{"numero_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_sha256": "1c81b9c3a97abdace3aa4a8cbe081f369c7771c03d9c729862d9421d4fed23e4", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1923/09/01_01/bmtnabg_1923-09-01_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1923/09/01_01/bmtnabg_1923-09-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c001", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.1", "titre_corps": "Linoleumschnitt", "titre_sommaire": "Linoleumschnitt", "signature_source": "Ernst Albrecht", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.1", "debut_caractere": 109, "fin_caractere_exclue": 140, "texte": "Ernst Albrecht: Linoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c002", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "135", "image_debut": 3, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.2", "titre_corps": "Blaue Glasfiguren", "titre_sommaire": "Blaue Glasfiguren", "signature_source": "Tibor Dery", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.3", "debut_caractere": 68, "fin_caractere_exclue": 3383, "texte": "Blaue Glasfiguren\nTibor Dery\n\nDies geschah. Der Vogel sagte: wohl dem,\nder mit den Hühnern zu Bett geht und früh\naufsteht. Die Engel niessten. Der Vogel\nsagte noch: man kann nicht wissen, was\nim Dunkeln geschieht. Grosses Unglück!\nKaum dass es dunkelte, bogen die Glas-\nfiguren um die Ecke. Sie atmeten heftig\nund waren sehr müde.\n— Bleib stehen! riefen sie — bleib stehen!\nSie waren müde, liefen aber weiter. Den\nsie verfolgten, war kein Tier, rannte aber\ngut. Die grösste fisische Geschwindigkeit\nist 300 000 Kilometer in der Sekunde, davon\nkonnte noch keine Rede sein — aber wenn\nman ihm zurief: bleib stehen! — befand\ner sich in der nächsten Sekunde bereits am\nGipfel des Berges. Und die Glasfiguren\ntrotteten hinter ihm her, wie kleine trauernde\nEsel.\nViel Rauch lag über dem Geleise. Ihre\nFüsse stiessen klirrend gegen die Schienen,\ndas Eisen sprühte blaue Funken, es war\ndemnach hell und sie stolperten nicht, wenn\nsie die Bahndämme überschritten. Die Züge\nliefen zischend- dem Bahnhof zu. Einen\nwarfen sie beinahe über den Haufen, als er\naus einem finsteren Tunnel heraus stürzte,\naber sie bemerkten ihn noch rechtzeitig und\nzogen ihre Füsse zurück. Nichts geschehen!\nNur der Rauch beisst das Auge. Der ferne\nBahnhof rot erleuchtet, die Signallampen\ndrehten sich im Kreise und warfen ihr grünes\nNetz über die zerstreuten Zinskasernen.\nAus dem Zug schleuderte jemand eine\nbrennende Zigarre, in einem offenen Fenster\nstand ein Gramofon, tropfte gelbe Lachen\nauf den Asfalt. Mehere Familien badeten\nsoeben in ihnen.\n— Die Vorstädte besitzen wenig Würde —\nsagten die Glasfiguren. — Was essen wohl\nhier die Leute tagsüber? Schwer verdauliche\nSpeisen machen den Menschen cholerisch\nund berauben den Körper seiner natürlichen\nGrazie. —\nSie liefen weiter, blieben aber bald stehen\nund schauten aufmerksam in die Luft. Ein\ngrosser Korb voll Licht schwamm langsam\nüber dem Wald, eine silberne Henne brütete\ndarin und schaute mit erschrockenen Augen\nherunter. Wind wehte unter dem Korb\nund blies von den Stirnen die Hüte und\ndie Blätter in den Staub. Einen Monat lang\nschwebte der Korb mit grossem Licht,\nverschwand dann hinter den Fabrikschloten.\n— Heute geschehen Zeichen und Male —\nsagte eine Glasfigur und wischte sich den\nSchweiss von der Stirne.\nIndessen stand die Jüngste vor einem Eckstein\nund verrichtete ein Bedürfnis. Schreiend\nwandte sie sich um. — Heute erreichen\nwir ihn . . . heute erreichen wir ihn . . .\nlaufen! — rief sie, sie setzten sich in Be-\nwegung und wateten durch den Fluss. Die\nJüngste unterbrach, was sie angefangen,\nentfaltete begeistert ihre Flügel und schwebte\nsingend in die Luft. Glut kreiste in ihrer\nBrust und warf starken Glanz auf die nächt-\nlichen Wiesen. Die Schmetterlinge flatterten\nempor, saugten sich an ihrem hellen Herzen\nfest und aus den moosbewachsenen Lücken\nder Zeit krochen Salamander hervor und\nwarten ihr glotzend die grünen Bänder ihrer\nBlicke nach.\nSie liefen mit geschlossenem Mund. Auch\ndie Kiesel sprangen hinter ihnen, die ge-\nflügelten Flöhe schrieen kurz und der\nSchelisunschmetterling entbot ihnen das\nsanfte Erbarmen seines Atems. Alle Linien\nverlängerten sich, die Kreise drehten sich,\ndie Flächen schwollen zu Körpern, in den\nLücken rieselte grünes Wasser und den\ntoten Kaninchen flatterten die rosa Ohren. In\nden Augen eines Dichters erglänzte das Fest,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4113, "texte": "Der Schatten wanderte auf der Landstrasse,\nals sie ihn erblickten. Wieder war er hungrig.\nSprach eine alte Frau an:\n— Was isst du? —\n— Brot —\n—Du lügst! — sagte ,er — das ist ja röter,\nals der Mond, wenn Krieg ist. —\nDie alte Frau schrie erschrocken: es ist\nrot, weil du es anschaust und deine Augen\nrot sind!\n— Lass mich singen! — sagte der Schatten\nund neigte sich zu den Ohren der Alten.\nDann hob er sie in die Höhe, schob sie in\nden Mund und schluckte sie. Die Glasfiguren\nsahen von weitem, wie der kleine Bissen\nin dem durchsichtigen Körper bis zum Bauch\nsank. Sie liefen, um ihn zu erreichen. Aber\nhatten sie elektrische Schwingen?\nIm Wald frass er ein Kind. Aber das Kind\nwar klein, so frass er auch seinen Vater\nund seine Mutter. Dann frass er das Haus\nmit den Möbeln, den Blumen und dem\nFeuer, das im Kamin brannte. Die Tiere\nund die Menschen im Dorf sahen ihm\nschaudernd zu. Das dauerte fünfzehn Jahre.\nDer Mond hat grosse Augen, jeden Monat\nschaut er einmal herunter, ob es noch kein\nEnde hat.\nZwei Männer trafen ihn, als sie aus dem\nAmt nachhause gingen. Kaum dass sie ihn\nsahen, wurden sie toll. Der Eine sagte dem\nAndern: Du Niederträchtiger! Der Andere\nsagte: Grausamer! Der Eine sagte: Du hast\nden Schinken von meinem Tisch genommen!\nDer Andere sagte: ich aber bin mager und\nmeine Gattin ist bei Dir! Der Eine hob die\nFaust und sagte: in meinem Zimmer leuchten\ndie Frauen in der Nacht wie das Meer!\nDer Andere zog ein Messer und sagte: das\nGesicht des Sommers ist verstört und die\nApfelkränze welken! Der Eine schlug zu\nund sagte: du bist schuldig! Der Schatten\nfrass Beide und ging weg. Aber sein Bauch\nwar noch flach und schlug noch keine Wellen.\nDie Glasfiguren konnten ihn nicht einholen.\nSie schwitzten, waren sehr müde und wollten\nden nächsten Tag abwarten. Die Jüngste\nschlug die Flügel zusammen und sank in\nden Schatten eines Baumes, wie die Bienen.\nDie Zweite blieb mit klirrenden Füssen in\nden Telefondrähten stecken. Doch der Ael-\ntesten Brust füllte sich mit blauem Licht,\nsie starrte erschrocken auf den tanzenden\nBauch des Schattens und auf seine durch-\nsichtige Zunge, die in Spiralbewegungen die\nLuft durchzog.\n— Bu-bu! — brüllte sie auf der Anhöhe,\nwie ein erschrockenes und rachedürstendes\nKalb, und auch die anderen Glasfiguren\nschauten entsetzt auf die sich in der Ferne\nverlierende, tanzende Gestalt.\nDer Schatten schwamm über einen gedeckten\nTisch, die Stirnen der Gäste bewölkten sich.\n— Vielleicht wird es regnen! — sagte der\nBrautvater und schaute auf den Himmel,\nwo keine Wolken lagen, aber auch kein\nMond und keine Sterne. Die Braut erschauerte\nvor Kälte und wandte sich vom Bräutigam\nab. — Man muss das Licht anzünden! —\nsagte eine Stimme, aber das elektrische Licht\nbrannte nicht, nur die Früchte der Bäume\nleuchteten mit dunkler Glut über der Laube.\nDie Glasfiguren befürchteten eine neue\nFreveltat und stürzten noch einmal mit\nmüdem Marsch vor.\n— ... eine achtungswürdige und grosse\nFeier ... — sagte der Redner, der das\njunge Ehepaar begrüsste. Er schüttelte sein\nrotes Korallenherz, aus dem Wohlwollen\nund Liebenswürdigkeit strahlten.\n— ... ich liebe dich ... — sagte der\nBräutigam träumerisch in der Richtung der\nSträucher.\n— ... das Fleisch des Lämmchen war zart\nund der Pfirsich wie ein Traum ... —\nsagte der Schwager und dachte an die Ga-\nzellen, die in Afrika frei leben und graziöser\nsind als seine Frau.\nDie Mütter zeigten sich die neuen Licht-\nbilder, die der emsige Fotograf noch vor\nder Abenddämmerung abgeliefert hatte. Die\nRadiumsterne auf den Stirnen des neuen\nPaares hatte er aus Herzensgüte nicht separat\nberechnet. War doch jedermann zuvor-\nkommend, dankbar und zart und mit guten\nWünschen überfüllt, wie des Vaters Herz\nmit Stolz. Das war der gegebene Moment\nfür den Schatten.\n— Bitte um ein Stück Torte und um eine\nRose! — sagte er zum Stubenmädchen, riss\nes ihr aus der Hand und verschlang es.\n— Bitte um eine Handvoll Braten — sagte\ner der Köchin, die mit tränenden Augen\ndie Braut betrachtete. Riss den Braten aus\ndem Rohr und schob ihn samt Schüssel\nhinunter.\n— Bitte um einen Heller! — sagte er dem\nEhrengreis, stach mit den Fingern in seine"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4145, "texte": "Planken und schlürfte das herausfliessende\nGold ein.\n— Erbarmen! — sagte er der hässlichen\nSchwägerin, die alte Jungfer war und im\nKino immer weinte. Schluckte sie in einem\nStück herunter.\n— Die Mitgift! — sagte er und verschlang\nden Vater der Braut. Dann ihre Mutter.\nDer Bräutigam, der Monteur in Afrika war,\nentging ebensowenig seinem Schicksal und\nauch die Braut sank mit viel Ergebung in\nden Tod, wie eine gewählte, aber welkende\nGartenblume. Die übriggebliebenen Mit-\nglieder der Gesellschaft flohen in die hängen-\nden Gärten, auf dem Kampfplatz blieb nur\nein Schosshund zurück, kroch auf den Tisch,\nbeugte den Kopf zu der leisen Erdbeercreme.\n— Bleib stehen! — riefen die Glasfiguren,\ndoch der Schatten schwang sich mit ge-\nschwollenem Bauch in die Höhe, schnaufend\nwie ein Wasserfall in den Bergen. Die\nSterne niessten, auch die Vögel bekamen\nschon Schnupfen vor Angst und aus den\nLeitungsdrähten fiel der Strom heraus und\nbildete eine grosse Lache am Rande der\nLandstrasse. Ein Hase verbrannte darin,\nein Handelsreisender zündete sich an der\nLeiche die Zigarette an. — Es gibt nichts\nbesseres, als ein vollendet funktionierender\nSelbstzünder! — sagte er, schaute dann\nerschrocken in die Luft, wo die Verfolger\nrauschend schwebten und wilde Schreie\nunter den Wind stiessen. Wer bringt es\nüber sich, stehen zu bleiben und sich ruhig\nins Gras zu legen, wenn der dunkelbraune\nAtem des Teufels summend vor ihm herfliegt\nund man ihn mit ausgestreckter Hand\nvielleicht erhaschen kann. . . .\nDa unten galoppieren Züge und auf den\nRingstrassen verfolgt ein Unglücklicher mit\ngesenktem Kopf das Brot. Die Lampen\nerglänzen, verschwinden, ein grüner Berg\ngleitet nach rückwärts, Bahn Wächterhäus-\nchen, eine fliegende Zigarre oder vielleicht\nein Mensch? und die elektrischen Wagen\nbleiben zurück, wie die Pferde und die\nFliegen. Die Kirchtürme sind so winzig\nund verschwinden so rasch, siehst du sie\nvon oben, im Laub der Bäume schwärmen\nkleine Affen wie Bienen. Und siehe: in den\nWasserfällen, die im Augenblick verschwin-\nden, angeln die Menschen ihre unerklärlichen\nGeheimnisse und auf der kartografierten\nOberfläche der Erde schlängeln sich die\nLandstrassen mit grünem, blauem, und lila\nStrom und bleiben nicht stehen. Die Glas-\nfiguren galoppierten. Jetzt werden sie ihn\nvielleicht erreichen. Der Schatten ist satt.\nWer satt ist, stirbt.\nUnten im Bach wäscht sich ein Kalb das\nblonde Haar.\nKleine Kühe maschieren in den Stall, ein\nKalb brüllt.\nDie Glocke läutet und in den Dorffenstern\nentbrennt das Kreuz.\nDer Alte zündet die Pfeife an und sinkt\nmüde ins Heu.\nEin hoher Berg taucht auf und verdeckt\ndie Bauernhöfe. Vielleicht spielen hier\nwilde Tiere, wenn es dunkel wird. Der\nWald ist tief und wild, wie das Auge der\nMütter.\nIn der Mitte einer grossen Wiese liegt ein\nSäugling. Er brüllt und lächelt zum Mond\nhinauf.\nGrosse Freude steht uns bevor, lasst uns\ntanzen! Tanzen wir rechts und tanzen wir\nlinks! Der Schatten ist über dem Atem\ndes Säuglings gestolpert, mit schwerem\nBauch ist er zu Boden gefallen. Er keucht,\nklammert sich an die Telefondrähte, steht\nauf mit offenem Mund, aus dem Staub\nströmt. Die Glasfiguren sind herangerückt.\nAuch der Betrunkene fällt, wenn er wankt\nund kein Wein hilft den Toten zur Aufer-\nstehung. Vielleicht hat er sich angeschlagen?\nvielleicht ist er verletzt? Hinkend schwimmt\ner in der Luft, greift um Hilfe, Todesangst\nglüht in seinem Herzen. Die Leintücher\nder alten Jungfern tritt er nicht mehr zu\nBoden, kein graues Herz keuchender Fa-\nmilienmütter flattert mehr in seinen Krallen,\nder Sold der Beamten ist seinem Gebiss\nentfallen — jetzt wäre ein rasches Pferd\nvonnöten!\nDie Verfolger lachten und hielten sich fest\nan den Händen. Ihre Füsse verlängerten\nsich, sie atmeten tief und sagten: jetzt\nAusdauer .. . . vorwärts! Speichel tropfte\naus ihrem Mund und sie gaben dicke Töne\nvon sich, wie Säuglinge vor den Zitzen.\nDas dauerte Wochen. Schon standen sie\ndicht hinter ihm, streckten die Hände aus.\nDa schrie der Jüngste plötzlich auf, wandte\nden Kopf ab, sank rauschend zur Erde\nnieder, eilte mit ausgebreiteten Armen einer\nblonden Jungfrau nach. Der Schatten\nwieherte schadenfroh und verschwand um"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4287, "texte": "die Ecke. Die Glasfiguren stolperten, flogen\nmit verringerter Geschwindigkeit weiter,\naber er ist nicht mehr zu erreichen! Sie\nliessen sich auf eine Brandmauer nieder,\nkeuchten dort mit offenem Munde, wie die\nVögel. Der Jüngste bog in eine enge Gasse\nein und begleitete die Jungfrau in ein\nKaffehaus. — Warum hast du uns verlassen? —\nklang von weitem die schmerzliche Frage,\nklang und erstarb zwischen den Rollen.\nAber der Flüchtling hatte schon haarige\nOhren vor Verliebtheit, er flammte auf und\nspuckte wie ein gefallener Engel auf die\nKellner. Die Glasfiguren sassen auf der\nMauer und keuchten.\n— Nie? — fragte die Aelteste und der Kopf\nsank ihr auf die Brust.\nDie Zweite sagte: Die Kronen der Engel\nklingen vergebens im Walde.\nDie Aelteste spuckte aus, sie war hungrig.\nSie holten Speck und Brot hervor und im\ndunkeln und in der Kälte fingen sie ihre\nmüde Mahlzeit an. Die Füsse hingen von\nder Mauer herab, sie schaukelten sie und\npfiffen. Die Eine stiess grosse Säufzer aus,\naj-aj sagte sie, putzte sich die Nase, legte\nsich hin und schlief schnarchend ein. Von\nder Wiese stieg schlanker und unreifer\nC-'\nDuft empor, wucherte auf dem Rande der\nMauer, Vögel steckten ihre kleinen Kehlen\nhinaus und pfiffen Springbrunnen in die\nPflanzenwelt. Der Mond ein brennender\nPferdekopf, entschwimmt zwischen Fabriks-\nSchloten. Aus einer schwarzen Mandoline\nfällt ein Ton herab und entzündet den Atem\nder Tiere, Wind bläst, die Chrysantemen\nrauchen und auf deiner Handfläche summt\nein verliebter Hauch; zart, zart, nicht zer-\ndrücken ....\n— Guten Tag — sagte jemand am Fusse\nder Mauer, lüftete den Hut, lächelte graziös.\nDann warf er den Kopf in den Nacken und\nstarrte entgeistert auf die Spitze der Mauer.\n— Prachtvoll, entzückend, feenhaft! — sagte\ner, tänzelte nach rückwärts, legte den Kopf\nein wenig zur Seite und beschattete die\nAugen mit der Hand. — Feenhaft — wieder-\nholte er — das ist der günstigste Augen-\nblick . . . bitte bewegen sie sich nicht . . .\netwas freundlichere Gesichter! —\nEr zog eine Schraube an, sofort erfüllte\nweisses Magnesiumlicht den Lichthof und\ndie Brandmauer erglänzte.\n— Guten Tag Herr Kollege! — sagte der\nJournalist, der eine elektrische Nelke im\nKnopfloch hatte. Er zog einen Gummi-\nschemel aus der Tasche, blies ihm Luft\nein und setzte sich in die Mitte des Hofes.\nDie Typfräulein nahmen im Halbkreis um\nihn herum Platz.\n— Zu spät gekommen ... zu spät gekommen\n— sagte der Leichenbestatter den alten\nJungfern, die sich in unabsehbaren Scharen\nlängs der Mauer drängten. — Hört, hört! —\nriefen die in den letzten Reihen und\nsetzten riesige Blechtrichter an den Mund.\nDie Wachtmänner standen mit an die\nHosennähte gepressten Händen lautlos in\nder Ecke. — Auf der Mauer erglänzte ein\nelektrisches Plakat. — Was ist das: Riz-\nAbadie? — fragte die älteste Glasfigur. —\nVielleicht eine Tragödie — antwortete die\nAndere, doch wusste keine von ihnen etwas\nbestimmtes. , Am Himmel schwammen\nerleuchtete Ballone und verbreiteten laue\nWärme im nächtlichen Raum. Der Mond\nschlief ein, die Sterne ebenfalls.\n— Wir sehen hier die grösste Tragödie der\nMenschheit sich abspielen — sagte der\nJournalist, stellte sich auf den Gummi-\nschemel, räusperte sich und verbeugte sich\nleicht vor den Glasfiguren. Die Sprech-\nscheiben auf den Dächern leiteten die Rede\nweiter.\n— Ihr Berichterstatter hatte Gelegenheit —\nfuhr der Journalist fort — mit dem Rang-\nältesten General der zu Felde gezogenen\nArmee anderthalb Stunden lang Rücksprache\nzu halten . . . die hierbei erlangten Infor-\nmationen . . . kalala . . . rere . . . re . . .\nEntschuldigung . . . Betriebsstörung! . . .\nMeine Herren, es wurde Verrat geübt! Der\nFeind floh aufs Haupt geschlagen, mit\nZurücklassung .., unsere tapferen Soldaten\nbereiten sich auf den letzten Schlag vor . . .\nein Augenblick noch und der Urfeind der\nMenschheit sinkt in den Staub ... rerere ...\nplötzlich entsteht Verwirrung, unsere linke\nArmeegruppe schwenkt ab, der Angriff\nflaut . . . der Feind bricht durch und die\nHerbstzeitlosen verwelken unter dem blut-\nroten Himmel. Ich persönlich, als Privat-\nperson, kann dies nicht überleben .. . aber\ndank der raschen Berichterstattung unseres\nBlattes . . . rerere . . . auch weiterhin\nberichten . . . Ereignisse . . .\nEr zog einen Revolver aus der Tasche,\nschoss sich vor die Stirne und setzte sich"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4222, "texte": "dann auf den Gummischemel zurück.\nDie alten Jungfern jammerten laut in dis-\nziplinierten Chören, liessen blaue Bänder\nflattern. Der Redner trat auf die Tribüne,\nverbeugte sich leicht.\nWas ist demnach die Milchstrasse? — sagte\ner nachdenklich. — Die wahrscheinlichste\nAntwort darauf hat der Holländer Easton\ngegeben. Die Milchstrasse ist ein ungeheuer\ngrosser Spiralnebel. Der, unserer Erde\nnächst gelegene Punkt liegt in einer Ent-\nfernung von 7000 Lichtjahren. Die zwei\ngrossen Ströme haben ihre Divergenzpunkte\nim Grossen Hund und in der Südlichen\nKrone. Wenn zwei solche Gasnebel zu-\nsammenstiessen, würden bei einer Geschwin-\ndigkeit von 20 bis 30 Km in der Sekunde\netwa 40000 Jahre vergehen, bis sie aneinander\nvorbeikämen. Schon Demokrit äusserte die\nAnsicht . . .\nDer Leichenbestatter begab sich mit dem\nAufzug auf die Mauer, trat vor die Glas-\nfiguren, verbeugte sich leicht:\n— Anlässlich der grossen Katastrofe — sagte\ner leise — gestatten Sie mir, Ihre Aufmerk-\nsamkeit . . . auf die luxuriös ausgestatteten\nSelbsmordzellen unserer Firma zu lenken ...\nin denen lautlose Bedienung . . . die letzten\n24 Stunden vor der Operation distinguierteste\nGenüsse ... je nach Geschmack .. . Jung-\nfrauen oder muskulöse Neger . . . tropische\nBeleuchtung, Tropfsteinhöhlen oder sub-\nmarine Pflanzen dekoration . . . auch ein\nelegant melancholischer Park steht zur\nVerfügung, mit regulierbarer Witterung und\nMaiglöckchen . . .\nPlötzlich erlosch das Magnesiumlicht und\nvor der verdunkelten Wand verschwand\ndie Versammlung. Als letzter verliess der\ntote Journalist den Lichthof, der Akten-\ntaschen und Gummischemel unter dem\nArm haltend, mit ziemlich elastischen\nSchritten dem Ausgang zueilte. Der Mond\nund die Sterne kamen wieder zum Vorschein,\nin ihrem schwankenden Licht ein Hase lief\nüber die Wiese, schleppte seinen blutroten\nSchwanz lang hinter sich her. Die Glas-\nfiguren lehnten sich an die Telegrafendrähte\nund schliefen mit offenem Munde ein.\nIndessen schwamm der Jüngste mit der\nJungfrau in ein Palmenwäldchen, ruderte\nin einem rosafarbigen Sandolin über den\nSee und sein Herz schlug wie ein Harfen-\nspiel. Die Platanen beugten sich mit\ndurchsichtigen Körpern übereinander, unter\ndem Laub floss ein schwefelfarbener Bach,\ndie Vögel hingen in grossen Büscheln von\nden Zweigen. — Wipp-wipp — sagten sie,\nnickten mit dem Kopf und dachten an den\nMond, wenn er abends aufgeht und über\nden Wipteln summt, Lange Bienen mit\nMädchengliedern schwebten über den\nSträuchern, öffneten die Blätter und sogen\nden Schaum aus,\n— Ich liebe dich — sagte der Jüngling wie\nrasend und seine Stirne füllte sich bis zum\nRande mit Licht.\n— Ich verstehe Sie nicht — sagte die\nJungfrau, riss eine Orangenschnitte vom\nMond ab, ass sie mit kleinen Zähnen.\n— Ich liebe dich — sagte er wie rasend\nund über dem dunkeln Gras glühte sein\nKörper wie mitternächtliche Sehnsucht.\n— Was sich liebt, das neckt sich — sagte\ndie Jungfrau, erschauerte und küsste einen\nEngel, der mit weichen Flügelschlägen durch\nihre Arme flog.\n— Ich liebe dich — sagte er wie rasend —\nwas begehrst du? — Er weinte, schlug mit\nder Stirne auf die Erde und auf seiner\nBrust entstand aus blau leuchtenden Narben\nein schmaler Kranz.\nDie Jungfrau schaute ihm träumerisch in\ndie Augen. — Der Durian — lispelte sie —\nist eine edle Frucht, von der Grösse einer\nRosskastanie, mit heftigen und schmerz-\nlichen Stacheln bewappnet. Wer kennt ihr\nFleisch, welches köstlich und- zart ist, wie\neine Creme? Doch der Geruch überwältigt\nwie Limburger Käse, weh-weh, es gibt\nkeine Rosen ohne Dornen, Geliebter! —\nEin Salamander kroch vom Baum, ver-\nwandelte sich in ein silbernes Säckchen\nund entflog mit dem Wind. Lange hörten\nsie noch sein Läuten. Dem tiefen Moos\nentschwebten kleine Töne, glühten auf und\nknisterten ersterbend. Aus dem Gesträuch\nfiel ein Mangoapfel in das Gras und ver-\nbreitete einen leichten Terpentingeruch. Die\nJungfrau wandte sich von Ekel erfüllt ab\nund spuckte aus.\n— Was ist Ihr Beruf? — fragte sie streng —\nwas für eine gesellschaftliche Stellung kön-\nnen Sie mir sichern, wie heissen Sie, wie\nalt sind Sie, wer gewinnt das nächste Derby,\ngrossen Glanz hat der Mond und die Blätter\nfallen herunter, kennen Sie Tibor D6ry, den\nträumerischen, doch grausamen Dichter? —"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1424, "texte": "Sie befanden sich in einem finsteren Hof-\nzimmer im fünften Stock, aus der Küche\nklang Tellergeklapper, das Gas brannte\nknisternd und von den Möbeln stieg Kraut-\ngeruch und eine verhungerte Motte auf.\n— Kannst dir deine Blusen selbst aus-\nwaschen! — hörte man im Nebenzimmer\neine Stimme, eine Tür krachte und im\nTreppenhaus setzte sich der Aufzug krei-\nschend in Bewegung. Die Glasfigur kniete\nvor dem Divan, schlug ihre glanzlose Stirne\nauf den Boden.\n*\n— Ich lasse Sie hinauswerfen — sagte die\nJungfrau — geben Sie mir Geld, ich will\nabends eine Serenade vor dem Fenster des\nSchauspielers singen.\nDer Schauspieler trat durch die Tür ins\nZimmer, setzte sich auf einen Sessel.\nDraussen regnete es, der Graf kroch durch\ndas Fenster, seine Kleider waren durch-\nnässt. Der Ringkämpfer räusperte sich,\nküsste der Jungfrau die Hand. — Hm hm —\nsagte der Baron. Der Gatte lief durchs\nZimmer, sie nahmen ihn beim Bart, zausten\nihn. Der Direktor küsste die Jungfrau auf\ndas Knie, flog empor und schwebte unter\nder Decke wie ein Luftballon. — Hah-hah\n— sagte der Briefträger, schüttelte unsicht-\nbare rosafarbige Briefe auf den Tisch, spuckte\naus und ging weg. Im Nebenzimmer jam-\nmerte der Chor fehlgeborener Kinder, ein\nDiener verteilte Zetteln unter der Menge.\nDie Glasfigur hob die Faust, doch die Jung-\nfrau war schon verschwunden, nur ihre Ferse\nsah man einen Augenblick, als sie in der\nFlugmaschine vor dem Fenster vorüberflog."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c003", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "133", "page_fin": "133", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.2.1", "titre_corps": "Linoleumschnitt", "titre_sommaire": "Linoleumschnitt", "signature_source": "Ernst Albrecht", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 31, "texte": "Ernst Albrecht: Linoleumschnitt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c004", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "138", "image_debut": 9, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Und doch haben alle Religionen\ngerade in diesen Formen ihre Hauptaus-\nlösung gefunden, ja gesucht.\nUm keine Streitfragen unter den Menschen\nist so arger Greul begangen und so viel\nBlut vergossen worden, als um religiöser\nMeinungsverschiedenheiten willen.\nSo sehr diese Tatsache für die Tiefen-\nverwurzelung und Wesensverwachsenheit\ndes Religiösen im Menschlichen spricht, so\nbetrüblich ist die Logik der Schlussfolgerung,\ndass die Menschen von wirklicher Religio-\nsität immer erschreckend weit entfernt\nwaren und noch sind, und wahre Religio-\nsität von der Menschheit erst noch errungen\nwerden muss.\nDenn auch heute noch kann man sich der\nEinsicht nicht verschliessen, dass gerade\ntiefer veranlagte Menschen ideebefangen\nwahnwitzig genug sind, sich wegen unter-\nschiedlicher Gedankeninhalte aufs Tiefste\nzu verwunden, ja zu morden.\n„Götterscheu\", sollte man meinen, müsste\ndazu führen, alle, auch der Anderen,\nGötter zu scheuen; aber schon die\nMöglichkeit „anderer\" Götter gilt als frevel-\nhafter und gefährlicher Angriff auf den\neigenen: so unsicher und leicht gefährdet\nfühlt man den selbstgeglaubten. So führt\neine unheimliche Logik aus Eigenglauben\nzu fanatischem Kampfe gegen jeden anderen\nGlauben.\nJeder Glaube muss aus seiner Unsicherheit\nheraus um Geltung ringen und so\nschliesslich zum politischen Machtkampf\nausarten. Die Menschenbeherrschung wird\nGlaubeszweck. Das „Nur-glauben-können\"\nhat immer Unheil ausgewirkt, weil es nur\nUnheil auswirken kann, aus seinem Wesen\nheraus: sonst wäre die menschliche Geschich-\nte innerhalb des übrigen Naturgeschehens\ngarnicht denkbar und möglich. .\nUnsicherheit macht brutal.\nEs ist uralte Priesterweisheit und Priester-\npredigt: Götter verlangen Menschenopfer.\nDie schreckensvolle Wahrheit scheint für\nalle Zeiten in allen Formen bewiesen; es\nsind aber nicht die Götter, die Opfer\nheischen, sondern der „Glaube\".\nWo ein Glaube, ein Dogma, eine Lehre\nunter den Menschen sich geltend macht,\nfallen Opfer, und je grösser, grausamer\nund zahlreicher die Opfer sind, desto sicherer\nwird der Verblendung die „Wahrheit\"\nihrer Ueberzeugung.\nAlle Logik scheint da auf den Kopf gestellt;\ndenn sie müsste umgekehrt schliessen.\nAlles Denken scheint zu versagen; denn\nschon das leiseste müsste die Möglichkeit\nzeigen, dass gerade Glaube irren kann\nund Meinungen nur bedingte Geltung bean-\nspruchen dürfen. Alles Verständnis und\nMitgefühl, alle Achtung vor dem Mitmenschen\nist plötzlich verschwunden; wie Bestien in\nunwiderstehlichem Heisshunger zerfleischen\ndie „Gläubigen\" die „Ungläubigen\" ihrer\neigenen Art.\nMan sollte annehmen, das Sündenregister\njeder Art von Gläubigkeit sei so voll, dass\ndie Menschen wieder zu sich und ihrem\nVerstände zurückkommen müssten; wenig-\nstens sollten die bessergearteten und nach-"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4156, "texte": "Denklicheren Naturen sich aufraffen und\nden sinnverwirrtem Unheil alle ihre Kräfte\nentgegenstemmen.\nMeinungsverschiedenheiten müssen als das\ngenommen werden, was sie sind: leicht\nirrende Gedankengebilde auf beiden Seiten,\ndie in keiner Weise irgend eine Autorität\nin Anspruch nehmen können. Das Denken\nkann niemand tragisch nehmen, der selbst\ndenkt. Er wird dadurch lächerlich und\nleicht verbrecherisch aus Eigensinn.\nKetzergerichte sind der blutigste Blödsinn,\nden sich die denkende Menschheit zu ihrer\nBlamage und Brandmarkung leisten konnte:\nAbfall vom Menschentum aus würdeloser\nGedanken-Herrschgier.\nAuch der Glaube als grössenwahnsinniger\nSchwertkämpfer eines alleinseligmachenden\nDogmas ist lächerlich und verbrecherisch.\nDer Glaube muss an die bescheidene Stelle\nzurücktreten, die ihm in der menschlichen\nGehirnarbeit angewiesen ist: er ist nicht\nmehr als „Vermutung\" und hat dem Wissen\nauf jedem Gebiete zu weichen.\nWissen hat der Menschheit noch\nnie Schaden gebracht. Der Wissende\nlacht des Widerspruchs aus seiner Gewissheit.\nNur törichte Schulmeister brauchen Gewalt,\num Wissen einzubläuen. Aber auch dieses\nnoch ist lächerlich und verbrecherisch: es\ndegradiert Wissen zum „Dran-glauben-\nmüssen\".\nDer Kampf, den die Wissenschaft gegen\ndie anmassende und grausame Scheingrösse\n„Glauben\" seit je zu führen gezwungen\nwar, ist eine Schande für den menschlichen\nGeist. Es scheint mitunter, als habe sich\ngeradezu die ganze „Kulturmenschheit ver-\nschworen gegen den einzigen Heilbringer\nund Heiland der Welt, gegen die Heiligkeit\ndes Geistes zu gunsten des Unheilbringer\nund Ungeistes „Glaube\", der im Christen-\ntum die Weltherrschaft glaubte antreten zu\nkönnen und behauptete, antreten zu müssen\naus Gottes Willen um Gottes willen. Die\nBlasphemie dieser Anschauung liegt für\ndenkende Menschen auf der Hand.\nDie prinzipielle Verdummung der Mensch-\nheit mit Wissenssurrogaten aus Herrschsucht\nsollte mit jeder Art von Untertanentuin\nendlich ihr Ende finden.\n„W iss e n\" braucht der Mensch aus\nreligiösem Bedürfnis: „G e w i s s h e i t\".\nAus diesen Erwägungen heraus versucht\nder Monismus eine Religion zu geben aus\n„Wissen\".\nEr will durch eine überschauliche Allgemein-\nbelehrung und das Aufzeigen ihrer möglichen\nVervollständigung Sicherheit bieten für die\nEinstellung des Menschen in die Natur auf\nGrund wissenschaftlicher Beobachtungen\nund Feststellungen, durch Erfahrung und\nErkenntnis allein.\nDer Monismus stellt den Menschen an das\nEnde einer konstatierten Entwicklunssreihe\no\nals Absch 1 u s s; er erzählt die Entwick-\nlungsgeschichte der Erde vom Urnebel bis\nzum höchstgearteten Lebewesen. Aber wenn\nauch nur Tatsachen berichtet würden, eine\n„Geschichte\" muss Anfang und Ende\nhaben, um in sich zu ruhen. Die Entwick-\nlungsgeschichte hat weder Anfang noch\nEnde und bietet schon aus diesem Grunde\ngerade an den entscheidenden Stellen\nkeinerlei Sicherung. Sie taucht auf im\nKosmischen und endet im Kosmischen: so\nzeigt sie nichts als die alte Menschheits-\nüberzeugung, dass der Mensch in das kos-\nmische Geschehen eingeschlossen ist. Wir\nhaben schon festgestellt, dass das dem\ndenkenden Geist nicht genügt zu seiner\nSelbsterlösung durch Selbsterklärung.\nDie Wissenschaft mit ihrer Einzelforschung\nwird niemals im Stande sein, das Mensch-\nseinsproblem aus sich heraus zu lösen; denn\nauch die Totalsumme aller Einzel-\nteststellungen, auch wenn sie sämmtlich\ntatsächlich wären, würde uns der Problem-\nlösung nicht näher bringen, weil das eigent-\nlich „Rätselhafte\" nicht sowohl in den\nEinzelheiten als vielmehr zwischen ihnen\nliegt. Die Verbindung, der Zusammen-\nhan g, die Anordnung, die Bezieh-\nungen, die nicht konstatierbar sind, die\nImponderabilien, die aus dem Wesen\ndes Menschen selbst stammen und von ihm\nin die Dinge hineingetragen werden, sind\ngerade das Entscheidende.\nDie Wissenschaft kann hier nicht helfen.\nDer Wissenschaftler müsste sonst längst\nder religiöse Mensch aus sich sein; und\nder Wissenste in ihrem Sinne der Priester\nund Heilige einer „wissenschaftlichen Reli-\ngion\". Solche Uebertragungen wären durch-\naus künstlich und unhaltbar, auch wenn\nman sie versuchen wollte.\nWissen um Geschehen und Ge-\nschehenes giebt noch keine"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3741, "texte": "religiöse Sicherheit im Wirbel\ndes Seins keinen Ruhepunkt für\ndas denkende Sein.\nKreisen kann sich nur selbst erlösen in\nseinem Mittelpunkt, aus dem es sich ent-\nwickelt.\nNicht zum Menschen hin, vom Me-\nnschen her kommt alles Werden und\nWirbeln und Wirren, alle „Entwicklung\".\nEr ist nicht Endzweck, sondern Aus-\ngangspunkt.\nEr gebiert den Kosmos; er zeugt das Leben.\nDer „Monismus\" reisst den Menschen in das\nkosmische haltlose Geschehen hinein und lässt\nihn haltlos vergehen. Er giebt das Gegen-\nteil von Sicherheit und beantwortet die\nSinnfrage der Menschen not nicht.\nMicht jedes Wissen oder das Wissen\nschlecht hin giebt dem Menschsein Sinn.\nGott wissen als U r bewusstsein allein\nkann ihn geben.\n„religio\".\nUrscheu.\nWesenswille, den wir Menschen see 1 e\nnennen.\n„Seele\" ist die organische Zusammen Wirkung\nunsrer Sinne, ist unsres Wesens Einheits-\norgan.\nSie bestimmt Instinkt und Wille.\nSie bestimmt das Ethos der Persönlichkeit.\nSie bestimmt den Rhythmus der Eigenheit,\ndas Temperament. • \\\nEine Religion, die die menschliche Seele\nnicht beschwingt, begeistert, erhebt, ent-\nflammt, befruchtet und empor wirft, hat den\nNamen und das Wesen seiner selbst ver-\nloren.\nEine Religion, die nicht das Höchste in\nuns reifen lässt, dessen wir fähig sind —\ndas Beste zu überwältigender Auslösung\nbringt, das sich aus unserem Wesen, her-\nausringen kann — die nicht das Letzte in\nuns befreit und jauchzen macht, hat den\nAnspruch, uns Religion zu heissen, verwirkt.\nWenn nicht Religion die „göttliche\", „dä-\nmonische\", „dyonysische\" Urkraft unsres\nSelbst ist, bleibt sie Ohnmacht, Lippen-\nbekenntnis und Salbaderei. Gottstärke unsres\nWesens, sein Gestaltungsvermögen, sein\nintensivster Wert muss uns unser Urbe-\nwusstsein sein, oder es ist nichts. Leben-\ndigste Offenbarung, wirksamstes Leben\nmuss uns Gottwissen werden oder es ist\ntot.\nÜr heisst die heilige Quelle, die aus Gott\nin uns ftiesst, die uns fruchtbar macht, dass\nwir Göttliches in uns und aus uns heraus-\nreifen lassen können.\nUreigen fühlt sich der Gottmensch und\nbestimmt zu ureignem Wirken aus ureignem\nRecht; gespannt zwischen Trieb und Wille\nin allem seinen Tun und Denken sich selbst\nimmer aufs neue zu zeugen und zu gebären\nin Worten und Werken.\nUr drängt uns, den Weg der Vollendung\nzu beschreiten; voll zu uns zu kommen zu\nunsrer Vollkommenheit.\nSo wirkt Gott in den Menschen seit Urzeiten:\nin den Meistern des Denkens und\nKönnens. Sie alle kannten und wollten\nnur ihren „Ur\", den Gott in ihrer Brust.\nAber Jeder soll und kann so werden, wie\ndiese Begnadeten, die ihren Weg fanden\nvon sich zu sich; die ihren Weg gingen,\nweil ihr Urbedürfnis stärker trieb, als Leibes\nNahrung und Notdurft; weil U r ihren\nGeist führte zu seinen Zielen. „Genies\"\nnennt die Menschheit solche Menschen, die\nKünstler sind und nie etwas anderes waren,\nals fromm ihrem Wesen und gehorsam\nihrem Gottwissen.\nFrommsein aber heisst seiner Urbestimmung\nfolgen. So waren noch alle Grossen und\nGlücklichen fromm.\nSie waren von je die Schöpfer ihrer Welt,\ndie Former ihres Inhalts.\nIn der Kunst ist Form und Inhalt eins.\nIm Bewusstsein liegt die letzte kosmische\nEinheit.\nForm und Inhalt ist eins in Vorstellung,\nBegriff und Empfindung: sie sind die\nBewusstseinsträger im Menschen.\nSie alle sind künstlerische Gebilde: Denk-\nformen; Gedanken; Erkenntnisgebilde; Geist-\nkörper. Kunstwerke des werkenden Künstlers\n„Ur.\"\nUr als eigengeartetes Mensch wesen.\nDer Kunstmensch ist der Ausdruck des\nformenden Urwillens in seinem Sein. Er\nformt sein Wesen zum Lebensinhalt, sein\nSein zum Erleben, sich zum Ur, zum\nGottmenschen.\nErlebnisform jedes Wesens ist Kunstgebilde,\nUrgebilde in Wesensform ist der Gott-\nmensch.\nJeder Künstler ist seines Wesens, seines Ur\nPriester.\nUnd als Meister ein Heiliger des künstler-"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3895, "texte": "ischen Erlebens seiner selbst. Ein Vollender\nund Vollendeter, so er nichts sein will als\ner selbst, als Ausdruck seines Ur.\nIn jedem Kunstwerk als einer Vollendung\nfindet jedes Wesen sich selbst\nSo schenkt der Urpriester Jedem sein\neigenes selbst: so führt er ihn zu\nseinem Gotte. So dient er auch allen\nanderen Göttern als Priester.\nNur der Künstler vermag so Priester\nzu sein.\nNur Kunstwerke, die individuelle Urseins-\ngebilde sind, können für Jeden Erlebnis\nwerden auch seines Urwesens; denn Ur\nlebt in jedem echten Erleben.\nErlebnis ist Urgebilde aus Leben.\nBewusstwerden menschlichen schöpfer-\nischen Wesens aus Vorstellung, Begriff und\nEmpfindung. Aus Wahrnehmung.\nIn uns pulsiert so der Herzschlag des\nKosmos; in uns leuchtet das Bewusstsein\ndes Seins. Wenn wir in uns hinein lauschen,\nerlauschen wir die Geheimnisse des All;\nwenn wir uns in uns konzentrieren, stehen\nwir in der Unendlichkeit der Natur.\nIm Uns-erleben athmen wir den Odem\nalles Geschehens.\nIm Uns-erleben liegt unser Glück, unsre\nStärke, unser Selbstbewusstsein, unser Recht.\nAus unserm Wesen fertigen wir unser Recht;\ngerechtfertigt werden können wir nur aus\nunserem Wesen: aus Ur; aus der kosmischen\nSeinswirklichkeit unsres Selbst heraus.\nDer Kampf um die „Rechtfertigung\"\nunsres Tuns und Lassensist ja das, was\nman den wirklichen Gehalt jeder religiösen\nLehre nennt und als ihren eigentlichen Wert\nempfindet. An ihrer ethischen Auswirkung\nerkennt man den Geist und die Kraft jeder\n„Heilslehre\".\nDie Entscheidung über unser Verhalten als\n„tugendhaft\" oder „sündhaft\" als „gut\" oder\n„böse\", als „falsch\" oder „richtig\", als\n„gottgewollt\" oder „gott verworfen\", ist\nletzthin der Inhalt alles religiösen Lebens.\nAlle Moral beruht auf ein erVerantwortlieh keit\nvor einer höheren Instanz, die in unserem\nGewissen ihr Tribunal hat.\nIm „Gewissen\" liegt alle Entscheidung;\nniemals kann sie im Ungewissen\nliegen.\nDer Mensch braucht einen Massstab, den\ner kennt, einen Wegweiser, den er sieht,\nRichtungslinien und Gesichtspunkte, u m\ndie er weiss, damit er sein Handeln\nund Wandeln nach besten Wissen und\nGewissen einrichten kann.\nDas Gefühl möglicher Willkür und Unge-\nbundenheit liefert ihn einer Unsicherheit\naus, die er scheut. Er braucht als „ver-\nnunftbegabtes Wesen\" eine höhere Instanz\nals sein Notdurftsgefühl, als die blanke\nNotwendigkeit seiner Natur. Er will als\nMensch „menschlich\" sein, als denkendes\nund verantwortliches Geschöpf im Sinne\neiner das All beherrschenden Vernunft\nhandeln, einer „Vorsehung\", kurz — eines\nGottes.\nVerantwortlichkeitsVerankerung in einem\nsicheren Urgrund: als solchen braucht und\ngebraucht der Mensch sein Gewissen.\nDes Menschen Gewissestes aber\nist sein eigenes Wesen, das sich\nselbst im Unterbewusstsein noch auswir-\nkende Wissen um seine Artung.\nZwiespalt entsteht, sobald er gegen seine\nArtung angeht, der inneren Stimme wider-\nspricht, seinen Weg verlässt und aus sich\nabirrt: denn so wird er in sich unwahr.\nSolche Zwiespälte empfindet der Mensch\nals „schlechtes\" Gewissen.\nKeine Lehre kann das verhindern und\nausgleichen; denn eben etwas von Aussen\nAngelehrtes und Angelerntes ist es ja immer,\nwas den Menschen mit „sich\" in Wider-\nspruch bringt und verwirrt: eine seinen\nAnlagen fremde Moral oder ein Ethos, das\nseiner Natur nicht liegt.\nDer „kategorische Imperativ\"\nkann nur aus dem Innersten und Echtesten\nsich verlautbaren, das der Mensch hat: aus\nseinem Ur.\n„Kategorisch\" ist niemals der\nBefehl einer „Lehre\". Auch der\nerhabensten nicht.\nKategorisch fordert nur die Naturnot-\nwendigkeit.\nNaturgewollt und deshalb auch Naturnot-\nwendig ist in jedem Menschen das Wesent-\nliche seiner organischen Bedingtheit.\nDas Sich-verhalten innerhalb dieser Be-\ndingtheit und Handeln innerhalb dieser\nBedingungen ist allein moralisch, weit\nes allein wesenswahr und in sich\nwahrhaftig ist.\n„Gutes\" Gewissen ist gutes Wissen um diese\nseine innere Wahrhaftigkeit und ihre\nNaturnotwendigkeit."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2916, "texte": "Hier müssen die lauteren Menschen, die\nman wie die Unlauteren seit Jahrtausenden\nzu „glauben\" gewöhnt hat, dass „der Mensch\nBöse von Jugend an sei\", endlich und\ngründlich umlernen: mit der Befreiung\nvom Frevel des Erbsündentums\ndes Menschen beginnt alles gute\nGewissen.\nFrevel ist jede Lehre, die den Menschen\nschändet und demütigt; Sünde wider den\nheiligen Geist Urs, die kein Mensch und\nkein Gott vergeben kann; Yerstossung des\nMenschen unter das Tier und Ausstossung\naus der Wahrhaftigkeit des kosmischen\nSeins bedeutet diese naturwidrige Sinnlosig-\nkeit. Mit dem „Gottglauben\" nahm man\ndem Menschen allen Glauben an sich.\nSoweit verirrte sich der Mensch\naus sich.\nEin ewig schlechtes Gewissen sollte der\nMensch haben, um ihn Untertan zu machen;\nin sich musste seine Kraft zerbrochen\nwerden, um ihn beherrschen zu können;\nzerfallen sollte er in Gegensätze, damit er\neinen Vermittler und Versöhner brauchte,\nder ihn zu seinen Zwecken misbrauchen\nkönnte. Kirchen und Pfaffen haben hier\ngeerntet, wo sie nicht säen brauchten. „Du\nsollst\" haben sie von je gepredigt, und das\n»ich muss\" verdammt.\nAber nur das „Ich muss\" macht selig; denn\nes ist aus sich und an sich seelisch.\nAlles Menschenelend kommt aas dem\nGegensatz zwischen dem „ich soll\" und\ndem „ich muss\". Heil kann der Mensch\nerst wieder werden, wenn dieser Zwiespalt\nin ihm ausheilt. Was der Mensch muss,\nsoll er. Das ist seine Bestimmung: so\nzu wollen; sein Gewisses, das ihm kate-\ngorisch befiehlt.\nKeine Hemmung von Aussen darf ihn da\nverwirren; Einwirkung von Aussen bedeutet\nAusschaltung seiner inneren Kraft; Aus-\nschaltung seiner eigensten Verantwortung,\nda nicht e r aus sich heraus, sondern\nandre in ihn hinein entscheiden, was\ner zu tun und zu lassen hat. Seine innere\nBeteiligung ist nur noch eine „leidende\".\nEin Martyrium.\nDie Selbstüberwindung aus\nSelbstzucht ist ein Anderes: sie\ngehört zum Wesen innerer Kraft.\nSelbstzucht darf nichts anderes\nsein als Selbsterhöhung.\nSelbsterhöhung aus sich selbst und seiner\nEigenartung.\nKastrierung der Eigenart, ganz gleich aus\nwelchen Beweggründen, ist immer Selbst-\nverstümmelung, und wenn sie tausendfach\nTugend genannt würde, sie bleibt und ist\nVerbrechen,\nSei, was du bist — das allein ist die\nWahrheit; Tugend ohne Wahrheit ist Lüge\nund Heuchelei. Sie hält vor keinem\nGewissen stand.\nWerde, was du bist. Der Weg der\nWahrhaftigkeit muss zurückgelegt werden\nvon der Selbstverständlichkeit deines Wesens\naus bis zum Selbstbewusstsein deiner Art.\nDurch Selbstzucht findest du das Wesent-\nliche- „U r\". Das Göttliche.\nDurch Selbstüberwindung der „Artung\"\nzur selbstgezüchteten Art und Wesen-\nheit aus deinem „Wesen\" gelangst du zur\nVollendung in dir — in Ur aus Ur.\nZu Gottwirken aus göttlicher Anlage. Zu\nMenschentum aus Menschsein.\nNur hierin kann das Wesen des Religiösen\nliegen, wenn es sich wirklich um „Religion\"\nhandeln soll.\nReligion lehrt echte und vollendete Wesens-\ngestaltung — aus Religion."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c014", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "144", "page_fin": "144", "image_debut": 18, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.12", "titre_corps": "Inhalt", "titre_sommaire": "Inhalt", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 18, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.18", "debut_caractere": 2918, "fin_caractere_exclue": 3234, "texte": "Inhalt\nTibor Dery: Blaue Glasfiguren\nKurt Liebmann: Vier Gedichte Schrill\nKurt Heinar: Gedichte\nEmile Malespine: Carte postale\nWilliam Wauer: Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion\nErnst Albrecht: Linoleumschnitt\nHans Mattis Teutsch: Linoleumschnitt\nAurel Bernäth: Kathedralen und Häuser / Gemälde\nSeptember 1923"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c015", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[128]", "page_fin": "[128]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.13", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[128]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 830, "texte": "W. MarzMierd Co. * Berlin w * CrunewaHtetr. 1415\nocgrsndei 1854 Hof-Spedtteure S. PI. lies KOniits von Spanlen eesranM :ss4\nllllilHlll!illll!l!lltinilllllllllllllllllillMIIIIIIIIIHIIIIIIillllilltlllllllllllllillilllllll!IIIIHIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!llllli;iil(i;illilllllilliiiU\nSpedition und Mobeltransporte, Verpackung und Lagerung\nvon Gemalden und Kunstgegenstanden jeder Art Lieferung\nund Empfang nach und von alien Kunstausstellungen des\nIn# und Auslandes Transportversicherungen jeder Art.\nIIIIIHIIIIIIIIIllllllltlIllllllllllllllllllllllllllllllll!!lllllllllllilll!lllllllllllllllllllllilll!Illlllltlllll!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH\nSpefiileurc «!es Wirlscltaftlichen Verbanties Dildender Kilnstler. der rreien Secession,\ndes VerbaKdes Deutscher llluslrotoren und Hausspedlieure des ..Sturm**."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c016", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[128]", "page_fin": "[128]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.14", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[128]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.2", "debut_caractere": 832, "fin_caractere_exclue": 985, "texte": "9leuseitttd)e\nSeine Cataloge\n3ettf\nunb SBerfe\n©ef\n93rof $itren\nGpejialtt&t: 9fte^vfarf>enbrucf\nBERLIN N© 18\nWassmann-Strasse 27\nTel. 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III! 11111111 i 111! 1111 i 1111111111111111111111111111111111111111111111111 ■ 1111111111111111111! 11111 i 111II111! 11111111"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c020", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[128]", "page_fin": "[128]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.18", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[128]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.2", "debut_caractere": 2078, "fin_caractere_exclue": 2404, "texte": "\"NOI„\nInternationale Zeitschrift\nder Futuristen\nHerausgeber: Enrico Prampolini\nRedaktion: Ruggero Vasari und\nVittorio Orazi\nDirektion und Administration:\nVia Tronto 89 — Rom (36)\nRedaktion: Via Treviso 19A —\nRom (50)\nErsdieint monatlidi u. reproduziert\nWerke bester moderner Kunstler\nDauerbezugspreis jahrl. 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Pes . 2.\n„ Brasilicn: Milreis 6.\nff Bulgarien: Leva 84.—\n„ Chile: Pes 6.—\n„ Danemark: Kronen 6.—\n„ Deutsch'Oesterreich: ost. Kronen 32000.—\n„ Finnland: Mka. ............ 24.—\n„ Frankreich, Belgien, Luxemburg: Fr. 12.—\n„ Griechenland: Drachmen 48.—\n„ Grossbritannien: Schilling 5.—\n„ Japan: Yen............... 2.40\nw Italien: Lire 18.—\n„ Jugoslawien: Dinar 52.—\n„ Niederlande: Gulden. . . 3.—\n„ Norwegen: Kronen 6.—\n„ Portugal: Milreis 18.—\n„ Rumanien: Lei 120.—\n„ Schweden: Kronen 6.—\n„ Schweiz: Franken. .......... 6.—\n„ Sowjet-'Rußland: Schweizer Franken 6.—\n„ Spanien: Pesetas 6.—\n„ Tschechoslovakei: Kc 18.—\n„ Ungarn: Kronen 2000.—\n„ U. S. 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Umschlagseite / Einzelheft\n(it undzahl 1\nVollstSndige Exemplare des 6. und 7. Jahrgangs nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden Grundzahl\nje 20 / 9. bis 13. Jahrgang Grundzahl 10 / 1. bis 5. und 8. Jahrgang vergriffen / Einzelhefte aller Jahr-\ngange Grundzahl 1\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm sind signierte und numerierte Handdrucke, von den\nmoisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich zu erwerben. Die Originale sind verkaufiich.\nSturmbtihne / Jahrbuch des Theaters der Expressionisten / 1. bis 8. 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Auflage / 3\nTropfblut / Gedichte / gebunden 7\nGesammelte Dichtungen / 2 Bande / Jeder Band 5\nPaul Scheerbart\n(ijasarchitektur / In 111 Kapiteln / 3\nErnst Marcus\nDas Erkenntnisproblem / 3\nKurt Heynicke\nKings fallen Sterne / Gedichte / 2.50\nRudolf Bliimner\nDer Geist des Kubismus und die Kunste / 4\nLothar Schreyer\nDie neue Kunst / 1.50\nDer Sturm: Berlin 120658\n*\nHerwarth Walden\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressionis\nmus I 3\nDas Buch der Menschenliebe / Roman / 3\nSturm'Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nI Marc Chagall / 2. Auflage\nII Alexander Archipenko\n111 Paul Klee\nIV Kurt Schwitters\nJedes Buch 5\nV Maler des Expressionismus / Fiinfzehn Farb-\ndrucke:\nChagall I Kandinsky / Franz Marc usw. / 15\nXokoschka-Mappe: Menschenkopfe / 15"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1923-09-01-01-c031", "article_bluemountain": "bmtnabg_1923-09-01_01#c031", "volume": "bmtnabg_1923-09-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "146", "page_fin": "146", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.20", "debut_caractere": 2322, "fin_caractere_exclue": 2676, "texte": "Dcr Sturm tfbernimmt die Veranstaltung von\nSturm'Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel'\nausstellungen) in alien StSdten und LSndern.\nDer Sturm vermittelt nu r den Verkauf von\nWerken der Kiinstler, die er durch eigene Aus-\nsteilungen anerkennt.\nStandige Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. 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MarzMierd Co. * Berlin w * CrunewaHtetr. 1415\nocgrsndei 1854 Hof-Spedtteure S. PI. lies KOniits von Spanlen eesranM :ss4\nllllilHlll!illll!l!lltinilllllllllllllllllillMIIIIIIIIIHIIIIIIillllilltlllllllllllllillilllllll!IIIIHIIIIIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII!llllli;iil(i;illilllllilliiiU\nSpedition und Mobeltransporte, Verpackung und Lagerung\nvon Gemalden und Kunstgegenstanden jeder Art Lieferung\nund Empfang nach und von alien Kunstausstellungen des\nIn# und Auslandes Transportversicherungen jeder Art.\nIIIIIHIIIIIIIIIllllllltlIllllllllllllllllllllllllllllllll!!lllllllllllilll!lllllllllllllllllllllilll!Illlllltlllll!IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIH\nSpefiileurc «!es Wirlscltaftlichen Verbanties Dildender Kilnstler. der rreien Secession,\ndes VerbaKdes Deutscher llluslrotoren und Hausspedlieure des ..Sturm**.\n\n9leuseitttd)e\nSeine Cataloge\n3ettf\nunb SBerfe\n©ef\n93rof $itren\nGpejialtt&t: 9fte^vfarf>enbrucf\nBERLIN N© 18\nWassmann-Strasse 27\nTel. MOHlgstadt 8269.1176\n\nAn unscre Abonnenten!\nWir bitten unscre Abonnenten, den\nnementspreis fur das bevorstehende vierte\nVierteljahr 1923 bis spatestens 30. September\nauf unser Postscheckkonto Berlin 120658\neinzuzahlen. Der Grundpreis betragt wie\nbisher 2.—, die jetzige Schlusselzahl desist\nist 30 Millionen.\nDer Abonnementspreis betragt somit Mark\n60 Millionen. Es liegt im Interesse unserer\nAbonnenten, die Einzahlung bis spatestens\n\nma\ni\niitiidriidferei Rtdiard Stein Nadii.\nBERLIN N54 / BR UNNENSTRASSE 188/190\nFERN S PRE CH'ANSCHL USS: NO RDEN Nr. 3393\nlie fett s amtlidi e Drucksadien,\nein= und mehrfarbig, schnell, gut und billig\n\niiiiiiiiitiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitimiiiimiiiiiijliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHiimmiiiiimiiiimiiiiiiiii\nGesellschaft der Sturmfreunde\nI G. d. St. |\n•• mm\n| DieOrganisationderFreundederneuenKunst |\n| Satzung und Aufnahme durdi den Verlag Der Sturm |\n| Berlin W 9 / Potsdamer Stra6e 134 a |\nI i lEIIIIIIIIJIII it! til ] I! III! 11111111 i 111! 1111 i 1111111111111111111111111111111111111111111111111 ■ 1111111111111111111! 11111 i 111II111! 11111111\n\n\"NOI„\nInternationale Zeitschrift\nder Futuristen\nHerausgeber: Enrico Prampolini\nRedaktion: Ruggero Vasari und\nVittorio Orazi\nDirektion und Administration:\nVia Tronto 89 — Rom (36)\nRedaktion: Via Treviso 19A —\nRom (50)\nErsdieint monatlidi u. reproduziert\nWerke bester moderner Kunstler\nDauerbezugspreis jahrl. (12 Hefte)\n40 lire\n\n30. September zu bewirken, da fur spatere\nEinzahlutigen die dann geltende erhohte\nSchlusselzahl in Anrechnung kommt. Nach\ndem 30. September wird der Betrag durch\nNachnahme erhoben.\nUnsere auslandischen Abonnenten bitten wir,\nuns den fiir ihr Land geltenden Betrag in\nWahrung ihres Landes oder in Umrechnung\nzum Tageskurs einzusenden. Wir bringen\nnochmals eine Aufstellung der Bezugspreise\nfur die verschiedenen Lander.\nVerlag Der Sturm\n\nHIIillllllllli!lliili!llll!!i!l!ll!ili!li!liliij||ISIIIIIIIIIi!l!!ilillilllllltlllI]|l!llliHII!liE!]]!)ll!IIIIIIIIIHIItll!1l!lll!lllll!l!lll!ll!.til!iUIUII!!ililllHlllllli!Ulllli!l![!lliillilllllllilllillll!lR\nPAPlllflllilPPl\n'S , Gesamtwerk 69 Papierfarben von hochster Farbkraft liefert §|\nIPAPIERFA R B B I L D E R i\nJ§ von unerreichter Schonheit / Geschiitzt in alien Kulturstaaten 1\nM €?s}£&&fiigMvngssgzi&ff J£efkanrm£t&<ell §j\n..|| 3f£wa.m§£wm«a&%9&l yiZsatfkastem* gj\nJjjjj Zu beziehen durch Warenhauser, Spielwaren* und Lehrmittelhandlungen oder durch \" ■ §1\n] STURMjBUCHHANDLUNG / BERLIN W 9 |\n= POTS DAME R STRAS S t 13 8 a g\n{■MM taMM"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.3", "texte": "DER STURM\nMONATSSCHRIFT / HERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\nFortsetzung\n\nBlaue Glasfiguren\nTibor Dery\n\nDies geschah. Der Vogel sagte: wohl dem,\nder mit den Hühnern zu Bett geht und früh\naufsteht. Die Engel niessten. Der Vogel\nsagte noch: man kann nicht wissen, was\nim Dunkeln geschieht. Grosses Unglück!\nKaum dass es dunkelte, bogen die Glas-\nfiguren um die Ecke. Sie atmeten heftig\nund waren sehr müde.\n— Bleib stehen! riefen sie — bleib stehen!\nSie waren müde, liefen aber weiter. Den\nsie verfolgten, war kein Tier, rannte aber\ngut. Die grösste fisische Geschwindigkeit\nist 300 000 Kilometer in der Sekunde, davon\nkonnte noch keine Rede sein — aber wenn\nman ihm zurief: bleib stehen! — befand\ner sich in der nächsten Sekunde bereits am\nGipfel des Berges. Und die Glasfiguren\ntrotteten hinter ihm her, wie kleine trauernde\nEsel.\nViel Rauch lag über dem Geleise. Ihre\nFüsse stiessen klirrend gegen die Schienen,\ndas Eisen sprühte blaue Funken, es war\ndemnach hell und sie stolperten nicht, wenn\nsie die Bahndämme überschritten. Die Züge\nliefen zischend- dem Bahnhof zu. Einen\nwarfen sie beinahe über den Haufen, als er\naus einem finsteren Tunnel heraus stürzte,\naber sie bemerkten ihn noch rechtzeitig und\nzogen ihre Füsse zurück. Nichts geschehen!\nNur der Rauch beisst das Auge. Der ferne\nBahnhof rot erleuchtet, die Signallampen\ndrehten sich im Kreise und warfen ihr grünes\nNetz über die zerstreuten Zinskasernen.\nAus dem Zug schleuderte jemand eine\nbrennende Zigarre, in einem offenen Fenster\nstand ein Gramofon, tropfte gelbe Lachen\nauf den Asfalt. Mehere Familien badeten\nsoeben in ihnen.\n— Die Vorstädte besitzen wenig Würde —\nsagten die Glasfiguren. — Was essen wohl\nhier die Leute tagsüber? Schwer verdauliche\nSpeisen machen den Menschen cholerisch\nund berauben den Körper seiner natürlichen\nGrazie. —\nSie liefen weiter, blieben aber bald stehen\nund schauten aufmerksam in die Luft. Ein\ngrosser Korb voll Licht schwamm langsam\nüber dem Wald, eine silberne Henne brütete\ndarin und schaute mit erschrockenen Augen\nherunter. Wind wehte unter dem Korb\nund blies von den Stirnen die Hüte und\ndie Blätter in den Staub. Einen Monat lang\nschwebte der Korb mit grossem Licht,\nverschwand dann hinter den Fabrikschloten.\n— Heute geschehen Zeichen und Male —\nsagte eine Glasfigur und wischte sich den\nSchweiss von der Stirne.\nIndessen stand die Jüngste vor einem Eckstein\nund verrichtete ein Bedürfnis. Schreiend\nwandte sie sich um. — Heute erreichen\nwir ihn . . . heute erreichen wir ihn . . .\nlaufen! — rief sie, sie setzten sich in Be-\nwegung und wateten durch den Fluss. Die\nJüngste unterbrach, was sie angefangen,\nentfaltete begeistert ihre Flügel und schwebte\nsingend in die Luft. Glut kreiste in ihrer\nBrust und warf starken Glanz auf die nächt-\nlichen Wiesen. Die Schmetterlinge flatterten\nempor, saugten sich an ihrem hellen Herzen\nfest und aus den moosbewachsenen Lücken\nder Zeit krochen Salamander hervor und\nwarten ihr glotzend die grünen Bänder ihrer\nBlicke nach.\nSie liefen mit geschlossenem Mund. Auch\ndie Kiesel sprangen hinter ihnen, die ge-\nflügelten Flöhe schrieen kurz und der\nSchelisunschmetterling entbot ihnen das\nsanfte Erbarmen seines Atems. Alle Linien\nverlängerten sich, die Kreise drehten sich,\ndie Flächen schwollen zu Körpern, in den\nLücken rieselte grünes Wasser und den\ntoten Kaninchen flatterten die rosa Ohren. In\nden Augen eines Dichters erglänzte das Fest,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.4", "texte": "Der Schatten wanderte auf der Landstrasse,\nals sie ihn erblickten. Wieder war er hungrig.\nSprach eine alte Frau an:\n— Was isst du? —\n— Brot —\n—Du lügst! — sagte ,er — das ist ja röter,\nals der Mond, wenn Krieg ist. —\nDie alte Frau schrie erschrocken: es ist\nrot, weil du es anschaust und deine Augen\nrot sind!\n— Lass mich singen! — sagte der Schatten\nund neigte sich zu den Ohren der Alten.\nDann hob er sie in die Höhe, schob sie in\nden Mund und schluckte sie. Die Glasfiguren\nsahen von weitem, wie der kleine Bissen\nin dem durchsichtigen Körper bis zum Bauch\nsank. Sie liefen, um ihn zu erreichen. Aber\nhatten sie elektrische Schwingen?\nIm Wald frass er ein Kind. Aber das Kind\nwar klein, so frass er auch seinen Vater\nund seine Mutter. Dann frass er das Haus\nmit den Möbeln, den Blumen und dem\nFeuer, das im Kamin brannte. Die Tiere\nund die Menschen im Dorf sahen ihm\nschaudernd zu. Das dauerte fünfzehn Jahre.\nDer Mond hat grosse Augen, jeden Monat\nschaut er einmal herunter, ob es noch kein\nEnde hat.\nZwei Männer trafen ihn, als sie aus dem\nAmt nachhause gingen. Kaum dass sie ihn\nsahen, wurden sie toll. Der Eine sagte dem\nAndern: Du Niederträchtiger! Der Andere\nsagte: Grausamer! Der Eine sagte: Du hast\nden Schinken von meinem Tisch genommen!\nDer Andere sagte: ich aber bin mager und\nmeine Gattin ist bei Dir! Der Eine hob die\nFaust und sagte: in meinem Zimmer leuchten\ndie Frauen in der Nacht wie das Meer!\nDer Andere zog ein Messer und sagte: das\nGesicht des Sommers ist verstört und die\nApfelkränze welken! Der Eine schlug zu\nund sagte: du bist schuldig! Der Schatten\nfrass Beide und ging weg. Aber sein Bauch\nwar noch flach und schlug noch keine Wellen.\nDie Glasfiguren konnten ihn nicht einholen.\nSie schwitzten, waren sehr müde und wollten\nden nächsten Tag abwarten. Die Jüngste\nschlug die Flügel zusammen und sank in\nden Schatten eines Baumes, wie die Bienen.\nDie Zweite blieb mit klirrenden Füssen in\nden Telefondrähten stecken. Doch der Ael-\ntesten Brust füllte sich mit blauem Licht,\nsie starrte erschrocken auf den tanzenden\nBauch des Schattens und auf seine durch-\nsichtige Zunge, die in Spiralbewegungen die\nLuft durchzog.\n— Bu-bu! — brüllte sie auf der Anhöhe,\nwie ein erschrockenes und rachedürstendes\nKalb, und auch die anderen Glasfiguren\nschauten entsetzt auf die sich in der Ferne\nverlierende, tanzende Gestalt.\nDer Schatten schwamm über einen gedeckten\nTisch, die Stirnen der Gäste bewölkten sich.\n— Vielleicht wird es regnen! — sagte der\nBrautvater und schaute auf den Himmel,\nwo keine Wolken lagen, aber auch kein\nMond und keine Sterne. Die Braut erschauerte\nvor Kälte und wandte sich vom Bräutigam\nab. — Man muss das Licht anzünden! —\nsagte eine Stimme, aber das elektrische Licht\nbrannte nicht, nur die Früchte der Bäume\nleuchteten mit dunkler Glut über der Laube.\nDie Glasfiguren befürchteten eine neue\nFreveltat und stürzten noch einmal mit\nmüdem Marsch vor.\n— ... eine achtungswürdige und grosse\nFeier ... — sagte der Redner, der das\njunge Ehepaar begrüsste. Er schüttelte sein\nrotes Korallenherz, aus dem Wohlwollen\nund Liebenswürdigkeit strahlten.\n— ... ich liebe dich ... — sagte der\nBräutigam träumerisch in der Richtung der\nSträucher.\n— ... das Fleisch des Lämmchen war zart\nund der Pfirsich wie ein Traum ... —\nsagte der Schwager und dachte an die Ga-\nzellen, die in Afrika frei leben und graziöser\nsind als seine Frau.\nDie Mütter zeigten sich die neuen Licht-\nbilder, die der emsige Fotograf noch vor\nder Abenddämmerung abgeliefert hatte. Die\nRadiumsterne auf den Stirnen des neuen\nPaares hatte er aus Herzensgüte nicht separat\nberechnet. War doch jedermann zuvor-\nkommend, dankbar und zart und mit guten\nWünschen überfüllt, wie des Vaters Herz\nmit Stolz. Das war der gegebene Moment\nfür den Schatten.\n— Bitte um ein Stück Torte und um eine\nRose! — sagte er zum Stubenmädchen, riss\nes ihr aus der Hand und verschlang es.\n— Bitte um eine Handvoll Braten — sagte\ner der Köchin, die mit tränenden Augen\ndie Braut betrachtete. Riss den Braten aus\ndem Rohr und schob ihn samt Schüssel\nhinunter.\n— Bitte um einen Heller! — sagte er dem\nEhrengreis, stach mit den Fingern in seine"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.5", "texte": "Planken und schlürfte das herausfliessende\nGold ein.\n— Erbarmen! — sagte er der hässlichen\nSchwägerin, die alte Jungfer war und im\nKino immer weinte. Schluckte sie in einem\nStück herunter.\n— Die Mitgift! — sagte er und verschlang\nden Vater der Braut. Dann ihre Mutter.\nDer Bräutigam, der Monteur in Afrika war,\nentging ebensowenig seinem Schicksal und\nauch die Braut sank mit viel Ergebung in\nden Tod, wie eine gewählte, aber welkende\nGartenblume. Die übriggebliebenen Mit-\nglieder der Gesellschaft flohen in die hängen-\nden Gärten, auf dem Kampfplatz blieb nur\nein Schosshund zurück, kroch auf den Tisch,\nbeugte den Kopf zu der leisen Erdbeercreme.\n— Bleib stehen! — riefen die Glasfiguren,\ndoch der Schatten schwang sich mit ge-\nschwollenem Bauch in die Höhe, schnaufend\nwie ein Wasserfall in den Bergen. Die\nSterne niessten, auch die Vögel bekamen\nschon Schnupfen vor Angst und aus den\nLeitungsdrähten fiel der Strom heraus und\nbildete eine grosse Lache am Rande der\nLandstrasse. Ein Hase verbrannte darin,\nein Handelsreisender zündete sich an der\nLeiche die Zigarette an. — Es gibt nichts\nbesseres, als ein vollendet funktionierender\nSelbstzünder! — sagte er, schaute dann\nerschrocken in die Luft, wo die Verfolger\nrauschend schwebten und wilde Schreie\nunter den Wind stiessen. Wer bringt es\nüber sich, stehen zu bleiben und sich ruhig\nins Gras zu legen, wenn der dunkelbraune\nAtem des Teufels summend vor ihm herfliegt\nund man ihn mit ausgestreckter Hand\nvielleicht erhaschen kann. . . .\nDa unten galoppieren Züge und auf den\nRingstrassen verfolgt ein Unglücklicher mit\ngesenktem Kopf das Brot. Die Lampen\nerglänzen, verschwinden, ein grüner Berg\ngleitet nach rückwärts, Bahn Wächterhäus-\nchen, eine fliegende Zigarre oder vielleicht\nein Mensch? und die elektrischen Wagen\nbleiben zurück, wie die Pferde und die\nFliegen. Die Kirchtürme sind so winzig\nund verschwinden so rasch, siehst du sie\nvon oben, im Laub der Bäume schwärmen\nkleine Affen wie Bienen. Und siehe: in den\nWasserfällen, die im Augenblick verschwin-\nden, angeln die Menschen ihre unerklärlichen\nGeheimnisse und auf der kartografierten\nOberfläche der Erde schlängeln sich die\nLandstrassen mit grünem, blauem, und lila\nStrom und bleiben nicht stehen. Die Glas-\nfiguren galoppierten. Jetzt werden sie ihn\nvielleicht erreichen. Der Schatten ist satt.\nWer satt ist, stirbt.\nUnten im Bach wäscht sich ein Kalb das\nblonde Haar.\nKleine Kühe maschieren in den Stall, ein\nKalb brüllt.\nDie Glocke läutet und in den Dorffenstern\nentbrennt das Kreuz.\nDer Alte zündet die Pfeife an und sinkt\nmüde ins Heu.\nEin hoher Berg taucht auf und verdeckt\ndie Bauernhöfe. Vielleicht spielen hier\nwilde Tiere, wenn es dunkel wird. Der\nWald ist tief und wild, wie das Auge der\nMütter.\nIn der Mitte einer grossen Wiese liegt ein\nSäugling. Er brüllt und lächelt zum Mond\nhinauf.\nGrosse Freude steht uns bevor, lasst uns\ntanzen! Tanzen wir rechts und tanzen wir\nlinks! Der Schatten ist über dem Atem\ndes Säuglings gestolpert, mit schwerem\nBauch ist er zu Boden gefallen. Er keucht,\nklammert sich an die Telefondrähte, steht\nauf mit offenem Mund, aus dem Staub\nströmt. Die Glasfiguren sind herangerückt.\nAuch der Betrunkene fällt, wenn er wankt\nund kein Wein hilft den Toten zur Aufer-\nstehung. Vielleicht hat er sich angeschlagen?\nvielleicht ist er verletzt? Hinkend schwimmt\ner in der Luft, greift um Hilfe, Todesangst\nglüht in seinem Herzen. Die Leintücher\nder alten Jungfern tritt er nicht mehr zu\nBoden, kein graues Herz keuchender Fa-\nmilienmütter flattert mehr in seinen Krallen,\nder Sold der Beamten ist seinem Gebiss\nentfallen — jetzt wäre ein rasches Pferd\nvonnöten!\nDie Verfolger lachten und hielten sich fest\nan den Händen. Ihre Füsse verlängerten\nsich, sie atmeten tief und sagten: jetzt\nAusdauer .. . . vorwärts! Speichel tropfte\naus ihrem Mund und sie gaben dicke Töne\nvon sich, wie Säuglinge vor den Zitzen.\nDas dauerte Wochen. Schon standen sie\ndicht hinter ihm, streckten die Hände aus.\nDa schrie der Jüngste plötzlich auf, wandte\nden Kopf ab, sank rauschend zur Erde\nnieder, eilte mit ausgebreiteten Armen einer\nblonden Jungfrau nach. Der Schatten\nwieherte schadenfroh und verschwand um"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.6", "texte": "die Ecke. Die Glasfiguren stolperten, flogen\nmit verringerter Geschwindigkeit weiter,\naber er ist nicht mehr zu erreichen! Sie\nliessen sich auf eine Brandmauer nieder,\nkeuchten dort mit offenem Munde, wie die\nVögel. Der Jüngste bog in eine enge Gasse\nein und begleitete die Jungfrau in ein\nKaffehaus. — Warum hast du uns verlassen? —\nklang von weitem die schmerzliche Frage,\nklang und erstarb zwischen den Rollen.\nAber der Flüchtling hatte schon haarige\nOhren vor Verliebtheit, er flammte auf und\nspuckte wie ein gefallener Engel auf die\nKellner. Die Glasfiguren sassen auf der\nMauer und keuchten.\n— Nie? — fragte die Aelteste und der Kopf\nsank ihr auf die Brust.\nDie Zweite sagte: Die Kronen der Engel\nklingen vergebens im Walde.\nDie Aelteste spuckte aus, sie war hungrig.\nSie holten Speck und Brot hervor und im\ndunkeln und in der Kälte fingen sie ihre\nmüde Mahlzeit an. Die Füsse hingen von\nder Mauer herab, sie schaukelten sie und\npfiffen. Die Eine stiess grosse Säufzer aus,\naj-aj sagte sie, putzte sich die Nase, legte\nsich hin und schlief schnarchend ein. Von\nder Wiese stieg schlanker und unreifer\nC-'\nDuft empor, wucherte auf dem Rande der\nMauer, Vögel steckten ihre kleinen Kehlen\nhinaus und pfiffen Springbrunnen in die\nPflanzenwelt. Der Mond ein brennender\nPferdekopf, entschwimmt zwischen Fabriks-\nSchloten. Aus einer schwarzen Mandoline\nfällt ein Ton herab und entzündet den Atem\nder Tiere, Wind bläst, die Chrysantemen\nrauchen und auf deiner Handfläche summt\nein verliebter Hauch; zart, zart, nicht zer-\ndrücken ....\n— Guten Tag — sagte jemand am Fusse\nder Mauer, lüftete den Hut, lächelte graziös.\nDann warf er den Kopf in den Nacken und\nstarrte entgeistert auf die Spitze der Mauer.\n— Prachtvoll, entzückend, feenhaft! — sagte\ner, tänzelte nach rückwärts, legte den Kopf\nein wenig zur Seite und beschattete die\nAugen mit der Hand. — Feenhaft — wieder-\nholte er — das ist der günstigste Augen-\nblick . . . bitte bewegen sie sich nicht . . .\netwas freundlichere Gesichter! —\nEr zog eine Schraube an, sofort erfüllte\nweisses Magnesiumlicht den Lichthof und\ndie Brandmauer erglänzte.\n— Guten Tag Herr Kollege! — sagte der\nJournalist, der eine elektrische Nelke im\nKnopfloch hatte. Er zog einen Gummi-\nschemel aus der Tasche, blies ihm Luft\nein und setzte sich in die Mitte des Hofes.\nDie Typfräulein nahmen im Halbkreis um\nihn herum Platz.\n— Zu spät gekommen ... zu spät gekommen\n— sagte der Leichenbestatter den alten\nJungfern, die sich in unabsehbaren Scharen\nlängs der Mauer drängten. — Hört, hört! —\nriefen die in den letzten Reihen und\nsetzten riesige Blechtrichter an den Mund.\nDie Wachtmänner standen mit an die\nHosennähte gepressten Händen lautlos in\nder Ecke. — Auf der Mauer erglänzte ein\nelektrisches Plakat. — Was ist das: Riz-\nAbadie? — fragte die älteste Glasfigur. —\nVielleicht eine Tragödie — antwortete die\nAndere, doch wusste keine von ihnen etwas\nbestimmtes. , Am Himmel schwammen\nerleuchtete Ballone und verbreiteten laue\nWärme im nächtlichen Raum. Der Mond\nschlief ein, die Sterne ebenfalls.\n— Wir sehen hier die grösste Tragödie der\nMenschheit sich abspielen — sagte der\nJournalist, stellte sich auf den Gummi-\nschemel, räusperte sich und verbeugte sich\nleicht vor den Glasfiguren. Die Sprech-\nscheiben auf den Dächern leiteten die Rede\nweiter.\n— Ihr Berichterstatter hatte Gelegenheit —\nfuhr der Journalist fort — mit dem Rang-\nältesten General der zu Felde gezogenen\nArmee anderthalb Stunden lang Rücksprache\nzu halten . . . die hierbei erlangten Infor-\nmationen . . . kalala . . . rere . . . re . . .\nEntschuldigung . . . Betriebsstörung! . . .\nMeine Herren, es wurde Verrat geübt! Der\nFeind floh aufs Haupt geschlagen, mit\nZurücklassung .., unsere tapferen Soldaten\nbereiten sich auf den letzten Schlag vor . . .\nein Augenblick noch und der Urfeind der\nMenschheit sinkt in den Staub ... rerere ...\nplötzlich entsteht Verwirrung, unsere linke\nArmeegruppe schwenkt ab, der Angriff\nflaut . . . der Feind bricht durch und die\nHerbstzeitlosen verwelken unter dem blut-\nroten Himmel. Ich persönlich, als Privat-\nperson, kann dies nicht überleben .. . aber\ndank der raschen Berichterstattung unseres\nBlattes . . . rerere . . . auch weiterhin\nberichten . . . Ereignisse . . .\nEr zog einen Revolver aus der Tasche,\nschoss sich vor die Stirne und setzte sich"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.7", "texte": "Ernst Albrecht: Linoleumschnitt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.8", "texte": "dann auf den Gummischemel zurück.\nDie alten Jungfern jammerten laut in dis-\nziplinierten Chören, liessen blaue Bänder\nflattern. Der Redner trat auf die Tribüne,\nverbeugte sich leicht.\nWas ist demnach die Milchstrasse? — sagte\ner nachdenklich. — Die wahrscheinlichste\nAntwort darauf hat der Holländer Easton\ngegeben. Die Milchstrasse ist ein ungeheuer\ngrosser Spiralnebel. Der, unserer Erde\nnächst gelegene Punkt liegt in einer Ent-\nfernung von 7000 Lichtjahren. Die zwei\ngrossen Ströme haben ihre Divergenzpunkte\nim Grossen Hund und in der Südlichen\nKrone. Wenn zwei solche Gasnebel zu-\nsammenstiessen, würden bei einer Geschwin-\ndigkeit von 20 bis 30 Km in der Sekunde\netwa 40000 Jahre vergehen, bis sie aneinander\nvorbeikämen. Schon Demokrit äusserte die\nAnsicht . . .\nDer Leichenbestatter begab sich mit dem\nAufzug auf die Mauer, trat vor die Glas-\nfiguren, verbeugte sich leicht:\n— Anlässlich der grossen Katastrofe — sagte\ner leise — gestatten Sie mir, Ihre Aufmerk-\nsamkeit . . . auf die luxuriös ausgestatteten\nSelbsmordzellen unserer Firma zu lenken ...\nin denen lautlose Bedienung . . . die letzten\n24 Stunden vor der Operation distinguierteste\nGenüsse ... je nach Geschmack .. . Jung-\nfrauen oder muskulöse Neger . . . tropische\nBeleuchtung, Tropfsteinhöhlen oder sub-\nmarine Pflanzen dekoration . . . auch ein\nelegant melancholischer Park steht zur\nVerfügung, mit regulierbarer Witterung und\nMaiglöckchen . . .\nPlötzlich erlosch das Magnesiumlicht und\nvor der verdunkelten Wand verschwand\ndie Versammlung. Als letzter verliess der\ntote Journalist den Lichthof, der Akten-\ntaschen und Gummischemel unter dem\nArm haltend, mit ziemlich elastischen\nSchritten dem Ausgang zueilte. Der Mond\nund die Sterne kamen wieder zum Vorschein,\nin ihrem schwankenden Licht ein Hase lief\nüber die Wiese, schleppte seinen blutroten\nSchwanz lang hinter sich her. Die Glas-\nfiguren lehnten sich an die Telegrafendrähte\nund schliefen mit offenem Munde ein.\nIndessen schwamm der Jüngste mit der\nJungfrau in ein Palmenwäldchen, ruderte\nin einem rosafarbigen Sandolin über den\nSee und sein Herz schlug wie ein Harfen-\nspiel. Die Platanen beugten sich mit\ndurchsichtigen Körpern übereinander, unter\ndem Laub floss ein schwefelfarbener Bach,\ndie Vögel hingen in grossen Büscheln von\nden Zweigen. — Wipp-wipp — sagten sie,\nnickten mit dem Kopf und dachten an den\nMond, wenn er abends aufgeht und über\nden Wipteln summt, Lange Bienen mit\nMädchengliedern schwebten über den\nSträuchern, öffneten die Blätter und sogen\nden Schaum aus,\n— Ich liebe dich — sagte der Jüngling wie\nrasend und seine Stirne füllte sich bis zum\nRande mit Licht.\n— Ich verstehe Sie nicht — sagte die\nJungfrau, riss eine Orangenschnitte vom\nMond ab, ass sie mit kleinen Zähnen.\n— Ich liebe dich — sagte er wie rasend\nund über dem dunkeln Gras glühte sein\nKörper wie mitternächtliche Sehnsucht.\n— Was sich liebt, das neckt sich — sagte\ndie Jungfrau, erschauerte und küsste einen\nEngel, der mit weichen Flügelschlägen durch\nihre Arme flog.\n— Ich liebe dich — sagte er wie rasend —\nwas begehrst du? — Er weinte, schlug mit\nder Stirne auf die Erde und auf seiner\nBrust entstand aus blau leuchtenden Narben\nein schmaler Kranz.\nDie Jungfrau schaute ihm träumerisch in\ndie Augen. — Der Durian — lispelte sie —\nist eine edle Frucht, von der Grösse einer\nRosskastanie, mit heftigen und schmerz-\nlichen Stacheln bewappnet. Wer kennt ihr\nFleisch, welches köstlich und- zart ist, wie\neine Creme? Doch der Geruch überwältigt\nwie Limburger Käse, weh-weh, es gibt\nkeine Rosen ohne Dornen, Geliebter! —\nEin Salamander kroch vom Baum, ver-\nwandelte sich in ein silbernes Säckchen\nund entflog mit dem Wind. Lange hörten\nsie noch sein Läuten. Dem tiefen Moos\nentschwebten kleine Töne, glühten auf und\nknisterten ersterbend. Aus dem Gesträuch\nfiel ein Mangoapfel in das Gras und ver-\nbreitete einen leichten Terpentingeruch. Die\nJungfrau wandte sich von Ekel erfüllt ab\nund spuckte aus.\n— Was ist Ihr Beruf? — fragte sie streng —\nwas für eine gesellschaftliche Stellung kön-\nnen Sie mir sichern, wie heissen Sie, wie\nalt sind Sie, wer gewinnt das nächste Derby,\ngrossen Glanz hat der Mond und die Blätter\nfallen herunter, kennen Sie Tibor D6ry, den\nträumerischen, doch grausamen Dichter? —"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.9", "texte": "Sie befanden sich in einem finsteren Hof-\nzimmer im fünften Stock, aus der Küche\nklang Tellergeklapper, das Gas brannte\nknisternd und von den Möbeln stieg Kraut-\ngeruch und eine verhungerte Motte auf.\n— Kannst dir deine Blusen selbst aus-\nwaschen! — hörte man im Nebenzimmer\neine Stimme, eine Tür krachte und im\nTreppenhaus setzte sich der Aufzug krei-\nschend in Bewegung. Die Glasfigur kniete\nvor dem Divan, schlug ihre glanzlose Stirne\nauf den Boden.\n*\n— Ich lasse Sie hinauswerfen — sagte die\nJungfrau — geben Sie mir Geld, ich will\nabends eine Serenade vor dem Fenster des\nSchauspielers singen.\nDer Schauspieler trat durch die Tür ins\nZimmer, setzte sich auf einen Sessel.\nDraussen regnete es, der Graf kroch durch\ndas Fenster, seine Kleider waren durch-\nnässt. Der Ringkämpfer räusperte sich,\nküsste der Jungfrau die Hand. — Hm hm —\nsagte der Baron. Der Gatte lief durchs\nZimmer, sie nahmen ihn beim Bart, zausten\nihn. Der Direktor küsste die Jungfrau auf\ndas Knie, flog empor und schwebte unter\nder Decke wie ein Luftballon. — Hah-hah\n— sagte der Briefträger, schüttelte unsicht-\nbare rosafarbige Briefe auf den Tisch, spuckte\naus und ging weg. Im Nebenzimmer jam-\nmerte der Chor fehlgeborener Kinder, ein\nDiener verteilte Zetteln unter der Menge.\nDie Glasfigur hob die Faust, doch die Jung-\nfrau war schon verschwunden, nur ihre Ferse\nsah man einen Augenblick, als sie in der\nFlugmaschine vor dem Fenster vorüberflog.\n\nFortsetzung folgt\n\nVier Gedichte Schrill\nKurt Liebmann\n\nLandschaft\nDamm pulst die Ader Blut\nund\nAder tobt den Kreis\nritzt Wiesen\nüberblaut\nschnellt auf\nrot\nknallt ein Lichtschirm\nschräges flirres Kreisen\nund\nüberrauschend\nkrallt der Baum den wilden Sonnenbart\nist Tanz der Feuervögel\nschillernd\nschrill\ndurch klages Schilf\nstrich\nüber Wellennetze\nschreit\nder See\nwirft wild\ndas Herz\nin flattre Schleier Ufer\nWachs\nund\nbleich\nund leis\nMadonna.\nTrauriger Stern Abend\nKlagwehend\nsägt\nder Blutfall\nwogend\naufgewühlter Wunde\nTagschreigelb\nschrill\nund\nFinger Mond\nweist rot\ndas Kreuz\np\ngehoben\nsteigend\ntropf\nim Gold der Stimme\nUfer schleppend\nschwirrt der Speer\nDurchsilbern\nZittern\nklagt das Bluten\nWunden\nKrümmen\nschrei\ndas Auge\nschief\ndes Mannes\ngrün\nfliegt ätz und böse\nschwirr\ndie Blume Frau\nentschwebend\nschon verwebt\nden Schleiern"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.10", "texte": "stumm\ndem Schoss des Abends\nwächst die Hand\ndurchsichte fahle Hand\nkrystall\nund\nneigt\nund\nwurzelt\nsteht.\nVerflucht\nKreischknieend\nflackt das Haus\ngelbflatternd Haar\nund\nhebt\nin Tropfen Kelchen\nsteil\nHerz Jesu Blut\nblau\nwehen Gräber\ntanzen Flöten\nund\nder Mord der Tränen\nklagt\nwehslürzend\nin die Schluchten Herz\nweichbändernd\nschön\nund\nernster Harnisch\ntaumelt\nfällt\nbetäubt\nim Hauch\ndes Weinens Lachens Mensch\nVerwester\nwächsern\nunter Blumenseiden\ngiftet\nSchritt in Stern\n0 Mama\nBrüder\nverflucht\nsüss\nstickt der Fächelwind\nund\nPuppen schleppen Kränze\nflechten Tränen\nrankt\nder -Schoss der Frau\nin Myrthenblüten\nJungfernkranz\nverflucht\nschräg\nschreit der Sprung\nin Sternendonner\nwild\nins Eis.\nBohrt Absprung\nSchwebt\n«\nGlocke\ntrippelgrau\nin Schleiern Schwarz\nund\nschreit die Falten\nriss\ndes Mitte- Schädels\nüber Sternengürtel\nrot und rot\nund\nfällt der Sturm der Braut\nklagbauschend\nschwing\ngerissen\narmeflatternd\nspitz\nin Nacht mit wilden Monden\nschmerzt vorbei\nauf flackern Hals\nder Kerzen köpf\ndie Kerze Ich\nder Kopf bohrt vor\nvor sternt der Kopf\nrollt Schleppe Leben\nLeben wogt\nwirft Donner\nwächst den Berg\ndie Töne\nMenschentöne\nReigen\nSehnen\nSchlingen\nrollt der Kopf\nrollt weltenschräg\ndas Rollen steigt\nkreischt Fetzen Fleisch\nder Absturz\ntaumelnieder Brand\nzerplatzen\nsäult der Kopf\nstösst Tuba Auge\ndie Tuba rollt\nrollt"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.11", "texte": "Aurel Bernáth: Kathedralen und Häuser"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.12", "texte": "rollt\njetzt\nrollt der Raum\nzerkanten\nröten\nbunten\nNebelröten\nKreisen\nscherbt die Erde Tiefen\nHöhen höhen\nrollt der Kopf den Stern\nrollt Schweigen\nfunken\nstrahlen\nrollt\nden Sternenblitz.\n\nGedicht\nNacht schlingen weit die Erde\nIch\nund Weit\nDas Wollen gewollt\nHinauf\nDie Erde schlingt Nacht\nIn sich\nUnd dich\nUnd mich\nLaut blickt der Mond das Sehnen nach\nLachen girrot wunden Schmerzen\nSingt\nIch bin\nSchweigen in mir\nLächeln grellt die Erde klein\nmeine Tränen Himmel sternt\nMich Mensch\n\nGedichte\nKurt Heinar\n\nEs wird sein\nGeigen bluten Blüht\nUeberall\nund\nDu\nund deine Kinderaugen lieben\nHeiss\nein helles Glockenklingen\nmärchenleise\nGeigen Blühen Blut\nein schwarzes Veilchen\nTanzen springhell deine Lippen\nbrunnensilber\nDeine kinderlieben Augen\nFragen\nBlühen\nviele Geigen\n\nFür Maria Vera\nHerbstblütenfroh im Blätterbusch\nBlühen kost.die Wolkenwand\nLilien]ächelsilber Mai\nSommerregen nachtgeküsst\nZarten Kinderhand geblüht\nAuggeschaut das weite Tal\nGlockentauton Lippenlust\nAbendrot die Stirn geküsst\n\nEnge Strasse\n\nBeinen Häuser immergross\nDas Haus\nDie Häuser\nRecken Bäumen stecken steil\nund\nstirbt einsam Tod\nNah grinst der Turm der Kirche\nsteil\nein blödes Glotzen Gott\nsteht noch immer\nHoch\nIn den Himmel der Strasse\nüber mir\nIch kleiner Mensch\nzerklüften Kanten kalt\nzerklüften wühlen\nKalten Kanten\nbrocken Steine überbrücken\nKant zerrecken kalt hinab\nHinab\nden Weg weiter\ngrinst der Turm der Kirche\nund\nsteht noch immer\nHoch\nIn den Himmel der Strasse\nGähnen Gott gebärt\ngeborgen\nGieren schlacken lach\nEntwerden\nUnd\nganz unten\nGären zerrt\nzerrinnt es Klafter in sich Last"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "139", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.13", "texte": "Hans Mattis Teutsch: Linoleumschnitt"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "140", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.14", "texte": "Carte Postale\nEmile Malespine\nCe soir petite amie lointaine\ndans mon coeur des cr£puscules s' amon-\ntonnent\ncendres grises que la brise öparpille en\nsoupirs\nDans la braise\nil y a des bonshommes\nquand on la tisonne\nmes souvenirs ronronnent\nVotre image fait le gros dos\nje la caresse Vos tresses sur votie joue\njouent sous mes doigts des courants d' air\nde carreau brise en plein hiver\net je voudrais vous avoir Ja sur mon epaule\nRiselets roses sur vos levres\ndos de mouton papoteraient votre emotion\npar petits groupes\ncomme au sortir d'une reunion electorale\nA little kiss my little thing:\nCöte reserve ä 1' adresse.\n\nUeber die Möglichkeit einer\nneuen Religion\nII\nWilliam Wauer\nEs kann niemals die Aufgabe einer Religion\nsein, die Menschen zu verwirren, in Zwie-\nspälte zu stürzen und gegen einander\naufzureizen. Und doch haben alle Religionen\ngerade in diesen Formen ihre Hauptaus-\nlösung gefunden, ja gesucht.\nUm keine Streitfragen unter den Menschen\nist so arger Greul begangen und so viel\nBlut vergossen worden, als um religiöser\nMeinungsverschiedenheiten willen.\nSo sehr diese Tatsache für die Tiefen-\nverwurzelung und Wesensverwachsenheit\ndes Religiösen im Menschlichen spricht, so\nbetrüblich ist die Logik der Schlussfolgerung,\ndass die Menschen von wirklicher Religio-\nsität immer erschreckend weit entfernt\nwaren und noch sind, und wahre Religio-\nsität von der Menschheit erst noch errungen\nwerden muss.\nDenn auch heute noch kann man sich der\nEinsicht nicht verschliessen, dass gerade\ntiefer veranlagte Menschen ideebefangen\nwahnwitzig genug sind, sich wegen unter-\nschiedlicher Gedankeninhalte aufs Tiefste\nzu verwunden, ja zu morden.\n„Götterscheu\", sollte man meinen, müsste\ndazu führen, alle, auch der Anderen,\nGötter zu scheuen; aber schon die\nMöglichkeit „anderer\" Götter gilt als frevel-\nhafter und gefährlicher Angriff auf den\neigenen: so unsicher und leicht gefährdet\nfühlt man den selbstgeglaubten. So führt\neine unheimliche Logik aus Eigenglauben\nzu fanatischem Kampfe gegen jeden anderen\nGlauben.\nJeder Glaube muss aus seiner Unsicherheit\nheraus um Geltung ringen und so\nschliesslich zum politischen Machtkampf\nausarten. Die Menschenbeherrschung wird\nGlaubeszweck. Das „Nur-glauben-können\"\nhat immer Unheil ausgewirkt, weil es nur\nUnheil auswirken kann, aus seinem Wesen\nheraus: sonst wäre die menschliche Geschich-\nte innerhalb des übrigen Naturgeschehens\ngarnicht denkbar und möglich. .\nUnsicherheit macht brutal.\nEs ist uralte Priesterweisheit und Priester-\npredigt: Götter verlangen Menschenopfer.\nDie schreckensvolle Wahrheit scheint für\nalle Zeiten in allen Formen bewiesen; es\nsind aber nicht die Götter, die Opfer\nheischen, sondern der „Glaube\".\nWo ein Glaube, ein Dogma, eine Lehre\nunter den Menschen sich geltend macht,\nfallen Opfer, und je grösser, grausamer\nund zahlreicher die Opfer sind, desto sicherer\nwird der Verblendung die „Wahrheit\"\nihrer Ueberzeugung.\nAlle Logik scheint da auf den Kopf gestellt;\ndenn sie müsste umgekehrt schliessen.\nAlles Denken scheint zu versagen; denn\nschon das leiseste müsste die Möglichkeit\nzeigen, dass gerade Glaube irren kann\nund Meinungen nur bedingte Geltung bean-\nspruchen dürfen. Alles Verständnis und\nMitgefühl, alle Achtung vor dem Mitmenschen\nist plötzlich verschwunden; wie Bestien in\nunwiderstehlichem Heisshunger zerfleischen\ndie „Gläubigen\" die „Ungläubigen\" ihrer\neigenen Art.\nMan sollte annehmen, das Sündenregister\njeder Art von Gläubigkeit sei so voll, dass\ndie Menschen wieder zu sich und ihrem\nVerstände zurückkommen müssten; wenig-\nstens sollten die bessergearteten und nach-"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "141", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.15", "texte": "Denklicheren Naturen sich aufraffen und\nden sinnverwirrtem Unheil alle ihre Kräfte\nentgegenstemmen.\nMeinungsverschiedenheiten müssen als das\ngenommen werden, was sie sind: leicht\nirrende Gedankengebilde auf beiden Seiten,\ndie in keiner Weise irgend eine Autorität\nin Anspruch nehmen können. Das Denken\nkann niemand tragisch nehmen, der selbst\ndenkt. Er wird dadurch lächerlich und\nleicht verbrecherisch aus Eigensinn.\nKetzergerichte sind der blutigste Blödsinn,\nden sich die denkende Menschheit zu ihrer\nBlamage und Brandmarkung leisten konnte:\nAbfall vom Menschentum aus würdeloser\nGedanken-Herrschgier.\nAuch der Glaube als grössenwahnsinniger\nSchwertkämpfer eines alleinseligmachenden\nDogmas ist lächerlich und verbrecherisch.\nDer Glaube muss an die bescheidene Stelle\nzurücktreten, die ihm in der menschlichen\nGehirnarbeit angewiesen ist: er ist nicht\nmehr als „Vermutung\" und hat dem Wissen\nauf jedem Gebiete zu weichen.\nWissen hat der Menschheit noch\nnie Schaden gebracht. Der Wissende\nlacht des Widerspruchs aus seiner Gewissheit.\nNur törichte Schulmeister brauchen Gewalt,\num Wissen einzubläuen. Aber auch dieses\nnoch ist lächerlich und verbrecherisch: es\ndegradiert Wissen zum „Dran-glauben-\nmüssen\".\nDer Kampf, den die Wissenschaft gegen\ndie anmassende und grausame Scheingrösse\n„Glauben\" seit je zu führen gezwungen\nwar, ist eine Schande für den menschlichen\nGeist. Es scheint mitunter, als habe sich\ngeradezu die ganze „Kulturmenschheit ver-\nschworen gegen den einzigen Heilbringer\nund Heiland der Welt, gegen die Heiligkeit\ndes Geistes zu gunsten des Unheilbringer\nund Ungeistes „Glaube\", der im Christen-\ntum die Weltherrschaft glaubte antreten zu\nkönnen und behauptete, antreten zu müssen\naus Gottes Willen um Gottes willen. Die\nBlasphemie dieser Anschauung liegt für\ndenkende Menschen auf der Hand.\nDie prinzipielle Verdummung der Mensch-\nheit mit Wissenssurrogaten aus Herrschsucht\nsollte mit jeder Art von Untertanentuin\nendlich ihr Ende finden.\n„W iss e n\" braucht der Mensch aus\nreligiösem Bedürfnis: „G e w i s s h e i t\".\nAus diesen Erwägungen heraus versucht\nder Monismus eine Religion zu geben aus\n„Wissen\".\nEr will durch eine überschauliche Allgemein-\nbelehrung und das Aufzeigen ihrer möglichen\nVervollständigung Sicherheit bieten für die\nEinstellung des Menschen in die Natur auf\nGrund wissenschaftlicher Beobachtungen\nund Feststellungen, durch Erfahrung und\nErkenntnis allein.\nDer Monismus stellt den Menschen an das\nEnde einer konstatierten Entwicklunssreihe\no\nals Absch 1 u s s; er erzählt die Entwick-\nlungsgeschichte der Erde vom Urnebel bis\nzum höchstgearteten Lebewesen. Aber wenn\nauch nur Tatsachen berichtet würden, eine\n„Geschichte\" muss Anfang und Ende\nhaben, um in sich zu ruhen. Die Entwick-\nlungsgeschichte hat weder Anfang noch\nEnde und bietet schon aus diesem Grunde\ngerade an den entscheidenden Stellen\nkeinerlei Sicherung. Sie taucht auf im\nKosmischen und endet im Kosmischen: so\nzeigt sie nichts als die alte Menschheits-\nüberzeugung, dass der Mensch in das kos-\nmische Geschehen eingeschlossen ist. Wir\nhaben schon festgestellt, dass das dem\ndenkenden Geist nicht genügt zu seiner\nSelbsterlösung durch Selbsterklärung.\nDie Wissenschaft mit ihrer Einzelforschung\nwird niemals im Stande sein, das Mensch-\nseinsproblem aus sich heraus zu lösen; denn\nauch die Totalsumme aller Einzel-\nteststellungen, auch wenn sie sämmtlich\ntatsächlich wären, würde uns der Problem-\nlösung nicht näher bringen, weil das eigent-\nlich „Rätselhafte\" nicht sowohl in den\nEinzelheiten als vielmehr zwischen ihnen\nliegt. Die Verbindung, der Zusammen-\nhan g, die Anordnung, die Bezieh-\nungen, die nicht konstatierbar sind, die\nImponderabilien, die aus dem Wesen\ndes Menschen selbst stammen und von ihm\nin die Dinge hineingetragen werden, sind\ngerade das Entscheidende.\nDie Wissenschaft kann hier nicht helfen.\nDer Wissenschaftler müsste sonst längst\nder religiöse Mensch aus sich sein; und\nder Wissenste in ihrem Sinne der Priester\nund Heilige einer „wissenschaftlichen Reli-\ngion\". Solche Uebertragungen wären durch-\naus künstlich und unhaltbar, auch wenn\nman sie versuchen wollte.\nWissen um Geschehen und Ge-\nschehenes giebt noch keine"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "142", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.16", "texte": "religiöse Sicherheit im Wirbel\ndes Seins keinen Ruhepunkt für\ndas denkende Sein.\nKreisen kann sich nur selbst erlösen in\nseinem Mittelpunkt, aus dem es sich ent-\nwickelt.\nNicht zum Menschen hin, vom Me-\nnschen her kommt alles Werden und\nWirbeln und Wirren, alle „Entwicklung\".\nEr ist nicht Endzweck, sondern Aus-\ngangspunkt.\nEr gebiert den Kosmos; er zeugt das Leben.\nDer „Monismus\" reisst den Menschen in das\nkosmische haltlose Geschehen hinein und lässt\nihn haltlos vergehen. Er giebt das Gegen-\nteil von Sicherheit und beantwortet die\nSinnfrage der Menschen not nicht.\nMicht jedes Wissen oder das Wissen\nschlecht hin giebt dem Menschsein Sinn.\nGott wissen als U r bewusstsein allein\nkann ihn geben.\n„religio\".\nUrscheu.\nWesenswille, den wir Menschen see 1 e\nnennen.\n„Seele\" ist die organische Zusammen Wirkung\nunsrer Sinne, ist unsres Wesens Einheits-\norgan.\nSie bestimmt Instinkt und Wille.\nSie bestimmt das Ethos der Persönlichkeit.\nSie bestimmt den Rhythmus der Eigenheit,\ndas Temperament. • \\\nEine Religion, die die menschliche Seele\nnicht beschwingt, begeistert, erhebt, ent-\nflammt, befruchtet und empor wirft, hat den\nNamen und das Wesen seiner selbst ver-\nloren.\nEine Religion, die nicht das Höchste in\nuns reifen lässt, dessen wir fähig sind —\ndas Beste zu überwältigender Auslösung\nbringt, das sich aus unserem Wesen, her-\nausringen kann — die nicht das Letzte in\nuns befreit und jauchzen macht, hat den\nAnspruch, uns Religion zu heissen, verwirkt.\nWenn nicht Religion die „göttliche\", „dä-\nmonische\", „dyonysische\" Urkraft unsres\nSelbst ist, bleibt sie Ohnmacht, Lippen-\nbekenntnis und Salbaderei. Gottstärke unsres\nWesens, sein Gestaltungsvermögen, sein\nintensivster Wert muss uns unser Urbe-\nwusstsein sein, oder es ist nichts. Leben-\ndigste Offenbarung, wirksamstes Leben\nmuss uns Gottwissen werden oder es ist\ntot.\nÜr heisst die heilige Quelle, die aus Gott\nin uns ftiesst, die uns fruchtbar macht, dass\nwir Göttliches in uns und aus uns heraus-\nreifen lassen können.\nUreigen fühlt sich der Gottmensch und\nbestimmt zu ureignem Wirken aus ureignem\nRecht; gespannt zwischen Trieb und Wille\nin allem seinen Tun und Denken sich selbst\nimmer aufs neue zu zeugen und zu gebären\nin Worten und Werken.\nUr drängt uns, den Weg der Vollendung\nzu beschreiten; voll zu uns zu kommen zu\nunsrer Vollkommenheit.\nSo wirkt Gott in den Menschen seit Urzeiten:\nin den Meistern des Denkens und\nKönnens. Sie alle kannten und wollten\nnur ihren „Ur\", den Gott in ihrer Brust.\nAber Jeder soll und kann so werden, wie\ndiese Begnadeten, die ihren Weg fanden\nvon sich zu sich; die ihren Weg gingen,\nweil ihr Urbedürfnis stärker trieb, als Leibes\nNahrung und Notdurft; weil U r ihren\nGeist führte zu seinen Zielen. „Genies\"\nnennt die Menschheit solche Menschen, die\nKünstler sind und nie etwas anderes waren,\nals fromm ihrem Wesen und gehorsam\nihrem Gottwissen.\nFrommsein aber heisst seiner Urbestimmung\nfolgen. So waren noch alle Grossen und\nGlücklichen fromm.\nSie waren von je die Schöpfer ihrer Welt,\ndie Former ihres Inhalts.\nIn der Kunst ist Form und Inhalt eins.\nIm Bewusstsein liegt die letzte kosmische\nEinheit.\nForm und Inhalt ist eins in Vorstellung,\nBegriff und Empfindung: sie sind die\nBewusstseinsträger im Menschen.\nSie alle sind künstlerische Gebilde: Denk-\nformen; Gedanken; Erkenntnisgebilde; Geist-\nkörper. Kunstwerke des werkenden Künstlers\n„Ur.\"\nUr als eigengeartetes Mensch wesen.\nDer Kunstmensch ist der Ausdruck des\nformenden Urwillens in seinem Sein. Er\nformt sein Wesen zum Lebensinhalt, sein\nSein zum Erleben, sich zum Ur, zum\nGottmenschen.\nErlebnisform jedes Wesens ist Kunstgebilde,\nUrgebilde in Wesensform ist der Gott-\nmensch.\nJeder Künstler ist seines Wesens, seines Ur\nPriester.\nUnd als Meister ein Heiliger des künstler-"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.17", "texte": "ischen Erlebens seiner selbst. Ein Vollender\nund Vollendeter, so er nichts sein will als\ner selbst, als Ausdruck seines Ur.\nIn jedem Kunstwerk als einer Vollendung\nfindet jedes Wesen sich selbst\nSo schenkt der Urpriester Jedem sein\neigenes selbst: so führt er ihn zu\nseinem Gotte. So dient er auch allen\nanderen Göttern als Priester.\nNur der Künstler vermag so Priester\nzu sein.\nNur Kunstwerke, die individuelle Urseins-\ngebilde sind, können für Jeden Erlebnis\nwerden auch seines Urwesens; denn Ur\nlebt in jedem echten Erleben.\nErlebnis ist Urgebilde aus Leben.\nBewusstwerden menschlichen schöpfer-\nischen Wesens aus Vorstellung, Begriff und\nEmpfindung. Aus Wahrnehmung.\nIn uns pulsiert so der Herzschlag des\nKosmos; in uns leuchtet das Bewusstsein\ndes Seins. Wenn wir in uns hinein lauschen,\nerlauschen wir die Geheimnisse des All;\nwenn wir uns in uns konzentrieren, stehen\nwir in der Unendlichkeit der Natur.\nIm Uns-erleben athmen wir den Odem\nalles Geschehens.\nIm Uns-erleben liegt unser Glück, unsre\nStärke, unser Selbstbewusstsein, unser Recht.\nAus unserm Wesen fertigen wir unser Recht;\ngerechtfertigt werden können wir nur aus\nunserem Wesen: aus Ur; aus der kosmischen\nSeinswirklichkeit unsres Selbst heraus.\nDer Kampf um die „Rechtfertigung\"\nunsres Tuns und Lassensist ja das, was\nman den wirklichen Gehalt jeder religiösen\nLehre nennt und als ihren eigentlichen Wert\nempfindet. An ihrer ethischen Auswirkung\nerkennt man den Geist und die Kraft jeder\n„Heilslehre\".\nDie Entscheidung über unser Verhalten als\n„tugendhaft\" oder „sündhaft\" als „gut\" oder\n„böse\", als „falsch\" oder „richtig\", als\n„gottgewollt\" oder „gott verworfen\", ist\nletzthin der Inhalt alles religiösen Lebens.\nAlle Moral beruht auf ein erVerantwortlieh keit\nvor einer höheren Instanz, die in unserem\nGewissen ihr Tribunal hat.\nIm „Gewissen\" liegt alle Entscheidung;\nniemals kann sie im Ungewissen\nliegen.\nDer Mensch braucht einen Massstab, den\ner kennt, einen Wegweiser, den er sieht,\nRichtungslinien und Gesichtspunkte, u m\ndie er weiss, damit er sein Handeln\nund Wandeln nach besten Wissen und\nGewissen einrichten kann.\nDas Gefühl möglicher Willkür und Unge-\nbundenheit liefert ihn einer Unsicherheit\naus, die er scheut. Er braucht als „ver-\nnunftbegabtes Wesen\" eine höhere Instanz\nals sein Notdurftsgefühl, als die blanke\nNotwendigkeit seiner Natur. Er will als\nMensch „menschlich\" sein, als denkendes\nund verantwortliches Geschöpf im Sinne\neiner das All beherrschenden Vernunft\nhandeln, einer „Vorsehung\", kurz — eines\nGottes.\nVerantwortlichkeitsVerankerung in einem\nsicheren Urgrund: als solchen braucht und\ngebraucht der Mensch sein Gewissen.\nDes Menschen Gewissestes aber\nist sein eigenes Wesen, das sich\nselbst im Unterbewusstsein noch auswir-\nkende Wissen um seine Artung.\nZwiespalt entsteht, sobald er gegen seine\nArtung angeht, der inneren Stimme wider-\nspricht, seinen Weg verlässt und aus sich\nabirrt: denn so wird er in sich unwahr.\nSolche Zwiespälte empfindet der Mensch\nals „schlechtes\" Gewissen.\nKeine Lehre kann das verhindern und\nausgleichen; denn eben etwas von Aussen\nAngelehrtes und Angelerntes ist es ja immer,\nwas den Menschen mit „sich\" in Wider-\nspruch bringt und verwirrt: eine seinen\nAnlagen fremde Moral oder ein Ethos, das\nseiner Natur nicht liegt.\nDer „kategorische Imperativ\"\nkann nur aus dem Innersten und Echtesten\nsich verlautbaren, das der Mensch hat: aus\nseinem Ur.\n„Kategorisch\" ist niemals der\nBefehl einer „Lehre\". Auch der\nerhabensten nicht.\nKategorisch fordert nur die Naturnot-\nwendigkeit.\nNaturgewollt und deshalb auch Naturnot-\nwendig ist in jedem Menschen das Wesent-\nliche seiner organischen Bedingtheit.\nDas Sich-verhalten innerhalb dieser Be-\ndingtheit und Handeln innerhalb dieser\nBedingungen ist allein moralisch, weit\nes allein wesenswahr und in sich\nwahrhaftig ist.\n„Gutes\" Gewissen ist gutes Wissen um diese\nseine innere Wahrhaftigkeit und ihre\nNaturnotwendigkeit."}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.18", "texte": "Hier müssen die lauteren Menschen, die\nman wie die Unlauteren seit Jahrtausenden\nzu „glauben\" gewöhnt hat, dass „der Mensch\nBöse von Jugend an sei\", endlich und\ngründlich umlernen: mit der Befreiung\nvom Frevel des Erbsündentums\ndes Menschen beginnt alles gute\nGewissen.\nFrevel ist jede Lehre, die den Menschen\nschändet und demütigt; Sünde wider den\nheiligen Geist Urs, die kein Mensch und\nkein Gott vergeben kann; Yerstossung des\nMenschen unter das Tier und Ausstossung\naus der Wahrhaftigkeit des kosmischen\nSeins bedeutet diese naturwidrige Sinnlosig-\nkeit. Mit dem „Gottglauben\" nahm man\ndem Menschen allen Glauben an sich.\nSoweit verirrte sich der Mensch\naus sich.\nEin ewig schlechtes Gewissen sollte der\nMensch haben, um ihn Untertan zu machen;\nin sich musste seine Kraft zerbrochen\nwerden, um ihn beherrschen zu können;\nzerfallen sollte er in Gegensätze, damit er\neinen Vermittler und Versöhner brauchte,\nder ihn zu seinen Zwecken misbrauchen\nkönnte. Kirchen und Pfaffen haben hier\ngeerntet, wo sie nicht säen brauchten. „Du\nsollst\" haben sie von je gepredigt, und das\n»ich muss\" verdammt.\nAber nur das „Ich muss\" macht selig; denn\nes ist aus sich und an sich seelisch.\nAlles Menschenelend kommt aas dem\nGegensatz zwischen dem „ich soll\" und\ndem „ich muss\". Heil kann der Mensch\nerst wieder werden, wenn dieser Zwiespalt\nin ihm ausheilt. Was der Mensch muss,\nsoll er. Das ist seine Bestimmung: so\nzu wollen; sein Gewisses, das ihm kate-\ngorisch befiehlt.\nKeine Hemmung von Aussen darf ihn da\nverwirren; Einwirkung von Aussen bedeutet\nAusschaltung seiner inneren Kraft; Aus-\nschaltung seiner eigensten Verantwortung,\nda nicht e r aus sich heraus, sondern\nandre in ihn hinein entscheiden, was\ner zu tun und zu lassen hat. Seine innere\nBeteiligung ist nur noch eine „leidende\".\nEin Martyrium.\nDie Selbstüberwindung aus\nSelbstzucht ist ein Anderes: sie\ngehört zum Wesen innerer Kraft.\nSelbstzucht darf nichts anderes\nsein als Selbsterhöhung.\nSelbsterhöhung aus sich selbst und seiner\nEigenartung.\nKastrierung der Eigenart, ganz gleich aus\nwelchen Beweggründen, ist immer Selbst-\nverstümmelung, und wenn sie tausendfach\nTugend genannt würde, sie bleibt und ist\nVerbrechen,\nSei, was du bist — das allein ist die\nWahrheit; Tugend ohne Wahrheit ist Lüge\nund Heuchelei. Sie hält vor keinem\nGewissen stand.\nWerde, was du bist. Der Weg der\nWahrhaftigkeit muss zurückgelegt werden\nvon der Selbstverständlichkeit deines Wesens\naus bis zum Selbstbewusstsein deiner Art.\nDurch Selbstzucht findest du das Wesent-\nliche- „U r\". Das Göttliche.\nDurch Selbstüberwindung der „Artung\"\nzur selbstgezüchteten Art und Wesen-\nheit aus deinem „Wesen\" gelangst du zur\nVollendung in dir — in Ur aus Ur.\nZu Gottwirken aus göttlicher Anlage. Zu\nMenschentum aus Menschsein.\nNur hierin kann das Wesen des Religiösen\nliegen, wenn es sich wirklich um „Religion\"\nhandeln soll.\nReligion lehrt echte und vollendete Wesens-\ngestaltung — aus Religion.\n\nInhalt\nTibor Dery: Blaue Glasfiguren\nKurt Liebmann: Vier Gedichte Schrill\nKurt Heinar: Gedichte\nEmile Malespine: Carte postale\nWilliam Wauer: Ueber die Möglichkeit einer neuen Religion\nErnst Albrecht: Linoleumschnitt\nHans Mattis Teutsch: Linoleumschnitt\nAurel Bernäth: Kathedralen und Häuser / Gemälde\nSeptember 1923"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.19", "texte": "Neuerscheinungen des Verlags Der Sturm\nAlbert Gleizes: Vom Kubismus ' Die Mittcl zu seincm Verstandnis\nMit 17 Abbildungen nach Werken von Braque ' Gleizes ' Juan Gris ' Leger - Marcoussis -\nMetzinger \" Picasso * Severini ' Archipenko u. a. ' Grundzahl 4\n\nNeue Farbdrucke dcs Verlags\nDer Sturm\nGino Scvcrini:\nPan-Pan-Tanz im Monico / Gemalde / Grundzahl 3\nMarc Chagall:\nIch und das Dorf / Gemalde / Grundzahl 8\nJohannes Ittcn:\nBildnis eines Kindes / Gemalde / Grundzahl 2\nPeri:\nStrasse / Gemalde / Grundzahl 2\nFranz Marc:\nPferde / Aquarell / Grundzahl 2\nGeorg Muche:\nUnd das Licht schied / Grundzahl 2\nDurch alle Buchhandlungen oder vom\nVcrlag Der Sturm / Berlin ¥9 / zu beziehen\n\n„Sicilia d'Oggi\"\nRivista Mensile lllusfrata di\nLeftere, Arte, Scienze.Varield\nTiratura4ooocopie — Formato in-8 — Pag. 48\nUN NUMERO L. 15\nABBONAMENTO ANNUO L. 15\nDirezione e Amministrazione:\nCasa Edifrice E. SABBIO\nPALERMO - VIA CASTRO 250 - PALERMO\nLA COLLABORAZIONE E'LIBERA\nCercansi Corrispondenfi ed Agenti di Publicity\nGiovani Autori! publicate i vj\nromanzi, novelle, liriche ec. presso\nLa Casa Editrice E. SABBIO\nVIA CASTRO 250-275 - PALERMO\n\nTENTATIVES'\nUnter den modernen franzosichen\n\"Revues d'avant garde'1 ist\n\"TENTATIVE S\"\ndie am schonsten und vor-\nnehmsten ausgestattete Zeitschrift.\nSie erscheint vierteljahrlich mit\ncirca 120 Seiten. Text grofi-oct.\nSie bringt iiber 50 Holzschnitte\nin jedem Heft, veroffentlicht\nRomane, Essays, Erzahlungen, Ge-\ndichte und Chroniken aller Lander.\nEin Sonderheft iiber Stendhal\nerscheint im Dezember\nHerausgeber: HENRY PETIOT\nRedaktion und Verwaltung:\nChambery / 2 Place Porte-Reine\nBezugspreis: Einzelheft 5 francs\nJahresabonnement 20 francs.\n\nAuslandspreise fur die Zeitschrift\n„Der Sturm\"\nDas Abonnement fur ein Halbjahr betragt:\nfur Argentinien: Pap. Pes . 2.\n„ Brasilicn: Milreis 6.\nff Bulgarien: Leva 84.—\n„ Chile: Pes 6.—\n„ Danemark: Kronen 6.—\n„ Deutsch'Oesterreich: ost. Kronen 32000.—\n„ Finnland: Mka. ............ 24.—\n„ Frankreich, Belgien, Luxemburg: Fr. 12.—\n„ Griechenland: Drachmen 48.—\n„ Grossbritannien: Schilling 5.—\n„ Japan: Yen............... 2.40\nw Italien: Lire 18.—\n„ Jugoslawien: Dinar 52.—\n„ Niederlande: Gulden. . . 3.—\n„ Norwegen: Kronen 6.—\n„ Portugal: Milreis 18.—\n„ Rumanien: Lei 120.—\n„ Schweden: Kronen 6.—\n„ Schweiz: Franken. .......... 6.—\n„ Sowjet-'Rußland: Schweizer Franken 6.—\n„ Spanien: Pesetas 6.—\n„ Tschechoslovakei: Kc 18.—\n„ Ungarn: Kronen 2000.—\n„ U. S. A.: Dollar 2.—"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg19230901-01.1.20", "texte": "Verantwortlich für die Schriftleitung: Lothar Schreyer / Verlag Der Sturm G. m. b. H. / Berlin W 9\nDrück: C. Basista & Co. / Berlin NO 18\n\nUNSTAUSSTELLUNG DER STURM\nBERLIN W 9 / POTSDAMER STRASSE 134 a / AH POTSDAHER PLATZ\nGeoffnet tag 1 ich von 10—6 Uhr / Sonntags von 11—2 Uhr / Monatlicher Wechsel\nH undertdreiundzwanzigste Ausstcllung Hundertvierundzwanzigste Ausstellung\nSeptember 1923 Oktober 1923\na -t i' i ■ ICctd^r\nArnold Topp _, « T _\nEdmund Kesting\nSturm'Gesamtschau SturnvGesamtschau\n\nMONATSSCHRIFT DER STURM / Vierzehnter Jahrgang\nErscheint am ftinften jedes Monats\nMit mehrfarbigen Kunstbeilagen, Holzschnitten (stets vom Stock gedruckt) und Zeichnungen\nDauerbezug fur Deutschland: Ein Vierteljahr Grundzahl 2 / Ausland: siehe 3. Umschlagseite / Einzelheft\n(it undzahl 1\nVollstSndige Exemplare des 6. und 7. Jahrgangs nur noch in wenigen Exemplaren vorhanden Grundzahl\nje 20 / 9. bis 13. Jahrgang Grundzahl 10 / 1. bis 5. und 8. Jahrgang vergriffen / Einzelhefte aller Jahr-\ngange Grundzahl 1\nVon alien Holzschnitten der Zeitschrift Der Sturm sind signierte und numerierte Handdrucke, von den\nmoisten Zeichnungen Kunstdrucke kauflich zu erwerben. Die Originale sind verkaufiich.\nSturmbtihne / Jahrbuch des Theaters der Expressionisten / 1. bis 8. Folge / jede Folge Grundzahl 0.20\n\nBiicher aus dcm Vcrlag Dcr Sturm mit fcsten Grundzahlen\nDie Grundzahlen sind mit jeweils festgesetzten amtlichen Schliisselzahl zu multiplizieren.\nFur das Ausland: Grundzahl = Schweizer Franken\nPostscheckkonto des Verlags\nAugust Stramm\nDu / Liebesgedichte / 4. Auflage / 3\nTropfblut / Gedichte / gebunden 7\nGesammelte Dichtungen / 2 Bande / Jeder Band 5\nPaul Scheerbart\n(ijasarchitektur / In 111 Kapiteln / 3\nErnst Marcus\nDas Erkenntnisproblem / 3\nKurt Heynicke\nKings fallen Sterne / Gedichte / 2.50\nRudolf Bliimner\nDer Geist des Kubismus und die Kunste / 4\nLothar Schreyer\nDie neue Kunst / 1.50\nDer Sturm: Berlin 120658\n*\nHerwarth Walden\nDie neue Malerei / Einfuhrung in den Expressionis\nmus I 3\nDas Buch der Menschenliebe / Roman / 3\nSturm'Bilderbucher\nGanzseitige Abbildungen der Hauptwerke\nI Marc Chagall / 2. Auflage\nII Alexander Archipenko\n111 Paul Klee\nIV Kurt Schwitters\nJedes Buch 5\nV Maler des Expressionismus / Fiinfzehn Farb-\ndrucke:\nChagall I Kandinsky / Franz Marc usw. / 15\nXokoschka-Mappe: Menschenkopfe / 15\n\nDcr Sturm tfbernimmt die Veranstaltung von\nSturm'Ausstellungen (Gesamtschau und Einzel'\nausstellungen) in alien StSdten und LSndern.\nDer Sturm vermittelt nu r den Verkauf von\nWerken der Kiinstler, die er durch eigene Aus-\nsteilungen anerkennt.\nStandige Verkaufsstelle fur Graphik\nVerlag Der Sturm G. m. b. H.\nPotsdamer Straße 134 a / Gartenhaus rechts II\n\nSturm-Buchhandlung en\n1. Potsdamer Strasse 138 a / Laden\nFernruf: Amt Liitzow 4443\nNca eroffnet\n2. Kurfurstendamm 150 / Laden\nFernruf: Amt Uhland 5646\nBticher / Graphik / Husikalien\nBestellungen, auch vom Ausland, werden\nzuglich erledigt\n\nVeriinderung sSmtlicher Preise jederzeit vorbehalten"}]}