{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-09-03-01", "volume": "bmtnabi_1853-09-03_01", "ocr_sha256": "53b848bba6dbf497066c165a91fa8a5c8c6413995a821805c67ac72d32280f51", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/09/03_01/bmtnabi_1853-09-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-09-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-09-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-09-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "75", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.2.1", "titre_corps": "Kunst und Kunststil.", "titre_sommaire": "Kunst und Kunststil.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4164, "texte": "Kunst und Kunststil.\n(Schluss. S. Nr, 9.)\nDie Urtheile Helfferich's über die drei Heroen der Ton-\nkunst sind richtig und fein aufgefasst. Von Beethoven\nsagt er: „er rage als eine wahre Riesengestalt hervor,\nweil er die Gefühlsgegensätze, welche die Gemüthswelt\nbald aufregen, bald sänftigen, wie kein Anderer zu behan-\ndeln weiss, das Pathos als solches, den Sturm der in ihren\ntiefsten Tiefen aufgeregten Leidenschaft in den hinreissend-\nsten und bewältigendsten Jubel- und Schmerzenstönen kund\nwerden lasse.\" Zur Unterstützung dieses Satzes führt er\nfreilich sehr unpassend Gumprecht's verkehrte Bemerkun-\ngen über die J.-dw-Sinfonie aus dem Deutschen Museum\nan; es scheint, dass ihm andere, richtigere Analysen Beet-\nhoven'scher Sinfonieen nicht bekannt geworden sind. Gern\nunterschreiben wir aber die folgenden Sätze:\n„Wird man aber darum sagen wollen, Beethoven sei\nder grösste Musiker? Gewiss ist er es in seiner Art,\nd. h. in der Behandlung des Affects nach der Seite seines\nGegensatzes und darum seines ursprünglichsten Wesens.\nEs ist die ungebrochene, oft wilde Naturkraft des Gemüthes,\ndie unmittelbar, ohne Zaudern und Zagen an das Leben\nund seine Erscheinungen herangeht und sie als treues Echo\nwieder hinausklingen lässt in die zwischen Freud' und Leid\ngetheilte Gotteswelt. Naturwüchsig, wie sie ist, widerstrei-\ntet der Beethoven'schen Musik nichts so sehr, als der Cha-\nrakter der Zierpflanze: sie duftet wie die Waldblume und\nbraus't wie der Sturmwind durch die Savannen. Bei Jo-\nseph Haydn ist gleichfalls Alles ungekünstelter Naturlaut;\naber das Pathetische erscheint noch gar nicht in seine Ge-\ngensätze getrennt, vielmehr als substantielle Ungeschieden-\nheit, kindliche Innigkeit, in dem Urgrund aller Einheit, in\nGott, ruhende Genügsamkeit. Von Mozart hinwiederum\nmuss man sagen, dass er, der grösste Dialektiker in der\nMusik, die Gegensätze nicht zu bewusstloser, sondern zu\nbewusster Einheit zusammen schliesst, aus dem kindlichen\nFrieden des Gemüthes heraus durch die Gegensätze des er-\nregten Pathos hindurchschreitet und sie in reine Harmonie\nauflös't. Besteht darin das grösste aller Geheimnisse, das\nGeheimniss der Liebe, so mag man immerhin das charak-\nteristische Merkmal der Mozart'schen Musik Liebe nennen.\nDie wahre Liebe ist ja auch die höchste Harmonie. Der\nKampf hört nicht auf aber schon aus der Ferne winkt\nder Palmzweig der Versöhnung. Mozart könnte darum der\nRembrandt der Musik heissen. Wie bei diesem die er-\nscheinende Welt völlig in der Farbe aufgeht, die Linien\nder Zeichnung sich zu Farbentönen verklären, so offenbart\nbei Mozart jede Schwingung des Affects sich in den unge-\ntrübten Elementen des Tones, dessen Verständniss bis jetzt\nnoch Niemand in demselben Grade besessen hat. Ein ech-\nter Maler sieht ganz andere Farbentöne als das gewöhn-\nliche Auge: Mozart hörte und verstand den Ton so bis in\nsein innerstes, verschlossenstes Wesen hinein, dass er jede,\nauch die zarteste Seelenregung als ein reines Tonverhält-\nniss auszudrücken vermochte.\"\nUeber Melodie und Harmonie finden wir eben-\nfalls treffliche Andeutungen von Ansichten, die zwar nicht\nneu sind, aber deren Wahrheit vergessen zu werden droht\nund deren Verbreitung von Neuem und gerade durch Aesthe-\ntiker noth thut, weil gegen die Aesthetiker.\nEin Ton kann an sich schön sein, es kann sich in ihm\netwas Inneres offenbaren —• Schmerz, Freude in einzel-\nnen Lauten. Allein von künstlerischer Wirkung kann nur\nbei der Aufeinanderfolge von Tönen die Rede sein.\nDiese ist die Hauptsache, das Wesentliche bei der Musik.\n„Hier ist nun zu bemerken, dass das elementare Naturge-\nsetz, wonach eine sinnliche Verwandtschaft besteht zwischen\nder sinnlichen Materie und dem Gehörsnerv, eine Fülle von\nGestaltungen hervorbringt, die zum Geist in keinerlei Be-\nziehung stehen. Die Töne ziehen sich wechselseitig an und\nstossen sich ab; andere gehen Verbindungen ein, leiten zu\nanderen über, einige stehen im schärfsten Gegensatz, kurz,\nes geht durch die Tonwelt dieselbe Ordnung, derselbe or-\nganische Trieb, wie durch das ganze Reich der Natur. Die\nMusik, welche, ohne einen höheren Gehalt zu bieten, mit\ndiesem Naturgesetz in Uebc-reinstimmung bleibt, wird stets,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5282, "texte": "wie alle reine Natur, einen angenehmen Eindruck auf uns\nmachen. Eine Composition, die keinen anderen Vorzug hat\nals diese sinnliche Schönheit, hat desshalb immer noch ei-\nnen gewissen Werth, in so fern sie eine sinnlich lebendige\nErregung, ein sinnlich Pathetisches im Hörer hervorbringt.\nVon dieser Seite ist auch der ungebildete Naturmensch den\nEinwirkungen der Musik zugänglich. Eine wahrhaft künst-\nlerische Behandlung des Tones jedoch, eine solche, die den\nAnforderungen eines reich entwickelten Gemüthes genügt,\nlässt diese bloss natürliche Schönheit immer mehr in den\nHintergrund treten, ähnlich wie bei der bildenden Kunst,\nwo das sinnliche Wohlgefallen von einer geistigen Lebens-\nIdee verdrängt wird. Die höhere Musik wirkt auf das in-\nnere Gefühl, auf das geistige Pathos. Dazu eignet sich aber\nimmer nur eine solche Succession von Tönen, die wir Me-\nlodie nennen und definiren können als den organisch ge-\ngliederten Tongedanken. Je reiner und vollständiger die\nMelodie einen in sich abgegränzten Inhalt unseres Gefühl-\nlebens ausdrückt, desto gelungener, stilistisch richtiger ist\nsie, und man wird schwerlich fehlgreifen, wenn man die\nMelodie und den Inhalt der Musik als Eines und dasselbe\nbetrachtet. Es widerstreitet daher auch aller gesunden Auf-\nlassung, die Harmonie das Frühere in der Musik zu nen-\nnen, und heisst ungefähr eben so viel, als wenn man in der\nPlastik den paradoxen Satz aufstellen wollte, der so ge-\nnannte archäische oder alterthümliche Stil, der die Gestalt\nscharf und zum Theil hart, nur in ihren wesentlichen For-\nmen darstellte, müsse in der Entwicklung der griechischen\nKunst später sein als der classische Stil in dem Zeitalter\ndes Praxiteles und Skopas. Wir besitzen bis zu dieser\nStunde Melodieen, die uns tief ergreifen und denen eine\nbegleitende Harmonie nicht beigefügt werden darf, wenn\nnicht die reine Wirkung getrübt werden soll (F. Hand,\nAesthetik der Tonkunst, 1837).\"\nDie Bemerkungen über Rhythmik und Tonart er-\nmangeln dagegen der Begründung durch genügende musi-\ncalische Kenntnisse; namentlich ist alles, was über die Ton-\nart gesagt ist, nur dann wahr, wenn es nicht auf die Ein-\nzelverschiedenheit der zwölf Tonarten, sondern nur auf den\nHaupt-Unterschied von Dur und bezogen wird, und\nauch dann noch nicht ganz und gar.\nDagegen können wir wieder im Ganzen mit dem über-\neinstimmen, was über die Bedeutung der Harmonie in\nder Musik gesagt wird. Die Tonkunst, deren wesentlichstes\nElement das Zeitliche, die Aufeinanderfolge der Töne, d. h.\ndie Melodie, ist, „gelangt erst zu ihrer vollen Entfaltung\n\\ # * *\ndurch den Gebrauch von Mitteln, welche dem an sich Suc-\ncessiven den Charakter des Räumlichen verleihen. Zu der\nMelodie tritt die Harmonie, die Ordnung und Zusammen-\nstimmung gleichzeitiger Töne, ein Simultanes in dem\nEinklang eines Mannigfaltigen von Tönen\". Das ist\nwahr; jedoch ist dem Verfasser entgangen, dass das raum-\nliche Element auch in der Harmonie nur ein untergeord-\nnetes ist, und dass die Harmonie hauptsächlich auch nur\nwieder durch die Aufeinanderfolge wirkt, nur mit dem Un-\nterschiede, dass bei ihr die Folge von Zusammenstimmun-\ngen, von Accorden, nicht bloss von einzelnen Tönen in An-\nwendung kommt. Ohne das Zeitliche in der Harmonie\nwürde keine Modulation existiren. Geistreich und wahr ist\nder Vergleich der Perspective mit der Harmonie. „Nur\nRousseau konnte in seiner paradoxen Einseitigkeit die Har-\nmonie eine barbarische, gothische Erfindung nennen und\nihren Ursprung in dem Mangel des Sinnes für natürliche\nMusik nachweisen. Es erinnert dies an die Chinesen, die in\nder Malerei von der Perspective nichts wissen wollen. Erst\nim Zusammenklang verschiedener Töne offenbart der Ton\nseine ganze Gewalt. Gewiss, man kann Gefallen finden\nschon an naiven Abbildungen, auf denen alle Figuren un-\nmittelbar nach einander und in blosser Linien-Perspective\nerscheinen; wer wird darum aber läugnen wollen, dass die\nMalerei ihren höchsten Anforderungen erst dann entsprach,\nals sie ihre Gestalten zu modelliren und zu gruppiren lernte?\nNicht anders verhält es sich mit der Harmonie. Die Har-\nmonie verleiht der Melodie eine feste Haltung, Abgränzung\nund Rundung, überhaupt die Merkmale eines zu plastischer\nExistenz gelangten Lebens; denn die Tonmassen in ihrem\ngleichzeitigen Fortschreiten geben dem Tonbilde erst seine\nSchattirung und Fülle. -- Wie die Perspective rein wis-\nsenschaftlich erlernt werden kann, so auch die Harmonie-\nLehre ; bei Beiden lassen sich unwandelbare und mathema-\ntisch gewisse Gesetze aufstellen und beweisen. Die Correct-\nheit, die durch die wissenschaftliche Kenntniss der Perspec-\ntive und des Contrapunctes erreicht wird, darf nicht gering\nangeschlagen werden. Allein die bloss gelehrte Musik,\neinem Bilde vergleichbar, worauf die Perspective nach den\nstrengsten Regeln der Kunst beobachtet und das Andere\nnur nebenher behandelt ist, beschäftigt lediglich den Ver-\nstand und vermag bloss dieser formalen Tadellosigkeit we-\ngen einen tieferen Eindruck auf das Gemüth nicht hervor-\nzubringen. Es fehlt ihr das Stoffliche, der Inhalt und dessen\nfreie, dem Gemüthe zusagende Behandlung. Für die Har-\nmonie in diesem Sinne, d. h. sofern sie dem melodischen\nInhalt einen mannigfaltigeren, reicheren und zugleich tiefe-\nren Ausdruck zu verleihen hat, hört das mathematische"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3204, "texte": "Gesetz auf, wie der Maler, um der eigentümlichen Natur\nder Farbe Genüge zu thun, wohl gar genöthigt sein kann,\ngegen die mathematischen Regeln der Fernsicht zu Ver-\nstössen. Die tiefere Vermittlung ist nicht Sache der Wis-\nsenschaft, sondern der künstlerischen Begabung, und eine\nrichtige Harmonie ist darum noch keine gute Musik. Es\nlassen sich einer und derselben Melodie verschiedene har-\nmonische Behandlungen geben, was dem Tonbilde ein ver-\nschiedenes Colorit verleiht. Eigentlich aber ist es die Auf-\ngabe der Harmonie, den melodischen Keim zu der ganzen\nPracht und Herrlichkeit eines organischen Gebildes zu ent-\nfalten, und in diesem Sinne wird man sagen können, dass,\ngleichwie es für ein vortreffliches Lied nur eine einzige\nebenbürtige Melodie gibt, so auch nur eine Harmonie für\neine gelungene Melodie.\"\nWir schliessen diesen Artikel mit den trefflichen\nSchlussbemerkungen Helfferich's über den Gegensatz der\nbildenden Künste und der Musik:\n„Reine Anschaulichkeit und darum Selbstentäusserung\nder Lebens-Idee gehört desshalb zum Wesen der bildenden\nKünste, weil das an sich Räumliche immer und überall nur\nan der Oberfläche sichtbar wird. Ein Innerliches, Verbor-\ngenes und Verschlossenes, ein erst zu Errathendes, Mysti-\nsches und Geheimnissvolles gibt es in der bildenden Kunst\nnicht; ihr Geheimnissist vielmehr, dass sie kein Geheim-\nniss hat, Alles offenbart, das Innerlichste selbst zur äusse-\nren Erscheinung bringt. So will es die vermittels des Lich-\ntes zu äusserem Bewusstsein gelangende Materie. Umge-\nkehrt wendet die Musik sich schlechterdings vom Anschau-\nlichen ab. Mit dem Tone, diesem inneren, seelischen Er-\nklingen der Materie, zieht sich das Leben von der Ober-\nfläche in sich selbst zurück, die Offenbarung faltet sich\nzum Mysterium zusammen, und die als Gedanken-Inhalt\nnicht näher zu bestimmenden Erregungen des Gefühls gehen\nbloss in die Tiefe, nicht in die Breite, wecken daher stets\nWehmuth und Sehnsucht. Dieser vorherrschenden Inner-\nlichkeit kann sich die Musik so wenig entschlagen, dass es\nvielmehr gerade ihre Aufgabe ist, eben nur pathologisch,\nd. h. in der Richtung nach dem in sich form- und gestalt-\nlosen Gemüthe zu wirken, und alle die Gedankenkeime, die\nsich zum äusseren Dasein drängen, stets wieder in den ver-\nschlossenen Urgrund innerlicher Gefühls-Erregungen zu-\nrückzunehmen. Die Zeit ist nie und nirgends: sie ist nur\nim Werden, oder als verschwindend; so soll auch der mu-\nsicalische Gedanke sich nur im Verschwinden offenbaren.\"\nWas ferner in dem besprochenen Büchlein über Mi-\nmik und Tanz, über dramatische Action und end-\nlieh über Poesie, wenn auch nur kurz andeutend, gesagt\nwird, verdient ebenfalls nachgelesen zu werden. Schlagend\nist darin unter Anderem die Bemerkung: „Das sprachliche\nWort muss in der Kunst der Rede wirklich gesprochen\nund nicht gedruckt gedacht werden. Ein nicht laut vorge-\ntragenes Gedicht ist keine Poesie.\" Was lässt sich\ndaran nicht alles knüpfen!\nDer fünfte und sechste Abschnitt enthalten Ansichten\nüber den Weg, den die Kunst einschlug, um sich stilistisch\nzu entfalten, über den geschichtlichen Fortgang ihrer Ent-\nwicklung bis auf die Hellenen. Von der Musik kann dabei\nnatürlich nicht viel die Rede sein."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-09-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-09-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-09-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "75", "page_fin": "77", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.2.2", "titre_corps": "H. Berlioz in Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "H. Berlioz in Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. Schindler", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.3", "debut_caractere": 3206, "fin_caractere_exclue": 5043, "texte": "H. Berlioz in Frankfurt am Main.\n\nHektor Berlioz, der Kritiker von Metier, der malende\nund abstracte Begriffe in Musik übersetzende Componist, der\nin unzähligen Artikeln seine „souveraine Verachtung\" aus-\ngesprochen hat gegen alles, was die Musikgeschichte von\nPalestrina an bis auf unsere Zeit für ehrwürdig und clas-\nsisch gehalten, der, weil er in seiner souverainen Verblen-\ndung nur Gluck und Beethoven für grosse Componisten\nerklärt, darum des ersteren Opern, des anderen Sympho-\nnieen in Atome zerlegt und die eigentliche Musik erst von\nGluck an datirt hat; derselbe Hektor Berlioz, der in lan-\nger Diatribe (Journ. d. Dcbats 1841) sagen konnte: „Höre\nich Musik von Mozart, so drückt mich immer ein kleiner\nAlp (Cauchemar), höre ich aber Musik von Haydn, so\ndrückt mich ein grosser Alp\"; derselbe an Widersprüchen\nüberreiche kritische Secirer par der den Mantel\nnach dem Winde zu kehren versteht, wie selten einer, der\nin einem an Schwatzhaftigkeit überströmenden Artikel\n„ Tribulations d'un critique\" (Gazelte Musicale, 7. Jan.\n1838) die Bescheidenheit so weit getrieben, dass er von\nseinem Requiem in folgendenEpitheten spricht: „C'estmer-\nveilleux! c est colossal! cest gigantesque! c'est sublime /.* ;\nder auf den Vorwurf der pariser Kritik: es sei kein contra-\npunktische Gelehrsamkeit documentirender Satz, viel weni-\nger eine ausgeführte Fuge in seinem Requiem, die stolze\nAntwort gab: „ Le gerne est\naudience lous les jours\", (Gaz. Mus. 1. Jahrg., S. 125)*)\n\n*) Mit welch souverainer Verachtung Ilr. Beiiioz die Kunst der\nFuge beehrt (weil er selber nichts davon gelernt), hat er bei\nBeurtheilung von Beethoven s Missa solemnis (Jaum. d. Deb ,\n20. Febr. 1835) mit Folgendem beurkundet; „Puisse Vinventeur\ndes Fugues etre maudit jnsqu ä la consommalion des siecles!u\nEs genügt, zu wissen, dass, als Hr. Berlioz diesen Fluch"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5584, "texte": "kurzum, der grosse ästhetische, wie nicht minder theo-\nretische und praktische Sünder oder „Reformator\", wenn\nman lieber will, der Meister und Vorgänger im Phan-\ntastischen und Absonderlichen, der im ersten Jahrgang der\nGazette Mus.S. 38 von sich selbst schreibt:\nje suis fou. Au nom de Bieu, ...\ner ist in eigener Person in unserer Stadt und hat vorgestern\nim Theater nachstehende Werke seines erhabenen Genius\nzur Aufführung gebracht, deren Ankündigung auf dem\nTheaterzettel schon charakteristisch genug ist:\nI. Abtheilung. Harold in Italien. Sinfonie in 4 Abtheilungen\nmit obligater Viola: 1. Harold in den Bergen, Scenen der Trauer,\ndes Glücks und der Freude. 2. Marsch und Abendgebet der Pil-\nger. 3. Serenade eines Bergbewohners der Abruzzen. 4. Erinne-\nrungen an die vorhergegangenen Bilder. Das Fest der Räuber.\n11. Abtheilung. Die Ruhe der heil. Familie. Fragment,\ndem neuen Testament entnommen, Dichtung und Musik von H.\nBerlioz. (Abdruck dos Gedichts 20 Zeilen mit der Ueber-\nschrift: in berger chantant.)Gesungen von Hrn. Caspari.\n111. Abtheilung. Die zwei ersten Acte aus „Die Verdamm-\nnis s des Faust\", Legende in 4 Acten, musicalisch dargestellt von\nH- Berlioz. Bilder des 1. Acts: Die Ebenen von Ungarn. Faust\nbeim Aufgang der Sonne. Zug der Landlcute. Chor. Recitativ und\nungarischer Marsch.\nBilder des 2. Acts: Faust in seinem Studirzimmer. Recitativ zu\neiner Instrumental-Fuge. Des Osterfestes Hymne. Auftritt des Me-\nphistopheles. Recitativ. Auerbach's Keller. Chor der Zecher und des\nberauschten Brander. Lied. Vocalfuge über ein Thema aus Bran-\nders Lied. Gesang des Mephistopheles. Romantische Gegend an\nden Ufern der Elbe. Chor der Sylphen und Gnomen. Schlummer\ndes Faust. Tanz der Sylphen. Recitativ und Soldatenchor. Lateini-\nscher Studentengesang. Derselbe mit Ensemble und Chor. Finale.\nFaust Hr. Caspari Mephistopheles Hr. Deitmer Brander\nHr. Leser.\nNachdem die Sinfonieen Harold, Romeo et Julietie,\nPhantastique, L'Episode de la vie d'un arliste, das Requiem\nund andere Werke wiederholt in Paris zur Aufführung ge-\nkommen (wo sie der Unterzeichnete auch gehört) und der\nStern ihres Schöpfers bereits im Erbleichen war, brachte\nder Constitutionnel eine summarische Beurtheilung, aus der\nwir das Wesentliche hier im Urtexte wortgetreu folgen\nlassen, da dieselbe ihre Geltung für alle Zeit behalten wird,\nzumal Hr. Berlioz in Allem und Jedem auch stets derselbe\nbleibt.\n„En depit de lous ses efforls pour etre original, Mr.\nBerlioz napoint de style ä lui. Sa maniere change inces-\nsament, et, en voulant n'imiter personne, il imite tout le\nMonde, cest-ä-dire il exagere les formes de tous les grands\nmaltres : ilva de Mozart ä Bee\nsini, oui, ä Rossini, ne vous deplaise. Mr. Berlioz, qui a ecrit\ntant de feuilletons contre la melodie rhythmee, conlre les\nphrases carrees,enßn conlre ce\nDebats, la musique de nou\nquelquefois, apres avoir livre\neffroyables, apres avoir accable\nreuses contrebasses de Paris, il\nmelodie bien rhythmee, bien classique, bien decoupee en 4,\n8, 12 et 16 mesures. En un\nquefois du Rossini pur et simple\npour un reformateur aussi rebarbatif! Le plus grand re-\nproche qu'on puisse faire ä Mr\npas Iraker une idee musicale.\nPhrasesse succedent, mais elles\nelles; il n'a pas de trame, de tissu dans le style, etc. *).\"\nVon Seiten des Bühnen-Vorstandes, des Orchesters,\nwie auch der Solo- und Chorsänger hat Hr. Berlioz die\nwillfährigste Unterstützung gefunden, was allein schon\nsechs Gesammtproben bezeugen. Welcher wahrhaft grosse,\nden Vorfahren gleiche Componist gäbe es dermal einen\nsolchen müsste wohl kommen, dem man so viel Zeit-\nund Kraftaufwand zum Opfer brächte? Und für welche Er-\nfolge? Zunächst für ein leeres Haus. Nur das Parterre war\nspärlich besetzt, dagegen waren sämmtliche Logenreihen\nund die Galerie vollkommen leer; die Netto-Einnahme be-\ntrug demnach nur vierzig Gulden. Wenn dies kein spre-\nchender Beweis von mangelnder Sympathie für dergleichen\nAbsonderlichkeiten im hiesigen Publicum ist, so weiss ich\n\ngethan, er eben auf dem Gipfel seines pariser Ruhmes, aber\nauch seines Uebermuthes, angelangt war, von dem herab ähn-\nliche souveraine Bannflüche nach allen Seiten geschleudert\nworden; der stärkste oder, richtiger, unverschämteste traf Mo-\nzarts Requiem in seiner Totalität. (Gazelle Musicale, 7. Sept.\n1834, und Journ. d. Deb.,9. Aug. 1835 wiederholt.)\n*) „Trotz seiner Anstrengungen, originel zu sein, hat B. doch\nkeinen eigentümlichen Stil. Seine Manier wechselt immer-\nwährend, und indem er Niemanden nachahmen will, ahmt er\nJedermann nach, d.h. er übertreibt die Formen aller grossen\nMeister: er springt von Mozart auf Beethoven und von Hän-\ndel auf Rossini, ja, auf Rossini, wenn Sie nicht übel nehmen.\nBerlioz, der so viele Feuilletons gegen die rhythmische Me-\nlodie, gegen die gegliederten Perioden geschrieben hat, über-\nhaupt gegen das, was er in seinem Debats-Stil Ammenmu-\nsik nennt, Berlioz kommt manchmal, nachdem er sein Or-\nchester zu furchtbaren Gliederverrenkungen gezwungen, die\nkräftigsten Contrabassisten von Paris halb tod gemacht hat,\nzu einer harmlosen zweitheilig rhythmisirten Melodie, die\nrecht hübsch classisch, recht hübsch in 4, 8, 12, 16 Tacte\ngesondert ist. Mit Einem Worte, er macht Öfters nichts als\nreinen Rossini: das ist eine bittere Strafe für einen so stör-\nrischen Reformator! Der grösste Vorwurf, den man ihm ma-\nchen kann, ist der, dass er keine musicalische Idee zu behan-\ndeln weiss. Er hat keine Folge in seinen Sachen: seine Pe-\nrioden kommen eine nach der anderen, aber sind nicht mit\neinander verbunden er hat keinen Plan, kein Gewebe in\nseinem Stil u. s. w.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3683, "texte": "einer ähnlichen, kaum dagewesenen Demonstration keine\nandere Auslegung zu geben.\nDie Leistung des Orchesters war vortrefflich. Die ge-\nhäuften, unerhörten Schwierigkeiten, vornehmlich im ersten\nund vierten Satze der Sinfonie, wurden fast durchweg mit\nLeichtigkeit ausgeführt. Aber auch den Singstimmen, darun-\nter besonders den Chören, gebührt laute Anerkennung;\ndenn diesem Theile sind in der Musik zu der elendiglich\nzusammengestoppelten Faust-Legende Dinge zugemuthet,\ndie kein Componist schreiben kann, dem sich das Gesang-\nElement nur einiger Maassen erschlossen hat. Eine kritische\nAnalyse dieser Musik zu geben, unterfange ich mich nicht,\nobwohl ich dazu versucht wäre*), indem ich sicher vor-\naussetze, dass Ihnen und vielen Lesern der Niederrheini-\nschen Musik-Zeitung eine solche aus der Feder des Com-\nponisten schon bekannt ist; denn Hr. Berlioz lässt auf\nSelbstkritiken seiner neuesten Schöpfungen in der Regel\nnicht lange warten, wie männiglich bekannt.\nUeber die hiesige Aufführung, über die verlangten\nWiederholungen, z. B. des Ragoczy-Marsches (den das Pro-\ngramm als solchen näher zu bezeichnen vergessen hatte,\ndaher Publicum glaubte, er sei Eigenthum des Hrn. Berlioz),\ndann einer wirklich originalen Stelle, abwechselnd zwischen\nPauke und Harfe, nicht minder über das Hrn. Berlioz zu\nEhren nach dem Concerte von der Elite der Musiker gege-\nbene Abendessen, über die begeisterten Toaste dabei wer-\nden Sie sicherlich im Journ. einen detaillirten\nBericht zu lesen bekommen. Darin wird der immer sehr\ngenaue und umständliche Berlioz nicht unterlassen, auch\nanzuführen, wie viel Pianisten, Violinisten, emeritirte Flö-\ntisten, Capellmeister, Doctoren der Musik und Referenten\nzu Frankfurt am Main ihm ihre aufrichtige Huldigung\ndargebracht, um dafür nur im Journ. d. Debals oder in der\nGazelte Muskaie mit Namen genannt zu werden. Von einem\nMitgliede des Schauspiels wurde Hrn. Berlioz ein Lorber-\nkranz aufs Haupt gesetzt und ein Gedicht in deutscher\nSprache, von C. Golmick verfasst, überreicht. Man will so-\ngar wissen, dass diese kleine Phalanx wahrhafter Ver-\nehrer mit dem grossmüthigen Vorsatz umgehe, das Schei-\nden dem berühmten Reformator und Ruhmmacher aus die-\nser undankbaren, seine grossen Verdienste ignorirenden\nStadt dadurch zu erleichtern, indem sie den unerfreuli-\nchen Ausfall an der Casse durch einen goldenen Tactir-\nstock ersetzen wollen. Das wäre thatsächlich eine edle Rache,\nvon der sämmtliche Zeitungen der alten und neuen Welt\nEclat machen würden!\nErleidet Hr. Berlioz durch sein Unternehmen hier wirk-\nlich einen namhaften Verlust, was unter allen Beziehungen\nzu bedauern, so gestaltet sich der moralische Gewinn, den\ndas kleine Häuflein Unbefangener davon trägt, um so er-\nfreulicher und bedeutsamer, als man endlich Gelegenheit\ngefunden, wenigstens einige der oft und vielmals mit Em-\nphase rühmen gehörten Werke des „Fortsetzers der Beet-\nhoven'schen Instrumental-Musik\" kennen zu lernen, und\nsich einen klaren Begriff von ihrem Kunstwerthe zu machen.\nEinem später lebenden Geschlechte wird diese Gelegenheit\nsicher und gewiss nicht mehr werden, da Hr. Berlioz fern\nvon der Anmaassung eines anderen Reformators der dra-\nmatischen Musik ist, Kunstwerke für die Zukunft schaf-\nfen zu wollen.\nFrankfurt am Main, den 26 August.\n\n*) Anzumerken will ich jedoch nicht unterlassen, dass die im\nProgramm angekündigte Instrumental-Fuge nicht zu Gehör\nkam, wohl aber die Vocal-Fuge auf das Wort „Amen\". Und\nwas geht da vor? Nachdem der Führer in allen Stimmen unter\neinen Hut gebracht ist, tritt sogleich ein Orgelpunct von 10\nbis 12 Tacten ein, und aus ist das Ding. Diese famose\nSchulknaben-Fuge besteht aus höchstens 30 Tacten.\n\nA. Schindler."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-09-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-09-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-09-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "77", "page_fin": "80", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.2.3", "titre_corps": "Stoppellese.", "titre_sommaire": "Stoppellese.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.5", "debut_caractere": 3685, "fin_caractere_exclue": 4922, "texte": "Stoppellese.\nWas wird doch nicht alles in die Welt hineingeschrie-\nben, um Aufsehen zu machen! Geht's nicht mit dem Er-\nheben eines neuen Werkes bis zum Himmel, so macht man\nsich an das Herabreissen eines längst in anerkannter Glo-\nrie glänzenden Sterns; und die Berechnung auf die Natur\nder Menschen ist richtig sie greifen gern nach dem\nHerben, das Anderen angethan wird, und das Neue und\nPikante geht ihnen über Alles, mag es auch kränkende oder\nunsinnige Behauptungen enthalten. Effect um jeden Preis!\ndas ist die Losung auch der heutigen Kunstkritik, beson-\nders der schönrednerischen, die sich in den Feuilletons\nzeigt. So hat ein Kunstrichter in der augsb. Allg. Ztg. Nr.\n217 unter dem Titel: „Musicalischer Brief von einem be-\nschränkten Kopf\" (Riehl ?) seinem Gewissen über Bee t-\nhoven's neunte Sinfonie in folgender Weise Luft\ngemacht:\n„ Als am Beethoven-Fest zu Bonn Franz Liszt die ne s>\nSinfonie zur Aufführung brachte, da war sie in Dc^\nland gewisserMaassen noch Neuigkeit. [Keineswegs \"er\nwar vor jenem Feste bereits vier Mal auf den ni Men.~\nnischen Musikfesten aufgelührt worden!] Sie h0*31 \"un\nwenige Darstellungen (?) gefunden, ihrer Schwi'® abgeht\nsen, und wenige Liebhaber, ihrer Ungewöhnlich' setzen,\n,er misslich-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5210, "texte": "Die Hörer ermüdeten in den düsteren Labyrinthen des\nersten Satzes, fanden sich befremdet durch die dämonischen\nSprünge des zweiten, und kaum dass sie bei der seelen-\nvollen Klage des Adagio aufzuthauen begannen, so fanden\nsie sich von dem Bass-Recitativ des vierten Satzes wie mit\nWasser begossen ein Entsetzen, von dem sie sich auch\ntrotz des Freudenliedes nicht mehr erholen konnten, son-\ndern sie mussten es mit nach Haus und zu Bett nehmen.\nSchrecklich! Und man hatte auf einen so ausgesuchten Ge-\nnuss gerechnet.\n„Das ist nun seitdem freilich sehr anders geworden.\nUnsere Capellen haben die Schwierigkeiten des riesenhaften\nWerkes überwunden oder umgehen gelernt, unser Publi-\ncum an seine Seltsamkeiten sich gewöhnt. Die neunte Sin-\nfonie ist beliebt, ist gewisser Maassen populär geworden.\nDie Concertsäle wenigstens füllt sie sicher jedes Mal. Beim\nEintreten der Menschenstimme nach 3% Theilen Instru-\nmental-Musik, wo sich vor zehn Jahren die Haare sträub-\nten, gehen jetzt die Herzen auf. Die tiefe Symbolik, welche\nin diesem Eintritt liegt, dass nur im Menschen und mit\nMenschen dem Menschen Lösung aller Qualen blühe\ndas liomo homini Deus Feuerbach's dieses Wort des\nRäthsels der neunten Sinfonie ist jetzt zur Trivialität ge-\nworden, die der Jüngling seiner Dame ins Ohr flüstert. Und\nwährend unter Fortgeschrittenen längst kein Zweifel mehr\ndarüber ist, dass mit diesem Werke Beethoven sich selbst\nübertrofFen und der Musik neue, bis dahin ungeahnte Bah-\nnen eröffnet habe, redet auch das grosse Publicum sich eine\nbesondere Liebhaberei für dasselbe schon desswegen ein, weil\nNiemand sich von den Fortgeschrittenen ausschliessen mag.\n„Und nun, nach dieser Revolution in dem musicali-\nschen Geschmacke Deutschlands, ja, der Welt, was werden\nSie sagen, wenn ich mich noch immer als einen von denen\nbekennen muss, die nichts gelernt und nichts vergessen ha-\nben? Nicht vergessen jenes fatale Begossen werden, und\nnicht gelernt, des Schlüssels mich zu bedienen, den man zum\nVerständniss eben dieses Punktes einem jetzt bereits mit\ndem Concert-Programm in die Hände drückt? Werden Sie\nuin noch von übertriebener oder alfectirter Bescheidenheit\nGott verzeih's dem Lehrer, der mich auf der Schule\n\\alben Horaz auswendig lernen liess; denn daher hab'\nSdDlCi\noch, dass mir bei dieser Sache immer der Vers im\nnmt: Humano capiti cerviccm piclor equinam etc.\naucKnag mich dadurch noch so sehr prostituiren, sa-\nliche V;h doch, wenn durch jene Formel die Abnor-\nSinfonie gerechtfertigt sein soll, so las-\n-1834, unös Erachtens auch der Gott mit dem Hunds-\nköpf oder der Stier mit dem Menschenkopf als Kunstwerke\nrechtfertigen. (!!) Denn haben sie nicht auch ihre tiefe Symbo-\nlik? Und sind sie darum weniger Monstra ? Das ist es also,\nworan ich hangen bleibe : durch Nachweisung einer sym-\nbolischen Bedeutsamkeit wird, so viel ich sehe, ein Kunst-\nwerk eben nur als bedeutsam, möglicher Weise tiefsinnig,\naber immer nicht als schön erwiesen, und Schönheit bleibt\ndoch beim Kunstwerk, das erhabenste nicht ausgenommen,\nimmer das Grund-Erforderniss.\n„Ich weiss wohl, in welchen Nachtheil ich mich einer\nZeit gegenüber setze, welche, nachdem ihr das Uebersprin-\ngen historischer Schranken auf politischem Felde so übel\nbekommen, ihren Zorn an den hergebrachten Schranken\nauf dem Gebiete der Kunst scheint auslassen zu wollen,\nwenn ich hier mit der alten Gränzlinie angezogen komme,\nwelche die Entwicklungs-Geschichte der Musik zwischen\nVocal- und Instrumental-Musik gezogen hat. Ausser ihrer\nunvermischten Gestalt kommt letztere allerdings auch als\nBegleitung und als Einleitung zu der ersteren vor, wie im\nhistorischen Bilde die menschlichen Figuren von landschaft-\nlichen Partieen umgeben sein können. Die Instrumental-\nMusik, als Einleitung zur Vocal-Musik, verhält sich entwe-\nder als Introduction, d. h. sie lässt auf unbestimmtere Weise\ndie Stimmung anklingen, welche sofort mit dem Eintritt der\nMenschenstimme sich bestimmter darlegt und entfaltet\no\nich erinnere beispielsweise an die Introduction des Messias\nmit ihren schwermüthigen Klängen als Vorbereitung auf\nO O O\ndas „Tröstet, tröstet mein Volk\"; oder sie ist Ouvertüre,\nd. h. sie drückt den gleichen Inhalt, welchen die Oper, das\nOratorium in der Weise der dramatischen oder lyrisch-epi-\nschen Vocal-Musik (die unselbstständig begleitende Instru-\nmental-Musik mit eingerechnet) zur Darstellung bringt, in\nder Weise der reinen Instrumental-Musik aus, wozu Bei-\nspiele anzuführen überflüssig ist. Alles das sind Formen und\nVerbindungen, die sich durch die Natur der Sache recht-\nfertigen. Dass wohl die Instrumental-Musik, niemals aber\ndie Vocal-Musik die begleitende Rolle spielen darf, erklärt\nsich aus demselben Umstände, wie das Andere, dass Men-\nschenstimme als Einleitung zu einem Stücke einer Instru-\nmental-Musik ein Unding wäre; aus der grösseren Bestimmt-\nheit, welche der Vocal-Musik aus der Anlehnung an das\nWort, und der unmittelbareren Seelenhaftigkeit, die ihr\naus dem Organ der Menschenstimme erwächst.\n„In dem Falle der neunten Sinfonie nun geht zwar auch,\nwie wir als zulässig erkannt haben, die Instrumental-Musik\nder Vocal-Musik voraus, aber weder als Indroduction noch\nals Ouvertüre (die ja überdies, schon äusserlich genommen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5273, "texte": "docli nicht grösser sein dürften als das einzuleitende Werk\nselbst). Nicht als Ouvertüre; denn sie lasst nicht den Inhalt\nder folgenden Vocal-Musik in ihrer Weise zusammen, im\nGegentheil enthält sie von diesem Inhalt gar nichts, sie\nsucht ihn bloss und drängt danach hin. Und doch kann sie\neben so wenig als Introduction betrachtet werden; denn\nsie bereitet nicht einen ersten voealen Satz bloss vor, der\nsich dann in einer Reihe von Sätzen und Situationen fort-\nentwickelt, sondern umgekehrt durchläuft sie selbst eine\nReihe von Sätzen und Stimmungs-Entwicklungen, während\nder zum Schluss eintretende Gesang verhältnissmässig nur\nnoch Eine Stimmung auszudrücken hat.\n„Die reine Instrumental-Musik, im Besonderen die Sin-\nfonie, geht von der Voraussetzung aus: der Kreis mensch-\nlicher Gefühle und Stimmungen, welche zu einem in sich ge-\ngliederten und vollendeten Kunstwerk erforderlich sind, lässt\nsich darstellen ohne Mitwirkung der menschlichen Stimme,\ndurch das blosse Zusammenwirken verschiedener Instru-\nmente. Wo gegen die Vocal-Musik von der gegenteiligen\nVoraussetzung ausgeht: dass, wie das menschliche Empfin-\nden vom Gedanken untrennbar und sein natürliches Organ\ndie menschliche Stimme ist, so auch sein voller musicalischer\nAusdruck nur durch die Menschenstimme in Verbindung\nmit dem Worte möglich sei. Beide Voraussetzungen sind\njede an ihrem Orte richtig, und der Musiker kann sich be-\nliebig auf den Boden der einen oder der anderen stellen,\ner kann in verschiedenen Productionen zwischen beiden\nVoraussetzungen wechseln, aber in einem und demsel-\nben Werke darf er das nicht, wenn er nicht dessen Einheit\nzerstören will. (Und Don Juan, Fidelio, u. s.w. ?!) Wenn\nder Opern-Componist seiner Oper eine Ouvertüre vor-\nausschickt, so sagt er uns gleichsam: Seht, was ich\neuch sofort dramatisch-musicalisch vorführen werde, das\nkann ich euch schon vor der Hebung des Vorhangs im\nrein musicalischen Nebelbilde zeigen; aber der eigent-\nliche Körper kommt erst nach. Es verlässt also der\nOpern-Componist mit der Ouvertüre seinen Standpunkt\nkeineswegs, welcher die Vocal-Musik (mit Begleitung) als\ndie wahre voraussetzt. Dagegen stellt sich Beethoven in der\nneunten Sinfonie von vorn herein ganz auf den entgegen-\ngesetzten Standpunkt. Er lässt sich mit der Instrumental-\nMusik so ernstlich, tief und anhaltend ein, als wäre sie das\nbefähigte Organ, allen Inhalt seiner Gefühle in sich aufzu-\nnehmen— um sie dann am Ende bei Seite zu werfen (??) und\nnach der menschlichen Stimme als dem allein hierzu aus-\nreichenden Organ zu greifen. Ausreichend, wozu? Zum\nvollen Ausdruck menschlicher Empfindung überhaupt? Nein;\nzum Ausdruck der einen Art von Empfindungen findet er\nsie offenbar ganz ausreichend, des Schmerzes nämlich in\nallen seinen Formen und Farben; nur zum Ausdruck der\nanderen Hauptart von Gefühlen, der freudigen, soll sie nicht\nausreichen, sondern da die Zuhilfenahme der Menschen-\nstimme unerlasslich sein. Diese Behauptung gibt der Men-\nschenstimme in Verbindung mit dem Wort zu viel und zu\nwenig: nein, nicht bloss die Freude, auch den Schmerz ver-\nmag nur sie in seiner ganzen Tiefe und Innigkeit auszu-\ndrücken; aber so weit die Instrumental-Musik das Eine\nkann, kann sie auch das Andere; einen rein instrumenta-\nlisch geschürzten Knoten zu lösen, bedarf es keines voca-\nlen Deus ex machina, oder wer vermisst denn einen sol-\nchen in desselben Meisters C-mund ?\n„Ich habe oben, um das Verliältniss zwischen Vocal-\nund Instrumental-Musik zu erläutern, das zwischen histori-\nscher und Landschafts-Malerei herbeigezogen; hier will ich\nan das zwischen der Malerei überhaupt und der Plastik er-\ninnern. Die letztere setzt voraus, dass sich die vielartige\nHerrlichkeit und Bedeutsamkeit des menschlichen Leibes\nohne Farbe durch die blosse körperliche Form darstellen\nlasse; die Malerei sagt: Nein! ehe ich mir die Farbe nehmen\nlasse, verzichte ich lieber auf die körperhafte Form. Auch\nhier haben Beide Recht; Beide können Beides in verschie-\ndenen Kunstwerken beweisen, aber sie können nicht Bei-\ndes in demselben Kunstwerke beweisen wollen. Was würde\nman von einem Künstler denken, der Beine, Leib, Brust,\nArme einer Figur aus farblosem Marmor fertigte; wie er\nnun aber an den Kopf käme, sagte er: Nein, das geht so\nnicht: dem Kopfe, dem muss ich Farben geben. Unfehlbar\nwürde man denken, der Mann sei toll geworden. Ob das\naber nicht genau der Fall der neunten Sinfonie ist? (!!)\n„Daheralso (es ist jetzt schon einerlei, und so will ich\nlieber Alles vollends heraussagen), daher dieser fatale Ein-\ndruck, den ich nicht wegkriegen kann, so oft im viertenSatze\nder Bass mit seinem Recitativ einfällt, dass ich mich selbst\nfrage: Bin denn ich toll geworden oder die Musik ? (Sie, Bester!)\nEs kommt daher, dass hier mit Einem Ruck das Kunstwerk\nseinen Schwerpunkt verändert und dadurch auch den Hö-\nrer umwerfen zu wollen scheint. Und Beethoven vollends,\nder so unvergleichbar stärker in der Composition für das\nOrchester als in der für die menschliche Stimme ist, der\ninsbesondere in dem Schlusschor unserer Sinfonie die Men-\nschenstimme eben nur als Instrument behandelt, wobei ihm\naber das contrapunktische Mark 1 iändel'scher Chöre abgeht\nwie mochte er insbesondere sich so in Nachtheil setzen,\nwie die Gefahr einer solchen Antiklimax an der misslich-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 553, "texte": "sten Stelle laufen? denn mit allem Respect vor dem auch\nvon mir hochverehrten Meister sei es gesagt, diesen Schluss-\nchor halte ich gerade für das Platteste in der ganzen neun-\nten Sinfonie.\" („Stürzet nieder, Millionen!\" ist platt!!)\nZu widerlegen ist so etwas nicht. Die schiefen Ur-\ntheile und die hinkenden Gleichnisse fallen von selbst um,\nund es bleibt nichts zu bewundern übrig, als die Eitel-\nkeit des Schreibers, der im runden Hut unbemerkt durch\ndie Menge ging und auf einmal auf den Gedanken kam,\nüber den Hut noch eine rothe Mütze zu ziehen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-09-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-09-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-09-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "80", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.8", "debut_caractere": 555, "fin_caractere_exclue": 5016, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIttiln. Ausser den Garten-Concerten, unter denen die vom\nCapellmeister Manns stets den ersten Rang behaupten, ist nichts\nMusicalisches zu vernehmen. Am 15. Sept. wird Hr. Dircctor Rö-\nder die Bühne eröffnen; es heisst, er habe Frau Behrendt-\nBrand als Prima Donna engagirt, was sehr erfreulich wäre. Wir\nwerden auch Wagnersche musicalische Dramen, den Tannhäuser\nund vielleicht auch den Lohengrin, hören. Die Decorationen zu er-\nsterem werden bereits gemalt.\n*** Frankfurt a» M«, 30. Aug. Prof. Otto Jahn aus\nLeipzig ist seit drei Wochen hier anwesend und arbeitet anhaltend\nin den Mozart'schen Originalen bei Andre. Er besitzt eine unge-\nheure Thä'igkeit und einen ausserordentlichen Forschungssinn für\nsein grosses Unternehmen einer vollständigen Biographie und Cha-\nrakteristik von Havdn, Mozart und Beethoven. Ueber die beiden\nletzteren hat er das Glück gehabt, eine grosse Menge Einzelhei-\nten und Neues aufzufinden.\nAm 25. Aug. hatte Hr. Prof. Kühmstedt aus Eisenach in\nAndre's Saale an dreissig Musiker und Musikfreunde versammelt,\num ihnen klare Begriffe von seiner neuerfundenen Theorie der\nMusik oder der „Kunst, in Tönen zu denken,\" beizubringen.\nImmer mehr neue Theoricen, Methoden, Systeme und immer\nschlechtere Musik! Männer, die sich in den letzten fünfzig Jahren\nmit offenen, gesunden Sinnen auf dem Musikgebiete umgethan,\nwissen etwas darüber zu sagen. Von dem Bemühen des Hrn. Kühm-\nstedt, dessen Aeusseres auch den grossen Weisheitslehrern gleicht,\ndie der alte Horaz in seinen Satiren schildert, kann ich nur be-\nrichten, dass er die Versammlung gelangweilt, mitunter sogar auf-\ngebracht und erbittert hat, und dass die Höflichsten ihn für einen\nPhilosophen halten, der dem Grundsatze Geltung verschafft:\nOmnes stultos insanire.\nAm 29. Aug. hatte die Theater-Dircction Hrn. Berlioz das\nHaus zu einem zweiten Concerte bewilligt, worin die Sinfonie\n„Harold in Italien\" und die „Verdammniss des Faust\" wiederholt\nund Webers Aufforderung zum Tanz, von Berlioz instrumentirt,\nzur Aufführung kamen. Erste Ranglogen und Parterre waren wohl\nbesetzt, wozu das regnerische Wetter auch das Seine beigetragen\nhatte. Die Bcifallsäusserungen scheinen jedoch die vom ersten Con-\ncerte um Weniges überboten zu haben. Jedenfalls dürften die Be-\nrichte in den Debais vom Kunstsinne der Frankfurter nicht viel\nLöbliches zu erzählen wissen.\nCapellmeister Schindelmeisser, der be-\nkanntlich einem Rufe nach Darm Stadt folgt, gab in voriger\nWoche sein Abschieds-Concert, welches durch Gesang-Vorträge der\nDamen Joh. Wagner und Marra-Vollmer einen erhöhten\nReiz erhielt. Er hat von dem Thcater-Comite ein besonderes Dank-\nschreiben als Anerkennung seiner Wirksamkeit erhalten.\nMannheim* F. Kühmstedt, Professor der Musik aus Eise-\nnach, verweilte einige Tage hier und gab durch die freie Entwick-\nlung einer Fuge über ein gegebenes Thema Beweise seiner ausge-\nzeichneten contrapunktischen Kenntnisse. Er gehört sicher zu den\nbesten Orgel-Componisten unserer Zeit. (Südd. M.-Z.)\nBremen. Unser Capellmeister Hagen, der seit fünfzehn\nJahren die Abonnemcnts-Concerte und seit zehn Jahren die Oper\nhier leitete, verlässt uns, um nach Wiesbaden zu gehen. Er hat\nzum Andenken und zur Anerkennung seiner Verdienste einen sil-\nbernen Pocal erhalten. Sein Nachfolger ist Barbieri, bisher in\nHamburg.\nDer Fürst von der Moskowa, Sohn des Marschalls Ney,\nist als einer der tüchtigsten musicalischen Dilettanten in Frankreich\nbekannt. Seine Lieblingsbeschäftigung ist die Erforschung der Ge-\nschichte der Musik, und er besitzt eine der werthvollsten Sammlun-\ngen von gedruckten und ungedruckten Compositionen älterer Meister.\nGegenwärtig als General in Algerien, hat er auch dort mitten un-\nter dem Kriegsgetümmel die musicalischen Forschungen nicht zu-\nrückgesetzt und wird demnächst einen Aufsatz über arabische\nMusik mit Beispielen arabischer National-Melodieen in der France\nmusicale veröffentlichen. Der Aufsatz ist aus Constantine, wo der\nFürst einige Monate lang in Garnison stand, datirt.\nSelbst nach Sydney in Australien ist die Musik und die\nOper gedrungen. Ein Italiäner führt dort die bekanntesten italiä-\nnischen Opern, jedoch mit englischem Text, auf. Die Sänger sollen\nnicht so übel sein, das Orchester aber (einige schlechte Violinen\nund eine grosse Trommel) schauderhaft. Die Eintrittspreise sind im\nVerhältniss zu der dortigen Theuerung billig: 4 Shilling die Logen,\n2 Shilling das Parterre. Der Impresario macht gute Geschäfte."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.1", "texte": "Kunst und Kunststil.\n(Schluss. S. Nr, 9.)\nDie Urtheile Helfferich's über die drei Heroen der Ton-\nkunst sind richtig und fein aufgefasst. Von Beethoven\nsagt er: „er rage als eine wahre Riesengestalt hervor,\nweil er die Gefühlsgegensätze, welche die Gemüthswelt\nbald aufregen, bald sänftigen, wie kein Anderer zu behan-\ndeln weiss, das Pathos als solches, den Sturm der in ihren\ntiefsten Tiefen aufgeregten Leidenschaft in den hinreissend-\nsten und bewältigendsten Jubel- und Schmerzenstönen kund\nwerden lasse.\" Zur Unterstützung dieses Satzes führt er\nfreilich sehr unpassend Gumprecht's verkehrte Bemerkun-\ngen über die J.-dw-Sinfonie aus dem Deutschen Museum\nan; es scheint, dass ihm andere, richtigere Analysen Beet-\nhoven'scher Sinfonieen nicht bekannt geworden sind. Gern\nunterschreiben wir aber die folgenden Sätze:\n„Wird man aber darum sagen wollen, Beethoven sei\nder grösste Musiker? Gewiss ist er es in seiner Art,\nd. h. in der Behandlung des Affects nach der Seite seines\nGegensatzes und darum seines ursprünglichsten Wesens.\nEs ist die ungebrochene, oft wilde Naturkraft des Gemüthes,\ndie unmittelbar, ohne Zaudern und Zagen an das Leben\nund seine Erscheinungen herangeht und sie als treues Echo\nwieder hinausklingen lässt in die zwischen Freud' und Leid\ngetheilte Gotteswelt. Naturwüchsig, wie sie ist, widerstrei-\ntet der Beethoven'schen Musik nichts so sehr, als der Cha-\nrakter der Zierpflanze: sie duftet wie die Waldblume und\nbraus't wie der Sturmwind durch die Savannen. Bei Jo-\nseph Haydn ist gleichfalls Alles ungekünstelter Naturlaut;\naber das Pathetische erscheint noch gar nicht in seine Ge-\ngensätze getrennt, vielmehr als substantielle Ungeschieden-\nheit, kindliche Innigkeit, in dem Urgrund aller Einheit, in\nGott, ruhende Genügsamkeit. Von Mozart hinwiederum\nmuss man sagen, dass er, der grösste Dialektiker in der\nMusik, die Gegensätze nicht zu bewusstloser, sondern zu\nbewusster Einheit zusammen schliesst, aus dem kindlichen\nFrieden des Gemüthes heraus durch die Gegensätze des er-\nregten Pathos hindurchschreitet und sie in reine Harmonie\nauflös't. Besteht darin das grösste aller Geheimnisse, das\nGeheimniss der Liebe, so mag man immerhin das charak-\nteristische Merkmal der Mozart'schen Musik Liebe nennen.\nDie wahre Liebe ist ja auch die höchste Harmonie. Der\nKampf hört nicht auf aber schon aus der Ferne winkt\nder Palmzweig der Versöhnung. Mozart könnte darum der\nRembrandt der Musik heissen. Wie bei diesem die er-\nscheinende Welt völlig in der Farbe aufgeht, die Linien\nder Zeichnung sich zu Farbentönen verklären, so offenbart\nbei Mozart jede Schwingung des Affects sich in den unge-\ntrübten Elementen des Tones, dessen Verständniss bis jetzt\nnoch Niemand in demselben Grade besessen hat. Ein ech-\nter Maler sieht ganz andere Farbentöne als das gewöhn-\nliche Auge: Mozart hörte und verstand den Ton so bis in\nsein innerstes, verschlossenstes Wesen hinein, dass er jede,\nauch die zarteste Seelenregung als ein reines Tonverhält-\nniss auszudrücken vermochte.\"\nUeber Melodie und Harmonie finden wir eben-\nfalls treffliche Andeutungen von Ansichten, die zwar nicht\nneu sind, aber deren Wahrheit vergessen zu werden droht\nund deren Verbreitung von Neuem und gerade durch Aesthe-\ntiker noth thut, weil gegen die Aesthetiker.\nEin Ton kann an sich schön sein, es kann sich in ihm\netwas Inneres offenbaren —• Schmerz, Freude in einzel-\nnen Lauten. Allein von künstlerischer Wirkung kann nur\nbei der Aufeinanderfolge von Tönen die Rede sein.\nDiese ist die Hauptsache, das Wesentliche bei der Musik.\n„Hier ist nun zu bemerken, dass das elementare Naturge-\nsetz, wonach eine sinnliche Verwandtschaft besteht zwischen\nder sinnlichen Materie und dem Gehörsnerv, eine Fülle von\nGestaltungen hervorbringt, die zum Geist in keinerlei Be-\nziehung stehen. Die Töne ziehen sich wechselseitig an und\nstossen sich ab; andere gehen Verbindungen ein, leiten zu\nanderen über, einige stehen im schärfsten Gegensatz, kurz,\nes geht durch die Tonwelt dieselbe Ordnung, derselbe or-\nganische Trieb, wie durch das ganze Reich der Natur. Die\nMusik, welche, ohne einen höheren Gehalt zu bieten, mit\ndiesem Naturgesetz in Uebc-reinstimmung bleibt, wird stets,"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.2", "texte": "wie alle reine Natur, einen angenehmen Eindruck auf uns\nmachen. Eine Composition, die keinen anderen Vorzug hat\nals diese sinnliche Schönheit, hat desshalb immer noch ei-\nnen gewissen Werth, in so fern sie eine sinnlich lebendige\nErregung, ein sinnlich Pathetisches im Hörer hervorbringt.\nVon dieser Seite ist auch der ungebildete Naturmensch den\nEinwirkungen der Musik zugänglich. Eine wahrhaft künst-\nlerische Behandlung des Tones jedoch, eine solche, die den\nAnforderungen eines reich entwickelten Gemüthes genügt,\nlässt diese bloss natürliche Schönheit immer mehr in den\nHintergrund treten, ähnlich wie bei der bildenden Kunst,\nwo das sinnliche Wohlgefallen von einer geistigen Lebens-\nIdee verdrängt wird. Die höhere Musik wirkt auf das in-\nnere Gefühl, auf das geistige Pathos. Dazu eignet sich aber\nimmer nur eine solche Succession von Tönen, die wir Me-\nlodie nennen und definiren können als den organisch ge-\ngliederten Tongedanken. Je reiner und vollständiger die\nMelodie einen in sich abgegränzten Inhalt unseres Gefühl-\nlebens ausdrückt, desto gelungener, stilistisch richtiger ist\nsie, und man wird schwerlich fehlgreifen, wenn man die\nMelodie und den Inhalt der Musik als Eines und dasselbe\nbetrachtet. Es widerstreitet daher auch aller gesunden Auf-\nlassung, die Harmonie das Frühere in der Musik zu nen-\nnen, und heisst ungefähr eben so viel, als wenn man in der\nPlastik den paradoxen Satz aufstellen wollte, der so ge-\nnannte archäische oder alterthümliche Stil, der die Gestalt\nscharf und zum Theil hart, nur in ihren wesentlichen For-\nmen darstellte, müsse in der Entwicklung der griechischen\nKunst später sein als der classische Stil in dem Zeitalter\ndes Praxiteles und Skopas. Wir besitzen bis zu dieser\nStunde Melodieen, die uns tief ergreifen und denen eine\nbegleitende Harmonie nicht beigefügt werden darf, wenn\nnicht die reine Wirkung getrübt werden soll (F. Hand,\nAesthetik der Tonkunst, 1837).\"\nDie Bemerkungen über Rhythmik und Tonart er-\nmangeln dagegen der Begründung durch genügende musi-\ncalische Kenntnisse; namentlich ist alles, was über die Ton-\nart gesagt ist, nur dann wahr, wenn es nicht auf die Ein-\nzelverschiedenheit der zwölf Tonarten, sondern nur auf den\nHaupt-Unterschied von Dur und bezogen wird, und\nauch dann noch nicht ganz und gar.\nDagegen können wir wieder im Ganzen mit dem über-\neinstimmen, was über die Bedeutung der Harmonie in\nder Musik gesagt wird. Die Tonkunst, deren wesentlichstes\nElement das Zeitliche, die Aufeinanderfolge der Töne, d. h.\ndie Melodie, ist, „gelangt erst zu ihrer vollen Entfaltung\n\\ # * *\ndurch den Gebrauch von Mitteln, welche dem an sich Suc-\ncessiven den Charakter des Räumlichen verleihen. Zu der\nMelodie tritt die Harmonie, die Ordnung und Zusammen-\nstimmung gleichzeitiger Töne, ein Simultanes in dem\nEinklang eines Mannigfaltigen von Tönen\". Das ist\nwahr; jedoch ist dem Verfasser entgangen, dass das raum-\nliche Element auch in der Harmonie nur ein untergeord-\nnetes ist, und dass die Harmonie hauptsächlich auch nur\nwieder durch die Aufeinanderfolge wirkt, nur mit dem Un-\nterschiede, dass bei ihr die Folge von Zusammenstimmun-\ngen, von Accorden, nicht bloss von einzelnen Tönen in An-\nwendung kommt. Ohne das Zeitliche in der Harmonie\nwürde keine Modulation existiren. Geistreich und wahr ist\nder Vergleich der Perspective mit der Harmonie. „Nur\nRousseau konnte in seiner paradoxen Einseitigkeit die Har-\nmonie eine barbarische, gothische Erfindung nennen und\nihren Ursprung in dem Mangel des Sinnes für natürliche\nMusik nachweisen. Es erinnert dies an die Chinesen, die in\nder Malerei von der Perspective nichts wissen wollen. Erst\nim Zusammenklang verschiedener Töne offenbart der Ton\nseine ganze Gewalt. Gewiss, man kann Gefallen finden\nschon an naiven Abbildungen, auf denen alle Figuren un-\nmittelbar nach einander und in blosser Linien-Perspective\nerscheinen; wer wird darum aber läugnen wollen, dass die\nMalerei ihren höchsten Anforderungen erst dann entsprach,\nals sie ihre Gestalten zu modelliren und zu gruppiren lernte?\nNicht anders verhält es sich mit der Harmonie. Die Har-\nmonie verleiht der Melodie eine feste Haltung, Abgränzung\nund Rundung, überhaupt die Merkmale eines zu plastischer\nExistenz gelangten Lebens; denn die Tonmassen in ihrem\ngleichzeitigen Fortschreiten geben dem Tonbilde erst seine\nSchattirung und Fülle. -- Wie die Perspective rein wis-\nsenschaftlich erlernt werden kann, so auch die Harmonie-\nLehre ; bei Beiden lassen sich unwandelbare und mathema-\ntisch gewisse Gesetze aufstellen und beweisen. Die Correct-\nheit, die durch die wissenschaftliche Kenntniss der Perspec-\ntive und des Contrapunctes erreicht wird, darf nicht gering\nangeschlagen werden. Allein die bloss gelehrte Musik,\neinem Bilde vergleichbar, worauf die Perspective nach den\nstrengsten Regeln der Kunst beobachtet und das Andere\nnur nebenher behandelt ist, beschäftigt lediglich den Ver-\nstand und vermag bloss dieser formalen Tadellosigkeit we-\ngen einen tieferen Eindruck auf das Gemüth nicht hervor-\nzubringen. Es fehlt ihr das Stoffliche, der Inhalt und dessen\nfreie, dem Gemüthe zusagende Behandlung. Für die Har-\nmonie in diesem Sinne, d. h. sofern sie dem melodischen\nInhalt einen mannigfaltigeren, reicheren und zugleich tiefe-\nren Ausdruck zu verleihen hat, hört das mathematische"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.3", "texte": "Gesetz auf, wie der Maler, um der eigentümlichen Natur\nder Farbe Genüge zu thun, wohl gar genöthigt sein kann,\ngegen die mathematischen Regeln der Fernsicht zu Ver-\nstössen. Die tiefere Vermittlung ist nicht Sache der Wis-\nsenschaft, sondern der künstlerischen Begabung, und eine\nrichtige Harmonie ist darum noch keine gute Musik. Es\nlassen sich einer und derselben Melodie verschiedene har-\nmonische Behandlungen geben, was dem Tonbilde ein ver-\nschiedenes Colorit verleiht. Eigentlich aber ist es die Auf-\ngabe der Harmonie, den melodischen Keim zu der ganzen\nPracht und Herrlichkeit eines organischen Gebildes zu ent-\nfalten, und in diesem Sinne wird man sagen können, dass,\ngleichwie es für ein vortreffliches Lied nur eine einzige\nebenbürtige Melodie gibt, so auch nur eine Harmonie für\neine gelungene Melodie.\"\nWir schliessen diesen Artikel mit den trefflichen\nSchlussbemerkungen Helfferich's über den Gegensatz der\nbildenden Künste und der Musik:\n„Reine Anschaulichkeit und darum Selbstentäusserung\nder Lebens-Idee gehört desshalb zum Wesen der bildenden\nKünste, weil das an sich Räumliche immer und überall nur\nan der Oberfläche sichtbar wird. Ein Innerliches, Verbor-\ngenes und Verschlossenes, ein erst zu Errathendes, Mysti-\nsches und Geheimnissvolles gibt es in der bildenden Kunst\nnicht; ihr Geheimnissist vielmehr, dass sie kein Geheim-\nniss hat, Alles offenbart, das Innerlichste selbst zur äusse-\nren Erscheinung bringt. So will es die vermittels des Lich-\ntes zu äusserem Bewusstsein gelangende Materie. Umge-\nkehrt wendet die Musik sich schlechterdings vom Anschau-\nlichen ab. Mit dem Tone, diesem inneren, seelischen Er-\nklingen der Materie, zieht sich das Leben von der Ober-\nfläche in sich selbst zurück, die Offenbarung faltet sich\nzum Mysterium zusammen, und die als Gedanken-Inhalt\nnicht näher zu bestimmenden Erregungen des Gefühls gehen\nbloss in die Tiefe, nicht in die Breite, wecken daher stets\nWehmuth und Sehnsucht. Dieser vorherrschenden Inner-\nlichkeit kann sich die Musik so wenig entschlagen, dass es\nvielmehr gerade ihre Aufgabe ist, eben nur pathologisch,\nd. h. in der Richtung nach dem in sich form- und gestalt-\nlosen Gemüthe zu wirken, und alle die Gedankenkeime, die\nsich zum äusseren Dasein drängen, stets wieder in den ver-\nschlossenen Urgrund innerlicher Gefühls-Erregungen zu-\nrückzunehmen. Die Zeit ist nie und nirgends: sie ist nur\nim Werden, oder als verschwindend; so soll auch der mu-\nsicalische Gedanke sich nur im Verschwinden offenbaren.\"\nWas ferner in dem besprochenen Büchlein über Mi-\nmik und Tanz, über dramatische Action und end-\nlieh über Poesie, wenn auch nur kurz andeutend, gesagt\nwird, verdient ebenfalls nachgelesen zu werden. Schlagend\nist darin unter Anderem die Bemerkung: „Das sprachliche\nWort muss in der Kunst der Rede wirklich gesprochen\nund nicht gedruckt gedacht werden. Ein nicht laut vorge-\ntragenes Gedicht ist keine Poesie.\" Was lässt sich\ndaran nicht alles knüpfen!\nDer fünfte und sechste Abschnitt enthalten Ansichten\nüber den Weg, den die Kunst einschlug, um sich stilistisch\nzu entfalten, über den geschichtlichen Fortgang ihrer Ent-\nwicklung bis auf die Hellenen. Von der Musik kann dabei\nnatürlich nicht viel die Rede sein.\n\nH. Berlioz in Frankfurt am Main.\n\nHektor Berlioz, der Kritiker von Metier, der malende\nund abstracte Begriffe in Musik übersetzende Componist, der\nin unzähligen Artikeln seine „souveraine Verachtung\" aus-\ngesprochen hat gegen alles, was die Musikgeschichte von\nPalestrina an bis auf unsere Zeit für ehrwürdig und clas-\nsisch gehalten, der, weil er in seiner souverainen Verblen-\ndung nur Gluck und Beethoven für grosse Componisten\nerklärt, darum des ersteren Opern, des anderen Sympho-\nnieen in Atome zerlegt und die eigentliche Musik erst von\nGluck an datirt hat; derselbe Hektor Berlioz, der in lan-\nger Diatribe (Journ. d. Dcbats 1841) sagen konnte: „Höre\nich Musik von Mozart, so drückt mich immer ein kleiner\nAlp (Cauchemar), höre ich aber Musik von Haydn, so\ndrückt mich ein grosser Alp\"; derselbe an Widersprüchen\nüberreiche kritische Secirer par der den Mantel\nnach dem Winde zu kehren versteht, wie selten einer, der\nin einem an Schwatzhaftigkeit überströmenden Artikel\n„ Tribulations d'un critique\" (Gazelte Musicale, 7. Jan.\n1838) die Bescheidenheit so weit getrieben, dass er von\nseinem Requiem in folgendenEpitheten spricht: „C'estmer-\nveilleux! c est colossal! cest gigantesque! c'est sublime /.* ;\nder auf den Vorwurf der pariser Kritik: es sei kein contra-\npunktische Gelehrsamkeit documentirender Satz, viel weni-\nger eine ausgeführte Fuge in seinem Requiem, die stolze\nAntwort gab: „ Le gerne est\naudience lous les jours\", (Gaz. Mus. 1. Jahrg., S. 125)*)\n\n*) Mit welch souverainer Verachtung Ilr. Beiiioz die Kunst der\nFuge beehrt (weil er selber nichts davon gelernt), hat er bei\nBeurtheilung von Beethoven s Missa solemnis (Jaum. d. Deb ,\n20. Febr. 1835) mit Folgendem beurkundet; „Puisse Vinventeur\ndes Fugues etre maudit jnsqu ä la consommalion des siecles!u\nEs genügt, zu wissen, dass, als Hr. Berlioz diesen Fluch"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.4", "texte": "kurzum, der grosse ästhetische, wie nicht minder theo-\nretische und praktische Sünder oder „Reformator\", wenn\nman lieber will, der Meister und Vorgänger im Phan-\ntastischen und Absonderlichen, der im ersten Jahrgang der\nGazette Mus.S. 38 von sich selbst schreibt:\nje suis fou. Au nom de Bieu, ...\ner ist in eigener Person in unserer Stadt und hat vorgestern\nim Theater nachstehende Werke seines erhabenen Genius\nzur Aufführung gebracht, deren Ankündigung auf dem\nTheaterzettel schon charakteristisch genug ist:\nI. Abtheilung. Harold in Italien. Sinfonie in 4 Abtheilungen\nmit obligater Viola: 1. Harold in den Bergen, Scenen der Trauer,\ndes Glücks und der Freude. 2. Marsch und Abendgebet der Pil-\nger. 3. Serenade eines Bergbewohners der Abruzzen. 4. Erinne-\nrungen an die vorhergegangenen Bilder. Das Fest der Räuber.\n11. Abtheilung. Die Ruhe der heil. Familie. Fragment,\ndem neuen Testament entnommen, Dichtung und Musik von H.\nBerlioz. (Abdruck dos Gedichts 20 Zeilen mit der Ueber-\nschrift: in berger chantant.)Gesungen von Hrn. Caspari.\n111. Abtheilung. Die zwei ersten Acte aus „Die Verdamm-\nnis s des Faust\", Legende in 4 Acten, musicalisch dargestellt von\nH- Berlioz. Bilder des 1. Acts: Die Ebenen von Ungarn. Faust\nbeim Aufgang der Sonne. Zug der Landlcute. Chor. Recitativ und\nungarischer Marsch.\nBilder des 2. Acts: Faust in seinem Studirzimmer. Recitativ zu\neiner Instrumental-Fuge. Des Osterfestes Hymne. Auftritt des Me-\nphistopheles. Recitativ. Auerbach's Keller. Chor der Zecher und des\nberauschten Brander. Lied. Vocalfuge über ein Thema aus Bran-\nders Lied. Gesang des Mephistopheles. Romantische Gegend an\nden Ufern der Elbe. Chor der Sylphen und Gnomen. Schlummer\ndes Faust. Tanz der Sylphen. Recitativ und Soldatenchor. Lateini-\nscher Studentengesang. Derselbe mit Ensemble und Chor. Finale.\nFaust Hr. Caspari Mephistopheles Hr. Deitmer Brander\nHr. Leser.\nNachdem die Sinfonieen Harold, Romeo et Julietie,\nPhantastique, L'Episode de la vie d'un arliste, das Requiem\nund andere Werke wiederholt in Paris zur Aufführung ge-\nkommen (wo sie der Unterzeichnete auch gehört) und der\nStern ihres Schöpfers bereits im Erbleichen war, brachte\nder Constitutionnel eine summarische Beurtheilung, aus der\nwir das Wesentliche hier im Urtexte wortgetreu folgen\nlassen, da dieselbe ihre Geltung für alle Zeit behalten wird,\nzumal Hr. Berlioz in Allem und Jedem auch stets derselbe\nbleibt.\n„En depit de lous ses efforls pour etre original, Mr.\nBerlioz napoint de style ä lui. Sa maniere change inces-\nsament, et, en voulant n'imiter personne, il imite tout le\nMonde, cest-ä-dire il exagere les formes de tous les grands\nmaltres : ilva de Mozart ä Bee\nsini, oui, ä Rossini, ne vous deplaise. Mr. Berlioz, qui a ecrit\ntant de feuilletons contre la melodie rhythmee, conlre les\nphrases carrees,enßn conlre ce\nDebats, la musique de nou\nquelquefois, apres avoir livre\neffroyables, apres avoir accable\nreuses contrebasses de Paris, il\nmelodie bien rhythmee, bien classique, bien decoupee en 4,\n8, 12 et 16 mesures. En un\nquefois du Rossini pur et simple\npour un reformateur aussi rebarbatif! Le plus grand re-\nproche qu'on puisse faire ä Mr\npas Iraker une idee musicale.\nPhrasesse succedent, mais elles\nelles; il n'a pas de trame, de tissu dans le style, etc. *).\"\nVon Seiten des Bühnen-Vorstandes, des Orchesters,\nwie auch der Solo- und Chorsänger hat Hr. Berlioz die\nwillfährigste Unterstützung gefunden, was allein schon\nsechs Gesammtproben bezeugen. Welcher wahrhaft grosse,\nden Vorfahren gleiche Componist gäbe es dermal einen\nsolchen müsste wohl kommen, dem man so viel Zeit-\nund Kraftaufwand zum Opfer brächte? Und für welche Er-\nfolge? Zunächst für ein leeres Haus. Nur das Parterre war\nspärlich besetzt, dagegen waren sämmtliche Logenreihen\nund die Galerie vollkommen leer; die Netto-Einnahme be-\ntrug demnach nur vierzig Gulden. Wenn dies kein spre-\nchender Beweis von mangelnder Sympathie für dergleichen\nAbsonderlichkeiten im hiesigen Publicum ist, so weiss ich\n\ngethan, er eben auf dem Gipfel seines pariser Ruhmes, aber\nauch seines Uebermuthes, angelangt war, von dem herab ähn-\nliche souveraine Bannflüche nach allen Seiten geschleudert\nworden; der stärkste oder, richtiger, unverschämteste traf Mo-\nzarts Requiem in seiner Totalität. (Gazelle Musicale, 7. Sept.\n1834, und Journ. d. Deb.,9. Aug. 1835 wiederholt.)\n*) „Trotz seiner Anstrengungen, originel zu sein, hat B. doch\nkeinen eigentümlichen Stil. Seine Manier wechselt immer-\nwährend, und indem er Niemanden nachahmen will, ahmt er\nJedermann nach, d.h. er übertreibt die Formen aller grossen\nMeister: er springt von Mozart auf Beethoven und von Hän-\ndel auf Rossini, ja, auf Rossini, wenn Sie nicht übel nehmen.\nBerlioz, der so viele Feuilletons gegen die rhythmische Me-\nlodie, gegen die gegliederten Perioden geschrieben hat, über-\nhaupt gegen das, was er in seinem Debats-Stil Ammenmu-\nsik nennt, Berlioz kommt manchmal, nachdem er sein Or-\nchester zu furchtbaren Gliederverrenkungen gezwungen, die\nkräftigsten Contrabassisten von Paris halb tod gemacht hat,\nzu einer harmlosen zweitheilig rhythmisirten Melodie, die\nrecht hübsch classisch, recht hübsch in 4, 8, 12, 16 Tacte\ngesondert ist. Mit Einem Worte, er macht Öfters nichts als\nreinen Rossini: das ist eine bittere Strafe für einen so stör-\nrischen Reformator! Der grösste Vorwurf, den man ihm ma-\nchen kann, ist der, dass er keine musicalische Idee zu behan-\ndeln weiss. Er hat keine Folge in seinen Sachen: seine Pe-\nrioden kommen eine nach der anderen, aber sind nicht mit\neinander verbunden er hat keinen Plan, kein Gewebe in\nseinem Stil u. s. w.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.5", "texte": "einer ähnlichen, kaum dagewesenen Demonstration keine\nandere Auslegung zu geben.\nDie Leistung des Orchesters war vortrefflich. Die ge-\nhäuften, unerhörten Schwierigkeiten, vornehmlich im ersten\nund vierten Satze der Sinfonie, wurden fast durchweg mit\nLeichtigkeit ausgeführt. Aber auch den Singstimmen, darun-\nter besonders den Chören, gebührt laute Anerkennung;\ndenn diesem Theile sind in der Musik zu der elendiglich\nzusammengestoppelten Faust-Legende Dinge zugemuthet,\ndie kein Componist schreiben kann, dem sich das Gesang-\nElement nur einiger Maassen erschlossen hat. Eine kritische\nAnalyse dieser Musik zu geben, unterfange ich mich nicht,\nobwohl ich dazu versucht wäre*), indem ich sicher vor-\naussetze, dass Ihnen und vielen Lesern der Niederrheini-\nschen Musik-Zeitung eine solche aus der Feder des Com-\nponisten schon bekannt ist; denn Hr. Berlioz lässt auf\nSelbstkritiken seiner neuesten Schöpfungen in der Regel\nnicht lange warten, wie männiglich bekannt.\nUeber die hiesige Aufführung, über die verlangten\nWiederholungen, z. B. des Ragoczy-Marsches (den das Pro-\ngramm als solchen näher zu bezeichnen vergessen hatte,\ndaher Publicum glaubte, er sei Eigenthum des Hrn. Berlioz),\ndann einer wirklich originalen Stelle, abwechselnd zwischen\nPauke und Harfe, nicht minder über das Hrn. Berlioz zu\nEhren nach dem Concerte von der Elite der Musiker gege-\nbene Abendessen, über die begeisterten Toaste dabei wer-\nden Sie sicherlich im Journ. einen detaillirten\nBericht zu lesen bekommen. Darin wird der immer sehr\ngenaue und umständliche Berlioz nicht unterlassen, auch\nanzuführen, wie viel Pianisten, Violinisten, emeritirte Flö-\ntisten, Capellmeister, Doctoren der Musik und Referenten\nzu Frankfurt am Main ihm ihre aufrichtige Huldigung\ndargebracht, um dafür nur im Journ. d. Debals oder in der\nGazelte Muskaie mit Namen genannt zu werden. Von einem\nMitgliede des Schauspiels wurde Hrn. Berlioz ein Lorber-\nkranz aufs Haupt gesetzt und ein Gedicht in deutscher\nSprache, von C. Golmick verfasst, überreicht. Man will so-\ngar wissen, dass diese kleine Phalanx wahrhafter Ver-\nehrer mit dem grossmüthigen Vorsatz umgehe, das Schei-\nden dem berühmten Reformator und Ruhmmacher aus die-\nser undankbaren, seine grossen Verdienste ignorirenden\nStadt dadurch zu erleichtern, indem sie den unerfreuli-\nchen Ausfall an der Casse durch einen goldenen Tactir-\nstock ersetzen wollen. Das wäre thatsächlich eine edle Rache,\nvon der sämmtliche Zeitungen der alten und neuen Welt\nEclat machen würden!\nErleidet Hr. Berlioz durch sein Unternehmen hier wirk-\nlich einen namhaften Verlust, was unter allen Beziehungen\nzu bedauern, so gestaltet sich der moralische Gewinn, den\ndas kleine Häuflein Unbefangener davon trägt, um so er-\nfreulicher und bedeutsamer, als man endlich Gelegenheit\ngefunden, wenigstens einige der oft und vielmals mit Em-\nphase rühmen gehörten Werke des „Fortsetzers der Beet-\nhoven'schen Instrumental-Musik\" kennen zu lernen, und\nsich einen klaren Begriff von ihrem Kunstwerthe zu machen.\nEinem später lebenden Geschlechte wird diese Gelegenheit\nsicher und gewiss nicht mehr werden, da Hr. Berlioz fern\nvon der Anmaassung eines anderen Reformators der dra-\nmatischen Musik ist, Kunstwerke für die Zukunft schaf-\nfen zu wollen.\nFrankfurt am Main, den 26 August.\n\n*) Anzumerken will ich jedoch nicht unterlassen, dass die im\nProgramm angekündigte Instrumental-Fuge nicht zu Gehör\nkam, wohl aber die Vocal-Fuge auf das Wort „Amen\". Und\nwas geht da vor? Nachdem der Führer in allen Stimmen unter\neinen Hut gebracht ist, tritt sogleich ein Orgelpunct von 10\nbis 12 Tacten ein, und aus ist das Ding. Diese famose\nSchulknaben-Fuge besteht aus höchstens 30 Tacten.\n\nA. Schindler.\n\nStoppellese.\nWas wird doch nicht alles in die Welt hineingeschrie-\nben, um Aufsehen zu machen! Geht's nicht mit dem Er-\nheben eines neuen Werkes bis zum Himmel, so macht man\nsich an das Herabreissen eines längst in anerkannter Glo-\nrie glänzenden Sterns; und die Berechnung auf die Natur\nder Menschen ist richtig sie greifen gern nach dem\nHerben, das Anderen angethan wird, und das Neue und\nPikante geht ihnen über Alles, mag es auch kränkende oder\nunsinnige Behauptungen enthalten. Effect um jeden Preis!\ndas ist die Losung auch der heutigen Kunstkritik, beson-\nders der schönrednerischen, die sich in den Feuilletons\nzeigt. So hat ein Kunstrichter in der augsb. Allg. Ztg. Nr.\n217 unter dem Titel: „Musicalischer Brief von einem be-\nschränkten Kopf\" (Riehl ?) seinem Gewissen über Bee t-\nhoven's neunte Sinfonie in folgender Weise Luft\ngemacht:\n„ Als am Beethoven-Fest zu Bonn Franz Liszt die ne s>\nSinfonie zur Aufführung brachte, da war sie in Dc^\nland gewisserMaassen noch Neuigkeit. [Keineswegs \"er\nwar vor jenem Feste bereits vier Mal auf den ni Men.~\nnischen Musikfesten aufgelührt worden!] Sie h0*31 \"un\nwenige Darstellungen (?) gefunden, ihrer Schwi'® abgeht\nsen, und wenige Liebhaber, ihrer Ungewöhnlich' setzen,\n,er misslich-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.6", "texte": "Die Hörer ermüdeten in den düsteren Labyrinthen des\nersten Satzes, fanden sich befremdet durch die dämonischen\nSprünge des zweiten, und kaum dass sie bei der seelen-\nvollen Klage des Adagio aufzuthauen begannen, so fanden\nsie sich von dem Bass-Recitativ des vierten Satzes wie mit\nWasser begossen ein Entsetzen, von dem sie sich auch\ntrotz des Freudenliedes nicht mehr erholen konnten, son-\ndern sie mussten es mit nach Haus und zu Bett nehmen.\nSchrecklich! Und man hatte auf einen so ausgesuchten Ge-\nnuss gerechnet.\n„Das ist nun seitdem freilich sehr anders geworden.\nUnsere Capellen haben die Schwierigkeiten des riesenhaften\nWerkes überwunden oder umgehen gelernt, unser Publi-\ncum an seine Seltsamkeiten sich gewöhnt. Die neunte Sin-\nfonie ist beliebt, ist gewisser Maassen populär geworden.\nDie Concertsäle wenigstens füllt sie sicher jedes Mal. Beim\nEintreten der Menschenstimme nach 3% Theilen Instru-\nmental-Musik, wo sich vor zehn Jahren die Haare sträub-\nten, gehen jetzt die Herzen auf. Die tiefe Symbolik, welche\nin diesem Eintritt liegt, dass nur im Menschen und mit\nMenschen dem Menschen Lösung aller Qualen blühe\ndas liomo homini Deus Feuerbach's dieses Wort des\nRäthsels der neunten Sinfonie ist jetzt zur Trivialität ge-\nworden, die der Jüngling seiner Dame ins Ohr flüstert. Und\nwährend unter Fortgeschrittenen längst kein Zweifel mehr\ndarüber ist, dass mit diesem Werke Beethoven sich selbst\nübertrofFen und der Musik neue, bis dahin ungeahnte Bah-\nnen eröffnet habe, redet auch das grosse Publicum sich eine\nbesondere Liebhaberei für dasselbe schon desswegen ein, weil\nNiemand sich von den Fortgeschrittenen ausschliessen mag.\n„Und nun, nach dieser Revolution in dem musicali-\nschen Geschmacke Deutschlands, ja, der Welt, was werden\nSie sagen, wenn ich mich noch immer als einen von denen\nbekennen muss, die nichts gelernt und nichts vergessen ha-\nben? Nicht vergessen jenes fatale Begossen werden, und\nnicht gelernt, des Schlüssels mich zu bedienen, den man zum\nVerständniss eben dieses Punktes einem jetzt bereits mit\ndem Concert-Programm in die Hände drückt? Werden Sie\nuin noch von übertriebener oder alfectirter Bescheidenheit\nGott verzeih's dem Lehrer, der mich auf der Schule\n\\alben Horaz auswendig lernen liess; denn daher hab'\nSdDlCi\noch, dass mir bei dieser Sache immer der Vers im\nnmt: Humano capiti cerviccm piclor equinam etc.\naucKnag mich dadurch noch so sehr prostituiren, sa-\nliche V;h doch, wenn durch jene Formel die Abnor-\nSinfonie gerechtfertigt sein soll, so las-\n-1834, unös Erachtens auch der Gott mit dem Hunds-\nköpf oder der Stier mit dem Menschenkopf als Kunstwerke\nrechtfertigen. (!!) Denn haben sie nicht auch ihre tiefe Symbo-\nlik? Und sind sie darum weniger Monstra ? Das ist es also,\nworan ich hangen bleibe : durch Nachweisung einer sym-\nbolischen Bedeutsamkeit wird, so viel ich sehe, ein Kunst-\nwerk eben nur als bedeutsam, möglicher Weise tiefsinnig,\naber immer nicht als schön erwiesen, und Schönheit bleibt\ndoch beim Kunstwerk, das erhabenste nicht ausgenommen,\nimmer das Grund-Erforderniss.\n„Ich weiss wohl, in welchen Nachtheil ich mich einer\nZeit gegenüber setze, welche, nachdem ihr das Uebersprin-\ngen historischer Schranken auf politischem Felde so übel\nbekommen, ihren Zorn an den hergebrachten Schranken\nauf dem Gebiete der Kunst scheint auslassen zu wollen,\nwenn ich hier mit der alten Gränzlinie angezogen komme,\nwelche die Entwicklungs-Geschichte der Musik zwischen\nVocal- und Instrumental-Musik gezogen hat. Ausser ihrer\nunvermischten Gestalt kommt letztere allerdings auch als\nBegleitung und als Einleitung zu der ersteren vor, wie im\nhistorischen Bilde die menschlichen Figuren von landschaft-\nlichen Partieen umgeben sein können. Die Instrumental-\nMusik, als Einleitung zur Vocal-Musik, verhält sich entwe-\nder als Introduction, d. h. sie lässt auf unbestimmtere Weise\ndie Stimmung anklingen, welche sofort mit dem Eintritt der\nMenschenstimme sich bestimmter darlegt und entfaltet\no\nich erinnere beispielsweise an die Introduction des Messias\nmit ihren schwermüthigen Klängen als Vorbereitung auf\nO O O\ndas „Tröstet, tröstet mein Volk\"; oder sie ist Ouvertüre,\nd. h. sie drückt den gleichen Inhalt, welchen die Oper, das\nOratorium in der Weise der dramatischen oder lyrisch-epi-\nschen Vocal-Musik (die unselbstständig begleitende Instru-\nmental-Musik mit eingerechnet) zur Darstellung bringt, in\nder Weise der reinen Instrumental-Musik aus, wozu Bei-\nspiele anzuführen überflüssig ist. Alles das sind Formen und\nVerbindungen, die sich durch die Natur der Sache recht-\nfertigen. Dass wohl die Instrumental-Musik, niemals aber\ndie Vocal-Musik die begleitende Rolle spielen darf, erklärt\nsich aus demselben Umstände, wie das Andere, dass Men-\nschenstimme als Einleitung zu einem Stücke einer Instru-\nmental-Musik ein Unding wäre; aus der grösseren Bestimmt-\nheit, welche der Vocal-Musik aus der Anlehnung an das\nWort, und der unmittelbareren Seelenhaftigkeit, die ihr\naus dem Organ der Menschenstimme erwächst.\n„In dem Falle der neunten Sinfonie nun geht zwar auch,\nwie wir als zulässig erkannt haben, die Instrumental-Musik\nder Vocal-Musik voraus, aber weder als Indroduction noch\nals Ouvertüre (die ja überdies, schon äusserlich genommen,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.7", "texte": "docli nicht grösser sein dürften als das einzuleitende Werk\nselbst). Nicht als Ouvertüre; denn sie lasst nicht den Inhalt\nder folgenden Vocal-Musik in ihrer Weise zusammen, im\nGegentheil enthält sie von diesem Inhalt gar nichts, sie\nsucht ihn bloss und drängt danach hin. Und doch kann sie\neben so wenig als Introduction betrachtet werden; denn\nsie bereitet nicht einen ersten voealen Satz bloss vor, der\nsich dann in einer Reihe von Sätzen und Situationen fort-\nentwickelt, sondern umgekehrt durchläuft sie selbst eine\nReihe von Sätzen und Stimmungs-Entwicklungen, während\nder zum Schluss eintretende Gesang verhältnissmässig nur\nnoch Eine Stimmung auszudrücken hat.\n„Die reine Instrumental-Musik, im Besonderen die Sin-\nfonie, geht von der Voraussetzung aus: der Kreis mensch-\nlicher Gefühle und Stimmungen, welche zu einem in sich ge-\ngliederten und vollendeten Kunstwerk erforderlich sind, lässt\nsich darstellen ohne Mitwirkung der menschlichen Stimme,\ndurch das blosse Zusammenwirken verschiedener Instru-\nmente. Wo gegen die Vocal-Musik von der gegenteiligen\nVoraussetzung ausgeht: dass, wie das menschliche Empfin-\nden vom Gedanken untrennbar und sein natürliches Organ\ndie menschliche Stimme ist, so auch sein voller musicalischer\nAusdruck nur durch die Menschenstimme in Verbindung\nmit dem Worte möglich sei. Beide Voraussetzungen sind\njede an ihrem Orte richtig, und der Musiker kann sich be-\nliebig auf den Boden der einen oder der anderen stellen,\ner kann in verschiedenen Productionen zwischen beiden\nVoraussetzungen wechseln, aber in einem und demsel-\nben Werke darf er das nicht, wenn er nicht dessen Einheit\nzerstören will. (Und Don Juan, Fidelio, u. s.w. ?!) Wenn\nder Opern-Componist seiner Oper eine Ouvertüre vor-\nausschickt, so sagt er uns gleichsam: Seht, was ich\neuch sofort dramatisch-musicalisch vorführen werde, das\nkann ich euch schon vor der Hebung des Vorhangs im\nrein musicalischen Nebelbilde zeigen; aber der eigent-\nliche Körper kommt erst nach. Es verlässt also der\nOpern-Componist mit der Ouvertüre seinen Standpunkt\nkeineswegs, welcher die Vocal-Musik (mit Begleitung) als\ndie wahre voraussetzt. Dagegen stellt sich Beethoven in der\nneunten Sinfonie von vorn herein ganz auf den entgegen-\ngesetzten Standpunkt. Er lässt sich mit der Instrumental-\nMusik so ernstlich, tief und anhaltend ein, als wäre sie das\nbefähigte Organ, allen Inhalt seiner Gefühle in sich aufzu-\nnehmen— um sie dann am Ende bei Seite zu werfen (??) und\nnach der menschlichen Stimme als dem allein hierzu aus-\nreichenden Organ zu greifen. Ausreichend, wozu? Zum\nvollen Ausdruck menschlicher Empfindung überhaupt? Nein;\nzum Ausdruck der einen Art von Empfindungen findet er\nsie offenbar ganz ausreichend, des Schmerzes nämlich in\nallen seinen Formen und Farben; nur zum Ausdruck der\nanderen Hauptart von Gefühlen, der freudigen, soll sie nicht\nausreichen, sondern da die Zuhilfenahme der Menschen-\nstimme unerlasslich sein. Diese Behauptung gibt der Men-\nschenstimme in Verbindung mit dem Wort zu viel und zu\nwenig: nein, nicht bloss die Freude, auch den Schmerz ver-\nmag nur sie in seiner ganzen Tiefe und Innigkeit auszu-\ndrücken; aber so weit die Instrumental-Musik das Eine\nkann, kann sie auch das Andere; einen rein instrumenta-\nlisch geschürzten Knoten zu lösen, bedarf es keines voca-\nlen Deus ex machina, oder wer vermisst denn einen sol-\nchen in desselben Meisters C-mund ?\n„Ich habe oben, um das Verliältniss zwischen Vocal-\nund Instrumental-Musik zu erläutern, das zwischen histori-\nscher und Landschafts-Malerei herbeigezogen; hier will ich\nan das zwischen der Malerei überhaupt und der Plastik er-\ninnern. Die letztere setzt voraus, dass sich die vielartige\nHerrlichkeit und Bedeutsamkeit des menschlichen Leibes\nohne Farbe durch die blosse körperliche Form darstellen\nlasse; die Malerei sagt: Nein! ehe ich mir die Farbe nehmen\nlasse, verzichte ich lieber auf die körperhafte Form. Auch\nhier haben Beide Recht; Beide können Beides in verschie-\ndenen Kunstwerken beweisen, aber sie können nicht Bei-\ndes in demselben Kunstwerke beweisen wollen. Was würde\nman von einem Künstler denken, der Beine, Leib, Brust,\nArme einer Figur aus farblosem Marmor fertigte; wie er\nnun aber an den Kopf käme, sagte er: Nein, das geht so\nnicht: dem Kopfe, dem muss ich Farben geben. Unfehlbar\nwürde man denken, der Mann sei toll geworden. Ob das\naber nicht genau der Fall der neunten Sinfonie ist? (!!)\n„Daheralso (es ist jetzt schon einerlei, und so will ich\nlieber Alles vollends heraussagen), daher dieser fatale Ein-\ndruck, den ich nicht wegkriegen kann, so oft im viertenSatze\nder Bass mit seinem Recitativ einfällt, dass ich mich selbst\nfrage: Bin denn ich toll geworden oder die Musik ? (Sie, Bester!)\nEs kommt daher, dass hier mit Einem Ruck das Kunstwerk\nseinen Schwerpunkt verändert und dadurch auch den Hö-\nrer umwerfen zu wollen scheint. Und Beethoven vollends,\nder so unvergleichbar stärker in der Composition für das\nOrchester als in der für die menschliche Stimme ist, der\ninsbesondere in dem Schlusschor unserer Sinfonie die Men-\nschenstimme eben nur als Instrument behandelt, wobei ihm\naber das contrapunktische Mark 1 iändel'scher Chöre abgeht\nwie mochte er insbesondere sich so in Nachtheil setzen,\nwie die Gefahr einer solchen Antiklimax an der misslich-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18530903-01.1.8", "texte": "sten Stelle laufen? denn mit allem Respect vor dem auch\nvon mir hochverehrten Meister sei es gesagt, diesen Schluss-\nchor halte ich gerade für das Platteste in der ganzen neun-\nten Sinfonie.\" („Stürzet nieder, Millionen!\" ist platt!!)\nZu widerlegen ist so etwas nicht. Die schiefen Ur-\ntheile und die hinkenden Gleichnisse fallen von selbst um,\nund es bleibt nichts zu bewundern übrig, als die Eitel-\nkeit des Schreibers, der im runden Hut unbemerkt durch\ndie Menge ging und auf einmal auf den Gedanken kam,\nüber den Hut noch eine rothe Mütze zu ziehen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIttiln. Ausser den Garten-Concerten, unter denen die vom\nCapellmeister Manns stets den ersten Rang behaupten, ist nichts\nMusicalisches zu vernehmen. Am 15. Sept. wird Hr. Dircctor Rö-\nder die Bühne eröffnen; es heisst, er habe Frau Behrendt-\nBrand als Prima Donna engagirt, was sehr erfreulich wäre. Wir\nwerden auch Wagnersche musicalische Dramen, den Tannhäuser\nund vielleicht auch den Lohengrin, hören. Die Decorationen zu er-\nsterem werden bereits gemalt.\n*** Frankfurt a» M«, 30. Aug. Prof. Otto Jahn aus\nLeipzig ist seit drei Wochen hier anwesend und arbeitet anhaltend\nin den Mozart'schen Originalen bei Andre. Er besitzt eine unge-\nheure Thä'igkeit und einen ausserordentlichen Forschungssinn für\nsein grosses Unternehmen einer vollständigen Biographie und Cha-\nrakteristik von Havdn, Mozart und Beethoven. Ueber die beiden\nletzteren hat er das Glück gehabt, eine grosse Menge Einzelhei-\nten und Neues aufzufinden.\nAm 25. Aug. hatte Hr. Prof. Kühmstedt aus Eisenach in\nAndre's Saale an dreissig Musiker und Musikfreunde versammelt,\num ihnen klare Begriffe von seiner neuerfundenen Theorie der\nMusik oder der „Kunst, in Tönen zu denken,\" beizubringen.\nImmer mehr neue Theoricen, Methoden, Systeme und immer\nschlechtere Musik! Männer, die sich in den letzten fünfzig Jahren\nmit offenen, gesunden Sinnen auf dem Musikgebiete umgethan,\nwissen etwas darüber zu sagen. Von dem Bemühen des Hrn. Kühm-\nstedt, dessen Aeusseres auch den grossen Weisheitslehrern gleicht,\ndie der alte Horaz in seinen Satiren schildert, kann ich nur be-\nrichten, dass er die Versammlung gelangweilt, mitunter sogar auf-\ngebracht und erbittert hat, und dass die Höflichsten ihn für einen\nPhilosophen halten, der dem Grundsatze Geltung verschafft:\nOmnes stultos insanire.\nAm 29. Aug. hatte die Theater-Dircction Hrn. Berlioz das\nHaus zu einem zweiten Concerte bewilligt, worin die Sinfonie\n„Harold in Italien\" und die „Verdammniss des Faust\" wiederholt\nund Webers Aufforderung zum Tanz, von Berlioz instrumentirt,\nzur Aufführung kamen. Erste Ranglogen und Parterre waren wohl\nbesetzt, wozu das regnerische Wetter auch das Seine beigetragen\nhatte. Die Bcifallsäusserungen scheinen jedoch die vom ersten Con-\ncerte um Weniges überboten zu haben. Jedenfalls dürften die Be-\nrichte in den Debais vom Kunstsinne der Frankfurter nicht viel\nLöbliches zu erzählen wissen.\nCapellmeister Schindelmeisser, der be-\nkanntlich einem Rufe nach Darm Stadt folgt, gab in voriger\nWoche sein Abschieds-Concert, welches durch Gesang-Vorträge der\nDamen Joh. Wagner und Marra-Vollmer einen erhöhten\nReiz erhielt. Er hat von dem Thcater-Comite ein besonderes Dank-\nschreiben als Anerkennung seiner Wirksamkeit erhalten.\nMannheim* F. Kühmstedt, Professor der Musik aus Eise-\nnach, verweilte einige Tage hier und gab durch die freie Entwick-\nlung einer Fuge über ein gegebenes Thema Beweise seiner ausge-\nzeichneten contrapunktischen Kenntnisse. Er gehört sicher zu den\nbesten Orgel-Componisten unserer Zeit. (Südd. M.-Z.)\nBremen. Unser Capellmeister Hagen, der seit fünfzehn\nJahren die Abonnemcnts-Concerte und seit zehn Jahren die Oper\nhier leitete, verlässt uns, um nach Wiesbaden zu gehen. Er hat\nzum Andenken und zur Anerkennung seiner Verdienste einen sil-\nbernen Pocal erhalten. Sein Nachfolger ist Barbieri, bisher in\nHamburg.\nDer Fürst von der Moskowa, Sohn des Marschalls Ney,\nist als einer der tüchtigsten musicalischen Dilettanten in Frankreich\nbekannt. Seine Lieblingsbeschäftigung ist die Erforschung der Ge-\nschichte der Musik, und er besitzt eine der werthvollsten Sammlun-\ngen von gedruckten und ungedruckten Compositionen älterer Meister.\nGegenwärtig als General in Algerien, hat er auch dort mitten un-\nter dem Kriegsgetümmel die musicalischen Forschungen nicht zu-\nrückgesetzt und wird demnächst einen Aufsatz über arabische\nMusik mit Beispielen arabischer National-Melodieen in der France\nmusicale veröffentlichen. Der Aufsatz ist aus Constantine, wo der\nFürst einige Monate lang in Garnison stand, datirt.\nSelbst nach Sydney in Australien ist die Musik und die\nOper gedrungen. Ein Italiäner führt dort die bekanntesten italiä-\nnischen Opern, jedoch mit englischem Text, auf. Die Sänger sollen\nnicht so übel sein, das Orchester aber (einige schlechte Violinen\nund eine grosse Trommel) schauderhaft. Die Eintrittspreise sind im\nVerhältniss zu der dortigen Theuerung billig: 4 Shilling die Logen,\n2 Shilling das Parterre. Der Impresario macht gute Geschäfte."}]}