{"numero_id": "bm-bmtnabg-1932-02", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_sha256": "253c8026e1b643abc206789f5e05b61164ace448dcd6cbbfb1dd69b3f39b6930", "source_tei": "https://github.com/Princeton-CDH/bluemountain-transcriptions/blob/main/periodicals/bmtnabg/issues/1932_02/bmtnabg_1932_02.tei.xml", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabg/issues/1932_02/bmtnabg_1932_02.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c001", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c001", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "couv. 1", "page_fin": "couv. 1", "image_debut": 1, "image_fin": 1, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.1", "titre_corps": "Table of Contents", "titre_sommaire": "Table of Contents", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.1", "debut_caractere": 59, "fin_caractere_exclue": 288, "texte": "v 'k fV r'f [? i k | |Tl /\nInternationale Monatsschrift\nLärm um Friedmann\nCaeschmack sß*\nVolare necesse est\nDoktor Sport\nRache ist nicht süß\n</\nJ-\nRampenrummel\nStempellied\nWeltstadt an sich\nPranger\naä Tonflimmernebengeräusche\n4S°"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c002", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c002", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "35", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.2", "titre_corps": "Geschmack", "titre_sommaire": "Geschmack", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2653, "texte": "Geschmack\nHerwarth Walden\nKohlrabi bürgerlich. Man nehme reichlich Mehlschwitze und\nman hat den klassenbewußten Geschmack. Außerdem ißt man wie\nbei Muttern. Zu Hause schmeckt es am besten. Selbstgebackener\nKuchen. Man nehme etwas Persil oder Oetker, drücke einen\nMaggiwürfel darüber und gieße über alles reichlich verdünnten\nHimbeersaft von Kahlbaum AG. lieber den Geschmack läßt\nsich streiten. Aber wir wollen nicht mehr streiten. Wir\nwollen durchaus einig sein. Außer dem schlechten Geschmack\ngibt es einen guten. Geschmackvoll können sein Kleidung, Woh-\nnungseinrichtungen, Kunstwerke aller Art, der Ton in allen Lebens-\nlagen, auch in den zugespitztesten, die Politik, das Benehmen und\ndie Luxusgegenstände. Hingegen kommt es beim Essen nur auf\ndas appetitliche Riechen an. Das Essen ist doch unwesentlich. Es\nkostet erstens Geld, was man nicht hat. Es kostet zweitens Ge-\nschmack, den man für die übersinnlichen Dinge verbraucht. Und\nes kostet drittens Talent, das ausschließlich dem Theater über-\ntragen worden ist. Der Anfang und das Ende jedes Essens in\nDeutschland besteht aus einem Wässerchen, das man durch Wörter\nunterscheidet. Vor der Mitte heißt es Suppe nach Königinart, nach\nder Mitte Kaffee. Das erste ist hellblond, das zweite hellschwarz.\nDas Zwischengericht besteht aus Mehlschwitze, je nach der ethischen\nEinstellung auf Gemüse oder auf Fleisch getan. Für diese Gerichte\ngibt es sehr viele Wörter. Jedes Gemüse und jedes Tier muß ihnen\nseinen Namen leihen. Wenn einem gar kein Wort einfällt, nennt\nman die ganze Angelegenheit Würstchen. Sollen höhere Preise er-\nzielt werden, nimmt man Fremdwörter: Ragout oder Goulasch.\nWill man das Gas dabei sparen, heißt es auch Sülze. Um den\nErbfeind zu charakterisieren, entschuldigt man verdorbenes Fleisch\nmit haut goüt. Die Fische werden auf jeden Fall paniert, damit sie\nnicht auffallen. Nach diesen Vorbereitungen und Mahlzeiten ge-\nsegnete Mahlzeit, hat man den Geschmack. Und obwohl sich über den\nGeschmack streiten läßt, man sich aber nicht streiten will, seid\neinig, hat man also den guten Geschmack. Für ihn gibt es Normen,\neben wie bei der Mehlschwitze. Kleider werden durch Schleifen\ngeschmackvoll. Hemden durch rosa Passen, auch wenn sie grün\nsind. Wohnungseinrichtungen durch Decken, facettiertes Kristall,\nbotanische oder zoologische Nachbildungen aus jedem Material und\nKnie- oder Marinestücke auf den Wänden. Kunstwerke sind ge-\nschmackvoll, wenn sie die Natur nachahmen, soweit sie anständig\nist. Stehende Akte sind zwar keine Kunst aber zulässig, liegende\nAkte brauchen einen geschmackvoll dekorierten Samtvorhang.\nPlastiken sind immer geschmackvoll, wenn man sie gebrauchen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2805, "texte": "kann. Als Spiegel oder Briefbeschwerer oder Lampe oder was der\ngeschmackvolle Mensch eben braucht. Wenn man tinsicher ist,\nnehme man sonst für Plastiken nur Tiere. Sie kann man im\nSommer auch im Garten aufstellen. Zwerge halten auch den Winter\ndort aus. Dichtungen sind geschmackvoll, wenn sie sich im reiferen\nLebensalter befinden. Will man hier keinen schlechten Geschmack\nbekunden, ziehe man sich stets auf die Griechen oder Römer\nzurück. Oder auf kriegerische Maßnahmen. Den geschmackvollen\nTon in allen Lebenslagen studiert man am besten auf der Uni-\nversität und bei nicht allzu edlen Frauen. Jede Äeußerung wird\ndadurch geschmackvoll, daß man sich der Fremdwörter oder der\nÄmtswörter bedient. Auch die Schriftsprache ist stets geschmackvoll\nZu empfehlen sind: bezüglich, andrerseits, die Herren Eltern. Ecco,\nc'est le ton, qui fait la musique, der See kann sich der Landvogt\nnicht erbarmen. Für den guten Geschmack in der Politik, empfiehlt\nes sich, in der Mitte zu bleiben. Also alles mit Mehlschwitze. Das\nnennt man Weltanschauung mit Geschmack. Mit Mehl läßt sich\nalles verkleistern. Sogar das Auge. Anschauung hat man eben zu\nhaben, wozu sich da noch die Äugen verderben. Für das Benehmen\nverwende man Kohlrabi bürgerlich. Dann kann gar nichts passieren.\nLuxusgegenstände und Bucheinbände werden durch Gold und Silber\ngeradezu appetitlich. Und wenn man Appetit hat, kommt es auf\nden Geschmack nicht mehr an. Wenn man Hunger hat, auch nicht.\nAlso ist der ganze Geschmack überflüssig. Er wird deshalb in\nDeutschland auch nur sinnbildlich verwandt. Ein Sinnbild hat näm-\nlich keinen Sinn und ist kein Bild oder es ist ein Sinn ohne Bild\noder ein Bild ohne Sinn. Also auf jeden Fall zu gebrauchen»\nWenn man den Geschmack komplett beherrscht, sich also nicht um\nihn kümmert, hat man Kultur. Kultur ist das Beste, was bisher\nerfunden worden ist. Die Kultur ist so wichtig, daß man zu ihrem\nSchutz die Kriege erfunden hat.\nDie Kultur muß nämlich unter allen Umständen geschützt\nwerden, damit man nicht den Geschmack an ihr verliert. Die\nNationen werfen sich gegenseitig ihren Geschmack vor, so daß sie\nselbst keinen mehr haben. Sie bringen es unter Umständen sogar\nzum haut goüt. Oder sie haben darauf gusto. Oder wenn die\nDeutschen ganz böse werden, dann sind sie geschmäcklerisch.\nAber außerhalb Deutschlands lassen sich die anderen Nationen\nden Geschmack nicht verderben. Den unsinnbildlichen. Sie machen\naus der Natur keine Kunst. Die Leute machen sogar aus der Kunst Natur.\nMehlschwitze, Persil und Kohlrabi bürgerlich. Für Berlin könnte man\ndurch Notverordnung den guten Geschmack heben. Man lasse die Ein'\nwohner einmal in der ungarischen Csärda neben Gloria-Palast essen\nund ihr Gaumen wird sich wundern. Die Prozente, die ich von\ndem Restaurant bekomme, stelle ich den Personen zur Verfügung,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 836, "texte": "die erst das zweite Mal auf den Geschmack kommen. Weil man\nnämlich diesseits so auf den Hund gekommen ist, daß man vielleicht\nes zweimal schmecken muß. Hat man aber einmal den guten Ge-\nschmack, hat man überhaupt einmal Geschmack, so kann sich das\nwomöglich auch auf die anderen Sinne auswirken. Auf die Ohren\netwa. Oder gar auf die Augen. Das wäre gar nicht auszudenken,\nwas sich ereignen würde, wenn die Menschen einmal ganz einfach\nihre Sinne gebrauchen wollten, die ihnen kostenlos zur Verfügung\ngestellt sind. Wenn man die Augen aufmacht, sieht alles plötzlich\nganz anders aus. Namentlich, da man sie überhaupt nicht aufmacht.\nBis dahin hat man nur Bedenken. Die bekommt man vom unsinn-\nlichen Denken. Woraus höchstens Professoren ohne Profession\nentstehen. Oder geschmackvolle Politiker. Oder Hausfrauen. Oder\nKohlrabi bürgerlich."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c003", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c003", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "35", "page_fin": "36", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.3", "titre_corps": "Der deutsche Nationalstaat", "titre_sommaire": "Der deutsche Nationalstaat", "signature_source": "Max Verworn", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.5", "debut_caractere": 838, "fin_caractere_exclue": 2568, "texte": "Der deutsche Nationalstaat\nMax Verworn\nWir pflegen mit Recht Deutschland als einen einheitlichen Na-\ntionalstaat zu bezeichnen und wir dürfen stolz darauf sein. Es wäre\naber falsch, wenn wir diese Auffassung auf den unglücklichen Rassen-\nbegriff gründen wollten. Der Rassenbegriff hat in wissenschaftlicher\nHinsicht ebensoviel Unheil angerichtet wie in politischer Beziehung,\nweil er sich überhaupt nicht scharf bestimmen läßt. In Wirklichkeit\ngibt es gar keine Rasse und der Begriff ist eine irreführende Fiktion.\nDie Rassenfanatiker begehen aber den Fehler, daß sie die Einheit-\nlichkeit unseres Nationalstaates in einer gemeinsamen germanischen\nAbstammung der Deutschen erblicken. Das widerspricht der geschicht-\nlichen Erfahrung. An der Zusammensetzung der heutigen Bevölkerung\nDeutschlands haben sich außer den Germanen auch keltische Stämme,\nRomanen, Slaven und auch noch andere Elemente mehr oder\nweniger umfangreich beteiligt. Die Ansicht des alten römischen Lob-\nredners der Germanen, daß sie „eine eigenartige, reine und nur sich\nselbst gleiche Nation\" bildeten, trifft in ethnologischer Hinsicht nicht\nzu und hat nie zugetroffen. Die nationale Einheit liegt vielmehr aus-\nschließlich auf kulturellem Gebiet. Unsere staatliche und wirtschaft-\nliche Organisation, unsere gemeinsamen Ideale, unsere Denkweise,\nunsere Sprache, unsere Kunst haben Deutschland zu einem einheit-\nlichen nationalen Kulturorganismus gemacht. Diese Güter muß\nDeutschland sich erhalten und fortentwickeln, will es ein einheitlicher\nNationalstaat bleiben.\nWenn wir also die nationale Einheit Deutschlands ebensowenig\nwie die irgendeiner anderen Nation in der Reinheit der Rasse, son-\ndern in der Gemeinsamkeit des nationalen Kultursystems erblicken"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2342, "texte": "müssen, so dürfen wir doch auch hier nicht den Fehler machen, diese\nnationale Kultur Deutschlands als aus einer einheitlichen, etwa einer\n„urgermanischen\" Wurzel hervorgegangen, zu denken. Die alte ger-\nmanische Kultur, wie sie noch etwa zur Zeit von Caesar und Tacitus\nbei den Germanen-Stämmen bestand, mag das Grundkapital gebildet\nhaben, mit dem Deutschland in seine Kulturentwicklung eintrat. Aber\nwir dürfen doch nicht übersehen, daß noch in der zweiten Hälfte\ndes ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung große Teile dos\nheutigen Deutschlands von keltischen Stämmen bewohnt wurden, so\nwie noch tausend Jahre später andere Teile Deutschlands von Slaven\nbesiedelt waren, der weniger umfangreichen und nur kurzen römi-\nschen Okkupation deutscher Gebiete gar nicht zu gedenken. Alle\ndiese nichtgermanischen Elemente haben mit ihrer spezifisch nationa-\nlen Eigenart an der Synthese unserer heutigen deutschen Kultur teil-\ngenommen und wenn auch die spezifisch germanische Kultur bei dieser\nSynthese immer den eigentlichen Stammorganismus gebildet hat, der\ndie anderen Kulturelemente assimilierte, so sind doch deren Ein-\nwirkungen nicht spurlos verschwunden. Die Wacholderbeeren, die das\nHaselhuhn verzehrt, sind auch nicht verloren; sie geben dem Braten\neinen feinen pikanten Geschmack, wenn sie auch selbst allein noch\nkein Haselhuhn sind. Die einzelnen keltischen, romischen, slavischen\nBestandteile in unserer Kultur sind freilich nicht immer von fern\nschon leicht zu erkennen. Sie sind auch oft nicht mehr als solche\nerhalten, sondern haben nur vorübergehend ein Glied in der Ent-\nwicklung gebildet, die im übrigen über sie hinaus gegangen ist. Es\nbedarf daher einer eingehenden Analyse und manchen Umweges, um\nsie zu entdecken. So hat die vergleichende Sprachforschung zahlreiche\nWorte, die bis in die keltische Besiedelungsperiode Deutschlands zu-\nrückgehen und die doch nicht einer gemeinsamen indogermanischen\nWurzel zu entstammen scheinen, in unserem heutigen Sprachschatz\nnoch nachweisen können. Zum Beispiel haben die germanischen\nStämme das Wort für unser wichtigstes Metall, Eisen, altgermanisch\nisarna, keltisch isarnon, erst durch Vermittelung der Kelten, der\nMeister in seiner Bearbeitung, näher kennengelernt. Ebenso wie\nkeltische finden sich nun auch zahllose römische und slavische Ele-\nmente in der deutschen Kultur."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c004", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c004", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "36", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.4", "titre_corps": "Krieggrab", "titre_sommaire": "Krieggrab", "signature_source": "August Stramm", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.6", "debut_caractere": 2344, "fin_caractere_exclue": 2488, "texte": "Krieggrab\nAugust Stramm\nStäbe flehen kreuze Arme\nSchrift zeigt blasses Unbekannt\nBlumen frechen Staube schüchtern\nFlimmer\nTränet\nGlast\nVergessen"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c005", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c005", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "37", "page_fin": "40", "image_debut": 7, "image_fin": 10, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.5", "titre_corps": "Heilung : Leiter des Schweizerischen Antituberkulose-Heilinstituts", "titre_sommaire": "Heilung : Leiter des Schweizerischen Antituberkulose-Heilinstituts", "signature_source": "med. Bucher/Bern", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2593, "texte": "Heilung\nLeiter des Schweizerischen Antituberkulose-Heilinstituts\nDr. med. Bucher/Bern\nNoch nie hat sich eine gute Sache, die bestehenden Interessen\nzuwiderlief, ohne Widerstand und Anfeindung durchzusetzen ver-\nmocht. Aehnlich geht es mit dem Friedmann-Mittel, das durch den\nArtikel von Professor v. Gonzenbach, „Lärm um Friedmann\", nun\nauch in den Tageszeitungen zur Diskussion gestellt wird. Gonzen-\nbach wendet sich dabei besonders an die „Stillen im Lande\" und\nsetzt sich für diese gegen irgendwen zur Wehr. Dabei kenne ich\nin der Schweiz niemanden, der über Friedmann so viel geredet\nund geschrieben hätte wie gerade Gonzenbach und die Friedmann-\nGegner. Ich zähle sie also gar nicht zu den „Stillen im Lande\".\nGonzenbach redet von Märtyrern, die doch keine seien, von plumper\nReklame, die das Mittel vor das Volk bringe und der Wunder-\ngläubigkeit des Volkes. Da ich nicht im entferntesten die Absicht\nhabe, ein Märtyrer zu sein, so waren diese Ansprüche für mich,\nder ich die Wirkung des Friedmann-Mittels an den mannigfaltigsten\nKranken und in verschiedensten Situationen beobachtet habe, Ver-\nanlassung, wieder einmal aus der Stille hervorzutreten.\nWas seinerzeit, jahrelang bevor ich mich für das Friedmann-\nMittel einsetzte, dem Volk und später auch mir am Friedmann-\nMittel gefallen hat, war die große Idee der am-\nbulanten Tuberkulosebehandlung, die über der über-\nhandnehmenden Sanatoriumsbehandlung durch Mithilfe von Liga,\nStaat und Aerzten fast in Vergessenheit geraten war. (Ambulant\nnennen wir eine Behandlung zuhause und unter periodischer ärzt-\nlicher Kontrolle des Patienten ohne dessen ständige Internierung.)\nDaß aber diese ambulante Behandlung in sehr vielen Fällen zum\nErfolg führt, beweist mir das Ergebnis meiner Erfahrungen. Es ist\nselbstverständlich, daß dabei die von Gonzenbach erwähnten Spon-\ntanheilungen auch bei dieser Behandlung in genau derselben Zahl\nvorkommen wie bei der Sanatoriumsbehandlung. Der gewaltige\nUnterschied zwischen beiden Behandlungen ist aber nicht einmal die\nWirksamkeit, sondern das Geld, das der Patient bei der einen\noder andern Behandlung ausgibt für die von Gonzenbach propa-\ngierte Luft, Licht, Sonne und gute Verpflegung, alles Faktoren,\ndie nicht ein Privileg der Höhenkurorte und Internierungsanstalten\nsind. Bei der einen Behandlung ist es eine teure Luft, Licht und)\nSonne, bei der andern die, die für alle Leute vorhanden ist. Die\nso durchgeführte ambulante Behandlung verschlingt aber mindestens\nzehnmal weniger Geld als die Heilstättenkur, bringt den Patienten\nnicht an den Rand des finanziellen Ruins und treibt ihn, dort"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2630, "texte": "angelangt, nicht in die Hände der Fürsorge. Diese volkswirtschaft-\nliche wichtige Erkenntnis ist nun ins Volk gedrungen, und es ist\neigentlich gar nicht verwunderlich, wenn es dabei etwas Lärm ge-\ngeben hat. Denn wohin würde es führen, wenn jeder Tuberkulose-\nfall gleich automatisch zum Sanatoriumsfall und weiter zum Für-\nsorgefall würde, für den die Allgemeinheit die Mittel aufzu-\nbringen hat.\nWenn Gonzenbach die drei Heilungsmöglichkeiten bei jeder\nTuberkulosebehandlung: die natürliche Heilungstendenz, die Sugge-\nstivkraft und die Umstimmung des Organismus zur Heilung durch\nirgend ein Reizmittel als Hauptfaktoren erwähnt, so werden da-\nmit noch keine Sensationen berichtet. Neu aber ist die Logik, wenn\nman in einem Satz diese Mittel als alleinseligmachend preist, sie\naber im Zusammenhang mit dem Friedmann-Mittel ins Lächerliche\nzieht. Kein Mittel wie das Friedmanns stützt sich ja so sehr auf\ndie natürliche Heilungstendenz des Organismus, die damit ge-\nsteigert wird. Fälle ohne eine gewisse Reservekraft können mit\ndem Mittel überhaupt nicht behandelt werden.\nAber mit Luft, Licht und Sonne hat man nun die Tuberkulose\njahrzehntelang „geheilt\", und viele Fälle figurieren in den Sta-\ntistiken der Sanatorien drei- bis viermal als „geheilt\". Gerade\ndeshalb scheint mir, es wäre nun an der Zeit, einen großen Teil\nunseres Volksvermögens anders anzulegen. Das Friedmann-Mittel\nruft ohne Mithilfe weiterer Faktoren sehr oft eine recht heftige\nUmstimmung zur Heilung hervor, und dieser Umstand gibt ihm\nvor anderen Behandlungsarten einen unschätzbaren Vorzug. Damit\nist auch gesagt, daß das Friedmann-Mittel an den Anfang der\nTuberkulose-Behandlung und nicht an den Schluß gehört. Immer\nmehr komme ich auf Grund nicht von Theorien, sondern meiner\nErfahrungen dazu, dafür einzustehen, daß auch die fürsorgerische\nTätigkeit in diesem Sinne reorganisiert werden sollte.\nGonzenbach scheint die ernsthafte Friedmann-Behandlung gar-\nnicht zu kennen. Denn er bedauert die Patienten, die durch die\nkritiklose Anpreisung dieses Mittels davon abgehalten würden,\nrechtzeitig die „richtigen\" Heilmaßnahmen zu treffen. Setzen wir\nvoraus, daß die von ihm oben angeführten Heilungsmaßnahmen\ndie richtigen seien, so verpaßt eben der Patient mit der Fried-\nmann-Behandlung gar nichts. Er gewinnt sogar ganz gewaltig:\ndenn alle diese Heilungsfaktoren können neben der Friedmann-\nBehandlung verwertet werden. Ich möchte deswegen den Sana-\ntorien die Existenzberechtigung beileibe nicht absprechen, denn\nbisher waren sie das Beste, das man kannte. Ist dies aber\nGrund oder keiner, etwas anderes, weil einfacher, nicht auch gelten\nzu lassen?"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.9", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2771, "texte": "Nachdem heute Tausende nach Friedmann geimpfte Patienten\nin der Schweiz von der Wirksamkeit des Mittels zeugen können,\nmutet es beinahe komisch, an, wenn Gonzenbach glaubt, es über\nalle diese lebenden Zeugen hinweg mit ein paar Sätzen erledigen\nzu können. Im Gegenteil stellen wir schon heute die Forderung,\ndaß an einer oder zwei Schweizer Universitäten die Möglichkeit\ngeschaffen werden sollte, wie etwa die Tuberkulin- oder Gold-\nbehandlung auch die praktische Anwendung des Friedmann-Mittels\nzu erlernen, da sie in der allgemeinen Praxis eine enorm wichtige\nRolle spielen wird. Denn der erfahrene Praktiker handhabt das\nMittel ganz anders als der Anfänger, und es ist schade, daß die\ngleichen Erfahrungen von jedem Arzt immer wieder neu erworben\nwerden müssen, nur mangels einer Ausbildungsstätte. Mit dem\nFriedmann-Mittel aber kommt der praktische Arzt in die Lage,\nin der Arbeit früherer Aerzte wieder dort anzuknüpfen, wo die\nTradition unterbrochen wurde durch den Sanatoriumsgedanken.\nDenn es ist nicht eine Bereicherung, sondern eine Verarmung an\nKönnen, wenn der praktische Hausarzt heute die Tuberkulose nicht\nmehr behandeln soll. (Wir reden an diesem Ort noch nicht von\nden offenen Fällen.) Die früheren Aerzte entschlugen sich nicht\nso leicht der Verantwortung gegenüber ihren tuberkulösen Pa-\ntienten, weil sie die Kranken nicht kurzerhand, beinahe reflek-\ntorisch, in eine Heilstätte abschieben konnten. Sie waren ge-\nzwungen, sich mit der Tuberkulose ebenso intensiv abzugeben, wie\nmit ändern in ihrer Praxis vorkommenden Krankheiten. Es ist\nauch nicht Zufall, wenn gerade in letzter Zeit selbständig denkende\nMänner wie z. B. Professor Äschner, Wien, in der „Krise der\nMedizin\" wieder alte, längst in Vergessenheit geratene Volksheil-\nmittel zu Ehren bringt.\nMan hat, und darunter sind meine besten Freunde, vielerorts\ngemeint, ich hätte in der Sache um Friedmann weniger angriffig\nvorgehen sollen. Für die Propaganda haben gerade die Gegner\nmit ihrem Lärm um das Friedmann-Mittel gesorgt. Heute, nachdem\nich die Wahrheit um das Friedmann-Mittel aus eigener Erfahrung\nweiß, empfinde ich es nicht mehr als Ketzertum, offen zu sagen,\ndaß selbst Offentuberkulöse nicht alle in Sanatorien und Ab-\nsonderungshäusern interniert bleiben müßten. Man sollte es durch\numfangreiche Schutzimpfungen der Umgebung den Kranken er-\nmöglichen, zuhause bleiben zu können. Diese Möglichkeit verbietet\naber das vom- Volk stillschweigend hingenommene Tuberkulose-\ngesetz, dessen Grundgedanken wohl ideal, dessen Auswirkung aber\nzum Verbrechen am einzelnen Kranken und an den auseinander-\ngerissenen Familien wird. Und je länger je mehr wird es vor-\nkommen, daß tuberkulöse Familienangehörige ihre Krankheit ver-\nbergen aus Angst vor gesetzlich befohlenem Interniertwerden und"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.10", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1511, "texte": "sich so einer Kontrolle und Auf sichtsmöglichkeit entziehen. Daß\ndurch dieses Gesetz die Ansteckungsgefahr nicht kleiner geworden\nist, leuchtet dem Dümmsten ein. Es wäre umsichtiger, statt eineis\nkomplizierten Fürsorge- und Polizeiapparates, der auch nicht gratis\nist, wenn mit Hilfe des Volkes, das sich so vor weiterer An-\nsteckung schützt, für die unheilbaren Kranken in eigenen Häusern\ndie Möglichkeit geboten wäre, den Rest des Lebens dort ungesorgt\nund menschenwürdig zu fristen, falls sie oder ihre Angehörigen\nden Wunsch zur Trennung äußern.\nSolche Tuberkuloseheime sind nur die menschliche und ethische\nKonsequenz des in Kraft getretenen Gesetzes. Wenn dieses aller-\ndings so ausgeübt wird, daß z.B. Kinder mit Hilfe der Vormund-\nschaftsbehörden den Eltern gewaltsam fortgenommen werden sollen,\nso wird — vor der Schaffung oben erwähnter Tuberkuloseheime —\neine unserer nächsten Aufgaben die Bildung einer Volksinitiative\nsein zur Wiederaufhebung der, solch unwürdige und mittelalter-\nliche Maßnahmen erlaubenden Gesetzesparagraphen . . .\nEs mutet mich wie Kinderei an, wenn erwachsene Männer auf\ndiese Weise streiten, wo es doch gegen einen gemeinsamen Feind,\neben gegen die Tuberkulose gehen soll. Steckt denn überhaupt\nein tieferer Sinn in dieser starren Ablehnung eines sehr brauchbaren\nTuberkulosehe ilmittels ?\nDie Behauptungen Gonzenbachs sind übrigens bereits von Geheimrat\nDr. med. Konrad Küster / Berlin in der großen Baseler Zeitschrif t\n„Schweizerischer Beobachter\" völlig widerlegt worden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c006", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c006", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "40", "page_fin": "43", "image_debut": 10, "image_fin": 13, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.6", "titre_corps": "Lärm um Friedmann?", "titre_sommaire": "Lärm um Friedmann?", "signature_source": "med. A. Meier-Naef/Wettingen (Schweiz", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 10, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.10", "debut_caractere": 1513, "fin_caractere_exclue": 2911, "texte": "Lärm um Friedmann?\nDr. med. A. Meier-Naef/Wettingen (Schweiz)\nIn verschiedenen Tageszeitungen erschien vor kurzem ein Artikel von\nDr. v. Gonzenbach, Zürich, unter dem Titel: „Der Lärm um Friedmann\".\nDer Artikel ruft in verschiedener Hinsicht nach einer Erwiderung. Einmal\nglaube ich annehmen zu dürfen, daß das Volk von diesem „Lärm\"\ndurch Friedmann-Anhänger noch nicht viel gehört haben werde. Sodann\nmuß vor allem die Verallgemeinerung der Anhänger der Friedmann-\nMethode als Lärmmacher zurückgewiesen werden. Schreibender hat näm-\nlich trotz sehr schönen Erfolgen bei über 600 Geimpften\nweder in Wort noch Schrift für das Friedmann-Mittel „Lärm\" gemacht,\nsondern sich „ruhig und unvoreingenommen\" verhalten, wie es der Autor\ngenannten Artikels von seinem Stand aus auch tun wollte.\nSollte nun auch in unserem Lande die Diskussion über ein Mittel\netwas lauter werden, dem sozialhygienisch und volkswirtschaftlich etwelche\nBedeutung zukommen könnte, was begreiflicherweise auch das „Volk\" in-\nteressieren muß, so schadet das ganz gewiß unsern „Stillen\" im Lande\nnichts. Es ist schon oft genug über weniger wichtige Dinge, als ein Volks-\nheilmittel, Lärm gemacht worden. Und dann schließlich der Lärm um\nCalmette durch seine Anhänger und das Nachspiel in den Lübecker Ge-\nrichtssälen um 70 tote Kinderl Tatsache ist, daß bis heute noch kein\nTodesfall durch die Friedmann-Methode festgestellt wurde."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.11", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3614, "texte": "Nun, Gonzenbach gibt wenigstens seine Unschädlichkeit zu, und\ndas ist für ein Tuberkulosemittel schon recht viel. Denn immer wieder\nbekommt man die Frage seiner Unschädlichkeit vorgelegt, besonders\nwenn die Anwendung Kinder betrifft. Ich darf ebenfalls frei und offen\ngestehen, daß ich weder bei Kindern noch bei Erwachsenen jemals einen\nNachteil gesehen habe. Was speziell die kranken Kinder betrifft, so sah\nich immer nur ein rasches Aufblühen, manchmal so\nverblüffend, daß es die Eltern kaum für möglich hiel-\nten. Handelte es sich um gesunde Kinder, wo eine Impfung zur Vor-\nbeugung in gefährdetem Milieu verabfolgt werden mußte, so sah ich bis\nheute nie ein solches Kind erkranken, selbst dort nicht, wo\nein kranker Vater oder eine ansteckungsfähige Mutter die größte\nfortwährende Gefahr darstellten.\nMit diesen kurzen Bemerkungen haben wir schon die große Streit-\nfrage der Wirksamkeit des Friedmann-Mittels berührt. Gonzenbach spricht\nihm in seinem Artikel die Wirksamkeit nicht absolut ab. Nach ihm beruht\ndie Heilwirkung einer Friedmann-Injektion auf drei Möglichkeiten: 1. der\nschon bestehenden Heilungstendenz der Tuberkulose, 2. der Suggestivkraft\ndes Friedmann-Mittels und 3. evtl. in einer Umstimmung des Körpers. Das\nsind übrigens jene Heilfaktoren, die von sämtlichen Friedmann-Gegnern\nimmer wieder aufgetischt' werden und wovon die zwei letzten Punkte\nvorläufig reine Hypothesen darstellen.\nWas Punkt 1 betrifft, so ist gewiß die Selbstheilungstendenz des\nKörpers nicht zu bestreiten. Sie ist oft sogar sehr groß und vielfach\nabhängig von Konstitution und von vorausgegangenen körperlichen und\nseelischen Insulten. Es muß aber doch anderseits darauf hingewiesen\nwerden, daß die Tuberkulose gerade den jugendlichen Körper befällt,\nalso in einem Älter, wo der Organismus noch wenig verbraucht und\nsomit die Widerstandskraft noch groß ist. Und schließlich entwickelt\nsich jede Tuberkulose aus kleinen Anfängen. Es wäre also zu er-\nwarten, daß der Körper gerade den Anfängen der Krankheit Meister\nwürde. Besonders dann, wenn die erwähnten Faktoren, wie gute Luft,\nLicht, Nahrung, Ruhe, Fernhaltung von Alltagssorgen das ihrige beitragen.\nNun hat aber die Erfahrung gezeigt, daß auch unter den denkbar günstig-\nsten Bedingungen, selbst beginnende Tuberkulosen nicht immer zur Aus-\nheilung kommen. Das mag auch der Grund sein, warum in den Sa-\nnatorien immer wieder nach unterstützenden Mitteln gesucht und geforscht\nwurde. Erwähnt seien davon nur die Unmenge Tuberkuline, die Gold-\npräparate, Calcium- und andere Injektionen. Oder dann die operativen\nEingriffe, wie Pneumothorax, Nervenschnitt, Plastiken.\nNach Punkt 2 nimmt die Suggestion als Heilfaktor einen wichtigen\nPlatz ein. Was den Satz: „Wille gesund zu werden und Glauben an den\nArzt\" anbelangt, so ist zu sagen, daß der Wille gesund zu werden bei\neinem jungen lebensfrohen Menschen wohl selten fehlt und der Glaube an\nden Arzt ist gewöhnlich auch vorhanden, sonst würde er sich ihm nicht\nanvertrauen. Die Behauptung vom „Berge versetzenden Glauben an das\nFriedmann-Mittel\" wird solange nicht zutreffen, als die Gegner immer\nwieder in Wort und Schrift gegen Friedmann Sturm laufen. Wer Fried-\nmann-Impfungen verabfolgt, der weiß, wie viele Zweifel vorher zu lösen\nund wie viele Fragen vorher zu beantworten sind.\nDann noch eine Frage. Wenn man beim Erwachsenen eine Suggestiv-\nwirkung annehmen will, wie erklärt man sich dann die ganz ausgezeichnete\nWirkung des Mittels beim tuberkulös erkrankten Kinde und besonders\nbeim Kleinkinde? Diese sind bekanntlich noch keiner Suggestivtherapie\nzugänglich und doch läßt das Friedmann-Mittel als Heil-"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.12", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3509, "texte": "und Schutzimpfung nie im Stich. Diese Frage hat von den\nGegnern noch niemand beantwortet. Nach meiner gewonnenen Ueber-\nzeugung wirkt eine Friedmann-Injektion so wenig suggestiv wie ein\nPneumothorax. Es ist doch sonderbar» daß von allen Tuberkulose-\nmitteln und therapeutischen Maßnahmen immer nur\ndem Friedmann-Mittel eine Einbildungswirkung zu-\nkommen soll.\nOb schließlich nach Punkt 3 die Heil- und Schutzwirkung einer Fried-\nmann-Injektion auf bloßer Umstimmung des Körpers beruht, dürfte\nsehr zweifelhaft sein, denn sonst könnte man auch mit andern umstimmen-\nden Mitteln, wie z. B. mit einer Milch- oder unspezifischen Seruminjek-\ntion dasselbe Ziel erreichen, was jedoch nicht der Fall ist.\nIm gleichen Artikel steht weiterhin zu lesen: „Wäre es wirklich das\nHeilmittel, als das es heute wieder angepriesen wird, so hätte es sich\nbestimmt die Welt erobert\". Darüber ist folgendes zu sagen: Friedmann\nentdeckte sein Mittel im Jahre 1903 — warum übrigens Gonzenbach\nFriedmann als „Erfinder\" mit Gänsefüßchen versah, dürfte nicht jedem\nLeser klar geworden sein — und im Jahre 1912 machte er die Oeffent-\nlichkeit damit bekannt. Wäre nun das Friedmann-Mittel absolut wertlos,\nso könnte es sich wohl kaum nach 20 Jahren noch in diesem Maße\nbehaupten und eine solche Verbreitung erfahren, wie es tatsächlich der\nFall ist. Die Friedmann-Änhänger bilden nämlich nicht nur ein kleines\nTrüpplein „Märtyerer der Wissenschaft\", sondern es sind tausende von\nAerzten in allen Weltteilen, die die Friedmann-Methode anwenden. Und\n„diejenigen Fälle, die durch eine Friedmann-Injektion geheilt worden\nsind\", gehen nicht nur in die Dutzende, sondern in die vielen Hunderttausende.\nProf. Schleich, der berühmte Erfinder der Lokalanaesthesie, dem anfäng\nlieh das gleiche Los, wie Friedmann, beschieden war, berichtet allein\nvon über zweitausend Fällen, die er mit dem Friedmann-Mittel geheilt\nhat. Erwähnenswert ist weiter, daß bis zum Jahre 1922 schon über 400\nArbeiten zugunsten des Friedmann-Mittels veröffentlicht wurden und\nheute sind es gegen die achthundert. Und was die Tierversuche an-\nbelangt, so erkundige man sich am besten bei Hagenbeck über die Wirk-\nsamkeit des Mittels in seinem Tierpark. Diese Hinweise mögen vorläufig\ngenügen, um zu zeigen, daß das Problem nicht mit ein paar Sätzen abgetan\nwerden kann.\nWas weiterhin im Artikel über die „Kehrseite der Angelegenheit*4\ngesagt wird, daß mit der kritiklosen Anpreisung viele Menschen abgehalten\nwerden, rechtzeitig richtige Heilmaßnahmen zu treffen, in vielen Unglück-\nlichen Hoffnungen erweckt werden „auf die naturnotwendig schwerste Ent-\ntäuschungen folgen müssen\", so möchte ich nur die Frage stellen, ob\nfür diese Behauptung Beweise vorliegen, oder ob wir sie nur als Hypothese\nhinnehmen sollen. Bis jetzt fehlen nämlich in der Literatur jegliche Be-\nweise dafür, daß auf eine Friedmann-Injektion „naturnotwendig\" schwerste\nEnttäuschungen folgen müssen, sondern wir finden bei den besten Kennern\nder Friedmann-Methode, darunter figurieren eine stattliche Anzahl nicht\nunbedeutender medizinischer Autoritäten, die Tatsache, daß schon viel-\nfach nach der ersten Injektion, ein rascher Umschwung des Krankheits-\nbildes entsteht, daß z. B. bei einem Lungenkranken der verlorene Appetit\nwieder zurückkehrt, Husten, Auswurf und Fieber zurückgehen, die Nacht-\nschweiße ausbleiben, das Körpergewicht zunimmt, kurz eine mehr oder\nweniger rasche, vom Charakter der Krankheit abhängende Wendung\nzur Besserung eintritt. Ich möchte vorläufig nicht lange mit eigenen"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.13", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3133, "texte": "Beispielen aufwarten, aber wenn es gelingt, bisweilen\naus Sanatorien als unheilbar Entlassene innerhalb\n6 Monaten so weit zu bessern, daß sie wieder leichtere\nArbeiten verrichten können, so ist das sicher für den\nPatienten keine Enttäuschung. Oder wenn es gelingt,\neine tuberkulöse Knochenfistel nach dreijähriger er-\nfolgloser Höhenkur in drei Monaten zu schließen, oder\neine seit zwei Jahren bestehende tuberkulöse Hüft-\ngelenkentzündung in fünf Monaten auszuheilen, so daß\nder Patient seine abgebrauchten Krücken wegwerfen\nkann, so ist das wiederum keine böse Enttäuschung.\nDas sind aber Beispiele nicht beginnender, sondern seit Jahren\nbestehender und anderweitig erfolglos behandelter Tuberkulosen.\nDaß aber die Friedmann-Methode bei beginnender Erkrankung nicht eben-\nso gut wirken sollte, ist eine logische Erfahrungssache. Daß sie auch\nhin und wieder einmal versagt, kann nicht bestritten werden, welches\nder besten Heilmittel in der Medizin versagt nicht einmal?\nEs erübrigt sich auf die zwei letzten Absätze des erwähnten Ar-\ntikels einzugehen, denn sie lassen, wie übrigens der ganze Artikel, er-\nkennen, daß der Autor nichts weniger als „ruhig und unvoreingenommen\"\ndem Friedmann-Problem gegenübersteht. Ich finde denn doch, ein Pro-\nblem wie dasjenige eines Volksheilmittels gegen Tuberkulose verdiene eine\netwas gründlichere Behandlung. Ebenso finde ich es nicht am Platze, seine\nAnhänger kurzerhand als Lärmmacher hinzustellen und sie mit allerlei\nPrädikaten zu versehen.\nNoch ein kurzes Wort über den zweiten Artikel in gleicher Nummer,\nder vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der\nTuberkulose in einem Kreisschreiben versandt wurde. Ich greife nur\nden einen für uns sehr wichtigen Satz heraus: „Irgend welche Erfolge,\ndie über das Maß der üblichen Heilst ättenerfol g e hinaus-\ngehen, sind nach den beim Vorstande eingelaufenen Nachrichten und eigenen\nErfahrungen nicht beobachtet worden.\" Schöner ist die Wirkung des\nFriedmann-Mittels von gegnerischer Seite noch nie be-\nzeugt worden. Diese Erklärung besagt mit anderen Worten, daß die\nFriedmann-Behandlung der der Heilstätten ungefähr gleichkommt. Mit\ndiesem Urteil können wir uns vorläufig zufrieden stellen. Die Schluß-\nfolgerungen über diese Bezeugung wollen wir nicht weiter darlegen, son-\ndern sie zu ziehen ruhig dem Leser überlassen. Ich glaube nur, die Er-\nklärung des deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose\nsei geeignet, auch von den Gegnern des Friedmann-Mittels in aller Stille\nerwogen zu werden, statt über den „Lärm\" der Friedmann-Anhänger\nVolksaufklärung zu treiben. Auf eine solche Erklärung von offizieller\nStelle haben vielleicht gerade die „Stillen im Lande\" gewartet.\nUnmittelbar nach Abschluß obiger Erwiderung erhielt ich ein um-\nfangreiches Werk, 400 Seiten stark, aus französischer Feder betitelt:\n„Vaccin de Friedmann\". Vaccination antituberculeuse chirurgicale et\npulmonaire par le Dr. Gaston Daniel de Marseille, President de la\nLigue Francaise antituberculeuse, Laureat de l'Academie (Paris Editeur\nEugene Figuiere, 166 Boulevard Montparnasse, 1952).\nEs sei besonders den Friedmann-Gegnern zum Studium empfohlen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c007", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c007", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "46", "image_debut": 14, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.7", "titre_corps": "Doktor Sport", "titre_sommaire": "Doktor Sport", "signature_source": "Otto Nebel", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 14, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.14", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2527, "texte": "Doktor Sport\nOtto Nebel\nEs wird euch nicht wundern zu erfahren, daß sich ein Mützen-\nfabrikant en gros leicht allerlei in den Kopf setzen kann en detail.\nHugo Sport in Pasewalk, der Erfinder der bekannten Sport-\nmützen, litt in geradezu manischer Weise an einer blinden Ver-\nehrung aller Leute, die unter dem Schirme des Doktortitels durch\ndas Gestöber des Daseins stolzieren.\nAls er in die Umstände kam, seinem ersten und einzigen\nSohne einen Rufnamen zu verpassen, kam ihm der glückliche Ge-\ndanke, den Jungen mit dem Vornamen Doktor zu segnen. Das war\neine grandiose Eingebung, deren diesseitige Tragweite selbst der\nPastor in Pasewalk nicht zu Ende denken konnte.\nHugo Sports Ehefrau, eine Dame von zwei Zentnern Urmasse,\nheiter und sinnig, trug den Rufnamen Balbina. Balbina Sport, ge-\nborene Lau. Sie war am 31. März geboren. Ihr Vater, der selige\nLau, hatte damals einfach das Kalenderblatt vor die Nase genommen\nund sich für diesen rundlichen Vornamen erwärmt. Der Mützen-\nfabrikant Hugo Sport aber ließ zur Taufe seines eingeborenen\nSohnes drei Vornamen in das Register eintragen: — sich selber\nzu Ehren natürlich den Vornamen Hugo, seiner Frau, der rüstigen\nPasewalküre zu Ehren den Zwischennamen Balbinus, und schließ-\nlich als Krönung der Sache den schönen Rufnamen Doktor, so-\ndaß der Säugling als Hugo Balbinus Doktor Sport von den Be-\nhörden theoretisch zur Kenntnis genommen werden konnte. Man\nmuß Pasewalk kennen, diesen Ort, der seit dem Abrücken der\nKürassiere außer dem rapiden Geburtenrückgänge auch sonst eine\nschwere Einbuße an Lebensfülle zu beklagen hat, um ganz zu er-\nmessen, welche weltmännisch hinauslangende Geste in solcher\nNamengebung zum Ausdruck kam.\nDen Jungen nannte man von Anfang an immer nur Doktor,\nkurzweg. Er konnte nichts dafür. Er war gesund und nie auf den\nKinderkopf gefallen. Auch der englischen Krankheit war er mit\ngutem Instinkt ausgewichen.\nAls er zur Schule kam, wurde er vom Lehrer Mix als erstem,\nund dann sofort automatisch von seinen Mitschülern wegen seines\nDoktortitels entsprechend gehänselt. Er hatte ein Gemüt gleich\ndem Seidenfutter einer prima Sportmütze vom Vater her, jedoch\nvon der schweren Mutter her eine dickfellige Oberhaut über diesem\nGemüte, sodaß er sehr rasch lernte, das Futter seines Wesens\nnach innen zu wenden und den Menschen die Lederseite zu bieten.\nNachdem er die Schule hinter sich und die Reifezeugnisse in\nder Tasche hatte, entschloß er sich, entschlossen wie er war, Medizin\nzu studieren und sich den Doktortitel zu erwerben. Gedacht, getan!"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.15", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2668, "texte": "— In Frankfurt an der Oder eröffnete er alsbald als Doktor Doktor\nSport eine Praxis gegen Stotterei. Der Zulauf war ungeheuer, da\ndas Publikum schon auf der Straße das Schild mit dem doppelten\nAnsatz gelesen und in seiner Beschränktheit angenommen hatte,\ndaß dieser ominöse Doktor Doktor Sport selber nicht nur aus\nbloßem Sport stottere, sondern aus lauter beruflicher Gründlichkeit\ndas wissenschaftlich exakte Stottern am eigenen Leibe\nprobiert und ausstudiert habe.\nWelch eine Ueberraschung aber war und blieb es für jeden\nPatienten, in der Sprechstunde zu erleben, daß Hugo Balbinus\nDoktor Doktor Sport ohne irgendwelche Hemmungen freundlich\nund fließend sprechen und dabei sogar noch wundervoll zutreffende\nDiagnosen aus den blütenweißen Kittelärmeln schütteln konnte.\nDa war kein Halfen mehr. Jeder bessere Frankfurter fing\nan zu stottern, die Ehefrauen brachten nur noch Stotterer zur\nWelt und die jungen Mädchen stießen beim Sprechen und Küssen\nmit den Zungen an, daß die Papageien schon gar nicht mehr\nwußten, was mit ihren Herrschaften gespielt wurde neuerdings.\nBalbinus sah sich genötigt, sich nach einer Assistentin mit Dok-\ntortitel umzutun. Er fand in Alma Pater die, die er suchte, und,\nda mit ihrer Hilfe auch das Seidenfutter seines Gemütes wieder\nzum Vorschein kam, just die rechte Ehehälfte in ihr.\nKaum war ein halbes Jahr vergangen, als sich Doktor Alma\nund Hugo Balbinus Doktor Doktor Sport zur glücklichen Geburt\neines strammen Sohnes beglückwünschen lassen konnten.\nZur Taufe erschienen aus Pasewalk die beiden alten Sportleute.\nGroßvater Hugo brachte hundert seidengefütterte Sportmützen mit.\nDie waren liebevoll ausgesucht nach Farbe, Musterung und Größe,\nsodaß sie von der Wiege bis zur Bahre den unterschiedlichen\nCharakterköpfen eines einzelnen, hochwohlgeborenen Menschen und\nEnkels wohl anstehen, genau entsprechen mochten. Großmutter\nBalbina, die schlohweiße Pasewalküre, schenkte einen vernickelten\nKüraß, der es schon auf das sechste Lebensjahr des Kleinen ab-\ngesehen hatte und vor Ungeduld blitzte.\nEingedenk der Ahnen und des besonders besonnten Schicksals\ndes jungen Vaters entschied sich die ganze Familie einmütig, dem\nJungen kurz und bündig die Vornamen Hugo Professor Doktor\nzuzusprechen.\nWar damit nicht jede Gewähr geleistet, daß der Kleine ein\ngroßer Mann ohne Schwierigkeiten werden würdet War da nicht\ndem Schicksal gewissermaßen gar keine andere Wahl mehr gelassenl\nWar da nicht unter dem Schirme der hundert Sportmützen auch\nbereits in materieller Hinsicht eine Haupt-Vorsorge getroffen, eine\nstoffliche Obhut angedeutet! War da etwa nicht mit dem Küraß\nauf Zuwachs sogar ein strahlendes Gleichnis gegeben, ein Sinnbild"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.16", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 532, "texte": "der Macht und der Heldenkraft über ein junges Leben geschwenkt!\nHatte da etwa nicht ein Walkürenfinger beizeiten auf Bismarcken\nhingezeigt! War da etwa keine Zukunftsmusik in den Windeln!\nLeider wurde Hugo Professor Doktor Sport bereits als Ein-\njähriger krank, aber dank der fachgerechten Pflege, die ihm die\nmedizinischen Eltern angedeihen ließen, wieder gesund, jedoch in\nseinem dritten Lebensjahre von einem gelblackierten Omnibus tot-\ngefahren.\nSoviel über den Sportbetrieb im allgemeinen und den Familien-\nsport im besonderen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c008", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c008", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "46", "page_fin": "46", "image_debut": 16, "image_fin": 16, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.8", "titre_corps": "Stempellied", "titre_sommaire": "Stempellied", "signature_source": "Franz Zorn", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 16, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.16", "debut_caractere": 534, "fin_caractere_exclue": 1163, "texte": "Stempellied\nFranz Zorn\nIn einem kühlen Grunde,\nda geht ein Mühlenrad\n(wenn es noch geht) zur Stunde\nnur noch per Kilowatt.\nUnd auch die hübsche Kleine,\ndie in dem Lied verblich»\nging heut wie irgendeine\nvermutlich auf den Strich.\nUnd manche kann man sehen,\ndie wissen nicht wieso\nsie heute stempeln gehen\nund gestern ins Büro.\nUnd gestern früh noch munter\nvielleicht in die Fabrik\nund heute gehn sie unter\nzu dreizehn Mark pro Stück.\nUnd morgen vielleicht leise\nstatt froh durch die Allee,\nauf eine dumme Weise\nsogar in einen See.\nUnd alles geht im Grunde\nwie dieses Mühlenrad\nschön langsam vor die Hunde —\ndas dort gemahlet hat."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c009", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c009", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "47", "page_fin": "49", "image_debut": 17, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.9", "titre_corps": "Raummangel II", "titre_sommaire": "Raummangel II", "signature_source": "Herwarth Walden", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 17, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.17", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2705, "texte": "Raummangel II\n\nEs ist gut, daß ich wenigstens etwas für die medizinische Fach-\npresse tun kann. Sie hat keinen Raum. Also muß man mit ihr auf-\nräumen. Das wird gründlich und schnell geschehen. Ordnung muß\nsein. Bald wird die medizinische Fachpresse sich nur noch über\nMangel zu beklagen haben. Ich habe der Oeffentlichkeit schon mit-\ngeteilt, daß die Deutsche Medizinische Wochenschrift es besonders\nschwer hat. Die Redaktion will durchaus die Tuberkulose retten.\nSie scheint für die Medizin unerläßlich. Die Redaktion freut\nsich über jeden Brief, den ihr ein verehrter und lieber Herr Kollege\nschickt. Nur darf er der Tuberkulose nichts antun. Herr Professor\nvon den Velden hat sie nun einmal, wenn auch nicht in die Lunge,\naber in sein Herz eingeschlossen. Er läßt der Tuberkulose nichts\nantun. Sie muß gerettet werden. Sonst faßt ihn der Menschheit\nganzer Jammer an. Er spuckt Blut, wenn man seine Lieblingskrank-\nheit auch nur in ihren Aeußerungen verhindern will. Da gibt es\nz.B. einen medizinischen Universitätsprofessor, der das Friedmann-\nMittel bei seiner eigenen Familie, bei seinen Angehörigen und bei\nsehr zahlreichen Patienten seit dreizehn Jahren erfolgreich an-\ngewendet hat. Der Herr Professor nimmt an, daß solche Tatsachen\nvielleicht die Deutsche Medizinische Wochenschrift interessieren\nkönnten. Er hat allerdings nicht gewußt, daß derartige Aufsätze in\ndie Archive gehören. Nicht aber in die Deutsche Medizinische\nWochenschrift. Sie hatte nämlich absolut keinen Raum. Vor allem\nnicht für diskutierte Angelegenheiten. Insbesondere unter gar\nkeinen Umständen, wenn der Tuberkulose dabei etwas passieren\nkönnte. Womöglich durch das Friedmann-Mittel. Schade. Herr\nProfessor von den Velden hatte sich schon so sehr gefreut:\n„Sebr verehrter und lieber Herr Kollege!\nWir betten uns sebon sebr gefreut, einen „Brief\" von Ibnen zu\nbekommen. Nun ist es Mleider\" eine Arbeit, die wir Ibnen zurück-\nsenden müssen (was Sie uns bitte niebt verübeln wollen\\ da wir\ndie doeb noeb immer sebr diskutierte Angelegenheit gerade in\ndieser allgemeinen Form niebt bringen können. Eine mit einzelnen\nTatsachen belegte Arbeit würde aber in ein Archiv geboren, weil\nsie für uns zu groß wäre. Sie werden es also verstehen, warum\nwir Ibnen mit bestem Dank das Manuskript zurückreichen.\nHoffentlich geht es Ihnen sonst recht gut.\nMit besten Grüßen und Empfehlungen bin ich\nstets Ihr ergebenster Von den Velden.\"\nEs versteht sich, daß es dem verehrten und lieben Herrn\nKollegen sonst recht gut geht. Er hat nämlich eine Menge Menschen\nvon der Tuberkulose geheilt. Und zwar mit dem Friedmann-MitfeL\nAllerdings ohne Genehmigung der Redaktion der Deutschen\nMedizinischen Wochenschrift. Und die Genehmigung kann sie nur"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.18", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2830, "texte": "aus Raummangel nicht geben. Das wird man ihr bitte doch nicht\nverübeln wallen. Aber der Universitätsprofessor der Medizin ist auf\nGrund seiner therapeutischen Erfolge offenbar Optimist geworden.\nNoch gibt es München, das zwar nicht in Deutschland, aber immer-\nhin in Bayern liegt. Dafür gibt es dort die Münchener Medizinische\nWochenschrift. Das Erstaunliche geschieht: München und Berlin\ngehen konform. Verschwunden ist der Rassenhaß. Es bleibt dabei:\nTuberkulose über alles in der Welt!\n„Mitteilungen der Schriftleitung der Münchener Medizinischen\nWochenschrift.\nSehr geehrter Herr Professor\nFür die Uebersendung Ihres Manuskripts „Der Friedmannsche\nImpfstoff bei Augen-Tuberkulose des Menschen\" danke ich Ihnen\nverbindlichst. Zu meinem Bedauern ist es mir aber nicht möglich,\nden Artikel in unserer Wochenschrift zu veröffentlichen, da ich\ngrundsätzlich weitere Mitteilungen über den Friedmann-Impfstoff\nverweigere, solange Professor Friedmann in unwürdiger Weise\nLaienpropaganda treibt und sich nicht scheut, sich mit ärzte-\nfeindlichen Organisationen einzulassen und auch seinerseits in\nder Tagespresse die schwersten Verdächtigungen gegenüber der\nAerzteschaft auszusprechen.\nIn vorzüglicher Hochachtung gez. Dr. Spatz.\"\nImmer mit die Ruhe. Selbst Herr Professor Friedmann wird die\nLaien nicht verhindern können, die Propaganda zu treiben, die Laien für\nrichtig halten. Wir Laien brauchen ja nicht die Genehmigung der medi-\nzinischen Fachpresse, um uns von einer Krankheit zu heilen. Wir\nLaien haben es gut. Wir können selbst auf die Beziehungen zur\nTuberkulose verzichten. Wir können uns sogar gesund machen\nlassen, auch durch das Friedmann-Mittel, wenn es uns Spaß macht.\nJa, so sind die Laien. Ohne Rücksicht auf die Fachpresse. Man\nsollte die Laien restlos abschaffen, damit die Redakteure wenigstens\nihre wissenschaftliche Ruhe haben. Die Laien sind nicht grund-\nsätzlich ärztefeindlich. Der Herr Professor Friedmann ist es bestimmt\nauch nicht. Sonst hätte er ja einen anderen netten Beruf ergreifen\nkönnen. Es gibt so viele nette Berufe. Hingegen ist es von dem\nHerrn Professor Friedmann unverzeihlich, wenn er schwerste Ver-\ndächtigungen zwar nicht gegenüber der Aerzteschaft, aber gegenüber\neinzelnen Aerzten ausspricht. Warum bemühen sich diese ange-\ngriffenen einzelnen Aerzte nicht, gegen diese schwersten Ver-\ndächtigungen, nämlich gegen alle diese begründeten Beweise,\netwas zu unternehmen. Das brauchen natürlich die einzelnen\nAerzte nicht zu wissen, aber wir Laien können es ja diesen ein-\nzelnen Aerzten verraten, daß vor nicht allzu kurzer Zeit die In-\nstitution des Gerichts erfunden worden ist. Die Jura ist zwar eine\nandere Fakultät, sie wird aber nach Kenntnis der Laien bisher\nnoch amtlich anerkannt. Oder ist etwa jeder Arzt an sich und\ndurch sich schon unangreifbar. Auch wenn er Angriffe gegen Krank-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.19", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1609, "texte": "heiten unterläßt. Oder wenn selbst der Herr Professor Friedmann\neinzelne Aerzte mit schwersten Verdächtigungen angegriffen haben\nsollte, was können die unglücklichen Patienten dafür, die man\nschlicht mit dem Friedmann-Mittel heilen kann. Der Patient ist\nzwar ein Duldender. Dulden soll ja eine vornehme menschliche\nTätigkeit sein. Aber schließlich wird es einigen Geduldigen doch\nzu viel, wenn man etwa immer Blut spuckt. Da geht vielen Leuten\nsogar die geduldigste Puste aus. Und wenn man den Auswurf\nbeseitigen kann, kommt es doch nicht auf einen Anwurf von Herrn\ni ä icdmann an. Es ist ganz amüsant, Bazillen zu beobachten, wie sie\nwachsen, blühen und vernichten. Reinkultur ist etwas sehr Schönes.\nAber auch die Kultur hat ihre Grenzen. Wenn man nämlich letal\nabgeht, nützt einem die amüsanteste Reinkultur nichts mehr. Also\nmeiert wir schon im Interesse der Kultur friedlich und verhindern\nwir die Kranken nicht weiter daran, sich am Leben und Treiben\nder Bazillen zu erfreuen und sie in den Laboratorien und in der\nFachpresse zu bewundern. Aber aus dem Körper sollen sie heraus.\nAuch wenn sie einzelnen Aerzten verdächtig sind. Und gerade in\ndiesem Kampf für das Friedmann-Mittel erleben wir es zu unserer\ngroßen Freude, zu unserer Laienfreude, täglich mehr, daß die Aerzte\nnicht länger die Absicht haben, sich ihrer sittlichen Berufspflicht zu ent-\nziehen: Krankheiten zu heilen und zu verhüten. Mit dem Rest der\nAerzte, die sich in die Archive zurückziehen, werden wir Laien zum\nhöchsten Erstaunen dieser Herren recht bald fertig sein. Sonst soll\nes ihnen hoffentlich recht gut gehen.\n\nHerwarth Walden"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c010", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c010", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "49", "image_debut": 19, "image_fin": 19, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.10", "titre_corps": "Der eingestellte Heilstätten-Chefarzt", "titre_sommaire": "Der eingestellte Heilstätten-Chefarzt", "signature_source": "H. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 19, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.19", "debut_caractere": 1611, "fin_caractere_exclue": 2767, "texte": "Der eingestellte Heilstätten-Chefarzt\nH. W.\nAus einem Heilstätten-Brief aus einer großen Lungenheilstätte vom\n10 «ar- '\\^*e aus en Akten feststellen können, bin ich am\n12. 51 im Friedmann-Institut zum ersten Mal geimpft. Die Kaverne\nwar apielgroß über drei Rippen. Äm 7. 1. 32 zeigte der Film eine Ver-\nkleinerung der Kaverne um die Hälfte.\nDer Chefarzt, Herr Professor S., war so überrascht, daß er die\nmir vorgeschlagene Plastik sofort fallen ließ.\n. Der Oberarzt ist ein tüchtiger Chirurg. Er ist aber durch meinen Fall\nmeines Erachtens uberzeugt und sagte kürzlich, er möchte mal zweihundert\nrlann mit dem Friedmann-Mittel durchimpfen, wenn nur der Chefarzt\nanders eingestellt wäre. Er würde sein Messer gern weglegen. Bis\nneute verdanke ich dem Friedmannschen Mittel schon sehr viel, zumindest\nmeine kippen. Der Chefarzt hat nämlich auf die vorgeschlagene Plastik\njetzt verzichtet . . . Hier war schon ein wahrer Aufruhr, denn daß eine\nverne in vierzehn Tagen um die Hälfte kleiner wird, ist noch\nac it dagewesen. Gez. B., Gemeindeobersekretär.\"\nbleibt also nur die Frage zu lösen, wie man Einstellungen uir^o,u\n• er wie man Stellungen nimmt. (Ja ira."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c011", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c011", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "50", "page_fin": "50", "image_debut": 20, "image_fin": 20, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.11", "titre_corps": "Volare necesse est", "titre_sommaire": "Volare necesse est", "signature_source": "André von Kún", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 20, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.20", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2193, "texte": "Volare necesse est\nAndré von Kún\nVolare necesse est. Fliegen tut not Man fliegt immer höher.\nUnd schneller. Wir kommen weiter.\nProgredimur. In freier Uebersetzung: Wir kommen immer\nweiter, wir entwickeln uns aus der Verwicklung.\n„Wir\" ist die Menschheit in Gesamtheit. Die Menschheit in Ent-\nwicklung. Die Entwicklung verwickelt sich aber. Wissenschaftlich,\nkünstlerisch, ideell, materiell, sozial und vor allem menschlich. Seit\n1918, dem Bestattungsjahr der lieben, guten, alten Zeit, stürzt das\nAlte, ohne daß neues Leben aus den formvollendeten Ruinen entsteht.\nDas neue Leben, ein wirklich neues Leben, ist in der Entstehung\nbegriffen, aber nicht bei uns.\nMit Böswilligkeit könnte man sagen, daß das menschliche Vor-\nwärtskommen, bis auf technische Erfindungen, überhaupt stockt.\nAuf einem einzigen Gebiete des heutigen Lebens ist ein grades\nVorwärtskommen da. In der Fliegerei. Da haben „Volare necesse\nest\" und „Progredimur\" einen Zusammenhang.\nDas Fliegen fliegt weiter zum Wohl der Menschheit. Zum Wohl\neiner kommenden menschlicheren Menschheit.\nImmer neue Maschinen. Vollkommener, sicherer, bequemer und\nschneller.\nTempo tausend. Wofür? Lohnt es sich für das Heute? Schnell,\nschneller, am schnellsten vorwärtskommen. Im Interesse? Oder\nin Interessen.\nZurück zur Technik. Vorwärts zur Technik.\nEs gab früher kleine, unsichere, gebrechliche Flugzeuge. Die\nAufforderimg „Mensch fliege\" war mit Lebensgefahr verbunden.\nSchon diese Maschinen erreichen das Ziel des Fliegens: Ent-\nfernungen schrumpfen sprungartig zusammen. Es gibt keine Ent-\nfernung!\nDie heutigen Flugzeuge sind weder klein, noch unsicher. Sie\nsind jgroß und sicher. Die neuesten Modelle mit einer Reisege-\nschwindigkeit von über 200 Stundenkilometern und einer Höchst-\nfluggeschwindigkeit von 227 Stundenkilometern übertreffen alle\nMaschinen im bisherigen deutschen Flugverkehr.\nUnd morgen gibt es wieder neue Modelle, die die neuesten\nMaschinen von Heute wieder erheblich übertreffen.\nUebermorgen auch. Ohne Ende der Entwicklung.\nFliegen tut not. Fliegen ist Leben.\nNot ist Gegenwart.\nFliegen ist Zukunft. Zukunft.\nHinaus über die Not. Ueber die Verordnungen der Not. Hinaus\nüber das Heute: In die Gegenwart der Zukunft!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c012", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c012", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "51", "image_debut": 21, "image_fin": 21, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.12", "titre_corps": "Die Luftvehikel mit farbigen Scheinwerfern", "titre_sommaire": "Die Luftvehikel mit farbigen Scheinwerfern", "signature_source": "Paul Scheerbart", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.21", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1054, "texte": "Die Luftvehikel mit farbigen Scheinwerfern\nPaul Scheerbart\nDaß sich die Luftschiffahrt der Nacht bemächtigen möchte ist\nallgemein bekannt. '\nDaß sie sich der Nacht noch nicht bemächtigt hat, ist sehr wohl\nmotiviert; auf der Erde ist es des Nachts noch nicht hell genutf\nIst es aber erst durch die Glasarchitektur unten hell geworden\nso wird es auch oben in den Lüften hell werden; die Luftvehikei\nwerden mit farbigen Sdieinwerfern ausgerüstet, die Bleichzeitia für\neine Signalsprache Verwendung finden, so daß eine Verständigung\nmit den Scheinwerferstationen der Erdtürme überall möglich wird\nund dem Farbenspiel unten wie oben auch einen praktischen Wert\nverleiht.\nEs greifen hier die Entwicklungsfaktoren überall harmonisch in-\neinander und verwandeln langsam aber stetig das Leben auf der\nErdoberfläche vollständig. •\nDie Umwandlungen, die die Dampfbahn hervorbrachte, sind nicht\nso bedeutend und umfassend gewesen wie die bevorstehenden Um-\nwandlungen, die der Glas- und Eisenbau hervorbringen muß Der\nHauptfaktor dabei ist zweifellos der Eisenbeton."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c013", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c013", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "51", "page_fin": "53", "image_debut": 21, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.13", "titre_corps": "Der Stuhl : Ein plastischer Akt", "titre_sommaire": "Der Stuhl : Ein plastischer Akt", "signature_source": "Rudolf Blümner", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 21, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.21", "debut_caractere": 1056, "fin_caractere_exclue": 1852, "texte": "Der Stuhl\nEin plastischer Akt\nRudolf Blümner\nPersonen: Egon Krösus, ein Kunstmäzen\nGerold Vonunten, Professor der Plastik\nOtt der Handlung: Das Bildhaueratelier des Professor GeroldVonunten\nKrösus: (tritt ein) Gott grüße das Handwerk, großer Meister.\nVonunten: Ihr Diener, Herr Schatzrat.\nKrösus: Und das mit Recht. Wie war's denn?\nVonunten: Sie brauchen nur zu wählen, Herr Schatz—\nKrösus: Was haben wir denn Neues?\nVonunten: Da wäre zunächst diese kleine Giraffe aus Bronze.\nKrösus: Aber, Meister, ich habe doch schon drei Giraffen zu\nHause stehen.\nVonunten: Oder diese Fledermaus aus karrarischem Marmor?\nKrösus: Die Tiere hängen mir schon zum Halse raus.\nonunten: Vielleicht gestattet mir der Herr Schatzrat eine neue\nSitzung?\nKrösus: Wollen Sie denn aus mir mit Gewalt einen Cerberus\nmachen?"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.22", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1907, "texte": "Vontinten: Nicht doch, Herr Schatzrat, nur daß Ihre neue Bart-\ntracht, besonders die Fliege, mich als Tierplastiker künst-\nlerisch lebhaft reizen würde.\nKrösus: Die Fliege muß wieder runter. Meine Frau stößt sich\ndaran.\nVonunten: Oder Frau Gemahlin? Mehr als dreizehn Büsten dürften\nSie in dem Genre nicht haben.\nKrösus: So praeter propter. Man sieht sich leicht daran über.\nVonunten: Aber vielleicht zur Abwechslung nicht nur die Büste,\nsondern mal alles?\nKrösus: Ich bin in der letzten Zeit arg menschenscheu geworden.\nVonunten: Dann aber, Herr Schatzrat, ist meine Wissenschaft zu\nEnde.\nKrösus: Muß es denn immer ein Tier oder ein Mensch sein?\nVonunten: Was schlagen Sie vor?\nKrösus: Kennen Sie Veit Vonoben?\nVonunten: Vonoben? Vonoben?\nKrösus: Den bekannten Stillebener.\nVonunten: Ach den, jawohl, sehr begabt, sehr geschickt.\nKrösus: Vonoben hat mir ein sublimes Stilleben gemalt. Sie\nkennen meinen gotischen Stuhl?\nVonunten: Persönlich drauf gesessen, Herr Schatzrat.\nKrösus: Vonoben hat ihn zum Greifen gemalt, zum Greifen, sage\nich Ihnen. Was sage ich? Zum Sitzen. Er mußte ihn\nbeinahe zweimal malen. Hatte ihn feucht an die Wand\ngestellt. In Lebensgröße versteht sich. Will sagen, —\nin, na Sie verstehen mich, in natürlicher Größe, des\nStuhls natürlich. Kennen Sie Hintenraus? Professor\nHintenraus? Der hat sich drauf gesetzt, was ich Ihnen\nsage, mitten ins Bild. Sie kennen doch die Geschichte\nvon Zeuxis und Äpelles?\nVonunten: Ach ja, die beiden, sehr gut sogar.\nKrösus: Nu hören Sie mal, den Stuhl müssen Sie mir ver-\nplastiken.\nVonunten: Sie meinen?\nKrösus: Ja. 'ne schöne Plastik. Vom Stuhl.\nVonunten: Gott ja, warum nicht? Mal was anderes? Alltäglich\nganz gewiß nicht. Der Stuhl könnte mir sogar gut liegen.\nKrösus: Na denn ran, hauen Sie los.\nVonunten: Und wie denken Sie sich das? Marmor wäre nicht\nschlecht.\nKrösus: Zu schwer, Meister, viel zu schwer.\nVonunten: Dann greifen wir zu Bronze."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.23", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1312, "texte": "Krösus: Zu kalt, Meister, viel zu kalt.\nVonunten: Dann bliebe nur Gips. Aber das ist mir zu riskant.\nKrösus. Nee, nee, nee. n bißchen solid, muß die Sache schon sein.\nVonunten: Dann ist leider mein Latein —\nKrösus: Kennen Sie Von vorn?\nVonunten: Ach, den Holzler?\nKrösus: Richtig. Der macht pike Sachen, saöe ich Ihnen aus\nHolz.\nVonunten: Ja, sehr anmutig. Recht schmuck.\nKrösus: Nu hören Sie mal, nu sehen Sie mal. Ich möchte so\n'ne Holzplastik haben. Können Sie nicht Holz nehmen?\nVonunten: Holz? Für den Stuhl? Hölzernes Holz? Warum nidit?\nEs geht alles.\nKrösus: Jeden Dreck dürfen Sie natürlich nicht nehmen. Der\nStuhl ist schwere Eiche. Ich denke, wir bleiben dabei.\nVonunten: Eiche macht immer einen soliden Eindruck.\nKrösus: Sehen Sie, Meister, wir kommen uns schon näher. Und\ndie Hauptsache bleibt Lebenswahrheit. Echtheit und na-\ntürliche Größe.\nVonunten: Das ist Ehrensache. Und wegen der paar Wurmstiche\nlasse ich mir keine grauen Haare wachsen.\nKrösus: Bravo! Also —?\nVonunten: Herr Schatzrat werden einen Stuhl vom andern nicht\nunterscheiden können.\nKrösus: Ich freue mich schon, wenn Hintenraus auf den Stuhl\nreinfällt.\nVonunten: Das wird ein diebischer Spaß.\nKrösus: Und es geht vorwärts in der Kunst.\nVonunten: Ein goldenes Wort.\nKrösus: Auch das. Denn Sie wissen ja, ich lasse mich nicht\nlumpen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c014", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c014", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "53", "page_fin": "53", "image_debut": 23, "image_fin": 23, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.14", "titre_corps": "Porträts in Prosa", "titre_sommaire": "Porträts in Prosa", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 23, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.23", "debut_caractere": 1314, "fin_caractere_exclue": 2025, "texte": "Porträts in Prosa\nOsbert Sitwell inseriert in Londoner Zeitschriften: „Ich nehme Bestellungen\nauf Porträts in Prosa entgegen. Ganze Figuren für hundert Guineen,\nBrustbilder für die Hälfte und Gruppenbilder in Reimen für das Doppelte.\nAllgemeine Versform entsprechend teurer. Anmeldung an das Sekretariat\n2 Carlyle Garden, Chelsea\". Der „Prosamaler\" behauptet, seine Kunst\nstünde hoher als die der Stümper, die mit Farben arbeiten. Farben-\nmischungen seien nämlich begrenzt, während die unerhört ausdrucksreine\nenglische Sprache unbegrenzte Möglichkeiten für den „Charaktermaler\"\nbietet, der seine „Prosagemälde\" bis in die feinsten Einzelheiten aus-\narbeiten kann. Darum sei die obige Anschrift genau angegeben!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c015", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c015", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "55", "image_debut": 24, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.15", "titre_corps": "Rampenrummel", "titre_sommaire": "Rampenrummel", "signature_source": "André von Kún", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 24, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.24", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2295, "texte": "Rampenrummel\n\nSprechbeamte sprechen\nOrt der Handlung: St. Helena. Auf der Bühne der Berliner\nVolksbühne. In der Mitte der Handlung „Der Gefangene\".\nMonsieur Napoleon persönlich, wie er lebt und leibt. Das heißt:\nwie Herr Alexander Moissi das Leben und Leiben des Franzosen-\nkaisers vorstellt. Der Alexander den Napoleon.\nBühnenschriftsteller und Dramatiker Alexander Moissi kam auf\nden smarten Gedanken, die Zwiespälte zwischen Mensch Napoleon\nund Heros Napoleon „aufzuzeigen\". Dieser fast interessante Ge-\ndanke fiel im Lauf der Zeit mehreren Schriftstellern ein. Sie haben\ndas Zwiespalt-Problem fallweise mit und ohne Geschick „erledigt\".\nAlexander Moissi geht nicht so weit. Er begnügt sich, unwesentliche\näußere Geschehnisse in äußerliche Wörter zu verpacken. Man hört\nWörter. Keine Worte. Beziehungen hat Moissi nicht zu dem Men-\nschen, noch zu dem Heros Napoleon.\nNicht nötig. Ein Sprechbeamter setzt sich kunst-ulkshalber an\nseinen kunstgeschnitzten Schreibtisch und schreibt eine Bomben-\nrolle für einen Kollegen. Für Albert Basser mann, der, einmal\ngestaltender Schauspieler, sich auf den formvollendeten Sprech-\nbeamten zurückgezogen hat.\nSprechbeamte sprechen. Schade, daß sie nichts — sagen. Das\nheißt: Premiere des großangelegten Napoleon-Dramas . . .\nAhoi: Der Neger ist ein Mensch\nMister Eugene O'Neill ist reinrassiger Ire. Folglich Voll-\nblutamerikaner. Er rollt das Rassenproblem der USA, auf. Das\nProblem Schwarzweiß. Das weißschwarze Problem heißt: „Alle\nKinder Gottes haben Flüge 1\".\nWas hat der liebe Gott mit den Kindern einerseits, anderer-\nseits mit den Flügeln zu tun. Und wie stellt sich der liebe Gott\nzu den geflügelten Worten des Vollblutamerikaners Eugen O'Neill?\nDies zu erfahren, technisch unmöglich, wäre interessanter als das\nRasseproblemstück. Das nach sehr geschickt konstruierten Szenen\nund nach endlosen Längen zu einem aufreizend originellen Ergebnis\nkommt. Die Gegensätze zwischen Weiß und Schwarz sind nicht\nzu beseitigen. Man hat es schon lange gewußt. Oder man dachte\ndarüber schon immer anders.\nDer irische Vollblutyankee hat uns nichts erzählt. Er ist zwar\nein Kind Gottes. Aber ohne Flügel im Sinne Gottes.\nJedoch das wichtigste: das flügellose irisch-amerikanische Dra-\nmatikerkind Gottes hat festgestellt, daß auch die Neger Menschen\nseien. Ahoi!"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.25", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1224, "texte": "Psychologische Ablehnung der Philosophie\nFerdinand Bruckner, beglaubigter Spezialist für Zeittheater-\npsychologie, beliebt in seinem neuesten Werk festzustellen daß\ndie Weisheit aus den Büchern der Philosophie in dem Augenblick\nnichts mehr taugt, wenn es echter Ernst wird. Im Leben.\nDas Werk heißt: „Timon\". Deutsches Theater.\nSpartakus-Ehrenrettung\nHeinz Pol unternahm eine gutgemeinte Spartakus-Ehren-\nrettung. In seinem „Kampf um Kolbenau\".\nEin Feuilleton, über dem verschiedene Geister, insbesondere\nder Geist Gerhart Hauptmanns, schweben.\nSchade um die Schwebe im Komödienhaus.\nMensch und Maschine\nHannesßeutter behandelt in dem Schauspiel „D e r g r o ß e\nKrumm e\" das gerade Thema: Wer wird der Sieger bleiben. Ma-\nschine über Mensch, oder Mensch über Maschine. Vielleicht Mensch\nund Maschine.\nTheater am Schiffbau er dämm.\nLieselottekäthe\nLiese ist ein Name. Auch Lotte. Und Käthe.\nDas ist der Inhalt eines neuen Singspiels: „Liselott\". Haupt-\nrolle: Käthe Dorsch. Seit „Friederike\" beglaubigte Operettensän-\ngerin. Zwar ohne Stimme. Aber mit Musikalität.\nAuch der Komponist Künnecke empfindet musikalisch. Und\nbeherrscht das Technische. Seltenheit bei Operettenkomponisten.\nErfolg im Ädmiralspalast.\n\nAndré von Kún"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c016", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c016", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "55", "image_debut": 25, "image_fin": 25, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.16", "titre_corps": "Dichtung und Wahrheit", "titre_sommaire": "Dichtung und Wahrheit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 25, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.25", "debut_caractere": 1226, "fin_caractere_exclue": 2015, "texte": "Dichtung und Wahrheit\nJean Äraguy, langjähriger Hausdichter des Grand-Guignol-Theaters\nin Paris, erhielt den Auftrag, ein Stück zu schreiben, dessen Hauptszene\neme Gehirnoperation auf offener Bühne ist. Nach Durchsicht des Manu-\nskriptes wohnte Direktor Jouvin einer solchen Operation in der Klinik\nvon Professor Pauche bei, um festzustellen, ob der Verfasser die große\nSensation des neuen Stückes lebenswahr geschildert hatte. Das war\nder Fall. Nach der Operation erzählte Jouvin dem Stückschreiber alle\ndes ärztlichen Eingriffs. Mit dem Ergebnis, daß Araguy in\nOhnmacht fiel. Der Direktor staunte: „Was hast Du? Ist Dir bei der\nAbfassung der Hauptszene auch übel geworden?\"\n„Nein, ich hätte mir doch niemals träumen lassen, daß eine Gehirn-\noperation wirklich fürchterlich sein könnte 1\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c017", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c017", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.17", "titre_corps": "Tonflimmernebengeräusche", "titre_sommaire": "Tonflimmernebengeräusche", "signature_source": "phil. G. Räusch", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.26", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1966, "texte": "Tonflimmernebengeräusche\nDr. phil. G. Räusch\nEmil und die Manuskriptdetektive\n„Emil und die Detektive.\" Ein komischer Film. Komisch dadurch, daß\ner für Jugendliche freigegeben ist.\nEmil und die Manuskriptdetektive. Ein Problem. Problem dadurch\ndaß der neue Janningsfilm mit dem edlen Titel „Stürme der\nLeidenschaft\" zum hundertfünfundsiebzigsten Male den Beweis\nbrachte, daß die deutschen Manuskriptdetektive endgültig versagen. Sie\nhätten die Pflicht, neue Gebiete für den Tonfilm zu erschließen. Der\nstürmischen Leidenschaft der Produzenten können aber brot- und geld-\nhungrige Textverfasser nicht widerstehen. Sie unterliegen.\nSeit Monaten ist europäische und außereuropäische Unterwelt große\nFilmmode. In jedem zweiten Tonfilm hört man Maschinengewehrknatter.\nAlkoholschmuggler, Zuhälter, Banditen, Ganoven kleinen und großen For-\nmats wälzen sich auf der Tonflimmerwand. Mord, Totschlag, Straßen-\ngefechte und ähnliche Scherze bilden das Schema der Großtonfilme.\nDie Unterwelt zieht und hütet Filmfabriken vor Unterbilanz.\nAuch Emil Jannings, gelegentlich Menschendarsteller, spielt in seinem\nneuen Film einen Unterweltler. Gut. Was nützt es?\nWas nützen gute Regisseure und gewandte Kameramänner, wenn\ndie Manuskriptdetektive vom Kartell der Unterweltfilmfabrikanten ge-\nzwungen werden, ausschließlich Schmutz und Schund zu liefern.\nDie gesamte deutsche Filmindustrie erfüllt ihre Mission\nin Sachen Kultur und fördert die Volksverblödung. Nach bestem Wissen\nohne Gewissen. Also: Planwirtschaft!\nNachtlokal-Notverordnung\nAchtung, Gesetzgeber der Deutschen Republik! Wir\nschlagen vor, die Reichsverfassung zu ergänzen, und schlagen vor, die\ngesetzliche Reglung einer Lebenswichtigkeit. Es muß festgefügt werden,\nwas sich in der Praxis glänzend bewährt hat: Daß in jedem deutschen\nTonfilm mindestens zwei Szenen in einem Nachtlokal ge-\nspielt werden. So wird das Kino endlich zur moralischen Erziehungs-\nanstalt des deutschen Volkes. Und der benachbarten Nationen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c018", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c018", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.18", "titre_corps": "Die Gedenktafel", "titre_sommaire": "Die Gedenktafel", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.26", "debut_caractere": 1968, "fin_caractere_exclue": 2416, "texte": "Die Gedenktafel\nDer Lustspielautor Louis Verneuil bummelt mit einem jungen Kollegen.\nDie beiden kommen an dem Hause vorbei, auf dessen Wand die Gedenk-\ntafel Joris Karl Huysmans ist. Der junge Mann bleibt vor der Tafel\nstehen: „Glauben Sie, lieber Verneuil, daß man an dem Hause, in dem\nich jetzt wohne, später auch eine Gedenktafel anbringen wird?' „Na-\ntürlich\", lächelt Verneuil, „mit der Anschrift: Hier ist ein möbliertes Zimmer\nzu vermieten\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c019", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c019", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 26, "image_fin": 26, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.19", "titre_corps": "Unamuno junior", "titre_sommaire": "Unamuno junior", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 26, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.26", "debut_caractere": 2418, "fin_caractere_exclue": 2859, "texte": "Unamuno junior\nMiguelle de Unamuno hat zwei Jungens. Die beiden liefern dauernd\nfür die Kindermundsparte der spanischen Presse. Einmal versuchte der\nzehnjährige Unamuno seinen nur achtjährigen Bruder über die Recht?\nder Erstgeborenen sachlich aufzuklären: „Weißt Du denn nicht, daß der\nJüngere immer nachgeben muß?\" — Unamuno der Kleinste war tief be-\nleidigt: „Hätte ich das rechtzeitig erfahren, wäre ich bestimmt nicht\nzur Welt gekommen!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c020", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c020", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "59", "image_debut": 27, "image_fin": 29, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.20", "titre_corps": "Pranger", "titre_sommaire": "Pranger", "signature_source": "H. W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 27, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.27", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2042, "texte": "Pranger\n\nHerr Heilstättenarzt Roepke\nHerr Roepke in Melsungen ist böse. Er hat schon 1919 in der\nDeutschen Medizinischen Wochenschrift gegen das Friedmann-Mittel\nStimmung zu machen versucht. Worauf er so stolz ist, daß er seinen\nArtikel aus dem Jahre 1919 im Januar 1932 zitiert. Das „Melsunger\nTageblatt\" hat die Ehre, dieses Zitat zu verbreiten, soweit es ihm\nmöglich ist. Wenn man Deutsche Medizinische Wochenschrift wäre,\nkönnte man auf die Archive zurückgreifen und etwa zitieren, wie\nProfessor Friedmann in der Berliner Klinischen Wochenschrift 1920\nNr. 1 und Tierarzt Holz-Stellingen in der Wiener Medizinischen\nWochenschrift 1927, ferner Dr. Kröner 1931 den Herrn Roepke aus\nMelsungen widerlegt haben. Herr Roepke aus Melsungen, Arzt der\ndortigen Eisenbahner-Lungenheilstätte, ist böse. Das Friedmannsche\nMittel wird weiter mit Erfolg angewandt. Sogar bei seinen Patienten,\ndie er als ungeheilt entläßt. Wie immer wieder festzustellen ist: die\nTuberkelbazillen interessieren sich nicht für gute Luft. Auch Mel-\nsungen bekommt ihnen gut. Um Herrn Roepke das Leben der\nLungenkranken leichter zu machen, sei ihm aus 1931 folgende Ur-\nkunde mitgeteilt:\n„Ich bin nach drei Monaten erfolgloser Behandlung in der Heil-\nstätte von Professor Roepke am 19. 5. 31 arbeitsunfähig mit offener\nLungentuberkulose entlassen worden, habe am 24. Juni und am\n26. September 31 zwei Friedmannsche Impfungen bekommen, wo-\nrauf meine sämtlichen Beschwerden einschließlich Husten und Aus-\nwurf verschwunden sind, sodaß mich mein Bahn-Vertrauensarzt\nDr. Schenk voll dienstfähig geschrieben hat. Ich arbeite dauernd\nim Außen- und Innendienst und soll zur Ausbildung kommen.\"\nDer Name dieses Eisenbahnhilfsweichenwärters und das Ori-\nginalschreiben vom 20. Januar 1932 steht jedem Interessenten zur\nerfügung. Herr Roepke kann noch viele solcher Mitteilungen er-\nhalten. Herr Roepke kann sich weiter darauf verlassen, daß auch\ndie Kranken von Melsungen die nötige Aufklärung erhalten werden.\nJetzt wird aber die Postüberwachungsstelle doch etwas zu tun\nbekommen."}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.28", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2132, "texte": "Herr Heilstättenarzt Ulrici\nHerr Ulrici schreibt aus Beetz-Sommerfeld einigen Unsinn über\ndas Friedmann-Mittel. Auch Herr Ulrici ist böse. Er erzählt von\nEinschüchterungsversuchen, Drohungen und persönlichen Verun-\nglimpfungen. Trotzdem wandern seine Patienten, ja eigene Ange-\nstellte fortgesetzt zu Friedmann ab und — werden geheilt\nEinige Heilstättenärzte und ein paar infizierte Professoren toben\ngegen das Friedmann-Mittel. Wenn man ihre Tobsucht mit\netwas frischem Wasser sachlicher Aufklärung beruhigt, fühlen\nsie sich bedroht und eingeschüchtert. Viele Manschen haben\nnun einmal die Eigentümlichkeit, nicht sterben zu wollen.\nUnd sei es auch in guter Luft Auch, wenn die wissen-\nschaftliche Unfähigkeit einiger Aerzte dadurch leidet. So sind die\nMenschen nun einmal. Um auch Herrn Ulrici aufzuklären, stelle ich\nden Patienten der Lungenheilstätte Beetz-Sommerfeld für ihre Mit-\nteilungen die Seiten dieser Zeitschrift zur Verfügung und zwar\nunter dem Schutz des Redaktionsgeheimnisses. Im übrigen war\nHerr Ulrici als Parteigutachter für den Plagiator des Friedmann-\nMittels tätig. Es handelt sich um den Fall vor dem Reichsgericht\n1923, über den ich auf Seite 6 dieser Zeitschrift (Heft 1) berichtet\nhabe. Obwohl Herr Ulrici alles aufbot, um die Neuheit und\nWirksamkeit des Friedmann-Mittels bei Mensch und Tier zu be-\nstreiten, wurde er abgewiesen und der Plagiator, sein Schützling,\nvon allen Instanzen, Amtsgericht, Kammergericht und Reichsgericht\nkostenpflichtig verurteilt\nHerr Behn\nIn der Kieler Zeitung warnt ein Herr Sanitätsrat Behn „aui\nGrund eigener schlechter Erfahrungen vor der Anwendung des\nFriedmannschen Mittels\". Wie festgestellt ist, hat Herr Behn nur\nsoviel mit dem Friedmannschen Mittel aus eigener Erfahrung zu\ntun, daß ein von ihm 6 Jahre lang erfolglos behandelter inzwischen\nschwer cavernös gewordener Patient sich hinter seinem Rücken, wie\ner das so nennt, durch das Friedmann-Institut hat impfen lassen.\nHerr Behn hat also demnach überhaupt keine Erfahrungen. Er is,\nnur böse, daß andere Kieler Aerzte das Mittel mit glänzenden Erfolgen\nanwenden und daß Menschen hinter seinem Rücken gesund werde*"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.29", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1610, "texte": "können. Wenn er mit seiner Vorderseite die Heilung herbeiführen\nkönnte, brauchten sich die Patienten nicht hinter seinen Rücken\nzu bemühen. Der stellt wohl eine Ansicht dar, aber die Ansichten\nüber die Ansichten sind eben verschieden. Und wenn Kranke\nvornerum und hintenrum nicht geheilt werden, kommen sie eben!\nzu einer eigenen Ansicht. Diese berühmte eine Patientin erhielt\nnach der Impfung die ausdrückliche Weisung, jede Bestrahlung,\ninsbesondere Sonnenstrahlen streng zu vermeiden, trotzdem nahm\nsie einige Monate später, vielleicht auf den Rat eines Sanitäts-\nrats, Sonnenbäder. Der Patient ist also zwar mit dem Fried-\nmann-Mittel behandelt, aber nicht nach Friedmann. Trotzdem stellt\nder Röntgenologe über diese Patientin auf Grund des Röntgen-\nbildervergleichs fest: „In der stärkeren Verschwielung muß man\ndoch unbedingt einen Heilvorgang annehmen, die gute Tendenz\nist trotz der Kavernen unverkennbar... Vor allem ist die Ver-\nschwielung infraclavikular massiger geworden, die Kavernen sind\nfester umgriffen, auch erscheinen sie deutlich kleiner.\" Dies trotz\nSonnenbädern. So sieht die Ansicht des Herrn Behn also von\nvorn aus. Natürlich kann ein Arzt das schlechte Erfahrungen nennen,\nwenn ihm die Patienten davonlaufen. Sei es auch nur zu dem\nZweck, um geheilt zu werden.\nHerr Heilstättenarzt Schröder\nHerr Schröder aus Schömberg kann sich die frappante Heilung\nvon Patienten durch das Friedmann-Mittel nur so erklären, daß\ner die Identität der Röntgenplatten vor und nach der Behandlung\nbestreitet und behauptet, sie stammen von verschiedenen Patienten.\nLieber Verleumdung als Erkenntnis.\n\nH. W."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c021", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c021", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "59", "page_fin": "59", "image_debut": 29, "image_fin": 29, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.21", "titre_corps": "Gemeinschaftsarbeit", "titre_sommaire": "Gemeinschaftsarbeit", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 29, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.29", "debut_caractere": 1612, "fin_caractere_exclue": 2266, "texte": "Gemeinschaftsarbeit\nDumas pere wurde oft beschuldigt, seine Dramen nicht selbst zu\nschreiben. Man sagte ihm nach, er baue nur die großen Szenen auf und\nließe die Ausarbeitung durch unbemittelte Schriftsteller billig und mühelos\nbesorgen. Er wurde gelegentlich vor Gericht zitiert, um eine solche\nPlagiataffäre aufzuklären. Der Dramatiker geriet mit dem Vorsitzenden\nin eine literarische Unterhaltung, die volle drei Stunden dauerte. Dumas\nnahm von dem Beamten Abschied: „Demnächst müssen Sie sich auch\nmit meinem Mitautor unterhalten. Eine knappe Viertelstunde genügt.\nDann werden Sie selbst beurteilen können, wer meine Stücke wirklich\ngeschrieben hat!\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c022", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c022", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 30, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.22", "titre_corps": "Weltstadt an sich : Lokaldienst am Kunden", "titre_sommaire": "Weltstadt an sich : Lokaldienst am Kunden", "signature_source": "Mc. R. Err", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 30, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.30", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2528, "texte": "Weltstadt an sich\nLokaldienst am Kunden\nMc. R. Err\nBerlin eine Metropole. Hat mindestens dreißigtausend Straßen. In\njeder Straße durchschnittlich mindestens hundert Häuser. Und beinahe\nin jedem Haus ein Lokal. Eßlokal, Trinklokal, Eßundfrinklokal. Das er-\ngibt drei Millionen Lokale für Groß-Berlin. Vielleicht noch mehr mit\nden Vororten. Diese Lokale sind für die Bevölkerung. Denkt sich die\nBevölkerung. Also Dienst am Kunden. „Service\": Lokale für das Publi-\nkum. Für seine Bequemlichkeit und Annehmlichkeit.\nDeutschland hat den Dienst am Kunden aus Amerika importiert und\nverdeutscht. Nicht die Lokale für das Publikum, das Publikum für die\nLokale. Laut Resolution der Lokalinhaber. Zwar in der Reichsverfassung\nbisher nicht vermerkt. Aber nichtsdestotrotz vorhanden.\nDie meisten Lokale haben einen Hinterraum und einen Vorderraum.\nZufällig nicht für Staatsbürger erster und zweiter Güte bestimmt. Jeder\nRaum muß aber zwangsläufig Vorderräume und Hinterräume haben.\nSchon, um in beiden Räumen möglichst ungepflegtes Bier gegen Entgelt\nausschenken zu können. Die Staatsbürger lieben Räume erster Ordnung\nund sitzen vornehm und vornehmlich vorn. Bleibt also der Hinterraum\nan Wochentagen leer. Und da dürfen die lokalbesuchenden Staats-\nbürger mit Minderwertigkeitskomplexen, die rückwärtige Stille lieben,\nnicht in der Stille des Hinterraums sitzen bleiben. Sie müssen nach vorn\nrücken. Lichtersparnis verstehste. Notverordnung. Die Aufforderung, zu\nden Mitbiertrinkern nach vorn zu rücken, geschieht meist zwischen\nder ersten und zweiten Hälfte eines Bierglases. Folgerichtig in dem Augen-\nblick, in dem das Bier trotz seiner Ungepflegtheit relativistisch am besten\nschmeckt.\nDa schmeckt das Bier infolge der infolge der Notverordnung erfolgten licht-\nersparnisbegründeten Verzehrsstörung plötzlich wieder ganz bitter. Beim\nnächsten Glas gelangt man langsam in den Vollbesitz seines Gleichgewichts\nund findet sogar den zwangsläufigen Vorderraum sitzbar. Da bittet\nder Herr Ober unvermittelt, abrechnen zu dürfen. Von wegen des Ab-\ntritts. Der Herr Ober nämlich will abtreten.\nZweite Verzehrsstörung. Man läßt das Bier stehen, läßt das zweimal\nhintereinander brutal gestörte Gespräch unvollendet, findet das Lokal\ntrotz erster Ordnung nicht mehr sitzbar und geht bös nach Hause. Um\naus Wut nicht einschlafen zu können.\nMan denkt an die Vereinigten Staaten. An „Service\". An Licht-\nersparnis, Abtritt, drei Millionen Lokale und den Dienst am Kunden in\nDRP-Reinkultur.\nBerlin: eine Weltstadt an sich. An und für sich. Für sich!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c023", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c023", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "60", "page_fin": "60", "image_debut": 30, "image_fin": 30, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.23", "titre_corps": "Der stotternde Leichnam", "titre_sommaire": "Der stotternde Leichnam", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 30, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.30", "debut_caractere": 2530, "fin_caractere_exclue": 2891, "texte": "Der stotternde Leichnam\nLeo Nikolajewitsch Tolstoi hat nur den „Lebenden Leichnam\" ge-\nschrieben. Den „Stotternden\" gestaltete ein ukrainischer Beamter. Der\nGemeindevorsteher Boriotschenko erließ folgenden Steckbrief: „Wir suchen\nden Leichnam unseres Dorfrichters. Mittelgroß, blaue Äugen, blondes\nHaar, dunkelgrauer Anzug. Besonderes Kennzeichen: Er stottert\"."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c024", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c024", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "62", "image_debut": 31, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.24", "titre_corps": "Abbau die große Mode", "titre_sommaire": "Abbau die große Mode", "signature_source": "Jean Günter", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 31, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.31", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3291, "texte": "Abbau die große Mode\n\nDer Rundfunk ist verbeamtet. Der Apparat braucht einen obersten\nBeamten, einen Kommissar. Das ist der Doktor Bredow. Er muß bei\noffiziellen Rundfunkveranstaltungen sprechen. Audi bei der Großen\nDeutschen Funk- und Phonoschau in Berlin. Dr. Bredow tut das. Tedes\nJahr. Auch 1931 ließ er sich hören: „Seitdem der Rundfunk seine \"'Auf-\ngabe als Spiegel der Zeit erkannt hat, wurde er auf eine neue Ebene\ngestellt.\" Diese neue Ebene haben wir bereits gemerkt. Sie ist eine\nschiefe Ebene. Der ganze Rundfunk rollt bergab. Kein Mensdi kann ihn\naufhalten. Auch nicht Herr Dr. Bredow. Niemand, der seine Aufgabe\nsieht. Nur im Reden.\nHeute ist alles auf einer schiefen Ebene. Politik, Wirtschaft, das\nganze Leben. Bredow konnte gar nichts anderes tun, als sich anpassen.\nBredow ist seiner Zeit vorausgeeilt. Sein Rundfunk ist kein Suietfel\nmehr. Eher ein Fernrohr.\nSpiegel der Zeit wäre: Sparmaßnahmen. Und unvermeidlicher Abbau.\nFernrohr der Zeit ist: Sparmaßnahmen überall. Abbau überall. Audi\nohne Grund.\nFernrohr-Methoden sind leicht durchzuführen, wenn der Rundfunk,\nein öffentliches Organ, nicht der Kontrolle der Oeffentlichkeit unterliegt.\nIn der Verwaltung. Das Sparen wirkt allerdings auf die Sendungen.\nHauptsache: die Hörer zahlen ihre zwei Märker im Monat.\nDie Hörer zahlen weiter. Etwa 7 Millionen Mark monatlich. 84 Milli-\nonen Mark im Jahr. Dauernd strömt das Geld. Der Rundfunk ist\ndas einzige Unternehmen, das unter der schlechten\nirtschaft nicht leidet. Statt weniger werden immer mehr\nHörer. Die Einnahmen steigen.\nWas macht man mit dem Geld? 60 Prozent behält die Reichspost.\nDer Rundfunk ist postalisch. Außerdem muß der Kassierer seine Pro-\nzente verdienen. Die Post leistet dafür etwas: sie unterhält die technischen\nAnlagen. Das kostet keine 50 Millionen jährlich. Nicht einmal 25 Milli-\nonen. Gut. Soll die Post verdienen. Was geschieht mit dem schäbigen\n\"est, mit den 21/2 Millionen Mark monatlich? Man gibt ihn an die neun\ndeutschen Sendegesellschaften und an den Deutschlandsender weiter.\nDie können damit machen, was sie wollen.\nSie machen, was sie wollen. Sie bauen alle Gehälter und Honorare\nab. Bei steigenden Einnahmen! Die Sendegesellschaften sind eben nicht\npostalisch. Sie sind gemeine Aktiengesellschaften, aus denen\nmöglichst hohe Dividenden herauszuholen sind.\nIn Breslau etwa: kein Rundfunkangestellter, nicht einmal der Oberst-\nangestellte, weiß genau, wie hoch der wirkliche Etat ist. Nur der ge-\nschäftsführende Direktor kennt die Einnahmen. Er sagt seinen Leuten:\n„Ihr dürft so viel verbrauchen, mehr nicht!\" Dann erzählt er freude-\nstrahlend dem Aufsichtsrat, um wie viele tausend Mark er die Hörer\nwieder betrogen hat. Es gibt Dividenden. Mit solchen Aktiengesell-\nschaften haben wir immer Erfahrungen gemacht. Traurige Erfahrungen!\nEtwas besser ist es bei der Berliner Funkstunde. Dort weiß man\nwenigstens, wieviel man täglich für das Programm ausgeben darf:\n11500 Mark. Täglich! Und dafür kann man nichts Anständiges\nbieten.\nDie Funkstunde wurde angegriffen.\nBis sie eines Tages einen Verteidiger fand. In einem Berliner Funk-\nkritiker, der wegen seiner sonderbaren Einfälle von seinen Kollegen\nschon lange Primadonna genannt wird. Dieser Mann kam jetzt auf den\nEinfall, zu erklären, warum der Rundfunk sparen muß: einzelne große"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.32", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1011, "texte": "Veranstaltungen sind teuer. Die Aufführung von Grabbes „Napoleon\"\nhat z. B. runde 10 000 Mark gekostet. Deshalb schärfste Sparsamkeit\nan andrer Stelle. Die Winterhilfe ist schuld. Früher spielten abends\nkleine Kapellen, heute werden große Notstands-Orchester und bedeutende\nSolisten verpflichtet. Die Solisten geben gleichsam ihr Honorar an die\nWinterhilfe weiter.\nWozu haben wir beim Rundfunk einen Oberkommissar? Wozu haben\nwir den Herrn Bredow? Warum sorgt der nicht dafür, daß teure Pro-\ngramme ausgetauscht werden? Die wertvolle Sendung „Napoleon\"\nvon Grabbe ging nur über den Berliner Sender und am nächsten\nAbend wurde die bornierte Veranstaltung „So tanzte man im alten\nBerlin\" durch vier Sender auf die Hörer losgelassen.\nEntweder ist der Rundfunk staatlich. Dann aber ganz. Damit jeder\neinzelne Angestellte der gesamten Oeffentlichkeit verantwortlich ist. Oder:\nPrivatwirtschaft. Dann ganz. Damit man sich nicht über die Dividenden\nwundert.\nDie Dividenden sind des Glaubens liebstes Kindt\n\nJean Günter"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c025", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c025", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "62", "page_fin": "62", "image_debut": 32, "image_fin": 32, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.25", "titre_corps": "Modeschule", "titre_sommaire": "Modeschule", "signature_source": "J. Pfister", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 32, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.32", "debut_caractere": 1013, "fin_caractere_exclue": 3290, "texte": "Modeschule\nJ. Pfister\nDie „Modeschule Berlin\" (Kunstschule „Der Sturm\", Abteilung Mode,\nLeiter Richard Dillenz) hat sich als erste Schule die Aufgabe gestellt,\neine Elite von Modefachleuten für alle führenden Berufe dieses Kultur-\ngebietes zu erziehen. In den drei Jahren ihrer Ausbildung erhalten die\nModestudenten eine umfassende Gesamterziehung, die alle geisti-\ngen, künstlerischen, sittlichen und körperlichen Kräfte und Fähigkeiten\ndes Menschen für den Modeberuf heranbildet. Die handwerklich-tech-\nnische Vervollkommnung wird in den Werkstätten für Schneiderei, Putz-\nmacherei, Stickerei usw. vermittelt. Die künstlerisch-formale Bildung\nerhalten die Schüler in den Klassen und Ateliers für Zeichnen, Malen,\nIllustration, Reklame, Ausstattung usw. Die übliche Unterscheidung von\n„freier und angewandter\" Kunst gilt an dieser Schule nicht. An ihr eben-\nso ist der traditionelle Gegensatz von künstlerischer und wissenschaft-\nlicher Bildung überwunden. Die geistig-kulturelle Erziehung bekommen\ndie Studenten durch den theoretischen Unterricht, besonders durch eine\ndreijährige philosophische Schulung. Durch diese geistige Erziehung ist\nmit den Gepflogenheiten des üblichen Kunstunterrichts grundsätzlich\ngebrochen, der sich mit der „rein ästhetischen\" Ausbildung begnügt\nund die handwerkliche, sittliche und geistige Führung der jungen Men-\nschen vollkommen vernachlässigt.\nDas Berufsgebiet des Modefachmanns in dem Sinne, wie ihn die\nModeschule versteht, ist zum guten Teil noch gar nicht erschlossen.\nDarum haben die Modestudenten begründete Aussicht auf wirkliche\nLebensstellungen. Die Modeschule gehört zu den wenigen Instituten, die\nihre Schüler nicht für die Arbeitslosenunterstützung erziehen — während\n130 000 Akademiker, ein Drittel von allen, heute keine Möglichkeit mehr\nbesitzen, in akademischen Berufen unterzukommen. Die Zahl der lebens-\nlänglich arbeitslosen Künstler und Kunstgewerbler ist leider noch viel\ngrößer.\nDie pädagogischen Prinzipien der Modeschule „Gesamterziehung, Pro-\nduktionsschule und produktives Werkstudententum\" (die Schüler können\nsich in der Schule und durch ihre „Schularbeit\" einen großen Teil ihres\nLebensunterhaltes verdienen), sind von führenden Pädagogen als vor-\nbildlich für die notwendige neue Schulreform bezeichnet worden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c026", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c026", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "63", "image_debut": 33, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.26", "titre_corps": "Erklärung", "titre_sommaire": "Erklärung", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.33", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1513, "texte": "Erklärung\n„Das Generalsekretariat der lATL hat am 26. 1. 32 an Herrn Geh.\nSanitätsrat Dr. Stauder, 1. Vorsitzender des Deutschen Aerzte-Vereins-\nBundes in Nürnberg, An der Fleischbrücke 10, folgenden Brief gerichtet:\nSehr geehrter Herr Sanitätsrat. Erst jetzt kommt zu unserer\nKenntnis llyre „Erklärung in eigener Sache\", die Sie im Deutschen\nAerzteblatt veröffentlichten. — Wir legen Wert darauf, Ihnen\nzu bestätigen, daß Sie nicht Mitglied des Vorstandes der lATL\nSektion Deutschland e.V. und auch nicht Mitglied dieser Vereinigung\nsind. Es ist unrichtig, wenn Sie behaupten, Ihr Name sei „diesbezüq.'\nheb\" verwertet worden. Sie haben also in eigener Sache etwas\nveröffentlicht, was garniebt behauptet worden ist. Sie können\ndaher auch durch die „Form dieser Veröffentlichung\" nicht über-\nrasdjt gewesen sein, weil eine solche Veröffentlichung garniebt\nstattgefunden bat. Sie sind daher auch vollständig juristisch\nrichtig unterrichtet, daß man nichts berichtigen kann, was garniebt\nbehauptet worden ist. Hingegen können wir aus Ihrer Erklärung\nnur schließen, daß Sie das „Motto\", die Aerztescbaft brauche\nsittliches P/lichtbewustsein, das aus der inneren Freiheit erwächst,\nnicht mehr anerkennen. Wir werden daher diese Behauptung in\nder nächsten Auflage des Buches „Die besiegte Tuberkulose\", Ver-\nlag de Gruyter Berlin, nicht mehr veröffentlichen oder mitteilen,\ndaß diese Mitteilung, die die lATL sieb zu eigen macht, Ihren\nIntentionen nicht mehr entspricht. Hochachtungsvoll General-\nSekretariat der lATL.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c027", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c027", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "63", "page_fin": "63", "image_debut": 33, "image_fin": 33, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.27", "titre_corps": "Eingegangene Bücher", "titre_sommaire": "Eingegangene Bücher", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 33, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.33", "debut_caractere": 1515, "fin_caractere_exclue": 2535, "texte": "Eingegangene Bücher\nErnst Ottwalf: Denn sie wissen was sie tun\nMalikverlag / Berlin. Ein deutscher Justizroman. Sämtliche Rechts-\nfälle, Gerichtsverhandlungen, Urteile und Ereignisse als Tatsachen\naus den Jahren 1920/31 belegbar. kt. RM. 2,85, Leinen RM. 4,50\nHja Ehrenburg: Die Traumfabrik\nMalikverlag / Berlin, kt. RM. 3,20, Leinen RM. 4,80\nSergej Tretjakow: Feld-Herren\nMalikverlag / Berlin. Der Kampf um eine Kollektivwirtschaft.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von Rudolf Selke.\nkt. RM. 2,85, Leinen RM. 4,80\nHeinrich Zerkaulen: Osfernothafen\nWegweiser-Verlag / Berlin. Roman. Liebe eines Mannes zu zwei\nFrauen. Halbleder RM. 2,90\nH. 11. Houben: Christoph Columbus\nWegweiserverlag / Berlin. Tragödie eines Entdeckers. Halbleder\nRM. 2,90\nHugo Bieber: Goethe im 20. Jahrhundert\nWegweiser-Verlag / Berlin. Halbleder RM. 2,90\nLuc Durtain: Dieux blancs, hommes jaunes\nErnest Flammarion, Editeur, Paris / 15 francs\nFranz Zorn: Stempellieder\nVerlag Der Sturm / Friedenau. Gedichte eines Erwerbslosen. RM. 0,50"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c028", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c028", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 34, "image_fin": 34, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.28", "titre_corps": "Rache ist nicht süß", "titre_sommaire": "Rache ist nicht süß", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 34, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.34", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1851, "texte": "Rache ist nicht süß\nDie Schriftleitung der Monatsschrift „Der Durchbruch\"\nwird von der lÄTL im Einverständnis mit dem Briefschreiber\num die Aufnahme folgender Zeilen gebeten:\nAn den Deutschen Tuberkulösen-Verein E. V.\nBreslau I Ring 2 3. Februar 1932\nNach reiflicher Ueberlegung bin ich zu dem Entschluß gelangt, Ihnen\nhierdurch mein Amt als erster Beisitzer zur Verfügung zu stellen und\ngleichzeitig aus dem Verein auszuscheiden.\nDie hauptsächlichste Veranlassung zu diesem Schritt, den ich tage-\nlang bedacht habe, bildet Ihr letztes Rundschreiben, das als Antwort auf\ndie Handzettel der lATL gedacht war. Hätten Sie mich bei der Ab-\nfassung dieses Rundschreibens hinzugezogen, so hätte ich Ihnen schon\ndamals erklärt, daß ich einen so falschen und den Tatsachen wider-\nsprechenden Feldzug gegen das Friedmann-Mittel niemals mitmachen\nkann und werde. So aber ist Ihr Rundschreiben ohne mein Wissen zu-\nstande gekommen, ich lehne selbstverständlich jede Verantwortung da-\nfür ab und mußte aus Ihrem Verhalten, das im schärfsten Widerspruch\nzu den Satzungen steht, die Konsequenz meines Ausscheidens» ziehen.\nDiese Ihre Erklärung steht, wie Sie wohl selbst genau wissen\nwerden, in einem geradezu hohnsprechenden Gegensatz zu den Tatsachen.\nSie haben sich also zu einem Schritt hinreißen lassen, der das unbestreit-\nbar vorzügliche Mittel wider besseres Wissen verunglimpft . . .\nIch habe immer und überall mit größtem Nachdruck betont, daß ich\nan der Güte und Wirksamkeit des Friedmann-Mittels unter keinen Um-\nständen rütteln lasse. Sie waren niemals berechtigt, das von dem\nBund in einjähriger Praxis als gut erkannte Friedmann-Mittel als schlecht\nzu bezeichnen. Ich teile dem Breslauer Amtsgericht noch heute mein\nAusscheiden aus dem Vorstand des Vereins mit.\nHochachtungsvoll\nHeinz Leuner\nJournalist und Schriftsteller\nBreslau 13, Viktoriastr. 86."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c029", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c029", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[32]", "page_fin": "[32]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.29", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[32]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 703, "texte": "hIASISMIII 111, STURM\nABTEILUNG MODESCHULE\nBerlin-Charlottenburgl WilmersdorferStr.l4\nFernsprecher: C 4 Wilhelm 5229\nLEITER: R. DILLEN —\nSystematische Ausbildung von Modelcunstlern, Modelehrern und\nquaiifizierten Arbeitern fur aile Gebiefe der Modeprodukfion\nHandwerklich-techn. Ausbildung in den Werk-\nstatten fur Schneiderei, Putzmacherei usw.\nKunstlerisch - formale Erziehung in den\nKlassen und Ateliers fur Zeichnen, Malen,\nModellieren, Graphik, Jllustration, Reklame,\nQekoration, Ausstattung, Ausstellung usw.\nGeistig -kulturelle Bildung in Horsaal und\nSeminar durch Philosophie, Staatsburger-\nkunde, Kultur- und Kunstlehre, Wirtschafts-\nlehre, Geschaftskunde usw.\nTagesschule mit 42 Wochenstunden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabg-1932-02-c030", "article_bluemountain": "bmtnabg_1932_02#c030", "volume": "bmtnabg_1932_02", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "[32]", "page_fin": "[32]", "image_debut": 2, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.2.30", "titre_corps": "[Publicité]", "titre_sommaire": "[Publicité]", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[32]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.2", "debut_caractere": 705, "fin_caractere_exclue": 841, "texte": "VERLAG DER STURM / BERLIN\nEXPRESS lON ISM US\nBOCHER UND KUNSTDRUCKE\nALLE GEBIETE / INTERNATIONAL / PREISWERT\nRUFEN SIEAN; H8 WAGNER 0778"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "couv. 1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.1", "texte": "DER STURM\n'v- / ' ;\nHerausgeber: Herwarth Waiden\n30 Pf.\n9\n\nv 'k fV r'f [? i k | |Tl /\nInternationale Monatsschrift\nLärm um Friedmann\nCaeschmack sß*\nVolare necesse est\nDoktor Sport\nRache ist nicht süß\n</\nJ-\nRampenrummel\nStempellied\nWeltstadt an sich\nPranger\naä Tonflimmernebengeräusche\n4S°"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "[32]", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.2", "texte": "hIASISMIII 111, STURM\nABTEILUNG MODESCHULE\nBerlin-Charlottenburgl WilmersdorferStr.l4\nFernsprecher: C 4 Wilhelm 5229\nLEITER: R. 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Außerdem ißt man wie\nbei Muttern. Zu Hause schmeckt es am besten. Selbstgebackener\nKuchen. Man nehme etwas Persil oder Oetker, drücke einen\nMaggiwürfel darüber und gieße über alles reichlich verdünnten\nHimbeersaft von Kahlbaum AG. lieber den Geschmack läßt\nsich streiten. Aber wir wollen nicht mehr streiten. Wir\nwollen durchaus einig sein. Außer dem schlechten Geschmack\ngibt es einen guten. Geschmackvoll können sein Kleidung, Woh-\nnungseinrichtungen, Kunstwerke aller Art, der Ton in allen Lebens-\nlagen, auch in den zugespitztesten, die Politik, das Benehmen und\ndie Luxusgegenstände. Hingegen kommt es beim Essen nur auf\ndas appetitliche Riechen an. Das Essen ist doch unwesentlich. Es\nkostet erstens Geld, was man nicht hat. Es kostet zweitens Ge-\nschmack, den man für die übersinnlichen Dinge verbraucht. Und\nes kostet drittens Talent, das ausschließlich dem Theater über-\ntragen worden ist. Der Anfang und das Ende jedes Essens in\nDeutschland besteht aus einem Wässerchen, das man durch Wörter\nunterscheidet. Vor der Mitte heißt es Suppe nach Königinart, nach\nder Mitte Kaffee. Das erste ist hellblond, das zweite hellschwarz.\nDas Zwischengericht besteht aus Mehlschwitze, je nach der ethischen\nEinstellung auf Gemüse oder auf Fleisch getan. Für diese Gerichte\ngibt es sehr viele Wörter. Jedes Gemüse und jedes Tier muß ihnen\nseinen Namen leihen. Wenn einem gar kein Wort einfällt, nennt\nman die ganze Angelegenheit Würstchen. Sollen höhere Preise er-\nzielt werden, nimmt man Fremdwörter: Ragout oder Goulasch.\nWill man das Gas dabei sparen, heißt es auch Sülze. Um den\nErbfeind zu charakterisieren, entschuldigt man verdorbenes Fleisch\nmit haut goüt. Die Fische werden auf jeden Fall paniert, damit sie\nnicht auffallen. Nach diesen Vorbereitungen und Mahlzeiten ge-\nsegnete Mahlzeit, hat man den Geschmack. Und obwohl sich über den\nGeschmack streiten läßt, man sich aber nicht streiten will, seid\neinig, hat man also den guten Geschmack. Für ihn gibt es Normen,\neben wie bei der Mehlschwitze. Kleider werden durch Schleifen\ngeschmackvoll. Hemden durch rosa Passen, auch wenn sie grün\nsind. Wohnungseinrichtungen durch Decken, facettiertes Kristall,\nbotanische oder zoologische Nachbildungen aus jedem Material und\nKnie- oder Marinestücke auf den Wänden. Kunstwerke sind ge-\nschmackvoll, wenn sie die Natur nachahmen, soweit sie anständig\nist. Stehende Akte sind zwar keine Kunst aber zulässig, liegende\nAkte brauchen einen geschmackvoll dekorierten Samtvorhang.\nPlastiken sind immer geschmackvoll, wenn man sie gebrauchen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.4", "texte": "kann. Als Spiegel oder Briefbeschwerer oder Lampe oder was der\ngeschmackvolle Mensch eben braucht. Wenn man tinsicher ist,\nnehme man sonst für Plastiken nur Tiere. Sie kann man im\nSommer auch im Garten aufstellen. Zwerge halten auch den Winter\ndort aus. Dichtungen sind geschmackvoll, wenn sie sich im reiferen\nLebensalter befinden. Will man hier keinen schlechten Geschmack\nbekunden, ziehe man sich stets auf die Griechen oder Römer\nzurück. Oder auf kriegerische Maßnahmen. Den geschmackvollen\nTon in allen Lebenslagen studiert man am besten auf der Uni-\nversität und bei nicht allzu edlen Frauen. Jede Äeußerung wird\ndadurch geschmackvoll, daß man sich der Fremdwörter oder der\nÄmtswörter bedient. Auch die Schriftsprache ist stets geschmackvoll\nZu empfehlen sind: bezüglich, andrerseits, die Herren Eltern. Ecco,\nc'est le ton, qui fait la musique, der See kann sich der Landvogt\nnicht erbarmen. Für den guten Geschmack in der Politik, empfiehlt\nes sich, in der Mitte zu bleiben. Also alles mit Mehlschwitze. Das\nnennt man Weltanschauung mit Geschmack. Mit Mehl läßt sich\nalles verkleistern. Sogar das Auge. Anschauung hat man eben zu\nhaben, wozu sich da noch die Äugen verderben. Für das Benehmen\nverwende man Kohlrabi bürgerlich. Dann kann gar nichts passieren.\nLuxusgegenstände und Bucheinbände werden durch Gold und Silber\ngeradezu appetitlich. Und wenn man Appetit hat, kommt es auf\nden Geschmack nicht mehr an. Wenn man Hunger hat, auch nicht.\nAlso ist der ganze Geschmack überflüssig. Er wird deshalb in\nDeutschland auch nur sinnbildlich verwandt. Ein Sinnbild hat näm-\nlich keinen Sinn und ist kein Bild oder es ist ein Sinn ohne Bild\noder ein Bild ohne Sinn. Also auf jeden Fall zu gebrauchen»\nWenn man den Geschmack komplett beherrscht, sich also nicht um\nihn kümmert, hat man Kultur. Kultur ist das Beste, was bisher\nerfunden worden ist. Die Kultur ist so wichtig, daß man zu ihrem\nSchutz die Kriege erfunden hat.\nDie Kultur muß nämlich unter allen Umständen geschützt\nwerden, damit man nicht den Geschmack an ihr verliert. Die\nNationen werfen sich gegenseitig ihren Geschmack vor, so daß sie\nselbst keinen mehr haben. Sie bringen es unter Umständen sogar\nzum haut goüt. Oder sie haben darauf gusto. Oder wenn die\nDeutschen ganz böse werden, dann sind sie geschmäcklerisch.\nAber außerhalb Deutschlands lassen sich die anderen Nationen\nden Geschmack nicht verderben. Den unsinnbildlichen. Sie machen\naus der Natur keine Kunst. Die Leute machen sogar aus der Kunst Natur.\nMehlschwitze, Persil und Kohlrabi bürgerlich. Für Berlin könnte man\ndurch Notverordnung den guten Geschmack heben. Man lasse die Ein'\nwohner einmal in der ungarischen Csärda neben Gloria-Palast essen\nund ihr Gaumen wird sich wundern. Die Prozente, die ich von\ndem Restaurant bekomme, stelle ich den Personen zur Verfügung,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.5", "texte": "die erst das zweite Mal auf den Geschmack kommen. Weil man\nnämlich diesseits so auf den Hund gekommen ist, daß man vielleicht\nes zweimal schmecken muß. Hat man aber einmal den guten Ge-\nschmack, hat man überhaupt einmal Geschmack, so kann sich das\nwomöglich auch auf die anderen Sinne auswirken. Auf die Ohren\netwa. Oder gar auf die Augen. Das wäre gar nicht auszudenken,\nwas sich ereignen würde, wenn die Menschen einmal ganz einfach\nihre Sinne gebrauchen wollten, die ihnen kostenlos zur Verfügung\ngestellt sind. Wenn man die Augen aufmacht, sieht alles plötzlich\nganz anders aus. Namentlich, da man sie überhaupt nicht aufmacht.\nBis dahin hat man nur Bedenken. Die bekommt man vom unsinn-\nlichen Denken. Woraus höchstens Professoren ohne Profession\nentstehen. Oder geschmackvolle Politiker. Oder Hausfrauen. Oder\nKohlrabi bürgerlich.\n\nDer deutsche Nationalstaat\nMax Verworn\nWir pflegen mit Recht Deutschland als einen einheitlichen Na-\ntionalstaat zu bezeichnen und wir dürfen stolz darauf sein. Es wäre\naber falsch, wenn wir diese Auffassung auf den unglücklichen Rassen-\nbegriff gründen wollten. Der Rassenbegriff hat in wissenschaftlicher\nHinsicht ebensoviel Unheil angerichtet wie in politischer Beziehung,\nweil er sich überhaupt nicht scharf bestimmen läßt. In Wirklichkeit\ngibt es gar keine Rasse und der Begriff ist eine irreführende Fiktion.\nDie Rassenfanatiker begehen aber den Fehler, daß sie die Einheit-\nlichkeit unseres Nationalstaates in einer gemeinsamen germanischen\nAbstammung der Deutschen erblicken. Das widerspricht der geschicht-\nlichen Erfahrung. An der Zusammensetzung der heutigen Bevölkerung\nDeutschlands haben sich außer den Germanen auch keltische Stämme,\nRomanen, Slaven und auch noch andere Elemente mehr oder\nweniger umfangreich beteiligt. Die Ansicht des alten römischen Lob-\nredners der Germanen, daß sie „eine eigenartige, reine und nur sich\nselbst gleiche Nation\" bildeten, trifft in ethnologischer Hinsicht nicht\nzu und hat nie zugetroffen. Die nationale Einheit liegt vielmehr aus-\nschließlich auf kulturellem Gebiet. Unsere staatliche und wirtschaft-\nliche Organisation, unsere gemeinsamen Ideale, unsere Denkweise,\nunsere Sprache, unsere Kunst haben Deutschland zu einem einheit-\nlichen nationalen Kulturorganismus gemacht. Diese Güter muß\nDeutschland sich erhalten und fortentwickeln, will es ein einheitlicher\nNationalstaat bleiben.\nWenn wir also die nationale Einheit Deutschlands ebensowenig\nwie die irgendeiner anderen Nation in der Reinheit der Rasse, son-\ndern in der Gemeinsamkeit des nationalen Kultursystems erblicken"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.6", "texte": "müssen, so dürfen wir doch auch hier nicht den Fehler machen, diese\nnationale Kultur Deutschlands als aus einer einheitlichen, etwa einer\n„urgermanischen\" Wurzel hervorgegangen, zu denken. Die alte ger-\nmanische Kultur, wie sie noch etwa zur Zeit von Caesar und Tacitus\nbei den Germanen-Stämmen bestand, mag das Grundkapital gebildet\nhaben, mit dem Deutschland in seine Kulturentwicklung eintrat. Aber\nwir dürfen doch nicht übersehen, daß noch in der zweiten Hälfte\ndes ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung große Teile dos\nheutigen Deutschlands von keltischen Stämmen bewohnt wurden, so\nwie noch tausend Jahre später andere Teile Deutschlands von Slaven\nbesiedelt waren, der weniger umfangreichen und nur kurzen römi-\nschen Okkupation deutscher Gebiete gar nicht zu gedenken. Alle\ndiese nichtgermanischen Elemente haben mit ihrer spezifisch nationa-\nlen Eigenart an der Synthese unserer heutigen deutschen Kultur teil-\ngenommen und wenn auch die spezifisch germanische Kultur bei dieser\nSynthese immer den eigentlichen Stammorganismus gebildet hat, der\ndie anderen Kulturelemente assimilierte, so sind doch deren Ein-\nwirkungen nicht spurlos verschwunden. Die Wacholderbeeren, die das\nHaselhuhn verzehrt, sind auch nicht verloren; sie geben dem Braten\neinen feinen pikanten Geschmack, wenn sie auch selbst allein noch\nkein Haselhuhn sind. Die einzelnen keltischen, romischen, slavischen\nBestandteile in unserer Kultur sind freilich nicht immer von fern\nschon leicht zu erkennen. Sie sind auch oft nicht mehr als solche\nerhalten, sondern haben nur vorübergehend ein Glied in der Ent-\nwicklung gebildet, die im übrigen über sie hinaus gegangen ist. Es\nbedarf daher einer eingehenden Analyse und manchen Umweges, um\nsie zu entdecken. So hat die vergleichende Sprachforschung zahlreiche\nWorte, die bis in die keltische Besiedelungsperiode Deutschlands zu-\nrückgehen und die doch nicht einer gemeinsamen indogermanischen\nWurzel zu entstammen scheinen, in unserem heutigen Sprachschatz\nnoch nachweisen können. Zum Beispiel haben die germanischen\nStämme das Wort für unser wichtigstes Metall, Eisen, altgermanisch\nisarna, keltisch isarnon, erst durch Vermittelung der Kelten, der\nMeister in seiner Bearbeitung, näher kennengelernt. Ebenso wie\nkeltische finden sich nun auch zahllose römische und slavische Ele-\nmente in der deutschen Kultur.\n\nKrieggrab\nAugust Stramm\nStäbe flehen kreuze Arme\nSchrift zeigt blasses Unbekannt\nBlumen frechen Staube schüchtern\nFlimmer\nTränet\nGlast\nVergessen"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.7", "texte": "Heilung\nLeiter des Schweizerischen Antituberkulose-Heilinstituts\nDr. med. Bucher/Bern\nNoch nie hat sich eine gute Sache, die bestehenden Interessen\nzuwiderlief, ohne Widerstand und Anfeindung durchzusetzen ver-\nmocht. Aehnlich geht es mit dem Friedmann-Mittel, das durch den\nArtikel von Professor v. Gonzenbach, „Lärm um Friedmann\", nun\nauch in den Tageszeitungen zur Diskussion gestellt wird. Gonzen-\nbach wendet sich dabei besonders an die „Stillen im Lande\" und\nsetzt sich für diese gegen irgendwen zur Wehr. Dabei kenne ich\nin der Schweiz niemanden, der über Friedmann so viel geredet\nund geschrieben hätte wie gerade Gonzenbach und die Friedmann-\nGegner. Ich zähle sie also gar nicht zu den „Stillen im Lande\".\nGonzenbach redet von Märtyrern, die doch keine seien, von plumper\nReklame, die das Mittel vor das Volk bringe und der Wunder-\ngläubigkeit des Volkes. Da ich nicht im entferntesten die Absicht\nhabe, ein Märtyrer zu sein, so waren diese Ansprüche für mich,\nder ich die Wirkung des Friedmann-Mittels an den mannigfaltigsten\nKranken und in verschiedensten Situationen beobachtet habe, Ver-\nanlassung, wieder einmal aus der Stille hervorzutreten.\nWas seinerzeit, jahrelang bevor ich mich für das Friedmann-\nMittel einsetzte, dem Volk und später auch mir am Friedmann-\nMittel gefallen hat, war die große Idee der am-\nbulanten Tuberkulosebehandlung, die über der über-\nhandnehmenden Sanatoriumsbehandlung durch Mithilfe von Liga,\nStaat und Aerzten fast in Vergessenheit geraten war. (Ambulant\nnennen wir eine Behandlung zuhause und unter periodischer ärzt-\nlicher Kontrolle des Patienten ohne dessen ständige Internierung.)\nDaß aber diese ambulante Behandlung in sehr vielen Fällen zum\nErfolg führt, beweist mir das Ergebnis meiner Erfahrungen. Es ist\nselbstverständlich, daß dabei die von Gonzenbach erwähnten Spon-\ntanheilungen auch bei dieser Behandlung in genau derselben Zahl\nvorkommen wie bei der Sanatoriumsbehandlung. Der gewaltige\nUnterschied zwischen beiden Behandlungen ist aber nicht einmal die\nWirksamkeit, sondern das Geld, das der Patient bei der einen\noder andern Behandlung ausgibt für die von Gonzenbach propa-\ngierte Luft, Licht, Sonne und gute Verpflegung, alles Faktoren,\ndie nicht ein Privileg der Höhenkurorte und Internierungsanstalten\nsind. Bei der einen Behandlung ist es eine teure Luft, Licht und)\nSonne, bei der andern die, die für alle Leute vorhanden ist. Die\nso durchgeführte ambulante Behandlung verschlingt aber mindestens\nzehnmal weniger Geld als die Heilstättenkur, bringt den Patienten\nnicht an den Rand des finanziellen Ruins und treibt ihn, dort"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.8", "texte": "angelangt, nicht in die Hände der Fürsorge. Diese volkswirtschaft-\nliche wichtige Erkenntnis ist nun ins Volk gedrungen, und es ist\neigentlich gar nicht verwunderlich, wenn es dabei etwas Lärm ge-\ngeben hat. Denn wohin würde es führen, wenn jeder Tuberkulose-\nfall gleich automatisch zum Sanatoriumsfall und weiter zum Für-\nsorgefall würde, für den die Allgemeinheit die Mittel aufzu-\nbringen hat.\nWenn Gonzenbach die drei Heilungsmöglichkeiten bei jeder\nTuberkulosebehandlung: die natürliche Heilungstendenz, die Sugge-\nstivkraft und die Umstimmung des Organismus zur Heilung durch\nirgend ein Reizmittel als Hauptfaktoren erwähnt, so werden da-\nmit noch keine Sensationen berichtet. Neu aber ist die Logik, wenn\nman in einem Satz diese Mittel als alleinseligmachend preist, sie\naber im Zusammenhang mit dem Friedmann-Mittel ins Lächerliche\nzieht. Kein Mittel wie das Friedmanns stützt sich ja so sehr auf\ndie natürliche Heilungstendenz des Organismus, die damit ge-\nsteigert wird. Fälle ohne eine gewisse Reservekraft können mit\ndem Mittel überhaupt nicht behandelt werden.\nAber mit Luft, Licht und Sonne hat man nun die Tuberkulose\njahrzehntelang „geheilt\", und viele Fälle figurieren in den Sta-\ntistiken der Sanatorien drei- bis viermal als „geheilt\". Gerade\ndeshalb scheint mir, es wäre nun an der Zeit, einen großen Teil\nunseres Volksvermögens anders anzulegen. Das Friedmann-Mittel\nruft ohne Mithilfe weiterer Faktoren sehr oft eine recht heftige\nUmstimmung zur Heilung hervor, und dieser Umstand gibt ihm\nvor anderen Behandlungsarten einen unschätzbaren Vorzug. Damit\nist auch gesagt, daß das Friedmann-Mittel an den Anfang der\nTuberkulose-Behandlung und nicht an den Schluß gehört. Immer\nmehr komme ich auf Grund nicht von Theorien, sondern meiner\nErfahrungen dazu, dafür einzustehen, daß auch die fürsorgerische\nTätigkeit in diesem Sinne reorganisiert werden sollte.\nGonzenbach scheint die ernsthafte Friedmann-Behandlung gar-\nnicht zu kennen. Denn er bedauert die Patienten, die durch die\nkritiklose Anpreisung dieses Mittels davon abgehalten würden,\nrechtzeitig die „richtigen\" Heilmaßnahmen zu treffen. Setzen wir\nvoraus, daß die von ihm oben angeführten Heilungsmaßnahmen\ndie richtigen seien, so verpaßt eben der Patient mit der Fried-\nmann-Behandlung gar nichts. Er gewinnt sogar ganz gewaltig:\ndenn alle diese Heilungsfaktoren können neben der Friedmann-\nBehandlung verwertet werden. Ich möchte deswegen den Sana-\ntorien die Existenzberechtigung beileibe nicht absprechen, denn\nbisher waren sie das Beste, das man kannte. Ist dies aber\nGrund oder keiner, etwas anderes, weil einfacher, nicht auch gelten\nzu lassen?"}, {"page_pdf": 9, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.9", "texte": "Nachdem heute Tausende nach Friedmann geimpfte Patienten\nin der Schweiz von der Wirksamkeit des Mittels zeugen können,\nmutet es beinahe komisch, an, wenn Gonzenbach glaubt, es über\nalle diese lebenden Zeugen hinweg mit ein paar Sätzen erledigen\nzu können. Im Gegenteil stellen wir schon heute die Forderung,\ndaß an einer oder zwei Schweizer Universitäten die Möglichkeit\ngeschaffen werden sollte, wie etwa die Tuberkulin- oder Gold-\nbehandlung auch die praktische Anwendung des Friedmann-Mittels\nzu erlernen, da sie in der allgemeinen Praxis eine enorm wichtige\nRolle spielen wird. Denn der erfahrene Praktiker handhabt das\nMittel ganz anders als der Anfänger, und es ist schade, daß die\ngleichen Erfahrungen von jedem Arzt immer wieder neu erworben\nwerden müssen, nur mangels einer Ausbildungsstätte. Mit dem\nFriedmann-Mittel aber kommt der praktische Arzt in die Lage,\nin der Arbeit früherer Aerzte wieder dort anzuknüpfen, wo die\nTradition unterbrochen wurde durch den Sanatoriumsgedanken.\nDenn es ist nicht eine Bereicherung, sondern eine Verarmung an\nKönnen, wenn der praktische Hausarzt heute die Tuberkulose nicht\nmehr behandeln soll. (Wir reden an diesem Ort noch nicht von\nden offenen Fällen.) Die früheren Aerzte entschlugen sich nicht\nso leicht der Verantwortung gegenüber ihren tuberkulösen Pa-\ntienten, weil sie die Kranken nicht kurzerhand, beinahe reflek-\ntorisch, in eine Heilstätte abschieben konnten. Sie waren ge-\nzwungen, sich mit der Tuberkulose ebenso intensiv abzugeben, wie\nmit ändern in ihrer Praxis vorkommenden Krankheiten. Es ist\nauch nicht Zufall, wenn gerade in letzter Zeit selbständig denkende\nMänner wie z. B. Professor Äschner, Wien, in der „Krise der\nMedizin\" wieder alte, längst in Vergessenheit geratene Volksheil-\nmittel zu Ehren bringt.\nMan hat, und darunter sind meine besten Freunde, vielerorts\ngemeint, ich hätte in der Sache um Friedmann weniger angriffig\nvorgehen sollen. Für die Propaganda haben gerade die Gegner\nmit ihrem Lärm um das Friedmann-Mittel gesorgt. Heute, nachdem\nich die Wahrheit um das Friedmann-Mittel aus eigener Erfahrung\nweiß, empfinde ich es nicht mehr als Ketzertum, offen zu sagen,\ndaß selbst Offentuberkulöse nicht alle in Sanatorien und Ab-\nsonderungshäusern interniert bleiben müßten. Man sollte es durch\numfangreiche Schutzimpfungen der Umgebung den Kranken er-\nmöglichen, zuhause bleiben zu können. Diese Möglichkeit verbietet\naber das vom- Volk stillschweigend hingenommene Tuberkulose-\ngesetz, dessen Grundgedanken wohl ideal, dessen Auswirkung aber\nzum Verbrechen am einzelnen Kranken und an den auseinander-\ngerissenen Familien wird. Und je länger je mehr wird es vor-\nkommen, daß tuberkulöse Familienangehörige ihre Krankheit ver-\nbergen aus Angst vor gesetzlich befohlenem Interniertwerden und"}, {"page_pdf": 10, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.10", "texte": "sich so einer Kontrolle und Auf sichtsmöglichkeit entziehen. Daß\ndurch dieses Gesetz die Ansteckungsgefahr nicht kleiner geworden\nist, leuchtet dem Dümmsten ein. Es wäre umsichtiger, statt eineis\nkomplizierten Fürsorge- und Polizeiapparates, der auch nicht gratis\nist, wenn mit Hilfe des Volkes, das sich so vor weiterer An-\nsteckung schützt, für die unheilbaren Kranken in eigenen Häusern\ndie Möglichkeit geboten wäre, den Rest des Lebens dort ungesorgt\nund menschenwürdig zu fristen, falls sie oder ihre Angehörigen\nden Wunsch zur Trennung äußern.\nSolche Tuberkuloseheime sind nur die menschliche und ethische\nKonsequenz des in Kraft getretenen Gesetzes. Wenn dieses aller-\ndings so ausgeübt wird, daß z.B. Kinder mit Hilfe der Vormund-\nschaftsbehörden den Eltern gewaltsam fortgenommen werden sollen,\nso wird — vor der Schaffung oben erwähnter Tuberkuloseheime —\neine unserer nächsten Aufgaben die Bildung einer Volksinitiative\nsein zur Wiederaufhebung der, solch unwürdige und mittelalter-\nliche Maßnahmen erlaubenden Gesetzesparagraphen . . .\nEs mutet mich wie Kinderei an, wenn erwachsene Männer auf\ndiese Weise streiten, wo es doch gegen einen gemeinsamen Feind,\neben gegen die Tuberkulose gehen soll. Steckt denn überhaupt\nein tieferer Sinn in dieser starren Ablehnung eines sehr brauchbaren\nTuberkulosehe ilmittels ?\nDie Behauptungen Gonzenbachs sind übrigens bereits von Geheimrat\nDr. med. Konrad Küster / Berlin in der großen Baseler Zeitschrif t\n„Schweizerischer Beobachter\" völlig widerlegt worden.\n\nLärm um Friedmann?\nDr. med. A. Meier-Naef/Wettingen (Schweiz)\nIn verschiedenen Tageszeitungen erschien vor kurzem ein Artikel von\nDr. v. Gonzenbach, Zürich, unter dem Titel: „Der Lärm um Friedmann\".\nDer Artikel ruft in verschiedener Hinsicht nach einer Erwiderung. Einmal\nglaube ich annehmen zu dürfen, daß das Volk von diesem „Lärm\"\ndurch Friedmann-Anhänger noch nicht viel gehört haben werde. Sodann\nmuß vor allem die Verallgemeinerung der Anhänger der Friedmann-\nMethode als Lärmmacher zurückgewiesen werden. Schreibender hat näm-\nlich trotz sehr schönen Erfolgen bei über 600 Geimpften\nweder in Wort noch Schrift für das Friedmann-Mittel „Lärm\" gemacht,\nsondern sich „ruhig und unvoreingenommen\" verhalten, wie es der Autor\ngenannten Artikels von seinem Stand aus auch tun wollte.\nSollte nun auch in unserem Lande die Diskussion über ein Mittel\netwas lauter werden, dem sozialhygienisch und volkswirtschaftlich etwelche\nBedeutung zukommen könnte, was begreiflicherweise auch das „Volk\" in-\nteressieren muß, so schadet das ganz gewiß unsern „Stillen\" im Lande\nnichts. Es ist schon oft genug über weniger wichtige Dinge, als ein Volks-\nheilmittel, Lärm gemacht worden. Und dann schließlich der Lärm um\nCalmette durch seine Anhänger und das Nachspiel in den Lübecker Ge-\nrichtssälen um 70 tote Kinderl Tatsache ist, daß bis heute noch kein\nTodesfall durch die Friedmann-Methode festgestellt wurde."}, {"page_pdf": 11, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.11", "texte": "Nun, Gonzenbach gibt wenigstens seine Unschädlichkeit zu, und\ndas ist für ein Tuberkulosemittel schon recht viel. Denn immer wieder\nbekommt man die Frage seiner Unschädlichkeit vorgelegt, besonders\nwenn die Anwendung Kinder betrifft. Ich darf ebenfalls frei und offen\ngestehen, daß ich weder bei Kindern noch bei Erwachsenen jemals einen\nNachteil gesehen habe. Was speziell die kranken Kinder betrifft, so sah\nich immer nur ein rasches Aufblühen, manchmal so\nverblüffend, daß es die Eltern kaum für möglich hiel-\nten. Handelte es sich um gesunde Kinder, wo eine Impfung zur Vor-\nbeugung in gefährdetem Milieu verabfolgt werden mußte, so sah ich bis\nheute nie ein solches Kind erkranken, selbst dort nicht, wo\nein kranker Vater oder eine ansteckungsfähige Mutter die größte\nfortwährende Gefahr darstellten.\nMit diesen kurzen Bemerkungen haben wir schon die große Streit-\nfrage der Wirksamkeit des Friedmann-Mittels berührt. Gonzenbach spricht\nihm in seinem Artikel die Wirksamkeit nicht absolut ab. Nach ihm beruht\ndie Heilwirkung einer Friedmann-Injektion auf drei Möglichkeiten: 1. der\nschon bestehenden Heilungstendenz der Tuberkulose, 2. der Suggestivkraft\ndes Friedmann-Mittels und 3. evtl. in einer Umstimmung des Körpers. Das\nsind übrigens jene Heilfaktoren, die von sämtlichen Friedmann-Gegnern\nimmer wieder aufgetischt' werden und wovon die zwei letzten Punkte\nvorläufig reine Hypothesen darstellen.\nWas Punkt 1 betrifft, so ist gewiß die Selbstheilungstendenz des\nKörpers nicht zu bestreiten. Sie ist oft sogar sehr groß und vielfach\nabhängig von Konstitution und von vorausgegangenen körperlichen und\nseelischen Insulten. Es muß aber doch anderseits darauf hingewiesen\nwerden, daß die Tuberkulose gerade den jugendlichen Körper befällt,\nalso in einem Älter, wo der Organismus noch wenig verbraucht und\nsomit die Widerstandskraft noch groß ist. Und schließlich entwickelt\nsich jede Tuberkulose aus kleinen Anfängen. Es wäre also zu er-\nwarten, daß der Körper gerade den Anfängen der Krankheit Meister\nwürde. Besonders dann, wenn die erwähnten Faktoren, wie gute Luft,\nLicht, Nahrung, Ruhe, Fernhaltung von Alltagssorgen das ihrige beitragen.\nNun hat aber die Erfahrung gezeigt, daß auch unter den denkbar günstig-\nsten Bedingungen, selbst beginnende Tuberkulosen nicht immer zur Aus-\nheilung kommen. Das mag auch der Grund sein, warum in den Sa-\nnatorien immer wieder nach unterstützenden Mitteln gesucht und geforscht\nwurde. Erwähnt seien davon nur die Unmenge Tuberkuline, die Gold-\npräparate, Calcium- und andere Injektionen. Oder dann die operativen\nEingriffe, wie Pneumothorax, Nervenschnitt, Plastiken.\nNach Punkt 2 nimmt die Suggestion als Heilfaktor einen wichtigen\nPlatz ein. Was den Satz: „Wille gesund zu werden und Glauben an den\nArzt\" anbelangt, so ist zu sagen, daß der Wille gesund zu werden bei\neinem jungen lebensfrohen Menschen wohl selten fehlt und der Glaube an\nden Arzt ist gewöhnlich auch vorhanden, sonst würde er sich ihm nicht\nanvertrauen. Die Behauptung vom „Berge versetzenden Glauben an das\nFriedmann-Mittel\" wird solange nicht zutreffen, als die Gegner immer\nwieder in Wort und Schrift gegen Friedmann Sturm laufen. Wer Fried-\nmann-Impfungen verabfolgt, der weiß, wie viele Zweifel vorher zu lösen\nund wie viele Fragen vorher zu beantworten sind.\nDann noch eine Frage. Wenn man beim Erwachsenen eine Suggestiv-\nwirkung annehmen will, wie erklärt man sich dann die ganz ausgezeichnete\nWirkung des Mittels beim tuberkulös erkrankten Kinde und besonders\nbeim Kleinkinde? Diese sind bekanntlich noch keiner Suggestivtherapie\nzugänglich und doch läßt das Friedmann-Mittel als Heil-"}, {"page_pdf": 12, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.12", "texte": "und Schutzimpfung nie im Stich. Diese Frage hat von den\nGegnern noch niemand beantwortet. Nach meiner gewonnenen Ueber-\nzeugung wirkt eine Friedmann-Injektion so wenig suggestiv wie ein\nPneumothorax. Es ist doch sonderbar» daß von allen Tuberkulose-\nmitteln und therapeutischen Maßnahmen immer nur\ndem Friedmann-Mittel eine Einbildungswirkung zu-\nkommen soll.\nOb schließlich nach Punkt 3 die Heil- und Schutzwirkung einer Fried-\nmann-Injektion auf bloßer Umstimmung des Körpers beruht, dürfte\nsehr zweifelhaft sein, denn sonst könnte man auch mit andern umstimmen-\nden Mitteln, wie z. B. mit einer Milch- oder unspezifischen Seruminjek-\ntion dasselbe Ziel erreichen, was jedoch nicht der Fall ist.\nIm gleichen Artikel steht weiterhin zu lesen: „Wäre es wirklich das\nHeilmittel, als das es heute wieder angepriesen wird, so hätte es sich\nbestimmt die Welt erobert\". Darüber ist folgendes zu sagen: Friedmann\nentdeckte sein Mittel im Jahre 1903 — warum übrigens Gonzenbach\nFriedmann als „Erfinder\" mit Gänsefüßchen versah, dürfte nicht jedem\nLeser klar geworden sein — und im Jahre 1912 machte er die Oeffent-\nlichkeit damit bekannt. Wäre nun das Friedmann-Mittel absolut wertlos,\nso könnte es sich wohl kaum nach 20 Jahren noch in diesem Maße\nbehaupten und eine solche Verbreitung erfahren, wie es tatsächlich der\nFall ist. Die Friedmann-Änhänger bilden nämlich nicht nur ein kleines\nTrüpplein „Märtyerer der Wissenschaft\", sondern es sind tausende von\nAerzten in allen Weltteilen, die die Friedmann-Methode anwenden. Und\n„diejenigen Fälle, die durch eine Friedmann-Injektion geheilt worden\nsind\", gehen nicht nur in die Dutzende, sondern in die vielen Hunderttausende.\nProf. Schleich, der berühmte Erfinder der Lokalanaesthesie, dem anfäng\nlieh das gleiche Los, wie Friedmann, beschieden war, berichtet allein\nvon über zweitausend Fällen, die er mit dem Friedmann-Mittel geheilt\nhat. Erwähnenswert ist weiter, daß bis zum Jahre 1922 schon über 400\nArbeiten zugunsten des Friedmann-Mittels veröffentlicht wurden und\nheute sind es gegen die achthundert. Und was die Tierversuche an-\nbelangt, so erkundige man sich am besten bei Hagenbeck über die Wirk-\nsamkeit des Mittels in seinem Tierpark. Diese Hinweise mögen vorläufig\ngenügen, um zu zeigen, daß das Problem nicht mit ein paar Sätzen abgetan\nwerden kann.\nWas weiterhin im Artikel über die „Kehrseite der Angelegenheit*4\ngesagt wird, daß mit der kritiklosen Anpreisung viele Menschen abgehalten\nwerden, rechtzeitig richtige Heilmaßnahmen zu treffen, in vielen Unglück-\nlichen Hoffnungen erweckt werden „auf die naturnotwendig schwerste Ent-\ntäuschungen folgen müssen\", so möchte ich nur die Frage stellen, ob\nfür diese Behauptung Beweise vorliegen, oder ob wir sie nur als Hypothese\nhinnehmen sollen. Bis jetzt fehlen nämlich in der Literatur jegliche Be-\nweise dafür, daß auf eine Friedmann-Injektion „naturnotwendig\" schwerste\nEnttäuschungen folgen müssen, sondern wir finden bei den besten Kennern\nder Friedmann-Methode, darunter figurieren eine stattliche Anzahl nicht\nunbedeutender medizinischer Autoritäten, die Tatsache, daß schon viel-\nfach nach der ersten Injektion, ein rascher Umschwung des Krankheits-\nbildes entsteht, daß z. B. bei einem Lungenkranken der verlorene Appetit\nwieder zurückkehrt, Husten, Auswurf und Fieber zurückgehen, die Nacht-\nschweiße ausbleiben, das Körpergewicht zunimmt, kurz eine mehr oder\nweniger rasche, vom Charakter der Krankheit abhängende Wendung\nzur Besserung eintritt. Ich möchte vorläufig nicht lange mit eigenen"}, {"page_pdf": 13, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.13", "texte": "Beispielen aufwarten, aber wenn es gelingt, bisweilen\naus Sanatorien als unheilbar Entlassene innerhalb\n6 Monaten so weit zu bessern, daß sie wieder leichtere\nArbeiten verrichten können, so ist das sicher für den\nPatienten keine Enttäuschung. Oder wenn es gelingt,\neine tuberkulöse Knochenfistel nach dreijähriger er-\nfolgloser Höhenkur in drei Monaten zu schließen, oder\neine seit zwei Jahren bestehende tuberkulöse Hüft-\ngelenkentzündung in fünf Monaten auszuheilen, so daß\nder Patient seine abgebrauchten Krücken wegwerfen\nkann, so ist das wiederum keine böse Enttäuschung.\nDas sind aber Beispiele nicht beginnender, sondern seit Jahren\nbestehender und anderweitig erfolglos behandelter Tuberkulosen.\nDaß aber die Friedmann-Methode bei beginnender Erkrankung nicht eben-\nso gut wirken sollte, ist eine logische Erfahrungssache. Daß sie auch\nhin und wieder einmal versagt, kann nicht bestritten werden, welches\nder besten Heilmittel in der Medizin versagt nicht einmal?\nEs erübrigt sich auf die zwei letzten Absätze des erwähnten Ar-\ntikels einzugehen, denn sie lassen, wie übrigens der ganze Artikel, er-\nkennen, daß der Autor nichts weniger als „ruhig und unvoreingenommen\"\ndem Friedmann-Problem gegenübersteht. Ich finde denn doch, ein Pro-\nblem wie dasjenige eines Volksheilmittels gegen Tuberkulose verdiene eine\netwas gründlichere Behandlung. Ebenso finde ich es nicht am Platze, seine\nAnhänger kurzerhand als Lärmmacher hinzustellen und sie mit allerlei\nPrädikaten zu versehen.\nNoch ein kurzes Wort über den zweiten Artikel in gleicher Nummer,\nder vom Deutschen Zentralkomitee zur Bekämpfung der\nTuberkulose in einem Kreisschreiben versandt wurde. Ich greife nur\nden einen für uns sehr wichtigen Satz heraus: „Irgend welche Erfolge,\ndie über das Maß der üblichen Heilst ättenerfol g e hinaus-\ngehen, sind nach den beim Vorstande eingelaufenen Nachrichten und eigenen\nErfahrungen nicht beobachtet worden.\" Schöner ist die Wirkung des\nFriedmann-Mittels von gegnerischer Seite noch nie be-\nzeugt worden. Diese Erklärung besagt mit anderen Worten, daß die\nFriedmann-Behandlung der der Heilstätten ungefähr gleichkommt. Mit\ndiesem Urteil können wir uns vorläufig zufrieden stellen. Die Schluß-\nfolgerungen über diese Bezeugung wollen wir nicht weiter darlegen, son-\ndern sie zu ziehen ruhig dem Leser überlassen. Ich glaube nur, die Er-\nklärung des deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose\nsei geeignet, auch von den Gegnern des Friedmann-Mittels in aller Stille\nerwogen zu werden, statt über den „Lärm\" der Friedmann-Anhänger\nVolksaufklärung zu treiben. Auf eine solche Erklärung von offizieller\nStelle haben vielleicht gerade die „Stillen im Lande\" gewartet.\nUnmittelbar nach Abschluß obiger Erwiderung erhielt ich ein um-\nfangreiches Werk, 400 Seiten stark, aus französischer Feder betitelt:\n„Vaccin de Friedmann\". Vaccination antituberculeuse chirurgicale et\npulmonaire par le Dr. Gaston Daniel de Marseille, President de la\nLigue Francaise antituberculeuse, Laureat de l'Academie (Paris Editeur\nEugene Figuiere, 166 Boulevard Montparnasse, 1952).\nEs sei besonders den Friedmann-Gegnern zum Studium empfohlen."}, {"page_pdf": 14, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.14", "texte": "Doktor Sport\nOtto Nebel\nEs wird euch nicht wundern zu erfahren, daß sich ein Mützen-\nfabrikant en gros leicht allerlei in den Kopf setzen kann en detail.\nHugo Sport in Pasewalk, der Erfinder der bekannten Sport-\nmützen, litt in geradezu manischer Weise an einer blinden Ver-\nehrung aller Leute, die unter dem Schirme des Doktortitels durch\ndas Gestöber des Daseins stolzieren.\nAls er in die Umstände kam, seinem ersten und einzigen\nSohne einen Rufnamen zu verpassen, kam ihm der glückliche Ge-\ndanke, den Jungen mit dem Vornamen Doktor zu segnen. Das war\neine grandiose Eingebung, deren diesseitige Tragweite selbst der\nPastor in Pasewalk nicht zu Ende denken konnte.\nHugo Sports Ehefrau, eine Dame von zwei Zentnern Urmasse,\nheiter und sinnig, trug den Rufnamen Balbina. Balbina Sport, ge-\nborene Lau. Sie war am 31. März geboren. Ihr Vater, der selige\nLau, hatte damals einfach das Kalenderblatt vor die Nase genommen\nund sich für diesen rundlichen Vornamen erwärmt. Der Mützen-\nfabrikant Hugo Sport aber ließ zur Taufe seines eingeborenen\nSohnes drei Vornamen in das Register eintragen: — sich selber\nzu Ehren natürlich den Vornamen Hugo, seiner Frau, der rüstigen\nPasewalküre zu Ehren den Zwischennamen Balbinus, und schließ-\nlich als Krönung der Sache den schönen Rufnamen Doktor, so-\ndaß der Säugling als Hugo Balbinus Doktor Sport von den Be-\nhörden theoretisch zur Kenntnis genommen werden konnte. Man\nmuß Pasewalk kennen, diesen Ort, der seit dem Abrücken der\nKürassiere außer dem rapiden Geburtenrückgänge auch sonst eine\nschwere Einbuße an Lebensfülle zu beklagen hat, um ganz zu er-\nmessen, welche weltmännisch hinauslangende Geste in solcher\nNamengebung zum Ausdruck kam.\nDen Jungen nannte man von Anfang an immer nur Doktor,\nkurzweg. Er konnte nichts dafür. Er war gesund und nie auf den\nKinderkopf gefallen. Auch der englischen Krankheit war er mit\ngutem Instinkt ausgewichen.\nAls er zur Schule kam, wurde er vom Lehrer Mix als erstem,\nund dann sofort automatisch von seinen Mitschülern wegen seines\nDoktortitels entsprechend gehänselt. Er hatte ein Gemüt gleich\ndem Seidenfutter einer prima Sportmütze vom Vater her, jedoch\nvon der schweren Mutter her eine dickfellige Oberhaut über diesem\nGemüte, sodaß er sehr rasch lernte, das Futter seines Wesens\nnach innen zu wenden und den Menschen die Lederseite zu bieten.\nNachdem er die Schule hinter sich und die Reifezeugnisse in\nder Tasche hatte, entschloß er sich, entschlossen wie er war, Medizin\nzu studieren und sich den Doktortitel zu erwerben. Gedacht, getan!"}, {"page_pdf": 15, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.15", "texte": "— In Frankfurt an der Oder eröffnete er alsbald als Doktor Doktor\nSport eine Praxis gegen Stotterei. Der Zulauf war ungeheuer, da\ndas Publikum schon auf der Straße das Schild mit dem doppelten\nAnsatz gelesen und in seiner Beschränktheit angenommen hatte,\ndaß dieser ominöse Doktor Doktor Sport selber nicht nur aus\nbloßem Sport stottere, sondern aus lauter beruflicher Gründlichkeit\ndas wissenschaftlich exakte Stottern am eigenen Leibe\nprobiert und ausstudiert habe.\nWelch eine Ueberraschung aber war und blieb es für jeden\nPatienten, in der Sprechstunde zu erleben, daß Hugo Balbinus\nDoktor Doktor Sport ohne irgendwelche Hemmungen freundlich\nund fließend sprechen und dabei sogar noch wundervoll zutreffende\nDiagnosen aus den blütenweißen Kittelärmeln schütteln konnte.\nDa war kein Halfen mehr. Jeder bessere Frankfurter fing\nan zu stottern, die Ehefrauen brachten nur noch Stotterer zur\nWelt und die jungen Mädchen stießen beim Sprechen und Küssen\nmit den Zungen an, daß die Papageien schon gar nicht mehr\nwußten, was mit ihren Herrschaften gespielt wurde neuerdings.\nBalbinus sah sich genötigt, sich nach einer Assistentin mit Dok-\ntortitel umzutun. Er fand in Alma Pater die, die er suchte, und,\nda mit ihrer Hilfe auch das Seidenfutter seines Gemütes wieder\nzum Vorschein kam, just die rechte Ehehälfte in ihr.\nKaum war ein halbes Jahr vergangen, als sich Doktor Alma\nund Hugo Balbinus Doktor Doktor Sport zur glücklichen Geburt\neines strammen Sohnes beglückwünschen lassen konnten.\nZur Taufe erschienen aus Pasewalk die beiden alten Sportleute.\nGroßvater Hugo brachte hundert seidengefütterte Sportmützen mit.\nDie waren liebevoll ausgesucht nach Farbe, Musterung und Größe,\nsodaß sie von der Wiege bis zur Bahre den unterschiedlichen\nCharakterköpfen eines einzelnen, hochwohlgeborenen Menschen und\nEnkels wohl anstehen, genau entsprechen mochten. Großmutter\nBalbina, die schlohweiße Pasewalküre, schenkte einen vernickelten\nKüraß, der es schon auf das sechste Lebensjahr des Kleinen ab-\ngesehen hatte und vor Ungeduld blitzte.\nEingedenk der Ahnen und des besonders besonnten Schicksals\ndes jungen Vaters entschied sich die ganze Familie einmütig, dem\nJungen kurz und bündig die Vornamen Hugo Professor Doktor\nzuzusprechen.\nWar damit nicht jede Gewähr geleistet, daß der Kleine ein\ngroßer Mann ohne Schwierigkeiten werden würdet War da nicht\ndem Schicksal gewissermaßen gar keine andere Wahl mehr gelassenl\nWar da nicht unter dem Schirme der hundert Sportmützen auch\nbereits in materieller Hinsicht eine Haupt-Vorsorge getroffen, eine\nstoffliche Obhut angedeutet! War da etwa nicht mit dem Küraß\nauf Zuwachs sogar ein strahlendes Gleichnis gegeben, ein Sinnbild"}, {"page_pdf": 16, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.16", "texte": "der Macht und der Heldenkraft über ein junges Leben geschwenkt!\nHatte da etwa nicht ein Walkürenfinger beizeiten auf Bismarcken\nhingezeigt! War da etwa keine Zukunftsmusik in den Windeln!\nLeider wurde Hugo Professor Doktor Sport bereits als Ein-\njähriger krank, aber dank der fachgerechten Pflege, die ihm die\nmedizinischen Eltern angedeihen ließen, wieder gesund, jedoch in\nseinem dritten Lebensjahre von einem gelblackierten Omnibus tot-\ngefahren.\nSoviel über den Sportbetrieb im allgemeinen und den Familien-\nsport im besonderen.\n\nStempellied\nFranz Zorn\nIn einem kühlen Grunde,\nda geht ein Mühlenrad\n(wenn es noch geht) zur Stunde\nnur noch per Kilowatt.\nUnd auch die hübsche Kleine,\ndie in dem Lied verblich»\nging heut wie irgendeine\nvermutlich auf den Strich.\nUnd manche kann man sehen,\ndie wissen nicht wieso\nsie heute stempeln gehen\nund gestern ins Büro.\nUnd gestern früh noch munter\nvielleicht in die Fabrik\nund heute gehn sie unter\nzu dreizehn Mark pro Stück.\nUnd morgen vielleicht leise\nstatt froh durch die Allee,\nauf eine dumme Weise\nsogar in einen See.\nUnd alles geht im Grunde\nwie dieses Mühlenrad\nschön langsam vor die Hunde —\ndas dort gemahlet hat."}, {"page_pdf": 17, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.17", "texte": "Raummangel II\n\nEs ist gut, daß ich wenigstens etwas für die medizinische Fach-\npresse tun kann. Sie hat keinen Raum. Also muß man mit ihr auf-\nräumen. Das wird gründlich und schnell geschehen. Ordnung muß\nsein. Bald wird die medizinische Fachpresse sich nur noch über\nMangel zu beklagen haben. Ich habe der Oeffentlichkeit schon mit-\ngeteilt, daß die Deutsche Medizinische Wochenschrift es besonders\nschwer hat. Die Redaktion will durchaus die Tuberkulose retten.\nSie scheint für die Medizin unerläßlich. Die Redaktion freut\nsich über jeden Brief, den ihr ein verehrter und lieber Herr Kollege\nschickt. Nur darf er der Tuberkulose nichts antun. Herr Professor\nvon den Velden hat sie nun einmal, wenn auch nicht in die Lunge,\naber in sein Herz eingeschlossen. Er läßt der Tuberkulose nichts\nantun. Sie muß gerettet werden. Sonst faßt ihn der Menschheit\nganzer Jammer an. Er spuckt Blut, wenn man seine Lieblingskrank-\nheit auch nur in ihren Aeußerungen verhindern will. Da gibt es\nz.B. einen medizinischen Universitätsprofessor, der das Friedmann-\nMittel bei seiner eigenen Familie, bei seinen Angehörigen und bei\nsehr zahlreichen Patienten seit dreizehn Jahren erfolgreich an-\ngewendet hat. Der Herr Professor nimmt an, daß solche Tatsachen\nvielleicht die Deutsche Medizinische Wochenschrift interessieren\nkönnten. Er hat allerdings nicht gewußt, daß derartige Aufsätze in\ndie Archive gehören. Nicht aber in die Deutsche Medizinische\nWochenschrift. Sie hatte nämlich absolut keinen Raum. Vor allem\nnicht für diskutierte Angelegenheiten. Insbesondere unter gar\nkeinen Umständen, wenn der Tuberkulose dabei etwas passieren\nkönnte. Womöglich durch das Friedmann-Mittel. Schade. Herr\nProfessor von den Velden hatte sich schon so sehr gefreut:\n„Sebr verehrter und lieber Herr Kollege!\nWir betten uns sebon sebr gefreut, einen „Brief\" von Ibnen zu\nbekommen. Nun ist es Mleider\" eine Arbeit, die wir Ibnen zurück-\nsenden müssen (was Sie uns bitte niebt verübeln wollen\\ da wir\ndie doeb noeb immer sebr diskutierte Angelegenheit gerade in\ndieser allgemeinen Form niebt bringen können. Eine mit einzelnen\nTatsachen belegte Arbeit würde aber in ein Archiv geboren, weil\nsie für uns zu groß wäre. Sie werden es also verstehen, warum\nwir Ibnen mit bestem Dank das Manuskript zurückreichen.\nHoffentlich geht es Ihnen sonst recht gut.\nMit besten Grüßen und Empfehlungen bin ich\nstets Ihr ergebenster Von den Velden.\"\nEs versteht sich, daß es dem verehrten und lieben Herrn\nKollegen sonst recht gut geht. Er hat nämlich eine Menge Menschen\nvon der Tuberkulose geheilt. Und zwar mit dem Friedmann-MitfeL\nAllerdings ohne Genehmigung der Redaktion der Deutschen\nMedizinischen Wochenschrift. Und die Genehmigung kann sie nur"}, {"page_pdf": 18, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.18", "texte": "aus Raummangel nicht geben. Das wird man ihr bitte doch nicht\nverübeln wallen. Aber der Universitätsprofessor der Medizin ist auf\nGrund seiner therapeutischen Erfolge offenbar Optimist geworden.\nNoch gibt es München, das zwar nicht in Deutschland, aber immer-\nhin in Bayern liegt. Dafür gibt es dort die Münchener Medizinische\nWochenschrift. Das Erstaunliche geschieht: München und Berlin\ngehen konform. Verschwunden ist der Rassenhaß. Es bleibt dabei:\nTuberkulose über alles in der Welt!\n„Mitteilungen der Schriftleitung der Münchener Medizinischen\nWochenschrift.\nSehr geehrter Herr Professor\nFür die Uebersendung Ihres Manuskripts „Der Friedmannsche\nImpfstoff bei Augen-Tuberkulose des Menschen\" danke ich Ihnen\nverbindlichst. Zu meinem Bedauern ist es mir aber nicht möglich,\nden Artikel in unserer Wochenschrift zu veröffentlichen, da ich\ngrundsätzlich weitere Mitteilungen über den Friedmann-Impfstoff\nverweigere, solange Professor Friedmann in unwürdiger Weise\nLaienpropaganda treibt und sich nicht scheut, sich mit ärzte-\nfeindlichen Organisationen einzulassen und auch seinerseits in\nder Tagespresse die schwersten Verdächtigungen gegenüber der\nAerzteschaft auszusprechen.\nIn vorzüglicher Hochachtung gez. Dr. Spatz.\"\nImmer mit die Ruhe. Selbst Herr Professor Friedmann wird die\nLaien nicht verhindern können, die Propaganda zu treiben, die Laien für\nrichtig halten. Wir Laien brauchen ja nicht die Genehmigung der medi-\nzinischen Fachpresse, um uns von einer Krankheit zu heilen. Wir\nLaien haben es gut. Wir können selbst auf die Beziehungen zur\nTuberkulose verzichten. Wir können uns sogar gesund machen\nlassen, auch durch das Friedmann-Mittel, wenn es uns Spaß macht.\nJa, so sind die Laien. Ohne Rücksicht auf die Fachpresse. Man\nsollte die Laien restlos abschaffen, damit die Redakteure wenigstens\nihre wissenschaftliche Ruhe haben. Die Laien sind nicht grund-\nsätzlich ärztefeindlich. Der Herr Professor Friedmann ist es bestimmt\nauch nicht. Sonst hätte er ja einen anderen netten Beruf ergreifen\nkönnen. Es gibt so viele nette Berufe. Hingegen ist es von dem\nHerrn Professor Friedmann unverzeihlich, wenn er schwerste Ver-\ndächtigungen zwar nicht gegenüber der Aerzteschaft, aber gegenüber\neinzelnen Aerzten ausspricht. Warum bemühen sich diese ange-\ngriffenen einzelnen Aerzte nicht, gegen diese schwersten Ver-\ndächtigungen, nämlich gegen alle diese begründeten Beweise,\netwas zu unternehmen. Das brauchen natürlich die einzelnen\nAerzte nicht zu wissen, aber wir Laien können es ja diesen ein-\nzelnen Aerzten verraten, daß vor nicht allzu kurzer Zeit die In-\nstitution des Gerichts erfunden worden ist. Die Jura ist zwar eine\nandere Fakultät, sie wird aber nach Kenntnis der Laien bisher\nnoch amtlich anerkannt. Oder ist etwa jeder Arzt an sich und\ndurch sich schon unangreifbar. Auch wenn er Angriffe gegen Krank-"}, {"page_pdf": 19, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.19", "texte": "heiten unterläßt. Oder wenn selbst der Herr Professor Friedmann\neinzelne Aerzte mit schwersten Verdächtigungen angegriffen haben\nsollte, was können die unglücklichen Patienten dafür, die man\nschlicht mit dem Friedmann-Mittel heilen kann. Der Patient ist\nzwar ein Duldender. Dulden soll ja eine vornehme menschliche\nTätigkeit sein. Aber schließlich wird es einigen Geduldigen doch\nzu viel, wenn man etwa immer Blut spuckt. Da geht vielen Leuten\nsogar die geduldigste Puste aus. Und wenn man den Auswurf\nbeseitigen kann, kommt es doch nicht auf einen Anwurf von Herrn\ni ä icdmann an. Es ist ganz amüsant, Bazillen zu beobachten, wie sie\nwachsen, blühen und vernichten. Reinkultur ist etwas sehr Schönes.\nAber auch die Kultur hat ihre Grenzen. Wenn man nämlich letal\nabgeht, nützt einem die amüsanteste Reinkultur nichts mehr. Also\nmeiert wir schon im Interesse der Kultur friedlich und verhindern\nwir die Kranken nicht weiter daran, sich am Leben und Treiben\nder Bazillen zu erfreuen und sie in den Laboratorien und in der\nFachpresse zu bewundern. Aber aus dem Körper sollen sie heraus.\nAuch wenn sie einzelnen Aerzten verdächtig sind. Und gerade in\ndiesem Kampf für das Friedmann-Mittel erleben wir es zu unserer\ngroßen Freude, zu unserer Laienfreude, täglich mehr, daß die Aerzte\nnicht länger die Absicht haben, sich ihrer sittlichen Berufspflicht zu ent-\nziehen: Krankheiten zu heilen und zu verhüten. Mit dem Rest der\nAerzte, die sich in die Archive zurückziehen, werden wir Laien zum\nhöchsten Erstaunen dieser Herren recht bald fertig sein. Sonst soll\nes ihnen hoffentlich recht gut gehen.\n\nHerwarth Walden\n\nDer eingestellte Heilstätten-Chefarzt\nH. W.\nAus einem Heilstätten-Brief aus einer großen Lungenheilstätte vom\n10 «ar- '\\^*e aus en Akten feststellen können, bin ich am\n12. 51 im Friedmann-Institut zum ersten Mal geimpft. Die Kaverne\nwar apielgroß über drei Rippen. Äm 7. 1. 32 zeigte der Film eine Ver-\nkleinerung der Kaverne um die Hälfte.\nDer Chefarzt, Herr Professor S., war so überrascht, daß er die\nmir vorgeschlagene Plastik sofort fallen ließ.\n. Der Oberarzt ist ein tüchtiger Chirurg. Er ist aber durch meinen Fall\nmeines Erachtens uberzeugt und sagte kürzlich, er möchte mal zweihundert\nrlann mit dem Friedmann-Mittel durchimpfen, wenn nur der Chefarzt\nanders eingestellt wäre. Er würde sein Messer gern weglegen. Bis\nneute verdanke ich dem Friedmannschen Mittel schon sehr viel, zumindest\nmeine kippen. Der Chefarzt hat nämlich auf die vorgeschlagene Plastik\njetzt verzichtet . . . Hier war schon ein wahrer Aufruhr, denn daß eine\nverne in vierzehn Tagen um die Hälfte kleiner wird, ist noch\nac it dagewesen. Gez. B., Gemeindeobersekretär.\"\nbleibt also nur die Frage zu lösen, wie man Einstellungen uir^o,u\n• er wie man Stellungen nimmt. (Ja ira."}, {"page_pdf": 20, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.20", "texte": "Volare necesse est\nAndré von Kún\nVolare necesse est. Fliegen tut not Man fliegt immer höher.\nUnd schneller. Wir kommen weiter.\nProgredimur. In freier Uebersetzung: Wir kommen immer\nweiter, wir entwickeln uns aus der Verwicklung.\n„Wir\" ist die Menschheit in Gesamtheit. Die Menschheit in Ent-\nwicklung. Die Entwicklung verwickelt sich aber. Wissenschaftlich,\nkünstlerisch, ideell, materiell, sozial und vor allem menschlich. Seit\n1918, dem Bestattungsjahr der lieben, guten, alten Zeit, stürzt das\nAlte, ohne daß neues Leben aus den formvollendeten Ruinen entsteht.\nDas neue Leben, ein wirklich neues Leben, ist in der Entstehung\nbegriffen, aber nicht bei uns.\nMit Böswilligkeit könnte man sagen, daß das menschliche Vor-\nwärtskommen, bis auf technische Erfindungen, überhaupt stockt.\nAuf einem einzigen Gebiete des heutigen Lebens ist ein grades\nVorwärtskommen da. In der Fliegerei. Da haben „Volare necesse\nest\" und „Progredimur\" einen Zusammenhang.\nDas Fliegen fliegt weiter zum Wohl der Menschheit. Zum Wohl\neiner kommenden menschlicheren Menschheit.\nImmer neue Maschinen. Vollkommener, sicherer, bequemer und\nschneller.\nTempo tausend. Wofür? Lohnt es sich für das Heute? Schnell,\nschneller, am schnellsten vorwärtskommen. Im Interesse? Oder\nin Interessen.\nZurück zur Technik. Vorwärts zur Technik.\nEs gab früher kleine, unsichere, gebrechliche Flugzeuge. Die\nAufforderimg „Mensch fliege\" war mit Lebensgefahr verbunden.\nSchon diese Maschinen erreichen das Ziel des Fliegens: Ent-\nfernungen schrumpfen sprungartig zusammen. Es gibt keine Ent-\nfernung!\nDie heutigen Flugzeuge sind weder klein, noch unsicher. Sie\nsind jgroß und sicher. Die neuesten Modelle mit einer Reisege-\nschwindigkeit von über 200 Stundenkilometern und einer Höchst-\nfluggeschwindigkeit von 227 Stundenkilometern übertreffen alle\nMaschinen im bisherigen deutschen Flugverkehr.\nUnd morgen gibt es wieder neue Modelle, die die neuesten\nMaschinen von Heute wieder erheblich übertreffen.\nUebermorgen auch. Ohne Ende der Entwicklung.\nFliegen tut not. Fliegen ist Leben.\nNot ist Gegenwart.\nFliegen ist Zukunft. Zukunft.\nHinaus über die Not. Ueber die Verordnungen der Not. Hinaus\nüber das Heute: In die Gegenwart der Zukunft!"}, {"page_pdf": 21, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.21", "texte": "Die Luftvehikel mit farbigen Scheinwerfern\nPaul Scheerbart\nDaß sich die Luftschiffahrt der Nacht bemächtigen möchte ist\nallgemein bekannt. '\nDaß sie sich der Nacht noch nicht bemächtigt hat, ist sehr wohl\nmotiviert; auf der Erde ist es des Nachts noch nicht hell genutf\nIst es aber erst durch die Glasarchitektur unten hell geworden\nso wird es auch oben in den Lüften hell werden; die Luftvehikei\nwerden mit farbigen Sdieinwerfern ausgerüstet, die Bleichzeitia für\neine Signalsprache Verwendung finden, so daß eine Verständigung\nmit den Scheinwerferstationen der Erdtürme überall möglich wird\nund dem Farbenspiel unten wie oben auch einen praktischen Wert\nverleiht.\nEs greifen hier die Entwicklungsfaktoren überall harmonisch in-\neinander und verwandeln langsam aber stetig das Leben auf der\nErdoberfläche vollständig. •\nDie Umwandlungen, die die Dampfbahn hervorbrachte, sind nicht\nso bedeutend und umfassend gewesen wie die bevorstehenden Um-\nwandlungen, die der Glas- und Eisenbau hervorbringen muß Der\nHauptfaktor dabei ist zweifellos der Eisenbeton.\n\nDer Stuhl\nEin plastischer Akt\nRudolf Blümner\nPersonen: Egon Krösus, ein Kunstmäzen\nGerold Vonunten, Professor der Plastik\nOtt der Handlung: Das Bildhaueratelier des Professor GeroldVonunten\nKrösus: (tritt ein) Gott grüße das Handwerk, großer Meister.\nVonunten: Ihr Diener, Herr Schatzrat.\nKrösus: Und das mit Recht. Wie war's denn?\nVonunten: Sie brauchen nur zu wählen, Herr Schatz—\nKrösus: Was haben wir denn Neues?\nVonunten: Da wäre zunächst diese kleine Giraffe aus Bronze.\nKrösus: Aber, Meister, ich habe doch schon drei Giraffen zu\nHause stehen.\nVonunten: Oder diese Fledermaus aus karrarischem Marmor?\nKrösus: Die Tiere hängen mir schon zum Halse raus.\nonunten: Vielleicht gestattet mir der Herr Schatzrat eine neue\nSitzung?\nKrösus: Wollen Sie denn aus mir mit Gewalt einen Cerberus\nmachen?"}, {"page_pdf": 22, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.22", "texte": "Vontinten: Nicht doch, Herr Schatzrat, nur daß Ihre neue Bart-\ntracht, besonders die Fliege, mich als Tierplastiker künst-\nlerisch lebhaft reizen würde.\nKrösus: Die Fliege muß wieder runter. Meine Frau stößt sich\ndaran.\nVonunten: Oder Frau Gemahlin? Mehr als dreizehn Büsten dürften\nSie in dem Genre nicht haben.\nKrösus: So praeter propter. Man sieht sich leicht daran über.\nVonunten: Aber vielleicht zur Abwechslung nicht nur die Büste,\nsondern mal alles?\nKrösus: Ich bin in der letzten Zeit arg menschenscheu geworden.\nVonunten: Dann aber, Herr Schatzrat, ist meine Wissenschaft zu\nEnde.\nKrösus: Muß es denn immer ein Tier oder ein Mensch sein?\nVonunten: Was schlagen Sie vor?\nKrösus: Kennen Sie Veit Vonoben?\nVonunten: Vonoben? Vonoben?\nKrösus: Den bekannten Stillebener.\nVonunten: Ach den, jawohl, sehr begabt, sehr geschickt.\nKrösus: Vonoben hat mir ein sublimes Stilleben gemalt. Sie\nkennen meinen gotischen Stuhl?\nVonunten: Persönlich drauf gesessen, Herr Schatzrat.\nKrösus: Vonoben hat ihn zum Greifen gemalt, zum Greifen, sage\nich Ihnen. Was sage ich? Zum Sitzen. Er mußte ihn\nbeinahe zweimal malen. Hatte ihn feucht an die Wand\ngestellt. In Lebensgröße versteht sich. Will sagen, —\nin, na Sie verstehen mich, in natürlicher Größe, des\nStuhls natürlich. Kennen Sie Hintenraus? Professor\nHintenraus? Der hat sich drauf gesetzt, was ich Ihnen\nsage, mitten ins Bild. Sie kennen doch die Geschichte\nvon Zeuxis und Äpelles?\nVonunten: Ach ja, die beiden, sehr gut sogar.\nKrösus: Nu hören Sie mal, den Stuhl müssen Sie mir ver-\nplastiken.\nVonunten: Sie meinen?\nKrösus: Ja. 'ne schöne Plastik. Vom Stuhl.\nVonunten: Gott ja, warum nicht? Mal was anderes? Alltäglich\nganz gewiß nicht. Der Stuhl könnte mir sogar gut liegen.\nKrösus: Na denn ran, hauen Sie los.\nVonunten: Und wie denken Sie sich das? Marmor wäre nicht\nschlecht.\nKrösus: Zu schwer, Meister, viel zu schwer.\nVonunten: Dann greifen wir zu Bronze."}, {"page_pdf": 23, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.23", "texte": "Krösus: Zu kalt, Meister, viel zu kalt.\nVonunten: Dann bliebe nur Gips. Aber das ist mir zu riskant.\nKrösus. Nee, nee, nee. n bißchen solid, muß die Sache schon sein.\nVonunten: Dann ist leider mein Latein —\nKrösus: Kennen Sie Von vorn?\nVonunten: Ach, den Holzler?\nKrösus: Richtig. Der macht pike Sachen, saöe ich Ihnen aus\nHolz.\nVonunten: Ja, sehr anmutig. Recht schmuck.\nKrösus: Nu hören Sie mal, nu sehen Sie mal. Ich möchte so\n'ne Holzplastik haben. Können Sie nicht Holz nehmen?\nVonunten: Holz? Für den Stuhl? Hölzernes Holz? Warum nidit?\nEs geht alles.\nKrösus: Jeden Dreck dürfen Sie natürlich nicht nehmen. Der\nStuhl ist schwere Eiche. Ich denke, wir bleiben dabei.\nVonunten: Eiche macht immer einen soliden Eindruck.\nKrösus: Sehen Sie, Meister, wir kommen uns schon näher. Und\ndie Hauptsache bleibt Lebenswahrheit. Echtheit und na-\ntürliche Größe.\nVonunten: Das ist Ehrensache. Und wegen der paar Wurmstiche\nlasse ich mir keine grauen Haare wachsen.\nKrösus: Bravo! Also —?\nVonunten: Herr Schatzrat werden einen Stuhl vom andern nicht\nunterscheiden können.\nKrösus: Ich freue mich schon, wenn Hintenraus auf den Stuhl\nreinfällt.\nVonunten: Das wird ein diebischer Spaß.\nKrösus: Und es geht vorwärts in der Kunst.\nVonunten: Ein goldenes Wort.\nKrösus: Auch das. Denn Sie wissen ja, ich lasse mich nicht\nlumpen.\n\nPorträts in Prosa\nOsbert Sitwell inseriert in Londoner Zeitschriften: „Ich nehme Bestellungen\nauf Porträts in Prosa entgegen. Ganze Figuren für hundert Guineen,\nBrustbilder für die Hälfte und Gruppenbilder in Reimen für das Doppelte.\nAllgemeine Versform entsprechend teurer. Anmeldung an das Sekretariat\n2 Carlyle Garden, Chelsea\". Der „Prosamaler\" behauptet, seine Kunst\nstünde hoher als die der Stümper, die mit Farben arbeiten. Farben-\nmischungen seien nämlich begrenzt, während die unerhört ausdrucksreine\nenglische Sprache unbegrenzte Möglichkeiten für den „Charaktermaler\"\nbietet, der seine „Prosagemälde\" bis in die feinsten Einzelheiten aus-\narbeiten kann. Darum sei die obige Anschrift genau angegeben!"}, {"page_pdf": 24, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.24", "texte": "Rampenrummel\n\nSprechbeamte sprechen\nOrt der Handlung: St. Helena. Auf der Bühne der Berliner\nVolksbühne. In der Mitte der Handlung „Der Gefangene\".\nMonsieur Napoleon persönlich, wie er lebt und leibt. Das heißt:\nwie Herr Alexander Moissi das Leben und Leiben des Franzosen-\nkaisers vorstellt. Der Alexander den Napoleon.\nBühnenschriftsteller und Dramatiker Alexander Moissi kam auf\nden smarten Gedanken, die Zwiespälte zwischen Mensch Napoleon\nund Heros Napoleon „aufzuzeigen\". Dieser fast interessante Ge-\ndanke fiel im Lauf der Zeit mehreren Schriftstellern ein. Sie haben\ndas Zwiespalt-Problem fallweise mit und ohne Geschick „erledigt\".\nAlexander Moissi geht nicht so weit. Er begnügt sich, unwesentliche\näußere Geschehnisse in äußerliche Wörter zu verpacken. Man hört\nWörter. Keine Worte. Beziehungen hat Moissi nicht zu dem Men-\nschen, noch zu dem Heros Napoleon.\nNicht nötig. Ein Sprechbeamter setzt sich kunst-ulkshalber an\nseinen kunstgeschnitzten Schreibtisch und schreibt eine Bomben-\nrolle für einen Kollegen. Für Albert Basser mann, der, einmal\ngestaltender Schauspieler, sich auf den formvollendeten Sprech-\nbeamten zurückgezogen hat.\nSprechbeamte sprechen. Schade, daß sie nichts — sagen. Das\nheißt: Premiere des großangelegten Napoleon-Dramas . . .\nAhoi: Der Neger ist ein Mensch\nMister Eugene O'Neill ist reinrassiger Ire. Folglich Voll-\nblutamerikaner. Er rollt das Rassenproblem der USA, auf. Das\nProblem Schwarzweiß. Das weißschwarze Problem heißt: „Alle\nKinder Gottes haben Flüge 1\".\nWas hat der liebe Gott mit den Kindern einerseits, anderer-\nseits mit den Flügeln zu tun. Und wie stellt sich der liebe Gott\nzu den geflügelten Worten des Vollblutamerikaners Eugen O'Neill?\nDies zu erfahren, technisch unmöglich, wäre interessanter als das\nRasseproblemstück. Das nach sehr geschickt konstruierten Szenen\nund nach endlosen Längen zu einem aufreizend originellen Ergebnis\nkommt. Die Gegensätze zwischen Weiß und Schwarz sind nicht\nzu beseitigen. Man hat es schon lange gewußt. Oder man dachte\ndarüber schon immer anders.\nDer irische Vollblutyankee hat uns nichts erzählt. Er ist zwar\nein Kind Gottes. Aber ohne Flügel im Sinne Gottes.\nJedoch das wichtigste: das flügellose irisch-amerikanische Dra-\nmatikerkind Gottes hat festgestellt, daß auch die Neger Menschen\nseien. Ahoi!"}, {"page_pdf": 25, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.25", "texte": "Psychologische Ablehnung der Philosophie\nFerdinand Bruckner, beglaubigter Spezialist für Zeittheater-\npsychologie, beliebt in seinem neuesten Werk festzustellen daß\ndie Weisheit aus den Büchern der Philosophie in dem Augenblick\nnichts mehr taugt, wenn es echter Ernst wird. Im Leben.\nDas Werk heißt: „Timon\". Deutsches Theater.\nSpartakus-Ehrenrettung\nHeinz Pol unternahm eine gutgemeinte Spartakus-Ehren-\nrettung. In seinem „Kampf um Kolbenau\".\nEin Feuilleton, über dem verschiedene Geister, insbesondere\nder Geist Gerhart Hauptmanns, schweben.\nSchade um die Schwebe im Komödienhaus.\nMensch und Maschine\nHannesßeutter behandelt in dem Schauspiel „D e r g r o ß e\nKrumm e\" das gerade Thema: Wer wird der Sieger bleiben. Ma-\nschine über Mensch, oder Mensch über Maschine. Vielleicht Mensch\nund Maschine.\nTheater am Schiffbau er dämm.\nLieselottekäthe\nLiese ist ein Name. Auch Lotte. Und Käthe.\nDas ist der Inhalt eines neuen Singspiels: „Liselott\". Haupt-\nrolle: Käthe Dorsch. Seit „Friederike\" beglaubigte Operettensän-\ngerin. Zwar ohne Stimme. Aber mit Musikalität.\nAuch der Komponist Künnecke empfindet musikalisch. Und\nbeherrscht das Technische. Seltenheit bei Operettenkomponisten.\nErfolg im Ädmiralspalast.\n\nAndré von Kún\n\nDichtung und Wahrheit\nJean Äraguy, langjähriger Hausdichter des Grand-Guignol-Theaters\nin Paris, erhielt den Auftrag, ein Stück zu schreiben, dessen Hauptszene\neme Gehirnoperation auf offener Bühne ist. Nach Durchsicht des Manu-\nskriptes wohnte Direktor Jouvin einer solchen Operation in der Klinik\nvon Professor Pauche bei, um festzustellen, ob der Verfasser die große\nSensation des neuen Stückes lebenswahr geschildert hatte. Das war\nder Fall. Nach der Operation erzählte Jouvin dem Stückschreiber alle\ndes ärztlichen Eingriffs. Mit dem Ergebnis, daß Araguy in\nOhnmacht fiel. Der Direktor staunte: „Was hast Du? Ist Dir bei der\nAbfassung der Hauptszene auch übel geworden?\"\n„Nein, ich hätte mir doch niemals träumen lassen, daß eine Gehirn-\noperation wirklich fürchterlich sein könnte 1\""}, {"page_pdf": 26, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.26", "texte": "Tonflimmernebengeräusche\nDr. phil. G. Räusch\nEmil und die Manuskriptdetektive\n„Emil und die Detektive.\" Ein komischer Film. Komisch dadurch, daß\ner für Jugendliche freigegeben ist.\nEmil und die Manuskriptdetektive. Ein Problem. Problem dadurch\ndaß der neue Janningsfilm mit dem edlen Titel „Stürme der\nLeidenschaft\" zum hundertfünfundsiebzigsten Male den Beweis\nbrachte, daß die deutschen Manuskriptdetektive endgültig versagen. Sie\nhätten die Pflicht, neue Gebiete für den Tonfilm zu erschließen. Der\nstürmischen Leidenschaft der Produzenten können aber brot- und geld-\nhungrige Textverfasser nicht widerstehen. Sie unterliegen.\nSeit Monaten ist europäische und außereuropäische Unterwelt große\nFilmmode. In jedem zweiten Tonfilm hört man Maschinengewehrknatter.\nAlkoholschmuggler, Zuhälter, Banditen, Ganoven kleinen und großen For-\nmats wälzen sich auf der Tonflimmerwand. Mord, Totschlag, Straßen-\ngefechte und ähnliche Scherze bilden das Schema der Großtonfilme.\nDie Unterwelt zieht und hütet Filmfabriken vor Unterbilanz.\nAuch Emil Jannings, gelegentlich Menschendarsteller, spielt in seinem\nneuen Film einen Unterweltler. Gut. Was nützt es?\nWas nützen gute Regisseure und gewandte Kameramänner, wenn\ndie Manuskriptdetektive vom Kartell der Unterweltfilmfabrikanten ge-\nzwungen werden, ausschließlich Schmutz und Schund zu liefern.\nDie gesamte deutsche Filmindustrie erfüllt ihre Mission\nin Sachen Kultur und fördert die Volksverblödung. Nach bestem Wissen\nohne Gewissen. Also: Planwirtschaft!\nNachtlokal-Notverordnung\nAchtung, Gesetzgeber der Deutschen Republik! Wir\nschlagen vor, die Reichsverfassung zu ergänzen, und schlagen vor, die\ngesetzliche Reglung einer Lebenswichtigkeit. Es muß festgefügt werden,\nwas sich in der Praxis glänzend bewährt hat: Daß in jedem deutschen\nTonfilm mindestens zwei Szenen in einem Nachtlokal ge-\nspielt werden. So wird das Kino endlich zur moralischen Erziehungs-\nanstalt des deutschen Volkes. Und der benachbarten Nationen.\n\nDie Gedenktafel\nDer Lustspielautor Louis Verneuil bummelt mit einem jungen Kollegen.\nDie beiden kommen an dem Hause vorbei, auf dessen Wand die Gedenk-\ntafel Joris Karl Huysmans ist. Der junge Mann bleibt vor der Tafel\nstehen: „Glauben Sie, lieber Verneuil, daß man an dem Hause, in dem\nich jetzt wohne, später auch eine Gedenktafel anbringen wird?' „Na-\ntürlich\", lächelt Verneuil, „mit der Anschrift: Hier ist ein möbliertes Zimmer\nzu vermieten\".\n\nUnamuno junior\nMiguelle de Unamuno hat zwei Jungens. Die beiden liefern dauernd\nfür die Kindermundsparte der spanischen Presse. Einmal versuchte der\nzehnjährige Unamuno seinen nur achtjährigen Bruder über die Recht?\nder Erstgeborenen sachlich aufzuklären: „Weißt Du denn nicht, daß der\nJüngere immer nachgeben muß?\" — Unamuno der Kleinste war tief be-\nleidigt: „Hätte ich das rechtzeitig erfahren, wäre ich bestimmt nicht\nzur Welt gekommen!\""}, {"page_pdf": 27, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.27", "texte": "Pranger\n\nHerr Heilstättenarzt Roepke\nHerr Roepke in Melsungen ist böse. Er hat schon 1919 in der\nDeutschen Medizinischen Wochenschrift gegen das Friedmann-Mittel\nStimmung zu machen versucht. Worauf er so stolz ist, daß er seinen\nArtikel aus dem Jahre 1919 im Januar 1932 zitiert. Das „Melsunger\nTageblatt\" hat die Ehre, dieses Zitat zu verbreiten, soweit es ihm\nmöglich ist. Wenn man Deutsche Medizinische Wochenschrift wäre,\nkönnte man auf die Archive zurückgreifen und etwa zitieren, wie\nProfessor Friedmann in der Berliner Klinischen Wochenschrift 1920\nNr. 1 und Tierarzt Holz-Stellingen in der Wiener Medizinischen\nWochenschrift 1927, ferner Dr. Kröner 1931 den Herrn Roepke aus\nMelsungen widerlegt haben. Herr Roepke aus Melsungen, Arzt der\ndortigen Eisenbahner-Lungenheilstätte, ist böse. Das Friedmannsche\nMittel wird weiter mit Erfolg angewandt. Sogar bei seinen Patienten,\ndie er als ungeheilt entläßt. Wie immer wieder festzustellen ist: die\nTuberkelbazillen interessieren sich nicht für gute Luft. Auch Mel-\nsungen bekommt ihnen gut. Um Herrn Roepke das Leben der\nLungenkranken leichter zu machen, sei ihm aus 1931 folgende Ur-\nkunde mitgeteilt:\n„Ich bin nach drei Monaten erfolgloser Behandlung in der Heil-\nstätte von Professor Roepke am 19. 5. 31 arbeitsunfähig mit offener\nLungentuberkulose entlassen worden, habe am 24. Juni und am\n26. September 31 zwei Friedmannsche Impfungen bekommen, wo-\nrauf meine sämtlichen Beschwerden einschließlich Husten und Aus-\nwurf verschwunden sind, sodaß mich mein Bahn-Vertrauensarzt\nDr. Schenk voll dienstfähig geschrieben hat. Ich arbeite dauernd\nim Außen- und Innendienst und soll zur Ausbildung kommen.\"\nDer Name dieses Eisenbahnhilfsweichenwärters und das Ori-\nginalschreiben vom 20. Januar 1932 steht jedem Interessenten zur\nerfügung. Herr Roepke kann noch viele solcher Mitteilungen er-\nhalten. Herr Roepke kann sich weiter darauf verlassen, daß auch\ndie Kranken von Melsungen die nötige Aufklärung erhalten werden.\nJetzt wird aber die Postüberwachungsstelle doch etwas zu tun\nbekommen."}, {"page_pdf": 28, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.28", "texte": "Herr Heilstättenarzt Ulrici\nHerr Ulrici schreibt aus Beetz-Sommerfeld einigen Unsinn über\ndas Friedmann-Mittel. Auch Herr Ulrici ist böse. Er erzählt von\nEinschüchterungsversuchen, Drohungen und persönlichen Verun-\nglimpfungen. Trotzdem wandern seine Patienten, ja eigene Ange-\nstellte fortgesetzt zu Friedmann ab und — werden geheilt\nEinige Heilstättenärzte und ein paar infizierte Professoren toben\ngegen das Friedmann-Mittel. Wenn man ihre Tobsucht mit\netwas frischem Wasser sachlicher Aufklärung beruhigt, fühlen\nsie sich bedroht und eingeschüchtert. Viele Manschen haben\nnun einmal die Eigentümlichkeit, nicht sterben zu wollen.\nUnd sei es auch in guter Luft Auch, wenn die wissen-\nschaftliche Unfähigkeit einiger Aerzte dadurch leidet. So sind die\nMenschen nun einmal. Um auch Herrn Ulrici aufzuklären, stelle ich\nden Patienten der Lungenheilstätte Beetz-Sommerfeld für ihre Mit-\nteilungen die Seiten dieser Zeitschrift zur Verfügung und zwar\nunter dem Schutz des Redaktionsgeheimnisses. Im übrigen war\nHerr Ulrici als Parteigutachter für den Plagiator des Friedmann-\nMittels tätig. Es handelt sich um den Fall vor dem Reichsgericht\n1923, über den ich auf Seite 6 dieser Zeitschrift (Heft 1) berichtet\nhabe. Obwohl Herr Ulrici alles aufbot, um die Neuheit und\nWirksamkeit des Friedmann-Mittels bei Mensch und Tier zu be-\nstreiten, wurde er abgewiesen und der Plagiator, sein Schützling,\nvon allen Instanzen, Amtsgericht, Kammergericht und Reichsgericht\nkostenpflichtig verurteilt\nHerr Behn\nIn der Kieler Zeitung warnt ein Herr Sanitätsrat Behn „aui\nGrund eigener schlechter Erfahrungen vor der Anwendung des\nFriedmannschen Mittels\". Wie festgestellt ist, hat Herr Behn nur\nsoviel mit dem Friedmannschen Mittel aus eigener Erfahrung zu\ntun, daß ein von ihm 6 Jahre lang erfolglos behandelter inzwischen\nschwer cavernös gewordener Patient sich hinter seinem Rücken, wie\ner das so nennt, durch das Friedmann-Institut hat impfen lassen.\nHerr Behn hat also demnach überhaupt keine Erfahrungen. Er is,\nnur böse, daß andere Kieler Aerzte das Mittel mit glänzenden Erfolgen\nanwenden und daß Menschen hinter seinem Rücken gesund werde*"}, {"page_pdf": 29, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.29", "texte": "können. Wenn er mit seiner Vorderseite die Heilung herbeiführen\nkönnte, brauchten sich die Patienten nicht hinter seinen Rücken\nzu bemühen. Der stellt wohl eine Ansicht dar, aber die Ansichten\nüber die Ansichten sind eben verschieden. Und wenn Kranke\nvornerum und hintenrum nicht geheilt werden, kommen sie eben!\nzu einer eigenen Ansicht. Diese berühmte eine Patientin erhielt\nnach der Impfung die ausdrückliche Weisung, jede Bestrahlung,\ninsbesondere Sonnenstrahlen streng zu vermeiden, trotzdem nahm\nsie einige Monate später, vielleicht auf den Rat eines Sanitäts-\nrats, Sonnenbäder. Der Patient ist also zwar mit dem Fried-\nmann-Mittel behandelt, aber nicht nach Friedmann. Trotzdem stellt\nder Röntgenologe über diese Patientin auf Grund des Röntgen-\nbildervergleichs fest: „In der stärkeren Verschwielung muß man\ndoch unbedingt einen Heilvorgang annehmen, die gute Tendenz\nist trotz der Kavernen unverkennbar... Vor allem ist die Ver-\nschwielung infraclavikular massiger geworden, die Kavernen sind\nfester umgriffen, auch erscheinen sie deutlich kleiner.\" Dies trotz\nSonnenbädern. So sieht die Ansicht des Herrn Behn also von\nvorn aus. Natürlich kann ein Arzt das schlechte Erfahrungen nennen,\nwenn ihm die Patienten davonlaufen. Sei es auch nur zu dem\nZweck, um geheilt zu werden.\nHerr Heilstättenarzt Schröder\nHerr Schröder aus Schömberg kann sich die frappante Heilung\nvon Patienten durch das Friedmann-Mittel nur so erklären, daß\ner die Identität der Röntgenplatten vor und nach der Behandlung\nbestreitet und behauptet, sie stammen von verschiedenen Patienten.\nLieber Verleumdung als Erkenntnis.\n\nH. W.\n\nGemeinschaftsarbeit\nDumas pere wurde oft beschuldigt, seine Dramen nicht selbst zu\nschreiben. Man sagte ihm nach, er baue nur die großen Szenen auf und\nließe die Ausarbeitung durch unbemittelte Schriftsteller billig und mühelos\nbesorgen. Er wurde gelegentlich vor Gericht zitiert, um eine solche\nPlagiataffäre aufzuklären. Der Dramatiker geriet mit dem Vorsitzenden\nin eine literarische Unterhaltung, die volle drei Stunden dauerte. Dumas\nnahm von dem Beamten Abschied: „Demnächst müssen Sie sich auch\nmit meinem Mitautor unterhalten. Eine knappe Viertelstunde genügt.\nDann werden Sie selbst beurteilen können, wer meine Stücke wirklich\ngeschrieben hat!\""}, {"page_pdf": 30, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.30", "texte": "Weltstadt an sich\nLokaldienst am Kunden\nMc. R. Err\nBerlin eine Metropole. Hat mindestens dreißigtausend Straßen. In\njeder Straße durchschnittlich mindestens hundert Häuser. Und beinahe\nin jedem Haus ein Lokal. Eßlokal, Trinklokal, Eßundfrinklokal. Das er-\ngibt drei Millionen Lokale für Groß-Berlin. Vielleicht noch mehr mit\nden Vororten. Diese Lokale sind für die Bevölkerung. Denkt sich die\nBevölkerung. Also Dienst am Kunden. „Service\": Lokale für das Publi-\nkum. Für seine Bequemlichkeit und Annehmlichkeit.\nDeutschland hat den Dienst am Kunden aus Amerika importiert und\nverdeutscht. Nicht die Lokale für das Publikum, das Publikum für die\nLokale. Laut Resolution der Lokalinhaber. Zwar in der Reichsverfassung\nbisher nicht vermerkt. Aber nichtsdestotrotz vorhanden.\nDie meisten Lokale haben einen Hinterraum und einen Vorderraum.\nZufällig nicht für Staatsbürger erster und zweiter Güte bestimmt. Jeder\nRaum muß aber zwangsläufig Vorderräume und Hinterräume haben.\nSchon, um in beiden Räumen möglichst ungepflegtes Bier gegen Entgelt\nausschenken zu können. Die Staatsbürger lieben Räume erster Ordnung\nund sitzen vornehm und vornehmlich vorn. Bleibt also der Hinterraum\nan Wochentagen leer. Und da dürfen die lokalbesuchenden Staats-\nbürger mit Minderwertigkeitskomplexen, die rückwärtige Stille lieben,\nnicht in der Stille des Hinterraums sitzen bleiben. Sie müssen nach vorn\nrücken. Lichtersparnis verstehste. Notverordnung. Die Aufforderung, zu\nden Mitbiertrinkern nach vorn zu rücken, geschieht meist zwischen\nder ersten und zweiten Hälfte eines Bierglases. Folgerichtig in dem Augen-\nblick, in dem das Bier trotz seiner Ungepflegtheit relativistisch am besten\nschmeckt.\nDa schmeckt das Bier infolge der infolge der Notverordnung erfolgten licht-\nersparnisbegründeten Verzehrsstörung plötzlich wieder ganz bitter. Beim\nnächsten Glas gelangt man langsam in den Vollbesitz seines Gleichgewichts\nund findet sogar den zwangsläufigen Vorderraum sitzbar. Da bittet\nder Herr Ober unvermittelt, abrechnen zu dürfen. Von wegen des Ab-\ntritts. Der Herr Ober nämlich will abtreten.\nZweite Verzehrsstörung. Man läßt das Bier stehen, läßt das zweimal\nhintereinander brutal gestörte Gespräch unvollendet, findet das Lokal\ntrotz erster Ordnung nicht mehr sitzbar und geht bös nach Hause. Um\naus Wut nicht einschlafen zu können.\nMan denkt an die Vereinigten Staaten. An „Service\". An Licht-\nersparnis, Abtritt, drei Millionen Lokale und den Dienst am Kunden in\nDRP-Reinkultur.\nBerlin: eine Weltstadt an sich. An und für sich. Für sich!\n\nDer stotternde Leichnam\nLeo Nikolajewitsch Tolstoi hat nur den „Lebenden Leichnam\" ge-\nschrieben. Den „Stotternden\" gestaltete ein ukrainischer Beamter. Der\nGemeindevorsteher Boriotschenko erließ folgenden Steckbrief: „Wir suchen\nden Leichnam unseres Dorfrichters. Mittelgroß, blaue Äugen, blondes\nHaar, dunkelgrauer Anzug. Besonderes Kennzeichen: Er stottert\"."}, {"page_pdf": 31, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.31", "texte": "Abbau die große Mode\n\nDer Rundfunk ist verbeamtet. Der Apparat braucht einen obersten\nBeamten, einen Kommissar. Das ist der Doktor Bredow. Er muß bei\noffiziellen Rundfunkveranstaltungen sprechen. Audi bei der Großen\nDeutschen Funk- und Phonoschau in Berlin. Dr. Bredow tut das. Tedes\nJahr. Auch 1931 ließ er sich hören: „Seitdem der Rundfunk seine \"'Auf-\ngabe als Spiegel der Zeit erkannt hat, wurde er auf eine neue Ebene\ngestellt.\" Diese neue Ebene haben wir bereits gemerkt. Sie ist eine\nschiefe Ebene. Der ganze Rundfunk rollt bergab. Kein Mensdi kann ihn\naufhalten. Auch nicht Herr Dr. Bredow. Niemand, der seine Aufgabe\nsieht. Nur im Reden.\nHeute ist alles auf einer schiefen Ebene. Politik, Wirtschaft, das\nganze Leben. Bredow konnte gar nichts anderes tun, als sich anpassen.\nBredow ist seiner Zeit vorausgeeilt. Sein Rundfunk ist kein Suietfel\nmehr. Eher ein Fernrohr.\nSpiegel der Zeit wäre: Sparmaßnahmen. Und unvermeidlicher Abbau.\nFernrohr der Zeit ist: Sparmaßnahmen überall. Abbau überall. Audi\nohne Grund.\nFernrohr-Methoden sind leicht durchzuführen, wenn der Rundfunk,\nein öffentliches Organ, nicht der Kontrolle der Oeffentlichkeit unterliegt.\nIn der Verwaltung. Das Sparen wirkt allerdings auf die Sendungen.\nHauptsache: die Hörer zahlen ihre zwei Märker im Monat.\nDie Hörer zahlen weiter. Etwa 7 Millionen Mark monatlich. 84 Milli-\nonen Mark im Jahr. Dauernd strömt das Geld. Der Rundfunk ist\ndas einzige Unternehmen, das unter der schlechten\nirtschaft nicht leidet. Statt weniger werden immer mehr\nHörer. Die Einnahmen steigen.\nWas macht man mit dem Geld? 60 Prozent behält die Reichspost.\nDer Rundfunk ist postalisch. Außerdem muß der Kassierer seine Pro-\nzente verdienen. Die Post leistet dafür etwas: sie unterhält die technischen\nAnlagen. Das kostet keine 50 Millionen jährlich. Nicht einmal 25 Milli-\nonen. Gut. Soll die Post verdienen. Was geschieht mit dem schäbigen\n\"est, mit den 21/2 Millionen Mark monatlich? Man gibt ihn an die neun\ndeutschen Sendegesellschaften und an den Deutschlandsender weiter.\nDie können damit machen, was sie wollen.\nSie machen, was sie wollen. Sie bauen alle Gehälter und Honorare\nab. Bei steigenden Einnahmen! Die Sendegesellschaften sind eben nicht\npostalisch. Sie sind gemeine Aktiengesellschaften, aus denen\nmöglichst hohe Dividenden herauszuholen sind.\nIn Breslau etwa: kein Rundfunkangestellter, nicht einmal der Oberst-\nangestellte, weiß genau, wie hoch der wirkliche Etat ist. Nur der ge-\nschäftsführende Direktor kennt die Einnahmen. Er sagt seinen Leuten:\n„Ihr dürft so viel verbrauchen, mehr nicht!\" Dann erzählt er freude-\nstrahlend dem Aufsichtsrat, um wie viele tausend Mark er die Hörer\nwieder betrogen hat. Es gibt Dividenden. Mit solchen Aktiengesell-\nschaften haben wir immer Erfahrungen gemacht. Traurige Erfahrungen!\nEtwas besser ist es bei der Berliner Funkstunde. Dort weiß man\nwenigstens, wieviel man täglich für das Programm ausgeben darf:\n11500 Mark. Täglich! Und dafür kann man nichts Anständiges\nbieten.\nDie Funkstunde wurde angegriffen.\nBis sie eines Tages einen Verteidiger fand. In einem Berliner Funk-\nkritiker, der wegen seiner sonderbaren Einfälle von seinen Kollegen\nschon lange Primadonna genannt wird. Dieser Mann kam jetzt auf den\nEinfall, zu erklären, warum der Rundfunk sparen muß: einzelne große"}, {"page_pdf": 32, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.32", "texte": "Veranstaltungen sind teuer. Die Aufführung von Grabbes „Napoleon\"\nhat z. B. runde 10 000 Mark gekostet. Deshalb schärfste Sparsamkeit\nan andrer Stelle. Die Winterhilfe ist schuld. Früher spielten abends\nkleine Kapellen, heute werden große Notstands-Orchester und bedeutende\nSolisten verpflichtet. Die Solisten geben gleichsam ihr Honorar an die\nWinterhilfe weiter.\nWozu haben wir beim Rundfunk einen Oberkommissar? Wozu haben\nwir den Herrn Bredow? Warum sorgt der nicht dafür, daß teure Pro-\ngramme ausgetauscht werden? Die wertvolle Sendung „Napoleon\"\nvon Grabbe ging nur über den Berliner Sender und am nächsten\nAbend wurde die bornierte Veranstaltung „So tanzte man im alten\nBerlin\" durch vier Sender auf die Hörer losgelassen.\nEntweder ist der Rundfunk staatlich. Dann aber ganz. Damit jeder\neinzelne Angestellte der gesamten Oeffentlichkeit verantwortlich ist. Oder:\nPrivatwirtschaft. Dann ganz. Damit man sich nicht über die Dividenden\nwundert.\nDie Dividenden sind des Glaubens liebstes Kindt\n\nJean Günter\n\nModeschule\nJ. Pfister\nDie „Modeschule Berlin\" (Kunstschule „Der Sturm\", Abteilung Mode,\nLeiter Richard Dillenz) hat sich als erste Schule die Aufgabe gestellt,\neine Elite von Modefachleuten für alle führenden Berufe dieses Kultur-\ngebietes zu erziehen. In den drei Jahren ihrer Ausbildung erhalten die\nModestudenten eine umfassende Gesamterziehung, die alle geisti-\ngen, künstlerischen, sittlichen und körperlichen Kräfte und Fähigkeiten\ndes Menschen für den Modeberuf heranbildet. Die handwerklich-tech-\nnische Vervollkommnung wird in den Werkstätten für Schneiderei, Putz-\nmacherei, Stickerei usw. vermittelt. Die künstlerisch-formale Bildung\nerhalten die Schüler in den Klassen und Ateliers für Zeichnen, Malen,\nIllustration, Reklame, Ausstattung usw. Die übliche Unterscheidung von\n„freier und angewandter\" Kunst gilt an dieser Schule nicht. An ihr eben-\nso ist der traditionelle Gegensatz von künstlerischer und wissenschaft-\nlicher Bildung überwunden. Die geistig-kulturelle Erziehung bekommen\ndie Studenten durch den theoretischen Unterricht, besonders durch eine\ndreijährige philosophische Schulung. Durch diese geistige Erziehung ist\nmit den Gepflogenheiten des üblichen Kunstunterrichts grundsätzlich\ngebrochen, der sich mit der „rein ästhetischen\" Ausbildung begnügt\nund die handwerkliche, sittliche und geistige Führung der jungen Men-\nschen vollkommen vernachlässigt.\nDas Berufsgebiet des Modefachmanns in dem Sinne, wie ihn die\nModeschule versteht, ist zum guten Teil noch gar nicht erschlossen.\nDarum haben die Modestudenten begründete Aussicht auf wirkliche\nLebensstellungen. Die Modeschule gehört zu den wenigen Instituten, die\nihre Schüler nicht für die Arbeitslosenunterstützung erziehen — während\n130 000 Akademiker, ein Drittel von allen, heute keine Möglichkeit mehr\nbesitzen, in akademischen Berufen unterzukommen. Die Zahl der lebens-\nlänglich arbeitslosen Künstler und Kunstgewerbler ist leider noch viel\ngrößer.\nDie pädagogischen Prinzipien der Modeschule „Gesamterziehung, Pro-\nduktionsschule und produktives Werkstudententum\" (die Schüler können\nsich in der Schule und durch ihre „Schularbeit\" einen großen Teil ihres\nLebensunterhaltes verdienen), sind von führenden Pädagogen als vor-\nbildlich für die notwendige neue Schulreform bezeichnet worden."}, {"page_pdf": 33, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.33", "texte": "Erklärung\n„Das Generalsekretariat der lATL hat am 26. 1. 32 an Herrn Geh.\nSanitätsrat Dr. Stauder, 1. Vorsitzender des Deutschen Aerzte-Vereins-\nBundes in Nürnberg, An der Fleischbrücke 10, folgenden Brief gerichtet:\nSehr geehrter Herr Sanitätsrat. Erst jetzt kommt zu unserer\nKenntnis llyre „Erklärung in eigener Sache\", die Sie im Deutschen\nAerzteblatt veröffentlichten. — Wir legen Wert darauf, Ihnen\nzu bestätigen, daß Sie nicht Mitglied des Vorstandes der lATL\nSektion Deutschland e.V. und auch nicht Mitglied dieser Vereinigung\nsind. Es ist unrichtig, wenn Sie behaupten, Ihr Name sei „diesbezüq.'\nheb\" verwertet worden. Sie haben also in eigener Sache etwas\nveröffentlicht, was garniebt behauptet worden ist. Sie können\ndaher auch durch die „Form dieser Veröffentlichung\" nicht über-\nrasdjt gewesen sein, weil eine solche Veröffentlichung garniebt\nstattgefunden bat. Sie sind daher auch vollständig juristisch\nrichtig unterrichtet, daß man nichts berichtigen kann, was garniebt\nbehauptet worden ist. Hingegen können wir aus Ihrer Erklärung\nnur schließen, daß Sie das „Motto\", die Aerztescbaft brauche\nsittliches P/lichtbewustsein, das aus der inneren Freiheit erwächst,\nnicht mehr anerkennen. Wir werden daher diese Behauptung in\nder nächsten Auflage des Buches „Die besiegte Tuberkulose\", Ver-\nlag de Gruyter Berlin, nicht mehr veröffentlichen oder mitteilen,\ndaß diese Mitteilung, die die lATL sieb zu eigen macht, Ihren\nIntentionen nicht mehr entspricht. Hochachtungsvoll General-\nSekretariat der lATL.\"\n\nEingegangene Bücher\nErnst Ottwalf: Denn sie wissen was sie tun\nMalikverlag / Berlin. Ein deutscher Justizroman. Sämtliche Rechts-\nfälle, Gerichtsverhandlungen, Urteile und Ereignisse als Tatsachen\naus den Jahren 1920/31 belegbar. kt. RM. 2,85, Leinen RM. 4,50\nHja Ehrenburg: Die Traumfabrik\nMalikverlag / Berlin, kt. RM. 3,20, Leinen RM. 4,80\nSergej Tretjakow: Feld-Herren\nMalikverlag / Berlin. Der Kampf um eine Kollektivwirtschaft.\nAutorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von Rudolf Selke.\nkt. RM. 2,85, Leinen RM. 4,80\nHeinrich Zerkaulen: Osfernothafen\nWegweiser-Verlag / Berlin. Roman. Liebe eines Mannes zu zwei\nFrauen. Halbleder RM. 2,90\nH. 11. Houben: Christoph Columbus\nWegweiserverlag / Berlin. Tragödie eines Entdeckers. Halbleder\nRM. 2,90\nHugo Bieber: Goethe im 20. Jahrhundert\nWegweiser-Verlag / Berlin. Halbleder RM. 2,90\nLuc Durtain: Dieux blancs, hommes jaunes\nErnest Flammarion, Editeur, Paris / 15 francs\nFranz Zorn: Stempellieder\nVerlag Der Sturm / Friedenau. Gedichte eines Erwerbslosen. RM. 0,50"}, {"page_pdf": 34, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabg1932-02.1.34", "texte": "Rache ist nicht süß\nDie Schriftleitung der Monatsschrift „Der Durchbruch\"\nwird von der lÄTL im Einverständnis mit dem Briefschreiber\num die Aufnahme folgender Zeilen gebeten:\nAn den Deutschen Tuberkulösen-Verein E. V.\nBreslau I Ring 2 3. Februar 1932\nNach reiflicher Ueberlegung bin ich zu dem Entschluß gelangt, Ihnen\nhierdurch mein Amt als erster Beisitzer zur Verfügung zu stellen und\ngleichzeitig aus dem Verein auszuscheiden.\nDie hauptsächlichste Veranlassung zu diesem Schritt, den ich tage-\nlang bedacht habe, bildet Ihr letztes Rundschreiben, das als Antwort auf\ndie Handzettel der lATL gedacht war. Hätten Sie mich bei der Ab-\nfassung dieses Rundschreibens hinzugezogen, so hätte ich Ihnen schon\ndamals erklärt, daß ich einen so falschen und den Tatsachen wider-\nsprechenden Feldzug gegen das Friedmann-Mittel niemals mitmachen\nkann und werde. So aber ist Ihr Rundschreiben ohne mein Wissen zu-\nstande gekommen, ich lehne selbstverständlich jede Verantwortung da-\nfür ab und mußte aus Ihrem Verhalten, das im schärfsten Widerspruch\nzu den Satzungen steht, die Konsequenz meines Ausscheidens» ziehen.\nDiese Ihre Erklärung steht, wie Sie wohl selbst genau wissen\nwerden, in einem geradezu hohnsprechenden Gegensatz zu den Tatsachen.\nSie haben sich also zu einem Schritt hinreißen lassen, der das unbestreit-\nbar vorzügliche Mittel wider besseres Wissen verunglimpft . . .\nIch habe immer und überall mit größtem Nachdruck betont, daß ich\nan der Güte und Wirksamkeit des Friedmann-Mittels unter keinen Um-\nständen rütteln lasse. Sie waren niemals berechtigt, das von dem\nBund in einjähriger Praxis als gut erkannte Friedmann-Mittel als schlecht\nzu bezeichnen. Ich teile dem Breslauer Amtsgericht noch heute mein\nAusscheiden aus dem Vorstand des Vereins mit.\nHochachtungsvoll\nHeinz Leuner\nJournalist und Schriftsteller\nBreslau 13, Viktoriastr. 86.\n\nVerantwortliche Schriftleitung: Chefredakteur Andre vonKün / Berlin«Wilmersdorf\nManuskripte werden nur zurückgesandt, wenn Rückporto beiliegt ( Der Höchstumfang\nManuskriptes für die Zeitschrift „Der Durchbruch\" ist drei Druckseiten J Die Zeit-\nschrift Der Durchbruch\" ist zu beziehen: durch den gesamten Buchhandel, durch j. -\nPostanstalt in den Zeitungskiosken und bei den Einzelhändlern I Jahresbezug (12 He )\nRM 3 \" ohne Porto Einzelheft 30 Rpf. Wo die Lieferung der Zeitschrift nicht zu erreichen\nist wende man sich direkt an den Verlag | Anzeigentarif wird auf Wunsch direkt versandt /\nAufl.: 10000Exemplare/Verlag „Der Sturm\"|Bln.-Friedenau|Druck: Max LichtwitzfBerlin SW"}]}