{"numero_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_sha256": "69de02f4af0703a5dfb4e0421f7c2eae64d574728984d476e025c8b25eeb6e55", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1921/04/05_01/bmtnabg_1921-04-05_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1921/04/05_01/bmtnabg_1921-04-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c001", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "63", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.1", "titre_corps": "Merzstempelzeichnung", "titre_sommaire": "Merzstempelzeichnung", "signature_source": "Kurt Schwitters", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.1", "debut_caractere": 89, "fin_caractere_exclue": 126, "texte": "Kurt Schwitters: Merzstempelzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c002", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "68", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.2", "titre_corps": "Bühnenwerk : Spielgang und Spiel", "titre_sommaire": "Bühnenwerk : Spielgang und Spiel", "signature_source": "Die Kampfbühne ; Die Sturmbühne", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.3", "debut_caractere": 56, "fin_caractere_exclue": 3388, "texte": "Bühnenwerk\nSpielgang und Spiel\n\nDas Bühnenwerk und sein Spiel ist unver-\neinbar mit dem Theater von heute.\nWir haben uns von diesem Theater ge-\ntrennt und haben nun das Bühnenwerk\ngestalten und spielen können.\nDas Spiel des Bühnenwerkes ist als Kunst-\nwerk ein Gemeinschaftswerk. Das Spiel\nsetzt voraus, dass alle Spielenden von sich\naus eines Sinnes sind. Nur aus diesem\ngemeinsamen Sinn, der die Persönlichkeit\nauslöscht, kann das Werk gestaltet werden,\nin dem jeder einzelne abhängiges Glied ist.\nDie Arbeit des Theaters kennt keine schöpfer-\nische Gemeinschaft. Die Mitglieder jedes\nTheaters sind durch das wirtschaftliche\nInteresse verbunden. Dass ein gemeinsames\nkünstlerisches Interesse nicht besteht, be-\nweist der Spielplan jedes Theaters. Selbst\nwenn ein gemeinsames künstlerisches Inter-\nesse bestände, so wäre es doch ein Berufs-\ninteresse. Künstlertum als wirtschaftlicher\nBeruf ist aber ein Widersinn in sich.\nEine Schöpfung des Bühnenwerkes und\nseines Spiels konnte nur möglich sein, wenn\nsich ein Kreis von Menschen als eine Ge-\nmeinschaft zusammenfand, der es gegeben\nwar, das Bühnenwerk zu schaffen. Ein\nsolcher Kreis von Menschen konnte nicht\norganisiert werden, konnte nicht gesucht\nwerden. Er musste sich zusammenfinden.\nEs war nichts anderes zu tun, als den Ge-\ndanken zu sagen und als Einzelner das\nWerk zu beginnen, in der Gewissheit, dass\nandere zur Weiterarbeit am Werk von\nselbst kommen würden.\nNun haben wir uns in einer Arbeit von\nwenigen Jahren zusammengefunden. Wir\nsind uns des Sinnes der Gemeinschaft be-\nwusst. Wir wissen wohl, dass wir erst\nam Beginn der Gemeinschaft sind. Aber\nwir wissen auch, dass wir nicht mehr zu\nder anderen Welt gehören.\nEs konnte nicht ausbleiben, das zunächst\nmancher mit uns arbeiten wollte, der ge-\nmeinschaftsfremd war. Wir haben solcher\nMitarbeit nicht widersprochen. Wer bei\nuns die Sensationen der sogenannten ex-\npressionistischen Bühnenkunst suchte, ver-\nliess uns sehr bald wieder mit der grossen\nEnttäuschung, die ihm eine anstrengende\nArbeit unter persönlichen Opfern jeder Art\nbrachte. Die wenigen Berufsschauspieler,\ndie mit bestem Willen die Mitarbeit ver-\nsuchten, mussten versagen, da sie sich\nnicht vom Theater trennen konnten. Es\nmussten sich auch von unserer Gemeinschaft\ndie trennen, die persönlichen Erfolg oder\nwirtschaftlichen Gewinn aus der Arbeit er-\nhofften.\nUnsere Arbeit konnte nicht in der Öffent-\nlichkeit getan werden. Abgeschlossenheit\nvon allen Kreisen der Theaterreform sowie\nder modernen Literatur waren Voraus-\nsetzung. Selbstverständlich war auch der\nVerzicht auf ein Publikum und die öffent-\nliche Meinung, die Presse. Wir waren alles\nandere als eine Versuchsbühne. Weg,\nWegrichtung und Ziel waren eindeutig klar.\nWir versuchten nichts, sondern erarbeiteten\nuns das Werk unter den Hindernissen des\ntäglichen Lebens gegen die herrschende\nKunstauffassung und gegen die herrschende\nLebensauffassung der Zeit. Die intuitive\nErkenntnis der Bühnenkunst konnte erst in\ndie Tat umgesetzt werden, wenn die Mittel\nder Bühnenkunst erarbeitet worden waren.\nDa diese Mittel zu einem grossen Teil in\nder Beherrschung des menschlichen Körpers\nberuhen, bedurfte es eines hartnäckigen\nKampfes gegen die Herrschaft des mensch-\nlichen Körpers, um ihn als wandelbares\nMittel in die Kunstgestalt zu zwingen. Ein\nKampf gegen die Persönlichkeit war es, den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4326, "texte": "jeder für sich durchzukämpfen hatte, um\ndas Zueinander der Gemeinschaft zu finden.\nWer in diesem Kampf unterlag oder einen\nAusgleich suchte, war untauglich für die\nHingabe an die Gestaltung. Der Erkenntnis\nim inneren Menschen musste die Umwand-\nlung des äusseren Menschen folgen. Ein so\ngewandelter Mensch hat jede Beziehung zum\nTheater gelöst. Er kann nicht mehr be-\ngreifen, dass es Menschen gibt, die im\nTheater eine Kunststätte und Kulturstätte\nsehen. Er weiss, dass alle sogenannten\nKünstler und Dichter, die das Theater-\ngeschäft unterstützen, vom Sinn der Kunst\nund von dem Sinn, den die Kunst für das\nLeben hat, nicht berührt sind. Solange in\nden Menschen, die heute Theaterbesucher\nsind, nicht eine gleiche Wandlung vorgeht,\nkönnen sie nicht die Bühnenkunst sehen.\nDaher finden unsere Spiele grundsätzlich\nnicht vor der Öffentlichkeit statt. Aus dem\nFreundeskreis der Glieder unserer Gesell-\nschaft bildete sich ein grösserer Kreis von\nMenschen, die regelmässig unsere Spiele\nsahen. Auch aus diesem Kreis mussten\nsich erst alle vorwiegend literarisch Inter-\nessierten und intellektuell Veranlagten lösen,\nehe sich eine Einheit bilden konnte, deren\nSinn gleichgerichtet mit dem Sinn unserer\nGemeinschaft ist. Aus diesem weiteren\nKreis, der sich langsam und beständig ver-\ngrössert, ergänzt sich nun der enge Kreis\nderer, die das Werk schaffen.\nNachdem wir bis heute neun Bühnenwerke\nschufen und spielten, ist die Zeit gekommen,\nin der wir einige wesentliche Resultate\nunserer Arbeit auch Aussenstehenden mit-\nteilen können. Wir tun dies, nachdem sich\ndie Kratt unserer Erkenntnisse durch die\nErfahrung bewiesen hat. Wir tun dies,\ndamit anderen die Erkenntnis zuteil werde,\nund die anderen von sich aus danach\nhandeln können.\nDie erste Mitteilung, die wir geben, ist der\nSpielgang des Bühnenwerkes „Kreuzigung\".\nWir geben in diesem Spielgang das System\nund die Zeichen, in denen einem Bühnen-\nwerk die Beständigkeit der Gestalt gegeben\nwird. Die praktische Anwendung im Bühnen-\nwerk „Kreuzigung\" zeigt die Kratt und Aus-\ndruckmöglichkeit des Spielgangs. Unsere\nSpiele des Bühnenwerkes „Kreuzigung\"\nnach dem Spielgang bewiesen die Be-\nständigkeit der Gestalt.\nDer Spielgang enthält die Gestalt des\nBühnenwerkes. Der Spielgang enthält also\ndie bühnenkünstlerischen Mittel, Wortform,\nWortton, Bewegung und Farbform in einer\nsolchen Gestalt, dass ihre Gesamtheit die\nGestalt des Bühnenwerkes ist. Jedes Wort\nhat seinen Wortton, jede Bewegung ihre\nFarbform. Alle Mittel sind rhythmisch ge-\ngliedert. Die Gesamtheit der rhythmischen\nGliederungen ist die Einheit des Werk-\nrhythmus. Für die einzelnen Mittel und\nihre Gestaltung ist eine sinnfällige eindeutige\nZeichensprache gefunden. Für die An-\nordnung der gestalteten Mittel zur Einheit\nder Werkgestalt ist ein sinnfälliges ein-\ndeutiges System gefunden. Zeichen und\nSystem sind so gefunden, dass ihre An-\nordnung im Spielgang auch als Bildeindruck\ndem Sinn des einzelnen Bühnenwerkes\nentspricht.\nUm die Zeichen und das System des Spiel-\nganges zu erlernen, bedarf es keinerlei\nStudiums. Wer zu sehen und zu lesen be-\nginnt, wird ihn schon nach wenigen Zeilen\nlesen und sehen können. Voraussetzung ist\nallerdings, dass der Leser bühnenkünstlerisch\nbegabt ist. Ist er das nicht, so wird ihm\nKenntnis der Zeichen nichts nützen. Wer\ndie Noten der Musik nicht kennt und nicht\nmusikalisch ist, dem wird die Partitur eines\nTonwerkes eine unverständliche Sprache\nsein. Und wenn der Leser einer Partitur\nnur die Noten zu lesen weiss, aber nicht\nmusikalisch ist, so wird ihm die Noten-\nkenntnis nichts nützen. Er muss imstande\nsein, den Ton, dessen Zeichen er liest, in\nsich zu hören. Ebenso muss der Leser des\nSpielgangs eines Bühnenwerkes imstande\nsein, wenn er die Zeichen des Spielganges\nliest, die Töne in sich zu hören, die Be-\nwegungen und die Farbformen in sich zu\nsehen. Dies vermag auch der Mensch, der\nniemals das Spiel eines Bühnenwerkes ge-\nsehen hat. Denn es ist das Wesen der Be-\n• gabung, dass der begabte Mensch aus seinem\nInneren die Begabung hat, und dass sie\nihm nicht durch Uebermittlung von aussen\nwird oder werden kann.\nWer nach unserem Spielgang zu spielen\nversucht, muss bühnenkünstlerisch begabt\nsein. Das heisst: auch er muss die Kraft\nhaben, in sich die Töne hören, in sich die\nBewegungen und Farbformen sehen zu\nkönnen. Vermag er das nicht, so fehlt die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4320, "texte": "eine Voraussetzung des Spiels. Es ist genau\nso, wie wenn ein unmusikalischer Mensch\nGeige spielen will. Die andere Voraus-\nsetzung, um nach dem Spielgang spielen\nzu können, ist, dass der Mensch, der spielen\nwill, Glied der Gemeinschaft der Spieler\nist. In eine solche Gemeinschaft kann man\nnicht aufgenommen werden. Man gehört\nmit Selbstverständlichkeit dazu oder nicht.\n4 '\nEin Hineinarbeiten in die Gemeinschaft\ndurch versuchsweise Mitarbeit ist nicht\nmöglich. Das Hineinarbeiten ist nur ausser-\nhalb der Gemeinschaft möglich. Je mehr\nder Mensch ausserhalb der Gemeinschaft\nauf den Willen seiner Persönlichkeit ver-\nzichtet, um so mehr nähert er sich dem\nWillen der Gemeinschaft. Nur durch be-\nwusste Opferung der Selbstwilligkeit wird\ndas Schaffen aus gemeinsamem Sinn vor-\nbereitet. Jedes Schaffen von Kunstwerken\nist unvereinbar mit einer Arbeit um des\nGeschäftes willen. Daher ist jeder Mensch,\nder das Theatergeschäft mittelbar oder un-\nmittelbar unterstützt, ausserhalb des ge-\nmeinsamen Schaffens des Bühnenwerkes.\nUnsere Spieler scheiden sich hierdurch\ngrundsätzlich von den sogenannten Berufs-\nschauspielern und ausnahmslos von allen\nTheaterbetrieben. Deshalb ist es uns auch\nnicht mehr möglich, in einem Theaterhaus\nzu spielen, abgesehen davon, dass alle\nTheaterhäuser in Deutschland so gebaut\n•sind, dass eine bühnenkünstlerische Gestalt\nin sie nicht gestellt werden kann. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind auch all die\nsogenannten modernen Dichter, die ihre\nWerke den Bühnenvertrieben und damit\ndem Theatergeschäft übergeben. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind selbstverständ-\nlich alle Kunstinteressenten und Theater-\ninteressenten, die als Berufskritiker und\nGelegenheitskritiker mittelbar oder un-\nmittelbar für das Theater arbeiten. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind die sogenannten\nVolksbühnen, denn sie sind nichts anderes\nals Konsumvereine zur Sicherung des\nTheatergeschäfts. Alle Menschen, die durch\nirgend eine innere oder äussere Teilnahme\ndem Theaterwesen verbunden sind, sind\ndem Sinn der Gemeinschaft fern und haben\nden Sinn der Bühnenkunst nicht.\nWas für den Spieler des Bühnenwerkes\ngilt, gilt auch für den, der das Spiel des\nBühnenwerkes sieht und hört. Wer uns\nfern und fremd ist, dem ist unser Werk\nunverständlich. Wer sich ein Verständnis\nunseres Werkes an einem unserer Werke\nerarbeiten will, wird es nicht verstehen.\nWer wie im Theater bei uns Unterhaltung\nsucht, wird nichts finden. Wer etwas\nfür seine sogenannte Bildung bei uns sucht,\nwird enttäuscht sein. Wer durch Erklär-\nungen, Deutungen, Erläuterungen glaubt,\ndem Sinn unserer Werke näher zu kommen,\nentfernt sich von der Kunst. Der Mensch,\nin dem sich die Umkehr zum inneren\nMenschen vollzogen hat, bedarf keiner\nUnterhaltung, weil die Unterhaltung Sache\ndes äusseren Menschen ist. Er bedarf nicht\nder sogenannten Bildung; er lehnt sie ab,\nda diese Bildung ein Ersatzmittel ist, das\ndas innere Gebilde eines Menschen vor-\ntäuschen soll. Nur die Menschen,. die den\nSinn der Gemeinschaft erfühlen und sich\num ein gemeinsames Schaffen mühen,\nkönnen es sein, in denen unser Werk wirkt.\nSie versuchen nicht, sich in unser Werk\neinzuarbeiten; denn sie haben es. Wir\nwissen, dass die Zahl solcher Menschen\nheute nicht klein ist. Und wenn nur\nwenige von ihnen eines unserer Spiele\nsehen oder einen Spielgang lesen, so ist\ndas nicht von Belang. Diese Menschen\nwissen auch ohne unser Werk Bescheid\nund wissen, dass unser Werk irgend einmal\ngetan wird. Die Tatsache, dass wir als\neine grosse Einheit da sind, soll und kann\ndie anderen fernen Menschen aufwecken,\ndass sie den rechten Weg sehen und von\nsich aus den Weg gehen können.\nWir wissen, dass der Hass und der Spott\nder Gegner, die sich in der Wurzel ihrer\nM\nKraft, der Überschätznng ihres Selbstbe-\nwusstseins bedroht-sehen, mit allen Mitteln\nder Zivilisation unsere Arbeit ungeschehen\nmachen möchten. Aber die Wandlung des\nMenschen zur Gemeinschaft ist keine Frage\nder Macht. Gerade die Macht ist machtlos\nvor dem Sinn der Gemeinschaft. In der\nWandlung des Menschen zur Gemeinschaft\nist das Bühnenwerk nur eine von vielen\nÄusserungen der Wandlung. Als eine Wir-\nkung der Wandlung stellen wir es zwischen\ndie Menschen.\nDie Gestalt des Bühnenwerkes kündet\nGesetze der Gestaltung. Jede Gestaltung\nkündet die Notwendigkeit, aus dem Vielen\ndie Einheit zu schaffen. Jede Kunstgestalt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 331, "texte": "kündet, dass das Viele der gegensätzlichen\nKumtmittel eine Einheit finden kann, dass\nalle Gegensätzlichkeit zu lösen ist. Die\nEinheit der Kunstmittel Ton, Bewegung,\nFviia, Farbe ist das Bühnenwerk. Die\nEinheit der Menschen in ihrer Verschieden-\nheit, trotz ihrer Verschiedenheit ist die\nGemeinschaft.\n\nDie Kampfbühne\nDie Sturmbühne"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c003", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "70", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.3", "titre_corps": "Technik und Kunst", "titre_sommaire": "Technik und Kunst", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.6", "debut_caractere": 333, "fin_caractere_exclue": 4196, "texte": "Technik und Kunst\n\nUrsprünglich ist jede menschliche Handlung\nschöpferisch. Die Sichtbarkeit einer mensch-\nlischen Handlung ist die Gestaltung aus\neinem Trieb des Unbewussten. Die Ge-\nstaltung des Schöpferischen ist die Kunst.\nMan hat sich gewöhnt, die zwecklose\nschöpferische Gestaltung Kunst, die zweck-\nmässige Verwertung der Gestaltung Technik\nzu nennen. Diese Unterscheidung bezieht\nsich auf die Wirkung, aber nicht auf die\nUrsache. Die Verwertung der Kunst im\nengeren Sinne ist zwecklos, weil das Kunst-\nwerk seinen Wert in der geschlossenen Ge-\nstaltung eines Triebes des Unbewussten hat.\nSeine Wiederholung ist zwar technisch\nmöglich, aber wertlos, weil seine Wieder-\nholung keinem praktischem Zweck dient.\nDie Wiederholung ist künstlerisch\nunmöglich, weil der Zweck eines Kunst-\nwerks in der endgültigen geschlossenen\nnicht wiederholbaren Gestaltung des sinnlich\nnicht Wahrnehmbaren besteht. Die Kunst\ngestaltet also die Ursache einer Wirkung,\netwa Kratt und Bewegung, die Technik ge-\nstaltet die Wirkung der Ursache. So sind\nMaschinen gestaltete Wirkung der Kraft und\nder Bewegung. Diese Fähigkeit zur Ge-\nstaltung ist eine schöpferische, also eine\nkünstlerische. Ihre Wiederholung ist die\nzweckmässige Verwertung dieser schöpfer-\nischen Gestaltung. In der Technik hat die\nNachahmung eine praktische Bedeutung,\nweil die Wiederholung der Wirkung einer\nUrsache praktisch vielfach verwertet werden\nkann. In der Technik sind wie in der\nKunst nur die Mittel erlernbar. Auch hier\nist die Verwendung der Mittel von der\nschöpferischen Gestaltung abhängig. Da\naber jede Ursache viele Wirkungen, jede\nWirkung aber nur eine Ursache hat, sind\nMittel der Kunst vielfach, die Mittel der\nTechnik einfach. Jedes künstlerische Werk\nhat viele und vieldeutige Wirkungen. Jedes\ntechnische Werk hat eine und zwar eine\neindeutige Wirkung. Kunst und Technik\nsetzen die sinngemässe Verwendung der\nMittel voraus. Denn nur dadurch entsteht\nein Organismus. Man nennt das sinnge-\nmässe Ineinandergreifen der einzelnen Teile\neines Organismus Logik. Logik ist also\ndie Feststellung von Wirkungen. Die\nschöpferische Gestaltung selbst kann daher\nnicht logisch sein, es kann nur ihre logische\nWirkung festgestellt werden, wenn sie eben\neine schöpferische Gestaltung ist. Daher\nhat jede schöpferische Gestaltung eine eigne\nForm. Diese eigne Form ist eben der sicht-\nbare Beweis einer schöpferischen Gestaltung.\nDas Automobil hat nicht die Form eines\nWagens mit einem Pferd davor. Das Luft-\nschiff nicht die Form eines Schiffes. Das\nTelefon nicht die Form eines Ohres. Die\nWiederholung von Formen sind also keine\nschöpferischen Leistungen, wohl aber wären\nneue Formen technischer Leistungen schöp-\nferische Handlungen. Hier liegt die Möglich-\nkeit der Kunst für die Technik. Die Formen\nder technischen Werke werden aber nicht\ndadurch künstlerisch, dass ein sogenannter\nKünstler mit den Mitteln und durch die\nNachahmung vorhandener Kunstwerke an\nden technischen Werken arbeitet, sie also\nverschönt, wie es genannt wird. Nur der\nTechniker selbst kann Künstler sein. Denn\ndas Künstlerische eines Werkes besteht nur\nund ausschliesslich in den sinnfälligen Be-\nziehungen einzelner Teile zu einander. Das\nUhrwerk als solches ist eine künstlerische\nForm, weil alle seine Teile in einem sinn-\ngemässen Verhältnis zu einander stehen.\nDas Uhrwerk wird aber nicht dadurch\nkünstlerischer, dass man es in die Bronze-\nnachahmung eines menschlichen Körpers\nsteckt. Der menschliche Körper zwar ist\neine künstlerische Form, nicht aber seine\nNachahmung in Bronze. Jede Maschine\nselbst ist also ein Kunstwerk, nicht aber\ndie schamhafte Verhüllung. Das vollendete\ntechnische Werk trägt daher seine künst-\nlerische Gestaltung in sich. Der sogenannte\nKünstler könnte nur hinzugezogen werden,\nwenn er selbst Techniker ist, also nicht\nmehr Künstler im hergebrachten Sinn des\nWortes. Deshalb muss jeder Techniker,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 461, "texte": "vvie jeder Mensch, an seiner künstlerischen\nErziehung arbeiten. Die künstlerische Er-\nziehung besteht nur in der Schulung des\nGefühls für Verhältnisse und Bewegungen.\nDiese Erkenntnis ist die Voraussetzung jeder\nkünstlerischen Gestaltung. Die verstandes-\ngemässe Kenntnis vorhandener Gestaltungen\nführt nur zu Nachahmungen, also zum Un-\nkünstlerischen. Die Technik muss sich\nendlich von dieser Art Kunst, von dieser\nentarteten Kunst freimachen.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c004", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "69", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.3.1", "titre_corps": "Merzstempelzeichnung", "titre_sommaire": "Merzstempelzeichnung", "signature_source": "Kurt Schwitters", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 37, "texte": "Kurt Schwitters: Merzstempelzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c005", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "72", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Ueber die\nSache mit Ingres erzählt Fritz Stahl im\nBerliner Tageblatt einen Witz, den er amü-\nsant findet. Jemand hat in einer Gesell-\nschaft/in der vom Umschwung der Kunst\ngefaselt wurde, gefragt: „Was ist das eigent-\nlich für eine Sache mit Ingres?\" Dieses\nist zwar nun weder ein amüsanter Witz,\nnoch überhaupt ein Witz. Aber Fritz Stahl\nhat die Geschichte erfunden, um der demo-\nkratischen Partei Deutschlands die Sache\nmit Ingres erklären zu können. Er ist der\nrechte Mann dazu. Denn er hat auch die\nSache mit Ingres erfunden. Allerdings\nnicht ganz frei erfunden, da der Witz fran-\nzösischen Ursprungs ist. Aber Fritz Stahl\nhat aus dem französischen Bonmot ein tri-\nviales Lustspiel für liberale Leute gemacht.\nEr spielt selbst die Hauptrolle, und jedes-\nmal, wenn das Publikum vor langer Weile\neinzuschlafen droht, tritt er bis vorn an die\nRampe des Berliner Tageblatts und sagt\nmit zwerchfellerschütternder Komik: „Pi-\ncasso malt jetzt wie Ingres.\" Die ganze\ndemokratische Partei Deutschlands fängt\nzu lachen an, aber rechts und links rührt\nsich keine Hand. Selbst die ergrautesten\nMuseumsleiter schütteln die Köpfe, und ein\nVolksaberglaube ist im Werden, dass Fritz\nStahl schon hoch in den Siebzigern sei.\nImmerhin, sagen die Einen, er ist konsequent.\nEr hat zwar die Malerei nie verstanden,\naber er tut auch jetzt nicht so, als ob er\nsie verstehe. Andere freilich meinen, es\nsei ein Kunstskandal, wenn durch das viel-\ngelesene Berliner Tageblatt kindische Mär-\nchen von Picasso und Ingres erzählt werden.\nVon Paris kam die Nachricht: „Picasso\nmalt jetzt wie Ingres.\" Von Paris kam die\nNachricht! Der französische Botschafter\nliess Fritz Stahl zu sich kommen und über-\nreichte ihm eine Note der französischen\nRegierung: „Picasso malt jetzt wie Ingres.\"\nDas deutsche Publikum glaubt Fritz Stahl\nkein Wort, aber Fritz Stahl glaubt, dass\nes nur einen Fritz Stahl gibt. Auch in\nParis scheint einer zu sitzen. Der hat das\nBonmot von Picasso und Ingres erfunden,\nund der deutsche Fritz Stahl hat die Sache\nt\nmit Ingres daraus gemacht, um immer\nwieder an die Rampe des Berliner Tage-\nblatts zu treten und furchtbar komisch zu\nsagen: „Auch Archipenko malt jetzt wie\nIngres.\" Alles, was, Gott sei Lob und Dank,\nnicht kubistisch ist, nennt Fritz Stahl „wie\nIngres.\" Er soll recht fleissig die Sturm-\nAusstellungen besuchen. Da wird er stau-\nnen, wer jetzt alles wie Ingres malt. Auch\nKandinsky malt wie Ingres. Und die Venus\nvon Archipenko sieht auch aus wie Ingres,\nvon vorne und von hinten. Aber die hat\nFritz Stahl vielleicht garnicht gesehen.\nDenn jetzt verfällt er wieder in sein altes\nLaster, die köstlichen Minuten, die ihm\nseine Beschäftigung mit Ingres übrig lässt,\nmehr der Lektüre des Sturm als der Be-\ntrachtung der Bilder zu widmen. Aber\nauch den Sturm hat Fritz Stahl nur ober-\nflächlich gelesen und nicht einmal das\nPorträt studiert, das Waiden im Märzheft\ndes Sturm von ihm ä la Ingres gezeichnet\nhat. Sonst würde er sich keine Wirkung\nmehr von seinen Ingres-Witzen versprechen.\nSonst wüsste er endlich, dass erstens Picasso\nso wenig wie Archipenko ä la Ingres malt,\ndass zweitens Picasso jetzt wie der Kubist\nGleizes malt, und dass es drittens für die\nEntwicklung des Kubismus gleichgültig ist,\nob Picasso so oder so malt. Wenn Fritz\nStahl vom Kubismus hört, sagt er: „Aha,\nweiss schon, Picasso!\" Jetzt rächt es sich,\ndass er jahrelang vor der neuen Kunst die\nAugen zugemacht hat. In einer Zeit, in\nder die Gewalt der expressionistischen\nKunst selbst die Widerstrebenden bezwingt,\nda der Geist des Kubismus die ganze eu-\nropäische Malerei beherrscht, in einer\nsolchen Zeit lässt der Verlag Rudolf Mosse\nFritz Stahl von „rettungslos verlorenen\nWitzen\" schreiben. Er gibt Theorien über\nKubismus zum Besten, die ihm zwölfjährige\nKinder korrigieren könnten. Er sieht sich\nzweihundert Bilder von Iwan Puni in fünf\nMinuten an und schreibt, es sei nichts da-\nrüber zu sagen. Da hat er Recht. Man\nkann nicht über das schreiben, was man\nnicht gesehen hat. Leider tut er es doch.\nUnd man kann nicht einmal sagen, dass\ner aus Verzweiflung va banque spielt. Denn\ner hat schon seit Jahren kein Ansehen\nmehr zu verlieren. Fritz jlahl ist in phy-\nsischem Sinne schwerhörig. Das ist ein\nLeiden und ein Unglück, um das ich ihn\nweiss Gott bemitleide. Aber sonst müsste"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1131, "texte": "er wissen, wie man heute rechts und links\nund sogar in der Mitte von ihm denkt und\nüber ihn spricht, gleichgültig ob Maler,\nSchriftsteller, Kritiker oder Reporter, oder\nsogar nur schlichter liberaler Leser des\nBerliner Tageblatts. Die Inseratenagenten\nlachen über seine Sache mit Ingres. Schon\nlängst ist das Berliner Tageblatt mit seinem\nFritz Stahl eine Schädigung des deutschen\nAnsehens, der deutschen Kultur und der\ndeutschen Kunst. Ein Bravo der Leitung\ndes Berliner Tageblatts, dass sie diesen\nstandhaften und überzeugungstreuen Mann\nsich blamieren lässt, wie er es verlangt.\nAber wenn einmal seine Witze mit Ingres\nund sein ewiges Geleier mit Picasso keinem\nliberalen Schädel in ganz Deutschland\nmehr ein Lächeln abnötigen können, wenn\nsich selbst die Dümmsten in Deutschland\nlieber auf ihre eigenen Augen verlassen als\nauf den Mumpitz mit Picasso und Ingres,\ndann wird sich auch das Haus Mosse ent-\nschliessen, Herrn Fritz Stahl mit einer\nPension zur Ruhe zu setzen, die ihm er-\nlaubt, solange über Picasso und Ingres\nnachzudenken, bis er wirklich so uralt\ngeworden ist, wie viele Leute schon heute\nglauben.\n\nRudolf Blümner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c010", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "76", "page_fin": "76", "image_debut": 14, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.11.1", "titre_corps": "Tansende Paare", "titre_sommaire": "Tansende Paare", "signature_source": "Paul Busch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 26, "texte": "Paul Busch: Tansende Paare"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c011", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "84", "image_debut": 15, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.12", "titre_corps": "Briefe gegen Paul Westheim : Zur Geschichte des Sturm und des deutschen Journalismus", "titre_sommaire": "Briefe gegen Paul Westheim : Zur Geschichte des Sturm und des deutschen Journalismus", "signature_source": "Rudolf Blümner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 15, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.15", "debut_caractere": 1133, "fin_caractere_exclue": 4054, "texte": "Briefe gegen Paul Westheim\nZur Geschichte des Sturm und des\ndeutschen Journalismus\n\nSiebenter Brief\nSie werden sich erinnern, dass ich in\nmeinem letzten Brief das kleine Komplott\naufgedeckt habe, zu dem Sie sich mit\nCampendonk verbunden hatten. Das Ziel\nIhrer Anstrengungen war, dass Campendonk\nIhnen Material gegen den Sturm liefern\nsollte. Sie hatten es erhalten, und ich\nhabe bewiesen, dass Campendonk wusste,\nwelchen Gebrauch Sie davon machen\nwerden. Er war im Unrecht, als er Ihnen\neine unerlaubte Veröffentlichung vorwarf.\nDarum beeilte er sich, den Vorwurf zurück-\nzunehmen, nachdem Sie ihn an Ihre Ver-\nständigung erinnert hatten. So blieb mir\nin dem Hin und Her Ihrer widersprechen-\nden Schreibereien nichts übrig, als Ihnen\nselbst zu überlassen, wer der Gerichtete\nsein wollte. Aber nur heute, so schloss\n# *\nich damals, nur heute noch steht es um\nSie beide so günstig. In meinem nächsten\nBrief werden Sie alle beide fallen. Und\njetzt sind wir so weit. Denn jetzt, Herr\nWestheim, wollen wir prüfen, was das\nMaterial taugte, das Ihnen Campendonk\nganz spontan geliefert hat. Ich denke,\nSie dürfen sich, wie immer, auf Ent-\ntäuschungen und auf ein weiteres Nach-\nlassen Ihres Ansehens gefasst machen.\nCampendonks Brief beginnt in Ihrer Wieder-\ngabe so: „Die Abrechnungen (des Sturm)\nstimmten immer\". Diese Mitteilung muss\nfür Sie eine Enttäuschung gewesen sein.\nSie hatten zum Mindesten damit gerechnet,\ndass Campendonk Einiges über geschäft-\nliche Niederträchtigkeiten des Sturm an-\ndeuten werde. Denn es ist Unsinn, einen\nSatz wie den von der Abrechnung nieder-\nzuschreiben, wenn nicht irgendwo in der\nvorangehenden Korrespondenz, wenigstens\nandeutungsweise von Abrechnungen oder\ngeschäftlichen Dingen die Rede war. Einen\nsolchen abrupten, ich möchte sagen spon-\ntanen Stil schreibt Niemand. Stilistische\nGründe setzen eine Erwähnung von Ab-\nrechnungen oder geschäftlichen Dingen\nvoraus. Das ist der formelle Beweis. Der\nsachliche ist noch gründlicher. „Die Ab-\nrechnungen stimmten immer\" •— das heisst:\nEine Vermutung des Herrn Westheim, die\nAbrechnungen hätten vielleicht nicht ge-\nstimmt, wäre ein Irrtum. Eine Vermutung\ndes Herrn Westheim? Wie kommt Cam-\npendonk dazu, bei Ihnen eine solche Ver-\nmutung vorauszusetzen? Nun, vielleicht\ndachte er: „Dass die Abrechnungen des\nSturm nicht stimmen, ist das Gewöhn-\nliche, das, was auch Herrn Westheim be-\nkannt sein muss. Da aber in meinem Fall\ndie Abrechnungen stimmten, so habe ich\nfürs Erste Herrn Westheim aufzuklären,\ndass hier einmal das Gewöhnliche nicht\nvermutet werden durfte: „Die Abrechnun-\ngen stimmten immer.\" Sie, Herr West-\nheim, der Sie jedesmal, wenn Sie einen\nIhrer „Fälle\" authentisch interpretieren, dem\nSturm geschäftliche Unsauberkeiten vor-\nwerfen, Sie werden vielleicht sagen, Cam-\npendonk habe so denken können. Ich aber\nwerde Ihnen beweisen, dass er so nicht\ngedacht hat. Und wissen Sie auch, wo-\ndurch ich es Ihnen beweisen werde ? Eben"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4320, "texte": "durch seine Bemerkung: Die Abrechnun-\ngen stimmten immer. Da wundert sich\nein Westheim! Nicht wahr, das ist nun\neinmal in all der Trübsal eine spasshafte\nSache? Ja, so geht es im Leben zu. Denn\nich selbst, kein anderer als ich selbst, habe\nvor längerer Zeit Herrn Campendonk eine\nAbrechnung gesandt, die nicht stimmte.\nMein Wort, sie stimmte nicht. Die Sache\nwar recht ärgerlich. Ich mochte vorwärts\nund rückwärts rechnen, Zahlen summieren\nund Listen studieren, Korrespondenzen\ndurchblättern, es wollte nicht stimmen.\nUnd ich sah, dass es keine leichte Sache\nist, sich durch alte und neue Listen der\nKünstler nach Jahren hindurchzufinden.\nSie sehen nicht aus, diese Listen, wie kauf-\nmännische Lieferscheine oder Fakturen.\nMan muss revidieren und kollationieren,\nsich gegenseitig aufklären, bis schliesslich\nalles doch noch in die Ordnung kommt.\nAber Campendonk hätte, ohne die Wahr-\nheit zu verletzen, schreiben können: Die\nAbrechnungen stimmen nicht immer.\nSchrieb er anders, so war er sich bewusst,\ndass eine solche Bemerkung nicht auf ein\nVersehen, wie es in allen Betrieben der\nWelt vorkommen kann, schliessen lässt,\nsondern auf eine Art betrügerischer Hand-\nlung. Nur eine solche ist gemeint, wenn\nman das Nichtstimmen der Abrechnungen\nals das Gewöhnliche betrachtet. Campen-\ndonk tat das nicht. Nahm er dennoch\nspontan bei Ihnen die Vermutung falscher\nAbrechnungen an, so kann er nur noch\ndieses Eine gedacht haben: „Herr West-\nheim glaubt, dass Künstler vom Sturm\nfortgehen, weil die Abrechnungen nicht\nstimmen. Ich muss ihm diesen Glauben\nnehmen.\" Aber jetzt, Herr Westheim, habe\nich Sie wieder einmal in einer Ihrer vielen\nSchlingen. Denn Sie erklären es in eben\ndem Artikel, der uns hier beschäftigt, für\neine Lächerlichkeit, derartige Vermutungen\nbei Ihnen vorauszusetzen. Sie werden mit\nCampendonk keine Ausnahme machen und\nhaben also durch Ihren eigenen Protest\nbewiesen, dass er die Vermutung falscher\nAbrechnungen auf keinen Fall spontan\nbei Ihnen vorausgesetzt hat. So bleibt denn\nnur übrig, was ich Ihnen bereits auf den\nKopf zugesagt habe: Sie selbst haben Cam-\npendonk veranlasst, eine solche Vermutung\nbei Ihnen vorauszusetzen. Wie das ge-\nschehen sei, in welcher Form und mit\nwelchen Worten oder Wendungen, ist mir\ngleichgültig. Es ist schon spassig genug,\ndass ich erst Westheim mit Campendonk\nund dann Campendonk mit Westheim\nwiderlege. Was Sie da wieder geleistet\nhaben, ist eine echte Westheimiade. Denn\nwem ausser Ihnen könnte so etwas ge-\nschehen? Sie wollen beweisen, dass Künstler\nden Sturm nur aus künstlerischen Gründen\nverlassen. Um das an einem eklatanten\nBeispiel zu erhärten, verschaffen Sie sich\nein spontanes Schreiben von Campendonk.\nUnd während Sie so unvorsichtig sind, ihn\nmehr oder weniger rund heraus nach Ab-\nrechnungen zu fragen, sind Sie noch oben-\ndrein so ungeschickt, die verräterische Stelle\nseiner Antwort abzudrucken: Die Abrech-\nnungen stimmten immer. Dieses nenne\nich eine Westheimiade. Und vielleicht\nwird Aehnliches noch in hundert Jahren\nso heissen. Aber freilich hat Ihnen dieser\nCampendonk das Konzept von vornherein\nverdorben, indem er fortfuhr: „Das, was\nmich veranlasste, vom Sturm fortzugehen,\nwar mehr . . . Entweder mussten Sie\nden verräterischen Vordersatz mit ab-\ndrucken oder das verdammte „mehr\"\nstreichen. Viel hätten Sie dabei nicht ge-\nwonnen. Auch dieser Zusatz war so stili-\nsiert, dass selbst die Schafsköpfe Ihr neu-\ngieriges Ausfragen hätten wittern müssen.\nMit seinem unglückseligen „mehr\" ist er\nnichts als eine neue Bestätigung, dass Sie\nauch im Fall Campendonk geschäftliche\nUnsauberkeiten des Sturm vermutet haben.\nWas Sie kurz vorher pathetisch und ein\nfür allemal geleugnet hatten. Es war eine\nEnttäuschung. Leider waren es nur\nkünstlerische Gründe, die Campendonk zum\nFortgehen veranlassten. Und so entschlossen\nSie sich kurzerhand zu einer neuen West-\nheimiade. Auch gut, dachten Sie, dann\nstelle ich meinen Angriff anders ein und\ngehe jetzt schnurstracks auf die rein künst-\nlerischen Gründe los. Aber was Ihnen da\nCampendonk mitgeteilt hat, jener ekelhafte\nBetrieb mit Wauer, Neil Waiden und An-\nderen, das sind doch Behauptungen von\nTatsachen, die im Grunde genommen Wert-\nurteile enthalten. Gestatten Sie mir, diesen\neinen besonderen Brief zu widmen und\nzunächst den tatsächlichen Behauptungen\nauf den Grund zu kommen. — Was also"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4347, "texte": "war es noch, das Campendonk veranlasst\nhat, vom Sturm fortzugehen?\n„Auch wurde mein Name ebenso wie der\nName Paul Klee jahrelang benutzt, um eine\nSturmschule (die inzwischen nach Entfer-\nnung dieser Namen aus den Reklamean-\nzeigen des Sturm zu einer Sturm-Hochschule\navancierte) vorzugeben. Jedenfalls habe\nich keine Stunde dort unterrichtet und bin\nauch nie aufgefordert worden, es zu tun.\nDas alles sind — und ich bin glücklich,\ndem Sturm entronnen zu sein.\"\nWas ist es, das Campendonk behauptet?\nSein Name wurde benutzt, um eine\nSturmschule vorzugeben. Grammati-\nkalisch sowohl wie syntaktisch ist der Satz\nunmöglich. Das Wort „vorgeben\" hat nur\nzwei Bedeutungen, eine wörtliche und eine\nübertragene. Die wörtliche, sei sie zeitlicher\noder örtlicher Art, ergibt keinen Sinn. In\nder übertragenen Bedeutung heisst das Wort\nsoviel wie „vortäuschen\". In diesem Sinn\njedoch kennt die deutsche Sprache keine\nrein transitive Anwendung des Worts. Man\nkann nicht sagen: Jemand gibt Geld vor,\noder, um dem vorliegenden Fall näher zu\nbleiben: Ein Aushängeschild gibt einen Ge-\nschäftsladen vor. Nur die Konstruktion mit\n„dass\" oder mit dem indirekten Nebensatz\nist zulässig. Jemand gibt vor, dass er Geld\nhabe, oder, er habe Geld. Wer ist es nun,\nder vorgibt, dass eine Sturmschule bestehe?\nGrammatikalisch sind es dieNamen Campen-\ndonk und Klee, die „vorgeben\". Sie werden\nbenutzt, um vorzugeben. Allerdings ist\nmöglich, dass Campendonk einer verbreiteten\nSprachverwilderung nachgab und den Sturm\nselbst als das vorgebende Subjekt gedacht\nhat. Der Sinn ist in beiden Fällen beinahe\nvöllig gleich: Die Namen wurden vom Sturm\nbenutzt, damit sie eine Sturmschule vor-\ntäuschen sollten. Oder: Der Sturm hat die\nNamen benutzt, um mit ihnen eine Sturm-\nschule vorzutäuschen. Das Wesentliche\nbleibt, dass Campendonk dem Sturm zum\nVorwurf macht, er habe eine Sturmschule\nvorgetäuscht, und sich dieser Namen\nals eines Mittels der Täuschung bedient.\nDer parenthetische Zusatz von der Entfernung\nder Namen aus den „Reklameanzeigen\" des\nSturm gibt einen Anhalt, worauf Campen-\ndonk seine Behauptung stützt. Unter „Re-\nklameanzeigen \" kann er nur die Anzeigen\nverstehen, die im Sturm und in den Pro-\nspekten erschienen waren, und er sollte\nwissen, dass ohne solche Anzeigen kein\nLehrinstitut bestehen kann, ja, dass es ver-\npflichtet ist, genaue und ausführliche Pro-\nspekte zu veröffentlichen. Warum nennt\nCampendonk diese Anzeigen „Reklamean-\nzeigen\"? Das Wort Reklame ist in einem\nrein geschäftlichen Betrieb frei von jeder\nüblen Nebenbedeutung. Auf die Anzeigen\neiner Kunstschule angewendet, soll es ver-\nletzend wirken. Campendonk erhebt den\nVorwurf, dass ein ideellen Zielen zuge-\nwandtes Unternehmen sich mindestens wie\nein geschäftliches gezeigt oder sogar voll-\nkommen als ein solches gehandelt habe.\nDa er sich nicht näher äussert, so beziehe\nich seinen Vorwurf in diesem Zusammen-\nhang eben auf die Nennung der Namen\nCampendonk und Klee. Durch sie wurden\ndie Anzeigen zu Reklameanzeigen. Und da\nalso Campendonk diese gelesen hat, kann\nihm nicht entgangen sein, dass ausser ihm\nund Klee auch andere Künstler als Lehrer\nder Sturmschule genannt waren. Wie stand\nes mit diesen? Wurden ihre Namen auch\nbenutzt, um eine Sturmschule „vor-\nzugeben\"? Zum Beispiel der meinige?\nOder war die Nennung der anderen Namen\nkein Mittel der Vortäuschung? Meine werten\nHerren Westheim und Campendonk, es sieht\nleider so aus, als habe Campendonk etwas\nso Albernes behaupten wollen. Leider sieht\nsein Satz so aus. Oder ist es keine Albern-\nheit zu behaupten: „Dadurch, dass Der\nSturm meinen und Klees Namen in seinen\nAnzeigen nannte, hat er die Schule vorge-\ntäuscht. Die Nennung der übrigen Namen\nhat die Schule nicht vorgetäuscht.\"\nOder sagte er das etwa nicht? Will\ner vielleicht behaupten, auch durch\ndie anderen Namen sei die Schule vorge-\ngetäuscht worden? Das würde ja heissen:\nDie Schule bestand überhaupt nicht, sie\nwurde nur vorgetäucht. Nein, Herr West-\nheim, wir wollen Campendonk keine solche\nAlbernheit sagen lassen. Eine Schule wurde\nvorgetäuscht! Komische Käuze, diese Herren\nvom Sturm! Sie geben für den Druck von\nAnzeigen und Prospekten Geld aus, nur,\num sich einmal den Spass zu machen, eine\nSchule vorzutäuschen, oder, wie Campen-\ndonk sagt, eine Schule „vorzugeben\". Und\nwenn sich Schüler melden, dann sagt man\nihnen: Etsch, reingefallen, es gibt gar keine"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4374, "texte": "Sturmschule! Nochmals, Herr Westheim,\nwir wollen Campendonk eine solche alberne\nBehauptung nicht zutrauen. Es muss bei\nunserer ersten Auffassung bleiben: Ganz\nausschliesslich die Namen Campendonk und\nKlee gaben die Schule vor, — wie\nCampendonk sagt, täuschten sie vor, — wie\nandere Menschen sagen. Also täuschten sie\ndoch vor? Und die Schule bestand nicht?\n0 du meine Güte, nun leugnet Campendonk\ndie Schule also doch! Nicht wahr, Herr\nWestheim, der kleine Satz sah so harmlos\naus und wie verzwickt ist er doch. Er\nhat etwas von den Westheimschen Sätzen\nan sich, etwa wenn Westheim von der Ent-\nwicklung Kandinskys aus der Banalität\nheraus spricht. Campendonk scheint seinen\nStil durch die Lektüre des Kunstblatts ge-\nbildet zu haben. Wie ist das? Die Nennung\nder Namen Campendonk und Klee ist ein\nBeweis dafür, dass die Schule nicht bestand?\nDaraus mag der Teufel klug werden oder\ndie Leser des Kunstblatts. Campendonk\nbehauptet es und Westheim druckt es ab.\nUnd wie war es mit der Schule, als die\nNamen Campendonk und Klee aus den An-\nzeigen entfernt wurden? Denn er hat Recht,\nder Campendonk, sie wurden nach mehreren\nJahren entfernt. Also wie war es dann\nmit der Schule, mit der Hochschule? Sehr\neinfach, dann bestand sie eben. Denn\nnur die Namen Campendonk und Klee\nwaren geeignet, den Schwindel perfekt zu\nmachen. Und der Schwindel bestand drei\nJahre lang. Drei Jahre glaubte Campendonk,\nes gäbe eine Sturmschule. Und er durfte\nes glauben, da sein und Klees Name in den\nAnzeigen genannt waren. Obgleich man auch\nsagen kann, dass der Schwindel ja grade\nin der Nennung dieser Namen bestand!\nZu dumm, dass man so leichtgläubig war.\nAber gutgläubige Menschen stellen keine\nindiskreten Fragen. Es wird schon seine\nRichtigkeit mit der Schule haben. Man\nsieht zwar nichts von ihr, man hört nichts,\naber man glaubt an sie. Und eines Tages\nstellt sich heraus, sie hat garnicht bestanden.\nAlles war Schwindel. Das hat man von\nseiner Gutgläubigkeit! Hätte man doch bei\nZeiten Erkundigungen eingezogen! Aber,\nmeine werten Herren Westheim und Campen-\ndonk, für Ihr kleines Complott war es so\nschon besser. Vielleicht wäre Herr Campen-\ndonk dabei an den Unrechten gekommen.\nVielleicht hätte ihm einer sein Ehrenwort\ngegeben, dass diese Sturmschule nicht bloss\n„vorgegeben\" werde. Und Einer, der die\nFlöhe husten hört, hätte ihm sogar verraten,\ndass der Andrang zur Schule ein gewaltiger\nist, dass die Schule ihrem Leiter alljährlich\nein nettes Sümmchen abwirft. Oder,\nschlichter ausgedrückt, dass sie gut rentiert,\nwenigstens gut rentieren soll, — wie sich\nHerr von Sydow ausdrückt. Dieser Herr\nvon Sydow folgte dem Beispiel Vieler, die\nin der neuesten Kunstgeschichte dilettieren,\nindem er seine flüchtige Bekanntschaft mit\nder neuen Kunst dazu benutzte, so schnell\nwie möglich ein Buch über sie zu schreiben.\nEs heisst: „Die deutsche expressionistische\nKultur und Malerei\" und gibt auf vierzehn\nBildbeilagen wohl drei Reproduktionen von\nKokoschka, doch nur eine von Klee und\nMarc. Der Rest steigt die ausgetretene Leiter\nabwärts, über Pechstein, Schmidt-Rottluff\nund Melzer hinunter zu Moll. So sieht die\nexpressionistische Malerei des Herrn von\nSydow aus. Auf zwei und einer halben\nSeite wird Franz Marc erledigt, an\nden herkömmlicherweise überschätzen\nSchmidt-Rottluff werden zwölf Seiten ver-\ngeudet. Einige noch für Kokoschka und\nKlee, der Rest gehört den Auch- und Mode-\nexpressionisten. Und es ist ein schier West-\nheimsches Zauberkunststück, in einem Buch,\ndas mit dem Expressionismus so wenig zu\ntun hat, auch den Sturm und Herwarth\nWaiden nicht zu vergessen. Aber welches\nGlück, dass Campendonk dieses Buch nicht\ngelesen hat! Er hätte darin allzu Genaues\nüber die Sturmschule erfahren: „Auf das\nErlebnis wurde eine Schule gegründet —\neine Schule, die sich gut rentieren soll\",\nschreibt Herr von Sydow. Und er fügt hin-\nzu: „Hier berühren wir einen kitzlichen\nPunkt des Berliner Kunstlebens.\" Dieses\nist die einzige treffende Bemerkung des\nHerrn von Sydow. Ganz recht, wir,\nnämlich ich, Herr von Sydow, habe da\neinen kitzlichen Punkt berührt. Aber die-\njenigen, an deren Leib sich der kitzliche\nPunkt befand, Waiden und ich, haben bei\nder Berührung nicht gelacht, sondern Herrn\nvon Sydow um eine Interpretation seiner\nBemerkung ersucht. Denn ein Buch, das\nvorgibt, von expressionistischer Kultur\nund Kunst zu handeln, scheint mir nicht\nder Ort zu sein, an dem man über das"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4370, "texte": "geschäftliche Wohlergehen Änderer mit\nbilligem Sarkasmus unverbürgte Mitteil-\nungen macht. Und wirklich konnte Herr\nvon Sydow nicht leugnen, wie trotz Hinzu-\nfügung einiger anerkennender Worte die\nunpassende Bemerkung gemeint war. Un-\npassend war sie nicht nur in diesem Buch,\nsondern auch an dieser Stelle. Da Herr\nvon Sydow sich einbildete, über expressio-\nnistische Kultur zu schreiben, so mochte\ner meinetwegen seinen Tadel über die\nGründung der Schule äussern. Da er von\ndieser Schule, ihren Einrichtungen und\nTendenzen nichts wusste, so mochte er\nmeinetwegen auch schreiben, es sei eine\nSchule auf ein Erlebnis gegründet worden.\nIch hätte dem mitteilsamen Herrn sogar zu\nberichten gestattet, dass diese Schule jahr-\naus, jahrein von Schülern überlaufen sei.\nAber wenn er sich über die Rentabilität\nder Schule äussern wollte, so hatte er die\nPflicht, vorher das Konto der Schule zu\nstudieren. Da hätte er sich nicht nur von\nder Unrentabilität der Schule überzeugen\nkönnen, sondern auch erfahren, dass die\nSchule in vier Jahren von insgesamt etwa\nzwölf Schülern besucht war. Er hätte das\nin sein Buch aufnehmen können, wenn er\ndann noch des Glaubens war, dass es zum\nKapitel der expressionistischen Kultur ge-\nhöre. Vielleicht hätte er es auch wirklich\ngetan, damit wenigstens eine Wahrheit\nüber den Expressionismus in seinem Buch\nstehe. Vielleicht aber auch hätte er darauf\nverzichtet. Denn diese Herren pflegen sich\nnur über die gut rentierenden Unternehm-\nungen zu ärgern, - da ich es nicht anders\nnennen kann. Aus ihrem Arger machen\nsie dann ein Kulturproblem. Haben\nSie auch alles gut verstanden, Herr West-\nheim? Erkennen Sie da einige West-\nheimsche Züge? Ist es Herrn von Sydow\nnicht so ergangen wie Ihnen, wenn Sie\ngegen den Sturm Verdächtigungen aus-\nsprechen ? Er hatte etwas gehört, und\ndas genügte ihm nicht nur, es zu glauben,\nsondern auch es niederzuschreiben. Und\nwas dem einen seine Eule ist, das ist dem\nandern seine Nachtigall. Was Herrn von\nSydow eine gut rentierende Schule ist, das\nist für Herrn Campendonk gar keine Schule.\nDem einen wurde zuviel unterrichtet, dem\nandern zu wenig. Er hat nie eine Stunde\ndort unterrichtet, er ist auch nie aufgefordert\nworden, es zu tun. Und das soll ein Be-\nweis dafür sein, dass die Schule vor-\ngegeben wurde ? Können nicht vielleicht\nAndere in der Sturmschule Malunterricht\nerteilt haben ? Zum Beispiel Rudolf Bauer ?\nOder Georg Muche? Vielleicht geniessen\naber diese Beiden nicht den Vorzug, von\nHerrn Campendonk anerkannt zu sein ?\nNun ja, ich gestehe mit einiger Beschämung,\ndass Rudolf Bauer dem Sturm noch nicht\nentlaufen, will sagen, von Herrn Westheim\nnoch nicht anerkannt ist. Aber Georg Muche\nist neuerdings Lehrer am Bauhaus in\nWeimar geworden, — wenn Herr Campen-\ndonk auf diesen Befähigungsnachweis Wert\nlegen sollte. Ob sie nun im Sturm gut\noder schlecht unterrichtet haben, — dass\nsie unterrichtet haben, nehme ich auf meinen\nEid. Und damit basta! Es gab eine Schule.\nBasta! Sie war nicht vorgetäuscht, sie war\nnicht vorgegeben. Sie bestand. Basta. Ob-\ngleich der Name Campendonk und Klee in\nin den Anzeigen stand. Obgleich Campen-\ndonk nie eine Stunde dort unterrichtet hat.\nObgleich er nie dazu aufgefordert wurde.\nWar es unsere Schuld? Sind wir dafür\nverantwortlich, dass die Schule nicht ren-\ntierte? Kann man uns einen Vorwurf daraus\nmachen, dass wir fast alle Anmeldungen\nzur Schule zurückwiesen? Dass wir die\nZüchtigung von Epigonen vermeiden wollten?\nDass wir nur solche Schüler unterrichten\nwollten, die für die Bestrebungen des Sturm\nvon Bedeutung werden konnten? Dass wir\njede positive Beeinflussung durch Lehrer\nvermeiden wollten? Dass wir die Lust\nverloren, selbst begabten Menschen die\nMittel zu zeigen, die sie später einmal miss-\nbrauchen könnten? Ist es uns zu verargen,\ndass wir aus allen diesen Gründen die\nSchule aufgaben? Ist es unsere Schuld,\ndass Campendonk nicht aufgefordert werden\nkonnte, zu unterrichten? Und ist das ein\nGrund, den Sturm mit so klotzigen Aus-\ndrücken zu traktieren? Ist es ein Grund,\nan Sie, an Herrn Westheim, der es bekannt-\nlich spornstreichs abdruckt, zu schreiben:\n„ Das alles sind \". Etwas so Beleidigendes,\netwas so Ordinäres, dass ein Westheim es\nnicht abdrucken will? Ist denn der Teufel\nin diesen Campendonk gefahren ? Drei\nJahre hatte er Zeit, gegen die Nennung\nseines Namens zu protestieren. War er zu\nträge dazu ? Warum wollte er nicht"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3480, "texte": "schreiben? Er stand doch in ständigem\nBriefwechsel mit Waiden. Im Frühjahr 1918\nwar er in Berlin, im Sturm. Das wäre eine\nGelegenheit gewesen. Campendonk schwieg.\nEs scheinen doch damals noch keine\ngewesen zu sein, dass sein Name in den\nAnzeigen der Lehrerschaft genannt wurde.\nIst es gerecht, sich heute darüber zu be-\nklagen und noch dazu mit einem so un-\nflätigen Ausdruck? Was sollen denn die\nLeute, die das Kunstblatt lesen, vom Sturm\nglauben? Die müssen ja denken, man hätte\ndie Namen Campendonk und Klee in die\nLehrerliste gesetzt, ohne die beiden vorher\num ihre Erlaubnis gefragt zu haben. Wenn\nCampendonk so hahnebüchene Ausdrücke\ngebraucht, dass ein Westheim sie nicht ab-\nzudrucken wagt, — pfui Teufel, was müssen\nda die Leute glauben! Das sieht ja schier\nso aus, als hätte Klee niemals seine Zu-\nstimmung gegeben, an der Sturmschule zu\nunterrichten. Freilich hat das da nicht Klee\ngeschrieben, sondern Campendonk. Und\nder steckt nicht in Klees Haut. Zeigt ihm\ndieser seine Briefe nicht, woher soll er sie\nkennen? Woher soll er wissen, dass Klee\nsich am 5. August 1916 zum Kompositions-\nunterricht in der Sturmschule bereit erklärt\nhat? Woher soll er gar wissen, in welcher\nForm dieser Unterricht Paul Klee vorge-\nschlagen war? Woher soll Campendonk\ndas alles wissen? Vielleicht war es ein\nbischen vorschnell gehandelt, auch die\nNennung von Klees Namen zu den zu\nrechnen. Aber wir sind doch Alle Menschen.\nUnd dem Künstlerunmut darf man alles zu\nGute halten. Nehmt doch dem harmlosen\nKünstlervölkchen nicht das Bisschen Ver-\ndächtigungen und die paar schweren Be-\nleidigungen. Dann ist es nur noch eine\nBagatelle, dass Campendonk seine eigene\nZustimmung zum Unterricht in der Sturm-\nschule vergessen hat. Man sollte darüber\nhinwegsehen. In vier Jahren kann man so\netwas wahrhaftig vergessen haben. Der\nSturm hätte ihn anständigerweise von Zeit\nzu Zeit daran erinnern sollen. Der Sturm\nhätte zum Beispiel freundschaftliche Be-\nziehungen zu Herrn Professor 0 unter-\nhalten können. Der war im Jahr 1917\nfür die Beklamation der Kunstmaler zu-\nständig. Man hätte da Campendonk als\nLehrer der Sturmschule reklamieren können.\nEs war freilich eine heikle Sache, da\nCampendonk noch keine Stunde im Sturm\nunterrichtet hatte. Aber man hätte es doch\ntun können, umsomehr, da Campendonk\nselbst darum gebeten hatte.\n„ . Möglich, dass ich dann als Lehrer\ndes Sturm reklamiert werden könnte, ohne\nständig in Berlin sein zu müssen.\"\nMan hätte haben Sie jetzt genug, Herr\nWestheim? Ist Ihnen wirblig im Schädel?\nGlauben Sie noch immer, an öffentlichen\nVerleumdungen unbeteiligt zu sein, weil\nSie ein unanständiges grobes Wort unter-\ndrückt haben, oder begreifen Sie, dass Sie\neine beabsichtigte üble Nachrede Gampen-\ndonks abgedruckt haben? Drücken Sie sich\ngegenseitig die Hände und bedanken Sie\nsich für die üblen Dienste, die einer dem\nandern geleistet hat. Sie bei Campendonk,\ndass er Sie mit solchen Unwahrheiten\nregaliert hat, und er bei Ihnen, dass Sie\nseine ausschweifenden Phantasien auch noch\nverbreitet haben. Und da Sie es vielleicht\nnoch garnicht bemerkt haben, dass Ihnen\nCampendonk gleich zwei Bären auf einmal\naufgebunden hat, so will ich Sie zum Schluss\nnoch mit der Nase darauf stossen: Wenn\nan der ganzen Behauptung von der uner-\nlaubten Namensführung kein wahres Wort\nist, dann war Campendonk auch nicht aus\ndiesem Grund dem Sturm „entlaufen\".\nOder mit anderen Worten: Campendonk\nhat Ihnen vorgegeben, dass er aus\ndiesem Grund dem Sturm entlaufen sei.\n\nRudolf Blümner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c012", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "78", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.12.1", "titre_corps": "Zeichnung", "titre_sommaire": "Zeichnung", "signature_source": "Reinhard Georing", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 27, "texte": "Reinhard Goering: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c013", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "80", "image_debut": 18, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.12.2", "titre_corps": "Zeichnung", "titre_sommaire": "Zeichnung", "signature_source": "Reinhard Goering", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 18, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 27, "texte": "Reinhard Goering: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c015", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "84", "page_fin": "85", "image_debut": 22, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.13", "titre_corps": "Der expressionistische Knigge", "titre_sommaire": "Der expressionistische Knigge", "signature_source": "Rudolf Blümner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.22", "debut_caractere": 3482, "fin_caractere_exclue": 3831, "texte": "Der expressionistische\nKnigge\n\nDas Betragen in der Kunstausstellung\n1. Frage nie, was das Bild bedeutet. Das\nhaben vor Dir schon hunderttausend Leute\ngefragt.\n2. Sage nie, dass Du Dir ein expressionis-\ntisches Bild sehr gut als Tapete oder als\nGlasfenster vorstellen kannst. Diesen Witz\nhaben Dir die Kunstkritiker schon vor zehn\nJahren weggenommen."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1315, "texte": "3. Zerbrich Dir nie den Kopf darüber, ob\nein Künstler, dessen Werke der Sturm aus-\nstellt, Talent habe. Die Frage hat der Sturm\nschon vor Dir gelöst.\n4. Halte Dich mindestens drei Minuten\nunter zweihundert Bildern in der Aus-\nstellung auf, bevor Du sagst, es sei nichts.\n5. Sage nie, es komme nicht auf das Wort\nExpressionismus sondern auf das Kunst-\nwerk an. Das weiss jeder Esel auch ohne\nDich.\n6. Sage nie vor einem expressionistischen\nBild, dass das Haus darauf schief stehe.\nDenn es ist kein Haus, sondern ein Bild.\n7. Erzähle uns nicht jeden Tag, dass Kunst-\nkritiker nichts von Kunst verstehen. Das\nwissen wir längst.\n8. Wenn Du Chagall lobst und auf Wauer\nschimpfst, dann beweist Du, dass Du früher\nauch auf Chagall geschimpft hast.\n9. Behaupte nicht von jedem absoluten\nMaler, er sei ein Nachahmer von Kandinsky.\nÜberlass das den Kunstkritikern.\n10. Benutze den Aufenthalt in der Sturm-\nAusstellung nicht ausschliesslich dazu, alle\naufliegenden Verlagswerke durchzulesen.\n11. Nimm Deine kleinen Kinder nicht in\ndie Kunstausteilung mit. Sie könnten Dich\nauslachen, wenn Du sagst, dass Du auf dem\nBild nichts erkennst.\nAus der Sturm Ball-Zeitschrift „Die Quirlsanze\"\nDie Fortsetzung der Kritik der vorexpressionis-\ntischen Dichtung von Herwarth Waiden erscheint\nim Mai-Heft dieser Zeitschrift\n\nRudolf Blümner"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c016", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.14", "titre_corps": "Nennen Sie es Ausschlachtung", "titre_sommaire": "Nennen Sie es Ausschlachtung", "signature_source": "Kurt Schwitters", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.23", "debut_caractere": 1317, "fin_caractere_exclue": 2056, "texte": "Nennen Sie es\nAusschlachtung\nKurt Schwitters\nAnna Blume ist die Stimmung, direkt vor\nund direkt nach dem Zubettegehen.\nAnna Blume ist die Dame neben Dir\nAnna Blume ist das einzige Gefühl für\nLiebe, dessen Du überhaupt fähig bist\nAnna Blume bist Du\nAnna Blume ausschlachten heisst Dich\nschlachten\nBist Du schon einmal geschlachtet worden?\nAnna Blume schlachten heisst Dich aus-\nschlachten\nDu lässt Dich gern ausschlachten?\nSchlacht Anna Blume, die Stimmung vor\ndem Zubettegehen\nSchlachte Anna Blume, die Dame neben\nDir\nAnna Blume schlachten, ist die einzige\nAusschlachtung deren Du überhaupt fähig\nbist.\nWenn Du nicht zufällig, Merz wolle Dich\nbewahren, ein ganz unfähiger Mensch sein\nsolltest.\nAus der Sturmball-Zeitschrift „Die Quirsanze\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c017", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.15", "titre_corps": "Inhalt", "titre_sommaire": "Inhalt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.23", "debut_caractere": 2058, "fin_caractere_exclue": 2633, "texte": "Inhalt\nBühnenwerk / Spielgang und Spiel\nHerwarth Waiden: Technik und Kunst\nKurt Liebmann: Gedichte\nRudolf Blümner: Die Sache mit Stahl\nRudolf Blümner: Briefe gegen Paul Westheim / Zur Geschichte des Sturm und des deutschen\nJournalismus / Siebenter Brief\nRudolf Blümner: Der expressionistische Knigge\nKurt Schwitters: Nennen Sie es Ausschlachtung\nKurt Schwitters: Merzstempelzeichnung\nKurt Schwitters: Der Kritiker / Merzzeichnung\nPaul Busch: Tanzende Paare\nReinhard Goering: Zwei Zeichnungen\nKampfbühne: Spielgang Kreuzigung / Blatt XLYI / Handgemalter Holzschnitt\nApril 1921"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1921-04-05-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1921-04-05_01#c018", "volume": "bmtnabg_1921-04-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 99, "texte": "V E R L A G D E R STURM / G. 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Jahrgangs\nje 60 Mark / 3. und 4. Jahrgang vergriffen.\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und nummerierte Handdrucke, von\nden meisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich\nzu erwerben. 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Mai bis 1. 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Kurt Schwitters\n18 Mark\nV. Malcr des Expressionismus\n15 Farbdruckc: Kandinsky / Chagall usw.\n90 Mark\nv \\ ■' . . .... v ' \"i, ; ; ;\ntfj J \" ; \" • . t J : '\nFarbigc Kunstdrucke\nAlexander Archipenko: Aquarell\n9 Mark i..„ v >( ...\n. , i. V '■ ■ ' ' ■\nLouis Marcoussis: Aquarell\n9 Mark\nRudolf Blumner\n.... > ••\nDer Geist des Kubismus und die Ktinste\n*• . V ? ». ■ \" ff \\ . • 1 / * : • •\n' • ; i ' : J' ■ '< _ ' ''■ '• t-\nMit Abbildungen\n18 Mark"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT /\nHERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\nZWÖLFTER JAHRGANG / VIERTES HEFT\n\nKurt Schwitters: Merzstempelzeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.2", "texte": "V E R L A G D E R STURM / G. M. B. H.\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMonatsschrift Der Sturm / Zwdlfter Jahrgang\nErscheint am fiinften jedes Monats\nMit mehrfarbigen Kunstbeilagen, Holzschnitten (stets\nvom Stock gedruckt) und Zeichnungen\nDauerbezug / Ein Jahr 60 Mark / Ein Halbjahr\n36 Mark / Einzelheft 7 Mark 50 Pfennige\nVolIstMndige Excmplare des 1. bis 11. Jahrgangs\nje 60 Mark / 3. und 4. Jahrgang vergriffen.\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm\nsind signierte und nummerierte Handdrucke, von\nden meisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich\nzu erwerben. Die Originale sind verkauflich.\n\nBucher\nFranz Richard Behrens\nBlutbliite / Gedichte\nGeheftet 7 Mark 50 Pfennige / Gebunden 12 Mark\nHermann Essig\nDer Frauenmut / Lustspiel\nUcberteufel / Tragodie\nIhr stilles Gluck / Drama\nEin Taubenschlag / Lustspiel\nNapoleons Aufstieg / Tragodie\nDer Wetterfrosch / Erzahlung\nJedes Buch 6 Mark / Gebunden 9 Mark\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte\n10 Mark / Zweite Auflage\nKandinsky-Album\nMit 60 Abbildungen\n18 Mark\nAdolf Knoblauch\nDie schwarze Fahne / Eine Dichtung\n6 Mark\nKreis des Anfangs / Friihe Gedichte\n9 Mark / Sonderausgabe 30 Mark\nErnst Marcus\nDas Problem der exzentrischen Empfindung und\nseine Losung\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nDas Erkenntnisproblem\n7 Mark 50 Pfennige / Zweite Auflage\nWilhelm Runge\nDas Denken traumt / Gedichte\n6 Mark / Gebunden 9 Mark\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln\nG Mark / Sonderausgabe 90 Mark\nLothar Schreyer\nMeer / Sehnte / Mann / Dramen\n6 Mark\n\nVERZfclCHNISSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS\n\nNacht\n4 Mark 50 Pfennige\nDie neue Kunst\n4 Mark 50 Pfennige\nAugust Stramm\nDu / Liebesgedichte\n12 Mark / Dritte Auflage\nTropfblut / Gedichte\nGebunden 24 Mark\nGesammelte Dramen\nZwei Bande x\nJeder Band gebunden 24 Mark\nMax Verworn\nKeltische Kunst / Mit Abbildungen\n9 Mark\nHerwarth Walden\nExprcssionismus / Die Kunstwende\nMit 140 Abbildungen\n39 Mark / Gebunden 60 Mark\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressio-\nnismus / Mit 16 Abbildungen\n12 Mark / Dritte Auflage\nGesammelte Schriften / Band I\nKunstmaler und Kunstkritiker\n9 Mark\n' t\nDas Buch der Menschenliebe r\n12 Mark / Sonderausgabe 60 Mark / Zweite Auflage\nDie Harte der Weltenliebe / Roman\n12 Mark / Gebunden 15 Mark\nSonderausgabe (Auflage 10) 90 Mark\nWeib / Komitragodie\n9 Mark / Sonderausgabe 90 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nStinde / Spiel an der Liebe\nLetzte Liebe / Komitragodie\nGlaube / Komitragodie\nJedes Buch 3 Mark\nKind / Tragodie\nTrieb / Eine biirgerliche Komitragodie\nMenschen / Tragodie\nJedes Buch 6 Mark\nSturm-Bucher\nAugust Stramm\nSancta Susanna\nDie Unfruchtbaren\nPeter Baum\nKyland\nJedes Sturmbuch 3 Mark\nSturm^Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nJe 12 Mark\n1 Marc Chagall\nII Alexander Archipenko\nIII Paul Klee"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.3", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT / HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\n\nBühnenwerk\nSpielgang und Spiel\n\nDas Bühnenwerk und sein Spiel ist unver-\neinbar mit dem Theater von heute.\nWir haben uns von diesem Theater ge-\ntrennt und haben nun das Bühnenwerk\ngestalten und spielen können.\nDas Spiel des Bühnenwerkes ist als Kunst-\nwerk ein Gemeinschaftswerk. Das Spiel\nsetzt voraus, dass alle Spielenden von sich\naus eines Sinnes sind. Nur aus diesem\ngemeinsamen Sinn, der die Persönlichkeit\nauslöscht, kann das Werk gestaltet werden,\nin dem jeder einzelne abhängiges Glied ist.\nDie Arbeit des Theaters kennt keine schöpfer-\nische Gemeinschaft. Die Mitglieder jedes\nTheaters sind durch das wirtschaftliche\nInteresse verbunden. Dass ein gemeinsames\nkünstlerisches Interesse nicht besteht, be-\nweist der Spielplan jedes Theaters. Selbst\nwenn ein gemeinsames künstlerisches Inter-\nesse bestände, so wäre es doch ein Berufs-\ninteresse. Künstlertum als wirtschaftlicher\nBeruf ist aber ein Widersinn in sich.\nEine Schöpfung des Bühnenwerkes und\nseines Spiels konnte nur möglich sein, wenn\nsich ein Kreis von Menschen als eine Ge-\nmeinschaft zusammenfand, der es gegeben\nwar, das Bühnenwerk zu schaffen. Ein\nsolcher Kreis von Menschen konnte nicht\norganisiert werden, konnte nicht gesucht\nwerden. Er musste sich zusammenfinden.\nEs war nichts anderes zu tun, als den Ge-\ndanken zu sagen und als Einzelner das\nWerk zu beginnen, in der Gewissheit, dass\nandere zur Weiterarbeit am Werk von\nselbst kommen würden.\nNun haben wir uns in einer Arbeit von\nwenigen Jahren zusammengefunden. Wir\nsind uns des Sinnes der Gemeinschaft be-\nwusst. Wir wissen wohl, dass wir erst\nam Beginn der Gemeinschaft sind. Aber\nwir wissen auch, dass wir nicht mehr zu\nder anderen Welt gehören.\nEs konnte nicht ausbleiben, das zunächst\nmancher mit uns arbeiten wollte, der ge-\nmeinschaftsfremd war. Wir haben solcher\nMitarbeit nicht widersprochen. Wer bei\nuns die Sensationen der sogenannten ex-\npressionistischen Bühnenkunst suchte, ver-\nliess uns sehr bald wieder mit der grossen\nEnttäuschung, die ihm eine anstrengende\nArbeit unter persönlichen Opfern jeder Art\nbrachte. Die wenigen Berufsschauspieler,\ndie mit bestem Willen die Mitarbeit ver-\nsuchten, mussten versagen, da sie sich\nnicht vom Theater trennen konnten. Es\nmussten sich auch von unserer Gemeinschaft\ndie trennen, die persönlichen Erfolg oder\nwirtschaftlichen Gewinn aus der Arbeit er-\nhofften.\nUnsere Arbeit konnte nicht in der Öffent-\nlichkeit getan werden. Abgeschlossenheit\nvon allen Kreisen der Theaterreform sowie\nder modernen Literatur waren Voraus-\nsetzung. Selbstverständlich war auch der\nVerzicht auf ein Publikum und die öffent-\nliche Meinung, die Presse. Wir waren alles\nandere als eine Versuchsbühne. Weg,\nWegrichtung und Ziel waren eindeutig klar.\nWir versuchten nichts, sondern erarbeiteten\nuns das Werk unter den Hindernissen des\ntäglichen Lebens gegen die herrschende\nKunstauffassung und gegen die herrschende\nLebensauffassung der Zeit. Die intuitive\nErkenntnis der Bühnenkunst konnte erst in\ndie Tat umgesetzt werden, wenn die Mittel\nder Bühnenkunst erarbeitet worden waren.\nDa diese Mittel zu einem grossen Teil in\nder Beherrschung des menschlichen Körpers\nberuhen, bedurfte es eines hartnäckigen\nKampfes gegen die Herrschaft des mensch-\nlichen Körpers, um ihn als wandelbares\nMittel in die Kunstgestalt zu zwingen. Ein\nKampf gegen die Persönlichkeit war es, den"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.4", "texte": "jeder für sich durchzukämpfen hatte, um\ndas Zueinander der Gemeinschaft zu finden.\nWer in diesem Kampf unterlag oder einen\nAusgleich suchte, war untauglich für die\nHingabe an die Gestaltung. Der Erkenntnis\nim inneren Menschen musste die Umwand-\nlung des äusseren Menschen folgen. Ein so\ngewandelter Mensch hat jede Beziehung zum\nTheater gelöst. Er kann nicht mehr be-\ngreifen, dass es Menschen gibt, die im\nTheater eine Kunststätte und Kulturstätte\nsehen. Er weiss, dass alle sogenannten\nKünstler und Dichter, die das Theater-\ngeschäft unterstützen, vom Sinn der Kunst\nund von dem Sinn, den die Kunst für das\nLeben hat, nicht berührt sind. Solange in\nden Menschen, die heute Theaterbesucher\nsind, nicht eine gleiche Wandlung vorgeht,\nkönnen sie nicht die Bühnenkunst sehen.\nDaher finden unsere Spiele grundsätzlich\nnicht vor der Öffentlichkeit statt. Aus dem\nFreundeskreis der Glieder unserer Gesell-\nschaft bildete sich ein grösserer Kreis von\nMenschen, die regelmässig unsere Spiele\nsahen. Auch aus diesem Kreis mussten\nsich erst alle vorwiegend literarisch Inter-\nessierten und intellektuell Veranlagten lösen,\nehe sich eine Einheit bilden konnte, deren\nSinn gleichgerichtet mit dem Sinn unserer\nGemeinschaft ist. Aus diesem weiteren\nKreis, der sich langsam und beständig ver-\ngrössert, ergänzt sich nun der enge Kreis\nderer, die das Werk schaffen.\nNachdem wir bis heute neun Bühnenwerke\nschufen und spielten, ist die Zeit gekommen,\nin der wir einige wesentliche Resultate\nunserer Arbeit auch Aussenstehenden mit-\nteilen können. Wir tun dies, nachdem sich\ndie Kratt unserer Erkenntnisse durch die\nErfahrung bewiesen hat. Wir tun dies,\ndamit anderen die Erkenntnis zuteil werde,\nund die anderen von sich aus danach\nhandeln können.\nDie erste Mitteilung, die wir geben, ist der\nSpielgang des Bühnenwerkes „Kreuzigung\".\nWir geben in diesem Spielgang das System\nund die Zeichen, in denen einem Bühnen-\nwerk die Beständigkeit der Gestalt gegeben\nwird. Die praktische Anwendung im Bühnen-\nwerk „Kreuzigung\" zeigt die Kratt und Aus-\ndruckmöglichkeit des Spielgangs. Unsere\nSpiele des Bühnenwerkes „Kreuzigung\"\nnach dem Spielgang bewiesen die Be-\nständigkeit der Gestalt.\nDer Spielgang enthält die Gestalt des\nBühnenwerkes. Der Spielgang enthält also\ndie bühnenkünstlerischen Mittel, Wortform,\nWortton, Bewegung und Farbform in einer\nsolchen Gestalt, dass ihre Gesamtheit die\nGestalt des Bühnenwerkes ist. Jedes Wort\nhat seinen Wortton, jede Bewegung ihre\nFarbform. Alle Mittel sind rhythmisch ge-\ngliedert. Die Gesamtheit der rhythmischen\nGliederungen ist die Einheit des Werk-\nrhythmus. Für die einzelnen Mittel und\nihre Gestaltung ist eine sinnfällige eindeutige\nZeichensprache gefunden. Für die An-\nordnung der gestalteten Mittel zur Einheit\nder Werkgestalt ist ein sinnfälliges ein-\ndeutiges System gefunden. Zeichen und\nSystem sind so gefunden, dass ihre An-\nordnung im Spielgang auch als Bildeindruck\ndem Sinn des einzelnen Bühnenwerkes\nentspricht.\nUm die Zeichen und das System des Spiel-\nganges zu erlernen, bedarf es keinerlei\nStudiums. Wer zu sehen und zu lesen be-\nginnt, wird ihn schon nach wenigen Zeilen\nlesen und sehen können. Voraussetzung ist\nallerdings, dass der Leser bühnenkünstlerisch\nbegabt ist. Ist er das nicht, so wird ihm\nKenntnis der Zeichen nichts nützen. Wer\ndie Noten der Musik nicht kennt und nicht\nmusikalisch ist, dem wird die Partitur eines\nTonwerkes eine unverständliche Sprache\nsein. Und wenn der Leser einer Partitur\nnur die Noten zu lesen weiss, aber nicht\nmusikalisch ist, so wird ihm die Noten-\nkenntnis nichts nützen. Er muss imstande\nsein, den Ton, dessen Zeichen er liest, in\nsich zu hören. Ebenso muss der Leser des\nSpielgangs eines Bühnenwerkes imstande\nsein, wenn er die Zeichen des Spielganges\nliest, die Töne in sich zu hören, die Be-\nwegungen und die Farbformen in sich zu\nsehen. Dies vermag auch der Mensch, der\nniemals das Spiel eines Bühnenwerkes ge-\nsehen hat. Denn es ist das Wesen der Be-\n• gabung, dass der begabte Mensch aus seinem\nInneren die Begabung hat, und dass sie\nihm nicht durch Uebermittlung von aussen\nwird oder werden kann.\nWer nach unserem Spielgang zu spielen\nversucht, muss bühnenkünstlerisch begabt\nsein. Das heisst: auch er muss die Kraft\nhaben, in sich die Töne hören, in sich die\nBewegungen und Farbformen sehen zu\nkönnen. Vermag er das nicht, so fehlt die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.5", "texte": "eine Voraussetzung des Spiels. Es ist genau\nso, wie wenn ein unmusikalischer Mensch\nGeige spielen will. Die andere Voraus-\nsetzung, um nach dem Spielgang spielen\nzu können, ist, dass der Mensch, der spielen\nwill, Glied der Gemeinschaft der Spieler\nist. In eine solche Gemeinschaft kann man\nnicht aufgenommen werden. Man gehört\nmit Selbstverständlichkeit dazu oder nicht.\n4 '\nEin Hineinarbeiten in die Gemeinschaft\ndurch versuchsweise Mitarbeit ist nicht\nmöglich. Das Hineinarbeiten ist nur ausser-\nhalb der Gemeinschaft möglich. Je mehr\nder Mensch ausserhalb der Gemeinschaft\nauf den Willen seiner Persönlichkeit ver-\nzichtet, um so mehr nähert er sich dem\nWillen der Gemeinschaft. Nur durch be-\nwusste Opferung der Selbstwilligkeit wird\ndas Schaffen aus gemeinsamem Sinn vor-\nbereitet. Jedes Schaffen von Kunstwerken\nist unvereinbar mit einer Arbeit um des\nGeschäftes willen. Daher ist jeder Mensch,\nder das Theatergeschäft mittelbar oder un-\nmittelbar unterstützt, ausserhalb des ge-\nmeinsamen Schaffens des Bühnenwerkes.\nUnsere Spieler scheiden sich hierdurch\ngrundsätzlich von den sogenannten Berufs-\nschauspielern und ausnahmslos von allen\nTheaterbetrieben. Deshalb ist es uns auch\nnicht mehr möglich, in einem Theaterhaus\nzu spielen, abgesehen davon, dass alle\nTheaterhäuser in Deutschland so gebaut\n•sind, dass eine bühnenkünstlerische Gestalt\nin sie nicht gestellt werden kann. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind auch all die\nsogenannten modernen Dichter, die ihre\nWerke den Bühnenvertrieben und damit\ndem Theatergeschäft übergeben. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind selbstverständ-\nlich alle Kunstinteressenten und Theater-\ninteressenten, die als Berufskritiker und\nGelegenheitskritiker mittelbar oder un-\nmittelbar für das Theater arbeiten. Ausser-\nhalb der Gemeinschaft sind die sogenannten\nVolksbühnen, denn sie sind nichts anderes\nals Konsumvereine zur Sicherung des\nTheatergeschäfts. Alle Menschen, die durch\nirgend eine innere oder äussere Teilnahme\ndem Theaterwesen verbunden sind, sind\ndem Sinn der Gemeinschaft fern und haben\nden Sinn der Bühnenkunst nicht.\nWas für den Spieler des Bühnenwerkes\ngilt, gilt auch für den, der das Spiel des\nBühnenwerkes sieht und hört. Wer uns\nfern und fremd ist, dem ist unser Werk\nunverständlich. Wer sich ein Verständnis\nunseres Werkes an einem unserer Werke\nerarbeiten will, wird es nicht verstehen.\nWer wie im Theater bei uns Unterhaltung\nsucht, wird nichts finden. Wer etwas\nfür seine sogenannte Bildung bei uns sucht,\nwird enttäuscht sein. Wer durch Erklär-\nungen, Deutungen, Erläuterungen glaubt,\ndem Sinn unserer Werke näher zu kommen,\nentfernt sich von der Kunst. Der Mensch,\nin dem sich die Umkehr zum inneren\nMenschen vollzogen hat, bedarf keiner\nUnterhaltung, weil die Unterhaltung Sache\ndes äusseren Menschen ist. Er bedarf nicht\nder sogenannten Bildung; er lehnt sie ab,\nda diese Bildung ein Ersatzmittel ist, das\ndas innere Gebilde eines Menschen vor-\ntäuschen soll. Nur die Menschen,. die den\nSinn der Gemeinschaft erfühlen und sich\num ein gemeinsames Schaffen mühen,\nkönnen es sein, in denen unser Werk wirkt.\nSie versuchen nicht, sich in unser Werk\neinzuarbeiten; denn sie haben es. Wir\nwissen, dass die Zahl solcher Menschen\nheute nicht klein ist. Und wenn nur\nwenige von ihnen eines unserer Spiele\nsehen oder einen Spielgang lesen, so ist\ndas nicht von Belang. Diese Menschen\nwissen auch ohne unser Werk Bescheid\nund wissen, dass unser Werk irgend einmal\ngetan wird. Die Tatsache, dass wir als\neine grosse Einheit da sind, soll und kann\ndie anderen fernen Menschen aufwecken,\ndass sie den rechten Weg sehen und von\nsich aus den Weg gehen können.\nWir wissen, dass der Hass und der Spott\nder Gegner, die sich in der Wurzel ihrer\nM\nKraft, der Überschätznng ihres Selbstbe-\nwusstseins bedroht-sehen, mit allen Mitteln\nder Zivilisation unsere Arbeit ungeschehen\nmachen möchten. Aber die Wandlung des\nMenschen zur Gemeinschaft ist keine Frage\nder Macht. Gerade die Macht ist machtlos\nvor dem Sinn der Gemeinschaft. In der\nWandlung des Menschen zur Gemeinschaft\nist das Bühnenwerk nur eine von vielen\nÄusserungen der Wandlung. Als eine Wir-\nkung der Wandlung stellen wir es zwischen\ndie Menschen.\nDie Gestalt des Bühnenwerkes kündet\nGesetze der Gestaltung. Jede Gestaltung\nkündet die Notwendigkeit, aus dem Vielen\ndie Einheit zu schaffen. Jede Kunstgestalt"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.6", "texte": "kündet, dass das Viele der gegensätzlichen\nKumtmittel eine Einheit finden kann, dass\nalle Gegensätzlichkeit zu lösen ist. Die\nEinheit der Kunstmittel Ton, Bewegung,\nFviia, Farbe ist das Bühnenwerk. Die\nEinheit der Menschen in ihrer Verschieden-\nheit, trotz ihrer Verschiedenheit ist die\nGemeinschaft.\n\nDie Kampfbühne\nDie Sturmbühne\n\nTechnik und Kunst\n\nUrsprünglich ist jede menschliche Handlung\nschöpferisch. Die Sichtbarkeit einer mensch-\nlischen Handlung ist die Gestaltung aus\neinem Trieb des Unbewussten. Die Ge-\nstaltung des Schöpferischen ist die Kunst.\nMan hat sich gewöhnt, die zwecklose\nschöpferische Gestaltung Kunst, die zweck-\nmässige Verwertung der Gestaltung Technik\nzu nennen. Diese Unterscheidung bezieht\nsich auf die Wirkung, aber nicht auf die\nUrsache. Die Verwertung der Kunst im\nengeren Sinne ist zwecklos, weil das Kunst-\nwerk seinen Wert in der geschlossenen Ge-\nstaltung eines Triebes des Unbewussten hat.\nSeine Wiederholung ist zwar technisch\nmöglich, aber wertlos, weil seine Wieder-\nholung keinem praktischem Zweck dient.\nDie Wiederholung ist künstlerisch\nunmöglich, weil der Zweck eines Kunst-\nwerks in der endgültigen geschlossenen\nnicht wiederholbaren Gestaltung des sinnlich\nnicht Wahrnehmbaren besteht. Die Kunst\ngestaltet also die Ursache einer Wirkung,\netwa Kratt und Bewegung, die Technik ge-\nstaltet die Wirkung der Ursache. So sind\nMaschinen gestaltete Wirkung der Kraft und\nder Bewegung. Diese Fähigkeit zur Ge-\nstaltung ist eine schöpferische, also eine\nkünstlerische. Ihre Wiederholung ist die\nzweckmässige Verwertung dieser schöpfer-\nischen Gestaltung. In der Technik hat die\nNachahmung eine praktische Bedeutung,\nweil die Wiederholung der Wirkung einer\nUrsache praktisch vielfach verwertet werden\nkann. In der Technik sind wie in der\nKunst nur die Mittel erlernbar. Auch hier\nist die Verwendung der Mittel von der\nschöpferischen Gestaltung abhängig. Da\naber jede Ursache viele Wirkungen, jede\nWirkung aber nur eine Ursache hat, sind\nMittel der Kunst vielfach, die Mittel der\nTechnik einfach. Jedes künstlerische Werk\nhat viele und vieldeutige Wirkungen. Jedes\ntechnische Werk hat eine und zwar eine\neindeutige Wirkung. Kunst und Technik\nsetzen die sinngemässe Verwendung der\nMittel voraus. Denn nur dadurch entsteht\nein Organismus. Man nennt das sinnge-\nmässe Ineinandergreifen der einzelnen Teile\neines Organismus Logik. Logik ist also\ndie Feststellung von Wirkungen. Die\nschöpferische Gestaltung selbst kann daher\nnicht logisch sein, es kann nur ihre logische\nWirkung festgestellt werden, wenn sie eben\neine schöpferische Gestaltung ist. Daher\nhat jede schöpferische Gestaltung eine eigne\nForm. Diese eigne Form ist eben der sicht-\nbare Beweis einer schöpferischen Gestaltung.\nDas Automobil hat nicht die Form eines\nWagens mit einem Pferd davor. Das Luft-\nschiff nicht die Form eines Schiffes. Das\nTelefon nicht die Form eines Ohres. Die\nWiederholung von Formen sind also keine\nschöpferischen Leistungen, wohl aber wären\nneue Formen technischer Leistungen schöp-\nferische Handlungen. Hier liegt die Möglich-\nkeit der Kunst für die Technik. Die Formen\nder technischen Werke werden aber nicht\ndadurch künstlerisch, dass ein sogenannter\nKünstler mit den Mitteln und durch die\nNachahmung vorhandener Kunstwerke an\nden technischen Werken arbeitet, sie also\nverschönt, wie es genannt wird. Nur der\nTechniker selbst kann Künstler sein. Denn\ndas Künstlerische eines Werkes besteht nur\nund ausschliesslich in den sinnfälligen Be-\nziehungen einzelner Teile zu einander. Das\nUhrwerk als solches ist eine künstlerische\nForm, weil alle seine Teile in einem sinn-\ngemässen Verhältnis zu einander stehen.\nDas Uhrwerk wird aber nicht dadurch\nkünstlerischer, dass man es in die Bronze-\nnachahmung eines menschlichen Körpers\nsteckt. Der menschliche Körper zwar ist\neine künstlerische Form, nicht aber seine\nNachahmung in Bronze. Jede Maschine\nselbst ist also ein Kunstwerk, nicht aber\ndie schamhafte Verhüllung. Das vollendete\ntechnische Werk trägt daher seine künst-\nlerische Gestaltung in sich. Der sogenannte\nKünstler könnte nur hinzugezogen werden,\nwenn er selbst Techniker ist, also nicht\nmehr Künstler im hergebrachten Sinn des\nWortes. Deshalb muss jeder Techniker,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.7", "texte": "Kurt Schwitters: Merzstempelzeichnung"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.8", "texte": "vvie jeder Mensch, an seiner künstlerischen\nErziehung arbeiten. Die künstlerische Er-\nziehung besteht nur in der Schulung des\nGefühls für Verhältnisse und Bewegungen.\nDiese Erkenntnis ist die Voraussetzung jeder\nkünstlerischen Gestaltung. Die verstandes-\ngemässe Kenntnis vorhandener Gestaltungen\nführt nur zu Nachahmungen, also zum Un-\nkünstlerischen. Die Technik muss sich\nendlich von dieser Art Kunst, von dieser\nentarteten Kunst freimachen.\n\nHerwarth Walden\n\nGedichte\nKurt Liebmann\n\nFrühe\nBlaulachenflatterweich\nentpflückt dein Auge\nwölbehüfter Bucht\nkleinkäfertrippeltupfes Blühen\no\nund\nwunderneigen\nleuchten\nfrag\nDein Haar flaumt Lächeln\nAtem samt\nDu\nküsst an Sehnens Silberfäden\nkrallenstarres Klag\nzu wellem Licht\nund\nkräuseln\nkreiseln\nblauen\nhauch\nRauch schnäbelt blond\nund\ntrillern\nzagen\nzarten\nknospen\nröten\nbrechen\nknospen\nbüschein\nveilchenblute Sonnen\ntasten\njubeln\nstrahl\nIn Höhlung Trauer\nsteht\ndein Lachen\nglitzert Kleid\nlichtplätschert\nkörpert\nhell.\nIrrtastes Wo\nWehbröckeln stolpert Mund inpresses Seh-\nnen Du\nDu\nInnen\nIn\ntulpschwanes Schwimmen\nBändern\nKreisen\nFlattern\nTauchen\ntauch\ndas Schreiten saugt\nwirrspitzen\nschreienklirre Steine\nStampfen\nKalken\nStreben\nSchrei\nmein Irren <\nflattert\nklag\nam Bande deines Lächeln\nBlut\nverästelt hakt die Rippe\nsilber sonneweiss\nrollt\nWinken\npalmend\nTodschritt meiner Stirn\no klinge Säule Körper\nstrahlensträhn\nenttauchtes Licht des Haars\nin morschem Becher Hand\nVertropfen\nKnieen\nFlehen\nWimmern\nStampfen\nStossen Menschen Greifen\nGreifen\nSchwinden\nIrren\nSehnen\nStrecken"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.9", "texte": "Kurt Schwitters: Der Kritiker / Merzzeichnung"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.10", "texte": "Wo\nTon rostet schwarz\nnagt\nzapfes Blut\nVerwühlen\nTränen\nGräbern\nMenschen\nMenschen\nWo.\n&\nArenarot\nHüpf schenkelt Kreisschling\nblutring\naderzack\ngleitklimpres Kreisen\ntänzelrund\nspieltanzen Hände\nhänden\nmamorgleiss\nzersicheln Hirne\nkugeln\nschnellen\nhaschen\nwinden tigertrommle Lenden\npeitsch\nzerstiefeln\nschnüren\ntroddeln\nsporen\nSchuss\nentkörpern\ndolchen\nschlanken\nkatz\numschwänzeln\ntatzen\nDu\nDu ampelst\nspitz\nentsteilen\ndrehen\nwirbeln\nsingen\nlachen Zehen\nGlöckchen\ntrippeln\nschneeen\nblühen\nschreien Teppich\nfetze Haut\nSchakalen\nducken\nzacken\nlösen\nschleichen\nrunden\nTressen peitschen\nstechen\nzungen\ntieren\nSprung\npistolen\ntänzelst Kralle\nSchädel\nmich\nbäumst Reigen\nsteigen\nwinden\nknäueln\nflattern\nheben Dich\nzerbeissen schlingre Schlangen\ngrünen\nzischen fackeln\nhüfte Schellen\nröten\nrauchen\nwürgen\nhöhen\nSternen\ntanzen\nschlingen\nDu\ndie Augen halsen\nunten\nwachsen\nschütteln\nkrampfen\npressen\neinen\ninnen\nfliessen\ntrinkt mein Sehnen\nstern gerötet\nbeehre Brust\nund\nspielen\nkörpern\ngleiten\nfernen\nweiten Kreis\nund\nfern."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.11", "texte": "Kampfbühne: Spielgang Kreuzigung / Blatt XLVI / Handgemalter Holzschnitt"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.13", "texte": "Die Sache mit Fritz Stahl\n\nDie Sache mit Fritz Stahl ist nicht so lustig\nwie die Sache mit Lola, dafür aber ernst-\nhafter als die Sache mit Ingres. Ueber die\nSache mit Ingres erzählt Fritz Stahl im\nBerliner Tageblatt einen Witz, den er amü-\nsant findet. Jemand hat in einer Gesell-\nschaft/in der vom Umschwung der Kunst\ngefaselt wurde, gefragt: „Was ist das eigent-\nlich für eine Sache mit Ingres?\" Dieses\nist zwar nun weder ein amüsanter Witz,\nnoch überhaupt ein Witz. Aber Fritz Stahl\nhat die Geschichte erfunden, um der demo-\nkratischen Partei Deutschlands die Sache\nmit Ingres erklären zu können. Er ist der\nrechte Mann dazu. Denn er hat auch die\nSache mit Ingres erfunden. Allerdings\nnicht ganz frei erfunden, da der Witz fran-\nzösischen Ursprungs ist. Aber Fritz Stahl\nhat aus dem französischen Bonmot ein tri-\nviales Lustspiel für liberale Leute gemacht.\nEr spielt selbst die Hauptrolle, und jedes-\nmal, wenn das Publikum vor langer Weile\neinzuschlafen droht, tritt er bis vorn an die\nRampe des Berliner Tageblatts und sagt\nmit zwerchfellerschütternder Komik: „Pi-\ncasso malt jetzt wie Ingres.\" Die ganze\ndemokratische Partei Deutschlands fängt\nzu lachen an, aber rechts und links rührt\nsich keine Hand. Selbst die ergrautesten\nMuseumsleiter schütteln die Köpfe, und ein\nVolksaberglaube ist im Werden, dass Fritz\nStahl schon hoch in den Siebzigern sei.\nImmerhin, sagen die Einen, er ist konsequent.\nEr hat zwar die Malerei nie verstanden,\naber er tut auch jetzt nicht so, als ob er\nsie verstehe. Andere freilich meinen, es\nsei ein Kunstskandal, wenn durch das viel-\ngelesene Berliner Tageblatt kindische Mär-\nchen von Picasso und Ingres erzählt werden.\nVon Paris kam die Nachricht: „Picasso\nmalt jetzt wie Ingres.\" Von Paris kam die\nNachricht! Der französische Botschafter\nliess Fritz Stahl zu sich kommen und über-\nreichte ihm eine Note der französischen\nRegierung: „Picasso malt jetzt wie Ingres.\"\nDas deutsche Publikum glaubt Fritz Stahl\nkein Wort, aber Fritz Stahl glaubt, dass\nes nur einen Fritz Stahl gibt. Auch in\nParis scheint einer zu sitzen. Der hat das\nBonmot von Picasso und Ingres erfunden,\nund der deutsche Fritz Stahl hat die Sache\nt\nmit Ingres daraus gemacht, um immer\nwieder an die Rampe des Berliner Tage-\nblatts zu treten und furchtbar komisch zu\nsagen: „Auch Archipenko malt jetzt wie\nIngres.\" Alles, was, Gott sei Lob und Dank,\nnicht kubistisch ist, nennt Fritz Stahl „wie\nIngres.\" Er soll recht fleissig die Sturm-\nAusstellungen besuchen. Da wird er stau-\nnen, wer jetzt alles wie Ingres malt. Auch\nKandinsky malt wie Ingres. Und die Venus\nvon Archipenko sieht auch aus wie Ingres,\nvon vorne und von hinten. Aber die hat\nFritz Stahl vielleicht garnicht gesehen.\nDenn jetzt verfällt er wieder in sein altes\nLaster, die köstlichen Minuten, die ihm\nseine Beschäftigung mit Ingres übrig lässt,\nmehr der Lektüre des Sturm als der Be-\ntrachtung der Bilder zu widmen. Aber\nauch den Sturm hat Fritz Stahl nur ober-\nflächlich gelesen und nicht einmal das\nPorträt studiert, das Waiden im Märzheft\ndes Sturm von ihm ä la Ingres gezeichnet\nhat. Sonst würde er sich keine Wirkung\nmehr von seinen Ingres-Witzen versprechen.\nSonst wüsste er endlich, dass erstens Picasso\nso wenig wie Archipenko ä la Ingres malt,\ndass zweitens Picasso jetzt wie der Kubist\nGleizes malt, und dass es drittens für die\nEntwicklung des Kubismus gleichgültig ist,\nob Picasso so oder so malt. Wenn Fritz\nStahl vom Kubismus hört, sagt er: „Aha,\nweiss schon, Picasso!\" Jetzt rächt es sich,\ndass er jahrelang vor der neuen Kunst die\nAugen zugemacht hat. In einer Zeit, in\nder die Gewalt der expressionistischen\nKunst selbst die Widerstrebenden bezwingt,\nda der Geist des Kubismus die ganze eu-\nropäische Malerei beherrscht, in einer\nsolchen Zeit lässt der Verlag Rudolf Mosse\nFritz Stahl von „rettungslos verlorenen\nWitzen\" schreiben. Er gibt Theorien über\nKubismus zum Besten, die ihm zwölfjährige\nKinder korrigieren könnten. Er sieht sich\nzweihundert Bilder von Iwan Puni in fünf\nMinuten an und schreibt, es sei nichts da-\nrüber zu sagen. Da hat er Recht. Man\nkann nicht über das schreiben, was man\nnicht gesehen hat. Leider tut er es doch.\nUnd man kann nicht einmal sagen, dass\ner aus Verzweiflung va banque spielt. Denn\ner hat schon seit Jahren kein Ansehen\nmehr zu verlieren. Fritz jlahl ist in phy-\nsischem Sinne schwerhörig. Das ist ein\nLeiden und ein Unglück, um das ich ihn\nweiss Gott bemitleide. Aber sonst müsste"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.14", "texte": "Paul Busch: Tansende Paare"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.15", "texte": "er wissen, wie man heute rechts und links\nund sogar in der Mitte von ihm denkt und\nüber ihn spricht, gleichgültig ob Maler,\nSchriftsteller, Kritiker oder Reporter, oder\nsogar nur schlichter liberaler Leser des\nBerliner Tageblatts. Die Inseratenagenten\nlachen über seine Sache mit Ingres. Schon\nlängst ist das Berliner Tageblatt mit seinem\nFritz Stahl eine Schädigung des deutschen\nAnsehens, der deutschen Kultur und der\ndeutschen Kunst. Ein Bravo der Leitung\ndes Berliner Tageblatts, dass sie diesen\nstandhaften und überzeugungstreuen Mann\nsich blamieren lässt, wie er es verlangt.\nAber wenn einmal seine Witze mit Ingres\nund sein ewiges Geleier mit Picasso keinem\nliberalen Schädel in ganz Deutschland\nmehr ein Lächeln abnötigen können, wenn\nsich selbst die Dümmsten in Deutschland\nlieber auf ihre eigenen Augen verlassen als\nauf den Mumpitz mit Picasso und Ingres,\ndann wird sich auch das Haus Mosse ent-\nschliessen, Herrn Fritz Stahl mit einer\nPension zur Ruhe zu setzen, die ihm er-\nlaubt, solange über Picasso und Ingres\nnachzudenken, bis er wirklich so uralt\ngeworden ist, wie viele Leute schon heute\nglauben.\n\nRudolf Blümner\n\nBriefe gegen Paul Westheim\nZur Geschichte des Sturm und des\ndeutschen Journalismus\n\nSiebenter Brief\nSie werden sich erinnern, dass ich in\nmeinem letzten Brief das kleine Komplott\naufgedeckt habe, zu dem Sie sich mit\nCampendonk verbunden hatten. Das Ziel\nIhrer Anstrengungen war, dass Campendonk\nIhnen Material gegen den Sturm liefern\nsollte. Sie hatten es erhalten, und ich\nhabe bewiesen, dass Campendonk wusste,\nwelchen Gebrauch Sie davon machen\nwerden. Er war im Unrecht, als er Ihnen\neine unerlaubte Veröffentlichung vorwarf.\nDarum beeilte er sich, den Vorwurf zurück-\nzunehmen, nachdem Sie ihn an Ihre Ver-\nständigung erinnert hatten. So blieb mir\nin dem Hin und Her Ihrer widersprechen-\nden Schreibereien nichts übrig, als Ihnen\nselbst zu überlassen, wer der Gerichtete\nsein wollte. Aber nur heute, so schloss\n# *\nich damals, nur heute noch steht es um\nSie beide so günstig. In meinem nächsten\nBrief werden Sie alle beide fallen. Und\njetzt sind wir so weit. Denn jetzt, Herr\nWestheim, wollen wir prüfen, was das\nMaterial taugte, das Ihnen Campendonk\nganz spontan geliefert hat. Ich denke,\nSie dürfen sich, wie immer, auf Ent-\ntäuschungen und auf ein weiteres Nach-\nlassen Ihres Ansehens gefasst machen.\nCampendonks Brief beginnt in Ihrer Wieder-\ngabe so: „Die Abrechnungen (des Sturm)\nstimmten immer\". Diese Mitteilung muss\nfür Sie eine Enttäuschung gewesen sein.\nSie hatten zum Mindesten damit gerechnet,\ndass Campendonk Einiges über geschäft-\nliche Niederträchtigkeiten des Sturm an-\ndeuten werde. Denn es ist Unsinn, einen\nSatz wie den von der Abrechnung nieder-\nzuschreiben, wenn nicht irgendwo in der\nvorangehenden Korrespondenz, wenigstens\nandeutungsweise von Abrechnungen oder\ngeschäftlichen Dingen die Rede war. Einen\nsolchen abrupten, ich möchte sagen spon-\ntanen Stil schreibt Niemand. Stilistische\nGründe setzen eine Erwähnung von Ab-\nrechnungen oder geschäftlichen Dingen\nvoraus. Das ist der formelle Beweis. Der\nsachliche ist noch gründlicher. „Die Ab-\nrechnungen stimmten immer\" •— das heisst:\nEine Vermutung des Herrn Westheim, die\nAbrechnungen hätten vielleicht nicht ge-\nstimmt, wäre ein Irrtum. Eine Vermutung\ndes Herrn Westheim? Wie kommt Cam-\npendonk dazu, bei Ihnen eine solche Ver-\nmutung vorauszusetzen? Nun, vielleicht\ndachte er: „Dass die Abrechnungen des\nSturm nicht stimmen, ist das Gewöhn-\nliche, das, was auch Herrn Westheim be-\nkannt sein muss. Da aber in meinem Fall\ndie Abrechnungen stimmten, so habe ich\nfürs Erste Herrn Westheim aufzuklären,\ndass hier einmal das Gewöhnliche nicht\nvermutet werden durfte: „Die Abrechnun-\ngen stimmten immer.\" Sie, Herr West-\nheim, der Sie jedesmal, wenn Sie einen\nIhrer „Fälle\" authentisch interpretieren, dem\nSturm geschäftliche Unsauberkeiten vor-\nwerfen, Sie werden vielleicht sagen, Cam-\npendonk habe so denken können. Ich aber\nwerde Ihnen beweisen, dass er so nicht\ngedacht hat. Und wissen Sie auch, wo-\ndurch ich es Ihnen beweisen werde ? Eben"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.16", "texte": "Reinhard Goering: Zeichnung"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.17", "texte": "durch seine Bemerkung: Die Abrechnun-\ngen stimmten immer. Da wundert sich\nein Westheim! Nicht wahr, das ist nun\neinmal in all der Trübsal eine spasshafte\nSache? Ja, so geht es im Leben zu. Denn\nich selbst, kein anderer als ich selbst, habe\nvor längerer Zeit Herrn Campendonk eine\nAbrechnung gesandt, die nicht stimmte.\nMein Wort, sie stimmte nicht. Die Sache\nwar recht ärgerlich. Ich mochte vorwärts\nund rückwärts rechnen, Zahlen summieren\nund Listen studieren, Korrespondenzen\ndurchblättern, es wollte nicht stimmen.\nUnd ich sah, dass es keine leichte Sache\nist, sich durch alte und neue Listen der\nKünstler nach Jahren hindurchzufinden.\nSie sehen nicht aus, diese Listen, wie kauf-\nmännische Lieferscheine oder Fakturen.\nMan muss revidieren und kollationieren,\nsich gegenseitig aufklären, bis schliesslich\nalles doch noch in die Ordnung kommt.\nAber Campendonk hätte, ohne die Wahr-\nheit zu verletzen, schreiben können: Die\nAbrechnungen stimmen nicht immer.\nSchrieb er anders, so war er sich bewusst,\ndass eine solche Bemerkung nicht auf ein\nVersehen, wie es in allen Betrieben der\nWelt vorkommen kann, schliessen lässt,\nsondern auf eine Art betrügerischer Hand-\nlung. Nur eine solche ist gemeint, wenn\nman das Nichtstimmen der Abrechnungen\nals das Gewöhnliche betrachtet. Campen-\ndonk tat das nicht. Nahm er dennoch\nspontan bei Ihnen die Vermutung falscher\nAbrechnungen an, so kann er nur noch\ndieses Eine gedacht haben: „Herr West-\nheim glaubt, dass Künstler vom Sturm\nfortgehen, weil die Abrechnungen nicht\nstimmen. Ich muss ihm diesen Glauben\nnehmen.\" Aber jetzt, Herr Westheim, habe\nich Sie wieder einmal in einer Ihrer vielen\nSchlingen. Denn Sie erklären es in eben\ndem Artikel, der uns hier beschäftigt, für\neine Lächerlichkeit, derartige Vermutungen\nbei Ihnen vorauszusetzen. Sie werden mit\nCampendonk keine Ausnahme machen und\nhaben also durch Ihren eigenen Protest\nbewiesen, dass er die Vermutung falscher\nAbrechnungen auf keinen Fall spontan\nbei Ihnen vorausgesetzt hat. So bleibt denn\nnur übrig, was ich Ihnen bereits auf den\nKopf zugesagt habe: Sie selbst haben Cam-\npendonk veranlasst, eine solche Vermutung\nbei Ihnen vorauszusetzen. Wie das ge-\nschehen sei, in welcher Form und mit\nwelchen Worten oder Wendungen, ist mir\ngleichgültig. Es ist schon spassig genug,\ndass ich erst Westheim mit Campendonk\nund dann Campendonk mit Westheim\nwiderlege. Was Sie da wieder geleistet\nhaben, ist eine echte Westheimiade. Denn\nwem ausser Ihnen könnte so etwas ge-\nschehen? Sie wollen beweisen, dass Künstler\nden Sturm nur aus künstlerischen Gründen\nverlassen. Um das an einem eklatanten\nBeispiel zu erhärten, verschaffen Sie sich\nein spontanes Schreiben von Campendonk.\nUnd während Sie so unvorsichtig sind, ihn\nmehr oder weniger rund heraus nach Ab-\nrechnungen zu fragen, sind Sie noch oben-\ndrein so ungeschickt, die verräterische Stelle\nseiner Antwort abzudrucken: Die Abrech-\nnungen stimmten immer. Dieses nenne\nich eine Westheimiade. Und vielleicht\nwird Aehnliches noch in hundert Jahren\nso heissen. Aber freilich hat Ihnen dieser\nCampendonk das Konzept von vornherein\nverdorben, indem er fortfuhr: „Das, was\nmich veranlasste, vom Sturm fortzugehen,\nwar mehr . . . Entweder mussten Sie\nden verräterischen Vordersatz mit ab-\ndrucken oder das verdammte „mehr\"\nstreichen. Viel hätten Sie dabei nicht ge-\nwonnen. Auch dieser Zusatz war so stili-\nsiert, dass selbst die Schafsköpfe Ihr neu-\ngieriges Ausfragen hätten wittern müssen.\nMit seinem unglückseligen „mehr\" ist er\nnichts als eine neue Bestätigung, dass Sie\nauch im Fall Campendonk geschäftliche\nUnsauberkeiten des Sturm vermutet haben.\nWas Sie kurz vorher pathetisch und ein\nfür allemal geleugnet hatten. Es war eine\nEnttäuschung. Leider waren es nur\nkünstlerische Gründe, die Campendonk zum\nFortgehen veranlassten. Und so entschlossen\nSie sich kurzerhand zu einer neuen West-\nheimiade. Auch gut, dachten Sie, dann\nstelle ich meinen Angriff anders ein und\ngehe jetzt schnurstracks auf die rein künst-\nlerischen Gründe los. Aber was Ihnen da\nCampendonk mitgeteilt hat, jener ekelhafte\nBetrieb mit Wauer, Neil Waiden und An-\nderen, das sind doch Behauptungen von\nTatsachen, die im Grunde genommen Wert-\nurteile enthalten. Gestatten Sie mir, diesen\neinen besonderen Brief zu widmen und\nzunächst den tatsächlichen Behauptungen\nauf den Grund zu kommen. — Was also"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.18", "texte": "Reinhard Goering: Zeichnung"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.19", "texte": "war es noch, das Campendonk veranlasst\nhat, vom Sturm fortzugehen?\n„Auch wurde mein Name ebenso wie der\nName Paul Klee jahrelang benutzt, um eine\nSturmschule (die inzwischen nach Entfer-\nnung dieser Namen aus den Reklamean-\nzeigen des Sturm zu einer Sturm-Hochschule\navancierte) vorzugeben. Jedenfalls habe\nich keine Stunde dort unterrichtet und bin\nauch nie aufgefordert worden, es zu tun.\nDas alles sind — und ich bin glücklich,\ndem Sturm entronnen zu sein.\"\nWas ist es, das Campendonk behauptet?\nSein Name wurde benutzt, um eine\nSturmschule vorzugeben. Grammati-\nkalisch sowohl wie syntaktisch ist der Satz\nunmöglich. Das Wort „vorgeben\" hat nur\nzwei Bedeutungen, eine wörtliche und eine\nübertragene. Die wörtliche, sei sie zeitlicher\noder örtlicher Art, ergibt keinen Sinn. In\nder übertragenen Bedeutung heisst das Wort\nsoviel wie „vortäuschen\". In diesem Sinn\njedoch kennt die deutsche Sprache keine\nrein transitive Anwendung des Worts. Man\nkann nicht sagen: Jemand gibt Geld vor,\noder, um dem vorliegenden Fall näher zu\nbleiben: Ein Aushängeschild gibt einen Ge-\nschäftsladen vor. Nur die Konstruktion mit\n„dass\" oder mit dem indirekten Nebensatz\nist zulässig. Jemand gibt vor, dass er Geld\nhabe, oder, er habe Geld. Wer ist es nun,\nder vorgibt, dass eine Sturmschule bestehe?\nGrammatikalisch sind es dieNamen Campen-\ndonk und Klee, die „vorgeben\". Sie werden\nbenutzt, um vorzugeben. Allerdings ist\nmöglich, dass Campendonk einer verbreiteten\nSprachverwilderung nachgab und den Sturm\nselbst als das vorgebende Subjekt gedacht\nhat. Der Sinn ist in beiden Fällen beinahe\nvöllig gleich: Die Namen wurden vom Sturm\nbenutzt, damit sie eine Sturmschule vor-\ntäuschen sollten. Oder: Der Sturm hat die\nNamen benutzt, um mit ihnen eine Sturm-\nschule vorzutäuschen. Das Wesentliche\nbleibt, dass Campendonk dem Sturm zum\nVorwurf macht, er habe eine Sturmschule\nvorgetäuscht, und sich dieser Namen\nals eines Mittels der Täuschung bedient.\nDer parenthetische Zusatz von der Entfernung\nder Namen aus den „Reklameanzeigen\" des\nSturm gibt einen Anhalt, worauf Campen-\ndonk seine Behauptung stützt. Unter „Re-\nklameanzeigen \" kann er nur die Anzeigen\nverstehen, die im Sturm und in den Pro-\nspekten erschienen waren, und er sollte\nwissen, dass ohne solche Anzeigen kein\nLehrinstitut bestehen kann, ja, dass es ver-\npflichtet ist, genaue und ausführliche Pro-\nspekte zu veröffentlichen. Warum nennt\nCampendonk diese Anzeigen „Reklamean-\nzeigen\"? Das Wort Reklame ist in einem\nrein geschäftlichen Betrieb frei von jeder\nüblen Nebenbedeutung. Auf die Anzeigen\neiner Kunstschule angewendet, soll es ver-\nletzend wirken. Campendonk erhebt den\nVorwurf, dass ein ideellen Zielen zuge-\nwandtes Unternehmen sich mindestens wie\nein geschäftliches gezeigt oder sogar voll-\nkommen als ein solches gehandelt habe.\nDa er sich nicht näher äussert, so beziehe\nich seinen Vorwurf in diesem Zusammen-\nhang eben auf die Nennung der Namen\nCampendonk und Klee. Durch sie wurden\ndie Anzeigen zu Reklameanzeigen. Und da\nalso Campendonk diese gelesen hat, kann\nihm nicht entgangen sein, dass ausser ihm\nund Klee auch andere Künstler als Lehrer\nder Sturmschule genannt waren. Wie stand\nes mit diesen? Wurden ihre Namen auch\nbenutzt, um eine Sturmschule „vor-\nzugeben\"? Zum Beispiel der meinige?\nOder war die Nennung der anderen Namen\nkein Mittel der Vortäuschung? Meine werten\nHerren Westheim und Campendonk, es sieht\nleider so aus, als habe Campendonk etwas\nso Albernes behaupten wollen. Leider sieht\nsein Satz so aus. Oder ist es keine Albern-\nheit zu behaupten: „Dadurch, dass Der\nSturm meinen und Klees Namen in seinen\nAnzeigen nannte, hat er die Schule vorge-\ntäuscht. Die Nennung der übrigen Namen\nhat die Schule nicht vorgetäuscht.\"\nOder sagte er das etwa nicht? Will\ner vielleicht behaupten, auch durch\ndie anderen Namen sei die Schule vorge-\ngetäuscht worden? Das würde ja heissen:\nDie Schule bestand überhaupt nicht, sie\nwurde nur vorgetäucht. Nein, Herr West-\nheim, wir wollen Campendonk keine solche\nAlbernheit sagen lassen. Eine Schule wurde\nvorgetäuscht! Komische Käuze, diese Herren\nvom Sturm! Sie geben für den Druck von\nAnzeigen und Prospekten Geld aus, nur,\num sich einmal den Spass zu machen, eine\nSchule vorzutäuschen, oder, wie Campen-\ndonk sagt, eine Schule „vorzugeben\". Und\nwenn sich Schüler melden, dann sagt man\nihnen: Etsch, reingefallen, es gibt gar keine"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.20", "texte": "Sturmschule! Nochmals, Herr Westheim,\nwir wollen Campendonk eine solche alberne\nBehauptung nicht zutrauen. Es muss bei\nunserer ersten Auffassung bleiben: Ganz\nausschliesslich die Namen Campendonk und\nKlee gaben die Schule vor, — wie\nCampendonk sagt, täuschten sie vor, — wie\nandere Menschen sagen. Also täuschten sie\ndoch vor? Und die Schule bestand nicht?\n0 du meine Güte, nun leugnet Campendonk\ndie Schule also doch! Nicht wahr, Herr\nWestheim, der kleine Satz sah so harmlos\naus und wie verzwickt ist er doch. Er\nhat etwas von den Westheimschen Sätzen\nan sich, etwa wenn Westheim von der Ent-\nwicklung Kandinskys aus der Banalität\nheraus spricht. Campendonk scheint seinen\nStil durch die Lektüre des Kunstblatts ge-\nbildet zu haben. Wie ist das? Die Nennung\nder Namen Campendonk und Klee ist ein\nBeweis dafür, dass die Schule nicht bestand?\nDaraus mag der Teufel klug werden oder\ndie Leser des Kunstblatts. Campendonk\nbehauptet es und Westheim druckt es ab.\nUnd wie war es mit der Schule, als die\nNamen Campendonk und Klee aus den An-\nzeigen entfernt wurden? Denn er hat Recht,\nder Campendonk, sie wurden nach mehreren\nJahren entfernt. Also wie war es dann\nmit der Schule, mit der Hochschule? Sehr\neinfach, dann bestand sie eben. Denn\nnur die Namen Campendonk und Klee\nwaren geeignet, den Schwindel perfekt zu\nmachen. Und der Schwindel bestand drei\nJahre lang. Drei Jahre glaubte Campendonk,\nes gäbe eine Sturmschule. Und er durfte\nes glauben, da sein und Klees Name in den\nAnzeigen genannt waren. Obgleich man auch\nsagen kann, dass der Schwindel ja grade\nin der Nennung dieser Namen bestand!\nZu dumm, dass man so leichtgläubig war.\nAber gutgläubige Menschen stellen keine\nindiskreten Fragen. Es wird schon seine\nRichtigkeit mit der Schule haben. Man\nsieht zwar nichts von ihr, man hört nichts,\naber man glaubt an sie. Und eines Tages\nstellt sich heraus, sie hat garnicht bestanden.\nAlles war Schwindel. Das hat man von\nseiner Gutgläubigkeit! Hätte man doch bei\nZeiten Erkundigungen eingezogen! Aber,\nmeine werten Herren Westheim und Campen-\ndonk, für Ihr kleines Complott war es so\nschon besser. Vielleicht wäre Herr Campen-\ndonk dabei an den Unrechten gekommen.\nVielleicht hätte ihm einer sein Ehrenwort\ngegeben, dass diese Sturmschule nicht bloss\n„vorgegeben\" werde. Und Einer, der die\nFlöhe husten hört, hätte ihm sogar verraten,\ndass der Andrang zur Schule ein gewaltiger\nist, dass die Schule ihrem Leiter alljährlich\nein nettes Sümmchen abwirft. Oder,\nschlichter ausgedrückt, dass sie gut rentiert,\nwenigstens gut rentieren soll, — wie sich\nHerr von Sydow ausdrückt. Dieser Herr\nvon Sydow folgte dem Beispiel Vieler, die\nin der neuesten Kunstgeschichte dilettieren,\nindem er seine flüchtige Bekanntschaft mit\nder neuen Kunst dazu benutzte, so schnell\nwie möglich ein Buch über sie zu schreiben.\nEs heisst: „Die deutsche expressionistische\nKultur und Malerei\" und gibt auf vierzehn\nBildbeilagen wohl drei Reproduktionen von\nKokoschka, doch nur eine von Klee und\nMarc. Der Rest steigt die ausgetretene Leiter\nabwärts, über Pechstein, Schmidt-Rottluff\nund Melzer hinunter zu Moll. So sieht die\nexpressionistische Malerei des Herrn von\nSydow aus. Auf zwei und einer halben\nSeite wird Franz Marc erledigt, an\nden herkömmlicherweise überschätzen\nSchmidt-Rottluff werden zwölf Seiten ver-\ngeudet. Einige noch für Kokoschka und\nKlee, der Rest gehört den Auch- und Mode-\nexpressionisten. Und es ist ein schier West-\nheimsches Zauberkunststück, in einem Buch,\ndas mit dem Expressionismus so wenig zu\ntun hat, auch den Sturm und Herwarth\nWaiden nicht zu vergessen. Aber welches\nGlück, dass Campendonk dieses Buch nicht\ngelesen hat! Er hätte darin allzu Genaues\nüber die Sturmschule erfahren: „Auf das\nErlebnis wurde eine Schule gegründet —\neine Schule, die sich gut rentieren soll\",\nschreibt Herr von Sydow. Und er fügt hin-\nzu: „Hier berühren wir einen kitzlichen\nPunkt des Berliner Kunstlebens.\" Dieses\nist die einzige treffende Bemerkung des\nHerrn von Sydow. Ganz recht, wir,\nnämlich ich, Herr von Sydow, habe da\neinen kitzlichen Punkt berührt. Aber die-\njenigen, an deren Leib sich der kitzliche\nPunkt befand, Waiden und ich, haben bei\nder Berührung nicht gelacht, sondern Herrn\nvon Sydow um eine Interpretation seiner\nBemerkung ersucht. Denn ein Buch, das\nvorgibt, von expressionistischer Kultur\nund Kunst zu handeln, scheint mir nicht\nder Ort zu sein, an dem man über das"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.21", "texte": "geschäftliche Wohlergehen Änderer mit\nbilligem Sarkasmus unverbürgte Mitteil-\nungen macht. Und wirklich konnte Herr\nvon Sydow nicht leugnen, wie trotz Hinzu-\nfügung einiger anerkennender Worte die\nunpassende Bemerkung gemeint war. Un-\npassend war sie nicht nur in diesem Buch,\nsondern auch an dieser Stelle. Da Herr\nvon Sydow sich einbildete, über expressio-\nnistische Kultur zu schreiben, so mochte\ner meinetwegen seinen Tadel über die\nGründung der Schule äussern. Da er von\ndieser Schule, ihren Einrichtungen und\nTendenzen nichts wusste, so mochte er\nmeinetwegen auch schreiben, es sei eine\nSchule auf ein Erlebnis gegründet worden.\nIch hätte dem mitteilsamen Herrn sogar zu\nberichten gestattet, dass diese Schule jahr-\naus, jahrein von Schülern überlaufen sei.\nAber wenn er sich über die Rentabilität\nder Schule äussern wollte, so hatte er die\nPflicht, vorher das Konto der Schule zu\nstudieren. Da hätte er sich nicht nur von\nder Unrentabilität der Schule überzeugen\nkönnen, sondern auch erfahren, dass die\nSchule in vier Jahren von insgesamt etwa\nzwölf Schülern besucht war. Er hätte das\nin sein Buch aufnehmen können, wenn er\ndann noch des Glaubens war, dass es zum\nKapitel der expressionistischen Kultur ge-\nhöre. Vielleicht hätte er es auch wirklich\ngetan, damit wenigstens eine Wahrheit\nüber den Expressionismus in seinem Buch\nstehe. Vielleicht aber auch hätte er darauf\nverzichtet. Denn diese Herren pflegen sich\nnur über die gut rentierenden Unternehm-\nungen zu ärgern, - da ich es nicht anders\nnennen kann. Aus ihrem Arger machen\nsie dann ein Kulturproblem. Haben\nSie auch alles gut verstanden, Herr West-\nheim? Erkennen Sie da einige West-\nheimsche Züge? Ist es Herrn von Sydow\nnicht so ergangen wie Ihnen, wenn Sie\ngegen den Sturm Verdächtigungen aus-\nsprechen ? Er hatte etwas gehört, und\ndas genügte ihm nicht nur, es zu glauben,\nsondern auch es niederzuschreiben. Und\nwas dem einen seine Eule ist, das ist dem\nandern seine Nachtigall. Was Herrn von\nSydow eine gut rentierende Schule ist, das\nist für Herrn Campendonk gar keine Schule.\nDem einen wurde zuviel unterrichtet, dem\nandern zu wenig. Er hat nie eine Stunde\ndort unterrichtet, er ist auch nie aufgefordert\nworden, es zu tun. Und das soll ein Be-\nweis dafür sein, dass die Schule vor-\ngegeben wurde ? Können nicht vielleicht\nAndere in der Sturmschule Malunterricht\nerteilt haben ? Zum Beispiel Rudolf Bauer ?\nOder Georg Muche? Vielleicht geniessen\naber diese Beiden nicht den Vorzug, von\nHerrn Campendonk anerkannt zu sein ?\nNun ja, ich gestehe mit einiger Beschämung,\ndass Rudolf Bauer dem Sturm noch nicht\nentlaufen, will sagen, von Herrn Westheim\nnoch nicht anerkannt ist. Aber Georg Muche\nist neuerdings Lehrer am Bauhaus in\nWeimar geworden, — wenn Herr Campen-\ndonk auf diesen Befähigungsnachweis Wert\nlegen sollte. Ob sie nun im Sturm gut\noder schlecht unterrichtet haben, — dass\nsie unterrichtet haben, nehme ich auf meinen\nEid. Und damit basta! Es gab eine Schule.\nBasta! Sie war nicht vorgetäuscht, sie war\nnicht vorgegeben. Sie bestand. Basta. Ob-\ngleich der Name Campendonk und Klee in\nin den Anzeigen stand. Obgleich Campen-\ndonk nie eine Stunde dort unterrichtet hat.\nObgleich er nie dazu aufgefordert wurde.\nWar es unsere Schuld? Sind wir dafür\nverantwortlich, dass die Schule nicht ren-\ntierte? Kann man uns einen Vorwurf daraus\nmachen, dass wir fast alle Anmeldungen\nzur Schule zurückwiesen? Dass wir die\nZüchtigung von Epigonen vermeiden wollten?\nDass wir nur solche Schüler unterrichten\nwollten, die für die Bestrebungen des Sturm\nvon Bedeutung werden konnten? Dass wir\njede positive Beeinflussung durch Lehrer\nvermeiden wollten? Dass wir die Lust\nverloren, selbst begabten Menschen die\nMittel zu zeigen, die sie später einmal miss-\nbrauchen könnten? Ist es uns zu verargen,\ndass wir aus allen diesen Gründen die\nSchule aufgaben? Ist es unsere Schuld,\ndass Campendonk nicht aufgefordert werden\nkonnte, zu unterrichten? Und ist das ein\nGrund, den Sturm mit so klotzigen Aus-\ndrücken zu traktieren? Ist es ein Grund,\nan Sie, an Herrn Westheim, der es bekannt-\nlich spornstreichs abdruckt, zu schreiben:\n„ Das alles sind \". Etwas so Beleidigendes,\netwas so Ordinäres, dass ein Westheim es\nnicht abdrucken will? Ist denn der Teufel\nin diesen Campendonk gefahren ? Drei\nJahre hatte er Zeit, gegen die Nennung\nseines Namens zu protestieren. War er zu\nträge dazu ? Warum wollte er nicht"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.22", "texte": "schreiben? Er stand doch in ständigem\nBriefwechsel mit Waiden. Im Frühjahr 1918\nwar er in Berlin, im Sturm. Das wäre eine\nGelegenheit gewesen. Campendonk schwieg.\nEs scheinen doch damals noch keine\ngewesen zu sein, dass sein Name in den\nAnzeigen der Lehrerschaft genannt wurde.\nIst es gerecht, sich heute darüber zu be-\nklagen und noch dazu mit einem so un-\nflätigen Ausdruck? Was sollen denn die\nLeute, die das Kunstblatt lesen, vom Sturm\nglauben? Die müssen ja denken, man hätte\ndie Namen Campendonk und Klee in die\nLehrerliste gesetzt, ohne die beiden vorher\num ihre Erlaubnis gefragt zu haben. Wenn\nCampendonk so hahnebüchene Ausdrücke\ngebraucht, dass ein Westheim sie nicht ab-\nzudrucken wagt, — pfui Teufel, was müssen\nda die Leute glauben! Das sieht ja schier\nso aus, als hätte Klee niemals seine Zu-\nstimmung gegeben, an der Sturmschule zu\nunterrichten. Freilich hat das da nicht Klee\ngeschrieben, sondern Campendonk. Und\nder steckt nicht in Klees Haut. Zeigt ihm\ndieser seine Briefe nicht, woher soll er sie\nkennen? Woher soll er wissen, dass Klee\nsich am 5. August 1916 zum Kompositions-\nunterricht in der Sturmschule bereit erklärt\nhat? Woher soll er gar wissen, in welcher\nForm dieser Unterricht Paul Klee vorge-\nschlagen war? Woher soll Campendonk\ndas alles wissen? Vielleicht war es ein\nbischen vorschnell gehandelt, auch die\nNennung von Klees Namen zu den zu\nrechnen. Aber wir sind doch Alle Menschen.\nUnd dem Künstlerunmut darf man alles zu\nGute halten. Nehmt doch dem harmlosen\nKünstlervölkchen nicht das Bisschen Ver-\ndächtigungen und die paar schweren Be-\nleidigungen. Dann ist es nur noch eine\nBagatelle, dass Campendonk seine eigene\nZustimmung zum Unterricht in der Sturm-\nschule vergessen hat. Man sollte darüber\nhinwegsehen. In vier Jahren kann man so\netwas wahrhaftig vergessen haben. Der\nSturm hätte ihn anständigerweise von Zeit\nzu Zeit daran erinnern sollen. Der Sturm\nhätte zum Beispiel freundschaftliche Be-\nziehungen zu Herrn Professor 0 unter-\nhalten können. Der war im Jahr 1917\nfür die Beklamation der Kunstmaler zu-\nständig. Man hätte da Campendonk als\nLehrer der Sturmschule reklamieren können.\nEs war freilich eine heikle Sache, da\nCampendonk noch keine Stunde im Sturm\nunterrichtet hatte. Aber man hätte es doch\ntun können, umsomehr, da Campendonk\nselbst darum gebeten hatte.\n„ . Möglich, dass ich dann als Lehrer\ndes Sturm reklamiert werden könnte, ohne\nständig in Berlin sein zu müssen.\"\nMan hätte haben Sie jetzt genug, Herr\nWestheim? Ist Ihnen wirblig im Schädel?\nGlauben Sie noch immer, an öffentlichen\nVerleumdungen unbeteiligt zu sein, weil\nSie ein unanständiges grobes Wort unter-\ndrückt haben, oder begreifen Sie, dass Sie\neine beabsichtigte üble Nachrede Gampen-\ndonks abgedruckt haben? Drücken Sie sich\ngegenseitig die Hände und bedanken Sie\nsich für die üblen Dienste, die einer dem\nandern geleistet hat. Sie bei Campendonk,\ndass er Sie mit solchen Unwahrheiten\nregaliert hat, und er bei Ihnen, dass Sie\nseine ausschweifenden Phantasien auch noch\nverbreitet haben. Und da Sie es vielleicht\nnoch garnicht bemerkt haben, dass Ihnen\nCampendonk gleich zwei Bären auf einmal\naufgebunden hat, so will ich Sie zum Schluss\nnoch mit der Nase darauf stossen: Wenn\nan der ganzen Behauptung von der uner-\nlaubten Namensführung kein wahres Wort\nist, dann war Campendonk auch nicht aus\ndiesem Grund dem Sturm „entlaufen\".\nOder mit anderen Worten: Campendonk\nhat Ihnen vorgegeben, dass er aus\ndiesem Grund dem Sturm entlaufen sei.\n\nRudolf Blümner\n\nDer expressionistische\nKnigge\n\nDas Betragen in der Kunstausstellung\n1. Frage nie, was das Bild bedeutet. Das\nhaben vor Dir schon hunderttausend Leute\ngefragt.\n2. Sage nie, dass Du Dir ein expressionis-\ntisches Bild sehr gut als Tapete oder als\nGlasfenster vorstellen kannst. Diesen Witz\nhaben Dir die Kunstkritiker schon vor zehn\nJahren weggenommen."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.23", "texte": "3. Zerbrich Dir nie den Kopf darüber, ob\nein Künstler, dessen Werke der Sturm aus-\nstellt, Talent habe. Die Frage hat der Sturm\nschon vor Dir gelöst.\n4. Halte Dich mindestens drei Minuten\nunter zweihundert Bildern in der Aus-\nstellung auf, bevor Du sagst, es sei nichts.\n5. Sage nie, es komme nicht auf das Wort\nExpressionismus sondern auf das Kunst-\nwerk an. Das weiss jeder Esel auch ohne\nDich.\n6. Sage nie vor einem expressionistischen\nBild, dass das Haus darauf schief stehe.\nDenn es ist kein Haus, sondern ein Bild.\n7. Erzähle uns nicht jeden Tag, dass Kunst-\nkritiker nichts von Kunst verstehen. Das\nwissen wir längst.\n8. Wenn Du Chagall lobst und auf Wauer\nschimpfst, dann beweist Du, dass Du früher\nauch auf Chagall geschimpft hast.\n9. Behaupte nicht von jedem absoluten\nMaler, er sei ein Nachahmer von Kandinsky.\nÜberlass das den Kunstkritikern.\n10. Benutze den Aufenthalt in der Sturm-\nAusstellung nicht ausschliesslich dazu, alle\naufliegenden Verlagswerke durchzulesen.\n11. Nimm Deine kleinen Kinder nicht in\ndie Kunstausteilung mit. Sie könnten Dich\nauslachen, wenn Du sagst, dass Du auf dem\nBild nichts erkennst.\nAus der Sturm Ball-Zeitschrift „Die Quirlsanze\"\nDie Fortsetzung der Kritik der vorexpressionis-\ntischen Dichtung von Herwarth Waiden erscheint\nim Mai-Heft dieser Zeitschrift\n\nRudolf Blümner\n\nNennen Sie es\nAusschlachtung\nKurt Schwitters\nAnna Blume ist die Stimmung, direkt vor\nund direkt nach dem Zubettegehen.\nAnna Blume ist die Dame neben Dir\nAnna Blume ist das einzige Gefühl für\nLiebe, dessen Du überhaupt fähig bist\nAnna Blume bist Du\nAnna Blume ausschlachten heisst Dich\nschlachten\nBist Du schon einmal geschlachtet worden?\nAnna Blume schlachten heisst Dich aus-\nschlachten\nDu lässt Dich gern ausschlachten?\nSchlacht Anna Blume, die Stimmung vor\ndem Zubettegehen\nSchlachte Anna Blume, die Dame neben\nDir\nAnna Blume schlachten, ist die einzige\nAusschlachtung deren Du überhaupt fähig\nbist.\nWenn Du nicht zufällig, Merz wolle Dich\nbewahren, ein ganz unfähiger Mensch sein\nsolltest.\nAus der Sturmball-Zeitschrift „Die Quirsanze\"\n\nInhalt\nBühnenwerk / Spielgang und Spiel\nHerwarth Waiden: Technik und Kunst\nKurt Liebmann: Gedichte\nRudolf Blümner: Die Sache mit Stahl\nRudolf Blümner: Briefe gegen Paul Westheim / Zur Geschichte des Sturm und des deutschen\nJournalismus / Siebenter Brief\nRudolf Blümner: Der expressionistische Knigge\nKurt Schwitters: Nennen Sie es Ausschlachtung\nKurt Schwitters: Merzstempelzeichnung\nKurt Schwitters: Der Kritiker / Merzzeichnung\nPaul Busch: Tanzende Paare\nReinhard Goering: Zwei Zeichnungen\nKampfbühne: Spielgang Kreuzigung / Blatt XLYI / Handgemalter Holzschnitt\nApril 1921"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.24", "texte": "VERLAG DER STURM / G.M.B.H.\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / FERNRUF AMT LUTZOW 4443\n\nMusik\nHerwarth Walden\nGesammelte Tonwcrke\nDann / Vergeltung / Verdammnis / Werkl*-3\nDichtungen von Else Lasker-Schuler\nFur Gesang und Klavier / Je 4 Mark 50 Pfennige\nBruder Liederlich / Werk 51\nFur Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nEntbietung / Werk 92\nDichtung von Richard Dehmel\nFur Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nZehn Dafnislieder / Werk 11\nZu Gedichten von Arno Holz\nFur Gesang und Klavier / 24 Mark\nDie Judentochtcr / Werk 171 / 6 Mark\nAn Schwager Kronos / Werk 172\nFur Gesang und Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\nSchwertertanz I Werk 18\nFur Klavier / 6 Mark\nDer Sturm / Heeresmarsch / Werk 21\nFur Klavier / 3 Mark\nTanz der Tone / Werk 23\nFur Klavier / 4 Mark 50 Pfennige\n\nSturm-Karteii\nJede Karte 70 Pfennige\nNach Gemalden, Zeichnungen und Bildwerken\nfolgender Kunstler:\nAlexander Archipenko 3\nRudolf Bauer 4\nFritz Baumann 1\nWilli Baumeister I\nVincenc Benes 1\nUmberto Boccioni 2\nCampendonk 2\nMarc Chagall 5\nRobert Delaunay 1\nLyonel Feininger 1\nAlbert Gleizes 2\nFernand Leger 2\nAugust Macke 1\nFranz Marc 1\nCarl Mense 1\nJean Metzinger 1\nJohannes Molzahn 2\nGeorg Muche 1\nGabriele Miinter 1\nNegerplastik 1\nOskar Schlemmer 1\nGeorg Schrimpf 1\nJacoba van Heemskerck 3 Kurt Schwitters 1\nHjerten-Griinewald 1\nAlexei von Jawlensky 2\nKandinsky 2\nPaul Klee 1\nOskar Kokoschka 2\nOtakar Kubin 1\nGino Severini 3\nArnold Topp 1\nMaria Uhden 1\nNell Walden 1\nWilliam Wauer 6\nMarianne von Werefkin 1\n\nSturm-Ausstellungskataloge\nMit Abbildungen\nAlexander Archipenko Skupina\nMolzahn Gino Severini\nJe 90 Pfennige\nTour Donas —NellWalden / Franz Marc / lwan Puni\nJe 3 Mark\nErster Deutscher Herbslsalon Der Sturm 1913\nMit 50 Abildungen in Kupfertiefdruck\n4 Mark\n\nVERZEICHNJSSE DES VERLAGS DER STURM KOSTENLOS\n\nKunstdrucke aus dem Verlag Der Sturm\nAuf Japanpapier\nJedcr Kunstdruck 7 Mark 50 Pfennige\nRudolf Bauer\nSchwarz-Weiss-Komposition 14\nUmbcrto Boccioni: Abschied / Die Abfahrenden\nDie Zuruckbleibenden\n\\ *\nCampendonk: Zeichnung\nMarc Chagall: Interieur / Der Jude / Der Geigen-\nspieler/ Die Schwangere / Essender Bauer/Madchen\nRobert Delaunay: Der Turm\nLyonel Feininger: Klein Schmidthausen\nMark Wippach II\nJacoba van Heemskerck: Baum / Landschaft\nKandinsky: Zwei Zeichnungen\nPaul Klee: Kriegerischer Stamm\nOskar Kokoschka: Menschenkopfe: 1 Adolf\nLoos / 2 Herwarth Walden / 3 Karl Kraus\n4 Richard Dehinel/5 Paul Scheerbart/6 Y vetteGuilbert\nOskar Kokoschka: Tierbilder\nFernand Leger: Akt\nFranz Marc: Katzen\nJohannes Molzahn: Zeichnung\nGino Severini: Tango argentino\nWilliam Wauer: Sehnsucht / Tanz\nFarbige Kunstdrucke\nJedes Blatt 9 Mark\nMarc Chagall: Interieur / Aquarell\nMarc Chagall: Kutscher / Aquarell\nMarc Chagall: Akt / Aquarell\nAlbert Gleizes: Gemalde\nReinhard Goering: Aquarell\nJacoba van Heemskerck: Landschaft / Gemalde\nKandinsky: Aquarell 4 / Aquarell 6\nPaul Klee: Spiel der Krafte einer Landschaft\nFernand L£ger: Kontrast der Formen / Gemalde\nFranz Marc: Pferde / Aquarell\nJean Metzinger: Landschaft / Gemalde\nNell Walden: Aquarell\n\nSturm-Buchhandlung\nBerlin W 9 / Potsdamer Strasse 138 a\nFernruf Amt Ltitzow 4443\nVom 1. Mai bis 1. Juni:\nAusstellung von neuen Werken fiber asiatische\nKunst und Philosophic\nVerkauf guter Biicher und Kunstdrucke\nDie Buchhandlung wird unter kunstlerischer und\nliterarischer Aufsicht der Leitung des Sturm gefuhrt"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19210405-01.1.25", "texte": "! . -■ ■ -. t ■ ■ ;'%M . j -L.s ; < i ;:• : ; i' J : :. 1 ' ,'! ' [ • '■ ,'v ■ .■ . :\nAnzeigen werden nicht aufgenommen / Verantwortlich für die Schriftleitung: Lothar Schreyer\nVerlag Der Sturm G.m.b.H. / Berlin W 9 / Druck: Druckerei für Bibliophilen / Berlin NO 18\n\nD S TURM\nBERLIN W 9 7 STRASSE 134a / AM POTSDAMER PLATZ\nG e 6 f f n e t t a g 1 i c b von 10—6 Dhry Sonntags von 11—2 Uhr / Monatlicher Weehsel\nSechsundneunzigste Ausstellung Siebenundneunzigste Ausstellung\nApril 1921 Mai 1921\nKurt Schwitters Robert Delaunay\n{'\nGesamtschau des Sturm Ero timing: Sonntag, den 1. Mai 1921\n<S ' ' r '>5*-r . L • ... .\n- v\nTageskarte 2 Ma r k\n\nSTURM>ABENDE Jeden Mittwoch 73/4 Uhr in der Kunstausstellung Der Sturm\nStandige Mitwirkende: Rudolf Blumner / Rezitation\nHerwarth alden / Musik\n' 1 ' v—' • . _ ' •\" . i s\n' - . 1 . \"V\nKarten 8, 6 und 4 Mark an der Abendkasse und im Vorverkauf Sturm-Buchhandlung / Potsdamer Strafle 138a\n\nDcr Sturm / Berlin\nAuswartige Ausstellungen April :\nRom /NewYork / Paris\n\nDcr Sturm ubernimmt die Veranstaltung von\nSturm-Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel'\nausstellungen) in alien Stadten und Lender n,\nDer Sturm vermittelt nur den Verkauf von\nWerken der l£unstler, die er durch eigene Aus-\nstellungen anerkennt.\n\nStandige Verkaufsstelle fur Graphik\n' . \" •\nVerlag Der Sturm G. m. b. H.\nPotsdamcr Strafie 134 a / Gartenhaus rechits II\n\nNeuanzeigen Der Sturm\nSturm-Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nIV. Kurt Schwitters\n18 Mark\nV. Malcr des Expressionismus\n15 Farbdruckc: Kandinsky / Chagall usw.\n90 Mark\nv \\ ■' . . .... v ' \"i, ; ; ;\ntfj J \" ; \" • . t J : '\nFarbigc Kunstdrucke\nAlexander Archipenko: Aquarell\n9 Mark i..„ v >( ...\n. , i. V '■ ■ ' ' ■\nLouis Marcoussis: Aquarell\n9 Mark\nRudolf Blumner\n.... > ••\nDer Geist des Kubismus und die Ktinste\n*• . V ? ». ■ \" ff \\ . • 1 / * : • •\n' • ; i ' : J' ■ '< _ ' ''■ '• t-\nMit Abbildungen\n18 Mark"}]}