{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_sha256": "96136fccd985acda371b4a6b42a8408b66eeb23ae31250ddfcf6c54d935ccf2b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/07/30_01/bmtnabi_1853-07-30_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-30_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "33", "page_fin": "36", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.2.1", "titre_corps": "Händel’s Allegro und Pensieroso.", "titre_sommaire": "Händel’s Allegro und Pensieroso.", "signature_source": "G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4252, "texte": "Händel’s Allegro und Pensieroso.\n\n(Schluss. S. Nr. 4.)\nEs ist unter Musikkennern, die Kritik und Vergleichung\nüben, eine altbekannte Sache, dass die unmittelbare Nach-\nahmung von Naturlauten, die so genannte musicalische Ma-\nlerei, nie so sinn- und reizvoll geübt worden ist wie von\nHändel, ja, dass sie ausser ihm kaum jemals von Jemandem\nversucht wurde, ohne dass eben das, was bei ihm mit der\nseltensten Sicherheit des Geschmackes in den feinsten Grän-\nzen des Schönen gehalten ist, ins Lächerliche und Abge-\nschmackte geführt hätte. Höre man den Echohall in dem\nJagdliede (Nr. 16), ob es möglich ist, die künstliche\nNachbildung einer kunstlosen Naturerscheinung ferner von\naller EfFecthascherei, gleichsam musicalischer zu machen als\nhier geschehen ist. In den Lerchen- und Nachtigall-Gesän-\ngen (Nr. I*2, 13,14) ist in dieser Beziehung Kühneres ab-\nsichtsvoller gewagt; Instrumente und Stimmen wetteifern\nhier, die Naturlieder dieser ältesten Sangmeister der Men-\nschen nachzubilden; die seelenvollen Töne, die uns in dem\nGesang der Nachtigall so entzücken, sind an einzelnen Stel-\nlen nur in Noten übertragen und zur Nachahmung ausdrück-\nlich bestimmt; und wenn das von einer Sängerin ausge-\nführt wird, die von der Natur (wie es die Sontag in ihrer\nJugend war) das Organ empfangen hat, mit der Vogelkehle\nwetteifern zu können, so wird man es entzückt selbst als\nblosse Nachahmung Wiederhören, obwohl nicht dort der\nKunstwerth dieser Arie liegt, sondern vielmehr in der Durch-\ndringung des nachgeahmten Stoffes mit dem geistigen Sinne,\nder die menschliche Zuthat in beiden ist. Denn es ist weit\nüber alles Vorbild der Natur und über ein blosses Kunst-\nstück der Nachahmung hinaus, wie das recht vorgetragene\nVorspiel zu dem Lerchenliede in die lachende Stimmung\ndes Morgens heiter versetzt, wie in einer Stelle des Recita-\ntivs zu dem Nachtigallenliede („Stumm walte Stille über-\nall\") durch die Seele der Sängerin alle Hörer in nachtstille\nAndacht gezaubert werden können, die dann jeder der süss-\nschwermüthigen Töne des Liedes höher spannen muss, wenn\nsie ohne theatralische Bravour-Uehertreibungen gesungen\nwerden. Hat man vollends einige psychische Erfahrung, um\nden blossen Satz einzelner tonvoller Worte („ so tönereich,\nso schwermuth-innig\" u. a.) zu fühlen, wo Händel (wie so\noft in anderen seiner Werke, so oft auch noch sonst in die-\nsem) in der sublimsten Feinhörigkeit wie mit magischer\nRuthe die Lichtfunken der Melodie aus den nackten Sylben\nherausschlägt, so wird man so tief in die innersten und ei-\ngensten Bereiche der menschlichen Seele versetzt, dass man\nan die unterliegende Nachahmung der Naturlaute thierischer\nGeschöpfe nicht weiter zurückdenkt, die in der Hand des\nStümpers ein absurder Mechanismus werden würde, in der\nsich hier dagegen der menschliche Geist in freiester Schöpfung\nzu spielen gefällt. So mag es eine leichte und äusserliche\nSache scheinen, mit der Nachahmung des Glockenhalls (in\nNr. 17) und des Nachtwächterrufs (Nr. 18) eine unfehl-\nbare Wirkung zu machen; aber die Ausdrücke der träume-\nrischen Feier zur Dämmerungszeit dort, und hier des fest-\nsicheren Schutzes, den die Nachtwache gewährt, das sind\nganz geistige und innerliche Wirkungsmittel, die mit kei-\nnem blossen, wenn auch noch so grossen, technischen Ta-\nlente in der Musik in Bewegung zu setzen sind. So kann\nman in dem Jagdliede (Nr. 16) glauben, nur eine Verar-\nbeitung sehr bekannter Hornklänge zuhören, daneben aber\nist das Stück so hoch charaktervoll, dass man aus jedem\nseiner fest-freudigen Töne heraushört: dies ist in einer Zeit\nund in einer Nation entstanden, wo es noch wahrhafte Jagd\nund Jäger gab.\nTonstücke, in denen die unmittelbarea Ausbrüche\nmenschlicher Seelenbewegungen dargestellt und die, Sprache\nder Leidenschaft in Musik übertragen wären, sind selten in\ndiesem Oratorium; sie fallen der Natur der Sache nach\nmehr in das Reich dramatischer Handlungen. Man weiss,\nwie meisterhaft Händel diese Sprache spricht, die man stel-\nlenweise auch hier (und so gleich in dem ersten Recitative)\nheraushört; er spricht sie in seinen bewegteren, begleiteten,\nariosen Recitativen am gewaltigsten; aber für diese fand\nsich hier wenig Gelegenheit. In dem Chor und der Arie\nNr. 5, 6 sind die unarticulirten Laute des frohen Gelächters"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5286, "texte": "versucht in künstlerischer Form auszudrücken; es ist eines\nder in diesem Werke so häufigen Stücke, deren blosser\nStoff, wie deren Behandlung, selbst vielen Rennern Händers\nals fremd und neu in ihm auffallen wird; man vergleiche\ndie Ausführung aber mit dem, was so oft Aehnliches ver-\nsucht worden ist, wie wohl gepaart in diesem (allezeit sehr\ngewagten) Unternehmen mit aller Wahrheit der Sache die\nSchönheit der Form ist, und wie in einem so leicht ins Nie-\ndrige überschlagenden Gegenstande die Würde der Kunst\nvollständig behauptet ist.\nWenn das Schildernde und Malerische in unserem Ora-\ntorium überhaupt vor dem Dramatischen die Herrschaft\nvoraus hat, so ist das ganz besonders in der Behandlung\njener Stellen der Fall, wo das Milton'sche Gedicht vorzugs-\nweise plastische Bilder von sichtbaren Dingen entwirft. Die\nUeberlragung des Wahrnehmbaren in das Vernehmbare ist\nhier und da von einer zauberhaften Wirkung und zeugt\nvon einer ausserordentlichen Tiefe der geistigen Begabung\ndes Meisters zur Beobachtung aller Dinge. Wenn Milton\ndie Trauermuse im Prachttalar oder die Schwermuth im\nFestkleide vorführt, wie ausdrucksvoll erhaben wird dies\nbei Händel durch nichts als ein paar getragene Töne, welche\ndie schwellende Schleppe des prächtigen Feiergewandes ver-\nsinnlichen. Wenn die Gedankentiefe der Melancholie ge-\nschildert wird, in der sie ihren schweren Blick zur Erde\nsenkt und sich zum Marmorbilde vergisst, so wird der Hö-\nrer unter leisem Schauer zum Seher bei den wenigen ein-\nlach wiederholten Tieftönen, die in beiden Bewegungen die\nSchwere und die Versteinerung ausdrücken. Dies sind\nWirkungen, denen auch der gewöhnlichste Zuhörer zu-\ngänglich ist; es gibt andere Stücke, wo viel feinere Züge\ndieser Art ausgeführt sind, die schnell aufzufassen schon\nfeinere Beobachter der inneren und äusseren Welt ver-\nlangt. In dem zweiten Theile von Nr. 14, der den Auf-\ngang des Mondes schildert, sucht Händel kein Mittel, die\näussere Erscheinung darzustellen, aber er versetzt mit wun-\nderbarem Geschicke in die Stimmung, in der wir wohl den\nMond hinter Wolken scheinbar hinwandeln sehen und in\ngespannter und gesteigerter Bewegung die Stille der Nacht\nmit einzelnen Lauten des Entzückens unterbrechen. Dem\nzu vergleichen und an sinniger Tiefe noch weit vorzuziehen\nist das Duett Nr. 50, wo, in dem Text des Dichters wie\nin dem duftigen Schmelze des Gesanges und seiner Beglei-\ntung, der Aufgang der Wahrheit aus der Nacht des Tru-\nges mit dem Bilde des Taganbruchs unter dem unmerklichen\nWegschmelzen der Morgennebel versinniieht ist. In anderen\nStücken, die kaum weniger ansprechend und vielleicht noch\nviel bedeutender gefunden werden dürften, sind wieder An-\nschauungen einer weit umfassenderen Art in Töne\nübersetzt. Man kann den Eindruck der lachenden Heiter-\nkeit einer mannigfaltig reichen Naturansicht von dem Auge\nauf das Ohr nicht sprechender übertragen, als es in Nr.\n20, 21 geschehen ist, noch den Eindruck eines städtischen\nFestgedränges wie in dem Chor Nr. 29, der mitten in das\nGewühl der Menschen, ja, durch einen gewissen galant-hö-\nfischen Anflug mitten in eine andere Zeit, wie in die ritter-\nliche Welt des Mittelalters versetzt. So rückt auch in dem\nAnrufe der Schwermuth Nr. 4 der ganze Charakter der\nArie in die öden Fernen trauernder Einsamkeit hin, wo die\nMelancholie vom düstern Saturn geboren ward.\nNoch interessanter, nicht vorzugsweise durch hörge-\nrechte, rein musicalische Wohlgefälligkeit, aber merkwür-\ndiger für die Erkenntniss der psychischen Tiefe Händel'scher\nMusik, sind wieder andere Theile unseres Oratoriums, die\nein Wiedertönen mehr intellectueller, als äusserlich sicht-\nbarer Erscheinungen in unserem Innern veranlassen. Es\nist nicht wohl möglich, wie dem Texte nach in Nr. 26 und\n•33 die Aufgabe wäre, von Trauerspiel und Lustspiel mu-\nsicalich eine allgemeine abstracte Vorstellung zu geben;\naber es ist vortrefflich, wie dagegen die Stimmungen aus-\ngedrückt sind, die jene verschiedenen Kunslleistungen su-\nchen und begehren, das genusssüchtige muthwillige Beha-\ngen und der sympathetische Zug einer gern mitleidenden\nSeele. In dem letzteren Stücke Nr. 33, wie in dem Polter-\nabend-Gesang-(Nr. 30) und in der Vorschrift des lydischen\nLiedes (Nr. 34) streift der Componist mit dem Dichter in\ndas Gebiet des wohligen Humors, wo der Tonkunst, wenn\nsie sich auf würdevoller Höhe erhalten will, nur geringer\nRaum gegeben ist; hier doch übergenug, dass sich ein ge-\nschickter Sänger vollkommen frei darin ausdehnen kann.\nIn diesen und verwandten Sätzen überschritt Händel's Kunst\neine Gränze, wo sie unmittelbar in die Regionen des Ge-\ndankenhaften geräth; es ist ein Schritt, der schon der Dicht-\nkunst nicht rathsam ist; für die Tonkunst ist er noch sehr\nviel misslicher. Dennoch hat Händel in vielen seiner Werke,\nauch in dem vorliegenden in drei Arien des dritten Tliei-\nles, zu didaktischen Dichtungstexten auch einen musica-\nlischen Ausdruck gefunden, den man kaum mit einem an-\nderen als demselben Worte bezeichnen könnte: es ist äus-\nserst fesselnd, wie er auch da einen Weg zu gehen weiss,\nauf dem er selbst Gedanken, Lehren, Begriffe auf das Ge-\nmüth hörbar zurückwirken lässt. In solchen Stücken scheint\ndie Tonkunst (die sonst ihrer Natur nach wesentlich mehr\nein Erzeugniss des instinetiven Genius ist) sich in ganz gei-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5298, "texte": "aiiger Bewusstheit ihrer Stoffe bemächtigt zu haben. Noch\nmehr ist dies dort der Fall, wo ihr in ihren Texten gera-\ndezu musicalische Aufgaben gestellt sind, wie es in dem\nTimotheus und der Cäcilien-Ode der Fall ist, den beiden\nTonwerken Händefs, denen der seiner ganzen Be-\nschaffenheit nach zugeordnet werden muss. Auch hier gibt\nso Nr. 34 die Eigenschaften eines lydischen Liedes an mit\nnur leichter Andeutung des Geistes, der darin herrschen\nsoll, wo andere Componisten leicht zu einer viel künstliche-\nren Ausführung wären versucht gewesen. Von solch ge-\nkünstelterem Charakter sind dagegen die beiden orphischen\nLieder Nr. 27, 35, wo dort die Wirkung angegeben ist,\ndie Orpheus' Klagelied auf den eisernen Pluto gemacht,\nhier die Wirkung, die der Frohsinnigen lydisches Lied auf\nOrpheus selbst machen soll; sie muthen der Stimme zu, mit\nden Mitteln des Instrumentes zu wetteifern, und sind offen-\nbar für virtuose Sänger geschrieben, die man im Gewag-\ntesten am liebsten hört; sie dürfen auch nur da gesungen\nwerden, wo man über solche Kräfte zu gebieten hat. Zwi-\nschen beiden Stücken liegt zur Entschädigung der charak-\ntervolle Gesang der Waldeinsamkeit Nr. 31, 32 sinnvoll\neingeschoben im geradesten Gegensatz. Auch hier ist der\nWiederschein eines äusseren Zustandes in den fernsten En-\nden unseres Innern geschildert, wo Denken und Träumen\nverschmilzt; selbst dort, wo kaum mehr dem betrachtenden\nGeiste vergönnt ist, die Vorgänge in unserem Gemüthe zu\nbelauschen, tönt dieser Zustand noch in Iländefs Ausfüh-\nrung, voll unergründlicher Wahrheit und Tiefe: dieses Stück\nin seiner classischen Reinheit, in seiner hohen Einfalt und\nausdrucksvollen Wahrheit rührt an die Höhen der Kunst,\nwo dem titanischen Geiste in seinem Aufstreben die Gränze\ndes „nicht weiter\" gezogen ist. Von einer ähnlichen Wir-\nkung ist auch der Schluss des Tänzchors Nr. 24, wo wie\ndurch die Träume der todmüden Tänzer die seligen Nach-\nklänge des verrauschten Genusses noch forttönen.\nSo mangelt in diesem lyrischen Kranze fast keine Seite,\nvon wo aus die Sangkunst uns anzuregen fähig ist. Nur\ngerade die Seite, von der wir Händel gewöhnlich allein\nkennen, die geistlich-religiöse, fehlt hier fast ganz. Nur Ein-\nmal in dem kleinen Choralsatze Nr. 39 streift er dahin\nüber, aber selbst das dazu gehörige Recitativ und die köst-\nliche Arie Nr. 41, die so idyllisch und freundlich mit dem\nGedanken an das Greisenalter verkehrt, ist von ganz welt-\nlicher Haltung. Dadurch färbt sich das ganze Werk we-\nsentlich verschieden von allen anderen Oratorien Iländefs\nund im Besonderen von seinen biblischen. Wenn er dort\nin der unwillkürlichsten Operation seines Genius, jedem\nWorte die entsprechende Zeit- und Localfarbe mittheilend,\nuns in das Alterthum zu vergangenen Geschlechtern zurück\nversetzt, so steht er hier dagegen mehr in der Gegenwart\nund empfindet und spricht in dem Geiste der Zeit und des\nVolkes*, der auch den Text zu dem Tonwerke geschrie-\nben hat.\nWenn man nach Fehlern suchen sollte, so würde in\ndem Allegro der hauptsächlichste wohl in dem Vorzuge\nliegen, dass es allzu reich und voll ist. Jedes einzelne Stück\nhat einen selbstständigen Reiz und Werth für sich; es fehlt\nan Schatten zu dem Lichte; es mangelt an häufigeren und\ngleichgültigeren Recitativen, auf denen der Geist ausruhen\nkann; es gebricht selbst an der öfteren Unterbrechung der\nChöre, namentlich in dem ersten Theile. Gleichwohl ist\nauch diesem in dem Texte gelegenen Uebelstande im kunst-\nrichtigsten Gefühle durch Anordnung und Verhältniss der\neinzelnen Stücke unter sich möglichst entgegen gearbeitet.\nSchon die plastische Festigkeit und charakteristische Ver-\nschiedenheit jedes einzelnen Gesangstückes, schon die Stärke\nder Gegensätze erleichtert es sehr, ohne Ermüdung auszu-\nhalten. In grösseren Gruppen leitet die sinnreiche Anord-\nnung des Textes zu einer gleichen Behandlung in der Com-\nposition, wodurch Abstufung, Steigerung, Vermannigfalti-\ngung hervorgebracht wird. So achte man darauf, wie die\nEinführung des Frohsinnigen im ersten Theile gleich An-\nfangs der Eintönigkeit vorbeugt; wie er erst, gleichsam in\ngetauschter Rolle, fast in der ernsten Strenge des Schwer-\nmüthigen den Bann des Abscheu's gegen die Melancholie\nausspricht; wie er dann in dem Andante der folgenden Arie\nseine Göttin, die Bacchustochter, nur in wenigen, mässig-\ndithyrambischen Zügen anruft, und wie sich hierauf in dem\nAllegro der Lach-Arie die Farbe der Freudigkeit steigert\nbis zu dem übermüthigen Prest des Lerchenliedes hinauf.\nDergleichen Kunstgriffe wird man in anderen Gruppen mit\nLeichtigkeit wieder entdecken. Steigen wir aus einzelnen\nGruppen zu denTheilen auf, so hat die Musik trefflich ver-\nstanden, den grossen Unterschied auszudrücken, nach dem\nder unterliegende Text die beiden ersten Theile geschieden\nhat; in dem ersten bewegen sich alle Freuden der beiden\nTemperamente in der freien Natur, in dem zweiten in Haus\nund Stube, mehr im Geistigen als im Körperlichen. Beiden\nTheilen ist dann ein dritter, der Gemässigte (il ModeratoJ,\nhinzugefügt. Dies würde dichterisch eine Pedanterie schei-\nnen, und um so mehr, als Milton's Frohsinniger undSchwer-\nrnüthiger sich mit ihren Neigungen ohnehin in den anstän-\ndigsten Gränzen halten. Musicalisch aber ist es vortrefflich\ngedacht und meisterhaft geordnet, dass auf die steten und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3154, "texte": "zum Theil sehr scharfen Gegensätze des Eindrucks, zwi-\nschen denen man in den zwei ersten Theilen beständig\nwechseln muss, ein dritter Theil folgt, der, an sich nicht zu\nlang, in einem ganz gleichmässigen, gelassenen Stil durch-\ngeführt ist, und ganz vorzüglich die Bestimmung erfüllt,\ndas Gemüth in befriedigter Ruhe und in einem hergestell-\nten Gleichgewicht zu entlassen. Obgleich der dritte Theil\ndichterisch nichts weniger als ein Meisterstück ist, so er-\nkennt man doch in dieser seiner Berechnung auf die musi-\ncalische Wirkung eine feinfühlige Hand. Der Herausgeber\ndes Allegro, Moscheies, kannte den Verfasser des Textes\nnicht. Er ist wahrscheinlich derselbe Mann, der die geschickte\nZusammenstellung des Textes zum Messias gemacht hat,\nHerr Jennens. In einem Briefe aus Dublin vom December\n1741 erzählt Händel diesem Manne, dass er seine Vor-\nstellungen mit dem Allegro begonnen habe, und versichert\nihm wiederholt, dass die Worte zu dem Moderalo sehr be-\nwundert wurden. Diese Versicherung kann eigentlich nur\neinen Sinn haben, wenn Jennens der Verfasser des Textes war.\nSollte der Allegro in Deutschland je zu einer öffent-\nlichen Aufführung kommen, so möchten wir wünschen, dass\nes nur da geschehe, wo man die unentbehrlichen Kräfte\nwirklich besitzt und die Geduld hat, den ausdrucksvollsten\nVortrag einzuüben, und dass mit der möglichsten Vorsicht\ndie Solo-Partieen an solche Sänger vertheilt würden, die\nfür schlichte Einfalt und Natur die feinsten Sinne mitbrin-\ngen. Es wird von gutem Erfolg sein, wenn statt einer drei-\ntheiligen, eine Trennung in zwei grössere und zwei klei-\nnere Unter-Abtheilungen gemacht wird, indem man im\nersten Theile eine kleine Pause nach Nr. 14 eintreten lässt.\nDer Uebergang aus den Gesängen des Frohsinnigen zu de-\nnen des Schwermüthigen und umgekehrt muss nicht so\nrasch geschehen, dass nicht dem Hörer eine kleine Samm-\nlung gegönnt sei. Die Oratorien haben bisher den köstlichen\nVorzug behauptet, dass sie auf keinen anderen als den\nmusicalischen Sinn allein wirken mit den eigensten Mitteln\nder Tonkunst. Wie die Welt beschaffen und durch den\nSinnenkitzel der Oper verwöhnt ist, ist dieser Vorzug frei-\nlich für die Geltung der Oratorien zugleich ein grosser\nNachtheil geworden. Wollte man die Wirkungen auf das\nAuge zu Hülfe nehmen, wollte man das Oratorium auf dem\nTheater aufführen, zwischen zwei wetteifernden Gruppen\nund Chören, die sich im dritten Theile zu Einem vereinten,\nwollte man den Inhalt von Dichtung und Musik mit sinnig\nausgeführten Transparenten unter wechselnder Beleuchtung\nerläutern so könnte unstreitig ein rauschender Effect\nerzielt werden. Ob es aber im Interesse des höheren Kunst-\nSinnes wünschenswert!) sei, gerade eine so tiefinnerliche\nKunst wie diese zur Herablassung zu solchen äusseren\nHülfsmitteln zu bestimmen, lassen wir dahingestellt. Bei\nHändel's meisten biblischen Oratorien würden wir eher zu-\nrathen, da sie in der That nichts als einfache Opern, dra-\nmatische Handlungen sind, die zu einer classisch einfachen\nDarstellung zu bringen, sich vielleicht mit demselben uner-\nwarteten Erfolge belohnen würde, den die Wiederbelebung\nder antiken Tragödie gehabt hat.\n\nG."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-30_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "36", "page_fin": "37", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.2.2", "titre_corps": "Londoner Briefe.", "titre_sommaire": "Londoner Briefe.", "signature_source": "C. 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Jullien wurde mit ungeheurem\nApplaus empfangen; das Publicum wollte ihm dadurch be-\nweisen, dass es seine Verdienste um London zu würdigen\nwisse.\nIn der That hat Jullien mit tüchtiger Geschäftskennt-\nniss und merkwürdiger Einsicht in den Charakter der Eng-\nländer ganz bedeutend auf die hiesigen musicalischen Zu-\nstände gewirkt, und es ist viel leichter, über den äusseren\nPrunk und die Marktschreiereien, an denen es freilich bei\nseinem Unternehmen auch nicht fehlte, den Stab zu\nbrechen, als das Gute desselben zu durchschauen und ge-\nbührend anzuerkennen. Er wusste, dass der Londoner zu-\nnächst staunen und dann amusirt werden will, bevor er\nzur Empfänglichkeit für das eigentlich Schöne der Kunst\nkommt. Daher sein Krystall-Vorhang, seine ungeheure\nTreppen-Aufstellung des Orchesters, seine kolossalen Schau-\nInstrumente, ein Contrebass-Riese und eine Tuba-Riesin\nauf den Flügeln, daher seine Nationalgesänge unter allen\nFormen, seine Walzer und Quadrillen und all dergleichen.\nAber er führte nach und nach die Menge zu den Pforten\ndes Heiligen und lehrte stufenweise den Geschmack an gu-\nter Musik, wahrte aber dabei sein Publicum vor Ueber-\nsättigung und Langerweile. Er verschallte ihm eine ange-\nnehme Erholung gegen eine nur mässige Ausgabe und trug\nzur Verbreitung des Sinnes für Musik in grösseren Kreisen\num so wirksamer bei, als dieser Kunstgenuss wegen der\nhohen Preise und der mit dem Concertbesuche verbundenen\nkostspieligen Toilette bisher nur ein Monopol der reicheren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3928, "texte": "und vornehmeren Classe der Gesellschaft gewesen war.\nSeine Concerte waren desshalb ein wahrhaft populäres Un-\nternehmen, und oft hat die unstudirte Menge, zu einem un-\nbekannten Gefühle erwacht, Aussprüche über aufgeführte\nWerke der Tonkunst kund gegeben, welche deutlich be-\nwiesen, dass die privilegirten Stände auch nicht unfehlbar\nin ihren Urlheilen sind.\n»\nAuch die Jahreszeit, in welcher Jullien seine grossen\nso genannten Promenaden-Concerte gab, nämlich der Win-\nter, war ein Bundesgenosse für ihn bei dem Mittelstande und\ndem Volke; denn es gibt doch noch immer in London\nHunderttausende von Leuten, die so vernünftig sind, im\nFrühlinge und Sommer aufs Land und im Winter in Theater\nund Concert zu gehen, und die der Aristokratie gern das\nVorrecht lassen, im Winter auf dem Lande zu frieren und\nim Sommer im Theater und Concertsaale zu schwitzen.\nJullien hat nach und nach in seinen Concerten fast alle\nBeethoven'schen Sinfonieen, eben so die besten Ouver-\n-7\nturen der deutschen Meister aufgeführt, also einem Theile\nder londoner Bevölkerung einen Genuss verschafft, welchen\ndieser kaum ahnte. In seinem Abschieds-Concerte blieb er\ndem einmal angenommenen Grundsatze ebenfalls treu, und\nneben Meverbeer's Ouvertüre und Zwischenmusik zu\nStruensee, Beethove n's Pastoral-Sinfonie und Web er's\nOuvertüre zu Oberon figurirten zwei bis drei der grossen\nQuadrillen und ein neuer Abschieds-Walzer Jullien's.\nAusserdem unterstützten fast sämmtliche Kunst-Berühmt-\nheiten den sehr beliebten Concertgeber, z. B. die Castel-\nlan, die Doria, Dolby, Formes, Tamberlik, Ree-\nves, Emil Prudent, Reichert, Bottesini u. s. w., so\ndass das Concert fast bis an das Grauen des jungen Tages\ndauerte.\nJullien ist nach Nordamerica gegangen; er hat ein aus-\ngewähltes Orchester von über dreissig Musikern mitgenom-\nmen und in New-York bereits dreissig bis vierzig andere\nim Voraus engagirt. Fräulein Anna Zerr ist seine erste\nSängerin.\nAm 14. gab die italiänische Oper zum ersten Male\nMozart's „Don Juan\". Trotz der glänzenden Besetzung\n(Donna Anna Mad. Medori, Elvira Mad. Bosio,\nZerline Mad. Castellan, Don Juan Belletti,\nLeporello Formes, Ottavio • Tamberlik, Com-\nthur Tagliafico, Masetto Polonini) hätte eine\nscharfe Kritik wohl ein Recht, von der Gesammt-Auflüh-\nrung mit solchen Kräften ein vollkommneres Ganzes zu for-\ndern, als uns vorgeführt wurde. Einzelnes war allerdings\ntrefflich. Die Medori war als Donna Anna vorzüglich, be-\nsonders in dem grossen Recitativ und der darauf folgenden\nArie: Or sai che l'indegno(„Du kennst den Verräther\");\nunverantwortliche Sünden waren aber die Freiheiten, die sie\nsich in dem Masken-Terzett nahm, eben so die Menge von\nStaccato's in der F-dur-Arie, auch da, wo die Natur der\nPassage offenbar ligato verlangt. Mad. Bosio war in der\nElvira nicht ganz sicher, Mad. Castellan als Zerline ausgezeich-\nnet. Belletti ist ein trefflicher Sänger, aber zum Don Juan\ngehört mehr als guter Gesang; er spielte wie ein Gentle-\nman, der sich vor jeder tragischen Situation und jedem\nhumoristischen Sichgehenlassen in Acht nimmt. Am ausge-\nzeichnetsten war Formes. Die letzte Scene, auf den\nmeisten Theatern durch erbärmliche Faxen und Possen-\nreisserei des Leporello verdorben, war ein Meisterstück der\nLeistung bei ihm; sein plötzlicher Abgang, als Don Juan dem\nComthur die Hand reicht, machte einen wahrhaft dramati-\nschen Eindruck.\nIn Donizetti's „Favorite\" (am 16. d. Mts.) war\nBelletti als König Alfonso an seinem Platze und sang\ndiese Concertmusik vortrefflich. Die Grisi und Mario\n(Leonora und Fernando) waren natürlich, besonders im\nletzten Acte, die Glanzpuncte. Beide sind hier so beliebt,\ndass sie sich Alles erlauben können, und dass ein Kritiker,\nwie Ihr bescheidener Correspondent, höchstens in einer\ndeutschen Zeitung sagen darf: Es ist nicht alles Gold, was\nglänzt, und es gibt keine ewige Jugend, u. dergl. mehr;\nin einem londoner Blatte das drucken zu lassen, wäre\nlebensgefährlich!\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-30_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "37", "page_fin": "38", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.2.3", "titre_corps": "Stoppellese.", "titre_sommaire": "Stoppellese.", "signature_source": "S. in S", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.5", "debut_caractere": 3930, "fin_caractere_exclue": 4778, "texte": "Stoppellese.\n\nWas werden Sie sagen, wenn ich Ihnen eine Stoppell-\nl- aus einem theologischen Werke für Ihre Musik-\nZeitung schicke ? Ja, ja! die neueste Religions- und die\nneueste Kunstphilosophie sind einig und feiern ihre Ver-\nmählung in Ludwi g Noack's Buche: „Die Theologie als\nReligionsphilosophie.\"\nHerr Noack will die „absolute Religion\" und hofft die\nKirche in die „freie Beweglichkeit der religiösen Gesellig-\nkeit\" umzubilden. Dazu müssen Religion, Staat, Kunst und\nGesellschaft in einander schmelzen; Mittel dazu werden\nKünstlerfeste, politische Feste, namentlich aber der „Cul-\ntus des Genius\" sein. Den Haupthebel aber zu der neu zu\nbewegenden Welt wird das Theater abgeben, das Thea-\nter als der Vereinigungspunkt aller Künste!\n„Die Festfeier der absoluten Religion vollendet sich\nim ästhetischen Cultus. Der Cultus in der vollendeten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1996, "texte": "Form der religiösen Gemeinschaft istCultus der Schönheit,\ndie als ästhetischer Gesammtorganismus aller geistigen, sitt-\n\\\nliehen Lebensverhältnisse vor die Anschauung des Subjectes\ntritt durch die Kunst, die in der Schönheit den Bund zwi-\nschen Natur und Geist stiftet. So dient die Kunst der\nreligiösen Gesellschaft für den Zweck der fortwährend her-\nvorzubringenden, wie auch Sinn und Phantasie belebenden\ngegenständlichen Anschauung der Versöhnung.\" (!!!)\nDarauf folgen Wagner'sche Träume, dass sich alle be-\nsonderen Künste erst durch ihr immer vollständigeres or-\nganisches (?) Zusammengehen zu lebendiger Einheit vollen-\nden und dafür bildet „den organischen Ansatz und\nMittelpunkt die Schaubühne, in welche darum der\nabsolute Cultus gipfelt\".\n0 beneidenswerther Band der Künstler der Zukunft,\nder Apostel des gesungenen Drama's mit den Propheten\nder absoluten Religion und des ästhetischen Cultus! Wie\nschade, dass die Verwirklichung dieser weltumwälzenden\nIdeen bei Wagner erst, „wenn keine Staaten mehr existi-\nren\", bei Noack erst, „ wenn das religiöse Bewusstsein der\nZeit über die bisherige Gestalt einer einseitigen und das\nwahrhaft religiöse Bedürfniss unbefriedigt lassenden Religio-\nsität sich erhoben haben wird\" ins Leben treten kann!\nIst aber ein solcher Unsinn etwa nur auf dem Stand-\npunkte der freien Gemeinde oder der communistischen Ge-\nsellschaftslehre denkbar? Keinesweges. In der deutschen\nLiteraturgeschichte des überfrommen Dr. F. J. Günther\nlernen wir, dass Schiller's Gedicht: „Die Götter Griechen-\nlands\" vielfach missverstanden worden. Es schildert\nnämlich „die heisseste Sehnsucht des glaubenslosen, auch\nim Heidenthum vergebens friedensuchenden Herzens nach\ndem persönlichen Gott der Christen und nach einerKunst,\nwelche diesen lebendigen Gott darstellen\nmöchte\". lst das nicht ein würdiges Gegenstück zu\nden Erklärungen der Beethoven'schen Musik aus demokra-\ntischen Ideen? Es geht ein finstrer Geist durch das\nHaus der deutschen Kunst und Literatur!\n\nS. in S."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-30_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "38", "page_fin": "39", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.2.4", "titre_corps": "Aus München.", "titre_sommaire": "Aus München.", "signature_source": "A. 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Mozart, der dieser dramati-\nsehen Richtung sich anfänglich angeschlossen, erfand sie bald als\nseinem Wesen widersprechend, und sein Genius trieb ihn in die\nBahn der schönen sinnlichen Melodie lind der dadurch ermöglich-\nten individuellen Charakteristik. Wenn man sagt, Gluck sei fran-\nzösisch in seinen Opern, so darf man dies nur in so fern zugeben,\nals er ein französisches Princip, die Dcclamation, in seine deutsche\nNatur aufgenommen. Bezeichnet man Mozart's dramatische Musik\nals italienisch, so kann dies nur den Sinn haben, dass italienische\nund Mozart'sche Musik in der Melodie, aber nur prineipiel, zusam-\nmentreffen. Mozart's Musik ist eben so ursprünglich deutsch, als\nsein sittlicher Charakter und sein wenig glänzendes Lebensschicksal.\nMit der dramatischen Schöpfungsweise Hand in Hand geht die\nKunst der Darstellung. A\\ ie die französische Oper, indem sie die\nMusik dem \\\\ orte unterordnet, auf Verständlichkeit vorzugsweise\nlosarbeitet, so muss auch der französische Bühnensänger, um auf\nsein Publicum wirken zu können, hauptsächlich durch Declamation\nund Spiel sich hervorthun. Träte nun zu diesen beiden Eigen-\nschaften noch die Meisterschaft im Gesänge, so würde ein vollen-\ndeter dramatischer Sänger vor uns stehen. Die seltene Vereinigung\ndieser Qualitäten tritt uns in llogcr leibhaft entgegen. Seine Er-\nscheinung ist für uns dadurch so überraschend, dass er in hohem\nGrade besitzt, was unseren Sängern gemeiniglich abgeht. Schon\ndie Deutlichkeit der Aussprache er, der Franzose, singt das\nverständlichste Deutsch erweckt unsere Bewunderung. Man weiss\naber auch in der That nicht, was von Beiden mehr, sollen wir\nsein Spiel, oder sollen wir seine Gesangeskunst bewundern. Halten\nwir uns an den Gesang, so kommt es doch zuweilen vor, dass\nRoger bei gehobenen dramatischen Stellen über die Musik hinaus-\nschrcit, während er bei ruhigeren häufig fast zur gewöhnlichen\nSprache herabsinkt, die vom Gesänge nur noch den Hauch eines\nhöheren Wohllautes empfängt. Dann tritt er uns aber wieder als\nMeister in der Kunst des Gesanges, die an seinen gewaltigen Stimm-\nmitteln ein so reiches Material besitzt, mit solcher Wucht entge-\ngen, dass wir über dem Schauspieler den Sänger vergessen. Man\nwürde indessen Roger gewiss Unrecht thun, eine dieser beiden\nSeiten auf Kosten der anderen an ihm hervorzuheben. Nur die\nNeuheit der Erscheinung lässt diese Gegensätze, bald den einen,\nbald den anderen, mehr unvermittelt hervortreten, während eine\nkurze Gewöhnung die klare Einsicht erzeugen müsste, dass man es\nhier mit einem vollendeten dramatischen Sänger zu thun habe.\nRoger ist hauptsächlich in drei Opern auf der münchener Hof-\nund Nationalbühne aufgetreten: in den Hugenotten, der weissen\nFrau, dem Propheten. Sein George Brown in der weissen Frau ist\nein bis ins Kleinste sauber ausgeführtes, fertiges Genrebild. Viele\nhaben seine Darstellungsweise desselben raffinirt genannt. Ich finde\nsie nur fein. Man kann hier das erfinderische, das schöpfe-\nrische Talent nicht genug bewundern, das er in fast jeder Scene\nin Bezug auf die Entwicklung der Situation, an den Tag legt.\nDer Franzose Roger ist gewiss ein authentischer George Brown;\ner ist als solcher ein Ausbund von Noblesse, Liebenswürdig-\nkeit und Schelmerei. Als authentische Interpretation der Musik\nkönnen wir es jedoch nicht betrachten, wenn er im zweiten Auf-\nzuge, in Erwartung der weissen Frau am Kamin sitzend, zu einem\nanschwellenden Satz des Orchesters den Blasbalg ganz im Lact in\nBewegung setzt, und ihn schliesslich bei einem abbrechenden stark\nacccntuirten Accord bei Seite wirft, dass es klappt. Das heisst die\nMusik gar zu handgreiflich ins Acusserlichc übersetzen. Sein Raoul\nin den Hugenotten bot manchen Glanzpunct. Besonders im vierten\nAufzug, in dem auch Meyerbeer's Genius gipfelt, gab er den Kampf\nzwischen Liebe und Pflicht mit ergreifender Wahrheit wieder. Am\nvollendetsten war seine Leistung als Johann von Leyden. Der viel-\nleicht grellste sittliche Conflict, den die moderne Dramatik entwe-\nder mühsam ergrübelt, oder als unmittelbar in der Wirklichkeit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1473, "texte": "xorgefündene Thatsache ihren Zwecken einverleibt, findet sich im\nzweiten Aufzug des Propheten. Dem Sohn und Bräutigam wird die\nWahl zwischen dem Tode der Mutter oder der Hingabe seiner\nBraut an einen Wüstling gelassen. Er entscheidet sich für das Letz-\ntere. Man konnte aber über der hinreissenden Darstellung Bogers\ndie Scheusslichkeit dieses Confiictes, der nur dazu dient, aus einem\nSchwachkopf einen Propheten zu erzielen, für den Augenblick ver-\ngessen. Einen seltenen Triumph feierte seine Schauspielkunst in der\nDomsecnc, wie er als Gesalbter des Herrn seine Mutter verleug-\nnet und sie zwingt, vor ihm auf die Kniee zu fallen. Obgleich hier\nkein Ton zu singen, folgte doch dem Augenblicke der Kniebeu-\ngung der jauchzende Beifall des Publicums. Es war aber auch ein\nwunderbares Doppelschauspiel, wie Boger gegen das Volk im Bücken\nden wunderthätigen Propheten \"spielte, und seine Mutter, indem er\nsie mit unendlichem Elend im Antlitz flehend anblickte, durch das\nWunder der Liebe zu Boden zwang. Die französische Nationalität\nhaftet als Vorzug und Mangel an Boger's ganzem Wesen und zeigt\nsich namentlich in seinem Streben nach interessanter Wahr-\nheit. Boger ist Franzose, und als solcher will er beurtheilt sein.\nIch kann von meinem Gegenstande nicht scheiden, ohne vorher auf\nW. H. Biehl's geistvolle Charakteristik Boger's, die sich in seinen\n„musicalischen Charakterköpfen\" findet, ein musiksinniges und den-\nkendes Publicum aufmerksam gemacht zu haben.\n\nA. Z."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-07-30-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-07-30_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-07-30_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "39", "page_fin": "40", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.7", "debut_caractere": 1475, "fin_caractere_exclue": 7258, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAachen* Frau Küchenmeis ter-Budersdor f hat das En-\ngagement beim Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin\nwieder angenommen und wird es mit dem 1. Sept. antreten. Frl.\nJoh. Wagner verlässt uns am 31., um zunächst nach Cob lenz\nzu gehen.\nAm 26. Juli 1783 starb zu Berlin 62 Jahre alt der preus-\nsische Hof-Capellmeislcr Johann Phil. Kirnberger, einer der\nberühmtesten Theoretiker und Componistcn im gelehrten Stile. Der\nOrganist Kellner, Joh. Fr. Meil, Gerber und Joh. Seb. Bach wa-\nren seine Lehrer. Als Kirnbcrger noch Ciavierist bei einer polni-\nschen Capelle war, spielte ein Violinist dieser Capelle, Namens Ko-\nsolowsky öfters ein Concert von eigener Composition, worin eine\nPassage vorkam, w elche jener nicht ausstehen konnte, weil eine un-\nharmonische Wendung darin enthalten war. Er setzte dem Koso-\nlowsky daher jedes Mal über diese Passage zu, und erbot sich, ihm\neine andere zu schreiben, wenn er sie nicht bloss verbessern\nwollte. Kosolowsky hatte keine Ohren dafür, und Kirnbcrger nahm\nsich vor, ihn durch ein anderes Mittel dahin zu bringen, ent-\nweder das Concert nicht mehr zu spielen, oder die bewusste Pas-\nsage wenigstens zu ändern. Er gewöhnte einen Hund des Fürsten,\nauf seine Stube zu kommen, und so oft solches geschah, spielte er\nihm auf der Violine denjenigen Theil vor, in welchem die krätzige\nPassage war, unterlicss aber nicht, bei selber jedes Mal dem Hunde\nein paar Hiebe mit dem Stocke zu geben. Der aufmerksame Hund\nkam durch diese Uebung in Kurzem so weit, dass er jedes Mal?\nwenn die Passage kam, jämmerlich zu heulen anfing, und dies war\nes, was Kirnberger wünschte. Als dieser nun eines Tages durch\neinen seiner Spione erfuhr, dass Kosolowsky sein verwünschtes\nConcert spielen wollte, so veranstaltete er durch einen Bedienten\ndes Fürsten, dass der Hund in den Concertsaal hineingelassen ward.\nKosolowskv legte sein Concert auf, und als er an die verzweifelte\nJ O\nPassage kam, erhob der Hund mit Einem Male ein so jämmerliches\nGeschrei, dass die ganze Capelle irre gemacht ward und die In-\nstrumente niederlegte. Der Fürst Hess das Concert von Neuem be-\ng'nnen und der Hund fing bei der Passage von Neuem zu, heulen\nde. „Nun werden Sie es doch wohl merken.\" sprach Kirnberger\nzu Kosolowsky mit halbleiser Stimme, „dass die Passage nichts\ntaugt, da Sic sogar die Hunde damit aufrührisch machen.\" Der\nFürst lachte den Kosolowsky aus, der nach der Zeit nicht weiter\nmit seinem Concerte erschien.\n** IS res lau, 25. Juli. Am Sonnabend eröffnete Frl. Bab-\nnigg ihr Gastspiel mit der Partie der Bosine im Barbier. Die\n\\ irtuosität, mit welcher sie diese Partie durchführt, ist aus früherer\n# # s.\nZeit her hinlänglich bekannt. Ist ihr aber hier und da der Vor-\nwurf gemacht worden, dass sie mit allzu grosser Freiheit in die\nComposition selbst eingreife, so bewies sie zugleich durch den Vor-\ntrag der beiden Einlagen, dass sie eben sowohl im Stande sei,\ndurch das einfache Lied die Herzen zu ergreifen, wie sie durch\ndie ausserordentliche Kehlcnfertigkeit und vollendete Technik ihres\nGesanges zur Bewunderung hinreisst. Indem wir schliesslich noch\nbemerken, dass die Zeit, während welcher Frl. Babnigg von hier\nentfernt war, ihren Stimmmitteln keinen Eintrag gethan hat, haben\nwir noch zu berichten, dass die Bückkehrcndc mit allen Zeichen\nanhänglicher Verehrung und herzlicher Thcilnähme empfangen\nward, und der Beifall des in Anbetracht der Jahreszeit ziemlich\nzahlreich versammelten Publicums sich im Verlauf der Oper je\nmehr und mehr steigerte. Hr. Erl sang den Almavivä vorzüg-\nlich, und seine gerade in den höheren Lagen so ausserordentlich\nschöne Stimme machte sich aufs beste geltend. Anfang künftigen\nMonats trifft Frau Gundy zum Gastspiel ein. Dieselbe ist dem\nhiesigen Publicum wohl noch in gutem Andenken. In die Zeit\nihres Engagements fiel die erste Aufführung des „Propheten\"; sie\nmit ihren herrlichen Mitteln war unsere erste Fides, und ob-\nwohl wir seitdem Künstlerinnen ersten Banges in dieser Partie\nkennen und bewundern lernten, wird man sich doch wohl noch\nmit Vergnügen auch jener ersten Aufführungen erinnern.\nBreslau. Boger, welcher hier wie überall die Herzen der\nFrauen bezaubert und deren schmeichelhafteste Huldigungen sich\ngewann, hat nicht wrollen von hier scheiden, ohne ein Zeichen des\nDankes zu hinterlassen. Er hat daher zwei Polka's seiner Com-\nposition, welche in diesen Tagen im Verlage von Sohn und Leh-\nmann (früher Bote und Bock) erscheinen werden, den breslauer\nDamen gewidmet, und wird mit dieser Huldigung gewiss Herzen\nund Füsse zugleich in Bewegung setzen und sich selbst in der\nErinnerung und in der Mode erhalten. Das Heftchen wird zugleich\nmit dem Bilde Boger's, nach einem vortrefflichen Aquarell-Ge-\nmälde des Herrn Jäger, geziert sein und sich somit schönen\nHänden und zärtlichen Blicken noch besonders empfehlen. Auch\nerscheint, oder ist bereits erschienen, eine besondere Lithographie\nnach dem genannten Jäger'schen Bilde, welche den zahlreichen\nVerehrern des grossen Künstlers, die sein Andenken auch äusser-\nlich festhalten wollen, gewiss höchst willkommen sein wird.\nDresden, 18. Juli. Fräulein Wildauer beschloss gestern\nihr Gastspiel mit einer Wiederholung der Susanne in Mozart's\nFigaro. Ihre Gesangmittel reichen für diese Partie nicht aus; das\nSpiel ist allerdings höchst gewandt und reizend, allein es will uns\ndoch scheinen, als trüge die Künstlerin aus ihrem Nandl in dem\n„Versprechen hinter dem Heerd\", und dessen matten Nachahmun-\ngen, die sie uns auch zum Besten gegeben hat, hier und da eine\nManier in die feiner komischen Bollen, welche durchaus nicht da-\nhin passt.\nFrankfurt a. In einer Abendunterhaltung bei Hrn. An-\ndre hörten wir dieser Tage die jungen Brüder von Booth aus\nLondon, Knaben von 8, 10 und 12 Jahren, alle drei Violinspieler,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3786, "texte": "im Musik-Institut zu Karlsruhe unter Leitung des Capellmeisters\nWill gebildet. Der älteste trug das sechste Concert von Beriot\nmit grossem Beifalle vor. Die meiste Genialität schien jedoch der\njüngste zu verrathen. Das Zusammenspiel in einem Trio von Will\nwar sehr anerkennungsw erth.\nMainz* Der beliebte Componist der gefälligen Tanzrhythmen,\nAnton Wallerstein, ist hier durch nach Süddeutschland und\nOesterreich gereis't, um in diesen Ländern seine Compositionen\nzu verbreiten.\n\"Wiesbaden. Schindelmeisser s Stelle, der als erster\nHof-Capellmeister nach Darmstadt geht, soll der Musik-Director\nH agen aus Bremen erhalten haben. Vieuxtcmps ist hier\nund hat bereits ein Concert gegeben, wie auch in Homburg.\n*** Badeii-SSadeii. Am 20. August wird ein Musikfest\nhier Statt finden, wozu 11. Berlioz eingeladen ist und seine Sin-\nfonie „Romeo und Julie1' aufführen wird. Wer ihn eingeladen hat,\nfragen Sie? Ei nun, derjenige, der hier Alles in Allem ist, der\nHerr Benazet, Pachter der Spielbank.\n\"Wien. Ausser Fräul. Johanna Wagner werden Fräul.\nAgnes Bury, Sabine Heinefetter und Frau Fischer-\nNimbs zu Gastspielen erwartet. Fräul. La Grua aus Paris wird\nerst im September hier eintreffen. Strauss's Bencfice in der\nBierhalle am 18. d. M. war sehr zahlreich besucht; er führte sei-\nnen „Kaiser-Rcttungs-Jubelmarsch\" mit 224 Musikern auf und\nmusste ihn zwei Mal spielen.\nFrau Nina von Rosthorn hat ihren Aufenthalt auf dem\nLande in Baden bei Wien zur Pflege ihrer Gesundheit gewählt.\nZiemlich sicheren Nachrichten zufolge soll der unbekannte Aus-\nschreiber eines Preises auf den besten Operntext (s. unten) der\nHerzog von Coburg, der Componist der Casilda, sein.\nXiiriclt. Die hiesigen Männergesang-Vereine haben Richard\nWagner am 13. Juli als Zeichen der Anerkennung seiner musi-\ncalischen Wirksamkeit einen Fackelzug gebracht. Nach Wagners\nAeusserungen in seiner Dankrede wird er Zürich nie verlassen.\nDie Spanier lieben den Tanz leidenschaftlich, allein eigentliche\nKunst- oder Ballet-Tänzer und Tänzerinnen kennen sie gar nicht,\nwiewohl sie die bailarina (die Tänzerin vom Fach oder vom Hand-\nwerk) von der bailadora (dem tanzenden Mädchen) unterscheiden.\nEine solche ist ihnen die Königin des Volkslebens, der Volkspoe-\nsie namentlich in Andalusien.\nDie Musik spielt bei diesen Tänzen nur eine Nebenrolle, wenn\nman ihren Gehalt gegen die Poesie des Tanzes abwägt; allein ihre\nBegleitung ist dennoch wesentlich. Im Volkstheater wird von den\nMitspielenden, auch wohl von den Zuschauern, zu dem Tanze ge-\nsungen, Guitarre gespielt und mit Castagnetten geschlagen. Die Ge-\nsänge sind einfache Liedchen, oft improvisirt, in denen sich eine\neigenthümliche, halb orientalische, halb deutsche Leierweise verei-\nnigt und deren Melodie mit wenigen Abänderungen fast immer\nwiederkehrt und fast überall dieselbe ist. Es kann daher von den v i e-\nlen reizenden Nationalmelodicen der Spanier nicht die Rede sein;\ndie meisten derselben, d. h. derer, die für spanisch in Europa gel-\nten, sind von Deutschen, Italiäncrn und Franzosen in Madrid, Bar-\ncelona, Sevilla, Cadix u. s. w. componirt. Ein deutscher Musiker\nin Madrid erzählte uns bei seiner neulichen Anwesenheit hier am\nRheine, dass er deutsche Volkslieder (nach Rietz' und Silchers\nSammlungen) auf spanische Texte übertragen habe, und dass sie\nsehr bald ins Leben übergegangen seien.\nUeber das Violinspiel und die Compositionen des russischen\nObersten Alex. Lwoff drückte sich vor Kurzem ein Kritiker (?)\nalso aus: „Wer Lenau gekannt hat und sich in seinen Dichtungen\nergangen, wird und muss sich (sich? oder ihn?) unwillkürlich wie-\nderfinden in dem Violinbogen (!) wie in allen Compositionen LwofT's.\nJede Molecüle, die er schwingen macht, man fühlt unwillkürlich\nheraus aus ihr, dass sie von einem Schlag seines Herzens erregt\nwurde.\" (!)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "33", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.1", "texte": "Händel’s Allegro und Pensieroso.\n\n(Schluss. S. Nr. 4.)\nEs ist unter Musikkennern, die Kritik und Vergleichung\nüben, eine altbekannte Sache, dass die unmittelbare Nach-\nahmung von Naturlauten, die so genannte musicalische Ma-\nlerei, nie so sinn- und reizvoll geübt worden ist wie von\nHändel, ja, dass sie ausser ihm kaum jemals von Jemandem\nversucht wurde, ohne dass eben das, was bei ihm mit der\nseltensten Sicherheit des Geschmackes in den feinsten Grän-\nzen des Schönen gehalten ist, ins Lächerliche und Abge-\nschmackte geführt hätte. Höre man den Echohall in dem\nJagdliede (Nr. 16), ob es möglich ist, die künstliche\nNachbildung einer kunstlosen Naturerscheinung ferner von\naller EfFecthascherei, gleichsam musicalischer zu machen als\nhier geschehen ist. In den Lerchen- und Nachtigall-Gesän-\ngen (Nr. I*2, 13,14) ist in dieser Beziehung Kühneres ab-\nsichtsvoller gewagt; Instrumente und Stimmen wetteifern\nhier, die Naturlieder dieser ältesten Sangmeister der Men-\nschen nachzubilden; die seelenvollen Töne, die uns in dem\nGesang der Nachtigall so entzücken, sind an einzelnen Stel-\nlen nur in Noten übertragen und zur Nachahmung ausdrück-\nlich bestimmt; und wenn das von einer Sängerin ausge-\nführt wird, die von der Natur (wie es die Sontag in ihrer\nJugend war) das Organ empfangen hat, mit der Vogelkehle\nwetteifern zu können, so wird man es entzückt selbst als\nblosse Nachahmung Wiederhören, obwohl nicht dort der\nKunstwerth dieser Arie liegt, sondern vielmehr in der Durch-\ndringung des nachgeahmten Stoffes mit dem geistigen Sinne,\nder die menschliche Zuthat in beiden ist. Denn es ist weit\nüber alles Vorbild der Natur und über ein blosses Kunst-\nstück der Nachahmung hinaus, wie das recht vorgetragene\nVorspiel zu dem Lerchenliede in die lachende Stimmung\ndes Morgens heiter versetzt, wie in einer Stelle des Recita-\ntivs zu dem Nachtigallenliede („Stumm walte Stille über-\nall\") durch die Seele der Sängerin alle Hörer in nachtstille\nAndacht gezaubert werden können, die dann jeder der süss-\nschwermüthigen Töne des Liedes höher spannen muss, wenn\nsie ohne theatralische Bravour-Uehertreibungen gesungen\nwerden. Hat man vollends einige psychische Erfahrung, um\nden blossen Satz einzelner tonvoller Worte („ so tönereich,\nso schwermuth-innig\" u. a.) zu fühlen, wo Händel (wie so\noft in anderen seiner Werke, so oft auch noch sonst in die-\nsem) in der sublimsten Feinhörigkeit wie mit magischer\nRuthe die Lichtfunken der Melodie aus den nackten Sylben\nherausschlägt, so wird man so tief in die innersten und ei-\ngensten Bereiche der menschlichen Seele versetzt, dass man\nan die unterliegende Nachahmung der Naturlaute thierischer\nGeschöpfe nicht weiter zurückdenkt, die in der Hand des\nStümpers ein absurder Mechanismus werden würde, in der\nsich hier dagegen der menschliche Geist in freiester Schöpfung\nzu spielen gefällt. So mag es eine leichte und äusserliche\nSache scheinen, mit der Nachahmung des Glockenhalls (in\nNr. 17) und des Nachtwächterrufs (Nr. 18) eine unfehl-\nbare Wirkung zu machen; aber die Ausdrücke der träume-\nrischen Feier zur Dämmerungszeit dort, und hier des fest-\nsicheren Schutzes, den die Nachtwache gewährt, das sind\nganz geistige und innerliche Wirkungsmittel, die mit kei-\nnem blossen, wenn auch noch so grossen, technischen Ta-\nlente in der Musik in Bewegung zu setzen sind. So kann\nman in dem Jagdliede (Nr. 16) glauben, nur eine Verar-\nbeitung sehr bekannter Hornklänge zuhören, daneben aber\nist das Stück so hoch charaktervoll, dass man aus jedem\nseiner fest-freudigen Töne heraushört: dies ist in einer Zeit\nund in einer Nation entstanden, wo es noch wahrhafte Jagd\nund Jäger gab.\nTonstücke, in denen die unmittelbarea Ausbrüche\nmenschlicher Seelenbewegungen dargestellt und die, Sprache\nder Leidenschaft in Musik übertragen wären, sind selten in\ndiesem Oratorium; sie fallen der Natur der Sache nach\nmehr in das Reich dramatischer Handlungen. Man weiss,\nwie meisterhaft Händel diese Sprache spricht, die man stel-\nlenweise auch hier (und so gleich in dem ersten Recitative)\nheraushört; er spricht sie in seinen bewegteren, begleiteten,\nariosen Recitativen am gewaltigsten; aber für diese fand\nsich hier wenig Gelegenheit. In dem Chor und der Arie\nNr. 5, 6 sind die unarticulirten Laute des frohen Gelächters"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "34", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.2", "texte": "versucht in künstlerischer Form auszudrücken; es ist eines\nder in diesem Werke so häufigen Stücke, deren blosser\nStoff, wie deren Behandlung, selbst vielen Rennern Händers\nals fremd und neu in ihm auffallen wird; man vergleiche\ndie Ausführung aber mit dem, was so oft Aehnliches ver-\nsucht worden ist, wie wohl gepaart in diesem (allezeit sehr\ngewagten) Unternehmen mit aller Wahrheit der Sache die\nSchönheit der Form ist, und wie in einem so leicht ins Nie-\ndrige überschlagenden Gegenstande die Würde der Kunst\nvollständig behauptet ist.\nWenn das Schildernde und Malerische in unserem Ora-\ntorium überhaupt vor dem Dramatischen die Herrschaft\nvoraus hat, so ist das ganz besonders in der Behandlung\njener Stellen der Fall, wo das Milton'sche Gedicht vorzugs-\nweise plastische Bilder von sichtbaren Dingen entwirft. Die\nUeberlragung des Wahrnehmbaren in das Vernehmbare ist\nhier und da von einer zauberhaften Wirkung und zeugt\nvon einer ausserordentlichen Tiefe der geistigen Begabung\ndes Meisters zur Beobachtung aller Dinge. Wenn Milton\ndie Trauermuse im Prachttalar oder die Schwermuth im\nFestkleide vorführt, wie ausdrucksvoll erhaben wird dies\nbei Händel durch nichts als ein paar getragene Töne, welche\ndie schwellende Schleppe des prächtigen Feiergewandes ver-\nsinnlichen. Wenn die Gedankentiefe der Melancholie ge-\nschildert wird, in der sie ihren schweren Blick zur Erde\nsenkt und sich zum Marmorbilde vergisst, so wird der Hö-\nrer unter leisem Schauer zum Seher bei den wenigen ein-\nlach wiederholten Tieftönen, die in beiden Bewegungen die\nSchwere und die Versteinerung ausdrücken. Dies sind\nWirkungen, denen auch der gewöhnlichste Zuhörer zu-\ngänglich ist; es gibt andere Stücke, wo viel feinere Züge\ndieser Art ausgeführt sind, die schnell aufzufassen schon\nfeinere Beobachter der inneren und äusseren Welt ver-\nlangt. In dem zweiten Theile von Nr. 14, der den Auf-\ngang des Mondes schildert, sucht Händel kein Mittel, die\näussere Erscheinung darzustellen, aber er versetzt mit wun-\nderbarem Geschicke in die Stimmung, in der wir wohl den\nMond hinter Wolken scheinbar hinwandeln sehen und in\ngespannter und gesteigerter Bewegung die Stille der Nacht\nmit einzelnen Lauten des Entzückens unterbrechen. Dem\nzu vergleichen und an sinniger Tiefe noch weit vorzuziehen\nist das Duett Nr. 50, wo, in dem Text des Dichters wie\nin dem duftigen Schmelze des Gesanges und seiner Beglei-\ntung, der Aufgang der Wahrheit aus der Nacht des Tru-\nges mit dem Bilde des Taganbruchs unter dem unmerklichen\nWegschmelzen der Morgennebel versinniieht ist. In anderen\nStücken, die kaum weniger ansprechend und vielleicht noch\nviel bedeutender gefunden werden dürften, sind wieder An-\nschauungen einer weit umfassenderen Art in Töne\nübersetzt. Man kann den Eindruck der lachenden Heiter-\nkeit einer mannigfaltig reichen Naturansicht von dem Auge\nauf das Ohr nicht sprechender übertragen, als es in Nr.\n20, 21 geschehen ist, noch den Eindruck eines städtischen\nFestgedränges wie in dem Chor Nr. 29, der mitten in das\nGewühl der Menschen, ja, durch einen gewissen galant-hö-\nfischen Anflug mitten in eine andere Zeit, wie in die ritter-\nliche Welt des Mittelalters versetzt. So rückt auch in dem\nAnrufe der Schwermuth Nr. 4 der ganze Charakter der\nArie in die öden Fernen trauernder Einsamkeit hin, wo die\nMelancholie vom düstern Saturn geboren ward.\nNoch interessanter, nicht vorzugsweise durch hörge-\nrechte, rein musicalische Wohlgefälligkeit, aber merkwür-\ndiger für die Erkenntniss der psychischen Tiefe Händel'scher\nMusik, sind wieder andere Theile unseres Oratoriums, die\nein Wiedertönen mehr intellectueller, als äusserlich sicht-\nbarer Erscheinungen in unserem Innern veranlassen. Es\nist nicht wohl möglich, wie dem Texte nach in Nr. 26 und\n•33 die Aufgabe wäre, von Trauerspiel und Lustspiel mu-\nsicalich eine allgemeine abstracte Vorstellung zu geben;\naber es ist vortrefflich, wie dagegen die Stimmungen aus-\ngedrückt sind, die jene verschiedenen Kunslleistungen su-\nchen und begehren, das genusssüchtige muthwillige Beha-\ngen und der sympathetische Zug einer gern mitleidenden\nSeele. In dem letzteren Stücke Nr. 33, wie in dem Polter-\nabend-Gesang-(Nr. 30) und in der Vorschrift des lydischen\nLiedes (Nr. 34) streift der Componist mit dem Dichter in\ndas Gebiet des wohligen Humors, wo der Tonkunst, wenn\nsie sich auf würdevoller Höhe erhalten will, nur geringer\nRaum gegeben ist; hier doch übergenug, dass sich ein ge-\nschickter Sänger vollkommen frei darin ausdehnen kann.\nIn diesen und verwandten Sätzen überschritt Händel's Kunst\neine Gränze, wo sie unmittelbar in die Regionen des Ge-\ndankenhaften geräth; es ist ein Schritt, der schon der Dicht-\nkunst nicht rathsam ist; für die Tonkunst ist er noch sehr\nviel misslicher. Dennoch hat Händel in vielen seiner Werke,\nauch in dem vorliegenden in drei Arien des dritten Tliei-\nles, zu didaktischen Dichtungstexten auch einen musica-\nlischen Ausdruck gefunden, den man kaum mit einem an-\nderen als demselben Worte bezeichnen könnte: es ist äus-\nserst fesselnd, wie er auch da einen Weg zu gehen weiss,\nauf dem er selbst Gedanken, Lehren, Begriffe auf das Ge-\nmüth hörbar zurückwirken lässt. In solchen Stücken scheint\ndie Tonkunst (die sonst ihrer Natur nach wesentlich mehr\nein Erzeugniss des instinetiven Genius ist) sich in ganz gei-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "35", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.3", "texte": "aiiger Bewusstheit ihrer Stoffe bemächtigt zu haben. Noch\nmehr ist dies dort der Fall, wo ihr in ihren Texten gera-\ndezu musicalische Aufgaben gestellt sind, wie es in dem\nTimotheus und der Cäcilien-Ode der Fall ist, den beiden\nTonwerken Händefs, denen der seiner ganzen Be-\nschaffenheit nach zugeordnet werden muss. Auch hier gibt\nso Nr. 34 die Eigenschaften eines lydischen Liedes an mit\nnur leichter Andeutung des Geistes, der darin herrschen\nsoll, wo andere Componisten leicht zu einer viel künstliche-\nren Ausführung wären versucht gewesen. Von solch ge-\nkünstelterem Charakter sind dagegen die beiden orphischen\nLieder Nr. 27, 35, wo dort die Wirkung angegeben ist,\ndie Orpheus' Klagelied auf den eisernen Pluto gemacht,\nhier die Wirkung, die der Frohsinnigen lydisches Lied auf\nOrpheus selbst machen soll; sie muthen der Stimme zu, mit\nden Mitteln des Instrumentes zu wetteifern, und sind offen-\nbar für virtuose Sänger geschrieben, die man im Gewag-\ntesten am liebsten hört; sie dürfen auch nur da gesungen\nwerden, wo man über solche Kräfte zu gebieten hat. Zwi-\nschen beiden Stücken liegt zur Entschädigung der charak-\ntervolle Gesang der Waldeinsamkeit Nr. 31, 32 sinnvoll\neingeschoben im geradesten Gegensatz. Auch hier ist der\nWiederschein eines äusseren Zustandes in den fernsten En-\nden unseres Innern geschildert, wo Denken und Träumen\nverschmilzt; selbst dort, wo kaum mehr dem betrachtenden\nGeiste vergönnt ist, die Vorgänge in unserem Gemüthe zu\nbelauschen, tönt dieser Zustand noch in Iländefs Ausfüh-\nrung, voll unergründlicher Wahrheit und Tiefe: dieses Stück\nin seiner classischen Reinheit, in seiner hohen Einfalt und\nausdrucksvollen Wahrheit rührt an die Höhen der Kunst,\nwo dem titanischen Geiste in seinem Aufstreben die Gränze\ndes „nicht weiter\" gezogen ist. Von einer ähnlichen Wir-\nkung ist auch der Schluss des Tänzchors Nr. 24, wo wie\ndurch die Träume der todmüden Tänzer die seligen Nach-\nklänge des verrauschten Genusses noch forttönen.\nSo mangelt in diesem lyrischen Kranze fast keine Seite,\nvon wo aus die Sangkunst uns anzuregen fähig ist. Nur\ngerade die Seite, von der wir Händel gewöhnlich allein\nkennen, die geistlich-religiöse, fehlt hier fast ganz. Nur Ein-\nmal in dem kleinen Choralsatze Nr. 39 streift er dahin\nüber, aber selbst das dazu gehörige Recitativ und die köst-\nliche Arie Nr. 41, die so idyllisch und freundlich mit dem\nGedanken an das Greisenalter verkehrt, ist von ganz welt-\nlicher Haltung. Dadurch färbt sich das ganze Werk we-\nsentlich verschieden von allen anderen Oratorien Iländefs\nund im Besonderen von seinen biblischen. Wenn er dort\nin der unwillkürlichsten Operation seines Genius, jedem\nWorte die entsprechende Zeit- und Localfarbe mittheilend,\nuns in das Alterthum zu vergangenen Geschlechtern zurück\nversetzt, so steht er hier dagegen mehr in der Gegenwart\nund empfindet und spricht in dem Geiste der Zeit und des\nVolkes*, der auch den Text zu dem Tonwerke geschrie-\nben hat.\nWenn man nach Fehlern suchen sollte, so würde in\ndem Allegro der hauptsächlichste wohl in dem Vorzuge\nliegen, dass es allzu reich und voll ist. Jedes einzelne Stück\nhat einen selbstständigen Reiz und Werth für sich; es fehlt\nan Schatten zu dem Lichte; es mangelt an häufigeren und\ngleichgültigeren Recitativen, auf denen der Geist ausruhen\nkann; es gebricht selbst an der öfteren Unterbrechung der\nChöre, namentlich in dem ersten Theile. Gleichwohl ist\nauch diesem in dem Texte gelegenen Uebelstande im kunst-\nrichtigsten Gefühle durch Anordnung und Verhältniss der\neinzelnen Stücke unter sich möglichst entgegen gearbeitet.\nSchon die plastische Festigkeit und charakteristische Ver-\nschiedenheit jedes einzelnen Gesangstückes, schon die Stärke\nder Gegensätze erleichtert es sehr, ohne Ermüdung auszu-\nhalten. In grösseren Gruppen leitet die sinnreiche Anord-\nnung des Textes zu einer gleichen Behandlung in der Com-\nposition, wodurch Abstufung, Steigerung, Vermannigfalti-\ngung hervorgebracht wird. So achte man darauf, wie die\nEinführung des Frohsinnigen im ersten Theile gleich An-\nfangs der Eintönigkeit vorbeugt; wie er erst, gleichsam in\ngetauschter Rolle, fast in der ernsten Strenge des Schwer-\nmüthigen den Bann des Abscheu's gegen die Melancholie\nausspricht; wie er dann in dem Andante der folgenden Arie\nseine Göttin, die Bacchustochter, nur in wenigen, mässig-\ndithyrambischen Zügen anruft, und wie sich hierauf in dem\nAllegro der Lach-Arie die Farbe der Freudigkeit steigert\nbis zu dem übermüthigen Prest des Lerchenliedes hinauf.\nDergleichen Kunstgriffe wird man in anderen Gruppen mit\nLeichtigkeit wieder entdecken. Steigen wir aus einzelnen\nGruppen zu denTheilen auf, so hat die Musik trefflich ver-\nstanden, den grossen Unterschied auszudrücken, nach dem\nder unterliegende Text die beiden ersten Theile geschieden\nhat; in dem ersten bewegen sich alle Freuden der beiden\nTemperamente in der freien Natur, in dem zweiten in Haus\nund Stube, mehr im Geistigen als im Körperlichen. Beiden\nTheilen ist dann ein dritter, der Gemässigte (il ModeratoJ,\nhinzugefügt. Dies würde dichterisch eine Pedanterie schei-\nnen, und um so mehr, als Milton's Frohsinniger undSchwer-\nrnüthiger sich mit ihren Neigungen ohnehin in den anstän-\ndigsten Gränzen halten. Musicalisch aber ist es vortrefflich\ngedacht und meisterhaft geordnet, dass auf die steten und"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "36", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.4", "texte": "zum Theil sehr scharfen Gegensätze des Eindrucks, zwi-\nschen denen man in den zwei ersten Theilen beständig\nwechseln muss, ein dritter Theil folgt, der, an sich nicht zu\nlang, in einem ganz gleichmässigen, gelassenen Stil durch-\ngeführt ist, und ganz vorzüglich die Bestimmung erfüllt,\ndas Gemüth in befriedigter Ruhe und in einem hergestell-\nten Gleichgewicht zu entlassen. Obgleich der dritte Theil\ndichterisch nichts weniger als ein Meisterstück ist, so er-\nkennt man doch in dieser seiner Berechnung auf die musi-\ncalische Wirkung eine feinfühlige Hand. Der Herausgeber\ndes Allegro, Moscheies, kannte den Verfasser des Textes\nnicht. Er ist wahrscheinlich derselbe Mann, der die geschickte\nZusammenstellung des Textes zum Messias gemacht hat,\nHerr Jennens. In einem Briefe aus Dublin vom December\n1741 erzählt Händel diesem Manne, dass er seine Vor-\nstellungen mit dem Allegro begonnen habe, und versichert\nihm wiederholt, dass die Worte zu dem Moderalo sehr be-\nwundert wurden. Diese Versicherung kann eigentlich nur\neinen Sinn haben, wenn Jennens der Verfasser des Textes war.\nSollte der Allegro in Deutschland je zu einer öffent-\nlichen Aufführung kommen, so möchten wir wünschen, dass\nes nur da geschehe, wo man die unentbehrlichen Kräfte\nwirklich besitzt und die Geduld hat, den ausdrucksvollsten\nVortrag einzuüben, und dass mit der möglichsten Vorsicht\ndie Solo-Partieen an solche Sänger vertheilt würden, die\nfür schlichte Einfalt und Natur die feinsten Sinne mitbrin-\ngen. Es wird von gutem Erfolg sein, wenn statt einer drei-\ntheiligen, eine Trennung in zwei grössere und zwei klei-\nnere Unter-Abtheilungen gemacht wird, indem man im\nersten Theile eine kleine Pause nach Nr. 14 eintreten lässt.\nDer Uebergang aus den Gesängen des Frohsinnigen zu de-\nnen des Schwermüthigen und umgekehrt muss nicht so\nrasch geschehen, dass nicht dem Hörer eine kleine Samm-\nlung gegönnt sei. Die Oratorien haben bisher den köstlichen\nVorzug behauptet, dass sie auf keinen anderen als den\nmusicalischen Sinn allein wirken mit den eigensten Mitteln\nder Tonkunst. Wie die Welt beschaffen und durch den\nSinnenkitzel der Oper verwöhnt ist, ist dieser Vorzug frei-\nlich für die Geltung der Oratorien zugleich ein grosser\nNachtheil geworden. Wollte man die Wirkungen auf das\nAuge zu Hülfe nehmen, wollte man das Oratorium auf dem\nTheater aufführen, zwischen zwei wetteifernden Gruppen\nund Chören, die sich im dritten Theile zu Einem vereinten,\nwollte man den Inhalt von Dichtung und Musik mit sinnig\nausgeführten Transparenten unter wechselnder Beleuchtung\nerläutern so könnte unstreitig ein rauschender Effect\nerzielt werden. Ob es aber im Interesse des höheren Kunst-\nSinnes wünschenswert!) sei, gerade eine so tiefinnerliche\nKunst wie diese zur Herablassung zu solchen äusseren\nHülfsmitteln zu bestimmen, lassen wir dahingestellt. Bei\nHändel's meisten biblischen Oratorien würden wir eher zu-\nrathen, da sie in der That nichts als einfache Opern, dra-\nmatische Handlungen sind, die zu einer classisch einfachen\nDarstellung zu bringen, sich vielleicht mit demselben uner-\nwarteten Erfolge belohnen würde, den die Wiederbelebung\nder antiken Tragödie gehabt hat.\n\nG.\n\nLondoner Briefe.\n\n(Julliens Abschied Don Juan.)\nDen 20. Juli 1853.\nDer Löwe der Riesen-Concerte, Hr. Jullien, hat uns\nverlassen und am 11. sein Abschieds-Concert im Drury-\nlane-Theater gegeben. Die Räume waren glänzend ausge-\nstattet und das Orchester so wie in den Winter-Concerten\nJullien's massenhaft aufgestellt. Trotz der erhöhten Preise\nwar das Haus ganz gefüllt. Jullien wurde mit ungeheurem\nApplaus empfangen; das Publicum wollte ihm dadurch be-\nweisen, dass es seine Verdienste um London zu würdigen\nwisse.\nIn der That hat Jullien mit tüchtiger Geschäftskennt-\nniss und merkwürdiger Einsicht in den Charakter der Eng-\nländer ganz bedeutend auf die hiesigen musicalischen Zu-\nstände gewirkt, und es ist viel leichter, über den äusseren\nPrunk und die Marktschreiereien, an denen es freilich bei\nseinem Unternehmen auch nicht fehlte, den Stab zu\nbrechen, als das Gute desselben zu durchschauen und ge-\nbührend anzuerkennen. Er wusste, dass der Londoner zu-\nnächst staunen und dann amusirt werden will, bevor er\nzur Empfänglichkeit für das eigentlich Schöne der Kunst\nkommt. Daher sein Krystall-Vorhang, seine ungeheure\nTreppen-Aufstellung des Orchesters, seine kolossalen Schau-\nInstrumente, ein Contrebass-Riese und eine Tuba-Riesin\nauf den Flügeln, daher seine Nationalgesänge unter allen\nFormen, seine Walzer und Quadrillen und all dergleichen.\nAber er führte nach und nach die Menge zu den Pforten\ndes Heiligen und lehrte stufenweise den Geschmack an gu-\nter Musik, wahrte aber dabei sein Publicum vor Ueber-\nsättigung und Langerweile. Er verschallte ihm eine ange-\nnehme Erholung gegen eine nur mässige Ausgabe und trug\nzur Verbreitung des Sinnes für Musik in grösseren Kreisen\num so wirksamer bei, als dieser Kunstgenuss wegen der\nhohen Preise und der mit dem Concertbesuche verbundenen\nkostspieligen Toilette bisher nur ein Monopol der reicheren"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "37", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.5", "texte": "und vornehmeren Classe der Gesellschaft gewesen war.\nSeine Concerte waren desshalb ein wahrhaft populäres Un-\nternehmen, und oft hat die unstudirte Menge, zu einem un-\nbekannten Gefühle erwacht, Aussprüche über aufgeführte\nWerke der Tonkunst kund gegeben, welche deutlich be-\nwiesen, dass die privilegirten Stände auch nicht unfehlbar\nin ihren Urlheilen sind.\n»\nAuch die Jahreszeit, in welcher Jullien seine grossen\nso genannten Promenaden-Concerte gab, nämlich der Win-\nter, war ein Bundesgenosse für ihn bei dem Mittelstande und\ndem Volke; denn es gibt doch noch immer in London\nHunderttausende von Leuten, die so vernünftig sind, im\nFrühlinge und Sommer aufs Land und im Winter in Theater\nund Concert zu gehen, und die der Aristokratie gern das\nVorrecht lassen, im Winter auf dem Lande zu frieren und\nim Sommer im Theater und Concertsaale zu schwitzen.\nJullien hat nach und nach in seinen Concerten fast alle\nBeethoven'schen Sinfonieen, eben so die besten Ouver-\n-7\nturen der deutschen Meister aufgeführt, also einem Theile\nder londoner Bevölkerung einen Genuss verschafft, welchen\ndieser kaum ahnte. In seinem Abschieds-Concerte blieb er\ndem einmal angenommenen Grundsatze ebenfalls treu, und\nneben Meverbeer's Ouvertüre und Zwischenmusik zu\nStruensee, Beethove n's Pastoral-Sinfonie und Web er's\nOuvertüre zu Oberon figurirten zwei bis drei der grossen\nQuadrillen und ein neuer Abschieds-Walzer Jullien's.\nAusserdem unterstützten fast sämmtliche Kunst-Berühmt-\nheiten den sehr beliebten Concertgeber, z. B. die Castel-\nlan, die Doria, Dolby, Formes, Tamberlik, Ree-\nves, Emil Prudent, Reichert, Bottesini u. s. w., so\ndass das Concert fast bis an das Grauen des jungen Tages\ndauerte.\nJullien ist nach Nordamerica gegangen; er hat ein aus-\ngewähltes Orchester von über dreissig Musikern mitgenom-\nmen und in New-York bereits dreissig bis vierzig andere\nim Voraus engagirt. Fräulein Anna Zerr ist seine erste\nSängerin.\nAm 14. gab die italiänische Oper zum ersten Male\nMozart's „Don Juan\". Trotz der glänzenden Besetzung\n(Donna Anna Mad. Medori, Elvira Mad. Bosio,\nZerline Mad. Castellan, Don Juan Belletti,\nLeporello Formes, Ottavio • Tamberlik, Com-\nthur Tagliafico, Masetto Polonini) hätte eine\nscharfe Kritik wohl ein Recht, von der Gesammt-Auflüh-\nrung mit solchen Kräften ein vollkommneres Ganzes zu for-\ndern, als uns vorgeführt wurde. Einzelnes war allerdings\ntrefflich. Die Medori war als Donna Anna vorzüglich, be-\nsonders in dem grossen Recitativ und der darauf folgenden\nArie: Or sai che l'indegno(„Du kennst den Verräther\");\nunverantwortliche Sünden waren aber die Freiheiten, die sie\nsich in dem Masken-Terzett nahm, eben so die Menge von\nStaccato's in der F-dur-Arie, auch da, wo die Natur der\nPassage offenbar ligato verlangt. Mad. Bosio war in der\nElvira nicht ganz sicher, Mad. Castellan als Zerline ausgezeich-\nnet. Belletti ist ein trefflicher Sänger, aber zum Don Juan\ngehört mehr als guter Gesang; er spielte wie ein Gentle-\nman, der sich vor jeder tragischen Situation und jedem\nhumoristischen Sichgehenlassen in Acht nimmt. Am ausge-\nzeichnetsten war Formes. Die letzte Scene, auf den\nmeisten Theatern durch erbärmliche Faxen und Possen-\nreisserei des Leporello verdorben, war ein Meisterstück der\nLeistung bei ihm; sein plötzlicher Abgang, als Don Juan dem\nComthur die Hand reicht, machte einen wahrhaft dramati-\nschen Eindruck.\nIn Donizetti's „Favorite\" (am 16. d. Mts.) war\nBelletti als König Alfonso an seinem Platze und sang\ndiese Concertmusik vortrefflich. Die Grisi und Mario\n(Leonora und Fernando) waren natürlich, besonders im\nletzten Acte, die Glanzpuncte. Beide sind hier so beliebt,\ndass sie sich Alles erlauben können, und dass ein Kritiker,\nwie Ihr bescheidener Correspondent, höchstens in einer\ndeutschen Zeitung sagen darf: Es ist nicht alles Gold, was\nglänzt, und es gibt keine ewige Jugend, u. dergl. mehr;\nin einem londoner Blatte das drucken zu lassen, wäre\nlebensgefährlich!\n\nC. A.\n\nStoppellese.\n\nWas werden Sie sagen, wenn ich Ihnen eine Stoppell-\nl- aus einem theologischen Werke für Ihre Musik-\nZeitung schicke ? Ja, ja! die neueste Religions- und die\nneueste Kunstphilosophie sind einig und feiern ihre Ver-\nmählung in Ludwi g Noack's Buche: „Die Theologie als\nReligionsphilosophie.\"\nHerr Noack will die „absolute Religion\" und hofft die\nKirche in die „freie Beweglichkeit der religiösen Gesellig-\nkeit\" umzubilden. Dazu müssen Religion, Staat, Kunst und\nGesellschaft in einander schmelzen; Mittel dazu werden\nKünstlerfeste, politische Feste, namentlich aber der „Cul-\ntus des Genius\" sein. Den Haupthebel aber zu der neu zu\nbewegenden Welt wird das Theater abgeben, das Thea-\nter als der Vereinigungspunkt aller Künste!\n„Die Festfeier der absoluten Religion vollendet sich\nim ästhetischen Cultus. Der Cultus in der vollendeten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "38", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.6", "texte": "Form der religiösen Gemeinschaft istCultus der Schönheit,\ndie als ästhetischer Gesammtorganismus aller geistigen, sitt-\n\\\nliehen Lebensverhältnisse vor die Anschauung des Subjectes\ntritt durch die Kunst, die in der Schönheit den Bund zwi-\nschen Natur und Geist stiftet. So dient die Kunst der\nreligiösen Gesellschaft für den Zweck der fortwährend her-\nvorzubringenden, wie auch Sinn und Phantasie belebenden\ngegenständlichen Anschauung der Versöhnung.\" (!!!)\nDarauf folgen Wagner'sche Träume, dass sich alle be-\nsonderen Künste erst durch ihr immer vollständigeres or-\nganisches (?) Zusammengehen zu lebendiger Einheit vollen-\nden und dafür bildet „den organischen Ansatz und\nMittelpunkt die Schaubühne, in welche darum der\nabsolute Cultus gipfelt\".\n0 beneidenswerther Band der Künstler der Zukunft,\nder Apostel des gesungenen Drama's mit den Propheten\nder absoluten Religion und des ästhetischen Cultus! Wie\nschade, dass die Verwirklichung dieser weltumwälzenden\nIdeen bei Wagner erst, „wenn keine Staaten mehr existi-\nren\", bei Noack erst, „ wenn das religiöse Bewusstsein der\nZeit über die bisherige Gestalt einer einseitigen und das\nwahrhaft religiöse Bedürfniss unbefriedigt lassenden Religio-\nsität sich erhoben haben wird\" ins Leben treten kann!\nIst aber ein solcher Unsinn etwa nur auf dem Stand-\npunkte der freien Gemeinde oder der communistischen Ge-\nsellschaftslehre denkbar? Keinesweges. In der deutschen\nLiteraturgeschichte des überfrommen Dr. F. J. Günther\nlernen wir, dass Schiller's Gedicht: „Die Götter Griechen-\nlands\" vielfach missverstanden worden. Es schildert\nnämlich „die heisseste Sehnsucht des glaubenslosen, auch\nim Heidenthum vergebens friedensuchenden Herzens nach\ndem persönlichen Gott der Christen und nach einerKunst,\nwelche diesen lebendigen Gott darstellen\nmöchte\". lst das nicht ein würdiges Gegenstück zu\nden Erklärungen der Beethoven'schen Musik aus demokra-\ntischen Ideen? Es geht ein finstrer Geist durch das\nHaus der deutschen Kunst und Literatur!\n\nS. in S.\n\nAus München.\n\nDie dramatische Musik der Franzosen ist wesentlich declamato-\nrisch. Es war ein Deutscher, der Ritter v. Gluck, der dieses decla-\nmatorische Element aufgriff, es mit der ganzen Fülle des deutschen\nGemüthes durchdrang und so, dessen bedingte Berechtigung that-\nsächlich anerkennend, dasselbe in seiner spröden Einseitigkeit ver-\nnichtete. Er bürgerte durch seine grossen dramatischen Werke\ndeutsche Musik bleibend in Frankreich ein, und eine grosse Schule,\ntheils aus Franzosen, theils aus dort nationalisirten Italiänern be-\nstehend, bildete seine Richtung aus. Mozart, der dieser dramati-\nsehen Richtung sich anfänglich angeschlossen, erfand sie bald als\nseinem Wesen widersprechend, und sein Genius trieb ihn in die\nBahn der schönen sinnlichen Melodie lind der dadurch ermöglich-\nten individuellen Charakteristik. Wenn man sagt, Gluck sei fran-\nzösisch in seinen Opern, so darf man dies nur in so fern zugeben,\nals er ein französisches Princip, die Dcclamation, in seine deutsche\nNatur aufgenommen. Bezeichnet man Mozart's dramatische Musik\nals italienisch, so kann dies nur den Sinn haben, dass italienische\nund Mozart'sche Musik in der Melodie, aber nur prineipiel, zusam-\nmentreffen. Mozart's Musik ist eben so ursprünglich deutsch, als\nsein sittlicher Charakter und sein wenig glänzendes Lebensschicksal.\nMit der dramatischen Schöpfungsweise Hand in Hand geht die\nKunst der Darstellung. A\\ ie die französische Oper, indem sie die\nMusik dem \\\\ orte unterordnet, auf Verständlichkeit vorzugsweise\nlosarbeitet, so muss auch der französische Bühnensänger, um auf\nsein Publicum wirken zu können, hauptsächlich durch Declamation\nund Spiel sich hervorthun. Träte nun zu diesen beiden Eigen-\nschaften noch die Meisterschaft im Gesänge, so würde ein vollen-\ndeter dramatischer Sänger vor uns stehen. Die seltene Vereinigung\ndieser Qualitäten tritt uns in llogcr leibhaft entgegen. Seine Er-\nscheinung ist für uns dadurch so überraschend, dass er in hohem\nGrade besitzt, was unseren Sängern gemeiniglich abgeht. Schon\ndie Deutlichkeit der Aussprache er, der Franzose, singt das\nverständlichste Deutsch erweckt unsere Bewunderung. Man weiss\naber auch in der That nicht, was von Beiden mehr, sollen wir\nsein Spiel, oder sollen wir seine Gesangeskunst bewundern. Halten\nwir uns an den Gesang, so kommt es doch zuweilen vor, dass\nRoger bei gehobenen dramatischen Stellen über die Musik hinaus-\nschrcit, während er bei ruhigeren häufig fast zur gewöhnlichen\nSprache herabsinkt, die vom Gesänge nur noch den Hauch eines\nhöheren Wohllautes empfängt. Dann tritt er uns aber wieder als\nMeister in der Kunst des Gesanges, die an seinen gewaltigen Stimm-\nmitteln ein so reiches Material besitzt, mit solcher Wucht entge-\ngen, dass wir über dem Schauspieler den Sänger vergessen. Man\nwürde indessen Roger gewiss Unrecht thun, eine dieser beiden\nSeiten auf Kosten der anderen an ihm hervorzuheben. Nur die\nNeuheit der Erscheinung lässt diese Gegensätze, bald den einen,\nbald den anderen, mehr unvermittelt hervortreten, während eine\nkurze Gewöhnung die klare Einsicht erzeugen müsste, dass man es\nhier mit einem vollendeten dramatischen Sänger zu thun habe.\nRoger ist hauptsächlich in drei Opern auf der münchener Hof-\nund Nationalbühne aufgetreten: in den Hugenotten, der weissen\nFrau, dem Propheten. Sein George Brown in der weissen Frau ist\nein bis ins Kleinste sauber ausgeführtes, fertiges Genrebild. Viele\nhaben seine Darstellungsweise desselben raffinirt genannt. Ich finde\nsie nur fein. Man kann hier das erfinderische, das schöpfe-\nrische Talent nicht genug bewundern, das er in fast jeder Scene\nin Bezug auf die Entwicklung der Situation, an den Tag legt.\nDer Franzose Roger ist gewiss ein authentischer George Brown;\ner ist als solcher ein Ausbund von Noblesse, Liebenswürdig-\nkeit und Schelmerei. Als authentische Interpretation der Musik\nkönnen wir es jedoch nicht betrachten, wenn er im zweiten Auf-\nzuge, in Erwartung der weissen Frau am Kamin sitzend, zu einem\nanschwellenden Satz des Orchesters den Blasbalg ganz im Lact in\nBewegung setzt, und ihn schliesslich bei einem abbrechenden stark\nacccntuirten Accord bei Seite wirft, dass es klappt. Das heisst die\nMusik gar zu handgreiflich ins Acusserlichc übersetzen. Sein Raoul\nin den Hugenotten bot manchen Glanzpunct. Besonders im vierten\nAufzug, in dem auch Meyerbeer's Genius gipfelt, gab er den Kampf\nzwischen Liebe und Pflicht mit ergreifender Wahrheit wieder. Am\nvollendetsten war seine Leistung als Johann von Leyden. Der viel-\nleicht grellste sittliche Conflict, den die moderne Dramatik entwe-\nder mühsam ergrübelt, oder als unmittelbar in der Wirklichkeit"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "39", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.7", "texte": "xorgefündene Thatsache ihren Zwecken einverleibt, findet sich im\nzweiten Aufzug des Propheten. Dem Sohn und Bräutigam wird die\nWahl zwischen dem Tode der Mutter oder der Hingabe seiner\nBraut an einen Wüstling gelassen. Er entscheidet sich für das Letz-\ntere. Man konnte aber über der hinreissenden Darstellung Bogers\ndie Scheusslichkeit dieses Confiictes, der nur dazu dient, aus einem\nSchwachkopf einen Propheten zu erzielen, für den Augenblick ver-\ngessen. Einen seltenen Triumph feierte seine Schauspielkunst in der\nDomsecnc, wie er als Gesalbter des Herrn seine Mutter verleug-\nnet und sie zwingt, vor ihm auf die Kniee zu fallen. Obgleich hier\nkein Ton zu singen, folgte doch dem Augenblicke der Kniebeu-\ngung der jauchzende Beifall des Publicums. Es war aber auch ein\nwunderbares Doppelschauspiel, wie Boger gegen das Volk im Bücken\nden wunderthätigen Propheten \"spielte, und seine Mutter, indem er\nsie mit unendlichem Elend im Antlitz flehend anblickte, durch das\nWunder der Liebe zu Boden zwang. Die französische Nationalität\nhaftet als Vorzug und Mangel an Boger's ganzem Wesen und zeigt\nsich namentlich in seinem Streben nach interessanter Wahr-\nheit. Boger ist Franzose, und als solcher will er beurtheilt sein.\nIch kann von meinem Gegenstande nicht scheiden, ohne vorher auf\nW. H. Biehl's geistvolle Charakteristik Boger's, die sich in seinen\n„musicalischen Charakterköpfen\" findet, ein musiksinniges und den-\nkendes Publicum aufmerksam gemacht zu haben.\n\nA. Z.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nAachen* Frau Küchenmeis ter-Budersdor f hat das En-\ngagement beim Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin\nwieder angenommen und wird es mit dem 1. Sept. antreten. Frl.\nJoh. Wagner verlässt uns am 31., um zunächst nach Cob lenz\nzu gehen.\nAm 26. Juli 1783 starb zu Berlin 62 Jahre alt der preus-\nsische Hof-Capellmeislcr Johann Phil. Kirnberger, einer der\nberühmtesten Theoretiker und Componistcn im gelehrten Stile. Der\nOrganist Kellner, Joh. Fr. Meil, Gerber und Joh. Seb. Bach wa-\nren seine Lehrer. Als Kirnbcrger noch Ciavierist bei einer polni-\nschen Capelle war, spielte ein Violinist dieser Capelle, Namens Ko-\nsolowsky öfters ein Concert von eigener Composition, worin eine\nPassage vorkam, w elche jener nicht ausstehen konnte, weil eine un-\nharmonische Wendung darin enthalten war. Er setzte dem Koso-\nlowsky daher jedes Mal über diese Passage zu, und erbot sich, ihm\neine andere zu schreiben, wenn er sie nicht bloss verbessern\nwollte. Kosolowsky hatte keine Ohren dafür, und Kirnbcrger nahm\nsich vor, ihn durch ein anderes Mittel dahin zu bringen, ent-\nweder das Concert nicht mehr zu spielen, oder die bewusste Pas-\nsage wenigstens zu ändern. Er gewöhnte einen Hund des Fürsten,\nauf seine Stube zu kommen, und so oft solches geschah, spielte er\nihm auf der Violine denjenigen Theil vor, in welchem die krätzige\nPassage war, unterlicss aber nicht, bei selber jedes Mal dem Hunde\nein paar Hiebe mit dem Stocke zu geben. Der aufmerksame Hund\nkam durch diese Uebung in Kurzem so weit, dass er jedes Mal?\nwenn die Passage kam, jämmerlich zu heulen anfing, und dies war\nes, was Kirnberger wünschte. Als dieser nun eines Tages durch\neinen seiner Spione erfuhr, dass Kosolowsky sein verwünschtes\nConcert spielen wollte, so veranstaltete er durch einen Bedienten\ndes Fürsten, dass der Hund in den Concertsaal hineingelassen ward.\nKosolowskv legte sein Concert auf, und als er an die verzweifelte\nJ O\nPassage kam, erhob der Hund mit Einem Male ein so jämmerliches\nGeschrei, dass die ganze Capelle irre gemacht ward und die In-\nstrumente niederlegte. Der Fürst Hess das Concert von Neuem be-\ng'nnen und der Hund fing bei der Passage von Neuem zu, heulen\nde. „Nun werden Sie es doch wohl merken.\" sprach Kirnberger\nzu Kosolowsky mit halbleiser Stimme, „dass die Passage nichts\ntaugt, da Sic sogar die Hunde damit aufrührisch machen.\" Der\nFürst lachte den Kosolowsky aus, der nach der Zeit nicht weiter\nmit seinem Concerte erschien.\n** IS res lau, 25. Juli. Am Sonnabend eröffnete Frl. Bab-\nnigg ihr Gastspiel mit der Partie der Bosine im Barbier. Die\n\\ irtuosität, mit welcher sie diese Partie durchführt, ist aus früherer\n# # s.\nZeit her hinlänglich bekannt. Ist ihr aber hier und da der Vor-\nwurf gemacht worden, dass sie mit allzu grosser Freiheit in die\nComposition selbst eingreife, so bewies sie zugleich durch den Vor-\ntrag der beiden Einlagen, dass sie eben sowohl im Stande sei,\ndurch das einfache Lied die Herzen zu ergreifen, wie sie durch\ndie ausserordentliche Kehlcnfertigkeit und vollendete Technik ihres\nGesanges zur Bewunderung hinreisst. Indem wir schliesslich noch\nbemerken, dass die Zeit, während welcher Frl. Babnigg von hier\nentfernt war, ihren Stimmmitteln keinen Eintrag gethan hat, haben\nwir noch zu berichten, dass die Bückkehrcndc mit allen Zeichen\nanhänglicher Verehrung und herzlicher Thcilnähme empfangen\nward, und der Beifall des in Anbetracht der Jahreszeit ziemlich\nzahlreich versammelten Publicums sich im Verlauf der Oper je\nmehr und mehr steigerte. Hr. Erl sang den Almavivä vorzüg-\nlich, und seine gerade in den höheren Lagen so ausserordentlich\nschöne Stimme machte sich aufs beste geltend. Anfang künftigen\nMonats trifft Frau Gundy zum Gastspiel ein. Dieselbe ist dem\nhiesigen Publicum wohl noch in gutem Andenken. In die Zeit\nihres Engagements fiel die erste Aufführung des „Propheten\"; sie\nmit ihren herrlichen Mitteln war unsere erste Fides, und ob-\nwohl wir seitdem Künstlerinnen ersten Banges in dieser Partie\nkennen und bewundern lernten, wird man sich doch wohl noch\nmit Vergnügen auch jener ersten Aufführungen erinnern.\nBreslau. Boger, welcher hier wie überall die Herzen der\nFrauen bezaubert und deren schmeichelhafteste Huldigungen sich\ngewann, hat nicht wrollen von hier scheiden, ohne ein Zeichen des\nDankes zu hinterlassen. Er hat daher zwei Polka's seiner Com-\nposition, welche in diesen Tagen im Verlage von Sohn und Leh-\nmann (früher Bote und Bock) erscheinen werden, den breslauer\nDamen gewidmet, und wird mit dieser Huldigung gewiss Herzen\nund Füsse zugleich in Bewegung setzen und sich selbst in der\nErinnerung und in der Mode erhalten. Das Heftchen wird zugleich\nmit dem Bilde Boger's, nach einem vortrefflichen Aquarell-Ge-\nmälde des Herrn Jäger, geziert sein und sich somit schönen\nHänden und zärtlichen Blicken noch besonders empfehlen. Auch\nerscheint, oder ist bereits erschienen, eine besondere Lithographie\nnach dem genannten Jäger'schen Bilde, welche den zahlreichen\nVerehrern des grossen Künstlers, die sein Andenken auch äusser-\nlich festhalten wollen, gewiss höchst willkommen sein wird.\nDresden, 18. Juli. Fräulein Wildauer beschloss gestern\nihr Gastspiel mit einer Wiederholung der Susanne in Mozart's\nFigaro. Ihre Gesangmittel reichen für diese Partie nicht aus; das\nSpiel ist allerdings höchst gewandt und reizend, allein es will uns\ndoch scheinen, als trüge die Künstlerin aus ihrem Nandl in dem\n„Versprechen hinter dem Heerd\", und dessen matten Nachahmun-\ngen, die sie uns auch zum Besten gegeben hat, hier und da eine\nManier in die feiner komischen Bollen, welche durchaus nicht da-\nhin passt.\nFrankfurt a. In einer Abendunterhaltung bei Hrn. An-\ndre hörten wir dieser Tage die jungen Brüder von Booth aus\nLondon, Knaben von 8, 10 und 12 Jahren, alle drei Violinspieler,"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "40", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530730-01.1.8", "texte": "im Musik-Institut zu Karlsruhe unter Leitung des Capellmeisters\nWill gebildet. Der älteste trug das sechste Concert von Beriot\nmit grossem Beifalle vor. Die meiste Genialität schien jedoch der\njüngste zu verrathen. Das Zusammenspiel in einem Trio von Will\nwar sehr anerkennungsw erth.\nMainz* Der beliebte Componist der gefälligen Tanzrhythmen,\nAnton Wallerstein, ist hier durch nach Süddeutschland und\nOesterreich gereis't, um in diesen Ländern seine Compositionen\nzu verbreiten.\n\"Wiesbaden. Schindelmeisser s Stelle, der als erster\nHof-Capellmeister nach Darmstadt geht, soll der Musik-Director\nH agen aus Bremen erhalten haben. Vieuxtcmps ist hier\nund hat bereits ein Concert gegeben, wie auch in Homburg.\n*** Badeii-SSadeii. Am 20. August wird ein Musikfest\nhier Statt finden, wozu 11. Berlioz eingeladen ist und seine Sin-\nfonie „Romeo und Julie1' aufführen wird. Wer ihn eingeladen hat,\nfragen Sie? Ei nun, derjenige, der hier Alles in Allem ist, der\nHerr Benazet, Pachter der Spielbank.\n\"Wien. Ausser Fräul. Johanna Wagner werden Fräul.\nAgnes Bury, Sabine Heinefetter und Frau Fischer-\nNimbs zu Gastspielen erwartet. Fräul. La Grua aus Paris wird\nerst im September hier eintreffen. Strauss's Bencfice in der\nBierhalle am 18. d. M. war sehr zahlreich besucht; er führte sei-\nnen „Kaiser-Rcttungs-Jubelmarsch\" mit 224 Musikern auf und\nmusste ihn zwei Mal spielen.\nFrau Nina von Rosthorn hat ihren Aufenthalt auf dem\nLande in Baden bei Wien zur Pflege ihrer Gesundheit gewählt.\nZiemlich sicheren Nachrichten zufolge soll der unbekannte Aus-\nschreiber eines Preises auf den besten Operntext (s. unten) der\nHerzog von Coburg, der Componist der Casilda, sein.\nXiiriclt. Die hiesigen Männergesang-Vereine haben Richard\nWagner am 13. Juli als Zeichen der Anerkennung seiner musi-\ncalischen Wirksamkeit einen Fackelzug gebracht. Nach Wagners\nAeusserungen in seiner Dankrede wird er Zürich nie verlassen.\nDie Spanier lieben den Tanz leidenschaftlich, allein eigentliche\nKunst- oder Ballet-Tänzer und Tänzerinnen kennen sie gar nicht,\nwiewohl sie die bailarina (die Tänzerin vom Fach oder vom Hand-\nwerk) von der bailadora (dem tanzenden Mädchen) unterscheiden.\nEine solche ist ihnen die Königin des Volkslebens, der Volkspoe-\nsie namentlich in Andalusien.\nDie Musik spielt bei diesen Tänzen nur eine Nebenrolle, wenn\nman ihren Gehalt gegen die Poesie des Tanzes abwägt; allein ihre\nBegleitung ist dennoch wesentlich. Im Volkstheater wird von den\nMitspielenden, auch wohl von den Zuschauern, zu dem Tanze ge-\nsungen, Guitarre gespielt und mit Castagnetten geschlagen. Die Ge-\nsänge sind einfache Liedchen, oft improvisirt, in denen sich eine\neigenthümliche, halb orientalische, halb deutsche Leierweise verei-\nnigt und deren Melodie mit wenigen Abänderungen fast immer\nwiederkehrt und fast überall dieselbe ist. Es kann daher von den v i e-\nlen reizenden Nationalmelodicen der Spanier nicht die Rede sein;\ndie meisten derselben, d. h. derer, die für spanisch in Europa gel-\nten, sind von Deutschen, Italiäncrn und Franzosen in Madrid, Bar-\ncelona, Sevilla, Cadix u. s. w. componirt. Ein deutscher Musiker\nin Madrid erzählte uns bei seiner neulichen Anwesenheit hier am\nRheine, dass er deutsche Volkslieder (nach Rietz' und Silchers\nSammlungen) auf spanische Texte übertragen habe, und dass sie\nsehr bald ins Leben übergegangen seien.\nUeber das Violinspiel und die Compositionen des russischen\nObersten Alex. Lwoff drückte sich vor Kurzem ein Kritiker (?)\nalso aus: „Wer Lenau gekannt hat und sich in seinen Dichtungen\nergangen, wird und muss sich (sich? oder ihn?) unwillkürlich wie-\nderfinden in dem Violinbogen (!) wie in allen Compositionen LwofT's.\nJede Molecüle, die er schwingen macht, man fühlt unwillkürlich\nheraus aus ihr, dass sie von einem Schlag seines Herzens erregt\nwurde.\" (!)"}]}