{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_sha256": "2da0c1d9ac813044aa17c2e36759f7fcfcc7220d7a9ab718f1f1d125b17cee62", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/08/27_01/bmtnabi_1853-08-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-08-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "68", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.2.1", "titre_corps": "Kunst und Kunststil.", "titre_sommaire": "Kunst und Kunststil.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3931, "texte": "Kunst und Kunststil.\nWenn man sich in einem dunkelen Walde durch dich-\ntes Gestrüpp und wirre Schlingpflanzen mühsam hindurch\ngearbeitet hat und endlich auf eine klare, lichte Stelle hin-\naustritt, wo duftender Rasen zur Ruhe einladet und das\nBlau des Himmels hereinleuchtet, so athmet man auf in\neinem Gefühle von Genügen und Befriedigung, das um so\ntiefer empfunden wird, je mehr es uns überrascht. So er-\nging es uns, als wir nach mancher trostlosen Wanderung\ndurch die verwilderten oder krankhaften Producte der heu-\ntigen Kunst-Philosophie auf ein kleines Büchlein stiessen,\naus welchem überall Gesundheit, Ordnung, Licht und Le-\nben uns anspricht. Wir meinen die Schrift:\nKunst und Kunststil. Mit einem Sendschrei-\nbe n an W. von Kaulbach. Von Adolph\nHelfferich. Berlin, T. C. F. Enslin, 1853.\nXX u. 117 S. in 8.\nDas Sendschreiben an Kaulbach, das eine scharfe Kri-\ntik der Richtung dieses Künstlers und seines Stils, oder\nvielmehr seiner Stillosigkeit, in einer kurzen Besprechung\nseiner letzten grossen Gemälde: „Thurmbau zu Babel\",\n„ Zerstörung Jerusalems\" und „ Die Blüthe Griechenlands\",\nenthält, geht uns zwar als Musiker nichts an; dennoch\nmüssen wir auch hier schon so Manches auszeichnen, was\nfür die musicalischen Kaulbachs der neueren Zeit seine\nAnwendung findet, wie z. B. den Satz, welcher der Kritik\nder Kaulbach'schen Zerfahrenheit zum Grunde liegt: „Die\nMotive als solche machen noch lange keine bedeutende\nComposition, sondern allein die Verwendung derselben in\nihrem Verhältniss zu der darzustellenden Grund-Idee.\"\nWiewohl Helfferich dies in Bezug auf die Compositionen\nder Malerei gedacht und geschrieben, so passt es doch eben\nso trefflich auf die Compositionen der Tonkunst.\nDer Hauptgedanke der Schrift ist der, dass dasjenige,\nwas in einem Kunstwerke den Eindruck des Schönen in\nder Seele hervorbringt, der Stil sei. Ehe der Verfasser\njedoch an die nähere Erörterung dessen, was Stil ist, her-\nangeht, bespricht er auf eine treffliche Weise den Unter-\nschied zwischen dem Urtheil in Sachen der Kunst und der\nErkenntniss in Sachen der Wissenschaft, und weis't nach,\nwie die Wissenschaft in dieser Beziehung in weit begünstig-\nterer Lage ist, als die Kunst. „Die Lösung einer wissen-\nschaftlichen Aufgabe, mag dieselbe auch auf verschiedene\nWeise in Angriff genommen werden, kann in ihrem End-\nergebniss nur Eine und dieselbe sein, wogegen ein künst-\nlerischer Vorwurf, darin der Peripherie des Kreises ähn-\nlich, vom Mittelpunkte aus in allen möglichen Richtungen\nmit demselben Anspruch auf Geltung sich ausführen lässt.\nBehaupten zu wollen, es gebe auf dem Gebiete der\nKunst in letzter Instanz gleichfalls nur eine\neinzige absolute Lösung, hiesse das Grundwe-\nsen des artistischen Bildungstriebes nicht ken-\nnen und auf den Kopf stellen.\" Freilich! das ist eine\nWahrheit, die den Thoren, welche von der einzig mög-\nlichen Lösung der Aufgabe der gesammten Kunst\ndurch das musicalische Drama der Zukunft sprechen, nicht\nlaut genug gesagt werden kann, und wenn das nicht hilft,\nso muss man sie ihnen an den Kopf schleudern, damit eine\nErschütterung desselben sie entweder ganz und gar ver-\nrückt mache oder heile.\nHiernach schreitet der Verfasser bestimmter auf der\nBahn zu seinem Ziele vorwärts.\n„Der Eindruck, den eine anerkannt schöne Erschei-\nnung auf uns hervorbringt, ist nichts Anderes als ein ge-\nfördertes oder gesteigertes Lebensgefühl.\" Schon\nHerder nannte gegen Kant das Schöne „einen Typus der\nlebendigen Bildungen in der Natur\", — und Schiller\nsprach es geradezu aus: „Nicht die Gestalt als solche, son-\ndern die lebendige Gestalt ist das Schöne.\" Wie wahr\nsagt der Verfasser: „Es ist, als ob unsere gesammte Na-\ntur sich zu einer freieren Lebensentwicklung emporgeho-\nben fühlte, als ob der Druck und die Beschränkung des\ngewöhnlichen Daseins von uns genommen wäre, wenn der\nGenuss eines gelungenen Kunstwerkes uns gestattet ist.\"\nNatürlich ist die gehobene geistige Lebens-Einheit gemeint,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4960, "texte": "für deren ideale Lebens-Functionen die Sinne nur die Ver-\nmittler sind.\nEin gesteigertes Lebensgefühl kann aber nur die Wir-\nkung der äusserlich dargestellten Lebens-Idee sein. Somit\nist die erste und allgemeinste Definition des Stils gewon-\nnen: „Der Kunststil ist dargestelltes Leben.\"\nSo steht denn der Künstler inmitten einer Unendlich-\nkeit von Aufgaben; denn alles, was lebensfähig ist, kann\nvon der Kunst dargestellt werden, und es kommt nicht auf\ndas Was, sondern auf das Wie an. Die Kunstgeschichte\nbeginnt erst da, wo der Künstler die Idee des Lebens in\nseine Gewalt bekommt. Aber eben so unterliegt es keinem\nZweifel, dass der Verfall in der Kunst jedes Mal da seinen\nAnfang nimmt, wo das wirkliche Leben in ein ge-\nmachtes übergeht.\nDas Kunstwerk soll aber eine bestimmte Lebens-Idee\ndarstellen; der einheitliche Gedanke desselben ist sein\nseelisches Princip. Der Stil bestimmt sich desshalb noch\nnäher als „diejenige Kunst, welche das Leben aus sei-\nnem eigenen Grunde heraus schafft, oder, was das-\nselbe ist, als das seelenhafteKunstwerk.\" — „Stil-\nlos mag dagegen alles heissen, was durch den Aufwand\näusserer Mittel den Mangel an innerem Lebensgrund zu\nverstecken sucht. In der Kunst ist der Reichste, wer mit\nden wenigsten Mitteln das Meiste, der Aermste, wer mit\nden meisten Mitteln das Wenigste leistet. — Es wird dem\nreinen Sinn ganz ängstlich zu Muthe, wenn er beim An-\nsehen eines Gemäldes oder beim Anhören eines Musik-\nstückes bemerken muss, wie sauer es sich der Künstler\nwerden liess, etwas Wirksames zu Stande zu bringen, wie\ner aus allen Quellen schöpfte, nur nicht aus dem Born un-\ngetrübter Begeisterung, die sich selbst genügt, sich selbst\nMaass und Regel ist.\"\nSo spricht der Verfasser das aus, was auch wir seit\nJahren in diesen Blättern unseren Lesern zum Bewusstsein\nüber das Wesen der Kunst zu bringen streben.\nEben so aus der Seele geschrieben ist das, was er\nüber den Maass- und Form begriff sagt. Ueber jenen\nenthält der Satz (sich anschliessend an Mozart's Brief über\nsein Gomponiren): „Die Motive fliegen dem echten Künst-\nler von allen Seiten zu, aber mit sicherem Instinct weis't\ner alle die zurück, die zu dem Ganzen nicht passen, die von\ndem ordnenden Maassbegriff nicht mit innerer Notwen-\ndigkeit in den Organismus des Kunstwerks eingefügt wer-\nden können\" — und in Bezug auf den letzteren (den\nFormzwang): „Nicht die abstracte Regel ist es, die im Le-\nbendigen waltet, sondern die organische Form, welche in\nder Unterordnung desTheiles unter das Ganze die Zweck-\nmässigkeit frei gewähren lässt\" — diese Sätze, sagen\nwir, enthalten goldene Regeln für jeden Künstler und na-\nmentlich für den Componisten. Eben so ihre Anwendung\nim Folgenden auf Harmonie und Melodie, bei welcher mit\nRecht die kunstgerechte Regelmässigkeit der harmonischen\nAusarbeitung an und für sich und unabhängig von der Melo-\ndie als keinen rein ästhetischen Werth habend,\nals etwas nur Generalisirendes, die Melodie hingegen als\ndasjenige Element, welches das Individuelle und\ndarum Lebendige in der Kunst vertritt, hinge-\nstellt wird.\nWenn nun aber die einzige Aufgabe der Kunst ist,\nLeben darzustellen, so darf der Begriff dieses Wortes nicht\nauf dasjenige beschränkt werden, was nur in der Natur oder\nin der Geschichte wirklich existiren kann. Der menschli-\nche Geist und das Gemüth sind unendlich vieler Lebens-\nregungen fähig, und was in diesem Sinne wirkt, muss auch\nein Anrecht auf künstlerische Behandlung haben, sei es in\nTon oder Farbe, sei es durch die Gestalt oder im Worte.\nJa, die Kunstdarstellung ist da erst recht an ihrem Platze,\nwo sie die lebendigen Beziehungen des Sinnlichen zum\nUebersinnlichen, die Geheimnisse der menschlichen Brust\nzu offenbaren und so die eigentliche Krone der Lebens-\nidee auszudrücken hat. Allein die idealen Gestalten des\nKünstlers müssen, um vom wahren Hauch des Lebens be-\nseelt zu sein, aus der begeisterten Ueberzeugung, aus dem\nGlauben daran hervorgehen. Dies findet seine Anwendung\nim Besonderen auf die Darstellungen aus der Mythologie\nund der christlichen Religion, im Allgemeinen auf die Er-\nzeugnisse der Tonkunst und der Poesie. Somit tritt zu den\nErfordernissen des Stils noch dies: „dass das darge-\nstellte Leben ein wahres und selbstempfunde-\nnes Leben sei.\"\nHierauf kommt der Verfasser noch einmal auf die Noth-\nwendigkeit der Rücksichtsnahme auf das jedem Lebendigen\ninwohnende E in hei ts-Princip zurück und tadelt so\nscharf, wie sie es verdient, die heut zu Tage beliebte und\nleider auch vielbewunderte Manier, „in buntester Aller-\nleiheit reale und ideale, historische und allegorische Stoffe\nzusammen zu kneten. Man geht dabei von der Voraus-\nsetzung aus, die quantitative Summe einzelner Wirkungen\nbestimme den Gehalt der Total Wirkung, und es komme nur\ndarauf an, eine möglichst runde Summe gelös'ter Aufga-\nben neben einander vorzuführen. Nichts verkehrter als das!\"\nWenn diese Stelle auch wieder besonders auf die\nKaulbach'sche Compositionsweise gemünzt ist, «so gilt sie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5093, "texte": "docli auch eben so gut jener Manier neuerer und berühm-\nter Musiker, welche theils Objectives mit Subjectivem, Ge-\ngenständliches und Aeusserliches mit Empfundenem und\nInnerlichem zusammenwerfen, theils ein Spiel mit einer\nMenge von kurzen Motiven treiben und uns eine Reihe von\nCombinationen vorführen, welche einen Total-Eindruck un-\nmöglich machen. Und wenn Helfferiph, wiederum zunächst\nin Rezug auf die Malerei, sagt: „Wer mir zumuthet, bei\njeder einzelnen Gruppe erst den besonderen Inten-\ntionen nachzuspüren, die der Künstler dabei gehabt,\nder schwächt und verkümmert nicht bloss den Kunstge-\nnuss, den er hervorbringen wollte, er macht ihn geradezu\nunmöglich, weil er einseitig den Verstand beschäftigt und\nan diesen Forderungen stellt, die mit der Kunst gar nichts\ngemein haben\" —, so brauchen wir auch dazu in den\nmusicalischen Producten eines Rerlioz, Wagner u. s. w.\nnicht lange nach Analogieen zu suchen. Eben so schlagend\ntrifft seine Aeusserung: „Es ist eitel Spielwerk und eine\ntodte Fratze, wenn das Leben in der Kunst unter der\nMasse des Stofflichen erdrückt wird\", alle diejenige Musik,\nin welcher das eigentliche Leben der Tonkunst, die\nMelodie, von der Masse der Materie erstickt oder ganz\nund gar verdrängt wird.\nIm dritten Abschnitt weis't der Verfasser nach, wie\nder sinnliche Stoff die Kunst bedingt und wie die Viel-\nheit der Künste der Vielheit der Zustände, in welchen der\nStoff\" erscheint, entspricht. Er eifert gegen die speculativen\nAesthetiker, welche das Wesen der Kunst und auch die\nVielheit der Künste rein begrifflich feststellen wollen.\n„Die Kunst hat es einmal nicht mit abgezogenen Regriffen\nzu thun, sondern mit einem unmittelbar Erscheinenden, so\ndass es einen inneren Widerspruch enthält, die verschiede-\nnen Künste aus einem einheitlichen Regriffe ableiten zu\nwollen, worin der speculative Heisshunger unserer Zeit sich\nkund gibt, der Alles begrifflich verschlingen zu können\nwähnt. Der ideale Gehalt ist bei allen Künsten Einer\nund derselbe Leben; wodurch sich aber die einzelnen\nKünste wesentlich von einander unterscheiden, das ist das\nl\nStoffliche, in welchem das Lebendige und Reseelte zur\nErscheinung kommt.\"\nDass solche Wahrheiten noch gesagt werden müssen,\nkann man sich nur dann erklären, wenn man an die Ver-\nwirrung der Regriffe denkt, welche die Wagner-Rrendel'-\nsche Theorie von dem Aufgehen der „Sonderkünste\" in\ndie „Gesammtkunst\" und in das „Kunstwerk der Zukunft\"\nerzeugt haben. Helfferich scheint diese utopischen Ton-\nkünstler-Speculationen nicht zu kennen; trotzdem schlägt\ner sie alle Augenblicke darnieder. Hören wir z. B. folgen-\nden Satz: „Das stets auf ein Materielles sich richtende\nKunstvermögen hat genau zu erwägen, innerhalb wel-\ncher Gränzen die bestimmte Eigen thümlich-\nkeit der Materie, mit welcher die besondere\nKunst es zu thun hat, sich bewegt, um nicht unge-\nbührlich in ein fremdes Gebiet einzubrechen und den\nSchwerpunkt seiner eigenen Kraft zu ver 1 ie-\nren\" — so fragen wir, ob irgendwo der Grund des noth-\nwendigen Misslingens der Wagner'schen Theorie in der\nAusführung deutlicher angegeben werden kann; nämlich\ndie Verkennung des eigentümlichen Wesens der Dicht-\nkunst und der Tonkunst, welches auf der nie zu vertilgen-\nden Verschiedenheit ihres Stoffes, des Wortes und des\nTones beruht. Darum, weil er die bestimmte Eigenthüm-\nlichkeit der Materie, mit der es die Musik zu thun hat, ver-\nkennt und das Wrort als Schöpfer des Tones betrach-\ntet, verliert Wagner's musicalisches Kunstvermögen den\nSchwerpunkt seiner eigenen Kraft, und eine geniale musi-\ncalische Schöpfung wird ihm ein Ding der Unmöglichkeit.\nWir müssen es denjenigen, die sich für die Kunst im\nAllgemeinen interessiren, überlassen, die Rechtfertigung der\nEintheilung der Künste überhaupt in räumliche und\nzeitliche, und denjenigen, denen im Besonderen die bil-\ndenden (räumlichen) Künste am Herzen liegen, die treff-\nlichen Ansichten über Baukunst, Bildhauerei und Malerei\nin dem Büchlein selbst nachzulesen — und wenden uns\nzu dem vierten Abschnitt, welcher die Tonkunst (die zeit-\nliche Kunst) vorzugsweise berücksichtigt.\nNachdem er die Hypothese der neuesten Naturkunde\nüber die Identität von Farbe und Ton verworfen, erkennt\nder Verfasser nur so viel davon an, dass Malerei und Ton-\nkunst unmittelbar an einander gränzen. Der Ton schlecht-\nhin lässt sich zwar nach Schwingungs-Verhältnissen in Be-\nzug auf Höhe und Tiefe bemessen, aber sein wirkliches\nWesen wissenschaftlich, mathematisch und physisch, zu er-\nklären, ist bis jetzt nicht möglich gewesen. Wie der Ton\nsich offenbart und zu unserem Bewusstsein gelangt, weiss\ndie Physik anzugeben; aber die lireigenste Natur des Stoff-\nlichen, das im Tone sich aufschliesst, jene Bewegung oder\nLebensregung, die das gesammte individuelle Wesen\neines Körpers durchzittert, vermag sie nicht zu erklären.\nIst doch, was der Verfasser vom Gesänge sagt: „es kön-\nnen tausend Menschenstimmen vermittels derselben Schwin-\ngungsknoten in ihren Kehlen ein und denselben Ton sin-\ngen, der Klang einer jeden dieser tausend Stimmen ist nichts\ndesto weniger ein anderer, von den neunhundertneunund-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4713, "texte": "neunzig übrigen wesentlich verschiedener\" — schon bei\ndem gewöhnlichen Sprachton der Menschen wahrnehmbar.\nDas Eigentümlichste des Stoffes, aus welchem der Ton\nbesteht, ist der Einduss des Individuellen auf ihn: der Ton\noffenbart recht eigentlich die Seele der Materie, und man\nkann daher mit Bezug auf die oben von unserem Verfas-\nser geforderte Eigenschaft des Seelenhaften im Kunststil\nbehaupten, dass die Musik die idealste Kunst sei, indem\nschon ihr Stoff das Seelenhafte in sich selbst trägt, das bei\nden anderen Künsten erst durch den Menschen hinein-\ngelegt werden muss.\nDie Musik ist eine zeitliche Kunst. Die Materie er-\ntönt in der Zeit; die Tonkunst hat die zeitliche Aufeinan-\nderfolge der Töne zum Gegenstande, und ist in so fern der\nGegensatz der bildenden Kunst. Sie vermag daher auch\ndie Lebens-Idee, welche von jeder Kunst gefordert wird,\nnur in einer von der bildenden Kunst durchaus abweichen-\nden Weise darzustellen. Die musicalischen Tonreihen kön-\nnen nur ideelle Lebensregungen hervorrufen. „Das\nLeben\" — fährt der Verfasser fort—, „das einen musica-\nlischen Ausdruck gewinnt, beschäftigt nicht die Vorstellung\nund das Denken; es wirkt ausschliesslich auf das Pathe-\ntische im Menschen, auf jene verschleierte Gemüths-\nw e 11, die in tiefen Gefühlen und aufschäumenden Leiden-\nschaften sich bethätigt. Andere Zustände vermag\ndie Musik nicht darzu stellen, weil sie nur von\ndieser Seite Zugang zu der Menschenbrust\nhat.\" Wiederum eine Wahrheit, deren wiederholter Aus-\nspruch, so klar sie auch ist, dennoch noth thut — und\ndiesmal kommt dieser Ausspruch von einem Nicht-Musi-\nker, während die Musiker von plastischer Musik faseln!\nAuf eine sehr sinnige Weise sucht Helflerich dann aus\ndem Zeitlichen, als dem Haupt-Elemente der Musik, und\naus dem Charakter der Vergänglichkeit alles Zeitlichen,\ndie, in die Gemüthsstimmung übersetzt, Wehmuth heisst,\nden elegischen Zug zu erklären, welcher der echten Musik\nimmer eigen sei, und nennt das Elegische „die ungeschie-\ndene Einheit von Freude und Schmerz, von Liebe und Hass,\nvon Hoffnung und Furcht\". Die Tonkunst zieht den Au-\ngenblick, in welchem der Ton sich offenbart, in eine grän-\nzenlose Zeitfolge aus einander. Wenn es nun weiter heisst:\n„Die Tonkunst strebt über sich hinaus nach dem Unend-\nlichen; Sehnsucht ist ihr Grundzug; sie will erreichen, was\nihr ewig unerreichbar ist, möchte einen Gegenstand er-\nfassen, den sie nur in weiten Kreisen umschweben\nkann, etwas aussprechen, wofür sie nur Anklänge\nund Andeutungen hat\" — so ist das eben so schön\nals richtig gesagt. Fährt der Verfasser aber folgender\nMaassen fort: „Der Eindruck, den ein edles Tonwerk auf\nuns macht, ist desshalb nie frei von wehmüthiger Bei-\nmischung ; die heitersten Melodieen, der frohlockendste Ton-\njubel lassen in der ßrust ein ungestilltes Verlangen zurück,\nentsprechend der elegischen Falte, die über das heitere und\nklare Antlitz der Natur sich zieht, wenn der Blick überall\nSpuren der Vergänglichkeit begegnet — — wie denn die\nZeit überhaupt fortwährend die schmerzliche Sehnsucht\nnach dem Vergangenen und das melancholische Ver-\nlangen nach dem Zukünftigen weckt\" — so ist das nur\nhalb wahr, wenngleich es allerdings den Charakter der\nTonkunst im Ganzen richtig schildert. Allein der Verfas-\nser betont das Wehmüthige, das Melancholische zu sehr.\nIm Allgemeinen wird dieses freilich dem Unbefriedig-\nten und unbestimmt Verlangenden, das sich bei\ndem Eindrucke der Musik in unserer Brust regt, hauptsäch-\nlich zum Grunde liegen — aber bei dem Eindrucke, na-\nmentlich von heiterer Musik, von „frohlockendem Tonju-\nbel \", spielt doch die individuelle und momentane Stimmung\ndes Hörenden eine grosse Rolle, und derselbe Strauss'sche\nWalzer, der mich zurWehmuth stimmt, wenn ich ihn ein-\nsam im Garten anhöre und an vergangene Zeiten denke,\nwird mich entzücken, wrenn im Saal die Gegenwart mich\nglücklicher macht, als es die Vergangenheit gethan. Eben\nso wenig können wir in dem Eindruck eines zum Kampf\nbegeisternden Marsches oder z. B. des Finale's der C-rnoll-\nSinfonie von Beethoven, der C-dur-Sinfonie von Mozart\nund ähnlicher Stücke den wehmüthigen Zug zugeben, es\nmüsste denn das Verlangen des Dreinschlagens, des Ueber-\nwindens und Triumphirens etwas Melancholisches sein. Un-\nzweifelhaft richtig ist es aber, dass die Seele in der Leiden-\nschaft sich immer in dem Maasse gefördert und gehoben\nfindet, in welchem sie den Druck und die Beklemmung von\nsich genommen fühlt. Und daher die grosse Macht der Mu-\nsik auf das Gemüth.\nSo haben denn, auf die Lebens-Idee bezogen, welche\ndie Kunst überhaupt anstreben muss, Architektur, Plastik\nund Malerei das sich entäussernde, die Musik aber\ndas sich verinnerlichende Leben zum Gegenstande.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-08-27_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "68", "page_fin": "70", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.2.2", "titre_corps": "Gesangfest des Sieg-Rheinischen Lehrervereins.", "titre_sommaire": "Gesangfest des Sieg-Rheinischen Lehrervereins.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.4", "debut_caractere": 4715, "fin_caractere_exclue": 4929, "texte": "Gesangfest des Sieg-Rheinischen Lehrervereins.\nDieses Fest fand am 24. August zu Brühl Statt und\nwar, wie auch stets in den vorigen Jahren, mit einer kirch-\nlichen Feier verbunden. Die gedrängt volle Kirche und die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5192, "texte": "Anwesenheit einer Menge von Geistlichen und Musikern aus\ndem Rheinlande bezeugte die grosse Theilnahme, welche\ndiese brühl'schen Aufführungen in doppelter Hinsicht erre-\ngen, in kirchlicher und in musicalischer. Es ist bekannt, dass\nder thätige und energische Leiter des Vereins, Hr. Schul-\npfleger und Pfarrer W e b e r in Rheindorf, und der verdiente\nDirigent, Hr. Musik-Director M. Topler in Brühl, als\nHauptziel des Vereins die Veredlung des katholischen Kir-\nchengesangs erstreben. Das Mittel hierzu glauben sie mit\nvielen anderen Meinungs-Genossen in der Vereinfachung der\nMusik beim Gottesdienste durch Rückkehr zu den Vocal-\nCompositionen der alten niederländischen und italiänischen\nMeister gefunden zu haben. Die brühl'schen Aufführungen\nhaben desshalb ein grosses praktisches Interesse; denn sie\nzeigen allerdings die Möglichkeit der Wiedereinführung je-\nner alten Musik, sobald einiger Maassen genügende Kräfte\ndazu an einer Kirche vorhanden sind und die gehörige Zeit\nauf die Einübung verwandt werden kann. Wir lassen die\nStreitfrage, ob nur die älteren Meister, ein Paleslrina, Al-\nlegri, Gabrieli, Josquin, Lassus, Arcadelt u. s.w. die wahre\nreligiöse Stimmung im Menschen zu wecken im Stande\nseien, und sämmtliche Neuere von Bach und Händel an\nüber Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven bis auf Mendels-\nsohn herab als zu weltlich zu verbannen und zu verdam-\nmen sein dürften, für jetzt unberührt und halten es vor\nAllem für Pflicht, das grosse Verdienst freudig anzuerken-\nnen, welches sich der Sieg-Rheinische Lehrerverein um die\nSache der Kirchenmusik dadurch erwirbt, dass er uns auf\nden Boden der Thatsachen stellt und uns Gelegenheit gibt,\njene alten Meisterwerke zu hören und den Eindruck zu\nbeobachten, den sie machen. Eine einzige solche Auffüh-\nrung ist in dieser Hinsicht mehr werth, als ganze Bücher\nvoll Theorie und Raisonnement. Auf die künstlerisch\nvollendete Ausführung kann es dabei gar nicht an-\nkommen, sondern nur auf eine solche, welche den Geist\nder Composition möglichst treu wiederzugeben sucht; denn\nwas in das kirchliche Leben eingreifen soll und nur durch\nVereinigung seltener musicalischer Talente und bedeuten-\nder Kräfte herzustellen wäre, hätte sich dadurch allein\nschon den Weg zur Verbreitung verschlossen.\nEine Ausführung, welche diesem Erforderniss ent-\nsprach, haben wir am 24. August gehört; ja, wir geste-\nhen, dass das Geleistete unsere Erwartung bei Weitem\nübertroffen hat und dass es die bedeutenden Fortschritte,\nwelche der Verein gemacht hat, auf eine recht herzerhe-\nbende Weise bekundete.\nUnd fragt nun ein Fremder: Wer sind diejenigen, wel-\nche es unternahmen, die sechsstimmige Messe von\nPalestrina (die so genannte Missa Papae Marcelli) ohne\nalle Begleitung zu singen? — so wird sich bei der Antwort,\nwelche Auskunft über die Zusammensetzung dieses muthi-\ngen Chores- ertheilt, sein Erstaunen verdoppeln. Die So-\npran- und Altstimmen waren durch Kinder aus fünf-\nzehn verschiedenen Städtchen und Dörfern, welche in den\nLandkreisen Köln, Mülheim, Bonn, Ahrweiler zerstreut, zum\nTheil durch den Rheinstrom getrennt liegen, vertreten, und\ndie Tenor- und Bassstimmen hatten die Lehrer, welche zu\ndem Vereine gehören, und die Zöglinge des brühler Leh-\nrer-Seminars übernommen. Wenn eine angestellte Kirchen-\ncapelle, deren Mitglieder Musiker und Sänger sind, oder\nein berliner Domchor, der für den classischen Vortrag von\nKirchensachen errichtet und besoldet ist, ja, wenn nur eine\nSing-Akademie von Dilettanten, welche die besten Kräfte\neiner Stadt in sich vereinigt, sich dieselbe Aufgabe stellt\nund sie zur Zufriedenheit lös't, so wird ihnen dies sicher\nund mit Recht zum Verdienst angerechnet werden. Und\nnun vergleiche man die Verhältnisse, unter denen der Chor\ndes Sieg-Rheinischen Vereins ans Werk schritt! Und die-\nser Chor sang nicht nur die Noten rein und richtig, son-\ndern bestrebte sich überall auch den erforderlichen Aus-\ndruck hinein zu legen, was ihm an sehr vielen Stellen auch\nganz vorzüglich gelang, wogegen allerdings an manchen\nanderen eine etwas zu schroff markirte Accentuation zu\nsehr an das vorschriftsmässig Eingeübte erinnerte. Ich kann\nmich aber nicht entschliessen, diese Mängel und die ganze\nVortragsweise, überhaupt die kunstmässige Ausführung un-\nter die Lupe der Kritik zu legen — es sträubt sich dage-\ngen in mir etwas, das wie die Scheu vor Undankbarkeit\naussieht, Undankbarkeit gegen die aufopfernde Ausdauer\nder Lehrer, welche diese Gesänge zwei bis drei Monate\nlang ihren Schulkindern eingeübt, gegen die Lust und Liebe\nder Kinder selbst zum Gesang, gegen die Mühewaltung,\nArbeit und Gesinnung des Dirigenten, ohne dessen Bear-\nbeitung der Palestrina'schen Messe für das Einstudiren eine\nsolche Uebereinstimmung im Vortrage durch eine ein-\nzige Probe nun und nimmermehr hätte erzielt werden\nkönnen.\nAuf der anderen Seite halte ich mich aber auch, auf-\nrichtig gesagt, nicht fürcompetent zu einer Kritik der Vor-\ntragsweise der alt-italiänischen Kirchenmusik, und ich\nfrage nicht bloss leise, sondern sehr laut: wer ist das heut\nzu Tage überhaupt? Ich weiss sehr wohl, dass man sich\nin dieser Beziehung für unfehlbar halten und geradezu aus-\nsprechen kann, dass „die eigenthümliche W'eise des Vor-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4442, "texte": "träges, wie ihn diese Gesänge verlangen\", durch\ndie Versuche in Brühl „noch gar nicht erreicht ist\". Aber\nwodurch will man sich zu so apodiktischem Urtheil legiti-\nmiren? Das Studium der alten Kirchenmusik, auch das\ngründlichste, kann hier nichts entscheiden; ja, je gründlicher\nes mit einer gewissen vorgefassten Meinung über die\nVortragsweise betrieben wird, desto mehr kann es zu höchst\neinseitiger Auffassung führen. Das Entscheidende ist allein\ndie Tradition, und diese haben wir am Rheine nicht; ja,\nnach den neuesten Klagen aus Italien, geht sie sogar in\njenem Lande und selbst in Rom immer mehr verloren.\nWer will nun hier bei uns auftreten und behaupten, diese\nCompositionen verlangen den und den Vortrag?\nDass eine sinngemässe ausdrucksvolle Declamation,\nwelche nur durch einen gewissen Grad rhythmischer\nFreiheit erreicht werden kann, hieher gehört, ist freilich\nkeine Frage. Aber so lange kein Dogma über diese De-\nclamation möglich ist, das die Kirche selber sanctionirt, so\nlange wird es auch nach dreihundert Jahren jedem heuti-\ngen Menschenkinde unbenommen sein, diejenige Declama-\ntion ins Leben zu rufen, welche nach seinem individuellen\nGefühle die angemessenste ist.\nEben in dieser Hinsicht meinen wir, wie wir bereits\noben aussprachen, dass der Verein schöne Fortschritte ge-\nmacht hat. Hr. Töpler hat mit grosser Sorgfalt die Pa-\nlestrina'sche Messe durchweg mit Vortrags-Bezeichnungen\nBehufs der Einübung in den einzelnen Schulen und Ge-\nsang-Conferenzen der Lehrer versehen. Diese bestehen\nnicht nur in den gewöhnlichen dynamischen Zeichen (deren\nitaliänische Benennungen Hr. Töpler verschmäht, so dass\nwir es hier nicht mit piano und u. s. w., sondern mit\n„schwach, stark, sanft, gehend, zögernd, breit, voll, deut-\nlich, ernst, gesteigert, fest, entschieden, die Viertel etwas\ngelös't, leichte klare Töne u. s. w.\" zu thun haben), son-\ndern Hr. Töpler hat sich die Mühe gegeben, die rhythmi-\nschen Perioden für freiere Declamation sichtbar abzuthei-\nlen und die Declamation selbst theils durch Zeichen für\nBetonung oder N i c h t betonung über den einzelnen Noten,\ntheils durch wörtliche, oft sehr ausführliche und durch\nganze Reihen lang unter der obersten Notenreihe hinlau-\nfende Anweisung und Auseinandersetzung vorzuschreiben.\nSo finden wir z. B. S. 24 der Partitur, welche zum Ge-\nbrauche des Vereins abgedruckt ist, unter nur 22 Tacten\ndes Credo folgende Angaben: „Zarter und ein wenig lang-\nsamer, ein wenig stärker, gewichtvollere, gedehntere Töne,\nlangsam und in sanfte zarte klare Töne auslaufend\nziemlich leichte Töne, stärker, sehr gewichtvoll, die Viertel\netwas gelös't, das Zeitmaass gezügelt allmählich ins\nStille und Langsame übergehend bewegter und frischer,\nfeste Intonation.\"\nEs scheint, als habe Hr. Töpler darin doch des Guten\netwas zu viel gethan; indess machten freilich die zerstreu-\nten Wohnorte des Chors und der einübenden Lehrer eine\ngenauere Anweisung als sonst nöthig; nur darf man nicht\ndie Hoffnung hegen, dass dergleichen schriftliche Instruc-\ntionen den belebenden Geist des Dirigenten ersetzen könn-\nten. In Ganzen gelang die Declamation und besonders der\ngetragene Gesang in den Schlüssen recht gut, und es ist\nals merkwürdig und ein sehr gutes Einüben beweisend her-\nvorzuheben, dass bei dem Mangel an eigentlich schönen\nStimmen dennoch ein gewisser Wohllaut und eine klang-\nvolle Schwingung des Ganzen besonders bei den sanften\nStellen Befriedigung erregten.\nSollen wir nun noch von dem Eindruck der Compo-\nsition auf die Zuhörer sprechen, so mag es schwer sein,\ndarüber ein allgemeines Urtheil zu fällen; in diesem Falle\ndoppelt schwer, weil eine gläubige Vorliebe und eine ge-\nwisse Pietät der katholischen Kirche zum Vortheil dieser\nalten Gesänge einen unabweisbaren Einfluss geltend ma-\nchen. Abgesehen davon schien uns der erste Satz der\nMesse, das Kyrie, allgemein einen tiefen und ergreifenden\nEindruck hervorzubringen, den wir selbst vollkommen mit-\nempfanden. Eben so wenig dürfte sich aber auch die Wahr-\nnehmung läugnen lassen, dass der Mangel an Aufschwung\nder Melodie, selbst bei den glaubensfreudigsten Stellen des\nTextes, und die Monotonie der Form und der Modulation,\noder vielmehr der Aneinanderreihung der einfachen Har-\nmoniefolgen, auf die Dauer eine Abspannung des Gemüthes\nhervorbringen, welcher man bei dem Anhören einer Mo-\nzart'schen, Haydn'schen, Beethoven'schen und ähnlicher\nMessen oder einer Cantate von Bach und Händel keines-\nwegs ausgesetzt ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-08-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "70", "page_fin": "71", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.2.3", "titre_corps": "Deutsche Tonhalle.", "titre_sommaire": "Deutsche Tonhalle.", "signature_source": "Die Redaction", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.6", "debut_caractere": 4444, "fin_caractere_exclue": 4951, "texte": "Deutsche Tonhalle.\n\nZur Beurthcilung der nach der Anzeige vom Juni die-\nses Jahres eingekommenen Bewerbungen um den für eine\nHymne ausgesetzten Preis waren die Herren General-Mu-\nsik-Director Dr. L. Spohr, Hof-Capellmeister Dr. F.\nL i s z t und Hof-Capellmeister V. L a c h n e r erwählt. Der\nBewerbung mit dem Spruche: „Edlen Seelen vorzufühlen,\nist wünschenswertester Beruf\", von Herrn Wilh. Schef-\nfer in Eisenach eingeschickt, wurde der Preis zuerkannt,\nund belobt wurden die Bewerbungen der Herren Karl"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1705, "texte": "Hering in Berlin, Hermann Bönicke in Quedlinburg,\nAnton Leder in Marienwerder, V. E. Becker in Würz-\nburg und Wilh. Volckmar in Homberg.\nIn dieser Bekanntmachung des Vorstandes der deut-\nschen Tonhalle zu Mannheim, datirt vom 4. August,\nsehen wir ein erfreuliches Zeichen der fortdauernden Liebe\ndeutscher Componisten für die ernste Musikgattung. Möge\nder Verein fortfahren in seinen edeln Bestrebungen und\nzuvörderst unseren Dank entgegennehmen dafür, dass er\nnach so kurzer Zeit seines Bestehens seit kaum einem\nJahre bereits einige Fest-Ouverturen und nun diese\nim kirchlichen Stile gehaltenen Hymnen mit Orgel- und Or-\nchester-Begleitung ans Licht gerufen hat. Freilich muss\ndie Theilnahme an demselben noch sehr wachsen, wenn\netwas Grosses geleistet werden soll. Bis jetzt sind an 250\nMitglieder eingezeichnet allerdings ein hübscher Anfang,\nallein wie gering, wenn man an die Zahl der Musikfreunde\nin Deutschland denkt! Doch das darf nicht abschrecken.\nMit eben so bescheidenem Anfange begann die „Gesell-\nschaft zur Beförderung der Tonkunst in den Niederlanden\"\nihr Dasein, und jetzt ist sie in Tausenden von Mitgliedern\nüber ganz Holland verbreitet und besteht bereits fünfund-\nzwanzig Jahre lang. Möchten daher recht viele Musikfreunde\nund Künstler dem Vereine beitreten, und zahlreiche Kunst-\ngönner unter den begüterten Classen dem Beispiele des\nHerrn Fürsten von Fürstenberg folgen, der sich vor Kur-\nzem auch an dieser guten Sache betheiligt hat! Das Ein-\ntrittsgeld beträgt nur ein Drittel Thaler und der jährliche\nstets kündbare Beitrag ebenfalls nicht mehr.\nWir sind gern bereit, Anmeldungen zum Bei-\ntritt anzunehmen und dem Vorstande der deutschen\nTonhalle zu übermachen.\n\nDie Redaction."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-08-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "71", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.2.4", "titre_corps": "Aus Paris.", "titre_sommaire": "Aus Paris.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.7", "debut_caractere": 1707, "fin_caractere_exclue": 5487, "texte": "Aus Paris.\nB. P.\nDer Componist Louis, welcher einige Duette für Pianoforte\nlind Violine geschrieben bat, leichte Musik für Liebhaber ganz ge-\nwöhnlicher Art, hat jetzt ein Musikstück unter dem pompösen Ti-\ntel: Les Fiances (die \\ erlobten), drame-legende en six parties, wo-\nfür? ei nun, für Pianoforte und Violine, herausgegeben. Er hat\nfrüher auch einige Opern componirt, welche aber in Paris nicht\nzur Aufführung gelangten. Jetzt hat ihm Mery ein Gedicht von\nbeinahe 300 Versen aus dem Aermel geschüttelt, und darüber\nschreibt Herr Louis ein halbes Dutzend Studien dramatischer Sce-\nnen, in welchen die Violine mit dem Piano dialogisirt. Der Dichter\nschildert einen Auftritt am Spieltische aus der Zeit der Regent-\nschaft; die Würfel rollen über den grünen Tisch, die jungen Mus-\nketiere verlieren ihr Geld u. s. w. Violine und Piano malen uns\ndie Orgie trotz Meyerbeer und Robert dem Teufel. Darauf wird\nNoemi's Liebe geschildert, welche sich unglücklich fühlt; die Me-\nlodie dieses Abschnittes, % und 12/8 Tact, ist nicht übel. Kindisch\nwird die Spielerei in den Passagen der rechten Hand und der Vio-\nline bei der „Schmetterlingsjagd\". Dann folgt die „vertrauliche Un-\nterredung\" zwischen Raoul und Noemi, ein „Leichenzug\", natür-\nlich in C-moll Noemi ist gestorben —, und endlich „der Gesang\nder Sylphen\" Alles, sowohl in Poesie als Musik, ohne binden-\nden Faden und ohne tiefer gehende Gedanken, leicht und lose, auf\nnichts als auf den Effect durch etwas Neues berechnet.\nBei dem Rücktritt des Unternehmers Corti von der italienischen\nOper haben sich viele Stimmen gegen die grossen Belastungen er-\nhoben, welche diese Unternehmung nicht aufkommen lassen, und\nsie verlangen eine bedeutende Unterstützung des Staates für die-\nselbe. Die Geschichte der Salle Veniadour, wo die italienische Oper\nspielt, ist interessant. Karl X. Hess dieses prächtige Local bauen,\nund es kostete nicht weniger als 5,500,000 Frcs. Die letzte Zahlung\ngeschah im Jahre 1829; sie ist in den Rechnungsbüchern der Ci-\nvilliste jenes Jahres mit 2,979,000 Frcs. verzeichnet. In demselben\nJahre wurde der Saal an einen Privatmann für noch nicht ganz\n2 Millionen verkauft, doch musste dieser die Schulden der Opern-\ngesellschaft, für welche der König gutgesagt hatte, mit 600,000 Frcs.\nbezahlen. Der König verlor 3l/2 Million bei diesem Geschäfte.\nSpäterhin ist das Eigenthum an ein# Gesellschaft von Actlonären\nübergegangen, und mit dem Comite derselben muss der jedesma-\nlige Unternehmer sich abfinden. Ausser der Miethe \\on 15,000\nFrcs. hatte Corti noch einen Verlust von 40,000 Frcs. durch die\nfreien Enlreen der Aktionäre und ihrer Beamten. Ausser fünf Lo-\ngen im Parket und im ersten Rang musste er dreihundert Ac-\ntionären freien Eintritt gehen, und zwar nicht auf Personalkarten,\nsondern auf verkäufliche Billcts! Dazu kommen noch die Abgaben\nan die Armen-Anstalten, so dass man leicht einsieht, wie hei sol-\nchen Verhältnissen weder Lumley noch Corti Geschäfte machen\nkonnte, und wie es sehr leicht möglich ist, dass die ilaJiänisehe\nOper in Paris nicht wieder eröffnet wird.\nWeil ich einmal bei Theatergeschichten bin, so gehört folgende\nauch zu den interessanten. Die erste Sängerin der komischen\nOper, Mad. Ugalde, wurde vor einigen Wochen heiser, unpäss-\nlich, und was dergleichen mehr sich darbietet, wenn eine\nDonna nicht singen will. Dem Director wurde von vertrauter Seite\nhinterbracht, dass ihre Stimme so gut wie verloren sei, und er be-\neilte sich, den Contract mit ihr zu iösi-n. Acht Tage darauf er-\nscheint Mad. Ugakle auf dem Theater sie ist zufällig\nwieder bei vortrefflicher Stimme und zieht als Roxelane in einer\nwieder hervor geholten alten Oper: „Die drei Sultaninnen\" alle\nAbend ein ungeheuer zahlreiches Publicum in das Theater. Die\nSache war natürlich vorher abgekartet."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-08-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-08-27_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-08-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "Adolph Henselt", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.7", "debut_caractere": 5489, "fin_caractere_exclue": 6507, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\niiöiai. Am Sonntag den 21. August gab der Männerge-\nsang-Verein auf dem Gürzenichsaale unter Leitung seines Di-\nrigenten, des Herrn Musik-Directors Weber, ein Coneert, dessen\nErtrag zum Besten dreier Kirchen in Köln bestimmt war. Trotz\ndes schönen Wetters und der heissen Temperatur war der grosse\nSaal fast ganz gefüllt und das Publicum sehr angeregt. Das Con-\neert eröffnete ein Psalm von Rcissiger, eine sehr triviale Compo-\nsitum; es ist uns schon oft aufgefallen, warum der Verein bei sol-\nchen Gelegenheiten die Compositionen von Bernhard Klein\nfast die einzigen, die im kirchlichen Stile für Männergesang wirk-\nlichen Kunstwerth haben zurücksetzt. Besser gewählt war der\nEroffnungs-Chor der zweiten Abtheifung: Tenebrae factae sunt von\nRitter Sigism. Neukomm, Doctor der Tonkunst und Ehren-\nMitglied des Vereins. Der berühmte Componist war selbst anwe-\nsend und äusserte wiederholt seine grosse Zufriedenheit mit der\nAusführung seines Werkes, welches zwar nur kurz, aber vorzug-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5383, "texte": "lieh schön ist; es ist übrigens nur ein Bruchstück aus einem grös-\nseren kirchlichen Werke, „Die heilige Woche44 betitelt. Unter den\nübrigen Leistungen erregten die zwei Vorträge des Hrn. DuMont-\nFier (das Solo in Kücken s „Im Walde4', und die spanische\nCanzonetta von G. Reichardt) den lautesten Beifall und Dacapo-\nRuf; uns war, ausser dem Genuss an dem bis auf einige Ueber-\nverzierung der Fermaten sehr schönen Vortrage, noch besonders\ndie Wahrnehmung merkwürdig, wie doch eine einzige wirkliche\nMetallstimme auch das grösste und selbst ungünstigste Local füllt,\nwährend eine Menge von Stimmen, und darunter sehr schöne und\nliebliche, zusammengenommen dasselbe Resultat nicht erzielen. Die\nBegleitung mit Brummstimmen zu diesen Solosachen wurde in der\nThat im höchsten Grade künstlerisch ausgeführt und versöhnte da-\ndurch mit dem Bänkelsängermässigen, was diese Manier sonst an\nsich hat. In den beiden letzten Gesängen (A bt' s Ständchen „Wenn\nDu im Traume\" und Mendelssohn's Rheinweinlied „Wo solch\nein Feuer44) vermissten wir hier und da die Präcision, an welche\nuns der treffliche Verein bei seinen Vorträgen gewöhnt hat. An\nInstrumentalsätzen hörten wir das erste Allegro des Quintetts in\nD-moll von Hummel für Pianoforte u. s. w., eine Composition,\ndie nicht hält, was sie in den grossartigen ersten Tacten verspricht,\nund die Andante-Variationen von Beethoven aus der grossen\nSonate Op. 47 für Pianoforte und Violine, von Rein ecke und\nHartmann ganz ausgezeichnet schön vorgetragen.\nIn Berlin wird Erck unter dem Titel Deutscher Lieder-\nhort eine Sammlung der vorzüglichsten deutschen Volkslieder mit\nihren eigenthümlichen Melodieen herausgeben. Auf Befürwortung\nder Akademie der Künste hat Se. Maj. der König diesem Unter-\nnehmen eine besondere Theilnahme geschenkt.\nHerr von Hülsen, General-Intendant der königl. Schauspiele\nin Berlin, ist seit acht Tagen in Paris und scheint seine Auf-\nmerksamkeit besonders den jungen Gesangstalenten zu widmen,\nwelche dort ihre Bildung zu vollenden suchen.\nIn Frankfurt a. M. gastirt Pischek. H. Berlioz sollte\nam 24. Aug. daselbst im Theater bei aufgehobenem Abonnement\nConcert geben und von seinen Compositionen aufführen: 1) Harold\nin Italien. 2) Die Ruhe der heiligen Familie. 3) Die zwei ersten\nActe aus: „Die Verdammniss des Faust.44\nFräulein Johanna Wagner hat am Ende ihres Aufenthal-\ntes zu Soden Anregung zu einem Concerte zum Besten des dor-\ntigen Krankenhauses für Arme aller Confessionen gegeben, und\nsie und ihre Schwester Francisca sind darin aufgetreten.\nDer am Rheine bekannte und geachtete Theater-Director Löwe\nhatte am 6. Aug, nach der Vorstellung auf dem Theater zu Ba-\nden in der Schweiz das Unglück, durch den Schuss eines mit\nSchrot geladenen Gewehrs, welches in den Händen des Theater-\ndieners losging, in den rechten Arm verwundet zu werden. Leider\nist derselbe, nach eingegangener Privatnachricht, trotz aller ange-\nwandten ärztlichen und chirurgischen Hülfe vor einigen Tagen an\nden Folgen dieser Verwundung gestorben.\nDie Säogerin Lagrange verschafft der italiänischen Opern-\nGesellschaft in Lyon volle Häuser.\nIn Rom ist die Oper 11 Solitario das Ereigniss des Tages. Der\nComponist ist nur siebenundneunzig Mal gerufen worden!\nLondon« Die ilaliänische Oper hat am 20. Aug. mit „Wil-\nhelm Teil\" geschlossen. Die vorletzte Vorstellung war Meyerbeers\nProphet; am Montag vorher fand die Abschiedsvorstellung von der\nGrisi und Mario Statt (Bruchstücke aus Lucrezia Borgia und\nElisire d'amore). Das Ilaus war überfüllt; am Schlüsse erhob sich\ndie Versammlung zu minutenlangen Cheers. Das Künstlerpaar geht\nnach Italien, kehrt dann nach England zurück, um mit dem Unter-\nnehmer Beale die Provinz auszubeuten, und schifft Anfangs Novem-\nber nach Nordamerica.\nLoiulou, 23. Aug. Die englische Oper ist wirklich zu\nStande gekommen, namentlich durch die energische Mitwirkung von\nForm es an Begründung derselben. Am 22. d. M. wurde sie im\nDrurylane-Theater mit Webers Freischütz eröffnet. Caspar —\nFormes, Max Reichardt, Agathe — Fräul. Caradori, Aennchen\nMad. Anschütz. Das Haus war gedrängt voll, Formes wurde\nrauschend empfangen und drei Mal gerufen. Die Vorstellung war\nin den Hauptpartieen gut, der Chor zwar zahlreich, aber schlecht.\nAn der Spitze des Unternehmens steht S her et, Musik-Director ist\nAnschütz. — Die Musikfeste in Bredfort und Gloucester\nwerden in diesen Tagen Statt finden.\nDer berühmte Violoncellist Piatti ist von London über Paris\nnach Genua gereis't, um von da nach Neapel zu gehen und über\nRom, Florenz und Mailand zurückzukehren.\nBreslau« Adolph Henselt, der berühmte Componist und\nCiavier-Virtuose, hat während seines kurzen Aufenthaltes hiersclbst\n(in der Officin der Herren Brettschneider & Begas) einen\nausgewählten Kreis von Künstlern und Kunstfreunden durch den\nZauber seines Spiels entzückt. (Siehe Nr. 6 der Niederrheinischen\nMusik-Zeitung.)\nDer geehrte Künstler bediente sich bei seinem Vortrage der in\ngenannter Officin aufgestellten Instrumente und spricht durch fol-\ngendes eigenhändiges Zeugniss seine vollste Zufriedenheit über die-\nselben aus:\n„Mit Vergnügen ertheile ich den Herren Brettschneider &\nRegas, Pianoforte-Fabricanten hierselbst, das Zeugniss, dass ihre\nInstrumente, welche ich heute mehrere Stunden gespielt habe,\ndurch kräftigen, resonnanzreichen Ton, gute Spielart und schöne\nForm sich besonders auszeichnen.\n„Breslau, den 24. Juli 1853.\n\n„Adolph Henselt.“"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.1", "texte": "Kunst und Kunststil.\nWenn man sich in einem dunkelen Walde durch dich-\ntes Gestrüpp und wirre Schlingpflanzen mühsam hindurch\ngearbeitet hat und endlich auf eine klare, lichte Stelle hin-\naustritt, wo duftender Rasen zur Ruhe einladet und das\nBlau des Himmels hereinleuchtet, so athmet man auf in\neinem Gefühle von Genügen und Befriedigung, das um so\ntiefer empfunden wird, je mehr es uns überrascht. So er-\nging es uns, als wir nach mancher trostlosen Wanderung\ndurch die verwilderten oder krankhaften Producte der heu-\ntigen Kunst-Philosophie auf ein kleines Büchlein stiessen,\naus welchem überall Gesundheit, Ordnung, Licht und Le-\nben uns anspricht. Wir meinen die Schrift:\nKunst und Kunststil. Mit einem Sendschrei-\nbe n an W. von Kaulbach. Von Adolph\nHelfferich. Berlin, T. C. F. Enslin, 1853.\nXX u. 117 S. in 8.\nDas Sendschreiben an Kaulbach, das eine scharfe Kri-\ntik der Richtung dieses Künstlers und seines Stils, oder\nvielmehr seiner Stillosigkeit, in einer kurzen Besprechung\nseiner letzten grossen Gemälde: „Thurmbau zu Babel\",\n„ Zerstörung Jerusalems\" und „ Die Blüthe Griechenlands\",\nenthält, geht uns zwar als Musiker nichts an; dennoch\nmüssen wir auch hier schon so Manches auszeichnen, was\nfür die musicalischen Kaulbachs der neueren Zeit seine\nAnwendung findet, wie z. B. den Satz, welcher der Kritik\nder Kaulbach'schen Zerfahrenheit zum Grunde liegt: „Die\nMotive als solche machen noch lange keine bedeutende\nComposition, sondern allein die Verwendung derselben in\nihrem Verhältniss zu der darzustellenden Grund-Idee.\"\nWiewohl Helfferich dies in Bezug auf die Compositionen\nder Malerei gedacht und geschrieben, so passt es doch eben\nso trefflich auf die Compositionen der Tonkunst.\nDer Hauptgedanke der Schrift ist der, dass dasjenige,\nwas in einem Kunstwerke den Eindruck des Schönen in\nder Seele hervorbringt, der Stil sei. Ehe der Verfasser\njedoch an die nähere Erörterung dessen, was Stil ist, her-\nangeht, bespricht er auf eine treffliche Weise den Unter-\nschied zwischen dem Urtheil in Sachen der Kunst und der\nErkenntniss in Sachen der Wissenschaft, und weis't nach,\nwie die Wissenschaft in dieser Beziehung in weit begünstig-\nterer Lage ist, als die Kunst. „Die Lösung einer wissen-\nschaftlichen Aufgabe, mag dieselbe auch auf verschiedene\nWeise in Angriff genommen werden, kann in ihrem End-\nergebniss nur Eine und dieselbe sein, wogegen ein künst-\nlerischer Vorwurf, darin der Peripherie des Kreises ähn-\nlich, vom Mittelpunkte aus in allen möglichen Richtungen\nmit demselben Anspruch auf Geltung sich ausführen lässt.\nBehaupten zu wollen, es gebe auf dem Gebiete der\nKunst in letzter Instanz gleichfalls nur eine\neinzige absolute Lösung, hiesse das Grundwe-\nsen des artistischen Bildungstriebes nicht ken-\nnen und auf den Kopf stellen.\" Freilich! das ist eine\nWahrheit, die den Thoren, welche von der einzig mög-\nlichen Lösung der Aufgabe der gesammten Kunst\ndurch das musicalische Drama der Zukunft sprechen, nicht\nlaut genug gesagt werden kann, und wenn das nicht hilft,\nso muss man sie ihnen an den Kopf schleudern, damit eine\nErschütterung desselben sie entweder ganz und gar ver-\nrückt mache oder heile.\nHiernach schreitet der Verfasser bestimmter auf der\nBahn zu seinem Ziele vorwärts.\n„Der Eindruck, den eine anerkannt schöne Erschei-\nnung auf uns hervorbringt, ist nichts Anderes als ein ge-\nfördertes oder gesteigertes Lebensgefühl.\" Schon\nHerder nannte gegen Kant das Schöne „einen Typus der\nlebendigen Bildungen in der Natur\", — und Schiller\nsprach es geradezu aus: „Nicht die Gestalt als solche, son-\ndern die lebendige Gestalt ist das Schöne.\" Wie wahr\nsagt der Verfasser: „Es ist, als ob unsere gesammte Na-\ntur sich zu einer freieren Lebensentwicklung emporgeho-\nben fühlte, als ob der Druck und die Beschränkung des\ngewöhnlichen Daseins von uns genommen wäre, wenn der\nGenuss eines gelungenen Kunstwerkes uns gestattet ist.\"\nNatürlich ist die gehobene geistige Lebens-Einheit gemeint,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.2", "texte": "für deren ideale Lebens-Functionen die Sinne nur die Ver-\nmittler sind.\nEin gesteigertes Lebensgefühl kann aber nur die Wir-\nkung der äusserlich dargestellten Lebens-Idee sein. Somit\nist die erste und allgemeinste Definition des Stils gewon-\nnen: „Der Kunststil ist dargestelltes Leben.\"\nSo steht denn der Künstler inmitten einer Unendlich-\nkeit von Aufgaben; denn alles, was lebensfähig ist, kann\nvon der Kunst dargestellt werden, und es kommt nicht auf\ndas Was, sondern auf das Wie an. Die Kunstgeschichte\nbeginnt erst da, wo der Künstler die Idee des Lebens in\nseine Gewalt bekommt. Aber eben so unterliegt es keinem\nZweifel, dass der Verfall in der Kunst jedes Mal da seinen\nAnfang nimmt, wo das wirkliche Leben in ein ge-\nmachtes übergeht.\nDas Kunstwerk soll aber eine bestimmte Lebens-Idee\ndarstellen; der einheitliche Gedanke desselben ist sein\nseelisches Princip. Der Stil bestimmt sich desshalb noch\nnäher als „diejenige Kunst, welche das Leben aus sei-\nnem eigenen Grunde heraus schafft, oder, was das-\nselbe ist, als das seelenhafteKunstwerk.\" — „Stil-\nlos mag dagegen alles heissen, was durch den Aufwand\näusserer Mittel den Mangel an innerem Lebensgrund zu\nverstecken sucht. In der Kunst ist der Reichste, wer mit\nden wenigsten Mitteln das Meiste, der Aermste, wer mit\nden meisten Mitteln das Wenigste leistet. — Es wird dem\nreinen Sinn ganz ängstlich zu Muthe, wenn er beim An-\nsehen eines Gemäldes oder beim Anhören eines Musik-\nstückes bemerken muss, wie sauer es sich der Künstler\nwerden liess, etwas Wirksames zu Stande zu bringen, wie\ner aus allen Quellen schöpfte, nur nicht aus dem Born un-\ngetrübter Begeisterung, die sich selbst genügt, sich selbst\nMaass und Regel ist.\"\nSo spricht der Verfasser das aus, was auch wir seit\nJahren in diesen Blättern unseren Lesern zum Bewusstsein\nüber das Wesen der Kunst zu bringen streben.\nEben so aus der Seele geschrieben ist das, was er\nüber den Maass- und Form begriff sagt. Ueber jenen\nenthält der Satz (sich anschliessend an Mozart's Brief über\nsein Gomponiren): „Die Motive fliegen dem echten Künst-\nler von allen Seiten zu, aber mit sicherem Instinct weis't\ner alle die zurück, die zu dem Ganzen nicht passen, die von\ndem ordnenden Maassbegriff nicht mit innerer Notwen-\ndigkeit in den Organismus des Kunstwerks eingefügt wer-\nden können\" — und in Bezug auf den letzteren (den\nFormzwang): „Nicht die abstracte Regel ist es, die im Le-\nbendigen waltet, sondern die organische Form, welche in\nder Unterordnung desTheiles unter das Ganze die Zweck-\nmässigkeit frei gewähren lässt\" — diese Sätze, sagen\nwir, enthalten goldene Regeln für jeden Künstler und na-\nmentlich für den Componisten. Eben so ihre Anwendung\nim Folgenden auf Harmonie und Melodie, bei welcher mit\nRecht die kunstgerechte Regelmässigkeit der harmonischen\nAusarbeitung an und für sich und unabhängig von der Melo-\ndie als keinen rein ästhetischen Werth habend,\nals etwas nur Generalisirendes, die Melodie hingegen als\ndasjenige Element, welches das Individuelle und\ndarum Lebendige in der Kunst vertritt, hinge-\nstellt wird.\nWenn nun aber die einzige Aufgabe der Kunst ist,\nLeben darzustellen, so darf der Begriff dieses Wortes nicht\nauf dasjenige beschränkt werden, was nur in der Natur oder\nin der Geschichte wirklich existiren kann. Der menschli-\nche Geist und das Gemüth sind unendlich vieler Lebens-\nregungen fähig, und was in diesem Sinne wirkt, muss auch\nein Anrecht auf künstlerische Behandlung haben, sei es in\nTon oder Farbe, sei es durch die Gestalt oder im Worte.\nJa, die Kunstdarstellung ist da erst recht an ihrem Platze,\nwo sie die lebendigen Beziehungen des Sinnlichen zum\nUebersinnlichen, die Geheimnisse der menschlichen Brust\nzu offenbaren und so die eigentliche Krone der Lebens-\nidee auszudrücken hat. Allein die idealen Gestalten des\nKünstlers müssen, um vom wahren Hauch des Lebens be-\nseelt zu sein, aus der begeisterten Ueberzeugung, aus dem\nGlauben daran hervorgehen. Dies findet seine Anwendung\nim Besonderen auf die Darstellungen aus der Mythologie\nund der christlichen Religion, im Allgemeinen auf die Er-\nzeugnisse der Tonkunst und der Poesie. Somit tritt zu den\nErfordernissen des Stils noch dies: „dass das darge-\nstellte Leben ein wahres und selbstempfunde-\nnes Leben sei.\"\nHierauf kommt der Verfasser noch einmal auf die Noth-\nwendigkeit der Rücksichtsnahme auf das jedem Lebendigen\ninwohnende E in hei ts-Princip zurück und tadelt so\nscharf, wie sie es verdient, die heut zu Tage beliebte und\nleider auch vielbewunderte Manier, „in buntester Aller-\nleiheit reale und ideale, historische und allegorische Stoffe\nzusammen zu kneten. Man geht dabei von der Voraus-\nsetzung aus, die quantitative Summe einzelner Wirkungen\nbestimme den Gehalt der Total Wirkung, und es komme nur\ndarauf an, eine möglichst runde Summe gelös'ter Aufga-\nben neben einander vorzuführen. Nichts verkehrter als das!\"\nWenn diese Stelle auch wieder besonders auf die\nKaulbach'sche Compositionsweise gemünzt ist, «so gilt sie"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.3", "texte": "docli auch eben so gut jener Manier neuerer und berühm-\nter Musiker, welche theils Objectives mit Subjectivem, Ge-\ngenständliches und Aeusserliches mit Empfundenem und\nInnerlichem zusammenwerfen, theils ein Spiel mit einer\nMenge von kurzen Motiven treiben und uns eine Reihe von\nCombinationen vorführen, welche einen Total-Eindruck un-\nmöglich machen. Und wenn Helfferiph, wiederum zunächst\nin Rezug auf die Malerei, sagt: „Wer mir zumuthet, bei\njeder einzelnen Gruppe erst den besonderen Inten-\ntionen nachzuspüren, die der Künstler dabei gehabt,\nder schwächt und verkümmert nicht bloss den Kunstge-\nnuss, den er hervorbringen wollte, er macht ihn geradezu\nunmöglich, weil er einseitig den Verstand beschäftigt und\nan diesen Forderungen stellt, die mit der Kunst gar nichts\ngemein haben\" —, so brauchen wir auch dazu in den\nmusicalischen Producten eines Rerlioz, Wagner u. s. w.\nnicht lange nach Analogieen zu suchen. Eben so schlagend\ntrifft seine Aeusserung: „Es ist eitel Spielwerk und eine\ntodte Fratze, wenn das Leben in der Kunst unter der\nMasse des Stofflichen erdrückt wird\", alle diejenige Musik,\nin welcher das eigentliche Leben der Tonkunst, die\nMelodie, von der Masse der Materie erstickt oder ganz\nund gar verdrängt wird.\nIm dritten Abschnitt weis't der Verfasser nach, wie\nder sinnliche Stoff die Kunst bedingt und wie die Viel-\nheit der Künste der Vielheit der Zustände, in welchen der\nStoff\" erscheint, entspricht. Er eifert gegen die speculativen\nAesthetiker, welche das Wesen der Kunst und auch die\nVielheit der Künste rein begrifflich feststellen wollen.\n„Die Kunst hat es einmal nicht mit abgezogenen Regriffen\nzu thun, sondern mit einem unmittelbar Erscheinenden, so\ndass es einen inneren Widerspruch enthält, die verschiede-\nnen Künste aus einem einheitlichen Regriffe ableiten zu\nwollen, worin der speculative Heisshunger unserer Zeit sich\nkund gibt, der Alles begrifflich verschlingen zu können\nwähnt. Der ideale Gehalt ist bei allen Künsten Einer\nund derselbe Leben; wodurch sich aber die einzelnen\nKünste wesentlich von einander unterscheiden, das ist das\nl\nStoffliche, in welchem das Lebendige und Reseelte zur\nErscheinung kommt.\"\nDass solche Wahrheiten noch gesagt werden müssen,\nkann man sich nur dann erklären, wenn man an die Ver-\nwirrung der Regriffe denkt, welche die Wagner-Rrendel'-\nsche Theorie von dem Aufgehen der „Sonderkünste\" in\ndie „Gesammtkunst\" und in das „Kunstwerk der Zukunft\"\nerzeugt haben. Helfferich scheint diese utopischen Ton-\nkünstler-Speculationen nicht zu kennen; trotzdem schlägt\ner sie alle Augenblicke darnieder. Hören wir z. B. folgen-\nden Satz: „Das stets auf ein Materielles sich richtende\nKunstvermögen hat genau zu erwägen, innerhalb wel-\ncher Gränzen die bestimmte Eigen thümlich-\nkeit der Materie, mit welcher die besondere\nKunst es zu thun hat, sich bewegt, um nicht unge-\nbührlich in ein fremdes Gebiet einzubrechen und den\nSchwerpunkt seiner eigenen Kraft zu ver 1 ie-\nren\" — so fragen wir, ob irgendwo der Grund des noth-\nwendigen Misslingens der Wagner'schen Theorie in der\nAusführung deutlicher angegeben werden kann; nämlich\ndie Verkennung des eigentümlichen Wesens der Dicht-\nkunst und der Tonkunst, welches auf der nie zu vertilgen-\nden Verschiedenheit ihres Stoffes, des Wortes und des\nTones beruht. Darum, weil er die bestimmte Eigenthüm-\nlichkeit der Materie, mit der es die Musik zu thun hat, ver-\nkennt und das Wrort als Schöpfer des Tones betrach-\ntet, verliert Wagner's musicalisches Kunstvermögen den\nSchwerpunkt seiner eigenen Kraft, und eine geniale musi-\ncalische Schöpfung wird ihm ein Ding der Unmöglichkeit.\nWir müssen es denjenigen, die sich für die Kunst im\nAllgemeinen interessiren, überlassen, die Rechtfertigung der\nEintheilung der Künste überhaupt in räumliche und\nzeitliche, und denjenigen, denen im Besonderen die bil-\ndenden (räumlichen) Künste am Herzen liegen, die treff-\nlichen Ansichten über Baukunst, Bildhauerei und Malerei\nin dem Büchlein selbst nachzulesen — und wenden uns\nzu dem vierten Abschnitt, welcher die Tonkunst (die zeit-\nliche Kunst) vorzugsweise berücksichtigt.\nNachdem er die Hypothese der neuesten Naturkunde\nüber die Identität von Farbe und Ton verworfen, erkennt\nder Verfasser nur so viel davon an, dass Malerei und Ton-\nkunst unmittelbar an einander gränzen. Der Ton schlecht-\nhin lässt sich zwar nach Schwingungs-Verhältnissen in Be-\nzug auf Höhe und Tiefe bemessen, aber sein wirkliches\nWesen wissenschaftlich, mathematisch und physisch, zu er-\nklären, ist bis jetzt nicht möglich gewesen. Wie der Ton\nsich offenbart und zu unserem Bewusstsein gelangt, weiss\ndie Physik anzugeben; aber die lireigenste Natur des Stoff-\nlichen, das im Tone sich aufschliesst, jene Bewegung oder\nLebensregung, die das gesammte individuelle Wesen\neines Körpers durchzittert, vermag sie nicht zu erklären.\nIst doch, was der Verfasser vom Gesänge sagt: „es kön-\nnen tausend Menschenstimmen vermittels derselben Schwin-\ngungsknoten in ihren Kehlen ein und denselben Ton sin-\ngen, der Klang einer jeden dieser tausend Stimmen ist nichts\ndesto weniger ein anderer, von den neunhundertneunund-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.4", "texte": "neunzig übrigen wesentlich verschiedener\" — schon bei\ndem gewöhnlichen Sprachton der Menschen wahrnehmbar.\nDas Eigentümlichste des Stoffes, aus welchem der Ton\nbesteht, ist der Einduss des Individuellen auf ihn: der Ton\noffenbart recht eigentlich die Seele der Materie, und man\nkann daher mit Bezug auf die oben von unserem Verfas-\nser geforderte Eigenschaft des Seelenhaften im Kunststil\nbehaupten, dass die Musik die idealste Kunst sei, indem\nschon ihr Stoff das Seelenhafte in sich selbst trägt, das bei\nden anderen Künsten erst durch den Menschen hinein-\ngelegt werden muss.\nDie Musik ist eine zeitliche Kunst. Die Materie er-\ntönt in der Zeit; die Tonkunst hat die zeitliche Aufeinan-\nderfolge der Töne zum Gegenstande, und ist in so fern der\nGegensatz der bildenden Kunst. Sie vermag daher auch\ndie Lebens-Idee, welche von jeder Kunst gefordert wird,\nnur in einer von der bildenden Kunst durchaus abweichen-\nden Weise darzustellen. Die musicalischen Tonreihen kön-\nnen nur ideelle Lebensregungen hervorrufen. „Das\nLeben\" — fährt der Verfasser fort—, „das einen musica-\nlischen Ausdruck gewinnt, beschäftigt nicht die Vorstellung\nund das Denken; es wirkt ausschliesslich auf das Pathe-\ntische im Menschen, auf jene verschleierte Gemüths-\nw e 11, die in tiefen Gefühlen und aufschäumenden Leiden-\nschaften sich bethätigt. Andere Zustände vermag\ndie Musik nicht darzu stellen, weil sie nur von\ndieser Seite Zugang zu der Menschenbrust\nhat.\" Wiederum eine Wahrheit, deren wiederholter Aus-\nspruch, so klar sie auch ist, dennoch noth thut — und\ndiesmal kommt dieser Ausspruch von einem Nicht-Musi-\nker, während die Musiker von plastischer Musik faseln!\nAuf eine sehr sinnige Weise sucht Helflerich dann aus\ndem Zeitlichen, als dem Haupt-Elemente der Musik, und\naus dem Charakter der Vergänglichkeit alles Zeitlichen,\ndie, in die Gemüthsstimmung übersetzt, Wehmuth heisst,\nden elegischen Zug zu erklären, welcher der echten Musik\nimmer eigen sei, und nennt das Elegische „die ungeschie-\ndene Einheit von Freude und Schmerz, von Liebe und Hass,\nvon Hoffnung und Furcht\". Die Tonkunst zieht den Au-\ngenblick, in welchem der Ton sich offenbart, in eine grän-\nzenlose Zeitfolge aus einander. Wenn es nun weiter heisst:\n„Die Tonkunst strebt über sich hinaus nach dem Unend-\nlichen; Sehnsucht ist ihr Grundzug; sie will erreichen, was\nihr ewig unerreichbar ist, möchte einen Gegenstand er-\nfassen, den sie nur in weiten Kreisen umschweben\nkann, etwas aussprechen, wofür sie nur Anklänge\nund Andeutungen hat\" — so ist das eben so schön\nals richtig gesagt. Fährt der Verfasser aber folgender\nMaassen fort: „Der Eindruck, den ein edles Tonwerk auf\nuns macht, ist desshalb nie frei von wehmüthiger Bei-\nmischung ; die heitersten Melodieen, der frohlockendste Ton-\njubel lassen in der ßrust ein ungestilltes Verlangen zurück,\nentsprechend der elegischen Falte, die über das heitere und\nklare Antlitz der Natur sich zieht, wenn der Blick überall\nSpuren der Vergänglichkeit begegnet — — wie denn die\nZeit überhaupt fortwährend die schmerzliche Sehnsucht\nnach dem Vergangenen und das melancholische Ver-\nlangen nach dem Zukünftigen weckt\" — so ist das nur\nhalb wahr, wenngleich es allerdings den Charakter der\nTonkunst im Ganzen richtig schildert. Allein der Verfas-\nser betont das Wehmüthige, das Melancholische zu sehr.\nIm Allgemeinen wird dieses freilich dem Unbefriedig-\nten und unbestimmt Verlangenden, das sich bei\ndem Eindrucke der Musik in unserer Brust regt, hauptsäch-\nlich zum Grunde liegen — aber bei dem Eindrucke, na-\nmentlich von heiterer Musik, von „frohlockendem Tonju-\nbel \", spielt doch die individuelle und momentane Stimmung\ndes Hörenden eine grosse Rolle, und derselbe Strauss'sche\nWalzer, der mich zurWehmuth stimmt, wenn ich ihn ein-\nsam im Garten anhöre und an vergangene Zeiten denke,\nwird mich entzücken, wrenn im Saal die Gegenwart mich\nglücklicher macht, als es die Vergangenheit gethan. Eben\nso wenig können wir in dem Eindruck eines zum Kampf\nbegeisternden Marsches oder z. B. des Finale's der C-rnoll-\nSinfonie von Beethoven, der C-dur-Sinfonie von Mozart\nund ähnlicher Stücke den wehmüthigen Zug zugeben, es\nmüsste denn das Verlangen des Dreinschlagens, des Ueber-\nwindens und Triumphirens etwas Melancholisches sein. Un-\nzweifelhaft richtig ist es aber, dass die Seele in der Leiden-\nschaft sich immer in dem Maasse gefördert und gehoben\nfindet, in welchem sie den Druck und die Beklemmung von\nsich genommen fühlt. Und daher die grosse Macht der Mu-\nsik auf das Gemüth.\nSo haben denn, auf die Lebens-Idee bezogen, welche\ndie Kunst überhaupt anstreben muss, Architektur, Plastik\nund Malerei das sich entäussernde, die Musik aber\ndas sich verinnerlichende Leben zum Gegenstande.\n(Schluss folgt.)\n\nGesangfest des Sieg-Rheinischen Lehrervereins.\nDieses Fest fand am 24. August zu Brühl Statt und\nwar, wie auch stets in den vorigen Jahren, mit einer kirch-\nlichen Feier verbunden. Die gedrängt volle Kirche und die"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.5", "texte": "Anwesenheit einer Menge von Geistlichen und Musikern aus\ndem Rheinlande bezeugte die grosse Theilnahme, welche\ndiese brühl'schen Aufführungen in doppelter Hinsicht erre-\ngen, in kirchlicher und in musicalischer. Es ist bekannt, dass\nder thätige und energische Leiter des Vereins, Hr. Schul-\npfleger und Pfarrer W e b e r in Rheindorf, und der verdiente\nDirigent, Hr. Musik-Director M. Topler in Brühl, als\nHauptziel des Vereins die Veredlung des katholischen Kir-\nchengesangs erstreben. Das Mittel hierzu glauben sie mit\nvielen anderen Meinungs-Genossen in der Vereinfachung der\nMusik beim Gottesdienste durch Rückkehr zu den Vocal-\nCompositionen der alten niederländischen und italiänischen\nMeister gefunden zu haben. Die brühl'schen Aufführungen\nhaben desshalb ein grosses praktisches Interesse; denn sie\nzeigen allerdings die Möglichkeit der Wiedereinführung je-\nner alten Musik, sobald einiger Maassen genügende Kräfte\ndazu an einer Kirche vorhanden sind und die gehörige Zeit\nauf die Einübung verwandt werden kann. Wir lassen die\nStreitfrage, ob nur die älteren Meister, ein Paleslrina, Al-\nlegri, Gabrieli, Josquin, Lassus, Arcadelt u. s.w. die wahre\nreligiöse Stimmung im Menschen zu wecken im Stande\nseien, und sämmtliche Neuere von Bach und Händel an\nüber Haydn, Mozart, Cherubini, Beethoven bis auf Mendels-\nsohn herab als zu weltlich zu verbannen und zu verdam-\nmen sein dürften, für jetzt unberührt und halten es vor\nAllem für Pflicht, das grosse Verdienst freudig anzuerken-\nnen, welches sich der Sieg-Rheinische Lehrerverein um die\nSache der Kirchenmusik dadurch erwirbt, dass er uns auf\nden Boden der Thatsachen stellt und uns Gelegenheit gibt,\njene alten Meisterwerke zu hören und den Eindruck zu\nbeobachten, den sie machen. Eine einzige solche Auffüh-\nrung ist in dieser Hinsicht mehr werth, als ganze Bücher\nvoll Theorie und Raisonnement. Auf die künstlerisch\nvollendete Ausführung kann es dabei gar nicht an-\nkommen, sondern nur auf eine solche, welche den Geist\nder Composition möglichst treu wiederzugeben sucht; denn\nwas in das kirchliche Leben eingreifen soll und nur durch\nVereinigung seltener musicalischer Talente und bedeuten-\nder Kräfte herzustellen wäre, hätte sich dadurch allein\nschon den Weg zur Verbreitung verschlossen.\nEine Ausführung, welche diesem Erforderniss ent-\nsprach, haben wir am 24. August gehört; ja, wir geste-\nhen, dass das Geleistete unsere Erwartung bei Weitem\nübertroffen hat und dass es die bedeutenden Fortschritte,\nwelche der Verein gemacht hat, auf eine recht herzerhe-\nbende Weise bekundete.\nUnd fragt nun ein Fremder: Wer sind diejenigen, wel-\nche es unternahmen, die sechsstimmige Messe von\nPalestrina (die so genannte Missa Papae Marcelli) ohne\nalle Begleitung zu singen? — so wird sich bei der Antwort,\nwelche Auskunft über die Zusammensetzung dieses muthi-\ngen Chores- ertheilt, sein Erstaunen verdoppeln. Die So-\npran- und Altstimmen waren durch Kinder aus fünf-\nzehn verschiedenen Städtchen und Dörfern, welche in den\nLandkreisen Köln, Mülheim, Bonn, Ahrweiler zerstreut, zum\nTheil durch den Rheinstrom getrennt liegen, vertreten, und\ndie Tenor- und Bassstimmen hatten die Lehrer, welche zu\ndem Vereine gehören, und die Zöglinge des brühler Leh-\nrer-Seminars übernommen. Wenn eine angestellte Kirchen-\ncapelle, deren Mitglieder Musiker und Sänger sind, oder\nein berliner Domchor, der für den classischen Vortrag von\nKirchensachen errichtet und besoldet ist, ja, wenn nur eine\nSing-Akademie von Dilettanten, welche die besten Kräfte\neiner Stadt in sich vereinigt, sich dieselbe Aufgabe stellt\nund sie zur Zufriedenheit lös't, so wird ihnen dies sicher\nund mit Recht zum Verdienst angerechnet werden. Und\nnun vergleiche man die Verhältnisse, unter denen der Chor\ndes Sieg-Rheinischen Vereins ans Werk schritt! Und die-\nser Chor sang nicht nur die Noten rein und richtig, son-\ndern bestrebte sich überall auch den erforderlichen Aus-\ndruck hinein zu legen, was ihm an sehr vielen Stellen auch\nganz vorzüglich gelang, wogegen allerdings an manchen\nanderen eine etwas zu schroff markirte Accentuation zu\nsehr an das vorschriftsmässig Eingeübte erinnerte. Ich kann\nmich aber nicht entschliessen, diese Mängel und die ganze\nVortragsweise, überhaupt die kunstmässige Ausführung un-\nter die Lupe der Kritik zu legen — es sträubt sich dage-\ngen in mir etwas, das wie die Scheu vor Undankbarkeit\naussieht, Undankbarkeit gegen die aufopfernde Ausdauer\nder Lehrer, welche diese Gesänge zwei bis drei Monate\nlang ihren Schulkindern eingeübt, gegen die Lust und Liebe\nder Kinder selbst zum Gesang, gegen die Mühewaltung,\nArbeit und Gesinnung des Dirigenten, ohne dessen Bear-\nbeitung der Palestrina'schen Messe für das Einstudiren eine\nsolche Uebereinstimmung im Vortrage durch eine ein-\nzige Probe nun und nimmermehr hätte erzielt werden\nkönnen.\nAuf der anderen Seite halte ich mich aber auch, auf-\nrichtig gesagt, nicht fürcompetent zu einer Kritik der Vor-\ntragsweise der alt-italiänischen Kirchenmusik, und ich\nfrage nicht bloss leise, sondern sehr laut: wer ist das heut\nzu Tage überhaupt? Ich weiss sehr wohl, dass man sich\nin dieser Beziehung für unfehlbar halten und geradezu aus-\nsprechen kann, dass „die eigenthümliche W'eise des Vor-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.6", "texte": "träges, wie ihn diese Gesänge verlangen\", durch\ndie Versuche in Brühl „noch gar nicht erreicht ist\". Aber\nwodurch will man sich zu so apodiktischem Urtheil legiti-\nmiren? Das Studium der alten Kirchenmusik, auch das\ngründlichste, kann hier nichts entscheiden; ja, je gründlicher\nes mit einer gewissen vorgefassten Meinung über die\nVortragsweise betrieben wird, desto mehr kann es zu höchst\neinseitiger Auffassung führen. Das Entscheidende ist allein\ndie Tradition, und diese haben wir am Rheine nicht; ja,\nnach den neuesten Klagen aus Italien, geht sie sogar in\njenem Lande und selbst in Rom immer mehr verloren.\nWer will nun hier bei uns auftreten und behaupten, diese\nCompositionen verlangen den und den Vortrag?\nDass eine sinngemässe ausdrucksvolle Declamation,\nwelche nur durch einen gewissen Grad rhythmischer\nFreiheit erreicht werden kann, hieher gehört, ist freilich\nkeine Frage. Aber so lange kein Dogma über diese De-\nclamation möglich ist, das die Kirche selber sanctionirt, so\nlange wird es auch nach dreihundert Jahren jedem heuti-\ngen Menschenkinde unbenommen sein, diejenige Declama-\ntion ins Leben zu rufen, welche nach seinem individuellen\nGefühle die angemessenste ist.\nEben in dieser Hinsicht meinen wir, wie wir bereits\noben aussprachen, dass der Verein schöne Fortschritte ge-\nmacht hat. Hr. Töpler hat mit grosser Sorgfalt die Pa-\nlestrina'sche Messe durchweg mit Vortrags-Bezeichnungen\nBehufs der Einübung in den einzelnen Schulen und Ge-\nsang-Conferenzen der Lehrer versehen. Diese bestehen\nnicht nur in den gewöhnlichen dynamischen Zeichen (deren\nitaliänische Benennungen Hr. Töpler verschmäht, so dass\nwir es hier nicht mit piano und u. s. w., sondern mit\n„schwach, stark, sanft, gehend, zögernd, breit, voll, deut-\nlich, ernst, gesteigert, fest, entschieden, die Viertel etwas\ngelös't, leichte klare Töne u. s. w.\" zu thun haben), son-\ndern Hr. Töpler hat sich die Mühe gegeben, die rhythmi-\nschen Perioden für freiere Declamation sichtbar abzuthei-\nlen und die Declamation selbst theils durch Zeichen für\nBetonung oder N i c h t betonung über den einzelnen Noten,\ntheils durch wörtliche, oft sehr ausführliche und durch\nganze Reihen lang unter der obersten Notenreihe hinlau-\nfende Anweisung und Auseinandersetzung vorzuschreiben.\nSo finden wir z. B. S. 24 der Partitur, welche zum Ge-\nbrauche des Vereins abgedruckt ist, unter nur 22 Tacten\ndes Credo folgende Angaben: „Zarter und ein wenig lang-\nsamer, ein wenig stärker, gewichtvollere, gedehntere Töne,\nlangsam und in sanfte zarte klare Töne auslaufend\nziemlich leichte Töne, stärker, sehr gewichtvoll, die Viertel\netwas gelös't, das Zeitmaass gezügelt allmählich ins\nStille und Langsame übergehend bewegter und frischer,\nfeste Intonation.\"\nEs scheint, als habe Hr. Töpler darin doch des Guten\netwas zu viel gethan; indess machten freilich die zerstreu-\nten Wohnorte des Chors und der einübenden Lehrer eine\ngenauere Anweisung als sonst nöthig; nur darf man nicht\ndie Hoffnung hegen, dass dergleichen schriftliche Instruc-\ntionen den belebenden Geist des Dirigenten ersetzen könn-\nten. In Ganzen gelang die Declamation und besonders der\ngetragene Gesang in den Schlüssen recht gut, und es ist\nals merkwürdig und ein sehr gutes Einüben beweisend her-\nvorzuheben, dass bei dem Mangel an eigentlich schönen\nStimmen dennoch ein gewisser Wohllaut und eine klang-\nvolle Schwingung des Ganzen besonders bei den sanften\nStellen Befriedigung erregten.\nSollen wir nun noch von dem Eindruck der Compo-\nsition auf die Zuhörer sprechen, so mag es schwer sein,\ndarüber ein allgemeines Urtheil zu fällen; in diesem Falle\ndoppelt schwer, weil eine gläubige Vorliebe und eine ge-\nwisse Pietät der katholischen Kirche zum Vortheil dieser\nalten Gesänge einen unabweisbaren Einfluss geltend ma-\nchen. Abgesehen davon schien uns der erste Satz der\nMesse, das Kyrie, allgemein einen tiefen und ergreifenden\nEindruck hervorzubringen, den wir selbst vollkommen mit-\nempfanden. Eben so wenig dürfte sich aber auch die Wahr-\nnehmung läugnen lassen, dass der Mangel an Aufschwung\nder Melodie, selbst bei den glaubensfreudigsten Stellen des\nTextes, und die Monotonie der Form und der Modulation,\noder vielmehr der Aneinanderreihung der einfachen Har-\nmoniefolgen, auf die Dauer eine Abspannung des Gemüthes\nhervorbringen, welcher man bei dem Anhören einer Mo-\nzart'schen, Haydn'schen, Beethoven'schen und ähnlicher\nMessen oder einer Cantate von Bach und Händel keines-\nwegs ausgesetzt ist.\n\nDeutsche Tonhalle.\n\nZur Beurthcilung der nach der Anzeige vom Juni die-\nses Jahres eingekommenen Bewerbungen um den für eine\nHymne ausgesetzten Preis waren die Herren General-Mu-\nsik-Director Dr. L. Spohr, Hof-Capellmeister Dr. F.\nL i s z t und Hof-Capellmeister V. L a c h n e r erwählt. Der\nBewerbung mit dem Spruche: „Edlen Seelen vorzufühlen,\nist wünschenswertester Beruf\", von Herrn Wilh. Schef-\nfer in Eisenach eingeschickt, wurde der Preis zuerkannt,\nund belobt wurden die Bewerbungen der Herren Karl"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.7", "texte": "Hering in Berlin, Hermann Bönicke in Quedlinburg,\nAnton Leder in Marienwerder, V. E. Becker in Würz-\nburg und Wilh. Volckmar in Homberg.\nIn dieser Bekanntmachung des Vorstandes der deut-\nschen Tonhalle zu Mannheim, datirt vom 4. August,\nsehen wir ein erfreuliches Zeichen der fortdauernden Liebe\ndeutscher Componisten für die ernste Musikgattung. Möge\nder Verein fortfahren in seinen edeln Bestrebungen und\nzuvörderst unseren Dank entgegennehmen dafür, dass er\nnach so kurzer Zeit seines Bestehens seit kaum einem\nJahre bereits einige Fest-Ouverturen und nun diese\nim kirchlichen Stile gehaltenen Hymnen mit Orgel- und Or-\nchester-Begleitung ans Licht gerufen hat. Freilich muss\ndie Theilnahme an demselben noch sehr wachsen, wenn\netwas Grosses geleistet werden soll. Bis jetzt sind an 250\nMitglieder eingezeichnet allerdings ein hübscher Anfang,\nallein wie gering, wenn man an die Zahl der Musikfreunde\nin Deutschland denkt! Doch das darf nicht abschrecken.\nMit eben so bescheidenem Anfange begann die „Gesell-\nschaft zur Beförderung der Tonkunst in den Niederlanden\"\nihr Dasein, und jetzt ist sie in Tausenden von Mitgliedern\nüber ganz Holland verbreitet und besteht bereits fünfund-\nzwanzig Jahre lang. Möchten daher recht viele Musikfreunde\nund Künstler dem Vereine beitreten, und zahlreiche Kunst-\ngönner unter den begüterten Classen dem Beispiele des\nHerrn Fürsten von Fürstenberg folgen, der sich vor Kur-\nzem auch an dieser guten Sache betheiligt hat! Das Ein-\ntrittsgeld beträgt nur ein Drittel Thaler und der jährliche\nstets kündbare Beitrag ebenfalls nicht mehr.\nWir sind gern bereit, Anmeldungen zum Bei-\ntritt anzunehmen und dem Vorstande der deutschen\nTonhalle zu übermachen.\n\nDie Redaction.\n\nAus Paris.\nB. P.\nDer Componist Louis, welcher einige Duette für Pianoforte\nlind Violine geschrieben bat, leichte Musik für Liebhaber ganz ge-\nwöhnlicher Art, hat jetzt ein Musikstück unter dem pompösen Ti-\ntel: Les Fiances (die \\ erlobten), drame-legende en six parties, wo-\nfür? ei nun, für Pianoforte und Violine, herausgegeben. Er hat\nfrüher auch einige Opern componirt, welche aber in Paris nicht\nzur Aufführung gelangten. Jetzt hat ihm Mery ein Gedicht von\nbeinahe 300 Versen aus dem Aermel geschüttelt, und darüber\nschreibt Herr Louis ein halbes Dutzend Studien dramatischer Sce-\nnen, in welchen die Violine mit dem Piano dialogisirt. Der Dichter\nschildert einen Auftritt am Spieltische aus der Zeit der Regent-\nschaft; die Würfel rollen über den grünen Tisch, die jungen Mus-\nketiere verlieren ihr Geld u. s. w. Violine und Piano malen uns\ndie Orgie trotz Meyerbeer und Robert dem Teufel. Darauf wird\nNoemi's Liebe geschildert, welche sich unglücklich fühlt; die Me-\nlodie dieses Abschnittes, % und 12/8 Tact, ist nicht übel. Kindisch\nwird die Spielerei in den Passagen der rechten Hand und der Vio-\nline bei der „Schmetterlingsjagd\". Dann folgt die „vertrauliche Un-\nterredung\" zwischen Raoul und Noemi, ein „Leichenzug\", natür-\nlich in C-moll Noemi ist gestorben —, und endlich „der Gesang\nder Sylphen\" Alles, sowohl in Poesie als Musik, ohne binden-\nden Faden und ohne tiefer gehende Gedanken, leicht und lose, auf\nnichts als auf den Effect durch etwas Neues berechnet.\nBei dem Rücktritt des Unternehmers Corti von der italienischen\nOper haben sich viele Stimmen gegen die grossen Belastungen er-\nhoben, welche diese Unternehmung nicht aufkommen lassen, und\nsie verlangen eine bedeutende Unterstützung des Staates für die-\nselbe. Die Geschichte der Salle Veniadour, wo die italienische Oper\nspielt, ist interessant. Karl X. Hess dieses prächtige Local bauen,\nund es kostete nicht weniger als 5,500,000 Frcs. Die letzte Zahlung\ngeschah im Jahre 1829; sie ist in den Rechnungsbüchern der Ci-\nvilliste jenes Jahres mit 2,979,000 Frcs. verzeichnet. In demselben\nJahre wurde der Saal an einen Privatmann für noch nicht ganz\n2 Millionen verkauft, doch musste dieser die Schulden der Opern-\ngesellschaft, für welche der König gutgesagt hatte, mit 600,000 Frcs.\nbezahlen. Der König verlor 3l/2 Million bei diesem Geschäfte.\nSpäterhin ist das Eigenthum an ein# Gesellschaft von Actlonären\nübergegangen, und mit dem Comite derselben muss der jedesma-\nlige Unternehmer sich abfinden. Ausser der Miethe \\on 15,000\nFrcs. hatte Corti noch einen Verlust von 40,000 Frcs. durch die\nfreien Enlreen der Aktionäre und ihrer Beamten. Ausser fünf Lo-\ngen im Parket und im ersten Rang musste er dreihundert Ac-\ntionären freien Eintritt gehen, und zwar nicht auf Personalkarten,\nsondern auf verkäufliche Billcts! Dazu kommen noch die Abgaben\nan die Armen-Anstalten, so dass man leicht einsieht, wie hei sol-\nchen Verhältnissen weder Lumley noch Corti Geschäfte machen\nkonnte, und wie es sehr leicht möglich ist, dass die ilaJiänisehe\nOper in Paris nicht wieder eröffnet wird.\nWeil ich einmal bei Theatergeschichten bin, so gehört folgende\nauch zu den interessanten. Die erste Sängerin der komischen\nOper, Mad. Ugalde, wurde vor einigen Wochen heiser, unpäss-\nlich, und was dergleichen mehr sich darbietet, wenn eine\nDonna nicht singen will. Dem Director wurde von vertrauter Seite\nhinterbracht, dass ihre Stimme so gut wie verloren sei, und er be-\neilte sich, den Contract mit ihr zu iösi-n. Acht Tage darauf er-\nscheint Mad. Ugakle auf dem Theater sie ist zufällig\nwieder bei vortrefflicher Stimme und zieht als Roxelane in einer\nwieder hervor geholten alten Oper: „Die drei Sultaninnen\" alle\nAbend ein ungeheuer zahlreiches Publicum in das Theater. Die\nSache war natürlich vorher abgekartet.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\niiöiai. Am Sonntag den 21. August gab der Männerge-\nsang-Verein auf dem Gürzenichsaale unter Leitung seines Di-\nrigenten, des Herrn Musik-Directors Weber, ein Coneert, dessen\nErtrag zum Besten dreier Kirchen in Köln bestimmt war. Trotz\ndes schönen Wetters und der heissen Temperatur war der grosse\nSaal fast ganz gefüllt und das Publicum sehr angeregt. Das Con-\neert eröffnete ein Psalm von Rcissiger, eine sehr triviale Compo-\nsitum; es ist uns schon oft aufgefallen, warum der Verein bei sol-\nchen Gelegenheiten die Compositionen von Bernhard Klein\nfast die einzigen, die im kirchlichen Stile für Männergesang wirk-\nlichen Kunstwerth haben zurücksetzt. Besser gewählt war der\nEroffnungs-Chor der zweiten Abtheifung: Tenebrae factae sunt von\nRitter Sigism. Neukomm, Doctor der Tonkunst und Ehren-\nMitglied des Vereins. Der berühmte Componist war selbst anwe-\nsend und äusserte wiederholt seine grosse Zufriedenheit mit der\nAusführung seines Werkes, welches zwar nur kurz, aber vorzug-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530827-01.1.8", "texte": "lieh schön ist; es ist übrigens nur ein Bruchstück aus einem grös-\nseren kirchlichen Werke, „Die heilige Woche44 betitelt. Unter den\nübrigen Leistungen erregten die zwei Vorträge des Hrn. DuMont-\nFier (das Solo in Kücken s „Im Walde4', und die spanische\nCanzonetta von G. Reichardt) den lautesten Beifall und Dacapo-\nRuf; uns war, ausser dem Genuss an dem bis auf einige Ueber-\nverzierung der Fermaten sehr schönen Vortrage, noch besonders\ndie Wahrnehmung merkwürdig, wie doch eine einzige wirkliche\nMetallstimme auch das grösste und selbst ungünstigste Local füllt,\nwährend eine Menge von Stimmen, und darunter sehr schöne und\nliebliche, zusammengenommen dasselbe Resultat nicht erzielen. Die\nBegleitung mit Brummstimmen zu diesen Solosachen wurde in der\nThat im höchsten Grade künstlerisch ausgeführt und versöhnte da-\ndurch mit dem Bänkelsängermässigen, was diese Manier sonst an\nsich hat. In den beiden letzten Gesängen (A bt' s Ständchen „Wenn\nDu im Traume\" und Mendelssohn's Rheinweinlied „Wo solch\nein Feuer44) vermissten wir hier und da die Präcision, an welche\nuns der treffliche Verein bei seinen Vorträgen gewöhnt hat. An\nInstrumentalsätzen hörten wir das erste Allegro des Quintetts in\nD-moll von Hummel für Pianoforte u. s. w., eine Composition,\ndie nicht hält, was sie in den grossartigen ersten Tacten verspricht,\nund die Andante-Variationen von Beethoven aus der grossen\nSonate Op. 47 für Pianoforte und Violine, von Rein ecke und\nHartmann ganz ausgezeichnet schön vorgetragen.\nIn Berlin wird Erck unter dem Titel Deutscher Lieder-\nhort eine Sammlung der vorzüglichsten deutschen Volkslieder mit\nihren eigenthümlichen Melodieen herausgeben. Auf Befürwortung\nder Akademie der Künste hat Se. Maj. der König diesem Unter-\nnehmen eine besondere Theilnahme geschenkt.\nHerr von Hülsen, General-Intendant der königl. Schauspiele\nin Berlin, ist seit acht Tagen in Paris und scheint seine Auf-\nmerksamkeit besonders den jungen Gesangstalenten zu widmen,\nwelche dort ihre Bildung zu vollenden suchen.\nIn Frankfurt a. M. gastirt Pischek. H. Berlioz sollte\nam 24. Aug. daselbst im Theater bei aufgehobenem Abonnement\nConcert geben und von seinen Compositionen aufführen: 1) Harold\nin Italien. 2) Die Ruhe der heiligen Familie. 3) Die zwei ersten\nActe aus: „Die Verdammniss des Faust.44\nFräulein Johanna Wagner hat am Ende ihres Aufenthal-\ntes zu Soden Anregung zu einem Concerte zum Besten des dor-\ntigen Krankenhauses für Arme aller Confessionen gegeben, und\nsie und ihre Schwester Francisca sind darin aufgetreten.\nDer am Rheine bekannte und geachtete Theater-Director Löwe\nhatte am 6. Aug, nach der Vorstellung auf dem Theater zu Ba-\nden in der Schweiz das Unglück, durch den Schuss eines mit\nSchrot geladenen Gewehrs, welches in den Händen des Theater-\ndieners losging, in den rechten Arm verwundet zu werden. Leider\nist derselbe, nach eingegangener Privatnachricht, trotz aller ange-\nwandten ärztlichen und chirurgischen Hülfe vor einigen Tagen an\nden Folgen dieser Verwundung gestorben.\nDie Säogerin Lagrange verschafft der italiänischen Opern-\nGesellschaft in Lyon volle Häuser.\nIn Rom ist die Oper 11 Solitario das Ereigniss des Tages. Der\nComponist ist nur siebenundneunzig Mal gerufen worden!\nLondon« Die ilaliänische Oper hat am 20. Aug. mit „Wil-\nhelm Teil\" geschlossen. Die vorletzte Vorstellung war Meyerbeers\nProphet; am Montag vorher fand die Abschiedsvorstellung von der\nGrisi und Mario Statt (Bruchstücke aus Lucrezia Borgia und\nElisire d'amore). Das Ilaus war überfüllt; am Schlüsse erhob sich\ndie Versammlung zu minutenlangen Cheers. Das Künstlerpaar geht\nnach Italien, kehrt dann nach England zurück, um mit dem Unter-\nnehmer Beale die Provinz auszubeuten, und schifft Anfangs Novem-\nber nach Nordamerica.\nLoiulou, 23. Aug. Die englische Oper ist wirklich zu\nStande gekommen, namentlich durch die energische Mitwirkung von\nForm es an Begründung derselben. Am 22. d. M. wurde sie im\nDrurylane-Theater mit Webers Freischütz eröffnet. Caspar —\nFormes, Max Reichardt, Agathe — Fräul. Caradori, Aennchen\nMad. Anschütz. Das Haus war gedrängt voll, Formes wurde\nrauschend empfangen und drei Mal gerufen. Die Vorstellung war\nin den Hauptpartieen gut, der Chor zwar zahlreich, aber schlecht.\nAn der Spitze des Unternehmens steht S her et, Musik-Director ist\nAnschütz. — Die Musikfeste in Bredfort und Gloucester\nwerden in diesen Tagen Statt finden.\nDer berühmte Violoncellist Piatti ist von London über Paris\nnach Genua gereis't, um von da nach Neapel zu gehen und über\nRom, Florenz und Mailand zurückzukehren.\nBreslau« Adolph Henselt, der berühmte Componist und\nCiavier-Virtuose, hat während seines kurzen Aufenthaltes hiersclbst\n(in der Officin der Herren Brettschneider & Begas) einen\nausgewählten Kreis von Künstlern und Kunstfreunden durch den\nZauber seines Spiels entzückt. (Siehe Nr. 6 der Niederrheinischen\nMusik-Zeitung.)\nDer geehrte Künstler bediente sich bei seinem Vortrage der in\ngenannter Officin aufgestellten Instrumente und spricht durch fol-\ngendes eigenhändiges Zeugniss seine vollste Zufriedenheit über die-\nselben aus:\n„Mit Vergnügen ertheile ich den Herren Brettschneider &\nRegas, Pianoforte-Fabricanten hierselbst, das Zeugniss, dass ihre\nInstrumente, welche ich heute mehrere Stunden gespielt habe,\ndurch kräftigen, resonnanzreichen Ton, gute Spielart und schöne\nForm sich besonders auszeichnen.\n„Breslau, den 24. Juli 1853.\n\n„Adolph Henselt.“"}]}