{"numero_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_sha256": "5ad17b321d6414f760c09b64bd7d7c7d8d1cbcb5ca14623f52cfe171ca474360", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1926/09_01/bmtnabg_1926-09_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1926/09_01/bmtnabg_1926-09_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c001", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.1", "titre_corps": "Willi Baumeister: Zeichnung", "titre_sommaire": "Willi Baumeister: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.1", "debut_caractere": 101, "fin_caractere_exclue": 128, "texte": "Willi Baumeister: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c002", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[79]", "page_fin": "[79]", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.2", "titre_corps": "Table of Contents", "titre_sommaire": "Table of Contents", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "[79]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.3", "debut_caractere": 49, "fin_caractere_exclue": 353, "texte": "Willi. 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' . . i\n*\n■ , . ■ ' \\ • - x \\\n''•■*■ ' * *\ni \" • ■' '; \\ , : ,\nSeptember 1926"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c003", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "91", "image_debut": 5, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.3", "titre_corps": "Wilhelm Ostwald", "titre_sommaire": "Wilhelm Ostwald", "signature_source": "Farbenschönheit ; Die Schriftleitung", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2260, "texte": "Wilhelm Ostwald\nFarbenschönheit\n\nI.\nAllgemeines über die Harmonie der Farben\nZur Entdeckung der Gesetze, nach welchen\nschöne Farbenverbindungen entstehen,\nhat sich im Jahre 1918 folgendermassen\nzugetragen.\nIch hatte mir die Aufgabe gestellt, einen\nmethodischen Überblick über die ganze\nWelt der Farben zu gewinnen und darnach\neinen Farbenatlas, eine wohlgeordnete\nZusammenstellung repräsentativer Farben\naus dieser dreifach unendlichen Mannig-\nfaltigkeit anzufertigen. Nach mehreren\nJahren angestrengtester wissenschaftlicher\nArbeit, die von den ersten Grundlagen\naus durchgeführt werden musste, konnte\nich an die praktische Herstellung gehen\nund der Öffentlichkeit einen solchen\nAtlas darbieten. Die erste Auflage wurde\ntrotz der schweren Kriegszeit bald ver-\ngriffen. Gelegentlich der verschiedenen\nVersuche, die Mannigfaltigkeit der im\n„Farbkörper\", einem räumlichen Doppel-\nkegel, geordneten Farben auf Tafeln\nanschaulich zu machen, stellte ich auch\n„Hauptschnitte\" durch den Farbkörper\nher. Diese bestehen aus zwei Dreiecken,\nvon denen jedes sämtliche Abkömmlinge\neines bestimmten Farbtons, wie Schwefel-\ngelb, Zinnoberrot, Ultramarinblau usw.\nin streng gesetzmässiger Ordnung enthält;\ndie beiden Farbtöne jedes Dreieckspaares\nsind komplementär. Als die zunächst zu\nrein technischen Zwecken ausgeführte\nArbeit fertig war, erstaunte ich über die\nSchönheit, die mir aus diesen Dreiecken\nentgegenleuchtete. Und nicht nur ich,\nsondern ohne Ausnahme jeder, der solche\nHauptschnitte sah, empfand sie als eine\ngrosse und neue Offenbarung farbiger\nSchönheit.\nDa dieses Experiment regelmässig so starke\nund eindeutige Ergebnisse hervorbrachte,\nwar ich hier offenbar an eine natur-\ngesetzliche Quelle schöner Farbempfin-\ndungen, mit anderen Worten, an eine\nQuelle farbiger Harmonien geraten. Die\ngewohnte forschende Tätigkeit wurde\nrege und es entstand die Aufgabe, diese\nQuelle zufassen. Hierzu dienenßegriff e,\nd. h. zusammenfassende und eingrenzende\nGedanken. Was war hier mit den Farben\ngeschehen ?\nDie Antwort ist: sie waren durch gesetz-\nmässige Abstufung ihrer Elemente\ngeordnet. Von den vier allgemeinsten\nArten der Ordnung, die es bei den Farben\ndes Farbkörpers gibt, kommen nicht\nweniger als drei in den Hauptschnitten\nzur Anschauung. Es entstand also der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2971, "texte": "wahrscheinliche Schluss, dass als Ursache\nder Harmonie der Farben in den Haupt-\nschnitten ihre gesetzliche Ordnung\nanzusehen sei.\nDie Wissenschaft kennt längst das Ver-\nfahren, das in einem solchen Falle ein-\nzuhalten ist. Man nimmt vorläufig an,\nder Schluss sei richtig und wendet das\nentsprechende Gesetz auf möglichst viele\nund möglichst fernliegende Fälle an, die\nnoch nicht in Betracht gezogen waren.\nStimmt auch hier das Gesetz, so darf\nman es als gültig ansprechen, stets unter\nVorbehalt künftiger Begrenzung, Er-\nweiterung, Neufassung oder was sonst\ndie Erfahrung fordern mag. In der\nHauptsache aber pflegt ein solches Gesetz\nbestehen zu bleiben.\nHier lautet die versuchsweise Fassung\ndes Gesetzes: Ordnung ergibt H ar-\nmonie. Wie steht es nun mit anderen\nund fernliegenden Fällen? Bewährt sich\nauch dort ein solches Gesetz?\nWir wenden uns zu den anderen Künsten,\nzunächst zur Tonkunst. Töne entstehen\naus jedem beliebigen Geräusch, wenn\ndieses in genau gleichen Zeitabständen\n(zwischen 20 bis 20000 mal in der\nSekunde) wiederholt wird. Damit zwei\nverschiedene Töne harmonisch sind,\nmüssen diese Wiederholungen, die\nSchwingzahlen in einfachen Ver-\nhältnissen zu einander stehen, wie 1 : 2,\n2:3, 3:4, 4:5, 5:6, so dass sie sich\ngeordnet übereinander lagern können.\nAlle Tonpaare, welche diese Bedingung\nnicht erfüllen, klingen unschön oder\nsind unharmonisch.\nFerner folgen in der Tonkunst ver-\nschiedene Töne zeitlich aufeinander.\nAuch diese Zeiten müssen geordnet sein,\nwenn eine wohlklingende Folge, eine\nMelodie entstehen soll. Alle Musik ist\ndem Gesetz des Rhythmus, d. h. der zeit-\nlichen Ordnung unterworfen. Dieses\nGesetz wird als so bindend anerkannt,\ndass der Ausspruch des geistvollen Bülow:\nim Anfang war der Rhythmus, als eine\ngrosse Wahrheit empfunden wird. Wir\nsehen aber, dass es sich um einen Sonder-\nfall eines noch allgemeineren Gesetzes\nhandelt, dessen Ausdruck im gleichen\nStil lauten würde: im Anfang war die\nOrdnung. Oder, was dasselbe sagt: im\nAnfang war das Gesetz. .\nTatsächlich brauchen wir nur einen Blick\nin die anderen Künste zu werfen, um das\ngleiche Grundgesetz anzutreffen. Vers-\nmass und Reim sind nichts als neue Einzel-\nfälle des allgemeinen Ordnungsgesetzes.\nAber jeder Dichter weiss, dass nicht nur\nseine Worte, sondern auch seine Gedanken\neine bestimmte Ordnung einhalten müs-\nsen, damit sein Werk vollkommen wird.\nWelche Ordnung bestimmt er selbst nach\nden Erfordernissen seiner Arbeit; hat er\nsie aber einmal gewählt, so hält er sie\nauch ein. Das ist es, was Hans Sachs\ndem jungen Walter einprägt, um ihn\naus einem naturalistischen Sänger zu\neinem Künstler zu machen: dass er seinen\nGesang gesetzlich, nach der „Regel\" ge-\nstaltet. Und woher kommt die Regel?\nDer alte Meister antwortet: ,Xhr stellt\nsie selbst und folgt ihr dann4.\nEs wird kaum nötig sein, die Geltung\ndieses allgemeinen Gedankens in den\nandern Künsten nachzuweisen. Die Archi-\ntektur wird ganz und gar durch ihn be-\nstimmt, und ebenso ist er für die Plastik"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3091, "texte": "massgebend. Wir können also die zweite\nAufgabe der wissenschaftlichen Gesamt-\narbeit, nämlich die Prüfung des vorläufig\naufgestellten Gesetzes durch Anwendung\nauf andere, entfernte Fälle, als im wesent-\nlichen geleistet ansehen. Und zwar ist die\nPrüfung durchaus zu Gunsten der All-\ngemeingültigkeit des Satzes: Ordnung\nschafft Harmonie ausgefallen.\nKehren wir hiernach zum Ausgangspunkt\nzurück, so sehen wir uns in den Stand\ngesetzt, eine allgemeine Antwort auf die\nFrage zu geben: welche Farben sind\nharmonisch? Und zwar lautet die Ant-\nwort: solche, die in ordnungsmässigen\noder gesetzmässigen Beziehungen\nzu einander stehen.\nDies ist nun eine überaus weitläufige Ant-\nwort. Es wurde schon angedeutet, dass es\nin der Farbenwelt weniger als vier allge-\nmeinste Ordnungsgesetze gibt, während in\nder Ton weit nur ein einziges vorhanden ist,\ndas der Tonhöhe, welches auf den Schwing-\nzahlen beruht. Demgemäss gibt es zu einem\nbestimmten Ton nur 7 harmonische Inter-\nvalle (kleine und grosse Terz, Quarte,\nQuinte, kleine und grosse Sext, Oktave),\ndie sich durch wissenschaftliche Analyse\nauf drei (Oktave, Quinte, grosse Terz)\nreduzieren lassen. Die Anzahl der Farben\ndagegen, welche zu einer gegebenen\nFarbe harmonisch sind, beträgt unter sehr\neinschränkenden Voraussetzungen 25,\nkann aber weit darüber gesteigert werden.\nDies ist eine Folge davon, dass die Welt\nder Farben sich sehr viel mannigfaltiger\nerweist, als die der Töne. Denn während\ndiese eindimensional ist und sich daher\ndurch eine Linie (der Tonhöhen) dar-\nstellen lässt, ist die Welt der Farben drei-\ndimensional und erfordert zu ihrer Dar-\nstellung einen räumlichen Aufbau, den\noben erwähnten Doppelkegel.\nDies erklärt auch, warum bisher die Ge-\nsetze der Farbharmonielehre unbekannt\ngeblieben sind, während die Tonharmonie-\nlehre seit 2V2 Jahrtausenden bekannt\nwaren, nachdem Pythagoras (580-500\nv. Chr.) sie entdeckt hatte. Dies war ihm\ndadurch möglich geworden, dass er die\nTöne mittels des Monochords, eines der\nersten physikalischen Apparate, die der\nMenschengeist erfunden hat, zu messen\ngelehrt hatte. Da nun bis zum Jahre 1915\nkein Mittel bekannt war, Farben zu\nmessen, so ist es ganz natürlich, dass bis\ndahin auch keine Möglichkeit bestand, die\nwahren Gesetze der Farbenharmonie zu\nentdecken. Was man bis dahin an Gesetzen\naufzustellen versucht hatte, erwies sich als\nirrig. Und nachdem das Verfahren der\nMessung entdeckt und erprobt war, war\numgekehrt der Weg zur Entdeckung der\nHermoniegesetze nicht mehr weit. Oben\nist erzählt worden, mit welcher zwang-\nläufigen Sicherheit die Arbeit zu diesem\nZiel geführt hat.\nAus naheliegenden Gründen muss ich\nmich hier auf die Mitteilung der Grund-\ngedanken beschränken. Auch soll nach-\ndrücklich betont werden, dass bisher mit\nkeinem Worte von der Kunst die Rede\nv/ar. Es handelte sich ausschliesslich um\nwissenschaftliche, insbesondere physio-\nlogische Tatsachen und Gesetze.\nWie aber Grammatik und Syntax Voraus-\nsetzungen für die Dichtkunst, Harmonie-\nund Satzlehre Voraussetzungen für die\nTonkunst sind, so ist die Farbenharmonie-\nlehre eine der Voraussetzungen für die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2954, "texte": "Malerei, allgemeiner für die Lichtkunst.\nSie ist nicht die einzige Voraussetzung,\ndenn neben ihr besteht beispielsweise\nnoch die Formenlehre; ausserdem kom-\nmen noch die mannigfaltigen Verhältnisse\nin Betracht, die sich auf den Inhalt\ndes Dargestellten beziehen. Da auf alle\ndiese Dinge hier nicht eingegangen werden\nkann, so herrscht in den nachfolgenden\nDarlegungen eine bewusste Einseitigkeit\nin der Beschränkung auf das Problem\nder Farbe.\nZu jedem Kunstwerk gehört bekanntlich\neine enge Verbindung von Form und\nInhalt. Die verschiedenen Kunstepochen\nlassen sich gut kennzeichnen, wenn man\nermittelt, in welchem Verhältnis beide\nzueinander gestanden haben. Meist über-\nwiegt der eine oder andere Anteil und\ndie Wellenbewegung, welche die Ent-\nwicklungslinie der Kunst (wie die jeder\nanderen geschichtlichen Erscheinung)\nkennzeichnet, wird durch solche ab-\nwechselnde Einseitigkeiten hervor-\ngebracht.\nEs ist keinem Zweifel unterworfen, dass\ndie Farbe innerhalb der Kunst unter den\nBegriff der Form (im allgemeinsten\nSinne) gehört. Sie hat also die Aufgabe,\nden Inhalt se gestalten zu helfen, dass\nder Beschauer jene willkommene Gefühls-\nerregung erfährt, welche wir die künst-\nlerische Wirkung nennen. Je nach dem\nInhalt wird die Farbharmonie sanft oder\nstark, weich oder hart vom Künstler ge-\nwählt werden. Dieser wird aber offen-\nbar sein Ziel um so vollkommener er-\nreichen, je vollständiger seine Kenntnis\nder denkbaren und möglichen Harmonien\nist und je sicherer ihm ihre Herstellung\ngelingt.\nDiese Anpassung der farbigen Form an\nden Inhalt hat gleichfalls ihre geschicht-\nliche Entwicklung durchgemacht. In\nfrüheren Jahrhunderten war der Ein-\ndruck der eben gefundenen Harmonie\nreiner Farben so vorwaltend, dass die\nKünsler solche Harmonien jedenfalls an-\nstrebten, unabhängig von dem Inhalt des\nBildes. Auch war mangels jeder wissen-\nschaftlichen Behandlung dieser Frage\ndie Auffindung einer einzelnen®Harmonie\nSache der glücklichen Hand (oder der\nkünstlerischen Inspiration, was dasselbe\nbesagt), dass nur wenige Harmonien über-\nhaupt bekannt wurden und die Auswahl\ndaher sehr gering war. Gab es doch\nganze Malerschulen, die alle ihre Bilder\nauf eine einzige, immer gleiche Harmonie\nstellten.\nDie Entdeckung, dass man je nach dem\nInhalt des Werkes durch eine entsprechen-\nde frohe oder trübe, sanfte oder laute Farb-\ngebung dessen Eindruck gewaltig steigern\nkann, wurde etwa im neunzehnten Jahr-\nhundert entwickelt, wenn auch wie immer\neinige frühere Bahnbrecher sich nach-\nweisen lassen. Dass die hierfür verwen-\ndeten Farben miteinander mehr oder\nweniger deutliche Harmonien bildeten,\nwurde mehr gefühlt als gewusst. Denn\nalle theoretischen Versuche, die Gesetze\nder Farbharmonik zu entdecken, schei-\nterten an der unvollkommenen Kenntnis\nder Farben selbst. So wurde allgemein\ngeglaubt, dass solche Gesetze sich aus-\nschliesslich auf die Farbtöne des Farben-\nkreises beziehen. Es sollte also möglich\nsein, die Frage allgemein zu beantworten,"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2950, "texte": "ob z. B. Grün und Blau eine Harmonie\nbilden oder nicht. Meist wurde die Frage\nmit Nein entschieden. Dabei liessen die\nFarbtheoretiker ganz ausser Acht, dass es\nzweifellos neben vielen hässlichen Zu-\nsammenstellungen vom Grün und Blau\nauch sehr schöne gibt, wie sie z. B. gewisse\nPapageien zeigen. Die hierdurch gebotene\nweitere Frage, unter welchen Bedingungen\nschöne und unter welchen hässliche Grün-\nBlau-V erbindungen entstehen, wurde nicht\ngestellt, also auch nicht beantwortet. Die\nAntwort wird erst möglich, wenn man\nneben dem Farbton die anderen Elemente\nder Farbe in Betracht zieht, nämlich den\nGehalt an Weiss und an Schwarz.\nAus der Entdeckung des Stimmungs-\nwertes der Farbe hat sich dann der\nImpressionismus entwickelt, welcher sich\ndie Auffindnng bisher übersehener\nFarbenmannigfaltigkeiten in der Natur,\nnamentlich solcher von vorübergehender\nBeschaffenheit zum Ziel setzte. Der\nharmonische Eigenwert der Farbe trat\nhierbei ganz zurück.\nEs war notwendig, dass auf diese Ein-\nseitigkeit eine Gegenwirkung erfolgte,\nwelche jenen vernachlässigten Faktor des\nKunstwerkes ebenso gewaltsam in den\nVordergrund stellte. Jene Wanderung\ndurch neue Gebiete der Färb weit hatte\ndie ungemein grossen Möglichkeiten far-\nbiger Wechselwirkungen kennen gelehrt\nund es ist natürlich, dass nun der Versuch\ngemacht wurde, die Farbe als solche,\ngleichsam mit ihrem musikalischen Wert,\nzur Geltung zu bringen. Hierbei schienen\ndie Gestalten, in denen die Farbflecken\naufeinander wirkten, nebensächlich, ja\neher störend zu sein. Sie wurden daher\nentsprechend willkürlich behandelt.\nSo war das Problem der Farbenharmonie\nwieder in den Vordergrund getreten.\nVon besonders begabten Künstlern\nwurden einzelne Lösungen hervorgebracht,\ndie den Wunsch nach einer allgemeinen\nLösung steigern mussten, soweit eine\nsolche für möglich gehalten wurde. Die\nMehrzahl der Künstler und Kunstheo-\nretiker war freilich der Meinung, dass\nnur der Genius des Künstlers Harmonien\nschaffen könne.\nDies könnte als richtig gelten, so lange\ndie Wissenschaft darauf verzichten\nmusste, die Frage zu erforschen. Ist ihr\naber einmal der Weg auf getan, so ist sie\nfähig, eine viel umfassendere Antwort\nzu finden, als der Einzelne vermag, auch\nwenn er ein schöpferischer Künstler ist.\nWir haben oben gesehen, welchen eigenen\nWeg die Wissenschaft gegangen- ist, um\nzu der gleichen Aufgabe zu gelangen,\ndie sie dann in ihrer Weise allgemein\ngelöst hat. Hier ist nun noch zu erwägen,\nwelchen Einfluss dieser Umstand auf die\nEntwicklung der Kunst haben kann und\nwird.\nDer erste Erfolg wird sein, dass die Her-\nstellung einer farbigen Harmonie nicht\nmehr das äusserste Können des Künstlers\nbeansprucht, sondern durch Anwendung\nder gefundenen Gesetze ganz unmittelbar\nausgeführt werden kann. Die Kräfte des\nKünstlers werden somit für die Lösung\nanderer Aufgaben frei. Diese aber er-\ngeben sich aus der Notwendigkeit, Form\nund Inhalt als gleichwertige Faktoren zu\nverbinden. Als „Form\" im Sinne des"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3009, "texte": "Kunstwerks treten hier die Farben auf;\nals „Inhalt\" die Gestalten, welche in die\nFarben gekleidet werden gemäss ihrer Be-\ndeutung. Beide müssen zu einer einheit-\nlichen Gefühlswirkung verbunden werden:\ndann ist ein Kunstwerk erzeugt.\nEine Abschrift der Natur wird und kann\nein solches Werk nicht sein. Denn die\nFarben der Natur sind im Allgemeinen\nebenso wenig harmonisch, wie ihre Töne.\nDie natürliche Erscheinung kann daher\nnur eine Anregung dazu geben, welche\nklare Farbenharmonie mit der vorhan-\ndenen Gestalt (die gleichfalls im Sinne\nder künstlerischen Aufgabe zu bearbeiten,\nd. h. zu vereinfachen ist) verbunden wer-\nden kann oder soll. Das Werk ist dann\neinerseits viel weniger als die Natur, weil\nalle Zufälligkeiten und entbehrlichen Ein-\nzelheiten, die für den Zweck nichts sagen,\nfortgelassen sind. Es ist andererseits viel\nmehr als die Natur, weil es die Farben-\nharmonie, von der die Natur nur\nAndeutungen gibt, rein und klar zum Aus-\ndruck bringt, und weil diese Harmonie\nmit der Gestalt organisch zu höherer Wir-\nkung verbunden ist. Beides wirkt zu-\nsammen, um den Zweck des Kunktwerks\nzu erfüllen: in dem Beschauer starke,\nt j '\nwillkommene Gefühle zu erwecken.\nII\nÜber die ausgestellten Bilder\nDie gezeigten Tafeln sind folgendermassen\nentstanden. Nachdem ich mir eine Über-\nsicht über die Welt der gesetzlichen, d.h.\nharmonischen Farbenverbindungen ver-\nschafft und die wichtigsten Harmonien\nin einfachster, schematischer Ausführung\nmir veranschaulicht hatte, empfand ich\nden Wunsch, ihre Wirkung in mehr bild-\nmässigen Darstellungen zu erprohen. Mit\nsehr einfachen Bildern kleinen Formats\nbegann ich und erhielt sehr bald erfreu-\nliche Ergebnisse. Auf der Suche nach\nGegenständen solcher Darstellungen, bei\ndenen die Farbenwirkung durchaus die\nHauptsache zu bilden hatte, fand ich eine\nerhebliche Förderung durch einige Hefte\nmoderner japanischer Farbholzschnitte\nfür kunstgewerbliche Zwecke, in denen\ndie mannigfaltigsten Dinge mit grosser\nFreiheit dem Schmuckzweck dienlich ge-\nmacht waren. Die Farben zeigten viele\nin langer Tradition aufgefundene und\nfestgehaltene (angenäherte) Harmonien,\ndaneben aber auch offenbare Fehler ins-\nbesondere bei modernen Farbstoffen, für\nwelche die traditionelle Sicherheit der\nAnwendung fehlte. So gewöhnte ich\nmich daran, für meine Experimente Form-\nanregungen herzunehmen, wo sie mir\nimmer entgegentraten. Der Hauptanteil\nwar gegenständlicher Natur: Blumen,\nKräuter, Muscheln, Stilleben aller Art.\nDaneben benutzte ich Photographien,\nteils selbst aufgenommene, teils fremde\nund reproduzierte. Einige Zeit trieb ich\nden Sport, irgend einer willkürlich ge-\nwählten Abbildung ein Motiv, oft mehrere\nzu entnehmen und diesen durch harmo-\nnische Farben einen künstlerischen Inhalt\nzu geben.\nDie Auswahl der Farben und Festlegung\nder entsprechenden Harmonie war die\nneue geistige Operation, welche jedesmal\nvollzogen werden musste. Dabei konnten\ndie natürlichen Farben zwar Anregungen\ngeben, niemals aber ohne Bearbeitung\ngemäss den Harmoniegesetzen benutzt"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3054, "texte": "werden. Das Gleiche gilt für Hell und\nund Dunkel bei den grauen Bildern.\nSo nehme ich schöpferische Selbstän-\ndigkeit zwar für die Farbgebung in An-\nspruch, nicht aber überall für die Formen,\ndie ich in Farben gesetzt habe.\nWas die Technik anlangt, so sind alle\ngezeigten Blätter mittels der Farborgel\nhergestellt, welche die von der Theorie\nangegebenen 680 Farbnormen in Pulver-\nform enthält. Zum Malen dient ein\nleichtflüssiges, wässeriges Bindemittel,\nwelches im wesentlichen Leim enthält,\naber so präpariert, dass kein Gerinnen\neintritt, und dass der Auftrag nach dem\nTrocknen so wasserfest wird, dass man\nbequem darüber malen kann, ohne den\nGrund aufzulösen. Durch geeignete Zu-\nsätze ist dafür gesorgt, dass die Tünche\näusserst willig aus dem Pinsel geht und\nvom Grunde angenommen wird.\nDie künstlerische Arbeit zerfällt somit\nin zwei wesentlich verschiedene Anteile.\nDer erste ist das Ersinnen der geeigneten\nHarmonie. Da oft auf mehrere Verhält-\nnisse Rücksicht zu nehmen ist, erfordert\ndies einiges Nachdenken. Meist lassen\nsich mehrere verschiedene Lösungen des\nProblems ersinnen, von denen dann die\nfür den künstlerischen Zweck geeignetste\ngewählt wird. Man schreibt dann die\nZeichen der gewählten Farben hin und\nkann nun zum zweiten Teil schreiten.\nDieser zweite Teil ist die Ausführung.\nDa die Farben schon festgelegt sind,\nbraucht man nur der Farborgel die ent-\nsprechenden Pulver in solcher Menge zu\nentnehmen, als man (schätzungsweise)\nbraucht und sie mit dem Bindemittel\nanzumachen. Hierzu dient ein elastischer\nSpatel, mit dem man das Gemenge auf\neiner Platte von Glas oder Porzellan ver-\nreibt. Dies erfordert nur einige Augen-\nblicke und geht schneller, als das Auf-\nnehmen mit dem nassen Pinsel vom\ntrockenen Fladen, wie gebräuchlich. Da\nnur die vorgesehenen, genau einge-\nstellten Farben aufgetragen werden,\nentfällt alles Mischen, und die Arbeit\ngeht sehr schnell vor sich. Man malt\nvon hinten nach vorn, d. h. zuerst den\nGrund, dann die ferneren Teile, zuletzt\ndie nächsten. Die Farben decken schon\nbei mässig starkem Auftrag. Man braucht\nsich daher keine Unbequemlichkeit mit\nAussparen zu machen, da alle Einzel-\nheiten später deckend aufgesetzt werden\nkönnen. Wohl aber muss man mit dem\nPinsel die Formen sicher auszudrücken\nverstehen, was aber durch die Leieht-\nflüssigkeit der Tünche sehr erleichtert\nwird. In dieser Beziehung ist diese neue\nTempera der Oltechnik weit überlegen.\nNatürlich kann man die fertigen Bilder\nmit jedem Bilderlack firnissen. Nur\nwerden dadurch die tiefen Töne bis zu\nzwei Stufen dunkler, während die hellsten\nunverändert bleiben. Das Bild bleibt\naber harmonisch; es wird nur in eine\nstärkere Tonart transponiert.\nWir wenden uns nun zu den einzelnen\nTafeln. Die Untersuchung der möglichen\nHarmonien hatte zunächst zur Entdeckung\nder grauen oder unbunten Harmonien\ngeführt, die bisher nicht bekannt waren.\nSie sind in den Blättern 1-8 veranschau-\nlicht, auf denen dasselbe naturalistische\nMotiv (Birke im Rauhreif) nach den ver-\nschiedenen harmonischen Möglichkeiten\nabgewandelt ist. Durch Verschiebung"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3018, "texte": "der grauen Farben nach immer tieferen\nStufen gelangt man von hellsten zu\ndunkelsten Stimmungen (1 bis 5), welche\nalle eine ähnliche sanfte Harmonie zeigen.\nIndem man die Abstände der Graustufen\ndoppelt so weit wählt, erhält man die\nBilder 6 und 7, deren Harmonie viel leb-\nhafter oder lauter wirkt. Hat man sich\nmit dem Charakter der grauen Harmonien\nvertraut gemacht, indem man von jedem\neinzelnen der Bilder 1 bis 7 seine eigene\nHarmonie aufgenommen und empfunden\nhat, so wirkt der Anblick von 8 wie ein\nplötzlicher Misston in einer reinen Musik.\nHier ist absichtlich das Harmoniegesetz\nverletzt worden, indem der Stamm des\nBaumes viel zu schwarz gemalt wurde, und\ndie Wirkung ist ein abstossender Miss-\nklang.\nWesentlich bei diesen Harmonien und\nund allen folgenden ist der Umstand,\ndass die Bilder aus nebeneinander hin-\ngesetzten, einheitlichen Tönen bestehen,\nzwischen denen keine Uebergänge gemacht\nsind. Ebenso wie eine Harmonie nur\nzwischen einheitlichen, genau gegen ein-\nander abgestuften Tönen möglich ist, er-\nfordert auch die Farbkunst solche be-\nstimmte, einheitliche Stufen, da nur\nzwischen solchen überhaupt von Har-\nmonie die Rede sein kann. Dass trotz-\ndem eine gute Annäherung an die Er-\nscheinungswelt möglich ist, zeigt das\nBild 9, fliegende Wildgänse, während\numgekehrt Bild 10, die Konkurrenten,\nerkennen lässt, dass trotz bewussten\nYerzichts auf alle naturalistischen Einzel-\nheiten sich der ziemlich dramatische\nBildgedanke so lebendig veranschaulichen\nlässt, dass der Beschauer nicht mehr\nbeansprucht. Beide Bilder bringen den\neigenartigen Reiz grauer Harmonien\ndeutlich zur Geltung.\nDie nächste Klasse der Harmonien ist\ndie der graubunten, bei denen neben\ngesetzlich geordneten grauen Farben auch\nbunte, die mit jenen zusammenhängen,\nmitwirken. Auch diese sind bisher nicht\nbekannt gewesen, da man meist gemeint\nhat, mit Weiss, Grau und Schwarz lasse\nsich jede beliebige Farbe zusammen-\nbringen, ohne dass sie sich „beissen\".\nBild (Libellen) zeigt, welche lebendig-\nreizvolle Wirkung sich innerhalb der\ngrauen Harmonie der Teichlandschaft\ndurch eine zugehörige Buntfarbe nebst\nihrem Schatten hervorbringen lässt. Mit\nähnlicher Wirkung könnten die anderen\n23 Farbtöne des zugehörigen Farbkreises\nverwendet werden, und es würde jedes-\nmal ein harmonisches Werk entstehen.\nAls folgende Klasse von Harmonien\nkönnen diejenigen angesehen werden,\nwelche nicht mehr unbunt oder grau,\n•sondern in den Abstufungen eines und\ndesselben Farbtons ausgeführt sind. So\nsind alle Farben von 11 (bis auf das\nGrau des Stengels) Abkömmlinge eines\ndunklen Gelb. Nach ähnlicher Ordnung\nsind die Bilder 12,18,19 und 51 (Schmal-\nformat) komponiert.\nEine weitere Klasse sind die Harmonien in\ngrau und bunt. Bild 13 zeigt, wie lebendig\neine Buntfarbe (nebst ihrem Schatten) in\nder grauen Teichlandschaft wirkt. In 14\nerscheinen die gelbweissen Mittelpunkte\nder Doldensterne wie selbstleuchtend. In\n15 ist das Gefieder des Raben durch den\nbunten metallischen Schimmer belebt.\n»\nDie übrigen Bilder sind im wesentlichen"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 721, "texte": "auf Harmonien bunter Farben gestellt.\nAn 20 kann man erkennen, dass auch bei\nvollständiger Abweichung der Farbgebung\nvon der natürlichen Erscheinung eine gute\nWirkung erzielt werden kann, falls nur\ndie gewählten Farben unter sich in har-\nmonischer Beziehung stehen. Die Mehr-\nzahl der anderen Tafeln kann man als\n„Blumenbildnisse\" gelten lassen, in denen\nihrelFarbharmonien, die in der Natur meist\nnur angedeutet oder unvollkommen ent-\nwickelt sind, klar herausgearbeitet wurden\nund die somit in bestimmtem Sinne die\nIdeale ihrer Erscheinungsweise darstellen.\nWir veröffentlichen diesen Beitrag von Wilhelm Ostwald mit der Bemerkung, dass wir bekanntlich seine\nAnsicht über Form absolut nicht teilen.\n\nDie Schriftleitung."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c004", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "85", "page_fin": "85", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.3.1", "titre_corps": "Lothar Schreyer: Bühnenfarbform", "titre_sommaire": "Lothar Schreyer: Bühnenfarbform", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 31, "texte": "Lothar Schreyer: Bühnenfarbform"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c005", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "89", "image_debut": 13, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.3.2", "titre_corps": "Kurt Schwitters: Farbige Merzzeichnung", "titre_sommaire": "Kurt Schwitters: Farbige Merzzeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 38, "texte": "Kurt Schwitters: Farbige Merzzeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c006", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "91", "page_fin": "94", "image_debut": 15, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.4", "titre_corps": "Oskar Baum", "titre_sommaire": "Oskar Baum", "signature_source": "Die Augen des Publikums", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 15, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.15", "debut_caractere": 723, "fin_caractere_exclue": 2640, "texte": "Oskar Baum\nDie Augen des Publikums\n\n„Sprich nur, wenn du gefragt wirst\", sagten\nmir meine Lehrer und Eltern immer, als\nich in jenem Alter stand, in dem es manchem\nGedankenlosen als eine Ehre gilt, Lehrern\nund Eltern nicht zu folgen.\nDaran muss ich immer denken, wenn ein\nDichter zum ersten Mal vor einen Saal voll\nfremder Menschen tritt, ein Unbekannter!\nDenn dass sie seinen gedruckten Namen\nkennen und dass Interesse und Sympathie\nfür seine künstlerischen Absichten sie her-\ngeführt hat, ändert nichts daran. Es sind\nja nicht seine geistigen Absichten, nicht die\nGestalten seiner Romane oder der Tonfall\nseiner klanggewordenen Gefühle, die sie\nhier erwarten; nein, nur seine Person ist es,\ndie dasteht, sein Gesicht und seine Stimme,\nseine Körperlichkeit, und es kommt darauf\nan, ob er das Bild, das man sich von ihm\ngemacht hat, erreicht, ergänzt oder in über-\nzeugender Natürlichkeit verdrängt. Und\ndamit könnte man es auch begründen,\ndass — wie ein witziger Impresario einmal\nsagte — mancher Dichter und wohl auch\nmancher König gut täte, sich durch einen\nsorfältig ausgewählten Anderen darstellen zu\nlassen. Aber die Wirkung auf das Publikum\nscheint mir — so paradox das auch klingen\nmag — nur die Hälfte, fast möchte ich sagen,\ndie kleinere Hälfte der Bestimmung einer\nkünstlerischen Vorführung.\nJeder Schaffende, der in seinem Werk nicht\n• •\nnur eine Äusserung, ein zu überwindendes\nErlebnis, sondern einen Bestandteil seines\nWesens sieht, der einmal aus ihm hervor-\ngewachsen, durch keine Zeit, durch keine\nUmwandlung, welcher Art auch immer, von\nihm getrennt werden kann, der fühlt in\njeder Darbietung seiner Werke und beson-\nders, wenn er selbst den unmittelbaren\nVerkehr mit seinem Kunstwerk vermittelt,\neine Wiedergeburt des Geschaffenen, das\nauch ihm selbst in neuer Gestalt erscheint.\nMehr noch als für das empfänglichste\nPublikum ist es für den Komponisten ein\nEreignis, das ihn und vor allem sein Werk"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3185, "texte": "betrifft, mag es auch hundertmal fertig sein.\nUnd nicht wenn er es das erste Mal diri-\ngiert, gestaltet er es von neuem, nein! jedes-\nmal, falls er ein Echter ist und in leiden-\nschaftlichem Verhältnis zu seinem Werk\nsteht. Man veranstalte eine Rundfrage,\nwelchem Komponisten es möglich wäre,\nsein Werk mehrmals in genau dem gleichen\nRhythmus und in der gleichen Dynamik\nwiederzugeben; ausser es wäre für ihn\nabgestorben und dann ist es, wie man wohl\nbehaupten kann, nicht mehr sein Werk.\nNie wird bei einer Probe, nie im stillen\n-Zimmer beim Schreibtisch ein Werk so\nerscheinen können wie im Augenblick, da\nes erst gleichsam Wirklichkeit wird. Und\nich möchte darum sagen: Das Publikum\ngestaltet es neu, gestaltet es mit.\nEin Beweis, ein Zeugnis für die noch un-\nerforschte, ganz eigenartige Natur des\nStimmungsfluidums, das von den Sessel-\nreihen zum Podium und wieder zurück-\nschwingt, dem Austausch des Gebergenusses\nund der Empfangsfreudigkeit erscheint mir\nder rätselhafte Umstand, dass wohl jeder\nVorleser, Schauspieler, Sänger genau fühlt,\nwann er im Kontakt mit seinem Publikum\nist, wann er sich von ihm entfernt oder sich\nihm nähert. Viele berichteten mir schon\nüber solche Erfahrungen. Man könnte ja\nwohl glauben, der Künstler sieht die\nSpannung oder Interesselosigkeit in den\nGesichtern vor sich; aber das kann es\nallein nicht sein. Denn woher hätte ich\ndann die gleiche Empfindung? Und ich\nfühle genau den Ausdruck der hundert\nAugen, die auf mich gerichtet sind, wie mir\ndenn überhaupt — und auch andere Blinde\nbestätigen es mir durch ähnliche Beobach-\ntungen — auch mit einem Einzelnen\nimmer scheint, als redete ich nur zu seinen\nAugen.\nIch wurde oft schon in der Unterhaltung\nmit besten Freunden irritiert, wenn sie mich\nnicht ansahen und wenn man, wie man es\nbegreiflicherweise gewöhnlich zu machen\npflegt, sobald man mich nicht versteht oder\nmit dem was ich sage nicht einverstanden\nist, die fragenden Blicke statt an mich, an\nmeine Begleitperson richtet.\nAls ich zum ersten Mal die Inspiration der\nunmittelbaren Wirkung zu fühlen bekam,\ndoppelt trunken nach dem Rausch der un-\ngekannten Begeisterung, vom Podium in das\nkleine Zimmer daneben floh, hielt ich den\nApplaus meiner Freunde und der Freunde\nmeiner Freunde, die damals den kleinen\nSaal füllten, für die Zustimmung, für den\nDank, die Antwort der Welt, und ich nahm\ndiese Musik mit der Rührung und Scham\neines Menschen entgegen, der nicht ich war,\nsondern einer, der ich in einem eitlen\nKindertraum hatte sein wollen. Da brachte\nman mir Leute aus der Zuhörerschaft, die\nes mit mir zu reden verlangte, die etwas\nfür mich auf dem Herzen hatten. Es war\nmir, als seien es die, die mir die neue Ge-\nstalt, die Auferstehung meiner geschriebenen\nGedanken geschenkt hatten; und ich empfing\nsie voll glücklicher Innigkeit und freute\nmich, ihr Anliegen zu hören. Und sie fragten:\n„Bitte, könnte ich Ihre Schrift mal von der\nNähe sehen?\" „Nein, wie können Sie bei\ndiesem Punktgewirr Buchstaben unter-\nscheiden?\" „Ich dachte, es wären nur An-\nhaltspunkte und Sie hätten das alles aus-\nwendig gelernt, weil Sie immerfort ins\nPublikum sahen?\"\nEs wird sich wohl niemand wundern, wenn\nich in diesem Augenblick wirklich wünschte,"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1610, "texte": "durch jemanden anders dargestellt zu werden.\nDer Dichter braucht das Auditorium« um\n7\ndas Werk sich selbst vorzulesen, es neu zu\nerleben. Die wartenden, gespannten Augen\ndes Publikums sollen ihm helfen, die Ab-\nsicht und die Wirkung des Geschaffenen zu\ntrennen, gleichsam auseinanderzuschneiden\nund aui zwei Wagschalen zu legen.\nUnd dies Gefühl der innern Abhängigkeit\nist wohl auch der tiefste Grund der Gerins-\nSchätzung, mit der die Künstler vom Beifall\ndes Publikums reden zu müssen glauben,\nauch wenn sie der Ehrgeiz und die Eitelkeit\nganz anders empfinden lässt. Sie fühlen,\nwohl ohne es zu wissen, dass das Publikum\nmit eines ihrer Kunstmittel ist, ein sehr\nwertvolles, ein unentbehrliches Werkzeug.\nAber nicht sein Beifall oder sein Wider-\nspruch, sondern das, was der Dichter an\nseinem Werk durch dessen Berührung mit\nder Wirklichkeit, der Sinnenwelt sich ver-\nändern fühlt, ist das bereichernde, stärkende,\nwahrhalt fördernde Ergebnis einer Vor-\nführung.\nWer hatte nie um seinen Schreibtisch\ndie Vision des lauschenden Kreises, auf\ndessen Gesichtern er seine Begeisterung\nweiterschalfen sieht, seine Erzählung lebendig\nwerden und so ihre Wahrheit sich offen-\nbaren fühlt.\nDiese Sehnsucht (die in der Bahmenerzählung\nihren technischen Ausdruck, ihre Zuflucht\ngefunden hat) der homerische Bhapsoden-\ntrieb, der urgestaltende, der in den ara-\nbischen Märchenerzählern an den Strassen-\necken, in unseren Conferenciers und Ca-\nbarettiers eine seltsame Proletarisierung\nerfuhr, sollte und kann wohl auch niemals\nim Dichter aussterben, sowie die Hörens-\nfreudigkeit — hoffen wir es — auch nicht\nim Publikum."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c007", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "93", "page_fin": "93", "image_debut": 17, "image_fin": 17, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.4.1", "titre_corps": "Willi Baumeister: Zeichnung", "titre_sommaire": "Willi Baumeister: Zeichnung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 27, "texte": "Willi Baumeister: Zeichnung"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c008", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "94", "page_fin": "96", "image_debut": 18, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.5", "titre_corps": "Oskar Baum", "titre_sommaire": "Oskar Baum", "signature_source": "Schuld", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 18, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.18", "debut_caractere": 1612, "fin_caractere_exclue": 2439, "texte": "Oskar Baum\nSchuld\nDie Tatsachen dieser Studie aus dem Grenz-\ngebiet des Menschlichen entstammen dem\nBericht einer Gerichtsverhandlung, die am\n27. März 1919 vor den Geschworenen in\nLeeds gegen den 17jährigen Morris Swift\nstattfand.\nDer Verteidiger setzte sich. Begeisterung\nrauschte durch den Saal. Der Gerichts-\nPräsident wandte schon den Kopf, da die\nGalerie nicht zu Buhe kommen wollte.\nDer Staatsanwalt putzte seine Gläser und\nräusperte sich.\nDa erhob sich — langsam, zitternd im\nKrampf des Entschlusses — der plumpe\nhässliche Bursch von der Anklagebank,\nscharfrandige rote Flecken auf den Knochen\nunter den grossen Augen. Ein fleischiges\nGesicht über kurzem Hals, trotz breiter\nvorstehender Kinnladen nicht brutal.\n„Ich werde es erzählen,\" kam es sehr leise\nvon den weissen Lippen, „es ist alles nicht\nwahr, was ich sagte.\""}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3305, "texte": "Niemand rührte ein Glied. Es war kaum\nzu glauben, dass so viele Menschen in einem\nSaal so still sein konnten.\n„Ich hatte keinen Hunger und die Frau\nhatte mir gar nichts verweigert; ich hatte\nsie überhaupt um nichts angesprochen und\nsie nie früher gesehen. Ich fühlte mich an\ndem Tag sogar besonders wohl! Wenn man\nnach acht Tagen Gefängnis zum ersten Mal\nwieder frei durch die Stadt geht!\"\n„Sie, wissen Sie, was Sie da reden?4'\n„Ich wi 11 es nicht verschweigen! Einmal\nwill ich alles sagen, laut! — Ich tat es ganz\nohne Grund, ja! Ein so furchtbares ekel-\nhaftes Tier war noch in Kleidern und\nweisser Haut unter Menschen. Ich hatte\nLust, ungeheuere Lust, es zu tun, weiter\nnichts! Im ganzen Körper trieb es mich.\nAls ich die alte Frau an den Haaren packte\nund auf sie loshieb mit beiden Fäusten\nwohin ich traf, und das Blut begann schon\nzu fliessen und weiter, immer weiter — ah —\ndas können Sie sich nicht vorstellen! Von\nkleinauf war ich so, wer weiss von wann\nschon! Ich quälte Mäuse, die ich mir dazu\nin Fallen fing, stahl Hunde aus der Um-\ngebung, um sie zu foltern. Am liebsten\naber kleine Vögel und Katzen. Katzen zer-\nstückelte ich oder band sie an einen Hammer-\nkopf und klopfte sie an die Mauer oder\nschnürte sie zu einem unbeweglichen Bündel\nzusammen und stiess sie mit den Füssen\nvor mir her die Treppe hinunter. Oder ich\nschälte in feinen kleinen Streifen ihre Haut,\nwie manche Leute kunstvoll Orangen schälen\nzu Formen und zusammenhängenden Spiral-\nketten. Mir rieselte dabei so ein schönes\nkleines Frieren den Buckel herunter! —\nWachte ich morgens auf und hörte draussen\nAngstgeschrei von Hühnern oder gar von\nGänsen, war ich mit einem Satz im Hemd\nauf dem Hof; war's aber dennoch zu spät\nund die Mutter trug schon die triefenden\nLeichen unterm Arm ins Haus, wurde ich\nso wütend, dass ich nichts als das scharfe\nMesser in ihrer Hand vor mir sah und mir\nwar, als käme das viele verspritzte Blut auf\nihrer Schürze aus ihrer eigenen Wunde. —\nGern sah ich den Metzgern bei ihrer Arbeit\nim Schlachthaus zu. Ich stand sehr früh\nam Morgen dazu auf. Wie lachten sie,\nals ich sie schüchtern bettelte, mich auch\nmal mit zuschlagen zu lassen! Und sie er-\nlaubten es mir gern. — Die vom Tierschutz-\nverein, die mich angezeigt hatten, — sie\nhatten ja Recht — aber sie haben es anders\ngemeint. In den acht Tagen im Kriminal\n— anderen mag's ja nützen — mir war's\nschrecklich, als ich so viel Zeit hatte und\nnicht aus den vier Wänden hinaus konnte und\nes so still war und nicht ganz hell den ganzen\nTag! — Da dachte ich mir so tausenderlei aus;\nich wollt nicht, aber es kam so! Und ich\nnahm mir zuletzt vor, bis ich hinaus käme,\nes mal mit einem Menschen zu versuchen.\nGar nichts sollte mich davon abhalten! Ich\nsah schon alles genau vor mir. In den Nägeln,\nan Händen und Füssen biss es mich; ich\nkonnte es gar nicht mehr aushalten! — Und\nals ich aus dem Arrest auf die Strasse kam,\nwar diese alte Frau die erste, die mir be-\ngegnete. Sie war so schwach; aber nicht zu\nsehr. Ich ging ihr nach. Ich hatte eine\nsolche Freude, als sie in das abgelegene\nGässchen einbog! Ich hatte darauf gewartet.\nSie wird doch nicht nur hier im Geschäfts-\nviertel umhergehen, hatte ich immerfort\ngedacht und fiel die Ahnungslose sogleich\nvon hinten an. Ich riss sie nicht nieder,\nschlug nur, drosch, es tat mir fast leid, als"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2498, "texte": "sie lag, weils schöner war, wie sie sich wehrte\nund bewegte; aber das Niederducken und\nDreinwettern dann in die leblose Masse war\nwieder anders schön; ja, ja, ja schön!\"\nEr schrie und seine aufgerissen rot glänzenden\nAugen gingen wild von Gesicht zu Gesicht.\nDann aber, nicht lange, sank er wie ermüdet,\nerschlafft zusammen. „Schön,\" wiederholte\ner leise, „ich teilte mich plötzlich so von\nallem ab und war allein da, schwebte! Ein\nherrliches Gefühl, unerhörte Gewalt zu haben,\nfurchtbaren Qualen zu tun und nichts davon\nzu spüren ! Ein Wunder, ein Kunststückchen,\nnicht zu begreifen! Ein Stück von sich ins\nWasser werfen und selbst dabei trocken zu\nbleiben! sich sozusagen wegstellen zu können!\nUnd wie es juckte, dies Unmögliche immer\nwieder zu versuchen, das jedesmal gelang! —\nAber niemand, niemand ausser mir ist so,\nund alle ekelts vor mir; ich seh' es jedem\nan, wie's ihm vor mir graut! Oh diese\nMenschen, diese Augen, als der Wachmann\nsich vor mich stellen musste, dass sie mich\nnicht erschlugen! — Und ich wollte doch\nnicht anders sein als sie, ich nahm mich so\nzusammen, tat, was ich konnte, um so wie\nsie zu werden !\nIch lief allen Viechern aus dem Wege, ver-\nkroch mich bei Tage vor den Menschen,\nweinte die Nächte durch, weil ich nicht an\ndas denken wollte, woran ich immerwährend\ndenken musste und hielt mich vom Schlafen\n«\nzurück, weil ich mich so gegen meine Träume\nwehren wollte. Viele Kinder haben sich\ndoch etwas abzugewöhnen; sie nehmen sich\nzusammen und es geht — aber bei mir wurde\nes immer ärger ja. Sie werden es mir nicht\nglauben, seit ich mich so fürchtete und\nschämte, wurde es erst so furchtbar! So ver-\nflucht bin ich, ja! Und wenn Sie mich hier\neinsperren, auch zwanzig Jahre lang, wenn ich\nhinauskomme, im ersten freien Augenblick tu'\nich's wieder! Ich fürchte mich vor mir! Jeden\nTag, wenn's grau wird, packt mich die Angst:\nWas wird heute sein? — Bringt mich von\nmir fort, schneidet mich aus mir heraus,\nhelft mir! Es ist nicht wahr, dass ich zu\njung bin, dass es das Gesetz verbietet! Es\nist ja auch nur von Menschen gemacht; Ihr\nkönnt es doch ändern! Ich weiss, es wird\nschrecklich sein, aber alles ist dann vorüber.\nErbarmen Sie sich doch!\"\nEr lag auf den Knieen, in dem weissen Gesich\nzitterten die ein wenig geöffneten Lippen.\nAber es fand sich niemand, der, wie er, die\nSünde, ohne sie von allen Seiten zu besehen,\nauf sich nehmen wollte. 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Jahrgangs:\nApril Expressionismus\nI Mai Afrika und Svidsee-Kunst\nI Juni Theater\nJuli Tanz und Plastik\nAugust Sturmabende Dichtungen\nSeptember: Wilhelm Ostwald\nSCHRIFTLEITUNG: HERWARTH WALDEN\nVerlag Der Sturm Berlin W9 Potsdamer Strasse 134 a\nFernruf Liitzow 4443: Postscheckkonto Berlin 120658\nVerlagsverzeichnisse kostenlos vom Verlag Der Sturm\nJedes Heft hat zahl-\nreiche Abbildungen\nJahresbezug . M 12\nhalbjahrlich . M 6\nEinzelheft . . M 1\nMitglieder der\nGesellschaft der\nSturmfreunde E. 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Oktober 1926 erscheint das dritte Heft\n„INDIVIDUALITAT\"\nVierteljahresschrift fur Philosophic und Kunst / Herausgeber: Willy Storrer und Hans Reinhart\nAus dem Inhalt:\nBetrachtung:\nRudolf Steiner: Der Egoismus in der Philosophie\nSpruch (Faksimile)\nWilly Stokar: Wilhelm Tell als Mythos der Schweiz\nHorst Miinzer: Am Ufer der Oeschichte. Aphorism.\nFelix Durach: Farbige Schatten\nHans Wilhelm Keller: Kritik der Kritik\nGiinther Schubert: Drama und Geschichte\nFelix Petyrek: Essay über ein musikal. Thema\nTheatrum mundi:\nHans Wilhelm Keller: Das neue Zeitalter oder die\ngottliche Konferenz\nEduard Reinacher: Buffalos Mutterchen. Tragi-\nkomodie\nBuchbesprechungen / Zeitschriftenschau\nzum Theatrum mundi (Keller) von Walo von May\nVerlanpeti Sie eine Probenummer! Diese Zeitschrift erscheint vier Mai jahrlich (April / Juli / Oktober / Januar). Format: 18,5: 26,5 cm.\nUmfang jedes Buches ca. 10 Bogen (160 Seiten) Preis der Einzelnummer: Schweiz Fr. 4,50; Deutschland M 3,60. Abonnements: Schweiz\nein Jahrgang Fr. 16,—, halbjahrlich Fr. 8.50. Dcutschland em Jahrgang M 12,—, halbjahrlich M 6,5J\nVEKLAG FOR FREIES GEISTESLEBEN\nGestaltung:\nAlexeij Remisow: Das Patenkind Christi\nHans Reinhart: Zwei Szenen aus KQnig David von\nRen6 Morax\nPaul Biihler: Zwei Qedichte\nWilhelm von Scholz: Der Tod der Veronika\nHermann Burte: Aus dem dramatischen Gedicht\nApollon Kassandra\nHermann Hesse: Drei Qedichte\nRobert Walser: Der Kuß. Skizze\nQustav Qamper: Aus „Die Brttcke Europas\"\nPaul Hugo Lutz: Ahasverische Skizzen\nAdolf Attenhofer: K6nig Schmerz. Gedicht\nKarl Sax: Philoktet. Dramatischer Dialog\nAlfred Nomert: Gedicht aus Atair. 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S. 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Walden\nDas Buch derMenschenliebe / Roman\nDie Harte der Weltenliebe / Roman\nJedes Buch 2 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nSiinde / Ein Spiel an der Liebe\nGlaube / Komitragodie\nLetzte Liebe / Komitragodie\nJedes Buch 1 Mark\nSchriften von Herwarth Walden\nWeib I Komitragodie\n3 Mark\nKind / Tragodie\nTrieb / Eine biirgerliche Komitragodie\nMenschen / Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nIm Geschweig der Liebe / Gedichte\nGebunden in Ganzleinen 3 Mark\nDie neue Malerei / Mit zahlreichen Abbildungen / 5. 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(Em fold>er 3ef)lfd)luf (£inftetn§ tft\nf)ier untotbcrleQlict) nadjgeariefen. 2)af)er totrb\n<£inftctn f)ter mtt feinen etgenen auf£\n§aupt 25a$ t 6urd) 6a3\ner $u fetnen falfd)*n golgerungen gelangte, ifl\nalfo totcbcr $ur 2)ebatte gegeben, unb em\nfetner Sofung xoixb J)tcr x>orge=\nfcf)lagen. — s\\Hes in aflem xoirfc fid) toe ge=\nfamte $?ofcerne überjeugen, saf ntdjt s\\lbcrt\n(Einjfem, fondern in 3Baf)rl)ett Smmanuel i\\ant\n6a3 SBeltbtlb xx>af)rf>aft repoluttomert [jat. Sn\n(Emft sKarcu§ xx>tr6 toe ;3ufunft sen edjten\n(Erben i\\ants be<jru£<n lernen. 2>te Sftitttoelt\nef)rt nur geit md)t (gtmsfeitSgenoffen.\nfinb berufjmt SBentfle rutjmaurtog. <£tn ©e=\nbanfe, eine 38af)rf)ett, une fie fctefeS SBerl\nfceweifl tDtrfc nut affe taufenb ctnmal\nunfc entfretft 5. g.\nMark 1,25\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9\nDurch jede gute Buchhandlung oder direkt\nvorn Verlag Der Sturm zu beziehen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c029", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "99", "page_fin": "99", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.23", "debut_caractere": 1405, "fin_caractere_exclue": 1424, "texte": "Reserviert\nHotels —"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c030", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "99", "page_fin": "99", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Berlin W * Grnnewaldstr. 14-15\nGegriindet 1854\nGegriindet 1854 Hofspediteure S. M. des Konigs von Spanien\nSpedition u. Mobeltransporte, Verpackung u. Lagerung von\nGemalden und Kunstgegenstanden jeder Art. Lieferung und\nEmpfang nach und von alien Kunstausstellungen des In-\nund Auslandes. Transportversicherungen aller Art\nSpediteure d. Wirlschaftlichen Verbandes Bildender Kiinstler / der Freien Secession\ndes Verbandes Deulscher lllustratoren und Hausspediteure des „Sturm\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c035", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c035", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "100", "page_fin": "100", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.32", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.24", "debut_caractere": 278, "fin_caractere_exclue": 416, "texte": "Zum Verstandnis des modern en kulturellen und\npolitischen Lebens unentbehrlich ist die Lektiire der\nZeitschrift\nSOZIALISTISCHE MONATSHEFTE"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c036", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c036", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "100", "page_fin": "100", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.2.33", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.24", "debut_caractere": 418, "fin_caractere_exclue": 1873, "texte": "Herausgeber Joseph Bloch\nPreis pro Quartal 2,25 Mark, Einzelheft 75 Pfennig / Vorzugsausgabe\n(auf besonders schonem Papier) pro Quartal 4,50 M / Einzelheft 1,50 M\nDas Septemberheft 1926 enthalt:\nKarl Hißdenbrand (Mitgiied des Reichstags und Reichsrats)\nFiir eine parlamentarische Arbeitsgemeinschaft\nProf. Max SchippeE / Industrie und Arbeiterklasse\nJulius Kaliski / Der Eisenpakt\nDr. Ludwig Quessel (Mi tglied d. Reichstags) / Deutschland in Genf\nArno Nadel / Pegasus\nWolfgang HoiflQ (Ehem. preuss. Staatsminister) / Die Beamten\nder Republik — Dr. Otto Karutz I Siedelungsverfahren und Siede-\nlungsergebnisse seit 1919 — HiltgartVieShaber / Franz von Assisi —\nDie Sozialistische Internationale und der Volkerbund / Wally Zepler\n— Die Genossenschaften im fascistischen Italien / Dr. Reinhard Weber\n— Rasse und Kultur / Dr. Max Hodann — Leben und Leistung Max\nWebers / Prof. Conrad Schmidt — Musikfeste? / Dr. Max Butting —\nDie Agrarenquete / Dr. Pritz Baade — Die Architekturausstellung der\nNovembergruppe / Ludwig Hilberseimer — Raphael Silberstein / Dr.\nKarl Kollwitz — Die Toten: Hermann Greulich, Max Grunwald,\nGeorg Friedrich Knapp, Ernst Mehlich, Anton Nemec, Nikolaj Tschcheidse\nKonrad von Wangenheim\nProbehefte stehen auf Verlangen jederzeit kostenfrei zur Verfiigung.\nDem unterzeichneten Verlag ist die Mitteilung von Adressen will\nkommen, an die die Zusendung von Probeheften ratlich erscheint.\nVerlag der Sozialistischen Monatshefte\nBERLIN W 35"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1926-09-01-c037", "article_bluemountain": "bmtnabg_1926-09_01#c037", "volume": "bmtnabg_1926-09_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "100", "page_fin": "100", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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H. Maxy, Galea Victoriei 79 Et. 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JAHRGANG\nBerlin / September 1926\n0. HEFT\nDER STURM\nMONATSSCHRIFT /\nHERAUSGEBER: HERWARTH WALDEN\n\nWilli Baumeister: Zeichnung"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.2", "texte": "Zeitschrift Der Sturm\nAn die Abonnenten und Leser der Zeitschrift Der Sturm\nErschienene Hefte des 17. Jahrgangs:\nApril Expressionismus\nI Mai Afrika und Svidsee-Kunst\nI Juni Theater\nJuli Tanz und Plastik\nAugust Sturmabende Dichtungen\nSeptember: Wilhelm Ostwald\nSCHRIFTLEITUNG: HERWARTH WALDEN\nVerlag Der Sturm Berlin W9 Potsdamer Strasse 134 a\nFernruf Liitzow 4443: Postscheckkonto Berlin 120658\nVerlagsverzeichnisse kostenlos vom Verlag Der Sturm\nJedes Heft hat zahl-\nreiche Abbildungen\nJahresbezug . M 12\nhalbjahrlich . M 6\nEinzelheft . . M 1\nMitglieder der\nGesellschaft der\nSturmfreunde E. V.\nerhalten die Zeit-\nschrift satzungsge-\nmafi zum halben\nPre is e\n\nTEATRO\n■ Revue international du nouveau art\ndramatique\nHerausgegeben von\nRUGGERO YASARI\n„.,.i LUIGI ALESSIO\n8 Elle s'interesse de faire connaitre en\nItalie le theatre vivant de toute nation\nAbonnement d'une annee (12 Hefte)\nLIRE 40\nEdizioni Rin ascimento\nTorino, Via Saluzzo 41\n\nJutta Klamt-Schule\nGymnastik-Tanz\nSEMINAR:\nAusbildung zur Lehrerin fiir\nGYMNASTIK und TANZ\nNeuzeitliche und erfolgreichste\nLehrgrundsatze\n• ■\nKLASSEN fur BUHNENTANZ\nGYMNASTIK fur LAIEN\nBewegungsschulung fiir Schauspiel\nund Film\nSekretariat: Berlin W 15, Pariser Strasse 37\nFernsprecher: Oliva 3265\nAnfragen! Prospekte!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "[79]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.3", "texte": "17. JAHRGANG\nBERLIN / SEPTEMBER 1926\n6. HEFT\n79\n\nWilli. Ostwald: Farbenschönheit\n* ■• ; - =.\" • ' '- ..-,•- .., _ . ■ \\*l \" l ...-■.. . • ...\nOskar Baum: Die Augen des Publikums\n■ ■ ' ■ ■' ' V ' : -' ,\n>V> * -\nOskarßaum: schuld\n*'*'' ' ■' w\":\n*\": •■ • *\n■ ) , . , '.» ; • .\n. ' . . i\n*\n■ , . ■ ' \\ • - x \\\n''•■*■ ' * *\ni \" • ■' '; \\ , : ,\nSeptember 1926"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "[80]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.4", "texte": "Verlag Albert Langen in Miinchen\nbauhausbOcher\nWALTER GROPIUS, Internationale Architektur\ngeheftet Mk. 5\nin Leinen gebunden Mk. 7\nPAUL KLEE, Padagogisches Skizzenbuch\ngeheftet Mk. 6\nin Leinen gebunden Mk. 8\nEIN VERSUCHSHAUS DES BAUHAUSES\ngeheftet Mk. 5\nin Leinen gebunden Mk. 7\nDIE BOHNE IM BAUHAUS\ngeheftet Mk. 5\nin Leinen gebunden Mk. 7\nPIET MONDRIAN, Neue Gestaltung\ngeheftet Mk. 3\nin Leinen gebunden Mk. 5\nTHEO VAN DOESBURG, Grundbegriffe der neuen\ngeheftet Mk. 5 gestaltenden Kunst\nin Leinen gebunden Mk. 7\nNEUE ARBEITEN DER BAUHAUSWERKSTATTEN\ngeheftet Mk. 6\nin Leinen gebunden Mk. 8\nL. MOHOLY-NAGY, Malerei, Photograghie, Film\ngeheftet Mk. 7\nin Leinen gebunden Mk. 9\n\nLA RENAISSANCE\nDE L'ART FRANQAIS\nET DES INDUSTRIES DE LUXE\nfond6e par HENRY LAPAUZE, publie au commen-\ncement de chaque mois, un fascicule de 60 80\npages, format in 4° raisin (25:32) contenant de\nnombreuses illustrations.\nLA REDACTION de La Renaissance del' Art\nFran?ais et des Industries de Luxe com-\nprend les 6crivains et les critiques les plus autoris6s\nde tousles pays d'Europe. Ses 6tudes docu-\nmentaires et ses chroniques d'actualit6s offrent un\ntableau constamment tenu & jour de L'ACTIVITE\nDES ARTS DANS LE MONDE ENTIER.\nAbonnements:\nFrance .... 100 francs\nfitranger ... 150 —\nOn s'abonne chez tousles Libraires et k\nLA RENAISSANCE\nDE L'ART FRANQAIS\nET DES INDUSTRIES DE LUXE\n10, Rue Royale / PARIS\n\nAm 15. Oktober 1926 erscheint das dritte Heft\n„INDIVIDUALITAT\"\nVierteljahresschrift fur Philosophic und Kunst / Herausgeber: Willy Storrer und Hans Reinhart\nAus dem Inhalt:\nBetrachtung:\nRudolf Steiner: Der Egoismus in der Philosophie\nSpruch (Faksimile)\nWilly Stokar: Wilhelm Tell als Mythos der Schweiz\nHorst Miinzer: Am Ufer der Oeschichte. Aphorism.\nFelix Durach: Farbige Schatten\nHans Wilhelm Keller: Kritik der Kritik\nGiinther Schubert: Drama und Geschichte\nFelix Petyrek: Essay über ein musikal. Thema\nTheatrum mundi:\nHans Wilhelm Keller: Das neue Zeitalter oder die\ngottliche Konferenz\nEduard Reinacher: Buffalos Mutterchen. Tragi-\nkomodie\nBuchbesprechungen / Zeitschriftenschau\nzum Theatrum mundi (Keller) von Walo von May\nVerlanpeti Sie eine Probenummer! Diese Zeitschrift erscheint vier Mai jahrlich (April / Juli / Oktober / Januar). Format: 18,5: 26,5 cm.\nUmfang jedes Buches ca. 10 Bogen (160 Seiten) Preis der Einzelnummer: Schweiz Fr. 4,50; Deutschland M 3,60. Abonnements: Schweiz\nein Jahrgang Fr. 16,—, halbjahrlich Fr. 8.50. Dcutschland em Jahrgang M 12,—, halbjahrlich M 6,5J\nVEKLAG FOR FREIES GEISTESLEBEN\nGestaltung:\nAlexeij Remisow: Das Patenkind Christi\nHans Reinhart: Zwei Szenen aus KQnig David von\nRen6 Morax\nPaul Biihler: Zwei Qedichte\nWilhelm von Scholz: Der Tod der Veronika\nHermann Burte: Aus dem dramatischen Gedicht\nApollon Kassandra\nHermann Hesse: Drei Qedichte\nRobert Walser: Der Kuß. Skizze\nQustav Qamper: Aus „Die Brttcke Europas\"\nPaul Hugo Lutz: Ahasverische Skizzen\nAdolf Attenhofer: K6nig Schmerz. Gedicht\nKarl Sax: Philoktet. Dramatischer Dialog\nAlfred Nomert: Gedicht aus Atair. (Faksimile)\nHolzschnitte von Gustav Gamper und August Hagmann\nIllustrationen\nLorach-Stetten / 151 Baselstraße\nBasel / Elisabethenstraße 11-15"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.5", "texte": "Wilhelm Ostwald\nFarbenschönheit\n\nI.\nAllgemeines über die Harmonie der Farben\nZur Entdeckung der Gesetze, nach welchen\nschöne Farbenverbindungen entstehen,\nhat sich im Jahre 1918 folgendermassen\nzugetragen.\nIch hatte mir die Aufgabe gestellt, einen\nmethodischen Überblick über die ganze\nWelt der Farben zu gewinnen und darnach\neinen Farbenatlas, eine wohlgeordnete\nZusammenstellung repräsentativer Farben\naus dieser dreifach unendlichen Mannig-\nfaltigkeit anzufertigen. Nach mehreren\nJahren angestrengtester wissenschaftlicher\nArbeit, die von den ersten Grundlagen\naus durchgeführt werden musste, konnte\nich an die praktische Herstellung gehen\nund der Öffentlichkeit einen solchen\nAtlas darbieten. Die erste Auflage wurde\ntrotz der schweren Kriegszeit bald ver-\ngriffen. Gelegentlich der verschiedenen\nVersuche, die Mannigfaltigkeit der im\n„Farbkörper\", einem räumlichen Doppel-\nkegel, geordneten Farben auf Tafeln\nanschaulich zu machen, stellte ich auch\n„Hauptschnitte\" durch den Farbkörper\nher. Diese bestehen aus zwei Dreiecken,\nvon denen jedes sämtliche Abkömmlinge\neines bestimmten Farbtons, wie Schwefel-\ngelb, Zinnoberrot, Ultramarinblau usw.\nin streng gesetzmässiger Ordnung enthält;\ndie beiden Farbtöne jedes Dreieckspaares\nsind komplementär. Als die zunächst zu\nrein technischen Zwecken ausgeführte\nArbeit fertig war, erstaunte ich über die\nSchönheit, die mir aus diesen Dreiecken\nentgegenleuchtete. Und nicht nur ich,\nsondern ohne Ausnahme jeder, der solche\nHauptschnitte sah, empfand sie als eine\ngrosse und neue Offenbarung farbiger\nSchönheit.\nDa dieses Experiment regelmässig so starke\nund eindeutige Ergebnisse hervorbrachte,\nwar ich hier offenbar an eine natur-\ngesetzliche Quelle schöner Farbempfin-\ndungen, mit anderen Worten, an eine\nQuelle farbiger Harmonien geraten. Die\ngewohnte forschende Tätigkeit wurde\nrege und es entstand die Aufgabe, diese\nQuelle zufassen. Hierzu dienenßegriff e,\nd. h. zusammenfassende und eingrenzende\nGedanken. Was war hier mit den Farben\ngeschehen ?\nDie Antwort ist: sie waren durch gesetz-\nmässige Abstufung ihrer Elemente\ngeordnet. Von den vier allgemeinsten\nArten der Ordnung, die es bei den Farben\ndes Farbkörpers gibt, kommen nicht\nweniger als drei in den Hauptschnitten\nzur Anschauung. Es entstand also der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.6", "texte": "wahrscheinliche Schluss, dass als Ursache\nder Harmonie der Farben in den Haupt-\nschnitten ihre gesetzliche Ordnung\nanzusehen sei.\nDie Wissenschaft kennt längst das Ver-\nfahren, das in einem solchen Falle ein-\nzuhalten ist. Man nimmt vorläufig an,\nder Schluss sei richtig und wendet das\nentsprechende Gesetz auf möglichst viele\nund möglichst fernliegende Fälle an, die\nnoch nicht in Betracht gezogen waren.\nStimmt auch hier das Gesetz, so darf\nman es als gültig ansprechen, stets unter\nVorbehalt künftiger Begrenzung, Er-\nweiterung, Neufassung oder was sonst\ndie Erfahrung fordern mag. In der\nHauptsache aber pflegt ein solches Gesetz\nbestehen zu bleiben.\nHier lautet die versuchsweise Fassung\ndes Gesetzes: Ordnung ergibt H ar-\nmonie. Wie steht es nun mit anderen\nund fernliegenden Fällen? Bewährt sich\nauch dort ein solches Gesetz?\nWir wenden uns zu den anderen Künsten,\nzunächst zur Tonkunst. Töne entstehen\naus jedem beliebigen Geräusch, wenn\ndieses in genau gleichen Zeitabständen\n(zwischen 20 bis 20000 mal in der\nSekunde) wiederholt wird. Damit zwei\nverschiedene Töne harmonisch sind,\nmüssen diese Wiederholungen, die\nSchwingzahlen in einfachen Ver-\nhältnissen zu einander stehen, wie 1 : 2,\n2:3, 3:4, 4:5, 5:6, so dass sie sich\ngeordnet übereinander lagern können.\nAlle Tonpaare, welche diese Bedingung\nnicht erfüllen, klingen unschön oder\nsind unharmonisch.\nFerner folgen in der Tonkunst ver-\nschiedene Töne zeitlich aufeinander.\nAuch diese Zeiten müssen geordnet sein,\nwenn eine wohlklingende Folge, eine\nMelodie entstehen soll. Alle Musik ist\ndem Gesetz des Rhythmus, d. h. der zeit-\nlichen Ordnung unterworfen. Dieses\nGesetz wird als so bindend anerkannt,\ndass der Ausspruch des geistvollen Bülow:\nim Anfang war der Rhythmus, als eine\ngrosse Wahrheit empfunden wird. Wir\nsehen aber, dass es sich um einen Sonder-\nfall eines noch allgemeineren Gesetzes\nhandelt, dessen Ausdruck im gleichen\nStil lauten würde: im Anfang war die\nOrdnung. Oder, was dasselbe sagt: im\nAnfang war das Gesetz. .\nTatsächlich brauchen wir nur einen Blick\nin die anderen Künste zu werfen, um das\ngleiche Grundgesetz anzutreffen. Vers-\nmass und Reim sind nichts als neue Einzel-\nfälle des allgemeinen Ordnungsgesetzes.\nAber jeder Dichter weiss, dass nicht nur\nseine Worte, sondern auch seine Gedanken\neine bestimmte Ordnung einhalten müs-\nsen, damit sein Werk vollkommen wird.\nWelche Ordnung bestimmt er selbst nach\nden Erfordernissen seiner Arbeit; hat er\nsie aber einmal gewählt, so hält er sie\nauch ein. Das ist es, was Hans Sachs\ndem jungen Walter einprägt, um ihn\naus einem naturalistischen Sänger zu\neinem Künstler zu machen: dass er seinen\nGesang gesetzlich, nach der „Regel\" ge-\nstaltet. Und woher kommt die Regel?\nDer alte Meister antwortet: ,Xhr stellt\nsie selbst und folgt ihr dann4.\nEs wird kaum nötig sein, die Geltung\ndieses allgemeinen Gedankens in den\nandern Künsten nachzuweisen. Die Archi-\ntektur wird ganz und gar durch ihn be-\nstimmt, und ebenso ist er für die Plastik"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.7", "texte": "massgebend. Wir können also die zweite\nAufgabe der wissenschaftlichen Gesamt-\narbeit, nämlich die Prüfung des vorläufig\naufgestellten Gesetzes durch Anwendung\nauf andere, entfernte Fälle, als im wesent-\nlichen geleistet ansehen. Und zwar ist die\nPrüfung durchaus zu Gunsten der All-\ngemeingültigkeit des Satzes: Ordnung\nschafft Harmonie ausgefallen.\nKehren wir hiernach zum Ausgangspunkt\nzurück, so sehen wir uns in den Stand\ngesetzt, eine allgemeine Antwort auf die\nFrage zu geben: welche Farben sind\nharmonisch? Und zwar lautet die Ant-\nwort: solche, die in ordnungsmässigen\noder gesetzmässigen Beziehungen\nzu einander stehen.\nDies ist nun eine überaus weitläufige Ant-\nwort. Es wurde schon angedeutet, dass es\nin der Farbenwelt weniger als vier allge-\nmeinste Ordnungsgesetze gibt, während in\nder Ton weit nur ein einziges vorhanden ist,\ndas der Tonhöhe, welches auf den Schwing-\nzahlen beruht. Demgemäss gibt es zu einem\nbestimmten Ton nur 7 harmonische Inter-\nvalle (kleine und grosse Terz, Quarte,\nQuinte, kleine und grosse Sext, Oktave),\ndie sich durch wissenschaftliche Analyse\nauf drei (Oktave, Quinte, grosse Terz)\nreduzieren lassen. Die Anzahl der Farben\ndagegen, welche zu einer gegebenen\nFarbe harmonisch sind, beträgt unter sehr\neinschränkenden Voraussetzungen 25,\nkann aber weit darüber gesteigert werden.\nDies ist eine Folge davon, dass die Welt\nder Farben sich sehr viel mannigfaltiger\nerweist, als die der Töne. Denn während\ndiese eindimensional ist und sich daher\ndurch eine Linie (der Tonhöhen) dar-\nstellen lässt, ist die Welt der Farben drei-\ndimensional und erfordert zu ihrer Dar-\nstellung einen räumlichen Aufbau, den\noben erwähnten Doppelkegel.\nDies erklärt auch, warum bisher die Ge-\nsetze der Farbharmonielehre unbekannt\ngeblieben sind, während die Tonharmonie-\nlehre seit 2V2 Jahrtausenden bekannt\nwaren, nachdem Pythagoras (580-500\nv. Chr.) sie entdeckt hatte. Dies war ihm\ndadurch möglich geworden, dass er die\nTöne mittels des Monochords, eines der\nersten physikalischen Apparate, die der\nMenschengeist erfunden hat, zu messen\ngelehrt hatte. Da nun bis zum Jahre 1915\nkein Mittel bekannt war, Farben zu\nmessen, so ist es ganz natürlich, dass bis\ndahin auch keine Möglichkeit bestand, die\nwahren Gesetze der Farbenharmonie zu\nentdecken. Was man bis dahin an Gesetzen\naufzustellen versucht hatte, erwies sich als\nirrig. Und nachdem das Verfahren der\nMessung entdeckt und erprobt war, war\numgekehrt der Weg zur Entdeckung der\nHermoniegesetze nicht mehr weit. Oben\nist erzählt worden, mit welcher zwang-\nläufigen Sicherheit die Arbeit zu diesem\nZiel geführt hat.\nAus naheliegenden Gründen muss ich\nmich hier auf die Mitteilung der Grund-\ngedanken beschränken. Auch soll nach-\ndrücklich betont werden, dass bisher mit\nkeinem Worte von der Kunst die Rede\nv/ar. Es handelte sich ausschliesslich um\nwissenschaftliche, insbesondere physio-\nlogische Tatsachen und Gesetze.\nWie aber Grammatik und Syntax Voraus-\nsetzungen für die Dichtkunst, Harmonie-\nund Satzlehre Voraussetzungen für die\nTonkunst sind, so ist die Farbenharmonie-\nlehre eine der Voraussetzungen für die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.8", "texte": "Malerei, allgemeiner für die Lichtkunst.\nSie ist nicht die einzige Voraussetzung,\ndenn neben ihr besteht beispielsweise\nnoch die Formenlehre; ausserdem kom-\nmen noch die mannigfaltigen Verhältnisse\nin Betracht, die sich auf den Inhalt\ndes Dargestellten beziehen. Da auf alle\ndiese Dinge hier nicht eingegangen werden\nkann, so herrscht in den nachfolgenden\nDarlegungen eine bewusste Einseitigkeit\nin der Beschränkung auf das Problem\nder Farbe.\nZu jedem Kunstwerk gehört bekanntlich\neine enge Verbindung von Form und\nInhalt. Die verschiedenen Kunstepochen\nlassen sich gut kennzeichnen, wenn man\nermittelt, in welchem Verhältnis beide\nzueinander gestanden haben. Meist über-\nwiegt der eine oder andere Anteil und\ndie Wellenbewegung, welche die Ent-\nwicklungslinie der Kunst (wie die jeder\nanderen geschichtlichen Erscheinung)\nkennzeichnet, wird durch solche ab-\nwechselnde Einseitigkeiten hervor-\ngebracht.\nEs ist keinem Zweifel unterworfen, dass\ndie Farbe innerhalb der Kunst unter den\nBegriff der Form (im allgemeinsten\nSinne) gehört. Sie hat also die Aufgabe,\nden Inhalt se gestalten zu helfen, dass\nder Beschauer jene willkommene Gefühls-\nerregung erfährt, welche wir die künst-\nlerische Wirkung nennen. Je nach dem\nInhalt wird die Farbharmonie sanft oder\nstark, weich oder hart vom Künstler ge-\nwählt werden. Dieser wird aber offen-\nbar sein Ziel um so vollkommener er-\nreichen, je vollständiger seine Kenntnis\nder denkbaren und möglichen Harmonien\nist und je sicherer ihm ihre Herstellung\ngelingt.\nDiese Anpassung der farbigen Form an\nden Inhalt hat gleichfalls ihre geschicht-\nliche Entwicklung durchgemacht. In\nfrüheren Jahrhunderten war der Ein-\ndruck der eben gefundenen Harmonie\nreiner Farben so vorwaltend, dass die\nKünsler solche Harmonien jedenfalls an-\nstrebten, unabhängig von dem Inhalt des\nBildes. Auch war mangels jeder wissen-\nschaftlichen Behandlung dieser Frage\ndie Auffindung einer einzelnen®Harmonie\nSache der glücklichen Hand (oder der\nkünstlerischen Inspiration, was dasselbe\nbesagt), dass nur wenige Harmonien über-\nhaupt bekannt wurden und die Auswahl\ndaher sehr gering war. Gab es doch\nganze Malerschulen, die alle ihre Bilder\nauf eine einzige, immer gleiche Harmonie\nstellten.\nDie Entdeckung, dass man je nach dem\nInhalt des Werkes durch eine entsprechen-\nde frohe oder trübe, sanfte oder laute Farb-\ngebung dessen Eindruck gewaltig steigern\nkann, wurde etwa im neunzehnten Jahr-\nhundert entwickelt, wenn auch wie immer\neinige frühere Bahnbrecher sich nach-\nweisen lassen. Dass die hierfür verwen-\ndeten Farben miteinander mehr oder\nweniger deutliche Harmonien bildeten,\nwurde mehr gefühlt als gewusst. Denn\nalle theoretischen Versuche, die Gesetze\nder Farbharmonik zu entdecken, schei-\nterten an der unvollkommenen Kenntnis\nder Farben selbst. So wurde allgemein\ngeglaubt, dass solche Gesetze sich aus-\nschliesslich auf die Farbtöne des Farben-\nkreises beziehen. Es sollte also möglich\nsein, die Frage allgemein zu beantworten,"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.9", "texte": "Lothar Schreyer: Bühnenfarbform"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.10", "texte": "ob z. B. Grün und Blau eine Harmonie\nbilden oder nicht. Meist wurde die Frage\nmit Nein entschieden. Dabei liessen die\nFarbtheoretiker ganz ausser Acht, dass es\nzweifellos neben vielen hässlichen Zu-\nsammenstellungen vom Grün und Blau\nauch sehr schöne gibt, wie sie z. B. gewisse\nPapageien zeigen. Die hierdurch gebotene\nweitere Frage, unter welchen Bedingungen\nschöne und unter welchen hässliche Grün-\nBlau-V erbindungen entstehen, wurde nicht\ngestellt, also auch nicht beantwortet. Die\nAntwort wird erst möglich, wenn man\nneben dem Farbton die anderen Elemente\nder Farbe in Betracht zieht, nämlich den\nGehalt an Weiss und an Schwarz.\nAus der Entdeckung des Stimmungs-\nwertes der Farbe hat sich dann der\nImpressionismus entwickelt, welcher sich\ndie Auffindnng bisher übersehener\nFarbenmannigfaltigkeiten in der Natur,\nnamentlich solcher von vorübergehender\nBeschaffenheit zum Ziel setzte. Der\nharmonische Eigenwert der Farbe trat\nhierbei ganz zurück.\nEs war notwendig, dass auf diese Ein-\nseitigkeit eine Gegenwirkung erfolgte,\nwelche jenen vernachlässigten Faktor des\nKunstwerkes ebenso gewaltsam in den\nVordergrund stellte. Jene Wanderung\ndurch neue Gebiete der Färb weit hatte\ndie ungemein grossen Möglichkeiten far-\nbiger Wechselwirkungen kennen gelehrt\nund es ist natürlich, dass nun der Versuch\ngemacht wurde, die Farbe als solche,\ngleichsam mit ihrem musikalischen Wert,\nzur Geltung zu bringen. Hierbei schienen\ndie Gestalten, in denen die Farbflecken\naufeinander wirkten, nebensächlich, ja\neher störend zu sein. Sie wurden daher\nentsprechend willkürlich behandelt.\nSo war das Problem der Farbenharmonie\nwieder in den Vordergrund getreten.\nVon besonders begabten Künstlern\nwurden einzelne Lösungen hervorgebracht,\ndie den Wunsch nach einer allgemeinen\nLösung steigern mussten, soweit eine\nsolche für möglich gehalten wurde. Die\nMehrzahl der Künstler und Kunstheo-\nretiker war freilich der Meinung, dass\nnur der Genius des Künstlers Harmonien\nschaffen könne.\nDies könnte als richtig gelten, so lange\ndie Wissenschaft darauf verzichten\nmusste, die Frage zu erforschen. Ist ihr\naber einmal der Weg auf getan, so ist sie\nfähig, eine viel umfassendere Antwort\nzu finden, als der Einzelne vermag, auch\nwenn er ein schöpferischer Künstler ist.\nWir haben oben gesehen, welchen eigenen\nWeg die Wissenschaft gegangen- ist, um\nzu der gleichen Aufgabe zu gelangen,\ndie sie dann in ihrer Weise allgemein\ngelöst hat. Hier ist nun noch zu erwägen,\nwelchen Einfluss dieser Umstand auf die\nEntwicklung der Kunst haben kann und\nwird.\nDer erste Erfolg wird sein, dass die Her-\nstellung einer farbigen Harmonie nicht\nmehr das äusserste Können des Künstlers\nbeansprucht, sondern durch Anwendung\nder gefundenen Gesetze ganz unmittelbar\nausgeführt werden kann. Die Kräfte des\nKünstlers werden somit für die Lösung\nanderer Aufgaben frei. Diese aber er-\ngeben sich aus der Notwendigkeit, Form\nund Inhalt als gleichwertige Faktoren zu\nverbinden. Als „Form\" im Sinne des"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.11", "texte": "Kunstwerks treten hier die Farben auf;\nals „Inhalt\" die Gestalten, welche in die\nFarben gekleidet werden gemäss ihrer Be-\ndeutung. Beide müssen zu einer einheit-\nlichen Gefühlswirkung verbunden werden:\ndann ist ein Kunstwerk erzeugt.\nEine Abschrift der Natur wird und kann\nein solches Werk nicht sein. Denn die\nFarben der Natur sind im Allgemeinen\nebenso wenig harmonisch, wie ihre Töne.\nDie natürliche Erscheinung kann daher\nnur eine Anregung dazu geben, welche\nklare Farbenharmonie mit der vorhan-\ndenen Gestalt (die gleichfalls im Sinne\nder künstlerischen Aufgabe zu bearbeiten,\nd. h. zu vereinfachen ist) verbunden wer-\nden kann oder soll. Das Werk ist dann\neinerseits viel weniger als die Natur, weil\nalle Zufälligkeiten und entbehrlichen Ein-\nzelheiten, die für den Zweck nichts sagen,\nfortgelassen sind. Es ist andererseits viel\nmehr als die Natur, weil es die Farben-\nharmonie, von der die Natur nur\nAndeutungen gibt, rein und klar zum Aus-\ndruck bringt, und weil diese Harmonie\nmit der Gestalt organisch zu höherer Wir-\nkung verbunden ist. Beides wirkt zu-\nsammen, um den Zweck des Kunktwerks\nzu erfüllen: in dem Beschauer starke,\nt j '\nwillkommene Gefühle zu erwecken.\nII\nÜber die ausgestellten Bilder\nDie gezeigten Tafeln sind folgendermassen\nentstanden. Nachdem ich mir eine Über-\nsicht über die Welt der gesetzlichen, d.h.\nharmonischen Farbenverbindungen ver-\nschafft und die wichtigsten Harmonien\nin einfachster, schematischer Ausführung\nmir veranschaulicht hatte, empfand ich\nden Wunsch, ihre Wirkung in mehr bild-\nmässigen Darstellungen zu erprohen. Mit\nsehr einfachen Bildern kleinen Formats\nbegann ich und erhielt sehr bald erfreu-\nliche Ergebnisse. Auf der Suche nach\nGegenständen solcher Darstellungen, bei\ndenen die Farbenwirkung durchaus die\nHauptsache zu bilden hatte, fand ich eine\nerhebliche Förderung durch einige Hefte\nmoderner japanischer Farbholzschnitte\nfür kunstgewerbliche Zwecke, in denen\ndie mannigfaltigsten Dinge mit grosser\nFreiheit dem Schmuckzweck dienlich ge-\nmacht waren. Die Farben zeigten viele\nin langer Tradition aufgefundene und\nfestgehaltene (angenäherte) Harmonien,\ndaneben aber auch offenbare Fehler ins-\nbesondere bei modernen Farbstoffen, für\nwelche die traditionelle Sicherheit der\nAnwendung fehlte. So gewöhnte ich\nmich daran, für meine Experimente Form-\nanregungen herzunehmen, wo sie mir\nimmer entgegentraten. Der Hauptanteil\nwar gegenständlicher Natur: Blumen,\nKräuter, Muscheln, Stilleben aller Art.\nDaneben benutzte ich Photographien,\nteils selbst aufgenommene, teils fremde\nund reproduzierte. Einige Zeit trieb ich\nden Sport, irgend einer willkürlich ge-\nwählten Abbildung ein Motiv, oft mehrere\nzu entnehmen und diesen durch harmo-\nnische Farben einen künstlerischen Inhalt\nzu geben.\nDie Auswahl der Farben und Festlegung\nder entsprechenden Harmonie war die\nneue geistige Operation, welche jedesmal\nvollzogen werden musste. Dabei konnten\ndie natürlichen Farben zwar Anregungen\ngeben, niemals aber ohne Bearbeitung\ngemäss den Harmoniegesetzen benutzt"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.12", "texte": "werden. Das Gleiche gilt für Hell und\nund Dunkel bei den grauen Bildern.\nSo nehme ich schöpferische Selbstän-\ndigkeit zwar für die Farbgebung in An-\nspruch, nicht aber überall für die Formen,\ndie ich in Farben gesetzt habe.\nWas die Technik anlangt, so sind alle\ngezeigten Blätter mittels der Farborgel\nhergestellt, welche die von der Theorie\nangegebenen 680 Farbnormen in Pulver-\nform enthält. Zum Malen dient ein\nleichtflüssiges, wässeriges Bindemittel,\nwelches im wesentlichen Leim enthält,\naber so präpariert, dass kein Gerinnen\neintritt, und dass der Auftrag nach dem\nTrocknen so wasserfest wird, dass man\nbequem darüber malen kann, ohne den\nGrund aufzulösen. Durch geeignete Zu-\nsätze ist dafür gesorgt, dass die Tünche\näusserst willig aus dem Pinsel geht und\nvom Grunde angenommen wird.\nDie künstlerische Arbeit zerfällt somit\nin zwei wesentlich verschiedene Anteile.\nDer erste ist das Ersinnen der geeigneten\nHarmonie. Da oft auf mehrere Verhält-\nnisse Rücksicht zu nehmen ist, erfordert\ndies einiges Nachdenken. Meist lassen\nsich mehrere verschiedene Lösungen des\nProblems ersinnen, von denen dann die\nfür den künstlerischen Zweck geeignetste\ngewählt wird. Man schreibt dann die\nZeichen der gewählten Farben hin und\nkann nun zum zweiten Teil schreiten.\nDieser zweite Teil ist die Ausführung.\nDa die Farben schon festgelegt sind,\nbraucht man nur der Farborgel die ent-\nsprechenden Pulver in solcher Menge zu\nentnehmen, als man (schätzungsweise)\nbraucht und sie mit dem Bindemittel\nanzumachen. Hierzu dient ein elastischer\nSpatel, mit dem man das Gemenge auf\neiner Platte von Glas oder Porzellan ver-\nreibt. Dies erfordert nur einige Augen-\nblicke und geht schneller, als das Auf-\nnehmen mit dem nassen Pinsel vom\ntrockenen Fladen, wie gebräuchlich. Da\nnur die vorgesehenen, genau einge-\nstellten Farben aufgetragen werden,\nentfällt alles Mischen, und die Arbeit\ngeht sehr schnell vor sich. Man malt\nvon hinten nach vorn, d. h. zuerst den\nGrund, dann die ferneren Teile, zuletzt\ndie nächsten. Die Farben decken schon\nbei mässig starkem Auftrag. Man braucht\nsich daher keine Unbequemlichkeit mit\nAussparen zu machen, da alle Einzel-\nheiten später deckend aufgesetzt werden\nkönnen. Wohl aber muss man mit dem\nPinsel die Formen sicher auszudrücken\nverstehen, was aber durch die Leieht-\nflüssigkeit der Tünche sehr erleichtert\nwird. In dieser Beziehung ist diese neue\nTempera der Oltechnik weit überlegen.\nNatürlich kann man die fertigen Bilder\nmit jedem Bilderlack firnissen. Nur\nwerden dadurch die tiefen Töne bis zu\nzwei Stufen dunkler, während die hellsten\nunverändert bleiben. Das Bild bleibt\naber harmonisch; es wird nur in eine\nstärkere Tonart transponiert.\nWir wenden uns nun zu den einzelnen\nTafeln. Die Untersuchung der möglichen\nHarmonien hatte zunächst zur Entdeckung\nder grauen oder unbunten Harmonien\ngeführt, die bisher nicht bekannt waren.\nSie sind in den Blättern 1-8 veranschau-\nlicht, auf denen dasselbe naturalistische\nMotiv (Birke im Rauhreif) nach den ver-\nschiedenen harmonischen Möglichkeiten\nabgewandelt ist. Durch Verschiebung"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.13", "texte": "Kurt Schwitters: Farbige Merzzeichnung"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.14", "texte": "der grauen Farben nach immer tieferen\nStufen gelangt man von hellsten zu\ndunkelsten Stimmungen (1 bis 5), welche\nalle eine ähnliche sanfte Harmonie zeigen.\nIndem man die Abstände der Graustufen\ndoppelt so weit wählt, erhält man die\nBilder 6 und 7, deren Harmonie viel leb-\nhafter oder lauter wirkt. Hat man sich\nmit dem Charakter der grauen Harmonien\nvertraut gemacht, indem man von jedem\neinzelnen der Bilder 1 bis 7 seine eigene\nHarmonie aufgenommen und empfunden\nhat, so wirkt der Anblick von 8 wie ein\nplötzlicher Misston in einer reinen Musik.\nHier ist absichtlich das Harmoniegesetz\nverletzt worden, indem der Stamm des\nBaumes viel zu schwarz gemalt wurde, und\ndie Wirkung ist ein abstossender Miss-\nklang.\nWesentlich bei diesen Harmonien und\nund allen folgenden ist der Umstand,\ndass die Bilder aus nebeneinander hin-\ngesetzten, einheitlichen Tönen bestehen,\nzwischen denen keine Uebergänge gemacht\nsind. Ebenso wie eine Harmonie nur\nzwischen einheitlichen, genau gegen ein-\nander abgestuften Tönen möglich ist, er-\nfordert auch die Farbkunst solche be-\nstimmte, einheitliche Stufen, da nur\nzwischen solchen überhaupt von Har-\nmonie die Rede sein kann. Dass trotz-\ndem eine gute Annäherung an die Er-\nscheinungswelt möglich ist, zeigt das\nBild 9, fliegende Wildgänse, während\numgekehrt Bild 10, die Konkurrenten,\nerkennen lässt, dass trotz bewussten\nYerzichts auf alle naturalistischen Einzel-\nheiten sich der ziemlich dramatische\nBildgedanke so lebendig veranschaulichen\nlässt, dass der Beschauer nicht mehr\nbeansprucht. Beide Bilder bringen den\neigenartigen Reiz grauer Harmonien\ndeutlich zur Geltung.\nDie nächste Klasse der Harmonien ist\ndie der graubunten, bei denen neben\ngesetzlich geordneten grauen Farben auch\nbunte, die mit jenen zusammenhängen,\nmitwirken. Auch diese sind bisher nicht\nbekannt gewesen, da man meist gemeint\nhat, mit Weiss, Grau und Schwarz lasse\nsich jede beliebige Farbe zusammen-\nbringen, ohne dass sie sich „beissen\".\nBild (Libellen) zeigt, welche lebendig-\nreizvolle Wirkung sich innerhalb der\ngrauen Harmonie der Teichlandschaft\ndurch eine zugehörige Buntfarbe nebst\nihrem Schatten hervorbringen lässt. Mit\nähnlicher Wirkung könnten die anderen\n23 Farbtöne des zugehörigen Farbkreises\nverwendet werden, und es würde jedes-\nmal ein harmonisches Werk entstehen.\nAls folgende Klasse von Harmonien\nkönnen diejenigen angesehen werden,\nwelche nicht mehr unbunt oder grau,\n•sondern in den Abstufungen eines und\ndesselben Farbtons ausgeführt sind. So\nsind alle Farben von 11 (bis auf das\nGrau des Stengels) Abkömmlinge eines\ndunklen Gelb. Nach ähnlicher Ordnung\nsind die Bilder 12,18,19 und 51 (Schmal-\nformat) komponiert.\nEine weitere Klasse sind die Harmonien in\ngrau und bunt. Bild 13 zeigt, wie lebendig\neine Buntfarbe (nebst ihrem Schatten) in\nder grauen Teichlandschaft wirkt. In 14\nerscheinen die gelbweissen Mittelpunkte\nder Doldensterne wie selbstleuchtend. In\n15 ist das Gefieder des Raben durch den\nbunten metallischen Schimmer belebt.\n»\nDie übrigen Bilder sind im wesentlichen"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.15", "texte": "auf Harmonien bunter Farben gestellt.\nAn 20 kann man erkennen, dass auch bei\nvollständiger Abweichung der Farbgebung\nvon der natürlichen Erscheinung eine gute\nWirkung erzielt werden kann, falls nur\ndie gewählten Farben unter sich in har-\nmonischer Beziehung stehen. Die Mehr-\nzahl der anderen Tafeln kann man als\n„Blumenbildnisse\" gelten lassen, in denen\nihrelFarbharmonien, die in der Natur meist\nnur angedeutet oder unvollkommen ent-\nwickelt sind, klar herausgearbeitet wurden\nund die somit in bestimmtem Sinne die\nIdeale ihrer Erscheinungsweise darstellen.\nWir veröffentlichen diesen Beitrag von Wilhelm Ostwald mit der Bemerkung, dass wir bekanntlich seine\nAnsicht über Form absolut nicht teilen.\n\nDie Schriftleitung.\n\nOskar Baum\nDie Augen des Publikums\n\n„Sprich nur, wenn du gefragt wirst\", sagten\nmir meine Lehrer und Eltern immer, als\nich in jenem Alter stand, in dem es manchem\nGedankenlosen als eine Ehre gilt, Lehrern\nund Eltern nicht zu folgen.\nDaran muss ich immer denken, wenn ein\nDichter zum ersten Mal vor einen Saal voll\nfremder Menschen tritt, ein Unbekannter!\nDenn dass sie seinen gedruckten Namen\nkennen und dass Interesse und Sympathie\nfür seine künstlerischen Absichten sie her-\ngeführt hat, ändert nichts daran. Es sind\nja nicht seine geistigen Absichten, nicht die\nGestalten seiner Romane oder der Tonfall\nseiner klanggewordenen Gefühle, die sie\nhier erwarten; nein, nur seine Person ist es,\ndie dasteht, sein Gesicht und seine Stimme,\nseine Körperlichkeit, und es kommt darauf\nan, ob er das Bild, das man sich von ihm\ngemacht hat, erreicht, ergänzt oder in über-\nzeugender Natürlichkeit verdrängt. Und\ndamit könnte man es auch begründen,\ndass — wie ein witziger Impresario einmal\nsagte — mancher Dichter und wohl auch\nmancher König gut täte, sich durch einen\nsorfältig ausgewählten Anderen darstellen zu\nlassen. Aber die Wirkung auf das Publikum\nscheint mir — so paradox das auch klingen\nmag — nur die Hälfte, fast möchte ich sagen,\ndie kleinere Hälfte der Bestimmung einer\nkünstlerischen Vorführung.\nJeder Schaffende, der in seinem Werk nicht\n• •\nnur eine Äusserung, ein zu überwindendes\nErlebnis, sondern einen Bestandteil seines\nWesens sieht, der einmal aus ihm hervor-\ngewachsen, durch keine Zeit, durch keine\nUmwandlung, welcher Art auch immer, von\nihm getrennt werden kann, der fühlt in\njeder Darbietung seiner Werke und beson-\nders, wenn er selbst den unmittelbaren\nVerkehr mit seinem Kunstwerk vermittelt,\neine Wiedergeburt des Geschaffenen, das\nauch ihm selbst in neuer Gestalt erscheint.\nMehr noch als für das empfänglichste\nPublikum ist es für den Komponisten ein\nEreignis, das ihn und vor allem sein Werk"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.16", "texte": "betrifft, mag es auch hundertmal fertig sein.\nUnd nicht wenn er es das erste Mal diri-\ngiert, gestaltet er es von neuem, nein! jedes-\nmal, falls er ein Echter ist und in leiden-\nschaftlichem Verhältnis zu seinem Werk\nsteht. Man veranstalte eine Rundfrage,\nwelchem Komponisten es möglich wäre,\nsein Werk mehrmals in genau dem gleichen\nRhythmus und in der gleichen Dynamik\nwiederzugeben; ausser es wäre für ihn\nabgestorben und dann ist es, wie man wohl\nbehaupten kann, nicht mehr sein Werk.\nNie wird bei einer Probe, nie im stillen\n-Zimmer beim Schreibtisch ein Werk so\nerscheinen können wie im Augenblick, da\nes erst gleichsam Wirklichkeit wird. Und\nich möchte darum sagen: Das Publikum\ngestaltet es neu, gestaltet es mit.\nEin Beweis, ein Zeugnis für die noch un-\nerforschte, ganz eigenartige Natur des\nStimmungsfluidums, das von den Sessel-\nreihen zum Podium und wieder zurück-\nschwingt, dem Austausch des Gebergenusses\nund der Empfangsfreudigkeit erscheint mir\nder rätselhafte Umstand, dass wohl jeder\nVorleser, Schauspieler, Sänger genau fühlt,\nwann er im Kontakt mit seinem Publikum\nist, wann er sich von ihm entfernt oder sich\nihm nähert. Viele berichteten mir schon\nüber solche Erfahrungen. Man könnte ja\nwohl glauben, der Künstler sieht die\nSpannung oder Interesselosigkeit in den\nGesichtern vor sich; aber das kann es\nallein nicht sein. Denn woher hätte ich\ndann die gleiche Empfindung? Und ich\nfühle genau den Ausdruck der hundert\nAugen, die auf mich gerichtet sind, wie mir\ndenn überhaupt — und auch andere Blinde\nbestätigen es mir durch ähnliche Beobach-\ntungen — auch mit einem Einzelnen\nimmer scheint, als redete ich nur zu seinen\nAugen.\nIch wurde oft schon in der Unterhaltung\nmit besten Freunden irritiert, wenn sie mich\nnicht ansahen und wenn man, wie man es\nbegreiflicherweise gewöhnlich zu machen\npflegt, sobald man mich nicht versteht oder\nmit dem was ich sage nicht einverstanden\nist, die fragenden Blicke statt an mich, an\nmeine Begleitperson richtet.\nAls ich zum ersten Mal die Inspiration der\nunmittelbaren Wirkung zu fühlen bekam,\ndoppelt trunken nach dem Rausch der un-\ngekannten Begeisterung, vom Podium in das\nkleine Zimmer daneben floh, hielt ich den\nApplaus meiner Freunde und der Freunde\nmeiner Freunde, die damals den kleinen\nSaal füllten, für die Zustimmung, für den\nDank, die Antwort der Welt, und ich nahm\ndiese Musik mit der Rührung und Scham\neines Menschen entgegen, der nicht ich war,\nsondern einer, der ich in einem eitlen\nKindertraum hatte sein wollen. Da brachte\nman mir Leute aus der Zuhörerschaft, die\nes mit mir zu reden verlangte, die etwas\nfür mich auf dem Herzen hatten. Es war\nmir, als seien es die, die mir die neue Ge-\nstalt, die Auferstehung meiner geschriebenen\nGedanken geschenkt hatten; und ich empfing\nsie voll glücklicher Innigkeit und freute\nmich, ihr Anliegen zu hören. Und sie fragten:\n„Bitte, könnte ich Ihre Schrift mal von der\nNähe sehen?\" „Nein, wie können Sie bei\ndiesem Punktgewirr Buchstaben unter-\nscheiden?\" „Ich dachte, es wären nur An-\nhaltspunkte und Sie hätten das alles aus-\nwendig gelernt, weil Sie immerfort ins\nPublikum sahen?\"\nEs wird sich wohl niemand wundern, wenn\nich in diesem Augenblick wirklich wünschte,"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.17", "texte": "Willi Baumeister: Zeichnung"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.18", "texte": "durch jemanden anders dargestellt zu werden.\nDer Dichter braucht das Auditorium« um\n7\ndas Werk sich selbst vorzulesen, es neu zu\nerleben. Die wartenden, gespannten Augen\ndes Publikums sollen ihm helfen, die Ab-\nsicht und die Wirkung des Geschaffenen zu\ntrennen, gleichsam auseinanderzuschneiden\nund aui zwei Wagschalen zu legen.\nUnd dies Gefühl der innern Abhängigkeit\nist wohl auch der tiefste Grund der Gerins-\nSchätzung, mit der die Künstler vom Beifall\ndes Publikums reden zu müssen glauben,\nauch wenn sie der Ehrgeiz und die Eitelkeit\nganz anders empfinden lässt. Sie fühlen,\nwohl ohne es zu wissen, dass das Publikum\nmit eines ihrer Kunstmittel ist, ein sehr\nwertvolles, ein unentbehrliches Werkzeug.\nAber nicht sein Beifall oder sein Wider-\nspruch, sondern das, was der Dichter an\nseinem Werk durch dessen Berührung mit\nder Wirklichkeit, der Sinnenwelt sich ver-\nändern fühlt, ist das bereichernde, stärkende,\nwahrhalt fördernde Ergebnis einer Vor-\nführung.\nWer hatte nie um seinen Schreibtisch\ndie Vision des lauschenden Kreises, auf\ndessen Gesichtern er seine Begeisterung\nweiterschalfen sieht, seine Erzählung lebendig\nwerden und so ihre Wahrheit sich offen-\nbaren fühlt.\nDiese Sehnsucht (die in der Bahmenerzählung\nihren technischen Ausdruck, ihre Zuflucht\ngefunden hat) der homerische Bhapsoden-\ntrieb, der urgestaltende, der in den ara-\nbischen Märchenerzählern an den Strassen-\necken, in unseren Conferenciers und Ca-\nbarettiers eine seltsame Proletarisierung\nerfuhr, sollte und kann wohl auch niemals\nim Dichter aussterben, sowie die Hörens-\nfreudigkeit — hoffen wir es — auch nicht\nim Publikum.\n\nOskar Baum\nSchuld\nDie Tatsachen dieser Studie aus dem Grenz-\ngebiet des Menschlichen entstammen dem\nBericht einer Gerichtsverhandlung, die am\n27. März 1919 vor den Geschworenen in\nLeeds gegen den 17jährigen Morris Swift\nstattfand.\nDer Verteidiger setzte sich. Begeisterung\nrauschte durch den Saal. Der Gerichts-\nPräsident wandte schon den Kopf, da die\nGalerie nicht zu Buhe kommen wollte.\nDer Staatsanwalt putzte seine Gläser und\nräusperte sich.\nDa erhob sich — langsam, zitternd im\nKrampf des Entschlusses — der plumpe\nhässliche Bursch von der Anklagebank,\nscharfrandige rote Flecken auf den Knochen\nunter den grossen Augen. Ein fleischiges\nGesicht über kurzem Hals, trotz breiter\nvorstehender Kinnladen nicht brutal.\n„Ich werde es erzählen,\" kam es sehr leise\nvon den weissen Lippen, „es ist alles nicht\nwahr, was ich sagte.\""}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.19", "texte": "Niemand rührte ein Glied. Es war kaum\nzu glauben, dass so viele Menschen in einem\nSaal so still sein konnten.\n„Ich hatte keinen Hunger und die Frau\nhatte mir gar nichts verweigert; ich hatte\nsie überhaupt um nichts angesprochen und\nsie nie früher gesehen. Ich fühlte mich an\ndem Tag sogar besonders wohl! Wenn man\nnach acht Tagen Gefängnis zum ersten Mal\nwieder frei durch die Stadt geht!\"\n„Sie, wissen Sie, was Sie da reden?4'\n„Ich wi 11 es nicht verschweigen! Einmal\nwill ich alles sagen, laut! — Ich tat es ganz\nohne Grund, ja! Ein so furchtbares ekel-\nhaftes Tier war noch in Kleidern und\nweisser Haut unter Menschen. Ich hatte\nLust, ungeheuere Lust, es zu tun, weiter\nnichts! Im ganzen Körper trieb es mich.\nAls ich die alte Frau an den Haaren packte\nund auf sie loshieb mit beiden Fäusten\nwohin ich traf, und das Blut begann schon\nzu fliessen und weiter, immer weiter — ah —\ndas können Sie sich nicht vorstellen! Von\nkleinauf war ich so, wer weiss von wann\nschon! Ich quälte Mäuse, die ich mir dazu\nin Fallen fing, stahl Hunde aus der Um-\ngebung, um sie zu foltern. Am liebsten\naber kleine Vögel und Katzen. Katzen zer-\nstückelte ich oder band sie an einen Hammer-\nkopf und klopfte sie an die Mauer oder\nschnürte sie zu einem unbeweglichen Bündel\nzusammen und stiess sie mit den Füssen\nvor mir her die Treppe hinunter. Oder ich\nschälte in feinen kleinen Streifen ihre Haut,\nwie manche Leute kunstvoll Orangen schälen\nzu Formen und zusammenhängenden Spiral-\nketten. Mir rieselte dabei so ein schönes\nkleines Frieren den Buckel herunter! —\nWachte ich morgens auf und hörte draussen\nAngstgeschrei von Hühnern oder gar von\nGänsen, war ich mit einem Satz im Hemd\nauf dem Hof; war's aber dennoch zu spät\nund die Mutter trug schon die triefenden\nLeichen unterm Arm ins Haus, wurde ich\nso wütend, dass ich nichts als das scharfe\nMesser in ihrer Hand vor mir sah und mir\nwar, als käme das viele verspritzte Blut auf\nihrer Schürze aus ihrer eigenen Wunde. —\nGern sah ich den Metzgern bei ihrer Arbeit\nim Schlachthaus zu. Ich stand sehr früh\nam Morgen dazu auf. Wie lachten sie,\nals ich sie schüchtern bettelte, mich auch\nmal mit zuschlagen zu lassen! Und sie er-\nlaubten es mir gern. — Die vom Tierschutz-\nverein, die mich angezeigt hatten, — sie\nhatten ja Recht — aber sie haben es anders\ngemeint. In den acht Tagen im Kriminal\n— anderen mag's ja nützen — mir war's\nschrecklich, als ich so viel Zeit hatte und\nnicht aus den vier Wänden hinaus konnte und\nes so still war und nicht ganz hell den ganzen\nTag! — Da dachte ich mir so tausenderlei aus;\nich wollt nicht, aber es kam so! Und ich\nnahm mir zuletzt vor, bis ich hinaus käme,\nes mal mit einem Menschen zu versuchen.\nGar nichts sollte mich davon abhalten! Ich\nsah schon alles genau vor mir. In den Nägeln,\nan Händen und Füssen biss es mich; ich\nkonnte es gar nicht mehr aushalten! — Und\nals ich aus dem Arrest auf die Strasse kam,\nwar diese alte Frau die erste, die mir be-\ngegnete. Sie war so schwach; aber nicht zu\nsehr. Ich ging ihr nach. Ich hatte eine\nsolche Freude, als sie in das abgelegene\nGässchen einbog! Ich hatte darauf gewartet.\nSie wird doch nicht nur hier im Geschäfts-\nviertel umhergehen, hatte ich immerfort\ngedacht und fiel die Ahnungslose sogleich\nvon hinten an. Ich riss sie nicht nieder,\nschlug nur, drosch, es tat mir fast leid, als"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.20", "texte": "sie lag, weils schöner war, wie sie sich wehrte\nund bewegte; aber das Niederducken und\nDreinwettern dann in die leblose Masse war\nwieder anders schön; ja, ja, ja schön!\"\nEr schrie und seine aufgerissen rot glänzenden\nAugen gingen wild von Gesicht zu Gesicht.\nDann aber, nicht lange, sank er wie ermüdet,\nerschlafft zusammen. „Schön,\" wiederholte\ner leise, „ich teilte mich plötzlich so von\nallem ab und war allein da, schwebte! Ein\nherrliches Gefühl, unerhörte Gewalt zu haben,\nfurchtbaren Qualen zu tun und nichts davon\nzu spüren ! Ein Wunder, ein Kunststückchen,\nnicht zu begreifen! Ein Stück von sich ins\nWasser werfen und selbst dabei trocken zu\nbleiben! sich sozusagen wegstellen zu können!\nUnd wie es juckte, dies Unmögliche immer\nwieder zu versuchen, das jedesmal gelang! —\nAber niemand, niemand ausser mir ist so,\nund alle ekelts vor mir; ich seh' es jedem\nan, wie's ihm vor mir graut! Oh diese\nMenschen, diese Augen, als der Wachmann\nsich vor mich stellen musste, dass sie mich\nnicht erschlugen! — Und ich wollte doch\nnicht anders sein als sie, ich nahm mich so\nzusammen, tat, was ich konnte, um so wie\nsie zu werden !\nIch lief allen Viechern aus dem Wege, ver-\nkroch mich bei Tage vor den Menschen,\nweinte die Nächte durch, weil ich nicht an\ndas denken wollte, woran ich immerwährend\ndenken musste und hielt mich vom Schlafen\n«\nzurück, weil ich mich so gegen meine Träume\nwehren wollte. Viele Kinder haben sich\ndoch etwas abzugewöhnen; sie nehmen sich\nzusammen und es geht — aber bei mir wurde\nes immer ärger ja. Sie werden es mir nicht\nglauben, seit ich mich so fürchtete und\nschämte, wurde es erst so furchtbar! So ver-\nflucht bin ich, ja! Und wenn Sie mich hier\neinsperren, auch zwanzig Jahre lang, wenn ich\nhinauskomme, im ersten freien Augenblick tu'\nich's wieder! Ich fürchte mich vor mir! Jeden\nTag, wenn's grau wird, packt mich die Angst:\nWas wird heute sein? — Bringt mich von\nmir fort, schneidet mich aus mir heraus,\nhelft mir! Es ist nicht wahr, dass ich zu\njung bin, dass es das Gesetz verbietet! Es\nist ja auch nur von Menschen gemacht; Ihr\nkönnt es doch ändern! Ich weiss, es wird\nschrecklich sein, aber alles ist dann vorüber.\nErbarmen Sie sich doch!\"\nEr lag auf den Knieen, in dem weissen Gesich\nzitterten die ein wenig geöffneten Lippen.\nAber es fand sich niemand, der, wie er, die\nSünde, ohne sie von allen Seiten zu besehen,\nauf sich nehmen wollte. Es gab Zeugen\ngenug, die seine Quälereien beobachtet hatten\nund so sprach man ihn frei und übergab ihn\nder Irrenanstalt.\n\nOSKAR BAUM liest am 14. November aus seinen Dichtungen in der Kunstausstellung des Sturm."}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.21", "texte": "Kunsiaussiellung\nDcr Sturm\nBerlin W9 / Potsdamer Strasse 134a1\n\nOktober 1926\n154. Ausstellung\nWilhelm Ostwald\nWilli Baumeister\nGeoffnet von 10—6\nSonntags von 11—2\nLesesaal mit 70 auslan-\ndischen Zeitschriften\nBilderverleih\n\nJeden Mittwoch\nBV2 Uhr\nStupm-\nKabarett\nNach der Vorstellung\nTANZ j Jazzband\n\nVerkauf von Kunstwerken auf Ratenzahlung\n\nContimporanul\nErste Zeitschrift der rumanischen\nmodernen Kunstgruppe\nInternationale Kunstmanifestation u.\njahrliche Ausstellungen\nDirektion: I. Vinea u. Marcel lancu\nRedaktion: Str. Trinitafii 35\nBukarest Rumanien\n\nRasierklingen\n2.50 Mk. franko\nNichtg-ef alien\nGeld zuriick.\nFa.\nv. Mfinchbausen, Wesermiinde - Lehe\n\nLesesaal der Kunstausstellung Der\nBerlin W 9 | Potsdamer Strasse 134 a I\n\n70 Zeitschriften: Kunst\nLiteratur j Musik\n\naus folgenden Landern: Agypten / Argentinien /\nBelgien / Danemark / Frankreich / Qrofibritannien\nItalien / Jugoslavien / Mexiko / Niederlande / Oster~\nreich / Polen / Rumdnien / San Salvador / Schweiz\nSow jet-Rutland / Tschechoslowakei / U. S. A.\n\nGeoffnet taglich von 10—6 Uhr | Sonntags von 11—2\nFiir Ausstellungsbesucher unentgeltliche Benutzung"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.22", "texte": "mw\nPIANOS\nif\nyr.x\n10\nX\nA\nsow\nBERLIN - W9 • FRIED RICH\n\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nDiclitungen von Herwarth. Walden\nDas Buch derMenschenliebe / Roman\nDie Harte der Weltenliebe / Roman\nJedes Buch 2 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nSiinde / Ein Spiel an der Liebe\nGlaube / Komitragodie\nLetzte Liebe / Komitragodie\nJedes Buch 1 Mark\nSchriften von Herwarth Walden\nWeib I Komitragodie\n3 Mark\nKind / Tragodie\nTrieb / Eine biirgerliche Komitragodie\nMenschen / Tragodie\nJedes Buch 2 Mark\nIm Geschweig der Liebe / Gedichte\nGebunden in Ganzleinen 3 Mark\nDie neue Malerei / Mit zahlreichen Abbildungen / 5. Auflage\n2 Mark\nGesammelte Schriften\nErster Band: Kunstmaler und Kunstkritiker\n3 Mark\nExpressionismus / Die Kunstwende / Mit 140 Abbildungen\nZur Zeit vergriffen\n\nKQnstler-Postkarten / Verlag Der Sturm\nNach Gemalden, Zeichnungen und Bildwerken folgender Kiinstler:\nAlexander Archipenko / 4\nRudolf Bauer / 4\nVincenc Benes\nUmber to Boccioni 1* / 2\nCampendonc / 2\nMarc Chagall / 7\nOthon Coubine\nRobert Delaunay\nTour Donas\nJede Karte 20 Pfennig / Farbige Karte Chagall: Die Kleinstadt / 30 Pfennig\nDie Ziffern hinter den Namen bedeuten die Zahl der reproduzierten Kunstwerke\nLyonel Feininger\nAlbert Gleizes / 2\nJacoba van Heemskerck *f*/ 3\nSigrid Hjerten Griinewald\nAlexei von Jawlensky\nBela Kadar\nKandinsky / 3\nPaul Klee\nOskar Kokoschka / 2\nFernand Leger / 2\nAugust Macke i*\nFranz Marc \"f* / 3\nCarl Mense\nJean Metzinger\nJohannes Molzahn\nGeorg Muche\nGabriele Miinter\nGeorg Schrimpf\nKurt Schwitters\nGino Severini\nFritz Stuckenberg\nArnold Topp\nMaria Uhden 112\nNell Walden\nWilliam Wauer / 5\nMarianne von Werefkin\nNegerplastik\nGewebe aus Alt-Peru"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.23", "texte": "Neu erschienen:\nErnft Marcus\nKritik\ndes Aufbaues (Syllogismus) der\ns p e z ie 11 en Relativitatstheorie\n$tefe 33rofd)ure entplt nid)t nur bit frurcf)*\nSBt&erlegung bet fpejteHen\nAlbert (SmfieinS, fonbern\naucf) eine neue £td)tf)9potf)efe, 6urd) toe 6a3\nopttfefye 'SSeltbtlb tx>trflief) (E$ werben\nf)ter 2)enf<je&of)nl)eiten tr>af)rf)aft repoluttoniert.\nSBenn em nod) fo fdjarffmmger $ftatf)emattfer,\nme e3 Albert Cinftem tjf, im lo*\nflifd)en §enfen nid)t gentigenb gcfdjult tjl1 fo\nfann fctne Sdjluffolgerung fci)ler|)aft aus=\nfallen. (Em fold>er 3ef)lfd)luf (£inftetn§ tft\nf)ier untotbcrleQlict) nadjgeariefen. 2)af)er totrb\n<£inftctn f)ter mtt feinen etgenen auf£\n§aupt 25a$ t 6urd) 6a3\ner $u fetnen falfd)*n golgerungen gelangte, ifl\nalfo totcbcr $ur 2)ebatte gegeben, unb em\nfetner Sofung xoixb J)tcr x>orge=\nfcf)lagen. — s\\Hes in aflem xoirfc fid) toe ge=\nfamte $?ofcerne überjeugen, saf ntdjt s\\lbcrt\n(Einjfem, fondern in 3Baf)rl)ett Smmanuel i\\ant\n6a3 SBeltbtlb xx>af)rf>aft repoluttomert [jat. Sn\n(Emft sKarcu§ xx>tr6 toe ;3ufunft sen edjten\n(Erben i\\ants be<jru£<n lernen. 2>te Sftitttoelt\nef)rt nur geit md)t (gtmsfeitSgenoffen.\nfinb berufjmt SBentfle rutjmaurtog. <£tn ©e=\nbanfe, eine 38af)rf)ett, une fie fctefeS SBerl\nfceweifl tDtrfc nut affe taufenb ctnmal\nunfc entfretft 5. g.\nMark 1,25\nVerlag Der Sturm\nBerlin W 9\nDurch jede gute Buchhandlung oder direkt\nvorn Verlag Der Sturm zu beziehen\n\nReserviert\nHotels —\n\nDen Tanz\nDas Theater\nDie Gebarden\nDas Schreiten\nDas Sprechen\nschildert\nder Dichter\n\nMARTINJ3ORRMANN\nin seinem Werk\nS UN D A\nEine Reise durch Sumatra\nMit 25 Bleistiftzeichnungen und\nAquarellen von\nSigfried Sebba\n|| Ganzleinenband M 25—\n\nEine ungewohnlich fesselnde\nReise — ein prachtiges Ge-\nschenkwerk.\nTHOMAS MANN\n\nFrankfurter — Societats — Druckerei G. m. b. H.\nAbteilung Buchverlag Frankfurt a. Main\n\nW. Marzillier & Co. Berlin W * Grnnewaldstr. 14-15\nGegriindet 1854\nGegriindet 1854 Hofspediteure S. M. des Konigs von Spanien\nSpedition u. Mobeltransporte, Verpackung u. Lagerung von\nGemalden und Kunstgegenstanden jeder Art. Lieferung und\nEmpfang nach und von alien Kunstausstellungen des In-\nund Auslandes. Transportversicherungen aller Art\nSpediteure d. Wirlschaftlichen Verbandes Bildender Kiinstler / der Freien Secession\ndes Verbandes Deulscher lllustratoren und Hausspediteure des „Sturm\""}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192609-01.1.24", "texte": "Verantwortlich für die Schriftleitung: Lothar Schreyer, Berlin W9 / Verlag Der Sturm G. m. b. H.\nBerlin W9 Potsdamer Strasse 134 a / Fernruf Lützow 4443 / Postscheckkonto Berlin 120658 / Druck:\nVereinigte Druckereien, Andermann & Schindler, Berlin W 30 Münchener Strasse 49-50\n\nZum Verstandnis des modern en kulturellen und\npolitischen Lebens unentbehrlich ist die Lektiire der\nZeitschrift\nSOZIALISTISCHE MONATSHEFTE\n\nHerausgeber Joseph Bloch\nPreis pro Quartal 2,25 Mark, Einzelheft 75 Pfennig / Vorzugsausgabe\n(auf besonders schonem Papier) pro Quartal 4,50 M / Einzelheft 1,50 M\nDas Septemberheft 1926 enthalt:\nKarl Hißdenbrand (Mitgiied des Reichstags und Reichsrats)\nFiir eine parlamentarische Arbeitsgemeinschaft\nProf. Max SchippeE / Industrie und Arbeiterklasse\nJulius Kaliski / Der Eisenpakt\nDr. Ludwig Quessel (Mi tglied d. Reichstags) / Deutschland in Genf\nArno Nadel / Pegasus\nWolfgang HoiflQ (Ehem. preuss. Staatsminister) / Die Beamten\nder Republik — Dr. Otto Karutz I Siedelungsverfahren und Siede-\nlungsergebnisse seit 1919 — HiltgartVieShaber / Franz von Assisi —\nDie Sozialistische Internationale und der Volkerbund / Wally Zepler\n— Die Genossenschaften im fascistischen Italien / Dr. Reinhard Weber\n— Rasse und Kultur / Dr. Max Hodann — Leben und Leistung Max\nWebers / Prof. Conrad Schmidt — Musikfeste? / Dr. Max Butting —\nDie Agrarenquete / Dr. Pritz Baade — Die Architekturausstellung der\nNovembergruppe / Ludwig Hilberseimer — Raphael Silberstein / Dr.\nKarl Kollwitz — Die Toten: Hermann Greulich, Max Grunwald,\nGeorg Friedrich Knapp, Ernst Mehlich, Anton Nemec, Nikolaj Tschcheidse\nKonrad von Wangenheim\nProbehefte stehen auf Verlangen jederzeit kostenfrei zur Verfiigung.\nDem unterzeichneten Verlag ist die Mitteilung von Adressen will\nkommen, an die die Zusendung von Probeheften ratlich erscheint.\nVerlag der Sozialistischen Monatshefte\nBERLIN W 35\n\nHCasa d'Arte II\nBRAGAGLIA II\nModerne Kunstausstellungen: Theater der\nUnabhangigen : Buchhandlung : Verlag\nKunstgewerbe\nTerme Romane diVia Avignonesi 8 | Rom 4\n\nVERLAG DER STURM / BERLIN W9\nHerw a r th falden:\nEinblick in Kunst\nDie beste EinfUhrung in den\nExpressionismus und Kubismus\n70 Abbildungen / 4 farbige Kunstbeilagen\nLadenpreig Halbleinen gebunden M 6.—\nFUNFTE AUFLAGE\n\nRevue Germanique\nLille | 55 Rue Brule-Maison\nIPeriodique trimestriel I\nAbonnement 30 Frs. pour l'etranger I\nInformations sur le mouvement\nlitteraire et les travaux philolo-\ngiques en Allemagne aux Pays-\nBas et en Scandinavie ■■■■■■■■\n\nINTEGRAL\nREVUE DE SINTHESE MODERNE du SEULE\nGROUPEMENT d'AVANTGARDE ROUMAINE\nPARAISSANT CHACQUE MOIS\nDIRIGE Par un Comite bucarestois et parisien\nREDACTION: M. H. Maxy, Galea Victoriei 79 Et. I\nBUCAREST-ROUMAINE\n\nKunstausstellung\nDer Sturm\nBerlin W9 / Potsdamer Strasse 134 a\nLiitzow 4443\nJeden Freitag 8 Uhr\n\nMusik - Abende\nim Sturm\nDie junge Generation der Musiker\n. An jedem Abend Auftreten mehrerer Kiinstler\n\nG. d. St.\n1926\n\nKarten in der Sturm-Buchliandlung\nPotsdamer Strasse 138 a"}]}