{"numero_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_sha256": "fc0439663084f93beb1e0f236e812297b9c1ace2e67ade304113ba2fcb227dfc", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1923/08/01_01/bmtnabg_1923-08-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1923/08/01_01/bmtnabg_1923-08-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.1", "titre_corps": "Rudolf Blümner / Geboren am 19. 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Wir sind Freunde, Freunde\ntrotz täglichem Umgang. Deshalb habe\nich das Recht, ihm ein Mal zu setzen, das\nüber unser Denken geht. Das über unser\nFühlen kommt. Ein Denkmal über Vieler\nGehen und Kommen.\nWarum soll man das Denkmal nicht vor\ndas Leben setzen. Ist das Leben nicht zu\ndenken wert, ist das Leben nicht zu danken\nwert, dann ist das Leben nicht wert, gelebt\nzu sein.\nDer fünfzigste Geburtstag ist ein äusserer\nAnlass, sagen die Reichen im Geiste. Und\nist die Geburt nicht ein äusserer Anlass.\nIst irgend etwas innen, was aussen zu\nlassen ist. Tun nicht die meisten aussen,\nwas innen zu lassen ist. Lassen nicht die\nmeisten innen, was aussen zu tun ist. Hier\nist ein Mensch, dessen Tun Tun und dessen\nLassen Lassen ist. Aussen zu innen. Innen\nzu aussen. Ein Mensch.\nFreundschaft ist Pflicht. Liebe Treue.\nPflicht ist die Erkenntnis des Tuns und\ndes Lassens im Verhältnis zu den Anderen.\nFreundschaft die gleiche Stufe dieser Er-\nkenntnis.\nLiebe ist das Bekenntnis für einen An-\nderen. Das Tun zu lassen oder das\nLassen zu tun. Treue ist die Dauer des\nBekenntnisses.\nDie Liebe opfert sich, sie stirbt.\nDie Freundschaft opfert, aber nicht sich.\nSie lebt.\nFreundschaft wird Liebe, Liebe nie Freund-\nschaft.\nRudolf Blümner ist der Mensch der\nPflicht. Der Freund der Pflicht. Sein\n7\nLeben geht vom Bekennen zum Erkennen\nund vom Erkennen zum Bekennen. Nicht\nmit einer Tat, nicht mit einem Wort ist er\nje hinter sich geblieben.\nRudolf Blümner suchte das Recht. Und\nals er es erkannte, verliess er den Beruf,\nRecht zu sprechen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2638, "texte": "Rudolf Blümner suchte den Ausdruck sei-\nnes Seins, des Seins. Als et ihn erkannte,\nverliess er den Beruf, sich zu verstellen.\nDas Theater ist ein Panoptikum, aus dessen\nFiguren unnatürliche Töne natürlich her-\nausgepresst werden. Sein Ausdruck ein\nVerzerren der Gesichter, sein Rhythmus\nein Gehen- und Stehenlassen. Sein Gefühl\ndas Gedachte eines Schreibers.\nKunst ist die Organisation optischer oder\nakustischer Phänomene. Das Leben tönt.\nEs tönt aus dem Schrei des Kindes, aus\ndem Laut der Sinne, aus dem Ton der\nEmpfindung, aus dem Wort des Erkennens.\nSchreie Laute Töne Worte heben und\nsenken sich. Die Bindung ihres Hebens\nund Senkens ist die Kunst des Sprechens.\nIst die Sprechkunst.\nRudolf Blümner ist der Meister der Sprech-\nkunst.\nEr hat als erster das Material dieser Kunst\n*\nwiedererkannt: den Tonfall.\nEbenso wie das Theater nichts mit der\nVerlegenheit der Literatur zu tun hat,\nebenso ist die Sprechkunst unabhängig von\ndem, was man Dichtung nennt. Die Wir-\nkung liegt im Sprechen, nicht im Ge-\nsprochenen. Nicht der Ton macht die\nMusik. Die Beziehungen der Töne machen\nsie. Nicht der Sprechton macht die Sprech-\nkunst. Die Sprechintervalle machen sie.\nDas Wort wird durch die Stimme vorge-\ntragen: als Schrei, als Laut, als Ton, als\nKlang. Die Sprechtöne werden durch ihre\nkünstlerische Beziehung gegliedert. Die\nSprechmelodie entsteht durch die künstle-\nrisch-logische Bewegung der Sprechtöne,\nalso durch Rhythmus. Der Sinn, die\nAbstraktion der Lautverbindungen, ist se-\nkundär geworden, primär bleibt er ohne\nkünstlerische Bedeutung. Denn Empfin-\ndungen, menschliche und künstlerische,\noffenbaren sich nur konkret.\nDas Phänomen der Sprechkunst hat Rudolf\nBlümner als erster wiedererkannt. Das ist\nsein historisches Verdienst. Sein künstle-\nrisches ist es, Sprechkunstwerke zu gestal-\nten. Da dieses Denkmal einem Lebenden\nerrichtet wird, bleibt es den Zeitgenossen\nunbenommen, diese Kunstwerke aufzuneh-\nmen. Zehntausende haben sie vernommen.\nErschüttert und ergriffen. Millionen haben\nes noch versäumt. Ihnen zeige ich: Hier\nist Kunst zu erleben.\nKunst lässt sich nicht beschreiben. Kunst\nsoll man sehen oder hören. Diese Worte\nsind Fanfaren, die die Gläubigen der Kunst\nzur Kunst sammeln sollen. Hier ist der\nlebende Künstler, der sein Leben in die\nKunst gibt und dem die Kunst, erkannt und\ngekonnt, ihr ewiges Leben gibt.\nWir grüssen Dich, Rudolf Blümner,\nwir, denen Du töntest. Wir ehren den Künst-\nler, der die Kunst ehrt und den die Kunst\nehrt. Wir beugen uns vor dem Uner-\nhörten, das aus Dir, das durch Dich hallt.\nIch gebe Dir mit beiden Händen beide Hände.\nStolz, dieses Freundes Freund zu sein.\n\nHerwarth Waiden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "116", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.4", "titre_corps": "Sturmposaune : Für Rudolf Blümner", "titre_sommaire": "Sturmposaune : Für Rudolf Blümner", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 479, "texte": "Sturmposaune\nFür Rudolf Blümner\nKurt Heynicke\nAm 19. August 1923\nBlaugelockt sind alle Stunden\nsternbefiedert schwingt der Traum\naus dem Herzen Deiner Stimme\naufhinauf gen Uebererden\nwo die starken Göttersöhne\nihren Sonnenrausch besingen.\nDorther dröhnst Du\nSturmposaune\nreisst die blassen Horcherseelen\nhimmelüberhöllen durch\nzu Dir!\nGipfel lachen\nLeben brandet\nzeitvorbei an Deinem Fuss!\nIn den vollen Händen des Erinnerns\ntoben abertausend tolle Wünsche:\nEwig tanzt Dein Jahr!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c005", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "116", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.5", "titre_corps": "Vortragsabend : Für Rudolf Blümner", "titre_sommaire": "Vortragsabend : Für Rudolf Blümner", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.6", "debut_caractere": 481, "fin_caractere_exclue": 711, "texte": "Vortragsabend\nFür Rudolf Blümner\nKurt Heynicke\nIch höre meine Seele singen\ndie Flammen junger Stunden steigen auf\nim Dunkel leuchtet eine Stimme\nfremd\nund ich\nIch blühe\nströme\nüberströme\nempor in meiner Seele Heimat,\nmeine Sterne!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c006", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "116", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Nicht zu verwechseln\nmit der Gedichtsammlung „Die Blume Anna\" des-\nselben Verfassers"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c009", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "118", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.9", "titre_corps": "Sechstaktmotor : Für Rudolf Blümner", "titre_sommaire": "Sechstaktmotor : Für Rudolf Blümner", "signature_source": "Franz Richard Behrens", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.8", "debut_caractere": 654, "fin_caractere_exclue": 2479, "texte": "Sechstaktmotor\nFür Rudolf Blümner\nFranz Richard Behrens\nBlühen muss meine Maschine\nGrüne Frösche\nVerspannungsbefestigungslasche\nHellgrünheben\nNeunzehnhundertneunundsiebzig\nWenn ich meine Bomben werfe\nGrüne Hunde\nAntrieb vom Geschwindigkeitsmesser\nRote Dächer\nFünfundzwanzig und dreissig Kilogramm-\nquadratmeter\nBin ich schneller als er\nDer stille Herr\nZelluloid\nDunkle Bäume\nElftausend Kilogramm\nAber wohin werfen\nMondsüchtige\nZellon\nWeisse Wölkchen\nDreimal hundertzwanzig Quadratmeter\nJetzt gilts Freund\nDer Nachtwandler\nPropeller mit geschweifter Eintrittskante\nPlatzende Schrapnelle\nKa X Ka Ypsilon und A durch W\nEr ist stark\nDer Drehwurm fährt\nAus einem Stück gebogenes Scharnier\nDaunen steigen\nEins Komma Eins von Hundert\nFünfzig Meter steht er über mir\nGanz grosse Kanone\nVorrichtung zur Verankerung der Verwin-\ndungsklappen bei Wind\nHalten sich zu meiner Rechten\nNull Komma Dreizehn Millimeter\nFünfzig Meter liegt er auf mich\nKüken Rollengehäuse für Seilzug\nSie mehren sich\nDreizehn Komma vier Metersekunden\nWas sind fünfzig Meter\nOberfranz franzt Strich\nHaftenteil für Gürtelschnalle zum Festschnal-\nlen\nSchon sind sie auf beiden Seiten\nEins Komma zwei zwei drei Kilogramm-\nkubikmeter\nDauerfranz verfranzt\nBajonettförmige Befestigung von Tragdecken-\nholmen\nDie mit Laub bedeckten Erdhütten\nFünfzehn Grad Celsius\nIch sehe sein Grinsen\nAffenfahrt\nAutokanister\nProtzen Munitionswagen Gespanne\nKa Ypsilon mal S mal V quadrat\nEr beugt über Bord\nIch will noch heute zum Südpol\nSchwarzblechklempner\nIhr habt Recht Euch zu retten\nNullkommanullfünf neun — sechsdrei\nIch höre nichts mehr\nHa und Be\nTropfender Rostschutzlack\nFünf Atemzüge sitze ich ihm im Rücken\nKaltes Messer am Halse\nMäuschen und Nägel\nKugellager\nHerz über Herz\nKreuztraversen\nSplitter spritzen fünfundzwanzig Meter Gur-\ngeln\nMeine Maschine küsst mir die Hand"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c010", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "119", "page_fin": "119", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.10", "titre_corps": "Rudolf Blümner / Geboren am 19. 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Der Fotograf beachtete sie nicht, als\ner das Glasdach öffnete. Er legte sich\nschlafen. Um Mitternacht tanzte der Vogel\ndurch die Öffnung ins Atelier, schrie laut\nund weckte den Schläfer auf. — Ich\nmöchte noch schlafen — sagte der Fotograf,\ndenn er hielt die Augen des Vogels für\nMorgenröte und glaubte, dass unten auf dem\nAsfalt die Mistwagen kreischten. Dann\nwarf er sich auf die Knie, weinte und flehte\num Gnade. Der Vogel aber sass ruhig auf\ndem Dach des fotografischen Apparates.\nEr sagte:\n— Lüge nicht, sonst beisse ich dir in die\nKehle! —\n— Ich habe kein Brot und keinen einzigen\nStern — sagte der Fotograf und sprang\njammernd in die Dunkelkammer. Doch der\nVogel nahm ihn beim Haar und zog ihn\nzurück. Die Mäuse piepsten scharf und\nbeleuchteten mit gespenstischen blauen La-\nternen den Fussboden. — Ich hab's! —\nschrie der Vogel und zog aus den Ritzen\ndes Parketts die Fotografie der blonden\nJungfrau heraus.\nDer Zeitungszusteller legte kalte Umschläge\nauf die Stirne des Fotografen, die Milchfrau\nrang die Hände. — Ich bin zu spät ge-\nkommen — sagte der Bäckergehilfe — er\nflog gerade zum Fenster hinaus. — Die\nganze Versammlung jammerte laut, draussen\ndonnerte der Himmel und rote Blitze kreuzten\nüber dem Glasdach. Der Regen strömte wie\naus Eimern und die gedunsene Leiche eines\nSäuglings schwamm auf den Wellen des\nKanals vor dem Fenster vorüber. Der Vater\nder geraubten Jungfrau erschien in Trauer-\nkleidern im Atelier und riss sich mit den\nNägeln die Brust blutig.\nDer Vogel aber tanzte unsichtbar über den\nWolken und wohin er trat, wuchs grosses\nUnglück.\n— Du wirst sterben — sagte die Mutter des\nFotografen, als sie nach Monaten ihren Sohn\nwiedersah. Er sass unter dem Tisch, auf\ndem Fussboden lag zerstreut sein ausgefallenes\nblondes Haar. — Seit drei Monaten hat er\nkeinen Bissen gegessen — sagte die Haus-\nmeisterin und lief jammernd auf die Strasse.\nEin leuchtendes blaues Mal erschien in der\nStirne der Mutter. Sie löschte das elektrische\nLicht aus und gab dem Fotografen aus ihren\nBrüsten zu trinken. Dann starb sie. Dem\nFotografen wuchsen die Haare wieder heraus,\ner stand auf und zündete das Atelier an.\nIm Wald, zwischen den glühenden Erdbeeren,\nlauerte er dem Vogel auf.\nGib sie mir nur auf eine Stunde zurück! —\nsagte er — dann kannst du mir die Kehle\ndurchbeissen —\nAber der Vogel nahm die Fotografie in den\nSchnabel und flog weiter. Laut jammernd\nfolgten ihm auf der Landstrasse die Männer,\ndie ihre Frauen verlassen hatten und wie\ndie Hunde mit magerem Leibe litten. An\nder Spitze rannte der Fotograf und bellte\nvor Schmerz. Bienchen flogen summend\nüber ihren Köpfen und Hessen süssen Honig\nauf die müden Füsse fallen. Am Rande\nder Landstrasse barst ein Baumstamm ent-\nzwei, schleuderte Laternen aus seinem Inneren\nund beleuchtete die Nacht.\nDer rote Mond lag auf dem Himmel wie\nein trächtiges Tier und murmelte drohend.\nEr trank eine Wolke aus und die Roggensaat\nam Fusse der Berge trocknete ein.\nDerFotografbegegneteeinem alten Kaufmann,\nder aus dem Auto ausstieg, die Füsse des\nFotografen küsste und ihn folgendermassen\nansprach: Von deiner Stirne strahlen Radium-\nsterne und du bist stark wie ein Büffel.\nIch werde dich in meinem Garten mit Milch\nund in Fett gebackenem Teig speisen, erwärme\nmir mein Alter!\nDer Fotograf wurde in weisse Seide gekleidet.\nDoch die Trauben im Geschirr trockneten\nein und der gebackene Teig fing Feuer in\nder Sonne. Im Garten lag er, ganz mager\nschon, nachts beobachtete er die Männer,\ndie singend vor dem Zaun vorbeizogen und\nden Vogel suchten. Die Frau des Kauf-\nmannes verjagte sie mit ihrem Besen. Sie\ngebar zwei gesunde Söhne, tanzte glücklich\nim Schlafzimmer und der Stern des trau-\nrigen Fotografen leuchtete. — Ich bin gesund\ngeworden — sagte der Kaufmann seiner\nGattin. — Und ich habe dir zwei Söhne\ngeboren — sagte die Frau. Über ihrem\nHandgelenk schnitt sie sich die Ader durch,\nmischte Blut in die Speisen, aber der Foto-\ngraf hörte eines Nachts die Stimme des"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4205, "texte": "Vogels, grub sich mit den Nägeln ein Loch\nin den Zaun und entfloh.\n— Bleib stehen! — schrie er. Er kroch\nauf die Spitze des Kirchturms und bewarf\nden Vogel im Mondschein mit Kieselsteinen.\nDer Vogel sagte: ,\n— Du wirst mich nie einholen! —\nDer Fotograf flog auf einen anderen Turm,\nriss das Kreuz herunter und warf es auf\nden Vogel. Dieser sagte:\n— Bleib auf der Erde und heile die Kranken! —\nEinen Monat lang regnete es. Die Menschen\nrichteten vor die Städte hohe Mauern aus\nAluminium, stülpten Drathglocken über die\nGassen und Tag und Nacht brannte das\nelektrische Licht. Aber es blieb immer\nfinster. Als der Fotograf in die Stadt kam,\nfingen die Menschen an zu schreien. Die\nMänner sagten: Wir sehen unsere Frauen.\nDie Frauen sagten: wir sehen unsere Kinder.\nAlle zusammen schrieen.\n— Der Sturm hat sich gelegt . . . wir sind\nnicht erblindet! —\nAber kaum hatte der Fotograf die Stadt\nverlassen, da wurde es wieder finster. Die\nMenschen liefen ihm nach, erreichten ihn\nvor dem Tor, brachten ihn wieder zurück.\nJeden Tag schlachteten sie ein weisses\nZicklein und garnierten es mit duftenden\nWalderdbeeren. Der Fotograf sagte dem\nGefängniswärter, der ihn im Frack und\nweissen Lederhandschuhen bewachte:\n— ich werde sterben, wenn du mich nicht\nfrei lässt —\nEr weinte, frass Erde und lief den ganzen\nTag neben der Mauer auf und ab. Er riss\nsich das Haar aus. Die Männer wurden\ntraurig, wenn sie ihn erblickten. Doch die\ngrausamen Frauen liessen ihn nicht frei.\nDer Vogel kreiste schadenfroh zwischen\nden Türmen der Stadt, eilte mit leisem\nSchwirren in die Berge. Im Herbst brachte\nman die Ernte ein. Alle waren betrunken.\nDer Fotograf kroch auf das Hausdach, sprang\nin den Graben hinunter und schwamm\nunter Wasser mit den Karpfen ins Freie.\nEr lief geraden Weges zum Vogel und kniete\nsich jammernd vor ihm nieder.\nDer Vogel wohnte auf dem Gipfel des Berges.\nEinige Graben weiter baute sich der Fotograf\nein grosses Haus und umzäunte es sorgfältig\nmit einer niederen Steinmauer. Als er auf-\nwachte und auf das Dach kletterte, erblickte\ner in der Nachbarschaft bereits ein neues\nHaus und unten aus dem Tale schlängelte\nsich ein langer schwarzer Zug den Abhang\nhinauf. Er schloss sich in das Zimmer ein,\naber die Maurer hämmerten draussen so\nstark, dass er nachts nicht schlafen konnte.\nAuf dem Fensterbrett sass er, schaukelte\ndie Beine und schaute mit geschlossenen\nAugen auf die in elektrischem Licht wach-\nsende Stadt. Am Morgen rief er den Polier\nzu sich.\n— Hier ist ein Eimer voll geronnenen Blutes\n— sagte er — misch es in das Malter! —\nDie Menschen wunderten sich, dass die\nMauern im Sonnenschein lautlos zusammen-\nbrachen. Der Fotograf wanderte auf der\nDachtraufe, mit tränenden Augen suchte er\nden Vogel und streckte sehnsüchtig seine\nmageren Arme aus. Frühmorgens ging er\nin den Wald, in der Mitte des Waldes war\neine Lichtung, in der Lichtung eine Quelle,\nunter der Quelle schwammen die Neuge-\nborenen mit geschlossenen Augen. Der\nFotograf ging von Haus zu Haus und zeichnete\nmit Kreide Kreuze auf die Haustüren. Dort,\nwo er zwei Kreuze zeichnete, kamen Zwillinge\nzur Welt.\nAber das geronnene Blut ging aus und die\nMenschen erbauten die Stadt. Jeden Tag\nkamen neue Reisende in elektrischen Ma-\nschinen an, kreisten über dem Gipfel wie\ndie Fledermäuse, stiegen in Scheinwerfer-\nlicht auf die Lichtungen nieder. In den\ngrossen Hotels lärmte die Menge, nachts\nassen sie auf den Terrassen Gefrorenes und\nunter Bogenlampen tanzten die weissen\nFrauen. Der Fotograf konnte nicht schlafen.\nAm Morgen sagte er einem kranken Menschen:\nHauch die Stadt an und ich werde Dich\nheilen» Doch der Kranke wollte nicht.\nDann ging er zum Portier des Hotels und\nwarf sich vor ihm auf die Knie. — Fürchter-\nlicher Engel! — sagte er — ich habe meine\nGeliebte verloren. Wenn du deine Tore\nschliessest, werde ich sie wiederfinden! —\nNachts weinte er, riss sich das Haar aus,\nund der Stern auf seiner Stirne glänzte\ndermassen, dass die Leute das elektrische\nLicht auslöschten. In langen Reihen standen\ndie Autos vor seinem Haus, sie schwenkten\nTücher im Licht und tanzten vor dem Tor.\nDrinnen in den Zimmern strömte Blut von\nden Wänden.\nEin anderer Fotograf erbaute sich ein grosses\nHaus in der Mitte der Stadt und behing es"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3334, "texte": "mit elektrischen Tafeln. Aber niemand\nkümmerte sich um ihn. Die Gummizellen\nblieben leer und in den Ateliers maschierten\nSpinnen in breiten Reihen. Er stellte sich\nauf die Zinne des Hauses und sagte: Ich\nbin der Wahre. Aber die Menschen lachten\nund zeigten mit den Fingern auf ihn. Er\nfiel von der Zinne herunter.\nNachts ging er zum Fotografen, zog ein\nMesser und stach es ihm in die Brust Der\nVogel kam vom Gipfel herab und zog mit\ndem Schnabel das Messer heraus. Die\nWunde heilte sofort zu. Der Fotograf sagte:\n— Warum beisst du mir nicht lieber die\nKehle durch? —-\nDer Vogel zog fort, der Fotograf ebenfalls.\nAuf der Landstrasse war es sehr heiss, er\nlief barfuss und stopfte sich die Taschen\nmit kaltem Wasser voll. Aber das Wasser\nfloss immer heraus. Auf seinen Schultern\nliess sich eine Amselfamilie nieder, vermehrte\nsich unmässig und lärmte seine Träume\nmit dem Goldhaar der geraubten Jungfrau\nvoll.\nAm Rande der Landstrasse stand eine\nSchmiede. Der Schmied lief heraus und\nschloss sich dem Fotografen an. Der Blase-\nbalg blieb ihm auf der Schulter, aber das\nwar von Nutzen, denn er jagte damit die\nZudringlichen fort. Trotzdem umgab sie\nbald eine stetig wachsende Menge und der\nZug schlängelte sich lautlos durch die Nacht,\nzwischen den erleuchteten Meilensteinen.\nDie Frauen standen auf den Bergesgipfeln\nund streckten jammernd die Arme nach\nden Flüchtlingen aus. Der Schmied sagte:\n— Zeige mir im Geheimen deine Erinne-\nrungen! —\nDer Fotograf öffnete sein Herz, in roten\nSamt gebettet lag dort das Kabinettbild\nder Jungfrau. Der Schmied blies mit dem\nBlasebalg.\nAber die Uebrigen murrten, schrien und\nverlangten unzufrieden das Bild zu sehen.\nDer Fotograf zeigte es jedem; sie verstummten.\nEinige nahmen einen blinden Jüngling beim\nArm und erzählten ihm, was sie gesehen.\nDieser schrie: Jumaiai.\nDem Fotograf hing das Haar in die Stirne,\nan seinen Sohlen waren zwei grosse Wunden\nund doch flog er rascher, als die, die ihm\nzu Pferd folgten. Diese ermüdeten und\nsagten: Wir laufen umsonst, der Vogel ist\nschon gestorben.\nSie fragten die Menschen: habt ihr den\nVogel gesehen?\nDie Menschen antworteten: Nachts schlafen\nwir und am Tage arbeiten wir.\nDiese Menschen gruben eine grosse Grube\nund füllten sie mit den Abfällen von Tieren.\nMorgens legten sie sich vor die Grube und\nwarteten darauf, dass die Silbereier der\nSchmetterlinge aufbrechen. Abends gruben\nsie noch eine Grube\nDer Fotograf lief neben dem Geleise und\nder blinde Jüngling rief: Jumaiai. Die, die\nzu Pferde sassen, sagten: Der Vogel ist\ngestorben, wir gehen nachhause. Ein Mann\nschwenkte vom Weg ab, öffnete ein Haus,\nsagte: Ich bin daheim. Er trank Milch\nund streichelte seine Kinder. Ein Anderer\nsagte: Der Vogel hat mir gestern abend das\nBild geschenkt. Ich gehe nachhause. —\nDoch diesen Lügner schlugen sie tot.\nAls Letzter ging der Schmied weg. Er warf\nden Blasebalg in die hohe Saat, riss sich\ndas weisse Haar aus und floh in den Wald.\nDer blinde Jüngling klammerte sich an den\nRock des Fotografen und lief ihm schreiend\nnach. Doch er war schwach und starb bald.\nMan begrub ihn in der Mitte der Landstrasse.\nEs schneit in den Bergen und die Tiere sind\nalle in das Tal gegangen. Der Sturm\nschnitzt grosse Schneetürme. Der Fotograf\nklettert auf den höchsten Gipfel, dort sitzt\ner und forscht bekümmert zwischen den\nWolken. Er ist mager und wird nie sterben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c012", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "121", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.12", "titre_corps": "Rudolf Blümner : Volkshymne", "titre_sommaire": "Rudolf Blümner : Volkshymne", "signature_source": "H. 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Der Sturm sucht für die Musik\nnoch immer eine Dichtung, die diese Musik künstlerisch einwandfrei, sinnfällig, zeitlich\nund räumlich unbeschränkt, in Worten gestaltet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "128", "image_debut": 13, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.13", "titre_corps": "Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion : I", "titre_sommaire": "Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion : I", "signature_source": "William Wauer", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.13", "debut_caractere": 3336, "fin_caractere_exclue": 3774, "texte": "Ueber die Möglichkeit einer\nneuen Religion\nI\nWilliam Wauer\nWas ist Religion'?\nEin NotmitteL\nIn welcher Not befindet sich der Religions-\nbedürftige?\nWogegen braucht er ein Mittel?\nGegen die Unsicherheit seiner Lebenslage,\nseiner Mensch-Lage.\nDer Mensch fühlt eine Notlage und sucht\nihr abzuhelfen.\nDie Abhilfe, die er sich schafft, ist das, was\nwir Religion nennen.\n„Religio\" heisst Götterscheu.\nEs ist kein deutsches Wort, sondern ein la-"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4007, "texte": "teinisches und bezeichnet auch etwas Un-\ndeutsches, etwas Römisches.\nWir wissen nicht, wie die alten Römer das\nWort begriffen, auslegten und empfanden.\nJedenfalls nach Bauernart, die die Natur-\ngewalten mit Scheu vor ihrer Uebermacht\nverehrt. Wir wissen, dass uns mit Scheu\nallein heute nicht mehr zu helfen wäre.\nWir verstehen deshalb unter Religion etwas\nAnderes, etwas uns Entsprechenderes, Um-\nfänglicheres, weil wir die Naturgewalten\nnicht mehr als Göttergestalten begreifen.\nUnser Gottesbewusstsein hat sich vergeistigt\nund vertieft.\nWir nennen Religion da« Verhältnis, in das\nwir uns zu „Gott\" zu setzen suchen, um aus\nunsrer Seins-Unsicherheit heraus zu kommen.\nWir sind nicht religiös, weil es ein Ver-\nhältnis von „Scheu\" ist, das wir für nötig\nhalten, unsere unsichere Lage zu festigen,\nsondern weil wir ebenfalls ein Ver-\nhältnis zu „Gott\" für nötig halten.\nAuch wir halten es heute noch für nötig,\nuns zu „Gott\" irgend wie einzustellen.\nWas aber ist Gott?\nGott ist zunächst ein Begriff - der Begriff,\nder alles umgreift, in sich fasst und be-\ndeutet, was dem Menschen eben fehlt, um\nzu einer Sicherheit seiner Lebenserfassung\nzu kommen.\nGott nennt der Mensch also die Sicherheit,\ndie er braucht, in seiner Lage als Mensch,\ngegenüber seiner eigenen und der kosmischen\nExistenz,\n— Gott nennt er das Mittel, mit dessen\nHilfe er seine Lage verstehen und ein-\nrichten will.\nInwiefern aber hilft ihm nun Gott dazu oder\ndas, was er Gott nennt?\nInwiefern kann und soll er ihm helfen?\nDer Mensch fühlt sich im All schwach,\nhaltlos und dumm.\nEr weiss nicht, wie er in den Wirbel, den*\ner Sein oder Leben nennt, hineingerät, was\ner in ihm soll, wie er sich in ihm am\nbesten verhält.\nSein Denken, seine Kraft und sein Wille\nzwingen ihn zu leben — erklären ihm\naber das Leben nicht. Im Gegenteil: gerade\ndas Menschsein macht alles problematisch.\nUnd das am meisten, wenn er leiden muss,\nwenn es ihm schlecht geht.\nIn bösen Zeiten verliert das Menschendasein\nanscheinend jeden Sinn für den Menschen.\nWeshalb soll er leiden, warum muss er leben?\nIn solchen Zeiten braucht er in stärkerem\nGrade eine Motivierung seiner selbst als in\nsogenannten „guten\". In guten Zeiten scheint\ndas Leben schon eher lebenswert zu sein:\nda braucht man keine „logische\" Motivierung,\nman ist lebenslustig, man „amüsiert\" sich.\nDeshalb sind die guten Zeiten die religions-\nlosen, die bösen Zeiten aber bringen immer\ndie Sehnsucht nach Religion, nach Daseins-\nmotivierung in stärkstem Ausmasse zur Gel-\ntung. Schlimme Tage erinnern den Men-\nschen wieder an seine Nichtigkeit unter\neinem erdrückenden Schicksal im Allge-\nschehen — so entsteht dann der Gedanke\nder Strafe für die „Gottlosigkeit in den guten\nTagen.\"\nGute Zeiten sind Zeiten des Leichtsinns, der\nOberflächlichkeit und Sinnenbetäubung. Böse\nZeiten sind die des Sichbesinnens, die der\nLäuterung und geistigen Vertiefung des Le-\nbenswillens.\nDenn in jedem Menschen — auch dem leicht-\nfertigsten Geniesser — bleibt das dumpfe\nRätsel seines Seins bestehen und hebt in\nleeren Stunden drohend sein Haupt und\nfragt: was hat dein Leben für einen Sinn —\nwas hast du für einen Sinn?\nSinnloses und zweckloses Sein ist dem\nmenschlichen Denken ein Graus! Das\nganze Wesen seiner Natur sträubt sich da-\ngegen, so sehr, dass die blasierten prinzipiell\nunreligiösen Uebergeniesser dem Selbstmord\nals einer gewaltsamen Selbsträtsellösung\nimmer näher sind als die Jammervollen,\ndie noch in der schlimmsten Gefährdung\nihrer Lebenslage um den Sinn ihres Daseins\nringen.\nDer Selbstmord ist keine Antwort auf die\nFrage nach dem Sinn des Lebens. Er weicht\nihr aus.\nWie kommt es also, dass wir uns vernichten,\num nicht sinnlos zu leben? Wie kommt\nes, dass wir uns „nichtig\" fühlen, wenn\nwir sinnlos leben?\nWas zwingt uns zu fragen: was für einen\nSinn hat Leben, das Leben des Menschen?\nHat es überhaupt Sinn? Ist nicht Alles\n— Unsinn?\nWas gewinnt der Mensch durch\ndas Wissen um den Sinn des\nLebens? Das ist die Frage.\nDer denkende Mensch ist und fühlt sich\nals eine Einzelheit im Kosmos, im All,"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4132, "texte": "er weiss: das ist sein Schicksal, seine Be-\nstimmung, sein Sein. Nun möchte er die\nBedeutung seines Platzes als den eines\nTeiles im Ganzen kennen lernen, um ihn\nrecht ausfüllen zu können. So lange er ihn\nnicht kennt, wird er von zwiespältigen Ge-\nfühlen und Gedanken zerquält.\nEr fühlt sich eingeordnet und gleichzeitig\nausgesondert, festgehalten und hinausge-\nstossen. Umfasst und doch isoliert. Im\nWirbel und doch ohne Zusammenhang. Voll\nWissensdurst in einer unverständlichen Um-\ngebung, gezwungen und doch- nicht über-\nwältigt, frei und doch in allem gebunden.\nEr fühlt sich deplaciert, missbraucht, über-\nflüssig, störend in einer Harmonie, in einem\nEnsemble, in das er nicht ohne Weiteres\nhineinpasst, dessen Zusammenhang er nicht\nversteht und erfasst, dem er sich nicht an-\npassen kann in seiner Unwissenheit.\nSo entsteht der Gedanke: Der Mensch ist\nfremd auf dieser Erde, ein Gast; er gehört\neigentlich in eine andere Welt, in ein\nJenseits, in dem seine Heimat ist.\nAuf Erden ist er nur Stückwerk, ein gelöstes\nBlatt im Sturm — dort vollendet und ge-\nsichert — hier unwissend und beschränkt —\ndort verklärt und erfüllt — hier ungerecht\nbehandelt — dort gleichgestellt allen — hier\nunglücklich — dort selig.\nDiese Deutung, ein Glaube, der beruhigt,\nist den meisten Menschen aller Religion\nInhalt, Wesen und Sinn, seit alten Zeiten\nbis in diese Tage.\nEs ist aber mit dem Glauben nur ein Aus-\nweg, ein billiger Ausweg eingeschlagen\nworden — der Irrweg der judaisch-christ-\nlichen Religionslehren, zu denen auch die\nMohameds gehört.\nUnd der Irrweg wurde empfunden. Man\nwusste, dass durch Etwas, das man glauben\nmuss, dem Menschen keine Sicherheit ge-\ngeben werden kann.\nNur Wissen und wirkliche Erkenntnis kann\ndie Frage nach dem Sinn des Daseins be-\nantworten.\nWeil nun diese Beantwortung nicht möglich\nschien, und der Glaube als Ausweg nur den\nAustausch einer Unsicherheit mit einer an-\nderen bedeutete, schuf man eine Autorität,\neine höchste Autorität, die entscheiden\nmusste, autoritativ, dass gerade in diesem\nFalle der „Glaube\" mehr sei als „Wissen\"\n— dass dieser von Gott als Autorität ge-\nstützte „Glaube\" sicherer sei als Ge-\nwissheit. Dass Gott, die Autorität, eben\ndiesen Glauben in diesem Falle fordere;\ndenn es sei der Glaube an ihn selbst und\nseine Autorität.\nSoviel Behauptungen, soviel Irreführungen\n— soviel Eifer, soviel Selbstbetrug und Aus-\nrede — soviel Willkür und Unsicherheit,\nsoviel Fanatismus und Unerbittlichkeit der\nForderung!\nAber keine Gewalt, auch eine göttliche nicht,\nkann eine Lösung in diesem Falle bedeuten.\nDie Frage nach dem Sinn des Lebens ent-\nspringt durchaus dem logischen Wesen\nund Bedürfnis des Menschdenkens und\nkann deshalb auch nur logisch beant-\nwortet werden.\nDer Glaube und der Glaubensinhalt sind\naber keine Denkgebilde, die logisch sind\nund logischer Untersuchung stand halten.\nUnlogisch oder überlogisch kann man aber\nkeine logische Frage beantworten. Dabei\nkäme nur Unsinn heraus. Und die Frage\nnach dem Sinn des Menschseins mit einem\nUnsinn zu beantworten, ist wertlos.\nWeder in realer noch in metaphysischer\nBeziehung hat es einen Wert, unerweisliche\nBehauptungen aufzustellen. Der metaphy-\nsische Wert ist ja überhaupt nur erfunden\nworden, um diesen und ähnlichen Unsinn\nauch noch pseudo-wissenschaftlich zu stützen,\ndurch „Philosophie\".\n„Glaube\" bleibt Unsicherheit.\nUnd Gott — wenn er selbst nur ein Glaube\nist, kann als solcher dann autoritativ auch\nnicht Glauben fordern. Eine Unsicherheit\nkann durch Postulate von weiteren Unsicher-\nheiten nicht gewisser werden. Auch wenn\nsie sich terroristisch durchzusetzen sucht,\nGlaube ist „Wissens er s at z\"\nWir können und brauchen uns aber nicht\nmit Ersatz begnügen, wenn wir Wissen\nselbst, echtes Wissen haben können.\nWir brauchen auch Gott nicht nur zu\n„glauben\", wenn wir wissen, was und wie\nGott ist.\nWir hatten es bereits gesagt: Gott ist der\nInbegriff alles dessen, was der Mensch zu\nseiner vollen Lebenserfassung braucht.\nAls dieser Inbegriff ist Gott so ge-\nwiss vorhanden, wie die menschliche Sehn-\nsucht nach Sicherheit seiner Daseinser-\nfassung vorhanden ist. Beide sind eminente\nLebensrealitäten für den Menschen."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3987, "texte": "Was aber ist nun Gott, wenn er Gott-\nwissen ist — und wie lautet die Beant-\nwortung der Frage nach dem Sinn des\nMenschenseins, die Gewissheit ist?\nDiese Feststellungen sind noch zu machen.\nGott kann nur sein die Wesenheit der\nSeinsauswirkung selbst. Sonst\nhinge er in der Luft, ein leerer Schemen.\nEr bliebe ohne Sinn, Leben und Wirken,\nAls wirkende Ursache und kosmischer Ur-\ngrund alles Seins und Nichtseins aber offen-\nbart er sich im All als in seiner Wirk-\nlichkeit.\nEr ist die Kraft in allem Geschehen und\nalles Geschehen aus seiner Kraft. Er ist die\nsich aus sich immer wieder entrollende,\num Vollendung in Ewigkeit ringende Un-\nendlichkeit. Er ist das unendliche Werden\nund das Ewig-sichvollenden.\nDie sinnvolle, sich selbst denkende und da-\ndurch sich vollendende Auswirkung dieses\nGott-Seins ist der Mensch als höchstgear-\ntetes Lebewesen. Er ist die organische\nSpitze im All. Er ist das organische Be-\nwusstseins-Zentrum im Kosmischen.\nDie zentrische Stellung des Menschen\nim Kosmos ist uraltes Menschenbewusst-\nsein, in seiner tiefsten Tiefe verankert. Man\nhat es lange Zeit für eine wissenschaftliche\nUeberwindung des alten, beschränkten\nMenschendenkens gehalten, für einen Fort-\nschritt in der Welterkenntnis, da s s man\nden Menschen aus dem Mittel-\npunkt des Kosmos entfernte.\nMan hielt es für die Abstellung eines Aber-\nglaubens und Vorurteils. Aber gerade ver-\ntieftes und echt wissenschaftliches „Denken\"\nfühlt zu dem uralten Menschbewusstsein\nzurück.\nDie zentrische Stellung des Menschen im\nKosmischen ist gerade die „göttliche\"\nSicherheit, die der Mensch hat, hatte\nund haben kann, es gibt ausser ihr keine.\nDie zentrale Stellung als All-\nmittelpunkt ist die Voraus-\nsetzung der Sinnbestimmung\ndes Menschseins. Und unsere alltäg-\nliche Erfahrung. Wir stehen nicht mecha-\nnisch, aber psychologisch im Mittelpunkt\nunserer „Weltanschauung.\"\nMittelpunkt heisst die Sicherheit im Wirbel\njedes Kreisens. Der Mittelpunkt ruht und\nzieht seine Sicherheit aus der Konzentration\nder Beziehungen aller wirbelnden Teile des\nKreisens auf sich und in sich. So zieht der\nMensch, wahrnehmend, denkend, empfin-\ndend, erkennend, das Wirken des Alls in\nsich hinein. So heisst auch „Gott-Sein\"\nUrmittelpunkt-Sein im Unendlich-\nkeitswandel des Kosmischen und seine ewige\nBeharrung sein im Urgründe und seine\nunendliche Ausdehnung sein im All-\nGeschehen.\nGott wirkt sich aus als Sinn alles Mensch-\nseins, als Konzentrationspunkt aller geistigen\nBeziehungen der Universalität, als Intensität\ndes Mikrokosmos und Extensität des Makro-\nkosmos. Der Mensch ist das Zentrum und\nder Anziehungspunkt aller geistigen Be-\nziehungen und Werte als Gott-U r-T eil.\nJeder Mensch ist ein Zentrum, um das sich\neine Welt, seine Welt dreht.\nJeder Mensch ist ein Uratom des Göttlichen.\n„Ur\" nenne ich dieses Atom. „Ur\" ist im\nMenschen das Göttliche.\nDas ist Beligion.\nDas ist des Menschseins Sinn.\nDas ist des Menschseins Gesetz.\nDas ist des Menschen Wesen.\nDas ist sein Werden und Wandeln, dass er\nwerde, was er ist.\nDas ist seine Sicherheit. Das ist seine Ge-\nwissheit.\nDer Mensch ist der Mittelpunkt seiner Welt,\nwie der Menschgott der Mittelpunkt aller\nMenschenwelten ist. Der Menschgott heisst\nmir Ur, weil der All go 11 der Univer-\nsalität nur als einzelner Menschgott, als\nunser „ U r\" in uns wirkend wird.\nDen Allgott können wir wesentlich nicht\nerfassen — nur nennen: Urquell und Ur-\nin und ung alles Göttlich-Kosmischen; den\nMenschgott U r machen wir in uns\nlebendig, wenn wir Gottmenschen sind.\nUr ist die individuelle Allgott-\noffenbarung im einzelnen Men-\nschen. ,\nSo offenbart sich Gott in der Urwesenheit\nder Individuen. Gerade durch die Indivi-\ndualisierung erhält jeder Mensch seinen\nSinn, seine Sicherheit, seine Stellung\nim Sein, sein Lebenszentrum, seine Welt,\nseine Mission. Jeder Mensch ist eine\nWelt in sich, ein Sonnensystem, ein winziges\nkosmisches Gebilde.\nMit jedem Menschen geht eine Welt unter:\nseine Welt — sie löst sich auf in der Uni-\nversalität, in die er selbst eingeht, wenn"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4348, "texte": "das kosmische System, das ihm eingeboren\nist, im All vergeht und abstirbt, weil er\nabstirbt. —\nWir wissen heute, dass der Entwicklungs-\ngang aller religiösen menschlichen An-\nschauungen ebenfalls ein Kreislauf war,\ndessen Bahn wir verfolgen können. Die ur-\nsprüngliche, älteste Religionsanschauung,\ndie zugleich eine Weltanschauung war, ist\ndie astrische: die Sternreligion. Die Urge-\nschlechterund alten Herrschervölker hefteten\nihre Totems, ihre Geschlechterabzeichen, die\nTierbilder ihres Stammes in den Zodiakus\ndes Himmelsgewölbes. In den Sternbildern\nund ihren Konstellationen, das heisst ihren\nStellungen zueinander und dem Verlauf ihrer\nBahnen, wähnten sie ihr Schicksal vorge-\nzeichnet. Und unbestritten galt die Lehre\nals selbstverständliches Wissen: des Men-\nschen Sein ist in das kosmische Geschehen\neingeordnet. Der Mensch muss sich damit\nbescheiden: und er beschied sich damit.\nMit der Entwicklung der Geschlechterge'\nschichte und der Stammessagen kamen im\nZusammenhang mit dem überall gepflegten\nAhnenkult die Mythologien unter den Men-\nschen mehr und mehr zur Geltung: die\nHelden der Urzeit verklärten sich ihnen zu\nGöttern, die sie mit den furchteinflössenden\nNaturgewalten symbolisch verschmolzen.\nSo gingen Ahnenkult und Götterkult inein-\nander über. Aber auch die Götter blieben\nUntertan dem Schicksal, dem unabänder-\nlichen Geschehen. Mit der religiösen Weiter-\nentwicklung entstand auch der Zweifel und\ndie Meinungsverschiedenheit und verkör-\nperte sich in menschlichen Feindschaften,\ndie zu Götterkämpfen erhoben wurden:\nGiganten und Riesen stürmten gegen die\nMacht der „Himmlischen\" an. Aus der Viel-\ngötterei der Ansässigen entwickelten die\nwandernden Völker in ihrem Führerbedürf-\nnis den Monotheismus, mit dem natürlich\ngleichzeitig Feindschaft mit „anderen\"\nGöttern aufkam: so wurde Abtrünnigkeit,\nUnglaube und Gottlosigkeit geboren. Aus\ndem Monotheismus entwickelte sich die\nchristliche „Rechtgläubigkeit\"; mit ihr die\n„Kirche\", die „Autklärung\" und der „Skepti-\nzismus\", der zur Auflösung der religiösen\n<\"v\"\nAnschauungen und Gottbegründungen über-\nhaupt führte. So kamen wir zum „Athe-\nismus\". Aber gerade der Atheismus kehrt\nstillschweigend zum menschlichen Urbe-\nWusstsein zurück, zu der religiösen Ueber-\nzeugung und Resignation: der Mensch ist\neingeordnet in das kosmische Geschehen\nund muss sich bescheiden.\nAber der Mensch des entwickelten Mensch-\nbewusstseins will und kann sich nicht be-\nscheiden. Die tiefe mystische Sehnsucht,\ndie auch die freiesten Denker noch merk-\nbar als Ketten ihres Menschseins tragen,\nführt nun in unserer Zeit zu vielfachen An-\nsätzen und Keimen von Religionsersatzbil-\ndungen. Denn wir leben in sehr bösen\nZeiten.\nHier setzt die moderne Theosophie ein mit\nihrer Lehre und Ausdeutung des Mensch-\nund Gotträtsels. Sie begreift den Menschen\nals ein halb irdisches, halb mystisches Wesen,\ndas mit dem Urmysterium Gott zum Zwecke\nder Wiedervereinigung verbunden ist.\nBesitzt diese Beantwortung der Frage nach\ndem Sinn des Menschseins die ersehnte\nKlarheit und überzeugende Sicherheit?\nDer Mystizismus, halb oder ganz, kann\nwissenschaftlichem Denken nicht genügen.\nDie selbstverständliche Forderung nach einer\nlogischen Antwort auf eine logische Frage\nmuss erfüllt werden, wenn Denken nicht\nüberhaupt seinen Sinn verlieren soll. Die\ntheosophische Antwort ist keine logische.\nSie steht im Widerspruch mit der Realität,\nin der wir leben und konstruiert aus Be-\ndürfnis und Willkür einfach wieder in der\nalten überwundenen Weise der dualistischen\nWeltanschauung eine zweite mysteriöse,\nmetaphysische Welt. Damit bildet der theo-\nsophische Dualismus aber nur eine anders\neingekleidete, abstraktere Form der christ-\nlichen Anschauung vom Diesseits und Jen-\nseits. Er stellt nur neue Rätsel in das schon\nrätselhafte Sein, löst aber keines. Gegen-\nsätze sind reine Denkhilfsmittel ohne jede\nRealität und völlig willkürlich. Mythen fehlt\ndie Sicherheit der nachweisbaren Ueber-\neinstimmung mit dem Tatsächlichen, Diese\naber nur ist Sicherheit. Die Theosophie\ngibt sie mit ihrer Denkhypothese über das\nMensch- und Gottsein nicht. Sie gibt eine\nUnterstellung und Auslegung, mehr nicht.\nSie lehrt wieder einen Glauben und Wissens-\nersatz für Wissen.\nAber wir haben ja Wissen!\nWissen aus Erfahrungen, Wahrnehmungen,\nUntersuchungen, Feststellungen, Nachdenken\nund Erkennen. Alle Resultate der exakten"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2733, "texte": "Forschung und spekulativen Philosophie\nvereinigen sich in diesem Wissen mit un-\nserm letzten Weltempfinden. Jeder Wider-\nspruch schwindet in der innerlichen Ver-\nschmelzung alles Einsehens, Begreifens und\nFühlens.\nWir wissen: in der tiefsten Tiefe unsres\nWesens liegt eingeboren die Sehnsucht und\ndas Bedürfnis nach sinnvollem Sein,\nDieses Bedürfnis, diese Sehnsucht, dieses\nletzte Muss unsrer Natur nennen wir\n„Gott\". Er ist jedes Menschen Göttliches,\ndas Göttliche in jedem Menschen.\nIch nenne es U R.\nDer alte Gottbegriff ist uns erstarrt und leblos\ngeworden in einer schematischen „absoluten\"\nAbstraktion. Wenn aber Gott nicht eine\nlebendige Kraft ist, die in uns, mit uns und\ndurch uns keimt, wächst, blüht und fruchtet,\nbleibt er wesenlos und unwirklich. Nicht\n„Gott\" — nicht „gut\".\nUR ist des Menschen göttliche\nBestimmung und Bestimmtheit\naus ursprünglicher Wesenheit\nund Eigenheit.\nAlles, was u m den Menschen ist, muss er\nmit diesem Eigensten, Innerlichsten in Ver-\nbindung, in Beziehung setzen. Er kann\nnicht anders, denn es ist seine wahrnehmen-\nde, denkende Not, die ihn zwingt; der\nZweck und Sinn seiner Sinne.\nDer Gott in ihm — UR — gibt ihm alle\nAnschauungen, Begriffe, Empfindungen; alle\nWahrnehmungen, alles Bewusstsein, alles\nErkennen — zieht alle Werte und Wertun-\ngen aus dem Sein in seine Sinne hinein\nund macht so die Welt ihm Untertan und\nihn zum Mittelpunkt seiner Welt. Seiner\nWelt, die ganz und gar von ihm abhängt,\nderen letzte Sicherheit e r ist zu seiner ei-\ngenen Sicherung.\nSein UR ist des Menschen Sicherheit und\nGewissheit — sein Urwesen — seine „phy-\nsisch\" Ausdruck gewordene Idee. Seine\nMission und Lebensaufgabe ist es, sie auch\ngeistig auszuformen, das heisst sie zu „er-\nleben\", sich zu erleben.\nDies ist des Menschen letzter Sinn.\nEs gibt für den Menschen keinen anderen.\nDies wissen und ausleben heisst religiös sein.\n„Sich—selbst—auswirken\" heisst Religion.\nSo heisst „religio\" auch in unserem Sinne\n„Gottscheu\", wenn wir darunter verstehen\nwollen, dass wir den Gott in u n s scheuen\nund ihn scheuend verehren, uns scheuen,\nihn zu verletzen, uns scheuen, ihn nicht zu\nbekennen, uns zu ihm zu bekennen.\nSo setzen wir uns in das rechte Verhältnis\nzu unserem Gotte — zu dem Ur in unsrer\nBrust, zu unseres Daseins Sicherung in uns.\nReligion ist aller Ethik Ursprung: daran\nmuss man beide erkennen. Ursprung aller\nMoral ist dem Gottmenschen Wahrhaf-\ntigkeit.\nWahrhaftig sein — wahrhaft sein, was man\nist aus Urwesenheit — heisst „gut\", heisst\n„Gott\" sein.\nIn dieser Erkenntnis liegt die Möglichkeit\neiner religiösen Erneuerung und Daseins-\nerfassung; in dieser Erkenntnis als einer\nreligiösen Verpflichtung liegt die\nMöglichkeit einer neuen Einordnung in das\nSein und Zusammenleben der Menschen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "128", "page_fin": "128", "image_debut": 18, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.14", "titre_corps": "Inhalt", "titre_sommaire": "Inhalt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 18, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.18", "debut_caractere": 2735, "fin_caractere_exclue": 3249, "texte": "Inhalt\nHerwarth Waiden; Rudolf Blümner zum fünfzigsten Geburtstag\nKurt Heynicke: Sturmposaune\nKurt Heynicke: Vortragsabend\nLothar Schreyer: Die Stimme Rudolf Blümners\nKurt Schwitters: Porträt Rudolf Blümner\nFranz Richard Behrens: Sechstaktmotor\nTibor Dery: Er ist mager und wird nie sterben\nWilliam Wauer: Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion\nOskar Kokoschka: Bildnis Rudolf Blümner 1\nOskar Kokoschka: Bildnis Rudolf Blümner 2\nWilliam Wauer: Porträtbüste Rudolf Blümner\nRudolf Blümner: Volkshymne\nAugust 1923"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[112]", "page_fin": "[112]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.15", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[112]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 105, "texte": "VOM 10. 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St. =\nmm *■\n| Di e Organisation der Freunde der neuen Kunst I\n| Satzung und Aufnahme durch den Verlag Der Sturm [\nI Berlin W 9 / Potsdamer Stra&e 134 a I\nm\nIIIIIIIIIIiItIUIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIMIIIUIIIIIiniIIIMIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIiiniIIIIIIIIIIIIII"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[112]", "page_fin": "[112]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.19", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[112]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.2", "debut_caractere": 956, "fin_caractere_exclue": 1092, "texte": "MANOMETRE\nimnmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiiiiiiii\nZeitschrift\nin\nmehreren\nSprachen\n49 Cours Gambetfa\nLyon\nProbenummer gratis"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c021", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[112]", "page_fin": "[112]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.20", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[112]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.2", "debut_caractere": 1094, "fin_caractere_exclue": 1921, "texte": "W. NarzUlier d Co.»Berlin w* Grunewaldstr. 14/15\n•eftriiiiaet 1854 Hof - Spedlteure S. 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' ■ .'| I (J •>-. ' i\nFranz Marc:\nPferde / Aquarell / Grundzahl 2\nGeorg Muche:\nUnd das Licht schied / Grundzahl 2\nDurch alle Buchhandlungen oder vom\nVcrlag Der Sturm / Berlin W9 / zu beziehen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c025", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[129]", "page_fin": "[129]", "image_debut": 19, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.24", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "[129]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.19", "debut_caractere": 714, "fin_caractere_exclue": 1169, "texte": "„Sicilia d'Oggi\"\nRivista Mensile lllustrata di\nLettere, Arte, Scienze.Varieta\nTiralura4ooocopie — Formslo in-8 — Pag. 48\nUN NUIIERO L. 15\nABBONAMENTO ANNUO L. 15\nDirezione e Amministrazione:\nCasa Editrice E. S A B B I O\nPALERMO - VIA CASTRO 250 - PALERMO\nLA COLLABORAZIONE E'LIBERA\nCercansi Corrispondenti ed Agenti di Publicity\nGiovani Aulori! publicate i vj\nromanzi, novelle, liriche ec. presso\nLa Casa Editrice E. 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Text groß-oct.\nSie bringt iiber 50 Holzschnitte\nin jedem Heft, veroffentlicht\nRomane, Essays, Erzahlungen, Ge-\ndichte und Chroniken aller Lander.\nEin Sonderheft iiber S tend ha\nist in Vorbereitunor.\nHerausgeber: HENRY PETIOT\nRedaktion und Verwaitung:\nGrenoble / 1, rue Denfert Rochereau\nBezugspreis: Einzelheft 5 francs\nJahresabonnement 20 francs."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c027", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[129]", "page_fin": "[129]", "image_debut": 19, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "[129]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.19", "debut_caractere": 1720, "fin_caractere_exclue": 2448, "texte": "Auslandspreise fur die Zeitschrift\n„Der Sturm\"\nDas Abonnement fiir ein Halbjahr betragt:\nfur Argentinien: Pap. Pes 2. ~\n„ Brasilien: Milrcis 6.—\n„ Bulgarien: Leva 84.—\nff C i'iile. Pes. «•»».»«...»■... 6.\n„ Danemark: Kronen 6.—\nn Deutsch'Oesterreich: ost. Kronen 32000.—\n„ Finnland: Mka . 24.—\n„ Frankreich, Belgien, Luxemburg: Fr. 12.—\n„ Griechenland: Drachmen 48.—\n„ Grossbritannien: Schilling 5.—\n„ Japan: Yen 2.40\n„ Italien: Lire 18.—\n„ Jugoslawien: Dinar 52.—\n„ Niederlande: Gulden 3.—\n„ Norwegen: Kronen 6.—\n„ Portugal: Milreis 18.—\nw Rumanien: Lei 120.—\n„ Schweden: Kronen 6.—\n„ Schweiz: Franken 6.—\n„ Schweizer Franken 6.—\n„ Spanien: Pesetas 6.—\n„ Tschechoslovakei: Kc 18.—\n„ Ungarn: Kronen 2000.—\n„ U. S. 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Umschlagseite / Einzelheft\nGrundzahl 1\nVolIstSndige Exemplare des 6. und 7. Jahrgangs nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden Grundzahl\njc 20 I 9. bis 13. Jahrgang Grundzahl 10 / 1. bis 5. und 8. Jahrgang vergriffen / Einzelhefte alter Jahr\"\ngange Grundzahl 1\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm sind signierte und numerierte Handdrucke, von den\nmeisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich zu erwerben. Die Originale sind verkauflich.\nSturmbiihne / Jahrbuch des Theaters der Expressionisten / 1. bis 8. Folge / jede Folge Grundzahl 0.20"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c030", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[130]", "page_fin": "[130]", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "[130]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.20", "debut_caractere": 1327, "fin_caractere_exclue": 2366, "texte": "Biicher aus dem Vcrlag Der Sturm mit festen Grundzahlen\nDie Grundzahlen sind mit der jeweils festgesetzten Schlusselzahl zu multiplizieren. Zur Zeit: 80000\nFur das Ausland: Grundzahl = Schweizer Franken\nFostscheckkonto des Verlags Der Sturm: Berlin NW7 i 120658\nAugust Stramm\nDu I Liebesgedichte / 4. Auflage / 3\nTropfblut / Gedichte / gebunden 7\nGesaramelte Dichtungen / 2 Bande / Jeder Band 5\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln / 3\nErnst Marcus\nDas Erkenntnisproblem / 3\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte / 2.50\nRudolf Blumner\nDer Geist des Kubismus und die Kunste / 4\nLothar Schreyer\nDie neue Kunst / 1.50\nHcrwarth Walden\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressionis-\nmus I 3\nDas Buch der Menschenliebe / Roman / 3\nSturm^Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nI Marc Chagall / 2. Auflage\nII Alexander Archipenko\nIII Paul Klee /\nIV Kurt Schwitters\nJedes Buch 5\nV Maler des Expressionismus / Fiinfzehn Farb-\ndrucke:\nChagall I Kandinsky / Franz Marc usw. / 15\nXokoschka-Mappe: Menschenkopfe / 15"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c031", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[130]", "page_fin": "[130]", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "[130]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.20", "debut_caractere": 2368, "fin_caractere_exclue": 2613, "texte": "Der Sturm fibernimmt die Veranstaltung von\nSturm- Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel-\nausstellungen) in alien Stadten und Landern.\nDer Sturm vermittelt n u r den Verkauf von\nWerken der Kfinstler, die er durch eigene Aus-\nstellungen anerkennt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-08-01-01-c032", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-08-01_01#c032", "volume": "bmtnabg_1923-08-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[130]", "page_fin": "[130]", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.2.31", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "[130]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.20", "debut_caractere": 2615, "fin_caractere_exclue": 2725, "texte": "Standige Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. 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Potsdamer Stra'sse 138 a / Laden\nFernruf: Amt Liitzow 4443\nNeu eroffnet\n2. Kurfurstendamm 150 / Laden\nFernruf: Amt Uhland 5646\nBticher / Graphik / Musikalien\nBestellungen, auch vom Ausland, werden\nzuglich erledigt"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.1", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT /\nHERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\nVIERZEHNTER JAHRGANG / ACHTES HEFT / AUGUST 1923\n\nOskar Kokoschka: Rudolf Blümner / Geboren am 19. August 1873 / Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[112]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.2", "texte": "VOM 10. MAI BIS I. OKTOBER 1923\nDEUTSCHE KUNST\nDARMSTADT 1923\nAUSSTELLUNG PUR MALEREI / GRAPHIK / PLASTIK\n\nSReujettltc&e\n112 a$e*\neine itataloge\n3ettf\nunt> SBerfe\n©efdjmatf&oUe\n6pe&talttBt: 9ftel)rfar&en&ruc?\nBERLIN NO 18\nWassmann-strasse 27\nTel. HOnlgStadt 8269.1176\n\nSodidrncKcre! Ridiard Stein Mf.\nwmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmammmtamammmmmmmmmm\nBERLIN N54 / BRUNNENSTRASSE 188/190\nFERNSPRECH'ANS CHL USS: NORDEN Nr. 3393\nliefert samtliche Drucksachen,\nein* und mehrfarbig, schnell, gut und billig\n\nlIIIMIIIIUIIIIIIIItIIIIItIIIIIIIIIHIHIIIIMIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIMIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIMIIIMIIHIIIIIHIHIIIIIIIIIIIMI\n*■» m\nGesellschaft der Sturmfreunde\nI G. d. St. =\nmm *■\n| Di e Organisation der Freunde der neuen Kunst I\n| Satzung und Aufnahme durch den Verlag Der Sturm [\nI Berlin W 9 / Potsdamer Stra&e 134 a I\nm\nIIIIIIIIIIiItIUIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIMIIIUIIIIIiniIIIMIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIiiniIIIIIIIIIIIIII\n\nMANOMETRE\nimnmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimimiiiiiiiiiiiiiiii\nZeitschrift\nin\nmehreren\nSprachen\n49 Cours Gambetfa\nLyon\nProbenummer gratis\n\nW. NarzUlier d Co.»Berlin w* Grunewaldstr. 14/15\n•eftriiiiaet 1854 Hof - Spedlteure S. M. des Monies von Spanlen ©ajrunoci iss4\nlllllllllIII!llllllllllll!!Miilllllllllllllllllllllllllllll!l!lllllllllllllllllllllilllllll!l!lllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllillllllllllll!llllllilll\nSpedition und Mobeltransporte, Verpackung und Lagerung\nvon Gemalden und Kunstgegenstanden jeder Art Lieferung\nund Empfang nach und von alien Kunstausstellungen des\nIn# und Auslandes Transportversicherungen jeder Art.\ni:inilHI!ltlllllllll!lllll!llllinilllllimill!IIIMIIi::ilIIIIIIIUllll!lllll!llillHII!l!lllllllll!!lllll!lll!i!llllllllllll!llllllllllllllillllllilIIIIl!IIIIIIUt\nSpedlteure des Wirtschalflichen Verbandes DUdender KUnstler. der rrelen Secession,\ndes ferbandes Deutsctier Illustratoren und Housspedlteure des ..Slurm\".\n\nP ll §P Ah jmf ftM ISk\nPIPIIIfIRIIAPPC\nj '\nGesamtwerk 69 Papierfarben von hdchster Farbkraft liefert\nPAPIERFARBBILDER ,\nvon unerreichter Schonheit / Geschutzt in alien Kulturstaaten\nJeArmiMelf\nJVunshnappe? JVfafllasfenf\nZu beziehen durch Warenhauser, Spielwaren* und Lehrmittelhandlungen oder durch\nSTURMsBUCHHANDLUNG / BERLIN W 9\nPOTSDAMER STRASSh 138 a"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.3", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT / HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\n\nRudolf Blümner zum fünfzigsten Geburtstag\nBekenntnisse und Erkenntnisse\n\nVor fünfzig Jahren wurde ein Mensch ge-\nboren, den ich seit zwanzig Jahren liebe\nund der mich seit zwanzig Jahren liebt.\nIch bekenne mich zu ihm, wie er sich zu\nmir bekennt. Wir sind Freunde, Freunde\ntrotz täglichem Umgang. Deshalb habe\nich das Recht, ihm ein Mal zu setzen, das\nüber unser Denken geht. Das über unser\nFühlen kommt. Ein Denkmal über Vieler\nGehen und Kommen.\nWarum soll man das Denkmal nicht vor\ndas Leben setzen. Ist das Leben nicht zu\ndenken wert, ist das Leben nicht zu danken\nwert, dann ist das Leben nicht wert, gelebt\nzu sein.\nDer fünfzigste Geburtstag ist ein äusserer\nAnlass, sagen die Reichen im Geiste. Und\nist die Geburt nicht ein äusserer Anlass.\nIst irgend etwas innen, was aussen zu\nlassen ist. Tun nicht die meisten aussen,\nwas innen zu lassen ist. Lassen nicht die\nmeisten innen, was aussen zu tun ist. Hier\nist ein Mensch, dessen Tun Tun und dessen\nLassen Lassen ist. Aussen zu innen. Innen\nzu aussen. Ein Mensch.\nFreundschaft ist Pflicht. Liebe Treue.\nPflicht ist die Erkenntnis des Tuns und\ndes Lassens im Verhältnis zu den Anderen.\nFreundschaft die gleiche Stufe dieser Er-\nkenntnis.\nLiebe ist das Bekenntnis für einen An-\nderen. Das Tun zu lassen oder das\nLassen zu tun. Treue ist die Dauer des\nBekenntnisses.\nDie Liebe opfert sich, sie stirbt.\nDie Freundschaft opfert, aber nicht sich.\nSie lebt.\nFreundschaft wird Liebe, Liebe nie Freund-\nschaft.\nRudolf Blümner ist der Mensch der\nPflicht. Der Freund der Pflicht. Sein\n7\nLeben geht vom Bekennen zum Erkennen\nund vom Erkennen zum Bekennen. Nicht\nmit einer Tat, nicht mit einem Wort ist er\nje hinter sich geblieben.\nRudolf Blümner suchte das Recht. Und\nals er es erkannte, verliess er den Beruf,\nRecht zu sprechen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.4", "texte": "Rudolf Blümner suchte den Ausdruck sei-\nnes Seins, des Seins. Als et ihn erkannte,\nverliess er den Beruf, sich zu verstellen.\nDas Theater ist ein Panoptikum, aus dessen\nFiguren unnatürliche Töne natürlich her-\nausgepresst werden. Sein Ausdruck ein\nVerzerren der Gesichter, sein Rhythmus\nein Gehen- und Stehenlassen. Sein Gefühl\ndas Gedachte eines Schreibers.\nKunst ist die Organisation optischer oder\nakustischer Phänomene. Das Leben tönt.\nEs tönt aus dem Schrei des Kindes, aus\ndem Laut der Sinne, aus dem Ton der\nEmpfindung, aus dem Wort des Erkennens.\nSchreie Laute Töne Worte heben und\nsenken sich. Die Bindung ihres Hebens\nund Senkens ist die Kunst des Sprechens.\nIst die Sprechkunst.\nRudolf Blümner ist der Meister der Sprech-\nkunst.\nEr hat als erster das Material dieser Kunst\n*\nwiedererkannt: den Tonfall.\nEbenso wie das Theater nichts mit der\nVerlegenheit der Literatur zu tun hat,\nebenso ist die Sprechkunst unabhängig von\ndem, was man Dichtung nennt. Die Wir-\nkung liegt im Sprechen, nicht im Ge-\nsprochenen. Nicht der Ton macht die\nMusik. Die Beziehungen der Töne machen\nsie. Nicht der Sprechton macht die Sprech-\nkunst. Die Sprechintervalle machen sie.\nDas Wort wird durch die Stimme vorge-\ntragen: als Schrei, als Laut, als Ton, als\nKlang. Die Sprechtöne werden durch ihre\nkünstlerische Beziehung gegliedert. Die\nSprechmelodie entsteht durch die künstle-\nrisch-logische Bewegung der Sprechtöne,\nalso durch Rhythmus. Der Sinn, die\nAbstraktion der Lautverbindungen, ist se-\nkundär geworden, primär bleibt er ohne\nkünstlerische Bedeutung. Denn Empfin-\ndungen, menschliche und künstlerische,\noffenbaren sich nur konkret.\nDas Phänomen der Sprechkunst hat Rudolf\nBlümner als erster wiedererkannt. Das ist\nsein historisches Verdienst. Sein künstle-\nrisches ist es, Sprechkunstwerke zu gestal-\nten. Da dieses Denkmal einem Lebenden\nerrichtet wird, bleibt es den Zeitgenossen\nunbenommen, diese Kunstwerke aufzuneh-\nmen. Zehntausende haben sie vernommen.\nErschüttert und ergriffen. Millionen haben\nes noch versäumt. Ihnen zeige ich: Hier\nist Kunst zu erleben.\nKunst lässt sich nicht beschreiben. Kunst\nsoll man sehen oder hören. Diese Worte\nsind Fanfaren, die die Gläubigen der Kunst\nzur Kunst sammeln sollen. Hier ist der\nlebende Künstler, der sein Leben in die\nKunst gibt und dem die Kunst, erkannt und\ngekonnt, ihr ewiges Leben gibt.\nWir grüssen Dich, Rudolf Blümner,\nwir, denen Du töntest. Wir ehren den Künst-\nler, der die Kunst ehrt und den die Kunst\nehrt. Wir beugen uns vor dem Uner-\nhörten, das aus Dir, das durch Dich hallt.\nIch gebe Dir mit beiden Händen beide Hände.\nStolz, dieses Freundes Freund zu sein.\n\nHerwarth Waiden"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.6", "texte": "Sturmposaune\nFür Rudolf Blümner\nKurt Heynicke\nAm 19. August 1923\nBlaugelockt sind alle Stunden\nsternbefiedert schwingt der Traum\naus dem Herzen Deiner Stimme\naufhinauf gen Uebererden\nwo die starken Göttersöhne\nihren Sonnenrausch besingen.\nDorther dröhnst Du\nSturmposaune\nreisst die blassen Horcherseelen\nhimmelüberhöllen durch\nzu Dir!\nGipfel lachen\nLeben brandet\nzeitvorbei an Deinem Fuss!\nIn den vollen Händen des Erinnerns\ntoben abertausend tolle Wünsche:\nEwig tanzt Dein Jahr!\n\nVortragsabend\nFür Rudolf Blümner\nKurt Heynicke\nIch höre meine Seele singen\ndie Flammen junger Stunden steigen auf\nim Dunkel leuchtet eine Stimme\nfremd\nund ich\nIch blühe\nströme\nüberströme\nempor in meiner Seele Heimat,\nmeine Sterne!\n\nDie Stimme Rudolf Blümners\nLothar Schreyer\nDeine Stimme hüllt uns Wort\nUns Wort füllt Deine Stimme\nUns Wort tönt uns Welt\nDu Mund uns Welt\nWir Wort nicht uns\nDu Stimme nicht Dein\nDie Stimme gegeben\nDas Wort empfangen\nDas Wort Geschieht\nGeschehen tönt\nUnd Erde rollt die Erde berstet\nUnd Erde kreist die Kreuzgebtirt\nDas harte Wehen tönt\nUnd aller Erde Tiere Klage stöhnt\nDie Menschen weinen ohne Hoffen\nSinnlos sinnenloses Menschenweinen\nWild jauchzt der Herr der Welt\nDie Heere stürmen\nFlattern Peitschen Fahnen Blitze Schlangen\nUnd Leiber wälzen sich und türmen sich\nund rollen das Gebirge in den Stern\nDer Schlund des Abgrunds wirft die Frucht\nDer Sturm\nDer Sturm\nDer Sturm\nEr dröhnt und rauscht und rollt\nGlasklar der Schrei des Nichts\nIn Deiner Stimme schreit der Mensch\nUm Hilfe schreien alle Menschen\nSteil empor\nUnd fallen fallen füllen fehl\nUnd steil empor\nHinan und über höher Zitter Glast\nUm Eins\nEin\nEin\nAllein\nEinsam\nEin All\nDer Eine\nKeiner hört\nKeiner sieht\nUnd fallen fehlen fallen\nUnd keiner hilft\nUm Menschenhilfe\nMenschen um den Menschen\nOpfer raucht\nVerzehrt Verzichten\nArmut\nArmut\nMenschenhilfe glüht allein\nEinsam blüht der Mensch\nEinsam tönt das Wort\nDen Samen senkt die Stimme\nDer Hilfelose singt sein Lied\nDas Hilfelied erlöst den Hilfelosen\nSturm leidet Wehen der Geburt\nMenschwort gebärt die Welt"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.7", "texte": "William Wauer: Porträtbüste Rudolf Blümner / Plastik"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.8", "texte": "Porträt Rudolf Blümner\nKurt Schwitters\nDer Stimme schwendet Kopf verquer die\nBeine.\nGreizt Arme quälte schlingern Knall um Knall-\nUnstrahlend ezen Kriesche quäke Dreiz.\nUnd Knall um Knall.\nVerquer den Knall zerasen Fetzen Strammcher\nquill.\nUnd Knall um Knall.\nUnd Knall um Knall.\nKreuzt Arme beinen quillt den Stuhl.\nDer Stuhl ist eine Schraube, klammerwin\nden Stramm.\nUnd Knall um Knall der Stimme köpft.\nDie Beine schrauben Arme würgend liss.\nDieses Gedieht, zuerst im Sturm veröffentlicht,\nwurde in die Gedichtsammlung von Kurt Schwitters:\n„Anna Blume\" übernommen. Nicht zu verwechseln\nmit der Gedichtsammlung „Die Blume Anna\" des-\nselben Verfassers\n\nSechstaktmotor\nFür Rudolf Blümner\nFranz Richard Behrens\nBlühen muss meine Maschine\nGrüne Frösche\nVerspannungsbefestigungslasche\nHellgrünheben\nNeunzehnhundertneunundsiebzig\nWenn ich meine Bomben werfe\nGrüne Hunde\nAntrieb vom Geschwindigkeitsmesser\nRote Dächer\nFünfundzwanzig und dreissig Kilogramm-\nquadratmeter\nBin ich schneller als er\nDer stille Herr\nZelluloid\nDunkle Bäume\nElftausend Kilogramm\nAber wohin werfen\nMondsüchtige\nZellon\nWeisse Wölkchen\nDreimal hundertzwanzig Quadratmeter\nJetzt gilts Freund\nDer Nachtwandler\nPropeller mit geschweifter Eintrittskante\nPlatzende Schrapnelle\nKa X Ka Ypsilon und A durch W\nEr ist stark\nDer Drehwurm fährt\nAus einem Stück gebogenes Scharnier\nDaunen steigen\nEins Komma Eins von Hundert\nFünfzig Meter steht er über mir\nGanz grosse Kanone\nVorrichtung zur Verankerung der Verwin-\ndungsklappen bei Wind\nHalten sich zu meiner Rechten\nNull Komma Dreizehn Millimeter\nFünfzig Meter liegt er auf mich\nKüken Rollengehäuse für Seilzug\nSie mehren sich\nDreizehn Komma vier Metersekunden\nWas sind fünfzig Meter\nOberfranz franzt Strich\nHaftenteil für Gürtelschnalle zum Festschnal-\nlen\nSchon sind sie auf beiden Seiten\nEins Komma zwei zwei drei Kilogramm-\nkubikmeter\nDauerfranz verfranzt\nBajonettförmige Befestigung von Tragdecken-\nholmen\nDie mit Laub bedeckten Erdhütten\nFünfzehn Grad Celsius\nIch sehe sein Grinsen\nAffenfahrt\nAutokanister\nProtzen Munitionswagen Gespanne\nKa Ypsilon mal S mal V quadrat\nEr beugt über Bord\nIch will noch heute zum Südpol\nSchwarzblechklempner\nIhr habt Recht Euch zu retten\nNullkommanullfünf neun — sechsdrei\nIch höre nichts mehr\nHa und Be\nTropfender Rostschutzlack\nFünf Atemzüge sitze ich ihm im Rücken\nKaltes Messer am Halse\nMäuschen und Nägel\nKugellager\nHerz über Herz\nKreuztraversen\nSplitter spritzen fünfundzwanzig Meter Gur-\ngeln\nMeine Maschine küsst mir die Hand"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.9", "texte": "Oskar Kokoschka: Rudolf Blümner / Geboren am 19. August 1873 / Zeichnung"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.10", "texte": "Er ist mager und wird nie\nsterben\nTibor Déry\nNachts blies starker Wind, jagte grosse\nSchwärme summender Goldfliegen gegen die\nStadt. Der Fotograf beachtete sie nicht, als\ner das Glasdach öffnete. Er legte sich\nschlafen. Um Mitternacht tanzte der Vogel\ndurch die Öffnung ins Atelier, schrie laut\nund weckte den Schläfer auf. — Ich\nmöchte noch schlafen — sagte der Fotograf,\ndenn er hielt die Augen des Vogels für\nMorgenröte und glaubte, dass unten auf dem\nAsfalt die Mistwagen kreischten. Dann\nwarf er sich auf die Knie, weinte und flehte\num Gnade. Der Vogel aber sass ruhig auf\ndem Dach des fotografischen Apparates.\nEr sagte:\n— Lüge nicht, sonst beisse ich dir in die\nKehle! —\n— Ich habe kein Brot und keinen einzigen\nStern — sagte der Fotograf und sprang\njammernd in die Dunkelkammer. Doch der\nVogel nahm ihn beim Haar und zog ihn\nzurück. Die Mäuse piepsten scharf und\nbeleuchteten mit gespenstischen blauen La-\nternen den Fussboden. — Ich hab's! —\nschrie der Vogel und zog aus den Ritzen\ndes Parketts die Fotografie der blonden\nJungfrau heraus.\nDer Zeitungszusteller legte kalte Umschläge\nauf die Stirne des Fotografen, die Milchfrau\nrang die Hände. — Ich bin zu spät ge-\nkommen — sagte der Bäckergehilfe — er\nflog gerade zum Fenster hinaus. — Die\nganze Versammlung jammerte laut, draussen\ndonnerte der Himmel und rote Blitze kreuzten\nüber dem Glasdach. Der Regen strömte wie\naus Eimern und die gedunsene Leiche eines\nSäuglings schwamm auf den Wellen des\nKanals vor dem Fenster vorüber. Der Vater\nder geraubten Jungfrau erschien in Trauer-\nkleidern im Atelier und riss sich mit den\nNägeln die Brust blutig.\nDer Vogel aber tanzte unsichtbar über den\nWolken und wohin er trat, wuchs grosses\nUnglück.\n— Du wirst sterben — sagte die Mutter des\nFotografen, als sie nach Monaten ihren Sohn\nwiedersah. Er sass unter dem Tisch, auf\ndem Fussboden lag zerstreut sein ausgefallenes\nblondes Haar. — Seit drei Monaten hat er\nkeinen Bissen gegessen — sagte die Haus-\nmeisterin und lief jammernd auf die Strasse.\nEin leuchtendes blaues Mal erschien in der\nStirne der Mutter. Sie löschte das elektrische\nLicht aus und gab dem Fotografen aus ihren\nBrüsten zu trinken. Dann starb sie. Dem\nFotografen wuchsen die Haare wieder heraus,\ner stand auf und zündete das Atelier an.\nIm Wald, zwischen den glühenden Erdbeeren,\nlauerte er dem Vogel auf.\nGib sie mir nur auf eine Stunde zurück! —\nsagte er — dann kannst du mir die Kehle\ndurchbeissen —\nAber der Vogel nahm die Fotografie in den\nSchnabel und flog weiter. Laut jammernd\nfolgten ihm auf der Landstrasse die Männer,\ndie ihre Frauen verlassen hatten und wie\ndie Hunde mit magerem Leibe litten. An\nder Spitze rannte der Fotograf und bellte\nvor Schmerz. Bienchen flogen summend\nüber ihren Köpfen und Hessen süssen Honig\nauf die müden Füsse fallen. Am Rande\nder Landstrasse barst ein Baumstamm ent-\nzwei, schleuderte Laternen aus seinem Inneren\nund beleuchtete die Nacht.\nDer rote Mond lag auf dem Himmel wie\nein trächtiges Tier und murmelte drohend.\nEr trank eine Wolke aus und die Roggensaat\nam Fusse der Berge trocknete ein.\nDerFotografbegegneteeinem alten Kaufmann,\nder aus dem Auto ausstieg, die Füsse des\nFotografen küsste und ihn folgendermassen\nansprach: Von deiner Stirne strahlen Radium-\nsterne und du bist stark wie ein Büffel.\nIch werde dich in meinem Garten mit Milch\nund in Fett gebackenem Teig speisen, erwärme\nmir mein Alter!\nDer Fotograf wurde in weisse Seide gekleidet.\nDoch die Trauben im Geschirr trockneten\nein und der gebackene Teig fing Feuer in\nder Sonne. Im Garten lag er, ganz mager\nschon, nachts beobachtete er die Männer,\ndie singend vor dem Zaun vorbeizogen und\nden Vogel suchten. Die Frau des Kauf-\nmannes verjagte sie mit ihrem Besen. Sie\ngebar zwei gesunde Söhne, tanzte glücklich\nim Schlafzimmer und der Stern des trau-\nrigen Fotografen leuchtete. — Ich bin gesund\ngeworden — sagte der Kaufmann seiner\nGattin. — Und ich habe dir zwei Söhne\ngeboren — sagte die Frau. Über ihrem\nHandgelenk schnitt sie sich die Ader durch,\nmischte Blut in die Speisen, aber der Foto-\ngraf hörte eines Nachts die Stimme des"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.11", "texte": "Rudolf Blümner:\nVolkshymne\nH. W.\nEs wird hiermit der Öffentlichkeit eine Musik übergeben, die alle guten Eigenschaften\neiner Volkshymne in sich vereinigt. Sie ist künstlerisch und sinnfällig. Sie offenbart das\nSehnen unserer Zeit und über die Zeit hinaus das Sehnen. Der Sturm sucht für die Musik\nnoch immer eine Dichtung, die diese Musik künstlerisch einwandfrei, sinnfällig, zeitlich\nund räumlich unbeschränkt, in Worten gestaltet."}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.12", "texte": "Vogels, grub sich mit den Nägeln ein Loch\nin den Zaun und entfloh.\n— Bleib stehen! — schrie er. Er kroch\nauf die Spitze des Kirchturms und bewarf\nden Vogel im Mondschein mit Kieselsteinen.\nDer Vogel sagte: ,\n— Du wirst mich nie einholen! —\nDer Fotograf flog auf einen anderen Turm,\nriss das Kreuz herunter und warf es auf\nden Vogel. Dieser sagte:\n— Bleib auf der Erde und heile die Kranken! —\nEinen Monat lang regnete es. Die Menschen\nrichteten vor die Städte hohe Mauern aus\nAluminium, stülpten Drathglocken über die\nGassen und Tag und Nacht brannte das\nelektrische Licht. Aber es blieb immer\nfinster. Als der Fotograf in die Stadt kam,\nfingen die Menschen an zu schreien. Die\nMänner sagten: Wir sehen unsere Frauen.\nDie Frauen sagten: wir sehen unsere Kinder.\nAlle zusammen schrieen.\n— Der Sturm hat sich gelegt . . . wir sind\nnicht erblindet! —\nAber kaum hatte der Fotograf die Stadt\nverlassen, da wurde es wieder finster. Die\nMenschen liefen ihm nach, erreichten ihn\nvor dem Tor, brachten ihn wieder zurück.\nJeden Tag schlachteten sie ein weisses\nZicklein und garnierten es mit duftenden\nWalderdbeeren. Der Fotograf sagte dem\nGefängniswärter, der ihn im Frack und\nweissen Lederhandschuhen bewachte:\n— ich werde sterben, wenn du mich nicht\nfrei lässt —\nEr weinte, frass Erde und lief den ganzen\nTag neben der Mauer auf und ab. Er riss\nsich das Haar aus. Die Männer wurden\ntraurig, wenn sie ihn erblickten. Doch die\ngrausamen Frauen liessen ihn nicht frei.\nDer Vogel kreiste schadenfroh zwischen\nden Türmen der Stadt, eilte mit leisem\nSchwirren in die Berge. Im Herbst brachte\nman die Ernte ein. Alle waren betrunken.\nDer Fotograf kroch auf das Hausdach, sprang\nin den Graben hinunter und schwamm\nunter Wasser mit den Karpfen ins Freie.\nEr lief geraden Weges zum Vogel und kniete\nsich jammernd vor ihm nieder.\nDer Vogel wohnte auf dem Gipfel des Berges.\nEinige Graben weiter baute sich der Fotograf\nein grosses Haus und umzäunte es sorgfältig\nmit einer niederen Steinmauer. Als er auf-\nwachte und auf das Dach kletterte, erblickte\ner in der Nachbarschaft bereits ein neues\nHaus und unten aus dem Tale schlängelte\nsich ein langer schwarzer Zug den Abhang\nhinauf. Er schloss sich in das Zimmer ein,\naber die Maurer hämmerten draussen so\nstark, dass er nachts nicht schlafen konnte.\nAuf dem Fensterbrett sass er, schaukelte\ndie Beine und schaute mit geschlossenen\nAugen auf die in elektrischem Licht wach-\nsende Stadt. Am Morgen rief er den Polier\nzu sich.\n— Hier ist ein Eimer voll geronnenen Blutes\n— sagte er — misch es in das Malter! —\nDie Menschen wunderten sich, dass die\nMauern im Sonnenschein lautlos zusammen-\nbrachen. Der Fotograf wanderte auf der\nDachtraufe, mit tränenden Augen suchte er\nden Vogel und streckte sehnsüchtig seine\nmageren Arme aus. Frühmorgens ging er\nin den Wald, in der Mitte des Waldes war\neine Lichtung, in der Lichtung eine Quelle,\nunter der Quelle schwammen die Neuge-\nborenen mit geschlossenen Augen. Der\nFotograf ging von Haus zu Haus und zeichnete\nmit Kreide Kreuze auf die Haustüren. Dort,\nwo er zwei Kreuze zeichnete, kamen Zwillinge\nzur Welt.\nAber das geronnene Blut ging aus und die\nMenschen erbauten die Stadt. Jeden Tag\nkamen neue Reisende in elektrischen Ma-\nschinen an, kreisten über dem Gipfel wie\ndie Fledermäuse, stiegen in Scheinwerfer-\nlicht auf die Lichtungen nieder. In den\ngrossen Hotels lärmte die Menge, nachts\nassen sie auf den Terrassen Gefrorenes und\nunter Bogenlampen tanzten die weissen\nFrauen. Der Fotograf konnte nicht schlafen.\nAm Morgen sagte er einem kranken Menschen:\nHauch die Stadt an und ich werde Dich\nheilen» Doch der Kranke wollte nicht.\nDann ging er zum Portier des Hotels und\nwarf sich vor ihm auf die Knie. — Fürchter-\nlicher Engel! — sagte er — ich habe meine\nGeliebte verloren. Wenn du deine Tore\nschliessest, werde ich sie wiederfinden! —\nNachts weinte er, riss sich das Haar aus,\nund der Stern auf seiner Stirne glänzte\ndermassen, dass die Leute das elektrische\nLicht auslöschten. In langen Reihen standen\ndie Autos vor seinem Haus, sie schwenkten\nTücher im Licht und tanzten vor dem Tor.\nDrinnen in den Zimmern strömte Blut von\nden Wänden.\nEin anderer Fotograf erbaute sich ein grosses\nHaus in der Mitte der Stadt und behing es"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.13", "texte": "mit elektrischen Tafeln. Aber niemand\nkümmerte sich um ihn. Die Gummizellen\nblieben leer und in den Ateliers maschierten\nSpinnen in breiten Reihen. Er stellte sich\nauf die Zinne des Hauses und sagte: Ich\nbin der Wahre. Aber die Menschen lachten\nund zeigten mit den Fingern auf ihn. Er\nfiel von der Zinne herunter.\nNachts ging er zum Fotografen, zog ein\nMesser und stach es ihm in die Brust Der\nVogel kam vom Gipfel herab und zog mit\ndem Schnabel das Messer heraus. Die\nWunde heilte sofort zu. Der Fotograf sagte:\n— Warum beisst du mir nicht lieber die\nKehle durch? —-\nDer Vogel zog fort, der Fotograf ebenfalls.\nAuf der Landstrasse war es sehr heiss, er\nlief barfuss und stopfte sich die Taschen\nmit kaltem Wasser voll. Aber das Wasser\nfloss immer heraus. Auf seinen Schultern\nliess sich eine Amselfamilie nieder, vermehrte\nsich unmässig und lärmte seine Träume\nmit dem Goldhaar der geraubten Jungfrau\nvoll.\nAm Rande der Landstrasse stand eine\nSchmiede. Der Schmied lief heraus und\nschloss sich dem Fotografen an. Der Blase-\nbalg blieb ihm auf der Schulter, aber das\nwar von Nutzen, denn er jagte damit die\nZudringlichen fort. Trotzdem umgab sie\nbald eine stetig wachsende Menge und der\nZug schlängelte sich lautlos durch die Nacht,\nzwischen den erleuchteten Meilensteinen.\nDie Frauen standen auf den Bergesgipfeln\nund streckten jammernd die Arme nach\nden Flüchtlingen aus. Der Schmied sagte:\n— Zeige mir im Geheimen deine Erinne-\nrungen! —\nDer Fotograf öffnete sein Herz, in roten\nSamt gebettet lag dort das Kabinettbild\nder Jungfrau. Der Schmied blies mit dem\nBlasebalg.\nAber die Uebrigen murrten, schrien und\nverlangten unzufrieden das Bild zu sehen.\nDer Fotograf zeigte es jedem; sie verstummten.\nEinige nahmen einen blinden Jüngling beim\nArm und erzählten ihm, was sie gesehen.\nDieser schrie: Jumaiai.\nDem Fotograf hing das Haar in die Stirne,\nan seinen Sohlen waren zwei grosse Wunden\nund doch flog er rascher, als die, die ihm\nzu Pferd folgten. Diese ermüdeten und\nsagten: Wir laufen umsonst, der Vogel ist\nschon gestorben.\nSie fragten die Menschen: habt ihr den\nVogel gesehen?\nDie Menschen antworteten: Nachts schlafen\nwir und am Tage arbeiten wir.\nDiese Menschen gruben eine grosse Grube\nund füllten sie mit den Abfällen von Tieren.\nMorgens legten sie sich vor die Grube und\nwarteten darauf, dass die Silbereier der\nSchmetterlinge aufbrechen. Abends gruben\nsie noch eine Grube\nDer Fotograf lief neben dem Geleise und\nder blinde Jüngling rief: Jumaiai. Die, die\nzu Pferde sassen, sagten: Der Vogel ist\ngestorben, wir gehen nachhause. Ein Mann\nschwenkte vom Weg ab, öffnete ein Haus,\nsagte: Ich bin daheim. Er trank Milch\nund streichelte seine Kinder. Ein Anderer\nsagte: Der Vogel hat mir gestern abend das\nBild geschenkt. Ich gehe nachhause. —\nDoch diesen Lügner schlugen sie tot.\nAls Letzter ging der Schmied weg. Er warf\nden Blasebalg in die hohe Saat, riss sich\ndas weisse Haar aus und floh in den Wald.\nDer blinde Jüngling klammerte sich an den\nRock des Fotografen und lief ihm schreiend\nnach. Doch er war schwach und starb bald.\nMan begrub ihn in der Mitte der Landstrasse.\nEs schneit in den Bergen und die Tiere sind\nalle in das Tal gegangen. Der Sturm\nschnitzt grosse Schneetürme. Der Fotograf\nklettert auf den höchsten Gipfel, dort sitzt\ner und forscht bekümmert zwischen den\nWolken. Er ist mager und wird nie sterben.\n\nUeber die Möglichkeit einer\nneuen Religion\nI\nWilliam Wauer\nWas ist Religion'?\nEin NotmitteL\nIn welcher Not befindet sich der Religions-\nbedürftige?\nWogegen braucht er ein Mittel?\nGegen die Unsicherheit seiner Lebenslage,\nseiner Mensch-Lage.\nDer Mensch fühlt eine Notlage und sucht\nihr abzuhelfen.\nDie Abhilfe, die er sich schafft, ist das, was\nwir Religion nennen.\n„Religio\" heisst Götterscheu.\nEs ist kein deutsches Wort, sondern ein la-"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.14", "texte": "teinisches und bezeichnet auch etwas Un-\ndeutsches, etwas Römisches.\nWir wissen nicht, wie die alten Römer das\nWort begriffen, auslegten und empfanden.\nJedenfalls nach Bauernart, die die Natur-\ngewalten mit Scheu vor ihrer Uebermacht\nverehrt. Wir wissen, dass uns mit Scheu\nallein heute nicht mehr zu helfen wäre.\nWir verstehen deshalb unter Religion etwas\nAnderes, etwas uns Entsprechenderes, Um-\nfänglicheres, weil wir die Naturgewalten\nnicht mehr als Göttergestalten begreifen.\nUnser Gottesbewusstsein hat sich vergeistigt\nund vertieft.\nWir nennen Religion da« Verhältnis, in das\nwir uns zu „Gott\" zu setzen suchen, um aus\nunsrer Seins-Unsicherheit heraus zu kommen.\nWir sind nicht religiös, weil es ein Ver-\nhältnis von „Scheu\" ist, das wir für nötig\nhalten, unsere unsichere Lage zu festigen,\nsondern weil wir ebenfalls ein Ver-\nhältnis zu „Gott\" für nötig halten.\nAuch wir halten es heute noch für nötig,\nuns zu „Gott\" irgend wie einzustellen.\nWas aber ist Gott?\nGott ist zunächst ein Begriff - der Begriff,\nder alles umgreift, in sich fasst und be-\ndeutet, was dem Menschen eben fehlt, um\nzu einer Sicherheit seiner Lebenserfassung\nzu kommen.\nGott nennt der Mensch also die Sicherheit,\ndie er braucht, in seiner Lage als Mensch,\ngegenüber seiner eigenen und der kosmischen\nExistenz,\n— Gott nennt er das Mittel, mit dessen\nHilfe er seine Lage verstehen und ein-\nrichten will.\nInwiefern aber hilft ihm nun Gott dazu oder\ndas, was er Gott nennt?\nInwiefern kann und soll er ihm helfen?\nDer Mensch fühlt sich im All schwach,\nhaltlos und dumm.\nEr weiss nicht, wie er in den Wirbel, den*\ner Sein oder Leben nennt, hineingerät, was\ner in ihm soll, wie er sich in ihm am\nbesten verhält.\nSein Denken, seine Kraft und sein Wille\nzwingen ihn zu leben — erklären ihm\naber das Leben nicht. Im Gegenteil: gerade\ndas Menschsein macht alles problematisch.\nUnd das am meisten, wenn er leiden muss,\nwenn es ihm schlecht geht.\nIn bösen Zeiten verliert das Menschendasein\nanscheinend jeden Sinn für den Menschen.\nWeshalb soll er leiden, warum muss er leben?\nIn solchen Zeiten braucht er in stärkerem\nGrade eine Motivierung seiner selbst als in\nsogenannten „guten\". In guten Zeiten scheint\ndas Leben schon eher lebenswert zu sein:\nda braucht man keine „logische\" Motivierung,\nman ist lebenslustig, man „amüsiert\" sich.\nDeshalb sind die guten Zeiten die religions-\nlosen, die bösen Zeiten aber bringen immer\ndie Sehnsucht nach Religion, nach Daseins-\nmotivierung in stärkstem Ausmasse zur Gel-\ntung. Schlimme Tage erinnern den Men-\nschen wieder an seine Nichtigkeit unter\neinem erdrückenden Schicksal im Allge-\nschehen — so entsteht dann der Gedanke\nder Strafe für die „Gottlosigkeit in den guten\nTagen.\"\nGute Zeiten sind Zeiten des Leichtsinns, der\nOberflächlichkeit und Sinnenbetäubung. Böse\nZeiten sind die des Sichbesinnens, die der\nLäuterung und geistigen Vertiefung des Le-\nbenswillens.\nDenn in jedem Menschen — auch dem leicht-\nfertigsten Geniesser — bleibt das dumpfe\nRätsel seines Seins bestehen und hebt in\nleeren Stunden drohend sein Haupt und\nfragt: was hat dein Leben für einen Sinn —\nwas hast du für einen Sinn?\nSinnloses und zweckloses Sein ist dem\nmenschlichen Denken ein Graus! Das\nganze Wesen seiner Natur sträubt sich da-\ngegen, so sehr, dass die blasierten prinzipiell\nunreligiösen Uebergeniesser dem Selbstmord\nals einer gewaltsamen Selbsträtsellösung\nimmer näher sind als die Jammervollen,\ndie noch in der schlimmsten Gefährdung\nihrer Lebenslage um den Sinn ihres Daseins\nringen.\nDer Selbstmord ist keine Antwort auf die\nFrage nach dem Sinn des Lebens. Er weicht\nihr aus.\nWie kommt es also, dass wir uns vernichten,\num nicht sinnlos zu leben? Wie kommt\nes, dass wir uns „nichtig\" fühlen, wenn\nwir sinnlos leben?\nWas zwingt uns zu fragen: was für einen\nSinn hat Leben, das Leben des Menschen?\nHat es überhaupt Sinn? Ist nicht Alles\n— Unsinn?\nWas gewinnt der Mensch durch\ndas Wissen um den Sinn des\nLebens? Das ist die Frage.\nDer denkende Mensch ist und fühlt sich\nals eine Einzelheit im Kosmos, im All,"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.15", "texte": "er weiss: das ist sein Schicksal, seine Be-\nstimmung, sein Sein. Nun möchte er die\nBedeutung seines Platzes als den eines\nTeiles im Ganzen kennen lernen, um ihn\nrecht ausfüllen zu können. So lange er ihn\nnicht kennt, wird er von zwiespältigen Ge-\nfühlen und Gedanken zerquält.\nEr fühlt sich eingeordnet und gleichzeitig\nausgesondert, festgehalten und hinausge-\nstossen. Umfasst und doch isoliert. Im\nWirbel und doch ohne Zusammenhang. Voll\nWissensdurst in einer unverständlichen Um-\ngebung, gezwungen und doch- nicht über-\nwältigt, frei und doch in allem gebunden.\nEr fühlt sich deplaciert, missbraucht, über-\nflüssig, störend in einer Harmonie, in einem\nEnsemble, in das er nicht ohne Weiteres\nhineinpasst, dessen Zusammenhang er nicht\nversteht und erfasst, dem er sich nicht an-\npassen kann in seiner Unwissenheit.\nSo entsteht der Gedanke: Der Mensch ist\nfremd auf dieser Erde, ein Gast; er gehört\neigentlich in eine andere Welt, in ein\nJenseits, in dem seine Heimat ist.\nAuf Erden ist er nur Stückwerk, ein gelöstes\nBlatt im Sturm — dort vollendet und ge-\nsichert — hier unwissend und beschränkt —\ndort verklärt und erfüllt — hier ungerecht\nbehandelt — dort gleichgestellt allen — hier\nunglücklich — dort selig.\nDiese Deutung, ein Glaube, der beruhigt,\nist den meisten Menschen aller Religion\nInhalt, Wesen und Sinn, seit alten Zeiten\nbis in diese Tage.\nEs ist aber mit dem Glauben nur ein Aus-\nweg, ein billiger Ausweg eingeschlagen\nworden — der Irrweg der judaisch-christ-\nlichen Religionslehren, zu denen auch die\nMohameds gehört.\nUnd der Irrweg wurde empfunden. Man\nwusste, dass durch Etwas, das man glauben\nmuss, dem Menschen keine Sicherheit ge-\ngeben werden kann.\nNur Wissen und wirkliche Erkenntnis kann\ndie Frage nach dem Sinn des Daseins be-\nantworten.\nWeil nun diese Beantwortung nicht möglich\nschien, und der Glaube als Ausweg nur den\nAustausch einer Unsicherheit mit einer an-\nderen bedeutete, schuf man eine Autorität,\neine höchste Autorität, die entscheiden\nmusste, autoritativ, dass gerade in diesem\nFalle der „Glaube\" mehr sei als „Wissen\"\n— dass dieser von Gott als Autorität ge-\nstützte „Glaube\" sicherer sei als Ge-\nwissheit. Dass Gott, die Autorität, eben\ndiesen Glauben in diesem Falle fordere;\ndenn es sei der Glaube an ihn selbst und\nseine Autorität.\nSoviel Behauptungen, soviel Irreführungen\n— soviel Eifer, soviel Selbstbetrug und Aus-\nrede — soviel Willkür und Unsicherheit,\nsoviel Fanatismus und Unerbittlichkeit der\nForderung!\nAber keine Gewalt, auch eine göttliche nicht,\nkann eine Lösung in diesem Falle bedeuten.\nDie Frage nach dem Sinn des Lebens ent-\nspringt durchaus dem logischen Wesen\nund Bedürfnis des Menschdenkens und\nkann deshalb auch nur logisch beant-\nwortet werden.\nDer Glaube und der Glaubensinhalt sind\naber keine Denkgebilde, die logisch sind\nund logischer Untersuchung stand halten.\nUnlogisch oder überlogisch kann man aber\nkeine logische Frage beantworten. Dabei\nkäme nur Unsinn heraus. Und die Frage\nnach dem Sinn des Menschseins mit einem\nUnsinn zu beantworten, ist wertlos.\nWeder in realer noch in metaphysischer\nBeziehung hat es einen Wert, unerweisliche\nBehauptungen aufzustellen. Der metaphy-\nsische Wert ist ja überhaupt nur erfunden\nworden, um diesen und ähnlichen Unsinn\nauch noch pseudo-wissenschaftlich zu stützen,\ndurch „Philosophie\".\n„Glaube\" bleibt Unsicherheit.\nUnd Gott — wenn er selbst nur ein Glaube\nist, kann als solcher dann autoritativ auch\nnicht Glauben fordern. Eine Unsicherheit\nkann durch Postulate von weiteren Unsicher-\nheiten nicht gewisser werden. Auch wenn\nsie sich terroristisch durchzusetzen sucht,\nGlaube ist „Wissens er s at z\"\nWir können und brauchen uns aber nicht\nmit Ersatz begnügen, wenn wir Wissen\nselbst, echtes Wissen haben können.\nWir brauchen auch Gott nicht nur zu\n„glauben\", wenn wir wissen, was und wie\nGott ist.\nWir hatten es bereits gesagt: Gott ist der\nInbegriff alles dessen, was der Mensch zu\nseiner vollen Lebenserfassung braucht.\nAls dieser Inbegriff ist Gott so ge-\nwiss vorhanden, wie die menschliche Sehn-\nsucht nach Sicherheit seiner Daseinser-\nfassung vorhanden ist. Beide sind eminente\nLebensrealitäten für den Menschen."}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.16", "texte": "Was aber ist nun Gott, wenn er Gott-\nwissen ist — und wie lautet die Beant-\nwortung der Frage nach dem Sinn des\nMenschenseins, die Gewissheit ist?\nDiese Feststellungen sind noch zu machen.\nGott kann nur sein die Wesenheit der\nSeinsauswirkung selbst. Sonst\nhinge er in der Luft, ein leerer Schemen.\nEr bliebe ohne Sinn, Leben und Wirken,\nAls wirkende Ursache und kosmischer Ur-\ngrund alles Seins und Nichtseins aber offen-\nbart er sich im All als in seiner Wirk-\nlichkeit.\nEr ist die Kraft in allem Geschehen und\nalles Geschehen aus seiner Kraft. Er ist die\nsich aus sich immer wieder entrollende,\num Vollendung in Ewigkeit ringende Un-\nendlichkeit. Er ist das unendliche Werden\nund das Ewig-sichvollenden.\nDie sinnvolle, sich selbst denkende und da-\ndurch sich vollendende Auswirkung dieses\nGott-Seins ist der Mensch als höchstgear-\ntetes Lebewesen. Er ist die organische\nSpitze im All. Er ist das organische Be-\nwusstseins-Zentrum im Kosmischen.\nDie zentrische Stellung des Menschen\nim Kosmos ist uraltes Menschenbewusst-\nsein, in seiner tiefsten Tiefe verankert. Man\nhat es lange Zeit für eine wissenschaftliche\nUeberwindung des alten, beschränkten\nMenschendenkens gehalten, für einen Fort-\nschritt in der Welterkenntnis, da s s man\nden Menschen aus dem Mittel-\npunkt des Kosmos entfernte.\nMan hielt es für die Abstellung eines Aber-\nglaubens und Vorurteils. Aber gerade ver-\ntieftes und echt wissenschaftliches „Denken\"\nfühlt zu dem uralten Menschbewusstsein\nzurück.\nDie zentrische Stellung des Menschen im\nKosmischen ist gerade die „göttliche\"\nSicherheit, die der Mensch hat, hatte\nund haben kann, es gibt ausser ihr keine.\nDie zentrale Stellung als All-\nmittelpunkt ist die Voraus-\nsetzung der Sinnbestimmung\ndes Menschseins. Und unsere alltäg-\nliche Erfahrung. Wir stehen nicht mecha-\nnisch, aber psychologisch im Mittelpunkt\nunserer „Weltanschauung.\"\nMittelpunkt heisst die Sicherheit im Wirbel\njedes Kreisens. Der Mittelpunkt ruht und\nzieht seine Sicherheit aus der Konzentration\nder Beziehungen aller wirbelnden Teile des\nKreisens auf sich und in sich. So zieht der\nMensch, wahrnehmend, denkend, empfin-\ndend, erkennend, das Wirken des Alls in\nsich hinein. So heisst auch „Gott-Sein\"\nUrmittelpunkt-Sein im Unendlich-\nkeitswandel des Kosmischen und seine ewige\nBeharrung sein im Urgründe und seine\nunendliche Ausdehnung sein im All-\nGeschehen.\nGott wirkt sich aus als Sinn alles Mensch-\nseins, als Konzentrationspunkt aller geistigen\nBeziehungen der Universalität, als Intensität\ndes Mikrokosmos und Extensität des Makro-\nkosmos. Der Mensch ist das Zentrum und\nder Anziehungspunkt aller geistigen Be-\nziehungen und Werte als Gott-U r-T eil.\nJeder Mensch ist ein Zentrum, um das sich\neine Welt, seine Welt dreht.\nJeder Mensch ist ein Uratom des Göttlichen.\n„Ur\" nenne ich dieses Atom. „Ur\" ist im\nMenschen das Göttliche.\nDas ist Beligion.\nDas ist des Menschseins Sinn.\nDas ist des Menschseins Gesetz.\nDas ist des Menschen Wesen.\nDas ist sein Werden und Wandeln, dass er\nwerde, was er ist.\nDas ist seine Sicherheit. Das ist seine Ge-\nwissheit.\nDer Mensch ist der Mittelpunkt seiner Welt,\nwie der Menschgott der Mittelpunkt aller\nMenschenwelten ist. Der Menschgott heisst\nmir Ur, weil der All go 11 der Univer-\nsalität nur als einzelner Menschgott, als\nunser „ U r\" in uns wirkend wird.\nDen Allgott können wir wesentlich nicht\nerfassen — nur nennen: Urquell und Ur-\nin und ung alles Göttlich-Kosmischen; den\nMenschgott U r machen wir in uns\nlebendig, wenn wir Gottmenschen sind.\nUr ist die individuelle Allgott-\noffenbarung im einzelnen Men-\nschen. ,\nSo offenbart sich Gott in der Urwesenheit\nder Individuen. Gerade durch die Indivi-\ndualisierung erhält jeder Mensch seinen\nSinn, seine Sicherheit, seine Stellung\nim Sein, sein Lebenszentrum, seine Welt,\nseine Mission. Jeder Mensch ist eine\nWelt in sich, ein Sonnensystem, ein winziges\nkosmisches Gebilde.\nMit jedem Menschen geht eine Welt unter:\nseine Welt — sie löst sich auf in der Uni-\nversalität, in die er selbst eingeht, wenn"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.17", "texte": "das kosmische System, das ihm eingeboren\nist, im All vergeht und abstirbt, weil er\nabstirbt. —\nWir wissen heute, dass der Entwicklungs-\ngang aller religiösen menschlichen An-\nschauungen ebenfalls ein Kreislauf war,\ndessen Bahn wir verfolgen können. Die ur-\nsprüngliche, älteste Religionsanschauung,\ndie zugleich eine Weltanschauung war, ist\ndie astrische: die Sternreligion. Die Urge-\nschlechterund alten Herrschervölker hefteten\nihre Totems, ihre Geschlechterabzeichen, die\nTierbilder ihres Stammes in den Zodiakus\ndes Himmelsgewölbes. In den Sternbildern\nund ihren Konstellationen, das heisst ihren\nStellungen zueinander und dem Verlauf ihrer\nBahnen, wähnten sie ihr Schicksal vorge-\nzeichnet. Und unbestritten galt die Lehre\nals selbstverständliches Wissen: des Men-\nschen Sein ist in das kosmische Geschehen\neingeordnet. Der Mensch muss sich damit\nbescheiden: und er beschied sich damit.\nMit der Entwicklung der Geschlechterge'\nschichte und der Stammessagen kamen im\nZusammenhang mit dem überall gepflegten\nAhnenkult die Mythologien unter den Men-\nschen mehr und mehr zur Geltung: die\nHelden der Urzeit verklärten sich ihnen zu\nGöttern, die sie mit den furchteinflössenden\nNaturgewalten symbolisch verschmolzen.\nSo gingen Ahnenkult und Götterkult inein-\nander über. Aber auch die Götter blieben\nUntertan dem Schicksal, dem unabänder-\nlichen Geschehen. Mit der religiösen Weiter-\nentwicklung entstand auch der Zweifel und\ndie Meinungsverschiedenheit und verkör-\nperte sich in menschlichen Feindschaften,\ndie zu Götterkämpfen erhoben wurden:\nGiganten und Riesen stürmten gegen die\nMacht der „Himmlischen\" an. Aus der Viel-\ngötterei der Ansässigen entwickelten die\nwandernden Völker in ihrem Führerbedürf-\nnis den Monotheismus, mit dem natürlich\ngleichzeitig Feindschaft mit „anderen\"\nGöttern aufkam: so wurde Abtrünnigkeit,\nUnglaube und Gottlosigkeit geboren. Aus\ndem Monotheismus entwickelte sich die\nchristliche „Rechtgläubigkeit\"; mit ihr die\n„Kirche\", die „Autklärung\" und der „Skepti-\nzismus\", der zur Auflösung der religiösen\n<\"v\"\nAnschauungen und Gottbegründungen über-\nhaupt führte. So kamen wir zum „Athe-\nismus\". Aber gerade der Atheismus kehrt\nstillschweigend zum menschlichen Urbe-\nWusstsein zurück, zu der religiösen Ueber-\nzeugung und Resignation: der Mensch ist\neingeordnet in das kosmische Geschehen\nund muss sich bescheiden.\nAber der Mensch des entwickelten Mensch-\nbewusstseins will und kann sich nicht be-\nscheiden. Die tiefe mystische Sehnsucht,\ndie auch die freiesten Denker noch merk-\nbar als Ketten ihres Menschseins tragen,\nführt nun in unserer Zeit zu vielfachen An-\nsätzen und Keimen von Religionsersatzbil-\ndungen. Denn wir leben in sehr bösen\nZeiten.\nHier setzt die moderne Theosophie ein mit\nihrer Lehre und Ausdeutung des Mensch-\nund Gotträtsels. Sie begreift den Menschen\nals ein halb irdisches, halb mystisches Wesen,\ndas mit dem Urmysterium Gott zum Zwecke\nder Wiedervereinigung verbunden ist.\nBesitzt diese Beantwortung der Frage nach\ndem Sinn des Menschseins die ersehnte\nKlarheit und überzeugende Sicherheit?\nDer Mystizismus, halb oder ganz, kann\nwissenschaftlichem Denken nicht genügen.\nDie selbstverständliche Forderung nach einer\nlogischen Antwort auf eine logische Frage\nmuss erfüllt werden, wenn Denken nicht\nüberhaupt seinen Sinn verlieren soll. Die\ntheosophische Antwort ist keine logische.\nSie steht im Widerspruch mit der Realität,\nin der wir leben und konstruiert aus Be-\ndürfnis und Willkür einfach wieder in der\nalten überwundenen Weise der dualistischen\nWeltanschauung eine zweite mysteriöse,\nmetaphysische Welt. Damit bildet der theo-\nsophische Dualismus aber nur eine anders\neingekleidete, abstraktere Form der christ-\nlichen Anschauung vom Diesseits und Jen-\nseits. Er stellt nur neue Rätsel in das schon\nrätselhafte Sein, löst aber keines. Gegen-\nsätze sind reine Denkhilfsmittel ohne jede\nRealität und völlig willkürlich. Mythen fehlt\ndie Sicherheit der nachweisbaren Ueber-\neinstimmung mit dem Tatsächlichen, Diese\naber nur ist Sicherheit. Die Theosophie\ngibt sie mit ihrer Denkhypothese über das\nMensch- und Gottsein nicht. Sie gibt eine\nUnterstellung und Auslegung, mehr nicht.\nSie lehrt wieder einen Glauben und Wissens-\nersatz für Wissen.\nAber wir haben ja Wissen!\nWissen aus Erfahrungen, Wahrnehmungen,\nUntersuchungen, Feststellungen, Nachdenken\nund Erkennen. Alle Resultate der exakten"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.18", "texte": "Forschung und spekulativen Philosophie\nvereinigen sich in diesem Wissen mit un-\nserm letzten Weltempfinden. Jeder Wider-\nspruch schwindet in der innerlichen Ver-\nschmelzung alles Einsehens, Begreifens und\nFühlens.\nWir wissen: in der tiefsten Tiefe unsres\nWesens liegt eingeboren die Sehnsucht und\ndas Bedürfnis nach sinnvollem Sein,\nDieses Bedürfnis, diese Sehnsucht, dieses\nletzte Muss unsrer Natur nennen wir\n„Gott\". Er ist jedes Menschen Göttliches,\ndas Göttliche in jedem Menschen.\nIch nenne es U R.\nDer alte Gottbegriff ist uns erstarrt und leblos\ngeworden in einer schematischen „absoluten\"\nAbstraktion. Wenn aber Gott nicht eine\nlebendige Kraft ist, die in uns, mit uns und\ndurch uns keimt, wächst, blüht und fruchtet,\nbleibt er wesenlos und unwirklich. Nicht\n„Gott\" — nicht „gut\".\nUR ist des Menschen göttliche\nBestimmung und Bestimmtheit\naus ursprünglicher Wesenheit\nund Eigenheit.\nAlles, was u m den Menschen ist, muss er\nmit diesem Eigensten, Innerlichsten in Ver-\nbindung, in Beziehung setzen. Er kann\nnicht anders, denn es ist seine wahrnehmen-\nde, denkende Not, die ihn zwingt; der\nZweck und Sinn seiner Sinne.\nDer Gott in ihm — UR — gibt ihm alle\nAnschauungen, Begriffe, Empfindungen; alle\nWahrnehmungen, alles Bewusstsein, alles\nErkennen — zieht alle Werte und Wertun-\ngen aus dem Sein in seine Sinne hinein\nund macht so die Welt ihm Untertan und\nihn zum Mittelpunkt seiner Welt. Seiner\nWelt, die ganz und gar von ihm abhängt,\nderen letzte Sicherheit e r ist zu seiner ei-\ngenen Sicherung.\nSein UR ist des Menschen Sicherheit und\nGewissheit — sein Urwesen — seine „phy-\nsisch\" Ausdruck gewordene Idee. Seine\nMission und Lebensaufgabe ist es, sie auch\ngeistig auszuformen, das heisst sie zu „er-\nleben\", sich zu erleben.\nDies ist des Menschen letzter Sinn.\nEs gibt für den Menschen keinen anderen.\nDies wissen und ausleben heisst religiös sein.\n„Sich—selbst—auswirken\" heisst Religion.\nSo heisst „religio\" auch in unserem Sinne\n„Gottscheu\", wenn wir darunter verstehen\nwollen, dass wir den Gott in u n s scheuen\nund ihn scheuend verehren, uns scheuen,\nihn zu verletzen, uns scheuen, ihn nicht zu\nbekennen, uns zu ihm zu bekennen.\nSo setzen wir uns in das rechte Verhältnis\nzu unserem Gotte — zu dem Ur in unsrer\nBrust, zu unseres Daseins Sicherung in uns.\nReligion ist aller Ethik Ursprung: daran\nmuss man beide erkennen. Ursprung aller\nMoral ist dem Gottmenschen Wahrhaf-\ntigkeit.\nWahrhaftig sein — wahrhaft sein, was man\nist aus Urwesenheit — heisst „gut\", heisst\n„Gott\" sein.\nIn dieser Erkenntnis liegt die Möglichkeit\neiner religiösen Erneuerung und Daseins-\nerfassung; in dieser Erkenntnis als einer\nreligiösen Verpflichtung liegt die\nMöglichkeit einer neuen Einordnung in das\nSein und Zusammenleben der Menschen.\n\nInhalt\nHerwarth Waiden; Rudolf Blümner zum fünfzigsten Geburtstag\nKurt Heynicke: Sturmposaune\nKurt Heynicke: Vortragsabend\nLothar Schreyer: Die Stimme Rudolf Blümners\nKurt Schwitters: Porträt Rudolf Blümner\nFranz Richard Behrens: Sechstaktmotor\nTibor Dery: Er ist mager und wird nie sterben\nWilliam Wauer: Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion\nOskar Kokoschka: Bildnis Rudolf Blümner 1\nOskar Kokoschka: Bildnis Rudolf Blümner 2\nWilliam Wauer: Porträtbüste Rudolf Blümner\nRudolf Blümner: Volkshymne\nAugust 1923"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "[129]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.19", "texte": "Neuerscheinungen des Verlags Der Sturm\nAlbert Gleizes: Vom Kubismus ' Die Mittel zu seinem Verstandnis\nMit 17 Abbildungen nach Werken von Braque * Gleizes ' Juan Gris * Leger ' Marcoussis -\nMetzinger \" Picasso - Severini > Archipenko u. a. ' Grundzahl 4\n\nNeuc Farbdrucke dcs Vcrlags\nDer Sturm\nGino Severini:\nPan-Pan-Tanz im Monico / Gemalde / Grundzahl 3\nMarc Chagall:\nIch und das Dorf / Gemalde / Grundzahl 3\nJohannes Ittcn:\nBildnis eines Kindes / Gemalde / Grundzahl 2\nPeri:\nStrasse / Gemalde / Grundzahl 2\n•- ■' / i . ' ■ .'| I (J •>-. ' i\nFranz Marc:\nPferde / Aquarell / Grundzahl 2\nGeorg Muche:\nUnd das Licht schied / Grundzahl 2\nDurch alle Buchhandlungen oder vom\nVcrlag Der Sturm / Berlin W9 / zu beziehen\n\n„Sicilia d'Oggi\"\nRivista Mensile lllustrata di\nLettere, Arte, Scienze.Varieta\nTiralura4ooocopie — Formslo in-8 — Pag. 48\nUN NUIIERO L. 15\nABBONAMENTO ANNUO L. 15\nDirezione e Amministrazione:\nCasa Editrice E. S A B B I O\nPALERMO - VIA CASTRO 250 - PALERMO\nLA COLLABORAZIONE E'LIBERA\nCercansi Corrispondenti ed Agenti di Publicity\nGiovani Aulori! publicate i vj\nromanzi, novelle, liriche ec. presso\nLa Casa Editrice E. SAB 810\nVIA CASTRO 250-275 - PALERMO ,\n\n\"TENTATIVES\"\nJ}\nUnter den modernen franzosichen\nRevues d'avant garde\" ist\nTENTATIVE S\"\ndie am schonsten und vor-\nnehmsten ausgestattete ZeitschrifL\nSie erscheint vierteljahrlich mit\ncirca 120 Seiten. Text groß-oct.\nSie bringt iiber 50 Holzschnitte\nin jedem Heft, veroffentlicht\nRomane, Essays, Erzahlungen, Ge-\ndichte und Chroniken aller Lander.\nEin Sonderheft iiber S tend ha\nist in Vorbereitunor.\nHerausgeber: HENRY PETIOT\nRedaktion und Verwaitung:\nGrenoble / 1, rue Denfert Rochereau\nBezugspreis: Einzelheft 5 francs\nJahresabonnement 20 francs.\n\nAuslandspreise fur die Zeitschrift\n„Der Sturm\"\nDas Abonnement fiir ein Halbjahr betragt:\nfur Argentinien: Pap. Pes 2. ~\n„ Brasilien: Milrcis 6.—\n„ Bulgarien: Leva 84.—\nff C i'iile. Pes. «•»».»«...»■... 6.\n„ Danemark: Kronen 6.—\nn Deutsch'Oesterreich: ost. Kronen 32000.—\n„ Finnland: Mka . 24.—\n„ Frankreich, Belgien, Luxemburg: Fr. 12.—\n„ Griechenland: Drachmen 48.—\n„ Grossbritannien: Schilling 5.—\n„ Japan: Yen 2.40\n„ Italien: Lire 18.—\n„ Jugoslawien: Dinar 52.—\n„ Niederlande: Gulden 3.—\n„ Norwegen: Kronen 6.—\n„ Portugal: Milreis 18.—\nw Rumanien: Lei 120.—\n„ Schweden: Kronen 6.—\n„ Schweiz: Franken 6.—\n„ Schweizer Franken 6.—\n„ Spanien: Pesetas 6.—\n„ Tschechoslovakei: Kc 18.—\n„ Ungarn: Kronen 2000.—\n„ U. S. A.: Dollar 2.—"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "[130]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230801-01.1.20", "texte": "Veränderung sämtlicher Preise jederzeit vorbehalten\nVerantwortlich für die Schriftleitung: Lothar Schreyer / Verlag Der Sturm G. m. b. H. / Berlin W9\nDruck: C. Basista & Co. / Berlin NO 18\n\nKUNSTAUSSTELLUNG DER STURM\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134a / AM POTSDAMER PLATZ\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr / Sonntags von 11—2 Uhr / Monatlicher Wechsel\nHundertzweiundzwanzigste Ausstcllung\nAugust 1923\nDie jungen Danen / Gast-Aussteiiung\nHundertdreiundz wanzigste Ausstcllung\nSeptember 1923\nArnold Topp\nBela Kadar\nSturnvGesamtschau\n\nMONATSSCHRIFT DER STURM / Vierzehnter Jahrgang\nErscheint am fiinften jedes Monats\nMit mehrfarbigen Kunstbeilagen, Holzschnitten (stets vom Stock gedruckt) und Zeichnungen\nDauerbezug fur Deutschland: Ein Vierteljahr Grundzahl 2 / Ausland: siehe 3. Umschlagseite / Einzelheft\nGrundzahl 1\nVolIstSndige Exemplare des 6. und 7. Jahrgangs nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden Grundzahl\njc 20 I 9. bis 13. Jahrgang Grundzahl 10 / 1. bis 5. und 8. Jahrgang vergriffen / Einzelhefte alter Jahr\"\ngange Grundzahl 1\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm sind signierte und numerierte Handdrucke, von den\nmeisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich zu erwerben. Die Originale sind verkauflich.\nSturmbiihne / Jahrbuch des Theaters der Expressionisten / 1. bis 8. Folge / jede Folge Grundzahl 0.20\n\nBiicher aus dem Vcrlag Der Sturm mit festen Grundzahlen\nDie Grundzahlen sind mit der jeweils festgesetzten Schlusselzahl zu multiplizieren. Zur Zeit: 80000\nFur das Ausland: Grundzahl = Schweizer Franken\nFostscheckkonto des Verlags Der Sturm: Berlin NW7 i 120658\nAugust Stramm\nDu I Liebesgedichte / 4. Auflage / 3\nTropfblut / Gedichte / gebunden 7\nGesaramelte Dichtungen / 2 Bande / Jeder Band 5\nPaul Scheerbart\nGlasarchitektur / In 111 Kapiteln / 3\nErnst Marcus\nDas Erkenntnisproblem / 3\nKurt Heynicke\nRings fallen Sterne / Gedichte / 2.50\nRudolf Blumner\nDer Geist des Kubismus und die Kunste / 4\nLothar Schreyer\nDie neue Kunst / 1.50\nHcrwarth Walden\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressionis-\nmus I 3\nDas Buch der Menschenliebe / Roman / 3\nSturm^Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nI Marc Chagall / 2. Auflage\nII Alexander Archipenko\nIII Paul Klee /\nIV Kurt Schwitters\nJedes Buch 5\nV Maler des Expressionismus / Fiinfzehn Farb-\ndrucke:\nChagall I Kandinsky / Franz Marc usw. / 15\nXokoschka-Mappe: Menschenkopfe / 15\n\nDer Sturm fibernimmt die Veranstaltung von\nSturm- Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel-\nausstellungen) in alien Stadten und Landern.\nDer Sturm vermittelt n u r den Verkauf von\nWerken der Kfinstler, die er durch eigene Aus-\nstellungen anerkennt.\n\nStandige Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. H.\nPotsdamer StraBe 134 a / Gartenhaus rechts II\n\nSturm^Buchhandlungcn\n1. Potsdamer Stra'sse 138 a / Laden\nFernruf: Amt Liitzow 4443\nNeu eroffnet\n2. Kurfurstendamm 150 / Laden\nFernruf: Amt Uhland 5646\nBticher / Graphik / Musikalien\nBestellungen, auch vom Ausland, werden\nzuglich erledigt"}]}