{"numero_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_sha256": "5ba549d5aef9255e43b961d13434259df422e8400e16b4bf5310fe872e34fcda", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1929/10_01/bmtnabg_1929-10_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1929/10_01/bmtnabg_1929-10_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c002", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[15]", "page_fin": "[15]", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.2", "titre_corps": "[Table of Contents]", "titre_sommaire": "[Table of Contents]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "[15]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 797, "texte": "Die junge bulgarische Kunst Iwan Tuteff\nGrab 6eo Miieff\nAus dem Poem „Die Hölle“ 6eo Miieff\nDie neue bulgarische Malerei Sirak Skitnik\nAviator Lamar\nDorf Lamar\nDer Marsch Ludmil Stojanoff\nAus dem Poem „Untergang“ Iwan Hadschi Chrisfoff\nSorge Iwan Mirtscheff\nDas Wesen der neuen bulgarischen Musik Pantscho Wladigeroff\nDichter Nikolaj Furdnadjieff\nGedichte Iwan Tuteff\nDas bulgarische Theater Nikolaj Fol\nHajduken Nikolaj Marangosoff\nDie bulgarische Musik Iwan Kamburoff\nArmut Dimiter Pantaleeff\nAbbildungen: Zwei Gemälde von Iwan Miieff\nKleinfamilienhaus von Chr. Berberoff\nZwei Gemälde von Detschko Usunoff\nOrientalisches Bad von Max Metzger\nEin Gemälde von Bentscho Obreschkoff\nEin Gemälde von Mascha Üiwkowa-Usunowa\nZwei Gemälde von Sirak Skitnik\nEin Entwurf für ein GroSkino von Georg Manofoff"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c003", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "19", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.3", "titre_corps": "Die junge bulgarische Kunst", "titre_sommaire": "Die junge bulgarische Kunst", "signature_source": "Iwan Tuteff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2834, "texte": "Die junge bulgarische Kunst\nIwan Tuteff\nIn allen Perioden des Kulturlebens der\nMenschheit ist das große Problem der Kunst\noft mit der schöpferischen Rolle des Indi-\nviduums verbunden worden. Aber\nwas ist Kunst und was ist schaffender\nKünstler? ~ . Eine Frage, auf welche eine\ndogmatische Antwort unmöglich ist Richtig\naber ist der Gedanke Wilde’s, daß ~das\nWahre für das Leben auch wahr ist für die\nKunst“, d. h. jene Kunst ist wahr, welche\nden sozialpsychologischen Notwendigkeiten\nder Zeit entspricht Superkoordination\ndes Massenwillens zur Schaffung neuer\nFormen.\nWir werden nicht auf die literarischen Schulen\nund auf die Kunstströmungen eingehen, die\nso oder anders auch die bulgarische Kunst\ndurchlaufen hat. Die Rolle, welche sie\nspielten, war für die Entwicklung der\nbulgarischen Kunst und Geisteskultur keines-\nfalls erfreulich, und wenn man auch ihren\nWert für die Formung und Bildung der\nbulgarischen Kunstsprache anerkennt, so\nmuß man doch sagen, daß sie nicht fähig\nwaren, eine künstlerische Tradition mit\neigenen Prinzipien und Idealen, mit eigenem\nethischen Inhalt zu schaffen.\nDer Realismus, entstanden als Gegengewicht\ngegen den mythischentranscendentalenßausch\nund die pessimistisch-dekadente Unaktivität\ndes Romantizismus, wurde in West-Europa\nSynthese der sich neu formierenden bürger-\nlichen Gesellschaft und ihrer sozialen Ten-\ndenzen. Seine Wirksamkeit in Bulgarien\nbeschränkte sich nur auf den Versuch, einen\nnationalen Stil zu schaffen. Dieser Versuch\nblieb fruchtlos, da der bulgarische\nRealismus als künstlerische Konzeption nicht\ndie richtige Basis finden konnte. In ver-\nhältnismäßig kurzer Zeit wurde er durch\nden Symbolismus verdrängt, entstanden an-\ngeblich als Reaktion gegen die übermäßige\nMaterialisierung des schöpferichen Bewußt-\nseins. Der Symbolismus, als Träger eines\nsynthetischen Individualismus, dabei noch\naus dem Auslande stammend, blieb dem\nbulgarischen Wesen ziemlich fremd.\nDer Nationalcharakter und die Psychologie\ndes Bulgaren zeichnet sich durch ein stark\nentwickeltes, kollektivistisches und recht-\nliches Gefühl aus. Der Symbolismus unter-\ngrub und unterwühlte diesen Geist, lenkte\nihn von den Bahnen des Gesunden und\nLebensfähigen ab, warf ihn in das Chaos\neines sinnlosen Mystizismus, demoralisierte\nvollkommen einen großen Teil der Jugend\nund diese seine traurige Rolle dauert fast\nbis zum heutigen Tage fort. Das ist der\nWeg der bulgarischen Literatur, der zum\njetzigen ideellen und formativen Chaos\ngeführt hat.\nDas Gesunde und Lebensfähige wurde aber\ndoch nicht ganz abgetötet. Aus der Asche\nder verwüsteten bulgarischen Seele entstand\nder Phönix eines neuen schöpferischen\nDranges. Der erste Versuch der bulgari-\nschen Kunst und Literatur, eine neue Linie\nder Entwicklung vorzuzeichnen, wurde von\nGeo Mileff unternommen, mit dem Beginn\ndes dritten Jahrganges der Zeitschrift"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3450, "texte": "„Wezni“. Mileff war die bedeutendste\nPersönlichkeit und der Sammelpunkt der\nAvantgarde des Neuen. „Wezni“ stellte\nbald sein Erscheinen ein und der erste\nVersuch blieb ohne große reelle Ergebnisse.\nDie neue Strömung als solche aber konnte\nsich formieren, konnte ihren eigenen Stil,\nihre eigenen künstlerischen Gedanken und\nIdeale schaffen, welche nicht ohne einen\ngewissen Einfluß auf die junge bulgarische\nKunst geblieben sind.\nDie zeitgenössische Kunst und Kultur der\nWelt stand in den Nachkriegsjahren an\neinem verhängnisvollen Kreuzwege, und auch\nheute ist die Situation im Grunde noch die\ngleiche. Es steht bevor; entweder Rück-\ngang zur dekorativen Unterstreichung von\n„äußeren\" und „inneren“ Formen oder\nVorwärtsbewegung zur Konstruktivisierung\njeder schöpferischen Form. Den letzten\nWeg schlug die junge bulgarische Kunst\nein. Die Basis, auf die sie sich stellte,\nwar: nicht die innere Fiktion „Mensch“, son-\ndern der konstruktive Begriff „Menschheit“\nist das Wesen der wahrhaft aktuellen Kunst!\nJene materielle Notwendigkeit ein\nProdukt des Lebensinstinktes ist ein\ndefinitiver Faktor. Sie bestimmt den schöpfe-\nrischen Weg des suchenden Menschen in\nder Bewegung zur Abrundung seiner Welt-\nanschauung und verleiht der menschlichen\nKulturtätigkeit im allgemeinen den Charakter\nund den inneren Wert. Jedes Leben aber\nist Ausdruck elementarer Dynamik, und die\nKunst als Gestaltungsmittel des Lebens\nkann nicht ohne Leitung Ausdruck dieser\nDynamik sein. Die konstruktive Funktion,\ndie die Kunst im Leben der menschlichen\nGesellschaft ausübt, erzwingt von selbst\nschon eine Synthese. Heute kann die Kunst\nnicht mehr einer ausschließlichen „Ueber\"-\nAesthetik unterstellt werden, da sie Ausdruck\ndes kollektiven Willens zur Schaffung neuer\nFormen ist, der sich in der Herstellung\nnicht nur schöner, sondern auch „nützlicher\"\nDinge zeigt. Die neue Kunst soll vor\nallem ethisch und deswegen schon elementar,\neinfach und klar sein. Jede Kunstschöpfung\nsoll eine biometrische Konzeption darstellen,\nin welcher die Materie bis zum Minimum\nihrer typischen Kundtuung geführt ist. Die\n„neue“ Kunst verwirft aber den ausschließ-\nlichen Materialismus, der den Menschen\nunterjocht und aus ihm eine seelenlose\nMarionette in dem Theater der sinnlosen\nNatur machen könnte. Sie ist aber auch\nnicht kosmotheistisch. ln ihren Fundamenten\nsoll vielmehr ein koordinierter Super-\nnaturalismus liegen, welcher zu dem klugen\nVerständnis und der Beherrschung der\nMaterie verhilft. Die neue Kunst soll also\nfür die klare Permutierung einfacher Dinge\nin ein organisiertes Ganzes sein, welches\nin einer besinnten und in Aktivität konkreti-\nsierten, zweckgemäßen Bewegung resultiert.\nDas sind in Kürze die grundlegenden Be-\ngriffe der jüngsten Kunst Bulgariens, was\ndie Literatur und Malerei anbetrifft. Es\nist nicht das Ziel der jungen bulgarischen\nKünstler, eine Bewegung mit bestimmten\npolitischen Tendenzen zu schaffen. Für sie\nist es vor allem wichtig, den bulgarischen\nKünstler aus dem tötenden Morast einer\napathischen Unaktivität und ideellen De-\nmoralisation zu befreien, in die ihn der\nSymbolismus hineingetrieben hat, sich dem\nVolke zu nähern, indem sie ihm wirkliche\nkünstlerische Werte geben in einer neuen\nund aktuellen Form, die aber doch seinem\nVerstehen und Empfinden nahe steht.\nInwieweit das gelungen ist, überlassen wir\nanderen festzustellen. Jedoch ist das für den\ndeutschen Leser nicht nur als Entwicklungs-\nstufe in der Geschichte der bulgarischen Kunst"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 327, "texte": "interessant. Denn in der gesamten europäi-\nschen Kunst ist besonders in den letzten\nJahren ein deutlicher Drang zur Annäherung\nan den Geist des Neuen, Menschlichen,\nSachlichen, Schöpferischen zu verspüren.\nDie junge bulgarische Kunst ist ein Teil\ndieser Sehnsucht und so repräsentiert sie\nsich dem deutschen Kunstinteressenten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c004", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "19", "page_fin": "19", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.4", "titre_corps": "Grab", "titre_sommaire": "Grab", "signature_source": "Geo Mileff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.7", "debut_caractere": 329, "fin_caractere_exclue": 1174, "texte": "Grab\nGeo Mileff\nVariation des Volksliedes: « . . . dort werde ich mir mein Grab machen,\nwerde meinen Namen\nund meinen schweren Kummer daraufschreiben“\nIch gehe in deinem grünen Blick unter\nso ohne Leidenschaft und boshaft verbleicht\nist dein Lächeln für mich strenges Eis\nund jede Liebkosung qualvolles Metall;\nich trinke Wasser mit Asche in warmen Schlucken\nohne Jammer, ohne Niedergeschlagenheit, ohne Traurigkeit :\no, die Stunde der bitteren Flucht beschwört mich\nweit zu Stein, Flechte und Wüste\nDort erwartet mich ein Grab in geheimnisvoller Finsternis\nweder Trauerweiden noch Zypressen\nund in die Grabplatte werde ich einmeißeln\nselbst meinen Namen : bittere Chronik\nmeiner Liebe. . . .\nBlind hängt die Unendlichkeit.\nTief schweigt dort das farblose Gewölbe,\nStirbt blutiger Mond letztes Viertel\ninmitten Stein, Flechte, Knochen und Wüste."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c005", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "20", "page_fin": "20", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.5", "titre_corps": "Aus dem Poem \"Die Hölle\"", "titre_sommaire": "Aus dem Poem \"Die Hölle\"", "signature_source": "Geo Mileff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 876, "texte": "Aus dem Poem „Die Hölle“\nGeo Mileff\nBlutig\nunsere Füße\nzerschnitten\nerstarrt:\nsieh uns du, Dichter!\nDie Wintersonne\ngrinsender Henker\ndie niemals\nSchlaf finden kann\nschindet unsere Haut:\nsieh uns du, Dichter!\ndu, Bruder!\nUnser Magen ist leer\nerschlaffte Haut\neiner alten Pauke\ndröhnt dumpf\nund wild drohend:\nHunger!\nHunger!\nHunger!\nHinter uns brausen\nendlose Reihen\nvon 100 PS-Automobilen,\nMotorzyklonetten,\nCabbis,\nFiaker,\nKarossen\ndahin\nund drin sitzen,\nstolz, ohne Angst,\njene,\ndie uns kennen,\nanerkennen,\nnicht vergessen\nuns Bettler\nund hilflose Leichen\nvon Haut und Knochen\ndurch die ganze Stadt in miserablen\nSpalieren aufgereiht\nlieber uns\nflattern\nglanzvolle Etagen,\nklatschen Balkons,\nklingen goldene Banken,\nsingen Mittagskathedralen,\nund auf die breiten Straßen zu\ngähnen purpurne Bäckereien\nübersatt\nund mit ihrem Brotaroma\nwehen uns die Felder\nder ganzen Welt an»"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c006", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "21", "image_debut": 9, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Seine\nBilder zeichnen sich durch eine charakte-\nristische Farbengebung und durch die\neigenartige Beherrschung des Raumes\naus. Seine Darstellung unterstreicht das\nAbstrakte, ohne die Linienführung zu\nentwirklichen und erfaßt gleichzeitig die\nMasse in ihrer vollen ureigenen Wesen-\nhaftigkeit.\nDie bulgarische Kunst steht noch immer im\nSchatten der Tradition. Der allgemeine\nkünstlerische Geschmack auch. Die Be-\nmühungen einiger wertvoller Persönlichkeiten\nder älteren Malergeneration, andere Kunst-\nbegriffe als die der Vergangenheit durch-\nzusetzen, führten nur zu sehr geringen\nErgebnissen. In ihrer Mehrheit streben\nauch heute noch die bulgarischen Maler\ndanach, den eingebürgerten Geschmack zu\nbefriedigen, dessen Grundlage eine sehr\nungenügende künstlerische Kultur ist, Im\ngegenwärtigen Entwicklungsstadium ringt\nder bulgarische Maler immer noch um die\nsouveräne Gestaltung der Natur und steht\nim Kampf gegen wesenlos gewordene Grund-\nsätze, die eine naturalistische Darstellung\ndes Gegenständlichen fordern.\nDas alles ist normal, aus der historischen\nEntwicklung logisch begründbar und un-\numgänglich: man kann von den Söhnen\neines Volkes, das erst seit fünfzig Jahren\nsein eigenes Leben lebt, keine Lösung\nkomplizierter künstlerischer Probleme ver-\nlangen, keine Kunstübung, die mit der west-\neuropäischen Gegenwart Schritt hält, welche\nin Bulgarien noch nicht bulgarische Gegen-\nwart ist. Und wenn man außerdem berück-\nsichtigt, daß man dort eigentlich erst seit\ndreißig Jahren von Kunst spricht, so müssen\nwir zugestehen, daß bisher schon ziemlich\nviel geschaffen und erreicht worden ist.\nVor allem sind in der Jugend des Landes\nmanche schöpferischen Kräfte und manches\nbedeutende Talent lebendig. Da es an\nEntwicklungsmöglichkeiten und klaren Richt-\nlinien leider noch oft fehlt, zerbricht die\nKraft der Jugend meist ergebnislos, trotz-\ndem garantiert sie allein den zukünftigen\nSieg.\nDiese Jugend zeigt uns auch die Anfänge\neiner neuen Kunst, eines neuen Begreifens,\neiner neuen schöpferischen Ideologie. In\ndiesen Anfängen gibt es keine Entdeckungen\nneuer Länder, sie sind aber doch sicheres\nMerkmal einer schnellen Ueberwindung der\nstarren Vergangenheitsform und jener\nkünstlerischen Anschauung, die an einem\nsinnlosen und kleinlichen Suchen nach genre-\nhaften Wirkungen Genüge findet.\nSelbst in der neuesten und talentvollsten\nProduktion der Jungen gibt es in Wirklich-\nkeit kein wahres, bewußtes Gefühl des\nZeitgemäßen. Sie trägt noch immer Spuren\nder Vergangenheit und erwächst aus einer\nunbefestigten Anschauung, die zwar das\nMorgen erstrebt, unbewußt aber doch noch\nVerbindung mit dem Gestern unterhält und"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3434, "texte": "sich mehr oder weniger dem allgemeinen\nästhetischen Niveau anpaßt. Darum ist es\nbei der Beurteilung der zeitgenössischen\nbulgarischen Malerei schwer möglich, sich\ndes kategorischen Maßstabes der west-\neuropäischen Gegenwart zu bedienen. Die\nwenigen bulgarischen Maler, die über diesem\nUrteil stehen, verleihen mit ihrem Schaffen\ndem Streben und den Ergebnissen ihrer\nheimatlichen Kunst keinen Ausdruck: sie\narbeiten im Auslande unter anderen Bedin-\ngungen und ihrem angeborenen Talent\nwird dort ein anderer Weg gewiesen.\nIn der bulgarischen Kunst gibt es noch\nimmer keine bestimmten Richtungen und\nSchulen. Das ist sehr charakteristisch für die\nindividualistischen Bestrebungen derjüngsten,\ndie mit der Tradition des wohlanständigen\nSalonbildchens und mit der überlebten,\ngenrehaften „Schmücke - dein-Heim-Kultur\"\nbrechen wollten. Sie fühlen sich immerhin\nnoch nicht genügend fern von dem was\ngestern war, besitzen noch nicht genug Mut\nund Kraft, den Bruch mit der Tradition\nkonsequent durchzuführen. Der Fremde\nwird leicht diese scheinbare „Anomalie\"\nbegreifen es genügt schon ein ober-\nflächlicher Blick auf das bisher Geschaffene\nund auf die Bedingungen, unter denen es\ngeschaffen wurde Und gerade deswegen\ngewinnt das wenige Wertvolle, was die\nzeitgenössische bulgarische Malerei hervor-\ngebracht hat, einen um so größeren Wert\nAls Reaktion auf eine sehr starke Hinge-\ngebenheit an das Gegenständliche trat der\nverstorbene Iwan Mileff mit seiner\nMalerei auf, die von ihm selbst tief emp-\nfunden wurde als eine Schau hinter die\nGegenstände. Der ethnographische Vorwurf\nwird in seinen Bildern zum Mythos ver-\ngeistigt. Seine Darstellung des alltäglichen\nVolkslebens eröffnet den Durchblick auf\ndie legendäre, ferne Herkunft. In seiner\nMalerei ist etwas Atavistisches: sie hat\nmanche Berührungspunkte mit der altbulgari-\nschen Ikonenmalerei, sie birgt etwas vom\nGeiste der bulgarischen Klöster in sich und\nsie weist uns bisweilen auf die merkwürdige\nSchönheit der bulgarischen Stickerei hin, die\nin Ornament und Komposition so reich und\nvielfältig ist. Vielleicht liegen hier die\nWurzeln des für Mileff so charakteristi-\nschen Stils. Für ihn ist die Lebens-\nweise des Volkes Ausdruck des urbulgari-\nschen Nationalgeistes und menschlicher\nUiprünglichkeit überhaupt; etwas, das die\nKraft eines Ritus gewonnen hat und das\ngetragen wird von der geheiligten Ueber-\nlieferung vieler Generationen. Dieser Maler\nbesaß ein sehr reiches Innenleben, das er\njedoch erst in der kurzen Periode des\nSchaffens vor seinem Tode vollkommen\nbildhaft zu verkörpern vermochte,\nKampf um die Beherrschung der Materie,\nErfassung und Realisierung ihrer Elementari-\ntät, das ist auch heute noch das Schaffen\nWladimir Dimitroff-Majstora’s. Dieser\nMaler mit gesundem und urwüchsigem\nInstinkt nähert sich sehr der westeuropäi-\nschen künstlerischen Kultur. Seine Land-\nschafts- und Figurenkompositionen, die nicht\nnur die Oberfläche der Dinge darstellen,\nwachsen hinaus aus Zeit und Raum in eine\ndynamische, brennende Atmosphäre ekstati-\nschen Erlebens Er vernichtet die Natur-Form\nnicht ganz, kommt nicht bis zu künstlerischen\nAbstraktionen, sondern er deformiert nur\ndie gewöhnliche Materie und vergeistigt sie\ndadurch so, daß alles auf jene primitive\nAnschauungsweise zurückgeführt erscheint,\ndie auch die toten Dinge beseelt. Der\nMensch, die Steine, die Bäume, die Berge,\nsie sind ihm gleich lebendig oder gleich tot,\nsie sind ihm gleichwertig und vom gleichen"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2906, "texte": "Rhythmus getragen. Dimitroff-Majstora ist\neine große Hoffnung der bulgarischen Malerei.\nFast alle seiner Arbeiten sind vom Auslande\nangekauft worden.\nKultur und zweifelloses Talent zeigen die\nArbeiten eines anderen jungen Malers\nDetschko Usunoff, der noch ganz\nSuchender ist Er bemüht sich, die rohe\nNatur zu überwinden, indem er sich bald\nan die bulgarische Ikonenmalerei anlehnt,\nbald aus seiner eigenen Fähigkeit schöpft,\ndie innere Wesenhaftigkeit der Dinge und\ndas wahre Antlitz hinter der menschlichen\nMaske zu sehen. Eine Reihe von Studien\naus dem Klosterleben zeigt seine sichere\nBeherrschung des expressiven Stils und\nsein zeitgemäßes Gefühl für Farbe und\nKomposition.\nBentscho Obreschkoff steht der west-\neuropäischen Kunst nahe. Mit fast brutaler\nGier packt er die Natur und zertrümmert\nsie, um aus ihr etwas Eigenes zu formen\ndynamisch, charakteristisch. Seine Land-\nschaften schreien in der Gespanntheit der\nLinien und in dem gesteigerten Ton der\nFarbe. Seine Porträts enthüllen das Wesent-\nliche des Charakters. Obreschkoff’s Kunst\nist spontan und trotzdem differenziert. Ob-\nwohl bei der Entwicklung seines künstleri-\nschen Stils verschiedene Einflüsse wirksam\nwaren, ist er doch ein Künstler von ausge-\nsprochener Eigenart mit sicherem Gefühl\nfür das Zeitgemäße und ein Talent mit\nvielfältigen, reichen Möglichkeiten.\nAuf ganz anderer Ebene bewegt sich das\nSchaffen Georg Papasoff’s und Nikoley\nDulgeroff’s. Ihr Streben steht vollkommen\naußerhalb des Bannkreises der innerbulgari-\nschen Malerei. Papasoff arbeitet in Paris,\nDulgeroff in Italien. Papasoff, der in den\nKreis der Pariser Surrealisten gehört, ist\nseiner seelischen Grundstimmung nach infantil\nund primitiv. Mit der Leichtigkeit und der\nfröhlichen Verantwortungslosigkeit eines\nKindes schafft er sich eine hieroglyphenhafte\nund alogische Welt aus phantastischen\nZeichen und Farbenflecken, in der sich Teile\nder materiellen Welt mit den graphisch\nmalerischen Dingsymbolen verflechten\neine Welt, der nur eine irreale Logik Sinn\nund Verstand verleiht. Einige Ausstellungen\nin Paris, London etc haben seinen Namen\nin der westeuropäischen Kunstwelt bekannt\ngemacht,\nDulgeroff sucht mit seinen Bildern die\nkosmische Gesetzmäßigkeit zu erfassen.\nDer Kreis und das Quadrat sollen in tausend\nErscheinungsformen zeigen, daß ihr geo-\nmetrisches Wesen, gesteigert durch die\nreine ungebrochene Farbe, die Grundlage\nder beständigen Harmonie ist. Heute ist\nDulgeroff einer der wertvollsten Mitarbeiter\nder italienischen Futuristen.\nDamit sind beinahe alle diejenigen genannt,\ndie für die Zukunft der bulgarischen Malerei\nrichtungweisend sind. Man könnte außerdem\nnoch einige talentierte junge Leute erwähnen,\nwie Ilia Petroff und Wassil Stoiloff.\nIhr Wert wird erst „morgen“ zur Geltung\nkommen, wenn die bulgarische Malerei sich\nvon den Toten befreit haben wird. Heute\nist es noch unmöglich, allgemeine und\ndauernde Richtlinien zu formulieren."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c008", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "23", "page_fin": "23", "image_debut": 11, "image_fin": 11, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.7.1", "titre_corps": "Tryptik", "titre_sommaire": "Tryptik", "signature_source": "Iwan Mileff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 19, "texte": "Tryptik\nIwan Mileff"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c009", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "25", "image_debut": 13, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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[n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.12", "titre_corps": "Orientalisches Bad", "titre_sommaire": "Orientalisches Bad", "signature_source": "Max Metzger", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 30, "texte": "Orientalisches Bad\nMax Metzger"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c015", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "34", "image_debut": 20, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.13", "titre_corps": "Der Marsch", "titre_sommaire": "Der Marsch", "signature_source": "Ludmil Stojanoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3109, "texte": "Der Marsch\nLudmil Stojanoff\n(Fragment aus der Novelle „Steinzeit“)\nFrüh kam der Herbst und wir marschieren,\nmarschieren Seltsames Schweigen liegt über\nder Erde. Die wilde steinerne Wüste, in-\nmitten welcher wir marschieren, drückt uns\nmit eisiger Gleichgültigkeit. Große Schweiß-\ntropfen rinnen von den Stirnen, alle atmen\nschwer, niemand spricht. Die kalten Granit-\nblöcke, die von den Gipfeln heruntergerissen\nwurden, die niedrigen Sträucher und seltenen\nBäume sehen auf uns mit seltsamen Blicken.\nTodmüdigkeit drückt uns. Schweigsam und\nfinster schreitetvorne der ungesellige Burssuk\nund sein breiter Rücken verrät unbesiegbare\nEntschlossenheit. Mit der Hand über den\nAugen, um sich vor den Sonnenstrahlen zu\nschützen, betrachtet er genau im Westen\ndie stolze Erscheinung der Blauen Gebirge,\nscharf, durchdringend und anhaltend, als\nwenn er hinter das Erkennbare schauen\nwolle, schüttelt ungläubig seinen Kopf und\nschreitet weiter mit seinem schweren, plumpen\nGang.\nWir bewegen uns langsam mit mechanischer\nErgebenheit hinter den großen geduldigen\nPferden, auf deren starken Rücken wie\nschwarze Tierkadaver die furchtbaren Ma-\nschinen des Todes liegen.\nEs vergehen viele Tage. Wir folgen dem\nsich zurückziehenden Feind auf den Fersen.\nDas besiegte und unterworfene Land hat\nsein Herz für uns verschlossen. Von den\nunbetretbaren Gebirgskämmen fallen ver-\neinzelte Salven; wir halten an, nehmen die\nschwarzen Eisenungetüme herunter und\nwenden ihre unheilkündenden Schlunde.\nWir wissen nicht, wo man auf uns im Hinter-\nhalt lauert. Alles ringsum, die Erde und\nder Himmel, die Wälder, die Flüsse und\ndie Engpässe atmen drohende Feindlichkeit.\nUnd von irdendeiner geheimen Macht ge-\ndrängt marschieren wir immer vorwärts,\nimmer vorwärts, und vor uns, wie ein\ntrauriger Vorbote, gleitet das graue Gespenst\ndes Herbstes.\nWir alle sind Schicksalskameraden. Doch\nniemand wußte um den seelischen Zustand\ndes Einzelnen. Bekleidet mit Schafsfellen,\ngealtert und hinkend schon, haben sie ein\nmüdes und gleichgültiges Aussehen, als wenn\nihnen die Natur während einem tausend-\njährigen Kampf den finsteren Stempel der\nAusgestoßenheit aufgedrückt hätte. Sie sind\nwirkliche Kinder der Erde, Schäfer und\nPflüger, mit verbrannter und aufgesprunge-\nner Haut, mit geöffneter, schwarzbehaarter\nBrust. Der Granit hatte ihnen von seiner\nAusdauer gegeben, aber wie auf dem Granit\nhat die Zeit auch auf ihnen fürchterliche\nund schicksalsschwere Verwüstungen ange-\nrichtet. Heute ertragen sie die Prüfungen\ndes Schicksals unbewußt und ergeben,\nempfangen den Tod ohne einen Ton des\nProtestes. Und nur allein derjenige, der\nVorstellung von dem Grauen unserer Lage\nhatte, konnte in ihren Seelen die von dem\nStaub der Vergangenheit bedeckten und\nvon der Zeit verwischten Schriften einer\nfernen Primitivität lesen.\nIn den ersten Tagen reizte uns immerhin\nnoch das bittere Geheimnis der Finsternis\nund Ungewißheit. Es war uns, als bewegten\nwir uns inmitten einer Legende von Hero-\nismus und aufopfernder Größe. Aber bald\nverschwand diese Stimmung, nicht zuletzt\nunter dem Druck der Landschaft, einem\nschwarzen feuchten Gefängnis gleichend."}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3269, "texte": "Manchmal war es uns, als liefen wir in einem\nverzauberten Kreis. Vom Himmel nieselte\nes dünnen Regen. Aus den bröckeligen\nAbhängen sprangen wilde Bäche, rasender\nSturmwind stieß in unser Gesicht. Schwere\nTage kamen für uns, regnerische und nebelige\nTage, voll Wildheit und finsterer Häßlich-\nkeit. Wir schritten über die kotigen Wege\nmit ergebenen und teilnahmslosen Mienen,\nwie Menschen, die zu ewigem Wandern\nund ewigem Krieg verurteilt sind.\nAbends halten wir an einem dunklen schweig-\nsamen Wald und richten unser Lager ein.\nFür eine kurze Zeit ist die Müdigkeit ab-\ngelegt, die zornige Verbissenheit gestillt,\nsind die nutzlosen Flüche heruntergeschluckt.\nElenoff bringt Buchenäste und macht Feuer.\nGrobe erfrorene Hände strecken sich nach\nseinen kupfernen Blumen, die Gestalten\nwerfen Riesenschatten in der Dunkelheit\nund mit gekreuzten Beinen, schweigsam\nund finster, sitzt der düstere Burssuk.\nRingsum nur das Murmeln halblauter Ge-\nspräche. Hoch über uns, in der tauben Tiefe\nder Nacht wiegt sich der ungeheuere zer-\nzauste Vorhang des Nebels, das Schweigen\nwickelt uns langsam in seinen Mantel und\nallmählich erlischt das Feuer. In dem\ndämmerigen Schleier des Nebels erscheinen\ndie Bäume wie Gespenster und der Mond\nwird zu einem verschwommenen formlosen\nFleck.\nMorgens marschieren wir weiter. Der Nord-\nwind bläßt die Novembertrompete. Der\nRegen hört auf, die schweren feuchten Winde\nheben sich, die fernen Gebirge tauchen in\nbleigrauem Ton unter. Schwere Ahnungen\nwerden in uns wach. Immer marschieren,\nmarschieren wir nach dem Westen. Unser\nMarsch hat kein Ende. Viele essen schon\nWurzeln.\nZusammen mit dem Unglück des Hungers\nund der Krankheiten überkommt uns auch\ndas Grauen des Todes. Es ist eine unsicht-\nbare Pest, unerwartet und brutal, sie wird\nvon Mensch auf Mensch übertragen. Dagegen\nmachtlos, treten wir ihr stoisch gegenüber\nund warten auf den Tod, mit zusammen-\ngebissenen Zähnen. Und wenn sogar der\ngroße, kräftige Elenoff fällt, begreifen wir,\ndaß für uns alles verloren ist. Er ist\nfürchterlich anzublicken. Sein gigantischer\nKörper zittert wie Espenlaub und er schreitet\nmit langsamen, unsicheren Schritten, bis ihn\ndie Agonie niederreißt. Und unsere finstere\nKarawane schreitet fort, hinauf auf dem\nengen Gebirgswege, und über uns pfeifen\ndie Winde des Winters.\nDer erste Schnee fällt. Erschöpft sterben\nauch die Pferde oder versinken in den\nGebirgsabgründen zusammen mit den Leuten\nund den Maschinengewehren. Wir irren wie\nblind durch dieses steinerne Labyrinth des\nTodes, ohne Gedanken, ohne Ziel, ohne\nKampf, ohne zu wissen wohin, ohne zu\nverstehen warum. Das dauert viele Tage.\nWir klettern auf die wilden Felsenkämme,\nerfroren, erschöpft und bleich in der unend-\nlichen Schneewüste. Nichts zeigt, daß dieser\newige Weg ein Ende nehmen wird. Taube\nApathie übermannt alle, viele schlafen im\nGehen. Endlich halten wir an. Mitten im\nHerz des Gebirges. Eiserner Winter über-\nfällt uns. Es ist grausig zu sehen, wie neben\nden ausgegangenen Feuern die einge-\nschlafenen Leute bedeckt mit weißer Decke\nerwachen, morgens, wenn im Himmel und\nauf der Erde eine unendliche Stille herrscht.\nDie Felsen hängen weiß und drohend, wie\nbereit einzustürzen und die Welt zu zer-\nquetschen hängen über jeden Weg, wo\ngrausame Schneestürme Lawinenhaufen und"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 489, "texte": "graue Nebel ziehen. Wir verkriechen uns\nin die öden verlassenen Höhlen wie eine\nTierherde, die von einer Todesgefahr ver-\nfolgt wird, und zusammengepreßt in unseren\ndunkeln, gähnenden Löchern, in unseren\nwilden unmenschlichen Schlupfwinkeln,\nschlafen wir, unruhig träumend. Ersticktes\nRöcheln und tiefes Stöhnen zerreißt die\nStille: als wenn dort etwas vernichtet wird\nmit schmerzlicher und grausiger Qual.\nJeder Tag gleicht dem anderen mit einer\ntraurigen erschütternden Genauigkeit . . ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c016", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "34", "page_fin": "34", "image_debut": 22, "image_fin": 22, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.14", "titre_corps": "Aus dem Poem \"Untergang\"", "titre_sommaire": "Aus dem Poem \"Untergang\"", "signature_source": "Iwan Hadschi Christoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 22, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.22", "debut_caractere": 491, "fin_caractere_exclue": 1375, "texte": "Aus dem Poem „Untergang“\nIwan Hadschi Christoff\nIch bin nicht würdig-,\nan deinem klaren Ufer anzuleg-en, Seele\nund verderbe in den schwarzen Ruinen\ndieser unendlichen Finsternis,\nin welcher ich ein sündig-er Hurer bin\nund Kain für mich ein Traum ist.\nIch erinnere mich noch deiner wunderbaren Geheimnisse,\ndenn du hast nicht einmal schon versprochen\ndeinem bleichen Diener Treue\nund Zuflucht deinem wachen Wächter?\nDoch erreicht mich heute nicht mehr\ndie unzulängliche Gestalt deiner Fata Morgana\ndie alles widerlegende Zeit übermannte uns\nund wie schmerzlich ist es, dich so unnötig zu empfinden!\nWir waren ohne Gnade und stumm\nfür einander zu schlecht,\nund unsere Liebe so grob!\nTrauer war jede Schönheit\nund jede Sonne verlor sich\nin unserer Urhäßlichkeit\nUnd nun reift in uns\ndas sich aufbäumende Grauen!\nWas werden wir sein, wenn es Tag wird\nund die Sonne der Welt aufgeht? . , ."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c017", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "35", "page_fin": "35", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.15", "titre_corps": "Mann im Kloster", "titre_sommaire": "Mann im Kloster", "signature_source": "Detschko Usunoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 32, "texte": "Mann im Kloster\nDetschko Usunoff"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c018", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.16", "titre_corps": "Sorge", "titre_sommaire": "Sorge", "signature_source": "Iwan Mirtscheff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 779, "texte": "Sorge\nIwan Mirtscheff\nDie Sorgen des Alters bedecken\ndie großen Hoffnungen und Freuden;\nweit von jeder Erdennichtigkeit\nschreitest du, versunken in Gedanken\nwie in einem wogenden Getreidefeld\nObwohl du nicht ein Dichter bist,\nder dazu bestimmt ist,\ndas Göttliche wiederzuspiegeln,\nund deine Lippen stets flüstern: ich kann nicht\nbist Du seit deiner Geburt verdammt zu sehen,\nwie furchtsam und verborgen\nin den Städten von Granit eingeschlossen\ndas Leben der Menschen vergeht;\nzu sehen, wie müde Kinder früh Weggehen,\num ihr Brot mit Tränen zu befeuchten\nin große Gebäude, wo jeder ihrer Seufzer\nin reichlichen Gewinn verwandelt wird.\nKannst du denn, bleicher unbedeutender Dichter\nder Träume und der vertrockneten Blumen,\nden Kummer dieser Stadt\nund ihrer armen Bewohner trösten?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c019", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 24, "image_fin": 24, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.17", "titre_corps": "Das Wesen der neuen bulgarischen Musik", "titre_sommaire": "Das Wesen der neuen bulgarischen Musik", "signature_source": "Pantscho Wladigeroff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.24", "debut_caractere": 781, "fin_caractere_exclue": 2716, "texte": "Das Wesen der neuen bulgarischen Musik\nPantscho Wladigeroff\nDie Entwicklung und die Zukunft der bul-\ngarischen Musik liegen ausschließlich in\ndem Volkslied. Die eigene, fest umrissene\ncharakteristische Physiognomie der bulgari-\nschen Komponisten erklärt sich dadurch,\ndaß sie sich in das Wesen des bulgarischen\nVolksliedes einzuleben versucht haben. Die\nälteren bulgarischen Komponisten nutzten\ndie bulgarischen Volksmelodien so aus, daß\nsie sich mit einer einfachen Bearbeitung und\nHarmoniesierung der Volksmotive begnügten.\nGerade dieses bringt den Uebergang des\nVolksschaffens in ein individuelles nicht\ngenügend zur Geltung. Für den zeit-\ngemäßen bulgarischen Komponisten aber ist\nes wichtiger, in das Wesen des Motivs ein-\nzudringen und es durch sein eigenes musi-\nkalisches Gefühl wieder zu erschaffen.\nDie bulgarischen Volksmotive haben eine\ngroße Zukunft in der musikalischen Literatur\nEuropas, nicht zuletzt ihrer unregelmäßigen\nTakte wegen. Während sich manche euro-\npäischen Komponisten bemühen, auf dem\nVernunftwege in ihren Schöpfungen den\nunregelmäßigen Takt einzuführen, haben\nwir den Vorzug, ihn direkt vom Volke zu\nnehmen in einem vollkommen ausgeprägten\nRhythmus.\nDie deutsche, französische und englische\nmoderne Musik haben, infolge des außer-\nordentlich starken Einflusses ihrer zahlreichen\ngroßen Meister, alle Merkmale des Volks-\nhaften verloren. Wir Slaven, und besonders\nwir Bulgaren, haben es aber insofern leichter\nals die übrigen Europäer, weil wir heute\nnoch für die musikalische Literatur völlig\nneue Motive und Taktmöglichkeiten (z. B.\ndie unregelmäßigen Takte) direkt aus dem\nmusikalischen Schaffen des Volkes schöpfen\nkönnen. Es ist für einen slavischen Kom-\nponisten nicht unbedingt notwendig, auf\ndem Wege der radikalmodernen westeuro-\npäischen Musik zu wandeln, denn das Vor-\nhandensein eines so unerhört reichen, nicht\ngenügend ausgenutzten Volksschaffens er-\nöffnet ihm die weitesten Möglichkeiten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c020", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "37", "page_fin": "37", "image_debut": 25, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.18", "titre_corps": "Dichter", "titre_sommaire": "Dichter", "signature_source": "Nikolaj Furdnadjieff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 25, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1097, "texte": "Dichter\nNikolaj Furdnadjieff\nIch kenne nicht die Stunde,\nin die ich plötzlich hier geraten bin,\nnun weiß ich aber doch,\ndaß ich lange\nund schwer in der Finsternis stand,\nwährend draußen heller Mittag leuchtet\nund kniehoch der Schnee liegt.\nIn dieser Stunde sehe ich\nwie der Himmelkreis draußen wächst,\nich sehe wie alt,\nwie starr und wie blind ich doch bin,\nauch wie Ihr alle\nin den Rauch,\nhinter den Fenstern erlöschet\nund sich stumpf\nTag nach dem Tag\nstaubige Tage einreihen.\nIhr alle seid gut,\nseid tief und klug\neure Worte klingen jetzt\nso mild’ und so weise,\naber tief in dem Hintergrund\neurer blauen, bleiernen Augen\nblinzelt ein kleiner und hinkender Tod.\nHier unter euch\nwerde ich vielleicht,\nso wie es sich gehört,\nganz anständige Bücher schreiben\nund werde nachher,\nwieder wie es sich gehört,\neinige Schulen durchlaufen\num schließlich\nein berühmter,\ndoch unnötiger Dichter zu sein.\nDarum will ich\ndie überflüssige und schwache Stimme\nin meiner Seele erdrosseln,\ndann werde ich nichts mehr wissen und denken,\nwerde Alkohol trinken\nund nur schwer und stumpf\nfür das schwarze Brot schuften."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c021", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "38", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.19", "titre_corps": "Gedichte", "titre_sommaire": "Gedichte", "signature_source": "Iwan Tuteff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1228, "texte": "Gedichte\nIwan Tuteff\n\nDrama\nOh, ich sehe heute\nmein Herz\nherbarisiert\nin dem Museum der Abendblätter.\nIn meinen Augen\nBinokular\nzittert\ndie kleine Träne,\ndie Mariann\nnach mir einmal verlor.\nJetzt ist es schon zu spät.\nDie gelben Augen der Nachtgebäude\nwerfen über mich grelle Speere.\nIn agonischer Angst\nrenne ich fort\nallein,\nverlassen\nUnd\nO, das Saxophon des Windes,\nder über den kotigen Straßen\nCharleston tanzt!\nAber,\ndoch\nerhebt\nDIE SONNE\nihr kolossales blutbeflecktes Plakat!\nIch halte ein.\nIn meinen Katzenaugen\nvertrocknet\ndeine letzte Träne, Mariann.\nUnd mutig\nzertrete ich meine eigene Angst.\nHier ernüchtert meine Seele\nirrationelle Einheit.\nIch werde ganz.\nAber irgendwo fern\nschlägt immer noch Alarm.\nDie rostige Uhr\neines epileptischen\nbösen Herzens.\n\nErnte\nDie reifen Aehren breiten\nüber die Felder gelben Teppich aus.\nUnter der glutgoldenen Pfanne der Sonne\nsiedet\ndie verdammte Tüchtigkeit\ndes Bauern.\nSchimmernd fallen\ndie Brotritter\nunter den Spießen der schwingenden Hände.\nIst das nicht der Hunger,\nden die Schnitter\nmit Roggenbrot und Knoblauch besiegen?\nEin kühner Traktor\nschlägt\na ta ka ka ka.\nReihe nach Reihe.\nUnd die Sonne\nhinkender Veteran\nin Hysterie\nwirft hinunter\nmit vollen Händen\n40 Grad wärme."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c022", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "38", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; 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Zeit der\nTürkenherrschaft. Die ottomanische Macht\nfühlte ihr Ende voraus. Das National-\nbewußtsein des Volkes erstarkte. Die Volks-\nerwecker entwickelten fieberhafte Tätigkeit:\nrevolutionär und aufklärend oder präziser:\nrevolutionär-aufklärend, da die Aufklärung\ndie revolutionäre Befreiung zum Ziel hatte.\nIn jener gärenden Epoche muß man den\nKeim des bulgarischen Theaters suchen.\nPrimitiv und naiv. Trotzdem hundert-\nprozentiges Theater, ins Leben gerufen\ndurch die Not der Zeit. Aktuell. Wirkungs-\nvoll. Theater, das weder höher, noch\nniedriger als das geistige Niveau des\nPublikums stand. Theater, das anfeuert,\ndie Massen hinreißt, die Revolution prokla-\nmiert, Repertoire: Improvisationen, naive\noriginal-bulgarische Dramen, für die revo-\nlutionären Ziele passende, umgearbeitete\nStücke. Schauspieler: Die Lehrer, die\nPopen, die Intelligenz.- Publikum; Von\nfünfzehnjährigen Knaben bis zu achtzig-\njährigen Greisen, die applaudieren, Hurra\nschreien, mit den Schauspielern zusammen\npatriotische Lieder singen, während der\nHandlung auf die Bühne springen und\nrevolutionäre Reden halten.\nTheater Tribüne.\nNach der Befreiung jedoch hatte das Theater\nseinen Einfluß auf die Volksmasse verloren,\ndurch die Bestrebung, „reine Kunst\" zu\nwerden. Die ersten professionellen Mimen\ntappen vollständig im Dunkel über die\nästhetischen und sozialen Richtungen, die\ndas Theater einzuschlagen hätte. Die Ideen,\ndie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts\ndie Welt durchwogten, waren fremd für\nBulgarien, welches noch vom Wein der\nFreiheit berauscht war. Etwas später,\ngegen 1900, beim Auftauchen begabter, in\nRußland geschulter Schauspieler (Manja\nIkonomova, Rosa Popowa, Mate] Ikonomoff)\nund der Normalisierung des öffentlichen\nLebens, machten sich wandernde Schauspiel-\ntruppen mit höheren szenischen Anforde-\nrungen und seriöserem Repertoire auf den\nWeg: Shakespeare, Schiller, Ibsen, Gorki,\nTolstoi. Diese Truppen entfalteten vor\nallem bildende Tätigkeit.\nDas Theater wurde Schule für Erwachsene.\nDie Regierung hatte bald begriffen, daß sich\ndas Theater als Bildungsmittel für das Volk\nausnutzen ließe, begründete das Staats-\ntheater, erbaute das große moderne Theater-\ngebäude, bewilligte jährlich reichliche Zu-\nschüsse und zog die besten Schauspieler der\nprivaten Truppen heran. Das ist die\ndritte Phase des bulgarischen Theaters, die\nheutige: Im Ausland (Rußland und Deutsch-\nland) geschulte, hochbegabte Schauspieler\n(Budewska, Sarafoff, Klrkoff, Ognjanoff).\nAusländische Regisseure. Bulgarische Bühnen-\nwerke. Moderne Bühne (eine der besten\nEuropas; Versenk- und Seitenschiebebühne).\nAber.\nAuf diese Weise Brennpunkt der Theater-\nkunst Bulgariens geworden, schlug das\nStaatstheater leider bald eine Linie des\nKonservatismus ein, hinsichtlich des Reper-\ntoires wie auch der Kunstrichtungen. Den\naus Rußland vor dreißig Jahren über-"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2110, "texte": "nommenen Realismus kultiviert man noch\nheute in seinen langweiligsten Formen.\nZeitgemäße Fragen und soziale Ideen ver-\nsucht man auf der Bühne nicht zu lösen.\nDas Theater verliert den Kontakt mit der\nZeit. Außerdem, begrenzt auf Sofia, ist es\naußerstande, seiner ursprünglichen Bestim-\nmung zu dienen: allgemene Bildung und\nKultur in die breiten Volksmassen zu\ntragen.\nDer ganzen Provinz bleibt nur übrig, ihr\nTheaterbedürfnis durch wandernde und\nstädtische Truppen mit mittelmäßigen\nSchauspielern und ärmlich eingerichteten\nBühnen zu befriedigen. Diese Truppen\nführen ein anämisches Dasein, ohne Sub-\nsidien, ohne schöpferische Ideen, ohne klar\nbestimmte Aufgaben. Indessen ist das\nInteresse des Publikums nicht kleiner ge-\nworden, trotz der ungünstigen Umstände,\ndie der Entwicklung der szenischen Kunst\nim Wege stehen. Und eben diese Liebe\nder breiten Massen zur darstellerischen\nKunst und ihre respektvolle Beziehung zur\nBühne, geerbt von der Epoche vor der\nBefreiung, werden dem bulgarischen Theater\nhelfen, aus der Krise herauszukommen.\nVon neuem den Interessen und Idealen des\nVolkes angenähert, wird das Theater ge-\nnügend schöpferische Impulse in sich finden,\num die Bedeutung eines mächtigen sozial-\nkulturellen Faktors zu gewinnen, d.h.Theater\nzu werden in dem lebendigen Sinne des\nWortes. Die nahe Zukunft eröffnet dem\nTheater Bulgariens interessante und\nneue Enlwicklungsmöglichkeiten. Die dazu\nerforderlichen Voraussetzungen sind vor-\nhanden: der Uebergang fast aller bulgari-\nscher Schriftsteller zum Bühnenschaffen,\nbegabte junge Schauspieler, bis jetzt unge-\nnutzter eigentümlicher nationaler dekorativ-\narchitektonischer Stil, klare, scharf-akzentu-\nierte Sprache.\nDie Einflüsse, die gegenwärtig das fran-\nzösische, deutsche und russische Theater\nauf das bulgarische ausüben, werden für\ndieses nur eine Schule bleiben und ihm zu\nseinem eigenen Gesicht verhelfen. Aber\nwelche Formen auch das bulgarische Theater\nannehmen wird, sie werden eine Synthese\naus dem spezifisch bulgarischen Geist und\nden zeitgemäßen Form- und Ausdrucks-\nbestrebungen des deutschen und russischen\nTheaters darstellen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c026", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "42", "page_fin": "42", "image_debut": 30, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.22", "titre_corps": "Hajduken", "titre_sommaire": "Hajduken", "signature_source": "Nikolaj Marangosoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 30, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1274, "texte": "Hajduken\nNikolaj Marangosoff\nHeil euch,\nihr frohen und freien Bewohner des Balkanwaldes,\nihr Hirten,\nHolzfäller,\nHajduken!\nIn eurem hohen und einsamen Reich,\nweltentzogen und göttlich benachbart,\nverbrüdert mit Vogel und Wild,\nverwachsen mit Baum und Fels,\nlebt ihr zufrieden und selig\nund genießt euer einfaches Leben, einfache Sorgen\nund Glück\nDer Morgen erweckt euch\naus eurem gesegneten Traum\nund schenkt euch eine Frühkost aus Tau und Licht ein\nfröhlich verlaßt ihr Herbergen und Truen\nund tragt euren Gruß und euer Gebet\nder Sonne entgegen.\nGanz beschmückt\nmit Blumen und Laub,\nbewaffnet mit Beilen\nund Sägen,\nmit Flinten\nund Flöten,\nwandert ihr hindurch in den ewigen Wald\nauf euren Wolfsopanken,\nschreitet über Pfade und Wege,\nbewundert, beneidet,\nverborgen im Schatten der ewigen Stämme\nderen Höhe und Alter\ngen Himmel schreit\nund freut euch wie Kinder\nüber den Widerhall\neurer eigenen Stimmen und Schritte . . . .\nO, träumerische Lieder der Wasserfälle\nund der rauschenden Quellen,\nwildes Geknall der Hajdukenflinten\nund lustiger Schall der Holzfällerbeile und Sägen!\nO, mildes Flötenlied des Abendwindes\nund der talabwärts heimkehrenden Hirten\nihr tragt den Grub der Hajduken\nmit nach dem Tiefland hinunter,\nnach den blühenden Feldern\nmit Weizen,\nTabak\nund Rosen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c027", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "43", "page_fin": "43", "image_debut": 31, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.23", "titre_corps": "Bildnis einer alten Frau", "titre_sommaire": "Bildnis einer alten Frau", "signature_source": "Bentscho Obreschkoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 31, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 45, "texte": "Bildnis einer alten Frau\nBentscho Obreschkoff"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c028", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "46", "image_debut": 32, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.24", "titre_corps": "Die bulgarische Musik", "titre_sommaire": "Die bulgarische Musik", "signature_source": "Iwan Kamburoff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3238, "texte": "Die bulgarische Musik\nIwan Kamburoff\nDie vom vierzehnten bis neunzehnten Jahr-\nhundert dauernde Knechtschaft des bul-\ngarischen Volkes unter den Türken hat\nBulgarien sowie die übrigen Balkanländer\nvöllig von den kulturellen Strömungen des\nübrigen Europa isoliert. Der noch im\n12 Jahrhundert erstandene kontrapunktische\nStil, sowie die gesamte musikalische Re-\nnaissance Europas übten auf das Schaffen\ndes bulgarischen Volkes fast gar keinen\nEinfluß aus.\nDas Volkslied blieb das einzige Mittel,\ndurch welches das Volk uneingeschränkt\nAusdruck seines Kummers über die ver-\nlorene Freiheit verlieh! So wurden die\n„Hiljadnizi“, die sogenannten schwermütigen\nLieder geschaffen, in denen wie ein breiter\nmächtiger Fluß die Trauer der Volksseele\neinherströmt. Aus der Sehnsucht und den\nFreiheitskämpfen aber werden die pracht-\nvollen bulgarischen Heldenlieder erschaffen,\nwelche der Breite und Schönheit der melo-\ndischen Linien wegen mit den russischen\nBogatir-Liedern rivalisieren können.\nDie Ansicht des bekannten ungarischen\nKomponisten und musikalischen Volkloristen\nBela Bartök, daß die in musikalisch-volklo-\nristischer Beziehung interessantesten Länder\nRußland und die Balkanstaaten sind, findet\nihre volle Bestätigung in der bulgarischen\nVolksmusik. Denn in Bulgarien hat sich,\nseiner geographischen Lage wegen als\nHauptweg von Osten nach Westen, eine\nMusik gebildet, in deren rhythmischer\nBesonderheit sich der älteste archaische Stil\ndes frühesten Christentums vorfindet, ver-\nmischt mit dem des neueren. Nicht minder\ninteressant ist die bulgarische Volksmusik\nin ihrer tonalen Grundlage. So findet man\nLieder, die in die tonalen Reihen der alt-\ngriechischen Musik gehören; in anderen gibt\nes Reste von der altgriechischen enharmoni-\nschen Musik (mit Distanzen weniger als\nHalbton); wieder andere, die als Grundlage\ndie sogenannte „Zigeuner\"-Skala haben,\ndann solche nur in der Quarte ohne die\nHalbtonreihe und schließlich auch solche,\ndie in die gegenwärtigen dur- und moll-Ton-\nreihen gehören, während die Pentatonik\nebenso nicht seltener zu finden ist.\nMan kann auch ein anderes wichtiges geistiges\nErbe aus der Vergangenheit des bulgarischen\nVolkes nicht unbeachtet lassen: die alt-\nbulgarischen Kirchenmelodien, die, voll\nOriginalität und Schönheit, einen großen\nEinfluß auf die russische Kirchenmusik aus-\ngeübt haben.\nNach der Befreiung (1878) konnte Bulgarien\nim Laufe nur eines halben Jahrhunderts\nfreien Lebens bewunderungswürdige Erfolge\nauf dem Gebiete der Musik realisieren.\nHeute verfügt es über eine ganze Reihe\nvon Schöpfern und Interpreten, die es sogar\nim Ausland würdig repräsentieren.\nDie Musiker der ersten Generation kulti-\nvieren die kleinen vokalen Formen: das\nChor- und Sololied. Das von ihnen Ge-\nschaffene bewegt sich in dem Kreise des\nmlnlatürhaften Vokalschaffens, welches das\nMerkmal der populären Ausdrucksmittel\nträgt. Stammvater des bulgarischen Chor-\nund Schulliedes ist Emanuel Manoloff\n(1860 1902), zweifellos der populärste und\nbeliebteste bulgarische Komponist. Seine\nKompositionen sind in allen Schichten des\nVolkes lebendig, und darum hat er den\nNamen Volkskomponist verdient,\nAngel Bokureschtlieff (1870) überragt\nin künstlerischer Beziehung mit seinen\nVolkslieder-Potpourris bedeutend das von"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3182, "texte": "Manoloff geschaffene. Eine kompliziertere\nharmonische Grundlage und die an einigen\nStellen eigenartige Führung der Stimmen\nverleihen seinen Potpourris größere Viel-\nseitigkeit und mehr Bewegung.\nNach Manoloff nimmt wegen der Populari-\ntät, der Unmitttelbarkeit und Ungekünstelt-\nheit eine der ersten Stellen Dobri\nChristoff (1876) ein, der sich mit be-\ndeutend größerm Künstlertum als dieser in\nder Bearbeitung der Volkslieder auszeichnet.\nSein größter Verdienst besteht jedoch darin,\ndie Erforschung der bulgarischen Volks-\nmusik zu einer wissenschaftlichen Höhe ge-\nführt zu haben mit der Arbeit „Rhythmische\nGrundlagen des bulgarischen Volksliedes\",\ndie von der Akademie der Wissenschaften\nprämiiert worden ist.\nDimiter Hadschi Georgieff (1874)\nwurde bekannt, als er zwei erste Prämien\nfür die Kantate „Zar Befreier\" und die\nOuvertüre „Lissez“ erhalten hat. Etwas\nspäter schuf er seine dramatische Operette\n„Tahir Begowitza“ mit Sujet aus der Knecht-\nschaft Bulgariens, in der er das Material\ndazu aus dem musikalischen Volksschaffen\nentnommen hat.\nDie bedeutendste Persönlichkeit in dem\nOperschaffen Bulgariens ist Georg Ata-\nnass off - Maestro (18821, dessen erste\nOper „Borislav\" 1911 erschien und einen\nfurchtsamen, unsicheren ersten Schritt dar-\nstellte. Die ihr im Jahre 1917 gefolgte\nzweite Oper „Gergana“ zeigte, daß in\nAtanassoff zweifellos ein Talent für die\nOper steckte. Aber erst die nach dem\nWeltkriege entstandenen „Die verödete\nMühle\", „Zweta\" und die neueste „Kossara“\n(1927) befestigten seine Stellung als be-\ndeutendster bulgarischer Opernkomponist.\nDie Opern Atanassoffs haben mehr\nmusikalisch-erzieherische Wirkung, als musi-\nkalisch-dramatische. In „Kossara\" realisiert\ner schon eine größere Geschlossenheit und\nEinheitlichkeit der Konzeption. Hier spiegeln\nsich ein größerer Drang zur Erlangung eines\nStils, sowie auch ein größeres künstlerisches\nBewußtsein wieder.\nEin anderer Komponist, der erfolgreich auf\ndem Gebiete der Oper gearbeitet hat, war\nDimiter Karadjoff (1884—1924), dessen\nOper „Der junge König\" in der Wiener\nVolksoper aufgeführt wurde. Diese sowie\nseine Oper „Milkana“ und andere Orchester-\nschöpfungen haben große künstlerische\nQualitäten.\nPetko Naumoff hat einige Piegen für\nGeige (bulgarische Rhapsodien), Orchester-\nschöpfungen, sowie Chor- und Sololieder\ngeschrieben. Nikola Atanassoff hat unter\nanderem auch zwei Symphonien geschaffen.\nAl exander Kressteff, Peter Bojad-\njieff, Panajot Pipkoff und andere arbeiten\nhauptsächlich auf dem Gebiete des Chor-\nliedes. Panajot Pipkoff ist unter anderem\nAutor einiger Kinderoperetten.\nWährend das Schaffen der bisher erwähnten\nKomponisten hauptsächlich eine historische\nund lokale Bedeutung hat, stellt die neue\nGeneration ihr Schaffen auf eine breitere\nGrundlage, sodaß es auch für die Entwicklung\nder modernen europäischen Musik von Be-\ndeutung sein kann.\nPetko Stajnoff, der in letzter Zeit viel\nvon sich reden machte, hat „Thracische\nTänze1' und „Legende\" für Orchester ge-\nschaffen, die auf den rhythmischen Besonder-\nheiten der bulgarischen Volksmusik be-\ngründet sind. Er besitzt eine sehr große\nmusikalische Kultur und eröffnet schöne\nHoffnungen auf eine schöpferische Ent-\nwicklung."}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3195, "texte": "Assen Dimitroff hat zwei große Orchester-\nschöpfungen geschrieben, ein symphonische\nDichtung „Hadschi Dimiter“ und „Zigular\nkaschta ne hrani“, in Variationsform, die\nvielfach im Auslande aufgeführt wurden.\nAußerdem hat er eine Burleske und ein\nPoem für Violine, Klavierstücke, Lieder, ein\nStreichquartett und anderes mehr geschaffen,\ndie ein bedeutendes Können zeigen.\nHeraklit Nestoroff nimmt eine eigene\nStellung ein. Er hat unter anderem die\nsymphonische Dichtung „Sommertag\", einige\nKlavierstücke und anderes geschrieben.\nSeine Musik steht der europäischen Moderne\nnahe, doch versucht er eine Synthese aus\ndem neuen universellen Musikgeist und dem\nspezifisch bulgarischen des Volksliedes zu\nschaffen. Er hat eine große Zukunft.\nDer zweifellos bedeutendste aller jungen\nbulgarischen Komponisten ist Pantscho\nWladigeroff, dessen Name weit über\ndie Grenzen der Heimat hinaus bekannt ist.\nNachdem er Theorie bei Dobri Christoff\nin Sofia gelernt hat, trat er 12jährig in die\nBerliner Hochschule für Musik und später\nin die dortige Akademie der Künste ein.\nNach der Beendigung seines Klavierkonzertes\nop. 6 erhielt er den Mendelssohn-Preis und\nim Jahre 1920 denselben Preis zum zweiten\nMal für sein „Impressione\" für Orchester.\nJetzt ist Wladigeroff erst dreißigjährig und\nhat schon ein schöpferisches Werk von\n25 großen Opusen hinter sich: Orchester-,\nKammer-, Instrumental- und Vokalmusik,\ndarunter zwei Klavier- und ein Violin-\nkonzert. Seine schöpferische Persönlichkeit\nvereinigt glücklich in sich elementare ur-\nbulgarische Kraft und westliche Kultur.\nDie rhythmische Polyphonie ist eines der\ncharakteristischen Stilmerkmale des Schaffens\nWladigeroff’s. Seine Harmonie ist in ihrem\nWesen dissonant, aber nicht atonal. Mit\neinem gesunden polyphonen Gefühl ist seine\nKontrapunktik eine völlig normale Folge\nseines breiten tonischen Denkens und seiner\nAssoziationen.\nVon den übrigen jungen Komponisten\nBulgariens beachtenswert und für die zu-\nkünftige Entwicklung viel versprechend sind\nZ. Zankoff, D. Tumangeloff, Dimiter\nNenoff und Pavel Stefanoff.\nDer Weg von Emanuel Manoloff bis heute\nwar für das bulgarische Musikschaffen schwer.\nEr stellt ein Streben, ein Suchen und einen\nDrang nach dem Höheren dar. Hoffen wir,\ndaß es den jungen Komponisten Bulgariens\ngelingen wird, ihr Ziel zu erreichen^\nAußer den bisher erwähnten Komponisten\nverfügt Bulgarien über eine ganze Reihe\nvon ausgezeichneten Instrumentisten und\nSängern von internationalem Ruf, die schon\nvielfach überall in Europa und Amerika\ngastierten. Die bedeutendsten sind: die\nGeiger Sascha Popoff und Lüben Wla-\ndigeroff, die Violoncellisten Slavko\nPopoff und Wesselin Wapurdjieff, der\nKontrabassist Assen Wapurdjieff. die\nPianisten Iwan Tortschanoff, Andre1\nStojanoff, 1 iliana Dobri Christowa’\nSängerinnen und Sänger wie Christin a\nMorfowa, Anna Todorowa, Elena\nTosskowa, Swllarowa und Peter Reit-\nscheff.\nEin Volk wie das bulgarische, das ein so\nreiches Volksmusikschaffen besitzt und das\nim Laufe eines halben Jahrhunderts freien\nLebens solche großen Fortschritte in musi-\nkalischer Hinsicht realisieren konnte, solch\neinem Volk eröffnet sich zweifellos eine\nglückliche und große musikalische Zukunft,\nan die wir fest glauben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c029", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "47", "image_debut": 35, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.25", "titre_corps": "Armut", "titre_sommaire": "Armut", "signature_source": "Dimiter Pantaleeff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 35, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.35", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 337, "texte": "Armut\nDimiter Pantaleeff\nIn mein Zimmer kommt die Sonne nicht\nund auf dem Fenster blüht mir kein Basilikum\nzusammengerollt vor Kälte auf dem Hof\nspielt der Wind auf einer Buchengeige.\nDer Abend fällt durch den Schornstein\nwie ein Wollknäuel auf den Boden,\nwo ich bleich und hungrig darniederliege\nund den ganzen Tag in Schlaf verbrachte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c030", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "47", "image_debut": 35, "image_fin": 35, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.26", "titre_corps": "Kleinfamilienhaus", "titre_sommaire": "Kleinfamilienhaus", "signature_source": "Chr. 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Marziilier & Co., Berlin W\nGrunewaldstraße 14-15\nHofspediteur S. M. des Königs von Spanien\nGegründet 1854 Gegründet 1854\nSpedition u. Möbeltransporte, Verpackung u. Lagerung\nvon Gemälden u. Kunstgegenständen jed. Art, Lieferung\nund Empfang nach und von allen Kunstausstellungen\ndes ln- u. Auslandes. 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Hier aber, in-\ndieaam Buche, ist er nichts als das, und gerade das ist das\nGrosse, das Erschütternde an dem vorliegenden Werke. Wat\nfür Tatsachen, was für Zahlen, was für protokollarische An!»\nZeichnungen! Wenn ein Buch Epoche machen kann, Bücher\ndieser Art können es. 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S, H, IV bis IX kostet Je 30 Rw., 3d.///33Rm.\nSie beziehen das Werk\ndurch jede gute Buchhandlung\nund erhalten dort auch kostenfrei\nausführliche Ankündigungen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c042", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c042", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "51", "image_debut": 39, "image_fin": 39, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.38", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 39, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.39", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 633, "texte": "Verlas Der Sturm / Berlin Wl5\nRUDOLF BLÜMNER\nDer Geist des Kubismus und die Künste\nMit Abbildungen / M 3\nHERMANN ESSIG\nüberteufe!\nM 2\nERNST MARCUS\nDas Problem der excentrischen Empfindung\nund seine Lösung\nM 2.50\nLOTHAR SCHREYER\nNacht\nDrama / M 1\nKURT SCHWITTERS\nDie Blume Anna *\nGedichte / M 1\nAUGUST STRAMM\nGesammelte Dramen\nZwei Bände / Jeder Band gebunden M 4\nKARL VOGT\nDer Krieg\nEin Chorspiel / M 0.80\nPraxis des Sprechchors\nM 3 - -\nHERWARTH WAIDEN\nEinblick in Kunst\nEine Einführung in die neue Kunst I Mit 70 Abbildungen\nAchte Auflage / Gebunden M 2.50\nWeib\nKomitragödie / M 2\nIm Geschweig der Liebe\nGedichte / In Leinenband M 3"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1929-10-01-c043", "article_bluemountain": "bmtnabg_1929-10_01#c043", "volume": "bmtnabg_1929-10_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "52", "image_debut": 40, "image_fin": 40, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.2.39", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 40, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.40", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1314, "texte": "Dr. Walther Rothschild / Berlin-G r u n e w a 1 d\nSoeben erschien:\nHeinrich Heines\ngeistige Gestalt und Welt\nVon\nDr. Kurt Sternberg\nVIII und 346 Seiten Grossoktav 14 M., Ganzleinen 18 M.\nHeine sagt selbst, dass an seiner Wiege die letzten Mondlichter des 18, und\ndas erste Morgenrot des 19. 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Der Abschluss im Völker\nmordenden Giftgaskrieg wirkt schauerlich ... Auch zum Vortrag\ndurch einen ausdrucksstarken Rezitator zu empfehlen.\nDER AUSRUFER: Die Vermeidung eines oratoralen Charakters\nmacht die Dichtung besonders wertvoll. Selbst im Schlusschor ist\ndie Grenze des Lyrischen noch weit genug entfernt. Es ist einer\nder wenigen Chöre, denen wirkliche dramatischeKraftinnewohnt.\nKARL WILKER (Das werdende Zeitalter): Man sollte meinen:\nes müsste anders werden wenn nicht Bücher wie dieses\nanstatt von Millionen nur von Hunderten gelesen würden.\nDER JUGENDSPIELPFLEGER: Dieser Ruf ertönt mit einer\nmonumentalen Gewalt . . .\nPraxis des Sprechchors\nMIT REGIEBUCH DES CHORSPIELS „DER KRIEG“\nKarl Vogt\nPreis 3 Mark\nKarl Vogt, bewährt durch eine zwanzigjährige\nBühnenpraxis und durch seine Erfahrung als Leiter\ndes Sprechchors der Berliner Volksbühne,\nschafft mit seinem Buche nunmehr endgültig Klarheit\ngegen die Unsicherheit und Streitfragen über das Problem\ndes Sprechchors. Die Notwendigkeit und Möglichkeit\ndes Sprechchors als Instrument der Zeit wird nachgewiesen.\nZugleich auch sprachtechnisch eine ganz neue Funktion\ndes Sprechens, die für jeden Sprecher und Sprechkünstler\nvon grösster Wichtigkeit ist. Das ganze ist ein fast\nspannend zu lesendes Dokument für die neue Ausdruckskunst.\nINHALT:\nVoraussetzung\nLegitimierung des Chorspiels\nDas Wesen des Sprechchorischen\nDie Gestaltung der Sprache\nVom Sinn der Bewegung\nDie Atmung\nDie Funktion des Sprechens\nDas phonetisch-gymnastische\nAusdrucksalphabet\nDas Regiebuch des Chorspiels\nDer Krieg"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.5", "texte": "Die junge bulgarische Kunst\nIwan Tuteff\nIn allen Perioden des Kulturlebens der\nMenschheit ist das große Problem der Kunst\noft mit der schöpferischen Rolle des Indi-\nviduums verbunden worden. Aber\nwas ist Kunst und was ist schaffender\nKünstler? ~ . Eine Frage, auf welche eine\ndogmatische Antwort unmöglich ist Richtig\naber ist der Gedanke Wilde’s, daß ~das\nWahre für das Leben auch wahr ist für die\nKunst“, d. h. jene Kunst ist wahr, welche\nden sozialpsychologischen Notwendigkeiten\nder Zeit entspricht Superkoordination\ndes Massenwillens zur Schaffung neuer\nFormen.\nWir werden nicht auf die literarischen Schulen\nund auf die Kunstströmungen eingehen, die\nso oder anders auch die bulgarische Kunst\ndurchlaufen hat. Die Rolle, welche sie\nspielten, war für die Entwicklung der\nbulgarischen Kunst und Geisteskultur keines-\nfalls erfreulich, und wenn man auch ihren\nWert für die Formung und Bildung der\nbulgarischen Kunstsprache anerkennt, so\nmuß man doch sagen, daß sie nicht fähig\nwaren, eine künstlerische Tradition mit\neigenen Prinzipien und Idealen, mit eigenem\nethischen Inhalt zu schaffen.\nDer Realismus, entstanden als Gegengewicht\ngegen den mythischentranscendentalenßausch\nund die pessimistisch-dekadente Unaktivität\ndes Romantizismus, wurde in West-Europa\nSynthese der sich neu formierenden bürger-\nlichen Gesellschaft und ihrer sozialen Ten-\ndenzen. Seine Wirksamkeit in Bulgarien\nbeschränkte sich nur auf den Versuch, einen\nnationalen Stil zu schaffen. Dieser Versuch\nblieb fruchtlos, da der bulgarische\nRealismus als künstlerische Konzeption nicht\ndie richtige Basis finden konnte. In ver-\nhältnismäßig kurzer Zeit wurde er durch\nden Symbolismus verdrängt, entstanden an-\ngeblich als Reaktion gegen die übermäßige\nMaterialisierung des schöpferichen Bewußt-\nseins. Der Symbolismus, als Träger eines\nsynthetischen Individualismus, dabei noch\naus dem Auslande stammend, blieb dem\nbulgarischen Wesen ziemlich fremd.\nDer Nationalcharakter und die Psychologie\ndes Bulgaren zeichnet sich durch ein stark\nentwickeltes, kollektivistisches und recht-\nliches Gefühl aus. Der Symbolismus unter-\ngrub und unterwühlte diesen Geist, lenkte\nihn von den Bahnen des Gesunden und\nLebensfähigen ab, warf ihn in das Chaos\neines sinnlosen Mystizismus, demoralisierte\nvollkommen einen großen Teil der Jugend\nund diese seine traurige Rolle dauert fast\nbis zum heutigen Tage fort. Das ist der\nWeg der bulgarischen Literatur, der zum\njetzigen ideellen und formativen Chaos\ngeführt hat.\nDas Gesunde und Lebensfähige wurde aber\ndoch nicht ganz abgetötet. Aus der Asche\nder verwüsteten bulgarischen Seele entstand\nder Phönix eines neuen schöpferischen\nDranges. Der erste Versuch der bulgari-\nschen Kunst und Literatur, eine neue Linie\nder Entwicklung vorzuzeichnen, wurde von\nGeo Mileff unternommen, mit dem Beginn\ndes dritten Jahrganges der Zeitschrift"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.6", "texte": "„Wezni“. Mileff war die bedeutendste\nPersönlichkeit und der Sammelpunkt der\nAvantgarde des Neuen. „Wezni“ stellte\nbald sein Erscheinen ein und der erste\nVersuch blieb ohne große reelle Ergebnisse.\nDie neue Strömung als solche aber konnte\nsich formieren, konnte ihren eigenen Stil,\nihre eigenen künstlerischen Gedanken und\nIdeale schaffen, welche nicht ohne einen\ngewissen Einfluß auf die junge bulgarische\nKunst geblieben sind.\nDie zeitgenössische Kunst und Kultur der\nWelt stand in den Nachkriegsjahren an\neinem verhängnisvollen Kreuzwege, und auch\nheute ist die Situation im Grunde noch die\ngleiche. Es steht bevor; entweder Rück-\ngang zur dekorativen Unterstreichung von\n„äußeren\" und „inneren“ Formen oder\nVorwärtsbewegung zur Konstruktivisierung\njeder schöpferischen Form. Den letzten\nWeg schlug die junge bulgarische Kunst\nein. Die Basis, auf die sie sich stellte,\nwar: nicht die innere Fiktion „Mensch“, son-\ndern der konstruktive Begriff „Menschheit“\nist das Wesen der wahrhaft aktuellen Kunst!\nJene materielle Notwendigkeit ein\nProdukt des Lebensinstinktes ist ein\ndefinitiver Faktor. Sie bestimmt den schöpfe-\nrischen Weg des suchenden Menschen in\nder Bewegung zur Abrundung seiner Welt-\nanschauung und verleiht der menschlichen\nKulturtätigkeit im allgemeinen den Charakter\nund den inneren Wert. Jedes Leben aber\nist Ausdruck elementarer Dynamik, und die\nKunst als Gestaltungsmittel des Lebens\nkann nicht ohne Leitung Ausdruck dieser\nDynamik sein. Die konstruktive Funktion,\ndie die Kunst im Leben der menschlichen\nGesellschaft ausübt, erzwingt von selbst\nschon eine Synthese. Heute kann die Kunst\nnicht mehr einer ausschließlichen „Ueber\"-\nAesthetik unterstellt werden, da sie Ausdruck\ndes kollektiven Willens zur Schaffung neuer\nFormen ist, der sich in der Herstellung\nnicht nur schöner, sondern auch „nützlicher\"\nDinge zeigt. Die neue Kunst soll vor\nallem ethisch und deswegen schon elementar,\neinfach und klar sein. Jede Kunstschöpfung\nsoll eine biometrische Konzeption darstellen,\nin welcher die Materie bis zum Minimum\nihrer typischen Kundtuung geführt ist. Die\n„neue“ Kunst verwirft aber den ausschließ-\nlichen Materialismus, der den Menschen\nunterjocht und aus ihm eine seelenlose\nMarionette in dem Theater der sinnlosen\nNatur machen könnte. Sie ist aber auch\nnicht kosmotheistisch. ln ihren Fundamenten\nsoll vielmehr ein koordinierter Super-\nnaturalismus liegen, welcher zu dem klugen\nVerständnis und der Beherrschung der\nMaterie verhilft. Die neue Kunst soll also\nfür die klare Permutierung einfacher Dinge\nin ein organisiertes Ganzes sein, welches\nin einer besinnten und in Aktivität konkreti-\nsierten, zweckgemäßen Bewegung resultiert.\nDas sind in Kürze die grundlegenden Be-\ngriffe der jüngsten Kunst Bulgariens, was\ndie Literatur und Malerei anbetrifft. Es\nist nicht das Ziel der jungen bulgarischen\nKünstler, eine Bewegung mit bestimmten\npolitischen Tendenzen zu schaffen. Für sie\nist es vor allem wichtig, den bulgarischen\nKünstler aus dem tötenden Morast einer\napathischen Unaktivität und ideellen De-\nmoralisation zu befreien, in die ihn der\nSymbolismus hineingetrieben hat, sich dem\nVolke zu nähern, indem sie ihm wirkliche\nkünstlerische Werte geben in einer neuen\nund aktuellen Form, die aber doch seinem\nVerstehen und Empfinden nahe steht.\nInwieweit das gelungen ist, überlassen wir\nanderen festzustellen. Jedoch ist das für den\ndeutschen Leser nicht nur als Entwicklungs-\nstufe in der Geschichte der bulgarischen Kunst"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.7", "texte": "interessant. Denn in der gesamten europäi-\nschen Kunst ist besonders in den letzten\nJahren ein deutlicher Drang zur Annäherung\nan den Geist des Neuen, Menschlichen,\nSachlichen, Schöpferischen zu verspüren.\nDie junge bulgarische Kunst ist ein Teil\ndieser Sehnsucht und so repräsentiert sie\nsich dem deutschen Kunstinteressenten.\n\nGrab\nGeo Mileff\nVariation des Volksliedes: « . . . dort werde ich mir mein Grab machen,\nwerde meinen Namen\nund meinen schweren Kummer daraufschreiben“\nIch gehe in deinem grünen Blick unter\nso ohne Leidenschaft und boshaft verbleicht\nist dein Lächeln für mich strenges Eis\nund jede Liebkosung qualvolles Metall;\nich trinke Wasser mit Asche in warmen Schlucken\nohne Jammer, ohne Niedergeschlagenheit, ohne Traurigkeit :\no, die Stunde der bitteren Flucht beschwört mich\nweit zu Stein, Flechte und Wüste\nDort erwartet mich ein Grab in geheimnisvoller Finsternis\nweder Trauerweiden noch Zypressen\nund in die Grabplatte werde ich einmeißeln\nselbst meinen Namen : bittere Chronik\nmeiner Liebe. . . .\nBlind hängt die Unendlichkeit.\nTief schweigt dort das farblose Gewölbe,\nStirbt blutiger Mond letztes Viertel\ninmitten Stein, Flechte, Knochen und Wüste."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.8", "texte": "Aus dem Poem „Die Hölle“\nGeo Mileff\nBlutig\nunsere Füße\nzerschnitten\nerstarrt:\nsieh uns du, Dichter!\nDie Wintersonne\ngrinsender Henker\ndie niemals\nSchlaf finden kann\nschindet unsere Haut:\nsieh uns du, Dichter!\ndu, Bruder!\nUnser Magen ist leer\nerschlaffte Haut\neiner alten Pauke\ndröhnt dumpf\nund wild drohend:\nHunger!\nHunger!\nHunger!\nHinter uns brausen\nendlose Reihen\nvon 100 PS-Automobilen,\nMotorzyklonetten,\nCabbis,\nFiaker,\nKarossen\ndahin\nund drin sitzen,\nstolz, ohne Angst,\njene,\ndie uns kennen,\nanerkennen,\nnicht vergessen\nuns Bettler\nund hilflose Leichen\nvon Haut und Knochen\ndurch die ganze Stadt in miserablen\nSpalieren aufgereiht\nlieber uns\nflattern\nglanzvolle Etagen,\nklatschen Balkons,\nklingen goldene Banken,\nsingen Mittagskathedralen,\nund auf die breiten Straßen zu\ngähnen purpurne Bäckereien\nübersatt\nund mit ihrem Brotaroma\nwehen uns die Felder\nder ganzen Welt an»"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.9", "texte": "Clam\nSirak Skitnik"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.10", "texte": "Die neue bulgarische Malerei\nSirak Skitnik\nSirak Skitnik, der Verfasser dieses\nArtikels, ist selbst einer der bedeutend-\nsten und bekanntesten Vertreter des\nneuen malerischen Stils in Bulgarien.\nSein größtes Verdienst ist, daß er sich\nals erster von der schablonenhaften Kunst-\nauffassung löste, zuerst zu einem neuen\nschöpferischen Bewußtsein vordrang.\nDurch seine Arbeiten sowie durch zahl-\nreiche kritische und theoretische Schriften\nbereitete er den Weg der Jungen. Seine\nBilder zeichnen sich durch eine charakte-\nristische Farbengebung und durch die\neigenartige Beherrschung des Raumes\naus. Seine Darstellung unterstreicht das\nAbstrakte, ohne die Linienführung zu\nentwirklichen und erfaßt gleichzeitig die\nMasse in ihrer vollen ureigenen Wesen-\nhaftigkeit.\nDie bulgarische Kunst steht noch immer im\nSchatten der Tradition. Der allgemeine\nkünstlerische Geschmack auch. Die Be-\nmühungen einiger wertvoller Persönlichkeiten\nder älteren Malergeneration, andere Kunst-\nbegriffe als die der Vergangenheit durch-\nzusetzen, führten nur zu sehr geringen\nErgebnissen. In ihrer Mehrheit streben\nauch heute noch die bulgarischen Maler\ndanach, den eingebürgerten Geschmack zu\nbefriedigen, dessen Grundlage eine sehr\nungenügende künstlerische Kultur ist, Im\ngegenwärtigen Entwicklungsstadium ringt\nder bulgarische Maler immer noch um die\nsouveräne Gestaltung der Natur und steht\nim Kampf gegen wesenlos gewordene Grund-\nsätze, die eine naturalistische Darstellung\ndes Gegenständlichen fordern.\nDas alles ist normal, aus der historischen\nEntwicklung logisch begründbar und un-\numgänglich: man kann von den Söhnen\neines Volkes, das erst seit fünfzig Jahren\nsein eigenes Leben lebt, keine Lösung\nkomplizierter künstlerischer Probleme ver-\nlangen, keine Kunstübung, die mit der west-\neuropäischen Gegenwart Schritt hält, welche\nin Bulgarien noch nicht bulgarische Gegen-\nwart ist. Und wenn man außerdem berück-\nsichtigt, daß man dort eigentlich erst seit\ndreißig Jahren von Kunst spricht, so müssen\nwir zugestehen, daß bisher schon ziemlich\nviel geschaffen und erreicht worden ist.\nVor allem sind in der Jugend des Landes\nmanche schöpferischen Kräfte und manches\nbedeutende Talent lebendig. Da es an\nEntwicklungsmöglichkeiten und klaren Richt-\nlinien leider noch oft fehlt, zerbricht die\nKraft der Jugend meist ergebnislos, trotz-\ndem garantiert sie allein den zukünftigen\nSieg.\nDiese Jugend zeigt uns auch die Anfänge\neiner neuen Kunst, eines neuen Begreifens,\neiner neuen schöpferischen Ideologie. In\ndiesen Anfängen gibt es keine Entdeckungen\nneuer Länder, sie sind aber doch sicheres\nMerkmal einer schnellen Ueberwindung der\nstarren Vergangenheitsform und jener\nkünstlerischen Anschauung, die an einem\nsinnlosen und kleinlichen Suchen nach genre-\nhaften Wirkungen Genüge findet.\nSelbst in der neuesten und talentvollsten\nProduktion der Jungen gibt es in Wirklich-\nkeit kein wahres, bewußtes Gefühl des\nZeitgemäßen. Sie trägt noch immer Spuren\nder Vergangenheit und erwächst aus einer\nunbefestigten Anschauung, die zwar das\nMorgen erstrebt, unbewußt aber doch noch\nVerbindung mit dem Gestern unterhält und"}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.11", "texte": "Tryptik\nIwan Mileff"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.12", "texte": "sich mehr oder weniger dem allgemeinen\nästhetischen Niveau anpaßt. Darum ist es\nbei der Beurteilung der zeitgenössischen\nbulgarischen Malerei schwer möglich, sich\ndes kategorischen Maßstabes der west-\neuropäischen Gegenwart zu bedienen. Die\nwenigen bulgarischen Maler, die über diesem\nUrteil stehen, verleihen mit ihrem Schaffen\ndem Streben und den Ergebnissen ihrer\nheimatlichen Kunst keinen Ausdruck: sie\narbeiten im Auslande unter anderen Bedin-\ngungen und ihrem angeborenen Talent\nwird dort ein anderer Weg gewiesen.\nIn der bulgarischen Kunst gibt es noch\nimmer keine bestimmten Richtungen und\nSchulen. Das ist sehr charakteristisch für die\nindividualistischen Bestrebungen derjüngsten,\ndie mit der Tradition des wohlanständigen\nSalonbildchens und mit der überlebten,\ngenrehaften „Schmücke - dein-Heim-Kultur\"\nbrechen wollten. Sie fühlen sich immerhin\nnoch nicht genügend fern von dem was\ngestern war, besitzen noch nicht genug Mut\nund Kraft, den Bruch mit der Tradition\nkonsequent durchzuführen. Der Fremde\nwird leicht diese scheinbare „Anomalie\"\nbegreifen es genügt schon ein ober-\nflächlicher Blick auf das bisher Geschaffene\nund auf die Bedingungen, unter denen es\ngeschaffen wurde Und gerade deswegen\ngewinnt das wenige Wertvolle, was die\nzeitgenössische bulgarische Malerei hervor-\ngebracht hat, einen um so größeren Wert\nAls Reaktion auf eine sehr starke Hinge-\ngebenheit an das Gegenständliche trat der\nverstorbene Iwan Mileff mit seiner\nMalerei auf, die von ihm selbst tief emp-\nfunden wurde als eine Schau hinter die\nGegenstände. Der ethnographische Vorwurf\nwird in seinen Bildern zum Mythos ver-\ngeistigt. Seine Darstellung des alltäglichen\nVolkslebens eröffnet den Durchblick auf\ndie legendäre, ferne Herkunft. In seiner\nMalerei ist etwas Atavistisches: sie hat\nmanche Berührungspunkte mit der altbulgari-\nschen Ikonenmalerei, sie birgt etwas vom\nGeiste der bulgarischen Klöster in sich und\nsie weist uns bisweilen auf die merkwürdige\nSchönheit der bulgarischen Stickerei hin, die\nin Ornament und Komposition so reich und\nvielfältig ist. Vielleicht liegen hier die\nWurzeln des für Mileff so charakteristi-\nschen Stils. Für ihn ist die Lebens-\nweise des Volkes Ausdruck des urbulgari-\nschen Nationalgeistes und menschlicher\nUiprünglichkeit überhaupt; etwas, das die\nKraft eines Ritus gewonnen hat und das\ngetragen wird von der geheiligten Ueber-\nlieferung vieler Generationen. Dieser Maler\nbesaß ein sehr reiches Innenleben, das er\njedoch erst in der kurzen Periode des\nSchaffens vor seinem Tode vollkommen\nbildhaft zu verkörpern vermochte,\nKampf um die Beherrschung der Materie,\nErfassung und Realisierung ihrer Elementari-\ntät, das ist auch heute noch das Schaffen\nWladimir Dimitroff-Majstora’s. Dieser\nMaler mit gesundem und urwüchsigem\nInstinkt nähert sich sehr der westeuropäi-\nschen künstlerischen Kultur. Seine Land-\nschafts- und Figurenkompositionen, die nicht\nnur die Oberfläche der Dinge darstellen,\nwachsen hinaus aus Zeit und Raum in eine\ndynamische, brennende Atmosphäre ekstati-\nschen Erlebens Er vernichtet die Natur-Form\nnicht ganz, kommt nicht bis zu künstlerischen\nAbstraktionen, sondern er deformiert nur\ndie gewöhnliche Materie und vergeistigt sie\ndadurch so, daß alles auf jene primitive\nAnschauungsweise zurückgeführt erscheint,\ndie auch die toten Dinge beseelt. Der\nMensch, die Steine, die Bäume, die Berge,\nsie sind ihm gleich lebendig oder gleich tot,\nsie sind ihm gleichwertig und vom gleichen"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.13", "texte": "Spiegelung\nSirak Skitnik"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.14", "texte": "Rhythmus getragen. Dimitroff-Majstora ist\neine große Hoffnung der bulgarischen Malerei.\nFast alle seiner Arbeiten sind vom Auslande\nangekauft worden.\nKultur und zweifelloses Talent zeigen die\nArbeiten eines anderen jungen Malers\nDetschko Usunoff, der noch ganz\nSuchender ist Er bemüht sich, die rohe\nNatur zu überwinden, indem er sich bald\nan die bulgarische Ikonenmalerei anlehnt,\nbald aus seiner eigenen Fähigkeit schöpft,\ndie innere Wesenhaftigkeit der Dinge und\ndas wahre Antlitz hinter der menschlichen\nMaske zu sehen. Eine Reihe von Studien\naus dem Klosterleben zeigt seine sichere\nBeherrschung des expressiven Stils und\nsein zeitgemäßes Gefühl für Farbe und\nKomposition.\nBentscho Obreschkoff steht der west-\neuropäischen Kunst nahe. Mit fast brutaler\nGier packt er die Natur und zertrümmert\nsie, um aus ihr etwas Eigenes zu formen\ndynamisch, charakteristisch. Seine Land-\nschaften schreien in der Gespanntheit der\nLinien und in dem gesteigerten Ton der\nFarbe. Seine Porträts enthüllen das Wesent-\nliche des Charakters. Obreschkoff’s Kunst\nist spontan und trotzdem differenziert. Ob-\nwohl bei der Entwicklung seines künstleri-\nschen Stils verschiedene Einflüsse wirksam\nwaren, ist er doch ein Künstler von ausge-\nsprochener Eigenart mit sicherem Gefühl\nfür das Zeitgemäße und ein Talent mit\nvielfältigen, reichen Möglichkeiten.\nAuf ganz anderer Ebene bewegt sich das\nSchaffen Georg Papasoff’s und Nikoley\nDulgeroff’s. Ihr Streben steht vollkommen\naußerhalb des Bannkreises der innerbulgari-\nschen Malerei. Papasoff arbeitet in Paris,\nDulgeroff in Italien. Papasoff, der in den\nKreis der Pariser Surrealisten gehört, ist\nseiner seelischen Grundstimmung nach infantil\nund primitiv. Mit der Leichtigkeit und der\nfröhlichen Verantwortungslosigkeit eines\nKindes schafft er sich eine hieroglyphenhafte\nund alogische Welt aus phantastischen\nZeichen und Farbenflecken, in der sich Teile\nder materiellen Welt mit den graphisch\nmalerischen Dingsymbolen verflechten\neine Welt, der nur eine irreale Logik Sinn\nund Verstand verleiht. Einige Ausstellungen\nin Paris, London etc haben seinen Namen\nin der westeuropäischen Kunstwelt bekannt\ngemacht,\nDulgeroff sucht mit seinen Bildern die\nkosmische Gesetzmäßigkeit zu erfassen.\nDer Kreis und das Quadrat sollen in tausend\nErscheinungsformen zeigen, daß ihr geo-\nmetrisches Wesen, gesteigert durch die\nreine ungebrochene Farbe, die Grundlage\nder beständigen Harmonie ist. Heute ist\nDulgeroff einer der wertvollsten Mitarbeiter\nder italienischen Futuristen.\nDamit sind beinahe alle diejenigen genannt,\ndie für die Zukunft der bulgarischen Malerei\nrichtungweisend sind. Man könnte außerdem\nnoch einige talentierte junge Leute erwähnen,\nwie Ilia Petroff und Wassil Stoiloff.\nIhr Wert wird erst „morgen“ zur Geltung\nkommen, wenn die bulgarische Malerei sich\nvon den Toten befreit haben wird. Heute\nist es noch unmöglich, allgemeine und\ndauernde Richtlinien zu formulieren."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.15", "texte": "Trauernde Mütter\nIwan Mileff"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.16", "texte": "Aviator\nLamar\nDu Wind böser Wind!\nAviator,\nmit den Flügeln des Windes\nüber Tiefen und Krater\ndu Aviator,\nin des Himmels Abgründen\nmit eisernen Hebeln\nO, Aviator!\nuf in den Raum\nna über die Menschen\nauf —hi\nna mit millionenfacher\nauf —hi Geschwindigkeit\nna motorische\nHi Möve !\nTrinke Du Schwarzes Meer Donau!\nDer Balkan soupiert mit den Gewittern\ndie Flüsse sangen aus seinen Brüsten . .\nSingen oder weinen die Menschen?\nErnte im Sommer wird fallen!\nLange werden hinauf schauen\ndie weißen Schnitter auf dem Felde\nwie reitest Du, Aviator\nauf einer weißen Stute in dem Raum?\nIn Müdigkeit und Kummer Du hörst dann\nden motorenen Puls der Erde:\ndein Vater, stürmisch und elementar,\nschleppt mit sich am Gürtel das Gebirge\nHi\nnun\nter —hi\nnun\nter hi\nnun\nter an den fernen Strömen\nentlang\nund trägt das gelbe Laub umher\nüber Bäche, über Flüsse\nund Behausungen ....\nlieber den Hütten reifen Kirschen\nund leuchtet des Lämmleins Haar;\nsag, erkanntest Du denn nicht da den\nMenschen\nneben den grünen Gewässern des Osem?\nDu Kreise über die schweigenden Aecker,\nzerschneide ihre tote Stille\nund komm, sag uns atemlos,\ndaß dort die goldene Ernte beginnt . . . .\nDu Wind\nböser Wind !\nAviator !\nmit den Flügeln des Windes\nüber Abgründe und Krater."}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.17", "texte": "Natur morte\nMascha Jiwkowa-Usunowa"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.18", "texte": "Dorf\nLamar\nAus dem Poem „Jahre des Friedens und des Krieges“\nUnter dem feurigen Brot der Sonne\nbraten Hütten und Dörfer\nund die Bauern eilen atemlos\nin die Brachen, die Saat zu werfen,\nDie Störche kommen an mit Brausen\nüber die Aecker, Wiesen und Marschen,\nund inmitten der Nester auf den Schornsteinen\ngeht auf der Frühlingsschimmer.\nDie jungen Frauen öffnen ihre Busen\nund küssen ihre ersten Jungen,\nund der Wind unter den Nußbäumen\nwiegt die bunten Schaukeln.\nBrennen die Augen der Ochsen\nauf die blauen Brachfelder\nund die Vögel schlagen\nin den Lazur silberne Messer ein.\nIn den grünen Gewässern und Tümpeln\nwimmeln die Frühlingsfische\nund von ihren treulosen Geliebten\nspielen die Hirten auf Flöten.\nKnarren die Joche über die\nblauen Brachfelder\nden ganzen Tag sind die schwarzen Männer\nüber den Pflug gebeugt.\nDer Tag sammelt die Sonnenherde\nauf der feurigen Weide des Himmels\nund verklingen die Flöten in dem Feld\nwo der Abend leise hinunterfällt."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.19", "texte": "Orientalisches Bad\nMax Metzger"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.20", "texte": "Der Marsch\nLudmil Stojanoff\n(Fragment aus der Novelle „Steinzeit“)\nFrüh kam der Herbst und wir marschieren,\nmarschieren Seltsames Schweigen liegt über\nder Erde. Die wilde steinerne Wüste, in-\nmitten welcher wir marschieren, drückt uns\nmit eisiger Gleichgültigkeit. Große Schweiß-\ntropfen rinnen von den Stirnen, alle atmen\nschwer, niemand spricht. Die kalten Granit-\nblöcke, die von den Gipfeln heruntergerissen\nwurden, die niedrigen Sträucher und seltenen\nBäume sehen auf uns mit seltsamen Blicken.\nTodmüdigkeit drückt uns. Schweigsam und\nfinster schreitetvorne der ungesellige Burssuk\nund sein breiter Rücken verrät unbesiegbare\nEntschlossenheit. Mit der Hand über den\nAugen, um sich vor den Sonnenstrahlen zu\nschützen, betrachtet er genau im Westen\ndie stolze Erscheinung der Blauen Gebirge,\nscharf, durchdringend und anhaltend, als\nwenn er hinter das Erkennbare schauen\nwolle, schüttelt ungläubig seinen Kopf und\nschreitet weiter mit seinem schweren, plumpen\nGang.\nWir bewegen uns langsam mit mechanischer\nErgebenheit hinter den großen geduldigen\nPferden, auf deren starken Rücken wie\nschwarze Tierkadaver die furchtbaren Ma-\nschinen des Todes liegen.\nEs vergehen viele Tage. Wir folgen dem\nsich zurückziehenden Feind auf den Fersen.\nDas besiegte und unterworfene Land hat\nsein Herz für uns verschlossen. Von den\nunbetretbaren Gebirgskämmen fallen ver-\neinzelte Salven; wir halten an, nehmen die\nschwarzen Eisenungetüme herunter und\nwenden ihre unheilkündenden Schlunde.\nWir wissen nicht, wo man auf uns im Hinter-\nhalt lauert. Alles ringsum, die Erde und\nder Himmel, die Wälder, die Flüsse und\ndie Engpässe atmen drohende Feindlichkeit.\nUnd von irdendeiner geheimen Macht ge-\ndrängt marschieren wir immer vorwärts,\nimmer vorwärts, und vor uns, wie ein\ntrauriger Vorbote, gleitet das graue Gespenst\ndes Herbstes.\nWir alle sind Schicksalskameraden. Doch\nniemand wußte um den seelischen Zustand\ndes Einzelnen. Bekleidet mit Schafsfellen,\ngealtert und hinkend schon, haben sie ein\nmüdes und gleichgültiges Aussehen, als wenn\nihnen die Natur während einem tausend-\njährigen Kampf den finsteren Stempel der\nAusgestoßenheit aufgedrückt hätte. Sie sind\nwirkliche Kinder der Erde, Schäfer und\nPflüger, mit verbrannter und aufgesprunge-\nner Haut, mit geöffneter, schwarzbehaarter\nBrust. Der Granit hatte ihnen von seiner\nAusdauer gegeben, aber wie auf dem Granit\nhat die Zeit auch auf ihnen fürchterliche\nund schicksalsschwere Verwüstungen ange-\nrichtet. Heute ertragen sie die Prüfungen\ndes Schicksals unbewußt und ergeben,\nempfangen den Tod ohne einen Ton des\nProtestes. Und nur allein derjenige, der\nVorstellung von dem Grauen unserer Lage\nhatte, konnte in ihren Seelen die von dem\nStaub der Vergangenheit bedeckten und\nvon der Zeit verwischten Schriften einer\nfernen Primitivität lesen.\nIn den ersten Tagen reizte uns immerhin\nnoch das bittere Geheimnis der Finsternis\nund Ungewißheit. Es war uns, als bewegten\nwir uns inmitten einer Legende von Hero-\nismus und aufopfernder Größe. Aber bald\nverschwand diese Stimmung, nicht zuletzt\nunter dem Druck der Landschaft, einem\nschwarzen feuchten Gefängnis gleichend."}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.21", "texte": "Manchmal war es uns, als liefen wir in einem\nverzauberten Kreis. Vom Himmel nieselte\nes dünnen Regen. Aus den bröckeligen\nAbhängen sprangen wilde Bäche, rasender\nSturmwind stieß in unser Gesicht. Schwere\nTage kamen für uns, regnerische und nebelige\nTage, voll Wildheit und finsterer Häßlich-\nkeit. Wir schritten über die kotigen Wege\nmit ergebenen und teilnahmslosen Mienen,\nwie Menschen, die zu ewigem Wandern\nund ewigem Krieg verurteilt sind.\nAbends halten wir an einem dunklen schweig-\nsamen Wald und richten unser Lager ein.\nFür eine kurze Zeit ist die Müdigkeit ab-\ngelegt, die zornige Verbissenheit gestillt,\nsind die nutzlosen Flüche heruntergeschluckt.\nElenoff bringt Buchenäste und macht Feuer.\nGrobe erfrorene Hände strecken sich nach\nseinen kupfernen Blumen, die Gestalten\nwerfen Riesenschatten in der Dunkelheit\nund mit gekreuzten Beinen, schweigsam\nund finster, sitzt der düstere Burssuk.\nRingsum nur das Murmeln halblauter Ge-\nspräche. Hoch über uns, in der tauben Tiefe\nder Nacht wiegt sich der ungeheuere zer-\nzauste Vorhang des Nebels, das Schweigen\nwickelt uns langsam in seinen Mantel und\nallmählich erlischt das Feuer. In dem\ndämmerigen Schleier des Nebels erscheinen\ndie Bäume wie Gespenster und der Mond\nwird zu einem verschwommenen formlosen\nFleck.\nMorgens marschieren wir weiter. Der Nord-\nwind bläßt die Novembertrompete. Der\nRegen hört auf, die schweren feuchten Winde\nheben sich, die fernen Gebirge tauchen in\nbleigrauem Ton unter. Schwere Ahnungen\nwerden in uns wach. Immer marschieren,\nmarschieren wir nach dem Westen. Unser\nMarsch hat kein Ende. Viele essen schon\nWurzeln.\nZusammen mit dem Unglück des Hungers\nund der Krankheiten überkommt uns auch\ndas Grauen des Todes. Es ist eine unsicht-\nbare Pest, unerwartet und brutal, sie wird\nvon Mensch auf Mensch übertragen. Dagegen\nmachtlos, treten wir ihr stoisch gegenüber\nund warten auf den Tod, mit zusammen-\ngebissenen Zähnen. Und wenn sogar der\ngroße, kräftige Elenoff fällt, begreifen wir,\ndaß für uns alles verloren ist. Er ist\nfürchterlich anzublicken. Sein gigantischer\nKörper zittert wie Espenlaub und er schreitet\nmit langsamen, unsicheren Schritten, bis ihn\ndie Agonie niederreißt. Und unsere finstere\nKarawane schreitet fort, hinauf auf dem\nengen Gebirgswege, und über uns pfeifen\ndie Winde des Winters.\nDer erste Schnee fällt. Erschöpft sterben\nauch die Pferde oder versinken in den\nGebirgsabgründen zusammen mit den Leuten\nund den Maschinengewehren. Wir irren wie\nblind durch dieses steinerne Labyrinth des\nTodes, ohne Gedanken, ohne Ziel, ohne\nKampf, ohne zu wissen wohin, ohne zu\nverstehen warum. Das dauert viele Tage.\nWir klettern auf die wilden Felsenkämme,\nerfroren, erschöpft und bleich in der unend-\nlichen Schneewüste. Nichts zeigt, daß dieser\newige Weg ein Ende nehmen wird. Taube\nApathie übermannt alle, viele schlafen im\nGehen. Endlich halten wir an. Mitten im\nHerz des Gebirges. Eiserner Winter über-\nfällt uns. Es ist grausig zu sehen, wie neben\nden ausgegangenen Feuern die einge-\nschlafenen Leute bedeckt mit weißer Decke\nerwachen, morgens, wenn im Himmel und\nauf der Erde eine unendliche Stille herrscht.\nDie Felsen hängen weiß und drohend, wie\nbereit einzustürzen und die Welt zu zer-\nquetschen hängen über jeden Weg, wo\ngrausame Schneestürme Lawinenhaufen und"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.22", "texte": "graue Nebel ziehen. Wir verkriechen uns\nin die öden verlassenen Höhlen wie eine\nTierherde, die von einer Todesgefahr ver-\nfolgt wird, und zusammengepreßt in unseren\ndunkeln, gähnenden Löchern, in unseren\nwilden unmenschlichen Schlupfwinkeln,\nschlafen wir, unruhig träumend. Ersticktes\nRöcheln und tiefes Stöhnen zerreißt die\nStille: als wenn dort etwas vernichtet wird\nmit schmerzlicher und grausiger Qual.\nJeder Tag gleicht dem anderen mit einer\ntraurigen erschütternden Genauigkeit . . .\n\nAus dem Poem „Untergang“\nIwan Hadschi Christoff\nIch bin nicht würdig-,\nan deinem klaren Ufer anzuleg-en, Seele\nund verderbe in den schwarzen Ruinen\ndieser unendlichen Finsternis,\nin welcher ich ein sündig-er Hurer bin\nund Kain für mich ein Traum ist.\nIch erinnere mich noch deiner wunderbaren Geheimnisse,\ndenn du hast nicht einmal schon versprochen\ndeinem bleichen Diener Treue\nund Zuflucht deinem wachen Wächter?\nDoch erreicht mich heute nicht mehr\ndie unzulängliche Gestalt deiner Fata Morgana\ndie alles widerlegende Zeit übermannte uns\nund wie schmerzlich ist es, dich so unnötig zu empfinden!\nWir waren ohne Gnade und stumm\nfür einander zu schlecht,\nund unsere Liebe so grob!\nTrauer war jede Schönheit\nund jede Sonne verlor sich\nin unserer Urhäßlichkeit\nUnd nun reift in uns\ndas sich aufbäumende Grauen!\nWas werden wir sein, wenn es Tag wird\nund die Sonne der Welt aufgeht? . , ."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.23", "texte": "Mann im Kloster\nDetschko Usunoff"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.24", "texte": "Sorge\nIwan Mirtscheff\nDie Sorgen des Alters bedecken\ndie großen Hoffnungen und Freuden;\nweit von jeder Erdennichtigkeit\nschreitest du, versunken in Gedanken\nwie in einem wogenden Getreidefeld\nObwohl du nicht ein Dichter bist,\nder dazu bestimmt ist,\ndas Göttliche wiederzuspiegeln,\nund deine Lippen stets flüstern: ich kann nicht\nbist Du seit deiner Geburt verdammt zu sehen,\nwie furchtsam und verborgen\nin den Städten von Granit eingeschlossen\ndas Leben der Menschen vergeht;\nzu sehen, wie müde Kinder früh Weggehen,\num ihr Brot mit Tränen zu befeuchten\nin große Gebäude, wo jeder ihrer Seufzer\nin reichlichen Gewinn verwandelt wird.\nKannst du denn, bleicher unbedeutender Dichter\nder Träume und der vertrockneten Blumen,\nden Kummer dieser Stadt\nund ihrer armen Bewohner trösten?\n\nDas Wesen der neuen bulgarischen Musik\nPantscho Wladigeroff\nDie Entwicklung und die Zukunft der bul-\ngarischen Musik liegen ausschließlich in\ndem Volkslied. Die eigene, fest umrissene\ncharakteristische Physiognomie der bulgari-\nschen Komponisten erklärt sich dadurch,\ndaß sie sich in das Wesen des bulgarischen\nVolksliedes einzuleben versucht haben. Die\nälteren bulgarischen Komponisten nutzten\ndie bulgarischen Volksmelodien so aus, daß\nsie sich mit einer einfachen Bearbeitung und\nHarmoniesierung der Volksmotive begnügten.\nGerade dieses bringt den Uebergang des\nVolksschaffens in ein individuelles nicht\ngenügend zur Geltung. Für den zeit-\ngemäßen bulgarischen Komponisten aber ist\nes wichtiger, in das Wesen des Motivs ein-\nzudringen und es durch sein eigenes musi-\nkalisches Gefühl wieder zu erschaffen.\nDie bulgarischen Volksmotive haben eine\ngroße Zukunft in der musikalischen Literatur\nEuropas, nicht zuletzt ihrer unregelmäßigen\nTakte wegen. Während sich manche euro-\npäischen Komponisten bemühen, auf dem\nVernunftwege in ihren Schöpfungen den\nunregelmäßigen Takt einzuführen, haben\nwir den Vorzug, ihn direkt vom Volke zu\nnehmen in einem vollkommen ausgeprägten\nRhythmus.\nDie deutsche, französische und englische\nmoderne Musik haben, infolge des außer-\nordentlich starken Einflusses ihrer zahlreichen\ngroßen Meister, alle Merkmale des Volks-\nhaften verloren. Wir Slaven, und besonders\nwir Bulgaren, haben es aber insofern leichter\nals die übrigen Europäer, weil wir heute\nnoch für die musikalische Literatur völlig\nneue Motive und Taktmöglichkeiten (z. B.\ndie unregelmäßigen Takte) direkt aus dem\nmusikalischen Schaffen des Volkes schöpfen\nkönnen. Es ist für einen slavischen Kom-\nponisten nicht unbedingt notwendig, auf\ndem Wege der radikalmodernen westeuro-\npäischen Musik zu wandeln, denn das Vor-\nhandensein eines so unerhört reichen, nicht\ngenügend ausgenutzten Volksschaffens er-\nöffnet ihm die weitesten Möglichkeiten."}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.25", "texte": "Dichter\nNikolaj Furdnadjieff\nIch kenne nicht die Stunde,\nin die ich plötzlich hier geraten bin,\nnun weiß ich aber doch,\ndaß ich lange\nund schwer in der Finsternis stand,\nwährend draußen heller Mittag leuchtet\nund kniehoch der Schnee liegt.\nIn dieser Stunde sehe ich\nwie der Himmelkreis draußen wächst,\nich sehe wie alt,\nwie starr und wie blind ich doch bin,\nauch wie Ihr alle\nin den Rauch,\nhinter den Fenstern erlöschet\nund sich stumpf\nTag nach dem Tag\nstaubige Tage einreihen.\nIhr alle seid gut,\nseid tief und klug\neure Worte klingen jetzt\nso mild’ und so weise,\naber tief in dem Hintergrund\neurer blauen, bleiernen Augen\nblinzelt ein kleiner und hinkender Tod.\nHier unter euch\nwerde ich vielleicht,\nso wie es sich gehört,\nganz anständige Bücher schreiben\nund werde nachher,\nwieder wie es sich gehört,\neinige Schulen durchlaufen\num schließlich\nein berühmter,\ndoch unnötiger Dichter zu sein.\nDarum will ich\ndie überflüssige und schwache Stimme\nin meiner Seele erdrosseln,\ndann werde ich nichts mehr wissen und denken,\nwerde Alkohol trinken\nund nur schwer und stumpf\nfür das schwarze Brot schuften."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.26", "texte": "Gedichte\nIwan Tuteff\n\nDrama\nOh, ich sehe heute\nmein Herz\nherbarisiert\nin dem Museum der Abendblätter.\nIn meinen Augen\nBinokular\nzittert\ndie kleine Träne,\ndie Mariann\nnach mir einmal verlor.\nJetzt ist es schon zu spät.\nDie gelben Augen der Nachtgebäude\nwerfen über mich grelle Speere.\nIn agonischer Angst\nrenne ich fort\nallein,\nverlassen\nUnd\nO, das Saxophon des Windes,\nder über den kotigen Straßen\nCharleston tanzt!\nAber,\ndoch\nerhebt\nDIE SONNE\nihr kolossales blutbeflecktes Plakat!\nIch halte ein.\nIn meinen Katzenaugen\nvertrocknet\ndeine letzte Träne, Mariann.\nUnd mutig\nzertrete ich meine eigene Angst.\nHier ernüchtert meine Seele\nirrationelle Einheit.\nIch werde ganz.\nAber irgendwo fern\nschlägt immer noch Alarm.\nDie rostige Uhr\neines epileptischen\nbösen Herzens.\n\nErnte\nDie reifen Aehren breiten\nüber die Felder gelben Teppich aus.\nUnter der glutgoldenen Pfanne der Sonne\nsiedet\ndie verdammte Tüchtigkeit\ndes Bauern.\nSchimmernd fallen\ndie Brotritter\nunter den Spießen der schwingenden Hände.\nIst das nicht der Hunger,\nden die Schnitter\nmit Roggenbrot und Knoblauch besiegen?\nEin kühner Traktor\nschlägt\na ta ka ka ka.\nReihe nach Reihe.\nUnd die Sonne\nhinkender Veteran\nin Hysterie\nwirft hinunter\nmit vollen Händen\n40 Grad wärme."}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.27", "texte": "Bildnis Iwan Tateffs\nDetschko Usunoff"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.28", "texte": "Das bulgarische Theater\nNikolaj Fol\nSechzig siebenzig Jahre zurück. Zeit der\nTürkenherrschaft. Die ottomanische Macht\nfühlte ihr Ende voraus. Das National-\nbewußtsein des Volkes erstarkte. Die Volks-\nerwecker entwickelten fieberhafte Tätigkeit:\nrevolutionär und aufklärend oder präziser:\nrevolutionär-aufklärend, da die Aufklärung\ndie revolutionäre Befreiung zum Ziel hatte.\nIn jener gärenden Epoche muß man den\nKeim des bulgarischen Theaters suchen.\nPrimitiv und naiv. Trotzdem hundert-\nprozentiges Theater, ins Leben gerufen\ndurch die Not der Zeit. Aktuell. Wirkungs-\nvoll. Theater, das weder höher, noch\nniedriger als das geistige Niveau des\nPublikums stand. Theater, das anfeuert,\ndie Massen hinreißt, die Revolution prokla-\nmiert, Repertoire: Improvisationen, naive\noriginal-bulgarische Dramen, für die revo-\nlutionären Ziele passende, umgearbeitete\nStücke. Schauspieler: Die Lehrer, die\nPopen, die Intelligenz.- Publikum; Von\nfünfzehnjährigen Knaben bis zu achtzig-\njährigen Greisen, die applaudieren, Hurra\nschreien, mit den Schauspielern zusammen\npatriotische Lieder singen, während der\nHandlung auf die Bühne springen und\nrevolutionäre Reden halten.\nTheater Tribüne.\nNach der Befreiung jedoch hatte das Theater\nseinen Einfluß auf die Volksmasse verloren,\ndurch die Bestrebung, „reine Kunst\" zu\nwerden. Die ersten professionellen Mimen\ntappen vollständig im Dunkel über die\nästhetischen und sozialen Richtungen, die\ndas Theater einzuschlagen hätte. Die Ideen,\ndie gegen Ende des vorigen Jahrhunderts\ndie Welt durchwogten, waren fremd für\nBulgarien, welches noch vom Wein der\nFreiheit berauscht war. Etwas später,\ngegen 1900, beim Auftauchen begabter, in\nRußland geschulter Schauspieler (Manja\nIkonomova, Rosa Popowa, Mate] Ikonomoff)\nund der Normalisierung des öffentlichen\nLebens, machten sich wandernde Schauspiel-\ntruppen mit höheren szenischen Anforde-\nrungen und seriöserem Repertoire auf den\nWeg: Shakespeare, Schiller, Ibsen, Gorki,\nTolstoi. Diese Truppen entfalteten vor\nallem bildende Tätigkeit.\nDas Theater wurde Schule für Erwachsene.\nDie Regierung hatte bald begriffen, daß sich\ndas Theater als Bildungsmittel für das Volk\nausnutzen ließe, begründete das Staats-\ntheater, erbaute das große moderne Theater-\ngebäude, bewilligte jährlich reichliche Zu-\nschüsse und zog die besten Schauspieler der\nprivaten Truppen heran. Das ist die\ndritte Phase des bulgarischen Theaters, die\nheutige: Im Ausland (Rußland und Deutsch-\nland) geschulte, hochbegabte Schauspieler\n(Budewska, Sarafoff, Klrkoff, Ognjanoff).\nAusländische Regisseure. Bulgarische Bühnen-\nwerke. Moderne Bühne (eine der besten\nEuropas; Versenk- und Seitenschiebebühne).\nAber.\nAuf diese Weise Brennpunkt der Theater-\nkunst Bulgariens geworden, schlug das\nStaatstheater leider bald eine Linie des\nKonservatismus ein, hinsichtlich des Reper-\ntoires wie auch der Kunstrichtungen. Den\naus Rußland vor dreißig Jahren über-"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.29", "texte": "nommenen Realismus kultiviert man noch\nheute in seinen langweiligsten Formen.\nZeitgemäße Fragen und soziale Ideen ver-\nsucht man auf der Bühne nicht zu lösen.\nDas Theater verliert den Kontakt mit der\nZeit. Außerdem, begrenzt auf Sofia, ist es\naußerstande, seiner ursprünglichen Bestim-\nmung zu dienen: allgemene Bildung und\nKultur in die breiten Volksmassen zu\ntragen.\nDer ganzen Provinz bleibt nur übrig, ihr\nTheaterbedürfnis durch wandernde und\nstädtische Truppen mit mittelmäßigen\nSchauspielern und ärmlich eingerichteten\nBühnen zu befriedigen. Diese Truppen\nführen ein anämisches Dasein, ohne Sub-\nsidien, ohne schöpferische Ideen, ohne klar\nbestimmte Aufgaben. Indessen ist das\nInteresse des Publikums nicht kleiner ge-\nworden, trotz der ungünstigen Umstände,\ndie der Entwicklung der szenischen Kunst\nim Wege stehen. Und eben diese Liebe\nder breiten Massen zur darstellerischen\nKunst und ihre respektvolle Beziehung zur\nBühne, geerbt von der Epoche vor der\nBefreiung, werden dem bulgarischen Theater\nhelfen, aus der Krise herauszukommen.\nVon neuem den Interessen und Idealen des\nVolkes angenähert, wird das Theater ge-\nnügend schöpferische Impulse in sich finden,\num die Bedeutung eines mächtigen sozial-\nkulturellen Faktors zu gewinnen, d.h.Theater\nzu werden in dem lebendigen Sinne des\nWortes. Die nahe Zukunft eröffnet dem\nTheater Bulgariens interessante und\nneue Enlwicklungsmöglichkeiten. Die dazu\nerforderlichen Voraussetzungen sind vor-\nhanden: der Uebergang fast aller bulgari-\nscher Schriftsteller zum Bühnenschaffen,\nbegabte junge Schauspieler, bis jetzt unge-\nnutzter eigentümlicher nationaler dekorativ-\narchitektonischer Stil, klare, scharf-akzentu-\nierte Sprache.\nDie Einflüsse, die gegenwärtig das fran-\nzösische, deutsche und russische Theater\nauf das bulgarische ausüben, werden für\ndieses nur eine Schule bleiben und ihm zu\nseinem eigenen Gesicht verhelfen. Aber\nwelche Formen auch das bulgarische Theater\nannehmen wird, sie werden eine Synthese\naus dem spezifisch bulgarischen Geist und\nden zeitgemäßen Form- und Ausdrucks-\nbestrebungen des deutschen und russischen\nTheaters darstellen."}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.30", "texte": "Hajduken\nNikolaj Marangosoff\nHeil euch,\nihr frohen und freien Bewohner des Balkanwaldes,\nihr Hirten,\nHolzfäller,\nHajduken!\nIn eurem hohen und einsamen Reich,\nweltentzogen und göttlich benachbart,\nverbrüdert mit Vogel und Wild,\nverwachsen mit Baum und Fels,\nlebt ihr zufrieden und selig\nund genießt euer einfaches Leben, einfache Sorgen\nund Glück\nDer Morgen erweckt euch\naus eurem gesegneten Traum\nund schenkt euch eine Frühkost aus Tau und Licht ein\nfröhlich verlaßt ihr Herbergen und Truen\nund tragt euren Gruß und euer Gebet\nder Sonne entgegen.\nGanz beschmückt\nmit Blumen und Laub,\nbewaffnet mit Beilen\nund Sägen,\nmit Flinten\nund Flöten,\nwandert ihr hindurch in den ewigen Wald\nauf euren Wolfsopanken,\nschreitet über Pfade und Wege,\nbewundert, beneidet,\nverborgen im Schatten der ewigen Stämme\nderen Höhe und Alter\ngen Himmel schreit\nund freut euch wie Kinder\nüber den Widerhall\neurer eigenen Stimmen und Schritte . . . .\nO, träumerische Lieder der Wasserfälle\nund der rauschenden Quellen,\nwildes Geknall der Hajdukenflinten\nund lustiger Schall der Holzfällerbeile und Sägen!\nO, mildes Flötenlied des Abendwindes\nund der talabwärts heimkehrenden Hirten\nihr tragt den Grub der Hajduken\nmit nach dem Tiefland hinunter,\nnach den blühenden Feldern\nmit Weizen,\nTabak\nund Rosen."}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.31", "texte": "Bildnis einer alten Frau\nBentscho Obreschkoff"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.32", "texte": "Die bulgarische Musik\nIwan Kamburoff\nDie vom vierzehnten bis neunzehnten Jahr-\nhundert dauernde Knechtschaft des bul-\ngarischen Volkes unter den Türken hat\nBulgarien sowie die übrigen Balkanländer\nvöllig von den kulturellen Strömungen des\nübrigen Europa isoliert. Der noch im\n12 Jahrhundert erstandene kontrapunktische\nStil, sowie die gesamte musikalische Re-\nnaissance Europas übten auf das Schaffen\ndes bulgarischen Volkes fast gar keinen\nEinfluß aus.\nDas Volkslied blieb das einzige Mittel,\ndurch welches das Volk uneingeschränkt\nAusdruck seines Kummers über die ver-\nlorene Freiheit verlieh! So wurden die\n„Hiljadnizi“, die sogenannten schwermütigen\nLieder geschaffen, in denen wie ein breiter\nmächtiger Fluß die Trauer der Volksseele\neinherströmt. Aus der Sehnsucht und den\nFreiheitskämpfen aber werden die pracht-\nvollen bulgarischen Heldenlieder erschaffen,\nwelche der Breite und Schönheit der melo-\ndischen Linien wegen mit den russischen\nBogatir-Liedern rivalisieren können.\nDie Ansicht des bekannten ungarischen\nKomponisten und musikalischen Volkloristen\nBela Bartök, daß die in musikalisch-volklo-\nristischer Beziehung interessantesten Länder\nRußland und die Balkanstaaten sind, findet\nihre volle Bestätigung in der bulgarischen\nVolksmusik. Denn in Bulgarien hat sich,\nseiner geographischen Lage wegen als\nHauptweg von Osten nach Westen, eine\nMusik gebildet, in deren rhythmischer\nBesonderheit sich der älteste archaische Stil\ndes frühesten Christentums vorfindet, ver-\nmischt mit dem des neueren. Nicht minder\ninteressant ist die bulgarische Volksmusik\nin ihrer tonalen Grundlage. So findet man\nLieder, die in die tonalen Reihen der alt-\ngriechischen Musik gehören; in anderen gibt\nes Reste von der altgriechischen enharmoni-\nschen Musik (mit Distanzen weniger als\nHalbton); wieder andere, die als Grundlage\ndie sogenannte „Zigeuner\"-Skala haben,\ndann solche nur in der Quarte ohne die\nHalbtonreihe und schließlich auch solche,\ndie in die gegenwärtigen dur- und moll-Ton-\nreihen gehören, während die Pentatonik\nebenso nicht seltener zu finden ist.\nMan kann auch ein anderes wichtiges geistiges\nErbe aus der Vergangenheit des bulgarischen\nVolkes nicht unbeachtet lassen: die alt-\nbulgarischen Kirchenmelodien, die, voll\nOriginalität und Schönheit, einen großen\nEinfluß auf die russische Kirchenmusik aus-\ngeübt haben.\nNach der Befreiung (1878) konnte Bulgarien\nim Laufe nur eines halben Jahrhunderts\nfreien Lebens bewunderungswürdige Erfolge\nauf dem Gebiete der Musik realisieren.\nHeute verfügt es über eine ganze Reihe\nvon Schöpfern und Interpreten, die es sogar\nim Ausland würdig repräsentieren.\nDie Musiker der ersten Generation kulti-\nvieren die kleinen vokalen Formen: das\nChor- und Sololied. Das von ihnen Ge-\nschaffene bewegt sich in dem Kreise des\nmlnlatürhaften Vokalschaffens, welches das\nMerkmal der populären Ausdrucksmittel\nträgt. Stammvater des bulgarischen Chor-\nund Schulliedes ist Emanuel Manoloff\n(1860 1902), zweifellos der populärste und\nbeliebteste bulgarische Komponist. Seine\nKompositionen sind in allen Schichten des\nVolkes lebendig, und darum hat er den\nNamen Volkskomponist verdient,\nAngel Bokureschtlieff (1870) überragt\nin künstlerischer Beziehung mit seinen\nVolkslieder-Potpourris bedeutend das von"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.33", "texte": "Manoloff geschaffene. Eine kompliziertere\nharmonische Grundlage und die an einigen\nStellen eigenartige Führung der Stimmen\nverleihen seinen Potpourris größere Viel-\nseitigkeit und mehr Bewegung.\nNach Manoloff nimmt wegen der Populari-\ntät, der Unmitttelbarkeit und Ungekünstelt-\nheit eine der ersten Stellen Dobri\nChristoff (1876) ein, der sich mit be-\ndeutend größerm Künstlertum als dieser in\nder Bearbeitung der Volkslieder auszeichnet.\nSein größter Verdienst besteht jedoch darin,\ndie Erforschung der bulgarischen Volks-\nmusik zu einer wissenschaftlichen Höhe ge-\nführt zu haben mit der Arbeit „Rhythmische\nGrundlagen des bulgarischen Volksliedes\",\ndie von der Akademie der Wissenschaften\nprämiiert worden ist.\nDimiter Hadschi Georgieff (1874)\nwurde bekannt, als er zwei erste Prämien\nfür die Kantate „Zar Befreier\" und die\nOuvertüre „Lissez“ erhalten hat. Etwas\nspäter schuf er seine dramatische Operette\n„Tahir Begowitza“ mit Sujet aus der Knecht-\nschaft Bulgariens, in der er das Material\ndazu aus dem musikalischen Volksschaffen\nentnommen hat.\nDie bedeutendste Persönlichkeit in dem\nOperschaffen Bulgariens ist Georg Ata-\nnass off - Maestro (18821, dessen erste\nOper „Borislav\" 1911 erschien und einen\nfurchtsamen, unsicheren ersten Schritt dar-\nstellte. Die ihr im Jahre 1917 gefolgte\nzweite Oper „Gergana“ zeigte, daß in\nAtanassoff zweifellos ein Talent für die\nOper steckte. Aber erst die nach dem\nWeltkriege entstandenen „Die verödete\nMühle\", „Zweta\" und die neueste „Kossara“\n(1927) befestigten seine Stellung als be-\ndeutendster bulgarischer Opernkomponist.\nDie Opern Atanassoffs haben mehr\nmusikalisch-erzieherische Wirkung, als musi-\nkalisch-dramatische. In „Kossara\" realisiert\ner schon eine größere Geschlossenheit und\nEinheitlichkeit der Konzeption. Hier spiegeln\nsich ein größerer Drang zur Erlangung eines\nStils, sowie auch ein größeres künstlerisches\nBewußtsein wieder.\nEin anderer Komponist, der erfolgreich auf\ndem Gebiete der Oper gearbeitet hat, war\nDimiter Karadjoff (1884—1924), dessen\nOper „Der junge König\" in der Wiener\nVolksoper aufgeführt wurde. Diese sowie\nseine Oper „Milkana“ und andere Orchester-\nschöpfungen haben große künstlerische\nQualitäten.\nPetko Naumoff hat einige Piegen für\nGeige (bulgarische Rhapsodien), Orchester-\nschöpfungen, sowie Chor- und Sololieder\ngeschrieben. Nikola Atanassoff hat unter\nanderem auch zwei Symphonien geschaffen.\nAl exander Kressteff, Peter Bojad-\njieff, Panajot Pipkoff und andere arbeiten\nhauptsächlich auf dem Gebiete des Chor-\nliedes. Panajot Pipkoff ist unter anderem\nAutor einiger Kinderoperetten.\nWährend das Schaffen der bisher erwähnten\nKomponisten hauptsächlich eine historische\nund lokale Bedeutung hat, stellt die neue\nGeneration ihr Schaffen auf eine breitere\nGrundlage, sodaß es auch für die Entwicklung\nder modernen europäischen Musik von Be-\ndeutung sein kann.\nPetko Stajnoff, der in letzter Zeit viel\nvon sich reden machte, hat „Thracische\nTänze1' und „Legende\" für Orchester ge-\nschaffen, die auf den rhythmischen Besonder-\nheiten der bulgarischen Volksmusik be-\ngründet sind. Er besitzt eine sehr große\nmusikalische Kultur und eröffnet schöne\nHoffnungen auf eine schöpferische Ent-\nwicklung."}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.34", "texte": "Assen Dimitroff hat zwei große Orchester-\nschöpfungen geschrieben, ein symphonische\nDichtung „Hadschi Dimiter“ und „Zigular\nkaschta ne hrani“, in Variationsform, die\nvielfach im Auslande aufgeführt wurden.\nAußerdem hat er eine Burleske und ein\nPoem für Violine, Klavierstücke, Lieder, ein\nStreichquartett und anderes mehr geschaffen,\ndie ein bedeutendes Können zeigen.\nHeraklit Nestoroff nimmt eine eigene\nStellung ein. Er hat unter anderem die\nsymphonische Dichtung „Sommertag\", einige\nKlavierstücke und anderes geschrieben.\nSeine Musik steht der europäischen Moderne\nnahe, doch versucht er eine Synthese aus\ndem neuen universellen Musikgeist und dem\nspezifisch bulgarischen des Volksliedes zu\nschaffen. Er hat eine große Zukunft.\nDer zweifellos bedeutendste aller jungen\nbulgarischen Komponisten ist Pantscho\nWladigeroff, dessen Name weit über\ndie Grenzen der Heimat hinaus bekannt ist.\nNachdem er Theorie bei Dobri Christoff\nin Sofia gelernt hat, trat er 12jährig in die\nBerliner Hochschule für Musik und später\nin die dortige Akademie der Künste ein.\nNach der Beendigung seines Klavierkonzertes\nop. 6 erhielt er den Mendelssohn-Preis und\nim Jahre 1920 denselben Preis zum zweiten\nMal für sein „Impressione\" für Orchester.\nJetzt ist Wladigeroff erst dreißigjährig und\nhat schon ein schöpferisches Werk von\n25 großen Opusen hinter sich: Orchester-,\nKammer-, Instrumental- und Vokalmusik,\ndarunter zwei Klavier- und ein Violin-\nkonzert. Seine schöpferische Persönlichkeit\nvereinigt glücklich in sich elementare ur-\nbulgarische Kraft und westliche Kultur.\nDie rhythmische Polyphonie ist eines der\ncharakteristischen Stilmerkmale des Schaffens\nWladigeroff’s. Seine Harmonie ist in ihrem\nWesen dissonant, aber nicht atonal. Mit\neinem gesunden polyphonen Gefühl ist seine\nKontrapunktik eine völlig normale Folge\nseines breiten tonischen Denkens und seiner\nAssoziationen.\nVon den übrigen jungen Komponisten\nBulgariens beachtenswert und für die zu-\nkünftige Entwicklung viel versprechend sind\nZ. Zankoff, D. Tumangeloff, Dimiter\nNenoff und Pavel Stefanoff.\nDer Weg von Emanuel Manoloff bis heute\nwar für das bulgarische Musikschaffen schwer.\nEr stellt ein Streben, ein Suchen und einen\nDrang nach dem Höheren dar. Hoffen wir,\ndaß es den jungen Komponisten Bulgariens\ngelingen wird, ihr Ziel zu erreichen^\nAußer den bisher erwähnten Komponisten\nverfügt Bulgarien über eine ganze Reihe\nvon ausgezeichneten Instrumentisten und\nSängern von internationalem Ruf, die schon\nvielfach überall in Europa und Amerika\ngastierten. Die bedeutendsten sind: die\nGeiger Sascha Popoff und Lüben Wla-\ndigeroff, die Violoncellisten Slavko\nPopoff und Wesselin Wapurdjieff, der\nKontrabassist Assen Wapurdjieff. die\nPianisten Iwan Tortschanoff, Andre1\nStojanoff, 1 iliana Dobri Christowa’\nSängerinnen und Sänger wie Christin a\nMorfowa, Anna Todorowa, Elena\nTosskowa, Swllarowa und Peter Reit-\nscheff.\nEin Volk wie das bulgarische, das ein so\nreiches Volksmusikschaffen besitzt und das\nim Laufe eines halben Jahrhunderts freien\nLebens solche großen Fortschritte in musi-\nkalischer Hinsicht realisieren konnte, solch\neinem Volk eröffnet sich zweifellos eine\nglückliche und große musikalische Zukunft,\nan die wir fest glauben."}, {"page_pdf": 35, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.35", "texte": "Armut\nDimiter Pantaleeff\nIn mein Zimmer kommt die Sonne nicht\nund auf dem Fenster blüht mir kein Basilikum\nzusammengerollt vor Kälte auf dem Hof\nspielt der Wind auf einer Buchengeige.\nDer Abend fällt durch den Schornstein\nwie ein Wollknäuel auf den Boden,\nwo ich bleich und hungrig darniederliege\nund den ganzen Tag in Schlaf verbrachte.\n\nKleinfamilienhaus\nChr. Berberoff"}, {"page_pdf": 36, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.36", "texte": "Entwurf für ein Guasskino\nGeorg Manosoff"}, {"page_pdf": 37, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.37", "texte": "vajSWM/-:- S¥\\M3WB^;:vM!T !.:J Tw~v.-: W&\n--ACsi*V\n>Äf.i\nMUSIK BAUT DERSEELE\nGOLDNE BRÜCKEN\nIM HAUS AM ZOO\n•■•■.'. f\nVerlag Der Sturm / Berlin W 9\nKünstler-Postkarten / Verlag Der Sturm\nNach Gemälden, Zeichnungen und Bildwerken folgender Künstler:\nAlexander Archipenko / 4\nRudolf Bauer / 4\nVincenc Benes\nUmberto Boccioni f / 2\nCampen donc / 2\nMarc Chagall / 7\nOthon Coubine\nRobert Delaunay\nTour Donas\nLyonei Feininger\nAlbert Gleizes / 2\nJacoba van Heemskerck f / 3\nSigrid Hjerten Grünewald\nAlexei von Jawlensky\nBela Kädär\nKandinsky / 3\nPaul Klee\nOskar Kokoschka / 2\nFernand Leger / 2\nAugust Macke f\nFranz Marc f / 3\nCarl Mense\nJean Metzinger\nJohannes Molzahn\nGeorg Muche\nGabriele Munter\nGeorg Schrimpf\nKurt Schwltters\nGino Sererini\nFritz Stuckenberg\nArnold Topp\nMaria Uhden f\nWilliam Wauer / 5\nMarianne von Wereffcin\nNegerplastik\nGewebe aus Alt-Peru\nJede Karte 20 Pfennig / Farbige Karte Chagall: Die Kleinstadt / 30 Pfennig\nDie Ziffern hinter den Namen bedeuten die Zahl der reproduzierten Kunstwerke\nDichtungen von HERWARTH WALDEN\nTm Geschweig der Liebe / Gedichte / Gebunden in Ganzleinen 3 Mark\nDie Härte der Weltenliebe / Roman\nDie Beiden / Ein Spiel mit dem Tode\nGlaube / Komitragödie\nDas Buch der Menschenliebe / Roman\nJedes Buch 2 Mark\nErste Liebe / Ein Spiel mit dem Leben\nSünde / Ein Spiel an der Liebe\nLetzte Liebe / Komitragödie\nJedes Buch 1 Mark\nWeib / Komitragödie / 3 Mark\nKind / Tragödie Trieb / Eine bürgerliche Komitragödie Menschen / Tragödie\nJedes Buch 2 Mark\nVerlag Der Sturm / Berlin W 15"}, {"page_pdf": 38, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.38", "texte": "Verantwortlich für die Schriftleitung: V. Erdmann Berlin Wl5 / Verlag: Der Sturm G. m. b. H.\nBerlin Wl5 Kurfürstendamm 173 / Fernruf Oliva 5072 / Postscheckkonto Berlin 120658\nDruck: Vereinigte Druckereien Andermann & Schindler Berlin W3O Münchener Strasse 49-50\nManuskripte ohne Rückporto werden nicht zurückgesandt\n\nVERLAG DER STURM / BERLIN Wl5\nVORZUGS-ANGEBOT\nHERWARTH WALDEN:\nEINBLICK\nIN KUNST\nDIE BESTE EINFÜHRUNG IN DEN\nEXPRESSIONISMUS UND KUBISMUS\n70 ABBILDUNGEN, 4 FARBIGE KUNST-\nBEILAGEN STATT RM. 6-50, RM. 5.50\n\nLest Jack London!\nDer neueste Band\nMenschei^ijriefß\nAus dem Londoner East*end\nUmschlagzeiehnunQ von Käthe Kotiwltz\nIn Leinen M. 4.80\n„Jack London war nicht allein Keporter. Hier aber, in-\ndieaam Buche, ist er nichts als das, und gerade das ist das\nGrosse, das Erschütternde an dem vorliegenden Werke. Wat\nfür Tatsachen, was für Zahlen, was für protokollarische An!»\nZeichnungen! Wenn ein Buch Epoche machen kann, Bücher\ndieser Art können es. Das Buch Londons wird onmüglich\nohne Wirkung bleiben können.44\nErnst Wciss im „Berliner Börsen-Cowrier**\n\nBauhausbücher\niwKjggiMw!iifiilMaSiiaM\nLieferbar sind:\nALBERT LANGEN München\n\nBibliographisches Institut A. G. in Leipzig\nIUUIUUtMIIUiUHHNIIIIIHIIIMnMmiIUIUItIIMIIIIIimiUIUUiIiUIiUIIU\nIn siebenter, neubeaurbelteter Auflage\nerscheint:\n12 Halblederbände\nOber 100 000 Artikel aaf 21060 Spelten Teid, rund 5000\nAbbildengen and Karten hn Text, Ober 1000 a.T. terbige\nBildertofsln und Karten, aber 200 Toxtbeilagen\nBa. S, H, IV bis IX kostet Je 30 Rw., 3d.///33Rm.\nSie beziehen das Werk\ndurch jede gute Buchhandlung\nund erhalten dort auch kostenfrei\nausführliche Ankündigungen"}, {"page_pdf": 39, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.39", "texte": "Verlas Der Sturm / Berlin Wl5\nRUDOLF BLÜMNER\nDer Geist des Kubismus und die Künste\nMit Abbildungen / M 3\nHERMANN ESSIG\nüberteufe!\nM 2\nERNST MARCUS\nDas Problem der excentrischen Empfindung\nund seine Lösung\nM 2.50\nLOTHAR SCHREYER\nNacht\nDrama / M 1\nKURT SCHWITTERS\nDie Blume Anna *\nGedichte / M 1\nAUGUST STRAMM\nGesammelte Dramen\nZwei Bände / Jeder Band gebunden M 4\nKARL VOGT\nDer Krieg\nEin Chorspiel / M 0.80\nPraxis des Sprechchors\nM 3 - -\nHERWARTH WAIDEN\nEinblick in Kunst\nEine Einführung in die neue Kunst I Mit 70 Abbildungen\nAchte Auflage / Gebunden M 2.50\nWeib\nKomitragödie / M 2\nIm Geschweig der Liebe\nGedichte / In Leinenband M 3"}, {"page_pdf": 40, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg192910-01.1.40", "texte": "Dr. Walther Rothschild / Berlin-G r u n e w a 1 d\nSoeben erschien:\nHeinrich Heines\ngeistige Gestalt und Welt\nVon\nDr. Kurt Sternberg\nVIII und 346 Seiten Grossoktav 14 M., Ganzleinen 18 M.\nHeine sagt selbst, dass an seiner Wiege die letzten Mondlichter des 18, und\ndas erste Morgenrot des 19. Jahrhunderts spielten. Die letzten Mondlichter\ndes Rationalismus trafen ihn noch; aber auch die erste Morgenröte der\nRomantik ist schon über seinem Haupte aufgegangen. Sie haben sich in\nihm nicht zu einer einheitlichen Sonne das Bindeglied\nzwischen Aufklärung und Romantik fehlt bei Heine, der Klassizismus.\nAuch in der Kultur unserer Epoche setzt sich dieser Kampf zwischen\naufklärerischem Rationalismus und mystisch eingestellter, Romantik fort.\nDie Heine eigene Gebrochenheit und Zerrissenheit, Disharmonie und Zer-\nklüftung sind bei sämtlichen Dichtern der letzten Zeit zu finden, bei\nIbsen, bei Strindberg und bei Gerhart Hauptmann. Darum gerade\nist Heines Werk auch in unseren Tagen noch so ungemein lebendig und\nwirkt wie aus dem Heute geboren, weil seipe geistige Verfassung in der\nGeistesrichtung unserer Epoche wiederkehrt.\nHeines geistige Verwandtschaft mit der Kultur unserer Tage und ihren\nTrägern, seine geistige Gestalt und Welt in ihrer Gegenwartsnähe, zeigt\ndieses Buch.\n«Ausführlicher Prospekt zu Diensten"}]}