{"numero_id": "bm-bmtnabg-1932-01", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_sha256": "a5e7bcaa3ed5891a372764d722a7437ded3203bb3d5c4806ccc233d60efc9ac1", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1932_01/bmtnabg_1932_01.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1932_01/bmtnabg_1932_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c001", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.1", "titre_corps": "Table of Contents", "titre_sommaire": "Table of Contents", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.1", "debut_caractere": 45, "fin_caractere_exclue": 192, "texte": "Internationale Monatsschrift\nKrankheit tut not\nSpass muss sein\nSpezialbehandlung\nso*\n»\nA*\nä\nRaummangel\nJunger Abend\nErinnerung\nHerausgeber^Herwart^"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c002", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "2", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.2", "titre_corps": "Spaß muß sein", "titre_sommaire": "Spaß muß sein", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2419, "texte": "Spaß muß sein\n\nWir leben in der Krise. Duden: „Krise, Krisis (Ent-\nscheidung, Wendepunkt, Umschlag) w.\" Wenn man schon\nüber Worte hinwegsieht, sehr zum Nachteil der Worter und\ndes Sehens, so sollte man für Fremdwörter zweckmäßig\nwenigstens den Duden nachschlagen. Demnach leben wir also\nin der Entscheidung oder im Wendepunkt oder im Umschlag.\nUnd zwar weiblichen Geschlechts. Jetzt sieht die Krise ganz\nanders aus. Man konnte sich mit der Krise so schön alles\nausreden. Was auch geschieht, Schuld hat die Krise. Weib-\nlichen Geschlechts. Akademiker, Wirtschaftsführer und Schrift-\nsteller hatten sogar noch die vornehmere Form „Krisis\"\nzur Verfügung. Man konnte im Namen der Krise schlagen\n(Politik) oder unterschlagen (Wirtschaftsführung). Grund:\nKrise. Jetzt ist es plötzlich garnichts damit. Es ist nur eine\nganz simple Entscheidung. Vor der Krise brauchte man sich\nbekanntlich nicht zu entscheiden. Nun stellt sich heraus, daß\ndie Krise selbst nur eine Entscheidung ist. Oder man müßte\nsich auf den Wendepunkt retten. Geschieden muß sein oder\ngewendet muß sein. Zwar kann man Ehen nicht wenden und\nAnzüge nicht scheiden. Aber Entscheidung und Wendepunkt\nist beides nur Krise. Auch mit dem Umschlag männlichen\nGeschlechts kommt man wortwörtlich nicht viel weiter. Das\nWort erinnert zwar an die politische Tätigkeit des Schlagens.\nAber es ist doch nur die Krise. Laut Duden. Das Problem\nist bekanntlich, aus der Krise weiblichen Geschlechts heraus-\nzukommen. Das wäre denkbar. Aber wie kommt man aus\neiner Entscheidung heraus, ohne sich zu entscheiden. Oder\nwie fällt man von dem Wendepunkt herunter, ohne sich\nzu wenden. Oder was ist mit dem Umschlag, wenn etwa das\nWetter mit und ohne Krise sich den Umschlag sowieso leistet,\nWie entscheidet man sich also, ohne sich zu entscheiden. Und\nda es nur darauf ankommt, wird die Krise sich immer mehr\nzuspitzen, wie das Führer zu nennen pflegen. Sie treiben\nmit der Krise noch viel mehr. Sie bringen die Krise tagtäglich\nin eine zugespitzte Lage. Der Lage fällt das Zuspitzen sehr\nschwer, weil sie nämlich keine Spitze hat. Wenn man sich\nnoch die unglückliche zugespitzte Lage des Wendepunkts\nvorstellt, sogar sächlichen Geschlechts, was soll dann die\nKrise dazu sagen. Auch mit der zugespitzten Lage des Um-\nschlags sieht es. wacklig aus. Also wird weiter nichts übrig\nbleiben, als in der Krise zu bleiben. Bis man sich zu einet\nEntscheidung entschließt.\n79705«5 C'VpV _"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2262, "texte": "Tragischer sieht es mit dem zweiten Fremdwort Bolsche-\nwismus aus. Das ist nämlich im Duden noch garnicht über-\nsetzt. Also kann man sich darunter weiter vorstellen, was\neinem eben Spaß macht. Menschenfresserei. Perversität.\nWegnahme von Gegenständen des täglichen Bedarfs und\nVerteilung unter die Massen. Inzucht und Unzucht. Und in\ndieser Richtung, je nach Einbildungskraft. Das Wort heißt\nzwar nur „Mehrheitspartei\". Und Mehrheit ist bekanntlich\nDemokratie. Und Demokratie ist bekanntlich das Beste, was\nwir haben. Demokratie weiblichen Geschlechts. Heißt nach\nDuden „Volksherrschaft\". Worunter wieder Herrschaft über\ndas Volk zu verstehen ist. Volk ist bekantlich der größte\nTeil der Bevölkerung eines Landes, der nicht in der Lage, in\nder außerdem gegenwärtig zugespitzten Lage sich befindet,\nsich die Gegenstände des täglichen Bedarfs zu beschaffen.\nAlso alles in bester Ordnung. Der Unterschied zwischen\nBolschewismus und Demokratie ist, daß Bolschewismus Herr-\nschaft des Volkes und Demokratie trotz Duden Herrschaft\nüber das Volk ist.\nUeber Herrschaft ist man sich ja einig. Man darf zum\nBeispiel vorne heraufgehen. Hat Küche, Badezimmer und\nW.C. Hat einen Titel und ist Stand. Das hat man alles noch\nbei sich. Das Geld hat man wegen der Krise aus der herr-\nschaftlichen Wohnung entfernt. Und an einen sicherscheinen-\nden Ort gebracht. Allerdings nicht mehr auf eine Bank,\ndie jetzt ohne Propheten umstürzt. Die Händler haben sich\nrechtzeitig vor dem Umsturz in Sicherheit gebracht. Also\nauch hier ist alles in schönster Ordnung.\nSonst hat sich kaum etwas wesentliches ereignet. Die\nRegierungen der verschiedenen Länder geben es jetzt sogar\nauf, sich durch Frühstücke, Gemeinschaftsfrühstücke, ihren\nbetreffenden Völkern in Erinnerung zu bringen. Man wird\neben satt. Man bekommt sogar schließlich Genf satt. Und\nLausanne-Ouchy ist durch seine Töchterpensionate berühmt\ngenug. Theater, Kunst und Musik sind zeitgemäß: in der\nKrise. Man könnte etwa noch erwähnen, daß Ostern vor\nder Tür steht. Pfingsten hingegen noch im Hintergrund. Und\ndie nie dagewesenen Preissenkungen für das Weihnachtsge-\nschäft vorbereitet werden. Oder wie früher jemand sagte,\nwas man dichten nannte: man weiß nicht, was noch werden\nmag. Es muß sich alles wenden.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c003", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "3", "page_fin": "4", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.3", "titre_corps": "Junger Abend", "titre_sommaire": "Junger Abend", "signature_source": "Grete von Urbanitzky", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2287, "texte": "Junger Abend\nGrete von Urbanitzky\n„Schau, Martha, das ist ja das Schöne an uns beiden, das\nHerrliche an unserer Freundschaft, daß wir beide das alles wissen.\nDaß du nicht so bist wie die andern Mädel, die von der ganzen\nScheußlichkeit des Lebens nichts wissen. Ich kenne keinen\nBurschen, mit dem ich so reden kann wie mit dir!\"\n„Wie herrlich still es wird. Das ist wirklich die schönste Stunde.\nMan möchte, daß es nur immer dunkler wird und niemals mehr\nMorgen.\" Ihre Augen wurden ganz schwarz.\n„Nie mehr Morgen. Ja, das wäre schön.\"\nEr lag nun ganz auf dem Rücken und sah hinauf in den\nHimmel, den der Abend in immer blasseren Farben malte.\n„Wenn man ein Baum wäre\", sagte er leise, „oder ein Vogel!\"\n„Nur kein Mensch!\"\n„Wenn wir Bäume wären, dann ständen wir vielleicht hier\nnebeneinander und dürften immer den Wolken zusehen.\"\n„Wir würden uns alles erzählen so wie jetzt.\" Ein hartes Auf-\nlachen: „Wahrscheinlich aber schönere Dingel\"\n„Es wäre ja nicht dieses schwarze Loch vor uns, als das mir alles\nweitere Leben immer vorkommt.\n„Hast du auch oft so Angst?\" Ihr Gesicht schien fast weiß und\ndurchsichtig in dem abendlichen Licht.\nEr nickte.\n„Alles, was uns erwartet, ist so häßlich und gemein. Mit jedem\nJahr werden wir tiefer hineinwachsen.\"\nSie fröstelten in der Kühle des Abends und unter ihren Worten.\nSie rückten enger aneinander.\n„Wenn man davonlaufen dürfte\", sagte er schwor.\n„Du meinst — ein Ende machen?\"\n„Ja, aber das darf ich nicht. Sonst erschlägt er sie wirklich. Es\nwird ja immer schlimmer. Und in ein paar Monaten ist das\nKind da. Dann komme ich aus der Lehre, — sie werden meinen\nVerdienst notwendig brauchen.\"\n„Auch ich habe schon daran gedacht, einfach Schluß zu machen\",\nsagte sie. „O ja, — oft schon. Es ist doch sinnlos, sich die kommen-\nden Jahre geschehen zu lassen, wenn man alles weiß. Man braucht\nnicht viel Mut dazu. Nur den Schlüssel zu Vaters Apotheke. Aber\nder Vater — ich habe ja die Mutter nicht gekannt. — Sie hat ihm\nsehr weh getan, sagen sie und sie starb fern von ihm irgendwo. Er\nhat nur mich! Er hat mich sehr lieb, — aber er spricht nicht davon.\nEr hat mir nie einen Kuß gegeben. — Als ich einmal sah, wie die\nGemüsefrau, die immer alles ins Spital bringt, ihrer kleinen Tochter\nso übers Haar fuhr, — da, — ich lief in mein Zimmer und weinte."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1483, "texte": "„Zu mir war auch niemand gut\", erzählte er fast unhörbar.\nAls ich klein war, ließen sie mich immer allein zu Hause, — sie\ngingen tanzen oder ins Wirtshaus. Und dann war immer Streit bei\nuns. Ich lief draußen herum, — ich hatte immer Angst vor dem\nDaheimsein.\"\n„Franz,\" sagte Martha, „darf ich meine Hand so einmal auf\ndeinen Kopf legen, ja? — Es ist so dunkel, und ich habe Angst\nvor allem.\"\n„Ich habe so abgearbeitete Hände, — von der Werkstatt,\nweißt du, — sonst möchte ich dir sehr gerne über die Haare\nstreicheln.\"\n„O, es macht nichts, — — aber deine Hand ist sehr gut, gar\nnicht hart. Wie dunkel es schon ist!\" —\n„Jetzt gehen die Bäume und alle Pflanzen schlafen. Komm,\nleg deinen Kopf an meine Schulter, — jetzt kann man glauben,\ndaß es nie mehr Morgen wird.\"\n„Daß alles nicht wahr ist, was wir wissen\", sagte sie leise, „daß\nwir ganz allein sind auf der Welt. — Wie gut das ist, wenn du mich\nso streichelst, — ich werde ganz müde und still.\"\n„Wie dein Herz klopft, — Martha! Wie das Herz eines Vogels\nist es.\"\n„Warum atmest du so?\"\n„Ich muß dich küssen, Martha!\"\n„Mich hat noch niemand geküßt — und niemand war so gut.\nKomm näher noch!\"\n„Bin ich dir nicht zu schwer? — Laß meine Hand so auf deinem\nHerzen, — wie es schlägt, — wie es schlägt! — Ich möchte jetzt ein-\nschlafen und nie mehr aufwachen.\"\n„Der Wald ist so schwer und so süß, wenn er dunkel wird,\n— ich sehe die Sterne über deinem Kopf.\" — —\n„Martha, — Martha — tue ich dir weh — du!\"\n„Nein, — ja, — du, küsse mich!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c004", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "4", "page_fin": "4", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.4", "titre_corps": "Ueberwindung", "titre_sommaire": "Ueberwindung", "signature_source": "Kurt Heynicke", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.6", "debut_caractere": 1485, "fin_caractere_exclue": 1661, "texte": "Ueberwindung\nKurt Heynicke\nImmer leiser\nwird die Last\nimmer heller\ndie Nacht.\nLetzte Laute\nentfliehen hinab\ndie Uhr schlägt Morgen.\nNur noch ein Tropfenfall\ndann Mittagsstille."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c005", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "6", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.5", "titre_corps": "Krankheit tut not", "titre_sommaire": "Krankheit tut not", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2822, "texte": "Krankheit tut not\n\nNur keine blühende Industrie vernichten. Menschen sind billiger\nals investiertes Kapital. Auch die Kranken ernähren viele\nExistenzen. Krankheiten müssen sein. Der Existenzen wegen. Der\nAerzte wegen. Der Apotheker wegen. Der pharmazeutischen In-\ndustrie wegen. Der Inserate wegen, damit die medizinische Fach-\npresse gut davon existieren kann. Es gibt sogar Krankheiten, die\nden schlichten, bescheidenen Unternehmergewinn zu soliden Finanz-\nkapitalien akkumulieren. Zum Beispiel die Tuberkulose. Man kann\nsie jahrelang und noch länger haben. Man kann sie teuer und\nteurer behandeln. Man heilt sie angeblich mit guter Luft und guter\nErnährung. Etwas, was sich 950/0 der Menschen nicht leisten können.\nAußerdem wird die Krankheit nicht davon geheilt. Aber sie bringt\nGeld unter die Leute, die eine Heilung auf diese Weise vortäuschen\nund sich davon gesund machen. Aber eigentlich geschieht in den\nHeilstätten und in den Sanatorien gar nicht viel mehr, als daß\ndas kranke Leben verlängert wird. Die Krankheit schreitet un-\nbarmherzig fort Die Tuberkelbazillen interessieren sich nicht für\ngute Luft. Sie leben in Beelitz, in Davos und in Assuan ruhig weiter.\nUnd verbreiten sich und vernichten langsam und schneller das\nLeben. Einige Milliarden investiertes Kapital dürfen nicht ver-\nnichtet werden. Und gibt es ein größeres Verbrechen, als ein vor-\nhandenes seuchenvernichtendes Mittel nicht anzuwenden, nur weil\ndie Tuberkulose-Industrie gerettet werden muß. Zwar ist das Mittel\nin zahlreichen Ländern mit absolutem Erfolg angewandt worden.\nMit absolutem Erfolg, wenn es rechtzeitig gegeben wird. Auch in\nDeutschland. Hier aber am wenigsten. Vielleicht, weil sein Er-\nfinder ein Deutscher ist. Vermutlich würden selbst die Wohl-\nhabenden es vorziehen, mit einer Injektion oder wenigen harm-\nlosen Impfungen gesund zu werden, als sich durch viele Jahre\nkrank in besseren Gegenden in der Schweiz oder in Aegypten auf-\nzuhalten. Dem kranken Proletarier glückt es höchstens, an eine\nHeilstätte verschickt zu werden und fern vom Leben und von der\nFamilie das Ende früher oder später abzuwarten. Warum wird das\nFriedmann-Mittel nicht angewandt? Warum verschweigt man es\nden. Kranken? Wie ist es menschenmöglich oder auch nur zu ver-\nstehen, daß zahlreiche Fachärzte und Heilstätten-Aerzte sich nicht\neinmal dafür interessieren? Sich damit beruhigen, daß irgend-\nwelche Aerzte theoretisch den Erfolg bezweifeln, ohne je eigene\nklinische Erfahrungen damit gemacht zu haben? Aber mit dem\nCalmetfe-Mittel wird das Proletariat gefüttert. Mit dem Original-\nCalmette-Mittel, das nachweisbar viele' Todesfälle vorher ganz ge-\nsunder Kinder in allen Ländern herbeigeführt hat. Herr Calmette,\nselbst von großen Tageszeitungen aufgefordert, stellt sich der\nOeffentlichkeit nicht. Er beruft sich einfach auf Sachverständige"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1648, "texte": "für die Unschädlichkeit, nicht etwa für die Wirksamkeit seines\nMittels, Auf deutsche Sachverständige in hohen Stellungen. Nämlich\nauf Herrn Professor Dr. Neufeld, den Direktor des Instituts für\nInfektionskrankheiten Robert Koch, und auf Herrn Professor Dr.\nKolle, den Direktor des Instituts für experimentelle Therapie in\nFrankfurt a. Main. Beide Herren haben sich zwar nie an Menschen\nmit dem Friedmann-Mittel beschäftigt, aber gegen es gezeugt. Das\nReichsgericht hat bereits im Jahre 1923 die Sachverständigen-Gut-\nachten dieser beiden Herren in einem Prozeß gegen einen Plagiator des\nFriedmann-Mittels nicht gegen Friedmann gewertet, wie es ge-\nmeint war, aber für Friedmann. Das sind die beiden Zeugen, die\nfür Herrn Calmette in den Tod der Kinder gehen. Die Wissen-\nschaft muß gerettet werden. Autoritäten haben eben recht zu haben.\nWozu wären sonst Autoritäten vorhanden. Der Lübecker Prozeß\nist allmählich so wissenschaftlich geworden, daß die Sachverständi-\ngen sich gegenseitig alle autoritativen Fähigkeiten negieren. Be-\nstehen bleibt, daß sie alle Autoritäten sind. Äußer den Kindern\nwollte man eigentlich nur noch eine unglückliche Schwester opfern.\nDiese Dame soll nicht so sauber gewesen sein, wie es giftige\nCalmette-Tuberkelbazillen zu verlangen haben. Herr Calmette hat\nPech. Immer scheinen sich bei der Anwendung seines Mittels\nunreine Schwestern in die reinen Kulturen zu mischen. Die Wissen-\nschaft ist in Vornehmheit erstarrt. Man muß sie daher zu dem\netwas unvornehmen Leben aufrütteln. Denn darauf kommt es für\ndie vornehmen und unvornehmen Kranken an. Wissenschaft an\nsich als Selbstzweck ist grober Unfug.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c006", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "6", "page_fin": "8", "image_debut": 8, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.6", "titre_corps": "Der Streit um das Friedmann-Mittel : Ein abgelehnter Schlichtungsvorschlag", "titre_sommaire": "Der Streit um das Friedmann-Mittel : Ein abgelehnter Schlichtungsvorschlag", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.8", "debut_caractere": 1650, "fin_caractere_exclue": 2327, "texte": "Der Streit um das Friedmann-Mittel\nEin abgelehnter Schlichtungsvorschlag\nAnläßlich des Calmette-Prozesses ist auch der jahrelange Streit\num das Tuberkulose-Mittel des Professor Friedmann aufs neue\nentbrannt. Die BZ am Mittag hat in einem Artikel „Die besiegte\nTuberkulose\" (Nr. 238 v. 12. Sept. 1931) auf die schwere Be-\nunruhigung hingewiesen, die dieser Kampf im großen Publikum\nimmer wieder verursacht und hat gefordert, daß jetzt endlich\nzumindest diejenige Seite der Frage durch eine neutrale Instanz\nendgültig geklärt werde, die keinerlei medizinisches\nFachwissen erfordert. Es handelt sich um die von Fried-\nmann immer wieder vor der breitesten Oeffentlichkeit erhobenen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2410, "texte": "Vorwürfe, daß man sein Mittel totschweige, daß man es aus\neigennützigen Gründen von einer Diskussion in der Fachpresse aus-\nschließe, daß ein „verwerflicher Boykott\" die Ausrottung der\nTuberkulose in Deutschland verhindere.\n„Die Internationale Anti-Tuberkulose-Liga Sektion Deutschland,\ndie sich für das Friedmannsche Mittel einsetzt, hat unsere An-\nregung aufgegriffen und der „Vereinigung der medizinischen Fach-\npresse\" und dem „Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der\nTuberkulose\", gegen die sich Friedmanns Vorwürfe in erster Linie\nrichten, den Vorschlag gemacht, gemeinsam dem „Reichsverband\nder Deutschen Presse\" diejenigen Streitpunkte zu unterbreiten, die\nsich auf die von Professor Friedmann behaupteten Tatsachen des\n„Totschweigens\" und des Boykotts durch die Fachpresse beziehen.\nBedauerlicherweise haben die beiden genannten Organisationen\ndiesen Vorschlag abgelehnt.\nEs bleibt also nach wie vor der unhaltbare Zustand bestehen,\ndaß ein Professor der Berliner Universität in aller Oeffentlichkeit\nschwerwiegende Vorwürfe gegen einen Teil der Aerzteschaft und\nihrer Fachpresse erhebt, ohne daß die Angegriffenen es für nötig\nhalten, diejenigen Schritte zu unternehmen, die allein geeignet\nwären, diese Vorwürfe zu entkräften. C.Z. Klötzel\"\nDas steht zu lesen in der BZ am Mittag vom 9. Dezember 1931.\nDie neutrale Instanz sollte eine Frage klären, die keinerlei medi-\nzinisches Fachwissen erfordert. Weiter hatte auch die Internationale\nAnti-Tuberkulose-Liga Sektion Deutschland nichts von den beiden\ngenannten Institutionen gefordert. Hierauf antwortete die Ver-\neinigung der Deutschen Medizinischen Fachpresse, daß sie „ein\nForum von nichtärztlichen Pressevertretern nicht als schiedsrichter-\nliche Instanz in einer Sadie anerkenne, zu deren gerechter Grün-\ndung medizinisch-wissenschaftliches Urteilsvermögen unerläßliche\nVorbedingung ist\". Also nur das „medizinisch-wissenschaftliche Ur-\nteilsvermögen\" vermag Vorwürfe des Boykotts, des Eigen-\nnutzes und des Totschweigens gerecht zu würdigen. Es\nwäre daher zweckmäßig, in Zukunft die Presse und die Gerichte nur\nmit Mitgliedern der Vereinigung der Deutschen Medizinischen Fach-\npresse zu besetzen. Sie nur sind in der Lage, über solche Dinge zu\nurteilen. Vorausgesetzt natürlich, daß sie den Nachweis des me-\ndizinisch-wissenschaftlichen Vermögens erbringen. Dazu scheint die\ngeeignete neutrale Instanz wieder die Vereinigung der Deutschen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2560, "texte": "Medizinischen Fachpresse zu sein. So daß erhebliche wesentliche\nmenschliche Angelegenheiten eigentlich ganz unter sich zu erledigen\nsind und man daher auf die komplizierten Einrichtungen von\nPresse und Gerichten verzichten kann. Durch dieses Vermögen\nder Vereinigung werden erhebliche Teile des Volksvermögens ge-\nspart. Durch eine schlichte Notverordnung könnte diese neue me-\ndizinische Erkenntnis holde Wirklichkeit werden.\nDas Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose\nantwortete nicht ganz so medizinisch-wissenschaftlich. Die Herren\nschrieben der Liga: „Auch die Unterstellung, als Repräsentantin\neiner Friedmann-gegnerischen Strömung zu gelten, weisen wir zurück.\nWir standen stets und stehen auch heute auf einem überparteilichen\nStandpunkt.\" Grade das Ueberparteiliche wird bestritten. Daher\nerklärt sich das Zentralkomitee persönlich für überparteilich. Man\nhat es eben zu glauben. Warum sollen nicht auch Aerzte einmal mit\ndem Glauben operieren. Mehr als Sterben kann man auch bei einer\nschlechten Operation nicht. Das Zentralkomitee stand und steht\nauf einem Standpunkt. Man soll nicht auf einem Punkt stehen.\nEs ist sogar gefährlich, auf einem Punkt zu stehen. Man muß sich\nauf einem Punkt zu sehr vorsehen. Vor dem Herunterfallen. Oder\nwenn man schon nicht herunterfällt, ist es medizinisch-wissenschaft-\nlich nicht zweckmäßig, sich nicht zu bewegen. Ohne Bewegung geht\nes nun einmal nicht. Außer beim medizinisch-wissenschaftlichen\nTod. Ohne Bewegung kein Leben. Leben ist Bewegung. Das dürfte\nselbst das Zentralkomitee nicht bestreiten. Als überparteilicher Re-\npräsentant dieser Erde. Aber wenn Leute oder Herren partout auf\neinem Punkt stehen bleiben wollen, muß man sie auf ihre eigne\nwerte Gefahr stehen lassen. Man kann sich nämlich auch um einen\nPunkt herumbewegen. Durch dieses Bewegen um den Punkt wird\nder Stand gefährdet und sogar gefährlich. Auch ein Punkt bietet\nkeine Sicherung für Unsterblichkeit. Und wenn man gar die Tuber-\nkulose bekämpfen will, wenn auch in der schlichten Form eines\nZentralkomitees, sollte man im Kampf nicht stehen bleiben. Sonst\nbefindet man sich plötzlich aber vergnügt in der Etappe oder man\nwird erschossen. Auch zum Kampf gegen die Tuberkulose scheint\nder Angriff die beste Waffe zu sein. Auf überparteiliche Mittel\nreagieren die Bazillen nicht. Das Friedmann-Mittel ist ihnen un-\nbequemer, den Herren vom Zentralkomitee auch. Wesentlich ist\nnicht das Zentralkomitee, aber die Bekämpfung der Tuberkulose.\nDas sollen auch diese beiden genannten Institutionen nicht mehr ver-\nhindern können."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c007", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "9", "page_fin": "10", "image_debut": 11, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.7", "titre_corps": "Krüppel", "titre_sommaire": "Krüppel", "signature_source": "Hans Würtz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2527, "texte": "Krüppel\nHans Würtz\nWill der Botaniker mit seinen Feststellungen etwas über das\nWesen der Pflanzenseele aussagen? Den Botaniker interessleren\nnur die spezifischen Funktionszusammenhänge, die er mit Fach-\nnamen belegt, die, wenn sie das Seelenleben gleichnishaft andeuten\ndoch keine weltanschauliche Verbindlichkeit in sich schließen.\nDemgemäß muß der Krüppelpsychologe feststellen, daß auch die\nKrüppelseele besonders empfindlich ist für alles, was den Krüppel\nim Vergleich mit den Gesunden im Urteil der Menge herabsetzt\noder herabsetzen könnte.\nSo wenig wie der Botaniker mit seiner Feststellung der be-\nsonderen Sensibilität des Gewebes der Mimose ein Dogma über\ndie Pflanzenseele aussprechen will, so wenig liegt es in der Ab-\nsicht des Krüppelpsychologen, einen Lehrsatz über die Krüppelseele\nzu äußern, wenn er die besondere Empfindsamkeit des Krüppels\nin seinem Vergleich mit den Gesunden meldet.\nDer Krüppelforscher wird aber noch viel bewußter vorschnelle\nVerallgemeinerungen meiden müssen, als der Pflanzenforscher. Der\nBotaniker urteilt nach äußeren Merkmalen und faßt regelmäßige\nReaktionserscheinungen unter einem Generalnenner zusammen. Der\nKrüppel aber als persönlich beseelter Mensch ist nicht zu schema-\ntisieren und schwer zu diagnostizieren. In ihm kreuzen sich Linien\nder körperlichen Verfassung, aus ererbter Veranlagung und aus\nUmwelteinflüssen.\nFür die krüppelpsychologische Beurteilung ist von entscheiden-\nder Bedeutung die Selbstwertung des Gebrechens oder der Ent-\nstellung. Je mehr das Selbsterlebnis des Leibes im Mittelpunkt\ndes Selbstbewußtseins steht, um so schärfer und stärker wird die\nkrüppelpsychische Ausprägung der Persönlichkeit sein.\nDas Krüppelleiden beeinflußt bei vielen Gebrechlichen das\nInnenleben so entscheidend, daß berechtigt von Schulbeispielen der\nKrüppelseelenkunde gesprochen werden kann. Ein aufschlußreiches\nBeispiel ist Lord Byron, der in jeder Lebenslage und in jedem\nLebensalter die Tragik seines Klumpfußes empfindet.\nSo schreibt Hermann Sinsheimer, Berlin in der Betrachtung\nüber einen zeitgenössischen bedeutenden aber körperlich kleinen\nParteipolitiker: „Kleine Menschen lieben es oft, das Uebermaß\nund das Unmäßige zu sehen und gelten zu lassen. Was organisch\nzwischen diesem und ihrer eigenen Kleinheit liegt, das überspringen\nsie. Sie überspringen damit ihre eigene Sphäre und alles, was\ngeistiger Widerstand heißt und Entwicklung bedeutet. Das scheint\nihnen königlich und majestätisch zu sein, sie sind wie die Heu-\nschrecken.\" (Berliner Tageblatt vom 9.4.1931.)"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1172, "texte": "Diese Bekenntnisse oder diese Ansicht bestätigt der ehemalige\nBotschafter Lord D'Abernon in seinen „Erinnerungen über den\n,kleinen Poincare'\": „Stämmig, konzentriert, von peinlicher Prä-\nzision, fehlt ihm jeder Zauber, jede Eleganz, jede literarische\nSpiegelung des Asketen, aber dafür besitzt er in hohem Maße die\nbesondere Stärke und Zähigkeit, die den Menschen eigen ist, die\nunter Durchschnittsgröße sind.\"\nIst es Zufall oder spricht sich darin eine Gesetzmäßigkeit aus,\ndaß sich willensstarke Krüppel und begabte Psychopathen oft zu\neiner Art Symbiose zusammenfinden.\nIst es nicht, als ob sich die Labilität des Psychopathen an dem\nWillenstrotz des Krüppels zu kompensieren trachtet?\nIn den Gestalten der gebrechlichen Welteroberer und der\nAgitation scheint sich anzudeuten, daß in Entscheidungszeiten der\nWillenstrotz des Krüppels leicht in politischen Fanatismus umschlägt.\nAuch das Zeitalter der großen französischen Revolution stellt\nden Krüppel an die Front: Mirabeau, Danton, Marat, Couthon\nund Robespierre. Der Testamentsvollstrecker dieser Revolution, der\nMißwuchskrüppel Napoleon, hat zur Seite den körperlich anormalen\nFouche und den klumpfüßigen Tallerand."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c008", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "10", "page_fin": "10", "image_debut": 12, "image_fin": 12, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.8", "titre_corps": "Erinnerung", "titre_sommaire": "Erinnerung", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.12", "debut_caractere": 1174, "fin_caractere_exclue": 1807, "texte": "Erinnerung\nAugust Stramm\nWelten schweigen aus mir raus\nWelten Welten\nSchwarz und fahl und licht!\nLicht im Licht!\nGlühen Flackern Lodern\nWeben Schweben Leben\nNahen Schreiten\nSchreiten\nAll die weh verklungenen Wünsche\nAll die harb zerrungenen Tränen\nAll die barsch verlachten Aengste\nAll die kalt erstickten Gluten\nDurch den Siedstrom meines Blutes\nDurch das Brennen meiner Sehnen\nDurch die Lohe der Gedanken\nStürmen stürmen\nBogen bahnen\nRegen wegen\nDir\nDen Weg\nDen Weg\nDen Weg\nZu mir!\nDir\nDen Weg\nDen ichumbrausten\nDir\nDen Weg\nDen Daumträumten\nDir\nDen Weg\nDen flammenzerrissenen\nDir\nDen Weg\nDen unbegangenen\nNie\nGefundenen Weg\nZu\nMir!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c009", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "11", "page_fin": "13", "image_debut": 13, "image_fin": 15, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.9", "titre_corps": "Raummangel", "titre_sommaire": "Raummangel", "signature_source": "H. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2725, "texte": "Raummangel\n\nDer Arzt draußen am Krankenbett, wer kümmert sich um ihn\nDer Arzt drinnen in der Redaktion der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift So lieb kann ein Redakteur sein. Ein ärztlicher Re-\ndakteur. Natürlich ein ärztlicher Redakteur in Berlin. Der\ndrinnen in der Berliner Luft lebt. Und dem Arzt da\ndraußen in der Provinz, das heißt auf der bewohnten\nErde außerhalb Berlins, am Krankenbett hilft. Aller Aerzte Augen\nsind auf ihn gerichtet, den Redakteur der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift. Er kann nicht umhin. Er kann erst auf Grund reich-\nlicher Erfahrungen den Arzt draußen veranlassen, sich einer be-\nstimmten therapeutischen Methode zu bedienen. Besonders bei „spe-\nzifischen Behandlungsverfahren\". Auch die allgemeine Behandlung\nist von dem Redakteur der Deutschen Medizinischen Wochenschrift\nabhängig, wie man nun weiß. Aber so allgemein ein bißchen herum-\ndoktern, wird draußen gestattet. Tritt aber ein spezifisches Gewicht\nhinzu. Vielleicht sogar eine spezifische Bedeutung. Also schreibt\nHerr Professor Dr. R. v. d. Velden, Redakteur der Deutschen Me-\ndizinischen Wochenschrift, an den Arzt da draußen: „Sehr geehrter\nHerr Kollege, da Sie, wie ich aus Ihrem Brief entnehme, von der\nAblehnung einer sogenannten Friedmann-Arbeit durch uns gehört\nhaben, werden Sie wohl doch auch darüber Nachricht erhalten\nhaben, warum ich diese Arbeit ablehne.\" Jetzt kommt das „Wohl\ndoch auch darüber\": „Es ist derselbe Grund, der mich veranlaßt,\nIhnen noch bevor Sie mir das Manuskript freundlicherweise zur\nEinsicht überlassen haben, mitzuteilen, daß wir bei diesem spe-\nzifischen Behandlungsverfahren bestrebt sind — und das gilt selbst-\nverständlich für alle therapeutischen Maßnahmen — den Arzt\ndraußen am Krankenbett erst auf Grund reichlicher Erfahrung\nzu veranlassen, sich einer bestimmten therapeutischen Methode\nzu bedienen.\" Erscheint also eine Arbeit auf Grund reichlicher Er-\nfahrungen in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, so sind\nhierdurch die Aerzte da draußen veranlaßt, sich dieser Methode\nzu bedienen. Diese reichlichen Erfahrungen können andererseits\naber nicht übermittelt werden. Den Leuten da draußen. Denn:\n„Andererseits haben wir natürlich in einer Wochenschrift nicht die\ny0\nMöglichkeit, große Krankengeschichten und die ganzen Grundlagen,\ndie bei jeder wissenschaftlich und praktisch erprobten Therapie\nvoraufgehen müssen, zu publizieren.\" Was machen nun die Aerzte\nda draußen, in ihrer Verzweiflung, am Krankenbett, wenn sie sich\ndoch zu irgendetwas entschließen müssen. Schließlich muß mit dem\nKranken doch etwas geschehen. Allgemein. Oder spezifisch. Oder\ndoch wenigstens Therapie. Jedenfalls kann der Arzt da draußen\nauf den Bezug der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ver-"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2705, "texte": "ziehten, denn er erfährt von ihr nur, daß er spezifische - Behand-\nlungsverfahren nicht zu verwenden hat. Weil man andererseits in\nder Deutschen Medizinischen Wochenschrift dafür keinen Platz hat:\n„Dazu sind die Archive da. Wenn die Autoren bei uns etwas\npublizieren, dann müssen sie sich stützen auf Dinge, die in Archiven\nniedergelegt sind. Oder sie beziehen sich auf andere Arbeiten, die\nda und dort eingesehen werden können. Ich darf Sie also bitten,\nmir Ihr Manuskript zur Einsicht freundlichst zu übersenden und\nbetone nochmals, daß ich bei dem Herrn Kollegen deswegen einen\nablehnenden Standpunkt eingenommen habe, weil die Art seiner\nDarstellung in dieser Form nicht so überzeugend wirkte, daß ich\nbei meiner Verantwortung als Schriftleiter und Klinikdirektor dem\nArzt diese Empfehlung in dieser Ausführung in die Hand geben\nkönnte.\" Das nenne ich Verantwortungsgefühl. Man wird doch den\närztlichen Kindern da draußen nicht Behandlungsverfahren in die\nHand geben. Man weiß doch, wie Kinder sind. Man gibt ihnen etwas\nin die Hand und schon ist womöglich das Unglück der Heilung da.\nOhne daß es den Redakteur der Deutschen Medizinischen Wochen-\nschrift in dieser Form überzeugt hat.\nDiese Antwort des Redakteurs der D.M.W, erhielt „mit kolle-\ngialer Hochachtung\" ein nicht redigierender ärztlicher Kollege auf\nfolgende Anfrage:\nHerrn Prof. v. d. Velden,\nViktoria-Luise-Platz 1\nBerlin\nSehr geehrter Herr Professor!\nDarf ich mir, bevor ich Ihnen mein kurzes Manuskript einsende,\ndie höfliche Anfrage erlauben, ob Sie einen summarischen Bericht\nmit einigen kurzen, typischen Krankengeschichten über meine jahre-\nlangen, günstigen Erfahrungen mit dem Friedmann-Mittel annehmen\nund baldmöglichst in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichen\nwürden. Die betreffenden Fälle sind vorher meist lange Zeit in\nunseren Sanatorien und Universitätskliniken von namhaften Spezia-\nlisten und Professoren diagnostiziert und erfolglos behandelt worden,\ndoch würde ich die betreffenden Namen aus kollegialer Loyalität\nin meinem Artikel nicht anführen. Da sich jetzt eine immer größere\nZahl von Schweizer Kollegen und zwar, wie ich von diesen höre>\nerfolgreich mit der Friedmann-Methode befaßt, so hoffe ich, daß Sie\ndiesen meinen Erfahrungen mit dem uns aus Deutschland darge-\nbrachten Heilmittel Raum in Ihrer geschätzten D.M.W, geben\nwerden. Mein rein sachlicher Aufsatz wird den Umfang einer\nDruckspalte kaum überschreiten.\nWenn mir auch ein Schweizer Kollege mitteilte, daß Sie eine\nArbeit über durch Calmette-Impfung tuberkulös gemachte und dann\ndurch eine Friedmann-Injektion geheilte Kinder abgelehnt haben,\nso glaube ich doch, daß Sie meinen Artikel, der nur reine Fried-1\nmannresultate enthält, bringen werden."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2382, "texte": "Aus dieser Anfrage ist auch ersichtlich, welcher Aufsatz und\nmit welchem Inhalt eine „sogenannte Friedmann-Arbeit\" des Schwei-\nzer Arztes von der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ab-\ngelehnt wurde.\nDer Papa Redakteur bekommt also das Manuskript. Mit allen\ngewünschten reichlichen Erfahrungen und Archivhinweisen. Vier\nWochen später ist dieses Manuskript bereits wieder im Besitz des\nHerrn Kollegen da draußen, nicht ohne folgendes Schreiben: „Sehr\ngeehrter Herr Kollege, die uns freundlichst eingereichte Arbeit\nmüssen wir zu unserem Bedauern unter Bezugnahme auf unser\nSchreiben zurücksenden. Außerdem sind wir auch augenblicklich\nderart mit Material versehen und müssen unseren vielfachen Ver-\npflichtungen nachzukommen suchen, daß wir die Annahme neuer\nAufsätze einzuschränken gezwungen sind.\" Nichts mehr von Archiven.\nNichts mehr von reichlichen Erfahrungen. Der Herr Redakteur muß\nvielmehr seinen vielfachen Verpflichtungen nachzukommen suchen.\nDas Material hat sich nämlich fantastisch gehäuft. Am 24. September\nbittet er mit kollegialer Hochachtung, das Manuskript zur Einsicht\nfreundlichst zu übersenden. Am 28. September hat er freundlichst\ndas Manuskript. Und in diesen vier Tagen war die Hölle los.\nLagerräume mußten gemietet werden. Alle Aerzte der Welt, die\nirgend etwas allgemeines oder spezifisches auf dem Herzen hatten,\noder in die Hand nehmen wollten, natürlich nur mit Erlaubnis der\nDeutschen Medizinischen Wochenschrift, alle diese Aerzte da draußen\nschickten in diesen vier Tagen freundlichst ihre Manuskripte ein.\nDarauf war der Herr Redakteur natürlich nicht gefaßt. Er konnte\ngamicht darauf gefaßt sein. Sonst hätte er sich doch über die so-\ngenannte Friedmann-Arbeit nicht andererseits eigentlich doch wohl\nauch darüber ein Manuskript zur Einsicht bestellt. Schade. Um die\nKranken. Doch die Erde ist groß. Es soll sogar die Möglichkeit\ngeben, Dinge zu veröffentlichen, die der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift nicht genehm sind. Ich z. B. gestatte mir das hiermit.\nIch veröffentliche den abgelehnten Essay von Dr. E. Fröhlich-Vogel.\nIch werde mir auch weiter gestatten, den Aerzten da draußen am\nKrankenbett das zu lesen zu geben, was ihnen hochwohllöbliche,\nsich selbst vorsetzende Redaktionsbehörden ihnen nicht in die\nHand geben wollen. Das wird bestimmt allgemein und spezifisch\ntherapeutisch auf verschiedene Fachzeitschriften wirken.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c010", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "14", "page_fin": "21", "image_debut": 16, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.10", "titre_corps": "Friedmann-Mittel und Tuberkulose", "titre_sommaire": "Friedmann-Mittel und Tuberkulose", "signature_source": "med. Hermann Engels/ Röntgenfacharzt/ Berlin ; E. Fröhlich-Vogel/Thal (St. Gallen) Schweiz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2642, "texte": "Friedmann-Mittel und Tuberkulose\nDr. med. Hermann Engels/ Röntgenfacharzt/ Berlin\n\n1. Röntgenologische Erfahrungen\nDer Röntgenologe hat es bei der Deutung der Befunde oft\nschwer, seine Auffassung für die klinische Beurteilung von Krank-\nheitsfällen zur Anerkennung zu bringen» Er kann sich leicht den\nVorwurf der Einseitigkeit zuziehen, wenn er nicht Krankengeschichte\nund objektiv Nachweisbares einrechnet. Ich fühle mich aber zu\nfolgenden Betrachtungen vom Röntgenzimmer aus besonders des-\nwegen berechtigt, weil gerade bei der Tuberkulose der Röntgen-\nbefund die Haupthandhabe gibt, Sitz, Ausbreitung und Charakter\nder Erkrankung zu erkennen. — Man hat bei der Tuberkulose\ndie Röntgenuntersuchung richtig die wichtigste\nSchlüsselmethode genannt. Nur darf man nichts unkritisch\nauswerten, sonst kommt man leicht in die Gefahr von Fehl-\nschlüssen. Hat man aber Erfahrungen gesammelt, kann man auf\nkeine andere Weise sich so klar den Krankheitsverlauf vor- und\ndarstellen, wie durch Röntgenen. — Durch Vergleichsuntersuchungen\nzu verschiedenen Zeiten kann man die Vorgänge an den kranken\nOrganen sichtbar machen, Umwandlungen klarlegen. Das Wichtige\nbei einer Krankheit ist doch ihr Verlauf, nicht nur der augenblick-\nliche Befund. Man hat bei Serienuntersuchungen die früheren Bilder\ndokumentarisch zum Vergleich neben den gegenwärtigen und kann\nso die Veränderungen erkennen, die die Krankheit setzt oder in\nihrem Wesen erfährt.\nBerechtigt mich also mein Sonderfach schon zu einer Stellung-\nnahme auf dem Tuberkulosegebiet, so erst recht meine nunmehr\ndreizehnjährige tägliche Beschäftigung mit der Friedmann-Methode\nzu einem Urteil über den Wert des Friedmann-Mittels. In den\nersten Jahren durch selbstausgeführte Kuren, dann in röntgeno-\nlogischen Serienbeobachtungen, sammelte ich Erfahrungen und Ma-\nterial, die mich zu einem überzeugten Anhänger des Mittels gemacht\nhaben. Viele tausende — ich schätze 10000 Aufnahmen — sind\ndurch meine Hände gegangen. Viele davon zeigen mir denselben\nFall in seinem Verlauf über Jahre hin. Geht man giit offenen\nAugen heran, so muß man sagen, daß die Erfolge so überraschend\nsind, wie ich sie mit anderen Kuren in diesem Ausmaß nie gesehen\nhabe. Und ich bin 32 Jahre Arzt! Nicht nur, daß sich die subjektiven\nErscheinungen oft schlagartig wandeln, auch das objektiv Nachweis-\nbare wird durch das Mittel sichtbar so schnell günstig beeinflußt»\ndaß man auf höchste Wirksamkeit schließen muß. Ich habe eine\ngroße Zahl von Fällen heilen sehen, bei denen Heilung überhaupt\nnicht zu erwarten war. Ich kann diese meine Auffassung durch viele\nBilder einwandfrei auch klinisch bestätigter Tuberkulose belegen,"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2680, "texte": "habe einen kleinen Teil davon als Musterbeispiele zusammenge-\nstellt. — Leider haben alle führenden deutschen Wo-\nchenschriften und Tuberkulose-Zeitschriften diese\nstreng wissenschaftlich-sachliche Arbeit abgelehnt\nmit der Begründung, daß die Veröffentlichung mit 54 Röntgen-\nbildern technisch eine Unmöglichkeit sei. Ich habe gerade mit diesen\nSerienbildern lückenlose Beweise erbracht!\nFür die Leser dieser Zeitschrift möchte ich aus meiner Arbeit\nein paar Beispiele herausgreifen, um schon daran zu zeigen, was\ndas Friedmann-Mittel leistet, was man vom Friedmann-Mittel ge-\ntrost erwarten darf.\nBei der Lungentuberkulose gibt nichts so klar über die ana-\ntomischen Verhältnisse in dem kranken Organ, über Lokalisation,\nAusdehnung und Wesen der Erkrankung eine Vorstellung wie das\nRöntgenbild. Man muß aber selbstkritisch sein. Nicht alles, was\nman Krankhaftes sieht, ist Tuberkulose. Leider kann man auch nicht\nimmer sogleich alles Tuberkulöse sehen. Weitere Betrachtungen\nwürden hier zu weit führen.\nDie frische Lungentuberkulose zeigt sich in zarten Aus-\nschwitzungen, Schwellung der zu dem betroffenen Gebiet gehörigen\nDrüsen. In günstigen oder günstig beeinflußten Fällen kommt es\ndann zu reaktiven Heilvorgängen, zu Bindegewebswucherungen um\ndie Tuberkel. Was zuerst weich auf dem Röntgenbild aussieht,\nwird dann härter, absorbiert mehr Röntgenstrahlen. In der Nach-\nbarschaft bilden sich bindegewebige Stränge, Schrumpfung, Ver-\nnarbung. Das gerade wollen wir erreichen, und ich muß sagen,\ndaß das Friedmann-Mittel der Weg dazu ist. Diese auch spontan\nzuweilen mögliche Form günstigen Krankheitsverlaufs wird durch\ndas Friedmann-Mittel in Anfangsfällen fast zur Regel. Der natür-\nliche gute Ablauf der Krankheit wird unterstützt und beschleunigt,\neinem ungünstigen Ablauf der Weg versperrt.\nDer ungünstige Verlauf zeigt sich in Zerfall der betroffenen\nLungenteile, in Bildung von Hohlräumen (Kavernen), die dann\nlange Depots für Streuung des Krankheitsstoffes sind. Zum Schaden\ndes Krankheitsträgers, da die Lungen sich stets von neuem aus\ndiesen Depots infizieren können, durch Bazillenaushusten zum Schaden\nauch für die Umwelt. Diesen bösen Verlauf verhütet und bremst\ndas Friedmann-Mittel. Ich habe 1924 in der Münchener Medi-\nzinischen Wochenschrift bereits nachgewiesen, wie der Krankheits-\ncharakter umgestimmt wird, wie der günstige Weg der Verschwielung\nangebahnt wird. Wenn die Krankheit Neigung zum ungünstigen\nVerlauf des Zerfalls und der Aussaat hat, und weiter: ist es zum\nZerfall gekommen, so sieht man unter dem Mittel die Zerfalls-\nhöhlen ohne Lufteinfüllung (Pneumothorax), ohne Nervenschnitt\nund ohne Plastik schwinden. Größte Hohlräume veröden restlos,"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2688, "texte": "auch, in diesem schweren Stadium gelingt oft noch völlige Heilung.\n— Das Mittel ändert eben den Charakter der Krankheit. Ich bin\nunter diesen Erfahrungen zu einem eifrigen Verfechter der Fried-\nmann-Methode geworden.\nIm Gegensatz zu der verhältnismäßig mehr oder weniger schnell\nablaufenden Lungentuberkulose mit ihren bunten, oft rasch wech-\nselnden Bildern zeigt der Knochen bei der Tuberkulose-Erkrankung\nmehr chronische Entzündungsformen. Die Änfangsherde sitzen meist\nin der Gegend der Gelenke — bedingt durch die Blutgefäßverteilung\nim Knochen. So ist bei Einschmelzung des Herdes ein Durchbruch\nins Gelenk, eine sekundäre Gelenkerkrankung und damit wieder\neine Äffektion der Nachbarknochen zu befürchten. Monate dauert\nes oft, bis man selbst röntgenologisch die Tuberkulose-Infektion\nam Knochen beweisen kann. Kommt es dann zum Zerfall, zur\nVerkäsung und Wucherungen, so fehlen leider meist heilsam\nabgrenzende Knochen- und Knochenhautprodukte, weil das Er-\nweichungsmaterial zu giftig ist. Die Ursprungsherde liegen meist im\nwachsenden, weniger im ausgewachsenen Knochenteil. Die Um-\ngebung wird kalkarm, lichtdurchlässig. Der Herd selbst hat stets\nNeigung zur Erweichung. Er will sich ausstoßen, es bilden sich\nAbscesse und Fisteln. Die gesunde Umgebung kann eine Verdich-\ntungszone bilden, sich günstigenfalls abschließen. Die Knochenzer-\nstörung heilt dann mit verbildenden Produkten am Knochen und\nmit bindegewebigen und knöchernen Versteifungen. Gerade bei\nder Knochentuberkulose bringt das Friedmann-Mittel erstaunlich\nschnelle Heilung. Fisteln schließen sich bald, nachdem eine Aus-\nstoßung des kranken Materials beschleunigt erfolgt ist. Es bilden\nsich Knochennarben — oft sieht man dem Knochen später die\nKrankheit nicht mehr an. Ich habe hilflose Menschen, die am-\nputiert werden sollten, in kürzester Zeit unter Erhaltung ihrer\nGlieder zu Gesunden werden sehen. Vor allem viel schneller, als\nbei der jetzt sich allgemein durchsetzenden konservativen Knochen-\nbehandlung.\nIch will das Gesagte kurz mit einigen Krankheitsgeschichten\nbelegen. Zunächst nur aus der Lungen-Röntgenologie. Gerade bei\nden Lungen werden Erfolge, wie ich sie bringe, als überhaupt\nmöglich zumeist angezweifelt oder bestritten. Der Wert des Fried-\nmann-Mittels bei der Knochentuberkulose ist viel weniger umkämpft,\nwird schon weit eher anerkannt. Ich habe derartig viel Beispiele\nund Erfahrungen gesammelt, daß ich den Vorwurf „Zufallsheilungen\"\nablehnen muß. Wenn sich die Erfolge derartig häufen, fast zur\nRegel werden, hat man ein Recht und die Pflicht, in dem Fried-\nmann-Mittel eben das bewegende Moment für die Heilung zu sehen.\nDenn bei anderen Kuren fehlen eben diese gehäuften Heilungen."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3557, "texte": "1. Fräulein I«, 18 Jahre. Tuberkulose Streuung und Ausschwitzung (Ex-\nsudation) im linken Oberlappen, Fieber. Tuberkelbazillen im Auswurf.\nSchon vier Monate nach Friedmann-Impfung Verschwielung, Strang-\nbildung, Blutsenkung normal. Kontrolle noch zwei Jahre später: dau-\nernde völlige Heilung. Bauchoperation ohne Störungen überstanden.\n2. Herr Sch., 20 Jahre. Blutsturz. Tuberkelbazillen im Auswurf. Zwei\nQuerfinger breite Äusschwitzung r. 0., Zerfallsbeginn. Nach zwei-\neinhalb Monaten fast völlig aufgesogen, Strang- und Kalkbildung. 14\nPfund Zunahme. Später nachkontrolliert, gesund. Auch Mastdarm-\nfistel geheilt.\n3. E. K., 6 Jahre. Faustgroße tuberkulöse Ausschwitzung 1. o. Schnell\ndurch Injektion aufgesogen. Kontrolle nach fünf Jahren zeigt einen\ngesunden Menschen. Kalkbildung, Stränge.\n4. H. S., 2 Jahre. Tuberkulose in Charite erwiesen. Läuft nicht mehr,\n1. o. Lunge: großer Ausschwitzungsherd. Schon nach drei Monaten ein\nmunteres Kind. Kalk- und Strangbildung. Noch sieben Jahre durch-\nkontrolliert, stets gesund.\n5. Frau K., 25 Jahre. Große tuberkulöse Lungen-Ausschwitzungen 1. o.\nTub.-Baz. im Auswurf. Schnell Besserung durch Injektion. Ein halbes\nJahr später Schwangerschaft anderweitig unterbrochen. Nach einem\nJahr kirschgroße Kaverne. Eine Mastdarmfistel inzwischen geheilt.\nMit einer Impfung und nicht unterbrochener zweiter Schwangerschaft\nvöllig geheilt. Anstelle Kaverne nur Schwielen, Kalkfleckchen. Kind\nmit Friedmann-Mittel schutzgeimpft. Fünf Jahre hindurch nachkon-\ntrolliert. Stets gesund.\n6. Frau P., 24 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Tuberkulöse Ausschwitzung\nlinks Mitte, kirschgroße Kaverne. Nach acht Monaten (ich gebe nie\nalle Zwischendaten) Verschwielung, Blutsenkungsgeschwindigkeit bis\nzur Norm abgenommen. Drei Jahre nachkontrolliert, stets gesund.\nAuch vorher vorhanden gewesene tuberkulöse Halsfisteln geheilt.\n7. Herr K., 32 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Pneu abgelehnt, Fieber.\nR. o. walnußgroße Kaverne mit zartem Hof, Streuung. Schon nach\ndrei Monaten anstelle der Kaverne Strangbildung. Gute Lungen-\nstruktur. Stets arbeitsfähig und gesund. Blutsenkung zur Norm zu-\nrückgegangen.\n8. Herr R., 27 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. L. o. mandelgroße Kaverne\nmit großem zarten Hof. Nach einem halben Jahr Kavernen dicht um-\nrahmt. Sehr bald wird ein Kalkherd aus der Kaverne. Fünf Jahre\nhindurch nachkontrolliert, stets arbeitsfähig und gesund.\n9. Herr K., 36 Jahre. Bluthusten. Tub.-Baz. im Auswurf. R. o. pflaumen-\ngroße Ausschwitzung mit Kaverne. Schon nach drei Monaten 14 Pfund\nZunahme. Bald darauf anstelle der Kaverne nur Strangbildung und\nKalkfleckchen.\n10. Frau S., 57 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Fieber, Kehlkopf-TBC mit\nGeschwüren. Kastaniengroße Kaverne rechts oben, links oben soeben\nZerfallsbeginn. Streuung beiderseits. Nach neun Monaten völlige\nVerschwielung, Kalkbildung, keine Kaverne mehr. Kehlkopf geheilt.\n11. Fräulein K., 39 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Rechts Mitte apfel-\ngroße Kaverne mit dichtem Rahmen, Strangbildung. R. u. vier Quer-\nfinger breiter Ausschwitzungsherd mit zarter Fleckung. Schon nach\nfünf Monaten Kaverne in Schrumpfung, Kalk- und Strangbildung.\nUnten Aufsaugung. Auswurf jetzt stets negativ. Nach weiteren drei\nMonaten nur noch einige Kalkfleckchen, alles andere verschwunden.\nNach einem weiteren Jahr nachkontrolliert, jetzt völlig gesund.\n12. Frau W., 24 Jahre. R. o. großer Ausschwitzungsherd mit Kaverne.\nNach Davoser Kuren neue Kavernen. Durch Friedmann-Injektion nach\neinem Jahr alles restlos verschwunden. Klinisch gesund. Heirat. Fünf\nJahre hindurch nachkontrolliert."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2898, "texte": "13. Herr KL, 33 Jahre. Pneu abgelehnt. Kinderfaustgroße Äusschwitzung\n1. o. mit Zerfall. Nach Impfung in fünf Wochen 27 Pfund Zunahme.\nBlutsenkungsgeschwindigkeit bis zur Norm abgenommen. Stets tätig.\nNach zehn Monaten Kaverne nur noch haselnußgroß, schwielig um-\nrahmt. Nach einem halben Jahr nachkontrolliert: Kalk- und Strang-\nbildung. Keine Kavernenreste.\n14. Herr 8., walnußgroße Kaverne r. 0., umschwielt, mit Flüssigkeit. Pneu\nabgelehnt. Fünf Monate später frischer Äusschwitzungsherd neben\nder Kaverne, darüber neue haselnußgroße Kaverne. In der Spitze\nfrische zarte Äusschwitzung, nach unten eine Streuung frischer Herde.\nTub.-Baz. im Auswurf. Nun erst Friedmann-Impfung. Schon nach drei\nMonaten Schwiele um die Kaverne, in der Spitze noch aktive Herde.\nDie vorher beschleunigte Blutsenkung jetzt erheblich verlangsamt.\nAcht Monate später völlige Resorption, Kaverne kaum und nur noch\nganz klein als solche erkennbar. Noch in der Behandlung — nur um\nnach einer F.-Impfung die Kavernen-Beeinflussung zu zeigen. Ar-\nbeitsfähig.\n15. Herr H», 20 Jahre. Bluthusten. Tub.-Baz. im Auswurf. Pneu ab-\ngelehnt. R. o. fast pflaumengroße Kaverne mit weicher Fleckung in\nder Umgebung, darüber mandelgroße. Schon nach drei Monaten Ka-\nverne verschwunden. Strangbildung.\nDie Literatur (Loben) sagt zwar, restloser Kavernenschwund\nsei vorläufig noch sehr fraglich. Er ist bei Anwendung des Fried-\nmann-Mlttels etwas Alltägliches. Habe ich anstatt 20 v. H. Selbst-\nheilungen über 80 v. H. Friedmann-Heilungen, d. h. kaum 20 v. H. Ver-\nsager, so kann man doch nicht von „Zufall\" sprechen. Auch die\nFriedmann-Richtung kennt ihre Grenzen, wie Friedmann seit 1912\nimmer wieder betont hat. Man muß einen Organismus vorfinden,\nder noch imstande ist mitzuhelfen. Man unterstützt mit jeder\nTherapie die Naturheilkräfte des Körpers. Ich zitiere Friedmann\n(1922): „Die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Mittels sind durch\nihr Wesen als aktive Immunisierung gegeben, die große Zell-\nleistungen verlangt. Was die Natur bestenfalls einmal von selbst\nleistet, das können wir nahezu regelmäßig erreichen.\" Und ich\nsetze wie 1924 wieder hinzu: als erreicht zeigen.\n2. Klinische Erfahrungen\nDie klimatische, Freiluft- und Sonnentherapie, wie sie in unseren\nSchweizer Höhenkurorten geübt wird, vermag gelegentlich einen\nFall von Tuberkulose zu bessern, ja zu heilen. Dort gibt es Fälle\ngenug, bei denen diese allgemein „roborierenden\" Maßnahmen doch\nnicht zur Bildung genügender Abwehrkräfte für die Ueberwindung\nder eingedrungenen Infektionserreger ausreichen, bei denen also\neine spezifische Hilfe hinzukommen muß.\nNachdem Geheimrat Turban-Davos das Friedmannsche Prinzip\nder Tuberkulose-Behandlung mit lebendem, avirulentem, atoxischem\nHeilstoff (Berl. klin. Wochenschr. 47/1912) für richtig erklärt hatte,\ngab Prof. Jessens Veröffentlichung in der Schweizer Med. Wochen-\n\nDr. E. Fröhlich-Vogel/Thal (St. Gallen) Schweiz"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2888, "texte": "Schrift mir 1923 die unmittelbare Anregung zur Anwendung dieser\nMethode. Ueber sie sind ja, abgesehen von über 1000 casuistischen,\nklinischen, statistischen und experimentellen Mitteilungen in der\ninternationalen medizinischen und veterinärmedizinischen Literatur\nauch ausführliche Abhandlungen erschienen. Z. B. Deutsches Archiv\nfür klin. Medizin, Bd. 130, Heft 1 und 2 (Deuel) und Deutsche\nZtschr. f. Chir., Bd. 144, Heft 1 und 2 (Goepel), ferner das amtliche\nSammelreferat „Die Friedmann-Methode\" von Bock, Leipzig, S.\nHirzel 1922, sowie kürzlich die „Besiegte Tuberkulose\", Verlag\nDe Gruyter, Berlin WlO mit Berichten von Tuberkulose-Aerzten\nund staatlichen Institutionen aus 28 Ländern.\nSeit 1923 wende ich selbst das Friedmannsche Präparat (Her-\nsteller: Tuberkulose-Heilstoff-Werk Leipzig N) an, bisher an mehr\nals 200 Fällen aller möglichen Tuberkulose-Formen. Mein damaliger\nerster Fall, eine offene Lungentuberkulose bei einem 18jährigen\nJüngling, wurde durch eine Subcutaninjektion der schwachen Dosis\nin drei Monaten so völlig geheilt, daß der Patient von Auswurf,\nHusten, subfebrilen Temperaturen und Schweißen befreit, ein Jahr\nspäter den Militärdienst anstandlos absolvieren konnte. Er ist\nheute ein kräftiger Mann, der in Wind und Wetter Landwirtschaft\ntreibt und dessen Dauerheilung ich erst jetzt wieder durch Nach-\nuntersuchung feststellte. Ebenso verliefen Dutzende anderer, von\nmir schon vor fünf bis sieben Jahren mit dem F.-M. behandelter,\nbis heute von mir und anderen Schweizer Kollegen nachkontrollierter\noffener und geschlossener Lungentuberkulosen. Ich habe natürlich\nauch Mißerfolge zu verzeichnen. Das waren meistens Fälle, die\nsich zu spät, d. h. mit hohem Fieber und mit schweren cavemös-\nkäsigen Lungendestruktionen zur F.-Impfung meldeten und nach\nden Friedmannschen Leitlinien ungeeignet sind. Als Beispiel für\ndie Schnelligkeit der entgiftenden Heilwirkung zwei Fälle aus letzter\nZeit: ein 24jähriger Herr, der mit offener, fibrös-caseöser Lungentb.\nim April 1930 in ziemlich hoffnungslosem Zustand das Sanatorium\nX (Schweiz) verließ, hat seit der gleich hinterher von mir vorge-\nnommenen F.-Inj. 17 kg, ohne irgendwelche Pflege, zugenommen,\nzeigt einen physikalisch und radiographisch viel günstigeren Befund\nund wird jetzt heiraten. — Ein 17jähr. Mädchen, 9 Monate lang in\ndem ausgezeichneten Sanatorium Y (Schweiz) in Behandlung, mit\nganz ungünstiger Prognose entlassen — offene Tb beider Ober-\nlappen erhielt darauf, vor jetzt fünf Monaten, eine ganz schwache\nF.-Impfung. Der Chefarzt des Sanatoriums, der sie kürzlich ein-\ngehend nachuntersuchte, erkannte den, wie er sich ausdrückte, „er-\nstaunlichen und unerwarteten\" Erfolg freimütig an. — Daß eine\nF.-Inj. nicht immer zur definitiven Heilung ausreicht, zeigt ein vor\ndrei Jahren von mir behandelter Fall von Nieren- und fistulöser\nHoden-Tub. bei einem jungen Mann, der durch die Injektion zwar"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2939, "texte": "heilte, slcji aber durch ausschweifendes Leben ein Rezidiv zuzog*\ndas erst nach Wiederholung der Injektion zurückging. — Charakte-\nristisch ist der Fall eines 20jährigen Patienten, der seit über 10 Jahren\nan einer äußerst schmerzhaften Hüftgelenktuberkulose mit 4 offenen,\nstark eiternden Fisteln litt. Nachdem er von namhaften hiesigen\nÄerzten, Chirurgen und Professoren operativ und mit jahrelangen\nExtensionen erfolglos behandelt worden war, erfuhr ich durch seinen\nBruder, der mit meinen beiden Söhnen das Gymnasium in St. Gallen,\nbesuchte, von dem Fall. Ich ließ zur F.-Injektion raten. Sie wurde\naber von den Äerzten, die die Eltern berieten und die Methodei\nnicht persönlich kannten, zunächst abgelehnt, es wurde weiter mit\nAbsceßspaltungen und Extensionsverbänden behandelt. Erst als die\nEltern dann durch Verwandte in Deutschland von den vielen Hei-\nlungen durch die F.-Injektion hörten, ließen sie sie vornehmen.\nResultat: nach einigen Monaten Schließung aller Fisteln unter sicht-\nlicher Besserung des Allgemeinzustandes, enormer Appetitsteigerung,\nvölligem Verschwinden der bis dahin vehementen Schmerzen. Jetzt,\n71/2 Monate nach der F.-Injektion kann der Patient nach zehn-\njährigem trostlosen Krankenlager ausgehen. — Bei einem Italiener\nmit linksseitiger Lungentb. und linksseitiger Knie-Kapselfungus, der\nseit 2 Jahren in Davos mit zahlreichen Tuberkulininjektionen erfolg-\nlos behandelt, sich daselbst durch einige Arbeit als Maurer mühsam\ndas Geld zum Kuraufenthalt verdiente und Anfang März 1930, wo\ner mich mit zwei Krücken aufsuchte, geimpft wurde, war bereits\nnach 4 Wochen der Knieumfang um 51/2 cm abgeschwollen. Jetzt ist\nder Fungus völlig verschwunden, ebenso die Lungensymptome (sub-\nfebrile Temperaturen, Husten, Appetitlosigkeit, feinblasiges Ras-\nseln); der Patient hat Davos längst verlassen, arbeitet 9 bis 10\nStunden täglich ohne Ermüdung und geht frei und ohne Stock. Frei-\nlich brachte hier wegen der vorhergegangenen Tuberkulin-Behand-\nlung erst eine zweite F.-Inj. den vollen Erfolg. — Ein lOjähr.\nMädchen mit frischer geschlossener Hüftgelenktuberkulose, typischen\nAb-, Adduktions- und Rotationsbeschränkungen, Schmerzen und\nstarkem Hinken, ferner fistelnder Halsdrüsentuberkulose und rechts-\nseitiger eitriger Mittelohrtuberkulose: 4 Monate nach Injektion\nschwach unter Vernarbung der Ulcerationen am Halse, Schwundes\nder Ohreiterung und völligem Beweglichwerden des Hüftgelenkes\ngeheilt. — 21jähriger Patient mit schwerer einseitiger Handgelenk-\ntuberkulose, blaurote fungöse Schwellung um das Dreifache, völlige\nVersteifung, Finger in Streckstellung fixiert, über ein Jahr lang\nanderweitige Behandlung mit Gips, Bestrahlungen etc., von hervor-\nragendem Chirurgen zur Amputation bestimmt. Drei Monate nach\nF.-Inj. wird der Arm frei, ohne Schiene und Schlinge getragen,\nHandgelenk nahezu voll beweglich, schmerzfrei. — Aehnlich rea-\ngierte ein junger Mann mit einseitiger geschlossener Schultertuber-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 334, "texte": "kulose (Humerusherd im Röntgenbild einwandfrei), deren große\nBewegungsbeschränkung und Schmerzhaftigkeit 41/2 Monate nach\nF.-Inj. behoben war.\nAus diesen als Beispiel angeführten Fällen, deren Zahl wir\nbeliebig vermehren könnten, geht hervor, daß wir in dem Fried-\nmannschen Mittel die wirksamste Waffe gegen die Tuberkulose\nbesitzen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c011", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "24", "image_debut": 23, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.13", "titre_corps": "Spezialbehandlung", "titre_sommaire": "Spezialbehandlung", "signature_source": "Rudolf Blümner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.23", "debut_caractere": 336, "fin_caractere_exclue": 2337, "texte": "Spezialbehandlung\nRudolf Blümner\nViel Zweck hat es zwar nicht, den ganzen faulen Problem-\nZauber dem Brieux in die Schuhe zu schieben. Denn was hat darin\nwohl Platz? Aber die Kindsköpfe rufen, wenn man sie bei den\nOhren nimmt: „Der Brieux hat angefangen.\" Ganz recht, beim\nShakespeare ist von der Lustseuche nur en passant (nämlich einen\nKirchhof! Da liegt der Hund begraben!) die Rede. Brieux nahm sie\nin eine mehraktige Behandlung, und seitdem Ist er der Schutz-\npatron der Müllproblematiker. Man muß dabei an den Arzt denken,\nder in der Kirche zu St. Denis vor einem Bilde Karl VIII. auf\nden Knien lag. Ein Mönch machte ihn darauf aufmerksam, daß\nes kein Heiliger sei. „Ich weiß, aber er hat die Lustseuche nach\nFrankreich gebracht.\" Brieux ist auch kein Heiliger, aber er hat\ndie problematische Spezialbehandlung nach Deutschland gebracht.\nVielleicht dachte er, was einem Ci-devant Sophokles eine rechte\nPest ist, das sei ihm — und so weiter. So können sich ja unsere\nproblematischen Paragraphenreiter auf den „Fall Oedipus\" beziehen\noder auf den Skandal-Prozeß der Antigone wegen unbefugter\nLeichenbestattung. Schade, daß ich nicht aus dem Kopf weiß, wie\nviele Paragraphen unser Strafgesetzbuch hat, sonst könnte ich auf\nHeller und Pfennig die Tantiemen ausrechnen, die es einem fleißigen\nParagraphen-Konflikts-Dramatiker einbringt. Es muß etwas dabei\nherauskommen, da doch schon der einzige Mordparagraph imstande\nist, das Leben eines Dramatikers auszufüllen, wenn er nur nicht\nmüde wird, ihn von allen tausendundvierundzwanzig Seiten psycho-\nlogisch, -pathisch und -analytisch zu — wahrscheinlich: beleuchten.\nWer sein dramatisches Handwerk versteht und entschlossen\nist, es in einen rationellen Fabrikbetrieb überzuleiten, der muß zu-\nvörderst wissen, daß es, bei problematischem Licht besehen, nur\nzwei Plagen der Menschheit gibt. Nicht Furcht und Hoffnung sind\ndie größten Menschenfeinde, sondern die Paragraphen des Straf-\ngesetzbuches und die Bazillen. Leider habe ich auch vergessen, über"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2727, "texte": "wieviele Bazillen wir zur Zeit verfügen, so daß meine Errechnung\nder diesbezüglichen Tantiemen bestenfalls als praeter propter zu\nbezeichnen wäre. Wie hoch immer sich die Summe belaufen mag,\nden Paragraphendramen werden sie schwerlich den Rang ablaufen,\nwenn man die gelegentlichen Strafgesetz-Novellen sowie die Straf-\nbestimmungen der Wasser-, Forst-, Feld- und Wiesenpolizei in\ndie Tantiemenberechnung mit einbezieht. Jeder Paragraph sein\neigenes Drama. Und sind wir nicht alle Menschen? Es steht in\nden Sternen geschrieben, wenn einer zur Unzeit oder am falschen\nOrt fischt und krebst, und die Richter sitzen über sich selbst zu\nGericht, die auf einen armen Teufel eine Razzia veranstalten, weil\ner seinen Maybach um einen Zentimeter zu scharf in die Kurve\nund dabei seine sämtlichen Geliebten in den Tod biegt. Das muß\ndramatisch teils gegeißelt, teils beleuchtet werden. Denn man muß\ndem Staate zeigen, daß wir keine Lust haben, Ton in seiner Hand\nzu sein.\nDie Bazillen stehen auf einem anderen Blatt und wenn man\nhineingetreten ist und das Spiel beginnt, findet man seine species\nmorbi viel ausführlicher behandelt als vom Heilkünstler. Wird's\nschlimm, so greift der Autor zum Messer und schneidet die Frage\nan, ob jemand, der ortsunübliche Neigungen hat, wie Fische mit dem\nMesser zu schneiden, bei dem Tempo unserer Zeit, in dem es auch\nmit der Vererbung wie geschmiert geht, noch heiraten darf. Die\nKinder möchte ich sehen! Solange die Reaktion ihr Haupt drohend\nerhebt, hat jeder Dramatiker die Pflicht, mit seiner Begabung\nhinterm Berge zu halten oder sein künstlerisches Licht unter den\nScheffel zu stellen. Nur nicht durch Kunst von der Hauptsache\nablenken, ob ja oder nein. Bekenne! Bekenne! „Hier steh ich,\nhelf Gott oder zur Gesundheit, ich kann auch anders\" — das sollte\nin gelben Lettern über jeder Schreibmaschine stehen.\nFleißige Zeitungsleser oder Zettelkästner — und welche Dra-\nmatiker wären das wohl nicht? — finden schon beim ersten Früh-\nstück etwas zum Aus- und damit ein Problem zum Anschneiden.\nWer es halbwegs versteht, wirft schon juxeshalber im ersten Akt\neine saudumme Frage auf. Je dümmer die Frage, umso angenehmer\ndas Stück, wollte sagen, umso angenommener. Prozesse, Skandale,\nDebatten und Unglücksfälle wie Tagungen bei Nacht, stehende\nSitzungen und zugespitzte Lagen haben es gar nicht nötig, sich be-\nhandeln zu lassen. Sie dramatisieren sich von selbst, sobald sie so\nein Kerl nur fest ansieht. Und ein Portier, der sich von Morgen\nbis Mitternacht abreagiert, changiert sowieso zwischen einem John\nGabriel Lear und einem Stehaufmännchen. Es muß dafür ein-\ngetreten werden, daß alle Strafgesetze, halb kaum fertig gemacht,\nund zwar so lahm und ungeziemend, daß die Hunde bellen, a tempo"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2620, "texte": "unseren Dramatikasten zugeschustert werden, wenn man so sagen\ndarf, da nun längst nicht mehr jeder Schuster ein Dramatiker ist.\n„Wovon handelt das Stück?\" ist schon eine traurige Frage. Noch\nviel komischer aber ist: „Womit handelt der Autor in diesem Stück?\"\nUnd noch dümmer heißt es: „Welchen Maniker behandelt er?\"\nKann er ihn nicht gesund dichten, so kann er ihn doch vor dem\nForum der Besucherorganisation freisprechen. Zum mindesten kann\ner so freiheitlich sein, für den Äermsten der Armen eine saftige\nLanze einzulegen, was die meisten Wiederholungen dann verspricht,\nwenn die liberale Idee Gemeingut aller unentwegt Rückwärts-\nblickenden geworden ist. Sollte der Mann gegen einen Paragraphen\nSturm laufen, der jetzt grade schon auf der Nase liegt, so kann er\nauf was noch ganz anderes rechnen, als auf den Beifall des tief-\ngesunkenen Hauses. Hat er Glück, erwischt er gar eine hahne-\nbüchene Harmlosigkeit, über der er die Geißel mit der einen, die\nNarrenpritsche mit der anderen Hand schwingen kann, daß allen\nSavonarolas und Molieres noch im Grabe Hören und Sehen vergeht,\nlieber die Modetorheit, frühmorgens Kaffee zu trinken, ließe sich\nauch ein Stück schreiben. Aengstliche Autoren wissen es schon ein-\nzurichten, daß man ihnen darum keine Feder krümmt. Lauter\nSdmocks, nichts als Schnocks. Sch—n—ocks hab ich gesagt. Schreiner\nSchnock. Für die Sache, die ihnen stückweise am Herzen liegt, sind\nsie bereit, jedes Opfer anzunehmen.\n„Wir haben keine Generalverbrecher mehr\", ist der Refrain\ndes neuesten Schlagers. Die Mörderhand hat sich verfeinert. Jetzt\nwird nicht mehr ins Blaue hinein gemordet. Wir haben die Spe-\nzialbehandlung durch Fachmörder und von aller Fakultäten wegen\nsollte das Strafgesetzbuch mit dem Paragraphen 51 anfangen. Im\nDrama müßte es umgekehrt sein. Daß Crimen kann uns nichts\nnützen, wenn es erst kommt, kurz bevor der Schnock-Verehrer\nnach Schnock ruft. In den ersten Akt gehört's. Was sag ich? Wenn\nsie ihre Garderobe abgeben, ists die schönste Zeit zum Morden und\nmit dem Jubelgeschrei: Wer ist der Mörder? nimmt alles Platz. Das\nTheater ist eine moralische Anstalt für alle, die tags über durch\nLeibesübungen ertüchtigt sind. Der Mensch ist ja von Haus aus\ngut, aber durch das viele Morden des Krieges hat er sich halt a bißl\ndran gewöhnt und man möchte das Morden nur ungern missen. Und\nwenn's nur Theater ist! Aber Spaß muß sein.\nDas Theater ist eine Raritätenkammer. Alles hat drin Platz.\nDie Scene wird zum Kabarett und Schwurgericht. Wenn unseren\nPirandello-Regisseuren was einfiele, ließen sie den Vorsitzenden\ndas Publikum gehörig anfahren: „Ich gestatte den Gebrauch von"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1803, "texte": "Operngläsern nicht. Wir sind hier doch nicht im Theater. Wenn\ndas noch einmal vorkommt, lasse ich den Zuschauerraum räumen.\"\nWorin besteht die Kunst des Geschäfts? Daß immer das Gegenteil\nvon dem geschieht, wofür die Leute bezahlt haben. Das macht\nLaune. Die Politik gehört in den Zirkus, rauf mit dem Trauerspiel\naufs Kabarett. Theater gehört in den Gerichtssaal. Es ist nichts als\nein Rezept.\nDie Gelehrten werden sich von den Spezialdramatikern so\nlange ins Handwerk pfuschen lassen, daß im Theater alles „be-\nhandelt\" wird. „Theater macht alles\" und die Fernbehandlung liegt\nbekanntlich schon in der Luft. Dann kann man in aller Behaglich-\nkeit auf dem Sofa liegen und zusehen und hören, wie spezial-\nbehandelt wird. Wir hoffen, daß jetzt bald die Sodomie an die\nReihe kommt, da doch männliche und weibliche Homosexualität,\nImpotenz, Justizmord, Unzucht unter Berücksichtigung aller Lebens-\nalter so ausgiebig behandelt sind, daß sie schon nicht mehr gefragt\nwerden. Pro und contra Pfandhinterziehung läßt sich auch was\nsagen. Man muß sich nur wundern, daß die Herren nicht viel Ex-\nquisiteres finden. Ich schlage Dramen über das Problem des\nAutoanrufs vor oder des Ornaments auf Gebrauchsgegenständen,\nder Gehaltsaufbesserung prominenter Mitglieder der staatlichen\nTheater. Problem ist alles.\nSpezialisieren Sie sich, meine Herren Dramatiker. Wir sind\nalle einmal aus einem anderen Beruf herausgelaufen und wissen\nalso Bescheid. Der Jurist verarztet die Paragraphen, der Mediziner\nplädiert für Krebsbehandlung und so fort, und kein besserer Dra-\nmatiker als wer selbst etwas ausgefressen hat. Nur frisch drauflos,\nehe alles ungenießbar wird. Aktuell, aktuell, aktuell.\n„Zieht doch endlich den Vorhang, Menschenskinder. Wenn ihr\nnoch zwei Minuten wartet, ist der ganze Schmarren nicht mehr\naktuell.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c012", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.14", "titre_corps": "In der Mitte liegt die Wahrheit", "titre_sommaire": "In der Mitte liegt die Wahrheit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.26", "debut_caractere": 1805, "fin_caractere_exclue": 2487, "texte": "In der Mitte liegt die Wahrheit\nDer französische Dramatiker Tristan Bernard besuchte einen\nweit jüngeren Kollegen, dessen Stücke neuerdings viel aufgeführt\nwurden. Die moralischen und materiellen Erfolge blieben natur-\ngemäß nicht ohne Wirkung auf den jungen Autor. Er ging in\nseiner Selbstschätzung so weit, daß er sein Glas auf das Wohl der\n„beiden größten Bühnenautoren des Jahrhunderts\" leerte. —\n„Welche meinen Sie denn, mein Lieber\", fragte ihn Bernard er-\nstaunt. — „Die beiden, die sich in diesem Äugenblick im Raum\nbefinden\", lautete die selbstbewußte Antwort. — „Nicht doch\",\nwehrte Bernard bescheiden ab, „ich glaube immer nur die Hälfte\nvon dem, was man mir erzählt ...\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c013", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "25", "page_fin": "28", "image_debut": 27, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.15", "titre_corps": "Neue und alte Zeit", "titre_sommaire": "Neue und alte Zeit", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2648, "texte": "Neue und alte Zeit\n\nDer Zug hält in der Abendstunde. Wo ist man. Elektrisch\nleuchtende hebräische Buchstaben. Daneben russische. Daneben\nlateinische. Man liest: Mensk, Minsk, Minsk. Also müssen die\nhebräischen Buchstaben dasselbe bedeuten. Eine Stadt stellt sich\nviermal vor. Weißrussisch, russisch, polnisch, jiddisch. Diese Viel-\nsprachigkeit ist keine Einrichtung zur Hebung des Fremdenverkehrs.\nSie ist der leuchtende Ausdruck der Lösung des Nationalitäten-\nproblems in der UdSSR.\nVier Nationen bilden die Mehrheit in der weißrussischen sozia-\nlistischen Sowjetrepublik mit ihrer Hauptstadt Minsk. Weißrussen,\nRussen, Juden, Polen. Ein Land von fünf Millionen Einwohnern\nDie Weißrussen, die Polen sich nebst weißrussischer Erde erobert\nhat, werden polonislert. Die Polen in der weißrussischen Sowjet-\nrepublik behalten ihre Sprache und ihre Kultur. Sichtbar schon\nauf dem Bahnhof. Bis zur Revolution hatte der Zarismus die\nWeißrussen abwechslungshalber russlfiziert. Sie sind eine selb-\nständige Sprach- und Kulturgemeinschaft. Der Name stammt von\nder ursprünglichen helleren Haarfarbe im Gegensatz zu den Ost-\nrussen. Die Sprache ist verwandt mit der ukrainischen. Das alte\nWeißrußland war unter dem Zarismus eine entlegene Provinz. Die\nBevölkerung versklavt, verelendet. Ohne die geringste Möglichkeit\nfür ein menschenähnliches Dasein. Noch heute ist die Stadt Minsk\nzum großen Teil Zeuge dieser sinnlosen irrsinnigen Brutalität der\nletzten Vergangenheit. Die Straßen unbebaute Flächen zwischen\nHäusern. Die Häuser primitive, verfallene oder verfallende Holz-\nhütten. Die Bilder von Marc Chagall, des Juden aus Weißrußland,\ntrostlose Wirklichkeit. Man biegt um die Ecke und steht vor einem\nkubistischen Gebäude. Von solcher Schönheit, daß man nicht an\nWirklichkeit glaubt. Der Klub der Speisearbeiter. Die Gegenwart\ndes Proletariats, das noch in der Vergangenheit wohnen muß. Man\nkann in Jahren nicht Jahrhunderte ungeschehen machen. Aber\nman hat den Anfang, der kein Versprechen, der eine Tatsache ist.\nDer eine Tat ist. Da haben diese Arbeiter der Lebensmittelindustrie\neinen Klub, um den jeder amerikanische Klubmensch sie beneiden\nmuß. Einen Theater- und Kinosaal neuester Technik für tausend\nPersonen. Ein Foyer mit idealer künstlerischer Beleuchtung. Viele\nKlubräume für alle möglichen Zwecke. Für Unterricht. Für Sport.\nFür Studien. Einen Musikübungsraum. Einen Ruheraum. Ein\nSchachzimmer. Einen Aufenthaltsraum für Kinder mit einer ge-\nlernten Erzieherin. Alles einwandfrei hygienisch und perfekt her-\ngestellt.\nMan geht über die erste gepflasterte Straße, man steigt in die\nerste elektrische Straßenbahn. Die elektrischen Bogenlampen"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2761, "texte": "leuchten über das Elend, das die Sowjets von dem Zaren geerbt\nhaben. Das einzige Erbe, das von Monat zu Monat verschwindet.\nAm Ende der Hauptstraße fast ein Märchen: ein neues Städt-\nchen. Das Universitäts-Städtchen. Bis zur Revolution hatte Minsk\nnicht einmal eine Schule. Jetzt steht auf einem Gelände von vielen\nKilometern in architektonisch schönen kubistischen Einzelgebäuden\ndie Universität. Institute zum Studium der Medizin, Pädagogik,\nSowjetrecht und -Wirtschaft, Planwirtschaft. Fakultäten: Medizin,\nBiologie, Chemie, Physik, Geographie usw. 5500 Studenten. Stu-\ndium dreieinhalb Jahre. Der gesamte Unterricht im Sinne der\nLaboratoriums- und Seminararbeit. Selbstbetätigung der Studenten.\nKonferenzen, fast keine Vorträge. Keine Examen. Konsequent durch-\ngeführte Verbindung zwischen Praxis und Theorie. Jeder Student\nerhält ein Stipendium von 60—85 Rubel im Monat. Sämtliche\nLehrmittel umsonst. Durch Internate ist Wohnen und Essen (ein\nMittag 30 Kopeken) für die Studentenschaft so billig, daß sie eine«,\nerheblichen Prozentsatz ihres Stipendiums für persönliche Zwecke\nverwenden können. Das Gehalt der Professoren beträgt 300—1500\nRubel im Monat. Ihrer sozialen Herkunft nach sind 30 Prozent\nArbeiter, 50 Prozent Bauern, 20 Prozent Angestellte und freie\nBerufe. Von den Professoren sind 50 Prozent alte Akademiker,\n50 Prozent bereits Professoren aus dem Proletariat, die ~roten\nProfessoren\". Die weißrussische S. S. R. hat bisher bereits 26 Uni-\nversitäten.\nAuf der anderen Seite der Hauptstraße das klinische Städtchen.\nNach der modernsten Technik des Krankenhausbaus. Siebrai Kliniken,\nsieben Laboratorien, 500 Betten, drei Röntgenlaboratorien. In der\nchirurgischen Abteilung ein Operationssaal von einer Größe, einer\nTagesbeleuchtung und einer Einrichtung, wie sie annähernd gleich-\nwertig kaum in einer Großstadt Europas zu finden ist. In der Nähe\nerhebt sich fast vollendet das neue Gebäude der Volkskommissariate\nder weißrussischen S. S. R. Elf Stock hoch. —\nIn der Peripherie schießen die neuen Arbeiterhäuser aus der\nErde. Weiter zur Fabrik Woroschilow. In der Hauptsache Her-\nstellung von Drehbänken, Bohrmaschinen und Extraktoren. 1600 Ar-\nbeiter, früher 167 Arbeiter. Gearbeitet wird in drei Schichten, je\nsieben Stunden. Durchschnittslohn 180—200 RubeL Wert der Pro-\nduktion des letzten Jahres: 6200000 Rubel. Selbstverständlich wie\nin jeder Fabrik eigene Kantine. Ein Essen von drei Gängen kostet\n38 Kopeken. Die Arbeiter in der Gießerei erhalten wegen der ge-\nsundheitsschädigenden Arbeit täglich einen Liter Milch kostenlos\ngeliefert. Weiter zur Lederfabrik Bolschewik. 1000 Arbeiter, vor\nder Revolution 85. Gleichfalls sieben Stunden Arbeitszeit und drei\nSchichten. Durchschnittslohn 125 Rubel. Wert der Produktion:\n1 Million Rubel."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2839, "texte": "Abends im überfüllten Theater. Die Weißrussische Truppe spielt\nin weißrussischer Sprache das Drama „Wut\". Inhalt: Kampf für\ndas sozialistische Dorf. Uebrigens sind 60 Prozent der Landwirt-\nschaft der Weißrussischen S.S.R. bereits kollektivisiert. Das The-\naterspiel von unmittelbarer Lebendigkeit, Grazie, Temperament. Lo-\ngische Konstruktion des Tonfalls und der Bewegungen. Inszenierung\nund Dekoration im Sinne des gegenständlichen Expressionismus.\nEine weitere Theatergruppe, die in jiddischer Sprache spielt, ist zur\nZeit in Witebsk, der zweiten Stadt der Weißrussischen S.S.R. Sie\nhat bis heute bereits 21 Theater, 3 ständige stehende Arbeiter-\ntheater, viele „Trams\", aktuelle politische Vortragsgruppen.\nDie Damenmäntelfabrik „Oktober\", vollständig mechanisiert, hat\n2200 Arbeiter. Vor der Revolution 25. Selbstverständlich war es\nüberhaupt keine Fabrik. Die Arbeiter haben einen Durchschnitts-\nlohn von 100—130 Rubel, die Zuschneider von 200—220 Rubel monat-\nlich. Die Fabrik hat den Fünf jahresplan bereits in zweieinhalb\nJahren durchgeführt und als Auszeichnung die „rote Arbeitsfahne\"\nerhalten. Tagesproduktion: 1000 Mäntel. Die Fabrik hat, wie\nübrigens fast alle Fabriken der UdSSR., eine Betriebsschule. Sieben-\nhundert Schüler, täglich dreieinhalb Stunden praktischen Unterricht\nund dreieinhalb Stunden theoretischen Unterricht. Ausbildungszeit\nzwei Jahre. Die Schule hat zur praktischen Uebung eine eigene\nkleine Fabrik. Jeder Schüler lernt an sämtlichen Maschinen, also\ndie gesamten Arbeitsvorgänge kennen. Diese „polytechnisierte\nSchule\" produziert also sofort. Die Produktion wird marktfähig\nhergestellt. Die Schüler erhalten monatlich 25—50 Rubel.\nBis zum Ende des Zarismus waren außerhalb Rußlands im\nganzen zwölf weißrussische Autoren vorhanden. Ihre gesamte lite-\nrarische Produktion hatte eine Auflage von 30000 Exemplaren. Das\nErscheinen weißrussischer Bücher im alten Rußland war verboten.\n1924 wurde der weißrussische „Reichsverlag\" gegründet. Bis zum\nJahre 1929 waren die Arbeiten von 875 weißrussischen Autoren\nin einer Auflage von 61/2 Millionen Exemplaren verbreitet. Im\nJahre 1930 erschienen die Werke von 1010 Autoren in einer Auflage\nvon acht Millionen Exemplaren. In den ersten neun Monaten des\nJahres 1931 die Werke von 1500 Autoren in 15 Millionen\nExemplaren. Von . der jiddischen Literatur in jiddischer\nSprache wurden vom Reichsverlag in den Jahren 1924—29\nvon 150 Autoren eine halbe Million Exemplare verlegt. Im Jahre\n1930 hatten 100 jiddische Autoren eine Auflage von 400000 Exem-\nplaren. In den neun Monaten des Jahres 1931: 100 Autoren 450000\nExemplare. Es erscheinen vier weißrussische und eine jiddische\nZeitschrift. Die Namen der führenden weißrussischen Autoren pro-\nletarischer Herkunft sind: Alexandrowitsch, Sinkow, Galawatsch,\nBrowka. Die wichtigsten Autoren„mitläufer\", also Autoren ohne"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 383, "texte": "ausgesprochene proletarische Tendenz, sind: Kupala, Kolaß, Biadula,\nWemanski. Auch ihre Werke sind im Reichsverlag erschienen. Be-\nsonders hochgeschätzt wird der proletarische jiddische Dichter Cha-\nrek und die jiddischen Mitläufer Kulbak und Axel Rot. In ganz\nwenigen Tahren wird nichts mehr in der Weißrussischen SSR an\nO mS\ndie kleine großrussische Zeit erinnern.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c014", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "28", "page_fin": "28", "image_debut": 30, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.16", "titre_corps": "Das einzig unartige Kulturmittel", "titre_sommaire": "Das einzig unartige Kulturmittel", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.30", "debut_caractere": 385, "fin_caractere_exclue": 2582, "texte": "Das einzig unartige Kulturmittel\nDie ersten Ansätze zum idealen Rundfunk scheinen da zu sein.\nSchon haben die Sendegesellschaften fast gemerkt, daß der Hörer\nnicht für den Rundfunk, sondern der Rundfunk für den Hörer ist.\nDiesem Hörer will man dienen. Man sieht aber nicht den Höret»\nals Individuum, sondern den Hörer als Masse. Und zwar als ganz\nbestimmte Masse. Für den Rundfunk gibt es nur niveaulose, zu-\nfriedene Kleinbürger. Ihnen „dient\" man mit niveauloser Unter-\nhaltungsmusik und quatschigen Funkkabaretts. Zwischendurch gibt\nes ab und zu als Konzession an die „Intellektuellen\" Hörspiele,\nbei denen das Hören verstimmt.\nIm Rundfunkjahrbuch 1932 (herausgegeben von der Reichs-\nrundfunkgesellschaft) ist von der „Einzigartigkeit des Kultur-\nmittels Rundfunk\" die Rede. Einzigartig leider nur dadurch, daß\nvon Kultur herzlich aber wenig zu merken ist. Warum versucht\nman nicht, gerade den Hörern, denen das jetzige Programm „dient\",\nwenigstens in kleinen Dosen das zu verabreichen, was man Kultur\nnennt? Damit würde der Dienst beginnen. Aber beim Rundfunk\ndauert alles seine Zeit. Man darf nicht vergessen, daß die Gebühren\nvon der Post auf dem Dienstwege eingezogen werden. Dadurch\nist der ganze Rundfunk auf die Post gekommen und durch und\ndurch postalisch geworden. Postalisch.\nWir werden noch lange auf führende Persönlichkeiten beim Rund-\nfunk warten müssen. Und wenn sie da sind, werden wir nicht viel von\nihnen merken. Denn sie werden systematisch ausgeschaltet. Wie man es\nauch mit dem Berliner Intendanten Flesch machte. Als Flesch von\nFrankfurt nach Berlin kam, war helle Begeisterung. Seine Arbeit\nwurde anerkannt. Von heute auf morgen hatte das Berliner Pro-\ngramm Niveau. Flesch kümmerte sich um alles, von der Kinder-\nstunde bis zum Abendprogramm. Mit einem Mal war es aus. Man\nhört und sieht nichts mehr vom Berliner Intendanten. Das Berliner\nProgramm steht wieder unterm Durchschnitt, weit, weit hinter\nBreslau, das heute noch für alle Sender Vorbild sein sollte.\nFlesch hat sein Verschwinden selbst verschuldet: er gehörte\nzu den wenigen konsequenten Männern, die es heute noch gibt.\nPolitisch und weltanschaulich.\nDas ist die „Einzigartigkeit des Kulturmittels Rundfunk\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c015", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "29", "page_fin": "29", "image_debut": 31, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.17", "titre_corps": "Kritiker", "titre_sommaire": "Kritiker", "signature_source": "Kurt Schwitters", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1959, "texte": "Kritiker\nKurt Schwitters\nKritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker\nmuß man geboren sein. Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn\nfindet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt.\nEr sieht nie den Fehler des zu kritisierenden Kunstwerks oder des\nKünstlers, sondern sein eigenes Fehlen, sichtbar gemacht durch\ndas Kunstwerk. Der Kritiker erkennt durch angeborenen Schaaaf-\nsinn, man könnte sagen gewissermaßen seinen eigenen- Fehler durch\ndas Kunstwerk. Das ist die Tragik aller Kritiker, sie sehen Fehler\nstatt Kunst. Kunst sehen heißt für den Kritiker, seine Fehler am\nKunstwerk rot anstreichen und eine Zensur darunterschreiben. Kri-\ntiker sind den mit Unrecht so beliebten Oberlehrern ähnlich. Aller-\ndings braucht der Kritiker kein Examen zu machen, zum Kritiker\nist man eben geboren. Der Kritiker ist ein Geschenk des Himmels\nan die Menschheit. Mit Oberlehrerin gesäugt, nährt er sich von\nKunstfehlern zum Segen der Schaaaafzucht. Sich sägen bringt Regen.\nZwischendurch trinkt der Kritiker dann noch ein Gläschen rote\nTinte. Jeder Kritiker hat einen Regenschirm, in den er wieder\ngewissermaßen hineingeheiratet hat. Denn sich sägen bringt Regen\nzum Segen der Schaaaaafzucht. Die besagte Oberlehrerin aber ist\nein dicker sirupartiger Saft, hergestellt aus Absonderungen der\nGalle von wirklichen geheimen Oberlehrern und dem Magensaft\nverblödeter Schaaaaaafe. Besagte Schaaaaaaafe brauchen kein\nExamen gemacht zu haben, wie der Kritiker. Kritiker brauchen ihre\nRegenschirme in der Kunstausstellung nicht abzugeben. Der Regen-\nschirm aber muß ein Examen machen. Nur löcherige Regenschirme\nwerden zur Kritik zugelassen. Je mehr Löcher, desto mehr Regen.\nJe mehr Regen, desto mehr Sägen. Je mehr Sägen, desto mehr\nKritik. Um auf das Schaf zurückzukommen: Kritiker sind eine be-\nsondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Kri-\ntiker sind schafgeboren, schafgesäugt mit Oberlehrerin und schaf-\ntrunken von dem Kunstwerk."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c016", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "29", "page_fin": "29", "image_debut": 31, "image_fin": 31, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.18", "titre_corps": "Man kann auch „ohne”", "titre_sommaire": "Man kann auch „ohne”", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.31", "debut_caractere": 1961, "fin_caractere_exclue": 2599, "texte": "Man kann auch „ohne”\nIn New York verstarb kürzlich der Kritiker Mathews Brander. Seine\nbissigen Bemerkungen überlebten den gefürchteten Mann und sind in\nAmerika heute noch im Umlauf. Als ihm einst ein Freund die Kunde\nvon den fabelhaften Leistungen eines einarmigen Klaviervirtuosen ver-\nmittelte, war der Kritiker gar nicht erstaunt. „Einfach wunderbar,\nwie dieser Mann, dessen linker Arm amputiert werden mußte, sein\nInstrument beherrscht\", schwärmte der Freund. — „Das ist doch\nnichts Besonderes\", meinte Brander. „Warum soll nicht ein Mann\nohne Arme Klavier spielen, wo doch jahrein jahraus Sänger und\nSängerinnen ohne Stimme singen!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c017", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "30", "image_debut": 32, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.19", "titre_corps": "Rampenrummel-Reigen", "titre_sommaire": "Rampenrummel-Reigen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1053, "texte": "Rampenrummel-Reigen\nUraufführung im „Theater der Ewigjungen\". Große Aufmachung.\nGroße Enttäuschung. Nicht einmal im Uebermaß vorhandene Worte\nsind für die Leere des neusten Stückes des ältesten Dichters\nvoll genug. Die Herren von der Kritik schlafen schon nach der\ndritten Szene. Korporativ. Also nimmt die Premiere den gewohnten\nVerlauf: Die Kritik schläft, das Publikum „geht mit\" und alles ist\nin schönster Ordnung. Mehr Blumen und viele Hervorrufe.\nIn der Pause nach dem ersten Akt studieren die Vertreter der\nöffentlichen Meinung die Oeffentlichkeit. Der Herr vom General-\nanzeiger fragt einen Kollegen: „Hast Du vielleicht eine Ahnung, wer\ndie Dame in der Proszeniumloge ist?\"\n„Keinen Schimmer.\"\nZweiter Akt. Noch schwächer als der erste. Zweite Pause. Der\nzweite Kritiker geht an den ersten heran: „Nun weiß ich, wer die\nFremde in der großen Loge ist. Die Gattin des neuen Botschafters\nder Spanischen Republik.\"\nEin vorwurfsvoller Blick: „Konntest Du das nicht schon in der\nersten Pause erfahren? Du hättest mir diesen schlaf-\nlosen Akt erspart!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c018", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "30", "page_fin": "31", "image_debut": 32, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.20", "titre_corps": "Mode", "titre_sommaire": "Mode", "signature_source": "J. Pfister", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.32", "debut_caractere": 1055, "fin_caractere_exclue": 2411, "texte": "Mode\n\nDie Mode gehört zu den verkannten und umstrittenen Dingen\n— sie wird also besonders wichtig sein. Zunächst hat Mode eine\ndoppelte Bedeutung: im weiteren Sinne ist sie das Vorstadium\nder Kultur, im engeren die „Bekleidungskunst\". Mode gibt es auf\nallen Kulturgebieten, in Religion, Politik, Wissenschaft, Kunst, Sitte\nund Wirtschaft. Ihre positive Aufgabe besteht darin, die neuen\noder die erneuerten Kulturgüter ins Bewußtsein der Massen zu\nbringen, ihre Qualität und Brauchbarkeit vor der endgültigen Hin-\nführung auszuprobieren und ihnen die Aufnahme in den dauernden\nBesitz eines Volkes, in seine Kultur, zu ermöglichen. — Die Mode\nals „Bekleidungskunst\" ist nur ein Teil dieses Kulturprozesses,\nder die Fortentwicklungen und Wandlungen des Lebens anzeigt.\nVolkswirtschaftlich gesehen ist die Bekleidungskunst ein\nsehr wesentlicher Teil von Handwerk, Industrie und Handel; künst-\nlerisch ist sie das umfangreichste Gebiet der Kunst. Seinem\nWesen nach ist das Kleid ein Gesamtkunstwerk von angewandter\nMalerei, Plastik und Architektur. Kulturell ist die Kleidermode\nder genaue Spiegel der politischen, soziologischen und ökonomischen\nZustände und Kämpfe.\nAus solchen Kämpfen erklären sich auch die propagandistischen\nDiffamierungsversuche der Mode als unsittlich, verschwenderisch,\nausländisch usw. So spiegelt etwa die Uniformität unserer Kleidung"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 674, "texte": "schon seit hundert Jahren die Demokratie und den tatsächlichen\nKollektivismus wieder. Nicht mehr die berufsständische und po-\nlitisch bestimmte Form unterscheidet die Menschen und ihre\nKleider. Nur noch die Kostbarkeit der Stoffe — das Geld. Russen-\nkittel und Braunhemden sind Ansätze zu neuer Repräsentation po-\nlitischer Machtverhältnisse. Man wird besonders darauf gespannt\nsein dürfen, wie sich in einem Staat wie die Sowjetunion die\nKleidung und mit ihr die ganze Kunst als sichtbares Abbild\nder politisch-soziologischen Ordnung entwickeln wird\n— ob als massenweiser Abklatsch der westlichen Zivilisation oder\nals selbständige Formung der eigenen Realität.\n\nJ. Pfister"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c019", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "31", "page_fin": "31", "image_debut": 33, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.21", "titre_corps": "Worte zur rhythmischen Malerei", "titre_sommaire": "Worte zur rhythmischen Malerei", "signature_source": "Otto Nebel", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.33", "debut_caractere": 676, "fin_caractere_exclue": 2329, "texte": "Worte zur rhythmischen Malerei\nOtto Nebel\nDas rhythmische Bild ist eine Kompositionseinheit aus Funk-\ntionsmomenten der Fläche.\nUnter bestimmten Voraussetzungen ruft es trotz (oder dank)\nseiner Zweidimensionalität eine Raumillusion hervor.\nDiese scheinbare Räumlichkeit einer bildmäßigen Flächenlösung,\neiner einwandfreien Bildkomposition ist für die Sinne eine Wirk-\nlichkeit.\nDie illusionäre Räumlichkeit dieser Art entsteht dadurch, daß\nunterschiedliche Licht-Intensitätsgrade der aus einem mehrfarbigen\nBild wirkenden Farbklänge vom menschlichen Auge als unterschied-\nliche Abstände empfunden werden.\nDas heißt: die unterschiedlich getönten Farbformen einer Malerei\nstellen sich in ganz bestimmte ihren Lichtpotentialen entsprechende\nEbenen. Das Auge distanziert die einzelnen Bildteile ent-\nsprechend unterschiedlich.\nDie Bildeinheit bleibt dabei als solche erhalten: das Bild zerfällt\nnicht für das Äuge in zusammenhanglose Stücke, sondern es staffelt\nsich in naturbedingter Ordnung nach der Tiefe zu. Derart, daß die\ngestaltete Bildfläche nicht mehr als eine plane Einhelligkeit, sondern\nals eine harmonisch differenzierte Einheit von teils näher, teils\nentfernter schwebenden oder stehenden Lichtflächen, Farbformen,\nHelligkeiten und Dunkelheiten erscheint.\nSolche Raumillusion ist vollkommen und beharrlich.\nSie kann vom wissenden Maler geplant und zielbewußt er-\nschaffen werden, aber sie ist eine Unkonstruierbarkeit.\nSie resultiert als späteste Eigenschaft und letzte Tugend einer\nhochwohlgeborenen Malerei, die in all ihren Werdestadien von den\nSinnen gehegt und geprüft, und als Bauvorgang kunstgerecht und\ngewissenhaft beendet worden ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c020", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.22", "titre_corps": "Die JATL Sektion Deutschland bittet uns um Aufnahme folgender Erklärung:", "titre_sommaire": "Die JATL Sektion Deutschland bittet uns um Aufnahme folgender Erklärung:", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 694, "texte": "Die JATL Sektion Deutschland bittet uns um Aufnahme\nfolgender Erklärung:\nInfolge schwerer strafrechtlicher Verfehlungen des Vorsitzen-\nden des Breslauer Tuberkulösen-Vereins Alfred Wendler waren wir\ngenötigt, fortan jede Verbindung mit diesem Verein abzulehnen, haben auch\nHerrn Prof. Friedmann eine endgiltige Trennung empfohlen und von\ndieser durch entsprechende gedruckte Erklärung im November 1931 un-\nseren Mitgliedern und Freunden Kenntnis gegeben. Wendler, der seine\nVereinsräume verlassen mußte, versendet jetzt von seiner Wohnung aus\nRache ein Rundschreiben mit Anschuldigungen gegen uns sowie gegen\nPerson und Sache Prof. Friedmanns, die bewußt unwahr und wider\nbesseres Wissens sind."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c021", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.23", "titre_corps": "Empfohlene Bücher", "titre_sommaire": "Empfohlene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.34", "debut_caractere": 696, "fin_caractere_exclue": 1374, "texte": "Empfohlene Bücher\nOtto Nebel: Worte zur rhythmischen Malerei\nDionverlag Dresden Ä. 21 und Berlin-Steglitz 1931 / Aus diesem\nBuch ist der Beitrag „Worte zur rhythmischen Malerei\" dieses Heftes.\nHans Würtz: Zerbrecht die Krücken / Krüppelprobleme der Menschheit\nLeipzig Verlag Leopold Voß 1932 / Aus diesem Buch ist der\nBeitrag „Krüppel\".\nDie besiegte Tuberkulose\nHerausgegeben von der Internationalen Anti-Tuberkulose-Liga\nSektion Deutschland / Eine Sammlung ärztlicher und fachärzt-\nlicher Gutachten und Heilungsberichte über die Erfolge, die mit\ndem Friedmannschen Tuberkulose-Heil- und Schutzmittel im In- und\nAusland erzielt sind / Verlag Walter de Gruyter & Co / Berlin 1931"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c022", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "32", "page_fin": "32", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.24", "titre_corps": "Anmerkung", "titre_sommaire": "Anmerkung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.34", "debut_caractere": 1376, "fin_caractere_exclue": 2426, "texte": "Anmerkung\nDie Zeitschrift „Der Durchbrach\" hat die Aufgabe, den Ideen und\nMenschen zum Dtirchbruch zu verhelfen, denen die Oeffentlichkeit\nsich verschließt oder denen die Oeffentlichkeit systematisch ver-\nschlossen wird. Die Zeitschrift beobachtet alle Gebiete des mensch-\nlichen Seins und Denkens. Sie hilft die Ideen und ihre Träger\ndurchzusetzen, die die Menschheit vom Schlechten zum Guten und\nvom Guten zum Besseren führen. Es sollen die Menschen nicht für\ndie Ideen, es sollen die Ideen für die Menschen eingesetzt werden.\nDaß wir uns deshalb besonders für den körperlich kranken Menschen\nsorgen, den Krankheiten möglichst vorbeugen wollen, ist in dieser\nZeit der langsamen körperlichen Vernichtung von Millionen be-\nsonders erforderlich. Denn der Körper gebiert. Auch den Geist,\nder körpergebunden ist. Zum Sein gehören Sinne. Erst und nur\ndie Sinne ergeben den Sinn. Denn der Sinn des Lebens ist nicht\nder Sinn. Der Sinn des Lebens ist das Leben.\nDie Zeitschrift „Der Sturm\" ist vom 21 .Jahrgang mit der Zeitschrift „Der Durchbruch\" vereinigt"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c023", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.25", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 139, "texte": "kl VVIVCIH lfc {CEK STURM\nABTEILUNO MODESCHULE\nBerlin-Charlottenburgl WilmersdorferStr.l4\nFernsprecher: C 4 Wilhelm 5229\nLEITER: R. DILLENZ"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c024", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.26", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.2", "debut_caractere": 141, "fin_caractere_exclue": 695, "texte": "Systematische Ausbildung\nArbeitern fii\nModek iinstlern, Modelehrern und\nalle Gebiefe der Modeprodulction\n| Handwerklich-techn. Ausbildung indenWerk-\nstatten fur Schneiderei, Putzmacherei usw.\n| Kunstlerisch - formale Erziehung in den\nKlassen und Ateliers fur Zeichnen, Malen,\nModellieren, Graphik, Jllustration, Reklame,\nDekoration, Ausstattung, Aussteliung usw.\nk Geistig-kulturelle Bildung in Horsaal und\nSeminar durch Philosophie, Staatsbiirger-\nkunde, Kultur- und Kunstlehre, Wirtschafts-\nlehre, Geschaftskunde usw.\n| Tagesschule mit 42 Wochenstunden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-01-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_01#c025", "volume": "bmtnabg_1932_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "n. p.", "page_fin": "n. p.", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.2.27", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.2", "debut_caractere": 697, "fin_caractere_exclue": 834, "texte": "VERLAG DER STURM / BERLIN\nEXPRESS lON ISM US\nBCJCHER UND KUNSTDRUCKE\nALLE GEBIETE / INTERNATIONAL / PREISWERT\nRUFEN SIEAN: H8 WAGNER 0778"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.1", "texte": "Jt-Pl i VwJLÄ\nDIR STURM\nl X *\n30 Pf.\nI\n1932\n\nInternationale Monatsschrift\nKrankheit tut not\nSpass muss sein\nSpezialbehandlung\nso*\n»\nA*\nä\nRaummangel\nJunger Abend\nErinnerung\nHerausgeber^Herwart^"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "n. p.", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.2", "texte": "kl VVIVCIH lfc {CEK STURM\nABTEILUNO MODESCHULE\nBerlin-Charlottenburgl WilmersdorferStr.l4\nFernsprecher: C 4 Wilhelm 5229\nLEITER: R. DILLENZ\n\nSystematische Ausbildung\nArbeitern fii\nModek iinstlern, Modelehrern und\nalle Gebiefe der Modeprodulction\n| Handwerklich-techn. Ausbildung indenWerk-\nstatten fur Schneiderei, Putzmacherei usw.\n| Kunstlerisch - formale Erziehung in den\nKlassen und Ateliers fur Zeichnen, Malen,\nModellieren, Graphik, Jllustration, Reklame,\nDekoration, Ausstattung, Aussteliung usw.\nk Geistig-kulturelle Bildung in Horsaal und\nSeminar durch Philosophie, Staatsbiirger-\nkunde, Kultur- und Kunstlehre, Wirtschafts-\nlehre, Geschaftskunde usw.\n| Tagesschule mit 42 Wochenstunden\n\nVERLAG DER STURM / BERLIN\nEXPRESS lON ISM US\nBCJCHER UND KUNSTDRUCKE\nALLE GEBIETE / INTERNATIONAL / PREISWERT\nRUFEN SIEAN: H8 WAGNER 0778"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.3", "texte": "Spaß muß sein\n\nWir leben in der Krise. Duden: „Krise, Krisis (Ent-\nscheidung, Wendepunkt, Umschlag) w.\" Wenn man schon\nüber Worte hinwegsieht, sehr zum Nachteil der Worter und\ndes Sehens, so sollte man für Fremdwörter zweckmäßig\nwenigstens den Duden nachschlagen. Demnach leben wir also\nin der Entscheidung oder im Wendepunkt oder im Umschlag.\nUnd zwar weiblichen Geschlechts. Jetzt sieht die Krise ganz\nanders aus. Man konnte sich mit der Krise so schön alles\nausreden. Was auch geschieht, Schuld hat die Krise. Weib-\nlichen Geschlechts. Akademiker, Wirtschaftsführer und Schrift-\nsteller hatten sogar noch die vornehmere Form „Krisis\"\nzur Verfügung. Man konnte im Namen der Krise schlagen\n(Politik) oder unterschlagen (Wirtschaftsführung). Grund:\nKrise. Jetzt ist es plötzlich garnichts damit. Es ist nur eine\nganz simple Entscheidung. Vor der Krise brauchte man sich\nbekanntlich nicht zu entscheiden. Nun stellt sich heraus, daß\ndie Krise selbst nur eine Entscheidung ist. Oder man müßte\nsich auf den Wendepunkt retten. Geschieden muß sein oder\ngewendet muß sein. Zwar kann man Ehen nicht wenden und\nAnzüge nicht scheiden. Aber Entscheidung und Wendepunkt\nist beides nur Krise. Auch mit dem Umschlag männlichen\nGeschlechts kommt man wortwörtlich nicht viel weiter. Das\nWort erinnert zwar an die politische Tätigkeit des Schlagens.\nAber es ist doch nur die Krise. Laut Duden. Das Problem\nist bekanntlich, aus der Krise weiblichen Geschlechts heraus-\nzukommen. Das wäre denkbar. Aber wie kommt man aus\neiner Entscheidung heraus, ohne sich zu entscheiden. Oder\nwie fällt man von dem Wendepunkt herunter, ohne sich\nzu wenden. Oder was ist mit dem Umschlag, wenn etwa das\nWetter mit und ohne Krise sich den Umschlag sowieso leistet,\nWie entscheidet man sich also, ohne sich zu entscheiden. Und\nda es nur darauf ankommt, wird die Krise sich immer mehr\nzuspitzen, wie das Führer zu nennen pflegen. Sie treiben\nmit der Krise noch viel mehr. Sie bringen die Krise tagtäglich\nin eine zugespitzte Lage. Der Lage fällt das Zuspitzen sehr\nschwer, weil sie nämlich keine Spitze hat. Wenn man sich\nnoch die unglückliche zugespitzte Lage des Wendepunkts\nvorstellt, sogar sächlichen Geschlechts, was soll dann die\nKrise dazu sagen. Auch mit der zugespitzten Lage des Um-\nschlags sieht es. wacklig aus. Also wird weiter nichts übrig\nbleiben, als in der Krise zu bleiben. Bis man sich zu einet\nEntscheidung entschließt.\n79705«5 C'VpV _"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.4", "texte": "Tragischer sieht es mit dem zweiten Fremdwort Bolsche-\nwismus aus. Das ist nämlich im Duden noch garnicht über-\nsetzt. Also kann man sich darunter weiter vorstellen, was\neinem eben Spaß macht. Menschenfresserei. Perversität.\nWegnahme von Gegenständen des täglichen Bedarfs und\nVerteilung unter die Massen. Inzucht und Unzucht. Und in\ndieser Richtung, je nach Einbildungskraft. Das Wort heißt\nzwar nur „Mehrheitspartei\". Und Mehrheit ist bekanntlich\nDemokratie. Und Demokratie ist bekanntlich das Beste, was\nwir haben. Demokratie weiblichen Geschlechts. Heißt nach\nDuden „Volksherrschaft\". Worunter wieder Herrschaft über\ndas Volk zu verstehen ist. Volk ist bekantlich der größte\nTeil der Bevölkerung eines Landes, der nicht in der Lage, in\nder außerdem gegenwärtig zugespitzten Lage sich befindet,\nsich die Gegenstände des täglichen Bedarfs zu beschaffen.\nAlso alles in bester Ordnung. Der Unterschied zwischen\nBolschewismus und Demokratie ist, daß Bolschewismus Herr-\nschaft des Volkes und Demokratie trotz Duden Herrschaft\nüber das Volk ist.\nUeber Herrschaft ist man sich ja einig. Man darf zum\nBeispiel vorne heraufgehen. Hat Küche, Badezimmer und\nW.C. Hat einen Titel und ist Stand. Das hat man alles noch\nbei sich. Das Geld hat man wegen der Krise aus der herr-\nschaftlichen Wohnung entfernt. Und an einen sicherscheinen-\nden Ort gebracht. Allerdings nicht mehr auf eine Bank,\ndie jetzt ohne Propheten umstürzt. Die Händler haben sich\nrechtzeitig vor dem Umsturz in Sicherheit gebracht. Also\nauch hier ist alles in schönster Ordnung.\nSonst hat sich kaum etwas wesentliches ereignet. Die\nRegierungen der verschiedenen Länder geben es jetzt sogar\nauf, sich durch Frühstücke, Gemeinschaftsfrühstücke, ihren\nbetreffenden Völkern in Erinnerung zu bringen. Man wird\neben satt. Man bekommt sogar schließlich Genf satt. Und\nLausanne-Ouchy ist durch seine Töchterpensionate berühmt\ngenug. Theater, Kunst und Musik sind zeitgemäß: in der\nKrise. Man könnte etwa noch erwähnen, daß Ostern vor\nder Tür steht. Pfingsten hingegen noch im Hintergrund. Und\ndie nie dagewesenen Preissenkungen für das Weihnachtsge-\nschäft vorbereitet werden. Oder wie früher jemand sagte,\nwas man dichten nannte: man weiß nicht, was noch werden\nmag. Es muß sich alles wenden.\n\nHerwarth Walden"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.5", "texte": "Junger Abend\nGrete von Urbanitzky\n„Schau, Martha, das ist ja das Schöne an uns beiden, das\nHerrliche an unserer Freundschaft, daß wir beide das alles wissen.\nDaß du nicht so bist wie die andern Mädel, die von der ganzen\nScheußlichkeit des Lebens nichts wissen. Ich kenne keinen\nBurschen, mit dem ich so reden kann wie mit dir!\"\n„Wie herrlich still es wird. Das ist wirklich die schönste Stunde.\nMan möchte, daß es nur immer dunkler wird und niemals mehr\nMorgen.\" Ihre Augen wurden ganz schwarz.\n„Nie mehr Morgen. Ja, das wäre schön.\"\nEr lag nun ganz auf dem Rücken und sah hinauf in den\nHimmel, den der Abend in immer blasseren Farben malte.\n„Wenn man ein Baum wäre\", sagte er leise, „oder ein Vogel!\"\n„Nur kein Mensch!\"\n„Wenn wir Bäume wären, dann ständen wir vielleicht hier\nnebeneinander und dürften immer den Wolken zusehen.\"\n„Wir würden uns alles erzählen so wie jetzt.\" Ein hartes Auf-\nlachen: „Wahrscheinlich aber schönere Dingel\"\n„Es wäre ja nicht dieses schwarze Loch vor uns, als das mir alles\nweitere Leben immer vorkommt.\n„Hast du auch oft so Angst?\" Ihr Gesicht schien fast weiß und\ndurchsichtig in dem abendlichen Licht.\nEr nickte.\n„Alles, was uns erwartet, ist so häßlich und gemein. Mit jedem\nJahr werden wir tiefer hineinwachsen.\"\nSie fröstelten in der Kühle des Abends und unter ihren Worten.\nSie rückten enger aneinander.\n„Wenn man davonlaufen dürfte\", sagte er schwor.\n„Du meinst — ein Ende machen?\"\n„Ja, aber das darf ich nicht. Sonst erschlägt er sie wirklich. Es\nwird ja immer schlimmer. Und in ein paar Monaten ist das\nKind da. Dann komme ich aus der Lehre, — sie werden meinen\nVerdienst notwendig brauchen.\"\n„Auch ich habe schon daran gedacht, einfach Schluß zu machen\",\nsagte sie. „O ja, — oft schon. Es ist doch sinnlos, sich die kommen-\nden Jahre geschehen zu lassen, wenn man alles weiß. Man braucht\nnicht viel Mut dazu. Nur den Schlüssel zu Vaters Apotheke. Aber\nder Vater — ich habe ja die Mutter nicht gekannt. — Sie hat ihm\nsehr weh getan, sagen sie und sie starb fern von ihm irgendwo. Er\nhat nur mich! Er hat mich sehr lieb, — aber er spricht nicht davon.\nEr hat mir nie einen Kuß gegeben. — Als ich einmal sah, wie die\nGemüsefrau, die immer alles ins Spital bringt, ihrer kleinen Tochter\nso übers Haar fuhr, — da, — ich lief in mein Zimmer und weinte."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.6", "texte": "„Zu mir war auch niemand gut\", erzählte er fast unhörbar.\nAls ich klein war, ließen sie mich immer allein zu Hause, — sie\ngingen tanzen oder ins Wirtshaus. Und dann war immer Streit bei\nuns. Ich lief draußen herum, — ich hatte immer Angst vor dem\nDaheimsein.\"\n„Franz,\" sagte Martha, „darf ich meine Hand so einmal auf\ndeinen Kopf legen, ja? — Es ist so dunkel, und ich habe Angst\nvor allem.\"\n„Ich habe so abgearbeitete Hände, — von der Werkstatt,\nweißt du, — sonst möchte ich dir sehr gerne über die Haare\nstreicheln.\"\n„O, es macht nichts, — — aber deine Hand ist sehr gut, gar\nnicht hart. Wie dunkel es schon ist!\" —\n„Jetzt gehen die Bäume und alle Pflanzen schlafen. Komm,\nleg deinen Kopf an meine Schulter, — jetzt kann man glauben,\ndaß es nie mehr Morgen wird.\"\n„Daß alles nicht wahr ist, was wir wissen\", sagte sie leise, „daß\nwir ganz allein sind auf der Welt. — Wie gut das ist, wenn du mich\nso streichelst, — ich werde ganz müde und still.\"\n„Wie dein Herz klopft, — Martha! Wie das Herz eines Vogels\nist es.\"\n„Warum atmest du so?\"\n„Ich muß dich küssen, Martha!\"\n„Mich hat noch niemand geküßt — und niemand war so gut.\nKomm näher noch!\"\n„Bin ich dir nicht zu schwer? — Laß meine Hand so auf deinem\nHerzen, — wie es schlägt, — wie es schlägt! — Ich möchte jetzt ein-\nschlafen und nie mehr aufwachen.\"\n„Der Wald ist so schwer und so süß, wenn er dunkel wird,\n— ich sehe die Sterne über deinem Kopf.\" — —\n„Martha, — Martha — tue ich dir weh — du!\"\n„Nein, — ja, — du, küsse mich!\"\n\nUeberwindung\nKurt Heynicke\nImmer leiser\nwird die Last\nimmer heller\ndie Nacht.\nLetzte Laute\nentfliehen hinab\ndie Uhr schlägt Morgen.\nNur noch ein Tropfenfall\ndann Mittagsstille."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.7", "texte": "Krankheit tut not\n\nNur keine blühende Industrie vernichten. Menschen sind billiger\nals investiertes Kapital. Auch die Kranken ernähren viele\nExistenzen. Krankheiten müssen sein. Der Existenzen wegen. Der\nAerzte wegen. Der Apotheker wegen. Der pharmazeutischen In-\ndustrie wegen. Der Inserate wegen, damit die medizinische Fach-\npresse gut davon existieren kann. Es gibt sogar Krankheiten, die\nden schlichten, bescheidenen Unternehmergewinn zu soliden Finanz-\nkapitalien akkumulieren. Zum Beispiel die Tuberkulose. Man kann\nsie jahrelang und noch länger haben. Man kann sie teuer und\nteurer behandeln. Man heilt sie angeblich mit guter Luft und guter\nErnährung. Etwas, was sich 950/0 der Menschen nicht leisten können.\nAußerdem wird die Krankheit nicht davon geheilt. Aber sie bringt\nGeld unter die Leute, die eine Heilung auf diese Weise vortäuschen\nund sich davon gesund machen. Aber eigentlich geschieht in den\nHeilstätten und in den Sanatorien gar nicht viel mehr, als daß\ndas kranke Leben verlängert wird. Die Krankheit schreitet un-\nbarmherzig fort Die Tuberkelbazillen interessieren sich nicht für\ngute Luft. Sie leben in Beelitz, in Davos und in Assuan ruhig weiter.\nUnd verbreiten sich und vernichten langsam und schneller das\nLeben. Einige Milliarden investiertes Kapital dürfen nicht ver-\nnichtet werden. Und gibt es ein größeres Verbrechen, als ein vor-\nhandenes seuchenvernichtendes Mittel nicht anzuwenden, nur weil\ndie Tuberkulose-Industrie gerettet werden muß. Zwar ist das Mittel\nin zahlreichen Ländern mit absolutem Erfolg angewandt worden.\nMit absolutem Erfolg, wenn es rechtzeitig gegeben wird. Auch in\nDeutschland. Hier aber am wenigsten. Vielleicht, weil sein Er-\nfinder ein Deutscher ist. Vermutlich würden selbst die Wohl-\nhabenden es vorziehen, mit einer Injektion oder wenigen harm-\nlosen Impfungen gesund zu werden, als sich durch viele Jahre\nkrank in besseren Gegenden in der Schweiz oder in Aegypten auf-\nzuhalten. Dem kranken Proletarier glückt es höchstens, an eine\nHeilstätte verschickt zu werden und fern vom Leben und von der\nFamilie das Ende früher oder später abzuwarten. Warum wird das\nFriedmann-Mittel nicht angewandt? Warum verschweigt man es\nden. Kranken? Wie ist es menschenmöglich oder auch nur zu ver-\nstehen, daß zahlreiche Fachärzte und Heilstätten-Aerzte sich nicht\neinmal dafür interessieren? Sich damit beruhigen, daß irgend-\nwelche Aerzte theoretisch den Erfolg bezweifeln, ohne je eigene\nklinische Erfahrungen damit gemacht zu haben? Aber mit dem\nCalmetfe-Mittel wird das Proletariat gefüttert. Mit dem Original-\nCalmette-Mittel, das nachweisbar viele' Todesfälle vorher ganz ge-\nsunder Kinder in allen Ländern herbeigeführt hat. Herr Calmette,\nselbst von großen Tageszeitungen aufgefordert, stellt sich der\nOeffentlichkeit nicht. Er beruft sich einfach auf Sachverständige"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.8", "texte": "für die Unschädlichkeit, nicht etwa für die Wirksamkeit seines\nMittels, Auf deutsche Sachverständige in hohen Stellungen. Nämlich\nauf Herrn Professor Dr. Neufeld, den Direktor des Instituts für\nInfektionskrankheiten Robert Koch, und auf Herrn Professor Dr.\nKolle, den Direktor des Instituts für experimentelle Therapie in\nFrankfurt a. Main. Beide Herren haben sich zwar nie an Menschen\nmit dem Friedmann-Mittel beschäftigt, aber gegen es gezeugt. Das\nReichsgericht hat bereits im Jahre 1923 die Sachverständigen-Gut-\nachten dieser beiden Herren in einem Prozeß gegen einen Plagiator des\nFriedmann-Mittels nicht gegen Friedmann gewertet, wie es ge-\nmeint war, aber für Friedmann. Das sind die beiden Zeugen, die\nfür Herrn Calmette in den Tod der Kinder gehen. Die Wissen-\nschaft muß gerettet werden. Autoritäten haben eben recht zu haben.\nWozu wären sonst Autoritäten vorhanden. Der Lübecker Prozeß\nist allmählich so wissenschaftlich geworden, daß die Sachverständi-\ngen sich gegenseitig alle autoritativen Fähigkeiten negieren. Be-\nstehen bleibt, daß sie alle Autoritäten sind. Äußer den Kindern\nwollte man eigentlich nur noch eine unglückliche Schwester opfern.\nDiese Dame soll nicht so sauber gewesen sein, wie es giftige\nCalmette-Tuberkelbazillen zu verlangen haben. Herr Calmette hat\nPech. Immer scheinen sich bei der Anwendung seines Mittels\nunreine Schwestern in die reinen Kulturen zu mischen. Die Wissen-\nschaft ist in Vornehmheit erstarrt. Man muß sie daher zu dem\netwas unvornehmen Leben aufrütteln. Denn darauf kommt es für\ndie vornehmen und unvornehmen Kranken an. Wissenschaft an\nsich als Selbstzweck ist grober Unfug.\n\nHerwarth Walden\n\nDer Streit um das Friedmann-Mittel\nEin abgelehnter Schlichtungsvorschlag\nAnläßlich des Calmette-Prozesses ist auch der jahrelange Streit\num das Tuberkulose-Mittel des Professor Friedmann aufs neue\nentbrannt. Die BZ am Mittag hat in einem Artikel „Die besiegte\nTuberkulose\" (Nr. 238 v. 12. Sept. 1931) auf die schwere Be-\nunruhigung hingewiesen, die dieser Kampf im großen Publikum\nimmer wieder verursacht und hat gefordert, daß jetzt endlich\nzumindest diejenige Seite der Frage durch eine neutrale Instanz\nendgültig geklärt werde, die keinerlei medizinisches\nFachwissen erfordert. Es handelt sich um die von Fried-\nmann immer wieder vor der breitesten Oeffentlichkeit erhobenen"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.9", "texte": "Vorwürfe, daß man sein Mittel totschweige, daß man es aus\neigennützigen Gründen von einer Diskussion in der Fachpresse aus-\nschließe, daß ein „verwerflicher Boykott\" die Ausrottung der\nTuberkulose in Deutschland verhindere.\n„Die Internationale Anti-Tuberkulose-Liga Sektion Deutschland,\ndie sich für das Friedmannsche Mittel einsetzt, hat unsere An-\nregung aufgegriffen und der „Vereinigung der medizinischen Fach-\npresse\" und dem „Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der\nTuberkulose\", gegen die sich Friedmanns Vorwürfe in erster Linie\nrichten, den Vorschlag gemacht, gemeinsam dem „Reichsverband\nder Deutschen Presse\" diejenigen Streitpunkte zu unterbreiten, die\nsich auf die von Professor Friedmann behaupteten Tatsachen des\n„Totschweigens\" und des Boykotts durch die Fachpresse beziehen.\nBedauerlicherweise haben die beiden genannten Organisationen\ndiesen Vorschlag abgelehnt.\nEs bleibt also nach wie vor der unhaltbare Zustand bestehen,\ndaß ein Professor der Berliner Universität in aller Oeffentlichkeit\nschwerwiegende Vorwürfe gegen einen Teil der Aerzteschaft und\nihrer Fachpresse erhebt, ohne daß die Angegriffenen es für nötig\nhalten, diejenigen Schritte zu unternehmen, die allein geeignet\nwären, diese Vorwürfe zu entkräften. C.Z. Klötzel\"\nDas steht zu lesen in der BZ am Mittag vom 9. Dezember 1931.\nDie neutrale Instanz sollte eine Frage klären, die keinerlei medi-\nzinisches Fachwissen erfordert. Weiter hatte auch die Internationale\nAnti-Tuberkulose-Liga Sektion Deutschland nichts von den beiden\ngenannten Institutionen gefordert. Hierauf antwortete die Ver-\neinigung der Deutschen Medizinischen Fachpresse, daß sie „ein\nForum von nichtärztlichen Pressevertretern nicht als schiedsrichter-\nliche Instanz in einer Sadie anerkenne, zu deren gerechter Grün-\ndung medizinisch-wissenschaftliches Urteilsvermögen unerläßliche\nVorbedingung ist\". Also nur das „medizinisch-wissenschaftliche Ur-\nteilsvermögen\" vermag Vorwürfe des Boykotts, des Eigen-\nnutzes und des Totschweigens gerecht zu würdigen. Es\nwäre daher zweckmäßig, in Zukunft die Presse und die Gerichte nur\nmit Mitgliedern der Vereinigung der Deutschen Medizinischen Fach-\npresse zu besetzen. Sie nur sind in der Lage, über solche Dinge zu\nurteilen. Vorausgesetzt natürlich, daß sie den Nachweis des me-\ndizinisch-wissenschaftlichen Vermögens erbringen. Dazu scheint die\ngeeignete neutrale Instanz wieder die Vereinigung der Deutschen"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.10", "texte": "Medizinischen Fachpresse zu sein. So daß erhebliche wesentliche\nmenschliche Angelegenheiten eigentlich ganz unter sich zu erledigen\nsind und man daher auf die komplizierten Einrichtungen von\nPresse und Gerichten verzichten kann. Durch dieses Vermögen\nder Vereinigung werden erhebliche Teile des Volksvermögens ge-\nspart. Durch eine schlichte Notverordnung könnte diese neue me-\ndizinische Erkenntnis holde Wirklichkeit werden.\nDas Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose\nantwortete nicht ganz so medizinisch-wissenschaftlich. Die Herren\nschrieben der Liga: „Auch die Unterstellung, als Repräsentantin\neiner Friedmann-gegnerischen Strömung zu gelten, weisen wir zurück.\nWir standen stets und stehen auch heute auf einem überparteilichen\nStandpunkt.\" Grade das Ueberparteiliche wird bestritten. Daher\nerklärt sich das Zentralkomitee persönlich für überparteilich. Man\nhat es eben zu glauben. Warum sollen nicht auch Aerzte einmal mit\ndem Glauben operieren. Mehr als Sterben kann man auch bei einer\nschlechten Operation nicht. Das Zentralkomitee stand und steht\nauf einem Standpunkt. Man soll nicht auf einem Punkt stehen.\nEs ist sogar gefährlich, auf einem Punkt zu stehen. Man muß sich\nauf einem Punkt zu sehr vorsehen. Vor dem Herunterfallen. Oder\nwenn man schon nicht herunterfällt, ist es medizinisch-wissenschaft-\nlich nicht zweckmäßig, sich nicht zu bewegen. Ohne Bewegung geht\nes nun einmal nicht. Außer beim medizinisch-wissenschaftlichen\nTod. Ohne Bewegung kein Leben. Leben ist Bewegung. Das dürfte\nselbst das Zentralkomitee nicht bestreiten. Als überparteilicher Re-\npräsentant dieser Erde. Aber wenn Leute oder Herren partout auf\neinem Punkt stehen bleiben wollen, muß man sie auf ihre eigne\nwerte Gefahr stehen lassen. Man kann sich nämlich auch um einen\nPunkt herumbewegen. Durch dieses Bewegen um den Punkt wird\nder Stand gefährdet und sogar gefährlich. Auch ein Punkt bietet\nkeine Sicherung für Unsterblichkeit. Und wenn man gar die Tuber-\nkulose bekämpfen will, wenn auch in der schlichten Form eines\nZentralkomitees, sollte man im Kampf nicht stehen bleiben. Sonst\nbefindet man sich plötzlich aber vergnügt in der Etappe oder man\nwird erschossen. Auch zum Kampf gegen die Tuberkulose scheint\nder Angriff die beste Waffe zu sein. Auf überparteiliche Mittel\nreagieren die Bazillen nicht. Das Friedmann-Mittel ist ihnen un-\nbequemer, den Herren vom Zentralkomitee auch. Wesentlich ist\nnicht das Zentralkomitee, aber die Bekämpfung der Tuberkulose.\nDas sollen auch diese beiden genannten Institutionen nicht mehr ver-\nhindern können."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "9", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.11", "texte": "Krüppel\nHans Würtz\nWill der Botaniker mit seinen Feststellungen etwas über das\nWesen der Pflanzenseele aussagen? Den Botaniker interessleren\nnur die spezifischen Funktionszusammenhänge, die er mit Fach-\nnamen belegt, die, wenn sie das Seelenleben gleichnishaft andeuten\ndoch keine weltanschauliche Verbindlichkeit in sich schließen.\nDemgemäß muß der Krüppelpsychologe feststellen, daß auch die\nKrüppelseele besonders empfindlich ist für alles, was den Krüppel\nim Vergleich mit den Gesunden im Urteil der Menge herabsetzt\noder herabsetzen könnte.\nSo wenig wie der Botaniker mit seiner Feststellung der be-\nsonderen Sensibilität des Gewebes der Mimose ein Dogma über\ndie Pflanzenseele aussprechen will, so wenig liegt es in der Ab-\nsicht des Krüppelpsychologen, einen Lehrsatz über die Krüppelseele\nzu äußern, wenn er die besondere Empfindsamkeit des Krüppels\nin seinem Vergleich mit den Gesunden meldet.\nDer Krüppelforscher wird aber noch viel bewußter vorschnelle\nVerallgemeinerungen meiden müssen, als der Pflanzenforscher. Der\nBotaniker urteilt nach äußeren Merkmalen und faßt regelmäßige\nReaktionserscheinungen unter einem Generalnenner zusammen. Der\nKrüppel aber als persönlich beseelter Mensch ist nicht zu schema-\ntisieren und schwer zu diagnostizieren. In ihm kreuzen sich Linien\nder körperlichen Verfassung, aus ererbter Veranlagung und aus\nUmwelteinflüssen.\nFür die krüppelpsychologische Beurteilung ist von entscheiden-\nder Bedeutung die Selbstwertung des Gebrechens oder der Ent-\nstellung. Je mehr das Selbsterlebnis des Leibes im Mittelpunkt\ndes Selbstbewußtseins steht, um so schärfer und stärker wird die\nkrüppelpsychische Ausprägung der Persönlichkeit sein.\nDas Krüppelleiden beeinflußt bei vielen Gebrechlichen das\nInnenleben so entscheidend, daß berechtigt von Schulbeispielen der\nKrüppelseelenkunde gesprochen werden kann. Ein aufschlußreiches\nBeispiel ist Lord Byron, der in jeder Lebenslage und in jedem\nLebensalter die Tragik seines Klumpfußes empfindet.\nSo schreibt Hermann Sinsheimer, Berlin in der Betrachtung\nüber einen zeitgenössischen bedeutenden aber körperlich kleinen\nParteipolitiker: „Kleine Menschen lieben es oft, das Uebermaß\nund das Unmäßige zu sehen und gelten zu lassen. Was organisch\nzwischen diesem und ihrer eigenen Kleinheit liegt, das überspringen\nsie. Sie überspringen damit ihre eigene Sphäre und alles, was\ngeistiger Widerstand heißt und Entwicklung bedeutet. Das scheint\nihnen königlich und majestätisch zu sein, sie sind wie die Heu-\nschrecken.\" (Berliner Tageblatt vom 9.4.1931.)"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "10", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.12", "texte": "Diese Bekenntnisse oder diese Ansicht bestätigt der ehemalige\nBotschafter Lord D'Abernon in seinen „Erinnerungen über den\n,kleinen Poincare'\": „Stämmig, konzentriert, von peinlicher Prä-\nzision, fehlt ihm jeder Zauber, jede Eleganz, jede literarische\nSpiegelung des Asketen, aber dafür besitzt er in hohem Maße die\nbesondere Stärke und Zähigkeit, die den Menschen eigen ist, die\nunter Durchschnittsgröße sind.\"\nIst es Zufall oder spricht sich darin eine Gesetzmäßigkeit aus,\ndaß sich willensstarke Krüppel und begabte Psychopathen oft zu\neiner Art Symbiose zusammenfinden.\nIst es nicht, als ob sich die Labilität des Psychopathen an dem\nWillenstrotz des Krüppels zu kompensieren trachtet?\nIn den Gestalten der gebrechlichen Welteroberer und der\nAgitation scheint sich anzudeuten, daß in Entscheidungszeiten der\nWillenstrotz des Krüppels leicht in politischen Fanatismus umschlägt.\nAuch das Zeitalter der großen französischen Revolution stellt\nden Krüppel an die Front: Mirabeau, Danton, Marat, Couthon\nund Robespierre. Der Testamentsvollstrecker dieser Revolution, der\nMißwuchskrüppel Napoleon, hat zur Seite den körperlich anormalen\nFouche und den klumpfüßigen Tallerand.\n\nErinnerung\nAugust Stramm\nWelten schweigen aus mir raus\nWelten Welten\nSchwarz und fahl und licht!\nLicht im Licht!\nGlühen Flackern Lodern\nWeben Schweben Leben\nNahen Schreiten\nSchreiten\nAll die weh verklungenen Wünsche\nAll die harb zerrungenen Tränen\nAll die barsch verlachten Aengste\nAll die kalt erstickten Gluten\nDurch den Siedstrom meines Blutes\nDurch das Brennen meiner Sehnen\nDurch die Lohe der Gedanken\nStürmen stürmen\nBogen bahnen\nRegen wegen\nDir\nDen Weg\nDen Weg\nDen Weg\nZu mir!\nDir\nDen Weg\nDen ichumbrausten\nDir\nDen Weg\nDen Daumträumten\nDir\nDen Weg\nDen flammenzerrissenen\nDir\nDen Weg\nDen unbegangenen\nNie\nGefundenen Weg\nZu\nMir!"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "11", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.13", "texte": "Raummangel\n\nDer Arzt draußen am Krankenbett, wer kümmert sich um ihn\nDer Arzt drinnen in der Redaktion der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift So lieb kann ein Redakteur sein. Ein ärztlicher Re-\ndakteur. Natürlich ein ärztlicher Redakteur in Berlin. Der\ndrinnen in der Berliner Luft lebt. Und dem Arzt da\ndraußen in der Provinz, das heißt auf der bewohnten\nErde außerhalb Berlins, am Krankenbett hilft. Aller Aerzte Augen\nsind auf ihn gerichtet, den Redakteur der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift. Er kann nicht umhin. Er kann erst auf Grund reich-\nlicher Erfahrungen den Arzt draußen veranlassen, sich einer be-\nstimmten therapeutischen Methode zu bedienen. Besonders bei „spe-\nzifischen Behandlungsverfahren\". Auch die allgemeine Behandlung\nist von dem Redakteur der Deutschen Medizinischen Wochenschrift\nabhängig, wie man nun weiß. Aber so allgemein ein bißchen herum-\ndoktern, wird draußen gestattet. Tritt aber ein spezifisches Gewicht\nhinzu. Vielleicht sogar eine spezifische Bedeutung. Also schreibt\nHerr Professor Dr. R. v. d. Velden, Redakteur der Deutschen Me-\ndizinischen Wochenschrift, an den Arzt da draußen: „Sehr geehrter\nHerr Kollege, da Sie, wie ich aus Ihrem Brief entnehme, von der\nAblehnung einer sogenannten Friedmann-Arbeit durch uns gehört\nhaben, werden Sie wohl doch auch darüber Nachricht erhalten\nhaben, warum ich diese Arbeit ablehne.\" Jetzt kommt das „Wohl\ndoch auch darüber\": „Es ist derselbe Grund, der mich veranlaßt,\nIhnen noch bevor Sie mir das Manuskript freundlicherweise zur\nEinsicht überlassen haben, mitzuteilen, daß wir bei diesem spe-\nzifischen Behandlungsverfahren bestrebt sind — und das gilt selbst-\nverständlich für alle therapeutischen Maßnahmen — den Arzt\ndraußen am Krankenbett erst auf Grund reichlicher Erfahrung\nzu veranlassen, sich einer bestimmten therapeutischen Methode\nzu bedienen.\" Erscheint also eine Arbeit auf Grund reichlicher Er-\nfahrungen in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift, so sind\nhierdurch die Aerzte da draußen veranlaßt, sich dieser Methode\nzu bedienen. Diese reichlichen Erfahrungen können andererseits\naber nicht übermittelt werden. Den Leuten da draußen. Denn:\n„Andererseits haben wir natürlich in einer Wochenschrift nicht die\ny0\nMöglichkeit, große Krankengeschichten und die ganzen Grundlagen,\ndie bei jeder wissenschaftlich und praktisch erprobten Therapie\nvoraufgehen müssen, zu publizieren.\" Was machen nun die Aerzte\nda draußen, in ihrer Verzweiflung, am Krankenbett, wenn sie sich\ndoch zu irgendetwas entschließen müssen. Schließlich muß mit dem\nKranken doch etwas geschehen. Allgemein. Oder spezifisch. Oder\ndoch wenigstens Therapie. Jedenfalls kann der Arzt da draußen\nauf den Bezug der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ver-"}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "12", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.14", "texte": "ziehten, denn er erfährt von ihr nur, daß er spezifische - Behand-\nlungsverfahren nicht zu verwenden hat. Weil man andererseits in\nder Deutschen Medizinischen Wochenschrift dafür keinen Platz hat:\n„Dazu sind die Archive da. Wenn die Autoren bei uns etwas\npublizieren, dann müssen sie sich stützen auf Dinge, die in Archiven\nniedergelegt sind. Oder sie beziehen sich auf andere Arbeiten, die\nda und dort eingesehen werden können. Ich darf Sie also bitten,\nmir Ihr Manuskript zur Einsicht freundlichst zu übersenden und\nbetone nochmals, daß ich bei dem Herrn Kollegen deswegen einen\nablehnenden Standpunkt eingenommen habe, weil die Art seiner\nDarstellung in dieser Form nicht so überzeugend wirkte, daß ich\nbei meiner Verantwortung als Schriftleiter und Klinikdirektor dem\nArzt diese Empfehlung in dieser Ausführung in die Hand geben\nkönnte.\" Das nenne ich Verantwortungsgefühl. Man wird doch den\närztlichen Kindern da draußen nicht Behandlungsverfahren in die\nHand geben. Man weiß doch, wie Kinder sind. Man gibt ihnen etwas\nin die Hand und schon ist womöglich das Unglück der Heilung da.\nOhne daß es den Redakteur der Deutschen Medizinischen Wochen-\nschrift in dieser Form überzeugt hat.\nDiese Antwort des Redakteurs der D.M.W, erhielt „mit kolle-\ngialer Hochachtung\" ein nicht redigierender ärztlicher Kollege auf\nfolgende Anfrage:\nHerrn Prof. v. d. Velden,\nViktoria-Luise-Platz 1\nBerlin\nSehr geehrter Herr Professor!\nDarf ich mir, bevor ich Ihnen mein kurzes Manuskript einsende,\ndie höfliche Anfrage erlauben, ob Sie einen summarischen Bericht\nmit einigen kurzen, typischen Krankengeschichten über meine jahre-\nlangen, günstigen Erfahrungen mit dem Friedmann-Mittel annehmen\nund baldmöglichst in Ihrem geschätzten Blatte veröffentlichen\nwürden. Die betreffenden Fälle sind vorher meist lange Zeit in\nunseren Sanatorien und Universitätskliniken von namhaften Spezia-\nlisten und Professoren diagnostiziert und erfolglos behandelt worden,\ndoch würde ich die betreffenden Namen aus kollegialer Loyalität\nin meinem Artikel nicht anführen. Da sich jetzt eine immer größere\nZahl von Schweizer Kollegen und zwar, wie ich von diesen höre>\nerfolgreich mit der Friedmann-Methode befaßt, so hoffe ich, daß Sie\ndiesen meinen Erfahrungen mit dem uns aus Deutschland darge-\nbrachten Heilmittel Raum in Ihrer geschätzten D.M.W, geben\nwerden. Mein rein sachlicher Aufsatz wird den Umfang einer\nDruckspalte kaum überschreiten.\nWenn mir auch ein Schweizer Kollege mitteilte, daß Sie eine\nArbeit über durch Calmette-Impfung tuberkulös gemachte und dann\ndurch eine Friedmann-Injektion geheilte Kinder abgelehnt haben,\nso glaube ich doch, daß Sie meinen Artikel, der nur reine Fried-1\nmannresultate enthält, bringen werden."}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "13", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.15", "texte": "Aus dieser Anfrage ist auch ersichtlich, welcher Aufsatz und\nmit welchem Inhalt eine „sogenannte Friedmann-Arbeit\" des Schwei-\nzer Arztes von der Deutschen Medizinischen Wochenschrift ab-\ngelehnt wurde.\nDer Papa Redakteur bekommt also das Manuskript. Mit allen\ngewünschten reichlichen Erfahrungen und Archivhinweisen. Vier\nWochen später ist dieses Manuskript bereits wieder im Besitz des\nHerrn Kollegen da draußen, nicht ohne folgendes Schreiben: „Sehr\ngeehrter Herr Kollege, die uns freundlichst eingereichte Arbeit\nmüssen wir zu unserem Bedauern unter Bezugnahme auf unser\nSchreiben zurücksenden. Außerdem sind wir auch augenblicklich\nderart mit Material versehen und müssen unseren vielfachen Ver-\npflichtungen nachzukommen suchen, daß wir die Annahme neuer\nAufsätze einzuschränken gezwungen sind.\" Nichts mehr von Archiven.\nNichts mehr von reichlichen Erfahrungen. Der Herr Redakteur muß\nvielmehr seinen vielfachen Verpflichtungen nachzukommen suchen.\nDas Material hat sich nämlich fantastisch gehäuft. Am 24. September\nbittet er mit kollegialer Hochachtung, das Manuskript zur Einsicht\nfreundlichst zu übersenden. Am 28. September hat er freundlichst\ndas Manuskript. Und in diesen vier Tagen war die Hölle los.\nLagerräume mußten gemietet werden. Alle Aerzte der Welt, die\nirgend etwas allgemeines oder spezifisches auf dem Herzen hatten,\noder in die Hand nehmen wollten, natürlich nur mit Erlaubnis der\nDeutschen Medizinischen Wochenschrift, alle diese Aerzte da draußen\nschickten in diesen vier Tagen freundlichst ihre Manuskripte ein.\nDarauf war der Herr Redakteur natürlich nicht gefaßt. Er konnte\ngamicht darauf gefaßt sein. Sonst hätte er sich doch über die so-\ngenannte Friedmann-Arbeit nicht andererseits eigentlich doch wohl\nauch darüber ein Manuskript zur Einsicht bestellt. Schade. Um die\nKranken. Doch die Erde ist groß. Es soll sogar die Möglichkeit\ngeben, Dinge zu veröffentlichen, die der Deutschen Medizinischen\nWochenschrift nicht genehm sind. Ich z. B. gestatte mir das hiermit.\nIch veröffentliche den abgelehnten Essay von Dr. E. Fröhlich-Vogel.\nIch werde mir auch weiter gestatten, den Aerzten da draußen am\nKrankenbett das zu lesen zu geben, was ihnen hochwohllöbliche,\nsich selbst vorsetzende Redaktionsbehörden ihnen nicht in die\nHand geben wollen. Das wird bestimmt allgemein und spezifisch\ntherapeutisch auf verschiedene Fachzeitschriften wirken.\n\nH. W.\n\nZWEITES HEFT: VOLARE NECESSE EST"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "14", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.16", "texte": "Friedmann-Mittel und Tuberkulose\nDr. med. Hermann Engels/ Röntgenfacharzt/ Berlin\n\n1. Röntgenologische Erfahrungen\nDer Röntgenologe hat es bei der Deutung der Befunde oft\nschwer, seine Auffassung für die klinische Beurteilung von Krank-\nheitsfällen zur Anerkennung zu bringen» Er kann sich leicht den\nVorwurf der Einseitigkeit zuziehen, wenn er nicht Krankengeschichte\nund objektiv Nachweisbares einrechnet. Ich fühle mich aber zu\nfolgenden Betrachtungen vom Röntgenzimmer aus besonders des-\nwegen berechtigt, weil gerade bei der Tuberkulose der Röntgen-\nbefund die Haupthandhabe gibt, Sitz, Ausbreitung und Charakter\nder Erkrankung zu erkennen. — Man hat bei der Tuberkulose\ndie Röntgenuntersuchung richtig die wichtigste\nSchlüsselmethode genannt. Nur darf man nichts unkritisch\nauswerten, sonst kommt man leicht in die Gefahr von Fehl-\nschlüssen. Hat man aber Erfahrungen gesammelt, kann man auf\nkeine andere Weise sich so klar den Krankheitsverlauf vor- und\ndarstellen, wie durch Röntgenen. — Durch Vergleichsuntersuchungen\nzu verschiedenen Zeiten kann man die Vorgänge an den kranken\nOrganen sichtbar machen, Umwandlungen klarlegen. Das Wichtige\nbei einer Krankheit ist doch ihr Verlauf, nicht nur der augenblick-\nliche Befund. Man hat bei Serienuntersuchungen die früheren Bilder\ndokumentarisch zum Vergleich neben den gegenwärtigen und kann\nso die Veränderungen erkennen, die die Krankheit setzt oder in\nihrem Wesen erfährt.\nBerechtigt mich also mein Sonderfach schon zu einer Stellung-\nnahme auf dem Tuberkulosegebiet, so erst recht meine nunmehr\ndreizehnjährige tägliche Beschäftigung mit der Friedmann-Methode\nzu einem Urteil über den Wert des Friedmann-Mittels. In den\nersten Jahren durch selbstausgeführte Kuren, dann in röntgeno-\nlogischen Serienbeobachtungen, sammelte ich Erfahrungen und Ma-\nterial, die mich zu einem überzeugten Anhänger des Mittels gemacht\nhaben. Viele tausende — ich schätze 10000 Aufnahmen — sind\ndurch meine Hände gegangen. Viele davon zeigen mir denselben\nFall in seinem Verlauf über Jahre hin. Geht man giit offenen\nAugen heran, so muß man sagen, daß die Erfolge so überraschend\nsind, wie ich sie mit anderen Kuren in diesem Ausmaß nie gesehen\nhabe. Und ich bin 32 Jahre Arzt! Nicht nur, daß sich die subjektiven\nErscheinungen oft schlagartig wandeln, auch das objektiv Nachweis-\nbare wird durch das Mittel sichtbar so schnell günstig beeinflußt»\ndaß man auf höchste Wirksamkeit schließen muß. Ich habe eine\ngroße Zahl von Fällen heilen sehen, bei denen Heilung überhaupt\nnicht zu erwarten war. Ich kann diese meine Auffassung durch viele\nBilder einwandfrei auch klinisch bestätigter Tuberkulose belegen,"}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "15", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.17", "texte": "habe einen kleinen Teil davon als Musterbeispiele zusammenge-\nstellt. — Leider haben alle führenden deutschen Wo-\nchenschriften und Tuberkulose-Zeitschriften diese\nstreng wissenschaftlich-sachliche Arbeit abgelehnt\nmit der Begründung, daß die Veröffentlichung mit 54 Röntgen-\nbildern technisch eine Unmöglichkeit sei. Ich habe gerade mit diesen\nSerienbildern lückenlose Beweise erbracht!\nFür die Leser dieser Zeitschrift möchte ich aus meiner Arbeit\nein paar Beispiele herausgreifen, um schon daran zu zeigen, was\ndas Friedmann-Mittel leistet, was man vom Friedmann-Mittel ge-\ntrost erwarten darf.\nBei der Lungentuberkulose gibt nichts so klar über die ana-\ntomischen Verhältnisse in dem kranken Organ, über Lokalisation,\nAusdehnung und Wesen der Erkrankung eine Vorstellung wie das\nRöntgenbild. Man muß aber selbstkritisch sein. Nicht alles, was\nman Krankhaftes sieht, ist Tuberkulose. Leider kann man auch nicht\nimmer sogleich alles Tuberkulöse sehen. Weitere Betrachtungen\nwürden hier zu weit führen.\nDie frische Lungentuberkulose zeigt sich in zarten Aus-\nschwitzungen, Schwellung der zu dem betroffenen Gebiet gehörigen\nDrüsen. In günstigen oder günstig beeinflußten Fällen kommt es\ndann zu reaktiven Heilvorgängen, zu Bindegewebswucherungen um\ndie Tuberkel. Was zuerst weich auf dem Röntgenbild aussieht,\nwird dann härter, absorbiert mehr Röntgenstrahlen. In der Nach-\nbarschaft bilden sich bindegewebige Stränge, Schrumpfung, Ver-\nnarbung. Das gerade wollen wir erreichen, und ich muß sagen,\ndaß das Friedmann-Mittel der Weg dazu ist. Diese auch spontan\nzuweilen mögliche Form günstigen Krankheitsverlaufs wird durch\ndas Friedmann-Mittel in Anfangsfällen fast zur Regel. Der natür-\nliche gute Ablauf der Krankheit wird unterstützt und beschleunigt,\neinem ungünstigen Ablauf der Weg versperrt.\nDer ungünstige Verlauf zeigt sich in Zerfall der betroffenen\nLungenteile, in Bildung von Hohlräumen (Kavernen), die dann\nlange Depots für Streuung des Krankheitsstoffes sind. Zum Schaden\ndes Krankheitsträgers, da die Lungen sich stets von neuem aus\ndiesen Depots infizieren können, durch Bazillenaushusten zum Schaden\nauch für die Umwelt. Diesen bösen Verlauf verhütet und bremst\ndas Friedmann-Mittel. Ich habe 1924 in der Münchener Medi-\nzinischen Wochenschrift bereits nachgewiesen, wie der Krankheits-\ncharakter umgestimmt wird, wie der günstige Weg der Verschwielung\nangebahnt wird. Wenn die Krankheit Neigung zum ungünstigen\nVerlauf des Zerfalls und der Aussaat hat, und weiter: ist es zum\nZerfall gekommen, so sieht man unter dem Mittel die Zerfalls-\nhöhlen ohne Lufteinfüllung (Pneumothorax), ohne Nervenschnitt\nund ohne Plastik schwinden. Größte Hohlräume veröden restlos,"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "16", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.18", "texte": "auch, in diesem schweren Stadium gelingt oft noch völlige Heilung.\n— Das Mittel ändert eben den Charakter der Krankheit. Ich bin\nunter diesen Erfahrungen zu einem eifrigen Verfechter der Fried-\nmann-Methode geworden.\nIm Gegensatz zu der verhältnismäßig mehr oder weniger schnell\nablaufenden Lungentuberkulose mit ihren bunten, oft rasch wech-\nselnden Bildern zeigt der Knochen bei der Tuberkulose-Erkrankung\nmehr chronische Entzündungsformen. Die Änfangsherde sitzen meist\nin der Gegend der Gelenke — bedingt durch die Blutgefäßverteilung\nim Knochen. So ist bei Einschmelzung des Herdes ein Durchbruch\nins Gelenk, eine sekundäre Gelenkerkrankung und damit wieder\neine Äffektion der Nachbarknochen zu befürchten. Monate dauert\nes oft, bis man selbst röntgenologisch die Tuberkulose-Infektion\nam Knochen beweisen kann. Kommt es dann zum Zerfall, zur\nVerkäsung und Wucherungen, so fehlen leider meist heilsam\nabgrenzende Knochen- und Knochenhautprodukte, weil das Er-\nweichungsmaterial zu giftig ist. Die Ursprungsherde liegen meist im\nwachsenden, weniger im ausgewachsenen Knochenteil. Die Um-\ngebung wird kalkarm, lichtdurchlässig. Der Herd selbst hat stets\nNeigung zur Erweichung. Er will sich ausstoßen, es bilden sich\nAbscesse und Fisteln. Die gesunde Umgebung kann eine Verdich-\ntungszone bilden, sich günstigenfalls abschließen. Die Knochenzer-\nstörung heilt dann mit verbildenden Produkten am Knochen und\nmit bindegewebigen und knöchernen Versteifungen. Gerade bei\nder Knochentuberkulose bringt das Friedmann-Mittel erstaunlich\nschnelle Heilung. Fisteln schließen sich bald, nachdem eine Aus-\nstoßung des kranken Materials beschleunigt erfolgt ist. Es bilden\nsich Knochennarben — oft sieht man dem Knochen später die\nKrankheit nicht mehr an. Ich habe hilflose Menschen, die am-\nputiert werden sollten, in kürzester Zeit unter Erhaltung ihrer\nGlieder zu Gesunden werden sehen. Vor allem viel schneller, als\nbei der jetzt sich allgemein durchsetzenden konservativen Knochen-\nbehandlung.\nIch will das Gesagte kurz mit einigen Krankheitsgeschichten\nbelegen. Zunächst nur aus der Lungen-Röntgenologie. Gerade bei\nden Lungen werden Erfolge, wie ich sie bringe, als überhaupt\nmöglich zumeist angezweifelt oder bestritten. Der Wert des Fried-\nmann-Mittels bei der Knochentuberkulose ist viel weniger umkämpft,\nwird schon weit eher anerkannt. Ich habe derartig viel Beispiele\nund Erfahrungen gesammelt, daß ich den Vorwurf „Zufallsheilungen\"\nablehnen muß. Wenn sich die Erfolge derartig häufen, fast zur\nRegel werden, hat man ein Recht und die Pflicht, in dem Fried-\nmann-Mittel eben das bewegende Moment für die Heilung zu sehen.\nDenn bei anderen Kuren fehlen eben diese gehäuften Heilungen."}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.19", "texte": "1. Fräulein I«, 18 Jahre. Tuberkulose Streuung und Ausschwitzung (Ex-\nsudation) im linken Oberlappen, Fieber. Tuberkelbazillen im Auswurf.\nSchon vier Monate nach Friedmann-Impfung Verschwielung, Strang-\nbildung, Blutsenkung normal. Kontrolle noch zwei Jahre später: dau-\nernde völlige Heilung. Bauchoperation ohne Störungen überstanden.\n2. Herr Sch., 20 Jahre. Blutsturz. Tuberkelbazillen im Auswurf. Zwei\nQuerfinger breite Äusschwitzung r. 0., Zerfallsbeginn. Nach zwei-\neinhalb Monaten fast völlig aufgesogen, Strang- und Kalkbildung. 14\nPfund Zunahme. Später nachkontrolliert, gesund. Auch Mastdarm-\nfistel geheilt.\n3. E. K., 6 Jahre. Faustgroße tuberkulöse Ausschwitzung 1. o. Schnell\ndurch Injektion aufgesogen. Kontrolle nach fünf Jahren zeigt einen\ngesunden Menschen. Kalkbildung, Stränge.\n4. H. S., 2 Jahre. Tuberkulose in Charite erwiesen. Läuft nicht mehr,\n1. o. Lunge: großer Ausschwitzungsherd. Schon nach drei Monaten ein\nmunteres Kind. Kalk- und Strangbildung. Noch sieben Jahre durch-\nkontrolliert, stets gesund.\n5. Frau K., 25 Jahre. Große tuberkulöse Lungen-Ausschwitzungen 1. o.\nTub.-Baz. im Auswurf. Schnell Besserung durch Injektion. Ein halbes\nJahr später Schwangerschaft anderweitig unterbrochen. Nach einem\nJahr kirschgroße Kaverne. Eine Mastdarmfistel inzwischen geheilt.\nMit einer Impfung und nicht unterbrochener zweiter Schwangerschaft\nvöllig geheilt. Anstelle Kaverne nur Schwielen, Kalkfleckchen. Kind\nmit Friedmann-Mittel schutzgeimpft. Fünf Jahre hindurch nachkon-\ntrolliert. Stets gesund.\n6. Frau P., 24 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Tuberkulöse Ausschwitzung\nlinks Mitte, kirschgroße Kaverne. Nach acht Monaten (ich gebe nie\nalle Zwischendaten) Verschwielung, Blutsenkungsgeschwindigkeit bis\nzur Norm abgenommen. Drei Jahre nachkontrolliert, stets gesund.\nAuch vorher vorhanden gewesene tuberkulöse Halsfisteln geheilt.\n7. Herr K., 32 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Pneu abgelehnt, Fieber.\nR. o. walnußgroße Kaverne mit zartem Hof, Streuung. Schon nach\ndrei Monaten anstelle der Kaverne Strangbildung. Gute Lungen-\nstruktur. Stets arbeitsfähig und gesund. Blutsenkung zur Norm zu-\nrückgegangen.\n8. Herr R., 27 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. L. o. mandelgroße Kaverne\nmit großem zarten Hof. Nach einem halben Jahr Kavernen dicht um-\nrahmt. Sehr bald wird ein Kalkherd aus der Kaverne. Fünf Jahre\nhindurch nachkontrolliert, stets arbeitsfähig und gesund.\n9. Herr K., 36 Jahre. Bluthusten. Tub.-Baz. im Auswurf. R. o. pflaumen-\ngroße Ausschwitzung mit Kaverne. Schon nach drei Monaten 14 Pfund\nZunahme. Bald darauf anstelle der Kaverne nur Strangbildung und\nKalkfleckchen.\n10. Frau S., 57 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Fieber, Kehlkopf-TBC mit\nGeschwüren. Kastaniengroße Kaverne rechts oben, links oben soeben\nZerfallsbeginn. Streuung beiderseits. Nach neun Monaten völlige\nVerschwielung, Kalkbildung, keine Kaverne mehr. Kehlkopf geheilt.\n11. Fräulein K., 39 Jahre. Tub.-Baz. im Auswurf. Rechts Mitte apfel-\ngroße Kaverne mit dichtem Rahmen, Strangbildung. R. u. vier Quer-\nfinger breiter Ausschwitzungsherd mit zarter Fleckung. Schon nach\nfünf Monaten Kaverne in Schrumpfung, Kalk- und Strangbildung.\nUnten Aufsaugung. Auswurf jetzt stets negativ. Nach weiteren drei\nMonaten nur noch einige Kalkfleckchen, alles andere verschwunden.\nNach einem weiteren Jahr nachkontrolliert, jetzt völlig gesund.\n12. Frau W., 24 Jahre. R. o. großer Ausschwitzungsherd mit Kaverne.\nNach Davoser Kuren neue Kavernen. Durch Friedmann-Injektion nach\neinem Jahr alles restlos verschwunden. Klinisch gesund. Heirat. Fünf\nJahre hindurch nachkontrolliert."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.20", "texte": "13. Herr KL, 33 Jahre. Pneu abgelehnt. Kinderfaustgroße Äusschwitzung\n1. o. mit Zerfall. Nach Impfung in fünf Wochen 27 Pfund Zunahme.\nBlutsenkungsgeschwindigkeit bis zur Norm abgenommen. Stets tätig.\nNach zehn Monaten Kaverne nur noch haselnußgroß, schwielig um-\nrahmt. Nach einem halben Jahr nachkontrolliert: Kalk- und Strang-\nbildung. Keine Kavernenreste.\n14. Herr 8., walnußgroße Kaverne r. 0., umschwielt, mit Flüssigkeit. Pneu\nabgelehnt. Fünf Monate später frischer Äusschwitzungsherd neben\nder Kaverne, darüber neue haselnußgroße Kaverne. In der Spitze\nfrische zarte Äusschwitzung, nach unten eine Streuung frischer Herde.\nTub.-Baz. im Auswurf. Nun erst Friedmann-Impfung. Schon nach drei\nMonaten Schwiele um die Kaverne, in der Spitze noch aktive Herde.\nDie vorher beschleunigte Blutsenkung jetzt erheblich verlangsamt.\nAcht Monate später völlige Resorption, Kaverne kaum und nur noch\nganz klein als solche erkennbar. Noch in der Behandlung — nur um\nnach einer F.-Impfung die Kavernen-Beeinflussung zu zeigen. Ar-\nbeitsfähig.\n15. Herr H», 20 Jahre. Bluthusten. Tub.-Baz. im Auswurf. Pneu ab-\ngelehnt. R. o. fast pflaumengroße Kaverne mit weicher Fleckung in\nder Umgebung, darüber mandelgroße. Schon nach drei Monaten Ka-\nverne verschwunden. Strangbildung.\nDie Literatur (Loben) sagt zwar, restloser Kavernenschwund\nsei vorläufig noch sehr fraglich. Er ist bei Anwendung des Fried-\nmann-Mlttels etwas Alltägliches. Habe ich anstatt 20 v. H. Selbst-\nheilungen über 80 v. H. Friedmann-Heilungen, d. h. kaum 20 v. H. Ver-\nsager, so kann man doch nicht von „Zufall\" sprechen. Auch die\nFriedmann-Richtung kennt ihre Grenzen, wie Friedmann seit 1912\nimmer wieder betont hat. Man muß einen Organismus vorfinden,\nder noch imstande ist mitzuhelfen. Man unterstützt mit jeder\nTherapie die Naturheilkräfte des Körpers. Ich zitiere Friedmann\n(1922): „Die Grenzen der Leistungsfähigkeit des Mittels sind durch\nihr Wesen als aktive Immunisierung gegeben, die große Zell-\nleistungen verlangt. Was die Natur bestenfalls einmal von selbst\nleistet, das können wir nahezu regelmäßig erreichen.\" Und ich\nsetze wie 1924 wieder hinzu: als erreicht zeigen.\n2. Klinische Erfahrungen\nDie klimatische, Freiluft- und Sonnentherapie, wie sie in unseren\nSchweizer Höhenkurorten geübt wird, vermag gelegentlich einen\nFall von Tuberkulose zu bessern, ja zu heilen. Dort gibt es Fälle\ngenug, bei denen diese allgemein „roborierenden\" Maßnahmen doch\nnicht zur Bildung genügender Abwehrkräfte für die Ueberwindung\nder eingedrungenen Infektionserreger ausreichen, bei denen also\neine spezifische Hilfe hinzukommen muß.\nNachdem Geheimrat Turban-Davos das Friedmannsche Prinzip\nder Tuberkulose-Behandlung mit lebendem, avirulentem, atoxischem\nHeilstoff (Berl. klin. Wochenschr. 47/1912) für richtig erklärt hatte,\ngab Prof. Jessens Veröffentlichung in der Schweizer Med. Wochen-\n\nDr. E. Fröhlich-Vogel/Thal (St. Gallen) Schweiz"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.21", "texte": "Schrift mir 1923 die unmittelbare Anregung zur Anwendung dieser\nMethode. Ueber sie sind ja, abgesehen von über 1000 casuistischen,\nklinischen, statistischen und experimentellen Mitteilungen in der\ninternationalen medizinischen und veterinärmedizinischen Literatur\nauch ausführliche Abhandlungen erschienen. Z. B. Deutsches Archiv\nfür klin. Medizin, Bd. 130, Heft 1 und 2 (Deuel) und Deutsche\nZtschr. f. Chir., Bd. 144, Heft 1 und 2 (Goepel), ferner das amtliche\nSammelreferat „Die Friedmann-Methode\" von Bock, Leipzig, S.\nHirzel 1922, sowie kürzlich die „Besiegte Tuberkulose\", Verlag\nDe Gruyter, Berlin WlO mit Berichten von Tuberkulose-Aerzten\nund staatlichen Institutionen aus 28 Ländern.\nSeit 1923 wende ich selbst das Friedmannsche Präparat (Her-\nsteller: Tuberkulose-Heilstoff-Werk Leipzig N) an, bisher an mehr\nals 200 Fällen aller möglichen Tuberkulose-Formen. Mein damaliger\nerster Fall, eine offene Lungentuberkulose bei einem 18jährigen\nJüngling, wurde durch eine Subcutaninjektion der schwachen Dosis\nin drei Monaten so völlig geheilt, daß der Patient von Auswurf,\nHusten, subfebrilen Temperaturen und Schweißen befreit, ein Jahr\nspäter den Militärdienst anstandlos absolvieren konnte. Er ist\nheute ein kräftiger Mann, der in Wind und Wetter Landwirtschaft\ntreibt und dessen Dauerheilung ich erst jetzt wieder durch Nach-\nuntersuchung feststellte. Ebenso verliefen Dutzende anderer, von\nmir schon vor fünf bis sieben Jahren mit dem F.-M. behandelter,\nbis heute von mir und anderen Schweizer Kollegen nachkontrollierter\noffener und geschlossener Lungentuberkulosen. Ich habe natürlich\nauch Mißerfolge zu verzeichnen. Das waren meistens Fälle, die\nsich zu spät, d. h. mit hohem Fieber und mit schweren cavemös-\nkäsigen Lungendestruktionen zur F.-Impfung meldeten und nach\nden Friedmannschen Leitlinien ungeeignet sind. Als Beispiel für\ndie Schnelligkeit der entgiftenden Heilwirkung zwei Fälle aus letzter\nZeit: ein 24jähriger Herr, der mit offener, fibrös-caseöser Lungentb.\nim April 1930 in ziemlich hoffnungslosem Zustand das Sanatorium\nX (Schweiz) verließ, hat seit der gleich hinterher von mir vorge-\nnommenen F.-Inj. 17 kg, ohne irgendwelche Pflege, zugenommen,\nzeigt einen physikalisch und radiographisch viel günstigeren Befund\nund wird jetzt heiraten. — Ein 17jähr. Mädchen, 9 Monate lang in\ndem ausgezeichneten Sanatorium Y (Schweiz) in Behandlung, mit\nganz ungünstiger Prognose entlassen — offene Tb beider Ober-\nlappen erhielt darauf, vor jetzt fünf Monaten, eine ganz schwache\nF.-Impfung. Der Chefarzt des Sanatoriums, der sie kürzlich ein-\ngehend nachuntersuchte, erkannte den, wie er sich ausdrückte, „er-\nstaunlichen und unerwarteten\" Erfolg freimütig an. — Daß eine\nF.-Inj. nicht immer zur definitiven Heilung ausreicht, zeigt ein vor\ndrei Jahren von mir behandelter Fall von Nieren- und fistulöser\nHoden-Tub. bei einem jungen Mann, der durch die Injektion zwar"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.22", "texte": "heilte, slcji aber durch ausschweifendes Leben ein Rezidiv zuzog*\ndas erst nach Wiederholung der Injektion zurückging. — Charakte-\nristisch ist der Fall eines 20jährigen Patienten, der seit über 10 Jahren\nan einer äußerst schmerzhaften Hüftgelenktuberkulose mit 4 offenen,\nstark eiternden Fisteln litt. Nachdem er von namhaften hiesigen\nÄerzten, Chirurgen und Professoren operativ und mit jahrelangen\nExtensionen erfolglos behandelt worden war, erfuhr ich durch seinen\nBruder, der mit meinen beiden Söhnen das Gymnasium in St. Gallen,\nbesuchte, von dem Fall. Ich ließ zur F.-Injektion raten. Sie wurde\naber von den Äerzten, die die Eltern berieten und die Methodei\nnicht persönlich kannten, zunächst abgelehnt, es wurde weiter mit\nAbsceßspaltungen und Extensionsverbänden behandelt. Erst als die\nEltern dann durch Verwandte in Deutschland von den vielen Hei-\nlungen durch die F.-Injektion hörten, ließen sie sie vornehmen.\nResultat: nach einigen Monaten Schließung aller Fisteln unter sicht-\nlicher Besserung des Allgemeinzustandes, enormer Appetitsteigerung,\nvölligem Verschwinden der bis dahin vehementen Schmerzen. Jetzt,\n71/2 Monate nach der F.-Injektion kann der Patient nach zehn-\njährigem trostlosen Krankenlager ausgehen. — Bei einem Italiener\nmit linksseitiger Lungentb. und linksseitiger Knie-Kapselfungus, der\nseit 2 Jahren in Davos mit zahlreichen Tuberkulininjektionen erfolg-\nlos behandelt, sich daselbst durch einige Arbeit als Maurer mühsam\ndas Geld zum Kuraufenthalt verdiente und Anfang März 1930, wo\ner mich mit zwei Krücken aufsuchte, geimpft wurde, war bereits\nnach 4 Wochen der Knieumfang um 51/2 cm abgeschwollen. Jetzt ist\nder Fungus völlig verschwunden, ebenso die Lungensymptome (sub-\nfebrile Temperaturen, Husten, Appetitlosigkeit, feinblasiges Ras-\nseln); der Patient hat Davos längst verlassen, arbeitet 9 bis 10\nStunden täglich ohne Ermüdung und geht frei und ohne Stock. Frei-\nlich brachte hier wegen der vorhergegangenen Tuberkulin-Behand-\nlung erst eine zweite F.-Inj. den vollen Erfolg. — Ein lOjähr.\nMädchen mit frischer geschlossener Hüftgelenktuberkulose, typischen\nAb-, Adduktions- und Rotationsbeschränkungen, Schmerzen und\nstarkem Hinken, ferner fistelnder Halsdrüsentuberkulose und rechts-\nseitiger eitriger Mittelohrtuberkulose: 4 Monate nach Injektion\nschwach unter Vernarbung der Ulcerationen am Halse, Schwundes\nder Ohreiterung und völligem Beweglichwerden des Hüftgelenkes\ngeheilt. — 21jähriger Patient mit schwerer einseitiger Handgelenk-\ntuberkulose, blaurote fungöse Schwellung um das Dreifache, völlige\nVersteifung, Finger in Streckstellung fixiert, über ein Jahr lang\nanderweitige Behandlung mit Gips, Bestrahlungen etc., von hervor-\nragendem Chirurgen zur Amputation bestimmt. Drei Monate nach\nF.-Inj. wird der Arm frei, ohne Schiene und Schlinge getragen,\nHandgelenk nahezu voll beweglich, schmerzfrei. — Aehnlich rea-\ngierte ein junger Mann mit einseitiger geschlossener Schultertuber-"}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.23", "texte": "kulose (Humerusherd im Röntgenbild einwandfrei), deren große\nBewegungsbeschränkung und Schmerzhaftigkeit 41/2 Monate nach\nF.-Inj. behoben war.\nAus diesen als Beispiel angeführten Fällen, deren Zahl wir\nbeliebig vermehren könnten, geht hervor, daß wir in dem Fried-\nmannschen Mittel die wirksamste Waffe gegen die Tuberkulose\nbesitzen.\n\nSpezialbehandlung\nRudolf Blümner\nViel Zweck hat es zwar nicht, den ganzen faulen Problem-\nZauber dem Brieux in die Schuhe zu schieben. Denn was hat darin\nwohl Platz? Aber die Kindsköpfe rufen, wenn man sie bei den\nOhren nimmt: „Der Brieux hat angefangen.\" Ganz recht, beim\nShakespeare ist von der Lustseuche nur en passant (nämlich einen\nKirchhof! Da liegt der Hund begraben!) die Rede. Brieux nahm sie\nin eine mehraktige Behandlung, und seitdem Ist er der Schutz-\npatron der Müllproblematiker. Man muß dabei an den Arzt denken,\nder in der Kirche zu St. Denis vor einem Bilde Karl VIII. auf\nden Knien lag. Ein Mönch machte ihn darauf aufmerksam, daß\nes kein Heiliger sei. „Ich weiß, aber er hat die Lustseuche nach\nFrankreich gebracht.\" Brieux ist auch kein Heiliger, aber er hat\ndie problematische Spezialbehandlung nach Deutschland gebracht.\nVielleicht dachte er, was einem Ci-devant Sophokles eine rechte\nPest ist, das sei ihm — und so weiter. So können sich ja unsere\nproblematischen Paragraphenreiter auf den „Fall Oedipus\" beziehen\noder auf den Skandal-Prozeß der Antigone wegen unbefugter\nLeichenbestattung. Schade, daß ich nicht aus dem Kopf weiß, wie\nviele Paragraphen unser Strafgesetzbuch hat, sonst könnte ich auf\nHeller und Pfennig die Tantiemen ausrechnen, die es einem fleißigen\nParagraphen-Konflikts-Dramatiker einbringt. Es muß etwas dabei\nherauskommen, da doch schon der einzige Mordparagraph imstande\nist, das Leben eines Dramatikers auszufüllen, wenn er nur nicht\nmüde wird, ihn von allen tausendundvierundzwanzig Seiten psycho-\nlogisch, -pathisch und -analytisch zu — wahrscheinlich: beleuchten.\nWer sein dramatisches Handwerk versteht und entschlossen\nist, es in einen rationellen Fabrikbetrieb überzuleiten, der muß zu-\nvörderst wissen, daß es, bei problematischem Licht besehen, nur\nzwei Plagen der Menschheit gibt. Nicht Furcht und Hoffnung sind\ndie größten Menschenfeinde, sondern die Paragraphen des Straf-\ngesetzbuches und die Bazillen. Leider habe ich auch vergessen, über"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.24", "texte": "wieviele Bazillen wir zur Zeit verfügen, so daß meine Errechnung\nder diesbezüglichen Tantiemen bestenfalls als praeter propter zu\nbezeichnen wäre. Wie hoch immer sich die Summe belaufen mag,\nden Paragraphendramen werden sie schwerlich den Rang ablaufen,\nwenn man die gelegentlichen Strafgesetz-Novellen sowie die Straf-\nbestimmungen der Wasser-, Forst-, Feld- und Wiesenpolizei in\ndie Tantiemenberechnung mit einbezieht. Jeder Paragraph sein\neigenes Drama. Und sind wir nicht alle Menschen? Es steht in\nden Sternen geschrieben, wenn einer zur Unzeit oder am falschen\nOrt fischt und krebst, und die Richter sitzen über sich selbst zu\nGericht, die auf einen armen Teufel eine Razzia veranstalten, weil\ner seinen Maybach um einen Zentimeter zu scharf in die Kurve\nund dabei seine sämtlichen Geliebten in den Tod biegt. Das muß\ndramatisch teils gegeißelt, teils beleuchtet werden. Denn man muß\ndem Staate zeigen, daß wir keine Lust haben, Ton in seiner Hand\nzu sein.\nDie Bazillen stehen auf einem anderen Blatt und wenn man\nhineingetreten ist und das Spiel beginnt, findet man seine species\nmorbi viel ausführlicher behandelt als vom Heilkünstler. Wird's\nschlimm, so greift der Autor zum Messer und schneidet die Frage\nan, ob jemand, der ortsunübliche Neigungen hat, wie Fische mit dem\nMesser zu schneiden, bei dem Tempo unserer Zeit, in dem es auch\nmit der Vererbung wie geschmiert geht, noch heiraten darf. Die\nKinder möchte ich sehen! Solange die Reaktion ihr Haupt drohend\nerhebt, hat jeder Dramatiker die Pflicht, mit seiner Begabung\nhinterm Berge zu halten oder sein künstlerisches Licht unter den\nScheffel zu stellen. Nur nicht durch Kunst von der Hauptsache\nablenken, ob ja oder nein. Bekenne! Bekenne! „Hier steh ich,\nhelf Gott oder zur Gesundheit, ich kann auch anders\" — das sollte\nin gelben Lettern über jeder Schreibmaschine stehen.\nFleißige Zeitungsleser oder Zettelkästner — und welche Dra-\nmatiker wären das wohl nicht? — finden schon beim ersten Früh-\nstück etwas zum Aus- und damit ein Problem zum Anschneiden.\nWer es halbwegs versteht, wirft schon juxeshalber im ersten Akt\neine saudumme Frage auf. Je dümmer die Frage, umso angenehmer\ndas Stück, wollte sagen, umso angenommener. Prozesse, Skandale,\nDebatten und Unglücksfälle wie Tagungen bei Nacht, stehende\nSitzungen und zugespitzte Lagen haben es gar nicht nötig, sich be-\nhandeln zu lassen. Sie dramatisieren sich von selbst, sobald sie so\nein Kerl nur fest ansieht. Und ein Portier, der sich von Morgen\nbis Mitternacht abreagiert, changiert sowieso zwischen einem John\nGabriel Lear und einem Stehaufmännchen. Es muß dafür ein-\ngetreten werden, daß alle Strafgesetze, halb kaum fertig gemacht,\nund zwar so lahm und ungeziemend, daß die Hunde bellen, a tempo"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.25", "texte": "unseren Dramatikasten zugeschustert werden, wenn man so sagen\ndarf, da nun längst nicht mehr jeder Schuster ein Dramatiker ist.\n„Wovon handelt das Stück?\" ist schon eine traurige Frage. Noch\nviel komischer aber ist: „Womit handelt der Autor in diesem Stück?\"\nUnd noch dümmer heißt es: „Welchen Maniker behandelt er?\"\nKann er ihn nicht gesund dichten, so kann er ihn doch vor dem\nForum der Besucherorganisation freisprechen. Zum mindesten kann\ner so freiheitlich sein, für den Äermsten der Armen eine saftige\nLanze einzulegen, was die meisten Wiederholungen dann verspricht,\nwenn die liberale Idee Gemeingut aller unentwegt Rückwärts-\nblickenden geworden ist. Sollte der Mann gegen einen Paragraphen\nSturm laufen, der jetzt grade schon auf der Nase liegt, so kann er\nauf was noch ganz anderes rechnen, als auf den Beifall des tief-\ngesunkenen Hauses. Hat er Glück, erwischt er gar eine hahne-\nbüchene Harmlosigkeit, über der er die Geißel mit der einen, die\nNarrenpritsche mit der anderen Hand schwingen kann, daß allen\nSavonarolas und Molieres noch im Grabe Hören und Sehen vergeht,\nlieber die Modetorheit, frühmorgens Kaffee zu trinken, ließe sich\nauch ein Stück schreiben. Aengstliche Autoren wissen es schon ein-\nzurichten, daß man ihnen darum keine Feder krümmt. Lauter\nSdmocks, nichts als Schnocks. Sch—n—ocks hab ich gesagt. Schreiner\nSchnock. Für die Sache, die ihnen stückweise am Herzen liegt, sind\nsie bereit, jedes Opfer anzunehmen.\n„Wir haben keine Generalverbrecher mehr\", ist der Refrain\ndes neuesten Schlagers. Die Mörderhand hat sich verfeinert. Jetzt\nwird nicht mehr ins Blaue hinein gemordet. Wir haben die Spe-\nzialbehandlung durch Fachmörder und von aller Fakultäten wegen\nsollte das Strafgesetzbuch mit dem Paragraphen 51 anfangen. Im\nDrama müßte es umgekehrt sein. Daß Crimen kann uns nichts\nnützen, wenn es erst kommt, kurz bevor der Schnock-Verehrer\nnach Schnock ruft. In den ersten Akt gehört's. Was sag ich? Wenn\nsie ihre Garderobe abgeben, ists die schönste Zeit zum Morden und\nmit dem Jubelgeschrei: Wer ist der Mörder? nimmt alles Platz. Das\nTheater ist eine moralische Anstalt für alle, die tags über durch\nLeibesübungen ertüchtigt sind. Der Mensch ist ja von Haus aus\ngut, aber durch das viele Morden des Krieges hat er sich halt a bißl\ndran gewöhnt und man möchte das Morden nur ungern missen. Und\nwenn's nur Theater ist! Aber Spaß muß sein.\nDas Theater ist eine Raritätenkammer. Alles hat drin Platz.\nDie Scene wird zum Kabarett und Schwurgericht. Wenn unseren\nPirandello-Regisseuren was einfiele, ließen sie den Vorsitzenden\ndas Publikum gehörig anfahren: „Ich gestatte den Gebrauch von"}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.26", "texte": "Operngläsern nicht. Wir sind hier doch nicht im Theater. Wenn\ndas noch einmal vorkommt, lasse ich den Zuschauerraum räumen.\"\nWorin besteht die Kunst des Geschäfts? Daß immer das Gegenteil\nvon dem geschieht, wofür die Leute bezahlt haben. Das macht\nLaune. Die Politik gehört in den Zirkus, rauf mit dem Trauerspiel\naufs Kabarett. Theater gehört in den Gerichtssaal. Es ist nichts als\nein Rezept.\nDie Gelehrten werden sich von den Spezialdramatikern so\nlange ins Handwerk pfuschen lassen, daß im Theater alles „be-\nhandelt\" wird. „Theater macht alles\" und die Fernbehandlung liegt\nbekanntlich schon in der Luft. Dann kann man in aller Behaglich-\nkeit auf dem Sofa liegen und zusehen und hören, wie spezial-\nbehandelt wird. Wir hoffen, daß jetzt bald die Sodomie an die\nReihe kommt, da doch männliche und weibliche Homosexualität,\nImpotenz, Justizmord, Unzucht unter Berücksichtigung aller Lebens-\nalter so ausgiebig behandelt sind, daß sie schon nicht mehr gefragt\nwerden. Pro und contra Pfandhinterziehung läßt sich auch was\nsagen. Man muß sich nur wundern, daß die Herren nicht viel Ex-\nquisiteres finden. Ich schlage Dramen über das Problem des\nAutoanrufs vor oder des Ornaments auf Gebrauchsgegenständen,\nder Gehaltsaufbesserung prominenter Mitglieder der staatlichen\nTheater. Problem ist alles.\nSpezialisieren Sie sich, meine Herren Dramatiker. Wir sind\nalle einmal aus einem anderen Beruf herausgelaufen und wissen\nalso Bescheid. Der Jurist verarztet die Paragraphen, der Mediziner\nplädiert für Krebsbehandlung und so fort, und kein besserer Dra-\nmatiker als wer selbst etwas ausgefressen hat. Nur frisch drauflos,\nehe alles ungenießbar wird. Aktuell, aktuell, aktuell.\n„Zieht doch endlich den Vorhang, Menschenskinder. Wenn ihr\nnoch zwei Minuten wartet, ist der ganze Schmarren nicht mehr\naktuell.\"\n\nIn der Mitte liegt die Wahrheit\nDer französische Dramatiker Tristan Bernard besuchte einen\nweit jüngeren Kollegen, dessen Stücke neuerdings viel aufgeführt\nwurden. Die moralischen und materiellen Erfolge blieben natur-\ngemäß nicht ohne Wirkung auf den jungen Autor. Er ging in\nseiner Selbstschätzung so weit, daß er sein Glas auf das Wohl der\n„beiden größten Bühnenautoren des Jahrhunderts\" leerte. —\n„Welche meinen Sie denn, mein Lieber\", fragte ihn Bernard er-\nstaunt. — „Die beiden, die sich in diesem Äugenblick im Raum\nbefinden\", lautete die selbstbewußte Antwort. — „Nicht doch\",\nwehrte Bernard bescheiden ab, „ich glaube immer nur die Hälfte\nvon dem, was man mir erzählt ...\""}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "25", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.27", "texte": "Neue und alte Zeit\n\nDer Zug hält in der Abendstunde. Wo ist man. Elektrisch\nleuchtende hebräische Buchstaben. Daneben russische. Daneben\nlateinische. Man liest: Mensk, Minsk, Minsk. Also müssen die\nhebräischen Buchstaben dasselbe bedeuten. Eine Stadt stellt sich\nviermal vor. Weißrussisch, russisch, polnisch, jiddisch. Diese Viel-\nsprachigkeit ist keine Einrichtung zur Hebung des Fremdenverkehrs.\nSie ist der leuchtende Ausdruck der Lösung des Nationalitäten-\nproblems in der UdSSR.\nVier Nationen bilden die Mehrheit in der weißrussischen sozia-\nlistischen Sowjetrepublik mit ihrer Hauptstadt Minsk. Weißrussen,\nRussen, Juden, Polen. Ein Land von fünf Millionen Einwohnern\nDie Weißrussen, die Polen sich nebst weißrussischer Erde erobert\nhat, werden polonislert. Die Polen in der weißrussischen Sowjet-\nrepublik behalten ihre Sprache und ihre Kultur. Sichtbar schon\nauf dem Bahnhof. Bis zur Revolution hatte der Zarismus die\nWeißrussen abwechslungshalber russlfiziert. Sie sind eine selb-\nständige Sprach- und Kulturgemeinschaft. Der Name stammt von\nder ursprünglichen helleren Haarfarbe im Gegensatz zu den Ost-\nrussen. Die Sprache ist verwandt mit der ukrainischen. Das alte\nWeißrußland war unter dem Zarismus eine entlegene Provinz. Die\nBevölkerung versklavt, verelendet. Ohne die geringste Möglichkeit\nfür ein menschenähnliches Dasein. Noch heute ist die Stadt Minsk\nzum großen Teil Zeuge dieser sinnlosen irrsinnigen Brutalität der\nletzten Vergangenheit. Die Straßen unbebaute Flächen zwischen\nHäusern. Die Häuser primitive, verfallene oder verfallende Holz-\nhütten. Die Bilder von Marc Chagall, des Juden aus Weißrußland,\ntrostlose Wirklichkeit. Man biegt um die Ecke und steht vor einem\nkubistischen Gebäude. Von solcher Schönheit, daß man nicht an\nWirklichkeit glaubt. Der Klub der Speisearbeiter. Die Gegenwart\ndes Proletariats, das noch in der Vergangenheit wohnen muß. Man\nkann in Jahren nicht Jahrhunderte ungeschehen machen. Aber\nman hat den Anfang, der kein Versprechen, der eine Tatsache ist.\nDer eine Tat ist. Da haben diese Arbeiter der Lebensmittelindustrie\neinen Klub, um den jeder amerikanische Klubmensch sie beneiden\nmuß. Einen Theater- und Kinosaal neuester Technik für tausend\nPersonen. Ein Foyer mit idealer künstlerischer Beleuchtung. Viele\nKlubräume für alle möglichen Zwecke. Für Unterricht. Für Sport.\nFür Studien. Einen Musikübungsraum. Einen Ruheraum. Ein\nSchachzimmer. Einen Aufenthaltsraum für Kinder mit einer ge-\nlernten Erzieherin. Alles einwandfrei hygienisch und perfekt her-\ngestellt.\nMan geht über die erste gepflasterte Straße, man steigt in die\nerste elektrische Straßenbahn. Die elektrischen Bogenlampen"}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "26", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.28", "texte": "leuchten über das Elend, das die Sowjets von dem Zaren geerbt\nhaben. Das einzige Erbe, das von Monat zu Monat verschwindet.\nAm Ende der Hauptstraße fast ein Märchen: ein neues Städt-\nchen. Das Universitäts-Städtchen. Bis zur Revolution hatte Minsk\nnicht einmal eine Schule. Jetzt steht auf einem Gelände von vielen\nKilometern in architektonisch schönen kubistischen Einzelgebäuden\ndie Universität. Institute zum Studium der Medizin, Pädagogik,\nSowjetrecht und -Wirtschaft, Planwirtschaft. Fakultäten: Medizin,\nBiologie, Chemie, Physik, Geographie usw. 5500 Studenten. Stu-\ndium dreieinhalb Jahre. Der gesamte Unterricht im Sinne der\nLaboratoriums- und Seminararbeit. Selbstbetätigung der Studenten.\nKonferenzen, fast keine Vorträge. Keine Examen. Konsequent durch-\ngeführte Verbindung zwischen Praxis und Theorie. Jeder Student\nerhält ein Stipendium von 60—85 Rubel im Monat. Sämtliche\nLehrmittel umsonst. Durch Internate ist Wohnen und Essen (ein\nMittag 30 Kopeken) für die Studentenschaft so billig, daß sie eine«,\nerheblichen Prozentsatz ihres Stipendiums für persönliche Zwecke\nverwenden können. Das Gehalt der Professoren beträgt 300—1500\nRubel im Monat. Ihrer sozialen Herkunft nach sind 30 Prozent\nArbeiter, 50 Prozent Bauern, 20 Prozent Angestellte und freie\nBerufe. Von den Professoren sind 50 Prozent alte Akademiker,\n50 Prozent bereits Professoren aus dem Proletariat, die ~roten\nProfessoren\". Die weißrussische S. S. R. hat bisher bereits 26 Uni-\nversitäten.\nAuf der anderen Seite der Hauptstraße das klinische Städtchen.\nNach der modernsten Technik des Krankenhausbaus. Siebrai Kliniken,\nsieben Laboratorien, 500 Betten, drei Röntgenlaboratorien. In der\nchirurgischen Abteilung ein Operationssaal von einer Größe, einer\nTagesbeleuchtung und einer Einrichtung, wie sie annähernd gleich-\nwertig kaum in einer Großstadt Europas zu finden ist. In der Nähe\nerhebt sich fast vollendet das neue Gebäude der Volkskommissariate\nder weißrussischen S. S. R. Elf Stock hoch. —\nIn der Peripherie schießen die neuen Arbeiterhäuser aus der\nErde. Weiter zur Fabrik Woroschilow. In der Hauptsache Her-\nstellung von Drehbänken, Bohrmaschinen und Extraktoren. 1600 Ar-\nbeiter, früher 167 Arbeiter. Gearbeitet wird in drei Schichten, je\nsieben Stunden. Durchschnittslohn 180—200 RubeL Wert der Pro-\nduktion des letzten Jahres: 6200000 Rubel. Selbstverständlich wie\nin jeder Fabrik eigene Kantine. Ein Essen von drei Gängen kostet\n38 Kopeken. Die Arbeiter in der Gießerei erhalten wegen der ge-\nsundheitsschädigenden Arbeit täglich einen Liter Milch kostenlos\ngeliefert. Weiter zur Lederfabrik Bolschewik. 1000 Arbeiter, vor\nder Revolution 85. Gleichfalls sieben Stunden Arbeitszeit und drei\nSchichten. Durchschnittslohn 125 Rubel. Wert der Produktion:\n1 Million Rubel."}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "27", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.29", "texte": "Abends im überfüllten Theater. Die Weißrussische Truppe spielt\nin weißrussischer Sprache das Drama „Wut\". Inhalt: Kampf für\ndas sozialistische Dorf. Uebrigens sind 60 Prozent der Landwirt-\nschaft der Weißrussischen S.S.R. bereits kollektivisiert. Das The-\naterspiel von unmittelbarer Lebendigkeit, Grazie, Temperament. Lo-\ngische Konstruktion des Tonfalls und der Bewegungen. Inszenierung\nund Dekoration im Sinne des gegenständlichen Expressionismus.\nEine weitere Theatergruppe, die in jiddischer Sprache spielt, ist zur\nZeit in Witebsk, der zweiten Stadt der Weißrussischen S.S.R. Sie\nhat bis heute bereits 21 Theater, 3 ständige stehende Arbeiter-\ntheater, viele „Trams\", aktuelle politische Vortragsgruppen.\nDie Damenmäntelfabrik „Oktober\", vollständig mechanisiert, hat\n2200 Arbeiter. Vor der Revolution 25. Selbstverständlich war es\nüberhaupt keine Fabrik. Die Arbeiter haben einen Durchschnitts-\nlohn von 100—130 Rubel, die Zuschneider von 200—220 Rubel monat-\nlich. Die Fabrik hat den Fünf jahresplan bereits in zweieinhalb\nJahren durchgeführt und als Auszeichnung die „rote Arbeitsfahne\"\nerhalten. Tagesproduktion: 1000 Mäntel. Die Fabrik hat, wie\nübrigens fast alle Fabriken der UdSSR., eine Betriebsschule. Sieben-\nhundert Schüler, täglich dreieinhalb Stunden praktischen Unterricht\nund dreieinhalb Stunden theoretischen Unterricht. Ausbildungszeit\nzwei Jahre. Die Schule hat zur praktischen Uebung eine eigene\nkleine Fabrik. Jeder Schüler lernt an sämtlichen Maschinen, also\ndie gesamten Arbeitsvorgänge kennen. Diese „polytechnisierte\nSchule\" produziert also sofort. Die Produktion wird marktfähig\nhergestellt. Die Schüler erhalten monatlich 25—50 Rubel.\nBis zum Ende des Zarismus waren außerhalb Rußlands im\nganzen zwölf weißrussische Autoren vorhanden. Ihre gesamte lite-\nrarische Produktion hatte eine Auflage von 30000 Exemplaren. Das\nErscheinen weißrussischer Bücher im alten Rußland war verboten.\n1924 wurde der weißrussische „Reichsverlag\" gegründet. Bis zum\nJahre 1929 waren die Arbeiten von 875 weißrussischen Autoren\nin einer Auflage von 61/2 Millionen Exemplaren verbreitet. Im\nJahre 1930 erschienen die Werke von 1010 Autoren in einer Auflage\nvon acht Millionen Exemplaren. In den ersten neun Monaten des\nJahres 1931 die Werke von 1500 Autoren in 15 Millionen\nExemplaren. Von . der jiddischen Literatur in jiddischer\nSprache wurden vom Reichsverlag in den Jahren 1924—29\nvon 150 Autoren eine halbe Million Exemplare verlegt. Im Jahre\n1930 hatten 100 jiddische Autoren eine Auflage von 400000 Exem-\nplaren. In den neun Monaten des Jahres 1931: 100 Autoren 450000\nExemplare. Es erscheinen vier weißrussische und eine jiddische\nZeitschrift. Die Namen der führenden weißrussischen Autoren pro-\nletarischer Herkunft sind: Alexandrowitsch, Sinkow, Galawatsch,\nBrowka. Die wichtigsten Autoren„mitläufer\", also Autoren ohne"}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "28", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.30", "texte": "ausgesprochene proletarische Tendenz, sind: Kupala, Kolaß, Biadula,\nWemanski. Auch ihre Werke sind im Reichsverlag erschienen. Be-\nsonders hochgeschätzt wird der proletarische jiddische Dichter Cha-\nrek und die jiddischen Mitläufer Kulbak und Axel Rot. In ganz\nwenigen Tahren wird nichts mehr in der Weißrussischen SSR an\nO mS\ndie kleine großrussische Zeit erinnern.\n\nHerwarth Walden\n\nDas einzig unartige Kulturmittel\nDie ersten Ansätze zum idealen Rundfunk scheinen da zu sein.\nSchon haben die Sendegesellschaften fast gemerkt, daß der Hörer\nnicht für den Rundfunk, sondern der Rundfunk für den Hörer ist.\nDiesem Hörer will man dienen. Man sieht aber nicht den Höret»\nals Individuum, sondern den Hörer als Masse. Und zwar als ganz\nbestimmte Masse. Für den Rundfunk gibt es nur niveaulose, zu-\nfriedene Kleinbürger. Ihnen „dient\" man mit niveauloser Unter-\nhaltungsmusik und quatschigen Funkkabaretts. Zwischendurch gibt\nes ab und zu als Konzession an die „Intellektuellen\" Hörspiele,\nbei denen das Hören verstimmt.\nIm Rundfunkjahrbuch 1932 (herausgegeben von der Reichs-\nrundfunkgesellschaft) ist von der „Einzigartigkeit des Kultur-\nmittels Rundfunk\" die Rede. Einzigartig leider nur dadurch, daß\nvon Kultur herzlich aber wenig zu merken ist. Warum versucht\nman nicht, gerade den Hörern, denen das jetzige Programm „dient\",\nwenigstens in kleinen Dosen das zu verabreichen, was man Kultur\nnennt? Damit würde der Dienst beginnen. Aber beim Rundfunk\ndauert alles seine Zeit. Man darf nicht vergessen, daß die Gebühren\nvon der Post auf dem Dienstwege eingezogen werden. Dadurch\nist der ganze Rundfunk auf die Post gekommen und durch und\ndurch postalisch geworden. Postalisch.\nWir werden noch lange auf führende Persönlichkeiten beim Rund-\nfunk warten müssen. Und wenn sie da sind, werden wir nicht viel von\nihnen merken. Denn sie werden systematisch ausgeschaltet. Wie man es\nauch mit dem Berliner Intendanten Flesch machte. Als Flesch von\nFrankfurt nach Berlin kam, war helle Begeisterung. Seine Arbeit\nwurde anerkannt. Von heute auf morgen hatte das Berliner Pro-\ngramm Niveau. Flesch kümmerte sich um alles, von der Kinder-\nstunde bis zum Abendprogramm. Mit einem Mal war es aus. Man\nhört und sieht nichts mehr vom Berliner Intendanten. Das Berliner\nProgramm steht wieder unterm Durchschnitt, weit, weit hinter\nBreslau, das heute noch für alle Sender Vorbild sein sollte.\nFlesch hat sein Verschwinden selbst verschuldet: er gehörte\nzu den wenigen konsequenten Männern, die es heute noch gibt.\nPolitisch und weltanschaulich.\nDas ist die „Einzigartigkeit des Kulturmittels Rundfunk\"."}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "29", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.31", "texte": "Kritiker\nKurt Schwitters\nKritiker sind eine besondere Art Menschen. Zum Kritiker\nmuß man geboren sein. Mit ganz außergewöhnlichem Schaafsinn\nfindet der geborene Kritiker das heraus, worauf es nicht ankommt.\nEr sieht nie den Fehler des zu kritisierenden Kunstwerks oder des\nKünstlers, sondern sein eigenes Fehlen, sichtbar gemacht durch\ndas Kunstwerk. Der Kritiker erkennt durch angeborenen Schaaaf-\nsinn, man könnte sagen gewissermaßen seinen eigenen- Fehler durch\ndas Kunstwerk. Das ist die Tragik aller Kritiker, sie sehen Fehler\nstatt Kunst. Kunst sehen heißt für den Kritiker, seine Fehler am\nKunstwerk rot anstreichen und eine Zensur darunterschreiben. Kri-\ntiker sind den mit Unrecht so beliebten Oberlehrern ähnlich. Aller-\ndings braucht der Kritiker kein Examen zu machen, zum Kritiker\nist man eben geboren. Der Kritiker ist ein Geschenk des Himmels\nan die Menschheit. Mit Oberlehrerin gesäugt, nährt er sich von\nKunstfehlern zum Segen der Schaaaafzucht. Sich sägen bringt Regen.\nZwischendurch trinkt der Kritiker dann noch ein Gläschen rote\nTinte. Jeder Kritiker hat einen Regenschirm, in den er wieder\ngewissermaßen hineingeheiratet hat. Denn sich sägen bringt Regen\nzum Segen der Schaaaaafzucht. Die besagte Oberlehrerin aber ist\nein dicker sirupartiger Saft, hergestellt aus Absonderungen der\nGalle von wirklichen geheimen Oberlehrern und dem Magensaft\nverblödeter Schaaaaaafe. Besagte Schaaaaaaafe brauchen kein\nExamen gemacht zu haben, wie der Kritiker. Kritiker brauchen ihre\nRegenschirme in der Kunstausstellung nicht abzugeben. Der Regen-\nschirm aber muß ein Examen machen. Nur löcherige Regenschirme\nwerden zur Kritik zugelassen. Je mehr Löcher, desto mehr Regen.\nJe mehr Regen, desto mehr Sägen. Je mehr Sägen, desto mehr\nKritik. Um auf das Schaf zurückzukommen: Kritiker sind eine be-\nsondere Art Menschen. Zum Kritiker muß man geboren sein. Kri-\ntiker sind schafgeboren, schafgesäugt mit Oberlehrerin und schaf-\ntrunken von dem Kunstwerk.\n\nMan kann auch „ohne”\nIn New York verstarb kürzlich der Kritiker Mathews Brander. Seine\nbissigen Bemerkungen überlebten den gefürchteten Mann und sind in\nAmerika heute noch im Umlauf. Als ihm einst ein Freund die Kunde\nvon den fabelhaften Leistungen eines einarmigen Klaviervirtuosen ver-\nmittelte, war der Kritiker gar nicht erstaunt. „Einfach wunderbar,\nwie dieser Mann, dessen linker Arm amputiert werden mußte, sein\nInstrument beherrscht\", schwärmte der Freund. — „Das ist doch\nnichts Besonderes\", meinte Brander. „Warum soll nicht ein Mann\nohne Arme Klavier spielen, wo doch jahrein jahraus Sänger und\nSängerinnen ohne Stimme singen!\""}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "30", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.32", "texte": "Rampenrummel-Reigen\nUraufführung im „Theater der Ewigjungen\". Große Aufmachung.\nGroße Enttäuschung. Nicht einmal im Uebermaß vorhandene Worte\nsind für die Leere des neusten Stückes des ältesten Dichters\nvoll genug. Die Herren von der Kritik schlafen schon nach der\ndritten Szene. Korporativ. Also nimmt die Premiere den gewohnten\nVerlauf: Die Kritik schläft, das Publikum „geht mit\" und alles ist\nin schönster Ordnung. Mehr Blumen und viele Hervorrufe.\nIn der Pause nach dem ersten Akt studieren die Vertreter der\nöffentlichen Meinung die Oeffentlichkeit. Der Herr vom General-\nanzeiger fragt einen Kollegen: „Hast Du vielleicht eine Ahnung, wer\ndie Dame in der Proszeniumloge ist?\"\n„Keinen Schimmer.\"\nZweiter Akt. Noch schwächer als der erste. Zweite Pause. Der\nzweite Kritiker geht an den ersten heran: „Nun weiß ich, wer die\nFremde in der großen Loge ist. Die Gattin des neuen Botschafters\nder Spanischen Republik.\"\nEin vorwurfsvoller Blick: „Konntest Du das nicht schon in der\nersten Pause erfahren? Du hättest mir diesen schlaf-\nlosen Akt erspart!\"\n\nMode\n\nDie Mode gehört zu den verkannten und umstrittenen Dingen\n— sie wird also besonders wichtig sein. Zunächst hat Mode eine\ndoppelte Bedeutung: im weiteren Sinne ist sie das Vorstadium\nder Kultur, im engeren die „Bekleidungskunst\". Mode gibt es auf\nallen Kulturgebieten, in Religion, Politik, Wissenschaft, Kunst, Sitte\nund Wirtschaft. Ihre positive Aufgabe besteht darin, die neuen\noder die erneuerten Kulturgüter ins Bewußtsein der Massen zu\nbringen, ihre Qualität und Brauchbarkeit vor der endgültigen Hin-\nführung auszuprobieren und ihnen die Aufnahme in den dauernden\nBesitz eines Volkes, in seine Kultur, zu ermöglichen. — Die Mode\nals „Bekleidungskunst\" ist nur ein Teil dieses Kulturprozesses,\nder die Fortentwicklungen und Wandlungen des Lebens anzeigt.\nVolkswirtschaftlich gesehen ist die Bekleidungskunst ein\nsehr wesentlicher Teil von Handwerk, Industrie und Handel; künst-\nlerisch ist sie das umfangreichste Gebiet der Kunst. Seinem\nWesen nach ist das Kleid ein Gesamtkunstwerk von angewandter\nMalerei, Plastik und Architektur. Kulturell ist die Kleidermode\nder genaue Spiegel der politischen, soziologischen und ökonomischen\nZustände und Kämpfe.\nAus solchen Kämpfen erklären sich auch die propagandistischen\nDiffamierungsversuche der Mode als unsittlich, verschwenderisch,\nausländisch usw. So spiegelt etwa die Uniformität unserer Kleidung"}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "31", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.33", "texte": "schon seit hundert Jahren die Demokratie und den tatsächlichen\nKollektivismus wieder. Nicht mehr die berufsständische und po-\nlitisch bestimmte Form unterscheidet die Menschen und ihre\nKleider. Nur noch die Kostbarkeit der Stoffe — das Geld. Russen-\nkittel und Braunhemden sind Ansätze zu neuer Repräsentation po-\nlitischer Machtverhältnisse. Man wird besonders darauf gespannt\nsein dürfen, wie sich in einem Staat wie die Sowjetunion die\nKleidung und mit ihr die ganze Kunst als sichtbares Abbild\nder politisch-soziologischen Ordnung entwickeln wird\n— ob als massenweiser Abklatsch der westlichen Zivilisation oder\nals selbständige Formung der eigenen Realität.\n\nJ. Pfister\n\nWorte zur rhythmischen Malerei\nOtto Nebel\nDas rhythmische Bild ist eine Kompositionseinheit aus Funk-\ntionsmomenten der Fläche.\nUnter bestimmten Voraussetzungen ruft es trotz (oder dank)\nseiner Zweidimensionalität eine Raumillusion hervor.\nDiese scheinbare Räumlichkeit einer bildmäßigen Flächenlösung,\neiner einwandfreien Bildkomposition ist für die Sinne eine Wirk-\nlichkeit.\nDie illusionäre Räumlichkeit dieser Art entsteht dadurch, daß\nunterschiedliche Licht-Intensitätsgrade der aus einem mehrfarbigen\nBild wirkenden Farbklänge vom menschlichen Auge als unterschied-\nliche Abstände empfunden werden.\nDas heißt: die unterschiedlich getönten Farbformen einer Malerei\nstellen sich in ganz bestimmte ihren Lichtpotentialen entsprechende\nEbenen. Das Auge distanziert die einzelnen Bildteile ent-\nsprechend unterschiedlich.\nDie Bildeinheit bleibt dabei als solche erhalten: das Bild zerfällt\nnicht für das Äuge in zusammenhanglose Stücke, sondern es staffelt\nsich in naturbedingter Ordnung nach der Tiefe zu. Derart, daß die\ngestaltete Bildfläche nicht mehr als eine plane Einhelligkeit, sondern\nals eine harmonisch differenzierte Einheit von teils näher, teils\nentfernter schwebenden oder stehenden Lichtflächen, Farbformen,\nHelligkeiten und Dunkelheiten erscheint.\nSolche Raumillusion ist vollkommen und beharrlich.\nSie kann vom wissenden Maler geplant und zielbewußt er-\nschaffen werden, aber sie ist eine Unkonstruierbarkeit.\nSie resultiert als späteste Eigenschaft und letzte Tugend einer\nhochwohlgeborenen Malerei, die in all ihren Werdestadien von den\nSinnen gehegt und geprüft, und als Bauvorgang kunstgerecht und\ngewissenhaft beendet worden ist."}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "32", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-01.1.34", "texte": "Die JATL Sektion Deutschland bittet uns um Aufnahme\nfolgender Erklärung:\nInfolge schwerer strafrechtlicher Verfehlungen des Vorsitzen-\nden des Breslauer Tuberkulösen-Vereins Alfred Wendler waren wir\ngenötigt, fortan jede Verbindung mit diesem Verein abzulehnen, haben auch\nHerrn Prof. Friedmann eine endgiltige Trennung empfohlen und von\ndieser durch entsprechende gedruckte Erklärung im November 1931 un-\nseren Mitgliedern und Freunden Kenntnis gegeben. Wendler, der seine\nVereinsräume verlassen mußte, versendet jetzt von seiner Wohnung aus\nRache ein Rundschreiben mit Anschuldigungen gegen uns sowie gegen\nPerson und Sache Prof. Friedmanns, die bewußt unwahr und wider\nbesseres Wissens sind.\n\nEmpfohlene Bücher\nOtto Nebel: Worte zur rhythmischen Malerei\nDionverlag Dresden Ä. 21 und Berlin-Steglitz 1931 / Aus diesem\nBuch ist der Beitrag „Worte zur rhythmischen Malerei\" dieses Heftes.\nHans Würtz: Zerbrecht die Krücken / Krüppelprobleme der Menschheit\nLeipzig Verlag Leopold Voß 1932 / Aus diesem Buch ist der\nBeitrag „Krüppel\".\nDie besiegte Tuberkulose\nHerausgegeben von der Internationalen Anti-Tuberkulose-Liga\nSektion Deutschland / Eine Sammlung ärztlicher und fachärzt-\nlicher Gutachten und Heilungsberichte über die Erfolge, die mit\ndem Friedmannschen Tuberkulose-Heil- und Schutzmittel im In- und\nAusland erzielt sind / Verlag Walter de Gruyter & Co / Berlin 1931\n\nAnmerkung\nDie Zeitschrift „Der Durchbrach\" hat die Aufgabe, den Ideen und\nMenschen zum Dtirchbruch zu verhelfen, denen die Oeffentlichkeit\nsich verschließt oder denen die Oeffentlichkeit systematisch ver-\nschlossen wird. Die Zeitschrift beobachtet alle Gebiete des mensch-\nlichen Seins und Denkens. Sie hilft die Ideen und ihre Träger\ndurchzusetzen, die die Menschheit vom Schlechten zum Guten und\nvom Guten zum Besseren führen. Es sollen die Menschen nicht für\ndie Ideen, es sollen die Ideen für die Menschen eingesetzt werden.\nDaß wir uns deshalb besonders für den körperlich kranken Menschen\nsorgen, den Krankheiten möglichst vorbeugen wollen, ist in dieser\nZeit der langsamen körperlichen Vernichtung von Millionen be-\nsonders erforderlich. Denn der Körper gebiert. Auch den Geist,\nder körpergebunden ist. Zum Sein gehören Sinne. Erst und nur\ndie Sinne ergeben den Sinn. Denn der Sinn des Lebens ist nicht\nder Sinn. Der Sinn des Lebens ist das Leben.\nDie Zeitschrift „Der Sturm\" ist vom 21 .Jahrgang mit der Zeitschrift „Der Durchbruch\" vereinigt\n\nVerantwortliche Schriftleitung: Chefredakteur Andre von Kün / Berlin sWilmersdorf\nManuskripte werden nur zurückgesandt, wenn Rückporto beiliegt / Der Höchstumfang\neines Manuskriptes für die Zeitschrift „Der Durchbruch\" ist drei Druckseiten / Die Zeit-\nschrift ,Der Durchbruch\" ist zu beziehen: durch den gesamten Buchhandel, durch jede\nPostanstalt, in den Zeitungskiosken und bei den Einzelhändlern / Jahresbezug (12 Hefte)\nRM 3,— ohne Porto, Einzelheft 30 Rpf. Wo die Lieferung der Zeitschrift nicht zu erreichen\nist, wende man sich direkt an den Verlag / Anzeigentarif wird auf Wunsch direkt versandt j\nAufl.: 10 000 Exemplare / Verlag „Der Sturnr'/Bln.-Friedenau j Druck: Max Lichtwitz Berlin SWI9"}]}