus, dass\nstatt des lebenden Kant der tote Stahl nach\nKönigsberg abgegeben werden muss.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c018", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 22, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.8.5", "titre_corps": "Zeichnung", "titre_sommaire": "Zeichnung", "signature_source": "Iwan Puni", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.22", "debut_caractere": 1240, "fin_caractere_exclue": 1260, "texte": "Iwan Puni: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c019", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "44", "image_debut": 22, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.9", "titre_corps": "Inhalt", "titre_sommaire": "Inhalt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.22", "debut_caractere": 1262, "fin_caractere_exclue": 1828, "texte": "Inhalt\nHerwarth Waiden: Kubismus in Stahl\nHerwarth Waiden: Kritik der vorexpressionistischen Dichtung / Fortsetzung\nKurt Liebmann: Gedichte\nRudolf Blümner: Briefe an Paul Westheim / Zur Geschichte des Sturm und des deutschen\n.Journalismus / Fünfter Brief\nKurt Liebmann: August Stramm\nHerwarth Waiden: Aus der Zeit für die Zeiten\nTour Donas: Zeichnung\nKurt Schwitters: Merzzeichnung\nLothar Schreyer: Färb form aus Bühnenwerk XI / Vierfarbendruck\nHerwarth Waiden: Wankelmut / Für Gesang und Klavier / Dichtung von August Stramm\nIwan Puni: Zwei Zeichnungen\nFebruar 1921"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-02-05-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-02-05_01#c020", "volume": "bmtnabg_1921-02-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[24]", "page_fin": "[24]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.2.10", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[24]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 99, "texte": "V E R L A G D E R STURM / G. 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Jahrgangs\nje 60 Mark. 3. und 4. Jahrgang vergriffen.\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und nummerierte Handdrucke, von\nden meisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich\nzu erwerben. 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Kurt Schwitters\nEinfiihrung von Otto Nebel\n15 Mark\nV. Maler des Expressionismus\n15 Farbdrucke: Kandinsky / Chagall tlsw.\n66 Mark\nFarbige Kunstdrucke\nAlexander Archipenko: Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nJe 9 Mark\nRudolf Blumner\nDer Geist des Kubismus und die Kiinste\nMit Abbildungen\n15 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der Menschenliebe\nZweite Auflage\n12 Mark"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT /\n' HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\nZWÖLFTER JAHRGANG / ZWEITES HEFT\n\nTour Donas: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[24]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.2", "texte": "V E R L A G D E R STURM / G. M. B. H.\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMonatsschrift Der Sturm / Zwolfter Jahrgang\nErscheint am funften jedes Monats\ni ■■ ■' : • .->/ . __ .\nMitmehrfarbigenKunstbeilagentHolzschnitten(stets\nvom Stock gedruckt) und Zeichnungen\nDauerbezug / Ein Jahr 60 Mark / Ein Halbjahr\n36 Mark / Einzelheft 7 Mark 50 Pfennige\nVollstandige Exemplare des 1. bis 11. Jahrgangs\nje 60 Mark. 3. und 4. Jahrgang vergriffen.\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und nummerierte Handdrucke, von\nden meisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich\nzu erwerben. Die Originale sind verkauflich.\n\nBticher\nPeter Baum\nSchiitzengrabenverse\nGebunden 12 Mark\nFranz Richard Behrens\nBlutbliite / Gedichte\nGeheftet 6 Mark / Gebunden 9 Mark\nHermann Essig\nDer Frauenmut / Lustspiel\nUeberteufel / Tragodie\nIhr stilles Gliick / Drama\nEin Taubenschlag / Lustspiel\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nDer Wetterfrosch / Erzahlung\nJedes Buch 6 Mark / Gebunden 9 Mark\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nKandinsky\nMit 60 Abbildungen\n18 Mark\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne / Eine Dichtung\n6 Mark\nKreis des Anfangs / Friihe Gedichte\n9 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\n-T%\nErnst Marcus\nDas Problem der exzentrischen Empfindung und\nseine Losung\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nDas Erkenntnisproblem\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nWilhelm Runge\nDas Denken traumt / Gedichte\n6 Mark / Gebunden 9 Mark\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln\nG Mark / Sonderausgabe 50 Mark\nLothar Schreyer\nMeer / Sehnte / Mann / Dramen\n6 Mark\n\nVERZEICHNISSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS\n\nNacht\n4 Mark 50 Pfennige -- - ..\nDie neue Kunst\n4 Mark 50 Pfennige\nAugust Stramm\nDu / Liebesgedichte\n9 Mark / Dritte Auflage\nTropfblut / Gedichte\nGebunden 18 Mark\nGesammelte Dramen\nZwei Bande\nJeder Band gebunden 18 Mark\nMax Verworn\nKcltische Kunst I Mit Abbildungen\n6 Mark\nHerwarth Walden\nExpressionismus / Die Kunstwende\nMit 140 Abbildungen\n39 Mark / Gebunden 60 Mark\nDie neue Malerei / Einfiihrung in den Expressio-\nnismus / Mit 16 Abbildungen\n7 Mark 50 Pfennige / Dritte Auflage\nGesammelte Schriften / Band I\nKunstmaler und Kunstkritiker\n6 Mark\nDas Buch der Menschenliebe\n12 Mark / Sonderausgabe 30 Mark / Zweite Auflage\nDie Harte der Weltenliebe / Roman\n9 Mark / Gebunden 12 Mark\nSonderausgabe (Auflage 10) 90 Mark\nWeib / Komitragodie\n9 Mark / Sonderausgabe 90 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nSiinde / Spiel an der Liebe\nLetzte Liebe / Komitragodie\nGlaube / Komitragodie\nJedes Buch 3 Mark\nKind / Tragodie\nTrieb / Eine biirgerliche Komitragodie\nMenschen / Tragodie\nJedes Buch 6 Mark\nSturm-Bucher\nAugust Stramm\nSancta Susanna\nDie Unfruchtbaren\nPeter Baum\nKyland\nJedes Sturmbuch 3 Mark\nSturm^Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nJe 9 Mark\nI Marc Chagall\nII Alexander Archipenko\nIII Paul Klee"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.3", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT / HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\n\nKubismus in Stahl\n\nDer Verein Berliner Kunstkritiker hat in\neiner Sitzung festgestellt, dass „in einem\nFalle die Ausstellung Der Sturm systematisch\ntotgeschwiegen wird\". Dieser eine Fall ist\ndas Berliner Tageblatt und sein Kunstkritiker\nHerr Fritz Stahl. Herr Stahl darf als Kunst-\nkritiker nicht über Kunst schreiben und\nmuss .sich daher die Besprechung der Aus-\nstellungen des Sturm versagen. Um so\nmehr, da ich Besprechungen von Zauber-\nlehrlingen nicht unbesprochen lasse. Herr\nStahl hat plötzlich durch irgend ein Hexen-\nkunststück die Sprache des Berliner Tage-\nblaüs wiedergefunden. Es geht geisterhaft\nzu, wenn dieser Tote erwacht. Da nun\nHerr Stahl ohne Geister nicht sprechen\nwollte, beschaffte er sich vor der Beschwö-\nrung ein Buch des Geistes Doktor Otto\nGrautoff. Herr Doktor Grautoff ist Kenner.\nEr hat in Paris gelebt und von dort Ge-\ndichte an die Jugend gesandt. Der Krieg\nenthob ihn dieser lyrischen Beschäftigung.\nEr weihte sein Leben der Kunstgeschichte\nund schrieb als moderner Mensch ein humo-\nristisches Buch über den Expressionismus,\nnicht ohne vorher einige Namen von Künst-\nlern auswendig gelernt zu haben. Man wird\ndiese Tätigkeit nicht unterschätzen dürfen.\nDenn Namen wie Severinsky und Kandini\nsind schwer zu merken, sie machen sich aber\nin einer modernen Kunstgeschichte. Herr\nDoktor Grautoff hatte sogar die Absicht,\nWerke dieser Künstler zu reproduzieren\nund sich deshalb an den Verlag Der Sturm\ngewandt Man konnte ihm nicht helfen,\nda der Sturm die Werke von Severinsky\nund Kandini noch nicht importiert hatte, wie\nHerr Fritz Stahl sich handelspolitisch aus-\nzudrücken pflegt. Herr Stahl ist nur für\nden Import von Rembrandts aus Holland,\nals Erzieher iedem Deutschen bestens\nbekannt. Es erübrigt sich daher, ihn für\nden Import besonders zu empfehlen. Da\nnun aber Russisch namentlich recht\nschwer ist und ein bischen Französisch\nsich immer recht gut macht, schrieb Herr\nDoktor Grautoff schnell ein Buch über die\nfranzösische Malerei seit 1014. Herr Doktor\nGrautoff hatte zwar bis 1914 in Paris ge-\nlebt, war aber durch seine lyrische ITätig-\nkeit behindert, sich mit der französischen\nneuen Malerei vor 1914 zu befassen. Und\nnur der Krieg hat diesen Kenner verhin-\ndert, der Geburtsfeier des Kubismus am\nersten August 1914 beizuwohnen. C'est la\nguerre. Herr Doktor Grautoff nahm nun\ndie erste Möglichkeit wahr, seinen Haus-\nsland in Paris aufzulösen. Er konnte es\nbei dieser Gelegenheit nicht unterlassen,\nsich mit den Vätern des' Kubismus in\nVerbindung zu setzen, um das nötige\npholographische Material zu beschaffen,\nwas ihm zur Herausgabe eines Buches\nüber die Neugeburt unerlässlich schien.\nDa er mit dem Hausstand sehr viel\nzu tun hatte und er ausserdem Feuille-\ntons für die Vossische Zeitung aus\neinem inneren Drange schreiben musste,\nkonnte er sich persönlich um die Fest-\nstellung der Vaterschaft des geliebten ku-\nbistischen Kindes nicht sehr bemühen. Er\nging immerhin einmal in ein Kaffeehaus,\nwo das Künstlervölkchen zu sitzen pflegt,\nund besann sich zur unrechten Zeit, dass\ner ja bereits vor 1914 etwas von Herrn\nMatisse gehört halte. Herr Malisse war\nindessen von der deutschen Tagespresse\nzum Vater des Kubismus ernannt worden,\ntrotzdem er daran unschuldiger als das\nneugeborene Kind ist. Herr Doktor Grau-\ntoff Hess sich deshalb von Herrn Matisse\nsexuell aufklären, hörte, dass Picasso wie\nIngres male und schrieb sein Buch. Bilder\nvon Picasso hat Herr Doktor Grautoff nicht"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.4", "texte": "angesehen. Wusste er doch ausserdem aus\nBerlin, dass Picasso „zerlegte Geigen\" male.\nEs war zwar eine Mandoline, aber man\nstreicht sich eben so darüber hinweg. Dieses\nBuch des Herrn Grautoff hat nun Herr\nStahl studiert und hieraus eine „Geschichte\ndes Kubismus\" für das Berliner Tageblatt\nverfasst, nicht ohne vorher die Ausstellung\nder Kubisten im Sturm besucht zu haben.\nHerr Stahl stellt fest, dass der Kubismus\nin Paris tot, und es für ihn daher wieder\neine Lust zu leben ist. Der Grautoffdoktor\nhat es gesagt. Auch die Kunst beginnt\nwieder zu leben, weil Picasso wie Ingres\nmalt. Herr Stahl hat immer gesagt, schon\nvor seinem Tode, dass das junge Volk wie\nIngres malen müsse. Oder wie Rembrandt,\nder Erzieher. Oder wie sonst irgend ein\ntoter Maler. Aber Herr Stahl ist zu früh\nerwacht, oder Herr Grautoff zu früh aus\nParis abgereist. Denn ich bin jetzt in Paris\ngewesen, zwar nicht in dem Kaffeehaus, wo\ndas Künstlervölkchen sitzt. Ich hatte auch\nkeinen Hausstand in Paris aufzulösen, fand\ndaher die Zeit, mir Bilder anzusehen. Es\ntut mir wirklich für Herrn Stahl und für\nHerrn Grautoff leid, aber Picasso malt\nwieder kubistisch. Ingres ist verloren. Da-\nfür malt Picasso jetzt Gleizes. Da staunen\nSie, Herr Stahl, den Namen haben Sie noch\nniemals gehört. Und Sie, Herr Doktor\nGrautoff, können in Ihrem eigenen Buch\nwenigstens eine Abbildung eines Werkes\nvon Gleizes finden. Sehen Sie sich diese\nAbbildung genau einmal an, wenn Sie Zeit\nhaben, Sie können sich die zweite Reise\nnach Paris sparen, und Sie wissen genau,\nwie Picasso malt. Das Bild Ihrer Abbil-\ndung können Sie in der Ausstellung des\nSturm sehen (Der Sturm ist nämlich eine\nständige Ausstellung zu Berlin). Aber dazu\nwerden Sie kaum Zeit haben, da Sie Vor-\nträge über Kubismus halten müssen. Also,\nHerr Stahl, aus ist es mit dem Ingres\nbei Picasso. Und nun werde ich Ihnen\netwas ins Ohr schreien, dass Sie sprachlos\nwerden: Picasso ist nie eine primäre künst-\nlerische Erscheinung gewesen. Natürlich\nkann man von Ihnen nicht verlangen, dass\nSie jedes Jahr nach Paris fahren, nur um fest-\nzusteilen, ob und wie weit sich das junge\nVolk von Ingres entfernt. Natürlich kann\nman von Ihnen als Kunstkritiker nicht ver-\nlangen, dass Sie sich jede Ausstellung des\nSturm ansehen. Denn schliesslich haben\nSie wichtigere Dinge zu tun als über Kunst\nzu schreiben. Was soll denn sonst aus\nRembrandt und Bismarck werden, von\nBöcklin ganz zu schweigen. Allerdings\nhätten Sie dann schon seit vielen Jahren\nBilder von Gleizes gesehen, der Sie zwar\npersönlich nichts angeht, dafür aber kein\nBild von Picasso. Da die Ausstellung Der\nSturm die Eigentümlichkeit hat, nur pri-\nmäre künstlerische Erscheinungen zu zeigen,\nhaben wir uns leider sämtliche Perioden\nvon Picasso versagen müssen, der nur ein\nmalerisch sehr begabter Anempfinder ist.\nInfolgedessen hat sich die übrige deutsche\nKunstkritik, einschliesslich der ganz grossen\nKenner wie Herr Westheim, er hat den\nGeburtstag des Kubismus auf das Jahr 1919\nverlegt, stets darüber beschwert, dass der\nMeister des Kubismus im Sturm nicht aus-\ngestellt wird. Da staunste, sagt der Ber-\nliner, während Herr Stahl behauptet, dass\nder Berliner Maske sagt. Aber der Berliner\nsagt niemals Maske, Herr Stahl, hinter ihr\nsucht man sich in der Redaktion des Ber-\nliner Tageblatts zu verstecken. Aber man\nfindet ihm doch. Theata, sagt der Berliner.\nSon Theata. Der Berliner sagt auch nicht\nPalette. Er sagt Bild. Tableau. Da staunste,\nHerr Stahl. Um nach dem bischen Fran-\nzösisch wieder hochdeutsch zu reden:\nPicasso beweist nichts für oder gegen den\nKubismus, oder noch hochdeutscher gesagt:\nfür oder gegen die Kunst. Herr Stahl hin-\ngegen ist ein Gemütsmensch. Ihm bricht\ndas Herz, dass die Kubisten alles mit der\nkalten Lamäng malen und nicht mit dem\nGemüt. Das würde Herr Stahl tun, wenn\ner Maler wäre. Da uns ein gütiger Gott\ndas versagt hat, bleibt ihm nichts übrig,\ner muss als Kritiker mit der Seele sprechen,\nwie einst im Mai. Und Herr Stahl hat\nnicht nur eine Seele, die ihn vor anderen\nMenschen auszeichnet und die er den Lesern\ndes Berliner Tageblatts ausmalt. Herr Stahl\nist auch Denker. Es ist nicht auszumalen,\nwas der Herr Stahl sich alles ausdenken\nkann. Er denkt natürlich mit der Seele,\nnicht ohne einen schlichten französischen\nEinschlag: „Wenn Künstler denken, passiert\nja meistens ein Malheur\". Herr Stahl ist\nkein Künstler und ihm passiert daher das\nMalheur, Witze des Ulk für Denktätigkeit\nzu halten. Aber wie unser Berliner sagt:"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.5", "texte": "Dachte sind keine Lichte oder hochdeutsch\nmit dem beliebten Einschlag: ein Unglück\nschleppt nach sich seinen Bruder. Da Herr\nStahl nicht bilden kann, er ist sehr gebildet,\nlässt er sich einbilden, dass Picasso die\nKubisten sind, und die Kubisten Aeusserun-\ngen von Cezanne falsch verstanden haben.\nSo ergibt sich die höchst einfache Ge-\nburt des Kubismus. Die Kubisten haben\nsich die Kritiken des Fritz Herrn Stahl\n-T\nbeschafft und auch die Bücher von Otto\n* ■*\nDoktor Grautoff, haben aus ihnen ge-\nwisse Aeusserungen kennen gelernt, sie\ndank ihrer Künstlerschaft falsch ver-\nstanden und darauf beschlossen, den Kubis-\nmus mit der kalten Lamäng zu erfinden\nund zwar nun gerade ohne Seele, um die\nGemütsmenschen zu ärgern. Dieser Vor-\ngang ist historisch so einfach, dass man\nnicht versteht, warum ein Denker wie Herr\nStahl sich deshalb entgeistert. Und ein\ngrosser Denker wie Herr Stahl kann natür-\nlich nicht auf die Idee kommen, dass\nKünstler sich vielleicht auch Bilder von\nCezanne angesehen haben. So etwas tut\nein Denker nicht. Ein Denker der Seele,\n• •\nder gewisse Äusserungen zur Verfügung hat.\nMit solchen Fähigkeiten undsolchemMaterial\nwird man sich doch nicht um die saudumme\nKunst kümmern. Auf Grund dieses Denk-\nprozesses verurteilt Herr Stahl also den ge-\nsamten Kubismus in seinem Bausch und\nauf seinen Bogen. Da lobt er sich die\nKlassiker. Die dachten sich zum Beispiel\nein Gesetz der Pyramide aus, um das Bild-\ngemässe einer Komposition.. . Bei Klassikern\ndarf man das Wort Frechheit anwenden,\nda sie nicht mehr die Fähigkeit haben,\nsubjektiv beleidigt zu werden. Es ist also\neine Frechheit von den Klassikern, sich\nGesetze auszudenken, was nur Herr Stahl\ntun darf. Und das Malheur trat auch auto-\nmatisch ein: es entstand die Renaissance.\nDie Klassiker durften aber vielleicht denken,\nteils weil sie tote Klassiker sind und teils\nweil sie es offenbar mit der Seele taten.\nHerr Fritz Stahl besitzt nämlich die ausser-\nordentliche Fähigkeit, zu prüfen, wann das\nKünstlermensch a) mit der kalten Lamäng\nb) mit der ausgekochten Seele gedacht hat.\nAusserdem kann man sich bei einer Pyra-\nmide was denken, bei einem Würfel aber\nnichts, namentlich wenn der Würfel kein\nWürfel ist. Ferner hat der Bau der Pyra-\nmiden viel Arbeit gemacht, was ich aus\nder Kunstgeschichte des Herrn Stahl weiss.\nHingegen einen Würfel zu malen, der kein\nWürfel ist, das ist keine Kunst zu lernen:\n„Und diese Art wurde dann in der ganzen\nWelt ein wahres Fressen für alle die Jugend,\nder es unbequem war, etwas zu lernen.\"\nFressen und Würfelspiel hat stets zusammen-\ngehört. Die Fresser stürzten sich auf die\nWürfelspiele der Kubisten, so dass die\nKubisten wieder etwas zu fressen hatten.\nUnd es war alles in der schönsten Ordnung\nauf der Erde bis auf das Malheur der Denk-\ntätigkeit des Herrn Stahl, der sich ä tout\nprix verspielt hat. Es ist also kein Wunder,\nes ist pyramidal überzeugend, dass Herr\nFritz Stahl bei solchen Verlusten den Kopf\nverloren hat, sodass sich nunmehr seine\nDenktätigkeit kopflos äussert. Der Denker\nschreibt also über die ausgestellten! Bilder\nim Sturm: „Aber ein Teil von ihnen ist trotz-\ndem etwas, nämlich gutes Malhandwerk,\ndas wirklich für eine neue Malerei, an die\nich nach wie vor fest glaube, von Bedeutung\nwerden kann.\" Das gute Malhandwerk hat\ndieses junge kubistische Volk mit der Seele\ngelernt, weil ihm das Fressen zu unbequem\nwar. Die Verwirrung wird immer grösser.\nAuf Grund gewisser Äusserungen erlernen\ngewisse Leute das Malhandwerk, weil es\nihnen zu unbequem ist. Ihr Gelerntes kann\nsogar für Herrn Stahl von Bedeutung werden,\nder mit dem Verstand an die neue Malerei\nglaubt und vor eitel Seele keine Gedanken\nhat, Bilder mit dem Gemüt zu hören. Die\nSache mit der Pyramide ist offenbar doch\neinfacher. Was sollen nun diese unglück-\nlichen Kubisten tun. Lernen sie etwas,\nkommen keine Bilder für Herrn Stahl her-\naus, wenn sie auch von Bedeutung werden\nkönnen, lernen sie nichts, erscheint die\nSeele des Herrn Stahl geistlos. Ich würde\nvorschlagen, vielleicht einmal die Er-\nscheinung des Herrn Stahl in Würfel zu\n„zerlegen\", um diesem Kinderspiel mit sitt-\nlichem Ernst beizukommen. Nun wird\nHerr Stahl wieder behaupten, er würde\nvon mir beschimpft: „Und jeder, der wie\netwa Grautoff ehrlich berichtet, was in Paris\ngeschehen ist, wird beschimpft.\" Nämlich,\ndass Ingres wie Picasso malt und Picasso\nwie Gleizes, dessen Name nun Herrn Stahl\nhiermit bekannt geworden ist. Gleizes und\nMetzinger haben nämlich das historische"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.6", "texte": "_ -\nVerdienst, gewisse Äusserungen vonCezanne\nfalsch verstanden zu haben, um mich der\nDenksprache des Berliner Tageblatts zu be-\ndienen. Herr Stahl braucht das nicht zu\nwissen, da er vom Fach aus Denker und\nnicht Historiker ist, Herr Stahl betreibt\nseinen Beruf durchaus privatkapitalistisch.\nEr arbeitet so für sein Denkgeschäft, dass\ner die Konkurrenz einfach tot macht. Oder\nda er es nicht kann, sie wenigstens tot sagt.\nUnd wenn sie schon tot ist, versetzt er ihr\neins hinterher. So kann er es noch heute\nnicht verschmerzen, dass der gefallene Franz\nMarc eine lobende Kritik des Herrn Stahl\nnicht anerkannt hat. Er behauptet infolge-\ndessen, dass Franz Marc nicht denken könne:\n„Marc zieht es vor, offenbar von dem\nspintisierenden Vater her (man nennt das\nphilosophieren) beiastet, zu denken. Und\nwenn Künstler denken, — — siehe oben.\"\nZwei Gedankenstriche für die Leser des\nBerliner Tageblatts drücken die Denkge-\nmeinschaft zwischen diesem Vordenker und\nden abonnierten Nachdenkern bildhaft aus.\nDu weisst doch, Bürger Kaufmann, und\nauch Sie, hochverehrte gnädige Frau, das\nKünstlervölkchen und Denken! Nicht ein-\nmal einfache Buchführung können sie.\nArme Luder, ohne Anstellung und Pension,\ndie sich auf der Leinewand mit Ölfarbe\nausträumen, um sich von unsereins begut-\nachten zu lassen. Und wenn sie so wie\nwir träumen, soll es uns auf einen Hunderter\nfür den Salon nicht ankommen. Und so-\ngar nicht auf einen Tausender, wenn das\nBerliner Tageblatt die Seele beglaubigt hat.\nBildungsspesen. Ganz umsonst kann man\nnicht Volk der Dichter und Denker genannt\nwerden. Das Denken hat Herr Stahl gütigst\nübernommen, und zwar ausschliesslich auf\nKonto Rudolf Mosse, Dichter brauchen das\nHungern für die Vision, es bleibt also der\nTausender für das Volk der Maler übrig,\ntrotzdem selbst Herr Stahl noch nicht ein-\n. mal gewagt hat, uns das Volk der Maler\nzu nennen. Dafür haben wir die einfache\nBuchführung. Und über Ihren Geist, Herr\nFritz Stahl, wird hier einfach Buch geführt,\nÜber diesen Geist, unter dem der deutsche\nAbonnent sich Kunst denkt. Kunst mit\nMalheur, vastehste. Ich schimpfe nicht,\nHerr Stahl, das tun nur Denker, die auf\ndiese Weise die absolute Wahrheit ver-\nteidigen. Aber ich schlage. Spielend. Was\nKunst ist. Schlage auf die Hände, die Kunst\nbefassen wollen. Auf die Hände der Ge-\nmütsmensehen des Verstandes. Auf die\nHände der Verstandesmenschen des Gemütes.\nDie Formen spielen und die Farben. Sie\nverstehen sich. Der Vollbart denkt. Denkt\nverächllich: Künstler. Die Kinder schreien\nvor Lachen. Vor Lachen, Herr Stahl.\nKünstler und Kinder haben keine Seele, die\nin der Presse festzustellen ist. Aber sie\nhaben das Herz zu spielen. Ihr S'piel sich\nzu gestalten. Und nur wer spielen kann,\nfühlt sehend, dass es schön ist.\n\nHerwarth Walden\n\nKritik der vor-\nexpressionistischen Dichtung\nHerwarth Walden\n\nFortsetzung\n\nEs ist durch diese Untersuchung festgestellt,\ndass ein künstlerischer Wertunterschied\nzwischen den Gedichten Goethes und Heines\nnicht vorhanden ist. Die Gedichte dieser\nbeiden Dichter sind künstlerisch wertlos.\nGoethe steht jenseits der Kritik, lehrt die\ndeutsche Kritik. Die alldeutsche Kritik lässt\nwenigstens Heine fallen. Verschiedene ältere\nHerren, wie zum Beispiel Herr Professor\nBartels, haben nämlich entdeckt, dass Heine\nwegen seines jüdischen Geistes unkünstlerisch\nist. So hat zum Beispiel ein komischer\nAlter Herr festgestellt, dass das Gedicht „Du\nbist wie eineßlume\" auf eine schwarzhaarige\nJüdin gedichtet und deshalb schlechtsei. Das\nwiderspricht den Gesetzen der Kunst, die\nblond ist, wie jedermann weiss. Die Haar-\nfarbe der Liebe ist noch nicht endgültig\nfestgestellt. Und in unserer Zeit, wo man\nsich die Haare einwandfrei färben lassen\nkann, wird infolgedessen die künstlerische\nEntscheidung immer schwieriger. Es ist\nein Glück für die Liebe, dass man ihr nicht\nso genau auf die Haare sieht. Immerhin,\nfür Heine ist reichlich Ersatz gefunden, hat\ndoch die nachklassische Zeit über genügend\nblonde Dichter verfügt. Die Klassiker mit\nihrem Internationalitätsfimmel sind sowieso\nnicht einwandfrei und schon deshalb\njenseits der Kritik gestellt. Ein blondes\nGedicht:"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.7", "texte": "Kurt Schwitters: Merzzeichnung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.8", "texte": "Es war als hätt' der Himmel\nDie Erde still geküsst\nDass sie im Blütenschimmer\nVon ihm nun träumen müsst\nDie kalten Winde bliesen\nMir grad ins Angesicht\nDer Hut flog mir vom Kopfe\nIch wendete mich nicht\nAuf Zinnen möcht ich springen\nIn alter Fürsten Schloss\nMöcht hohe Lieder singen\nMich schwingen auf das Ross\nUnd in der Winde Sausen\nUnd in der Möwe Schrein\nIn Schaum und Wellenbrausen\nJauchz ich berauscht hinein\nMein Herz gleicht ganz dem Meere\nHat Sturm und Ebb und Flut\nUnd manche schöne Perle\nIn seiner Tiefe ruht\nNun bin ich manche Stunde\nEntfernt von jenem Ort\nUnd immer hör ich's rauschen\nDu fändest Ruhe dort\nDie ungefärbte Blondheit des Gedichtes ist\nsichtbar. Der Dichter lässt sich nur von\nder Natur und nicht von gewissen jüdischen\nMädchen ergreifen. Die Liebe zur Natur\nspricht aus jeder Zeile: Himmel, Wind,\nRoss,Möwe, Sturm, Ort. Insbesondere macht\ndie Betonung des Meeres das Gedicht sehr\nsympathisch. Auch die Perle als Sinnbild\nder Reinheit ist nicht vergessen. Ausserdem\nist die Natur bekanntlich eine alldeutsche\nAngelegenheit. Etwas, was Deutschland vor\nder Welt voraus hat. Während die Liebe\neine jüdische Erfindung ist und daher in\nder deutschen Poesie nur mit Massen ver-\nwendet werden darf. Deshalb haben die\ndeutschen Dichter in der Liebe mit Vorliebe\ndie Untreue besungen. Und zwar in choral-\nartigem Mass. Metrisch. Rhythmische Er-\nregungen finden nicht statt. Es wird also\nmehr die Natur besungen. Und zwar auch\nchoralartig. Der Dichter, das Subjekt, stellt\nsich vor die Natur und betet sie mit An-\nmerkungen an. Die Natur ist Objekt, ver-\nhält sich objektiv und ist sogar untreu.\nDenn sie tritt nie in Erscheinung und ist\nnie künstlerisch vorhanden. Sie wird eben\ndurch Schreiben nicht sichtbar. Die Natur\nhat nämlich keine Gefühle. Die Sonne ist\nnicht lustig und der Regen nicht traurig.\nDurch die BewegungsVorgänge der Natur,\ndurch ihren Rhythmus, finden rhythmische\nErregungen des Menschen statt. Die Er-\nregung des Menschen, seine Bewegung durch\nNaturvorgänge, werden daher nur durch\ndie Bewegung, den Rhythmus, fühlbar und\nhörbar. Will man sie sichtbar machen,\nwie es die assoziative Dichtung will, so\nmuss ein logisches oder alogisches Bild ge-\nstaltet werden: durch die Beziehungen der\nWortwerte im Rhythmus und ihrer begriff-\nlichen Übertragung im optischen Wert.\nDurch Beschreibung von Gegenständen und\nBenennung von Gefühlswirkungen kann\nauch assioziativ nie ein Kunstwerk entstehen.\nNach dem Stand der bisherigen Unter-\nsuchungen braucht wohl nicht noch einmal\nbewiesen zu werden, dass dieses neue\nMeistergedicht ohne jeden rhythmischen\nWert ist, dass nicht einmal ein Versuch zur\nGestaltung des inneren Rhythmus vorliegt.\nAuch die metrische Gliederung ist völlig\nmechanisch. Der Vers wird nach der be-\ntonten dritten Silbe abgebrochen. Es wird\nauch nicht der geringste Wert darauf gelegt,\ndass die betonte Silbe wenn auch nur be-\ngriffsmässig betont ist. Man dichtet nicht\neinmal wie der Vogel singt. Denn der\nVogel singt nicht so, wie Dilettanten es\nhören. Jedenfalls zählt der Vogel seine\nTöne nicht, und wenn er sie schon zählt,\nempfindet er triebhaft, welche Töne zu be-\ntonen sind. Wenn die Dichter wirklich die\nSprache der Vögel verstehen würden, oder\ngar die Sprache der Töne, wären sie wenig-\nstens auf die katastrophale Verwechslung\nvon Metrik und Rhvthmik nie verfallen.\nDennoch: der verbildete Leser ist von\ndiesem Gedicht befriedigt. Es gibt Stimmung\nund gibt einen Sinn. Der Sinn ist sinnfällig,\ntrotzdem er Unsinn ist. Was kann man\nsich nicht alles darunter denken, dass der\nHimmel die Erde geküsst hat, dann die\nkalten Winde, die Störung der Liebe, der\nDichter, der sich wegen der Störung nun\ndurchaus auf das Ross schwingen muss und\ntrotz der Störung in die Winde berauscht\nhineinjauchzt. In solchen erhebenden Mo-\nmenten pflegt stets irgendwo eine Möwe zu\nschreien. Von der Möwe ist es nicht weit\nzum Meere, dem das Herz gleicht. Und\njedes Dichterherz ist eine Perle. Und wenn"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.9", "texte": "es nicht eine Perle ist, so ruht sie wenig-\nstens für es in der Tiefe des Meeres.\nSchliesslich muss auch ein Dichter einmal\nschlafen gehen, nicht ohne auch im Schlaf\ndas Meer rauschen zu hören. Dieses Ge-\ndicht ist ein typisches Gedicht. Es ist so-\ngar komponiert. Ich habe es nämlich in\nfünf Minuten aus fünf beliebigen Gedichten\nvon fünf beliebten Dichtern wieder einmal\nzusammengestellt. Die fünf Dichter heissen:\nJoseph von Eichendorff, Wilhelm Müller,\nEduard Mörike, Emanuel Geibel und Heinrich\nHeine. Der jüdische Geist hat sich ganz\nbrav emanzipiert. Also auch die nach-\nklassische Zeit hat keinen einzigen Wort-\nkünstler gehabt. Man wende mir nicht etwa\nNikolaus Lenau ein. Bitte:\n0 dann ist es keine Lüge\nDass im Schoss der Wellennacht\nIn verborgener Genüge\nEin Geschlecht von Menschen wacht\nDenke lieber, dass ein Freund\nDir getreulich steht zur Seite\nDer es gut mit Dir nur meint\nUnd Dir gern gibt sein Geleite\nDort auch darf der Freund nicht fehlen\nWie im hellen Sonnentag\nDem Natur ihr Leid erzählen\nDer mit ihr empfinden mag.\nDie zweite Strophe ist aus einem Neujahrs-\ngedicht der Botenfrau der Berliner Morgen-\npost, dafür sind die beiden andern Strophen\ngarantiert echte Lenaus. Die Botenfrau ist\nwenigstens optimistisch und glaubt noch\nan das Geleit. Hingegen:\nSo hab ich nun die Stadt verlassen\nWo ich gelebet lange Zeit\nIch ziehe rüstig meiner Strassen\nEs gibt mir niemand das Geleit\nMan hat mir nicht den Rock zerrissen\n(es wär auch schade um das Kleid)\nNoch in die Wange mich gebissen\nVor übergrossem Herzeleid\nDiese Besorgnis um einen Gegenstand des\ntäglichen Bedarfs bei übergrossem Herze-\nleid lässt auf jüdischen Geist schliessen.\nDafür ist aber das Gedicht von Ludwig\nUhland, der von Bartels als rasserein an-\nerkannt ist. Die Sache liegt aber viel ein-\nfacher. Uhland musste sich um das Kfeid\nsorgen, weil er sonst das Herzeleid nicht\nanbringen konnte. Und eines Reimes wegen\nlässt der Dichter manches nachsagen.\nFortsetzung folgt\n\nGedichte\nKurt Liebmann\n\nMondverweben\nDie linde Leise\nweint\nund leise\nleiser\nleis\nweiss schüchert Kuss\nverwelkt\nverweht die Narbe Fluch il = I\nzerflattern\n*\nschlattern\nSchiorr\nzerwehen\nAhn\nDas Ahnen starrt\nHart\nKnackt\nzerhackt\numzacken Schwanenflammen\nsilberirr\nflirrreigen\nflimm\numwinden\nschwinden\nschwimm\nDu schwimmst bleichleicher Wimmer\nSchrei\nDein Kopf zerschleiert\nSchlucken tieft\nund\nTiefen schlucken\nsinken\nsinken\nDu\nund\nstürzen\nsinken\nO\n0\n0\nDein Blut enttaucht\nDu\neinsamst Mond."}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.10", "texte": "Unter nächtlicher Landschaft\nVerwaistes Frieren gräbt sich aus der Erde\npresst meinen Fuss an seine Brust\nund\nweint.\nIch zittere zwischen Stern und Geige\nLippe streichelt abendlichen Berg\nDie rote Wolke landet weich in meinem Haar\nTon blinzelt Augen\nhuscht\nund\nhuscht\nund\nschläft.\nIch bin ein Schwanken zu den windver-\nweinten Gräbern\nFlüche tasten mich zu Tiefen\nDie Weiten mauern Dunkel\nsticken\nIch schreie Dich\nDu stehst am Teich der abendgelben Trauer\nund schlägst die Harfe Deiner Tränen\nnach mir\n0 Schatten Deines Schattens\nTanzschritt über Wolkenschollen\nSchluchten\nNacht\nIch küsse tief den bluten Mond von Deiner\nflötenbleichen Stirn\n0 Mond\nDu\nNacht.\n\nQualquallen ersticken\nSonnseide Augen spritzen Zergliihen\nZerstäuben\nZerfunken\nfunkeln die Wiesen Schaum\nSchaukeln\nUmsternen\nUmbluten\nUmblusten\nKlee-Blut der Raps\nfleischern Lupinen\nUmwilden\nwirr\nmeine Hände zerbarmen\nAugen Augen raubtiergelb Scheck reissen\nElektrisch\n• *\nzischeln hinab\nrisch\nMonde hinab\nbäh!\nGrinsen Zylinder\nweine den Schleier Gnade über deine Leiche\ngraue Matratze\nsamtner Esel streichellind\nMeer knattern die Haare\nMorfium im Kognak\nEinhundertundfünf Verletzte\nBrüste orgeln\nes schwenken die Schenkel\nröhren die Hirsche .\nDüfte Tempel tulpen Zerbrennen\n0 senken Sie den Sarg Stachel in Bauch\nschäumt Strasse Gieren Befruchtung\nkalt quietschen die Seile\ndas Hirnglas kreist\nProst!\nröcheln die Schnauzen Schnaps\nDer Untergang der Menschheit!\nKaroussel füttern die . Huren\nklirr\nseidesüss wimpelt Erfrechen\nwieselwild\nbrennen\numschlanken\numstechen\nMeine Brust gläsern leiert Erbarmen\nKauft Hampelmänner! Hampelmänner!\nDie Zungen zäh verrucht klebt grüne Katze\nOh lösender Strick\nMeteorkugel zersternt meine Hirne Schlamme\nwie bin ich sosehr tot\nDas Grab schaukelt den Atem — Kahn\nDu\nwir wollen die roten Teiche befahren\nRatten rascheln die Lungen\nOh wie sieden die Tränen die das Huren-\nbett weint\nNieder! Nieder!\nEntlöse Lieder\nPfauen deinen Haaren\nWeh Knall\nfratzen die Fressen\nEs würgt mich die Gosse.\n\nVerkrampft in roter Gasse\n\nWind frisst die Knochen\nKreischen scherbt\nZerwahnen schwefeln\nkratzen\nbröckeln\nder Schrei der Schrei\nschlurft Lache"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.11", "texte": "Lothar Schreyer:\nFarbform aus Bühnenwerk XI\nVierfarbendruck"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.12", "texte": "schluckt\nzerschleimt\nzerschliert\nUmducken zückt\ngemergelt siichten Flammen\nkrischen\nrissen\ndas Dunkel tulpt vertränte Hand\nweiss\nkeuschen Rosen\nMagdalene\nder Vorhang peitscht\nund\nBlöcke Donner keulen Uhren\nzerschlurren Beile\nblitzen gellen—\nund\ndiademen\nBlütenchor betweiner Füsse\nZerbrausen\nBrausen\ndie Kreuze knien\nKasteien Weihen\nschrill\nzückt das Blut\nzerweibt\nverrosten Fleische Höhnen\nLaterne überstülpt\nHvänenborsten\ngell\nfletschen Fenster Gieren\nzerstinken Eiter\nKitzeln Zitzen\nder Hurenhai\nzersägt zerbleckt\nschrei flackert roter Wagen Schädelschlamm\ndie Hirne garben\nZerknirschen\nSinken\nSuchen B Jll linKsi £S SS\nVerbeben\n-\nsternhoch\n-\nzerhetzen\nperlendes Ave\ndie Därme würgen\nich fresse die Steine\noh schlafschluchze Tränen\noh Kind.\n\nBriefe an Paul Westheim\nZur Geschichte des Sturm und des\ndeutschen Journalismus\n\nFünfter Brief\nMeine Schuld war es nicht, dass ein ein-\nziger, Ihnen mehr entglittener als von Ihnen\nverfasster Satz uns mehrere Briefe hindurch\naufgehalten hat, ohne seine Erledigung zu\nfinden. Da ich mir überdies die Freiheit\ngenommen habe, diese Erledigung durch eine\ngenaue Erörterung und Untersuchung Ihres\n„Fall Marc\" hinauszuschieben, so mögen Sie\ninzwischen vergessen haben, um was es geht,\nWir suchen Zeit und Ort, wo Sie Kandinskys\nEntwicklung aus der Banalität heraus an-\nerkannt haben. Finden wir nichts, so\nwerden Sie doch noch zugeben müssen,\ndass Ihr inzwischen berühmt gewordener\nSatz von Kandinskys Entwicklung keinen\nSinn hatte. Oder die Zeit ist wirklich ge-\nkommen, in der Sie wieder einmal einen\nStellungswechsel vornehmen — bon gr6\nmal gre. (Diese paar französischen Brocken\nwerden Sie jetzt hoffentlich verstehen.\nDenn ich nehme an, dass Sie durch Ihre\nengen Beziehungen zu französischen Ku-\nbisten in die Lage gekommen sind, ab und\nzu die Briefe jener Maler zu lesen, die Sie\nfrüher für Schmierfinken und Clowns ge-\nhalten haben.) Auch begreife ich wahr-\nhaftig nicht, wie Sie als Herausgeber des\nKunstblatts ohne die Anerkennung Kan-\ndinskys auf die Dauer auskommen wollen.\nNur dass Sie Ihre Anerkennung, wenn ich\nIhren verzwickten Satz doch noch für eine\nsolche halten muss, ich will sagen ausge-\nrechnet in dem Artikel unterbringen, in\ndem Sie Ihre unmotivierten Stellungsän-\nderungen quasi leugnen, das, Herr West-\nheim, das wäre eine Ungeschicklichkeit\nallererster Ordnung. Darum will ich zu-\nnächst lieber glauben, dass Sie gar nicht\nwissen, was Sie schreiben, oder dass Sie\nKandinskys Entwicklung doch früher ein-\nmal anerkannt und diese neue Stellung-\nnahme auch begründet haben. Bis jetzt\nsind wir leider über das Jahr 1913 nicht\nhinausgekommen und haben nichts gefun-\nden als wüste Beschimpfungen Kandinskys.\nVielleicht sagen Sie mir selbst, ob es sich\nlohnt, weiterzusuchen. Oder genügt Ihnen\nmeine Versicherung, dass ich zehn dicke"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.13", "texte": "Bände (leuischer Kunstkritik, schauerliche\nDokumente der Unzulänglichkeit, durch-\ngelesen und nichts gefunden habe, worin\noder wodurch Sie Ihre plötzlich veränderte\nAnschauung über Kandinsky auch nur\neinigermassen plausibel machen. Dass Sie\nin naher oder ferner Zukunft Hymnen auf\nKandinsky anstimmen werden, daran zweifle\nich schon heute nicht mehr. Wie nannten\nSie ihn kürzlich in der Frankfurter Zei-\ntung: „Eine problematische Erscheinung!\"\nSchlimmeres wollen Sie ihm also nicht\nmehr nachsagen? Von der problematischen\nErscheinung bis zum bewunderten Genie\noder wenigstens zur Aeusserung der Be-\nwunderung ist bei Ihnen bekanntlich nicht\neinmal ein Schritt. Aber wie es die\nSchildbürger nicht vertragen können, dass\nman ihnen etwas Kluges zutraue, so ver-\ndriesst es Sie, der Vernunft soviel nachzu-\ngeben, dass Sie Kandinsky nur eine pro-\nblematische Erscheinung nennen. Darum\nschreiben Sie schnell hinterdrein etwas vom\nAbklatsch Kandinskys, den Der Sturm aus-\nstelle. Aber wer seit zehn Jahren über die\nneue Kunst so schreibt, wie Sie es getan\nhaben, der könnte ein noch besseres Ge-\ndächtnis haben, als es das Ihrige ist, er\nwürde sich doch in Widersprüche ver-\nwickeln. Abklatsch von Kandinsky! So\netwas gibt es? Von einem Maler, der\nkunterbunt drauflospinselt, der schlechtes\nTunkpapier anfertigt, von einem solchen\nFratzen gibt es nicht nur einen Abklatsch,\nsondern ausserdem noch einen solchen,\nden Der Sturm ausstellt? Sapperlot, muss\nder Abklatsch schlecht sein! Armer Budolf\nBauer und wen Sie sonst noch zu diesem\nAbklatsch rechnen. Aber Sie, Herr West-\nheim, werden sogar eines Tages diesen Ab-\nklatsch preisen, und das sogar noch, bevor\nSie begriffen haben, worin sich Budolf\nBauer von Kandinsky unterscheidet. Und\ndarum darf ich nicht einen Augenblick\nzögern, festzustellen, wie Sie die „proble-\nmatische Erscheinung\" im Jahr 1916 ver-\nstanden haben, als Sie nämlich noch nicht\nglaubten, dass Laien in der Bewunderung\nund im Verstehen Kandinsky'scher Bilder\neinen so gewaltigen Vorsprung vor Ihnen\nhaben könnten.\n„Sein Akrobatentum hat etwas von der\nSuche nach dem perpetuum mobile. Er\nweist einem nach, weist einem sogar über-\nzeugend nach, dass eine Malerei rein\naus Farbenklängen eigentlich funktionieren\nmüsste. Aber da diese theoretische Malerei\neine Uebersteigung des Prinzips ist, da sie\nihm keine Möglichkeit mehr bietet, seine\nEmpfindungen zu objektivieren, so wird er\nnichtssagend für das Empfinden des Be-\nschauers. Seine Flächen, mögen sie Traum-\ngebilde eines noch so absoluten Malergeistes\nsein, werden gigantische Tunkpapiere.\"\nUnd ein Mensch, der so etwas schreibt,\nredigiert ein „Kunstblatt\". Ein Mensch,\nder sich einbildet, ein Maler objektiviere\nEmpfindungen, schreibt über Kunst! Ein\nMensch, der von Traumgebilden faselt,\nwagt es, von „Mitläufern\" zu reden, die\nDer Sturm ausstelle. Wer ist denn der\n„Mitläufer\"? Budolf Bauer, Neil Waiden,\nWauer und Goering? Oder etwa Sie? Ja,\nSie, Herr Westheim, Sie sind der Mitläufer.\nSie laufen seit einigen Jahren mit. Oder\nnein, Sie laufen ja gar nicht mit, Sie laufen\nhinterher. Alle paar Jahre laufen Sie hinter-\nher und verkünden den Buhm von Malern,\ndie Sie vorher auf jede Weise verkannt\nund geschmäht haben. Und während Sie\nso hinter denen herlaufen, die der Sturm\nzur Anerkennung gebracht hat, verkennen\nund schmähen Sie die Jüngeren, die Sie\nnach ein paar Jahren wieder anerkennen\nund preisen müssen.\nUnd damit, Herr Westheim sind wir so\nweit, dass wir einen Schritt weiter tun\nkönnen. Nur einen Schritt. Und nur einen\nSatz. Er heisst:\n„Auch wird man es da (gemeint war Der\nSturm und Herwarth Waiden) wohl kaum\nbegreifen, dass es nicht gerade die besten\nKritiker sind, die dumm und hartköpfig\neinem Schaffenden gegenüber bei ihrem\nVerdikt bleiben, eben nur — weil sie es\neinmal ausgesprochen haben.\"\nWenn ich diesen Satz mit jenem von Kan-\ndinskys Entwicklung vergleiche, so muss\nich sagen, dass Sie sich darin selbst über-\ntroffen haben, oder dass der erste Satz, der\nan Sinnlosigkeit seines Gleichen zu suchen\nschien, von dem zweiten doch noch über-\nboten wird.\nWenn der Anfang des Satzes: „Auch wird\nman es da wohl kaum begreifen\" nicht\neine blosse journalistische Bedensart ist, so\ngehört er mindestens zu den von Ihnen be-\nvorzugten Wendungen. Denn Sie bringen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.14", "texte": "Wanklmut\n{ j£t<zw*nJ\nHernarth Walden\n£/A"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.16", "texte": "sie an dieser Stelle schon zum zweitenmal\nin dem gleichen Artikel. Das erste Mal\nhielten Sie es für sinnlos, Waiden klar zu\nmachen, dass Künstler keine Maschinen\nseien. Jetzt zweifeln Sie, dass seine geistigen\nFähigkeiten ausreichen,einenWestheimschen\nSatz zu begreifen. Ich will Ihnen zeigen,\nwie ich ihn auffasse, und es darauf ankommen\nlassen, dass man, mich für einen schwer-\nfälligen Geist hält.\nSie geben also hier endlich zu, dass Sie\nIhre Stellung zu einzelnen Künstlern ge-\nändert haben. Und zwar geben Sie es\nendlich ohne umständliches Hin- und\nHerdrehen und ohne allzu vieldeutige\nWendungen zu. Im Beginn Ihres Artikels\näusserten Sie sich noch vorsichtiger: „Zweck\nder Bemühung ist, nachzuweisen, dass ich\nfrüher einmal eine andere Stellung zu\neinzelnen Künstlern eingenommen hätte.\"\nDieses „hätte\" habe ich Ihnen schon in mei-\nnem ersten Brief als eine grammatikalische\nUngenauigkeit nachgewiesen. Jetzt tun Sie\nmir wenigstens den Gefallen, diese Unge-\nnauigkeit selbst zu korrigieren. Denn ich\nnehme an, dass Sie sich hier in ein ganz\nbesonders günstiges Licht rücken wollen,\nindem Sie auf gewisse andere Kritiker zu\nschimpfen anfangen. Sagte ich schimpfen?\nNicht doch: indem Sie anfangen, gegen\nIhre Kollegen schwere Beleidigungen auszu-\nstossen. Sie möchten nicht, dass man Sie\nzu den dummen und hartköpfigen Kritikern\nzählt. Sie sind nicht von der Art. Sie\nändern Ihre Ansicht über ein-\nzelne Künstler. Und warum das?\nWenn ich Sie recht verstehe, weil Sie weder\ndumm noch hartköpfig sind, sondern klug\nund — kennen Sie ein Wort, wodurch das\nGegenteil eines Hartköpfigen erschöpfend\nzum Ausdruck käme. Das Gegenteil muss\numschrieben werden, etwa mit „ Schmiegsam,\nAnpassungsfähig\". Pardon, Herr Westheim,\nSie irren sich. Soweit bin ich noch\nlange nicht, wie Sie in diesem Augenblick\ndachten. Und was dachten Sie? Dass\nich die Worte „schmiegsam und an-\npassungsfähig\" recht boshaft und ironisch\ngemeint habe. Soweit bin ich noch nicht.\nIch denke mir bei den Worten das, was\nIhnen selbst als Gegensatz des „Hart-\nköpfigen\" vorgeschwebt haben mag. Aber\nda ist ein Haken. Warum nennen Sie einen\nKritiker, der bei einem „Verdikt\" bleibt,\ndum m? Ein Verdikt ist ein Wahrspruch,\nder Ausspruch einer Wahrheit. Sie nennen\nalso einen Kritiker, der bei der Wahrheit\nbleibt, einen Dummkopf. Da sehen Sie,\nwas für krauses Zeug Sie zusammenschreiben.\nDenn ich kann nicht glauben, dass Sie einen\nwahrhaftigen Menschen in allem Ernst als\neinen Dummkopf bezeichnen wollen. Oder\nmuss ich Sie doch so verstehen? Es wären\nwohl Anzeichen für eine solche Auffassung\nda. Aber so wahrscheinlich es auch sein\nmag, dass Sie wahrhaftige Kritiker für Dumm-\nköpfe halten, so kann ich doch nicht glauben,\ndass Sie dieses hier haben behaupten wollen.\nIch habe Sie in einem ganz andern Ver-\ndacht. Dass Sie nämlich entweder nicht\nwussten, was Verdikt auf deutsch heisst,\noder dass Sie sich wieder einmal eine Ihrer\nOberflächlichkeiten im sprachlichen Aus-\ndruck haben zu Schulden kommen lassen.\nSie sind nicht der erste Journalist, dem das\nVersehen mit dem Verdikt passiert. Die\nHerren, die von früh bis Abends und leider\nauch des Nachts, die deutsche Sprache ver-\nhunzen, dafür aber über August Stramm's\nsprachliches Urgefühl zetern, verstehen\nunter Verdikt schlechthin ein Urteil. Da\nsie den Ursprung dieses Wortes vielleicht\nkennen, im Wort selbst aber nicht mehr\nhören, so haben sie sich daran gewöhnt,\nunter Verdikt ein Verdammungsurteil\nzu verstehen. Und ich habe die Herren\nund also auch Sie, Herr Westheim, ausser-\ndem in dem Verdacht, dass die vier ersten\nBuchstaben des Wortes Verdikt kraft\neiner konfusen Assoziation mit dem Wort\nVe r d ammung die missbräuchliche An-\nwendung verschuldet haben. Fangen Sie\nan zu merken, Herr Westheim, wie klug\nich bin? Dass ich sogar herausfinde, was\nSie mit Ihrem Galimathias eigentlich haben\nsagen wollen: Dass Sie mit „Ver-dikt\" recht\neigentlich das Gegenteil des Wortes meinten,\nnämlich ein False Diktum. Einen Falsch-\nspruch. Denn was anderes kann das Ver-\ndikt gewesen sein, wenn diejenigen, die\ndabei bleiben, Dummköpfe sind? Aber viel-\nleicht werden Sie versuchen, mir durch\neine Hinter- oder Nebentür zu entwischen.\nVielleicht werden Sie behaupten wollen,\ndass Sie sich der Bedeutung des Wortes\nVerdikt durchaus bewusst gewesen seien.\nUnd ich bin wiederum so klug, dass ich\nsogar diesen Einwand verstehe. „Bei ihrem"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.17", "texte": "Iwan Puni: Zeichnung"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.18", "texte": "Verdikt\" soll heissen: bei der Verurteilung,\ndie sie früher einmal für Wahrheit hielten.\nAber machen Sie sich nicht viel Hoffnung\nauf eine solche Auslegung. Denn erstens\nsprechen Sie von sich aus, und nicht vom\nStandpunkt der Dummen und Hartköpfigen.\nUnd ausserdem nehmen Sie ja an, dass die\nDummen und die Hartköpfigen wissen,\ndass ihr vermeintlicher Wahrspruch falsch\nwar: „eben nur, weil sie es ein-\nmal ausgesprochen haben.\" Die\nHartköpfigkeit soll also der einzige Grun;l\ndafür sein, dass diese Kritiker bei ihrem\nfrüheren Urteil bleiben. Und daraus würde\nsich ergeben, dass ihre Dummheit gerade\nin dieser Hartköpfigkeit besteht. Soweit\nalso, Herr Westheim, habe ichSie verstanden.\nWas aber wollen Sie mit dem ganzen Satz\nsagen? Gott behüte, dass Sie auf bestimmte\nKritiker anspielen. Oder wollen Sie im\nErnst behaupten, dass es solche Kritiker\ngibt? „ . . . dass es nicht die besten Kritiker\nsind, die ...\" Dieses „sind\" kann nur\nheissen :es gibt solche Dummköpfe. Kritiker,\ndie zum Beispiel noch heute auf Kandinsky\nschimpfen, um bei Ihrem eigenen Beispiel\nzu bleiben. Aber freilich sollen nur die-\njenigen nicht die besten Kritiker, sondern\nDummköpfe sein, die auf einen Schaffenden\neinzig aus dem Grunde schimpfen, weil sie\nfrüher einmal auf ihn geschimpft haben.\nUnd da sehen Sie, in welche Verlegenheit\nSie mich bringen. Wie soll ich einem\nKritiker nachweisen, dass er nur aus einem\nsolchen Grunde bei seinem ehemaligen\n„Verdikt\" zum Beispiel gegen Kandinsky\nbleibt? Wird nicht jeder behaupten, dass\ner seine guten Gründe habe? Ja, wer wüsste\nbesser als Sie, dass jeder, der schimpft, be-\nhauptet,! er habe seine Gründe? Zweifle ich\ndenn daran, dass Sie Kandinskys Malerei\nwirklich nicht begreifen? Zweifle ich bei\nirgend einem, der wertvolle Kunstwerke\ntadelt, dass er wirklich nichts von Kunst\nversteht? Herr Westheim, ich frage Sie\nnoch einmal: Gibt es wirklich Kritiker,\ndie auf die neue Malerei nur deswegen\nschimpfen, weil sie es früher einmal getan\nhaben? „ . . . eben nur, weil ...\" Das\nheisst: sonst haben sie keine Ursache zu\ntadeln. Sie haben inzwischen eingesehen,\ndass ihr früherer Tadel ein Irrtum war,\naber sie tadeln weiter, dumm und hart-\nköpfig, eben nur, weil sie früher ein-\nmal getadelt haben. Ich gebe Ihnen mein\nWort, Herr Westheim, dass ich nicht einen\nKritiker nennen könnte, dem ich eine solche\nDummheit, Hartköpfigkeit und darum\nschuftige Niederträchtigkeit zutrauen dürfte.\nAuch Ihnen nicht. Dafür trauen Sie anderen\nKritikern so etwas zu. Behaupten, es gibt\nsolche Kritiker. Denn hier kann ich Ihnen\nnicht einmal zu Hilfe kommen, um Ihnen\naus den Schlingen Ihres Satzes herauszu-\nhelfen. Ich kann Ihnen nicht zu der Be-\nhauptung raten, das Ganze sei etwa von\nIhnen nur hypothetisch gesagt gewesen.\nDafür haben Sie sich zu positiv ausgedrückt.\nUnd was wichtiger ist: in einer hypothetischen\nAuffassung bricht Ihr ganzer Satz als eine\nvollkommene Sinnlosigkeit zusammen. Er\nwürde hypothetisch so lauten: „ . . . dass\nes nicht gerade die besten Kritiker wären,\ndie usw.\" Dieses würde heissen: Es gibt\nzwar keine solchen Kritiker, aber wenn\nes sie gäbe, wären sie nicht gerade die\nbesten. Eine solche geringfügige Weis-\nheit braucht ein leidlich vernünftiger Mensch\nnicht erst niederzuschreiben: dass nämlich\nein dummer, hartköpfiger Kritiker, der\nwider sein besseres Wissen und Gewissen\nKünstler tadelt, also ausserdem noch ein\nLump ist, nicht als einer der besten Kritiker\ngelten könne. Selbst Sie, Herr Westheim,\nwürden das für so selbstverständlich halten,\ndass Sie sogar Waiden zutrauten, er könne\nes begreifen. Nein, ich kann Ihnen aus\nden Schlingen Ihres Satzes nicht heraus-\nhelfen. Sie haben ihn als positive Be-\nhauptung verstanden. Sie wagen es wirklich\nauszusprechen, es gibt solche Lumpen von\nKritikern. Und wenn ich Ihnen wieder-\nhole, dass ich dies aus voller Ueberzeugung\nnicht glaube, dann könnte ich Ihnen die\nVerantwortung für Ihre unerhörte Be-\nhauptung überlassen. Aber leider haben\nSie Ihrer Behauptung eine Vermutung\nvorausgeschickt, die nun zwar ihrerseits\nvon Ihnen hypothetisch gefasst, aber, wie\nich Sie verstehe, positiv gedacht ist. „Auch\nwird man es da (Herwarth Waiden) wohl\nkaum begreifen, dass Diese Ver-\nmutung rückt Ihren ganzen Satz erst in die\nrichtige Beleuchtung. Wenn Sie nämlich\nvermuten, dass Waiden Sie nicht begreifen\nwerde, so können Sie damit nur das Fol-\ngende gemeint haben. Erstens hält Waiden\nsolche dumme, hartköpfige Lumpen für die"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.19", "texte": "besten Kritiker. Und zweitens gehöre ich,\nPaul Westheim, nicht zu diesen schlechten\nKritikern, da ich ja meine Stellung zu ein-\nzelnen Künstlern geändert habe. Mit\ndem Ersten will ich mich nicht zu lang\naufhalten. Denn im Ernst glauben Sie selbst\nnicht daran, dass Waiden dumme, hart-\nköpfige und schurkische Kritiker für die\nbesten hält. Ihr Hauptkunststück ist Nummer\nzwei. Damit möchten Sie sich selbst ein\nZeugnis der Klugheit und der Nicht-Hart-\nköpfigkeit ausstellen und dafür allgemeinen\nBeifall verdienen. Nun will ich Ihnen gern\nzugeben, dass man Kluge und von Hait-\nköpfigkeit Freie nicht tadeln soll. Und\ndarum — und das ist Ihr Hauptkunststück\n— glauben Sie, Waiden müsse Sie loben.\nAber hat er Sie denn ein einziges Mal ge-\ntadelt, weil Sie ihm nicht hartköpfig genug\nerschienen? Hat er denn von Ihnen ver-\nlangt, dass Sie über die neue Kunst noch\ngenau so unfähig urteilen wie früher?\nOder hat er Sie gar getadelt, w7eil Sie jetzt\nzu einer besseren Einsicht gekommen wären?\nHat er Sie nicht vielmehr getadelt, weil Sie\nzu keiner besseren Einsicht gekommen\nsind und dennoch das von Ihnen heute noch\nnicht Verstandene loben, ja sogar sich als\nden Förderer und Beschützer der neuen\nKunst aufspielen? Sie tadeln Kunstkritiker,\ndie zu einer besseren Einsicht gekommen\nsind und trotzdem tadeln. Und ich sage,\nsolche Lumpen gibt es nicht. Waiden tadelt\nSie, weil Sie zu keiner besseren Ein-\nsicht gekommen sind und doch loben. Es\nsieht also eher so aus, als wären Sie der-\njenige, der nicht begreifen kann, was man\nihm seit Jahren vorhält. Aber es sieht\neben nur so aus. Denn ich mache keine\nsolchen Redensarten, als könne einer das\nEinfachste nicht begreifen, und wenn es\nein Westheim wäre. Es sieht nur so aus,\nals begriffen Sie Waldens Vorwürfe noch\nimmer nicht. In Wahrheit verstehen Sie\nihn ganz vorzüglich. Und nun sitzen Sie\nda und müssen Sätze von der Art des hier\nentlarvten und zerfetzten niederschreiben,\num vor Ihren Lesern die Rolle eines Mannes\nzu spielen, der anderen als Muster eines\nuntadeligen Kritikers dienen könne.\n\nRudolf Blümner\n\nAugust Stramm\n\nI\nVision gestaltete ihn so: Er hing blut-all-emp-\nfangende Schale in Fernen, die uns Wunder\nsind. War Mund des All-Einen: unmenschlich,\nunfassbar, überzeitlich, wirbel entstürzt. Glut\nkreiste ihn zu Ur-Schrei und Kraft. Er gab\nNamenlos-Gefesseltem die namenlose Bewegung.\nEr blühte, er glühte, er brach den Kosmos\nseiner Werke aus sich heraus und zerfiel. Fiel\nin die Arme der Erde, die er bestrahlte.\nDer Mensch war. Die Kunst ist. Gewalt be-\nfreiter Wort-Stürze, Grenzenloses erlöster Ge-\nstalt fauchen inakel masslos in Allheit und Tanz.\nKrystalleneKurve aufschwebender Wort-Gestalt\nverbiegt sich nicht vor Augenaufschlag ich-be-\nsel igten Gefühls.\nNicht höckern Reflexions-Pustel um Schlankheit\nsteigender Form. Psycho-Logismus seziert nicht\nden Rausch alogischen Seins. Nicht spritzen\nZuspitzungen anthropozenirisch-differenzierter\nSphäre: Spleen, Blague, Horla! Horla! Nicht\nbreitet sich Ziel: humanozentrischer Wille.\nHart stösst stahl-wilder Strahl unmenschlicher\nSchau. Des Seins Ur-Tanz enthoben. Entladung.\nKatarakt. Ungerichtet. Sinnlos. Nur in sieh\nselbst brennend. Gebändigt. Auftrieb. Trieb\nüber aller Materialität. Aetherisiert.\nII\nGeheimnis blutet auf in Dramas bogendem\nKreis. Mensch und All schwingen die Einheit\noffenbarender Ekstase.\nAlle Verkörperung menschlicher All-Sehnsucht\nin Merlin-Ahasver-Faust-Peer Gynt-Gestalten\nbetasten Totalität nur, die verworrener und\nqualvoller sich öffnet. Handlung (psycho-logisch\ngeleitet) zappelt fratzenhaft vor Grenzenlosigkeit\nbewegenden Rauschs.\nKreisend wächst die Erfüllung: Raum gegen-\nstandsloser Kunst wird Ausdruck des Ein-\nBrennens menschlich-schöpferischer Flamme\nin Ur-Feuer all-endloser Kraft.\nErste Dramen Stramm s bilden sich so: Gestalten-\nlose Bewegung umtanzt gestaltete Vision der\nGestalt. Hartpunktuelles, Konturen fallen.\nFliessendes durchstrahlt Körperhaftes. Herr-\nschend ist: Formung des Kreises der Schau, von\ndem zufällige Erscheinung Mensch ein kleinster\nTeil ist. Tat dieser Erscheinung wird nicht\nMotiv, Konflikt. Dynamisches Schwellungs-\nmass wird nur gesteigert. Die Kraft hinter\nKörper-Form stösst und bewegt. Stürzt in Tiefe\nund Höhe des Worts. Da beginnt tastende\nBewegung des Körpers ganz in unmenschliche\nLinie zu fliessen. Vor Einsturz in Anfang und\nEnde und Anfang und All blocken die Namen:\n„Erwachen\", „Kräfte\", „Geschehen\". Die blut-"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.20", "texte": "brüllenden, schattenlosen Biegungen, Auf-\nreckungen, Strahlen des Ich, des Du, des Wir\nschütten Worte, Ur-Schreie, die letzte Ballungen\nder Sprache, letztes Dichtmachen des Form-\nOrganismus bedeuten.\nDie Worte zischen, peitschen, hacken, quadern,\ntropfen mildesSehnen, speien Glut, verdämmern,\nsprühen Licht. Und haschen sich und halten\nsich; und streicheln,umarmen,beissen, morden\nsich: Der Tanz der Worte.\nDer Werke Adern sind mit Intensität bis zum\nBersten gefüllt. Die Menschen dialogisieren\nnicht. Werfen nicht Körper gegen Körper.\nSeele gegen Seele. Letzt-zusamniengepresster\nStrahl ihrer erlösten Gestalt spielt sie gegen-\neinander. Sie umkreisen sich nicht. Sind\nnicht an die Periferie der Bühne fixiert. Sie\nzücken und tanzen wie Schwerter. Zerhacken\neinander. Stechen. Schwirren. Biegen. Fliegen.\nUmeinen. Das Kraft-Spiel durchstösst mit\nFlammen und Flämmchen den Raum. Raum\nempfängt kubische Gestalt: Einfach. Alchimie.\nAugeundKreis. Schleier. Strahl entschleiernder\nErlösung.\n111\nKörperlos wächst Spiel des Geschlechts.\nDie Liebesgedichte „Da\" sind nicht erotische\nKonfessionen: Günther, Goethe, Conradi, Lilien-\ncron, Dehmel. Nicht Anbetungen der Madonna:\nNovalis. Nicht ist das Geschlecht barbarisch-\nbrodelnd besungen: Whitman. Nicht bleckende\nVerwesung: Skelett und Mors syphilitica: das\nWeib Felicien Rops. — Von purpurn welt-\nkreisenden Rhythmen gezogen sank Stramm\nin die Tänze des Du, Qual und Lust eines\nLiebesschicksals von allem Persönlichen ent-\nschlackend.\nDu ist nicht Leonore, Friederike, Charlotte\nvon Stein. Nicht Laura am Klavier. Nicht\nDaphne, nicht Chloe, nicht Nymphe, nicht\nBacchantin, auch nicht pomphaft Venus\nExcelsior, Venus Urania, Venus Heroica. —\nDu ist das Geschlecht selbst, schwingt die\nKurve des tiefsten Wissens über die Liebe, die\nwir in der Venus von Archipenko wiederfinden.\nTrieb-Rhythmen kreisen und pulsen.\nDie weiblichen Brüste rollen beherrschende\nKugeln über den Erd-Ball. Alles, was an Qual\nund Feier, an Quellkraft und Vernichtung für\nden männlichen Menschen in ihren Schächten\nbrennt, ist leidenschaftlich entmaterialisiert\ngestaltet. Besinnungslos geschieht der Sturz\nin Blutes Katarakt. Der Körper flammt. Die\nWelt erlischt. Tanz des Ich —Du schwebt\nzu Allheit. Wird All.\nIV\nStramm löste nur das von sich ab, was er als\nreinste Gestaltung des Gesichts erlebte und\nlitt. Er war sich der Gnade der Schau sehr\nhewusst und arbeitete, kondensierte, machte\ndicht, um seinem All-Erleben letzt-überzeitliche\nForm zu hämmern. Er war Fanatiker ewiger\nKunst. Er krümmte sich in Kasteiung und\nblutete vor Überwindung menschlicher Form.\nAber der Schrei des Martyriums verstummte\nvor dem beseligten Tanz der Vision. Nicht\nbrach aus ihm Klage über schmerzvoll wütend\ngeführten Kampf mit der Materie. Er liess sich\nnur glühend bezwingen von Flamme erfüllen-\nder Gestaltung. Bezwungen zwang er den\nRhythmus. Gehorchend befahl er dem Wort.\nEr sah den An fang der Bewegung. Und wirbelnd\nerlöst stürzte Bewegung in Schauer masslosen\nWerks.\n\nKurt Liebmann\n\nAus der Zeit für die Zeiten\n\nWein\nDurch die Zeitungen erfährt man, dass ein\nHerr Alexander Moszkowski siebzig Jahr\nalt geworden ist. Dieser Herr Moszkowski\nsoll allein sechzehntausend sogenannte\nWitze für die so genannten Lustigen Blätter\nverfasst haben. Das kann nicht nur der\ngeistige Herr Walter Rathenau fassen. Selbst\ndie engeren Kollegen geben Ehre, wer Witze\ngebiert. Der ältere junge Mann von der\nB. Z. am Mittag ernennt diesen Moszkowski\nzu Alexander dem Vielseitigen, damit die\nB. Z. am Abend ihn von Alexander dem\nGrossen unterscheiden kann. Der ältere\njunge Mann ist nicht in der Lage, die Ver-\ndienste gebührend verrechnen zu können.\nEr fordert für das werte Konto des Herrn\nMoszkowski einen „gründlichen Kenner der\nPhilosophie\", einen „Meister der Musik und\nder Musikgeschichte\", einen „Philologen\",\neinen „Meister der Vortragskunst\" und einen\n„Juristen\" für das meistgelesenste Buch der\nRechtswissenschaft, das der Siebzigjährige\neinst ebenso ernst wie heiter „Stuss im Jus\"\nnannte. Solange in Deutschland noch solche\nMänner siebzig Jahr alt werden, ist die\ndeutsche Tagespresse, nicht verloren. Um\nden vielbeschäftigten Lesern der B. Z. am\nMittag die Lektüre der Werke dieses Nestors\ndes Witzes zu ersparen, wird dem Jubilar\ndas Schlusswort erteilt. Zur ewigen Schande\ndieser Zeitanhänger mit Einschluss des\nHerrn Walter Rathenau und der beteiligten\ndeutschen Redakteure sei dieses Schluss-\nwort hier wiedergegeben:"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.21", "texte": "Wenn ick schon höre: Jubilar!\nDann wird mir koddrig janz und jar.\nDa quasseln welche fürchterlich\nUnd machen jenem miess vor sich.\nUnd sabbern ihn uf det Jedeck,\nUnd fressen ihm det beste weg,\nUnd erst wenn alle wieder raus,\nDann bricht der Mann in Jubel aus!\nIn der Gesellschaft dieses siebzigjährigen\nGrossmeisters brechen die deutschen In-\ntellektuellen in Jubel aus. Gute Mahlzeit.\nWeib\nDiese Gesellschaft geht auch auf Sylvester-\nbälle, nicht ohne hierzu durch Dichtungen\nnach Moszkowskiart eingeladen zu werden.\nDie Dichtungen sind eigens zu diesem\nZweck von den führenden Komponisten\nder Lebensfreude geschaffen worden. So\nsieht die Lebensfreude von Berlin aus:\nLeon Jessel:\nIhr wollt 'nen Vers, o Golt, da streikt mein\nSchädel,\nMein Notenköpfchen gibt nur Töne her,\nEs tanzt der Zinnsoldat mit meinem\nSchwarzwaldmädel,\nIch schlag den Takt dazu — was wollt ihr\nmehr?\nDas bewegt die Herzen aller Frauen von\nBerlin:\nVictor Holländer:\nSilvesterball — was soll ich dazu sagen?\nDrum frag' ich meine alten Melodien,\nDa schwingt und klingt es und ich höre\nschlagen\nDie Herzen aller Frauen von Berlin.\nSilvesterfrohsinn, Narrheit, tolle Streiche,\nMan nimmt den Vorschuss auf die Seligkeit\nso gern.\nPackt nur das Zipfelchen vom Himmelreiche\nUndzolltApplaus dem bess'ren ält'renHerrn.\nDie deutsche Tagespresse möge sich diese\nGedichte für die betreffenden Geburtstags-\nfeiern der zukünftigen Nestoren sorgfältig\naufbewahren. Angenehme Ruhe.\nGesang\nHerr Gerhart Hauptmann ist zum deutschen\nKleinmeister ernannt worden. Zu diesem\nZweck ist eigens ein Verlag gegründet\nworden, der behauptet, seine Kunstwerke\nnur in der Auflage zu beschränken, sie\naber dafür kostbar auszustatten. Die Vossische\nZeitung ist bereits in der Lage, „den Klein-\nmeister\" der Grossmasse zu empfehlen.\nMan erfährt durch die Redaktion nicht nur,\ndass „unser grosser Dramatiker\" als Lyriker\nbegonnen hat, man erfährt auch wieso die\nWelt nichts mehr von dieser Lyrik weiss:\n„1885 schrieb Hauptmann einen Band Verse\n„Promethidenlos\". Er liess ihn aus dem\nHandel ziehen, „und die Welt weiss von\ndem Lyriker Gerhart Hauptmann nichts\nmehr\". Die Handelswelt ertrug diese Baisse\nin Lyrik mannhaft. Wenige spekulierten\ninsgeheim auf die lyrische Hausse: „Fein-\nhörige wollen den heimlichen Lyriker Ger-\nhart Hauptmann überall erkannt haben\".\nEr wurde aber nicht gehandelt. Auch die\nRedaktion der Vossischen Zeitung will nicht\nso feinhörig gewesen sein. Leise [Schwan-\nkungen des Marktes. Bis heute: „Heute\nbringen wir hier ein bisher unveröffent-\nlichtes Gedicht Hauptmanns\". Jetzt wird\nnicht mehr gemäkelt, jetzt wird gemäkelt,\nder makellose Lyriker wird erkannt: „Auf\nder Höhe seines dramatischen Schaffens be-\nginnt der Dichter Sonette zu veröffentlichen.\nEine lyrische Form also, die stets eigentlich\ndie lyrische Form der Grossen gewesen ist\n(Petrarca, Shakespeare, Goethe). Die hier\nabgedruckte Dichtung erscheint als erstes\nder Bücher der deutschen Kleinmeister\".\nEs ist entschieden undemokratisch, Verfasser\nvon Sonetten einmal zu Grossmeistern und\neinmal zu Kleinmeistern zu ernennen,\nnamentlich wenn sie auf der Hausse des\ndramatischen Schaffens stehen. Und wenn\ndie Lyriker Moszkowski und Victor Holländer\nzu m Sehl usswort kommen, hat ein Sonetterich\nerst recht das Recht sich auszuklingen:\nDie heisse Luft aus Süd, die finst're Wolke,\nDie schweigend über den Gebirgen türmet,\nErscheinet überfüllt mit diesem Volke!\nWo starrt der Fels, den dieses Heer bestürmet,\nVon Kriegern, die mit bösen Stimmen greinen\nWie Kinder, die ein Vater nicht beschirmet,\nUnd, statt zu kämpfen, Regentropfen weinen?\nHieraus könnte nun wieder der Grossdichter\nMoszkowski den philosophischen Witz von\ndem Vater ohne Regenschirm ziehen. Man\nweinet Regentropfen. Und statt zu kämpfen,\nwünscht man sich allseitig, gegenseitig\nfröhliche Ostern."}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.22", "texte": "Gedanke\nKönigsberger Allgemeine Zeitung: „Es ist\nwie ein Symbol, wenn zwei dieser Maler\neine Reihe ihrer Kompositionen ~nafure\nmorte\" (tote Natur) nennen: es ist in der\nTat etwas Totes, Abgestorbenes, was dieser\nArt anhaftet.\" So äussert sieh nicht ohne\nTiefe Königsberg über die Sturmausstellung\nfranzösischer Kubisten. Diese Stadt, in der\nzwar nicht der grosse Denker Stahl gestorben,\naber der spintisierende Kant geboren wurde.\nMan nennt das philosophieren nach Fritz\nStahl. Der deutsche Kunstkritiker sollie\nsich in der französischen Sprache nie über\ndas Wort Malheur hinaus wagen, sonst passiert\netwas, nämlich ein schlichtes deutsches Un-\nglück. .Es ist wie ein Symbol, wenn zwei\ndeutsche Maler eine Reihe ihrer Kompo-\nsitionen Stilleben (nature 111 orte) nennen:\nEs ist in der Tat etwas Stilles, Lebloses,\nwas dieser Art anhaftet. Es würde sich\ndaher empfehlen, wenn die Franzosen mit\nEinschluss ihrer Klassiker i hre natu res mortes\nin Sülleben und die Deutschen mit Ein-\nschluss ihrer Klassiker ihre Stilleben in\nnatures mortes umtaufen würden. Dann\nwird die Erklärung dieser Kompositionen\nso kompliziert, auf hochdeutsch konfus, dass\nstatt des lebenden Kant der tote Stahl nach\nKönigsberg abgegeben werden muss.\n\nHerwarth Walden\n\nIwan Puni: Zeichnung\n\nInhalt\nHerwarth Waiden: Kubismus in Stahl\nHerwarth Waiden: Kritik der vorexpressionistischen Dichtung / Fortsetzung\nKurt Liebmann: Gedichte\nRudolf Blümner: Briefe an Paul Westheim / Zur Geschichte des Sturm und des deutschen\n.Journalismus / Fünfter Brief\nKurt Liebmann: August Stramm\nHerwarth Waiden: Aus der Zeit für die Zeiten\nTour Donas: Zeichnung\nKurt Schwitters: Merzzeichnung\nLothar Schreyer: Färb form aus Bühnenwerk XI / Vierfarbendruck\nHerwarth Waiden: Wankelmut / Für Gesang und Klavier / Dichtung von August Stramm\nIwan Puni: Zwei Zeichnungen\nFebruar 1921"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.23", "texte": "VERLAG DER STURM/ G. M. B. H.\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRAS5E 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMusik\nHerwarth Walden\nGcsammelte Tonwerke\nDann / Vergeltung / Verdammnis / Werkli—3\nDichtungen von Else Lasker-Schuler\nFur Gesang und Klavier / Je 4 Mark 50 Pfennige\nBruder Licdcrlich / Werk 51\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nEntbietung / Werk 92\nDichtung von Richard Dehmel\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nZehn Dafnislieder / Werk 11\nZu Gedichten von Arno Holz\nFiir Gesang und Klavier / 15 Mark\nDie Judentochter / Werk 171 / 4 Mark 50 Pfennige\nAn Schwager Kronos / Werk 172\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nSchwertertanz / Werk 18\nFiir Klavier / 6 Mark\nDer Sturm / Heeresmarsch / Werk 21\nFiir Klavier / 3 Mark\nTanz der Tone / Werk 23\nFiir Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\n\nSturm-Kar ten\nJede Karte 70 Pfennigc\nNach Gemalden, Zeichnungen und Bildwerken\nfolgender Kiinstler:\nAlexander Archipenko 3\nRudolf Bauer 4\nFritz Baumann 1\nWilli Baumeister 1\nVincenc Benes 1\nUmberto Boccioni 2\nCampendonk 2\nMarc Cbagall 5\nRobert Delaunay 1\nLyonel Feininger 1\nAlbert Gleizes 2\nFernand Leger 2\nAugust Macke 1\nFranz Marc 1\nCarl Mense 1\nJean Metzinger 1\nJohannes Molzahn 2\nGeorg Muche 1\nGabriele Miinter 1\nNegerplastik 1\nOskar Scblemmer 1\nGeorg Schrimpf 1\nJacoba van Heemskerck 3 Kurt Schwitters 1\nHjerten-Grunewald 1\nAlexei von Jawlensky 2\nKandinsky 2\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\nGino Severini 3\nArnold Topp 1\nMaria Uhden 1\nNell Walden 1\nWilliam Wauer 6\nMarianne von Werefkin 1\n\nSturm' Ausstellungskataloge\nMit Abbildungen\nAlexander Archipenko Skupina\nMolzahn Gino Severini\nJe 90 Pfennige\nTour Donas — Nell Walden / Franz Marc\nJe 1 Mark 50 Pfennige\nErster Deutscher Herbstsalon Der Sturm 1913\nMit 50 Abildungen in Kupfertiefdruck\n3 Mark\n\nVERZEICHNJSSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japanpapier\nJeder Kunstdruck 7 Mark 50 Pfennige\nRudolf Bauer •\nSchwarz-Weiss-Komposition 14\nUmbcrto Boccioni: Abschied / Die Abfahrenden\nDie Zuriickbleibenden\nCampendonk: Zeichnung\nMarc Chagall: Interieur / Der Jude / Der Geigen-\n'-spieler/ Die Schwangere / Essender Bauer/Madchen\nRobert Delaunay: Der Turm\nLyonel Feininger: Klein Schrnidthausen\nMark Wippach II\nJacoba van Heemskerck: Bauin / Landschaft\nKandinsky: Zwei Zeichnungen >\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm ; |\nOskar Kokoschka Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos / 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\n4 Richard Dehmel/5 Paul Scheerbart/6 Y vetteGuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nFernand Leger: Akt\nFranz Marc: Katzen\nJohannes Molzahn: Zeichnung\nGino Severini: Tango argentino\nWilliam'Wauer: Sehnsucht / Tanz\nFarbige Ku nstdrucke\nJedes Blatt 9 Mark\nMarc Chagall: Interieur / Aquarell\nMarc Chagall: Kutscher / Aquarell\n-\nMarc Chagall: Akt / Aquarell\nAlbert Gleizes: Gemalde\nReinhard Goering: Aquarell\nJacoba van Heemskerck: Landschaft / Gemalde\nKandinsky: Aquarell 4 / Aquarell 6\nPaul Klee: Spiel der Krafte einer Landschaft\nFernand Leger: Kontrast der Formen / Gemalde\nFranz Marc: Pferde / Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nNell Walden: Aquarell\n\nSturm'Buchhandlung\nBerlin W 9 / Potsdamer Strasse 138 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nStSndige Graphische Ausstellung\nder Kiinstler des Sturm\nMonatlicher Wechsel / Freier Eintritt\nFebruar: Campendonk / Gesamtschau\nVerkauf guter Bucher und Kunstdrucke\nDie Buchhandlung wird unter kiinstlerischer und\nliterarischer Aufsicht der Leitung des Sturm gefiihrt"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210205-01.1.24", "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen / Verantwortlich für die Schriftleitung: Lothar Schreyer\nVerlag Der Sturm G. m. b. H. / Berlin W 9 / Druck: Druckerei für Bibliophilen / Berlin NO 18\n\nKUNSTAUSSTELLUNG DER STURM\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / AM POTSDAMER PLATZ\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von 11—2 Uhr / Monatlicher Wechsel\nVierundneunzigste Ausstellung\nFtinfundneunzigste Ausstellung\nFebruar 1921\nW&rz 1921\nIwan Puni / Petrograd\nAlexander Archipenko\nEroffnang: Sonntag, den 27. Februar 192L\nTageskarte 2 Mark\n\nSTURM'ABENDE Jeden Mittwoch 73/4 Ufy* in der Kunstausstellung Der Sturm\n' \" ' ' \\ ! ' . '\n***\nStandige Mitwirkende: Rudolf Bltimner / Rezitation\nHerwarth Walden / Musik\nKarten 8, 6 und 4 Mark an der Abendkasse und im Vorverkauf Sturm-Buchhandlung / Potsdamer Strafie 138 a\n\nDer Sturm / Berlin\nAuswartige Ausstellungen Janttar\nRom / New York\nApril: Paris\n\nDer Sturm iibernimmt die Veranstaltung von\nSturm-Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel-\nausstellungen) in alien StSdten und Landern.\nDer Sturm vermittelt nur den Verkauf von\nWerken der Kunstler, die er durch eigene Aus-\nstellungen anerkennt.\n\nStandigc Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. H.\nPotsdamer StraBe 134 a, Gartenhaus r. II\n\nNeuanzeigen Dcr Sturm\nSturm'Bilderbticher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nIV. Kurt Schwitters\nEinfiihrung von Otto Nebel\n15 Mark\nV. Maler des Expressionismus\n15 Farbdrucke: Kandinsky / Chagall tlsw.\n66 Mark\nFarbige Kunstdrucke\nAlexander Archipenko: Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nJe 9 Mark\nRudolf Blumner\nDer Geist des Kubismus und die Kiinste\nMit Abbildungen\n15 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der Menschenliebe\nZweite Auflage\n12 Mark"}]}