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Nicht\nnur die Dichter werden in Klassen einge-\nschult, auch die Dichtungsformen werden\nin Fächer verteilt. Die Dichtung hat be-\nkanntlich drei Fächer: Drama, Epik und\nLyrik. Es wird gelehrt, dass das Drama\ndie höchste Kunstform sei, die Epik ziemlich\nhoch, namentlich wenn sie sich mit ge-\nschichtlichen Stoffen drapiert, während die\nLyrik mehr für das Proletariat der Dichter\nist. Eigentlich zählt ja für die Intellektuellen\ndas Proletariat nicht mit. Nur weil einige\nDramatiker die Liebenswürdigkeit hatten,\nsich in ihren Mussestunden mit Gedichten\nzu befassen, ist diese Kunstform anerkannt.\nSolide Dramatiker haben ihrerseits auf die\nLyrik verzichtet. Sie waren von ihren Auf-\ngaben so erfüllt, so brave Schüler ihres\nTalentes, dass sie sich mit Spielereien nicht\nabgeben konnten. Selbst Goethe hat meistens\nnur Gelegenheitsgedichte verfasst. Schiller\nhat diese Spielereien durch den sittlichen\nErnst des Materials, nämlich Fabel und\nGeschichte, gehoben. Die Romantiker haben\nsich bekanntlich vergebens am Drama ver-\nsucht. Die Form war ihnen eben zu hoch.\nRecht schlimm steht es auch um die Epik.\nGoethe hat sich mit dem Roman und der\nNovelle befasst, sogar mit reiner Epik,\nSchiller hat es wenigstens zu einem Frag-\nment gebracht und Heinrich Heine hat das\nFeuilleton erfunden.\nAlso das Drama ist die höchste Kunstform.\nDiese Kunstform unterscheidet sich von der\nLyrik sichtbar darin, dass eine Wortzeile\nimmer bis an das Ende des Druckspiegels\ngeführt wird. Es fällt also auch die will-\nkürliche metrische Einteilung fort. Die\nmetrische Einteilung wird sogar dadurch\norganisch. Denn hinter das Ende einer\nZeile kann man nichts mehr setzen. Für\ndiese Art der Einteilung hat man das Fach-\nwort Prosa erfunden. Nun wird zwar vom\nDichter verlangt, dass er nicht prosaisch\nsei. Trotzdem ist diese Prosa das Mittel\nder höchsten Kunstform. Die Forderung,\ndass der Dichter nicht prosaisch sei, bezieht\nsich nur auf den Inhalt. Die Form ist\neben für die Deutschen eine Spielerei und\nauf die Spielerei kommt es eben nicht an.\nHingegen der Inhalt stellt seine Forderungen.\nDas Drama muss nämlich veredelnd oder\nbesser noch versittlichend wirken und wird\nzur Belohnung in der bekannten moralischen\nAnstalt, dem Theater, sichtbar gemacht. Es\nwird gelehrt, dass die Träger der Kunst-\nform Drama Menschen sind. Zur Zeit der\nKlassiker müssen es edle Menschen sein,\nunedle Menschen dürfen nur insoweit ver-\nwandt werden, als sie durch ihre Schatten\ndie edlen Menschen im denkbar besten\nLicht erstrahlen lassen. Die neuere Kunst-\nkritik gestattet auch die natürlichen Menschen\nbis hinunter zum Lumpenproletariat. Die\nnatürlichen Menschen scheinen also offenbar\nandere Gattungsgeschöpfe als die edlen\nMenschen jener grossen Dichtungszeit zu\nsein. Und da man von der Natürlichkeit\nder Menschen dieser Gegenwart des Dramas\nso entzückt ist, muss man schon den Schluss\ngestatten,dass die edlen Menschen jener klassi-\nschen Zeit unnatürlich gewesen sind. Die\n• •\nKlassiker müssen etwas Ahnliches selbst\nempfunden haben. Denn sie gaben alle sogar\ndie prosaische Form auf und wandten die ge-\nhobene Sprache an,wie man sich feierlich aus-\nzudrücken beliebt. Diese gehobene Sprache\nunterscheidet sich von der Prosa dadurch,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4476, "texte": "Dass man die Silben der Wörter nachzählen\nkann und die Zählung zum grössten äs-\nthetischen Ergötzen stets fünf ergibt. Wenn\neinem grossen Dichter nicht zehn Silben\nfür eine Zeile eingefallen sind, hat er nach\nAnsicht der Schriftgelehrten eben einen\nFehler begangen, der unter allen Umständen\nzu tadeln ist. In Anbetracht des sonstigen\nFleisses des Schülers, des Dichters, werden\ndiese Fehler wohlwollend als Licentia\npoetica bezeichnet. Dichter sind eben keine\nprosaischen Menschen, es muss ihnen daher\ndie Freiheit gegeben werden, gelegentlich\neinmal nur bis drei zählen zu brauchen.\nHiermit ist aber der Reichtum der gehobenen\nSprache noch nicht behoben. Jede Zeile\nmuss nämlich fünf betonte Silben enthalten,\nwodurch sich die Kunstform des Dramas\nallerdings erheblich der Spielerei der Lyrik\nnähert. Auf diesem niederen Gebiete treibt\nman bekanntlich eben solche Scherze. Die\ngehobene Sprache ist also metrisch gegliedert.\nDa man aber laut Vorschrift die unbetonten\nSilben nicht zu zählen braucht, scheint also\nauch der Begriff des Rhythmus im Drama vor-\nhanden zu sein. Die Wesensverwandtschaft\nmit der Lyrik lässt sich immer schwerer\nverleugnen. Nur kommt es dem Dramatiker\nnicht auf den inneren Rhythmus an. Dem\nLyriker allerdings auch nicht, wie festgestellt\nworden ist. Aber wir wollen uns nicht in\ndie Kleinlichkeiten der formalen Spielerei\nverlieren, wo es sich um weit ernstere Dinge\nhandelt. Vor allem einmal handelt. Denn\nDrama heisst Handlung und die Träger des\nDramas, die Menschen, erkennt man be-\nkanntlich am besten beim Handeln. Die\nhöchste Kunstform hat selbstverständlich\nnur mit ersten Handlungen zu tun. Mit\nedlen Handlungen. Was ist eine edle Hand-\nlung. Da man die Menschen nach Ansicht\nder Seelenforscher, zu deutsch Psychologen,\nam besten an ihren Handlungen erkennt,\nwird es am besten sein, die Handlung eines\nechten Dichters zu untersuchen, um uns\nauf die Vorstellung einer edlen Handlung\nbesserer Menschen einzustellen. Da zu einer\nHandlung immer mindestens zwei gehören,\ntreten im Drama verschiedene Personen\nauf, wie man sich literarisch ausdrückt. Die\nmonumentale Wirkung wird dadurch er-\nreicht, dass möglichst viele Personen auf-\ntreten, was immer einen Masseneindruck\nhervorruft. In reiferem Alter, wo es die\nMasse nicht mehr so macht, begnügt sich\nder Dramatiker mit weniger Personen. In-\nfolge seiner geklärteren Weltanschauung\ngibt er das Volk auf. Das Volk ist in dem\nZeitalter der Humanität stets peinlich als\nStaffage empfunden worden, das man eben\nmitnimmt, weil es nun einmal auf der Erde\nist. Das Volk spricht im Drama auch stets\nim Chor und zwar ensemble, weil es eben\nnicht so edle Gedanken wie die Personen\nhat. Das Gewaltige der dramatischen Kunst-\nform besteht nun darin, dass der Dichter\nnicht etwa nur eine Person ist, sondern\ndass er so tun kann, als ob er alle Personen\nist. Vom Volk ganz zu schweigen. Er\nyerteilt wie ein gütiger Gott seine Gedanken\nin Prosa oder in gehobener Sprache auf\ndie einzelnen Personen und das Volk und\nhält eine anregende Vielsprache mit sich\nselber. Er ist der Typus aller Individualisten\nzusammengenommen. Er liebt wie die.\nJungfrau von Orleans, er kämpft wie Götz\nvon Berlichingen, er leidet wie Maria Mag-\ndalena, er träumt wie Torquato Tasso, er\ntötet wie Wilhelm Teil, er raubt wie Karl\nMoor, er schwärmt wie Marquis Posa, mit\ndrei Worten: er kann alles. Nichts Mensch-\nliches ist ihm fremd. Noch mehr. Er bringt\nIndividuen in Konflikte, soweit es die Ge-\nschichte nicht schon vorher für ihn getan\nhat und er löst sie wie ein gütiger Gott\ndurch den schlichten Tod. Dann nennt\nman es Tragödie. Wenn aber die Individuen\neinen modus vivendi finden, freut man sich\nallerseits, und die Komödie ist vollendet.\nDas alles wäre aber nichts, wenn der Konflikt\nnicht versittlichend wirkt. Deshalb muss\nSchiller dem deutschen Volke erhalten\nwerden, wenigstens so weit es aus gehobenen\nStänden besteht, die gewohnt sind, in ge-\nhobener Sprache zu denken. Schiller ist\nneuerdings zum Expressionisten ernannt\nworden, weil er unnatürlich ist. Und zwar\nvon denselben gehobenen Ständen, die den\nExpressionismus wegen seiner Unnatur ab-\nlehnen. Es gibt eben eine natürliche Un-\nnatürlichkeit. Sie heisst auf deutsch klassisch,\nist von sittlicher Kraft und wirkt veredelnd\nund erzieherisch auf das Mensch. Die Kunst\nspielt im Drama bekanntlich keine grosse\nRolle, sie wird nur durch die gehobene\nSprache hintenrum hineingelassen, an ihrer\nStelle treten ausser den Personen die sitt-\nlichen Eigenschaften auf."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4470, "texte": "Kein geringerer als Ludwig Bellermann,\neinst Direktor des Gymnasiums zum Grauen\nKloster in Berlin, hat uns Schiller mensch-\nlich näher gebracht. Auf das Künstlerische\nkommt es bei der höchsten Kunstform\nnicht so an. Bellermann hat alle Hände\nvoll zu tun, um Schiller menschlich zu\nrechtfertigen. Er wälzt zunächst Lessing\nherbei, der zwar nicht von Schiller, aber\nvon Shakespeare gesagt hat, man soll nicht\nkleinlich sein: „Mögen wir im gemeinen\nLeben glauben, was wir wollen, im Thealer\nmüssen wir glauben, was er will.\" Weil\ner nämlich Shakespeare heisst. Schiller\nverwendet nämlich in der Jungfrau von\nOrleans das Wunder. Lessing hat aber er-\nklärt, dass „das Wunder auf dem Theater\nnur in der physikalischen Welt zulässig sei.\"\nWenn Lessing das erklärt hat, da kann\nman halt nichts machen. Lessing hat noch\nmehr erklärt, nämlich, dass „in der mo-\nralischen Welt alles seinen ordentlichen\nLauf behalten müsse.\" Auch das hat Lessing\nerklärt. Und Herr Direktor Bellermann\nentschuldigt nun die Verwendung des\nWunders bei Schiller gegenüber dem furcht-\nbaren Lessing damit, dass Schiller „inner-\nhalb dieser Wunder seine Heldin durchaus\nnatürlich schildert, nur die äusseren Vor-\ngänge, nirgends ihr Charakter treten aus\ndem Rahmen des menschlich Verständlichen\nhinaus.\" So unmenschlich unverständlich\nist die Jungfrau von Orleans. Die Natür-\nlichkeit der Heldin, sagt Herr Direktor\nBellermann, ist „ganz und gar auf natürlicher\npsychologischer Grundlage erwachsen.\" Ich\nhatte bisher die Psychologie für den Versuch\neiner Erklärung des Seelenlebens gehalten.\nEs freut mich, durch Herrn Direktor Beller-\nmann belehrt zu werden, dass die Psy-\nchologie der Grund ist, auf dem natürliche\nHeldinnen trotz allen Wundern wachsen.\nWie ein Kornfeld auf der flachen Hand.\nLassen wir uns durch Herrn Direktor\nBellermann gleich in den bekannten Mittel-\npunkt des Konfliktes hineinführen, gehen wir\nden Leidenspfad an der Hand eines so be-\nrufenen Führers: der berühmte Konflikt be-\nsteht darin, dass „Berufung zur Befreiung des\nVaterlandes und Entsagung der irdischen\nLiebe wirklich innerlich und untrennbar zu-\nsammengehören.\" So peinlich es mir auch\nist, man kann nur sagen: Da staunste! Das\npsychologische Wachstum wird durch die\nfolgende psychologische Erklärung sagen\nwir destilliert: „Sie kann unmöglich die\nKriegerin des höchsten Gottes sein, also\nKraft und Geist vom Wirbel bis zur Zehe,\nund zugleich liebendes Weib, also schwach\nund hingebend. Das ist ein innerer unaus-\ngleichbarer Widerspruch. Das ist nicht\nwillkürlich erfunden, sondern aus der Natur\ndes menschlichen Geistes geschöpft, und es\nwird von Anfang an mit besonderer Schärfe\nhervorgehoben, weil auf diesem Punkt die\nEntwicklung der ganzen Tragödie beruht.*\n*\nDa hätten wir also den Punkt und können\nuns nun vom Punkt aus mit besonderer\nSchärfe entwickeln. Es liegt hier ein soge-\nnannter innerer Konflikt vor. Ein Mensch, der\nmit sich selber kämpft, weil er nicht immer\nkämpfen will. Schiller lehrt also, dass der\nMensch dem moralischen Lauf der Welt\nfolgend, nicht zugleich Kriegerin des höchsten\nGottes und liebendes Weib sein kann. Bei aller\nVerehrung für Herrn Direktor Bellermann\nmuss doch zugegeben werden, dass Schiller\nnicht so dumm gewesen ist, wie Herr Direktor\nBellermann glaubt. Wenn es Schiller auf\ndie Tatsache angekommen wäre, sozusagen\nzu beweisen, dass der Mensch nicht zugleich\nKriegerin des höchsten Gottes und liebendes\nWeib sein kann, dann wäre er schon lieber\ngleich Schuldirektor geworden. Es dürfte\nim allgemeinen auch Schuldirektoren\nund Universitätsprofessoren wenigstens aus\nihrem psychologischen Privatleben bekannt\nsein, dass kein Mensch andauernd lieben\nund kämpfen kann. Ueberhaupt pflegen\ndie Menschen nie zwei Tätigkeiten gleich-\nzeitig auszuüben. Und es scheint mir höchst\nunnatürlich zu sein, dass ein Mensch wegen\ndes bisschen Kämpfens nicht auch einmal\nlieben und wegen des bisschen Liebens\nnicht auch einmal soll kämpfen können.\nDer Konflikt scheint mir nach dieser Auf-\nfassung auch gar kein Konflikt zu sein. Denn\nwarum soll man nicht für einen Gott kämpfen\nund einen Menschen gleichzeitig lieben\nkönnen? Abgesehen davon, dass es einen\nKonflikt zwischen Kampf und Liebe nicht\ngibt, weil der Kampf eine Tätigkeit und die\nLiebe ein Trieb ist. Also Herr Direktor\nBellerman scheint sich auf einen falschen\nPunkt gestellt zu haben. Der Konflikt der\nTragödie liegt in dem Aufgeben einer Idee\nzugunsten einer Person. Nachdem dies\nrichtiggestellt ist, bleibt zunächst die Frage,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2407, "texte": "was diese Angelegenheit mit Kunst zu tun\nhat. Denn das Drama soll doch eine Kunst-\nform sein. Es ist weiter zu fragen, wenn\nman schon auf die Kunst verzichten will,\nwie dieser Konflikt dargestellt oder, noch\ndümmer gesagt, geschildert ist. Zunächst\njedenfalls so, dass selbst ein so hochge-\nbildeter Mensch wie Herr Direktor Beller-\nm°nn die Handlung für eine Idee und die\nIdee für ein psychologisches Wachstum\nhält. Bei aller noch so bescheidener An-\nwendung des Wunders, das nach Lessing\nzu verwerfen ist. Um gleichzeitig die sitt-\nliche Nutzanwendung Schillers vorwegzu-\nnehmen: der Mensch versuche die Götter\nnicht oder in ungehobener Sprache: Wer\nfür eine Idee lebt, muss auf das Leben\nverzichten, wenigstens soweit es sich um\neine Frau und um die Liebe handelt. Das\ndürfte man unnatürlich nennen, aberSchiller\nist eben Idealist. Und die Jungfrau von\nOrleans muss daran glauben. Worin be-\nsteht nun die sittliche Kraft dieser Tragödie?\nDarin, dass die Jungfrau so schwach ist\nzu lieben, oder darin, dass sie sterben muss,\nweil sie nicht glaubt. Und die versitt-\nlichende Wirkung besteht also darin, dass\ndie Menschen einsehen sollen, man möge\nnoch so fest für eine Idee kämpfen, schliess-\nlich muss man doch als Mensch daran\nglauben. Oder man wird erstochen, wenn\nman im Kampf den Glauben verliert, was\nsonst nicht vorkommen kann. Die ganz\ngrossen Strategen behaupten zwar, dass\nGott immer mit den stärksten Bataillonen\nsei, dafür gibt es aber hier das Wunder,\ndas wiederum des Glaubens liebstes Kind\nist. Also es reimt sich alles, nur fehlt die\nversittlichende Wirkung. Nun ist der un-\nnatürliche Mensch kein Mensch. Denn was\nman so beim Menschen unnatürlich nennt,\nwird wohl doch natürlich sein. Ich habe\nda einen gewissen Verdacht gegen die Psy-\nchologie, trotzdem sich recht ehrenwerte\nMänner ihrer befleissigen. Aber mit der\nPsychologie der Männer ist es recht schwach\nbestellt, da diese Lehre im seelenleeren\nRaum erzeugt wird. Um mich pädagogisch\nauszudrücken: die sittliche Frage kann nur\nin einer einzigen Form aufgeworfen werden.\nNämlich: wann und wie Triebe zu hemmen\nsind. Das ist so einfach, dass es Psy-\nchologen nie verstehen werden. Um nun\nendlich auf die Kunst zu kommen, die\ndurch den Konflikt verhindert wurde, da\nmuss ich mich an das Wort halten, wenn -\nes auch als kleinlich empfunden werden\nsollte. Aber auch den schönsten Konflikt\nkann man im Drama nur durch das Wort\nwahrnehmen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-03-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-03-05_01#c003", "volume": "bmtnabg_1921-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "51", "image_debut": 6, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.2.3", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Kurt Liebmann", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.6", "debut_caractere": 2428, "fin_caractere_exclue": 2932, "texte": "Gedichte\nKurt Liebmann\n\nZeit erstarrt\nWund\nT\nbäumt des Schreis schmerzhaster Rücken\nlastes All\nund\nweite klage Frage\n♦\narmt\nund\nsehnt\nzerbricht.\nHak\nkrallt\naus Seele Dickicht\nQualstern\nfahlt\nund\nzackt.\nMein Schweigen\nzitterwickelt sich in Atemangesicht\nverwebt\nund\nnachtenttroptt\nich winke meiner Seele suchem Kahn\nwahn\nlegt\nund\nahnumhascht\naschbluter Schatten\ngramzernagt\ndie Stundenschnur des Ewignichts\nmir um den Hals\nund würgt\nwürgt\nwürgt.\n\nBlute Verwandlung\n\nDie Krone meiner Hände\natmet\nperlenlied"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1297, "texte": "umkreisend\ntrillerzackverbebtes Schreiten\nDu.\nSchleichstreichel wieg\nweichwedelt\nseidig\nkuss\ndein Fuss\nriss\nknisternd\npalmenblute Qual\nin taumeitieren Abgrund\nhakt\nund\nspitzt.\n0 linden hin\nlind\nweheweich\nich stumme vor der Schale deiner Scham\nund\nblühe zaubres Blut mir auf die Lippe\nschrumpf\nfedern\nnicken\nstürzen\nSturz\nder Brüste Glocken sagen Abend\nlocken Blut\nund\ntaumeln Gold\nund\ngolden Echo\nirren Stirn\nhüpfklages Ich\nim Laub der Augen schlüpfend\nrot\ndurch Wölbung Haar\nzerflattern\nzittern\nwirr\nDu girrst\nund krallst\nversinken\nwölben\nsinken\ntreten\nBlut\ndie kleine Brust\nsingt tropf\ndas peitsche Lachen\nDu\nund\ntropf\nund\ntropf\nund\nbluter blinder N'ogel\nDu.\n\nSternklag\nYersehnter Schrei springt tiefenall\nund\ntiefenschl ueht\nund\nschluckzend\nsternt die Träne\nstarrt.\nMein Schwirren glüht Blühwesen Du\nirrtastend All\nund\nsuchen Blut\nBlut mondet Kreis\nKreis äugt die Zeit\nwir kreisen zerr\nvon unten\nfackle Hände Qual\nbohrt wimmle Nacht\nw reg\nsinken\nbiegen\nleiben\nSturz\nblüht Glocke Glas\ndie Wiese\nweiss\nich kniee Dich\nder träume Vogel zirpt im Diadem des Monds\nund\nfunkelt Tod\nBlut schneit die Leiche Blütenbach\nund\nplätscherbunt\ndein stirner Himmel reisst sich Kopf\nmich Kopf\nund mich\nund\nhebt\nund\nsehnt\nwirft Sonne mich\nzu wolkem Haar\nin deinem Auge ist ein Ton vor dem mein\nKnie zertaut\no Blume"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 765, "texte": "Du\nDich pflücken alle Schmerzen\nBlume ;\nBlut\nStich\nüber meinem Sinken\nsternl der Stern\nklagt\nMord\n>V • -\n\nGleiten\nRot wüstet Weh\nund\nwehe wüste\nwüstet\nwüst\no\nweh\no\nrot\nweh\no\nTrompete mannt\nDas Gleiten zieht\nund\nZiehen\nwebt\nvermaschen\nwinden\nStrahl\nhasch .\nbogen Bogen\nbiegen\nschaukeln\nSilber\ngleissen\nbeeren\nschatten\nbrücken\nstampfen\nSpeeren\nblitzen\nich fliege\nsiehst du meine Seele\ndie gloeke Halle\nblauer Sarg\nzerenden Tropfen\nsintern\nspitzen\n\" k j» *\nklammen\nEistrommeln Musik\nnun falle ich hinab\nhinab\nhinab\nin Klaghöhlen\nhohl\nder Ton\nTraumtlrachen grünen\ngezackt\nder Ritter\ntötet\nspringen in Wasser\nwallen\nlichten\nKerzen nonnen\nfackeln Orgeln\nfeiern\ntot\nich nackte unter Palmen\nbrüstegestreichelt\nlecken Löwen\nBienen\nGras\nSchlaf\nN ichtwiederer wachen\nGeliebte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-03-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-03-05_01#c004", "volume": "bmtnabg_1921-03-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.2.4", "titre_corps": "Briefe gegen Paul Westheim : Zur Geschichte des Sturm und des deutschen Journalismus", "titre_sommaire": "Briefe gegen Paul Westheim : Zur Geschichte des Sturm und des deutschen Journalismus", "signature_source": "Rudolf Blümner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.9", "debut_caractere": 767, "fin_caractere_exclue": 849, "texte": "Briefe gegen Paul Westheim\nZur Geschichte des Sturm und des\ndeutschen Journalismus"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.9", "debut_caractere": 867, "fin_caractere_exclue": 1718, "texte": "Nun muss ich gar damit beginnen, Ihnen\nein Kompliment zu machen. Ich hatte ge-\nhofft, wieder einen Schritt weiter tun zu\nkönnen in jenem Artikel des April-Heftes,\nder Ihr Verhängnis geworden ist. Aber Sie\nhaben mir einen Streich gespielt, indem Sie\nam Ende Ihres Januar - Kunstblatts einige\nBemerkungen veröffentlichten, die zwar nicht\ngezeichnet sind, die ich aber unter tausend\ngleich schlechten dennoch als die Ihrigen\nhätte erkennen müssen. Und Sie werden\nbald sehen, warum.\nDiese Bemerkungen stossen fürs Erste mei-\nnen Plan um. Und darum das Kompliment,\nDenn ich sehe aus diesen Bemerkungen,\ndass wir uns noch immer nicht verstehen.\nAber dieses ist, wie ich selbst bekenne,\neine blosse Redensart. Denn eigentlich sind\nnur Sie derjenige, der nicht versteht. Ich\nverstehe Sie ausgezeichnet. Oder, richtiger\ngesagt, Sie wollen nichrverstehen, — ob-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4390, "texte": "gleich auch das nicht das Wesentliche Ihrer\nentgegnenden Bemerkungen trifft. Denn wie-\nder verteidigen Sie sich gegen etwas, das man\nIhnen garnicht vorgeworfen hat. Goethe und\nHeine werden von Ihnen zitiert, um zu\nzeigen, dass auch sie keine Scheu getragen\nhaben, ihre Meinung zu ändern. Goethe\nund Heine! Welchen Wust von Verdreht-\nheiten muss ich da wieder hinwegräumen.\nWas ist das wieder für ein Durcheinander\nvon qui und quo! Von scheinbaren Miss-\nverständnissen und logischen Umdrehungen.\nWie oft soll ich Ihnen noch schreiben, dass\nIhnen niemand, auch Waiden nicht, vor-\ngeworfen hat, Sie hätten in Kunstdingen\nIhre Ansicht geändert, nur Ihre Ansicht\ngeändert. Geben Sie, ich beschwöre Sie,\nin Ihren künftigen Erwiderungen endlich\ndiese falsche Voraussetzung auf. Spielen\nSie nicht immer den zu Unrecht Gekränkten.\nWas hat Ihre ganze Erwiderung für einen\nSinn, wenn Sie die Vorwürfe nur zur Hälfte\noder weniger gehört haben wollen. Schriebe\nich nur für Sie, so könnte ich Ihre Bemer-\nkungen über Goethe und Heine und mich\nzu Ihren Akten. legen. Denn Sie wissen\nsehr gut, dass man Ihnen etwas ganz an-\nderes vorwirft als eine lumpige Ansichts-\nänderung in künstlerischen Dingen. Da Sie\naber vor Ihren Lesern so sonderbares Zeug\nausbreiten, sollen Sie so gründlich wie\nsonst von mir widerlegt werden. Ich will\nIhnen jetzt ein für allemal die Lust nehmen,\nIhren Fall als eine Bagatelle oder wohl gar\nals etwas Tugendhaftes hinzustellen.\nFürs Erste hätten Sie sich Ihre grossen\nklassischen Zeugen Goethe und Heine über-\nhaupt sparen können. Weil, wie Sie ent-\ndeckt haben, auch Goethe und Heine ge-\nlegentlich oder vielleicht sogar öfter ihre\nAnsicht in künstlerischen Dingen geändert\nhaben, wollen auch Sie das Recht haben,\n*\nin künstlerischen Dingen Ihre Meinung zu\nändern? Auch Sie? Auch? Goethe, Heine\nund Sie — und sonst niemand? Ausser\nIhnen dreien soll niemand das Recht haben,\nin künstlerischen Dingen seine Meinung zu\nändern? Hat nicht jeder Mensch das Recht,\nseine Meinung, jegliche Meinung zu ändern,\nalso auch in Kunstdingen? Ist es nötig, um ein\nsolches Recht zu beweisen, sich auf Goethe\nund Heine zu berufen? Wenn man einem\nMenschen zum Vorwurf macht, er habe\nein Geldstück geÄohlen, verteidigt sich dann\nder Beschuldigte mit den Worten, auch\nandere, sogar angesehene und berühmte\nMänner hätten gelegentlich Geld in die\nHand genommen.? Hatte man ihm\ndenn vorgeworfen, er habe Geld in die Hand\ngenommen? Sehen Sie: von dieser Art\nist Ihre wahrhaft klägliche Verteidigung.\nWas ist es, das der beschuldigte Dieb ver-\nschweigt? Erstens, dass man ihm nicht\nbloss vorgeworfen hat, er habe Geld in\ndie Hand genommen, und zweitens, dass\njener, auf den er sich beruft, berech-\ntigt war, das Geldstück in die Hand zu\nnehmen. Und was ist es, das Sie ver-\nschweigen? Erstens die Umstände, unter\ndenen Sie Ihre Ansicht geändert haben und\nzweitens die Umstände, unter denen Goethe\nund vielleicht auch Heine die ihrige ge-\nwechselt haben. Wie ist es nur möglich,\ndass ein erwachsener Mensch, der Sie doch\nsind, sich hinsetzt und beweisen will, man\ndürfe seine Ansicht ändern? Soll ich\nIhnen etwas vertrauen? Auch ich habe\noft im Leben meine Ansicht in Kunstdingen\ngeändert. Ich habe in früheren Jahren\nManchen und Manches bewundert und ver-\nehrt, das ich heute nicht mehr verehren\nund bewundern kann. Und wie wäre es\nanders möglich? Erweitert sich nicht der\nKreis der Kunstwerke, die wir kennen\nlernen, verengert sich nicht mit den Jahren\nder Kreis des künstlerischen Begriffs? Muss\nnicht ein Mensch, sei er selbst Künstler,\nsei er kunstempfänglich, Vielerlei, das ihm\ndurch Erziehung, Tradition oder Gewohn-\nheit in der Jugend als Kunst erschienen\nwar, später geringer oder garnicht als Kunst\neinschätzen? Lernt er nicht Vieles kennen,\ndass ihm unbekannt geblieben war, wodurch\nihm Früheres geringer oder als keine Kunst\nerscheint? Und muss das nicht ganz be-\nsonders denen so ergehen, die vor der Zeit\ndieser Kunstwende geboren und in diese\nZeit hineingewachsen sind? Und ist das\nnicht Alles selbstverständlich? Für Sie\nwohl nicht, Herr Westheim, da Sie sich\nerst auf Goethe berufen müssen, der als\nsehr junger Mensch, vom Anblick des\nStrassburger Münsters berauscht, die go-\nthische Baukunst über alles, auch über die\nitalienische Baukunst pries, aber später in\nsehr herabsetzenden Worten von ihr sprach,\nals er nämlich in Italien Palladios Bau-\nwerke gesehen hatte. Und solches, Herr"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4404, "texte": "Westheim, soll Ihrem Falle gleich sein?\nWas schreibe ich nun: dass Sie so etwas\nunmöglich selbst glauben können? Oder,\ndass Ihnen so etwas zuzutrauen ist? Iyn\njunger Mensch sieht ein gewaltiges Bauwerk.\nEr glaubt in ihm unerreichte Kunst zu er-\nblicken. Viele Jahre später sieht er andere\nBauwerke, und nun schätzt er diese höher\nein als jene. Verlangen Sie von mir, dass\nich die Stellen bei Goethe nachlese, oder\nist es Ihnen recht, wenn ich mit Ihren Zi-\ntaten vorlieb nehme? Was hat aber, wenn\nich mich mit ihnen begnüge, der Fall Goethe\nmit dem Ihrigen gemein? Hat etwa Goethe\nhinterher verschwiegen, dass er früher ent-\ngegengesetzter Ansicht war? Darüber erfahre\nich aus Ihren Zitaten nichts. Oder doch?\n. . „während er später in der „Italienischen\nReise\" so unvorsichtig war ..\" Ich tue Ihnen\nfreilich zuviel Ehre an, wenn ich Ihre Worte\nals von Ihnen überlegt behandle. Aber was soll\nich sonst mit diesem „so unvorsichtig\" an-\nfangen? Zwar möchten Sie mit diesem\n„unvorsichtig\" eine Spitze gegen mich oder\nWaiden richten. Wenn aber Goethe in der\n„Italienischen Reise\" oder an anderer Stelle\nseine frühere entgegengesetzte Ansicht nicht\nverschwiegen hätte, würden Sie dann noch\nsagen können, er sei unvorsichtig gewesen?\nWäre er dann nicht im Gegenteil so vor-\nsichtig gewesen, als man es irgendwie von\nihm verlangen kann? Indem er sich den\nVorwurf hätte ersparen wollen, dass er\nfrüher einmal ganz anderer Meinung ge-\nwesen sei? Allerdings meinen Sie, dass der\nMensch seine Ansicht ändern dürfe, ohne\neinen Vorwurf zu verdienen. Und ich habe\nIhnen darin mehr Recht gegeben, als Sie\nwünschten. Sehr richtig: Jeder hat die\nFreiheit, seine Meinung zu ändern. Wer\naber als Schriftsteller eine Meinung öffent-\nlich verkündet, der hat ausser jenem Recht\nauch die Pflicht, wenn er öffentlich das\nGegenteil schreibt, ebenso öffentlich zu be-\nkennen, früher in anderem Sinne geschrie-\nben zu haben. Ist er ein Schriftsteller, so\nwill er seine Ansicht Vielen oder Allen\nmitteilen, wenn er nicht gar wünscht, dass\ndie Vielen oder Alle sich zu seiner Ansicht\nbekehren. Erkennt er später seine Ansicht\nals falsch, hat er sich einer anderen, ihm\nwahrer dünkenden Auffassung zugewandt,\nso muss er in irgend einer Weise\nden Wechsel seiner Ansicht er-\nkennen lassen. Sonst lässt sich\nvon ihm vermuten, dass er die\neine Ansicht ebenso unbedacht\ngeäussert habe wie die andere.\nAber ich will mich, da Sie schwer begreifen,\nnoch deutlicher erklären. Ich beabsichtige\nnicht, festzustellen, ob Goethe in diesem Falle\nden Vorwurf verdient habe. Ich will Sie nur\ndaran erinnern, dass Goethe, Ihrer Kenntnis\nnach, den Zwiespalt seiner verschiedenen Auf-\nfassungen nicht bekannt hat, da Sie doch\nausdrücklich von seiner Unvorsichtig-\nkeit sprechen. Es wäre eine Ausrede,\nwenn Sie behaupten wollten, „unvorsichtig\"\nsei eine ironische Bemerkung, die sich\nausschliesslich gegen mich oder Waiden\nrichte. Denn Sie trauen auch uns nicht\nzu, dass wir einen Menschen unvorsichtig\nnennen, der mit Sorgfalt den Wechsel und\nden Zwiespalt seiner verschiedenen An-\nsichten erwähnt. Und nun, Herr Westheim,\nfrage ich Sie, — vorausgesetzt, dass Sie mir\nüberhaupt noch folgen können — zum\nzweiten Male: dieser Fall Goethe soll dem\nIhren gleichen? Worin denn? Da Sie\nsich doch etwas gedacht haben müssen,\nvermutlich nur darin, dass auch Goethe\nverschwiegen hat, als Schriftsteller\nverschwiegen hat, dass er gothische und\nitalienische Baukunst abwechselnd lobte\nund tadelte. Und da habe ich endlich\neinmal Ihr Eingeständnis, dass Sie über\ngrosse Kunstwerke heute lobend und mor-\ngen tadelnd oder heute tadelnd und morgen\nlobend geschrieben haben. Ganz wie Goethe.\nNicht wahr, Herr Westheim ? Und da man\nbekanntlich Goethe mit Haut und Haaren\nverspeist, da man ihn gefälligst ohne Kritik\nund ohne eigenen Verstand zu lesen, viel-\nleicht sogar seine oft unglaublich dilettan-\ntischen Ansichten über Kunst (besonders\nzahlreich in der „Italienischen Reise\") zu\nlesen und zu glauben hat, so ist ein Mann\nwie Sie, Herr Westheim, für eine Nummer\ndes Kunstblattes wieder einmal in der Mei-\nnung einiger Unwissender rehabilitiert. —\nGanz wie Goethe? Oder, was meinen Sie,\nHerr Westheim, vielleicht nicht ganz wie\nGoethe? Lassen Sie mich doch Ihre kri-\ntischen Publikationen sehen, in denen Sie\nein früheres wohlbegründetes Lob später\nzum Tadel gewendet haben. Ich kenne\nnur den anderen Fall. Dass nämlich Herr\nWestheim seit einigen Jahren lobend über"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4259, "texte": "das schreibt, was er früher mit wüsten\nSchimpfworten bedacht hatte, — um nicht\nzu sagen: was er früher aus künstlerischer\nUeberzeugung abgelehnt hatte. Und damit,\nSie armer Herr Westheim, gleicht Ihnen\nnicht einmal mehr der halbe Fall Goethe.\n„Dass der Italiener sich keiner eigenen\nBaukunst rühmen darf\" — klingt dieser\nAusdruck Goethes, den Sie zitieren, nach\nder Art Ihrer wüsten Schimpfworte,\nIhrer Beleidigungen, mit denen Sie vor\nJahren die neue Kunst empfangen hatten?\nEinen zwar völlig ablehnenden, aber mit\nAnstand geschriebenen Satz Goethes wagen\nSie mit Ihren befleckenden Ausdrücken zu\nvergleichen? War es die Absicht Goethes,\ndie italienische Baukunst der Verachtung\nund der allgemeinen Lächerlichkeit preis-\nzugeben ? Wollen Sie leugnen, dass\nes Ihre Absicht war, Kandinsky\nund Archipenko und die fran-\nzösischen Kubisten dem Ge-\nspött jenes Pöbels preiszugeben,\nder kulturlos und barbarisch\nM\ngenug ist, von Tageskritiken\nsich über Kunst informieren\nzu lassen? Goethe lehnte ab, was er\nnur aus Abbildungen kannte. Sie\nverhöhnten und verlästerten, was Sie in\nOriginalen gesehen hatten. Goethe\nlobte das Getadelte, als er es in Wirklich-\nj\nkeit sah. Sie fingen an, das Beschimpfte\nzu loben, als Sie ach, Herr Westheim,\nich überlasse es Ihnen, den Zeitpunkt an-\nzugeben. Mit Becht, Sie wissen es besser\nals ich. Nein, Herr Westheim, der Fall\nGoethe hat nichts von dem Ihrigen an sich.\nLassen Sie ihn aus dem Spiel. Denn wenn\nSie zum Schlüsse Ihres Artikels gar noch\nerkennen lassen, dass Goethe zu anderem\nUrteil kam, weil er etwas hinzugelernt\nhabe, so ist das wieder ein respektables\nZauberkunststückchen, dass Sie Ihren Lesern\nvormachen. Diese sollen glauben, Sie ur-\nteilten heute anders über die neue Kunst,\nweil Sie etwas hinzugelernt haben. Und\nSie beweisen durch jedes neue Urteil, dass\nSie nichts hinzugelernt haben. Nicht, weil\nSie ein Kunstwerk erkennen, loben Sie es,\nsondern weil es von Anderen anerkannt\nworden ist. Ueber das Nicht-Anerkannte\nurteilen Sie noch heute genau so unfähig\nwie einst. Nur, dass Sie in Heines Schriften\nbesser Bescheid wissen als ich, will ich\nIhnen glauben. Ich habe mich um diesen\nVersemacher und Witzbold nie viel ge-\nkümmert. Ich habe auch meine Ansicht\nüber ihn nicht geändert. Ich habe keine\nZeit und keine Ursache nachzuprüfen, ob\njener Komödiant im Becht oder Unrecht\nwar, als er Heine nachweisen wollte, dieser\nhabe über ihn einmal so und einmal anders\ngeschrieben. Wenn ihm aber — nach West-\nheim — Heine geantwortet hat, er werde\nin Zukunft erst seine Schriften durchlesen,\nehe er wieder über den Komödianten\nschreibe, so muss ich Heine Becht geben.\nEr hatte vermutlich in solchen Dingen ein\nebenso schlechtes Gedächtnis wie Sie, Herr\nWeslheim. Und es würde weniger törichtes\nZeug geschrieben werden, wenn alle Kunst-\nrichter diesen Bat Heines befolgen wollten.\nSo, Herr Westheim, das waren Ihre Fälle\nGoethe und Heine, mit denen Sie so viel\nwie nichts für Ihre Bechtfertigung getan\nhaben.\nWas Sie in Ihren „Bemerkungen\" um diese\nbeiden Fälle herumschreiben, sind Sätze,\nauf die ich nicht mehr Wert legen will,\nals Sie selbst. Ich sehe aus ihnen, dass\nSie nicht die Gewohnheit haben, Ihre Ar-\ntikel noch einmal durchzulesen. Wenn Sie\nschreiben: „Goethe hat es bekanntlich un-\nterlassen, für den Sturm Beklame zu\nmachen\", wenn Sie einen solchen Satz ver-\nfassen, der nicht das Niveau eines unbe-\ngabten Gymnasiasten erreicht, so ersehe\nich daraus, dass Sie auch keine Korrek-\nturen lesen. Selbst Sie würden eine solche\nBemerkung nicht für einen Witz gehalten\nund sich ihrer so geschämt haben, dass Sie\nihretwegen die ganze Nummer aufgehalten\nhätten. Und von ähnlicher Art ist ein an-\nderer Ihrer Sätze: „In der Form eines\nCourths-Mahler-Bomanes mit vielen pikant\nzugespitzten Fortsetzungen und höchst pie-\ntätvollen Stramm-Indiskretionen ......\"\n— Ich glaube diesen Satz auf mich und\nmeine an Sie gerichteten Briefe, die ich\nfortan lieber gegen Sie richten will, be-\nziehen zu dürfen. Aber ich befinde mich\nin der schwierigen Lage, mich nicht voll-\nkommen verteidigen zu können. Denn mir\nselbst steht ein Urteil über Ihren Vergleich\nnicht zu. Ich habe nie in meinem Leben\neine Zeile von Courths-Mahler gelesen und\nweiss darum nicht, ob mein Stil oder die\nForm meiner Aufsätze der seinigen gleicht."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4413, "texte": "Ich kenne den Namen nur aus stereotypen,\njournalistischen Bemerkungen, wenn näm-\nlich Ihresgleichen aus Mangel an sachlichem\nUrteil und stilistischem Ausdruck zu\nschimpfen anfängt. Ich nehme freilich an,\ndass die Schriften dieses Courths-Mahler\nrecht übel sind. Aber Ihr Vergleich taugt\ndennoch nichts. Denn ich sage Ihnen auf\nden Kopf zu, dass auch Sie diesen Courths-\nMahler nie gelesen haben, sich also gar\nkein Urteil darüber bilden konnten, ob ich\nin der Form dieses Skribenten schreibe.\nUnd ich wage sogar jede Wette, dass Sie\nes selbst nicht glauben. So könnten wir\nbeide leicht über diesen Satz hinwegkom-\nmen, wenn Sie nicht die Unvorsichtigkeit\nbegangen hätten, noch den schäbigen Witz\nvon „höchst pietätvollen Stramm - Indis-\nkretionen\" einzufügen. Sie nehmen sich\ndamit die Freiheit, auf einige Brieffragmente\nanzuspielen, die ich in meinem ersten an\nSie gerichteten Schreiben veröffentlicht habe.\n„Höchst pietätvoll\" heisst aus dem üblichen\njournalistischen Gewitzel übersetzt pietät-\nlos. Briefstellen, die ich veröffentlichte,\num den von deutschen Journalisten mass-\nlos besudelten August Stramm im Licht\neines Genies und eines grossen Menschen\nstrahlen zu lassen, — das nennen Sie pie-\ntätlos? — Oder haben Sie vielleicht den\nArtikel „Bemerkungen\" gar nicht selbst ge-\nschrieben, da er nicht gezeichnet ist? Dann\nfordere ich Sie auf, mir den Menschen zu\nnennen, der in Ihrem Blatt aus Reinheit\nSchmutz und aus Schmutz Reinheit macht.\nUnd der es wagt, da von Indiskretion zu\nsprechen. Solange Sie mir den Menschen\nnicht nennen, darf ich Sie für denjenigen\nhalten, der von Indiskretion spricht. Sie\nalso, der Sie vergeblich bei unsern Künst-\nlern herumstreichen, um „Fälle\" auszu-\nwittern, Sie, den man seit meiner Erör-\nterung Ihres „Fall Marc\" so gründlich kennt,\nSie getrauen sich noch immer, mir Indis-\nkretionen vorzuwerfen? Nun, Herr West-\nheim, ich werde Ihnen für immer die Lust\naustreiben, andere Leute, wer sie auch sein\nmögen, einer Indiskretion zu beschuldigen.\nNur will ich dabei so umständlich sein, wie\nman es nun schon an mir gewöhnt ist.\nNachdem ich im Oktoberheft des Sturm den\nersten Brief gegen Sie gerichtet hatte, hielten\nSie bereits die Zeit für gekommen, mit einem\nArtikel darauf zu erwidern, der im Wesent-\nliehen aus neuen Verdächtigungen und\nWiedergabe von Klatschereien bestand. Sie\nüberschrieben diesen Artikel: „Chagall, der\nfeindliche Ausländer\", weil Sie diesen „Fall\"\nfür die grosse Kanone hielten, die Sie ab-\nfeuern könnten. Ich meinerseits hielt damals\ndie Zeit noch nicht für gekommen, Ihnen\ndieses Machwerk aus Verdächtigungen und\nErzählung von Klatsch zu zerknittern.\nUnd auch heute müssen Sie sich damit\nbegnügen, dass ich nur einen Teil davon\nin meiner Weise erledige, nämlich gründlich,\nfür immer und wieder ohne Ehre für Sie.\nLeider auch ohne Ruhm für einen Anderen.\nSie nahmen sich in Ihrem Oktober-Artikel\ndie Gelegenheit, an die „Fälle\" Ihres April-\nHefts anzuknüpfen:\n„Es haben sich nämlich inzwischen bei mir\nnoch eine Reihe Künstler gemeldet, ge-\nwissermassen, um sich zu beschweren, weil\nsie nicht auch unter denen genannt waren,\ndie dem Geschäftsbetrieb des Herrn Waiden\nentlaufen sind.\"\nNun, Herr Westheim, es konnte Ihnen nicht\nschwer fallen, einige Künstler zu nennen,\ndie dem, was Sie den Geschäftsbetrieb des\nHerrn Waiden oder des Sturm nennen, ent-\nlaufen waren. Freilich nicht so sehr dem\nGeschäftsbetrieb, wie ich später\neinmal unter Beibringung einiger unvor-\nsichtiger Briefe beweisen werde. Dafür jedoch,\nwieSie es ganz richtig nennen, entlaufen.\nDa ich aber jetzt nicht in der Laune bin, Ihnen\nüber diese Entlaufenen einige Aufklärungen\nzu verschaffen, greife ich lieber da zu, wo\nSie selbst interessanter werden, indem Sie\nfortfahren:\n„Ein sehr bekannter Maler, der in Süd-\ndeutschland lebt, der künstlerisch Franz\nMarc sehr nahe steht, erst kürzlich zusammen\nmit Marc in Berlin ausgestellt wurde (falls\nes gewünscht werden sollte, kann der Name\nauch genannt werden; hier zu solcher\npädagogischen Unterweisung dürfte das ja\nunnötig sein), ein Künstler, den Der Sturm\nschon der Propaganda nach, die er jahre-\nlang für ihn getrieben hat, nicht zu den\nunwichtigsten gezählt haben dürfte, schreibt\nmir ganz spontan: „Die Abrechnungen\nstimmten immer. Das, was mich ver-\nanlasste, vom Sturm fortzugehen, war mehr\nder ekelhafte Betrieb mit Wauer, Neil Waiden\nund wie die Grössen alle heissen, und die\nFrechheit, mit welcher deren Produkte als"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4387, "texte": "höchste Kunst angepriesen wurde. Auch\nwurde mein Name ebenso wie der Name\nPaul Klee jahrelang benutzt, um eine Sturm-\nschule (die inzwischen nach Entfernung\ndieser Namen aus den Reklameankündi-\ngungen zur „Sturm-Hochschule\" avanciert\nist), vorzugeben. Jedenfalls habe ich keine\nStunde dort unterrichtet und bin auch nie\naufgefordert worden, es zu tun. Das alles\nsind — (folgt ein Ausdruck, den ich als\n• •\nlapidare Äusserung des Künstlerunmuts\nhier nicht hersetzen möchte) und ich bin\nglücklich, dem Sturm entronnen zu sein.\"\nDieses Schreiben spricht nun wirklich einmal\nin sehr verächtlicher Weise vom Sturm\nund seiner Tätigkeit. Und daraus sehen Sie,\ndass ich heute schon zum zweiten Mal in\nder Lage bin, Ihnen ein Kompliment zu\nmachen. Ja, Herr Westheim, da haben Sie\neinen guten Griff getan. Und welches Glück\nfür Sie, dass der Künstler Ihnen „ganz\nspontan\" geschrieben hat. Er wusste, an\nwen er sich zu wenden habe. Er kannte\nSie als einen Beschützer bedrängter Künstler\nund als einen Hort reinen künstlerischen\nStrebens. Und noch besser wusste er, dass\nSie seit einiger Zeit, wenn ich so sagen\ndarf, die Zentralstelle für Verdächtigungen\ndes Sturm geworden sind. Was ich Ihnen\naber früher einmal vorwarf, dass Sie jede\nLüge und Verdächtigung glauben, wenn sie\nnur gegen Waiden und den Sturm und, wie\nich hoffe, von jetzt an auch gegen mich\ngerichtet ist, einen solchen Vorwurf möchte\nich auf diesen „Fall\" nicht anwenden. Denn\nein sehr bekannter Maler, der in Süddeutsch-\nland lebt, der künstlerisch Franz Marc sehr\nnahe steht, mit einem Wort Campendonk\n— ich hätte noch eine Stunde vor der\nLektüre Ihres Artikels nicht sagen mögen,\ndass dieser bekannte, durch den Sturm\nbekanntgewordene Maler unglaubwürdig sei.\nUnd da es nur wenig Tatsächliches ist, was\nsein Schreiben enthält, so war Ihre Über-\nzeugung von seiner Glaubwürdigkeit auf\nkeine schwere Probe gestellt. Was sonst\nin dem Brief steht, das würde ich zwar\nnicht so harmlos wie Sie „Äusserungen des\nkünstlerischen Unmuts\" nennen, aber es\nkonnte Ihnen kaum einen Zweifel erregen,\ndass es so gemeint wie geschrieben war.\nSo weit also sieht es aus, als wären Sie da\nwirklich einmal recht vom Glück begünstigt\ngewesen. Und in Ihrem grossen Glück über-\nsahen Sie sogar, dass Campendonks Brief\neinige schwere Beleidigungen enthielt, durch\nderen Veröffentlichung Sie sich selbst, wie\nich sagen muss, wieder einmal einer\nöffentlichen Beleidigung schuldig machten.\nErst als Campendonk, wie Sie andeuten,\nnoch stärkere Beleidigungen niederschrieb,\nfingen Sie an, eine Mitschuld an der Ver-\nöffentlichung zu erkennen und zu vermeiden.\nSehe ich von diesen öffentlichen Beleidi-\ngungen ab, so scheint Ihnen diesmal weiter\nnichts Erhebliches vorgeworfen werden zu\nkönnen. Es war Ihr gutes Recht, die An-\nwürfe Campendonks schmunzelnd zu ge-\nmessen und sich mit ihm einmal aus tiefstem\nHerzen ganz eine Seele zu fühlen, so wie\ner in Ihnen eine gleiche Seele glaubte ge-\nfunden zu haben. Und das umsomehr, als\nIhnen Campendonk einen so beglückenden\nBrief, ein so unschätzbares Dokument ganz\nfreiwillig, ganz aus eigenem Antrieb, kurz\n„ganz spontan\" übersandt hatte. „Ganz\nspontan\" — ganz? Wie, so fragte ich mich,\nwie kommt ein Mensch dazu, Ihnen, Herr\nWestheim, seinen Busen so zu öffnen?\nGanz spontan, ungefragt und ungebeten\nschreibt man an Sie einen Brief voll schwerer\nund, wie es scheint, allerschwerster Be-\nleidigungen? Ganz spontan? Das heisst\ndoch wohl nicht nur: ohne dass ich,\nPaul Westheim, Campendonk um Mit-\nteilungen über den Sturm gebeten oder\ngefragt hätte? „Spontan\" würde ausreichen,\num mich das verstehen zu lassen. Aber\nSie, Herr Westheim, schreiben: „Ganz\nspontan\", und das kann ich und jeder\nMensch nur so verstehen, dass von Ihrer\nSeite nichts, auch nicht das Geringste ge-\nschehen war, das Herrn Campendonk zu\nseinem beleidigenden Brief hätte ermutigen\nkönnen. Sie waren es nicht, der Herrn\nCampendonk auf den Gedanken brachte,\ndass er an Ihrer Brust sich einmal ehrlich\nund in den verletzendsten Ausdrücken über\ndie Stelle äussern könne, der er nicht nur\nkünstlerisches Ansehen verdankt, der er\nauch jahrelang in von mir noch nicht ge-\nzählten Briefen seinen Dank ausgesprochen\nhat. Auch ohne Sie konnte Herr Campen-\ndonk wissen, dass Sie ein offenes Ohr und\nein bereites Herz für Beleidigungen und\nVerdächtigungen des Sturm haben. Und\ndarum schrieb er Ihnen. Darum schrieb\ner Ihnen? Nur darum? Nein, Herr West-"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4284, "texte": "heim, diese Kette schliesst sich nicht. Wie\nwars mit Ihrem Fähnlein der „Entlaufenen\"?\n„ . . . , . gewissermassen, um sich zu be-\nschweren, weil sie nicht auch unter denen\ngenannt waren, die dem Geschäftsbetrieb\ndes Herrn Waiden entlaufen sind.\" „Ge-\nwissermassen\" ist kein gutes Wort. Schon\nseine erste Hälfte „gewiss\" hat in der\ndeutschen Sprache einen doppelten Sinn,\nindem sie oft genug auch das Gegenteil\nbedeutet. Die Folge ist eine missbräuchliche\nAnwendung des Wortes „Gewissermassen\"\nim Sinne von „ungefähr wie wenn\". Ihr\n„gewissermassen, um\" soll demnach heissen,\ndass jene Entlaufenen sich zwar nicht aus-\ndrücklich beschwert haben, sie seien in\nIhrer Ehrentafel nicht erwähnt, dass aber\nIhre Unterlassung die Triebfeder ihrer Briefe\nwar. Herr Campendonk hat sich also nicht\nausdrücklich bei Ihnen darüber beschwert,\ndass er auf Ihrer Ehrentafel der Entlaufenen\nnicht genannt sei, aber das kränkende Ge-\nfühl, von Ihnen nicht erwähnt zu sein, trieb\nihn zu seinem Brief. Und seine indirekte Be-\nschwerde fand ihre schnelle Erledigung. —\nSind Sie mit mir zufrieden, Herr Westheim '?\nIch will es hoffen. Sie können keinen besse-\nren Anwalt, keinen gerechteren Ausleger\nIhrer Handlungen finden als mich. Und\nausser dem Vorwurf einer schweren öffent-\nlichen Beleidigung hätte ich Ihnen — Ihnen,\nHerr Westheim — nichts nachzusagen, wenn\nnicht einer der Beleidigten selbst; William\nWauer, diesen Brief an mich gerichtet hätte.\n„ Lieber Doktor,\nanbei übersende ich Dir meine Korre-\nspondenz mit dem Maler Campendonk und\ndem Kritiker Paul Westheim, in die ich Dich\nbitte, Einsicht zu nehmen. Da Herr West-\nheim auf meinen Brief nicht geantwortet\nhat, also die verlangte Genugtuung für die\nvon ihm indiskreter Weise veröffentlichten\nbeleidigenden Äusserungen Campendonks\ngegen mich verweigert, möchte ich Dich\nbitten, bei deiner öffentlichen Abrechnung\nmit dem Kritiker Westheim diesen neuen\nFall mit einzubeziehen. Ich stelle Dir die\nBriefe zur freien Verfügung, da ich auch\ndem Maler Campendonk davon Mitteilung\ngemacht habe, dass ich seine entschuldigende\nErklärung zur Austragung des Falles nun-\nmehr verwenden werde. Mir genügt es\nvöllig, Westheims unfaire Kampfesweise\nfestzunageln. William Wauer\"\nDie entschuldigende Erklärung Campendonks\nan Wauer lautete:\n„Seeshaupt, 8. Februar 21.\nSehr geehrter Herr,\ndie in dem in Frage stehenden Briefe ge-\nmachten Äusserungen nehme ich mit dem\ngrössten Bedauern, sie gemacht zu haben,\nzurück, und bitte ich Sie in aller Form um\nEntschuldigung. — Herrn Paul Westheim\nhabe ich nicht die Genehmigung, meinen\nBrief zu veröffentlichen, erteilt. Letzteres\nbemerkte ich in noch jedem Schreiben an\nSie, und bin ich auch in der Lage, Ihnen\ndieses zu beweisen, da ich einen Brief von\nHerrn Westheim besitze, in welchem er\nmir schreibt, dass er den Brief ohne vor-\nherige Anfrage abdrucken liess, weil ich in\nder Zeit verreist gewesen sei.\nEs würde mir nicht einen Moment einge-\nfallen sein, die Erlaubnis zur Veröffentlichung\nzu geben, da ich mich bestens bedanke,\nin derartige Polemiken hineingezogen zu\nwerden. — Ich möchte auch noch bemer-\nken, dass ich Ihre freundschaftlichen Be-\nziehungen zu Herrn WTalden nicht kenne\nund ich nicht die Absicht hatte, mit meinen\nÄusserungen diesen zu nahezutreten.\nHochachtungsvoll\nCampendonk\"\nDieser Brief des Herrn Campendok be-\nschuldigt Sie einer schweren Indiskretion,\nSie, der anderen Leuten Indiskretion vor-\nwirft. Aber Sie wissen, dass ich bei jeder\nGelegenheit Ihre Partei ergreife und Ihnen\nbehilflich bin, Entschuldigungen zusammen-\nzutragen. Und darum stelle ich die Frage:\nWar Ihre Veröffentlichung des Campen-\ndonk'schen Briefes eine Indiskretion? Und\nwenn es eine war, ist Herr Campendonk\nberechtigt, sie Ihnen vorzuwerfen? Herr\nCampendonk erklärt, dass er Ihnen die\nGenehmigung zur Veröffentlichung nicht\nerteilt hat. Aber dieses, Herr Westheim,\nwürde nicht sehr viel gegen Sie beweisen.\nDenn wenn Sie auch den Brief ohne Ge-\nnehmigung veröffentlicht haben, Sie hätten\nja trotzdem damit Herrn Campendonk einen\nGefallen tun können. Was ist eine Indis-\nkretion? Der Mangel an Verschwiegenheit,\neine Tat des Nicht-Schweigens. Aber wir\ndürfen keinem Menschen eine Schweige-\npflicht zumuten, wenn sie nicht aus be-\nsonderen Gründen geboten ist. Wollen Sie\netwa jemanden einer Indiskretion zeihen,"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4280, "texte": "der, ohne dazu autorisiert zu sein, von\neinem ' anderen Rühmliches, Lobendes,\nEhrendes mitteilt oder verbreitet? Wollen\nSie das tun, Herr Westheim? 0 ja, Sie\ntun es. Im Gegensatz zu anderen Menschen.\nDenn Sie beschuldigen mich der Indiskretion,\nweil ich einige Brieffragmente August\nStramms veröffentlichte, die den Kanaillen\nzeigen sollten, an welchem grossen Künstler,\nan welchem leuchtenden Menschen sie ihre\nBestialität getrieben haben. Nur Sie und\nsonst kein Mensch auf der Welt nennt das\neine Indiskretion. Merken Sie sich das,\nHerr Westheim, und merken Sie sichs für\nalle Zeiten. Nur ich, ich selbst und ich\nganz allein habe das Recht, mich einer\nIndiskretion zu beschuldigen. Denn ich\nhabe auch das Recht, mich freizusprechen,\nweil mir diese Indiskretionen von Ihnen\nund Ihresgleichen erpresst werden. Ganz\nrecht, Herr Westheim, Sie wissen, worauf\nich anspiele. Ich spreche sowohl von den\nBrieffragmenten Franz Marcs, wie auch von\nden Briefen, die ich heute veröffentliche.\nNiemand auf der Welt ausser Ihnen nennt\nsolche Veröffentlichungen Indiskretionen,\nzu denen ich um der Ehrenrettung Anderer\nwillen gezwungen werde. Mein Zweck ist\nes nicht, hier Campendonk blosszustellen\num der Blosstellung willen. Aber ich muss\nihn biosstellen, da er die Ehre eines\nAnderen schwer verletzt hat. Und nun\nwollen wir sehen, ob Ihre Veröffentlichung\ndes Campendonk'schen Briefes vor dem\nVorwurf der Indiskretion gerettet werden\nkann. Ich habe schon viel dafür getan.\nIch habe Ihnen geglaubt, dass Campendonk\nseinen Brief „ganz spontan\" geschrieben\nhat. Aber um Ihnen zu beweisen, dass ich\nIhnen zu Unrecht geglaubt habe, gebe ich\nIhnen aus einem anderen Briefe an Wauer\ndieses zu lesen:\n„Seeshaupt, 18. Januar 21.\n. . Jedenfalls bekam ich eines Tages von\nHerrn Paul Westheim einenßrief, in welchem\ner anfrug, ob ich über die Dinge, welche\nFranz Marc resp. dessen Witwe mit dem\n„Sturm\" erlebte, unterrichtet sei. Ich wusste\ndarüber nichts und ... Ob aufgefordert oder\nnicht, das ist mir entfallen, ich schrieb\njedenfalls weiter . . . Der im Kunstblatt ver-\nöffentlichte Teil meines Briefes ist voll-\nkommen wortgetreu .\nDa es also leider Herrn Campendonk ent-\nfallen war, ob er von Ihnen zu seinen be-\nleidigenden Äusserungen aufgefordert war\noder nicht, so haben Sie vielleicht die\nLiebenswürdigkeit, mir darüber Aufklärung\nzu verschaffen. — Sie schütteln den Kopf?\nSie wollen nicht? Dann, Herr Westheim,\nmüssen wir versuchen, unter Zuhilfenahme\ndes gemeinen menschlichen Scharfsinns\nhinter das Geheimnis zu kommen. Herrn\nCampendonk also war es entfallen, ob er\nsich ganz spontan geäussert hat oder\nnicht. Richtiger gesagt: es war ihm ent-\n• •\nfallen, ob er die beleidigenden Äusserungen\nspontan geschrieben hatte. Denn dessen\nerinnerte sich sogar Herr Campendonk,\ndass er sie nicht ganz spontan gemacht\nhatte. Sie, Herr Westheim, hatten sich an\nihn gewandt und ihn um Auskunft über\nihre „Leichenfledderei\" an Franz Marc ge-\nbeten. Und da Campendonk Ihnen damit\nnicht dienen konnte, beeilte er sich, Sie\nmit anderem Material gegen den Sturm zu\nversehen. „Gewissermassen\", um sich bei\nIhnen zu beschweren, dass er nicht auch\nunter den Entlaufenen genannt sei. Man\nmuss ein Westheim sein, um so etwas\n„ganz spontan\" zu nennen. Hätten Sie\nnur geschrieben „spontan\", so wären Sie\nnicht nur dem wahren Sachverhalt näher\ngekommen, Sie hätten auch Campendonk\num einen Grad weniger kompromittiert.\nAber freilich muss es dem Geschmack des\nBeleidigers überlassen bleiben, ob er es\nvorzieht, seine Beleidigungen gefragt oder\nungefragt geäussert zu haben. Für Sie, der\nSie Material gegen den Sturm brauchten,\n• •\nwar eine ganz spontane Äusserung effekt-\nvoller. Aber Campendonk war es entfallen.\nEs war ihm entfallen, obgleich Sie dafür\ngesorgt hatten, dass es ihm nicht entfallen\nkonnte. Er brauchte nur Ihren Artikel\naufzuschlagen, um sich zu überzeugen, dass\ner ganz spontan an Sie geschrieben hatte.\nOder sollte vielleicht Campendonk selbst\nerstaunt gewesen sein, dass er sich ganz\nspontan geäussert hatte? Wäre es viel-\nleicht doch möglich, dass Sie ein ganz\nklein wenig — wie? •— ein ganz klein\nwenig es ihm nahegelegt haben? — Nein?\nWie Sie wollen, Herr Westheim. Wenn\nSie nur nicht geschrieben hätten: »ganz\nspontan!\" Qui s'excuse. Und was schreibt\ndenn dieser Campendonk für einen sonder-"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4099, "texte": "baren Stil? Ganz spontan schreibt er:\n„Die Abrechnungen stimmten immer.\"\nGanz spontan. „Das, was mich veranlasste,\nvom Sturm wegzugehen, war mehr..\" —\nWie, zum Henker, kommt dieser Campen-\ndonk ungefragt auf die Abrechnungen des\nSturm? Ganz spontan? Hier fehlt etwas,\nHerr Westheim. Hier fehlt wieder einmal\nein Glied in der logischen Kette. Das wie\nfehlt und, warum Herr Campendonk plötz-\nlich so beleidigend auszuplaudern beginnt.\nHier fehlt etwas. Schaffen Sie es mir herbei,\nHerr Westheim. Campendonk ist es ent-\nfallen. Er weiss nicht mehr, wie er dazu\nkam, plötzlich von den Abrechnungen des\nSturm zu schreiben und sich über die\nGründe seines Yerlassens zu äussern. —\nSie wollen nicht? Und Sie können nicht?\nGott helfe Ihnen, Campendonk schrieb\nwirklich ganz spontan? Ja, zum Donner-\nwetter, wie kommt dann dieser Campen-\ndonk dazu, Ihnen Indiskretionen vorzu-\nwerfen? Wenn er Ihnen ganz spontan\ngeschrieben hat, war das für Sie nicht\ndeutlich genug? Sagte er nicht „gewisser-\nmassen\": Da haben Sie mein Material,\nmachen Sie damit, was Sie wollen? Und\nhinterher schreibt dieser Campendonk, er\nhätte nie seine Einwilligung gegeben, wenn\nSie ihn danach gefragt hätten ? Ist das\nnicht toll? Ist das sein Dank dafür, dass\nSie von seiner unausgesprochenen Erlaubnis\nGebrauch gemacht haben? Und was hat\ner denn getan, nachdem Sie seinen Brief\nabgedruckt hatten? Was denn? Nichts hat\ner getan! Und soviel lateinisch verstehen\nvielleicht sogar Sie: qui tacet consentire\nvidetur. Wer gegen die Veröffent-\nlichung eines solchen Briefes\nnicht protestiert, erteilt min-\ndestens nachträglich seine Zu-\nstimmung. Die Erklärung an Wauer\nkam zu spät. Niemals hätte er seine\nZustimmung gegeben! Er bedankt sich, in\nsolche Polemiken hineingezogen zu werden.\nBeim Teufel mag er sich bedanken und\nbei Ihnen, der ihn zu solchen unüberlegten\nStreichen verleitet hat. Und vor allem bei\nsich selbst. Haben Sie ihn denn gebeten,\nso verwegene Mitteilungen zu machen und\nverletzende Ausdrücke zu gebrauchen? Ist\nIhnen ja gar nicht eingefallen. Wie kommt\nder Mann dazu, an Wauer einen Brief zu\nschreiben, der Sie schwer kompromittiert ?\nSie werden sich das nicht gefallen lassen.\nSie werden Campendonk zur Rede stellen,\nSie werden ihn, wie ich Sie kenne, um\nAufklärung bitten. Sie werden von Campen-\ndonk verlangen, dass er das gefälligst\nzurücknimmt. Sie werden ihm gehörig\nden Kopf waschen. Was sind das für\nneue Moden? Ganz spontan schreibt man,\nDer Sturm habe einen ekelhaften Betrieb\nmit Wauer, Neil Waiden und Anderen, es\nsei eine Frechheit, dies und das zu tun —\nund dann revoziert, bedauert man und\nentschuldigt sich? Noch mehr, man kom-\npromittiert einen Westheim, der weiter\nnichts getan hat als von einer so unzwei-\ndeutigen Ermächtigung den nächstliegenden\nGebrauch zu machen? Ist das die Tat\neines mutigen Mannes? Ist so etwas das\nBenehmen eines Künstlers, der für seine\nAnsichten und seine Worte eintritt? Zeigen\nSie ihm die Zähne, Herr Westheim. Lassen\nSie das nicht auf sich sitzen. — Sie haben\nes bereits getan? Umso besser! Nun wollen\nwir abwarten, was Campendonk tun wird.\nWofür mag er' sich entscheiden? Wem\nwird er Recht geben? Ihnen oder sich\nselbst? Wie wird er den Widerspruch\nzwischen Ihnen beiden lösen? Alles ist in\ngespannter Erwartung. Wird es zu einem\nEklat kommen? Wird ein Skandal ent-\nstehen? Herr Westheim, helfen Sie mir!\nHier ist Zauberei im Spiel! Was treiben\nSie mit mir? Ich habe es nicht gewollt.\nSie haben den Teufel an die Wand gemalt.\nSo, ja so und nicht anders stelle ich mir\nIhren Courths-Mahler vor:\n„Seeshaupt, 22. 2. 21.\nSehr geehrter Herr Wauer,\nHerr P. Westheim schreibt mir heute, dass\nSie in meiner Ihnen gegebenen Erklärung\neine Stelle so auslegten, als ob ich ihm\ndarin den Vorwurf der Unkorrektheit\nmache. — Ich möchte dazu erklären, dass\nich in meiner Ihnen gemachten Erklärung\nHerrn P. Westheim einen solchen Vorwurf\nkeineswegs machen wollte. — Es ist denkbar,\ndass Herr P. Westheim, nach Art der mit\nihm gepflogenen Korrespondenz annahm,\neine besondere Genehmigung zur Veröffent-\nlichung meines Briefes nicht einholen zu\nbrauchen.\nHochachtungsvoll\nH. Campendonk.\""}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4164, "texte": "So, also, Herr Westheim, ruinieren Sie die\nExistenz eines Künstlers. Fürchterliches\nmüssen Sie ihm geschrieben haben, dass\nSie ihn zu diesem verzweifelten Schreiben\nbringen konnten. Grosser Gott, wie ist so\netwas nur möglich? Wann hat denn nun\nHerr Campendonk recht gehabt? In seinem\nersten Brief oder in dem zweiten? Und\nwas war das für eine Art der ge-\npflogenen Korrespondenz? Das\nmuss doch eine Art gewesen sein, die Herrn\nW7estheim keinen Zweifel liess, dass er den\nBrief veröffentlichen dürfe? Es muss eine\nArt der Korrespondenz gewesen sein — nun,\nwas für eine Art war das wohl? Es muss\netwas zwischen diesen beiden Männern ge-\nschrieben worden sein, das Herrn West-\nheim in den Stand setzte, Campendonk zu\nseinem Widerruf zu zwingen. Denn ganz\nspontan hat sich Campendonk die Kehle\nnicht durchgeschnitten. Ist Ähnliches je\ngeschehen? Er beteuert Wauer in jedem\nBrief, dass er nicht nur die Erlaubnis zur\nVeröffentlichung nicht gegeben hat, sondern\ndass er sie auch nie gegeben haben\nwürde. Er hat sogar einen Grund dafür:\nnicht den mildernden, dass er seine groben\nAusfälle nur privatim habe tun wollen.\nNein, er will nicht in Polemiken hinein-\ngezogen werden. Und das ist nun wirklich\ndas Einzige, was es hier zu lachen gibt.\nUngefragt und ungebeten schreibt dieser\nCam pendonk einen Schmähbrief über andere\nKünstler und hinterher schreit er, man\nhabe ihn in eine Polemik hineingezogen!\nSoll das ein Witz sein? Hineingezogen?\nWer hat ihn hineingezogen? Doch höchstens\nsein grosser Freund Westheim. Aber der\nhat ihm den Kopf gewaschen und daran\nerinnert, dass er ganz spontan geschrieben\nhat, ganz spontan geschrieben haben muss.\nVerstanden! Und das Wunder geschieht\nauch. Es wurde denkbar, dass Herr\nWestheim sich für berechtigt halten durfte.\nNur denkbar? Meinetwegen. Aber doch\ndenkbar. Und so etwas fällt Herrn\nCampendonk erst ein, nachdem ihn West-\nheim angefahren hat? Ic h habe es schon\nlange bewiesen, dass es auch vorher denkbar\nwar, sehr denkbar. Und nun gibt es der\nVerstockte endlich selbst zu. Denn er wirft\nWauer vor, dieser habe eine Stelle des ent-\nschuldigenden Schreibens falsch aus-\ngelegt. Das wird zwar ausser den beiden\nHerren Campendonk und Westheim niemand\nfinden. Aber sie sollen beide Recht haben:\nWauer hat falsch ausgelegt. Es war also\nfür Campendonk schon früher denkbar,\ndass Westheim seinen Brief abdrucken werde.\nWie aber legt Herr Campendonk selbst\ndie falsch ausgelegte Stelle in einem früheren\nBrief an- Wauer aus?\n„Seeshaupt, 30. 1. 21.\n. . „Nach wie vor bin ich der Meinung,\ndass Sie die Angelegenheit mit Herrn\nP. Westheim regeln müssten, da ich das\nRecht habe, in Privatbriefen mich\nüber Dinge auszusprechen, wie es mir\nbehagt, sofern ich diese nicht für eine\nVeröffentlichung schreibe.\nDass dies nicht geschah, bin\nich jederzeit in der Lage zu\nbeweisen..\"\nDer Himmel bewahre uns alle, das wir\ndieses Schreiben Campendonks falsch aus-\nlegen. Hier steht: der Brief war nicht\n• •\nfür die Öffentlichkeit bestimmt. Dort steht:\nWestheim hatte das Recht, ihn zu ver-\nöffentlichen. Und diese beiden Erzwahrheiten\nheissen zusammengekoppelt und zusammen-\ngeschweisst: Westheim hatte das Recht, das\nzu veröffentlichen, was Campendonk nicht\ngeschrieben hatte, damit es veröffentlicht\nwerde. Versteht dies Keiner? I c h ver-\nstehe es. Es heisst: Paul Westheim durfte\nglauben, dass Campendonk trotzdem mit\nder Veröffentlichung einverstanden sein\nwerde. Und sein Glaube war kein irrender,\nsondern ein wahrer Glaube. Campendonk\nwar wirklich mit der Veröffentlichung ein-\nverstanden. Und dieses endlich heisst unter\nuns anderen Menschen: der Brief war\nfür die Veröffentlichung be-\nstimmt.\nNun ist die Wahrheit ans Licht gekommen.\nUnd damit Herr Westheim, will ich Sie für\nheute von dem Verdacht der Indiskretion for-\nmell freisprechen. Nur formell. Denn es ist\neine blosse Laune, wenn ich an Campenr\ndonks letzten Brief glaube. Ebenso gut\nkönnte ich an seinen ersten Brief glauben,\nganz wie es mir gefällt. Dann aber, Herr\nWestheim, hätten Sie doch die Indiskretion\nbegangen, die Campendorf Ihnen vorwarf.\nSolange mir die Herren nicht sagen, welcher\nArt die gepflogene Korrespondenz war, bin\nich nicht verpflichtet, das Eine oder das"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 778, "texte": "Andere zu glauben. Im einen Fall ist Campen-\ndonk der Gerichtete, im anderen Sie. 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Eine solche Einbettung wird\nerst dann möglich, wenn das Bild nicht mehr\neinseitig auf den Erdrinden Floh-Mensch be-\nzogen wird, sondern sich auf den Zusammen-\nhalt aller Dinge in der Welt einstellt.\" Es\nist ein bestechender Gedanke, dass gerade\nFlöhe sich bei der Einbettung von Tendenzen\neinstellen. Durch diese neue Tendenz der\nEinbettung sollen aber gerade die Flöhe ent-\nfernt werden. Das Bild soll sich nunmehr\nauf den Zusammenhalt aller Dinge in der\nWelt mit einziger Ausnahme der Flöhe ein-\nstellen. Kein geringerer als unser Adolf Behne\nhat diese neue Aufgabe der Kunst bestimmt\nund ein Maler Segal arbeitet bereits nach\ndieser Vorschrift. Infolgedessen hat Herr Adolf\nBehne ihm ein künstlerisches Vorwort zu dem\nKatalog geschrieben, in dem er ausdrücklich\nfeststellt, dass dieser Segal „kein Wissender,\nkein Beherrschender, kein Künstler, sondern\nein Glaubender und ein Liebender ist.\" Herr\nBehne stellt auch noch einen weiteren Beweis\nfür die Einbettung fest: „Die neue Funktion\ndes Bildes drückt sich auch in der Behandlung\ndes Bahmens aus. Da er nicht mehr isolieren\nsoll, da vielmehr Hinüberleiten in die grosse\nalles umfassende Einheit seine Aufgabe ist,\nwird er in die malerische Arbeit einbezogen.\"\nDer arme Herr Behne hingegen wird auf die\nErdrinde ausgebettet und stört den Zusammen-\n• •\nhalt aller Dinge. Uber die Ausstellung dieser\nBilder schreibt der bekannte Kunstkritiker\nBehne in der Freiheit: „Es ist in den Bildern\nSegais eine reine Schlichtheit, um deretwillen\nschon man sie lieben muss.\" Unmittelbar\ndarauf bemerkt er über die Ausstellung Iwan\nPunis im Sturm: „Die Ausstellungsräume ein-\nmal lustig zu verwandeln, ist ja sehr nett ge-\ndacht, wirkt aber in dieser Art dilettantenhaft.\"\nSchon muss man diese Schlichtheit des Urteils\nlieben, wenn es auch recht dilettantenhaft\nwirkt. Hingegen ist die Tendenz der Ein-\nbettung zweifellos sehr nett gedacht. Noch\nnetter ist die feuilletonistische Forderung des\nHerrn Behne auf Grund seiner gütigen Aner-\nkennung der Bilder vonGleizes: „Wir müssen\naber verlangen, dass er die während des\nKrieges bei ihm eingerissene Kritiklosigkeit\nzu Ende sein lasse.\" Er, Der Sturm nämlich,\nbraucht sich nur von Herrn Behne einbetten\nzu lassen und es wird ihm in der Freiheit\nwarm und wohl ergehen. 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Kurt Schwitters\nEinfuhrung von Otto Ncbel\n15 Mark\nV. 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H.\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMonatsschrift Der Sturm / Zwolfter Jahrgang\nErscheint am fiinften jedes Monats\nMitmehrfarbigenKunstbeilagen,Holzschnitten(stets\nvom Stock gedruckt) und Zeichnungen\nDauerbezug / Ein Jahr 60 Mark / Ein Halbjahr\n36 Mark / Einzelheft 7 Mark 50 Pfennige\nVollstandige Exemplare des 1. bis 11. Jahrgangs\nje 60 Mark. 3. und 4. Jahrgang vergriffen.\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und nummerierte Handdrucke, von\nden meisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich\nzu erwerben. Die Originale sind verkauflich.\n\nBiicher\nPeter Baum\nSchiitzengrabenverse\nGebunden 12 Mark\nFranz Richard Behrens\nBlutbliite / Gedichte\nGeheftet 6 Mark / Gebunden 9 Mark\nHermann Essig\nDer Frauenmut / Lustspiel\nUeberteufel / Tragodie\nIhr stilles Gluck / Drama\nEin Taubenschlag / Lustspiel\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nDer Wetterfrosch / Erzahlung\nJedes Buch 6 Mark / Gebunden 9 Mark\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nKandinskyAlbum\nMit 60 Abbildungen\n18 Mark\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne / Eine Dichtung\n6 Mark\nKreis des Anfangs / Fruhe Gedichte\n9 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\nErnst Marcus\nDas Problem der exzentrischen Empfindung und\nseine Losung\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nDas Erkenntnisproblem\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nWilhelm Runge\nDas Denken traumt / Gedichte\n6 Mark / Gebunden 9 Mark\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln\nG Mark / Sonderausgabe 50 Mark\nLothar Schreyer\nMeer / Sehnte / Mann / Dramen\n6 Mark\n\nNacht\n4 Mark 50 Pfennige\nDie neue Kunst\nt\n4 Mark 50 Pfennige\nAugust Stramm\nDu / Liebesgedichte\n9 Mark / Dritte Auflage\nTropfblut / Gedichte\nGebunden 18 Mark\nGesammelte Dramen\nZwei Biinde\nJeder Band gebunden 18 Mark\nMax Verworn\nKeltischc Kunst / Mit Abbildungen\n6 Mark\nHerwarth Walden\nExpressionismus / Die Kunstwende\nMit 140 Abbildungen\n39 Mark / Gebunden 60 Mark\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressio-\nnismus / Mit 16 Abbildungen\n7 Mark 50 Pfennige / Dritte Auflage\nGesammelte Schriften / Band I\nKunstmaler und Kunstkritiker\n6 Mark\nDas Buch der Menschenliebe\n12 Mark / Sonderausgabe 30 Mark / Zweite Auflage\nDie Harte der Weltenliebe / Roman\n9 Mark / Gebunden 12 Mark\nSonderausgabe (Auflage 10) 90 Mark\nWeib / Komitragodie\n9 Mark / Sonderausgabe 90 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nSiinde / Spiel an der Liebe\nLetzte Liebe / Komitragodie\nGlaube / Komitragodie\nJedes Buch 3 Mark\nKind / Tragodie\nTrieb / Eine biirgerliche Komitragodie\nMenschen / Tragodie\nJedes Buch 6 Mark\nSturm-Biicher\nAugust Stramm\nSancta Susanna\nDie Unfruchtbaren\nPeter Baum\nKyland\nJedes Sturmbuch 3 Mark\nSturm*Bilderbticher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nJe 9 Mark\nI Marc Chagall\nII Alexander Archipenko\nIII Paul Klee\n\nVERZEICHNISSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.3", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT / HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\nFortsetzung\n\nKritik der\nexpressionistischen Dichtung\nHerwarth Walden\nDie Deutschen, insbesondere die Herren Pro-\nfessoren der Universitäten, haben wenigstens\nin der Kunst ein Klassenbewusstsein. Nicht\nnur die Dichter werden in Klassen einge-\nschult, auch die Dichtungsformen werden\nin Fächer verteilt. Die Dichtung hat be-\nkanntlich drei Fächer: Drama, Epik und\nLyrik. Es wird gelehrt, dass das Drama\ndie höchste Kunstform sei, die Epik ziemlich\nhoch, namentlich wenn sie sich mit ge-\nschichtlichen Stoffen drapiert, während die\nLyrik mehr für das Proletariat der Dichter\nist. Eigentlich zählt ja für die Intellektuellen\ndas Proletariat nicht mit. Nur weil einige\nDramatiker die Liebenswürdigkeit hatten,\nsich in ihren Mussestunden mit Gedichten\nzu befassen, ist diese Kunstform anerkannt.\nSolide Dramatiker haben ihrerseits auf die\nLyrik verzichtet. Sie waren von ihren Auf-\ngaben so erfüllt, so brave Schüler ihres\nTalentes, dass sie sich mit Spielereien nicht\nabgeben konnten. Selbst Goethe hat meistens\nnur Gelegenheitsgedichte verfasst. Schiller\nhat diese Spielereien durch den sittlichen\nErnst des Materials, nämlich Fabel und\nGeschichte, gehoben. Die Romantiker haben\nsich bekanntlich vergebens am Drama ver-\nsucht. Die Form war ihnen eben zu hoch.\nRecht schlimm steht es auch um die Epik.\nGoethe hat sich mit dem Roman und der\nNovelle befasst, sogar mit reiner Epik,\nSchiller hat es wenigstens zu einem Frag-\nment gebracht und Heinrich Heine hat das\nFeuilleton erfunden.\nAlso das Drama ist die höchste Kunstform.\nDiese Kunstform unterscheidet sich von der\nLyrik sichtbar darin, dass eine Wortzeile\nimmer bis an das Ende des Druckspiegels\ngeführt wird. Es fällt also auch die will-\nkürliche metrische Einteilung fort. Die\nmetrische Einteilung wird sogar dadurch\norganisch. Denn hinter das Ende einer\nZeile kann man nichts mehr setzen. Für\ndiese Art der Einteilung hat man das Fach-\nwort Prosa erfunden. Nun wird zwar vom\nDichter verlangt, dass er nicht prosaisch\nsei. Trotzdem ist diese Prosa das Mittel\nder höchsten Kunstform. Die Forderung,\ndass der Dichter nicht prosaisch sei, bezieht\nsich nur auf den Inhalt. Die Form ist\neben für die Deutschen eine Spielerei und\nauf die Spielerei kommt es eben nicht an.\nHingegen der Inhalt stellt seine Forderungen.\nDas Drama muss nämlich veredelnd oder\nbesser noch versittlichend wirken und wird\nzur Belohnung in der bekannten moralischen\nAnstalt, dem Theater, sichtbar gemacht. Es\nwird gelehrt, dass die Träger der Kunst-\nform Drama Menschen sind. Zur Zeit der\nKlassiker müssen es edle Menschen sein,\nunedle Menschen dürfen nur insoweit ver-\nwandt werden, als sie durch ihre Schatten\ndie edlen Menschen im denkbar besten\nLicht erstrahlen lassen. Die neuere Kunst-\nkritik gestattet auch die natürlichen Menschen\nbis hinunter zum Lumpenproletariat. Die\nnatürlichen Menschen scheinen also offenbar\nandere Gattungsgeschöpfe als die edlen\nMenschen jener grossen Dichtungszeit zu\nsein. Und da man von der Natürlichkeit\nder Menschen dieser Gegenwart des Dramas\nso entzückt ist, muss man schon den Schluss\ngestatten,dass die edlen Menschen jener klassi-\nschen Zeit unnatürlich gewesen sind. Die\n• •\nKlassiker müssen etwas Ahnliches selbst\nempfunden haben. Denn sie gaben alle sogar\ndie prosaische Form auf und wandten die ge-\nhobene Sprache an,wie man sich feierlich aus-\nzudrücken beliebt. Diese gehobene Sprache\nunterscheidet sich von der Prosa dadurch,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.4", "texte": "Dass man die Silben der Wörter nachzählen\nkann und die Zählung zum grössten äs-\nthetischen Ergötzen stets fünf ergibt. Wenn\neinem grossen Dichter nicht zehn Silben\nfür eine Zeile eingefallen sind, hat er nach\nAnsicht der Schriftgelehrten eben einen\nFehler begangen, der unter allen Umständen\nzu tadeln ist. In Anbetracht des sonstigen\nFleisses des Schülers, des Dichters, werden\ndiese Fehler wohlwollend als Licentia\npoetica bezeichnet. Dichter sind eben keine\nprosaischen Menschen, es muss ihnen daher\ndie Freiheit gegeben werden, gelegentlich\neinmal nur bis drei zählen zu brauchen.\nHiermit ist aber der Reichtum der gehobenen\nSprache noch nicht behoben. Jede Zeile\nmuss nämlich fünf betonte Silben enthalten,\nwodurch sich die Kunstform des Dramas\nallerdings erheblich der Spielerei der Lyrik\nnähert. Auf diesem niederen Gebiete treibt\nman bekanntlich eben solche Scherze. Die\ngehobene Sprache ist also metrisch gegliedert.\nDa man aber laut Vorschrift die unbetonten\nSilben nicht zu zählen braucht, scheint also\nauch der Begriff des Rhythmus im Drama vor-\nhanden zu sein. Die Wesensverwandtschaft\nmit der Lyrik lässt sich immer schwerer\nverleugnen. Nur kommt es dem Dramatiker\nnicht auf den inneren Rhythmus an. Dem\nLyriker allerdings auch nicht, wie festgestellt\nworden ist. Aber wir wollen uns nicht in\ndie Kleinlichkeiten der formalen Spielerei\nverlieren, wo es sich um weit ernstere Dinge\nhandelt. Vor allem einmal handelt. Denn\nDrama heisst Handlung und die Träger des\nDramas, die Menschen, erkennt man be-\nkanntlich am besten beim Handeln. Die\nhöchste Kunstform hat selbstverständlich\nnur mit ersten Handlungen zu tun. Mit\nedlen Handlungen. Was ist eine edle Hand-\nlung. Da man die Menschen nach Ansicht\nder Seelenforscher, zu deutsch Psychologen,\nam besten an ihren Handlungen erkennt,\nwird es am besten sein, die Handlung eines\nechten Dichters zu untersuchen, um uns\nauf die Vorstellung einer edlen Handlung\nbesserer Menschen einzustellen. Da zu einer\nHandlung immer mindestens zwei gehören,\ntreten im Drama verschiedene Personen\nauf, wie man sich literarisch ausdrückt. Die\nmonumentale Wirkung wird dadurch er-\nreicht, dass möglichst viele Personen auf-\ntreten, was immer einen Masseneindruck\nhervorruft. In reiferem Alter, wo es die\nMasse nicht mehr so macht, begnügt sich\nder Dramatiker mit weniger Personen. In-\nfolge seiner geklärteren Weltanschauung\ngibt er das Volk auf. Das Volk ist in dem\nZeitalter der Humanität stets peinlich als\nStaffage empfunden worden, das man eben\nmitnimmt, weil es nun einmal auf der Erde\nist. Das Volk spricht im Drama auch stets\nim Chor und zwar ensemble, weil es eben\nnicht so edle Gedanken wie die Personen\nhat. Das Gewaltige der dramatischen Kunst-\nform besteht nun darin, dass der Dichter\nnicht etwa nur eine Person ist, sondern\ndass er so tun kann, als ob er alle Personen\nist. Vom Volk ganz zu schweigen. Er\nyerteilt wie ein gütiger Gott seine Gedanken\nin Prosa oder in gehobener Sprache auf\ndie einzelnen Personen und das Volk und\nhält eine anregende Vielsprache mit sich\nselber. Er ist der Typus aller Individualisten\nzusammengenommen. Er liebt wie die.\nJungfrau von Orleans, er kämpft wie Götz\nvon Berlichingen, er leidet wie Maria Mag-\ndalena, er träumt wie Torquato Tasso, er\ntötet wie Wilhelm Teil, er raubt wie Karl\nMoor, er schwärmt wie Marquis Posa, mit\ndrei Worten: er kann alles. Nichts Mensch-\nliches ist ihm fremd. Noch mehr. Er bringt\nIndividuen in Konflikte, soweit es die Ge-\nschichte nicht schon vorher für ihn getan\nhat und er löst sie wie ein gütiger Gott\ndurch den schlichten Tod. Dann nennt\nman es Tragödie. Wenn aber die Individuen\neinen modus vivendi finden, freut man sich\nallerseits, und die Komödie ist vollendet.\nDas alles wäre aber nichts, wenn der Konflikt\nnicht versittlichend wirkt. Deshalb muss\nSchiller dem deutschen Volke erhalten\nwerden, wenigstens so weit es aus gehobenen\nStänden besteht, die gewohnt sind, in ge-\nhobener Sprache zu denken. Schiller ist\nneuerdings zum Expressionisten ernannt\nworden, weil er unnatürlich ist. Und zwar\nvon denselben gehobenen Ständen, die den\nExpressionismus wegen seiner Unnatur ab-\nlehnen. Es gibt eben eine natürliche Un-\nnatürlichkeit. Sie heisst auf deutsch klassisch,\nist von sittlicher Kraft und wirkt veredelnd\nund erzieherisch auf das Mensch. Die Kunst\nspielt im Drama bekanntlich keine grosse\nRolle, sie wird nur durch die gehobene\nSprache hintenrum hineingelassen, an ihrer\nStelle treten ausser den Personen die sitt-\nlichen Eigenschaften auf."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.5", "texte": "Kein geringerer als Ludwig Bellermann,\neinst Direktor des Gymnasiums zum Grauen\nKloster in Berlin, hat uns Schiller mensch-\nlich näher gebracht. Auf das Künstlerische\nkommt es bei der höchsten Kunstform\nnicht so an. Bellermann hat alle Hände\nvoll zu tun, um Schiller menschlich zu\nrechtfertigen. Er wälzt zunächst Lessing\nherbei, der zwar nicht von Schiller, aber\nvon Shakespeare gesagt hat, man soll nicht\nkleinlich sein: „Mögen wir im gemeinen\nLeben glauben, was wir wollen, im Thealer\nmüssen wir glauben, was er will.\" Weil\ner nämlich Shakespeare heisst. Schiller\nverwendet nämlich in der Jungfrau von\nOrleans das Wunder. Lessing hat aber er-\nklärt, dass „das Wunder auf dem Theater\nnur in der physikalischen Welt zulässig sei.\"\nWenn Lessing das erklärt hat, da kann\nman halt nichts machen. Lessing hat noch\nmehr erklärt, nämlich, dass „in der mo-\nralischen Welt alles seinen ordentlichen\nLauf behalten müsse.\" Auch das hat Lessing\nerklärt. Und Herr Direktor Bellermann\nentschuldigt nun die Verwendung des\nWunders bei Schiller gegenüber dem furcht-\nbaren Lessing damit, dass Schiller „inner-\nhalb dieser Wunder seine Heldin durchaus\nnatürlich schildert, nur die äusseren Vor-\ngänge, nirgends ihr Charakter treten aus\ndem Rahmen des menschlich Verständlichen\nhinaus.\" So unmenschlich unverständlich\nist die Jungfrau von Orleans. Die Natür-\nlichkeit der Heldin, sagt Herr Direktor\nBellermann, ist „ganz und gar auf natürlicher\npsychologischer Grundlage erwachsen.\" Ich\nhatte bisher die Psychologie für den Versuch\neiner Erklärung des Seelenlebens gehalten.\nEs freut mich, durch Herrn Direktor Beller-\nmann belehrt zu werden, dass die Psy-\nchologie der Grund ist, auf dem natürliche\nHeldinnen trotz allen Wundern wachsen.\nWie ein Kornfeld auf der flachen Hand.\nLassen wir uns durch Herrn Direktor\nBellermann gleich in den bekannten Mittel-\npunkt des Konfliktes hineinführen, gehen wir\nden Leidenspfad an der Hand eines so be-\nrufenen Führers: der berühmte Konflikt be-\nsteht darin, dass „Berufung zur Befreiung des\nVaterlandes und Entsagung der irdischen\nLiebe wirklich innerlich und untrennbar zu-\nsammengehören.\" So peinlich es mir auch\nist, man kann nur sagen: Da staunste! Das\npsychologische Wachstum wird durch die\nfolgende psychologische Erklärung sagen\nwir destilliert: „Sie kann unmöglich die\nKriegerin des höchsten Gottes sein, also\nKraft und Geist vom Wirbel bis zur Zehe,\nund zugleich liebendes Weib, also schwach\nund hingebend. Das ist ein innerer unaus-\ngleichbarer Widerspruch. Das ist nicht\nwillkürlich erfunden, sondern aus der Natur\ndes menschlichen Geistes geschöpft, und es\nwird von Anfang an mit besonderer Schärfe\nhervorgehoben, weil auf diesem Punkt die\nEntwicklung der ganzen Tragödie beruht.*\n*\nDa hätten wir also den Punkt und können\nuns nun vom Punkt aus mit besonderer\nSchärfe entwickeln. Es liegt hier ein soge-\nnannter innerer Konflikt vor. Ein Mensch, der\nmit sich selber kämpft, weil er nicht immer\nkämpfen will. Schiller lehrt also, dass der\nMensch dem moralischen Lauf der Welt\nfolgend, nicht zugleich Kriegerin des höchsten\nGottes und liebendes Weib sein kann. Bei aller\nVerehrung für Herrn Direktor Bellermann\nmuss doch zugegeben werden, dass Schiller\nnicht so dumm gewesen ist, wie Herr Direktor\nBellermann glaubt. Wenn es Schiller auf\ndie Tatsache angekommen wäre, sozusagen\nzu beweisen, dass der Mensch nicht zugleich\nKriegerin des höchsten Gottes und liebendes\nWeib sein kann, dann wäre er schon lieber\ngleich Schuldirektor geworden. Es dürfte\nim allgemeinen auch Schuldirektoren\nund Universitätsprofessoren wenigstens aus\nihrem psychologischen Privatleben bekannt\nsein, dass kein Mensch andauernd lieben\nund kämpfen kann. Ueberhaupt pflegen\ndie Menschen nie zwei Tätigkeiten gleich-\nzeitig auszuüben. Und es scheint mir höchst\nunnatürlich zu sein, dass ein Mensch wegen\ndes bisschen Kämpfens nicht auch einmal\nlieben und wegen des bisschen Liebens\nnicht auch einmal soll kämpfen können.\nDer Konflikt scheint mir nach dieser Auf-\nfassung auch gar kein Konflikt zu sein. Denn\nwarum soll man nicht für einen Gott kämpfen\nund einen Menschen gleichzeitig lieben\nkönnen? Abgesehen davon, dass es einen\nKonflikt zwischen Kampf und Liebe nicht\ngibt, weil der Kampf eine Tätigkeit und die\nLiebe ein Trieb ist. Also Herr Direktor\nBellerman scheint sich auf einen falschen\nPunkt gestellt zu haben. Der Konflikt der\nTragödie liegt in dem Aufgeben einer Idee\nzugunsten einer Person. Nachdem dies\nrichtiggestellt ist, bleibt zunächst die Frage,"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.6", "texte": "was diese Angelegenheit mit Kunst zu tun\nhat. Denn das Drama soll doch eine Kunst-\nform sein. Es ist weiter zu fragen, wenn\nman schon auf die Kunst verzichten will,\nwie dieser Konflikt dargestellt oder, noch\ndümmer gesagt, geschildert ist. Zunächst\njedenfalls so, dass selbst ein so hochge-\nbildeter Mensch wie Herr Direktor Beller-\nm°nn die Handlung für eine Idee und die\nIdee für ein psychologisches Wachstum\nhält. Bei aller noch so bescheidener An-\nwendung des Wunders, das nach Lessing\nzu verwerfen ist. Um gleichzeitig die sitt-\nliche Nutzanwendung Schillers vorwegzu-\nnehmen: der Mensch versuche die Götter\nnicht oder in ungehobener Sprache: Wer\nfür eine Idee lebt, muss auf das Leben\nverzichten, wenigstens soweit es sich um\neine Frau und um die Liebe handelt. Das\ndürfte man unnatürlich nennen, aberSchiller\nist eben Idealist. Und die Jungfrau von\nOrleans muss daran glauben. Worin be-\nsteht nun die sittliche Kraft dieser Tragödie?\nDarin, dass die Jungfrau so schwach ist\nzu lieben, oder darin, dass sie sterben muss,\nweil sie nicht glaubt. Und die versitt-\nlichende Wirkung besteht also darin, dass\ndie Menschen einsehen sollen, man möge\nnoch so fest für eine Idee kämpfen, schliess-\nlich muss man doch als Mensch daran\nglauben. Oder man wird erstochen, wenn\nman im Kampf den Glauben verliert, was\nsonst nicht vorkommen kann. Die ganz\ngrossen Strategen behaupten zwar, dass\nGott immer mit den stärksten Bataillonen\nsei, dafür gibt es aber hier das Wunder,\ndas wiederum des Glaubens liebstes Kind\nist. Also es reimt sich alles, nur fehlt die\nversittlichende Wirkung. Nun ist der un-\nnatürliche Mensch kein Mensch. Denn was\nman so beim Menschen unnatürlich nennt,\nwird wohl doch natürlich sein. Ich habe\nda einen gewissen Verdacht gegen die Psy-\nchologie, trotzdem sich recht ehrenwerte\nMänner ihrer befleissigen. Aber mit der\nPsychologie der Männer ist es recht schwach\nbestellt, da diese Lehre im seelenleeren\nRaum erzeugt wird. Um mich pädagogisch\nauszudrücken: die sittliche Frage kann nur\nin einer einzigen Form aufgeworfen werden.\nNämlich: wann und wie Triebe zu hemmen\nsind. Das ist so einfach, dass es Psy-\nchologen nie verstehen werden. Um nun\nendlich auf die Kunst zu kommen, die\ndurch den Konflikt verhindert wurde, da\nmuss ich mich an das Wort halten, wenn -\nes auch als kleinlich empfunden werden\nsollte. Aber auch den schönsten Konflikt\nkann man im Drama nur durch das Wort\nwahrnehmen.\n\nFortsetzung folgt\n\nGedichte\nKurt Liebmann\n\nZeit erstarrt\nWund\nT\nbäumt des Schreis schmerzhaster Rücken\nlastes All\nund\nweite klage Frage\n♦\narmt\nund\nsehnt\nzerbricht.\nHak\nkrallt\naus Seele Dickicht\nQualstern\nfahlt\nund\nzackt.\nMein Schweigen\nzitterwickelt sich in Atemangesicht\nverwebt\nund\nnachtenttroptt\nich winke meiner Seele suchem Kahn\nwahn\nlegt\nund\nahnumhascht\naschbluter Schatten\ngramzernagt\ndie Stundenschnur des Ewignichts\nmir um den Hals\nund würgt\nwürgt\nwürgt.\n\nBlute Verwandlung\n\nDie Krone meiner Hände\natmet\nperlenlied"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.7", "texte": "Alexander Archipenko: Zwei Frauen - Zeichnung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.8", "texte": "umkreisend\ntrillerzackverbebtes Schreiten\nDu.\nSchleichstreichel wieg\nweichwedelt\nseidig\nkuss\ndein Fuss\nriss\nknisternd\npalmenblute Qual\nin taumeitieren Abgrund\nhakt\nund\nspitzt.\n0 linden hin\nlind\nweheweich\nich stumme vor der Schale deiner Scham\nund\nblühe zaubres Blut mir auf die Lippe\nschrumpf\nfedern\nnicken\nstürzen\nSturz\nder Brüste Glocken sagen Abend\nlocken Blut\nund\ntaumeln Gold\nund\ngolden Echo\nirren Stirn\nhüpfklages Ich\nim Laub der Augen schlüpfend\nrot\ndurch Wölbung Haar\nzerflattern\nzittern\nwirr\nDu girrst\nund krallst\nversinken\nwölben\nsinken\ntreten\nBlut\ndie kleine Brust\nsingt tropf\ndas peitsche Lachen\nDu\nund\ntropf\nund\ntropf\nund\nbluter blinder N'ogel\nDu.\n\nSternklag\nYersehnter Schrei springt tiefenall\nund\ntiefenschl ueht\nund\nschluckzend\nsternt die Träne\nstarrt.\nMein Schwirren glüht Blühwesen Du\nirrtastend All\nund\nsuchen Blut\nBlut mondet Kreis\nKreis äugt die Zeit\nwir kreisen zerr\nvon unten\nfackle Hände Qual\nbohrt wimmle Nacht\nw reg\nsinken\nbiegen\nleiben\nSturz\nblüht Glocke Glas\ndie Wiese\nweiss\nich kniee Dich\nder träume Vogel zirpt im Diadem des Monds\nund\nfunkelt Tod\nBlut schneit die Leiche Blütenbach\nund\nplätscherbunt\ndein stirner Himmel reisst sich Kopf\nmich Kopf\nund mich\nund\nhebt\nund\nsehnt\nwirft Sonne mich\nzu wolkem Haar\nin deinem Auge ist ein Ton vor dem mein\nKnie zertaut\no Blume"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.9", "texte": "Du\nDich pflücken alle Schmerzen\nBlume ;\nBlut\nStich\nüber meinem Sinken\nsternl der Stern\nklagt\nMord\n>V • -\n\nGleiten\nRot wüstet Weh\nund\nwehe wüste\nwüstet\nwüst\no\nweh\no\nrot\nweh\no\nTrompete mannt\nDas Gleiten zieht\nund\nZiehen\nwebt\nvermaschen\nwinden\nStrahl\nhasch .\nbogen Bogen\nbiegen\nschaukeln\nSilber\ngleissen\nbeeren\nschatten\nbrücken\nstampfen\nSpeeren\nblitzen\nich fliege\nsiehst du meine Seele\ndie gloeke Halle\nblauer Sarg\nzerenden Tropfen\nsintern\nspitzen\n\" k j» *\nklammen\nEistrommeln Musik\nnun falle ich hinab\nhinab\nhinab\nin Klaghöhlen\nhohl\nder Ton\nTraumtlrachen grünen\ngezackt\nder Ritter\ntötet\nspringen in Wasser\nwallen\nlichten\nKerzen nonnen\nfackeln Orgeln\nfeiern\ntot\nich nackte unter Palmen\nbrüstegestreichelt\nlecken Löwen\nBienen\nGras\nSchlaf\nN ichtwiederer wachen\nGeliebte.\n\nBriefe gegen Paul Westheim\nZur Geschichte des Sturm und des\ndeutschen Journalismus\n\nSechster Brief\n\nNun muss ich gar damit beginnen, Ihnen\nein Kompliment zu machen. Ich hatte ge-\nhofft, wieder einen Schritt weiter tun zu\nkönnen in jenem Artikel des April-Heftes,\nder Ihr Verhängnis geworden ist. Aber Sie\nhaben mir einen Streich gespielt, indem Sie\nam Ende Ihres Januar - Kunstblatts einige\nBemerkungen veröffentlichten, die zwar nicht\ngezeichnet sind, die ich aber unter tausend\ngleich schlechten dennoch als die Ihrigen\nhätte erkennen müssen. Und Sie werden\nbald sehen, warum.\nDiese Bemerkungen stossen fürs Erste mei-\nnen Plan um. Und darum das Kompliment,\nDenn ich sehe aus diesen Bemerkungen,\ndass wir uns noch immer nicht verstehen.\nAber dieses ist, wie ich selbst bekenne,\neine blosse Redensart. Denn eigentlich sind\nnur Sie derjenige, der nicht versteht. Ich\nverstehe Sie ausgezeichnet. Oder, richtiger\ngesagt, Sie wollen nichrverstehen, — ob-"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.10", "texte": "gleich auch das nicht das Wesentliche Ihrer\nentgegnenden Bemerkungen trifft. Denn wie-\nder verteidigen Sie sich gegen etwas, das man\nIhnen garnicht vorgeworfen hat. Goethe und\nHeine werden von Ihnen zitiert, um zu\nzeigen, dass auch sie keine Scheu getragen\nhaben, ihre Meinung zu ändern. Goethe\nund Heine! Welchen Wust von Verdreht-\nheiten muss ich da wieder hinwegräumen.\nWas ist das wieder für ein Durcheinander\nvon qui und quo! Von scheinbaren Miss-\nverständnissen und logischen Umdrehungen.\nWie oft soll ich Ihnen noch schreiben, dass\nIhnen niemand, auch Waiden nicht, vor-\ngeworfen hat, Sie hätten in Kunstdingen\nIhre Ansicht geändert, nur Ihre Ansicht\ngeändert. Geben Sie, ich beschwöre Sie,\nin Ihren künftigen Erwiderungen endlich\ndiese falsche Voraussetzung auf. Spielen\nSie nicht immer den zu Unrecht Gekränkten.\nWas hat Ihre ganze Erwiderung für einen\nSinn, wenn Sie die Vorwürfe nur zur Hälfte\noder weniger gehört haben wollen. Schriebe\nich nur für Sie, so könnte ich Ihre Bemer-\nkungen über Goethe und Heine und mich\nzu Ihren Akten. legen. Denn Sie wissen\nsehr gut, dass man Ihnen etwas ganz an-\nderes vorwirft als eine lumpige Ansichts-\nänderung in künstlerischen Dingen. Da Sie\naber vor Ihren Lesern so sonderbares Zeug\nausbreiten, sollen Sie so gründlich wie\nsonst von mir widerlegt werden. Ich will\nIhnen jetzt ein für allemal die Lust nehmen,\nIhren Fall als eine Bagatelle oder wohl gar\nals etwas Tugendhaftes hinzustellen.\nFürs Erste hätten Sie sich Ihre grossen\nklassischen Zeugen Goethe und Heine über-\nhaupt sparen können. Weil, wie Sie ent-\ndeckt haben, auch Goethe und Heine ge-\nlegentlich oder vielleicht sogar öfter ihre\nAnsicht in künstlerischen Dingen geändert\nhaben, wollen auch Sie das Recht haben,\n*\nin künstlerischen Dingen Ihre Meinung zu\nändern? Auch Sie? Auch? Goethe, Heine\nund Sie — und sonst niemand? Ausser\nIhnen dreien soll niemand das Recht haben,\nin künstlerischen Dingen seine Meinung zu\nändern? Hat nicht jeder Mensch das Recht,\nseine Meinung, jegliche Meinung zu ändern,\nalso auch in Kunstdingen? Ist es nötig, um ein\nsolches Recht zu beweisen, sich auf Goethe\nund Heine zu berufen? Wenn man einem\nMenschen zum Vorwurf macht, er habe\nein Geldstück geÄohlen, verteidigt sich dann\nder Beschuldigte mit den Worten, auch\nandere, sogar angesehene und berühmte\nMänner hätten gelegentlich Geld in die\nHand genommen.? Hatte man ihm\ndenn vorgeworfen, er habe Geld in die Hand\ngenommen? Sehen Sie: von dieser Art\nist Ihre wahrhaft klägliche Verteidigung.\nWas ist es, das der beschuldigte Dieb ver-\nschweigt? Erstens, dass man ihm nicht\nbloss vorgeworfen hat, er habe Geld in\ndie Hand genommen, und zweitens, dass\njener, auf den er sich beruft, berech-\ntigt war, das Geldstück in die Hand zu\nnehmen. Und was ist es, das Sie ver-\nschweigen? Erstens die Umstände, unter\ndenen Sie Ihre Ansicht geändert haben und\nzweitens die Umstände, unter denen Goethe\nund vielleicht auch Heine die ihrige ge-\nwechselt haben. Wie ist es nur möglich,\ndass ein erwachsener Mensch, der Sie doch\nsind, sich hinsetzt und beweisen will, man\ndürfe seine Ansicht ändern? Soll ich\nIhnen etwas vertrauen? Auch ich habe\noft im Leben meine Ansicht in Kunstdingen\ngeändert. Ich habe in früheren Jahren\nManchen und Manches bewundert und ver-\nehrt, das ich heute nicht mehr verehren\nund bewundern kann. Und wie wäre es\nanders möglich? Erweitert sich nicht der\nKreis der Kunstwerke, die wir kennen\nlernen, verengert sich nicht mit den Jahren\nder Kreis des künstlerischen Begriffs? Muss\nnicht ein Mensch, sei er selbst Künstler,\nsei er kunstempfänglich, Vielerlei, das ihm\ndurch Erziehung, Tradition oder Gewohn-\nheit in der Jugend als Kunst erschienen\nwar, später geringer oder garnicht als Kunst\neinschätzen? Lernt er nicht Vieles kennen,\ndass ihm unbekannt geblieben war, wodurch\nihm Früheres geringer oder als keine Kunst\nerscheint? Und muss das nicht ganz be-\nsonders denen so ergehen, die vor der Zeit\ndieser Kunstwende geboren und in diese\nZeit hineingewachsen sind? Und ist das\nnicht Alles selbstverständlich? Für Sie\nwohl nicht, Herr Westheim, da Sie sich\nerst auf Goethe berufen müssen, der als\nsehr junger Mensch, vom Anblick des\nStrassburger Münsters berauscht, die go-\nthische Baukunst über alles, auch über die\nitalienische Baukunst pries, aber später in\nsehr herabsetzenden Worten von ihr sprach,\nals er nämlich in Italien Palladios Bau-\nwerke gesehen hatte. Und solches, Herr"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.11", "texte": "Louis Marcoussis: Stilleben - Dreifarbendruck\nStudie zu einem Glasbild - Sammlung Waléry - Paris"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.12", "texte": "Westheim, soll Ihrem Falle gleich sein?\nWas schreibe ich nun: dass Sie so etwas\nunmöglich selbst glauben können? Oder,\ndass Ihnen so etwas zuzutrauen ist? Iyn\njunger Mensch sieht ein gewaltiges Bauwerk.\nEr glaubt in ihm unerreichte Kunst zu er-\nblicken. Viele Jahre später sieht er andere\nBauwerke, und nun schätzt er diese höher\nein als jene. Verlangen Sie von mir, dass\nich die Stellen bei Goethe nachlese, oder\nist es Ihnen recht, wenn ich mit Ihren Zi-\ntaten vorlieb nehme? Was hat aber, wenn\nich mich mit ihnen begnüge, der Fall Goethe\nmit dem Ihrigen gemein? Hat etwa Goethe\nhinterher verschwiegen, dass er früher ent-\ngegengesetzter Ansicht war? Darüber erfahre\nich aus Ihren Zitaten nichts. Oder doch?\n. . „während er später in der „Italienischen\nReise\" so unvorsichtig war ..\" Ich tue Ihnen\nfreilich zuviel Ehre an, wenn ich Ihre Worte\nals von Ihnen überlegt behandle. Aber was soll\nich sonst mit diesem „so unvorsichtig\" an-\nfangen? Zwar möchten Sie mit diesem\n„unvorsichtig\" eine Spitze gegen mich oder\nWaiden richten. Wenn aber Goethe in der\n„Italienischen Reise\" oder an anderer Stelle\nseine frühere entgegengesetzte Ansicht nicht\nverschwiegen hätte, würden Sie dann noch\nsagen können, er sei unvorsichtig gewesen?\nWäre er dann nicht im Gegenteil so vor-\nsichtig gewesen, als man es irgendwie von\nihm verlangen kann? Indem er sich den\nVorwurf hätte ersparen wollen, dass er\nfrüher einmal ganz anderer Meinung ge-\nwesen sei? Allerdings meinen Sie, dass der\nMensch seine Ansicht ändern dürfe, ohne\neinen Vorwurf zu verdienen. Und ich habe\nIhnen darin mehr Recht gegeben, als Sie\nwünschten. Sehr richtig: Jeder hat die\nFreiheit, seine Meinung zu ändern. Wer\naber als Schriftsteller eine Meinung öffent-\nlich verkündet, der hat ausser jenem Recht\nauch die Pflicht, wenn er öffentlich das\nGegenteil schreibt, ebenso öffentlich zu be-\nkennen, früher in anderem Sinne geschrie-\nben zu haben. Ist er ein Schriftsteller, so\nwill er seine Ansicht Vielen oder Allen\nmitteilen, wenn er nicht gar wünscht, dass\ndie Vielen oder Alle sich zu seiner Ansicht\nbekehren. Erkennt er später seine Ansicht\nals falsch, hat er sich einer anderen, ihm\nwahrer dünkenden Auffassung zugewandt,\nso muss er in irgend einer Weise\nden Wechsel seiner Ansicht er-\nkennen lassen. Sonst lässt sich\nvon ihm vermuten, dass er die\neine Ansicht ebenso unbedacht\ngeäussert habe wie die andere.\nAber ich will mich, da Sie schwer begreifen,\nnoch deutlicher erklären. Ich beabsichtige\nnicht, festzustellen, ob Goethe in diesem Falle\nden Vorwurf verdient habe. Ich will Sie nur\ndaran erinnern, dass Goethe, Ihrer Kenntnis\nnach, den Zwiespalt seiner verschiedenen Auf-\nfassungen nicht bekannt hat, da Sie doch\nausdrücklich von seiner Unvorsichtig-\nkeit sprechen. Es wäre eine Ausrede,\nwenn Sie behaupten wollten, „unvorsichtig\"\nsei eine ironische Bemerkung, die sich\nausschliesslich gegen mich oder Waiden\nrichte. Denn Sie trauen auch uns nicht\nzu, dass wir einen Menschen unvorsichtig\nnennen, der mit Sorgfalt den Wechsel und\nden Zwiespalt seiner verschiedenen An-\nsichten erwähnt. Und nun, Herr Westheim,\nfrage ich Sie, — vorausgesetzt, dass Sie mir\nüberhaupt noch folgen können — zum\nzweiten Male: dieser Fall Goethe soll dem\nIhren gleichen? Worin denn? Da Sie\nsich doch etwas gedacht haben müssen,\nvermutlich nur darin, dass auch Goethe\nverschwiegen hat, als Schriftsteller\nverschwiegen hat, dass er gothische und\nitalienische Baukunst abwechselnd lobte\nund tadelte. Und da habe ich endlich\neinmal Ihr Eingeständnis, dass Sie über\ngrosse Kunstwerke heute lobend und mor-\ngen tadelnd oder heute tadelnd und morgen\nlobend geschrieben haben. Ganz wie Goethe.\nNicht wahr, Herr Westheim ? Und da man\nbekanntlich Goethe mit Haut und Haaren\nverspeist, da man ihn gefälligst ohne Kritik\nund ohne eigenen Verstand zu lesen, viel-\nleicht sogar seine oft unglaublich dilettan-\ntischen Ansichten über Kunst (besonders\nzahlreich in der „Italienischen Reise\") zu\nlesen und zu glauben hat, so ist ein Mann\nwie Sie, Herr Westheim, für eine Nummer\ndes Kunstblattes wieder einmal in der Mei-\nnung einiger Unwissender rehabilitiert. —\nGanz wie Goethe? Oder, was meinen Sie,\nHerr Westheim, vielleicht nicht ganz wie\nGoethe? Lassen Sie mich doch Ihre kri-\ntischen Publikationen sehen, in denen Sie\nein früheres wohlbegründetes Lob später\nzum Tadel gewendet haben. Ich kenne\nnur den anderen Fall. Dass nämlich Herr\nWestheim seit einigen Jahren lobend über"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.13", "texte": "das schreibt, was er früher mit wüsten\nSchimpfworten bedacht hatte, — um nicht\nzu sagen: was er früher aus künstlerischer\nUeberzeugung abgelehnt hatte. Und damit,\nSie armer Herr Westheim, gleicht Ihnen\nnicht einmal mehr der halbe Fall Goethe.\n„Dass der Italiener sich keiner eigenen\nBaukunst rühmen darf\" — klingt dieser\nAusdruck Goethes, den Sie zitieren, nach\nder Art Ihrer wüsten Schimpfworte,\nIhrer Beleidigungen, mit denen Sie vor\nJahren die neue Kunst empfangen hatten?\nEinen zwar völlig ablehnenden, aber mit\nAnstand geschriebenen Satz Goethes wagen\nSie mit Ihren befleckenden Ausdrücken zu\nvergleichen? War es die Absicht Goethes,\ndie italienische Baukunst der Verachtung\nund der allgemeinen Lächerlichkeit preis-\nzugeben ? Wollen Sie leugnen, dass\nes Ihre Absicht war, Kandinsky\nund Archipenko und die fran-\nzösischen Kubisten dem Ge-\nspött jenes Pöbels preiszugeben,\nder kulturlos und barbarisch\nM\ngenug ist, von Tageskritiken\nsich über Kunst informieren\nzu lassen? Goethe lehnte ab, was er\nnur aus Abbildungen kannte. Sie\nverhöhnten und verlästerten, was Sie in\nOriginalen gesehen hatten. Goethe\nlobte das Getadelte, als er es in Wirklich-\nj\nkeit sah. Sie fingen an, das Beschimpfte\nzu loben, als Sie ach, Herr Westheim,\nich überlasse es Ihnen, den Zeitpunkt an-\nzugeben. Mit Becht, Sie wissen es besser\nals ich. Nein, Herr Westheim, der Fall\nGoethe hat nichts von dem Ihrigen an sich.\nLassen Sie ihn aus dem Spiel. Denn wenn\nSie zum Schlüsse Ihres Artikels gar noch\nerkennen lassen, dass Goethe zu anderem\nUrteil kam, weil er etwas hinzugelernt\nhabe, so ist das wieder ein respektables\nZauberkunststückchen, dass Sie Ihren Lesern\nvormachen. Diese sollen glauben, Sie ur-\nteilten heute anders über die neue Kunst,\nweil Sie etwas hinzugelernt haben. Und\nSie beweisen durch jedes neue Urteil, dass\nSie nichts hinzugelernt haben. Nicht, weil\nSie ein Kunstwerk erkennen, loben Sie es,\nsondern weil es von Anderen anerkannt\nworden ist. Ueber das Nicht-Anerkannte\nurteilen Sie noch heute genau so unfähig\nwie einst. Nur, dass Sie in Heines Schriften\nbesser Bescheid wissen als ich, will ich\nIhnen glauben. Ich habe mich um diesen\nVersemacher und Witzbold nie viel ge-\nkümmert. Ich habe auch meine Ansicht\nüber ihn nicht geändert. Ich habe keine\nZeit und keine Ursache nachzuprüfen, ob\njener Komödiant im Becht oder Unrecht\nwar, als er Heine nachweisen wollte, dieser\nhabe über ihn einmal so und einmal anders\ngeschrieben. Wenn ihm aber — nach West-\nheim — Heine geantwortet hat, er werde\nin Zukunft erst seine Schriften durchlesen,\nehe er wieder über den Komödianten\nschreibe, so muss ich Heine Becht geben.\nEr hatte vermutlich in solchen Dingen ein\nebenso schlechtes Gedächtnis wie Sie, Herr\nWeslheim. Und es würde weniger törichtes\nZeug geschrieben werden, wenn alle Kunst-\nrichter diesen Bat Heines befolgen wollten.\nSo, Herr Westheim, das waren Ihre Fälle\nGoethe und Heine, mit denen Sie so viel\nwie nichts für Ihre Bechtfertigung getan\nhaben.\nWas Sie in Ihren „Bemerkungen\" um diese\nbeiden Fälle herumschreiben, sind Sätze,\nauf die ich nicht mehr Wert legen will,\nals Sie selbst. Ich sehe aus ihnen, dass\nSie nicht die Gewohnheit haben, Ihre Ar-\ntikel noch einmal durchzulesen. Wenn Sie\nschreiben: „Goethe hat es bekanntlich un-\nterlassen, für den Sturm Beklame zu\nmachen\", wenn Sie einen solchen Satz ver-\nfassen, der nicht das Niveau eines unbe-\ngabten Gymnasiasten erreicht, so ersehe\nich daraus, dass Sie auch keine Korrek-\nturen lesen. Selbst Sie würden eine solche\nBemerkung nicht für einen Witz gehalten\nund sich ihrer so geschämt haben, dass Sie\nihretwegen die ganze Nummer aufgehalten\nhätten. Und von ähnlicher Art ist ein an-\nderer Ihrer Sätze: „In der Form eines\nCourths-Mahler-Bomanes mit vielen pikant\nzugespitzten Fortsetzungen und höchst pie-\ntätvollen Stramm-Indiskretionen ......\"\n— Ich glaube diesen Satz auf mich und\nmeine an Sie gerichteten Briefe, die ich\nfortan lieber gegen Sie richten will, be-\nziehen zu dürfen. Aber ich befinde mich\nin der schwierigen Lage, mich nicht voll-\nkommen verteidigen zu können. Denn mir\nselbst steht ein Urteil über Ihren Vergleich\nnicht zu. Ich habe nie in meinem Leben\neine Zeile von Courths-Mahler gelesen und\nweiss darum nicht, ob mein Stil oder die\nForm meiner Aufsätze der seinigen gleicht."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.14", "texte": "Ich kenne den Namen nur aus stereotypen,\njournalistischen Bemerkungen, wenn näm-\nlich Ihresgleichen aus Mangel an sachlichem\nUrteil und stilistischem Ausdruck zu\nschimpfen anfängt. Ich nehme freilich an,\ndass die Schriften dieses Courths-Mahler\nrecht übel sind. Aber Ihr Vergleich taugt\ndennoch nichts. Denn ich sage Ihnen auf\nden Kopf zu, dass auch Sie diesen Courths-\nMahler nie gelesen haben, sich also gar\nkein Urteil darüber bilden konnten, ob ich\nin der Form dieses Skribenten schreibe.\nUnd ich wage sogar jede Wette, dass Sie\nes selbst nicht glauben. So könnten wir\nbeide leicht über diesen Satz hinwegkom-\nmen, wenn Sie nicht die Unvorsichtigkeit\nbegangen hätten, noch den schäbigen Witz\nvon „höchst pietätvollen Stramm - Indis-\nkretionen\" einzufügen. Sie nehmen sich\ndamit die Freiheit, auf einige Brieffragmente\nanzuspielen, die ich in meinem ersten an\nSie gerichteten Schreiben veröffentlicht habe.\n„Höchst pietätvoll\" heisst aus dem üblichen\njournalistischen Gewitzel übersetzt pietät-\nlos. Briefstellen, die ich veröffentlichte,\num den von deutschen Journalisten mass-\nlos besudelten August Stramm im Licht\neines Genies und eines grossen Menschen\nstrahlen zu lassen, — das nennen Sie pie-\ntätlos? — Oder haben Sie vielleicht den\nArtikel „Bemerkungen\" gar nicht selbst ge-\nschrieben, da er nicht gezeichnet ist? Dann\nfordere ich Sie auf, mir den Menschen zu\nnennen, der in Ihrem Blatt aus Reinheit\nSchmutz und aus Schmutz Reinheit macht.\nUnd der es wagt, da von Indiskretion zu\nsprechen. Solange Sie mir den Menschen\nnicht nennen, darf ich Sie für denjenigen\nhalten, der von Indiskretion spricht. Sie\nalso, der Sie vergeblich bei unsern Künst-\nlern herumstreichen, um „Fälle\" auszu-\nwittern, Sie, den man seit meiner Erör-\nterung Ihres „Fall Marc\" so gründlich kennt,\nSie getrauen sich noch immer, mir Indis-\nkretionen vorzuwerfen? Nun, Herr West-\nheim, ich werde Ihnen für immer die Lust\naustreiben, andere Leute, wer sie auch sein\nmögen, einer Indiskretion zu beschuldigen.\nNur will ich dabei so umständlich sein, wie\nman es nun schon an mir gewöhnt ist.\nNachdem ich im Oktoberheft des Sturm den\nersten Brief gegen Sie gerichtet hatte, hielten\nSie bereits die Zeit für gekommen, mit einem\nArtikel darauf zu erwidern, der im Wesent-\nliehen aus neuen Verdächtigungen und\nWiedergabe von Klatschereien bestand. Sie\nüberschrieben diesen Artikel: „Chagall, der\nfeindliche Ausländer\", weil Sie diesen „Fall\"\nfür die grosse Kanone hielten, die Sie ab-\nfeuern könnten. Ich meinerseits hielt damals\ndie Zeit noch nicht für gekommen, Ihnen\ndieses Machwerk aus Verdächtigungen und\nErzählung von Klatsch zu zerknittern.\nUnd auch heute müssen Sie sich damit\nbegnügen, dass ich nur einen Teil davon\nin meiner Weise erledige, nämlich gründlich,\nfür immer und wieder ohne Ehre für Sie.\nLeider auch ohne Ruhm für einen Anderen.\nSie nahmen sich in Ihrem Oktober-Artikel\ndie Gelegenheit, an die „Fälle\" Ihres April-\nHefts anzuknüpfen:\n„Es haben sich nämlich inzwischen bei mir\nnoch eine Reihe Künstler gemeldet, ge-\nwissermassen, um sich zu beschweren, weil\nsie nicht auch unter denen genannt waren,\ndie dem Geschäftsbetrieb des Herrn Waiden\nentlaufen sind.\"\nNun, Herr Westheim, es konnte Ihnen nicht\nschwer fallen, einige Künstler zu nennen,\ndie dem, was Sie den Geschäftsbetrieb des\nHerrn Waiden oder des Sturm nennen, ent-\nlaufen waren. Freilich nicht so sehr dem\nGeschäftsbetrieb, wie ich später\neinmal unter Beibringung einiger unvor-\nsichtiger Briefe beweisen werde. Dafür jedoch,\nwieSie es ganz richtig nennen, entlaufen.\nDa ich aber jetzt nicht in der Laune bin, Ihnen\nüber diese Entlaufenen einige Aufklärungen\nzu verschaffen, greife ich lieber da zu, wo\nSie selbst interessanter werden, indem Sie\nfortfahren:\n„Ein sehr bekannter Maler, der in Süd-\ndeutschland lebt, der künstlerisch Franz\nMarc sehr nahe steht, erst kürzlich zusammen\nmit Marc in Berlin ausgestellt wurde (falls\nes gewünscht werden sollte, kann der Name\nauch genannt werden; hier zu solcher\npädagogischen Unterweisung dürfte das ja\nunnötig sein), ein Künstler, den Der Sturm\nschon der Propaganda nach, die er jahre-\nlang für ihn getrieben hat, nicht zu den\nunwichtigsten gezählt haben dürfte, schreibt\nmir ganz spontan: „Die Abrechnungen\nstimmten immer. Das, was mich ver-\nanlasste, vom Sturm fortzugehen, war mehr\nder ekelhafte Betrieb mit Wauer, Neil Waiden\nund wie die Grössen alle heissen, und die\nFrechheit, mit welcher deren Produkte als"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.15", "texte": "Alexander Archipenko: Stilleben - Zeichnung"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.16", "texte": "höchste Kunst angepriesen wurde. Auch\nwurde mein Name ebenso wie der Name\nPaul Klee jahrelang benutzt, um eine Sturm-\nschule (die inzwischen nach Entfernung\ndieser Namen aus den Reklameankündi-\ngungen zur „Sturm-Hochschule\" avanciert\nist), vorzugeben. Jedenfalls habe ich keine\nStunde dort unterrichtet und bin auch nie\naufgefordert worden, es zu tun. Das alles\nsind — (folgt ein Ausdruck, den ich als\n• •\nlapidare Äusserung des Künstlerunmuts\nhier nicht hersetzen möchte) und ich bin\nglücklich, dem Sturm entronnen zu sein.\"\nDieses Schreiben spricht nun wirklich einmal\nin sehr verächtlicher Weise vom Sturm\nund seiner Tätigkeit. Und daraus sehen Sie,\ndass ich heute schon zum zweiten Mal in\nder Lage bin, Ihnen ein Kompliment zu\nmachen. Ja, Herr Westheim, da haben Sie\neinen guten Griff getan. Und welches Glück\nfür Sie, dass der Künstler Ihnen „ganz\nspontan\" geschrieben hat. Er wusste, an\nwen er sich zu wenden habe. Er kannte\nSie als einen Beschützer bedrängter Künstler\nund als einen Hort reinen künstlerischen\nStrebens. Und noch besser wusste er, dass\nSie seit einiger Zeit, wenn ich so sagen\ndarf, die Zentralstelle für Verdächtigungen\ndes Sturm geworden sind. Was ich Ihnen\naber früher einmal vorwarf, dass Sie jede\nLüge und Verdächtigung glauben, wenn sie\nnur gegen Waiden und den Sturm und, wie\nich hoffe, von jetzt an auch gegen mich\ngerichtet ist, einen solchen Vorwurf möchte\nich auf diesen „Fall\" nicht anwenden. Denn\nein sehr bekannter Maler, der in Süddeutsch-\nland lebt, der künstlerisch Franz Marc sehr\nnahe steht, mit einem Wort Campendonk\n— ich hätte noch eine Stunde vor der\nLektüre Ihres Artikels nicht sagen mögen,\ndass dieser bekannte, durch den Sturm\nbekanntgewordene Maler unglaubwürdig sei.\nUnd da es nur wenig Tatsächliches ist, was\nsein Schreiben enthält, so war Ihre Über-\nzeugung von seiner Glaubwürdigkeit auf\nkeine schwere Probe gestellt. Was sonst\nin dem Brief steht, das würde ich zwar\nnicht so harmlos wie Sie „Äusserungen des\nkünstlerischen Unmuts\" nennen, aber es\nkonnte Ihnen kaum einen Zweifel erregen,\ndass es so gemeint wie geschrieben war.\nSo weit also sieht es aus, als wären Sie da\nwirklich einmal recht vom Glück begünstigt\ngewesen. Und in Ihrem grossen Glück über-\nsahen Sie sogar, dass Campendonks Brief\neinige schwere Beleidigungen enthielt, durch\nderen Veröffentlichung Sie sich selbst, wie\nich sagen muss, wieder einmal einer\nöffentlichen Beleidigung schuldig machten.\nErst als Campendonk, wie Sie andeuten,\nnoch stärkere Beleidigungen niederschrieb,\nfingen Sie an, eine Mitschuld an der Ver-\nöffentlichung zu erkennen und zu vermeiden.\nSehe ich von diesen öffentlichen Beleidi-\ngungen ab, so scheint Ihnen diesmal weiter\nnichts Erhebliches vorgeworfen werden zu\nkönnen. Es war Ihr gutes Recht, die An-\nwürfe Campendonks schmunzelnd zu ge-\nmessen und sich mit ihm einmal aus tiefstem\nHerzen ganz eine Seele zu fühlen, so wie\ner in Ihnen eine gleiche Seele glaubte ge-\nfunden zu haben. Und das umsomehr, als\nIhnen Campendonk einen so beglückenden\nBrief, ein so unschätzbares Dokument ganz\nfreiwillig, ganz aus eigenem Antrieb, kurz\n„ganz spontan\" übersandt hatte. „Ganz\nspontan\" — ganz? Wie, so fragte ich mich,\nwie kommt ein Mensch dazu, Ihnen, Herr\nWestheim, seinen Busen so zu öffnen?\nGanz spontan, ungefragt und ungebeten\nschreibt man an Sie einen Brief voll schwerer\nund, wie es scheint, allerschwerster Be-\nleidigungen? Ganz spontan? Das heisst\ndoch wohl nicht nur: ohne dass ich,\nPaul Westheim, Campendonk um Mit-\nteilungen über den Sturm gebeten oder\ngefragt hätte? „Spontan\" würde ausreichen,\num mich das verstehen zu lassen. Aber\nSie, Herr Westheim, schreiben: „Ganz\nspontan\", und das kann ich und jeder\nMensch nur so verstehen, dass von Ihrer\nSeite nichts, auch nicht das Geringste ge-\nschehen war, das Herrn Campendonk zu\nseinem beleidigenden Brief hätte ermutigen\nkönnen. Sie waren es nicht, der Herrn\nCampendonk auf den Gedanken brachte,\ndass er an Ihrer Brust sich einmal ehrlich\nund in den verletzendsten Ausdrücken über\ndie Stelle äussern könne, der er nicht nur\nkünstlerisches Ansehen verdankt, der er\nauch jahrelang in von mir noch nicht ge-\nzählten Briefen seinen Dank ausgesprochen\nhat. Auch ohne Sie konnte Herr Campen-\ndonk wissen, dass Sie ein offenes Ohr und\nein bereites Herz für Beleidigungen und\nVerdächtigungen des Sturm haben. Und\ndarum schrieb er Ihnen. Darum schrieb\ner Ihnen? Nur darum? Nein, Herr West-"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.17", "texte": "heim, diese Kette schliesst sich nicht. Wie\nwars mit Ihrem Fähnlein der „Entlaufenen\"?\n„ . . . , . gewissermassen, um sich zu be-\nschweren, weil sie nicht auch unter denen\ngenannt waren, die dem Geschäftsbetrieb\ndes Herrn Waiden entlaufen sind.\" „Ge-\nwissermassen\" ist kein gutes Wort. Schon\nseine erste Hälfte „gewiss\" hat in der\ndeutschen Sprache einen doppelten Sinn,\nindem sie oft genug auch das Gegenteil\nbedeutet. Die Folge ist eine missbräuchliche\nAnwendung des Wortes „Gewissermassen\"\nim Sinne von „ungefähr wie wenn\". Ihr\n„gewissermassen, um\" soll demnach heissen,\ndass jene Entlaufenen sich zwar nicht aus-\ndrücklich beschwert haben, sie seien in\nIhrer Ehrentafel nicht erwähnt, dass aber\nIhre Unterlassung die Triebfeder ihrer Briefe\nwar. Herr Campendonk hat sich also nicht\nausdrücklich bei Ihnen darüber beschwert,\ndass er auf Ihrer Ehrentafel der Entlaufenen\nnicht genannt sei, aber das kränkende Ge-\nfühl, von Ihnen nicht erwähnt zu sein, trieb\nihn zu seinem Brief. Und seine indirekte Be-\nschwerde fand ihre schnelle Erledigung. —\nSind Sie mit mir zufrieden, Herr Westheim '?\nIch will es hoffen. Sie können keinen besse-\nren Anwalt, keinen gerechteren Ausleger\nIhrer Handlungen finden als mich. Und\nausser dem Vorwurf einer schweren öffent-\nlichen Beleidigung hätte ich Ihnen — Ihnen,\nHerr Westheim — nichts nachzusagen, wenn\nnicht einer der Beleidigten selbst; William\nWauer, diesen Brief an mich gerichtet hätte.\n„ Lieber Doktor,\nanbei übersende ich Dir meine Korre-\nspondenz mit dem Maler Campendonk und\ndem Kritiker Paul Westheim, in die ich Dich\nbitte, Einsicht zu nehmen. Da Herr West-\nheim auf meinen Brief nicht geantwortet\nhat, also die verlangte Genugtuung für die\nvon ihm indiskreter Weise veröffentlichten\nbeleidigenden Äusserungen Campendonks\ngegen mich verweigert, möchte ich Dich\nbitten, bei deiner öffentlichen Abrechnung\nmit dem Kritiker Westheim diesen neuen\nFall mit einzubeziehen. Ich stelle Dir die\nBriefe zur freien Verfügung, da ich auch\ndem Maler Campendonk davon Mitteilung\ngemacht habe, dass ich seine entschuldigende\nErklärung zur Austragung des Falles nun-\nmehr verwenden werde. Mir genügt es\nvöllig, Westheims unfaire Kampfesweise\nfestzunageln. William Wauer\"\nDie entschuldigende Erklärung Campendonks\nan Wauer lautete:\n„Seeshaupt, 8. Februar 21.\nSehr geehrter Herr,\ndie in dem in Frage stehenden Briefe ge-\nmachten Äusserungen nehme ich mit dem\ngrössten Bedauern, sie gemacht zu haben,\nzurück, und bitte ich Sie in aller Form um\nEntschuldigung. — Herrn Paul Westheim\nhabe ich nicht die Genehmigung, meinen\nBrief zu veröffentlichen, erteilt. Letzteres\nbemerkte ich in noch jedem Schreiben an\nSie, und bin ich auch in der Lage, Ihnen\ndieses zu beweisen, da ich einen Brief von\nHerrn Westheim besitze, in welchem er\nmir schreibt, dass er den Brief ohne vor-\nherige Anfrage abdrucken liess, weil ich in\nder Zeit verreist gewesen sei.\nEs würde mir nicht einen Moment einge-\nfallen sein, die Erlaubnis zur Veröffentlichung\nzu geben, da ich mich bestens bedanke,\nin derartige Polemiken hineingezogen zu\nwerden. — Ich möchte auch noch bemer-\nken, dass ich Ihre freundschaftlichen Be-\nziehungen zu Herrn WTalden nicht kenne\nund ich nicht die Absicht hatte, mit meinen\nÄusserungen diesen zu nahezutreten.\nHochachtungsvoll\nCampendonk\"\nDieser Brief des Herrn Campendok be-\nschuldigt Sie einer schweren Indiskretion,\nSie, der anderen Leuten Indiskretion vor-\nwirft. Aber Sie wissen, dass ich bei jeder\nGelegenheit Ihre Partei ergreife und Ihnen\nbehilflich bin, Entschuldigungen zusammen-\nzutragen. Und darum stelle ich die Frage:\nWar Ihre Veröffentlichung des Campen-\ndonk'schen Briefes eine Indiskretion? Und\nwenn es eine war, ist Herr Campendonk\nberechtigt, sie Ihnen vorzuwerfen? Herr\nCampendonk erklärt, dass er Ihnen die\nGenehmigung zur Veröffentlichung nicht\nerteilt hat. Aber dieses, Herr Westheim,\nwürde nicht sehr viel gegen Sie beweisen.\nDenn wenn Sie auch den Brief ohne Ge-\nnehmigung veröffentlicht haben, Sie hätten\nja trotzdem damit Herrn Campendonk einen\nGefallen tun können. Was ist eine Indis-\nkretion? Der Mangel an Verschwiegenheit,\neine Tat des Nicht-Schweigens. Aber wir\ndürfen keinem Menschen eine Schweige-\npflicht zumuten, wenn sie nicht aus be-\nsonderen Gründen geboten ist. Wollen Sie\netwa jemanden einer Indiskretion zeihen,"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.18", "texte": "der, ohne dazu autorisiert zu sein, von\neinem ' anderen Rühmliches, Lobendes,\nEhrendes mitteilt oder verbreitet? Wollen\nSie das tun, Herr Westheim? 0 ja, Sie\ntun es. Im Gegensatz zu anderen Menschen.\nDenn Sie beschuldigen mich der Indiskretion,\nweil ich einige Brieffragmente August\nStramms veröffentlichte, die den Kanaillen\nzeigen sollten, an welchem grossen Künstler,\nan welchem leuchtenden Menschen sie ihre\nBestialität getrieben haben. Nur Sie und\nsonst kein Mensch auf der Welt nennt das\neine Indiskretion. Merken Sie sich das,\nHerr Westheim, und merken Sie sichs für\nalle Zeiten. Nur ich, ich selbst und ich\nganz allein habe das Recht, mich einer\nIndiskretion zu beschuldigen. Denn ich\nhabe auch das Recht, mich freizusprechen,\nweil mir diese Indiskretionen von Ihnen\nund Ihresgleichen erpresst werden. Ganz\nrecht, Herr Westheim, Sie wissen, worauf\nich anspiele. Ich spreche sowohl von den\nBrieffragmenten Franz Marcs, wie auch von\nden Briefen, die ich heute veröffentliche.\nNiemand auf der Welt ausser Ihnen nennt\nsolche Veröffentlichungen Indiskretionen,\nzu denen ich um der Ehrenrettung Anderer\nwillen gezwungen werde. Mein Zweck ist\nes nicht, hier Campendonk blosszustellen\num der Blosstellung willen. Aber ich muss\nihn biosstellen, da er die Ehre eines\nAnderen schwer verletzt hat. Und nun\nwollen wir sehen, ob Ihre Veröffentlichung\ndes Campendonk'schen Briefes vor dem\nVorwurf der Indiskretion gerettet werden\nkann. Ich habe schon viel dafür getan.\nIch habe Ihnen geglaubt, dass Campendonk\nseinen Brief „ganz spontan\" geschrieben\nhat. Aber um Ihnen zu beweisen, dass ich\nIhnen zu Unrecht geglaubt habe, gebe ich\nIhnen aus einem anderen Briefe an Wauer\ndieses zu lesen:\n„Seeshaupt, 18. Januar 21.\n. . Jedenfalls bekam ich eines Tages von\nHerrn Paul Westheim einenßrief, in welchem\ner anfrug, ob ich über die Dinge, welche\nFranz Marc resp. dessen Witwe mit dem\n„Sturm\" erlebte, unterrichtet sei. Ich wusste\ndarüber nichts und ... Ob aufgefordert oder\nnicht, das ist mir entfallen, ich schrieb\njedenfalls weiter . . . Der im Kunstblatt ver-\nöffentlichte Teil meines Briefes ist voll-\nkommen wortgetreu .\nDa es also leider Herrn Campendonk ent-\nfallen war, ob er von Ihnen zu seinen be-\nleidigenden Äusserungen aufgefordert war\noder nicht, so haben Sie vielleicht die\nLiebenswürdigkeit, mir darüber Aufklärung\nzu verschaffen. — Sie schütteln den Kopf?\nSie wollen nicht? Dann, Herr Westheim,\nmüssen wir versuchen, unter Zuhilfenahme\ndes gemeinen menschlichen Scharfsinns\nhinter das Geheimnis zu kommen. Herrn\nCampendonk also war es entfallen, ob er\nsich ganz spontan geäussert hat oder\nnicht. Richtiger gesagt: es war ihm ent-\n• •\nfallen, ob er die beleidigenden Äusserungen\nspontan geschrieben hatte. Denn dessen\nerinnerte sich sogar Herr Campendonk,\ndass er sie nicht ganz spontan gemacht\nhatte. Sie, Herr Westheim, hatten sich an\nihn gewandt und ihn um Auskunft über\nihre „Leichenfledderei\" an Franz Marc ge-\nbeten. Und da Campendonk Ihnen damit\nnicht dienen konnte, beeilte er sich, Sie\nmit anderem Material gegen den Sturm zu\nversehen. „Gewissermassen\", um sich bei\nIhnen zu beschweren, dass er nicht auch\nunter den Entlaufenen genannt sei. Man\nmuss ein Westheim sein, um so etwas\n„ganz spontan\" zu nennen. Hätten Sie\nnur geschrieben „spontan\", so wären Sie\nnicht nur dem wahren Sachverhalt näher\ngekommen, Sie hätten auch Campendonk\num einen Grad weniger kompromittiert.\nAber freilich muss es dem Geschmack des\nBeleidigers überlassen bleiben, ob er es\nvorzieht, seine Beleidigungen gefragt oder\nungefragt geäussert zu haben. Für Sie, der\nSie Material gegen den Sturm brauchten,\n• •\nwar eine ganz spontane Äusserung effekt-\nvoller. Aber Campendonk war es entfallen.\nEs war ihm entfallen, obgleich Sie dafür\ngesorgt hatten, dass es ihm nicht entfallen\nkonnte. Er brauchte nur Ihren Artikel\naufzuschlagen, um sich zu überzeugen, dass\ner ganz spontan an Sie geschrieben hatte.\nOder sollte vielleicht Campendonk selbst\nerstaunt gewesen sein, dass er sich ganz\nspontan geäussert hatte? Wäre es viel-\nleicht doch möglich, dass Sie ein ganz\nklein wenig — wie? •— ein ganz klein\nwenig es ihm nahegelegt haben? — Nein?\nWie Sie wollen, Herr Westheim. Wenn\nSie nur nicht geschrieben hätten: »ganz\nspontan!\" Qui s'excuse. Und was schreibt\ndenn dieser Campendonk für einen sonder-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.19", "texte": "Alexander Archipenko: Sitzende Frau - Zeichnung"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.20", "texte": "baren Stil? Ganz spontan schreibt er:\n„Die Abrechnungen stimmten immer.\"\nGanz spontan. „Das, was mich veranlasste,\nvom Sturm wegzugehen, war mehr..\" —\nWie, zum Henker, kommt dieser Campen-\ndonk ungefragt auf die Abrechnungen des\nSturm? Ganz spontan? Hier fehlt etwas,\nHerr Westheim. Hier fehlt wieder einmal\nein Glied in der logischen Kette. Das wie\nfehlt und, warum Herr Campendonk plötz-\nlich so beleidigend auszuplaudern beginnt.\nHier fehlt etwas. Schaffen Sie es mir herbei,\nHerr Westheim. Campendonk ist es ent-\nfallen. Er weiss nicht mehr, wie er dazu\nkam, plötzlich von den Abrechnungen des\nSturm zu schreiben und sich über die\nGründe seines Yerlassens zu äussern. —\nSie wollen nicht? Und Sie können nicht?\nGott helfe Ihnen, Campendonk schrieb\nwirklich ganz spontan? Ja, zum Donner-\nwetter, wie kommt dann dieser Campen-\ndonk dazu, Ihnen Indiskretionen vorzu-\nwerfen? Wenn er Ihnen ganz spontan\ngeschrieben hat, war das für Sie nicht\ndeutlich genug? Sagte er nicht „gewisser-\nmassen\": Da haben Sie mein Material,\nmachen Sie damit, was Sie wollen? Und\nhinterher schreibt dieser Campendonk, er\nhätte nie seine Einwilligung gegeben, wenn\nSie ihn danach gefragt hätten ? Ist das\nnicht toll? Ist das sein Dank dafür, dass\nSie von seiner unausgesprochenen Erlaubnis\nGebrauch gemacht haben? Und was hat\ner denn getan, nachdem Sie seinen Brief\nabgedruckt hatten? Was denn? Nichts hat\ner getan! Und soviel lateinisch verstehen\nvielleicht sogar Sie: qui tacet consentire\nvidetur. Wer gegen die Veröffent-\nlichung eines solchen Briefes\nnicht protestiert, erteilt min-\ndestens nachträglich seine Zu-\nstimmung. Die Erklärung an Wauer\nkam zu spät. Niemals hätte er seine\nZustimmung gegeben! Er bedankt sich, in\nsolche Polemiken hineingezogen zu werden.\nBeim Teufel mag er sich bedanken und\nbei Ihnen, der ihn zu solchen unüberlegten\nStreichen verleitet hat. Und vor allem bei\nsich selbst. Haben Sie ihn denn gebeten,\nso verwegene Mitteilungen zu machen und\nverletzende Ausdrücke zu gebrauchen? Ist\nIhnen ja gar nicht eingefallen. Wie kommt\nder Mann dazu, an Wauer einen Brief zu\nschreiben, der Sie schwer kompromittiert ?\nSie werden sich das nicht gefallen lassen.\nSie werden Campendonk zur Rede stellen,\nSie werden ihn, wie ich Sie kenne, um\nAufklärung bitten. Sie werden von Campen-\ndonk verlangen, dass er das gefälligst\nzurücknimmt. Sie werden ihm gehörig\nden Kopf waschen. Was sind das für\nneue Moden? Ganz spontan schreibt man,\nDer Sturm habe einen ekelhaften Betrieb\nmit Wauer, Neil Waiden und Anderen, es\nsei eine Frechheit, dies und das zu tun —\nund dann revoziert, bedauert man und\nentschuldigt sich? Noch mehr, man kom-\npromittiert einen Westheim, der weiter\nnichts getan hat als von einer so unzwei-\ndeutigen Ermächtigung den nächstliegenden\nGebrauch zu machen? Ist das die Tat\neines mutigen Mannes? Ist so etwas das\nBenehmen eines Künstlers, der für seine\nAnsichten und seine Worte eintritt? Zeigen\nSie ihm die Zähne, Herr Westheim. Lassen\nSie das nicht auf sich sitzen. — Sie haben\nes bereits getan? Umso besser! Nun wollen\nwir abwarten, was Campendonk tun wird.\nWofür mag er' sich entscheiden? Wem\nwird er Recht geben? Ihnen oder sich\nselbst? Wie wird er den Widerspruch\nzwischen Ihnen beiden lösen? Alles ist in\ngespannter Erwartung. Wird es zu einem\nEklat kommen? Wird ein Skandal ent-\nstehen? Herr Westheim, helfen Sie mir!\nHier ist Zauberei im Spiel! Was treiben\nSie mit mir? Ich habe es nicht gewollt.\nSie haben den Teufel an die Wand gemalt.\nSo, ja so und nicht anders stelle ich mir\nIhren Courths-Mahler vor:\n„Seeshaupt, 22. 2. 21.\nSehr geehrter Herr Wauer,\nHerr P. Westheim schreibt mir heute, dass\nSie in meiner Ihnen gegebenen Erklärung\neine Stelle so auslegten, als ob ich ihm\ndarin den Vorwurf der Unkorrektheit\nmache. — Ich möchte dazu erklären, dass\nich in meiner Ihnen gemachten Erklärung\nHerrn P. Westheim einen solchen Vorwurf\nkeineswegs machen wollte. — Es ist denkbar,\ndass Herr P. Westheim, nach Art der mit\nihm gepflogenen Korrespondenz annahm,\neine besondere Genehmigung zur Veröffent-\nlichung meines Briefes nicht einholen zu\nbrauchen.\nHochachtungsvoll\nH. Campendonk.\""}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.21", "texte": "So, also, Herr Westheim, ruinieren Sie die\nExistenz eines Künstlers. Fürchterliches\nmüssen Sie ihm geschrieben haben, dass\nSie ihn zu diesem verzweifelten Schreiben\nbringen konnten. Grosser Gott, wie ist so\netwas nur möglich? Wann hat denn nun\nHerr Campendonk recht gehabt? In seinem\nersten Brief oder in dem zweiten? Und\nwas war das für eine Art der ge-\npflogenen Korrespondenz? Das\nmuss doch eine Art gewesen sein, die Herrn\nW7estheim keinen Zweifel liess, dass er den\nBrief veröffentlichen dürfe? Es muss eine\nArt der Korrespondenz gewesen sein — nun,\nwas für eine Art war das wohl? Es muss\netwas zwischen diesen beiden Männern ge-\nschrieben worden sein, das Herrn West-\nheim in den Stand setzte, Campendonk zu\nseinem Widerruf zu zwingen. Denn ganz\nspontan hat sich Campendonk die Kehle\nnicht durchgeschnitten. Ist Ähnliches je\ngeschehen? Er beteuert Wauer in jedem\nBrief, dass er nicht nur die Erlaubnis zur\nVeröffentlichung nicht gegeben hat, sondern\ndass er sie auch nie gegeben haben\nwürde. Er hat sogar einen Grund dafür:\nnicht den mildernden, dass er seine groben\nAusfälle nur privatim habe tun wollen.\nNein, er will nicht in Polemiken hinein-\ngezogen werden. Und das ist nun wirklich\ndas Einzige, was es hier zu lachen gibt.\nUngefragt und ungebeten schreibt dieser\nCam pendonk einen Schmähbrief über andere\nKünstler und hinterher schreit er, man\nhabe ihn in eine Polemik hineingezogen!\nSoll das ein Witz sein? Hineingezogen?\nWer hat ihn hineingezogen? Doch höchstens\nsein grosser Freund Westheim. Aber der\nhat ihm den Kopf gewaschen und daran\nerinnert, dass er ganz spontan geschrieben\nhat, ganz spontan geschrieben haben muss.\nVerstanden! Und das Wunder geschieht\nauch. Es wurde denkbar, dass Herr\nWestheim sich für berechtigt halten durfte.\nNur denkbar? Meinetwegen. Aber doch\ndenkbar. Und so etwas fällt Herrn\nCampendonk erst ein, nachdem ihn West-\nheim angefahren hat? Ic h habe es schon\nlange bewiesen, dass es auch vorher denkbar\nwar, sehr denkbar. Und nun gibt es der\nVerstockte endlich selbst zu. Denn er wirft\nWauer vor, dieser habe eine Stelle des ent-\nschuldigenden Schreibens falsch aus-\ngelegt. Das wird zwar ausser den beiden\nHerren Campendonk und Westheim niemand\nfinden. Aber sie sollen beide Recht haben:\nWauer hat falsch ausgelegt. Es war also\nfür Campendonk schon früher denkbar,\ndass Westheim seinen Brief abdrucken werde.\nWie aber legt Herr Campendonk selbst\ndie falsch ausgelegte Stelle in einem früheren\nBrief an- Wauer aus?\n„Seeshaupt, 30. 1. 21.\n. . „Nach wie vor bin ich der Meinung,\ndass Sie die Angelegenheit mit Herrn\nP. Westheim regeln müssten, da ich das\nRecht habe, in Privatbriefen mich\nüber Dinge auszusprechen, wie es mir\nbehagt, sofern ich diese nicht für eine\nVeröffentlichung schreibe.\nDass dies nicht geschah, bin\nich jederzeit in der Lage zu\nbeweisen..\"\nDer Himmel bewahre uns alle, das wir\ndieses Schreiben Campendonks falsch aus-\nlegen. Hier steht: der Brief war nicht\n• •\nfür die Öffentlichkeit bestimmt. Dort steht:\nWestheim hatte das Recht, ihn zu ver-\nöffentlichen. Und diese beiden Erzwahrheiten\nheissen zusammengekoppelt und zusammen-\ngeschweisst: Westheim hatte das Recht, das\nzu veröffentlichen, was Campendonk nicht\ngeschrieben hatte, damit es veröffentlicht\nwerde. Versteht dies Keiner? I c h ver-\nstehe es. Es heisst: Paul Westheim durfte\nglauben, dass Campendonk trotzdem mit\nder Veröffentlichung einverstanden sein\nwerde. Und sein Glaube war kein irrender,\nsondern ein wahrer Glaube. Campendonk\nwar wirklich mit der Veröffentlichung ein-\nverstanden. Und dieses endlich heisst unter\nuns anderen Menschen: der Brief war\nfür die Veröffentlichung be-\nstimmt.\nNun ist die Wahrheit ans Licht gekommen.\nUnd damit Herr Westheim, will ich Sie für\nheute von dem Verdacht der Indiskretion for-\nmell freisprechen. Nur formell. Denn es ist\neine blosse Laune, wenn ich an Campenr\ndonks letzten Brief glaube. Ebenso gut\nkönnte ich an seinen ersten Brief glauben,\nganz wie es mir gefällt. Dann aber, Herr\nWestheim, hätten Sie doch die Indiskretion\nbegangen, die Campendorf Ihnen vorwarf.\nSolange mir die Herren nicht sagen, welcher\nArt die gepflogene Korrespondenz war, bin\nich nicht verpflichtet, das Eine oder das"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.22", "texte": "Andere zu glauben. Im einen Fall ist Campen-\ndonk der Gerichtete, im anderen Sie. Aber\nwie ich sagte, nur heute noch steht es um\nSie beide so günstig. In meinem nächsten\nBrief werden Sie alle beide fallen. Campen-\ndonk mag sich trösten, wenn er erkennen\nwird, welchen schlechten Dienst Sie ihm\nmit ihrer Veröffentlichung geleistet haben.\nWarum hat er einem Manne Geheimnisse\nanvertraut, der als Autor der „Leichen-\nfledderei\" sich einen Namen gemacht hat.\nSie aber, Herr Westheim, werden mit Er-\nbleichen sehen, was ich den spontanen\nBeleidigungen und unwahren Behauptungen\nCampendonks entgegenhalten werde. Und\ndann werden Sie erkennen, dass Ihnen\nCampendonk sein Opfer vergeblich gebracht\nhat. Aber das hat er mit Ihnen abzu-\nmachen und Sie mit Ihrem Gewissen.\n\nRudolf Blümner\n\nNachworte\nHerwarth Walden\n„Das Wesentliche an den neuen Bildern scheint\nmir zu sein, dass sie helfen, der Tendenz zur\nIsolierung, die generationenlang die Kunst be-\nherrschte, die Tendenz zur Einbettung ent-\ngegenzustellen. Eine solche Einbettung wird\nerst dann möglich, wenn das Bild nicht mehr\neinseitig auf den Erdrinden Floh-Mensch be-\nzogen wird, sondern sich auf den Zusammen-\nhalt aller Dinge in der Welt einstellt.\" Es\nist ein bestechender Gedanke, dass gerade\nFlöhe sich bei der Einbettung von Tendenzen\neinstellen. Durch diese neue Tendenz der\nEinbettung sollen aber gerade die Flöhe ent-\nfernt werden. Das Bild soll sich nunmehr\nauf den Zusammenhalt aller Dinge in der\nWelt mit einziger Ausnahme der Flöhe ein-\nstellen. Kein geringerer als unser Adolf Behne\nhat diese neue Aufgabe der Kunst bestimmt\nund ein Maler Segal arbeitet bereits nach\ndieser Vorschrift. Infolgedessen hat Herr Adolf\nBehne ihm ein künstlerisches Vorwort zu dem\nKatalog geschrieben, in dem er ausdrücklich\nfeststellt, dass dieser Segal „kein Wissender,\nkein Beherrschender, kein Künstler, sondern\nein Glaubender und ein Liebender ist.\" Herr\nBehne stellt auch noch einen weiteren Beweis\nfür die Einbettung fest: „Die neue Funktion\ndes Bildes drückt sich auch in der Behandlung\ndes Bahmens aus. Da er nicht mehr isolieren\nsoll, da vielmehr Hinüberleiten in die grosse\nalles umfassende Einheit seine Aufgabe ist,\nwird er in die malerische Arbeit einbezogen.\"\nDer arme Herr Behne hingegen wird auf die\nErdrinde ausgebettet und stört den Zusammen-\n• •\nhalt aller Dinge. Uber die Ausstellung dieser\nBilder schreibt der bekannte Kunstkritiker\nBehne in der Freiheit: „Es ist in den Bildern\nSegais eine reine Schlichtheit, um deretwillen\nschon man sie lieben muss.\" Unmittelbar\ndarauf bemerkt er über die Ausstellung Iwan\nPunis im Sturm: „Die Ausstellungsräume ein-\nmal lustig zu verwandeln, ist ja sehr nett ge-\ndacht, wirkt aber in dieser Art dilettantenhaft.\"\nSchon muss man diese Schlichtheit des Urteils\nlieben, wenn es auch recht dilettantenhaft\nwirkt. Hingegen ist die Tendenz der Ein-\nbettung zweifellos sehr nett gedacht. Noch\nnetter ist die feuilletonistische Forderung des\nHerrn Behne auf Grund seiner gütigen Aner-\nkennung der Bilder vonGleizes: „Wir müssen\naber verlangen, dass er die während des\nKrieges bei ihm eingerissene Kritiklosigkeit\nzu Ende sein lasse.\" Er, Der Sturm nämlich,\nbraucht sich nur von Herrn Behne einbetten\nzu lassen und es wird ihm in der Freiheit\nwarm und wohl ergehen. Ich möchte Herrn\nBehne lieber raten, seine Kritik nach dem\nSturm einzurichten, damit in seine Kritik-\nlosigkeit wieder ein Zusammenhalt kommt.\nTendenzen sind ja recht nett, aber die Kunst\nist noch einfacher.\n\nInhalt\nHerwarth Waiden: Kritik der vorexpressionistischen Dichtung\nKurt Liebmann: Gedichte\nRudolf Blümner: Briefe gegen Paul Westheim / Zur Geschichte des Sturm und des deutschen\nJournalismus / Sechster Brief\nHerwarth Waiden: Nachworte\nAlexander Archipenko: Sitzende Frau / Zeichnung\nAlexander Archipenko: Zwei Frauen / Zeichnung\nAlexander Archipenko: Stilleben / Zeichnung\nLouis Marcoussis: Stilleben / Dreitarbendruck / Studie zu einem Glasbild\nMärz 1921"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.23", "texte": "VERLAG DER STURM /\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMusik\nHerwarth Walden\nGesammelte Tonwerke\nDann / Vergeltung / Vcrdammnis / Werk I1—3\nDichtungen von Else Lasker-Schuler\nFur Gesang und Klavier / Je 4 Mark 50 Pfennige\nBruder Liederlich / Werk 5l\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nEntbietung / Werk 92\nDichtung von Richard Dehmel\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nZehn Dafnislieder / Werk 11\nZu Gedichten von Arno Holz\nFiir Gesang und Klavier / 15 Mark\nDie Judentochter / Werk 171 / 4 Mark 50 Pfennige\nAn Schwager Kronos / Werk 172\nFiir Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nSchwertertanz / Werk 18\nFiir Klavier / 6 Mark\nDer Sturm / Heeresmarsch / Werk 21\nFiir Klavier / 3 Mark\nTanz der Tone / Werk 23\nFur Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\n\nSturm'Karten\nJede Karte 70 Pfennigc\nNach Gemalden, Zeichnungen und Bildwerken\nfolgender Kunstler:\n\nAlexander Archipenko 3\nRudolf Bauer 4\n#\nFritz Baumann 1\nWilli Baumeister 1\nVincenc Benes 1\nUmberto Boccioni 2\nCampendonk 2\nMarc Chagall 5\nRobert Delaunay 1\nLyonel Feininger 1\nAlbert Gleizes 2\nJacoba van Heemskerck\nHjerten-Grunewald 1\nAlexei von Jawlensky 2\nKandinsky 2\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\n\nFernand Leger 2\nAugust Macke 1\nFranz Marc 1\nCarl Mense 1\nJean Metzinger 1\nJohannes Molzahn 2\nGeorg Muche 1\nGabriele Miinter 1\nNegerplastik 1\nOskar Schlemmer 1\nGeorg Schrimpf I\nKurt Schwitters 1\nGino Severini 3\nArnold Topp 1\nMaria Uhden 1\nNell Walden 1\nWilliam Wauer 6\nMarianne von Werefkin 1\n\nSturm-Ausstellungskataloge\nMit Abbildungen\nAlexander Archipenko Skupiria\nMolzahn Gino Severini\nJe 90 Pfennige\nTour Donas — NellWalden / Fran z Marc /1 wan Puni\nJe 1 Mark 50 Pfennige\nErster Deutscher Herbstsalon Der Sturm 1913\nMit 50 Abildungen in Kupfertiefdruck\n3 Mark\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japanpapier\nJeder Kunstdruck 7 Mark 50 Pfennige\nRudolf Bauer\nSchwarz-Weiss-Komposition 14\nUmberto Boccioni: Abschied / Die Abfahrenden\nDie Zuriickbleibenden\nCampendonk: Zeichnung\nMarc Chagall: Inlerieur / Der Jude / Der Geigen\nspieler / Die Schwangere/ Essender Bauer/Madchen\nRobert Delaunay: Der Turm\nLyonel Feininger: Klein Schmidthausen\nMark Wippach II\nJacoba van Heemskerck: Baum / Landschaft\nKandinsky: Zwei Zeichnungen\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos / 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\n4 Richard Dehmel/5 Paul Scheerbart/6 YvetteGuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nFernand Leger: Akt\nFranz Marc: Katzen\nJohannes Molzahn: Zeichnung\nGino Severini: Tango argentino\nWilliam Wauer: Sehnsucht / Tanz\nFarbige Kunstdrucke\nJedes Blatt 9 Mark\nMarc Chagall: Interieur / Aquarell\nMarc Chagall: Kutscher / Aquarell\nMarc Chagall: Akt / Aquarell\nAlbert Gleizes: Gemalde\nReinhard Goering: Aquarell\nJacoba van Heemskerck: Landschaft / Gemalde\nKandinsky: Aquarell 4 / Aquarell 6\nPaul Klee: Spiel der Krafte einer Landschaft\nFernand Leger: Kontrast der Formen / Gemalde\nFranz Marc: Pferde / Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nNell Walden: Aquarell\n\nSturm'Buchhandlung\nBerlin W 9 / Potsdamer Strasse 138 a\nFernruf Amt Liitzow 4443\nStandige Graphische Ausstellung\nder Kiinstler des Sturm\nMonatlicher Wechsel / Freier Eintritt\n\\ ... ' - -•\nVerkauf guter Biicher und Kunstdrucke\nDie Buchhandlung wird- unter kunstlerischer und\nliterarischer Aufsicht der Leitung des Sturm gefuhrt\n\nVERZEICHNISSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210305-01.1.24", "texte": "Anzeigen werden nicht aufgenommen / Verantwortlich für die Lothar Schreyer\nVerlag Der Sturm G. m. b. H. / Berlin W 9 / Druck: Druckerei für Bibliophilen / Berlin NO 18\n\nKUNSTAUSSTELLUNG DER STURM\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / AM POTSDAMER PLATZ\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr/Sonntags von 11—2 Uhr / Monatlicher Wechsel\n\nFunfundneunzigste Ausstellung\nMSr 2 1921\nAlexander Archipenko\n\nSechsundneunzigste Ausstellung\nApril 1921\nKurt Schwitters\nEroffnung: Sonntag, den 3. April 1921\n\nTageskarte 2 Mark\n\nST* T T \"D TC7T ADD TVT T? Jeden Mittwoch 73/4 Uhr in der Kunstausstellung Der Sturm\n, X U Xx lVl * JD X_< IN lJ JtZi Potsdamer Strafic 134 a\nStandige Mitwirkende: Rudolf Bliimner / Rezitation\nHerwarth Walden / Musik\nKarten 8, 6 und 4 Mark an der Abendkasse und im Vorvcrkauf Sturm'Buchhandlung / Potsdamer Strafie 138 a\n\nDer Sturm / Berlin\nAuswartige Ausstellungen Januar\nRom / New York\nApril: Paris\n\nDer Sturm tibernimmt die Veranstaltung von\nSturm-Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel-\nausstellungen) in alien Stadten und Landern.\nDer Sturm vermittelt nur den Verkauf von\nWerken der Kiinstler, die er durch eigene Aus-\nstellungen anerkennt.\n\nStandige Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. H.\nPotsdamer Strafie 134 a / Gartenhaus rechts II\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nSturm'Bil derbiicher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nIV. Kurt Schwitters\nEinfuhrung von Otto Ncbel\n15 Mark\nV. Malcr des Expressionismus\n15 Farbdruckc: Kandinsky / Chagall usw.\n66 Mark\nFarbigc Kunstdrucke\nAlexander Archipenko: Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nJe 9 Mark\nRudolf Bliimner\n*\nDer Geist des Kubismus und die Kiinste\nMit Abbildungen\n18 Mark\nHerwarth Walden\nDas Buch der Menschenliebe\nZweite Auflage\n12 Mark"}]}