{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_sha256": "5a4439874b876f967988fe4f3b904ebf6d0a12d4db80c7c7fc91cddb8fcfe142", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/07/02_01/bmtnabi_1853-07-02_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-02_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "1", "page_fin": "4", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.2.1", "titre_corps": "Noch Einmal: Was wir wollen", "titre_sommaire": "Noch Einmal: Was wir wollen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3963, "texte": "Noch Einmal: Was wir wollen\n*).\nI.\nDie Erscheinung der ersten Nummer einer neuen Zeit-\nschrift legt dem Herausgeber in der Regel die Pflicht auf,\nsich über die Natur und den Zweck derselben und über\ndie Art und Weise, wie dieser Zweck aufzufassen, durch-\nzuführen und zu erreichen sei, auszusprechen. Wir befin-\nden uns aber in dieser Beziehung in einer anderen Lage;\nder übliche Prolog kann sich bei uns in einen Epilog ver-\nwandeln, und das dürfte am Ende ein Yortheil für die Le-\nser und für uns selbst sein. Denn ein Prolog greift in die\nZukunft und in die Weite, kündigt oft Manches an und\nverspricht Manches, was nicht geschieht und nicht gehalten\nwird; ein Epilog hingegen, der auf die Vergangenheit, auf\ndas Vorhandene und Geschehene zurückweist, hat das\nRecht, da als Gewährsmann aufzutreten, wo sein Amts-\nbruder nur als Vorschauer, als Augur erscheinen kann,\nvon denen bekanntlich keiner an dem anderen vorbeigehen\nkonnte, ohne zu lächeln. Der Epilog ist der Mann der\nThat; dem Aushängeschilde des Prologs, welches das\nWerdende verkündet, hält er die ehernen Tafeln entgegen,\nauf denen die Geschichte das Gewordene verzeichnet hat.\nSchreiten wir indess nur nicht so hoch auf dem Ko-\nthurn einher denn man sollte meinen, es wäre hier von\neiner Schicksals-Tragödie oder wenigstens von einem Drama\nder Zukunft die Rede, und es handelt sich ja nur um eine\nmusicalische Zeitschrift, um den Tropfen am Eimer! Und\ndoch so lange das Wort des alten Dichters: Habent\nsua fata libelli, keine Unwahrheit ist, warum könnte da\nnicht auch von dem Fatum, von dem Schicksale unserer\n„Rheinischen Musik-Zeitung\" die Rede sein, welche sich\nauf einmal, wie hier oben in grossen Buchstaben zu lesen, in\neine „Niederrheinische\" verwandelt hat? Warum sollte\nnicht ein neuer Ovid diese Metamorphose dichterisch aus-\nbeuten und allerlei antike und moderne Anspielungen darein\nverweben, z. B. den Wettstreit zwischen Apollo und Mar-\nsyas, den Pegasus im Joche oder die Musen auf dem Scla-\nvenmarkte ?\nDoch halt wir wollen auf dem festen Boden der\nProsa bleiben und, um den Streit zwischen den zwei grie-\nchischen Präpositionen Pro und Epi zu schlichten, den Epi-\nlog der Rheinischen als Prolog der Niederrheinischen Mu-\nsik-Zeitung auf die Scene schicken. Er verneigt sich so\nbescheiden, als es nur immer der berühmte Ausspruch\nGöthe's und der heutige Ton der ästhetischen Kritik er-\nlaubt, und zeigt mit ausdrucksvoller Gebärde auf die Be-\nweisstücke, welche er unter dem Arm trägt, auf dießecht-\nfertigungs-Acten seiner Rede, die er übrigens gar nicht\nhält. Denn wenn je ein Sprecher in Deutschland zu der\nEinleitung berechtigt war: „Ich bin kein Redner, ich werde\nmich kurz fassen\", wonach in der Regel die Zuhörer ihrer-\nseits sich auf Langeweile gefasst machen, so ist es unser\ngegenwärtiger Anwalt, der aber selbst diese Phrase auf-\nopfert, um den Zuhörern die eben erwähnte leidige Conse-\nquenz derselben gleich von vorn herein abzuschneiden.\nZwar kann er mit weiland Benzenberg nicht sagen: „Zah-\nlen entscheiden!\" das möchte sogar von gewisser Seite\nfür Ironie gehalten werden: allein wenn nach Hansemann\nzur genauen Prüfung des Staats-Budgets eine Vorlage von\nwenigstens drei dicken Bänden nothwendig ist, so verwei-\nset unser Prolog auf die drei Jahrgänge der Rhei-\nnischen Musik-Zeitung und verlässt sich dieses Mal,\nim Vertrauen auf die Prüfungs-Commission und auf das ge-\nsammte deutsche musicalische Parlament, ganz und gar aui\ndiese stumme Beredsamkeit.\nDoch für uns selbst müssen wir noch einige Worte hin-\nzufügen.\nUnser Streben, allen Gebildeten, welche sich in dem\nmannigfach bewegten Berufs- und Geschäftsleben an der\nLiebe zur Tonkunst und der Theilnahme an ihren Erschei-\nnungen gern erholen und erfrischen, eine Gelegenheit zu\nbieten, diese Liebe und Theilnahme lebendig zu erhalten,\nsie durch natürliche, gesunde Nahrung zu stärken und durch\nAnleitung zu tieferem Eingehen auf das Wesentliche der\n\n*) Vergl. Rheinische Musik-Zeitung. I. Jahrgang, Nr. 1."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5101, "texte": "Lehre vom Schönen zu fesseln, zu steigern und zu kräfti-\ngen dieses Streben und die Art, wie wir es zu verwirk-\nlichen und fruchtbringend zu machen versucht haben, liegt\nin unseren bisherigen Arbeiten vor, und es ist unsere erste\nPflicht, an diesem Orte für die wohlwollende Unterstützung\ndes Publicums, für die gediegene Mitwirkung trefflicher\nKräfte, und namentlich auch für die ehrenvolle Anerkennung\nunserer schwachen Leistungen von Seiten der Künstler und\nKunstgenossen den aufrichtigsten Dank auszusprechen. Das\nLetztere, die Aufmunterung, welche die Männer von Fach\nuns zu Theil werden Hessen, die Zustimmung von so vielen\nbedeutenden Musikern, welche seit Jahren, obwohl mitten\nim Strudel der Gegenwart lebend und getragen von den\nWogen der Zeit, doch die geschichtliche Entwicklung ihrer\nKunst nie aus den Augen verloren haben, hat uns nicht\nnur auf der einmal eingeschlagenen Rahn gefördert, son-\ndern war uns auch der schönste Lohn für Mühen und An-\nstrengungen, mit denen ein literarisches Unternehmen, das\nhauptsächlich gegen die Anmassung auftreten musste, welche\ndie Erscheinungen des politischen Gährungs-Processes der\nZeit auch auf die Kritik und Theorie der Tonkunst über-\ntragen wollte, nothwendig und nicht immer auf erfreuliche\nW eise verbunden ist.\nJene Zustimmung war uns denn auch ferner ein Trost\nbei der Verkennung unserer Absichten und Ansichten von\nSeiten einiger musicalischen und ästhetischen Egoisten, welche\nAnfangs die neue Stimme vom Rheine vornehm ignoriren\nund, als das nicht mehr anging, „mit Keulen darauf los-\nschlagen\" wollten, um sie zum Schweigen zu bringen. Als\ndas alles nicht verfing, begnügten sie sich endlich mit einem\neinfachen, dann und wann periodisch wiederholten: Kreu-\nziget ihn! und es thut uns leid, dass wir ihrem Zorn in\nnichts dankbar sein können, da er, alles gründlichen Wider-\nspruches bar, auch nicht im Geringsten anregend für uns\nsein konnte. Das ist Schade; denn blanker Stahl an schar-\nfem Stein gibt Funken.\nDergleichen Egoisten, die an Selbstvergötterung ihrer\nfesten Ideen oder Systeme leiden und sich in der Regel\nbald von einem Schwärm von Aposteln umgeben sehen, die,\num doch auch zu leuchten, sich zu einem Schweif des neuen\nKometen zusammenknäueln, hat es in allen Ländern, jedoch\nbesonders viele in unserem lieben Deutschland gegeben.\nAllein bisher fand man sie hauptsächlich nur im Gebiet der\nso genannten Gelehrsamkeit oder der mechanischen und in-\ndustriellen Erfindungen, wie die Grübler über Perpetuum\nmobile, Flugmaschine, Universalsprache u. s. w. Es scheint\naber jener Cultus der eigenen Persönlichkeit in der That\nein allgemeiner Charakterzug der Deutschen zu sein; denn in\nunserer Zeit entsteigen sogar auch dem Reiche der Ton-\nkunst und der musicalischen Kunstlehre dergleichen Autoch-\nthonen oder Selbstgeschöpfe, die nach ihrer Meinung kei-\nnem Anderen ihr Entstehen und ihr Werden verdanken,\nals sich selber, und sich desshalb für berechtigt halten, Form\nund Regel, Gesetz und Ordnung der Kunst mit Füssen zu\ntreten und deren Trümmer unter dem Schlingkraut ihres\nNaturwuchses zu begraben.\nSolch Einer sagt: „Ich bin von keiner Schule,\nKein Meister lebt, mit dem ich buhle;\nAuch hin ich weit davon entfernt,\nDass ich von Todten was gelernt!\"\nworauf dann freilich der Dichter ganz gemüthlich erwidert:\nDas heisst, wenn ich ihn recht verstand:\n„Ich bin ein Narr auf eigne Hand.\"\nKommt nun vollends der Schweif solcher Kometen, die\nman mit mehr Recht als die Planeten Irrsterne nennen\nkönnte, hinzu, raffen sich die Apostel zusammen, um Pro-\npaganda zu machen, und geben sich ans Speculiren und\nGrübeln, um das Genie, welches nur der göttliche Funken\nins Leben ruft, nach einem System zu construiren, so thäte\nes noth, dass ein anderer Aristophanes erschiene und aus\nihrem Dunst neue „Wolken\" auf die Rühne des Komos\nbrächte, um sie dem mächtigsten Feinde alles Utopischen\nund Ueberschwänglichen, dem Lächerlichen, zu überliefern.\nEine solche Propaganda spricht dann von der Notwen-\ndigkeit von Parteiblättern, um die öffentliche Meinung\nzu bearbeiten, um den Autoritäts-Glauben zu vernichten,\num die Macht der Todten zu brechen und die Lebenden\nvor den Mahnungen der Abgeschiedenen zu bewahren und\nihre Denkmale zu zertrümmern, um in den Schutt dersel-\nben die Spitze der umgekehrten Pyramide zu pflanzen, auf\nderen luftiger Grundfläche sie die neuen Götzen stellen\nwollen. Aber sie vergessen, dass die grossen Todten, eben\nso wie die Classiker des Alterthums, auch ohne Commen-\ntar von selbst lehren, dass ihr Geist unsterblich ist, und\ndass von seinen ewig regen Schwingen der befruchtende\nThau auf die Saat der wahren Kunst unaufhörlich herab-\ntrieft. Parteiblätter im Gebiete der Kunst! Sie sind der\nFluch, der auf der Freiheit der Kunst lastet; sie tragen die\nSchuld, dass nicht nur Kunstjünger mit gefesselten Füssen\nin die Laufbahn des Ruhmes treten, sondern auch grosse\nTalente bei dem scharfen Wettrennen nach Neuem und im-\nmer Neuem aus den Schranken ausbrechen und sich über-\nstürzen.\nNein, unsere Zeitschrift soll kein Parteiblatt sein. Wir\nwollen uns die Freiheit des Geistes bewahren, die Selbststän-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5246, "texte": "digkeit des Charakters, die Festigkeit der Gesinnung, welche\nes allein möglich machen, über den Parteien zu stehen. Es\nist nichts weniger als Eigenlob, wenn wir dies sagen; es\nist im Gegenlheil eine schwere Verpflichtung, die wir damit\ndem Publicum gegenüber auf uns nehmen; es ist die Ver-\npfändung eines Wortes, an das uns zu mahnen, wenn wir\nje diesen Grundsätzen untreu würden, wir Jedem das Recht\ngeben. Nicht eitles Selbstvertrauen spricht daraus, wohl aber\ndas Bewusstsein eines ernsten Willens, und wer nicht weiss,\nwas er will, oder sich das zu sagen scheut, der sollte über-\nhaupt nicht öffentlich auftreten. Es gibt eine Art von Treue,\nwelche immer seltener wird, nicht nur in der politischen,\nsondern auch in der literarischen Welt, das ist die Ueber-\nzeugungs-Treue: dem Manne, der sich nicht zum Werkzeug\nherabwürdigen will, muss sie in jeder Stellung das Höchste\nsein, und dem Schriftsteller vor Allen, weil seine Stimme\nin das Volk dringt und der Himmel ihm Talent gegeben\nhat, nicht um Anwalt der Lüge, sondern um Zeuge der\nWahrheit zu sein. Die heiligste Liebe zur Wahrheit sei\ndenn auch fort und fort unser Panier: an der Kraft, sie zu\nerkennen, kann es uns fehlen, denn Irren ist menschlich\naber am Muth, die einmal erkannte zu sagen, wird es uns\nniemals gebrechen. Wir dürfen auch in dieser Beziehung\nauf die früheren Jahrgänge unserer Zeitschrift verweisen.\nNein, diese Zeitung soll kein Parteiblatt sein. Sie ver-\nzichtet auf die sehr zweideutige Ehre, die Kunst zu be-\nsitzen, Ein em zum Ruf zu verhelfen und alle Uebrigen über\ndie Achsel anzusehen; sie macht keinen Anspruch auf die\nFirma einer Ruhm-Fabrik, sie eröffnet keine Actien-Zeich-\nnung auf eine Lob-Assecuranz-Gesellschaft oder auf eine,\nnicht nur Lebens-, sondern Unsterblichkeits-Versicherungs-\nBank. Sie wird im Gegentheil gegen solche Anstalten war-\nnen und ihre Systeme, Wege und Blendwerke an den Tag\nzu legen suchen. Denn in dem musicalischen Schriftenthum\nerleben wir heut zu Tage die umgekehrte Welt. Ehemals,\nals die grossen Meister des vorigen Jahrhunderts zuerst\nauftraten, war die Kritik der Musikgelehrten taub für ihr\nGenie, und das P u b I i c u m brachte erst nach und nach, oft auch\nauf der Stelle, und zwar sehr nachdrücklich, die Kritiker\nzur Vernunft. Jetzt beweis't uns die Kritik und die Musik-\nPhilosophie, dass dieser oder jener Componist ein Genie sei;\naber das Publicum will nicht daran glauben. Dabei tummeln\nsie sich auf dem Gemeinplatze herum, dass alle grossen Gei-\nster im Anfange verkannt worden wären, was in der Allge-\nmeinheit, wie sie es für ihre Freunde in Anspruch nehmen,\ngar nicht wahr ist, namentlich in der Geschichte der Ton-\nkunst nicht wahr ist. Alle grossen Kunstleistungen, alle\nwahrhaft schönen Werke sind fast immer vom Publicum\neher anerkannt worden, als von der Kritik. Sagt uns nicht\nGluck selbst *), dass „die Musikgelehrten, die Leute von\nGeschmack gegen die Alceste tobten, dass sie seine Musik\nals barbarisch, wild und überspannt verdammten\" ? Und wer\nbezwang die Kritik? Das Publicum von Paris im vollen\nOpernhause bei der ersten Aufführung der Iphigenie, die\nBegeisterung der Masse, die Officiere, die bei der Zorn-Arie\ndes Achilles an die klirrenden Schwerter schlugen, der\nEnthusiasmus, den der Blitz des Genie's augenblicklich ent-\nzündete. Und war es nicht das Publicum von Prag, das\nMozart's Belmont und Constanze, das seinen Don Juan an\nden Verunglimpfungen der Kritik rächte? Und als Cherubini\nseine Lodoiska zum ersten Male aufführte (1791), war es\nda nicht das Publicum, das sich nach der Ouvertüre und so\nfort nach jeder Nummer wie Ein Mann von seinen Sitzen\nerhob und ihm ein Hoch brachte? Und schlug nicht das\nPublicum bei der ersten Aufführung von Spontini's Vestalin\nalle Ränke und Umtriebe der Kritiker von Fach mit Einem\nMale nieder? Und wartete etwa das Publicum bei Webers\nFreischütz mit seiner Bewunderung so lange, bis Fr. Bren-\ndeln kritischer Scharfblick entdeckt hatte, dass wir „auf\nden Standpunct, auf welchem diese Oper sich bewegt, wie\nauf die Träume und Spiele der Kindheit zurück blicken\nmüssen\" **) ?\nEs mag für manche Kritiker und Componisten besser\nsein, dergleichen Thatsachen mit Stillschweigen zu über-\ngehen. Und das waren Zuhörerschaften aus dem vorigen\nund aus den ersten Jahrzehenden des jetzigen Jahrhunderts.\nUnser gegenwärtiges Publicum und das ist es, was die\nHerren ganz und gar vergessen —• ist aber ganz anders\nmusicalisch gewachsen; es ist an Haydn, Mozart und Beet-\nhoven gross gezogen, und Bach und Händel und Gluck sind\nin ihm zum Theil wieder lebendig geworden. Ein solches\nPublicum hat hoffentlich ein Recht, mitzusprechen, und wenn\ndie Anmassung der unfehlbaren Schule es für unmündig und\nnicht stimmfähig erklären will, so wird es wenigstens, und\n*\nzwar mit sicherem Erfolge, einen passiven Widerstand ent-\nwickeln, der jeden Unbefangenen überzeugen muss, dass es\nsich seine grossen Männer nicht von einem Parteiblatt oc-\ntroyiren lassen wolle. Gebe man uns ein einziges Beispiel\naus der Geschichte der Tonkunst, wo die Kritik, wohlver-\nstanden die Kritik der Zeitgenossen für und das Publicum\n\n*) In der Widmung vor der Partitur seiner Oper: „Paris und\nHelena.\"\n**) Siehe Stoppellese in der Rheinischen Musik-Zeitung, Jahrg. fIT-\nNr. 38.- S. 1133."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 806, "texte": "gegen ein Kunstwerk gewesen, und jene einen Sieg davon\ngetragen, dessen Folgen Bestand gehabt, so wollen wir ein-\nräumen, es müsse Parteiblätter geben. Aber freilich ist es\nrathsamer für diejenigen selbst, welche sich als Entdecker\nunbekannter Schatzgruben ankündigen, und für die He-\nrolde des neuen Reichthums, welche\nbegabten Manns Natur- und Geisteskraft,\ndas Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,\nmit der Partei Posaunenton verkünden —,\ndie Erbschaft jener grossen Todten Gluck, Ilaydn, Mo-\nzart, Beethoven, Weber nicht anzutreten; denn das würde\nVerpflichtungen nach sich ziehen, und es ist jedenfalls be-\nquemer, die Schuld an die Gegenwart mit Wechseln auf\ndie Zukunft zu bezahlen.\nWir müssen hier abbrechen und werden, was wir sonst\nnoch auf dem Herzen haben, in der nächsten Nummer aus-\nsprechen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-02_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "4", "page_fin": "5", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.4", "debut_caractere": 808, "fin_caractere_exclue": 4796, "texte": "Pariser Briefe.\n\nIch versprach Dir in meinem letzten Briefe einen Be-\nricht über zwei spanische Wunderdinge. Ich halte Wort.\nDas eine ist eine Oper, die uns Deutschen allhier in der\nThat spanisch vorkam; da aber die Franzosen diese ironi-\nsche Redensart nicht kennen, so nannten sie die Oper\nohne Weiteres erbärmlich. Und mit Recht. Man muss zu-\nvor wissen, dass es hier nachgerade auch Mode wird, wie\nda drüben in Deutschland, dem Fremden nachzulaufen, und\nso glaubt denn Mancher, wenn sein Schaustück nur jen-\nseits der Pyrenäen oder Alpen oder auch des Rheines her-\nstamme, so sei das hinlänglich, um die neugierige Menge\nherbeizuziehen und, wenn's Glück gut ist, Ruhm und Geld\nzu holen.\nVon dieser Idee denn was heisst nicht heut zu\nTage alles Idee! getragen, kam ein Herr Jose de\nCiebra, ein spanischer Guitarrenspieler, von Madrid nach\nParis. Spaniens schöne, volltönende Sprache, seine Volks-\nMelodieen, von denen ja so viel die Rede ist in der musi-\ncalischen Welt, seine Geschichte mit den Maurenprinzen\nund den Gärten der Alhambra, seine Ständchen, seine ver-\nschleierten Schönen und ihre durch die Nacht des Schleiers\nsternblitzenden Augen, ihre glühende Liebe und ihre sprü-\nhende Eifersucht welch ein Stoff für die Oper! Welche\nSpannung erregte da nicht Jose de Ciebra, zumal da es\nverlautete, dass er, wie Richard Wagner in Deutschland,\nDichter und Componist in Einer Person, und dass seine\nOper Maravilla, d. i. Wunder, betitelt sei! Leider\nreimt sich auf Wunder Plunder, und das Wundervolle\nbei dem ganzen poetisch-musicalischen Kunstwerke be-\nschränkt sich auf den Titel. Der ganze Kram ist echt spa-\nnisch, eine Paarung von Armuth und Eitelkeit, von Dürf-\ntigkeit und Stolz, von Nichtigkeit und Dünkel. Doch ist der\nComponist besser als der Dichter; denn etwas Abgeschmack-\nteres als das Gedicht lässt sich nicht leicht denken. Seine\nOuvertüre enthält einige interessante National-Melodieen,\nsie taucht ihre Schwingen sogar durch den Wechsel von\nzwei- und dreitheiligem Tact in die neuesten rhythmischen\nFortschrittswogen, und für einen Guitarristen versteht Jose\nde Ciebra seine Instrumentirung gar nicht übel. Auch bringt\ndie Partitur einige pikante Melodieen, ein paar hübsche\nNotturno's, einen zweistimmigen Nonnenchor in Terzen und\nSexten, in welchen die Unschuld der Harmonie dem jung-\nfräulichen Personal entspricht, ein artiges Duett u. s. w.\naber was bedeuten diese paar Muscheln von einigem\nFarbenschimmer, wenn sie auf einem Meere von Textun-\nsinn und von Tontrivialität schwimmen? Ei nun, sie bedeu-\nten eben, dass es mit der spanischen Musik nichts ist, dass\nsie höchstens durch einige Bolero's, Cachucha's, Fandango's\nauf die Beine wirken kann, in allem Uebrigen aber eine\nTochter der neueren italiänischen Musik ist, und zwar eine\nStieftochter, um deren Erziehung sich die Mutter sehr we-\nnig bekümmert hat.\nAber für das zweite Wunderding aus Spanien allen\nRespect! Das heisst: was man so eigentlich Respect nennt,\ndas kann man auch nicht wohl spüren, da man, um den\nKunstgenuss vollständig zu empfinden, einige Vertraulich-\nkeit mit dem Canon des Praxiteles und den Formen der\nmediceischen Venus mit ins Theater bringen muss. Aber\nein wahres Blendwerk für die Sinne ist es, die Spanierin\nPetra Camara auf dem Theater des tanzen zu\nsehen. Tanzen kann man eigentlich nicht sagen; denn sie\ngibt uns nur die mimisch-plastischen tanzartigen Bewegun-\ngen der spanischen Nationalweise, und verhält sich zu den\ngeschulten pariser Ballet-Tänzerinnen, wie eine Nymphe\ndes Waldes zu akademischen Puppen. Sie erscheint und\nwirft aus den dunkeln Augen einen langen Blitz auf die\nurplötzlich gebannten Zuschauer: dann beginnen die\nSchlangenwindungen, die schwanken Biegungen, die kühnen\nSchwingungen, die Bebungen der Glieder, mit einer Anmuth\nund doch zugleich mit einer Gluth, dass wir eine Phantasie\nder Plastik schauen, wie wir sie kaum ahnen konnten*).\n\n*) Da hätten wir ja denn wohl das Urbild unserer Pepit a de\nOliva in der Petra Camara zu suchen?\nAnm. d. Red."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4063, "texte": "Auch ihre spanischen Mit-Tänzer und Tänzerinnen sind künst-\nlerisch nicht unbedeutend.\nDer Ruhm des kölner Männergesang-Ver-\ne i n s ist von London auch zu uns herüber gedrungen und\nhat hier manche Erörterungen veranlasst, wie es wohl an-\nzufangen sei, auch bei den Franzosen Vereine ins Leben\nzu rufen, die den Chorgesang anbauen und zur Vollkom-\nmenheit, zum „Triumph der Nationalität\" emporbringen\nkönnten. „Es liegt nur an dem Mangel an Gesangschulen\nfür das Volk\", schreiben die Einen. „Es hängt nur davon\nab, dass unsere grossen Gesanglehrer sich zu der Menge\nherablassen\", sagen die Anderen. Ihnen antwortet eine\neinzelne Stimme in einem musicalischen Blatte ganz richtig:\n„Glaubt ihr denn, dass nur der allgemeine Unterricht an\nder Blüthe des Männergesangs in Deutschland schuld sei?\nZählt vor dem Unterricht nicht die natürliche Anlage, das\nTalent? Seit länger als dreissig Jahren lehren wir auch\nVolksgesang in Paris und lehren ihn gut, und dennoch hö-\nren wir nie des Abends ein Ständchen auf der Strasse, oder\nein Lied von Studenten oder Handwerkern auf den Spa-\nziergängen, das nur erträglich wäre.\" Und so ist es\nauch. Die Pariser haben zwar viel Esprit de corps, aber\ngar keinen Sinn für Chor; ins Volk ist nur die Chanson\ngedrungen, und diese, wenn sie auch nur gekräht wird, ge-\nfällt durch den naiven Vortrag und die deutliche Aussprache\ndes Textes. Aber an guten Stimmen fehlt es ganz und gar\nim pariser Volke, es gibt weder klangvolle Brusttenöre,\nnoch volle Bassstimmen. Es greift förmlich die Nerven an,\nwenn man einen auch nur einstimmigen Volksgesang hier\nhört, geschweige denn einen zwei- oder gar mehrstimmigen!\nEine interessante Fehde hat sich zwischen den beiden\nbedeutendsten hiesigen musicalischen Zeitungen entsponnen.\nDie France musicale, deren Eigenthümer und Redacteurs,\ndie Gebrüder Escudier, die eifrigsten Vorkämpfer für italiä-\nnische Musik und namentlich für Verdi sind, den sie für\ndie Incarnation der Tonkunst halten, ist entrüstet über eine\nNotiz von höchstens zehn bis zwölf Zeilen, in welcher die\nGazette musicale den Fall der Oper Rigoletto in London\nanzeigt, und schleudert gegen dieselbe einen Artikel mit der\ngrossartigen Aufschrift: „So schreibt man Geschichte!\"\nDarin geht es denn wieder über die Deutschen her: „Die\nGazette sei das Organ der deutschen Musik im Allgemei-\nnen und der Meyerbeer'schen im Besondern wer sollte\nahnen, dass es in Paris eine halbdeutsche Zeitschrift gebe,\ndie mit dem Begraben der italiänischen Musik beauftragt\nsei? im Laden des Hrn. Brandus (Eigenthümers der\nGazettej sei der Sammelplatz der deutschen Coterieen\nzwischen Berlin, London und Paris bestelle eine Art von\nSanitäts-Cordon gegen die neueren italiänischen Melodieeri\nund zugleich eine gemeinsame Werkstatt für die Propa-\nganda von Robert dem Teufel u. s. w.\" Dann wird mit\nder grössten Dreistigkeit versichert, dass die genannte Ver-\ndi'scheOper in London einen „glänzendenSieg\" davon ge-\ntragen, in Wien und Petersburg „wahren Fanatismus\" er-\nregt habe was alles nicht wahr ist, wie Jeder weiss.\nDagegen richtet denn die Gazette ein mitunter sehr\nbeissendes und, was für Paris etwas kleinstädtisch ist, auf\nPersönlichkeiten und frühere Verhältnisse des angreifenden\nTheils anspielendes Manifest, worin sie sich schuldig bekennt,\nGluck, Ilaydn, Mozart, Beethoven, Weber u. s. w. aller-\ndings für grosse Meister zu halten, obschon es Deutsche\nwären. Es thut ihr leid, den Frieden mit der Frau Colle-\ngin nicht mit dem Ausruf: „Es gibt keinen andern Gott als\nVerdi, und Herr Escudier ist sein Prophet!\" erkaufen zu\nkönnen, und sie leuchtet überhaupt in witziger und schla-\ngender Weise dem Ritter der France heim. Das grosse\nPublicum kümmert sich um den Streit sehr wenig, weil\nVerdi, um den er sich hauptsächlich dreht, trotz alles Po-\nsaunens der France hier gar kein Publicum hat; aber die\nmusicalische Welt und besonders die Componisten haben\nSpass an dem Hader zweier Verleger. Das Ganze lässt\nübrigens einen tiefen Blick in die Maschinerie der hiesigen\nJournalistik und in die Natur ihrer treibenden Kräfte thun.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-02_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "5", "page_fin": "7", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.2.3", "titre_corps": "Stoppellese", "titre_sommaire": "Stoppellese", "signature_source": "W", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.5", "debut_caractere": 4065, "fin_caractere_exclue": 5043, "texte": "*).\nWeiss der Himmel, was in die Musiker gefahren ist,\ndass sie jetzt alle unter die Philosophen gehen wollen! Da\nliegt mir ein Buch vor, das offenbar für Musiker, für Män-\nner vom Handwerk, insbesondere für Gesanglehrer, ge-\nschrieben ist, welches aber das viele Vorzügliche und Treff-\nliche, das es enthält, in einen solchen kunstphilosophischen\nDunst hüllt und mit einem solchen Phrasenkram umwickelt,\ndass der praktische Musiker sich nur mit Mühe durcharbei-\nten und die beste Lehre in solcher Form keinen Eingang\nfinden wird. Wenn die Herren doch bedenken wollten,\ndass man, um gute Gedanken über Musiklehre aller Art\nlebendig und wirksam zu machen, sich an die Musiker wen-\nden und vor Allem die Sprache des gesunden Menschen-\nverstandes und erst dann die technische Sprache ihrer\nKunst, niemals aber einen Doctor- und Magister-Jargon\nreden müsse, der aus unverdauten wissenschaftlichen Brocken\n\nStoppellese\n\n*) Vergl. Rhein. Mus.-Zeit. Jahrg. 111. Nr. 37, 38, 39, 41, 49."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4808, "texte": "und einer starken Dosis nebeliger Gefühls-Romantik zusam-\nmengesetzt ist.\nIch lege eben die zweite Ausgabe von Nehrlieh's\n„Gesangkunst, physiologisch, psychologisch, ästhetisch\nund pädagogisch dargestellt und durch eine rationelle Basis\nzur Wissenschaft erhoben,\" aus der Hand. Ich wiederhole,\ndass der Kern des Buches, das praktisch Anwendbare, wenn\nman die Geduld hat, es sich heraus zu suchen, zu dem\nBesten gehört, was über den Gegenstand geschrieben ist,\nund es ist besonders interessant, den Standpunct Nehrlich's\nmit dem von Delsarte zu vergleichen, den wir neulich aus\nden gediegenen Aufsätzen über Gesangbildung in Ihrer Zei-\ntung kennen gelernt haben. Ich hoffe, auf diese Verglei-\nchung später zurückzukommen. Allein statt der „durchaus\numgearbeiteten und sehr vermehrten\" Auflage wäre eine ver-\nkürzte, mit Beseitigung des phraseologischen Schwulstes,\nwünschenswerth gewesen. Urtheilen Sie selbst nach der\nfolgenden kleinen Stoppellese aus dem Werke, die ich Ih-\nnen sende.\nDa erfahren wir z. 8., warum manche Künstler in spä-\nteren Jahren nicht genügen; denn: „Diejenigen von den\njugendlich (?) begabten Künstlern, welche nicht zum Leben\neiner organisch und geistig freigewordenen Menschennatur,\ngleichsam durch Wiedergeburt, in späteren Jahren durch-\ngedrungen sind, sondern in der Sentimentalität des\nEmpfindungslebens haften, können der Gebunden-\nheit der Natur halber in vorgeschritteneren Jahren .nicht\nmehr befriedigen.\" (S. 20.)\nDie Aufgabe des wahren Kunstlehrers ist (nach S. 41),\n„den Kunstjünger nach seiner göttlichen Bestimmung zu\nder vollkommenen Entwicklung lür Seele uud Geist durch\neine höhere Kunst- und Weltanschauung in eine vollkom-\nmenere Lebensstufe hinüber zu leiten (!).\" „Dies ist\num so nothwendiger, weil die Seele durch ihre Gebun-\ndenheit eine Einheit mit dem Körper bildet, die auf einer\nSeite den scheinbaren Vorlheil hat, dass die volle Na-\ntur des Jugendschönen dieses Alters, als ein Ganzes, das\nnöthige kräftige Leben besitzt, um in ihrer Gebu n g s-\nweise als etwas scheinbar Vollendetes oder der höch-\nsten Entwicklungsstufe der Menschennatur Angehörendes\ndazustehen!!\" Daher ist denn auch die letzte Aufgabe der\nKunst (S. 500): „das Leben zu wecken und in natürlicher\nGesundheit, höherer Reinheit und Kraft zu erziehen, bis es\nals ein seelisch-geistiges, in seiner Idealität und höheren\nFreiheit bei vollstem Selbstgenuss erhebend und segens-\nreich zu wirken belähigt ist.\" Ja, ja!\nWas dem Enkel frommt,\nDarüber wird viel geträumt:\nAber worauf es eigentlich ankommt.\nDas wird gewöhnlich vom Lehrer versäumt.\nHiernach wird man neugierig auf die Methode für\nden Gesang. Sie ist „nur Eine, nämlich: ein für den Unter-\nricht auf Regeln zurückgelührtes und aus tiefer Erkenntniss\nder Natur und ihrer Gesetze geschöpftes, also dem Le-\nben entnommenes und von ihm bedingtes natur-\ngemässes Verfahren, zur höchsten Ausbildung der einzel-\nnen dem vollendeten Gesang erforderlichen orga-\nnischen und seelischen Kräfte, in gegenseitigem Gleichge-\nwicht, für eine Harmonie des Ganzen.\" (S. 72.) Und\nwas ist der Ton? „Der Ton lässt sich ganz als Kör-\nper, ganz als Seele, und endlich als Beides zusam-\nmen betrachten. Seine Seelen-Eigenschaften müssen als\nseine Idealität aufgefasst werden und so den zweiten Factor\ndes Schönen zur Wahrnehmung bringen. Wird der Ton\nals Körper und Seele unterschieden, so kann er dann auch\nin beiden Momenten zusammengefasst werden und das le-\nbendige oder charakteristische Schöne entfalten, mit wel-\nchem sich das formale und ideale Schöne zum Kunstschönen\nvereinigen.\" (S. 325.) Ferner:\n„DasUebergehen der freien Seele in den leben-\ndigen Athem und das durch ihn vermittelte Verschmel-\nzen der gehauchten und gefassten Töne zu geeigneten\nSeelenhüllen, die in ihrer äusseren Farbenpracht das\ninnere Seelenleben abspiegeln und dadurch die Scheidewand\nzwischen der Endlichkeit und Unendlichkeit durch sichtig\nO\nmachen: das alles zusammen ist „Tonmalerei\".\n(S. 329.)\nUeber den Unterschied von Declamation und Ge-\nsang werden wir (S. 331) also belehrt:\n„ In der Sprache des Declamators, wie er sein soll, trägt\njedes Wort ein eigenthümliches Leben, welches durch\ndie Beseelung der Vorstellung als des Körpers,\nmittels des Gefühls als der Seele zu Stande\nkommt; in der Sprache des Sängers., wie er sein soll,\nträgt jeder Ton ein eigenes Leben, nur ist hier das Leben\ndurch Beseelung des Gefühls als des Körpers,\nmittels der Vorstellung als der Seele zu Stande\ngekommen.\" Ferner: „Soll der Ton das Wort, das\nGelühl die Vorstellung tragen, so müssen Wort und Vor-\nstellung die Natur des Tragenden, Körperlichen, Formalen\naufgeben, die sie in der Sprache des Declamators haben,\nund die Natur des Getragenen, Geistigen, Idealen annehmen.\"\nEndlich heisst es im diätetischen Theile(S.4lß):\n„Der Stimm-Organismus ist eine Art verkörperter Gefühls-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 602, "texte": "Welt, die Sinnlichkeit dagegen eine Art vergeistigten Kör-\npers; daher ist jener seiner Bestimmung nach reine Offen-\nbarung des Aesthetischen, obwohl er als ein Theil des Kör-\npers auch das Thierische offenbaren kann; diese aber ist\nOffenbarung des Thierischen, obwohl sie vermöge ihres gei-\nstigen Wesens ganz in die Psyche aufgelöst und rein ästhe-\ntisch werden kann.\"\nDoch Sie haben gewiss schon längst genug an diesen\nPröbchen.\n[Ja wohl! Allein ich denke:\nLasst mir die jungen (?) Leute nur\nUnd ergötzt euch an ihren Gaben!\nEs will doch Grossmama Natur\nManchmal einen närrischen Einfall haben.]\n\nW."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-02_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "7", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.2.4", "titre_corps": "Eigenheiten von Componisten.", "titre_sommaire": "Eigenheiten von Componisten.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.7", "debut_caractere": 604, "fin_caractere_exclue": 2483, "texte": "Eigenheiten von Componisten.\nLesueur war entsetzlich zerstreut. Oft suchte er seine Brille,\nwenn er sie auf der Nase hatte, und einst warf er alle seine No-\nten-Manuscripte und Papiere durch einander, um seine Schnupfta-\nbaksdose zu suchen, welche ihm beim Aufstöbern sehr hinderlich\nwar, da er sie in der Hand hielt. Ein anderes Mal rief er seine\nFrau und bat sie, ihm doch auch seidene Strümpfe zu geben, sie\nhabe ihm nur baumwollene und auch davon nur Einen hingelegt.\nDie Frau kommt und sieht, dass in der That die drei anderen\nStrümpfe, die sie ihm gebracht hatte, verschwunden sind. Er hatte\nsie alle vier über einander auf Ein Bein gezogen.\nBlangini, der mehrere Opern und recht hübsche kleinere\nGesangsachen geschrieben hat, trieb die Zerstreutheit noch weiter.\nEinst war er als Zeuge zu der Hochzeit eines Freundes geladen.\nDer Notar las den Ehecontract vor, und die Zeugen unterschrieben.\nAls man den Componisten ebenfalls zur Unterschrift aufforderte,\nstand er mehrere Minuten mit der Feder in der Hand still und\nunbeweglich, wie einer, der in irgend welche Gedanken vertieft\nist. „Unterschreiben Sie doch!\" rief ihm endlich der ungeduldige\nBrautvater zu. „Lieber Freund!\" antwortete Blangini, „helfen\nSie mir doch aus der Verlegenheit und sagen Sie mir gefälligst, wie\nich heisse.\"\nGretry blieb der altfranzösischen Tracht auch in der Ptevolu-\ntions-Periode treu. Als Napoleon im Jahre 1804 das Institut na-\ntional besuchte, trug Gretry sein gewöhnliches auffallendes Costume\nund eine gewaltige Pcrrücke. Der Kaiser kannte ihn noch nicht\nund konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er an ihn kam.\n„Wie heissen Sie?\" fragte er. „Gretry\", war die einfache Ant-\nwort. Einige Minuten später kam Napoleon wieder an derselben\nReihe der Akademisten zurück und fragte wieder: „Wie heissen\nSie?\" „Immer noch Gretry\", erwiderte der Componist mit\nder grössten Kaltblütigkeit."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-02-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-02_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-07-02_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "7", "page_fin": "8", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.7", "debut_caractere": 2485, "fin_caractere_exclue": 6504, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nlitt in, 26. Juni. Gestern Nachmittags nach 6 Uhr kam unser\nMännergesang-Verein von seiner ruhmvollen Sängerfahrt nach Lon-\ndon mit einem Extrazug der rheinischen Eisenbahn zurück. Der\nBahnhof war mit Eichenlaub und Fahnen verziert, in seinem In-\nnern war der Vorstand des Dombau-Vereins und die Deputirten\nder hiesigen musicalischen Gesellschaften, ferner der Bürger- und\nHandwerker-Gesang-Verein u. s. w. versammelt, und der Präsident\ndes \\ orstandes des Dombau-\\ ereins, Hr. Justizrath Esse r 11., empfing\ndie Ankommenden mit einer Anrede, welche Hr. Musik-Director\nWeber mit einem Hoch auf Köln erwiederte. Dann fuhr der Zug,\ndie Regiments-Musik des Cuirassier-Regiments von Deutz voran,\ndurch die geschmückten Strassen nach dem Rathhause, wo Hr.\nBürgermeister Stupp den Verein im Namen der Stadt Cöln im\ngrossen Saale durch eine gehaltvolle Rede begrüsste, worauf Rode-\nrich Renedix für den ehrenvollen Empfang des Vereins in einigen\nherzlichen Worten dankte. Die Rückreise durch Belgien war ein\n1 riumphzug: namentlich hat die Stadt A 111 wer p e n den Sängern,\nwelche durch eine Deputation eingeladen wurden, von Brüssel aus\nhinüber zu kommen, ein glänzendes Fest gegeben.\nAm 29. Juni gab der Verein hier im Saale des Gürzenich ein\nConcert, welches an 2000 Zuhörer herbeigezogen hatte. Wir\nberichten darüber in der nächsten Nummer.\nWeimar. Auf Liszts Einladung ist B. A. Marx von Ber-\nlin hier gewesen und hat sein Oratorium „Moses44 mit grossem\nBeifall aufgeführt.\nDie Sängerin Jetty Treffz lebt jetzt in Wien und hat sich\nganz von dem Öffentlichen Auftreten zurückgezogen sie ruht auf\nden goldenen Lorbern, welche sie auf den gesegneten Gefilden Al-\nbions gebrochen hat. Ob sie wohl dem Capellmcister Kücken,\ndessen Lied: „Trab! trab! mein Rösslein\", ihren Ruf in England in\nTrab gebracht, ein Zweiglein davon zum Andenken übersandt hat?\nl*aris. Am 25. Juni haben Schreiner, Maurer und Tapezierer\ndas Opernhaus eingenommen. Es wird sechs Wochen lang ge-\nschlossen bleiben. Die letzten drei Opern waren „die Hugenotten\",\n„Der ewige Jude\" und „Der Prophet\". Frl. Stell er ist in den\nHugenotten zum zweiten Male und mit noch mehr Erfolg als beim\nersten Male aufgetreten. Frau Tedesco ist auf besondere Einla-\ndung des Theater-Unternehmers Herrn Gye von Coventgarden in\nLondon dahin abgereis't. Frl. Lagrua wird zum Herbste an die\nOper nach \\\\ ien gehen. Neulich verklagte ein Schauspieler\nden Redacteur einer hiesigen Theater-Zeitung wegen Injurien. In\nerster Instanz wurde der Redacteur in 5 Frcs. Strafe und 300 Frcs.\nSchadenersatz verurtheilt, vom Appelhofe aber gänzlich freigespro-\nchen und der Kläger in die Kosten verurtheilt. Die Gründe spra-\nchen sich dahin aus, dass eine Kritik, welche sich nicht auf die\nmoralische Würde des Menschen einlasse, sondern nur dessen\nLeistung als Künstler bespreche, auch durch den schärfsten Tadel\nniemals eine Injurie enthalten könne.\nAuf der pariser Gemälde-Ausstellung zeichnet sich ein Por-\ntrait der Pianistin Wilhelm ine Clauss sehr vortheilhaft aus.\nEs ist von Rillard, einem der ersten Portraitmaler in Frankreich.\nDas reizende Bild der jungen deutschen Künstlerin ist zart gehal-\nten und mit einem eigentümlichen Farbenschmelze geinalt; das\nseidenweiche Blondköpfchen, die klugen und doch naiv und un-\nschuldig blickenden Augen trösten uns, denn aus ihnen spricht ein\nschönes Stück Gegenwart und Zukunft.\nliiverjpool. 1 In dem vierten Concert der hiesigen philharmo-\nnischen Gesellschaft trat Frl. Agnes Büry bei uns zum ersten\nMale auf und mit grossem Erfolg. Die junge Dame hat ein ein-\nnehmendes Aeusseres und eine schöne Stimme von merkwürdiger\nGleichheit des Tons und trefflicher Ausbildung; sie singt mit Le-\nben und Ausdruck, so dass es erquickend ist, sie zu sehen und zu\nhören. Sie sang eine Arie, mehrere Lieder, und ein Duett mit\nHrn. Reichart und ein Terzett (aus Kreutzers „Nachtlager\") mit\ndiesem Tenoristen und mit Hrn. Pischek. Reichart war hier noch\nwenig bekannt, hat aber die auf ihn gefallene Wahl des Vorstan-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1361, "texte": "des vollkommen gerechtfertigt; seine erste Arie: „Ach, wie ängst-\nlich\", aus Mozart's „Entführung\" erwarb ihm sogleich die wärmste\nTheilnahme. Pischek bewährte seinen alten Ruhm. Ein wahrer\nGenuss war die Einheit des Stils und der gleiche Ausdruck im\nZusammensingen dieser drei deutschen Künstler, welche Eigen-\nschaften sehr vortheilhaft gegen ähnliche Leistungen von italienischen\nund englischen Sängern abstachen.\nlO. Juni. Henriette Sontag ist am 4. dieses\nMts. wieder hieher zurückgekehrt, aber nur durchgereis t, um sich\nauf den schönen Landsitz zu begeben, den man ihr in Staten-\nIsland eingerichtet hat. Sie wird sich einige Wochen Ruhe gön-\nnen, bevor sie bei uns in den Sommer-Concerten in Castle-Garden\nauftritt. Alle Zeitungen von Boston und den östlichen Staaten\nsind ihres Lobes voll. Der Pianist Jarll hat neuerdings durch\n\\\ntreffliche Vorträge Chopin'scher Musik sehr gefallen. Er ist im Be-\ngriff, nach Europa zurückzukehren. Die Alboni und ihre italieni-\nsche Oper haben das Feld geräumt, das die Sontag nun allein be-\nherrschen wird. Im Concertgeben wird sie jedoch einen gefährlichen\nNebenbuhler an Jullien aus London erhalten, der mit einem\nOrchester von achtzig Personen, der Sängerin Zerr und anderen\nNotabilitäten auftreten wird. Für den Herbst zeigt ein Unterneh-\nmer auch jetzt schon die Ankunft der Frl. Grisi und des Tenors\nMario an."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "1", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.1", "texte": "Noch Einmal: Was wir wollen\n*).\nI.\nDie Erscheinung der ersten Nummer einer neuen Zeit-\nschrift legt dem Herausgeber in der Regel die Pflicht auf,\nsich über die Natur und den Zweck derselben und über\ndie Art und Weise, wie dieser Zweck aufzufassen, durch-\nzuführen und zu erreichen sei, auszusprechen. Wir befin-\nden uns aber in dieser Beziehung in einer anderen Lage;\nder übliche Prolog kann sich bei uns in einen Epilog ver-\nwandeln, und das dürfte am Ende ein Yortheil für die Le-\nser und für uns selbst sein. Denn ein Prolog greift in die\nZukunft und in die Weite, kündigt oft Manches an und\nverspricht Manches, was nicht geschieht und nicht gehalten\nwird; ein Epilog hingegen, der auf die Vergangenheit, auf\ndas Vorhandene und Geschehene zurückweist, hat das\nRecht, da als Gewährsmann aufzutreten, wo sein Amts-\nbruder nur als Vorschauer, als Augur erscheinen kann,\nvon denen bekanntlich keiner an dem anderen vorbeigehen\nkonnte, ohne zu lächeln. Der Epilog ist der Mann der\nThat; dem Aushängeschilde des Prologs, welches das\nWerdende verkündet, hält er die ehernen Tafeln entgegen,\nauf denen die Geschichte das Gewordene verzeichnet hat.\nSchreiten wir indess nur nicht so hoch auf dem Ko-\nthurn einher denn man sollte meinen, es wäre hier von\neiner Schicksals-Tragödie oder wenigstens von einem Drama\nder Zukunft die Rede, und es handelt sich ja nur um eine\nmusicalische Zeitschrift, um den Tropfen am Eimer! Und\ndoch so lange das Wort des alten Dichters: Habent\nsua fata libelli, keine Unwahrheit ist, warum könnte da\nnicht auch von dem Fatum, von dem Schicksale unserer\n„Rheinischen Musik-Zeitung\" die Rede sein, welche sich\nauf einmal, wie hier oben in grossen Buchstaben zu lesen, in\neine „Niederrheinische\" verwandelt hat? Warum sollte\nnicht ein neuer Ovid diese Metamorphose dichterisch aus-\nbeuten und allerlei antike und moderne Anspielungen darein\nverweben, z. B. den Wettstreit zwischen Apollo und Mar-\nsyas, den Pegasus im Joche oder die Musen auf dem Scla-\nvenmarkte ?\nDoch halt wir wollen auf dem festen Boden der\nProsa bleiben und, um den Streit zwischen den zwei grie-\nchischen Präpositionen Pro und Epi zu schlichten, den Epi-\nlog der Rheinischen als Prolog der Niederrheinischen Mu-\nsik-Zeitung auf die Scene schicken. Er verneigt sich so\nbescheiden, als es nur immer der berühmte Ausspruch\nGöthe's und der heutige Ton der ästhetischen Kritik er-\nlaubt, und zeigt mit ausdrucksvoller Gebärde auf die Be-\nweisstücke, welche er unter dem Arm trägt, auf dießecht-\nfertigungs-Acten seiner Rede, die er übrigens gar nicht\nhält. Denn wenn je ein Sprecher in Deutschland zu der\nEinleitung berechtigt war: „Ich bin kein Redner, ich werde\nmich kurz fassen\", wonach in der Regel die Zuhörer ihrer-\nseits sich auf Langeweile gefasst machen, so ist es unser\ngegenwärtiger Anwalt, der aber selbst diese Phrase auf-\nopfert, um den Zuhörern die eben erwähnte leidige Conse-\nquenz derselben gleich von vorn herein abzuschneiden.\nZwar kann er mit weiland Benzenberg nicht sagen: „Zah-\nlen entscheiden!\" das möchte sogar von gewisser Seite\nfür Ironie gehalten werden: allein wenn nach Hansemann\nzur genauen Prüfung des Staats-Budgets eine Vorlage von\nwenigstens drei dicken Bänden nothwendig ist, so verwei-\nset unser Prolog auf die drei Jahrgänge der Rhei-\nnischen Musik-Zeitung und verlässt sich dieses Mal,\nim Vertrauen auf die Prüfungs-Commission und auf das ge-\nsammte deutsche musicalische Parlament, ganz und gar aui\ndiese stumme Beredsamkeit.\nDoch für uns selbst müssen wir noch einige Worte hin-\nzufügen.\nUnser Streben, allen Gebildeten, welche sich in dem\nmannigfach bewegten Berufs- und Geschäftsleben an der\nLiebe zur Tonkunst und der Theilnahme an ihren Erschei-\nnungen gern erholen und erfrischen, eine Gelegenheit zu\nbieten, diese Liebe und Theilnahme lebendig zu erhalten,\nsie durch natürliche, gesunde Nahrung zu stärken und durch\nAnleitung zu tieferem Eingehen auf das Wesentliche der\n\n*) Vergl. Rheinische Musik-Zeitung. I. Jahrgang, Nr. 1."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "2", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.2", "texte": "Lehre vom Schönen zu fesseln, zu steigern und zu kräfti-\ngen dieses Streben und die Art, wie wir es zu verwirk-\nlichen und fruchtbringend zu machen versucht haben, liegt\nin unseren bisherigen Arbeiten vor, und es ist unsere erste\nPflicht, an diesem Orte für die wohlwollende Unterstützung\ndes Publicums, für die gediegene Mitwirkung trefflicher\nKräfte, und namentlich auch für die ehrenvolle Anerkennung\nunserer schwachen Leistungen von Seiten der Künstler und\nKunstgenossen den aufrichtigsten Dank auszusprechen. Das\nLetztere, die Aufmunterung, welche die Männer von Fach\nuns zu Theil werden Hessen, die Zustimmung von so vielen\nbedeutenden Musikern, welche seit Jahren, obwohl mitten\nim Strudel der Gegenwart lebend und getragen von den\nWogen der Zeit, doch die geschichtliche Entwicklung ihrer\nKunst nie aus den Augen verloren haben, hat uns nicht\nnur auf der einmal eingeschlagenen Rahn gefördert, son-\ndern war uns auch der schönste Lohn für Mühen und An-\nstrengungen, mit denen ein literarisches Unternehmen, das\nhauptsächlich gegen die Anmassung auftreten musste, welche\ndie Erscheinungen des politischen Gährungs-Processes der\nZeit auch auf die Kritik und Theorie der Tonkunst über-\ntragen wollte, nothwendig und nicht immer auf erfreuliche\nW eise verbunden ist.\nJene Zustimmung war uns denn auch ferner ein Trost\nbei der Verkennung unserer Absichten und Ansichten von\nSeiten einiger musicalischen und ästhetischen Egoisten, welche\nAnfangs die neue Stimme vom Rheine vornehm ignoriren\nund, als das nicht mehr anging, „mit Keulen darauf los-\nschlagen\" wollten, um sie zum Schweigen zu bringen. Als\ndas alles nicht verfing, begnügten sie sich endlich mit einem\neinfachen, dann und wann periodisch wiederholten: Kreu-\nziget ihn! und es thut uns leid, dass wir ihrem Zorn in\nnichts dankbar sein können, da er, alles gründlichen Wider-\nspruches bar, auch nicht im Geringsten anregend für uns\nsein konnte. Das ist Schade; denn blanker Stahl an schar-\nfem Stein gibt Funken.\nDergleichen Egoisten, die an Selbstvergötterung ihrer\nfesten Ideen oder Systeme leiden und sich in der Regel\nbald von einem Schwärm von Aposteln umgeben sehen, die,\num doch auch zu leuchten, sich zu einem Schweif des neuen\nKometen zusammenknäueln, hat es in allen Ländern, jedoch\nbesonders viele in unserem lieben Deutschland gegeben.\nAllein bisher fand man sie hauptsächlich nur im Gebiet der\nso genannten Gelehrsamkeit oder der mechanischen und in-\ndustriellen Erfindungen, wie die Grübler über Perpetuum\nmobile, Flugmaschine, Universalsprache u. s. w. Es scheint\naber jener Cultus der eigenen Persönlichkeit in der That\nein allgemeiner Charakterzug der Deutschen zu sein; denn in\nunserer Zeit entsteigen sogar auch dem Reiche der Ton-\nkunst und der musicalischen Kunstlehre dergleichen Autoch-\nthonen oder Selbstgeschöpfe, die nach ihrer Meinung kei-\nnem Anderen ihr Entstehen und ihr Werden verdanken,\nals sich selber, und sich desshalb für berechtigt halten, Form\nund Regel, Gesetz und Ordnung der Kunst mit Füssen zu\ntreten und deren Trümmer unter dem Schlingkraut ihres\nNaturwuchses zu begraben.\nSolch Einer sagt: „Ich bin von keiner Schule,\nKein Meister lebt, mit dem ich buhle;\nAuch hin ich weit davon entfernt,\nDass ich von Todten was gelernt!\"\nworauf dann freilich der Dichter ganz gemüthlich erwidert:\nDas heisst, wenn ich ihn recht verstand:\n„Ich bin ein Narr auf eigne Hand.\"\nKommt nun vollends der Schweif solcher Kometen, die\nman mit mehr Recht als die Planeten Irrsterne nennen\nkönnte, hinzu, raffen sich die Apostel zusammen, um Pro-\npaganda zu machen, und geben sich ans Speculiren und\nGrübeln, um das Genie, welches nur der göttliche Funken\nins Leben ruft, nach einem System zu construiren, so thäte\nes noth, dass ein anderer Aristophanes erschiene und aus\nihrem Dunst neue „Wolken\" auf die Rühne des Komos\nbrächte, um sie dem mächtigsten Feinde alles Utopischen\nund Ueberschwänglichen, dem Lächerlichen, zu überliefern.\nEine solche Propaganda spricht dann von der Notwen-\ndigkeit von Parteiblättern, um die öffentliche Meinung\nzu bearbeiten, um den Autoritäts-Glauben zu vernichten,\num die Macht der Todten zu brechen und die Lebenden\nvor den Mahnungen der Abgeschiedenen zu bewahren und\nihre Denkmale zu zertrümmern, um in den Schutt dersel-\nben die Spitze der umgekehrten Pyramide zu pflanzen, auf\nderen luftiger Grundfläche sie die neuen Götzen stellen\nwollen. Aber sie vergessen, dass die grossen Todten, eben\nso wie die Classiker des Alterthums, auch ohne Commen-\ntar von selbst lehren, dass ihr Geist unsterblich ist, und\ndass von seinen ewig regen Schwingen der befruchtende\nThau auf die Saat der wahren Kunst unaufhörlich herab-\ntrieft. Parteiblätter im Gebiete der Kunst! Sie sind der\nFluch, der auf der Freiheit der Kunst lastet; sie tragen die\nSchuld, dass nicht nur Kunstjünger mit gefesselten Füssen\nin die Laufbahn des Ruhmes treten, sondern auch grosse\nTalente bei dem scharfen Wettrennen nach Neuem und im-\nmer Neuem aus den Schranken ausbrechen und sich über-\nstürzen.\nNein, unsere Zeitschrift soll kein Parteiblatt sein. Wir\nwollen uns die Freiheit des Geistes bewahren, die Selbststän-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "3", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.3", "texte": "digkeit des Charakters, die Festigkeit der Gesinnung, welche\nes allein möglich machen, über den Parteien zu stehen. Es\nist nichts weniger als Eigenlob, wenn wir dies sagen; es\nist im Gegenlheil eine schwere Verpflichtung, die wir damit\ndem Publicum gegenüber auf uns nehmen; es ist die Ver-\npfändung eines Wortes, an das uns zu mahnen, wenn wir\nje diesen Grundsätzen untreu würden, wir Jedem das Recht\ngeben. Nicht eitles Selbstvertrauen spricht daraus, wohl aber\ndas Bewusstsein eines ernsten Willens, und wer nicht weiss,\nwas er will, oder sich das zu sagen scheut, der sollte über-\nhaupt nicht öffentlich auftreten. Es gibt eine Art von Treue,\nwelche immer seltener wird, nicht nur in der politischen,\nsondern auch in der literarischen Welt, das ist die Ueber-\nzeugungs-Treue: dem Manne, der sich nicht zum Werkzeug\nherabwürdigen will, muss sie in jeder Stellung das Höchste\nsein, und dem Schriftsteller vor Allen, weil seine Stimme\nin das Volk dringt und der Himmel ihm Talent gegeben\nhat, nicht um Anwalt der Lüge, sondern um Zeuge der\nWahrheit zu sein. Die heiligste Liebe zur Wahrheit sei\ndenn auch fort und fort unser Panier: an der Kraft, sie zu\nerkennen, kann es uns fehlen, denn Irren ist menschlich\naber am Muth, die einmal erkannte zu sagen, wird es uns\nniemals gebrechen. Wir dürfen auch in dieser Beziehung\nauf die früheren Jahrgänge unserer Zeitschrift verweisen.\nNein, diese Zeitung soll kein Parteiblatt sein. Sie ver-\nzichtet auf die sehr zweideutige Ehre, die Kunst zu be-\nsitzen, Ein em zum Ruf zu verhelfen und alle Uebrigen über\ndie Achsel anzusehen; sie macht keinen Anspruch auf die\nFirma einer Ruhm-Fabrik, sie eröffnet keine Actien-Zeich-\nnung auf eine Lob-Assecuranz-Gesellschaft oder auf eine,\nnicht nur Lebens-, sondern Unsterblichkeits-Versicherungs-\nBank. Sie wird im Gegentheil gegen solche Anstalten war-\nnen und ihre Systeme, Wege und Blendwerke an den Tag\nzu legen suchen. Denn in dem musicalischen Schriftenthum\nerleben wir heut zu Tage die umgekehrte Welt. Ehemals,\nals die grossen Meister des vorigen Jahrhunderts zuerst\nauftraten, war die Kritik der Musikgelehrten taub für ihr\nGenie, und das P u b I i c u m brachte erst nach und nach, oft auch\nauf der Stelle, und zwar sehr nachdrücklich, die Kritiker\nzur Vernunft. Jetzt beweis't uns die Kritik und die Musik-\nPhilosophie, dass dieser oder jener Componist ein Genie sei;\naber das Publicum will nicht daran glauben. Dabei tummeln\nsie sich auf dem Gemeinplatze herum, dass alle grossen Gei-\nster im Anfange verkannt worden wären, was in der Allge-\nmeinheit, wie sie es für ihre Freunde in Anspruch nehmen,\ngar nicht wahr ist, namentlich in der Geschichte der Ton-\nkunst nicht wahr ist. Alle grossen Kunstleistungen, alle\nwahrhaft schönen Werke sind fast immer vom Publicum\neher anerkannt worden, als von der Kritik. Sagt uns nicht\nGluck selbst *), dass „die Musikgelehrten, die Leute von\nGeschmack gegen die Alceste tobten, dass sie seine Musik\nals barbarisch, wild und überspannt verdammten\" ? Und wer\nbezwang die Kritik? Das Publicum von Paris im vollen\nOpernhause bei der ersten Aufführung der Iphigenie, die\nBegeisterung der Masse, die Officiere, die bei der Zorn-Arie\ndes Achilles an die klirrenden Schwerter schlugen, der\nEnthusiasmus, den der Blitz des Genie's augenblicklich ent-\nzündete. Und war es nicht das Publicum von Prag, das\nMozart's Belmont und Constanze, das seinen Don Juan an\nden Verunglimpfungen der Kritik rächte? Und als Cherubini\nseine Lodoiska zum ersten Male aufführte (1791), war es\nda nicht das Publicum, das sich nach der Ouvertüre und so\nfort nach jeder Nummer wie Ein Mann von seinen Sitzen\nerhob und ihm ein Hoch brachte? Und schlug nicht das\nPublicum bei der ersten Aufführung von Spontini's Vestalin\nalle Ränke und Umtriebe der Kritiker von Fach mit Einem\nMale nieder? Und wartete etwa das Publicum bei Webers\nFreischütz mit seiner Bewunderung so lange, bis Fr. Bren-\ndeln kritischer Scharfblick entdeckt hatte, dass wir „auf\nden Standpunct, auf welchem diese Oper sich bewegt, wie\nauf die Träume und Spiele der Kindheit zurück blicken\nmüssen\" **) ?\nEs mag für manche Kritiker und Componisten besser\nsein, dergleichen Thatsachen mit Stillschweigen zu über-\ngehen. Und das waren Zuhörerschaften aus dem vorigen\nund aus den ersten Jahrzehenden des jetzigen Jahrhunderts.\nUnser gegenwärtiges Publicum und das ist es, was die\nHerren ganz und gar vergessen —• ist aber ganz anders\nmusicalisch gewachsen; es ist an Haydn, Mozart und Beet-\nhoven gross gezogen, und Bach und Händel und Gluck sind\nin ihm zum Theil wieder lebendig geworden. Ein solches\nPublicum hat hoffentlich ein Recht, mitzusprechen, und wenn\ndie Anmassung der unfehlbaren Schule es für unmündig und\nnicht stimmfähig erklären will, so wird es wenigstens, und\n*\nzwar mit sicherem Erfolge, einen passiven Widerstand ent-\nwickeln, der jeden Unbefangenen überzeugen muss, dass es\nsich seine grossen Männer nicht von einem Parteiblatt oc-\ntroyiren lassen wolle. Gebe man uns ein einziges Beispiel\naus der Geschichte der Tonkunst, wo die Kritik, wohlver-\nstanden die Kritik der Zeitgenossen für und das Publicum\n\n*) In der Widmung vor der Partitur seiner Oper: „Paris und\nHelena.\"\n**) Siehe Stoppellese in der Rheinischen Musik-Zeitung, Jahrg. fIT-\nNr. 38.- S. 1133."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "4", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.4", "texte": "gegen ein Kunstwerk gewesen, und jene einen Sieg davon\ngetragen, dessen Folgen Bestand gehabt, so wollen wir ein-\nräumen, es müsse Parteiblätter geben. Aber freilich ist es\nrathsamer für diejenigen selbst, welche sich als Entdecker\nunbekannter Schatzgruben ankündigen, und für die He-\nrolde des neuen Reichthums, welche\nbegabten Manns Natur- und Geisteskraft,\ndas Gold gemünzt und ungemünzt zu finden,\nmit der Partei Posaunenton verkünden —,\ndie Erbschaft jener grossen Todten Gluck, Ilaydn, Mo-\nzart, Beethoven, Weber nicht anzutreten; denn das würde\nVerpflichtungen nach sich ziehen, und es ist jedenfalls be-\nquemer, die Schuld an die Gegenwart mit Wechseln auf\ndie Zukunft zu bezahlen.\nWir müssen hier abbrechen und werden, was wir sonst\nnoch auf dem Herzen haben, in der nächsten Nummer aus-\nsprechen.\n\nPariser Briefe.\n\nIch versprach Dir in meinem letzten Briefe einen Be-\nricht über zwei spanische Wunderdinge. Ich halte Wort.\nDas eine ist eine Oper, die uns Deutschen allhier in der\nThat spanisch vorkam; da aber die Franzosen diese ironi-\nsche Redensart nicht kennen, so nannten sie die Oper\nohne Weiteres erbärmlich. Und mit Recht. Man muss zu-\nvor wissen, dass es hier nachgerade auch Mode wird, wie\nda drüben in Deutschland, dem Fremden nachzulaufen, und\nso glaubt denn Mancher, wenn sein Schaustück nur jen-\nseits der Pyrenäen oder Alpen oder auch des Rheines her-\nstamme, so sei das hinlänglich, um die neugierige Menge\nherbeizuziehen und, wenn's Glück gut ist, Ruhm und Geld\nzu holen.\nVon dieser Idee denn was heisst nicht heut zu\nTage alles Idee! getragen, kam ein Herr Jose de\nCiebra, ein spanischer Guitarrenspieler, von Madrid nach\nParis. Spaniens schöne, volltönende Sprache, seine Volks-\nMelodieen, von denen ja so viel die Rede ist in der musi-\ncalischen Welt, seine Geschichte mit den Maurenprinzen\nund den Gärten der Alhambra, seine Ständchen, seine ver-\nschleierten Schönen und ihre durch die Nacht des Schleiers\nsternblitzenden Augen, ihre glühende Liebe und ihre sprü-\nhende Eifersucht welch ein Stoff für die Oper! Welche\nSpannung erregte da nicht Jose de Ciebra, zumal da es\nverlautete, dass er, wie Richard Wagner in Deutschland,\nDichter und Componist in Einer Person, und dass seine\nOper Maravilla, d. i. Wunder, betitelt sei! Leider\nreimt sich auf Wunder Plunder, und das Wundervolle\nbei dem ganzen poetisch-musicalischen Kunstwerke be-\nschränkt sich auf den Titel. Der ganze Kram ist echt spa-\nnisch, eine Paarung von Armuth und Eitelkeit, von Dürf-\ntigkeit und Stolz, von Nichtigkeit und Dünkel. Doch ist der\nComponist besser als der Dichter; denn etwas Abgeschmack-\nteres als das Gedicht lässt sich nicht leicht denken. Seine\nOuvertüre enthält einige interessante National-Melodieen,\nsie taucht ihre Schwingen sogar durch den Wechsel von\nzwei- und dreitheiligem Tact in die neuesten rhythmischen\nFortschrittswogen, und für einen Guitarristen versteht Jose\nde Ciebra seine Instrumentirung gar nicht übel. Auch bringt\ndie Partitur einige pikante Melodieen, ein paar hübsche\nNotturno's, einen zweistimmigen Nonnenchor in Terzen und\nSexten, in welchen die Unschuld der Harmonie dem jung-\nfräulichen Personal entspricht, ein artiges Duett u. s. w.\naber was bedeuten diese paar Muscheln von einigem\nFarbenschimmer, wenn sie auf einem Meere von Textun-\nsinn und von Tontrivialität schwimmen? Ei nun, sie bedeu-\nten eben, dass es mit der spanischen Musik nichts ist, dass\nsie höchstens durch einige Bolero's, Cachucha's, Fandango's\nauf die Beine wirken kann, in allem Uebrigen aber eine\nTochter der neueren italiänischen Musik ist, und zwar eine\nStieftochter, um deren Erziehung sich die Mutter sehr we-\nnig bekümmert hat.\nAber für das zweite Wunderding aus Spanien allen\nRespect! Das heisst: was man so eigentlich Respect nennt,\ndas kann man auch nicht wohl spüren, da man, um den\nKunstgenuss vollständig zu empfinden, einige Vertraulich-\nkeit mit dem Canon des Praxiteles und den Formen der\nmediceischen Venus mit ins Theater bringen muss. Aber\nein wahres Blendwerk für die Sinne ist es, die Spanierin\nPetra Camara auf dem Theater des tanzen zu\nsehen. Tanzen kann man eigentlich nicht sagen; denn sie\ngibt uns nur die mimisch-plastischen tanzartigen Bewegun-\ngen der spanischen Nationalweise, und verhält sich zu den\ngeschulten pariser Ballet-Tänzerinnen, wie eine Nymphe\ndes Waldes zu akademischen Puppen. Sie erscheint und\nwirft aus den dunkeln Augen einen langen Blitz auf die\nurplötzlich gebannten Zuschauer: dann beginnen die\nSchlangenwindungen, die schwanken Biegungen, die kühnen\nSchwingungen, die Bebungen der Glieder, mit einer Anmuth\nund doch zugleich mit einer Gluth, dass wir eine Phantasie\nder Plastik schauen, wie wir sie kaum ahnen konnten*).\n\n*) Da hätten wir ja denn wohl das Urbild unserer Pepit a de\nOliva in der Petra Camara zu suchen?\nAnm. d. Red."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "5", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.5", "texte": "Auch ihre spanischen Mit-Tänzer und Tänzerinnen sind künst-\nlerisch nicht unbedeutend.\nDer Ruhm des kölner Männergesang-Ver-\ne i n s ist von London auch zu uns herüber gedrungen und\nhat hier manche Erörterungen veranlasst, wie es wohl an-\nzufangen sei, auch bei den Franzosen Vereine ins Leben\nzu rufen, die den Chorgesang anbauen und zur Vollkom-\nmenheit, zum „Triumph der Nationalität\" emporbringen\nkönnten. „Es liegt nur an dem Mangel an Gesangschulen\nfür das Volk\", schreiben die Einen. „Es hängt nur davon\nab, dass unsere grossen Gesanglehrer sich zu der Menge\nherablassen\", sagen die Anderen. Ihnen antwortet eine\neinzelne Stimme in einem musicalischen Blatte ganz richtig:\n„Glaubt ihr denn, dass nur der allgemeine Unterricht an\nder Blüthe des Männergesangs in Deutschland schuld sei?\nZählt vor dem Unterricht nicht die natürliche Anlage, das\nTalent? Seit länger als dreissig Jahren lehren wir auch\nVolksgesang in Paris und lehren ihn gut, und dennoch hö-\nren wir nie des Abends ein Ständchen auf der Strasse, oder\nein Lied von Studenten oder Handwerkern auf den Spa-\nziergängen, das nur erträglich wäre.\" Und so ist es\nauch. Die Pariser haben zwar viel Esprit de corps, aber\ngar keinen Sinn für Chor; ins Volk ist nur die Chanson\ngedrungen, und diese, wenn sie auch nur gekräht wird, ge-\nfällt durch den naiven Vortrag und die deutliche Aussprache\ndes Textes. Aber an guten Stimmen fehlt es ganz und gar\nim pariser Volke, es gibt weder klangvolle Brusttenöre,\nnoch volle Bassstimmen. Es greift förmlich die Nerven an,\nwenn man einen auch nur einstimmigen Volksgesang hier\nhört, geschweige denn einen zwei- oder gar mehrstimmigen!\nEine interessante Fehde hat sich zwischen den beiden\nbedeutendsten hiesigen musicalischen Zeitungen entsponnen.\nDie France musicale, deren Eigenthümer und Redacteurs,\ndie Gebrüder Escudier, die eifrigsten Vorkämpfer für italiä-\nnische Musik und namentlich für Verdi sind, den sie für\ndie Incarnation der Tonkunst halten, ist entrüstet über eine\nNotiz von höchstens zehn bis zwölf Zeilen, in welcher die\nGazette musicale den Fall der Oper Rigoletto in London\nanzeigt, und schleudert gegen dieselbe einen Artikel mit der\ngrossartigen Aufschrift: „So schreibt man Geschichte!\"\nDarin geht es denn wieder über die Deutschen her: „Die\nGazette sei das Organ der deutschen Musik im Allgemei-\nnen und der Meyerbeer'schen im Besondern wer sollte\nahnen, dass es in Paris eine halbdeutsche Zeitschrift gebe,\ndie mit dem Begraben der italiänischen Musik beauftragt\nsei? im Laden des Hrn. Brandus (Eigenthümers der\nGazettej sei der Sammelplatz der deutschen Coterieen\nzwischen Berlin, London und Paris bestelle eine Art von\nSanitäts-Cordon gegen die neueren italiänischen Melodieeri\nund zugleich eine gemeinsame Werkstatt für die Propa-\nganda von Robert dem Teufel u. s. w.\" Dann wird mit\nder grössten Dreistigkeit versichert, dass die genannte Ver-\ndi'scheOper in London einen „glänzendenSieg\" davon ge-\ntragen, in Wien und Petersburg „wahren Fanatismus\" er-\nregt habe was alles nicht wahr ist, wie Jeder weiss.\nDagegen richtet denn die Gazette ein mitunter sehr\nbeissendes und, was für Paris etwas kleinstädtisch ist, auf\nPersönlichkeiten und frühere Verhältnisse des angreifenden\nTheils anspielendes Manifest, worin sie sich schuldig bekennt,\nGluck, Ilaydn, Mozart, Beethoven, Weber u. s. w. aller-\ndings für grosse Meister zu halten, obschon es Deutsche\nwären. Es thut ihr leid, den Frieden mit der Frau Colle-\ngin nicht mit dem Ausruf: „Es gibt keinen andern Gott als\nVerdi, und Herr Escudier ist sein Prophet!\" erkaufen zu\nkönnen, und sie leuchtet überhaupt in witziger und schla-\ngender Weise dem Ritter der France heim. Das grosse\nPublicum kümmert sich um den Streit sehr wenig, weil\nVerdi, um den er sich hauptsächlich dreht, trotz alles Po-\nsaunens der France hier gar kein Publicum hat; aber die\nmusicalische Welt und besonders die Componisten haben\nSpass an dem Hader zweier Verleger. Das Ganze lässt\nübrigens einen tiefen Blick in die Maschinerie der hiesigen\nJournalistik und in die Natur ihrer treibenden Kräfte thun.\n\nB. P.\n\n*).\nWeiss der Himmel, was in die Musiker gefahren ist,\ndass sie jetzt alle unter die Philosophen gehen wollen! Da\nliegt mir ein Buch vor, das offenbar für Musiker, für Män-\nner vom Handwerk, insbesondere für Gesanglehrer, ge-\nschrieben ist, welches aber das viele Vorzügliche und Treff-\nliche, das es enthält, in einen solchen kunstphilosophischen\nDunst hüllt und mit einem solchen Phrasenkram umwickelt,\ndass der praktische Musiker sich nur mit Mühe durcharbei-\nten und die beste Lehre in solcher Form keinen Eingang\nfinden wird. Wenn die Herren doch bedenken wollten,\ndass man, um gute Gedanken über Musiklehre aller Art\nlebendig und wirksam zu machen, sich an die Musiker wen-\nden und vor Allem die Sprache des gesunden Menschen-\nverstandes und erst dann die technische Sprache ihrer\nKunst, niemals aber einen Doctor- und Magister-Jargon\nreden müsse, der aus unverdauten wissenschaftlichen Brocken\n\nStoppellese\n\n*) Vergl. Rhein. Mus.-Zeit. Jahrg. 111. Nr. 37, 38, 39, 41, 49."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "6", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.6", "texte": "und einer starken Dosis nebeliger Gefühls-Romantik zusam-\nmengesetzt ist.\nIch lege eben die zweite Ausgabe von Nehrlieh's\n„Gesangkunst, physiologisch, psychologisch, ästhetisch\nund pädagogisch dargestellt und durch eine rationelle Basis\nzur Wissenschaft erhoben,\" aus der Hand. Ich wiederhole,\ndass der Kern des Buches, das praktisch Anwendbare, wenn\nman die Geduld hat, es sich heraus zu suchen, zu dem\nBesten gehört, was über den Gegenstand geschrieben ist,\nund es ist besonders interessant, den Standpunct Nehrlich's\nmit dem von Delsarte zu vergleichen, den wir neulich aus\nden gediegenen Aufsätzen über Gesangbildung in Ihrer Zei-\ntung kennen gelernt haben. Ich hoffe, auf diese Verglei-\nchung später zurückzukommen. Allein statt der „durchaus\numgearbeiteten und sehr vermehrten\" Auflage wäre eine ver-\nkürzte, mit Beseitigung des phraseologischen Schwulstes,\nwünschenswerth gewesen. Urtheilen Sie selbst nach der\nfolgenden kleinen Stoppellese aus dem Werke, die ich Ih-\nnen sende.\nDa erfahren wir z. 8., warum manche Künstler in spä-\nteren Jahren nicht genügen; denn: „Diejenigen von den\njugendlich (?) begabten Künstlern, welche nicht zum Leben\neiner organisch und geistig freigewordenen Menschennatur,\ngleichsam durch Wiedergeburt, in späteren Jahren durch-\ngedrungen sind, sondern in der Sentimentalität des\nEmpfindungslebens haften, können der Gebunden-\nheit der Natur halber in vorgeschritteneren Jahren .nicht\nmehr befriedigen.\" (S. 20.)\nDie Aufgabe des wahren Kunstlehrers ist (nach S. 41),\n„den Kunstjünger nach seiner göttlichen Bestimmung zu\nder vollkommenen Entwicklung lür Seele uud Geist durch\neine höhere Kunst- und Weltanschauung in eine vollkom-\nmenere Lebensstufe hinüber zu leiten (!).\" „Dies ist\num so nothwendiger, weil die Seele durch ihre Gebun-\ndenheit eine Einheit mit dem Körper bildet, die auf einer\nSeite den scheinbaren Vorlheil hat, dass die volle Na-\ntur des Jugendschönen dieses Alters, als ein Ganzes, das\nnöthige kräftige Leben besitzt, um in ihrer Gebu n g s-\nweise als etwas scheinbar Vollendetes oder der höch-\nsten Entwicklungsstufe der Menschennatur Angehörendes\ndazustehen!!\" Daher ist denn auch die letzte Aufgabe der\nKunst (S. 500): „das Leben zu wecken und in natürlicher\nGesundheit, höherer Reinheit und Kraft zu erziehen, bis es\nals ein seelisch-geistiges, in seiner Idealität und höheren\nFreiheit bei vollstem Selbstgenuss erhebend und segens-\nreich zu wirken belähigt ist.\" Ja, ja!\nWas dem Enkel frommt,\nDarüber wird viel geträumt:\nAber worauf es eigentlich ankommt.\nDas wird gewöhnlich vom Lehrer versäumt.\nHiernach wird man neugierig auf die Methode für\nden Gesang. Sie ist „nur Eine, nämlich: ein für den Unter-\nricht auf Regeln zurückgelührtes und aus tiefer Erkenntniss\nder Natur und ihrer Gesetze geschöpftes, also dem Le-\nben entnommenes und von ihm bedingtes natur-\ngemässes Verfahren, zur höchsten Ausbildung der einzel-\nnen dem vollendeten Gesang erforderlichen orga-\nnischen und seelischen Kräfte, in gegenseitigem Gleichge-\nwicht, für eine Harmonie des Ganzen.\" (S. 72.) Und\nwas ist der Ton? „Der Ton lässt sich ganz als Kör-\nper, ganz als Seele, und endlich als Beides zusam-\nmen betrachten. Seine Seelen-Eigenschaften müssen als\nseine Idealität aufgefasst werden und so den zweiten Factor\ndes Schönen zur Wahrnehmung bringen. Wird der Ton\nals Körper und Seele unterschieden, so kann er dann auch\nin beiden Momenten zusammengefasst werden und das le-\nbendige oder charakteristische Schöne entfalten, mit wel-\nchem sich das formale und ideale Schöne zum Kunstschönen\nvereinigen.\" (S. 325.) Ferner:\n„DasUebergehen der freien Seele in den leben-\ndigen Athem und das durch ihn vermittelte Verschmel-\nzen der gehauchten und gefassten Töne zu geeigneten\nSeelenhüllen, die in ihrer äusseren Farbenpracht das\ninnere Seelenleben abspiegeln und dadurch die Scheidewand\nzwischen der Endlichkeit und Unendlichkeit durch sichtig\nO\nmachen: das alles zusammen ist „Tonmalerei\".\n(S. 329.)\nUeber den Unterschied von Declamation und Ge-\nsang werden wir (S. 331) also belehrt:\n„ In der Sprache des Declamators, wie er sein soll, trägt\njedes Wort ein eigenthümliches Leben, welches durch\ndie Beseelung der Vorstellung als des Körpers,\nmittels des Gefühls als der Seele zu Stande\nkommt; in der Sprache des Sängers., wie er sein soll,\nträgt jeder Ton ein eigenes Leben, nur ist hier das Leben\ndurch Beseelung des Gefühls als des Körpers,\nmittels der Vorstellung als der Seele zu Stande\ngekommen.\" Ferner: „Soll der Ton das Wort, das\nGelühl die Vorstellung tragen, so müssen Wort und Vor-\nstellung die Natur des Tragenden, Körperlichen, Formalen\naufgeben, die sie in der Sprache des Declamators haben,\nund die Natur des Getragenen, Geistigen, Idealen annehmen.\"\nEndlich heisst es im diätetischen Theile(S.4lß):\n„Der Stimm-Organismus ist eine Art verkörperter Gefühls-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "7", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.7", "texte": "Welt, die Sinnlichkeit dagegen eine Art vergeistigten Kör-\npers; daher ist jener seiner Bestimmung nach reine Offen-\nbarung des Aesthetischen, obwohl er als ein Theil des Kör-\npers auch das Thierische offenbaren kann; diese aber ist\nOffenbarung des Thierischen, obwohl sie vermöge ihres gei-\nstigen Wesens ganz in die Psyche aufgelöst und rein ästhe-\ntisch werden kann.\"\nDoch Sie haben gewiss schon längst genug an diesen\nPröbchen.\n[Ja wohl! Allein ich denke:\nLasst mir die jungen (?) Leute nur\nUnd ergötzt euch an ihren Gaben!\nEs will doch Grossmama Natur\nManchmal einen närrischen Einfall haben.]\n\nW.\n\nEigenheiten von Componisten.\nLesueur war entsetzlich zerstreut. Oft suchte er seine Brille,\nwenn er sie auf der Nase hatte, und einst warf er alle seine No-\nten-Manuscripte und Papiere durch einander, um seine Schnupfta-\nbaksdose zu suchen, welche ihm beim Aufstöbern sehr hinderlich\nwar, da er sie in der Hand hielt. Ein anderes Mal rief er seine\nFrau und bat sie, ihm doch auch seidene Strümpfe zu geben, sie\nhabe ihm nur baumwollene und auch davon nur Einen hingelegt.\nDie Frau kommt und sieht, dass in der That die drei anderen\nStrümpfe, die sie ihm gebracht hatte, verschwunden sind. Er hatte\nsie alle vier über einander auf Ein Bein gezogen.\nBlangini, der mehrere Opern und recht hübsche kleinere\nGesangsachen geschrieben hat, trieb die Zerstreutheit noch weiter.\nEinst war er als Zeuge zu der Hochzeit eines Freundes geladen.\nDer Notar las den Ehecontract vor, und die Zeugen unterschrieben.\nAls man den Componisten ebenfalls zur Unterschrift aufforderte,\nstand er mehrere Minuten mit der Feder in der Hand still und\nunbeweglich, wie einer, der in irgend welche Gedanken vertieft\nist. „Unterschreiben Sie doch!\" rief ihm endlich der ungeduldige\nBrautvater zu. „Lieber Freund!\" antwortete Blangini, „helfen\nSie mir doch aus der Verlegenheit und sagen Sie mir gefälligst, wie\nich heisse.\"\nGretry blieb der altfranzösischen Tracht auch in der Ptevolu-\ntions-Periode treu. Als Napoleon im Jahre 1804 das Institut na-\ntional besuchte, trug Gretry sein gewöhnliches auffallendes Costume\nund eine gewaltige Pcrrücke. Der Kaiser kannte ihn noch nicht\nund konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er an ihn kam.\n„Wie heissen Sie?\" fragte er. „Gretry\", war die einfache Ant-\nwort. Einige Minuten später kam Napoleon wieder an derselben\nReihe der Akademisten zurück und fragte wieder: „Wie heissen\nSie?\" „Immer noch Gretry\", erwiderte der Componist mit\nder grössten Kaltblütigkeit.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nlitt in, 26. Juni. Gestern Nachmittags nach 6 Uhr kam unser\nMännergesang-Verein von seiner ruhmvollen Sängerfahrt nach Lon-\ndon mit einem Extrazug der rheinischen Eisenbahn zurück. Der\nBahnhof war mit Eichenlaub und Fahnen verziert, in seinem In-\nnern war der Vorstand des Dombau-Vereins und die Deputirten\nder hiesigen musicalischen Gesellschaften, ferner der Bürger- und\nHandwerker-Gesang-Verein u. s. w. versammelt, und der Präsident\ndes \\ orstandes des Dombau-\\ ereins, Hr. Justizrath Esse r 11., empfing\ndie Ankommenden mit einer Anrede, welche Hr. Musik-Director\nWeber mit einem Hoch auf Köln erwiederte. Dann fuhr der Zug,\ndie Regiments-Musik des Cuirassier-Regiments von Deutz voran,\ndurch die geschmückten Strassen nach dem Rathhause, wo Hr.\nBürgermeister Stupp den Verein im Namen der Stadt Cöln im\ngrossen Saale durch eine gehaltvolle Rede begrüsste, worauf Rode-\nrich Renedix für den ehrenvollen Empfang des Vereins in einigen\nherzlichen Worten dankte. Die Rückreise durch Belgien war ein\n1 riumphzug: namentlich hat die Stadt A 111 wer p e n den Sängern,\nwelche durch eine Deputation eingeladen wurden, von Brüssel aus\nhinüber zu kommen, ein glänzendes Fest gegeben.\nAm 29. Juni gab der Verein hier im Saale des Gürzenich ein\nConcert, welches an 2000 Zuhörer herbeigezogen hatte. Wir\nberichten darüber in der nächsten Nummer.\nWeimar. Auf Liszts Einladung ist B. A. Marx von Ber-\nlin hier gewesen und hat sein Oratorium „Moses44 mit grossem\nBeifall aufgeführt.\nDie Sängerin Jetty Treffz lebt jetzt in Wien und hat sich\nganz von dem Öffentlichen Auftreten zurückgezogen sie ruht auf\nden goldenen Lorbern, welche sie auf den gesegneten Gefilden Al-\nbions gebrochen hat. Ob sie wohl dem Capellmcister Kücken,\ndessen Lied: „Trab! trab! mein Rösslein\", ihren Ruf in England in\nTrab gebracht, ein Zweiglein davon zum Andenken übersandt hat?\nl*aris. Am 25. Juni haben Schreiner, Maurer und Tapezierer\ndas Opernhaus eingenommen. Es wird sechs Wochen lang ge-\nschlossen bleiben. Die letzten drei Opern waren „die Hugenotten\",\n„Der ewige Jude\" und „Der Prophet\". Frl. Stell er ist in den\nHugenotten zum zweiten Male und mit noch mehr Erfolg als beim\nersten Male aufgetreten. Frau Tedesco ist auf besondere Einla-\ndung des Theater-Unternehmers Herrn Gye von Coventgarden in\nLondon dahin abgereis't. Frl. Lagrua wird zum Herbste an die\nOper nach \\\\ ien gehen. Neulich verklagte ein Schauspieler\nden Redacteur einer hiesigen Theater-Zeitung wegen Injurien. In\nerster Instanz wurde der Redacteur in 5 Frcs. Strafe und 300 Frcs.\nSchadenersatz verurtheilt, vom Appelhofe aber gänzlich freigespro-\nchen und der Kläger in die Kosten verurtheilt. Die Gründe spra-\nchen sich dahin aus, dass eine Kritik, welche sich nicht auf die\nmoralische Würde des Menschen einlasse, sondern nur dessen\nLeistung als Künstler bespreche, auch durch den schärfsten Tadel\nniemals eine Injurie enthalten könne.\nAuf der pariser Gemälde-Ausstellung zeichnet sich ein Por-\ntrait der Pianistin Wilhelm ine Clauss sehr vortheilhaft aus.\nEs ist von Rillard, einem der ersten Portraitmaler in Frankreich.\nDas reizende Bild der jungen deutschen Künstlerin ist zart gehal-\nten und mit einem eigentümlichen Farbenschmelze geinalt; das\nseidenweiche Blondköpfchen, die klugen und doch naiv und un-\nschuldig blickenden Augen trösten uns, denn aus ihnen spricht ein\nschönes Stück Gegenwart und Zukunft.\nliiverjpool. 1 In dem vierten Concert der hiesigen philharmo-\nnischen Gesellschaft trat Frl. Agnes Büry bei uns zum ersten\nMale auf und mit grossem Erfolg. Die junge Dame hat ein ein-\nnehmendes Aeusseres und eine schöne Stimme von merkwürdiger\nGleichheit des Tons und trefflicher Ausbildung; sie singt mit Le-\nben und Ausdruck, so dass es erquickend ist, sie zu sehen und zu\nhören. Sie sang eine Arie, mehrere Lieder, und ein Duett mit\nHrn. Reichart und ein Terzett (aus Kreutzers „Nachtlager\") mit\ndiesem Tenoristen und mit Hrn. Pischek. Reichart war hier noch\nwenig bekannt, hat aber die auf ihn gefallene Wahl des Vorstan-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "8", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530702-01.1.8", "texte": "des vollkommen gerechtfertigt; seine erste Arie: „Ach, wie ängst-\nlich\", aus Mozart's „Entführung\" erwarb ihm sogleich die wärmste\nTheilnahme. Pischek bewährte seinen alten Ruhm. Ein wahrer\nGenuss war die Einheit des Stils und der gleiche Ausdruck im\nZusammensingen dieser drei deutschen Künstler, welche Eigen-\nschaften sehr vortheilhaft gegen ähnliche Leistungen von italienischen\nund englischen Sängern abstachen.\nlO. Juni. Henriette Sontag ist am 4. dieses\nMts. wieder hieher zurückgekehrt, aber nur durchgereis t, um sich\nauf den schönen Landsitz zu begeben, den man ihr in Staten-\nIsland eingerichtet hat. Sie wird sich einige Wochen Ruhe gön-\nnen, bevor sie bei uns in den Sommer-Concerten in Castle-Garden\nauftritt. Alle Zeitungen von Boston und den östlichen Staaten\nsind ihres Lobes voll. Der Pianist Jarll hat neuerdings durch\n\\\ntreffliche Vorträge Chopin'scher Musik sehr gefallen. Er ist im Be-\ngriff, nach Europa zurückzukehren. Die Alboni und ihre italieni-\nsche Oper haben das Feld geräumt, das die Sontag nun allein be-\nherrschen wird. Im Concertgeben wird sie jedoch einen gefährlichen\nNebenbuhler an Jullien aus London erhalten, der mit einem\nOrchester von achtzig Personen, der Sängerin Zerr und anderen\nNotabilitäten auftreten wird. Für den Herbst zeigt ein Unterneh-\nmer auch jetzt schon die Ankunft der Frl. Grisi und des Tenors\nMario an."}]}