{"numero_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_sha256": "78213b6e900fc3356f492cccd469b0bf45171e6f060eea729438d1b38e12eaaa", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1930/03_01/bmtnabg_1930-03_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1930/03_01/bmtnabg_1930-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c001", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.1", "titre_corps": "Sonderheft", "titre_sommaire": "Sonderheft", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.1", "debut_caractere": 88, "fin_caractere_exclue": 142, "texte": "Herausgeber: Herwarth Waiden\nSonderheft:\nSowjet- Union"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c002", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[47]", "page_fin": "[47]", "image_debut": 3, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.2", "titre_corps": "Table of Contents", "titre_sommaire": "Table of Contents", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "[47]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.3", "debut_caractere": 137, "fin_caractere_exclue": 595, "texte": "Das Land am Ararat Herwarth Waiden\nBilder aus Odessa Herwarth Waiden\nStrafvollzug in der UdSSR Herwarth Waiden\nIm Lager der Roten Armee Herwarth Waiden\nVom Bildungswesen in Rostow am Don Herwarth Waiden\nKisslowodsk Herwarth Waiden\nNord-Ossetien Herwarth Waiden\nGehirnabort Herwarth Waiden\nTiflis, die Weltstadt des Kaukasus Herwarth Waiden\nCharkow Herwarth Waiden\nInguschetien Herwarth Waiden\nKulaken Herwarth Waiden\nKleinstadt in der Ukraine Herwarth Waiden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c003", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "51", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.3", "titre_corps": "Strafvollzug in der Udssr", "titre_sommaire": "Strafvollzug in der Udssr", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3608, "texte": "Strafvollzug in der Udssr\nHerwarth Walden\nDa Gesetze dauernd verfaßt und aufgehoben\nwerden, ist es ein Irrtum, aus der Nichtbefol-\ngung von Gesetzen eine besondere Menschen-\nabart zu konstruieren. Selbst in den bestehen-\nden Gesetzbüchern werden zum Teil die\nMotive der Verbrechen gewertet. Der Sinn\nder Hinzuziehung von Laien als Richter besteht\ngerade darin, daß das Verbrechen nicht nur nach\nden Tatsachen, sondern nach den menschlichen\nGründen beurteilt werden soll. Die meisten\nVerbrechen werden aus Not begangen. Not\ngilt selten als Milderungsgrund. Man könnte\nfast glauben, daß man im Interesse der Be-\nschäftigung des Justizapparates diese Not-\nverbrecher systematisch produziert. Oder man\nmuß diesem System absolute Gehirnlosigkeit\nvorwerfen. Solange nicht jeder Verdienstlose\nauf Verlangen wenigstens bezahlte Arbeit er-\nhalten kann, ist Arbeitslosigkeit kein Verbrechen.\nDa aber der Verdienstlose auf Grund der aller-\ndings ungesetzlichen Naturtriebe existieren will,\ngreift er zur Selbsthilfe und wendet Gewalt an,\nwenn man ihm diese Art des Existenzkampfes\nzu unterbinden versucht. Man bestraft nun\ndiese Notverbrecher mit Freiheitsberaubung,\nsogar mit lebenslänglicher, gibt ihnen endlich\ndürftiges Essen und dürftige Wohnung, nimmt\nihnen dafür den bescheidensten Rest mensch-\nlicher Freuden und menschlicher Beschäftigung\nund läßt sie zur Erheiterung des Gemüts Tüten\nkleben und Matten flechten. Nach der zu-\ndiktierten Anzahl von Jahren Strafe werden die\nVerbrecher wieder entlassen und gebeten, ein\nneues Leben anzufangen. Jetzt heißt es also\nUnternehmer finden, die gegen Bezahlung\nTüten kleben oder Matten flechten lassen.\nDiese Unternehmer beziehen ihre Waren aber\nbereits aus den Gefängnissen. Was bleibt dem\nsogenannten Verbrecher also übrig, als seine\nalte Art Existenzkampf wieder fortzusetzen.\nEr wird „Gewohnheitsverbrecher\", was straf-\nerschwerend ist. Nun wird die neue Zeit ver-\nkündet — etwas spät — der Mensch soll zwar\nbestraft, aber gleichzeitig erzogen werden.\nUnd das zunächst nicht gleich in Deutschland,\nerst einmal in Preußen. Und weil Erziehung\neine schwere Sache ist, wird man zunächst\ndamit in Berlin, vielmehr versuchsweise in\neinem Bezirk von Berlin beginnen. Wie man\nim Mittelalter ein Foltersystem ausdachte, das\nnoch jetzt von den Balkanländern mit Fleiß\nangewandt wird, hat die Neuzeit ein Erziehungs-\nsystem ausgedacht. Nach einem geometrischen\nund trigonometrischen Studium neben der\nselbstverständlichen Beherrschung sämtlicher\nmenschlichen Wissenschaften, werden die Ge-\nfängniswärter mit gütiger Unterstützung eines\nGeistlichen, eines Lehrers und eines nunmehr\nbewilligten Arztes schon gediegene Musterkinder\naus den Verbrechern machen. Die erzogenen\nEntlassenen kommen ganz anders in die Frei-\nheit. Zwar ohne Geld und ohne Kenntnisse,\naber sittlich gestärkt durch das Vertrauen der\nStrafvollzugsbehörde. Vielleicht sogar mit den\nAnfangsgründen einer ziemlich verkommenen\nMoral. Vor lauter Problemen sieht man die\neinfache Lösung nicht. Zwar steht die Sowjet-\nUnion nicht auf der grandiosen geistigen Höhe\neuropäischer Komplikationen. Man löst dort\nProbleme einfältiger und einfacher, indem man\nsie allerdings etwas richtiger stellt. Geurteilt\nwird nur von Laien. Auch der ständige Richter\njedes Volksgerichts hat keine Jura studiert, er\nbesitzt nur die Kenntnis der Gesetzbücher. Die\nGesetzbücher sind nur Anregungen und Vor-\nschläge, die Art und Dauer der Verurteilung\nliegt im freien Ermessen jedes Volksgerichts.\nDie Staatsanwaltschaft ist nicht nur Anklage-\nbehörde, sie ist zugleich Kontrollbehörde für\nden Strafvollzug und für die gesamte Gerichts-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3947, "texte": "Verwaltung. Kleinere Verfehlungen im Dorf und\nin der Fabrik werden von Dorfgerichten und\nGenossengerichten ohne jedes Gesetz beurteilt\nund mit Geldstrafe gesühnt. Kleinere Strafen\nder Volksgerichte werden nicht vollstreckt, be-\nruhen also in der Tatsache der Verurteilung.\nKleine Strafen bestehen auch in der Versetzung\naus einem Betrieb in einen anderen und dem\nAbarbeiten geringer Gefängnisstrafen. Zeugen\nwerden ohne Eid vernommen, falsche Aussagen\naber bestraft.\nDie Gefängnisse führen in der Sowjet-Union\nden Namen Besserungsanstalten. Jeder Ge-\nfangene hat Arbeitsrecht und Arbeitspflicht.\nAusgenommen sind nur die politischen Ge-\nfangenen. Es wird fabrikmäßig an modernsten\nMaschinen gearbeitet. Ungelernte werden von\nMeistern angelernt. Arbeitszeit acht Stunden.\nAls Lohn erhalten die Gefangenen die Hälfte\ndes Gewerkschaftstarifs. Sie werden auch\naußerhalb des Gefängnisses zu halbem Lohn\nbeschäftigt. Bei Schwerarbeitern wird jeder\nGefängnistag doppelt gezählt und bezahlt.\nUrlaub wird bei guter Führung von Anfang an\nbis zu drei Tagen monatlich gegeben. Jahres-\nurlaub außerdem 14 Tage, Bauern einen Monat.\nDer Besuch von Verwandten ist zweimal in\nder Woche gestattet. Briefe und Pakete können\nohne Kontrolle beliebig oft geschickt und\nempfangen werden. Die Gefangenen bilden\naus ihren Kreisen eine juristische Kommission,\ndie berät. Tägliches Beschwerderecht beim\nVorsteher des Gefängnisses. Der Staatsanwalt\nmuß zweimal wöchentlich das Gefängnis be-\nsuchen, kontrollieren und mündliche Beschwer-\nden entgegennehmen. Nach der halben Straf-\nzeit kommen die Gefangenen grundsätzlich in\nein Uebergangshaus, in dem sie fast keine\nBeschränkungen haben. Dort erhalten sie jeden\nSonnabend Abend bis Montag früh Urlaub.\nDie Gefangenen erhalten jeden Tag zweimal\nwarmes Essen, IV2 Pfund Brot und Tee.\nSchwerarbeiter doppelte Portionen. Bekösti-\ngung und Arbeitskleidung sind kostenlos. Im\nübrigen tragen die Gefangenen ihre eigene\nKleidung. Gefangene dürfen unter keinen\nUmständen geschlagen werden. Schlagende\nBeamte werden mit Gefängnis bestraft und\nVorsteher außerdem entlassen. Die Strafen für\nUngebührlichkeit der Gefangenen bestehen in\nverkürztem Urlaub und Arbeitsentziehung nebst\nFortfall der entsprechenden Löhnung bis zu\n7 Tagen. Ferner im Verbot des Besuchsempfangs\nund Einzelhaft bis zu einer Woche. Die Einzelhaft\nkann nur mit Genehmigung des Gefangenen-\nsowjets, des Arztes und des Staatsanwalts ver-\nhängt werden. Die höchste Einzelhaft in ganz\nschweren Fällen ist ein Monat. In der Freizeit\nbilden die Gefangenen verschiedene kulturelle\nZirkel unter Leitung von Lehrern. Der dramati-\nsche Zirkel spielt jeden zweiten Tag Theater.\nAnalphabeten bekommen Unterricht. In drei\nMonaten sind gewöhnlich die Elementarkennt-\nnisse beigebracht. Es gibt ferner Zirkel für\nPolitik, Oekonomie, Literatur und Berufs-\nfortbildung, sowie Zirkel für Sport und Schach.\nAuch Gesangschöre werden gebildet. Jedes\nGefängnis hat eine Bibliothek von mehreren\ntausend Bänden unter fachmännischer Leitung,\nRadio in den Zellen. Auch mehrere Kino-\nvorstellungen finden jeden Monat statt. Die\nGefangenen werden also den ganzen Tag\nsinnvoll und praktisch beschäftigt und kulturell\nausgebildet. Jeder Gefangene wird je nach\ndem Beruf, den er gelernt oder gehabt hat,\nnach der Strafzeit in einem Betrieb oder in\neinem Büro angestellt. Die Leitung des Ge-\nfängnisses hat das Recht, bei guter Führung\ndie Strafe nach eigenem Ermessen bis auf die\nHälfte zu erlassen. Die Waren aus den Ge-\nfängnisfabriken werden vom Staatshandel zu\nden üblichen Preisen erworben. Der Mehr-\ngewinn darf nur zur Erhaltung und Verbesse-\nrung der Gefängnisse verwandt werden. Die\npolitischen Gefangenen haben kein Arbeitsrecht\nund keine Arbeitspflicht und müssen sich selbst\nbeschäftigen. Hingegen ist ihnen die Bildung\nkultureller Zirkel und Sportausübung gestattet.\nLektüre erhalten sie auf ihre Kosten nach\neigener Auswahl. Briefe und Pakete können\nihnen beliebig geschickt werden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 433, "texte": "Dieser Art des Strafvollzugs mag man die hohe\nwissenschaftliche Bedeutung absprechen. Er\nhat aber einen außerordentlich praktischen\nVorteil. Aus den meisten Verbrechern werden\nnormale körperliche oder geistige Arbeiter, die\nexistenzfähig und lebensfreudig sind. Was\nübrig bleibt sind fast nur Pathologen, die in\ndie entsprechenden Anstalten kommen.\nVielleicht versucht man diese Methode der\nSowjet-Union auch in einem Bezirk Europas."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c004", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "52", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.4", "titre_corps": "Im Lager der Roten Armee", "titre_sommaire": "Im Lager der Roten Armee", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.7", "debut_caractere": 435, "fin_caractere_exclue": 3241, "texte": "Im Lager der Roten Armee\nHerwarth Walden\nGelbe gradlinige Kieswege. Eine große Wiese\nmit einem jauchzenden Traktor. Viele hundert\nPferde unter schützenden Sonnendächern.\nGänse-Herden. Eine Hühnermutter mit erheb-\nlichem Nachwuchs. Auf einem Platz zwischen\nhohen Bäumen Tanzmusik. Soldaten und\nBäuerinnen beim russischen Nationaltanz.\nEinige Bauern als Zuschauer im väterlichen\nHochgefühl. Lange Reihen von Maschinen-\ngewehrwagen. Viele grasumfriedete Rechtecke\nmit Zelten. Eine Friseurstube. Großes Sommer-\nkino mit elektrischer Beleuchtung. Teeraum\nunter grünen Wipfeln, ein Glas Tee eine\nKopeke. Ueberdachte Speiseräume. Turn-\ngeräte. Lesehalle.\nDas Lager von zwei Kavallerie-Regimentern\nder Roten Armee.\nWie lebt heute der Soldat, der Rotarmist? Er\nsteht um fünf Uhr auf, betreut sein Pferd bis\nsechs, frühstückt bis sieben nach gründlicher\npersönlicher Reinigung. Sechs Stunden Militär-\ndienst. Um ein Uhr Mittag, zwei Gänge: Suppe\nmit Fleisch und Gemüsen und gebratenes Fleisch.\nVon 2 bis 2lk Mittagsruhe mit Liegezwang.\nDann zwei Stunden politischer Unterricht,\nwomit die Tagesarbeit endgültig zu Ende ist.\nIn der Freizeit wird gespielt, gelesen, Sport\ngetrieben oder man bildet sich für seinen\nPrivatberuf weiter aus. Man füllt die Wissens-\nlücken aus, Bauern lernen die Anwendung von\nTraktoren, oder man arbeitet an der wöchent-\nlichen Wandzeitung. Abends besucht man das\nTheater oder das Kino des Lagers oder geht\nmit Urlaub in die umliegenden Dörfer bis zur\nEntfernung von fünf Kilometern. Ein völliger\nRuhetag in der Woche, an dem auch Besucher,\nFrauen, Kinder, Verwandte und Freunde zu\ndiesen Soldaten ins Lager kommen können.\nDer Soldat hat alles völlig frei und erhält nur\neinen kleinen Sold für Tabak. Dienstzeit zwei\nJahre. Die Roten Kommandeure tragen dieselbe\nUniform wie die Soldaten und sind nur an\nkleinen Abzeichen erkennbar. Eine Dienst- und\nGrußpflicht außerhalb der Dienstzeit besteht\nnicht. Strafen werden nur durch Verwarnungen\noder durch Mitteilung an die Eltern erteilt.\n80 Prozent der Roten Kommandeure entstammen\nschon heute der Bauernschaft oder dem Prole-\ntariat. Die Rote Armee ist ein wirkliches Volks-\nheer. Das militärisch ausgebildete Proletariat,\ndas mit den Führern in ständigem Zusammen-\nhang mit den übrigen Volksgenossen bleibt.\nPolitisch, geistig und kulturell an den Tages-\nereignissen teilnimmt. Die einzelnen Truppen-\nteile übernehmen die Patenschaft, das„Cheftum\"\nüber Dörfer oder Fabriken. Die Schützlinge\nwerden über Landesverteidigung aufgeklärt.\nIn den Dörfern werden Vorträge von geeigne-\nten Soldaten über Politik und Kultur gehalten\nund Nachhilfe-Unterricht auf allgemeinen\nWissensgebieten erteilt. In die Rote Armee\nwerden nur die aufgenommen, die das Wahl-\nrecht zu den Sowjets haben. Also Werktätige,\ndie nur selbst ohne Ausbeutung fremder Arbeits-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 835, "texte": "kraft arbeiten, keinen Handel treiben und nicht\nvon Renten leben. Die Rote Armee ist die\nwahre Schule und Hochschule der Proletarier,\ndie durch die Unterlassungssünden des Zarismus\nvon aller Bildung und Kultur planmäßig abge-\nhalten wurden. Deshalb drängt man sich heute\nzum Militär, da nur ein Teil der Dienstpflichtigen\naufgenommen werden kann. Trotz allen Frei-\nheiten ist die Disziplin der Truppen musterhaft.\nSo sind die älteren Bauern ganz fassungslos,\ndaß während der Manöver alles sorgfältig ge-\nschont wird und nicht ein Huhn durch die\nSoldaten verschwindet. Befehle und Dienst-\nanordnungen müssen stets in der Muttersprache\nder Soldaten gegeben werden. In den Regimen-\ntern mit mehreren Nationen werden die Kom-\npagnien nach der Nationalität zusammengestellt.\nDie Rotarmisten sind freie Menschen der\nfreiesten Erde, der SSSR."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c005", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "52", "page_fin": "53", "image_debut": 8, "image_fin": 9, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.5", "titre_corps": "Vom Bildungswesen in Rostow am Don", "titre_sommaire": "Vom Bildungswesen in Rostow am Don", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.8", "debut_caractere": 837, "fin_caractere_exclue": 3280, "texte": "Vom Bildungswesen in Rostow am Don\nHerwarth Walden\nArbeiteruniversität\nEntlassungsfeier von 80 Arbeiter-Studenten,\nvon denen einer gleichzeitig seinen fünfzigsten\nGeburtstag feiert. Ein Bauarbeiter. Das\nStudium dauert drei Jahre. Unterricht nur\nabends, wöchentlich 16 Stunden. Gelehrt\nwerden folgende Fächer: Elektrotechnik,\nChemie, Maschinenkunde, Politik, Oekonomie,\nMathematik, Geschichte des Klassenkampfes,\nRussisch, Deutsch. An der Universität studieren\nnur berufstätige Arbeiter. Durchschnittlich\n400 Hörer jährlich bei 30 Professoren und\nLehrern. Unterricht und Lehrmittel sind un-\nentgeltlich. Arbeiter, die an der Universität\nstudieren, erhalten außer ihrem Berufsurlaub\nvon zwei bis vier Wochen einen Sonderurlaub\nvon zwei Wochen bei voller Zahlung ihres\nLohnes. Für gelegentliche Hörer der Arbeiter-\nschaft sind an der Universität „Konsultationen\nfür Fragen der Kultur und Politik\" bei den\nständigen Professoren eingerichtet. Sie werden\ndurchschnittlich jährlich von 4000 Personen in\nAnspruch genommen. Das Institut ist zugleich\nSonntagsuniversität für Jugendliche. Diese\nArbeiteruniversitäten gibt es in allen Groß-\nstädten der Sowjet-Union. Sie haben den\nZweck, eine geistig hochgeschulte Arbeiterschaft\nzu erziehen.\nMittelschule\nMan lehrt neun Jahre in zwei Stufen. Auf der\nersten Stufe von vier Jahren wird das Komplex-\nsystem angewandt. Bei Beantwortung beliebiger\nFragen der Kinder werden zugleich sämtliche\nElementarkenntnisse beigebracht. Auch die\npolitischen in der „Zeitungsstunde\". Die zweite\nStufe von fünf Jahren erhält wissenschaftliche\nAusbildung. Ferner in den letzten beiden\nJahren (Gruppen) Spezialausbildung in Elektro-\ntechnik, Landmessung, Melioration, Konsum-\ngenossenschaftswesen und Pädagogik. Die\nSchüler der Pädagogik erteilen zur praktischen\nAusbildung Unterricht in der ersten Stufe. Sie\nnehmen ferner während der Sommerferien an\neinem Fortbildungskursus teil und gehen von\ndort als Junglehrer an die Dorfschulen. In der\nersten Stufe werden wöchentlich durchschnitt-\nlich 40, in der zweiten Stufe 36 Unterrichts-\nstunden gegeben. Eine Schulstunde dauert\n40 Minuten, Pause nach jeder Stunde 10 Mi-\nnuten. Eine große Pause von 20 Minuten.\nDie Schüler der zweiten Stufe bilden außer\nden Schulstunden noch Zirkel nach gemein-\nsamer Wahl: Drama, Kunst, Politik, Oekonomie.\nDie Kinder organisieren Schülerausschüsse und\nGruppenausschüsse und wählen einen Schul-\nsowjet. Er ist der Lehrerschaft gleichgestellt,"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1306, "texte": "bespricht und verhandelt mit ihr. Fragen des\nSchulwesens werden beraten, Beschwerden und\nWünsche vorgebracht. Die Schüler veranstalten\ndramatische Aufführungen und Ausstellungen\nihrer Arbeiten. Meist Handarbeiten und Schrift-\narbeiten. Der Kampf gegen die Religion wird\nin allen Fächern bei jeder passenden Gelegen-\nheit geführt. Aus diesem Grunde wird auch\nan den ehemaligen kirchlichen Feiertagen\ngrundsätzlich Unterricht erteilt. Der Ruhetag\nist auf einen Wochentag verlegt. Die Eltern\nder Schüler vereinigen sich zu einem Eltern-\nkomitee, in dem der Leiter der Schule Mitglied\nist. Der Besuch des Unterrichts ist den Eltern\njederzeit gestattet. Das Elternkomitee gewährt\nder Schule auch je nach seiner Leistungsfähig-\nkeit finanzielle Hilfe für besondere Aufwendun-\ngen und Ausgaben der Schule. Die Lehrerschaft\nist zur Fortbildung ihres eigenen Wissens ver-\npflichtet. Sie erfolgt durch Ferienkurse während\nder Urlaubszeit. Durch schriftlichen Fernunter-\nricht. Durch Besprechungen und methodische\nVorträge im Lehrerklub und durch halbjährliche\nKonferenzen der Lehrerschaft. Prüfungen der\nSchüler finden nicht statt. Hingegen wird ein\nAbgangszeugnis erteilt, in dem nur bestätigt\nwird, in welchen Fächern sich der Schüler\nausgebildet hat. Der gesamte Unterricht und\nalle Lehrmittel sind unentgeltlich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c006", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "54", "image_debut": 9, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.6", "titre_corps": "Kisslowodsk", "titre_sommaire": "Kisslowodsk", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 9, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.9", "debut_caractere": 1308, "fin_caractere_exclue": 3477, "texte": "Kisslowodsk\nHerwarth Walden\nDrei menschliche Einrichtungen haben dem\nzaristischen Rußland in Deutschland besonders\nimponiert. So imponiert, daß die Wörter hier-\nfür buchstäblich in die russische Sprache über-\nnommen sind: Butterbrot, Kurort und Strafe.\nDiese Einrichtungen sind auch in der Sowjet-\nUnion geblieben. Die Strafen sind vermindert,\ndie Butterbrote gleichgeblieben, die Kurorte\nverbessert. Die menschenfresserischen Bolsche-\nwiki haben die Kurorte tatsächlich erhalten.\nNicht nur als Museen bourgeoiser Ausschwei-\nfungen. Die Kurorte sind in vollem Betrieb.\nMit Quellen, Sanatorien, Oper, Kurmusik,\nAnsichtskarten, Reiseandenken, Lesesaal und\nitalienischen Nächten. Das ehemalige Publikum\ndieser Kurorte lebt jetzt meistens in Paris,\nBerlin und Nizza. Man darf aber nicht ver-\ngessen, daß immerhin noch 160 Millionen\nMenschen in der Sowjet-Union leben, die sich\nebenso gern erholen und kurieren, wie die\neine Million, die sich ausschließlich dieser\nTätigkeit hingab. Gerade Kisslowodsk ist\nstets beliebt gewesen. Man kommt heute be-\ndeutend schneller in diesen Kurort des Nord-\nkaukasus. Nämlich mit dem Luftschiff, das\nanderthalb Bahnstunden von diesem Kurort\nentfernt in Mineralny Wody hält. Hier ist die\nQuelle, deren Wasser in der gesamten Sowjet-\nUnion und auch im Auslande viel getrunken\nwird, Narsan. Es ist Heilmittel für Herz,\nNieren, Magen und Stoffwechsel. Die Quelle\nwurde gebührend und üblich geehrt, indem man\nsie bereits 1824 mit kaiserlichem Kitsch aus\nMarmor, Bronze und Glas umgab und den\nWeg zu ihr mit Säulenwandelhallen markierte.\nTrotzdem gibt die Quelle 1 113 000 Eimer\nWasser. Während der dreimonatlichen Kurzeit\nhalten sich hier 60000 Kurgäste auf. Im ganzen\nGebiet von Mineralny Wody, das an ver-\nschiedenen Orten zahlreiche Quellen enthält,\n150 000 Kurgäste. Für die Badekuren mit\nNarsan hat die Verwaltung 1923 das Oktober-\nwannenbad mit 60 Wannen erbauen lassen.\nDiesmal ohne Kitsch. Im modernsten Ingenieur-\nstil, aus edelstem Material mit den neuesten\nhygienischen Einrichtungen. So hat der Kranke\nsogar eine Uhr für die verordnete Zeitdauer\nseines Bades an der Wanne. Ein kurortmäßig\ngekleidetes Publikum wandelt in den Parks,"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3606, "texte": "holt sich Wasser aus der Hand weißgekleideter\nBrunnenmädchen, ißt Eis, schreibt Ansichts-\nkarten, benimmt sich also wie sich ein Publikum\nzu benehmen hat. Und abends in die Oper.\nRigoletto zum Beispiel. Gastspiel des Theaters\nvon Baku. Nicht etwa sozialistisch umgearbeitet.\nHerzog, Hofstaat und Lakaien sind reichlich\nvorhanden, singen und benehmen sich, wie es\nsich Verdi nicht hat besser wünschen können.\nOder man geht ins Kurkonzert. Orchester\n55 Mann. Man hört Schuberts Unvollendete,\netwas Hindemith und Beethoven und die\nPolowetzer Tänze. Sollte vielleicht doch ein\nIrrtum mit dem Bolschewismus vorliegen? Es\nliegt kein Irrtum vor! Denn die gesamten\nKurgäste zahlen nichts. Sie sind sämtlich Prole-\ntarier, richtige Proletarier. Kranke Proletarier.\nIn diesem Jahre werden nämlich die letzten\nErholungshäuser geschlossen, um den ganzen\nKurort restlos für Kranke zur Verfügung zu\nhaben. Die Heilerfolge, besonders bei Herz-\nkrankheiten, sind so außerordentlich, daß die\nVerwaltung es nicht verantworten will, Plätze\nan Gesunde fortzugeben. Die Kranken, Arbeiter\nund Angestellte, werden von den Krankenkassen\nund auf deren Kosten nach Kisslowodsk ge-\nsandt. Der Durchschnittsaufenthalt ist vier bis\nsechs Wochen. Die Selbstkosten der Kassen\nfür einen Kranken täglich etwa 5 Rubel.\nDie Sanatorien sind in der Art der besten\nbürgerlichen Privatsanatorien Europas einge-\nrichtet. Zwei bis drei Personen bewohnen ein\nZimmer. 4 bis 5 Mahlzeiten. Eine Neuerung\nist, daß die Kranken aus einer größeren Speise-\nkarte selbst für den nächsten Tag ihre Mahl-\nzeiten zusammenstellen können. Auch bei fest-\ngelegter Diät können so individuelle Wünsche\nerfüllt werden. Alles ist für die Herzkranken\nauf Ruhe und Bequemlichkeit eingerichtet. Im\nStalinsanatorium zum Beispiel werden deshalb\nalle Mahlzeiten der 260 Personen in zwei Gruppen\neingenommen. Jeder Kranke hat seinen be-\nstimmten Platz und dieselbe Bedienung. Ser-\nvierung an kleinen Tischen. Um den Kranken\ngrößere Spaziergänge zu ermöglichen, sind be-\nsondere sanftansteigende Wege hergestellt wor-\nden. Das Küchenpersonal des Stalinsanatoriums\n(260 Personen) besteht aus 7 Köchen, 6 Hilfs-\nköchen und 2 Lehrlingen. Außerdem eigene\nKonditorei.\nFast der ganze Ort Kisslowodsk ist für den\nKurort beschäftigt. Eine Fabrik füllt Narsan-\nwasser in Flaschen. Vor kurzer Zeit ist das\nlaufende Band dort eingeführt. Man liefert\njetzt 4000 Flaschen in der Stunde, während\nbei Handarbeit 3000 Flaschen in 8 Stunden ge-\nfüllt wurden. Der Besuch von Kisslowodsk\nist ein gutes Mittel, um die Angst der Gebil-\ndeten vor dem gefürchteten Proletariat zu ver-\nlieren. Der Proletarier zieht sich nur deshalb\nschlechter an und benimmt sich nur deshalb\nschlechter, weil man ihm in Europa die Mittel\n(Geld und Kultur) dafür versagt. Man muß\nwissen, daß die Kranken auch während ihrer\nKurzeit den vollen ungekürzten Lohn aus ihrer\nsonstigen Tätigkeit beziehen, ohne irgendwelche\nKosten für Kur und Heilung zu haben. Gerade\ndie Kurorte dienen dazu, die Steigerung der\nKulturbedürfnisse des Proletariats hervorzurufen.\nEs ist erstaunlich zu beobachten, wie Menschen\naus dem Ural oder aus Sibirien, die nie ihr\nDorf verlassen hatten, nicht einmal eine Eisen-\nbahn kannten, sich in wenigen Tagen dem\nweltstädtischen Leben anpassen. Die Kranken\nwerden nicht nur geheilt. Sie kommen mit\nBedürfnissen und Forderungen in ihre Heimat-\nstätte zurück und werden so Kulturträger und\nKulturförderer ihrer Umgebung. Es ist nicht\nübertrieben zu behaupten, daß das Tempo des\nkulturellen Aufbaus der Sowjet-Union wesent-\nlich durch die Millionen Kranke und Erholungs-\nbedürftige beeinflußt wird."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c007", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "57", "image_debut": 11, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.7", "titre_corps": "Das Land am Ararat", "titre_sommaire": "Das Land am Ararat", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3350, "texte": "Das Land am Ararat\nHerwarth Walden\nWenn die Wolken an der Spitze des Berges\nArarat sich verziehen, sieht man noch immer\ndeutlich Noah mit seiner Arche, erzählen\nalte armenische Bauern. Aber die Wolken\nverziehen sich nicht und der Ararat ist die\neinzige Erbschaft, die die armenische sozia-\nlistische Sowjet-Republik nach Krieg und\nBürgerkriegen machte. Und auch der Berg\ngehört teilweise der Türkei. Der Ararat ist\nim Wappen Armeniens, was einen so-\ngenannten politischen Schritt hervorrief. Die\nTürkei, die das halbe Armenien erhalten\nhatte, sah in dem Wappenbild einen Eingriff\nin ihr gottgewolltes Eigentum. Worauf\nder Volkskommissar Tschitscherin Einspruch\ngegen den Halbmond der Türkei erhob,\nauf den die Sowjet-Union gleichfalls Eigen-\ntumsrechte in Anspruch nahm. Der Bilder-\nsturm blieb diesmal ohne kriegerische Folgen.\nNun baut Armenien seit wenigen Jahren das\nLand wieder auf, soweit es Bundesstaat der\nSowjet-Union geblieben ist. Wenn bisher\ndie Ameisen als Sinnbild des Fleißes ge-\ngolten haben, so könnte man an ihre Stelle\njetzt die Armenier setzen. Wohin man\nblickt, wird gebaut. In afrikanischem Staub und\nin afrikanischer Hitze. Und trotzdem blickt\nman überall noch auf Ruinen. Hier müssen\nwahre Zerstörungsorgien gefeiert sein. Die\nHauptstadt Eriwan, mit 62000 Einwohnern,\nwird nach einem neuen Städteplan aufgebaut.\nDie Industrie, die wissenschaftlichen Institute,\nTheater und Museen, Wohnhäuser, liegen in\nje einem Stadtviertel zusammen. Boulevards\nund Gartenanlagen ziehen sich durch die\nganze Stadt. Sie wird mit einem Waldgürtel\numgeben, der die staubbringenden Berg-\nwinde abhalten soll. Die Hauptstraßen\nmünden auf einem imposanten kreisförmigen\nPlatz. In seiner Mitte, zwischen Bäumen,\ndas Denkmal Lenins. Im niederzureißenden\nTeil der Stadt der Bazar. Große Reihen\nverfallener Holzbuden. Dort treiben Türken,\nPerser und andere Nationalitäten „Privat-\nhandel\". Daneben die letzte Moschee. Zwei\nBauern verschlafen in ihrer Kühle die Hitze.\nTrotzdem steht ein einsames Paar Schuhe\nbereit, falls doch ein Gläubiger den\nheiligen Boden betreten will. Der Park\nund die Klostergebäude sind nationalisiert\nund dienen dem Proletariat als Erholungs-\norte. Unweit des Parks das neuerbaute\nElektrizitätswerk Rykow. Betrieb durch\nvier Turbinen mit 8000 PS, von denen schon\nzwei aus Leningrad stammen. Das ganze\nWerk wird von zwei Arbeitern bedient. Es\nist das billigste der Sowjet-Union. Eine\nKilowattstunde kostet 2*U Kopeken. Zurück\nzum Gewerkschaftspark. Hier standen vor\nwenigen Jahren noch Epidemiebaracken.\nDurch die Tatkraft des Tropeninstituts von\nEriwan sind die Epidemien fast völlig aus-\ngerottet. Jetzt spielt im Gewerkschaftspark\nabends ein Symphonieorchester von 40 bis\n50 Mann, das aus den Hochschülern des\narmenischen Konservatoriums gebildet ist.\nEriwan hat eine eigene Kinofabrik und\neigenen Staatsverlag (Gosisdat). Er hat in\nzwei Jahren 2000 Bücher verlegt, darunter\nein Buch zu Ehren des hundertjährigen\nTodestages von Beethoven mit Illustrationen\nund das Kommunistische Manifest in armeni-\nscher Sprache. Hier werden auch Bücher\nfür die Kurden verlegt, ein Nomadenvolk,\ndas keine Schrift besaß und für die man\ndas lateinische Alphabet mit einigen Er-\nweiterungszeichen in Gebrauch genommen\nhat. In den letzten beiden Jahren wurden\nvom Staatsverlag verkauft: 494 000 Lehr-\nbücher, 68 000 Kinderbücher, 119 000 poli-"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3498, "texte": "tische Bücher, 61500 literarische Bücher.\nGanz Armenien hat eine Bevölkerung von\n950 000 Einwohnern. Der Präsident der\nRepublik Sahak Ter-Gabrielian ist ein Mann\nvon besonderer staatsmännischer Klugheit\nund schlichtesten Umgangsformen. Er ver-\nwendet seine freie Zeit dazu, um meilen-\nweit in die Dörfer zu fahren und sich\npersönlich von den kleinen Sorgen und\nWünschen der Bauern zu unterrichten. Er\nist ein wahrer Liebling des Volkes. Trotz-\ndem die auswärtige Politik durch die ganze\nSowjet-Union gemeinsam geleitet wird, hat\nder Präsident der Republik Armenien be-\nsonders verantwortungsvolle politische Auf-\ngaben. Sein Land bildet die Grenze gegen\ndie Türkei, mit der im Interesse des Welt-\nfriedens freundschaftliche Beziehungen auf-\nrecht zu erhalten sind. Deshalb muß der\nNationalismus eines Teiles der Bevölkerung\nbekämpft werden, der sich seit der Teilung\nvon Armenien naturgemäß entwickelt hat.\nDie chauvinistischen Elemente sind die Ku-\nlaken, die Großbauern, die durch ihren\nNationalismus zugleich indirekt die Sowjet-\nmacht zu bekämpfen suchen. Sie sind ihrer Zahl\nnach aber in Armenien nicht erheblich. Die\nArmbauern und die Mittelbauern sind hinge-\ngen unbedingte Anhänger des neuen Staats-\nwesens, da sie zum erstenmal seit 1914\nFrieden haben. Die Armenier sind von\njeher stark intellektuell und kulturell ent-\nwickelt und interessiert. Die geistigen Ar-\nbeiter suchten und fanden Betätigung im\ngesamten Gebiet der Sowjet-Union, be-\nsonders in der angrenzenden Republik\nGeorgien. Erst in den letzten Jahren kom-\nmen sie zum Aufbau ihres Landes wieder\nin größerer Zahl nach Armenien zurück.\nDie antireligiöse Bewegung macht große\nFortschritte. Die armenischen Bauern selbst\nverlangen von der Regierung Enteignung\nder Klöster und Kirchen, die bisher den\nReligionsgesellschaften überlassen blieben.\nReligiös sind eigentlich nur noch in Armenien\ndie russischen Sektierer, die vom Zarismus\nwegen ihrer religiösen Anschauungen nach\nArmenien abgeschoben, aber gleichzeitig\nmateriell begünstigt wurden, um Armenien\nzu russifizieren. Die Industrialisierung von\nStadt und Dorf wird mit allen Kräften ge-\nfördert. Das Industrieviertel von Eriwan hat\nFabriken für Seife, Leder, Karbid, Spiri-\ntuosen, Wein, Butter, Mechanik und große\nKühlanlagen. Die große Weinfabrik Ararat\nstellt jährlich 100000 Eimer Kognak und\n150000 Eimer Wein im Gesamtwert von\n800000 Rubeln her. Hiervon werden 35000\nEimer Wein nach Hamburg exportiert. 153\nArbeiter mit 5V2 Stunden Arbeitszeit. Durch-\nschnittslohn 70 Rubel. Der alte Meister der\nnationalisierten Fabrik hat jetzt 113 Rubel,\nwährend er beim Privatbesitzer bis 1927 37\nRubel erhielt. Die Madeira- und Muskateller-\nWeine können mit den Weinen aus den Ur-\nsprungsländern konkurrieren und armenischer\nKognak übertrifft bei weitem den deutschen\nWeinbrand. Die Musterwirtschaft des Sowjets\nvon Eriwan (Sowchos Sak) hat einen Um-\nfang von 618 Hektar Getreideland und 500\nHektar Weideland. Getreide. Vieh, Bienen,\nObst, Ziegel. 40 Studenten der landwirt-\nschaftlichen Hochschule in Eriwan (300 Hörer)\nstudieren dort ständig die Praxis. Armenien\nist ein Land von phantastischer Naturschön-\nheit, wie geschaffen für Touristen. Ein\nTraum der große Sewan-Bergsee. Er hat\nfür Armenien eine große praktische Bedeu-\ntung durch den Forellenfang. Es werden allein\nnach Marseille für 50000 Dollar Forellen ex-\nportiert. Der deutsche Professor Ottensen\nhat ein Verfahren erfunden, durch das die\neingefrorenen Forellen nach vier Wochen\nwieder lebend gemacht werden können."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 821, "texte": "Armenien hat sich das Verfahren und die\ntechnischen Anlagen dazu sofort gekauft.\nDie Pariser werden also bald frische Forellen\naus dem Sewansee essen können. Eine\nIchthyologische Station mit zwei Professoren\narbeitet an der weiteren Kultivierung. Die Tra-\ngödie der letzten Vergangenheit dieses Landes\nkann man daraus ermessen, daß allein bei der\nKreisstadt Leninakan 25000 Vollwaisen unter-\ngebracht sind. Sie werden zum Teil mit pe-\nkuniärer Unterstützung eines amerikanischen\nHilfskomitees zu Textilarbeitern ausgebildet\nund später in der dortigen Riesen-Textil-\nFabrik angestellt. Das sind die Opfer, die\ndurch die nationalistische Regierung (1917\nbis 1920) im Krieg mit der Türkei und\nGeorgien entstanden sind, bevor die Sowjet-\nmacht den endgültigen Frieden für das\nschöne Land und seine fleißige Bevölkerung\nschuf."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c008", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "58", "image_debut": 13, "image_fin": 14, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.8", "titre_corps": "Bilder aus Odessa", "titre_sommaire": "Bilder aus Odessa", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.13", "debut_caractere": 823, "fin_caractere_exclue": 3248, "texte": "Bilder aus Odessa\nHerwarth Walden\nDie Kinderstadt\nDicht vor der Stadt 44 Villen, Gärten, Fabri-\nken, Schulen und keine Kirche — die Kinder-\nkommune von Odessa. Einwohnerzahl 2100\nKinder. Waisen der Interventionskriege der\nKulturmächte und der Pogrome. Die Er-\n• •\nwachsenen sind zu zählen. Ein paar Arzte,\nein paar Lehrer, ein paar Fabrikinstrukteure\nund einige Verwaltungsbeamtinnen. Die\nKinder von 5 bis 17 Jahren wohnen nach der\nNationalität zusammen, sprechen und lernen in\nihrer Muttersprache. Drei Stunden praktischer,\nvier Stunden theoretischer Unterricht. Um\n6 Uhr aufstehen, von 7 bis 8 Uhr Gymnastik,\ndann Unterricht mit einer Stunde Mittags-\npause. Um zehn Uhr schläft die Kinderstadt.\nNach 7 Jahren Schulunterricht 3 Jahre be-\nrufstechnische Hochschule. Die Kinder wer-\nden je nach Auswahl der psychotechnischen\nPrüfung in Tischlerei, Schlosserei, Schnei-\nderei, Schumacherei und Buchbinderei aus-\ngebildet. Völlige Selbstverwaltung und kol-\nlektivistische Arbeit. Die Kinderfabriken\narbeiten für die eigenen Einrichtungen der\nKinderstadt und für Behörden. Jeder Ge-\ngenstand ist in den eigenen Werkstätten\nvon den Kindern hergestellt. Die Gewinne\naus dem Verkauf von Waren werden aus-\nschließlich zur Verbesserung und Verschöne-\nrung- der Kinderstadt verwendet. Die Ver-\nwaltung entspricht genau dem Staatssystem\nder Sowjet-Union. Der Präsident der Sow-\njets der ukrainischen Kinder, von ihnen ge-\nwählt, ein achtjähriges blondes Mädchen\nmit kühlklugen und doch fanatischen Augen\nführt mich durch die ukrainischen Häuser.\nDer Riesenbund Schlüssel, den sie bei sich\nträgt, öffnet alle Türen. Es zeigt mit be-\nsonderem Stolz den Sowjetsitzungssaal, den\nKlub mit Klavier und den Bildern der Staats-\nführer. Sie macht auf die Ehrentafel auf-\nmerksam, auf der in goldenen Lettern die\nNamen der abgegangenen Kinder verzeichnet\nsind, die es schon zu etwas gebracht haben.\nDie auf der Universität weiter studieren oder\neinen Funktionärposten in der kommu-\nnistischen Partei bekommen haben oder\nsich schon sonstwie öffentlich betätigen. Sie\nzeigt das Pionierzimmer, in dem die Kinder\nnach einer bestimmten Prüfungszeit sich\npolitisch schulen und bilden. Es zeigt die\nSchlafzimmer von peinlichster Sauberkeit,\ndie jede Gruppe von 10 Kindern selbst völlig\nin Ordnung hält. Wir gehen in die Speise-\nsäle, in denen die Kinder nach Altersgruppen\nzusammen essen. Mit einem rhythmischen\n„DobriDen\" (Guten Tag) werde ich begrüßt."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3381, "texte": "Die Präsidentin stellt mich als Freund aus\nDeutschland vor, der bereit ist, Fragen zu\nbeantworten. Ein Knabe fragt mich nach\nden Waisen in Deutschland. Ob sie au ch\neine Kommune bilden und ob sie auch von\nKindheit an sich gegenseitig so selbständig\nausbilden wie bei ihnen. Ein Mädchen möchte\nwissen, ob die deutschen Volkskommissare\nauch die Waisen besuchen und sie fragen,\nob sie gut lernen und gut zu essen bekommen.\nUnd ob die Juden und Polen auch in ihren\nSprachen in der Schule lernen. Dann zeigt\nmir die Präsidentin noch die Bühne des\nKindertheaters, die Instrumente des Kinder-\norchesters in Symphoniebesetzung und end-\nlich die Wandzeitung, die von den Kindern\nselbst wöchentlich verfasst, geschrieben und\nan die Wand zur allgemeinen Lektüre ge-\nheftet wird. Das Haus hat auch eine\neigene Kindersanitätskommission mit kleiner\nApotheke und Verbandzeug für erste Hilfe.\nDie Kinderfabriken sind voll beschäftigt.\nNeue Betten, Tische, Stühle und Podien\nwerden hergestellt. In der Buchbinderei\nliegen 10000 Bände zur Abholung für Odessa\nbereit und in der Schneiderei, es ist schon\nFreizeit, arbeiten einige Mädchen für sich\nan Festkleidern. Die Kinderstadt besitzt\neinige Kilometer entfernt ein eigenes Land-\ngut, auf dem die Kinder im Sommer selbst-\nständig das Feld mit einem Traktor bestellen\nund Viehzucht treiben. Die gesamten Un-\nterhaltskosten der Kinderstadt trägt Odessa.\nSie sühnt die Schuld der vergangenen Ge-\nneration und macht aus unglücklichen Waisen\nvollwertige Mitglieder einer neuen Gesell-\nschaft.\nVerbrüderung\nIm großen Sommerpark des jüdischen Ar-\nbeiterklubs. Dicht gedrängt sitzen Juden,\nRotarmisten und Matrosen zusammen. Von\nder Bühne herunter berichten Soldaten über\nihren Besuch auf dem jüdischen Kollektivgut\n(Kolchos) bei Odessa. Der Truppenteil ist\nPate oder wie es hier heißt Chef des Gutes.\nDie Chefs beraten, helfen praktisch und\ntheoretisch und kontrollieren die Fortschritte.\nDie Soldaten sind mit ihrem Besuch zu-\nfrieden. Die jüdischen Arbeiter des Gutes\nsind zu einem Gegenbesuch ins Lager ein-\ngeladen. Man verspricht sich gegenseitig\njede Förderung beim Aufbau des Staates\nund der Wirtschaft und feiert Smitschka\n(Verbrüderung). Zu Ehren der Soldeten\nfolgt eine Festvorstellung des Arbeiterklubs:\n„Der Jude wird Bauer\". Das Theaterstück\nist von einem Arbeiter verfasst und wird von\nArbeitern gespielt. In jiddischer Sprache.\nDie jüdischen Darsteller sind für das\nTheater sehr begabt. Es bewegt sich\nin Inscenierung und Spiel auf der Höhe\neiner ersten Bühne. Viel Stimmung. Viel\nwitzige Einfälle. Viel Sinn für Humor, Tra-\nvestie und Tanz. Bewegung und Gang\nder Darsteller sind rhythmisch organisiert.\nZwei Frauen könnten eine Sensation für eine\neuropäische Bühne werden. Was man auch\ngegen den Bolschewismus einwenden mag,\ndie europäischen Juden müßten wenigstens\nanerkennen, daß hier zum erstenmal auf der\nErde ihren Stammesgenossen durch die\nSowjet-Union völlige Freiheit, Gleichberech-\ntigung und Ausübung der nationalen Kultur\ngewährt und gewährleistet ist. Ein ukrai-\nnischer Bauer beklagte sich bei Kalinin, dem\nPräsidenten der Sowjet-Union, daß viele\nukrainische Bauern nicht genügend Land\nbekommen hätten und daß man den besten\nBoden den Juden gegeben hätte. Kalinin,\nder bestimmt kein Jude ist, antwortete: wenn\nes auch so wäre, so wäre es trotzdem ge-\nrecht. Die Juden seien unter dem Zarismus\nzu unmenschlich behandelt worden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c009", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "60", "image_debut": 15, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.9", "titre_corps": "Gehirnabort", "titre_sommaire": "Gehirnabort", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 15, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3389, "texte": "Gehirnabort\nHerwarth Walden\nAuf dem Tisch im Büro des Direktors eines\nproletarischen Sanatoriums im Kaukasus liegt\nplötzlich vor mir das neueste Heft 24 der\nMünchner Medizinischen Wochenschrift. Ich\nschlage nach dem Inhalt einen Artikel „Rus-\nsische Experimente\" auf, geschrieben von\neinem Doktor der Medizin, Bezirksarzt in\nLichtenfels. Nach einigen Zeilen glaubt man\nan einen Sonnenstich des Lesers oder des\nVerfassers. Dieser Doktor ist teils medzii-\nnisch, teils sittlich über die Abschaffung der\nFamilie, die Anschaffung des Aborts und\ndie Verwahrlosung der Jugend und der Kinder\nentrüstet. Diese drei Tendenzen entsprechen\n„dem nomadischen Sinn der Tataren-Bolsche-\nwisten\". Die Familie ist nach der Ansicht\ndieses Medizinmannes abgeschafft worden,\nwie er das nennt, damit jeder Bolschewik\njeden Tag seine neuen sexuellen Begierden\ndurch eine schlichte Heirat befriedigen kann.\nDas Entsittlichende sieht der Doktor darin,\ndaß die Anmeldung der Ehe nicht vor dem\nStandesamt, sondern vor der Polizei, die\nAbmeldung der Ehe nicht vor dem Gericht,\nsondern gleichfalls vor der Polizei stattfindet.\nDamit ist allerdings der sittlichen Mensch-\nheit das Vergnügen genommen, sich in das\nSexualleben der anderen zu vertiefen. Es\nist ferner dadurch der romantische Ehebruch\nverhindert, da ja jede gewünschte neue sexu-\nelle Beziehung durch Ab- und Anmeldung\nsich erledigen läßt. Der Doktor aus Deutsch-\nland ist entrüstet. Nach ihm gibt es in\nDeutschland überhaupt kein Sexualleben\noder höchstens beim Eintritt in die Ehe.\nDer liebe Gott sorgt, gesetzlich geschützt,\nfür die lieben Kinderchen und dadurch für\ndie gottgewollte Familie und beruft die Ehe-\ngatten etwas nach der goldenen Hochzeit\nzu sich ins Paradies. Hieraus ergibt sich,\ndaß 1 n Deutsch lan d je der un s 1111 ich eP■ in™\ngriff in das sittliche Familienleben nebst\nKindererzeugung streng verfolgt wird. Den-\nnoch soll es in Deutschland unsittliche Men-\nschen gegeben haben, die die Spuren ihrer\ngöttlichen Tätigkeit verbergen wollten. Das\nsoll sogar früher recht oft vorgekommen sein,\nso daß man sich zu einer Art Statistik ent-\nschloß, die zwar nicht Bände sprach, aber\nBände füllte.\nSeit Erzeugung der deutschen Republik ist\nes alles anders geworden. Die Aborte sind\nsozusagen ausgestorben. Sonst könnte der\nBezirksarzt aus Lichtenfels nicht so entrüstet\nüber die tatarischen Bolschewisten sein, die\nden Abort gesetzlich einführen. Das hat\nnach Ansicht des Verfassers allerdings den\nVorteil, daß das Proletariat dadurch bald\ngänzlich ausstirbt und der europäische Ka-\npitalismus gerettet ist, oder, wie er es be-\nscheiden nennt, die europäische Intelligenz.\nWie er genau weiß, haben die Bolschewiki\ndie drei Millionen Intelligenter, die das rus-\nsische Reich besaß, gesammelt und sie durch\ndie Tscheka erschießen lassen, wodurch rest-\nlos nur das Proletariat übrig blieb. Da man\nJura nicht ohne Intelligenz treiben kann,\nblieb nichts übrig, als die ganze Jura ab-\nzuschaffen, also auch den Ehebruch, also\nauch die Familie, die Erzeugerin des Ehe-\nbruchs, womit also wieder eine neue Art\nOrdnung in der Unordnung hergestellt ist.\nDie Folgen sind katastrophal, meldet der\nDoktor. Ein russischer Bauer hat sich nach\n15jähriger Ehe abmelden lassen, weil seine\nFrau ihm nicht mehr intelligent genug war.\nDas hat die Welt wenigstens in Deutschland\nnoch nicht gesehen. Dieser Zerfall des Fa-\nmilienlebens. Jedenfalls ist den Bolsche-"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2983, "texte": "wisten ein Intelligenter bei dem großen\nMassenmord entgangen.\nDas ist aber noch nichts gegen die Kinder-\nmordtechnik der Bolschewiki. Der\nDoktor beruft sich auf die Krupskaja, auf\nSemaschko, auf eine Statistik von 1924\nund auf die gewiß unverfängliche bolsche-\nwistische Zeitung Prawda vom Oktober 1925.\nAus diesen Zeugnissen stellt er im Juni 1929\nfest, daß es allein in Moskau im Jahr 1923\n40000 heimatlose Kinder gegeben hat, und\nzwar durch die Schuld der Bolschewisten.\nSie haben nicht nur Weltkrieg und Revolu-\ntion gemacht, sie haben Bürgerkriege in-\nszeniert, Progrome und Kontrerevolution\ndurch europäische Mächte und zum Schluß\neine große Hungersnot im Wolgagebiet be-\nstellt. Alles aus purer Bosheit, insbesondere\nzur Erzeugung von heimatlosen Kindern,\ndie als Objekte für Massenmord besonders\ngeeignet sind.\nAußerdem dienen die Kinder den Bolsche-\nwisten zu allen möglichen verbrecherischen\nPlänen. Der Verfasser sagt wörtlich : „Eisen-\nbahn und Schiff bilden natürlich die beste\nReisemöglichkeit für vagabundierende Kin-\nder; dort findet man auch am ersten ein\nwarmes Eckchen. So wird in das Verkehrs-\nwesen durch diese verwahrlosten Kinder\neine Atmosphäre von Trunksucht, Prostitution,\nBanditentum und Diebstahl hineingetragen.\"\nWie sollten sich Beamte und Reisende vor\ndiesem bösen Beispiel der Kinder in ihren\nguten Sitten nicht verderben lassen. Selbst\nder Bolschewistenstaat sucht jetzt Rettung\nund Schutz vor diesen Kindern :„Der Staat\nist glücklich, wenn er auf die in der Idee\naufgelöste Familie zurückgreifen und solche\nKinder bei Verwandten unterbringen kann.\nRadikalere Methoden, die auch gelegentlich\nerörtert werden, sind Deportation, Maschinen-\ngewehr, Gift!!!\" So etwas wagt ein deutscher\nArzt in einer wissenschaftlichen Zeitschrift\ndes Jahres 1929 drucken zu lassen. Noch\ndazu mit einer politischen Nutzanwendung\nfür die gefährdete deutsche Republik: „Und\ndas ist die von unserer Sozialdemokratie in\nin den Himmel erhobene Staatserziehung.\"\nDer Verfasser wundert sich nur über eins,\ndaß die Berichte der Augenzeugen immer\ngünstig lauten. Er erklärt das höchst ein-\nfach, es würden nur Deutsche nach Rußland\nhineingelassen, die kein Russisch verstehen.\nSie müssen offenbar ein Examen für negati-\nve Kenntnisse vorher ablegen. Diese Augen-\nzeugen lassen sich daher alles einreden. So\nhat man ihnen eine Gefangenenanstalt ge-\nzeigt. „Dort saßen die Gefangenen an saube-\nren Tischen vor Huhn und Reis.\" Wie das\nim kultivierten Deutschland selbstverständ-\nlich ist. Mit Scharfblick erkennt der Bezirks-\narzt von Lichtenfels aus, daß das „die Ge-\nfangenenwärter und Folterknechte wären,\nwährend die Gefangenen selber in den Kel-\nlern verborgen sind\". Diese verwahrloste\nPhantasie nach erfolgreichem Gehirnabort\nkann nur in der deutschen Familie gerettet\nwerden. Einsichtige, wohlwollende Bürger\nmit nachweisbar 50jähriger Ehe, politisch\nrechts-belastet, mögen ihre Anschrift zwecks\nUnterbringung des Doktors der Münchner\nMedizinischen Wochenschrift übersenden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c010", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "62", "image_debut": 17, "image_fin": 18, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.10", "titre_corps": "Nord-Ossetien", "titre_sommaire": "Nord-Ossetien", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3343, "texte": "Nord-Ossetien\nHerwarth Walden\nDas Bergvolk der Osseten wohnt im Norden\nund im Süden des großen Kaukasus und\ndurch die Berge völlig von einander getrennt.\nDer einzige Pass durch das Gebirge, die alte\nberühmte Grusinische Heerstraße, kann nur\nwährend einiger Monate benutzt werden.\nAuch die kulturelle Entwicklung der Nord-\nund Süd-Osseten ist verschieden. Deshalb\nbilden Nord- und Süd-Ossetien jetzt zwei\nselbständige autonome Gebiete, von denen\nSüd-Ossetien zur Föderation der transkau-\nkasischen Sowjet-Republiken gehört, Nord-\nOssetien hingegen zur Russischen Sozialisti-\nschen Föderativen Sowjet-Republik (RSFSR).\nDie autonomen Gebiete haben völlige Selbst-\nverwaltung in Sprache, Volk, Schule, Kultur\netc. Sie unterscheiden sich von den auto-\nnomen Republiken der Sowjet-Union nur\ndarin, daß eine gewisse Aufsicht in politischer,\nwirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht\nstattfindet. Sie ist notwendig, weil vor\nallem die kleinen Nationen unter der za-\nrististischen Regierung auf das brutalste\n„russifiziert\" wurden. Das heißt: sie wurden\ngetötet, vertrieben, ausgebeutet und mit\nGewalt auf der niedrigsten Stufe der Zivili-\nsation gehalten. Trotzdem waren diese Na-\ntionen nicht zu vernichten. Nach der Wie-\ndererlangung ihrer nationalen Freiheit durch\ndie Sowjet-Macht und durch die sozialistische\nGesellschaftsordnung entwickeln sich diese\nNationen in schnellem Tempo. Die jetzige\npolitische Einteilung der Völker des Nord-\nkaukasus besteht seit 1924.\nNord-Ossetien hat etwa 150000 Einwohner.\nEs steht noch nicht fest, ob die Osseten\naus dem Iran stammen. Ihre Sprache ent-\nhält auffallend viel germanische Wörter, so-\ndaß manche Forscher sogar eine germanische\nAbstammung behaupten. Ossetische Schrift-\nzeichen waren teilweise vorhanden. Die\nSowjetregierung Nord-Ossetiens hat aber\njetzt allgemein die lateinische Schrift ein-\ngeführt. Zahlreiche Bücher und Zeitungen\nsind schon in ossetischer Sprache in dieser\nSchrift erschienen. Die Bevölkerung war früher\nteils christlicher, teils mohammedanischer\nReligion. In den letzten Jahren macht die\nantireligiöse Bewegung schnelle Fortschritte,\nbesonders bei den Christen. Die Frauen\nsind den Männern heute vollkommen gleich-\nberechtigt, es gibt sogar schon eine Frau\nals ossetischen Staatsanwalt. Vielweiberei\nist noch vereinzelt vorhanden, ist aber nach\nVolksbrauch der Osseten nicht zulässig. Vor\nder Revolution hatte Nord-Ossetien 92\"0\nAnalphabeten, jetzt noch 86% Analphabeten.\nSeit dem letzten Jahr wird mit aller Gewalt\nan der „Liquidierung\" des Analphabetentums\ngearbeitet. Wanderschulen für Erwachsene\nsind errichtet, und es wird der Schulzwang\nfür Kinder eingeführt. Gelehrt wird die\nossetische und die russische Sprache. In\nder ossetischen Stadtschule von Wladikaw-\nkas außerdem deutsch, französisch und eng-\nlisch nach Wahl. Die autonome Stadt\nWladikawkas ist der Sitz der Sowjetregierung\nNord-Ossetiens. Zwischen den ehemaligen\nfeindlichen Völkern Nord-Ossetien und In-\nguschetien herscht jetzt Einigkeit und sogar\nFreundschaft durch das Sowjetsystem. Die\nHauptstadt beider Nationen ist Wladikawkas,\nin der außerdem noch 30 bis 40 Nationen\nfriedlich zusammen leben.\nDie Hauptbeschäftigung der Nord-Osseten\nist Landwirtschaft, besonders aber Maisbau\nund Viehzucht. 2000 Bauernhöfe bebauen\netwa 16000 ha. Seit der Revolution ist die\nLandwirtschaft um 15 bis2o% gestiegen. Auch"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2691, "texte": "ist ein großes Landgut mit Kollektivarbeit\nder armen Bauern (Kolchos) errichtet. Der\nsozialistische Wettbewerb, die sportliche Idee\nauf das praktische Leben angewandt, steigert\ndie Produktion erheblich. Zur Zeit findet\nin Nord-Ossetien ein Wettbewerb im Sam-\nmeln von Altmetall statt. Das Durchschnitts-\neinkommen der Bauern ist 1000 bis 1500\nRubel.\nDie Elektrifizierung von Nord-Ossetien wird\nbesonders gefördert. Man hat Anfang 1928\nmit dem Bau eines riesigen Hydro-Elekri-\nzitätswerks Giseldonstroi begonnen, das zum\nTeil in diesem Jahr, völlig 1931 in Betrieb\ngenommen wird. Hier, im tiefsten Urgebirge\ndes Kaukasus, entspringt ein Wasserfall von\nriesenhafter Kraft und phantastischen Formen.\nEin alter Hirte hat schon vor 40 Jahren die\nKraft und Bedeutung dieses Wasserfalls er-\nkannt, wiederholt Eingaben an die zaristische\nRegierung gemacht und selbst den Weg\nnach Leningrad, dem Sitz des Zaren, nicht\ngescheut. Er wurde abgewiesen und seine\nUnterbringung in eine Irrenanstalt ernst-\nhaft erwogen. Die Sowjetregierung Nord-\nOssetiens untersuchte die Anregungen des\nAlten — und baut das Elektrizitätswerk.\nDas Heranbringen und Hinaufschaffen des\nMaterials auf die steilen Berge ist außer-\nordentlich schwierig und langwierig. Ueber\n400 arme Bauern finden hierbei Arbeit bei\neinem täglichen Arbeitslohn von drei bis\nvier Rubel. Es werden drei Turbinen zu\n7500 Kiolwatt aufgestellt. Der Betontunnel\nhat eine Länge von 2640 Metern. Zunächst\nfindet eine Stromversorgung auf einer\nStrecke von 140 Kilometern Wladikawkas—\nGrosny statt. Der Preis für die Kilowatt-\nstunde beträgt 2 Kopeken in Wladi-\nkawkas und eine Kopeke in Grosny. Der\nGesamtplan ist, durch dieses Werk das ganze\nGebiet des Nordkaukasus vom Schwarzen\nMeer (Noworossisk) bis zum Kaspischen\nMeer mit Strom zu versorgen. Der Bau\nder ersten Strecke Giseldonstroi — Grosny\nkostet 18 Millionen Rubel. Gearbeitet wird\nvon 600 Arbeitern in drei Schichten. Die\nBedeutung dieses Werkes für Nord-Kaukasus\nist noch garnicht abzuschätzen. Der Ent-\ndecker, der alte Hirt, läßt es sich nicht nehmen,\nselbst Baumaterial mit auf die Berge zu\nschleppen. Er stieg vom Pferde, warf den\n„Baschlyk\", die Kopfbedeckung, eine Art\nKapuze, zurück, zeigte das jugendfrische\nGreisengesicht und drückte mir mit Sieger-\ngeste die Hand. Der Held des Nord-\nKaukasus. Er fragte mich, ob den deutschen\nHirten, die etwas Vernünftiges dachten, auch\nsoviel Schwierigkeiten gemacht würden, wie\nes bei ihm der Fall gewesen ist.\nDen europäischen Regierungen wird empfoh-\nlen, die Lösung des Problems der nationalen\nMinderheiten im Gebiet des Nord-Kaukasus\nzu studieren. Die Entwicklung von Nord-\nOssetien zeigt, wie einfach die ganze Frage\nist, wenn man nur will."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c011", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "65", "image_debut": 19, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.11", "titre_corps": "Tiflis, die Weltstadt des Kaukasus", "titre_sommaire": "Tiflis, die Weltstadt des Kaukasus", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3173, "texte": "Tiflis, die Weltstadt des Kaukasus\nHerwarth Walden\nFünfzigtausend Menschen sitzen, stehen,\ndrängen sich im Volkspark von Tiflis. Auf\nden hohen Bäumen neben der Bühne sitzen,\nstehen, hängen Kinder. Vor der Bühne an\nrotgedeckten Tischen die Jury der ersten\nVolkschorolympiade der Republik Georgien.\n32 Chöre aus allen Provinzen beteiligen sich.\nAlle in ihrer Nationaltracht. Die Bergvölker\ntragen ihre traditionellen Waffen. Der Ge-\nsang im allgemeinen dreistimmig. Männer-\nchöre und gemischte Chöre von 15 bis 60\nMitgliedern. Volkslieder. Voll eigner Melo-\ndik und Rhythmik. Erinnerung an die Musik\nvon Arabern und Negern stellt sich ein. Den\ngrößten Erfolg und die meisten Preise erhält\ndie Provinz Gurien. Ein gurischer Chor\ntanzt außerdem einen Schwertertanz. Muß\nzweimal wiederholt werden. Die Gurier sin-\ngen Begleitungsfiguren aus zwei hohen Kehl-\nlauten, die nirgends auf der Erde gesungen\nwerden. Sie sterben selbst bei der jungen\ngurischen Genenation aus. Die Solisten,\nzwei Greise, Bauern, jeder über 80 Jahre.\nCarusoerfolg. Fast scheint es als ob das\nPublikum die Bühne stürmen wird. Einige\nKinder fallen vom Baum. Signalpfeifen. Die\nMiliz erscheint und macht Ordnung. Etwas\nanders als in Berlin, wo der Polizeileutnant\ndas Licht löschen und weiteres Singen ver-\nbieten läßt, bis die Begeisterten ihren teuer\nbezahlten Platz wieder eingenommen haben.\nHier kostet die Kunst nur 25 Kopeken und\ndie Miliz hält den Enthusiasten einen päda-\ngogisch philosophischen Vortrag über die\nUnzweckmäßigkeit des Vordrängens. Sogar\nmit Erfolg. Den gefallenen Kindern hilft sie\npersönlich wieder auf die Bäume. Das Konzert,\ngleichzeitig vom Radio aufgenommen, dauert\nfast 6 Stunden. Die Tifliser sind für Kunst\nund gelten als das kritischste Publikum der\nSowjet-Union. Deshalb legen die Künstler\ngroßen Wert auf einen Erfolg in Tiflis. Trotz-\ndem die Stadt hinter den hohen kaukasi-\nschen Bergen liegt und die Republik Ge-\norgien in den weitesten europäischen Kreisen\nnur ein Begriff ist. Und auch das kaum.\nDer Zarismus hat das Land zu russifizieren\nversucht und ihm auch einen anderen Namen,\nGrusien, gegeben. Sonst weiß man noch,\ndaß Herr Kautsky sehr böse auf das Land\nist, weil die Georgier sich erlaubten, trotz\nseiner Anerkennung die sozialdemokratische\nRegierung abzuschaffen. Der Präsident der\nRepublik ist der alte Bolschewik Macha-\nradse, der sich schon seit 1899 revolutionär\nbetätigt hat. Ein Mann von hohen geistigen\nGaben, von eisernem Willen, von echter\nMenschlichkeit und einem berauschenden\npersönlichen Charme. Die Georgier, Männer\nund Frauen, sind selten schöne Menschen.\nLebhaft und zugleich zurückhaltend. Voll\nWissensfreude und voll Lebensfreude. Ein\nneuer Glanz, der Stolz des siegreichen Pro-\nletariats liegt über der Stadt. Außere und\ninnere Freiheit des Lebens und der Formen\nund doch aus einer ursprünglichen Aesthetik\nheraus gebunden. Ekstase der Gastfreund-\nschaft. Einige Kilometer vor der Stadt am\nFluß Kura liegt ihr Stolz, das Hydro-Elektri-\nkraftwerk (Sages), gewöhnlich Leninwerk\ngenannt. Es enthält vier Turbinen zu je\n5000 PS, aus Deutschland bezogen. 2 Tur-\nbinen zu je 17 000 PS werden in diesem\nJahr aufgestellt und sind bereits in Lenin-"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3489, "texte": "Grad gebaut. Das Leninwerk hat schon jetzt\nfür Tiflis und Umgebung doppelt soviel Strom\nals zur Zeit gebraucht wird. Die ganze Be-\ndienung besteht aus 7 Arbeitern. Vor dem\nWerk auf einem Felsen das Denkmal Lenins.\nZwischen den Maschinenhäusern wohlge-\npflegte tropische Gärten. Formstrenge ku-\nbistische Architektur. Die Reinlichkeit des\nWerkes blendet wie die südliche Sonne, die\nüber ihm liegt. Zurück in die Stadt. Vor-\nbei an der Universität mit 6500 Hörern. Ein\nBlick in die Nationalgalerie. Seltene per-\nsische Miniaturen des 16. Jahrhunderts.\nSchöne persische Bilder des 19. Jahrhunderts,\nDie Georgische Malerei leider von jedem\neuropäischen Irrtum angesteckt. In der\nKunstakademie rühmt man sich noch heute,\nMünchener Schule zu lehren. Der Unfug\nist selbst in der Sowjet-Union nicht auszu-\nrotten. Bis man schließlich doch noch einen\ngeorgischen Künstler, ein Original findet.\nUnd der ist ein Genie. Phirosmanischwily.\nEr starb 1918, 60 Jahre alt. Wenige Jahre\nvor seinem Tode wurden einige Literaten\nin Tiflis auf ihn aufmerksam, suchten seine\nBilder aus allen möglichen obskuren Stätten\nzusammen, schrieben über ihn und brachten\nBilder von ihm in das Museum. Leben\nund Schicksal des Künstlers ähnlich wie von\nHe nri Rousseau le Douanier. Das künst-\nlerische Werk von Phirosmanischwily aber\nnoch eigenartiger, noch eigenwilliger, noch\nvolkverbundener. Jetzt besitzt der Staat\nseine sämtlichen Werke.\nEin Blick in das Revolutionsmuseum. Der\nBefreiungskampf des georgischen Prolelariats\nin Bildern, Urkunden, Photos, Zeitungsaus-\nschnitten und Modellen. Besonders er-\nschütternd die Dokumente aus dem Leben\ndes georgischen Terroristen Kamo, der\nsechsmal verhaftet wurde, dreimal entfloh,\nviermal zum Tode verurteilt war und durch\neinen Zufall 1922 starb. Zwei Photos zeigen\nverkohlte Leichen zweier Kommunisten, die\ndurch die menschewistische Regierung (Re-\nformpartei) 1921 zum Feuertod verurteilt\nwurden. Weiter. Die Kinofabrik der Republik\nGeorgien „Goskinprom\", die zweitgrößte der\nSowjet-Union. Im neugebauten Atelier\nkönnen sechs Gruuppen gleichzeitig arbeiten.\nZur Zeit nimmt man als Kulturfilm das\nLeben der kaukasischen Bergvölker auf.\nDie Jahresproduktion beträgt 20 Filme. Die\nRosa-Luxemburg-Fabrik. Monatliche Pro-\nduktion 70 Millionen Zigaretten. 330 Arbei-\nter 7 Stunden Arbeitszeit. Die Fabrik ist\nnationalisiert. Neu eingerichtet wurden in\nder ehemaligen Privatwohnung des früheren\nBesitzers die Klubs und Erholungsräume\nder Arbeiterschaft. Besonders reizvoll ist\ndas Kinderheim. Die Arbeiterinnen nehmen\nin allen größeren Fabriken ihre kleinen\nKinder vom Säugling ab mit und geben sie\nin das Kinderheim der Fabrik. Dort werden\nsie während der Arbeitszeit von gelernten\nSchwestern versorgt. Mütter, die selbst\nstillen, erhalten hierzu zwei bis dreimal je\neine halbe Stunde Urlaub. Das Kinderheim\nhat jeden erdenklichen hygienischen Komfort.\nEin Arzt ist zur täglichen Beobachtung der\nKinder angestallt. Die schlafenden gesunden\ndicken Kinder in weißen Bettchen beweisen\ndie ethische Berechtigung der proletarischen\nDiktatur. Die Seidenfabrik „Roter Textil-\narbeiter\". 105 Arbeiter, zwei Schichten,\n8 Stunden Arbeitszeit. Produktion 8000\nMeter monatlich. Hergestellt wird Crepe\nde Chine in allen Farben, Serge, Seiden-\nleinen und Rohseide. Die große industrielle\nLeistung von Tiflis ist die neueröffnete\nerste Textilfabrik. Produktion; Wolle und\nKammgarn. 1300 Arbeiter arbeiten in drei\nSchichten je 7 Stunden. Die Herstellung\nder Fabrik nebst Siedlungsbauten für die"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1163, "texte": "Arbeiter kostet 6 Millionen Goldrubel. Das\nGebäude ist ein Meisterwerk der technischen\nArchitektur. Man hat durch eine geniale\nKonstruktion das Problem gelöst, außer-\nordentlich viel Licht, aber keine Sonne in\ndie Fabrik zu lassen. Logische und rationelle\nVerteilung der Räume für besondere Zwecke.\nGroße Garderoben und Duschen für die\nArbeiter. Speisesäle und Erholungsräume.\nIn den neuen Fabriken wird alles so hygie-\nnisch und ästhetisch angelegt, daß die Arbeit\nBeschäftigung, kein Dienst mehr ist. Ma-\nschinen der neuesten deutschen und englischen\nKonstruktionen. Fast jede Gewerkschaft hat\nihren Winterklub und Sommergarten. Der\nschönste gehört der Druckergewerkschaft\nmit 2000 Mitgliedern. Die Sommerbibliothek\ndieses Klubs enthält 20000 Bücher. Bevor-\nzugt wird von den Lesern hier die neue\nfranzösische Literatur in Übersetzung. Nicht\nweniger als 40 Nationalitäten leben in der\nRepublik Georgien im besten Einvernehmen.\nTrotzdem jede Nation ihre Sprache spricht\nund die größeren nationalen Einheiten völlig\nselbstständige Verwaltung haben, ist kein\nnationaler Chauvinismus entstanden. Ge-\norgien ist ein Musterland politischer und\nsozialistischer Kultur."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c012", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "67", "image_debut": 21, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.12", "titre_corps": "Charkow", "titre_sommaire": "Charkow", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.21", "debut_caractere": 1165, "fin_caractere_exclue": 2974, "texte": "Charkow\nHerwarth Walden\nDie Ukraine ist nicht, die Ukraine war nicht,\nund die Ukraine wird nicht sein. Das hat\nPeter der Croße persönlich falsch prophezeit\nund dem Lande großzügig den Namen\nKlein-Rußland gegeben. Um die Großrussen\nnicht mit der Erlernung der ukrainischen\nSprache zu bemühen, wurde sie schlicht\nverboten. Da sollten sich lieber die lumpigen\n30 Millionen Ukrainer anstrengen und\nrussisch lernen. Die Balkanvölker hatten\nsich schon vorher für Peter den Großen\ngesorgt und eine nette Handelsniederlage\nnamens Kiew gegründet. Da Kaufleute viel\nZeit haben, auch die entsprechende Kultur\nmitgebracht. Man brauchte nur noch die\nnötige Zahl Kirchen und Klöster zu bauen\nund die Hauptstadt Klein-Rußlands war\nfertig. Sie hat die Schönheit der Ver-\ngangenheit, die Romantik etwa einer italie-\nnischen Stadt. Hier kann man träumen.\nIn Natur und in Museen. Die Ukrainer\naber wollen wachen. Man brauchte Platz\nund Atemfreiheit. Man mußte niederreißen\nkönnen ohne Rücksicht auf Altertümer, die\nder verehrten Großmutter Geschichte wegen\ngeschont werden müssen. Nur Kinder sind\nohne Tradition. Die Ukrainer der Sowjet-\nUnion schufen sich die neue Hauptstadt\nCharkow. Aus einer harmlosen, vernach-\nlässigten Provinzstadt ohne Kanalisation\nentwickelte sich in wenigen Jahren eine\nGroßstadt. Eine Industriestadt. Die geringe\nZahl Fabriken, die das revolutionäre Prole-\ntariat von der Bourgeosie übernehmen\nkonnte, genügen schon jetzt den Ansprüchen\nnicht mehr und sind oder werden moderni-\nsiert und erweitert. Neue Fabriken sind\nentstanden. Zwei Neubauten sind besonders\ncharakteristisch für die Entwicklung der\nStadt und der sozialistischen Ukraine. Auf\neiner Fläche von 51000 qm erhebt sich\nder „Industriepalast\", das Zentralbüro aller\nTrusts. Eisenbeton. Zwölf Stock hoch.\nEin Meisterwerk der modernen Zweck-"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3445, "texte": "architektur. An Material sind 4000 Waggons\nBeton, 550 Waggons Eisen und 20 Waggons\nGlas verbraucht. Das Gebäude ist in\n2 Jahren 2 Monaten von August 1926 bis\nOktober 1928 errichtet. Dieser „Industrie-\npalast\" wird von keinem Gebäude Europas\nan logischer Schönheit, sachlicher Bequem-\nlichkeit und dennoch monumentalerWirkung\nübertroffen. Bei weitem übertroffen wird\nEuropa durch den zweiten Neubau, die\ndritte staatliche Musterpoliklinik. In der\ngesamten Sowjet-Union sind Polikliniken\nkeine Verlegenheitsprodukte für die Mehr-\nheit der unbemittelten Volksgenossen. Eigent-\nlich in Europa nur zu dem Zweck errichtet,\num den Aerzten die nötige Zahl von Versuchs-\nmenschen zu Experimenten für die aussichts-\nvollere Heilung vollzahlender Patienten zu\nschaffen. Hier haben die Aerzte der Poli-\nkliniken die schlichte Aufgabe, Proletarier\nzn heilen. Durch die Wissenschaft ohne\nRücksicht auf die Wissenschaft. Die dritte\nPoliklinik von Charkow ist ein Denkmal,\ndas das Proletariat seiner gewonnenen\npolitischen Macht gesetzt hat. In einer Voll-\nkommenheit, die sich die Großbourgeosie\nnicht einmal für ihre Privatkliniken leistete.\nEin objektiver Zeuge für diese Tatsache\ndürfte vielleicht auch europäischen Skepti-\nkern der deutsche Botschafter v. Dirksen\nsein. Er konnte nicht umhin, im Gästebuch\nder Poliklinik zu erklären: „Wir stehen ganz\nunter dem Eindruck dieses großen sozialen\nWerkes, das in den letzten Jahren hier ent-\nstanden ist und sich auf die neuesten\nErgebnisse wissenschaftlicher Forschung\nstützt.\" Man dürfte eigentlich nicht umhin\nkönnen, dieses Institut ein großes sozia-\nlistisches Werk zu nennen. Denn vor\nder Revolution hatte man als soziales\nWerk nur ein lächerlich kleines Kranken-\nhaus gegen normale Bezahlung zustande\ngebracht. Die dritte Poliklinik behandelt\njährlich, ohne irgendwelche Kosten für die\nKranken, 100000 Werktätige. Säe enthält\n9 Polikliniken mit 47 Abteilungen. Von der\nChirurgie bis zur Berufsberatung. Neueste\nInstrumente und neueste Behandlungs-\nmethoden. Das meiste hat man aus Deutsch-\nland bezogen, was dort allerdings nicht für\njedermann aus dem Volke bestimmt ist. Die\npeinliche Sauberkeit in der Einrichtung und\nErhaltung aller Räume ist vorbildlich. Für\ndie wartenden Kranken sind Erholungssäle\nund Lesezimmer mit bequemen Möbeln\nvorhanden. Ein großer Vortragssaal mit\nKino für Volksaufklärung über das Gesund-\nheitswesen ist zugleich als medizinisches\nMuseum eingerichtet und für die Kranken\ngeöffnet. Durch anschauliche, vergleichende\nfarbige Plakate, durch Modelle und Dia-\ngramme werden die Besucher über die\nhäufigsten Volkskrankheiten, deren Ver-\nhütung und Heilung unterrichtet. Die Filme\ndes Kinos dienen dem gleichen Zweck.\nMan soll nicht glauben, daß ein derartig\nvollkommenes Institut aus Protzerei errichtet\nist. Man sehe hierin vielmehr eine außer-\nordentlich bedeutende psychiologische Me-\nthode, dem Kranken die Wichtigkeit des\nKörpers und seiner Funktionen für ihn\nselbst zum Bewußtsein zu bringen. Eine\nMethode, die man bisher nur angewandt\nhat, um den Wert von Kunstwerken in\nErscheinung treten zu lassen. Die Stadt\nCharkow arbeitet und lebt. Lebt im Tempo\nder Großstadt. In dieser Stadt erinnert man\nsich mit Rührung an die Mitteilungen vieler\ndeutscher Zeitungen über die gräßliche\nHungersnot in der Sowjet-Union. Einige\nPreise: Ein Kilo Schwarzbrot 7 Kopeken,\nein Kilo Weißbrot 15 Kopeken. 10 Eier\n55 Kopeken. Ein Kilo Butter 2 Rubel\n90 Kopeken. Ein Pfund Kalbfleisch 28 Ko-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1926, "texte": "peken, ein Pfund Rindfleisch 22 Kopeken.\nEin Huhn je nach Größe 1 Rubel 20 Ko-\npeken bis 1 Rubel 50 Kopeken. 100 Gramm\nTee 85 Kopeken. In den Speisesälen, die\nbei jeder Fabrik vorhanden sind, kostet ein\nMittagessen für Arbeiter, Angestellte und\nderen Familienmitglieder 35 Kopeken. Es\nbesteht aus einer Suppe von Fleisch und\nGemüsen, einem Fleischgang und Brot\nnach Belieben. An einem offenen Büffet\nwerden kalte Vorspeisen, Süßigkeiten und\nGetränke ohne Alkohol zu den geringsten\nPreisen verkauft. Als Beispiel: eine Portion\ngutes Vanille-Eis kostet 5 Kopeken. — Am\nfrühen Nachmittag beleben sich die Straßen.\nSpätestens um halb vier Uhr ist überall die\nTagesarbeit eingestellt. Die Werktätigen,\ndas heißt hier fast die ganze Bevölkerung,\nbegeben sich nach und nach in die Sommer-\nKlubs. Jede Gewerkschaft, jede Fabrik,\njede Organisation von Angestellten und\nbehördlichen Arbeitern verfügt über einen\nWinter-Klub in eigenen Gebäuden und über\neinen Sommer-Klub in Gärten. Für jede\nArt von Ansprüchen ist hier gesorgt. Man\ngeht in das Theater, in das Kino oder in\ndas Konzert seines Klubs. Man treibt ver-\nschiedenen Sport zu Lande und zu Wasser.\nMan spielt Schach oder Billard. Man liest\nZeitungen, Zeitschriften aus eigener Biblio-\nthek. Man ißt, trinkt, plaudert, oder geht\nspazieren unter sagenhaft alten Bäumen und\nim Leninlicht, der Volksname für Elektri-\nfizierung bis in das kleinste Dorf der Sowjet-\nUnion. Im großen Gewerkschaftsgarten von\nCharkow, an dem 20 Klubs beteiligt sind,\ntreffen sich täglich etwa 1500, Sonntags\n30 bis 40 Tausend Menschen. Ein Sowjet-\nMotto heißt: „Wer sich nicht zu erholen ver-\nsteht, versteht nicht zu arbeiten.\" Dieses\nWort wird in dem arbeitsamen und leben-\nfrohen Charkow besonders beherzigt. Von\neiner Menschheit, die sich aus freiem\nGemeinschaftswillen eine freie Erde für\ndas Glück der Einzelnen und Aller ge-\nschaffen hat und in solchem Sinne sinnvoll\nweiter schafft und arbeitet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c013", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "69", "image_debut": 23, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.13", "titre_corps": "Inguschetien", "titre_sommaire": "Inguschetien", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.23", "debut_caractere": 1928, "fin_caractere_exclue": 3116, "texte": "Inguschetien\nHerwarth Walden\nEuropa nebst seinem Völkerbunde können oder\nwollen nicht das Problem lösen, nationale\nMinderheiten der einzelnen Länder anständig\nzu behandeln und normal leben zu lassen.\nGerade die Länder, die angeblich ein ganz\nbesonderes Nationalbewußtsein besitzen, können\ndessen Existenz bei anderen Völkern absolut\nnicht vertragen oder anerkennen und treiben\nes der Konkurrenz durch körperliche und kul-\nturelle Vernichtung aus. In Wirklichkeit ist\ndiese außergewöhnliche Nationalsucht weiter\nnichts als gewöhnliche Besitzsucht. Traurig\ngenug, daß man noch im 20. Jahrhundert sagen\nmuß, daß Totschlag und Ausbeutung keine Be-\nweise für nationale Überlegenheit sind. Im\nzaristischen Rußland wurden etwa 200 Natio-\nnalitäten „russifiziert\". Also totgeschlagen,\nausgeplündert und auf die denkbar niedrigste\nStufe der Zivilisation zurückgedrängt oder auf\nihr gehalten. Dagegen war die Sklaverei des\nklassischen Altertums eine Wohltätigkeitsanstalt.\nDurch die proletarische Revolution 1917 wurden\nalle Nationen des ehemaligen Rußlands frei.\nDie meisten von ihnen vereinigten sich zu\neinem Bund sozialistischer Sowjet-Republiken\nund es entstanden einige 30 Staaten mit Selbst-"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4070, "texte": "Verwaltung und nationalen Kulfurrechten. Die\nbesonderen nationalen Interessen der Repu-\nbliken innerhalb der Zentralverwaltung der\nUnion werden durch den Nationalitätenrat ver-\ntreten. Man unterscheidet autonome Republiken\nund autonome Gebiete. Autonome Gebiete\nbilden die Nationen, deren geringe Zivilisation\nals ; Folge der famosen „Russifizierung\" ein\ngewisses Aufsichtsrecht, insbesondere in wirt-\nschaftlicher und finanzieller Hinsicht bedingt.\nHingegen haben auch diese autonomen Gebiete\nvöllige Selbstständigkeit in kulturellen Dingen:\nSprache, Schule, Gerichtswesen, innere Verwal-\ntung, Gesundheitswesen, Bildung und Land-\nwirtschaft. Jede autonome Republik hat in dem\nNationalitätenrat fünf Vertreter, jedes autonome\nGebiet einen Vertreter. Trotzdem die Russen\nin der Union fast 70% der Bevölkerung aus-\nmachen, haben sie in dem Nationalitätenrat als\nautonome Republik gleichfalls nur fünf Vertreter.\nEine Vergewaltigung der übrigen Nationen ist\ndaher in jeder Hinsicht ausgeschlossen. Das\nist eine wahrhaft einfache und wahrhaft demo-\nkratische Lösung des Nationalitätenproblems.\nDer Nordkaukasus hat sechs autonome Gebiete.\nNach der Februarrevolution 1917 erstrebten\ndiese Bergvölker eine unabhängige Bergrepu-\nblik unter Führung von Russen. Bald führten\nsie aber untereinander und gemeinsam gegen\ndie russische „Führung\" Krieg. Im Februar\n1918 wurde die erste gemeinsame Sowjetre-\ngierung dieser Bergvölker gegründet, aber\nbereits nach einem Jahr durch General Denikin\nmit Unterstützung des europäischen Kapitals\ngestürzt. Die Mitglieder der Sowjetregierung\nwurden größten Teils erschossen. Erst im\nMärz 1920 wurde die Konterrevolution völlig\nbesiegt. Die endgültige Einteilung des Nord-\nkaukasus fand 1924 statt.\nDas autonome Gebiet Inguschetien hat etwa\n30000 Einwohner. Der Sitz der nationalen Be-\nhörden ist die autonome Stadt Wladikawkas,\ndie zugleich das Verwaltungszentrum des auto-\nnomen Gebiets Nord-Ossetien ist. Die Ingu-\nscheten sind ein Bergvolk vermutlich aus dem\nVölkerstamm der Japhetiten und mit dem nord-\nkaukasischen Bergvolk der Tschetschenen ver-\nwandt. Sie sprechen eine sanskritähnliche\nSprache, haben eine erhebliche Volksliteratur,\naber keine Schriftzeichen. Die gesamten ge-\nschichtlichen Kenntnisse dieses Volkes beruhen\ndaher auf mündlicher Überlieferung. Durch\ndie Sowjetregierurig Inguschetiens wurde für\nihre Sprache die lateinische Schrift eingeführt\nund sofort mit der Herausgabe von Zeitungen,\nLehrbüchern und volkstümlichen Werken be-\ngonnen. Die Werke von Karl Marx und Frie-\ndrich Engels werden zurzeit auf inguschisch\nübersetzt. Vor 150 Jahren wurde nach der\nGötzenanbetung die mohamedanische Religion\neingeführt. Es bestand Vielweiberei bis zu 7\nFrauen, die auch sonst vollkommen ohne jedes\nRecht waren. Heute haben die Frauen bereits\ndie Schleier abgelegt, besitzen dieselben Rechte\nwie die Männer und gehen zum Teil sogar\nschon in die kommunistische Parteischule. Es\nwurde ein Dekret gegen die Vielweiberei er-\nlassen, das vom Volk gut aufgenommen ist.\nBis zur Revolution hatten die Inguschen eine\nSchule und 93 % Analphabeten. Jetzt giebt\nes bereits 32 Schulen, aber immer noch 88 %\nAnalphabeten. Der Schulzwang ist noch nicht\neingeführt, weil die Inguschen vollständig zer-\nstreut auf den Bergen wohnen und nicht ge-\nnügend Lehrkräfte und Schulgebäude vorhanden\nsind. Die Inguschen treiben Landwirtschaft,\nhauptsächlich Maisbau und Viehzucht. Seit der\nRevolution ist die Landwirtschaft um 10%, die\nViehzucht um 150 % gestiegen. Das Durch-\nschnittseinkommen eines Bauern ist jährlich\n1000 Rubel. Eine große Steigerung der Pro-\nduktion macht sich durch die Idee des sozialis-\ntischen Wettbewerbs bemerkbar. Das ist die\nSportsidee auf das tägliche Leben angewandt.\nDer Wettbewerb findet zwischen einzelnen\nHöfen und auch einzelnen Bezirken statt. Der\nPräsident des inguschen Landessowjets Dach-\ngylkow arbeitet mit Leidenschaft an der kultu-\nrellen Bildung seines Volkes. Der Sowjet\nbesteht aus 40 Mitgliedern, darunter 5 Russen.\nDas Plenum tritt alle drei Monate zusammen.\nIn Wladikawkas ist ein Museum Inguschetiens"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 480, "texte": "eingerichtet, in dem man die geschichtliche\nEntwicklung des Landes ethnologisch, ethno-\ngraphisch und kulturell gut studieren kann.\nWenn durch die Selbstverwaltung schon bei\neinem vollkommenen Naturvolk in wenigen\nJahren günstige kulturelle Resultate erzielt\nwerden, sollten die großen Nationen Europas\nvielleicht mit ihren „erworbenen\" nationalen\nMinderheiten mit europäischer Bildung einen\nbescheidenen Versuch in dieser Richtung ris-\nkieren. Man kann auch von Inguschen\nlernen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c014", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "71", "image_debut": 25, "image_fin": 27, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.14", "titre_corps": "Kulaken", "titre_sommaire": "Kulaken", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 25, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.25", "debut_caractere": 482, "fin_caractere_exclue": 3030, "texte": "Kulaken\nHerwarth Walden\nDie durchschnittliche Saatfläche der SSSR\nbeträgt beinahe ein Drittel der gesamten\nSaatfläche der Erde. Trotzdem hört man\nin Europa von Brotknappheit in der Sowjet-\nUnion, von Wiedereinführung der Brotkarte.\nEin Teil der Presse redet sogar von Hungers-\nnot. Dieselbe Presse berichtet von uner-\nhörten Schikanen und Gewaltmaßnahmen\nder Bolschewiki gegen die Bauernschaft.\nAngeblich befindet sich die Bauernschaft\nunter Führung der Großbauern in hellem\nAufruhr gegen die Sowjetmacht. Die\neuropäische Bourgeosie vernimmt diese\nBotschaft mit Entzücken. Sie hat ja immer\ngesagt, daß der Sozialismus nicht für diese\nErde geeignet sei. Die Tatsachen, ihre\nUrsachen und ihre Wirkungen sind aber\nwesentlich anders und wesentlich in ihrer\nBedeutung. Drei Klassen der Landbevölke-\nrung sind klar zu unterscheiden: die Bauern-\nproletarier und Landarbeiter, die Mittelbauern\nund die Großbauern (Kulaken). Kulaken\nsind etwa 20 % der gesamten Bauernschaft.\nNach der Oktoberrevolution wurde das ge-\nsamte Land zum Staatseigentum erklärt.\nVerkauf, Verpachtung, Freihandel und An-\nstellung von Landarbeitern wurde verboten.\nGroßgrundbesitzer und Landpächter wurden\nvertrieben. Das Land wurde durch die\nrevolutionären proletarischen Komitees\n(Kombed) 1918 unter die selbstbearbeiten-\nden Bauern aufgeteilt und zwar nach der\nKopfzahl ihrer Familienmitglieder. Auch\nden selbstbearbeitenden Kulaken wurde nur\nsoviel Land gelassen, als sie Familien-\nmitglieder besaßen. Das lebende und tote\nInventar auf dem Lande dagegen blieb\nPrivateigentum. Hieraus ergibt sich, daß\nder Kulak den andern beiden Bauernklassen\nüberlegen blieb: er hatte Gebäude, land-\nwirtschaftliche Maschinen und Vieh, was\nder Mittelbauer wenig und der Bauern-\nproletarier (Batrak) überhaupt nicht besaß.\nDa diese beiden Klassen durch Revolution\ngewannen, die Kulaken aber verloren, waren\ndie Kulaken von Anfang an Feinde der\nSSSR. Die Mittelbauern verhielten sich\nanfangs neutral. Sie und die Bauern-\nproletarier wurden von der Sowjetmacht\nsystematisch unterstützt, um sie von den\nKulaken materiell unabhängig zu machen\nund diese beiden wichtigen Klassen für den\nsozialistischen Aufbau der Landwirtschaft\nvorzubereiten. Man darf nie vergessen, daß\n85 % der Bevölkerung der SSSR aus Bauern\nbestehen, daß eine Revolution ohne den\nBauern oder gegen die Bauern hätte erfolg-\nlos sein müssen. Auch darin besteht die\nBedeutung Lenins, daß für die Revolution\nund den Sozialismus eine Klasse gewonnen\nwerden mußte, die nicht auf der Höhe des\nklassenbewußten Arbeiterproletariats stand."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3428, "texte": "Mit der Zuteilung von Land an die Arm-\nbauern und mit Mittelbauern war noch\nwenig getan. Um ihnen die Bestellung und\nNutzbarmachung des Grund und Bodens\nzu ermöglichen, wurde ihnen Kredit ge-\nwährt, Maschinen überlassen und auf\nSteuern verzichtet. So wurde gegen die\nfeindlichen Kulaken eine „Festung im Dorf\"\nerrichtet. Durch die Einführung der Neuen\nEkonomischen Politik (Nep) erhielten diese\nbeiden Klassen weitere Vorteile, die aller-\ndings auch dem Kulaken zugute kamen:\nFreihandel, Erlaubnis der Verwendung von\nLandarbeitern auf beschränkte Zeit und\nunter gesetzlich bestimmten Bedingungen;\nErrichtung von Fabriken und gesteigerten\nKredit. Der Mittelbauer wurde zur Zentral-\nfigur des Dorfes, obgleich die Entwicklung\ndieser Klasse sich in absteigender Linie\nbefindet. Die Sowjetmacht hatte zunächst\nvon ihrer Politik fast nur den ideellen Vorteil\nder Hebung der Landwirtschaft, die im\nzaristischen Rußland auf eine geradezu\nmittelalterliche Weise betrieben wurde. Der\nKlassenkampf auf dem Dorf verstärkte sich.\nDie Kulaken wehrten sich mit ihrer kapita-\nlistischen Ueberlegenheit. Sie versuchten\ndurch Pachtung, Benutzung des Weidelandes\nder anderen Bauern, durch Leihen der Ma-\nschinen und Gelddarlehen die Armbauern\nund Mittelbauern wieder von sich abhängig\nzu machen. Zum endgültigen Abwehrkampf\nbegann die Sowjetmacht und die kommu-\nnistische Partei theoretisch durch Aufklä-\nrungsarbeit und praktisch mit der freiwil-\nligen Kollektivisierung der Dorfwirtschaft.\nAuf der Novembertagung 1928 der kommu-\nnistischen Partei wurde festgestellt, die\nBefestigung der politischen Macht, der\nFortschritt der Industrie und die innere\nVerbindung der Armbauern und der Mittel-\nbauern sei so weit, daß man mit der So-\nzialisierung auf dem Dorfe beginnen könne.\nIhr Tempo soll durch die Industrialisierung\nder Landwirtschaft beschleunigt werben.\nDer Grundsatz der Wirtschaftspolitik der\nSowjet-Union besteht darin, nichts zu ver-\nbieten, die Gegner des Sozialismus durch\nwirtschaftspolitische Maßnahmen zu unter-\ndrücken. Die Dorfgemeinden wurden zur\nErrichtung von großen Sowjetwirtschaften\n(Kolchos) mit Hilfe des Staates veranlaßt.\nDiese Kollektivgüter werden gemeinsam\nvon den Armbauern und Mittelbauern be-\ntrieben, die sich freiwillig dazu melden.\nIhnen werden Traktoren und Dreschma-\nschinen geliefert, auch ausreichender Kredit\ngewährt. Die Kulaken dagegen erhalten\nauch gegen Bezahlung keine Traktoren\nund die übrigen Maschinen erst dann, wenn\ndie beiden anderen Klassen der Bauern\nvöllig beliefert sind. Auch die Erlaubnis\nzur Beschäftigung der Landarbeiter ist sehr\neingeschränkt. Die Kollektivwirtschaften\nbewähren sich sehr günstig. Durch den\nschnellen Aufbau von Dorfkonsumgenossen-\nschaften wird den Kulaken der Verkauf ihrer\nlandwirtschaftlichen und kleinindustriellen\nErzeugnisse durch die billigeren Preise im\nDorf mehr und mehr unterbunden. Infolge-\ndessen ist der Großangriff der Kulaken\ngegen das Dorf und sogar gegen die Sowjet-\nmacht in vollem Gange. Insbesondere im\nNordkaukasus, wo sich die meisten Kulaken\nbefinden. Die Gegenangriffe sind ohne\npraktische Bedeutung und mehr Entladung\nvon Wut. Dorfkorrespondenten und Kom-\nmunisten werden häufig überfallen, körper-\nlich schwer mißhandelt, zum Teil sogar\nermordet. Die Kulaken versuchen ferner\ndurch Aufpeitschung der absterbenden reli-\ngiösen Gefühle die Dorfbewohner für sich\nwiederzugewinnen. Sie versuchen auch\neinzelne Bauern und einzelne Landarbeiter"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1704, "texte": "durch besondere Zuwendung der Kollektiv-\nidee abtrünnig zu machen. Die Bauern\nsind aber indessen klüger geworden. Sie\nübersehen bereits die Vorteile der Gemein-\nschaftsarbeit. Umsomehr, als die Kollektiv-\nwirtschaften und nur sie kontraktartige\nVorauszahlungen auf die Ernte bis zu drei\nJahren erhalten. Fast in jedem Dorf gibt\nes bereits ein Komitee zur Hebung der\nLandwirtschaft. Der Nachfrage nach Fach-\nmännern, Agronomen, kann nicht genügt\nwerden. Die Bauern gehen in die land-\nwirtschaftlichen Hochschulen, um sich Auf-\nklärung und Information zu verschaffen.\nSie besuchen die Mustergüter des Staates\n(Sowchos) und verwenden die dortigen\nErfahrungen für sich. Und die neue Idee\ndes sozialistischen Wettbewerbs findet auch\nauf den Dörfern Anklang. Etwas, was es\nin Europa nur im sportlichen Wettbewerb\ngibt. Es wetten nicht nur Dörfer im Auf-\nbau und in Qualität der Arbeit miteinander,\nes wetten ganze Provinzen und ganze\nLänder. Man kommt zur Vereinbarung\nder Wette zusammen und kontrolliert nach\ndem festgesetzten Zeitraum gegenseitig\ndie Resultate. So wird der Widerstand\nder Kulaken immer mehr gebrochen. Es\nhat keinen Zweck mehr für ihn, landwirt-\nschaftliche Produkte zurückzuhalten und\nzu speichern, da sie eben von anderer\nSeite bezogen werden können. Man hat\nihm das billigste Futtermittel, das Brot,\nentzogen, indem man in den Städten und\nGemeinden Brotkarten einführte. So ergab\nsich durch Verfutterung des Brotes die\nGroteske, daß die Stadt Moskau mit kaum\nder halben Einwohnerzahl während dieses\nJahres mehr Brot verbrauchte als Berlin.\nNatürlich ergeben sich durch die Aufbau-\nkämpfe Schwierigkeiten. Aber deutlich ist\nzu übersehen: Der Endsieg des Proletariats\nin SSSR ist gesichert."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c015", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 27, "image_fin": 28, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.15", "titre_corps": "Kleinstadt in der Ukraine", "titre_sommaire": "Kleinstadt in der Ukraine", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 27, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.27", "debut_caractere": 1706, "fin_caractere_exclue": 2963, "texte": "Kleinstadt in der Ukraine\nHerwarth Walden\nGroßes Leben in der Kieinstadt. Markttag.\nViele Bauernwagen. Junge Pferdchen staunen.\nBehäbige Kühe schauen verwundert durch die\nFenster in die Stadtpracht. Schweine prome-\nnieren träge, den Blick sachlich nach unten\ngerichtet. Hühner und Enten stolzieren auf\nden Stufen vor den Häusern. Obst und Gemüse\nwächst unmittelbar aus dem Pflaster und wölbt\nsich zu Hügeln. Schaftstiefel und Schafpelze\nbaumeln an Leiterwagen. Fleischmassen und\nTeppiche in Bretterbuden. Dazwischen Bauern-\ntöpfe, Blechwannen und Eierkiepen. Alte\nBäuerinnen haben es sich auf der Erde un-\nbequem gemacht und verkaufen aus Säcken\ngetrocknete Sonnenblumenkerne. Ein uraltes\nsehr beliebtes Genußmittel. Die Kunden und\nKundinnen der Kleinstadt gehen mit Körben\nund Netzen kritisch und wählerisch herum,\nentschließen sich zu Kalbskeulen, das Pfund\n25 Kopeken oder zu einem Schock Eier für\nzwei Rubel fünfzig Kopeken. Kinder springen\nohne Verkehrsreglung über Hühner und Töpfe.\nJuden aus alten Ölgemäiden besprechen den\nErnst der Zeit. Besprechen ihn mit den Bauern.\nJetzt sind nähmlich hier alle Menschen gleich\nund gleichberechtigt. Die jungen Juden ernten\nnicht mehr nur im Laden, sondern auch auf\ndem Felde. Nur die Alten können sich in ihrer"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3729, "texte": "Tätigkeit nicht mehr recht umstellen. Sie werden\nzwar nicht mehr gehetzt und verachtet. Sie\nkönnen jetzt nachts ruhig schlafen, sagen sie\nzufrieden. Aber bekümmert fügen sie hinzu,\nam Tage auch. Denn der Handel ist vorbei.\nZwar nicht verboten. Aber welcher alte, kluge\nJude würde bei sich selbst kaufen, wenn er\nalles viel billiger in der Konsumgenossenschaft\nbekommt, in der er Mitglied ist. Man kann\nauch als Bauer und Arbeiter leben. Die Sonne\nbrennt. Die Bauern gönnen sich etwas und\ngehen ins „Büffet\". Hier gibt es Großstadt-\nfreuden. Selterwasser mit allen möglichen\nFruchtessenzen, das Glas für 5 Kopeken, und\nallerlei Zuckerwerk. Das Getränk wird aus\neinem geheimnisvollen Ständer mit gradierten\nRetorten und Nickelbeschlag gemixt. Auch\ngroße Portionen Speiseeis, schon für 5 Kopeken,\nsind begehrenswert. Das heutige Stadtgespräch\nsind die Onkel aus Amerika. Sie gibt es\nwirklich, während sie in Europa nur auf dem\nTheater vorhanden sind. Aus jeder Kleinstadt\nsind märchenhaft viele Einwohner nach Amerika\nausgewandert. Sie vergessen ihre Heimat\nnicht, werden auf märchenhafte Weise reich,\nkommen selbst als Gents zu Besuch oder\nschicken Liebesgaben. Diesmal haben die Onkel\ngleich 13 Kisten voll Kleider, Schuhe und\nWäsche zur Verteilung an die Armen gestiftet.\nAuch hier macht man zunächst das, was man\nüberall tut: man wählt eine Kommission. Es\nwird ausgepackt, geschätzt und geordnet. Räume\nsind für solche Kisten nicht gebaut. Sie lagern,\nvon zahllosen Kindern bestaunt, auf der Straße,\nwährend die Kommission im kleinen, leeren\nLaden die Qualität der amerikanischen Kon-\nfektion bewundert. Wenn die beschenkten Klein-\nstädter erst die Taylor mades, die Breeches, die\npelzbesetzten Damenmäntel, die Herrenulsters,\ndie Autoshawls, die Sporthemden tragen werden,\nwird die Verwechslung mit New-York City\nnicht mehr zu vermeiden sein. Geigenklänge.\nEhrfürchtige Versammlung. Der Greis spielt\nselbstkomponierte Walzer. Ein kleines Mädchen\naber behauptet, es wäre das Lied von zwei\nRosen und einem Rosenmund. Auf Fragen\nerklärt der Komponist, er habe sich, wie alle\ngroßen Meister, an den Rosenmund angelehnt.\nEr spricht deutsch und ist mit dieser Zeit böse,\ndie keinen Sinn mehr für das Konzert von\nBeriot habe. Früher. Die Schwester des Zaren\nhat sich sogar mit ihm photographieren lassen.\nSo entzückt war sie von ihm und Beriot. Und\nhat ihm zur Erinnerung und zur Ehrung einen\nalten Militärrockknopf mit echtem Monogramm\ndes Zaren geschenkt. Der Knopf schließt das\nbescheidene Tuchetui der Geige. Der Achtzig-\njährige hat nur noch den einen Wunsch,\nseine Kompositionen in Berlin zu verlegen. Er\nist jederzeit bereit, die Melodien aufzuschreiben.\nAuch die Kleinstadt wird industrialisiert. Die\nerste Fabrik ist vorhanden. Produktion von\nMarmeladen, Pflaumenmus und Kartoffelmehl.\nFast 200 Arbeitslose sind untergebracht. Die\nFabrik arbeitet für Export nach Deutschland.\nDer Meister beschwert sich bitter, daß man\nihnen für die teuere Valuta ganz veraltete\nMaschinen in Berlin verkauft habe, die außer-\ndem nicht für den bestellten Zweck konstruiert\nsind. Die Wagen fahren ausverkauft zurück.\nVorbei an kornschweren Feldern. Vorbei am\nersten jüdischen Kollektivgut (Kolchos), das in\ngemeinsamer Arbeit nur von jüdischen Bauern\nbetreut wird. In der Kleinstadt sind bereits\ndie elektrischen Lampen angezündet. Auf\nder Hauptstraße sitzen und stehen plaudernde\nGruppen, die Büffets sind überfüllt. Das Wasser\nschäumt in den Gläsern. Die Türen des\nTheaters sind geöffnet. Das Orchester der jüdi-\nschen Knabenschule, überreichlich mit Pauken,\nTrommeln und Kastagnetten versehen, spielt\nMarsch auf Marsch. Und in einer Ecke des\nPlatzes spielt der alte Geiger vor wandelnden\nPaaren seinen Walzer von den Rosen und dem\nRosenmund."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c016", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.16", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 70, "texte": "Verlas Der Sturm / Berlin Wl5\nKurfurstendamm 173 / Fernruf: Oliva 5072"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1930-03-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1930-03_01#c017", "volume": "bmtnabg_1930-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.2.17", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.2", "debut_caractere": 72, "fin_caractere_exclue": 1155, "texte": "Wichtise Biicher\nHerwarth Walden\nlm Geschweig der Liebe\nGedichte / Leinenband 3 Mark\nDer Deutsche / Berlin:\nMan stofie sich nicht an dem „Ge-\nschweig\". Das Wort Schweigen sagt\nim kiinstlerischen Sinne lange nicht\ndasselbe. Wenn aufierdem alle ex-\npressionistischen Dichter so sparsam\nin neuen Wortbildungen waren, wie\nWalden, ginge es der neuen Kunst\nbesser. Seine Lyrik singt in unendlich\nschlichten, reinen, schonen Worten von\nder Zartheit der Liebe.\nr. K. o.\nSept Arts / Briissel:\nLa gamtne sonore de l'ouvrage se si-\ntue dans une douce neutrality tout en\nrapport avec le matif, et ne fait que\nrarement, et par pur contraste, appel k\ndes sonorites violentes. 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Der Sinn\nder Hinzuziehung von Laien als Richter besteht\ngerade darin, daß das Verbrechen nicht nur nach\nden Tatsachen, sondern nach den menschlichen\nGründen beurteilt werden soll. Die meisten\nVerbrechen werden aus Not begangen. Not\ngilt selten als Milderungsgrund. Man könnte\nfast glauben, daß man im Interesse der Be-\nschäftigung des Justizapparates diese Not-\nverbrecher systematisch produziert. Oder man\nmuß diesem System absolute Gehirnlosigkeit\nvorwerfen. Solange nicht jeder Verdienstlose\nauf Verlangen wenigstens bezahlte Arbeit er-\nhalten kann, ist Arbeitslosigkeit kein Verbrechen.\nDa aber der Verdienstlose auf Grund der aller-\ndings ungesetzlichen Naturtriebe existieren will,\ngreift er zur Selbsthilfe und wendet Gewalt an,\nwenn man ihm diese Art des Existenzkampfes\nzu unterbinden versucht. Man bestraft nun\ndiese Notverbrecher mit Freiheitsberaubung,\nsogar mit lebenslänglicher, gibt ihnen endlich\ndürftiges Essen und dürftige Wohnung, nimmt\nihnen dafür den bescheidensten Rest mensch-\nlicher Freuden und menschlicher Beschäftigung\nund läßt sie zur Erheiterung des Gemüts Tüten\nkleben und Matten flechten. Nach der zu-\ndiktierten Anzahl von Jahren Strafe werden die\nVerbrecher wieder entlassen und gebeten, ein\nneues Leben anzufangen. Jetzt heißt es also\nUnternehmer finden, die gegen Bezahlung\nTüten kleben oder Matten flechten lassen.\nDiese Unternehmer beziehen ihre Waren aber\nbereits aus den Gefängnissen. Was bleibt dem\nsogenannten Verbrecher also übrig, als seine\nalte Art Existenzkampf wieder fortzusetzen.\nEr wird „Gewohnheitsverbrecher\", was straf-\nerschwerend ist. Nun wird die neue Zeit ver-\nkündet — etwas spät — der Mensch soll zwar\nbestraft, aber gleichzeitig erzogen werden.\nUnd das zunächst nicht gleich in Deutschland,\nerst einmal in Preußen. Und weil Erziehung\neine schwere Sache ist, wird man zunächst\ndamit in Berlin, vielmehr versuchsweise in\neinem Bezirk von Berlin beginnen. Wie man\nim Mittelalter ein Foltersystem ausdachte, das\nnoch jetzt von den Balkanländern mit Fleiß\nangewandt wird, hat die Neuzeit ein Erziehungs-\nsystem ausgedacht. Nach einem geometrischen\nund trigonometrischen Studium neben der\nselbstverständlichen Beherrschung sämtlicher\nmenschlichen Wissenschaften, werden die Ge-\nfängniswärter mit gütiger Unterstützung eines\nGeistlichen, eines Lehrers und eines nunmehr\nbewilligten Arztes schon gediegene Musterkinder\naus den Verbrechern machen. Die erzogenen\nEntlassenen kommen ganz anders in die Frei-\nheit. Zwar ohne Geld und ohne Kenntnisse,\naber sittlich gestärkt durch das Vertrauen der\nStrafvollzugsbehörde. Vielleicht sogar mit den\nAnfangsgründen einer ziemlich verkommenen\nMoral. Vor lauter Problemen sieht man die\neinfache Lösung nicht. Zwar steht die Sowjet-\nUnion nicht auf der grandiosen geistigen Höhe\neuropäischer Komplikationen. Man löst dort\nProbleme einfältiger und einfacher, indem man\nsie allerdings etwas richtiger stellt. Geurteilt\nwird nur von Laien. Auch der ständige Richter\njedes Volksgerichts hat keine Jura studiert, er\nbesitzt nur die Kenntnis der Gesetzbücher. Die\nGesetzbücher sind nur Anregungen und Vor-\nschläge, die Art und Dauer der Verurteilung\nliegt im freien Ermessen jedes Volksgerichts.\nDie Staatsanwaltschaft ist nicht nur Anklage-\nbehörde, sie ist zugleich Kontrollbehörde für\nden Strafvollzug und für die gesamte Gerichts-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.6", "texte": "Verwaltung. Kleinere Verfehlungen im Dorf und\nin der Fabrik werden von Dorfgerichten und\nGenossengerichten ohne jedes Gesetz beurteilt\nund mit Geldstrafe gesühnt. Kleinere Strafen\nder Volksgerichte werden nicht vollstreckt, be-\nruhen also in der Tatsache der Verurteilung.\nKleine Strafen bestehen auch in der Versetzung\naus einem Betrieb in einen anderen und dem\nAbarbeiten geringer Gefängnisstrafen. Zeugen\nwerden ohne Eid vernommen, falsche Aussagen\naber bestraft.\nDie Gefängnisse führen in der Sowjet-Union\nden Namen Besserungsanstalten. Jeder Ge-\nfangene hat Arbeitsrecht und Arbeitspflicht.\nAusgenommen sind nur die politischen Ge-\nfangenen. Es wird fabrikmäßig an modernsten\nMaschinen gearbeitet. Ungelernte werden von\nMeistern angelernt. Arbeitszeit acht Stunden.\nAls Lohn erhalten die Gefangenen die Hälfte\ndes Gewerkschaftstarifs. Sie werden auch\naußerhalb des Gefängnisses zu halbem Lohn\nbeschäftigt. Bei Schwerarbeitern wird jeder\nGefängnistag doppelt gezählt und bezahlt.\nUrlaub wird bei guter Führung von Anfang an\nbis zu drei Tagen monatlich gegeben. Jahres-\nurlaub außerdem 14 Tage, Bauern einen Monat.\nDer Besuch von Verwandten ist zweimal in\nder Woche gestattet. Briefe und Pakete können\nohne Kontrolle beliebig oft geschickt und\nempfangen werden. Die Gefangenen bilden\naus ihren Kreisen eine juristische Kommission,\ndie berät. Tägliches Beschwerderecht beim\nVorsteher des Gefängnisses. Der Staatsanwalt\nmuß zweimal wöchentlich das Gefängnis be-\nsuchen, kontrollieren und mündliche Beschwer-\nden entgegennehmen. Nach der halben Straf-\nzeit kommen die Gefangenen grundsätzlich in\nein Uebergangshaus, in dem sie fast keine\nBeschränkungen haben. Dort erhalten sie jeden\nSonnabend Abend bis Montag früh Urlaub.\nDie Gefangenen erhalten jeden Tag zweimal\nwarmes Essen, IV2 Pfund Brot und Tee.\nSchwerarbeiter doppelte Portionen. Bekösti-\ngung und Arbeitskleidung sind kostenlos. Im\nübrigen tragen die Gefangenen ihre eigene\nKleidung. Gefangene dürfen unter keinen\nUmständen geschlagen werden. Schlagende\nBeamte werden mit Gefängnis bestraft und\nVorsteher außerdem entlassen. Die Strafen für\nUngebührlichkeit der Gefangenen bestehen in\nverkürztem Urlaub und Arbeitsentziehung nebst\nFortfall der entsprechenden Löhnung bis zu\n7 Tagen. Ferner im Verbot des Besuchsempfangs\nund Einzelhaft bis zu einer Woche. Die Einzelhaft\nkann nur mit Genehmigung des Gefangenen-\nsowjets, des Arztes und des Staatsanwalts ver-\nhängt werden. Die höchste Einzelhaft in ganz\nschweren Fällen ist ein Monat. In der Freizeit\nbilden die Gefangenen verschiedene kulturelle\nZirkel unter Leitung von Lehrern. Der dramati-\nsche Zirkel spielt jeden zweiten Tag Theater.\nAnalphabeten bekommen Unterricht. In drei\nMonaten sind gewöhnlich die Elementarkennt-\nnisse beigebracht. Es gibt ferner Zirkel für\nPolitik, Oekonomie, Literatur und Berufs-\nfortbildung, sowie Zirkel für Sport und Schach.\nAuch Gesangschöre werden gebildet. Jedes\nGefängnis hat eine Bibliothek von mehreren\ntausend Bänden unter fachmännischer Leitung,\nRadio in den Zellen. Auch mehrere Kino-\nvorstellungen finden jeden Monat statt. Die\nGefangenen werden also den ganzen Tag\nsinnvoll und praktisch beschäftigt und kulturell\nausgebildet. Jeder Gefangene wird je nach\ndem Beruf, den er gelernt oder gehabt hat,\nnach der Strafzeit in einem Betrieb oder in\neinem Büro angestellt. Die Leitung des Ge-\nfängnisses hat das Recht, bei guter Führung\ndie Strafe nach eigenem Ermessen bis auf die\nHälfte zu erlassen. Die Waren aus den Ge-\nfängnisfabriken werden vom Staatshandel zu\nden üblichen Preisen erworben. Der Mehr-\ngewinn darf nur zur Erhaltung und Verbesse-\nrung der Gefängnisse verwandt werden. Die\npolitischen Gefangenen haben kein Arbeitsrecht\nund keine Arbeitspflicht und müssen sich selbst\nbeschäftigen. Hingegen ist ihnen die Bildung\nkultureller Zirkel und Sportausübung gestattet.\nLektüre erhalten sie auf ihre Kosten nach\neigener Auswahl. Briefe und Pakete können\nihnen beliebig geschickt werden."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.7", "texte": "Dieser Art des Strafvollzugs mag man die hohe\nwissenschaftliche Bedeutung absprechen. Er\nhat aber einen außerordentlich praktischen\nVorteil. Aus den meisten Verbrechern werden\nnormale körperliche oder geistige Arbeiter, die\nexistenzfähig und lebensfreudig sind. Was\nübrig bleibt sind fast nur Pathologen, die in\ndie entsprechenden Anstalten kommen.\nVielleicht versucht man diese Methode der\nSowjet-Union auch in einem Bezirk Europas.\n\nIm Lager der Roten Armee\nHerwarth Walden\nGelbe gradlinige Kieswege. Eine große Wiese\nmit einem jauchzenden Traktor. Viele hundert\nPferde unter schützenden Sonnendächern.\nGänse-Herden. Eine Hühnermutter mit erheb-\nlichem Nachwuchs. Auf einem Platz zwischen\nhohen Bäumen Tanzmusik. Soldaten und\nBäuerinnen beim russischen Nationaltanz.\nEinige Bauern als Zuschauer im väterlichen\nHochgefühl. Lange Reihen von Maschinen-\ngewehrwagen. Viele grasumfriedete Rechtecke\nmit Zelten. Eine Friseurstube. Großes Sommer-\nkino mit elektrischer Beleuchtung. Teeraum\nunter grünen Wipfeln, ein Glas Tee eine\nKopeke. Ueberdachte Speiseräume. Turn-\ngeräte. Lesehalle.\nDas Lager von zwei Kavallerie-Regimentern\nder Roten Armee.\nWie lebt heute der Soldat, der Rotarmist? Er\nsteht um fünf Uhr auf, betreut sein Pferd bis\nsechs, frühstückt bis sieben nach gründlicher\npersönlicher Reinigung. Sechs Stunden Militär-\ndienst. Um ein Uhr Mittag, zwei Gänge: Suppe\nmit Fleisch und Gemüsen und gebratenes Fleisch.\nVon 2 bis 2lk Mittagsruhe mit Liegezwang.\nDann zwei Stunden politischer Unterricht,\nwomit die Tagesarbeit endgültig zu Ende ist.\nIn der Freizeit wird gespielt, gelesen, Sport\ngetrieben oder man bildet sich für seinen\nPrivatberuf weiter aus. Man füllt die Wissens-\nlücken aus, Bauern lernen die Anwendung von\nTraktoren, oder man arbeitet an der wöchent-\nlichen Wandzeitung. Abends besucht man das\nTheater oder das Kino des Lagers oder geht\nmit Urlaub in die umliegenden Dörfer bis zur\nEntfernung von fünf Kilometern. Ein völliger\nRuhetag in der Woche, an dem auch Besucher,\nFrauen, Kinder, Verwandte und Freunde zu\ndiesen Soldaten ins Lager kommen können.\nDer Soldat hat alles völlig frei und erhält nur\neinen kleinen Sold für Tabak. Dienstzeit zwei\nJahre. Die Roten Kommandeure tragen dieselbe\nUniform wie die Soldaten und sind nur an\nkleinen Abzeichen erkennbar. Eine Dienst- und\nGrußpflicht außerhalb der Dienstzeit besteht\nnicht. Strafen werden nur durch Verwarnungen\noder durch Mitteilung an die Eltern erteilt.\n80 Prozent der Roten Kommandeure entstammen\nschon heute der Bauernschaft oder dem Prole-\ntariat. Die Rote Armee ist ein wirkliches Volks-\nheer. Das militärisch ausgebildete Proletariat,\ndas mit den Führern in ständigem Zusammen-\nhang mit den übrigen Volksgenossen bleibt.\nPolitisch, geistig und kulturell an den Tages-\nereignissen teilnimmt. Die einzelnen Truppen-\nteile übernehmen die Patenschaft, das„Cheftum\"\nüber Dörfer oder Fabriken. Die Schützlinge\nwerden über Landesverteidigung aufgeklärt.\nIn den Dörfern werden Vorträge von geeigne-\nten Soldaten über Politik und Kultur gehalten\nund Nachhilfe-Unterricht auf allgemeinen\nWissensgebieten erteilt. In die Rote Armee\nwerden nur die aufgenommen, die das Wahl-\nrecht zu den Sowjets haben. Also Werktätige,\ndie nur selbst ohne Ausbeutung fremder Arbeits-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.8", "texte": "kraft arbeiten, keinen Handel treiben und nicht\nvon Renten leben. Die Rote Armee ist die\nwahre Schule und Hochschule der Proletarier,\ndie durch die Unterlassungssünden des Zarismus\nvon aller Bildung und Kultur planmäßig abge-\nhalten wurden. Deshalb drängt man sich heute\nzum Militär, da nur ein Teil der Dienstpflichtigen\naufgenommen werden kann. Trotz allen Frei-\nheiten ist die Disziplin der Truppen musterhaft.\nSo sind die älteren Bauern ganz fassungslos,\ndaß während der Manöver alles sorgfältig ge-\nschont wird und nicht ein Huhn durch die\nSoldaten verschwindet. Befehle und Dienst-\nanordnungen müssen stets in der Muttersprache\nder Soldaten gegeben werden. In den Regimen-\ntern mit mehreren Nationen werden die Kom-\npagnien nach der Nationalität zusammengestellt.\nDie Rotarmisten sind freie Menschen der\nfreiesten Erde, der SSSR.\n\nVom Bildungswesen in Rostow am Don\nHerwarth Walden\nArbeiteruniversität\nEntlassungsfeier von 80 Arbeiter-Studenten,\nvon denen einer gleichzeitig seinen fünfzigsten\nGeburtstag feiert. Ein Bauarbeiter. Das\nStudium dauert drei Jahre. Unterricht nur\nabends, wöchentlich 16 Stunden. Gelehrt\nwerden folgende Fächer: Elektrotechnik,\nChemie, Maschinenkunde, Politik, Oekonomie,\nMathematik, Geschichte des Klassenkampfes,\nRussisch, Deutsch. An der Universität studieren\nnur berufstätige Arbeiter. Durchschnittlich\n400 Hörer jährlich bei 30 Professoren und\nLehrern. Unterricht und Lehrmittel sind un-\nentgeltlich. Arbeiter, die an der Universität\nstudieren, erhalten außer ihrem Berufsurlaub\nvon zwei bis vier Wochen einen Sonderurlaub\nvon zwei Wochen bei voller Zahlung ihres\nLohnes. Für gelegentliche Hörer der Arbeiter-\nschaft sind an der Universität „Konsultationen\nfür Fragen der Kultur und Politik\" bei den\nständigen Professoren eingerichtet. Sie werden\ndurchschnittlich jährlich von 4000 Personen in\nAnspruch genommen. Das Institut ist zugleich\nSonntagsuniversität für Jugendliche. Diese\nArbeiteruniversitäten gibt es in allen Groß-\nstädten der Sowjet-Union. Sie haben den\nZweck, eine geistig hochgeschulte Arbeiterschaft\nzu erziehen.\nMittelschule\nMan lehrt neun Jahre in zwei Stufen. Auf der\nersten Stufe von vier Jahren wird das Komplex-\nsystem angewandt. Bei Beantwortung beliebiger\nFragen der Kinder werden zugleich sämtliche\nElementarkenntnisse beigebracht. Auch die\npolitischen in der „Zeitungsstunde\". Die zweite\nStufe von fünf Jahren erhält wissenschaftliche\nAusbildung. Ferner in den letzten beiden\nJahren (Gruppen) Spezialausbildung in Elektro-\ntechnik, Landmessung, Melioration, Konsum-\ngenossenschaftswesen und Pädagogik. Die\nSchüler der Pädagogik erteilen zur praktischen\nAusbildung Unterricht in der ersten Stufe. Sie\nnehmen ferner während der Sommerferien an\neinem Fortbildungskursus teil und gehen von\ndort als Junglehrer an die Dorfschulen. In der\nersten Stufe werden wöchentlich durchschnitt-\nlich 40, in der zweiten Stufe 36 Unterrichts-\nstunden gegeben. Eine Schulstunde dauert\n40 Minuten, Pause nach jeder Stunde 10 Mi-\nnuten. Eine große Pause von 20 Minuten.\nDie Schüler der zweiten Stufe bilden außer\nden Schulstunden noch Zirkel nach gemein-\nsamer Wahl: Drama, Kunst, Politik, Oekonomie.\nDie Kinder organisieren Schülerausschüsse und\nGruppenausschüsse und wählen einen Schul-\nsowjet. Er ist der Lehrerschaft gleichgestellt,"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.9", "texte": "bespricht und verhandelt mit ihr. Fragen des\nSchulwesens werden beraten, Beschwerden und\nWünsche vorgebracht. Die Schüler veranstalten\ndramatische Aufführungen und Ausstellungen\nihrer Arbeiten. Meist Handarbeiten und Schrift-\narbeiten. Der Kampf gegen die Religion wird\nin allen Fächern bei jeder passenden Gelegen-\nheit geführt. Aus diesem Grunde wird auch\nan den ehemaligen kirchlichen Feiertagen\ngrundsätzlich Unterricht erteilt. Der Ruhetag\nist auf einen Wochentag verlegt. Die Eltern\nder Schüler vereinigen sich zu einem Eltern-\nkomitee, in dem der Leiter der Schule Mitglied\nist. Der Besuch des Unterrichts ist den Eltern\njederzeit gestattet. Das Elternkomitee gewährt\nder Schule auch je nach seiner Leistungsfähig-\nkeit finanzielle Hilfe für besondere Aufwendun-\ngen und Ausgaben der Schule. Die Lehrerschaft\nist zur Fortbildung ihres eigenen Wissens ver-\npflichtet. Sie erfolgt durch Ferienkurse während\nder Urlaubszeit. Durch schriftlichen Fernunter-\nricht. Durch Besprechungen und methodische\nVorträge im Lehrerklub und durch halbjährliche\nKonferenzen der Lehrerschaft. Prüfungen der\nSchüler finden nicht statt. Hingegen wird ein\nAbgangszeugnis erteilt, in dem nur bestätigt\nwird, in welchen Fächern sich der Schüler\nausgebildet hat. Der gesamte Unterricht und\nalle Lehrmittel sind unentgeltlich.\n\nKisslowodsk\nHerwarth Walden\nDrei menschliche Einrichtungen haben dem\nzaristischen Rußland in Deutschland besonders\nimponiert. So imponiert, daß die Wörter hier-\nfür buchstäblich in die russische Sprache über-\nnommen sind: Butterbrot, Kurort und Strafe.\nDiese Einrichtungen sind auch in der Sowjet-\nUnion geblieben. Die Strafen sind vermindert,\ndie Butterbrote gleichgeblieben, die Kurorte\nverbessert. Die menschenfresserischen Bolsche-\nwiki haben die Kurorte tatsächlich erhalten.\nNicht nur als Museen bourgeoiser Ausschwei-\nfungen. Die Kurorte sind in vollem Betrieb.\nMit Quellen, Sanatorien, Oper, Kurmusik,\nAnsichtskarten, Reiseandenken, Lesesaal und\nitalienischen Nächten. Das ehemalige Publikum\ndieser Kurorte lebt jetzt meistens in Paris,\nBerlin und Nizza. Man darf aber nicht ver-\ngessen, daß immerhin noch 160 Millionen\nMenschen in der Sowjet-Union leben, die sich\nebenso gern erholen und kurieren, wie die\neine Million, die sich ausschließlich dieser\nTätigkeit hingab. Gerade Kisslowodsk ist\nstets beliebt gewesen. Man kommt heute be-\ndeutend schneller in diesen Kurort des Nord-\nkaukasus. Nämlich mit dem Luftschiff, das\nanderthalb Bahnstunden von diesem Kurort\nentfernt in Mineralny Wody hält. Hier ist die\nQuelle, deren Wasser in der gesamten Sowjet-\nUnion und auch im Auslande viel getrunken\nwird, Narsan. Es ist Heilmittel für Herz,\nNieren, Magen und Stoffwechsel. Die Quelle\nwurde gebührend und üblich geehrt, indem man\nsie bereits 1824 mit kaiserlichem Kitsch aus\nMarmor, Bronze und Glas umgab und den\nWeg zu ihr mit Säulenwandelhallen markierte.\nTrotzdem gibt die Quelle 1 113 000 Eimer\nWasser. Während der dreimonatlichen Kurzeit\nhalten sich hier 60000 Kurgäste auf. Im ganzen\nGebiet von Mineralny Wody, das an ver-\nschiedenen Orten zahlreiche Quellen enthält,\n150 000 Kurgäste. Für die Badekuren mit\nNarsan hat die Verwaltung 1923 das Oktober-\nwannenbad mit 60 Wannen erbauen lassen.\nDiesmal ohne Kitsch. Im modernsten Ingenieur-\nstil, aus edelstem Material mit den neuesten\nhygienischen Einrichtungen. So hat der Kranke\nsogar eine Uhr für die verordnete Zeitdauer\nseines Bades an der Wanne. Ein kurortmäßig\ngekleidetes Publikum wandelt in den Parks,"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.10", "texte": "holt sich Wasser aus der Hand weißgekleideter\nBrunnenmädchen, ißt Eis, schreibt Ansichts-\nkarten, benimmt sich also wie sich ein Publikum\nzu benehmen hat. Und abends in die Oper.\nRigoletto zum Beispiel. Gastspiel des Theaters\nvon Baku. Nicht etwa sozialistisch umgearbeitet.\nHerzog, Hofstaat und Lakaien sind reichlich\nvorhanden, singen und benehmen sich, wie es\nsich Verdi nicht hat besser wünschen können.\nOder man geht ins Kurkonzert. Orchester\n55 Mann. Man hört Schuberts Unvollendete,\netwas Hindemith und Beethoven und die\nPolowetzer Tänze. Sollte vielleicht doch ein\nIrrtum mit dem Bolschewismus vorliegen? Es\nliegt kein Irrtum vor! Denn die gesamten\nKurgäste zahlen nichts. Sie sind sämtlich Prole-\ntarier, richtige Proletarier. Kranke Proletarier.\nIn diesem Jahre werden nämlich die letzten\nErholungshäuser geschlossen, um den ganzen\nKurort restlos für Kranke zur Verfügung zu\nhaben. Die Heilerfolge, besonders bei Herz-\nkrankheiten, sind so außerordentlich, daß die\nVerwaltung es nicht verantworten will, Plätze\nan Gesunde fortzugeben. Die Kranken, Arbeiter\nund Angestellte, werden von den Krankenkassen\nund auf deren Kosten nach Kisslowodsk ge-\nsandt. Der Durchschnittsaufenthalt ist vier bis\nsechs Wochen. Die Selbstkosten der Kassen\nfür einen Kranken täglich etwa 5 Rubel.\nDie Sanatorien sind in der Art der besten\nbürgerlichen Privatsanatorien Europas einge-\nrichtet. Zwei bis drei Personen bewohnen ein\nZimmer. 4 bis 5 Mahlzeiten. Eine Neuerung\nist, daß die Kranken aus einer größeren Speise-\nkarte selbst für den nächsten Tag ihre Mahl-\nzeiten zusammenstellen können. Auch bei fest-\ngelegter Diät können so individuelle Wünsche\nerfüllt werden. Alles ist für die Herzkranken\nauf Ruhe und Bequemlichkeit eingerichtet. Im\nStalinsanatorium zum Beispiel werden deshalb\nalle Mahlzeiten der 260 Personen in zwei Gruppen\neingenommen. Jeder Kranke hat seinen be-\nstimmten Platz und dieselbe Bedienung. Ser-\nvierung an kleinen Tischen. Um den Kranken\ngrößere Spaziergänge zu ermöglichen, sind be-\nsondere sanftansteigende Wege hergestellt wor-\nden. Das Küchenpersonal des Stalinsanatoriums\n(260 Personen) besteht aus 7 Köchen, 6 Hilfs-\nköchen und 2 Lehrlingen. Außerdem eigene\nKonditorei.\nFast der ganze Ort Kisslowodsk ist für den\nKurort beschäftigt. Eine Fabrik füllt Narsan-\nwasser in Flaschen. Vor kurzer Zeit ist das\nlaufende Band dort eingeführt. Man liefert\njetzt 4000 Flaschen in der Stunde, während\nbei Handarbeit 3000 Flaschen in 8 Stunden ge-\nfüllt wurden. Der Besuch von Kisslowodsk\nist ein gutes Mittel, um die Angst der Gebil-\ndeten vor dem gefürchteten Proletariat zu ver-\nlieren. Der Proletarier zieht sich nur deshalb\nschlechter an und benimmt sich nur deshalb\nschlechter, weil man ihm in Europa die Mittel\n(Geld und Kultur) dafür versagt. Man muß\nwissen, daß die Kranken auch während ihrer\nKurzeit den vollen ungekürzten Lohn aus ihrer\nsonstigen Tätigkeit beziehen, ohne irgendwelche\nKosten für Kur und Heilung zu haben. Gerade\ndie Kurorte dienen dazu, die Steigerung der\nKulturbedürfnisse des Proletariats hervorzurufen.\nEs ist erstaunlich zu beobachten, wie Menschen\naus dem Ural oder aus Sibirien, die nie ihr\nDorf verlassen hatten, nicht einmal eine Eisen-\nbahn kannten, sich in wenigen Tagen dem\nweltstädtischen Leben anpassen. Die Kranken\nwerden nicht nur geheilt. Sie kommen mit\nBedürfnissen und Forderungen in ihre Heimat-\nstätte zurück und werden so Kulturträger und\nKulturförderer ihrer Umgebung. Es ist nicht\nübertrieben zu behaupten, daß das Tempo des\nkulturellen Aufbaus der Sowjet-Union wesent-\nlich durch die Millionen Kranke und Erholungs-\nbedürftige beeinflußt wird."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.11", "texte": "Das Land am Ararat\nHerwarth Walden\nWenn die Wolken an der Spitze des Berges\nArarat sich verziehen, sieht man noch immer\ndeutlich Noah mit seiner Arche, erzählen\nalte armenische Bauern. Aber die Wolken\nverziehen sich nicht und der Ararat ist die\neinzige Erbschaft, die die armenische sozia-\nlistische Sowjet-Republik nach Krieg und\nBürgerkriegen machte. Und auch der Berg\ngehört teilweise der Türkei. Der Ararat ist\nim Wappen Armeniens, was einen so-\ngenannten politischen Schritt hervorrief. Die\nTürkei, die das halbe Armenien erhalten\nhatte, sah in dem Wappenbild einen Eingriff\nin ihr gottgewolltes Eigentum. Worauf\nder Volkskommissar Tschitscherin Einspruch\ngegen den Halbmond der Türkei erhob,\nauf den die Sowjet-Union gleichfalls Eigen-\ntumsrechte in Anspruch nahm. Der Bilder-\nsturm blieb diesmal ohne kriegerische Folgen.\nNun baut Armenien seit wenigen Jahren das\nLand wieder auf, soweit es Bundesstaat der\nSowjet-Union geblieben ist. Wenn bisher\ndie Ameisen als Sinnbild des Fleißes ge-\ngolten haben, so könnte man an ihre Stelle\njetzt die Armenier setzen. Wohin man\nblickt, wird gebaut. In afrikanischem Staub und\nin afrikanischer Hitze. Und trotzdem blickt\nman überall noch auf Ruinen. Hier müssen\nwahre Zerstörungsorgien gefeiert sein. Die\nHauptstadt Eriwan, mit 62000 Einwohnern,\nwird nach einem neuen Städteplan aufgebaut.\nDie Industrie, die wissenschaftlichen Institute,\nTheater und Museen, Wohnhäuser, liegen in\nje einem Stadtviertel zusammen. Boulevards\nund Gartenanlagen ziehen sich durch die\nganze Stadt. Sie wird mit einem Waldgürtel\numgeben, der die staubbringenden Berg-\nwinde abhalten soll. Die Hauptstraßen\nmünden auf einem imposanten kreisförmigen\nPlatz. In seiner Mitte, zwischen Bäumen,\ndas Denkmal Lenins. Im niederzureißenden\nTeil der Stadt der Bazar. Große Reihen\nverfallener Holzbuden. Dort treiben Türken,\nPerser und andere Nationalitäten „Privat-\nhandel\". Daneben die letzte Moschee. Zwei\nBauern verschlafen in ihrer Kühle die Hitze.\nTrotzdem steht ein einsames Paar Schuhe\nbereit, falls doch ein Gläubiger den\nheiligen Boden betreten will. Der Park\nund die Klostergebäude sind nationalisiert\nund dienen dem Proletariat als Erholungs-\norte. Unweit des Parks das neuerbaute\nElektrizitätswerk Rykow. Betrieb durch\nvier Turbinen mit 8000 PS, von denen schon\nzwei aus Leningrad stammen. Das ganze\nWerk wird von zwei Arbeitern bedient. Es\nist das billigste der Sowjet-Union. Eine\nKilowattstunde kostet 2*U Kopeken. Zurück\nzum Gewerkschaftspark. Hier standen vor\nwenigen Jahren noch Epidemiebaracken.\nDurch die Tatkraft des Tropeninstituts von\nEriwan sind die Epidemien fast völlig aus-\ngerottet. Jetzt spielt im Gewerkschaftspark\nabends ein Symphonieorchester von 40 bis\n50 Mann, das aus den Hochschülern des\narmenischen Konservatoriums gebildet ist.\nEriwan hat eine eigene Kinofabrik und\neigenen Staatsverlag (Gosisdat). Er hat in\nzwei Jahren 2000 Bücher verlegt, darunter\nein Buch zu Ehren des hundertjährigen\nTodestages von Beethoven mit Illustrationen\nund das Kommunistische Manifest in armeni-\nscher Sprache. Hier werden auch Bücher\nfür die Kurden verlegt, ein Nomadenvolk,\ndas keine Schrift besaß und für die man\ndas lateinische Alphabet mit einigen Er-\nweiterungszeichen in Gebrauch genommen\nhat. In den letzten beiden Jahren wurden\nvom Staatsverlag verkauft: 494 000 Lehr-\nbücher, 68 000 Kinderbücher, 119 000 poli-"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.12", "texte": "tische Bücher, 61500 literarische Bücher.\nGanz Armenien hat eine Bevölkerung von\n950 000 Einwohnern. Der Präsident der\nRepublik Sahak Ter-Gabrielian ist ein Mann\nvon besonderer staatsmännischer Klugheit\nund schlichtesten Umgangsformen. Er ver-\nwendet seine freie Zeit dazu, um meilen-\nweit in die Dörfer zu fahren und sich\npersönlich von den kleinen Sorgen und\nWünschen der Bauern zu unterrichten. Er\nist ein wahrer Liebling des Volkes. Trotz-\ndem die auswärtige Politik durch die ganze\nSowjet-Union gemeinsam geleitet wird, hat\nder Präsident der Republik Armenien be-\nsonders verantwortungsvolle politische Auf-\ngaben. Sein Land bildet die Grenze gegen\ndie Türkei, mit der im Interesse des Welt-\nfriedens freundschaftliche Beziehungen auf-\nrecht zu erhalten sind. Deshalb muß der\nNationalismus eines Teiles der Bevölkerung\nbekämpft werden, der sich seit der Teilung\nvon Armenien naturgemäß entwickelt hat.\nDie chauvinistischen Elemente sind die Ku-\nlaken, die Großbauern, die durch ihren\nNationalismus zugleich indirekt die Sowjet-\nmacht zu bekämpfen suchen. Sie sind ihrer Zahl\nnach aber in Armenien nicht erheblich. Die\nArmbauern und die Mittelbauern sind hinge-\ngen unbedingte Anhänger des neuen Staats-\nwesens, da sie zum erstenmal seit 1914\nFrieden haben. Die Armenier sind von\njeher stark intellektuell und kulturell ent-\nwickelt und interessiert. Die geistigen Ar-\nbeiter suchten und fanden Betätigung im\ngesamten Gebiet der Sowjet-Union, be-\nsonders in der angrenzenden Republik\nGeorgien. Erst in den letzten Jahren kom-\nmen sie zum Aufbau ihres Landes wieder\nin größerer Zahl nach Armenien zurück.\nDie antireligiöse Bewegung macht große\nFortschritte. Die armenischen Bauern selbst\nverlangen von der Regierung Enteignung\nder Klöster und Kirchen, die bisher den\nReligionsgesellschaften überlassen blieben.\nReligiös sind eigentlich nur noch in Armenien\ndie russischen Sektierer, die vom Zarismus\nwegen ihrer religiösen Anschauungen nach\nArmenien abgeschoben, aber gleichzeitig\nmateriell begünstigt wurden, um Armenien\nzu russifizieren. Die Industrialisierung von\nStadt und Dorf wird mit allen Kräften ge-\nfördert. Das Industrieviertel von Eriwan hat\nFabriken für Seife, Leder, Karbid, Spiri-\ntuosen, Wein, Butter, Mechanik und große\nKühlanlagen. Die große Weinfabrik Ararat\nstellt jährlich 100000 Eimer Kognak und\n150000 Eimer Wein im Gesamtwert von\n800000 Rubeln her. Hiervon werden 35000\nEimer Wein nach Hamburg exportiert. 153\nArbeiter mit 5V2 Stunden Arbeitszeit. Durch-\nschnittslohn 70 Rubel. Der alte Meister der\nnationalisierten Fabrik hat jetzt 113 Rubel,\nwährend er beim Privatbesitzer bis 1927 37\nRubel erhielt. Die Madeira- und Muskateller-\nWeine können mit den Weinen aus den Ur-\nsprungsländern konkurrieren und armenischer\nKognak übertrifft bei weitem den deutschen\nWeinbrand. Die Musterwirtschaft des Sowjets\nvon Eriwan (Sowchos Sak) hat einen Um-\nfang von 618 Hektar Getreideland und 500\nHektar Weideland. Getreide. Vieh, Bienen,\nObst, Ziegel. 40 Studenten der landwirt-\nschaftlichen Hochschule in Eriwan (300 Hörer)\nstudieren dort ständig die Praxis. Armenien\nist ein Land von phantastischer Naturschön-\nheit, wie geschaffen für Touristen. Ein\nTraum der große Sewan-Bergsee. Er hat\nfür Armenien eine große praktische Bedeu-\ntung durch den Forellenfang. Es werden allein\nnach Marseille für 50000 Dollar Forellen ex-\nportiert. Der deutsche Professor Ottensen\nhat ein Verfahren erfunden, durch das die\neingefrorenen Forellen nach vier Wochen\nwieder lebend gemacht werden können."}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.13", "texte": "Armenien hat sich das Verfahren und die\ntechnischen Anlagen dazu sofort gekauft.\nDie Pariser werden also bald frische Forellen\naus dem Sewansee essen können. Eine\nIchthyologische Station mit zwei Professoren\narbeitet an der weiteren Kultivierung. Die Tra-\ngödie der letzten Vergangenheit dieses Landes\nkann man daraus ermessen, daß allein bei der\nKreisstadt Leninakan 25000 Vollwaisen unter-\ngebracht sind. Sie werden zum Teil mit pe-\nkuniärer Unterstützung eines amerikanischen\nHilfskomitees zu Textilarbeitern ausgebildet\nund später in der dortigen Riesen-Textil-\nFabrik angestellt. Das sind die Opfer, die\ndurch die nationalistische Regierung (1917\nbis 1920) im Krieg mit der Türkei und\nGeorgien entstanden sind, bevor die Sowjet-\nmacht den endgültigen Frieden für das\nschöne Land und seine fleißige Bevölkerung\nschuf.\n\nBilder aus Odessa\nHerwarth Walden\nDie Kinderstadt\nDicht vor der Stadt 44 Villen, Gärten, Fabri-\nken, Schulen und keine Kirche — die Kinder-\nkommune von Odessa. Einwohnerzahl 2100\nKinder. Waisen der Interventionskriege der\nKulturmächte und der Pogrome. Die Er-\n• •\nwachsenen sind zu zählen. Ein paar Arzte,\nein paar Lehrer, ein paar Fabrikinstrukteure\nund einige Verwaltungsbeamtinnen. Die\nKinder von 5 bis 17 Jahren wohnen nach der\nNationalität zusammen, sprechen und lernen in\nihrer Muttersprache. Drei Stunden praktischer,\nvier Stunden theoretischer Unterricht. Um\n6 Uhr aufstehen, von 7 bis 8 Uhr Gymnastik,\ndann Unterricht mit einer Stunde Mittags-\npause. Um zehn Uhr schläft die Kinderstadt.\nNach 7 Jahren Schulunterricht 3 Jahre be-\nrufstechnische Hochschule. Die Kinder wer-\nden je nach Auswahl der psychotechnischen\nPrüfung in Tischlerei, Schlosserei, Schnei-\nderei, Schumacherei und Buchbinderei aus-\ngebildet. Völlige Selbstverwaltung und kol-\nlektivistische Arbeit. Die Kinderfabriken\narbeiten für die eigenen Einrichtungen der\nKinderstadt und für Behörden. Jeder Ge-\ngenstand ist in den eigenen Werkstätten\nvon den Kindern hergestellt. Die Gewinne\naus dem Verkauf von Waren werden aus-\nschließlich zur Verbesserung und Verschöne-\nrung- der Kinderstadt verwendet. Die Ver-\nwaltung entspricht genau dem Staatssystem\nder Sowjet-Union. Der Präsident der Sow-\njets der ukrainischen Kinder, von ihnen ge-\nwählt, ein achtjähriges blondes Mädchen\nmit kühlklugen und doch fanatischen Augen\nführt mich durch die ukrainischen Häuser.\nDer Riesenbund Schlüssel, den sie bei sich\nträgt, öffnet alle Türen. Es zeigt mit be-\nsonderem Stolz den Sowjetsitzungssaal, den\nKlub mit Klavier und den Bildern der Staats-\nführer. Sie macht auf die Ehrentafel auf-\nmerksam, auf der in goldenen Lettern die\nNamen der abgegangenen Kinder verzeichnet\nsind, die es schon zu etwas gebracht haben.\nDie auf der Universität weiter studieren oder\neinen Funktionärposten in der kommu-\nnistischen Partei bekommen haben oder\nsich schon sonstwie öffentlich betätigen. Sie\nzeigt das Pionierzimmer, in dem die Kinder\nnach einer bestimmten Prüfungszeit sich\npolitisch schulen und bilden. Es zeigt die\nSchlafzimmer von peinlichster Sauberkeit,\ndie jede Gruppe von 10 Kindern selbst völlig\nin Ordnung hält. Wir gehen in die Speise-\nsäle, in denen die Kinder nach Altersgruppen\nzusammen essen. Mit einem rhythmischen\n„DobriDen\" (Guten Tag) werde ich begrüßt."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.14", "texte": "Die Präsidentin stellt mich als Freund aus\nDeutschland vor, der bereit ist, Fragen zu\nbeantworten. Ein Knabe fragt mich nach\nden Waisen in Deutschland. Ob sie au ch\neine Kommune bilden und ob sie auch von\nKindheit an sich gegenseitig so selbständig\nausbilden wie bei ihnen. Ein Mädchen möchte\nwissen, ob die deutschen Volkskommissare\nauch die Waisen besuchen und sie fragen,\nob sie gut lernen und gut zu essen bekommen.\nUnd ob die Juden und Polen auch in ihren\nSprachen in der Schule lernen. Dann zeigt\nmir die Präsidentin noch die Bühne des\nKindertheaters, die Instrumente des Kinder-\norchesters in Symphoniebesetzung und end-\nlich die Wandzeitung, die von den Kindern\nselbst wöchentlich verfasst, geschrieben und\nan die Wand zur allgemeinen Lektüre ge-\nheftet wird. Das Haus hat auch eine\neigene Kindersanitätskommission mit kleiner\nApotheke und Verbandzeug für erste Hilfe.\nDie Kinderfabriken sind voll beschäftigt.\nNeue Betten, Tische, Stühle und Podien\nwerden hergestellt. In der Buchbinderei\nliegen 10000 Bände zur Abholung für Odessa\nbereit und in der Schneiderei, es ist schon\nFreizeit, arbeiten einige Mädchen für sich\nan Festkleidern. Die Kinderstadt besitzt\neinige Kilometer entfernt ein eigenes Land-\ngut, auf dem die Kinder im Sommer selbst-\nständig das Feld mit einem Traktor bestellen\nund Viehzucht treiben. Die gesamten Un-\nterhaltskosten der Kinderstadt trägt Odessa.\nSie sühnt die Schuld der vergangenen Ge-\nneration und macht aus unglücklichen Waisen\nvollwertige Mitglieder einer neuen Gesell-\nschaft.\nVerbrüderung\nIm großen Sommerpark des jüdischen Ar-\nbeiterklubs. Dicht gedrängt sitzen Juden,\nRotarmisten und Matrosen zusammen. Von\nder Bühne herunter berichten Soldaten über\nihren Besuch auf dem jüdischen Kollektivgut\n(Kolchos) bei Odessa. Der Truppenteil ist\nPate oder wie es hier heißt Chef des Gutes.\nDie Chefs beraten, helfen praktisch und\ntheoretisch und kontrollieren die Fortschritte.\nDie Soldaten sind mit ihrem Besuch zu-\nfrieden. Die jüdischen Arbeiter des Gutes\nsind zu einem Gegenbesuch ins Lager ein-\ngeladen. Man verspricht sich gegenseitig\njede Förderung beim Aufbau des Staates\nund der Wirtschaft und feiert Smitschka\n(Verbrüderung). Zu Ehren der Soldeten\nfolgt eine Festvorstellung des Arbeiterklubs:\n„Der Jude wird Bauer\". Das Theaterstück\nist von einem Arbeiter verfasst und wird von\nArbeitern gespielt. In jiddischer Sprache.\nDie jüdischen Darsteller sind für das\nTheater sehr begabt. Es bewegt sich\nin Inscenierung und Spiel auf der Höhe\neiner ersten Bühne. Viel Stimmung. Viel\nwitzige Einfälle. Viel Sinn für Humor, Tra-\nvestie und Tanz. Bewegung und Gang\nder Darsteller sind rhythmisch organisiert.\nZwei Frauen könnten eine Sensation für eine\neuropäische Bühne werden. Was man auch\ngegen den Bolschewismus einwenden mag,\ndie europäischen Juden müßten wenigstens\nanerkennen, daß hier zum erstenmal auf der\nErde ihren Stammesgenossen durch die\nSowjet-Union völlige Freiheit, Gleichberech-\ntigung und Ausübung der nationalen Kultur\ngewährt und gewährleistet ist. Ein ukrai-\nnischer Bauer beklagte sich bei Kalinin, dem\nPräsidenten der Sowjet-Union, daß viele\nukrainische Bauern nicht genügend Land\nbekommen hätten und daß man den besten\nBoden den Juden gegeben hätte. Kalinin,\nder bestimmt kein Jude ist, antwortete: wenn\nes auch so wäre, so wäre es trotzdem ge-\nrecht. Die Juden seien unter dem Zarismus\nzu unmenschlich behandelt worden."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.15", "texte": "Gehirnabort\nHerwarth Walden\nAuf dem Tisch im Büro des Direktors eines\nproletarischen Sanatoriums im Kaukasus liegt\nplötzlich vor mir das neueste Heft 24 der\nMünchner Medizinischen Wochenschrift. Ich\nschlage nach dem Inhalt einen Artikel „Rus-\nsische Experimente\" auf, geschrieben von\neinem Doktor der Medizin, Bezirksarzt in\nLichtenfels. Nach einigen Zeilen glaubt man\nan einen Sonnenstich des Lesers oder des\nVerfassers. Dieser Doktor ist teils medzii-\nnisch, teils sittlich über die Abschaffung der\nFamilie, die Anschaffung des Aborts und\ndie Verwahrlosung der Jugend und der Kinder\nentrüstet. Diese drei Tendenzen entsprechen\n„dem nomadischen Sinn der Tataren-Bolsche-\nwisten\". Die Familie ist nach der Ansicht\ndieses Medizinmannes abgeschafft worden,\nwie er das nennt, damit jeder Bolschewik\njeden Tag seine neuen sexuellen Begierden\ndurch eine schlichte Heirat befriedigen kann.\nDas Entsittlichende sieht der Doktor darin,\ndaß die Anmeldung der Ehe nicht vor dem\nStandesamt, sondern vor der Polizei, die\nAbmeldung der Ehe nicht vor dem Gericht,\nsondern gleichfalls vor der Polizei stattfindet.\nDamit ist allerdings der sittlichen Mensch-\nheit das Vergnügen genommen, sich in das\nSexualleben der anderen zu vertiefen. Es\nist ferner dadurch der romantische Ehebruch\nverhindert, da ja jede gewünschte neue sexu-\nelle Beziehung durch Ab- und Anmeldung\nsich erledigen läßt. Der Doktor aus Deutsch-\nland ist entrüstet. Nach ihm gibt es in\nDeutschland überhaupt kein Sexualleben\noder höchstens beim Eintritt in die Ehe.\nDer liebe Gott sorgt, gesetzlich geschützt,\nfür die lieben Kinderchen und dadurch für\ndie gottgewollte Familie und beruft die Ehe-\ngatten etwas nach der goldenen Hochzeit\nzu sich ins Paradies. Hieraus ergibt sich,\ndaß 1 n Deutsch lan d je der un s 1111 ich eP■ in™\ngriff in das sittliche Familienleben nebst\nKindererzeugung streng verfolgt wird. Den-\nnoch soll es in Deutschland unsittliche Men-\nschen gegeben haben, die die Spuren ihrer\ngöttlichen Tätigkeit verbergen wollten. Das\nsoll sogar früher recht oft vorgekommen sein,\nso daß man sich zu einer Art Statistik ent-\nschloß, die zwar nicht Bände sprach, aber\nBände füllte.\nSeit Erzeugung der deutschen Republik ist\nes alles anders geworden. Die Aborte sind\nsozusagen ausgestorben. Sonst könnte der\nBezirksarzt aus Lichtenfels nicht so entrüstet\nüber die tatarischen Bolschewisten sein, die\nden Abort gesetzlich einführen. Das hat\nnach Ansicht des Verfassers allerdings den\nVorteil, daß das Proletariat dadurch bald\ngänzlich ausstirbt und der europäische Ka-\npitalismus gerettet ist, oder, wie er es be-\nscheiden nennt, die europäische Intelligenz.\nWie er genau weiß, haben die Bolschewiki\ndie drei Millionen Intelligenter, die das rus-\nsische Reich besaß, gesammelt und sie durch\ndie Tscheka erschießen lassen, wodurch rest-\nlos nur das Proletariat übrig blieb. Da man\nJura nicht ohne Intelligenz treiben kann,\nblieb nichts übrig, als die ganze Jura ab-\nzuschaffen, also auch den Ehebruch, also\nauch die Familie, die Erzeugerin des Ehe-\nbruchs, womit also wieder eine neue Art\nOrdnung in der Unordnung hergestellt ist.\nDie Folgen sind katastrophal, meldet der\nDoktor. Ein russischer Bauer hat sich nach\n15jähriger Ehe abmelden lassen, weil seine\nFrau ihm nicht mehr intelligent genug war.\nDas hat die Welt wenigstens in Deutschland\nnoch nicht gesehen. Dieser Zerfall des Fa-\nmilienlebens. Jedenfalls ist den Bolsche-"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.16", "texte": "wisten ein Intelligenter bei dem großen\nMassenmord entgangen.\nDas ist aber noch nichts gegen die Kinder-\nmordtechnik der Bolschewiki. Der\nDoktor beruft sich auf die Krupskaja, auf\nSemaschko, auf eine Statistik von 1924\nund auf die gewiß unverfängliche bolsche-\nwistische Zeitung Prawda vom Oktober 1925.\nAus diesen Zeugnissen stellt er im Juni 1929\nfest, daß es allein in Moskau im Jahr 1923\n40000 heimatlose Kinder gegeben hat, und\nzwar durch die Schuld der Bolschewisten.\nSie haben nicht nur Weltkrieg und Revolu-\ntion gemacht, sie haben Bürgerkriege in-\nszeniert, Progrome und Kontrerevolution\ndurch europäische Mächte und zum Schluß\neine große Hungersnot im Wolgagebiet be-\nstellt. Alles aus purer Bosheit, insbesondere\nzur Erzeugung von heimatlosen Kindern,\ndie als Objekte für Massenmord besonders\ngeeignet sind.\nAußerdem dienen die Kinder den Bolsche-\nwisten zu allen möglichen verbrecherischen\nPlänen. Der Verfasser sagt wörtlich : „Eisen-\nbahn und Schiff bilden natürlich die beste\nReisemöglichkeit für vagabundierende Kin-\nder; dort findet man auch am ersten ein\nwarmes Eckchen. So wird in das Verkehrs-\nwesen durch diese verwahrlosten Kinder\neine Atmosphäre von Trunksucht, Prostitution,\nBanditentum und Diebstahl hineingetragen.\"\nWie sollten sich Beamte und Reisende vor\ndiesem bösen Beispiel der Kinder in ihren\nguten Sitten nicht verderben lassen. Selbst\nder Bolschewistenstaat sucht jetzt Rettung\nund Schutz vor diesen Kindern :„Der Staat\nist glücklich, wenn er auf die in der Idee\naufgelöste Familie zurückgreifen und solche\nKinder bei Verwandten unterbringen kann.\nRadikalere Methoden, die auch gelegentlich\nerörtert werden, sind Deportation, Maschinen-\ngewehr, Gift!!!\" So etwas wagt ein deutscher\nArzt in einer wissenschaftlichen Zeitschrift\ndes Jahres 1929 drucken zu lassen. Noch\ndazu mit einer politischen Nutzanwendung\nfür die gefährdete deutsche Republik: „Und\ndas ist die von unserer Sozialdemokratie in\nin den Himmel erhobene Staatserziehung.\"\nDer Verfasser wundert sich nur über eins,\ndaß die Berichte der Augenzeugen immer\ngünstig lauten. Er erklärt das höchst ein-\nfach, es würden nur Deutsche nach Rußland\nhineingelassen, die kein Russisch verstehen.\nSie müssen offenbar ein Examen für negati-\nve Kenntnisse vorher ablegen. Diese Augen-\nzeugen lassen sich daher alles einreden. So\nhat man ihnen eine Gefangenenanstalt ge-\nzeigt. „Dort saßen die Gefangenen an saube-\nren Tischen vor Huhn und Reis.\" Wie das\nim kultivierten Deutschland selbstverständ-\nlich ist. Mit Scharfblick erkennt der Bezirks-\narzt von Lichtenfels aus, daß das „die Ge-\nfangenenwärter und Folterknechte wären,\nwährend die Gefangenen selber in den Kel-\nlern verborgen sind\". Diese verwahrloste\nPhantasie nach erfolgreichem Gehirnabort\nkann nur in der deutschen Familie gerettet\nwerden. Einsichtige, wohlwollende Bürger\nmit nachweisbar 50jähriger Ehe, politisch\nrechts-belastet, mögen ihre Anschrift zwecks\nUnterbringung des Doktors der Münchner\nMedizinischen Wochenschrift übersenden."}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.17", "texte": "Nord-Ossetien\nHerwarth Walden\nDas Bergvolk der Osseten wohnt im Norden\nund im Süden des großen Kaukasus und\ndurch die Berge völlig von einander getrennt.\nDer einzige Pass durch das Gebirge, die alte\nberühmte Grusinische Heerstraße, kann nur\nwährend einiger Monate benutzt werden.\nAuch die kulturelle Entwicklung der Nord-\nund Süd-Osseten ist verschieden. Deshalb\nbilden Nord- und Süd-Ossetien jetzt zwei\nselbständige autonome Gebiete, von denen\nSüd-Ossetien zur Föderation der transkau-\nkasischen Sowjet-Republiken gehört, Nord-\nOssetien hingegen zur Russischen Sozialisti-\nschen Föderativen Sowjet-Republik (RSFSR).\nDie autonomen Gebiete haben völlige Selbst-\nverwaltung in Sprache, Volk, Schule, Kultur\netc. Sie unterscheiden sich von den auto-\nnomen Republiken der Sowjet-Union nur\ndarin, daß eine gewisse Aufsicht in politischer,\nwirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht\nstattfindet. Sie ist notwendig, weil vor\nallem die kleinen Nationen unter der za-\nrististischen Regierung auf das brutalste\n„russifiziert\" wurden. Das heißt: sie wurden\ngetötet, vertrieben, ausgebeutet und mit\nGewalt auf der niedrigsten Stufe der Zivili-\nsation gehalten. Trotzdem waren diese Na-\ntionen nicht zu vernichten. Nach der Wie-\ndererlangung ihrer nationalen Freiheit durch\ndie Sowjet-Macht und durch die sozialistische\nGesellschaftsordnung entwickeln sich diese\nNationen in schnellem Tempo. Die jetzige\npolitische Einteilung der Völker des Nord-\nkaukasus besteht seit 1924.\nNord-Ossetien hat etwa 150000 Einwohner.\nEs steht noch nicht fest, ob die Osseten\naus dem Iran stammen. Ihre Sprache ent-\nhält auffallend viel germanische Wörter, so-\ndaß manche Forscher sogar eine germanische\nAbstammung behaupten. Ossetische Schrift-\nzeichen waren teilweise vorhanden. Die\nSowjetregierung Nord-Ossetiens hat aber\njetzt allgemein die lateinische Schrift ein-\ngeführt. Zahlreiche Bücher und Zeitungen\nsind schon in ossetischer Sprache in dieser\nSchrift erschienen. Die Bevölkerung war früher\nteils christlicher, teils mohammedanischer\nReligion. In den letzten Jahren macht die\nantireligiöse Bewegung schnelle Fortschritte,\nbesonders bei den Christen. Die Frauen\nsind den Männern heute vollkommen gleich-\nberechtigt, es gibt sogar schon eine Frau\nals ossetischen Staatsanwalt. Vielweiberei\nist noch vereinzelt vorhanden, ist aber nach\nVolksbrauch der Osseten nicht zulässig. Vor\nder Revolution hatte Nord-Ossetien 92\"0\nAnalphabeten, jetzt noch 86% Analphabeten.\nSeit dem letzten Jahr wird mit aller Gewalt\nan der „Liquidierung\" des Analphabetentums\ngearbeitet. Wanderschulen für Erwachsene\nsind errichtet, und es wird der Schulzwang\nfür Kinder eingeführt. Gelehrt wird die\nossetische und die russische Sprache. In\nder ossetischen Stadtschule von Wladikaw-\nkas außerdem deutsch, französisch und eng-\nlisch nach Wahl. Die autonome Stadt\nWladikawkas ist der Sitz der Sowjetregierung\nNord-Ossetiens. Zwischen den ehemaligen\nfeindlichen Völkern Nord-Ossetien und In-\nguschetien herscht jetzt Einigkeit und sogar\nFreundschaft durch das Sowjetsystem. Die\nHauptstadt beider Nationen ist Wladikawkas,\nin der außerdem noch 30 bis 40 Nationen\nfriedlich zusammen leben.\nDie Hauptbeschäftigung der Nord-Osseten\nist Landwirtschaft, besonders aber Maisbau\nund Viehzucht. 2000 Bauernhöfe bebauen\netwa 16000 ha. Seit der Revolution ist die\nLandwirtschaft um 15 bis2o% gestiegen. Auch"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.18", "texte": "ist ein großes Landgut mit Kollektivarbeit\nder armen Bauern (Kolchos) errichtet. Der\nsozialistische Wettbewerb, die sportliche Idee\nauf das praktische Leben angewandt, steigert\ndie Produktion erheblich. Zur Zeit findet\nin Nord-Ossetien ein Wettbewerb im Sam-\nmeln von Altmetall statt. Das Durchschnitts-\neinkommen der Bauern ist 1000 bis 1500\nRubel.\nDie Elektrifizierung von Nord-Ossetien wird\nbesonders gefördert. Man hat Anfang 1928\nmit dem Bau eines riesigen Hydro-Elekri-\nzitätswerks Giseldonstroi begonnen, das zum\nTeil in diesem Jahr, völlig 1931 in Betrieb\ngenommen wird. Hier, im tiefsten Urgebirge\ndes Kaukasus, entspringt ein Wasserfall von\nriesenhafter Kraft und phantastischen Formen.\nEin alter Hirte hat schon vor 40 Jahren die\nKraft und Bedeutung dieses Wasserfalls er-\nkannt, wiederholt Eingaben an die zaristische\nRegierung gemacht und selbst den Weg\nnach Leningrad, dem Sitz des Zaren, nicht\ngescheut. Er wurde abgewiesen und seine\nUnterbringung in eine Irrenanstalt ernst-\nhaft erwogen. Die Sowjetregierung Nord-\nOssetiens untersuchte die Anregungen des\nAlten — und baut das Elektrizitätswerk.\nDas Heranbringen und Hinaufschaffen des\nMaterials auf die steilen Berge ist außer-\nordentlich schwierig und langwierig. Ueber\n400 arme Bauern finden hierbei Arbeit bei\neinem täglichen Arbeitslohn von drei bis\nvier Rubel. Es werden drei Turbinen zu\n7500 Kiolwatt aufgestellt. Der Betontunnel\nhat eine Länge von 2640 Metern. Zunächst\nfindet eine Stromversorgung auf einer\nStrecke von 140 Kilometern Wladikawkas—\nGrosny statt. Der Preis für die Kilowatt-\nstunde beträgt 2 Kopeken in Wladi-\nkawkas und eine Kopeke in Grosny. Der\nGesamtplan ist, durch dieses Werk das ganze\nGebiet des Nordkaukasus vom Schwarzen\nMeer (Noworossisk) bis zum Kaspischen\nMeer mit Strom zu versorgen. Der Bau\nder ersten Strecke Giseldonstroi — Grosny\nkostet 18 Millionen Rubel. Gearbeitet wird\nvon 600 Arbeitern in drei Schichten. Die\nBedeutung dieses Werkes für Nord-Kaukasus\nist noch garnicht abzuschätzen. Der Ent-\ndecker, der alte Hirt, läßt es sich nicht nehmen,\nselbst Baumaterial mit auf die Berge zu\nschleppen. Er stieg vom Pferde, warf den\n„Baschlyk\", die Kopfbedeckung, eine Art\nKapuze, zurück, zeigte das jugendfrische\nGreisengesicht und drückte mir mit Sieger-\ngeste die Hand. Der Held des Nord-\nKaukasus. Er fragte mich, ob den deutschen\nHirten, die etwas Vernünftiges dachten, auch\nsoviel Schwierigkeiten gemacht würden, wie\nes bei ihm der Fall gewesen ist.\nDen europäischen Regierungen wird empfoh-\nlen, die Lösung des Problems der nationalen\nMinderheiten im Gebiet des Nord-Kaukasus\nzu studieren. Die Entwicklung von Nord-\nOssetien zeigt, wie einfach die ganze Frage\nist, wenn man nur will."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.19", "texte": "Tiflis, die Weltstadt des Kaukasus\nHerwarth Walden\nFünfzigtausend Menschen sitzen, stehen,\ndrängen sich im Volkspark von Tiflis. Auf\nden hohen Bäumen neben der Bühne sitzen,\nstehen, hängen Kinder. Vor der Bühne an\nrotgedeckten Tischen die Jury der ersten\nVolkschorolympiade der Republik Georgien.\n32 Chöre aus allen Provinzen beteiligen sich.\nAlle in ihrer Nationaltracht. Die Bergvölker\ntragen ihre traditionellen Waffen. Der Ge-\nsang im allgemeinen dreistimmig. Männer-\nchöre und gemischte Chöre von 15 bis 60\nMitgliedern. Volkslieder. Voll eigner Melo-\ndik und Rhythmik. Erinnerung an die Musik\nvon Arabern und Negern stellt sich ein. Den\ngrößten Erfolg und die meisten Preise erhält\ndie Provinz Gurien. Ein gurischer Chor\ntanzt außerdem einen Schwertertanz. Muß\nzweimal wiederholt werden. Die Gurier sin-\ngen Begleitungsfiguren aus zwei hohen Kehl-\nlauten, die nirgends auf der Erde gesungen\nwerden. Sie sterben selbst bei der jungen\ngurischen Genenation aus. Die Solisten,\nzwei Greise, Bauern, jeder über 80 Jahre.\nCarusoerfolg. Fast scheint es als ob das\nPublikum die Bühne stürmen wird. Einige\nKinder fallen vom Baum. Signalpfeifen. Die\nMiliz erscheint und macht Ordnung. Etwas\nanders als in Berlin, wo der Polizeileutnant\ndas Licht löschen und weiteres Singen ver-\nbieten läßt, bis die Begeisterten ihren teuer\nbezahlten Platz wieder eingenommen haben.\nHier kostet die Kunst nur 25 Kopeken und\ndie Miliz hält den Enthusiasten einen päda-\ngogisch philosophischen Vortrag über die\nUnzweckmäßigkeit des Vordrängens. Sogar\nmit Erfolg. Den gefallenen Kindern hilft sie\npersönlich wieder auf die Bäume. Das Konzert,\ngleichzeitig vom Radio aufgenommen, dauert\nfast 6 Stunden. Die Tifliser sind für Kunst\nund gelten als das kritischste Publikum der\nSowjet-Union. Deshalb legen die Künstler\ngroßen Wert auf einen Erfolg in Tiflis. Trotz-\ndem die Stadt hinter den hohen kaukasi-\nschen Bergen liegt und die Republik Ge-\norgien in den weitesten europäischen Kreisen\nnur ein Begriff ist. Und auch das kaum.\nDer Zarismus hat das Land zu russifizieren\nversucht und ihm auch einen anderen Namen,\nGrusien, gegeben. Sonst weiß man noch,\ndaß Herr Kautsky sehr böse auf das Land\nist, weil die Georgier sich erlaubten, trotz\nseiner Anerkennung die sozialdemokratische\nRegierung abzuschaffen. Der Präsident der\nRepublik ist der alte Bolschewik Macha-\nradse, der sich schon seit 1899 revolutionär\nbetätigt hat. Ein Mann von hohen geistigen\nGaben, von eisernem Willen, von echter\nMenschlichkeit und einem berauschenden\npersönlichen Charme. Die Georgier, Männer\nund Frauen, sind selten schöne Menschen.\nLebhaft und zugleich zurückhaltend. Voll\nWissensfreude und voll Lebensfreude. Ein\nneuer Glanz, der Stolz des siegreichen Pro-\nletariats liegt über der Stadt. Außere und\ninnere Freiheit des Lebens und der Formen\nund doch aus einer ursprünglichen Aesthetik\nheraus gebunden. Ekstase der Gastfreund-\nschaft. Einige Kilometer vor der Stadt am\nFluß Kura liegt ihr Stolz, das Hydro-Elektri-\nkraftwerk (Sages), gewöhnlich Leninwerk\ngenannt. Es enthält vier Turbinen zu je\n5000 PS, aus Deutschland bezogen. 2 Tur-\nbinen zu je 17 000 PS werden in diesem\nJahr aufgestellt und sind bereits in Lenin-"}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.20", "texte": "Grad gebaut. Das Leninwerk hat schon jetzt\nfür Tiflis und Umgebung doppelt soviel Strom\nals zur Zeit gebraucht wird. Die ganze Be-\ndienung besteht aus 7 Arbeitern. Vor dem\nWerk auf einem Felsen das Denkmal Lenins.\nZwischen den Maschinenhäusern wohlge-\npflegte tropische Gärten. Formstrenge ku-\nbistische Architektur. Die Reinlichkeit des\nWerkes blendet wie die südliche Sonne, die\nüber ihm liegt. Zurück in die Stadt. Vor-\nbei an der Universität mit 6500 Hörern. Ein\nBlick in die Nationalgalerie. Seltene per-\nsische Miniaturen des 16. Jahrhunderts.\nSchöne persische Bilder des 19. Jahrhunderts,\nDie Georgische Malerei leider von jedem\neuropäischen Irrtum angesteckt. In der\nKunstakademie rühmt man sich noch heute,\nMünchener Schule zu lehren. Der Unfug\nist selbst in der Sowjet-Union nicht auszu-\nrotten. Bis man schließlich doch noch einen\ngeorgischen Künstler, ein Original findet.\nUnd der ist ein Genie. Phirosmanischwily.\nEr starb 1918, 60 Jahre alt. Wenige Jahre\nvor seinem Tode wurden einige Literaten\nin Tiflis auf ihn aufmerksam, suchten seine\nBilder aus allen möglichen obskuren Stätten\nzusammen, schrieben über ihn und brachten\nBilder von ihm in das Museum. Leben\nund Schicksal des Künstlers ähnlich wie von\nHe nri Rousseau le Douanier. Das künst-\nlerische Werk von Phirosmanischwily aber\nnoch eigenartiger, noch eigenwilliger, noch\nvolkverbundener. Jetzt besitzt der Staat\nseine sämtlichen Werke.\nEin Blick in das Revolutionsmuseum. Der\nBefreiungskampf des georgischen Prolelariats\nin Bildern, Urkunden, Photos, Zeitungsaus-\nschnitten und Modellen. Besonders er-\nschütternd die Dokumente aus dem Leben\ndes georgischen Terroristen Kamo, der\nsechsmal verhaftet wurde, dreimal entfloh,\nviermal zum Tode verurteilt war und durch\neinen Zufall 1922 starb. Zwei Photos zeigen\nverkohlte Leichen zweier Kommunisten, die\ndurch die menschewistische Regierung (Re-\nformpartei) 1921 zum Feuertod verurteilt\nwurden. Weiter. Die Kinofabrik der Republik\nGeorgien „Goskinprom\", die zweitgrößte der\nSowjet-Union. Im neugebauten Atelier\nkönnen sechs Gruuppen gleichzeitig arbeiten.\nZur Zeit nimmt man als Kulturfilm das\nLeben der kaukasischen Bergvölker auf.\nDie Jahresproduktion beträgt 20 Filme. Die\nRosa-Luxemburg-Fabrik. Monatliche Pro-\nduktion 70 Millionen Zigaretten. 330 Arbei-\nter 7 Stunden Arbeitszeit. Die Fabrik ist\nnationalisiert. Neu eingerichtet wurden in\nder ehemaligen Privatwohnung des früheren\nBesitzers die Klubs und Erholungsräume\nder Arbeiterschaft. Besonders reizvoll ist\ndas Kinderheim. Die Arbeiterinnen nehmen\nin allen größeren Fabriken ihre kleinen\nKinder vom Säugling ab mit und geben sie\nin das Kinderheim der Fabrik. Dort werden\nsie während der Arbeitszeit von gelernten\nSchwestern versorgt. Mütter, die selbst\nstillen, erhalten hierzu zwei bis dreimal je\neine halbe Stunde Urlaub. Das Kinderheim\nhat jeden erdenklichen hygienischen Komfort.\nEin Arzt ist zur täglichen Beobachtung der\nKinder angestallt. Die schlafenden gesunden\ndicken Kinder in weißen Bettchen beweisen\ndie ethische Berechtigung der proletarischen\nDiktatur. Die Seidenfabrik „Roter Textil-\narbeiter\". 105 Arbeiter, zwei Schichten,\n8 Stunden Arbeitszeit. Produktion 8000\nMeter monatlich. Hergestellt wird Crepe\nde Chine in allen Farben, Serge, Seiden-\nleinen und Rohseide. Die große industrielle\nLeistung von Tiflis ist die neueröffnete\nerste Textilfabrik. Produktion; Wolle und\nKammgarn. 1300 Arbeiter arbeiten in drei\nSchichten je 7 Stunden. Die Herstellung\nder Fabrik nebst Siedlungsbauten für die"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.21", "texte": "Arbeiter kostet 6 Millionen Goldrubel. Das\nGebäude ist ein Meisterwerk der technischen\nArchitektur. Man hat durch eine geniale\nKonstruktion das Problem gelöst, außer-\nordentlich viel Licht, aber keine Sonne in\ndie Fabrik zu lassen. Logische und rationelle\nVerteilung der Räume für besondere Zwecke.\nGroße Garderoben und Duschen für die\nArbeiter. Speisesäle und Erholungsräume.\nIn den neuen Fabriken wird alles so hygie-\nnisch und ästhetisch angelegt, daß die Arbeit\nBeschäftigung, kein Dienst mehr ist. Ma-\nschinen der neuesten deutschen und englischen\nKonstruktionen. Fast jede Gewerkschaft hat\nihren Winterklub und Sommergarten. Der\nschönste gehört der Druckergewerkschaft\nmit 2000 Mitgliedern. Die Sommerbibliothek\ndieses Klubs enthält 20000 Bücher. Bevor-\nzugt wird von den Lesern hier die neue\nfranzösische Literatur in Übersetzung. Nicht\nweniger als 40 Nationalitäten leben in der\nRepublik Georgien im besten Einvernehmen.\nTrotzdem jede Nation ihre Sprache spricht\nund die größeren nationalen Einheiten völlig\nselbstständige Verwaltung haben, ist kein\nnationaler Chauvinismus entstanden. Ge-\norgien ist ein Musterland politischer und\nsozialistischer Kultur.\n\nCharkow\nHerwarth Walden\nDie Ukraine ist nicht, die Ukraine war nicht,\nund die Ukraine wird nicht sein. Das hat\nPeter der Croße persönlich falsch prophezeit\nund dem Lande großzügig den Namen\nKlein-Rußland gegeben. Um die Großrussen\nnicht mit der Erlernung der ukrainischen\nSprache zu bemühen, wurde sie schlicht\nverboten. Da sollten sich lieber die lumpigen\n30 Millionen Ukrainer anstrengen und\nrussisch lernen. Die Balkanvölker hatten\nsich schon vorher für Peter den Großen\ngesorgt und eine nette Handelsniederlage\nnamens Kiew gegründet. Da Kaufleute viel\nZeit haben, auch die entsprechende Kultur\nmitgebracht. Man brauchte nur noch die\nnötige Zahl Kirchen und Klöster zu bauen\nund die Hauptstadt Klein-Rußlands war\nfertig. Sie hat die Schönheit der Ver-\ngangenheit, die Romantik etwa einer italie-\nnischen Stadt. Hier kann man träumen.\nIn Natur und in Museen. Die Ukrainer\naber wollen wachen. Man brauchte Platz\nund Atemfreiheit. Man mußte niederreißen\nkönnen ohne Rücksicht auf Altertümer, die\nder verehrten Großmutter Geschichte wegen\ngeschont werden müssen. Nur Kinder sind\nohne Tradition. Die Ukrainer der Sowjet-\nUnion schufen sich die neue Hauptstadt\nCharkow. Aus einer harmlosen, vernach-\nlässigten Provinzstadt ohne Kanalisation\nentwickelte sich in wenigen Jahren eine\nGroßstadt. Eine Industriestadt. Die geringe\nZahl Fabriken, die das revolutionäre Prole-\ntariat von der Bourgeosie übernehmen\nkonnte, genügen schon jetzt den Ansprüchen\nnicht mehr und sind oder werden moderni-\nsiert und erweitert. Neue Fabriken sind\nentstanden. Zwei Neubauten sind besonders\ncharakteristisch für die Entwicklung der\nStadt und der sozialistischen Ukraine. Auf\neiner Fläche von 51000 qm erhebt sich\nder „Industriepalast\", das Zentralbüro aller\nTrusts. Eisenbeton. Zwölf Stock hoch.\nEin Meisterwerk der modernen Zweck-"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.22", "texte": "architektur. An Material sind 4000 Waggons\nBeton, 550 Waggons Eisen und 20 Waggons\nGlas verbraucht. Das Gebäude ist in\n2 Jahren 2 Monaten von August 1926 bis\nOktober 1928 errichtet. Dieser „Industrie-\npalast\" wird von keinem Gebäude Europas\nan logischer Schönheit, sachlicher Bequem-\nlichkeit und dennoch monumentalerWirkung\nübertroffen. Bei weitem übertroffen wird\nEuropa durch den zweiten Neubau, die\ndritte staatliche Musterpoliklinik. In der\ngesamten Sowjet-Union sind Polikliniken\nkeine Verlegenheitsprodukte für die Mehr-\nheit der unbemittelten Volksgenossen. Eigent-\nlich in Europa nur zu dem Zweck errichtet,\num den Aerzten die nötige Zahl von Versuchs-\nmenschen zu Experimenten für die aussichts-\nvollere Heilung vollzahlender Patienten zu\nschaffen. Hier haben die Aerzte der Poli-\nkliniken die schlichte Aufgabe, Proletarier\nzn heilen. Durch die Wissenschaft ohne\nRücksicht auf die Wissenschaft. Die dritte\nPoliklinik von Charkow ist ein Denkmal,\ndas das Proletariat seiner gewonnenen\npolitischen Macht gesetzt hat. In einer Voll-\nkommenheit, die sich die Großbourgeosie\nnicht einmal für ihre Privatkliniken leistete.\nEin objektiver Zeuge für diese Tatsache\ndürfte vielleicht auch europäischen Skepti-\nkern der deutsche Botschafter v. Dirksen\nsein. Er konnte nicht umhin, im Gästebuch\nder Poliklinik zu erklären: „Wir stehen ganz\nunter dem Eindruck dieses großen sozialen\nWerkes, das in den letzten Jahren hier ent-\nstanden ist und sich auf die neuesten\nErgebnisse wissenschaftlicher Forschung\nstützt.\" Man dürfte eigentlich nicht umhin\nkönnen, dieses Institut ein großes sozia-\nlistisches Werk zu nennen. Denn vor\nder Revolution hatte man als soziales\nWerk nur ein lächerlich kleines Kranken-\nhaus gegen normale Bezahlung zustande\ngebracht. Die dritte Poliklinik behandelt\njährlich, ohne irgendwelche Kosten für die\nKranken, 100000 Werktätige. Säe enthält\n9 Polikliniken mit 47 Abteilungen. Von der\nChirurgie bis zur Berufsberatung. Neueste\nInstrumente und neueste Behandlungs-\nmethoden. Das meiste hat man aus Deutsch-\nland bezogen, was dort allerdings nicht für\njedermann aus dem Volke bestimmt ist. Die\npeinliche Sauberkeit in der Einrichtung und\nErhaltung aller Räume ist vorbildlich. Für\ndie wartenden Kranken sind Erholungssäle\nund Lesezimmer mit bequemen Möbeln\nvorhanden. Ein großer Vortragssaal mit\nKino für Volksaufklärung über das Gesund-\nheitswesen ist zugleich als medizinisches\nMuseum eingerichtet und für die Kranken\ngeöffnet. Durch anschauliche, vergleichende\nfarbige Plakate, durch Modelle und Dia-\ngramme werden die Besucher über die\nhäufigsten Volkskrankheiten, deren Ver-\nhütung und Heilung unterrichtet. Die Filme\ndes Kinos dienen dem gleichen Zweck.\nMan soll nicht glauben, daß ein derartig\nvollkommenes Institut aus Protzerei errichtet\nist. Man sehe hierin vielmehr eine außer-\nordentlich bedeutende psychiologische Me-\nthode, dem Kranken die Wichtigkeit des\nKörpers und seiner Funktionen für ihn\nselbst zum Bewußtsein zu bringen. Eine\nMethode, die man bisher nur angewandt\nhat, um den Wert von Kunstwerken in\nErscheinung treten zu lassen. Die Stadt\nCharkow arbeitet und lebt. Lebt im Tempo\nder Großstadt. In dieser Stadt erinnert man\nsich mit Rührung an die Mitteilungen vieler\ndeutscher Zeitungen über die gräßliche\nHungersnot in der Sowjet-Union. Einige\nPreise: Ein Kilo Schwarzbrot 7 Kopeken,\nein Kilo Weißbrot 15 Kopeken. 10 Eier\n55 Kopeken. Ein Kilo Butter 2 Rubel\n90 Kopeken. Ein Pfund Kalbfleisch 28 Ko-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.23", "texte": "peken, ein Pfund Rindfleisch 22 Kopeken.\nEin Huhn je nach Größe 1 Rubel 20 Ko-\npeken bis 1 Rubel 50 Kopeken. 100 Gramm\nTee 85 Kopeken. In den Speisesälen, die\nbei jeder Fabrik vorhanden sind, kostet ein\nMittagessen für Arbeiter, Angestellte und\nderen Familienmitglieder 35 Kopeken. Es\nbesteht aus einer Suppe von Fleisch und\nGemüsen, einem Fleischgang und Brot\nnach Belieben. An einem offenen Büffet\nwerden kalte Vorspeisen, Süßigkeiten und\nGetränke ohne Alkohol zu den geringsten\nPreisen verkauft. Als Beispiel: eine Portion\ngutes Vanille-Eis kostet 5 Kopeken. — Am\nfrühen Nachmittag beleben sich die Straßen.\nSpätestens um halb vier Uhr ist überall die\nTagesarbeit eingestellt. Die Werktätigen,\ndas heißt hier fast die ganze Bevölkerung,\nbegeben sich nach und nach in die Sommer-\nKlubs. Jede Gewerkschaft, jede Fabrik,\njede Organisation von Angestellten und\nbehördlichen Arbeitern verfügt über einen\nWinter-Klub in eigenen Gebäuden und über\neinen Sommer-Klub in Gärten. Für jede\nArt von Ansprüchen ist hier gesorgt. Man\ngeht in das Theater, in das Kino oder in\ndas Konzert seines Klubs. Man treibt ver-\nschiedenen Sport zu Lande und zu Wasser.\nMan spielt Schach oder Billard. Man liest\nZeitungen, Zeitschriften aus eigener Biblio-\nthek. Man ißt, trinkt, plaudert, oder geht\nspazieren unter sagenhaft alten Bäumen und\nim Leninlicht, der Volksname für Elektri-\nfizierung bis in das kleinste Dorf der Sowjet-\nUnion. Im großen Gewerkschaftsgarten von\nCharkow, an dem 20 Klubs beteiligt sind,\ntreffen sich täglich etwa 1500, Sonntags\n30 bis 40 Tausend Menschen. Ein Sowjet-\nMotto heißt: „Wer sich nicht zu erholen ver-\nsteht, versteht nicht zu arbeiten.\" Dieses\nWort wird in dem arbeitsamen und leben-\nfrohen Charkow besonders beherzigt. Von\neiner Menschheit, die sich aus freiem\nGemeinschaftswillen eine freie Erde für\ndas Glück der Einzelnen und Aller ge-\nschaffen hat und in solchem Sinne sinnvoll\nweiter schafft und arbeitet.\n\nInguschetien\nHerwarth Walden\nEuropa nebst seinem Völkerbunde können oder\nwollen nicht das Problem lösen, nationale\nMinderheiten der einzelnen Länder anständig\nzu behandeln und normal leben zu lassen.\nGerade die Länder, die angeblich ein ganz\nbesonderes Nationalbewußtsein besitzen, können\ndessen Existenz bei anderen Völkern absolut\nnicht vertragen oder anerkennen und treiben\nes der Konkurrenz durch körperliche und kul-\nturelle Vernichtung aus. In Wirklichkeit ist\ndiese außergewöhnliche Nationalsucht weiter\nnichts als gewöhnliche Besitzsucht. Traurig\ngenug, daß man noch im 20. Jahrhundert sagen\nmuß, daß Totschlag und Ausbeutung keine Be-\nweise für nationale Überlegenheit sind. Im\nzaristischen Rußland wurden etwa 200 Natio-\nnalitäten „russifiziert\". Also totgeschlagen,\nausgeplündert und auf die denkbar niedrigste\nStufe der Zivilisation zurückgedrängt oder auf\nihr gehalten. Dagegen war die Sklaverei des\nklassischen Altertums eine Wohltätigkeitsanstalt.\nDurch die proletarische Revolution 1917 wurden\nalle Nationen des ehemaligen Rußlands frei.\nDie meisten von ihnen vereinigten sich zu\neinem Bund sozialistischer Sowjet-Republiken\nund es entstanden einige 30 Staaten mit Selbst-"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.24", "texte": "Verwaltung und nationalen Kulfurrechten. Die\nbesonderen nationalen Interessen der Repu-\nbliken innerhalb der Zentralverwaltung der\nUnion werden durch den Nationalitätenrat ver-\ntreten. Man unterscheidet autonome Republiken\nund autonome Gebiete. Autonome Gebiete\nbilden die Nationen, deren geringe Zivilisation\nals ; Folge der famosen „Russifizierung\" ein\ngewisses Aufsichtsrecht, insbesondere in wirt-\nschaftlicher und finanzieller Hinsicht bedingt.\nHingegen haben auch diese autonomen Gebiete\nvöllige Selbstständigkeit in kulturellen Dingen:\nSprache, Schule, Gerichtswesen, innere Verwal-\ntung, Gesundheitswesen, Bildung und Land-\nwirtschaft. Jede autonome Republik hat in dem\nNationalitätenrat fünf Vertreter, jedes autonome\nGebiet einen Vertreter. Trotzdem die Russen\nin der Union fast 70% der Bevölkerung aus-\nmachen, haben sie in dem Nationalitätenrat als\nautonome Republik gleichfalls nur fünf Vertreter.\nEine Vergewaltigung der übrigen Nationen ist\ndaher in jeder Hinsicht ausgeschlossen. Das\nist eine wahrhaft einfache und wahrhaft demo-\nkratische Lösung des Nationalitätenproblems.\nDer Nordkaukasus hat sechs autonome Gebiete.\nNach der Februarrevolution 1917 erstrebten\ndiese Bergvölker eine unabhängige Bergrepu-\nblik unter Führung von Russen. Bald führten\nsie aber untereinander und gemeinsam gegen\ndie russische „Führung\" Krieg. Im Februar\n1918 wurde die erste gemeinsame Sowjetre-\ngierung dieser Bergvölker gegründet, aber\nbereits nach einem Jahr durch General Denikin\nmit Unterstützung des europäischen Kapitals\ngestürzt. Die Mitglieder der Sowjetregierung\nwurden größten Teils erschossen. Erst im\nMärz 1920 wurde die Konterrevolution völlig\nbesiegt. Die endgültige Einteilung des Nord-\nkaukasus fand 1924 statt.\nDas autonome Gebiet Inguschetien hat etwa\n30000 Einwohner. Der Sitz der nationalen Be-\nhörden ist die autonome Stadt Wladikawkas,\ndie zugleich das Verwaltungszentrum des auto-\nnomen Gebiets Nord-Ossetien ist. Die Ingu-\nscheten sind ein Bergvolk vermutlich aus dem\nVölkerstamm der Japhetiten und mit dem nord-\nkaukasischen Bergvolk der Tschetschenen ver-\nwandt. Sie sprechen eine sanskritähnliche\nSprache, haben eine erhebliche Volksliteratur,\naber keine Schriftzeichen. Die gesamten ge-\nschichtlichen Kenntnisse dieses Volkes beruhen\ndaher auf mündlicher Überlieferung. Durch\ndie Sowjetregierurig Inguschetiens wurde für\nihre Sprache die lateinische Schrift eingeführt\nund sofort mit der Herausgabe von Zeitungen,\nLehrbüchern und volkstümlichen Werken be-\ngonnen. Die Werke von Karl Marx und Frie-\ndrich Engels werden zurzeit auf inguschisch\nübersetzt. Vor 150 Jahren wurde nach der\nGötzenanbetung die mohamedanische Religion\neingeführt. Es bestand Vielweiberei bis zu 7\nFrauen, die auch sonst vollkommen ohne jedes\nRecht waren. Heute haben die Frauen bereits\ndie Schleier abgelegt, besitzen dieselben Rechte\nwie die Männer und gehen zum Teil sogar\nschon in die kommunistische Parteischule. Es\nwurde ein Dekret gegen die Vielweiberei er-\nlassen, das vom Volk gut aufgenommen ist.\nBis zur Revolution hatten die Inguschen eine\nSchule und 93 % Analphabeten. Jetzt giebt\nes bereits 32 Schulen, aber immer noch 88 %\nAnalphabeten. Der Schulzwang ist noch nicht\neingeführt, weil die Inguschen vollständig zer-\nstreut auf den Bergen wohnen und nicht ge-\nnügend Lehrkräfte und Schulgebäude vorhanden\nsind. Die Inguschen treiben Landwirtschaft,\nhauptsächlich Maisbau und Viehzucht. Seit der\nRevolution ist die Landwirtschaft um 10%, die\nViehzucht um 150 % gestiegen. Das Durch-\nschnittseinkommen eines Bauern ist jährlich\n1000 Rubel. Eine große Steigerung der Pro-\nduktion macht sich durch die Idee des sozialis-\ntischen Wettbewerbs bemerkbar. Das ist die\nSportsidee auf das tägliche Leben angewandt.\nDer Wettbewerb findet zwischen einzelnen\nHöfen und auch einzelnen Bezirken statt. Der\nPräsident des inguschen Landessowjets Dach-\ngylkow arbeitet mit Leidenschaft an der kultu-\nrellen Bildung seines Volkes. Der Sowjet\nbesteht aus 40 Mitgliedern, darunter 5 Russen.\nDas Plenum tritt alle drei Monate zusammen.\nIn Wladikawkas ist ein Museum Inguschetiens"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.25", "texte": "eingerichtet, in dem man die geschichtliche\nEntwicklung des Landes ethnologisch, ethno-\ngraphisch und kulturell gut studieren kann.\nWenn durch die Selbstverwaltung schon bei\neinem vollkommenen Naturvolk in wenigen\nJahren günstige kulturelle Resultate erzielt\nwerden, sollten die großen Nationen Europas\nvielleicht mit ihren „erworbenen\" nationalen\nMinderheiten mit europäischer Bildung einen\nbescheidenen Versuch in dieser Richtung ris-\nkieren. Man kann auch von Inguschen\nlernen.\n\nKulaken\nHerwarth Walden\nDie durchschnittliche Saatfläche der SSSR\nbeträgt beinahe ein Drittel der gesamten\nSaatfläche der Erde. Trotzdem hört man\nin Europa von Brotknappheit in der Sowjet-\nUnion, von Wiedereinführung der Brotkarte.\nEin Teil der Presse redet sogar von Hungers-\nnot. Dieselbe Presse berichtet von uner-\nhörten Schikanen und Gewaltmaßnahmen\nder Bolschewiki gegen die Bauernschaft.\nAngeblich befindet sich die Bauernschaft\nunter Führung der Großbauern in hellem\nAufruhr gegen die Sowjetmacht. Die\neuropäische Bourgeosie vernimmt diese\nBotschaft mit Entzücken. Sie hat ja immer\ngesagt, daß der Sozialismus nicht für diese\nErde geeignet sei. Die Tatsachen, ihre\nUrsachen und ihre Wirkungen sind aber\nwesentlich anders und wesentlich in ihrer\nBedeutung. Drei Klassen der Landbevölke-\nrung sind klar zu unterscheiden: die Bauern-\nproletarier und Landarbeiter, die Mittelbauern\nund die Großbauern (Kulaken). Kulaken\nsind etwa 20 % der gesamten Bauernschaft.\nNach der Oktoberrevolution wurde das ge-\nsamte Land zum Staatseigentum erklärt.\nVerkauf, Verpachtung, Freihandel und An-\nstellung von Landarbeitern wurde verboten.\nGroßgrundbesitzer und Landpächter wurden\nvertrieben. Das Land wurde durch die\nrevolutionären proletarischen Komitees\n(Kombed) 1918 unter die selbstbearbeiten-\nden Bauern aufgeteilt und zwar nach der\nKopfzahl ihrer Familienmitglieder. Auch\nden selbstbearbeitenden Kulaken wurde nur\nsoviel Land gelassen, als sie Familien-\nmitglieder besaßen. Das lebende und tote\nInventar auf dem Lande dagegen blieb\nPrivateigentum. Hieraus ergibt sich, daß\nder Kulak den andern beiden Bauernklassen\nüberlegen blieb: er hatte Gebäude, land-\nwirtschaftliche Maschinen und Vieh, was\nder Mittelbauer wenig und der Bauern-\nproletarier (Batrak) überhaupt nicht besaß.\nDa diese beiden Klassen durch Revolution\ngewannen, die Kulaken aber verloren, waren\ndie Kulaken von Anfang an Feinde der\nSSSR. Die Mittelbauern verhielten sich\nanfangs neutral. Sie und die Bauern-\nproletarier wurden von der Sowjetmacht\nsystematisch unterstützt, um sie von den\nKulaken materiell unabhängig zu machen\nund diese beiden wichtigen Klassen für den\nsozialistischen Aufbau der Landwirtschaft\nvorzubereiten. Man darf nie vergessen, daß\n85 % der Bevölkerung der SSSR aus Bauern\nbestehen, daß eine Revolution ohne den\nBauern oder gegen die Bauern hätte erfolg-\nlos sein müssen. Auch darin besteht die\nBedeutung Lenins, daß für die Revolution\nund den Sozialismus eine Klasse gewonnen\nwerden mußte, die nicht auf der Höhe des\nklassenbewußten Arbeiterproletariats stand."}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.26", "texte": "Mit der Zuteilung von Land an die Arm-\nbauern und mit Mittelbauern war noch\nwenig getan. Um ihnen die Bestellung und\nNutzbarmachung des Grund und Bodens\nzu ermöglichen, wurde ihnen Kredit ge-\nwährt, Maschinen überlassen und auf\nSteuern verzichtet. So wurde gegen die\nfeindlichen Kulaken eine „Festung im Dorf\"\nerrichtet. Durch die Einführung der Neuen\nEkonomischen Politik (Nep) erhielten diese\nbeiden Klassen weitere Vorteile, die aller-\ndings auch dem Kulaken zugute kamen:\nFreihandel, Erlaubnis der Verwendung von\nLandarbeitern auf beschränkte Zeit und\nunter gesetzlich bestimmten Bedingungen;\nErrichtung von Fabriken und gesteigerten\nKredit. Der Mittelbauer wurde zur Zentral-\nfigur des Dorfes, obgleich die Entwicklung\ndieser Klasse sich in absteigender Linie\nbefindet. Die Sowjetmacht hatte zunächst\nvon ihrer Politik fast nur den ideellen Vorteil\nder Hebung der Landwirtschaft, die im\nzaristischen Rußland auf eine geradezu\nmittelalterliche Weise betrieben wurde. Der\nKlassenkampf auf dem Dorf verstärkte sich.\nDie Kulaken wehrten sich mit ihrer kapita-\nlistischen Ueberlegenheit. Sie versuchten\ndurch Pachtung, Benutzung des Weidelandes\nder anderen Bauern, durch Leihen der Ma-\nschinen und Gelddarlehen die Armbauern\nund Mittelbauern wieder von sich abhängig\nzu machen. Zum endgültigen Abwehrkampf\nbegann die Sowjetmacht und die kommu-\nnistische Partei theoretisch durch Aufklä-\nrungsarbeit und praktisch mit der freiwil-\nligen Kollektivisierung der Dorfwirtschaft.\nAuf der Novembertagung 1928 der kommu-\nnistischen Partei wurde festgestellt, die\nBefestigung der politischen Macht, der\nFortschritt der Industrie und die innere\nVerbindung der Armbauern und der Mittel-\nbauern sei so weit, daß man mit der So-\nzialisierung auf dem Dorfe beginnen könne.\nIhr Tempo soll durch die Industrialisierung\nder Landwirtschaft beschleunigt werben.\nDer Grundsatz der Wirtschaftspolitik der\nSowjet-Union besteht darin, nichts zu ver-\nbieten, die Gegner des Sozialismus durch\nwirtschaftspolitische Maßnahmen zu unter-\ndrücken. Die Dorfgemeinden wurden zur\nErrichtung von großen Sowjetwirtschaften\n(Kolchos) mit Hilfe des Staates veranlaßt.\nDiese Kollektivgüter werden gemeinsam\nvon den Armbauern und Mittelbauern be-\ntrieben, die sich freiwillig dazu melden.\nIhnen werden Traktoren und Dreschma-\nschinen geliefert, auch ausreichender Kredit\ngewährt. Die Kulaken dagegen erhalten\nauch gegen Bezahlung keine Traktoren\nund die übrigen Maschinen erst dann, wenn\ndie beiden anderen Klassen der Bauern\nvöllig beliefert sind. Auch die Erlaubnis\nzur Beschäftigung der Landarbeiter ist sehr\neingeschränkt. Die Kollektivwirtschaften\nbewähren sich sehr günstig. Durch den\nschnellen Aufbau von Dorfkonsumgenossen-\nschaften wird den Kulaken der Verkauf ihrer\nlandwirtschaftlichen und kleinindustriellen\nErzeugnisse durch die billigeren Preise im\nDorf mehr und mehr unterbunden. Infolge-\ndessen ist der Großangriff der Kulaken\ngegen das Dorf und sogar gegen die Sowjet-\nmacht in vollem Gange. Insbesondere im\nNordkaukasus, wo sich die meisten Kulaken\nbefinden. Die Gegenangriffe sind ohne\npraktische Bedeutung und mehr Entladung\nvon Wut. Dorfkorrespondenten und Kom-\nmunisten werden häufig überfallen, körper-\nlich schwer mißhandelt, zum Teil sogar\nermordet. Die Kulaken versuchen ferner\ndurch Aufpeitschung der absterbenden reli-\ngiösen Gefühle die Dorfbewohner für sich\nwiederzugewinnen. Sie versuchen auch\neinzelne Bauern und einzelne Landarbeiter"}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.27", "texte": "durch besondere Zuwendung der Kollektiv-\nidee abtrünnig zu machen. Die Bauern\nsind aber indessen klüger geworden. Sie\nübersehen bereits die Vorteile der Gemein-\nschaftsarbeit. Umsomehr, als die Kollektiv-\nwirtschaften und nur sie kontraktartige\nVorauszahlungen auf die Ernte bis zu drei\nJahren erhalten. Fast in jedem Dorf gibt\nes bereits ein Komitee zur Hebung der\nLandwirtschaft. Der Nachfrage nach Fach-\nmännern, Agronomen, kann nicht genügt\nwerden. Die Bauern gehen in die land-\nwirtschaftlichen Hochschulen, um sich Auf-\nklärung und Information zu verschaffen.\nSie besuchen die Mustergüter des Staates\n(Sowchos) und verwenden die dortigen\nErfahrungen für sich. Und die neue Idee\ndes sozialistischen Wettbewerbs findet auch\nauf den Dörfern Anklang. Etwas, was es\nin Europa nur im sportlichen Wettbewerb\ngibt. Es wetten nicht nur Dörfer im Auf-\nbau und in Qualität der Arbeit miteinander,\nes wetten ganze Provinzen und ganze\nLänder. Man kommt zur Vereinbarung\nder Wette zusammen und kontrolliert nach\ndem festgesetzten Zeitraum gegenseitig\ndie Resultate. So wird der Widerstand\nder Kulaken immer mehr gebrochen. Es\nhat keinen Zweck mehr für ihn, landwirt-\nschaftliche Produkte zurückzuhalten und\nzu speichern, da sie eben von anderer\nSeite bezogen werden können. Man hat\nihm das billigste Futtermittel, das Brot,\nentzogen, indem man in den Städten und\nGemeinden Brotkarten einführte. So ergab\nsich durch Verfutterung des Brotes die\nGroteske, daß die Stadt Moskau mit kaum\nder halben Einwohnerzahl während dieses\nJahres mehr Brot verbrauchte als Berlin.\nNatürlich ergeben sich durch die Aufbau-\nkämpfe Schwierigkeiten. Aber deutlich ist\nzu übersehen: Der Endsieg des Proletariats\nin SSSR ist gesichert.\n\nKleinstadt in der Ukraine\nHerwarth Walden\nGroßes Leben in der Kieinstadt. Markttag.\nViele Bauernwagen. Junge Pferdchen staunen.\nBehäbige Kühe schauen verwundert durch die\nFenster in die Stadtpracht. Schweine prome-\nnieren träge, den Blick sachlich nach unten\ngerichtet. Hühner und Enten stolzieren auf\nden Stufen vor den Häusern. Obst und Gemüse\nwächst unmittelbar aus dem Pflaster und wölbt\nsich zu Hügeln. Schaftstiefel und Schafpelze\nbaumeln an Leiterwagen. Fleischmassen und\nTeppiche in Bretterbuden. Dazwischen Bauern-\ntöpfe, Blechwannen und Eierkiepen. Alte\nBäuerinnen haben es sich auf der Erde un-\nbequem gemacht und verkaufen aus Säcken\ngetrocknete Sonnenblumenkerne. Ein uraltes\nsehr beliebtes Genußmittel. Die Kunden und\nKundinnen der Kleinstadt gehen mit Körben\nund Netzen kritisch und wählerisch herum,\nentschließen sich zu Kalbskeulen, das Pfund\n25 Kopeken oder zu einem Schock Eier für\nzwei Rubel fünfzig Kopeken. Kinder springen\nohne Verkehrsreglung über Hühner und Töpfe.\nJuden aus alten Ölgemäiden besprechen den\nErnst der Zeit. Besprechen ihn mit den Bauern.\nJetzt sind nähmlich hier alle Menschen gleich\nund gleichberechtigt. Die jungen Juden ernten\nnicht mehr nur im Laden, sondern auch auf\ndem Felde. Nur die Alten können sich in ihrer"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg193003-01.1.28", "texte": "Tätigkeit nicht mehr recht umstellen. Sie werden\nzwar nicht mehr gehetzt und verachtet. Sie\nkönnen jetzt nachts ruhig schlafen, sagen sie\nzufrieden. Aber bekümmert fügen sie hinzu,\nam Tage auch. Denn der Handel ist vorbei.\nZwar nicht verboten. Aber welcher alte, kluge\nJude würde bei sich selbst kaufen, wenn er\nalles viel billiger in der Konsumgenossenschaft\nbekommt, in der er Mitglied ist. Man kann\nauch als Bauer und Arbeiter leben. Die Sonne\nbrennt. Die Bauern gönnen sich etwas und\ngehen ins „Büffet\". Hier gibt es Großstadt-\nfreuden. Selterwasser mit allen möglichen\nFruchtessenzen, das Glas für 5 Kopeken, und\nallerlei Zuckerwerk. Das Getränk wird aus\neinem geheimnisvollen Ständer mit gradierten\nRetorten und Nickelbeschlag gemixt. Auch\ngroße Portionen Speiseeis, schon für 5 Kopeken,\nsind begehrenswert. Das heutige Stadtgespräch\nsind die Onkel aus Amerika. Sie gibt es\nwirklich, während sie in Europa nur auf dem\nTheater vorhanden sind. Aus jeder Kleinstadt\nsind märchenhaft viele Einwohner nach Amerika\nausgewandert. Sie vergessen ihre Heimat\nnicht, werden auf märchenhafte Weise reich,\nkommen selbst als Gents zu Besuch oder\nschicken Liebesgaben. Diesmal haben die Onkel\ngleich 13 Kisten voll Kleider, Schuhe und\nWäsche zur Verteilung an die Armen gestiftet.\nAuch hier macht man zunächst das, was man\nüberall tut: man wählt eine Kommission. Es\nwird ausgepackt, geschätzt und geordnet. Räume\nsind für solche Kisten nicht gebaut. Sie lagern,\nvon zahllosen Kindern bestaunt, auf der Straße,\nwährend die Kommission im kleinen, leeren\nLaden die Qualität der amerikanischen Kon-\nfektion bewundert. Wenn die beschenkten Klein-\nstädter erst die Taylor mades, die Breeches, die\npelzbesetzten Damenmäntel, die Herrenulsters,\ndie Autoshawls, die Sporthemden tragen werden,\nwird die Verwechslung mit New-York City\nnicht mehr zu vermeiden sein. Geigenklänge.\nEhrfürchtige Versammlung. Der Greis spielt\nselbstkomponierte Walzer. Ein kleines Mädchen\naber behauptet, es wäre das Lied von zwei\nRosen und einem Rosenmund. Auf Fragen\nerklärt der Komponist, er habe sich, wie alle\ngroßen Meister, an den Rosenmund angelehnt.\nEr spricht deutsch und ist mit dieser Zeit böse,\ndie keinen Sinn mehr für das Konzert von\nBeriot habe. Früher. Die Schwester des Zaren\nhat sich sogar mit ihm photographieren lassen.\nSo entzückt war sie von ihm und Beriot. Und\nhat ihm zur Erinnerung und zur Ehrung einen\nalten Militärrockknopf mit echtem Monogramm\ndes Zaren geschenkt. Der Knopf schließt das\nbescheidene Tuchetui der Geige. Der Achtzig-\njährige hat nur noch den einen Wunsch,\nseine Kompositionen in Berlin zu verlegen. Er\nist jederzeit bereit, die Melodien aufzuschreiben.\nAuch die Kleinstadt wird industrialisiert. Die\nerste Fabrik ist vorhanden. Produktion von\nMarmeladen, Pflaumenmus und Kartoffelmehl.\nFast 200 Arbeitslose sind untergebracht. Die\nFabrik arbeitet für Export nach Deutschland.\nDer Meister beschwert sich bitter, daß man\nihnen für die teuere Valuta ganz veraltete\nMaschinen in Berlin verkauft habe, die außer-\ndem nicht für den bestellten Zweck konstruiert\nsind. Die Wagen fahren ausverkauft zurück.\nVorbei an kornschweren Feldern. Vorbei am\nersten jüdischen Kollektivgut (Kolchos), das in\ngemeinsamer Arbeit nur von jüdischen Bauern\nbetreut wird. In der Kleinstadt sind bereits\ndie elektrischen Lampen angezündet. Auf\nder Hauptstraße sitzen und stehen plaudernde\nGruppen, die Büffets sind überfüllt. Das Wasser\nschäumt in den Gläsern. Die Türen des\nTheaters sind geöffnet. Das Orchester der jüdi-\nschen Knabenschule, überreichlich mit Pauken,\nTrommeln und Kastagnetten versehen, spielt\nMarsch auf Marsch. Und in einer Ecke des\nPlatzes spielt der alte Geiger vor wandelnden\nPaaren seinen Walzer von den Rosen und dem\nRosenmund."}]}