{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_sha256": "908bff93cc5062bb584f8eb9a776c100e7e7065dcf9023b93917d2b3ee2d1f6e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/10/01_01/bmtnabi_1853-10-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "105", "page_fin": "109", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.2.1", "titre_corps": "Die Melodie der Sprache.", "titre_sommaire": "Die Melodie der Sprache.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4066, "texte": "Die Melodie der Sprache.\nUnter diesem Titel mit dem Zusatz: „in ihrer An-\nwendung besonders auf d a s L i e d und die Oper,\nmit Berührung verwandter Kunst fragen dar-\ngelegt\" *) hat Hr. Louis (sie) Köhler die musi-\ncalische Literatur mit einem Büchlein beglückt, welches\ndurchzulesen uns viel Mühe, aber auch viel Spass gemacht\nhat. Mühe weil Hr. Köhler uns auf 100 Seiten ohne\nalle logische oder systematische Eintheilung, ohne allen Ab-\nschnitt und Ruhepunkt, in einem wirren Labyrinth spazi-\nren führt, in welchem wir uns im Kreise drehen und alle\nAugenblicke wieder auf demselben Flecke sind, von dem\nwir ausgegangen. Mühe ferner, oder vielmehr Langeweile,\nweil der Führer durch dieses Labyrinth mit seiner zudring-\nlichen Schwatzhaftigkeit, seinen faden Witzen, seiner sich\nselbst beäugelnden und belachenden Eitelkeit, seiner geist-\nreichelnden Seichtigkeit einem gebildeten Menschen, der\nnach einem ernsthaften Gespräch und nach Gedanken-Mit-\ntheilung verlangt, unendlich lästig wird. Spass aber hat es\nuns gemacht, die Wagner'sche Lehre von der durch das\nWort geschaffenen oder zu schaffenden Melodie bis zur\nEvidenz des Lächerlichen auf die Spitze gestellt zu sehen\nund die Melodieen zu lesen, welche der Verfasser der De-\nclamation (d. h. seiner Declamation) der Verse „abge-\nlauscht\" und uns in Noten aufgezeichnet hat. Uebel neh-\nmen kann er uns unser Ergötzen daran nicht; meint er ja\ndoch selbst, „er wolle nur Experimente machen und be-\ntrachte das als einen interessanten Spass, um Got-\ntes willen nicht als fertige Musik.\" Er vergisst dabei, dass\nalles Experimentiren zwischen die vier Wände des Labo-\nratoriums gehört, wo es dem Versuchenden selbst aller-\ndings interessant sein kann; dass aber derEntschluss, der-\ngleichen Experimente öffentlich zu machen, dabei „ver-\nsuchsweise etwas extrem zu verfahren\" und das\nPublicum dafür Eintrittsgeld zahlen zu lassen, eine Dreistig-\nkeit voraussetzt, welche der Wissenschaft unwürdig ist.\nZuvörderst stellt Hr. Köhler (S. 3) den inhaltschwe-\nren Satz auf: „ Die hörbare Sprache selbst ist Ton,\nnur allein vernehmbar durch den Ton.\" Wir lernen hier\nmithin zum ersten Male, dass das Hörbare durch den Ton\nhörbar ist! Unmittelbar daraus wird geschlossen: „Der\nGesang liegt also in der Sprache.\" Nach die-\nser einzigen Schlussfolge werden die Leser auf fernere lo-\ngische und dialektische Entwicklungen des Verfassers nicht\nbegierig sein. Dennoch können wir ihnen folgende nicht\nersparen, weil sie den Kern des Pudels bildet: „Da der\nTon in dem Worte liegt, wodurch wir mit der Rede auch\nden Gesang erhielten, so muss man consequenter Weise\nauch das gesungene Wort als ein im Grunde nur lang-\ngesprochenes betrachten, wonach Gesang nur ton er-\nweiterte Rede ist.\" (S. 4.) Wir erfahren dann fer-\nner, dass unser Gesang, so wie er jetzt ist, nicht „ das ur-\nsprünglich in sich Einige, sondern eine sehr bedenkliche\nZ weih ei t\" ist, dass „er auch bei den Besten nur\nselten auf dem eigentlichen Grund und Boden bleibt,\nsehr häufig ihn aber auf Kosten des Wortes zum Besten\nder puren Musik verlässt\" ! Seht ihr wohl, ihr Gluck,\nMozart, Beethoven, Spontini, Cherubini, Weber u. s. w.,\nauf wie verkehrtem Wege ihr wäret? Wisst ihr nun, was\neuch verführt hat ? Euer musicalisches Genie, die pure Mu-\nsik, die verdammlichelnspiration von oben! Diese hat euch\nzu dem Himmel der Melodie empor gehoben, während ihr\nhübsch auf dem „Grund und Boden\" hättet bleiben sol-\nlen, wie Hr. Louis Köhler, der uns durch sein ganzes Buch\nund besonders durch die von ihm den Worten „abgelausch-\nten\" Lieder-Melodieen den Beweis gibt, dass er vor einer\nso „bedenklichen\" Himmelfahrt vollkommen sicher ist.\nDoch um ihm nicht Unrecht zu thun, müssen wir an-\nführen, dass er „weniger die naturalistische (!) Rede, als\nvielmehr im engeren Sinne die Kunst rede, die Deel a-\nmation\" als den Gesang bedingend betrachtet. Wüsste\ner nur, was Declamation ist! Er führt Benedix' Lehre\nvotn mündlichen Vortrage rühmend an, meint aber, der\nUmfang von 3 4 musicalischen Tönen, in welchem nach\n\n*) Leipzig, Verlag von J. J. Weber, 1853. 8. 20 Sgr."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4096, "texte": "Benedix sich Alles schön und wahr geben lasse, sei zu ge-\nring für die gewöhnliche Lebenssprache (soll wahrschein-\nlich heissen für die Sprache des gewöhnlichen Lebens, sti-\nlisirt nach der Analogie eines wollenen Strumpfwirkers) und\nunzureichend für die Declamation. Hätte er aber Benedix'\nBuch überhaupt studirt und verstanden, so würde er sich\nvor Allem überzeugt haben, dass die Declamation nicht bloss\nauf Höhe und Tiefe der Töne (worauf Hr. Köhler seine\nSprachmelodie begründet) beruht, sondern dass drei Fac-\ntoren, gewisser Maassen Hebel des Tones, wie Benedix sie\nnennt, untrennbar dazu wirken: Höhe, Stärke und\nDauer. Die Tonstärke, dieser wichtigste Factor der\nDeclamation, ohne welchen gar nicht an Ausdruck zu den-\nken ist, wirft allein das ganze Wagner-Köhler'sehe System\nüber den Haufen; denn trotz aller angemaassten Sprach-\nund Tonphilosophie schlägt doch der Musiker die Herren\nin den Nacken, wenn sie mit dem blossen Unterschied der\nHöhe und Tiefe die Betonung des Wortes, d. h. also die\nMelodie desselben, zu erschöpfen meinen.\nUm nun unseren Lesern eine recht anschauliche Vor-\nstellung von dem Entstehen der Melodie aus dem Wort\nzu geben, laden wir sie ein, mit uns in Hrn. Köhler's\nsprachmelodisches Laboratorium zu treten. Er nimmt fol-\ngenden Vers vor:\nDie Liebe bringt Lust und Leid.\nJetzt geben Sie Acht. Wir lassen ihn selbst reden (S. 8):\n„Ich spreche diesen Vers laut mehrere Mal, in gehobener\nGefühlsstimmung tonvoll, übrigens unbefangen dann\nschweige ich das Gehörte lebt wortlich wie tonlich in\nmeinem inneren Ohre fort ich belausche mich\nselbst. Ich finde eine bestimmte Tonlage:\nOhne an Melodie zu denken, drängt sie sich selbst auf.\nDie dritte Note stellt aber einen unbestimmten Ton vor,\nder bald g-, bald Bs-, bald /\"-artig klingt; meist ist er ein\nZwittergeschöpf zwischen fis und f. Also schreib' ich f.\n„Victoria! Melodie ist überall! Jeder Mensch ein\nC o m p o n i s t. 0 verwahrlostes Geschlecht, wie hast du\ndich von den Componisten an der Nase herumführen las-\nsen! welchen Unsinn geben sie dir für Gesang! Doch wir\nwollen an unserer Versmelodie noch etwas feilen, an den\nbeiden e; das erste eist mehr e als es, das zweite mehr es\nals e. Betrachten wir danach die ganze Noten-Gesellschaft,\nso sehen wir mit nicht geringem Vergnügen folgenden\nZug der mit seiner rhythmischen Anordnung so\naussieht:\nHerrlich! Menschheit, freue dich! denn nun ist's ja klar, dass\nwir in diesem irdischen Jammerthal schon die Freuden\nElysiums kosten. Schwimmen wir nicht in einem wahren\nMelodieen-Meere? athmen wir nicht Musik? U. s. w. u.'s. w.\"\nEs mag dies zugleich als Probe des Stils des Verfas-\nsers unser oben ausgesprochenes Urtheil rechtfertigen.\nSollte man nicht meinen, das alles wäre Ironie? Nichts\nweniger als das, es ist voller Ernst. Das Köstlichste bei\nder Sache ist nun aber, dass die Köhler'sche Declamation\njenes Verses offenbar falsch ist, indem kein gebildeter\nLeser „Liebe\" höher als „Lust\" betonen wird und je-\ndenfalls „Lust\" von allen sechs Worten die bedeutendste\nHöhe, Stärke und Dauer haben muss. Was wird nun aus\nder Melodie und aus dem Jubel der Menschheit? - Aber\nwas seh' ich? Nachdem uns der Verfasser auf vier Seiten\nseine Wehen bei der Geburt seines Melodie-Wechselbalges\ngeschildert hat, sagt er S. 11 als Schlusswort des Gan-\nzen: „Nur Lust sollte höher liegen; da mir das aber\nerst jetzt einfällt, will ich lieber meinen Ruf als Declama-\ntor einbüssen, als ändern.\" Also, nachdem er vier Seiten\nUnsinn aufs Papier geschmiert hat und darauf einsieht, dass\ner eine Dummheit begangen, das Geschriebene zu ver-\nnichten, umzuarbeiten, das fällt ihm nicht ein! Fort damit\nunter die Presse, damit kein Federzug von L. Köhler für\ndie Welt verloren gehe! Dies ist in der That eine so un-\nerhörte Nichtachtung des Publicums, eine so cynische\nFrechheit, dass sie die Nachsicht, die man mit einem\nschlechten Witz eines jungen Menschen allenfalls haben\nkann, nicht verdient und so derb wie möglich gerügt wer-\nden muss.\nDoch weiter. Die Fortsetzung des Verses entwickelt\nder Verfasser auf ferneren acht bis zehn Seiten bis zu fol-\ngendem Ergebniss:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4290, "texte": "und sagt dann, nachdem er auch eine harmonische Beglei-\ntung hinzugethan: „Diese Melodie ist keine Lirumlarum-\nMelodie, aber gewiss dem Wortverse in Sinn und Bau\nAngemessen, und nicht schlecht zu nennen, wenn man\nnicht so albern ist, die Töne von den Worten zu tren-\nnen\" (S. 15). Und S. 22 noch einmal: „ Wenn dieses Stück\nVersmelodie, die nicht gemacht oder erfunden wurde, son-\ndern die.sich selbst gemacht hat, von einer guten\nAlt- oder Bassstimme einfach ausdrucksvoll gesungen wird,\nso glaube ich zuversichtlich, dass jeder Zuhörer,\nder nicht den Ursprung dieser Melodie kennt, damit sym-\npathisirt.\" Nun, dazu gehört eben weiter nichts, als ein\nKöhler glaube!\nAuf ähnliche Weise klaubt der Verfasser noch eine\nMenge Melodieen aus den Wortversen heraus, oft mehr,\noft weniger spasshaft, aber stets höchst naiv. So sagt er\nz. B. Seite 71:,, Ich gehe nicht aufs Melodieen - E r f i n-\nden aus, sondern will, dass die Melodie sich von selbst\nergebe.\" Darauf zeichnet er sich das Lied:\nHerz, mein Herz, warum so traurig? u. s. w.\nin „ Sprachton-Wellen, so wie er sie erlauscht, wenn er\ndie Strophe innerlich declamiren hört (hier declamirt also\ndie Strophe selbst?); dann setzt er's roh in Noten\" u. s. w.\nund fährt fort: „Aus dieser Skizze lässt sich wenig auf\neine an und für sich betrachtete schöne Melodie schlies-\nsen. Doch gut muss sie sein, schlecht kann sie nicht\nsein, ich müsste sonst innerlich eine schlechte Declamation\ngehört haben.\" Hier finden wir also einen Unterschied\nzwischen einer „schönen\" und einer „guten\" Melodie,\nund der Verfasser scheint fast zuzugeben, dass sein Lausch-\nVerfahren wohl gute, aber keine schöne Melodieen er-\nzeugen könne. Bisher sind wir nun aber gewohnt gewesen,\ndas Schöne stets als Öbject jeglicher Kunst zu betrach-\nten; wahrscheinlich ist diese Ansicht Zopf- und Regelkram,\nder über Bord geworfen werden muss. Ehe dies jedoch\ndurch eine neue Kunstlehre vollbracht ist, wird uns Hr.\nKöhler erlauben, die schönen Melodieen den guten vorzu-\nziehen, und er kann es uns nicht übel nehmen, dass wir\nalle von ihm in diesem Buche gegebenen Melodieen nach\nunserem Gefühle für unschön erklären, wenn wir auch\nan ihre innere Güte auf die Versicherung ihres Schöpfers\nglauben wollen, und ihn nur bitten, uns doch nächstens\neine Definition von „Güte der Melodie\" zu geben.\nDiejenige Einwendung gegen sein System, welche etwa\ndavon hergenommen werden sollte, dass „unmöglich im-\nmer so (?) poetische Verse im gewöhnlichen Leben gespro-\nchen werden könnten, und dass von der Prosa des Lebens\naller Klang, Ton und alle Melodie verscheucht werde\"\n- widerlegt der Verfasser durch seine Beobachtungen\nin Königsberg, wo er von den „Bummlern, Ausrufern,\nHausirern und Bauern Melodie vernehmen muss, weil sie\nsich aufdringt.\" Er findet daher in dem Rufe des Kalmus-\njungen:\n„Melodie und Satz\", und freut sich der „Wehmuth\" in:\nEr bedauert, dass nicht jedes Kind des Volkes ein Musik-\nstudirter sei, um die selbstgefundene Melodie aufzuschrei-\nben. „ Wir werden ganze Melodieen-Perlenschnüre aus dem\nVolke ziehen, wenn die Zeit erst da ist, in der die bleichen\nArmenschulkinder, die pausbackigen Dorfbuben Noten\nschreiben lernen wie Buchstaben, frisch aus sich selbst\nheraus den Inhalt schöpfend!\" (S. 34.) Sapperment!\nsetzen wir begeistert hinzu, und wenn alle die Bauernjun-\ngen nun vollends erst musicalisch stenographiren können,\nwie wird es dann an jeder Dorfpfütze, auf jedem Dünger-\nhaufen vor der Meierei von Componisten wimmeln, die den\nReisenden ihre duftenden Melodieen-Perlen zum Verkauf\nanbieten!\nTrotz dieser glänzenden Aussichten auf die Volks-\nComponisten der Zukunft meint der Verfasser doch, dass\nnicht Jeder in der von ihm angegebenen Weise Gesang-\nmusik schaffen könne; aber (S. 21) jeder, der richtig\ndeclamirt, den Ton herauszulauschen weiss und die Töne\nin Noten zu setzen versteht, kannjedenfalls guten (?),\ngefühlvollen und also auch wirksamen Gesang ge-\nben.\" Vortrefflich! Bisher hat man geglaubt, der Com-\nponist müsse Genie, wenigstens eine besondere natürliche\nAnlage für Musik haben; man war es so gewohnt, anzu-\nnehmen, die Melodie sei die eigentliche Seele der Musik,\nund ohne Erfindungsgabe und sorgfältiges Studium über\nihre Entwicklung, ferner ohne gründliche Bekanntschaft\nmit der Theorie der Musik überhaupt lasse sich nichts"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3721, "texte": "Schönes schreiben. lrrthum, Zopf! Lernt lesen und de-\nclamiren, lernt die Tonleiter und Noten schreiben und\nder Gesangs-Componist ist fertig. Und da nach Seite 72\n„Selbst ein verständiger, mit Gemüth begabter Bauer\nwohl so viel Einbildungskraft hat, um innerlich eine\nRede gut zu vernehmen, die er etwa in einem Buche lies't\"\n,wie sollte es da dem Gymnasiasten, dem Studenten, dem\nHandl'ungs-Commis, dem Schreiber, ja, dein gemüthlichen\nNachtwächter an Köhler'scher Gesanges-Phantasie fehlen?\nDass bei solchen wahrhaft possirlichen Ansichten noch\nallerlei Curiosa über Musik zum Besten gegeben werden,\nlässt sich erwarten. So soll z. B. ein Tongedicht von dem\nWortgedichte auch die Gesetze der Form erhalten; „es\nkann also immerhin in C-dur beginnen und in Es-moll en-\nden, sobald dies nur dazu beiträgt, den Ausdruck wahr zu\nmachen\"! (S. 14.) Dann steht ferner „die Harmonie zudem\neinzelnen Tone so da, wie die Welt zum einzelnen Men-\nschen\" da „malt die grosse None Ueberschwäng-\nlichkeit, weil sie hoch über der Octaven-Gränze schwebt,\ndie kleine None aber Druck, weil sie dicht au f der Oc-\ntave liegt\". Da lernen wir endlich auch, warum Wag-\nner die bekannte declamatorische des Lohen-\ngrin an Elsa: „Nie sollst Du mich befragen\" u. s. w., bei\ndem letzten Worte: „noch wie mein Nam' und Art\", in\nDur schliesst, nämlich „weil dieses Dur die Göttlich-\nkeit der Abkunft schön bezeichnet\"!!\nDie einzige Stelle in dem ganzen Buche, welche ver-\nnünftig klingt, ist folgende: „Ucberhaupt ist es nicht nur\nnicht nötilig, die nackten (abgelauschten) Worttöne im\nKunstwerke zu geben, sondern es wäre geradezu eine thö-\nrichfe Beschränkung der Kunst und deren Mittel, wie der inne-\nren Begeisterung. \" Wenn derVerlasserjedoch fortfährt: „ Soll\naber auch die Sprach-Melodie in ihrer Nacktheit nicht gegeben\nwerden, so ist sie doch alles wahren Gesanges einziger und\newiger Ursprung, Grund und Heimat\" so sieht man\nwieder, wie der Verfasser durchweg irrthümlich der Sprach-\nMelodie das Bestimmende für die Composition zuerkennen\nwill, während dieses doch einzig und allein in dem poeti-\nschen Gedanken, in dem Gefühls-Inhalt des Ge-\ndichtes, in der Empfindung und Stimmung des Ge-\nmütlies, dem es entquollen und in dem es wiederklingt,\nliegt. Die richtige Declamation ist nur ein untergeordnetes\nElement, obschon ein notwendiges; sie aber für das einzig\nund allein zeugende Princip der Melodie zu erklären, heisst\nder Musik die Seele rauben und sie zum Skelette machen.\nDer Verfasser fühlt das auch wohl und kommt dann zu\nWidersprüchen, z. B. wenn er Tamino's Arie:\n„Dies liildniss isl bezaubernd schon,\nWie noch kein Auge je geschn!\"\nfür einen wundervollen Ausdruck der Emp fi ndu n g\nerklärt, dabei das gegen alle Sprach-Melodie verstossende\nAbsteigen der Tonleiter und die falsche Betonung von\n„noch\" zwar nicht übersieht, aber anstatt sie mit Conse-\nquenz zu verdammen, dadurch rechtfertigt, dass „oft der\nGefühl szug eine ganze Wort reihe im Ausdruck be-\nstimmt\". Ei, da sind wir ja auf einmal einig! Aber wozu\nalsdann das ganze Geschwätz über Sprach-Melodie?\nWir geben zum Schluss noch die von Hrn. Köhler\naus Göthe's 31ignon-Lied herausgelauschte Melodie:\nMan denke sich nun zu diesem Liede ohne Form und Ton-\nart eine in keineswegs verbundenen, sondern nur neben\neinander gestellten Accorden unstät modulirende Harmonie,\ndie z. 13. zu den sechs letzten Tacten so aussieht:\nlind man wird hoffentlich genug haben und Beethoven, Spohr,\nLiszt und alle früheren Componisten dieses Liedes bedauern.\nHrn. Köhler's Melodie „ m u s s\" dagegen vortrefflich sein;\ndenn der bescheidene Mann „wagt kaum, obiges Lied für\nseine Composition auszugeben, denn er hat nichts daran\ngethan, als sie erlauscht und dieSprach-Melodie bekleidet\"."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 752, "texte": "(S. 66.j Armer Gölhe! Grosser Dichter! zu was für einem\nschlechten Componisten bist du verköhlert worden!\nDass nicht alle Gedichte, ja, vielleicht nur wenige,\n„sich selbst componiren können\", daran sind natürlich die\nDichter schuld, und das Ende vom Liede und vom Buche\nkann kein anderes sein, als der Trost auf die Zukunft:\n„Dann erst ist die Melodie der Sprache im vollen Flor,\nwenn Wort und Ton, Dichtung und Musik zusammen\nerstehen!\"\nWahrlich! nach diesem Buche liesse sich ein humoristi-\nsches Bild der Musikmacherei im zwanzigsten oder dreis-\nsigsten Jahrhundert entwerfen, bei dessen Anschauung die\nThränen, welche der Genius der Kunst jetzt über die wahn-\nwitzigen Verirrungen seiner Jünger weint, von unbändigem\nLachen erstickt werden müssten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01-c011", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-01_01#c011", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "109", "page_fin": "110", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.5", "debut_caractere": 754, "fin_caractere_exclue": 4958, "texte": "Wiener Briefe.\nGeehrter Herr Redacteur!\nWiens musicalischer Status quo.)\nWien, den 22. September 1853.\nEs dürfte den Lesern Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift\nwohl nicht unlieb sein, einmal in summarischer Darstellung\nzu erfahren, wie es denn um die musicalische Kunst in\n\\Y ien gegenwärtig überhaupt bestellt sei, ob und in wie\nweit eben das Wien, in dessen Schoosse sich doch factisch\ndie grossen Ton-Heroen der Vergangenheit entwickelten,\nden Misscredit verdiene, welcher ihm auch in Sachen der\nTonkunst von seinen westlichen und nördlichen Nachbarn\nin ziemlich reichem Maasse zu Theil wird. Sie erhalten diese\ngedrängte Darstellung aus der Feder eines Mannes, der in\nSachen der Kunst weder eine heimische Parteinahme noch\nein exterritoriales Yorurtheil kennt, und überhaupt keine\nRücksicht gelten lässt als die, welche im Wesen der Sache\nselbst begründet ist.\nEs unterliegt keinem Zweifel, dass Wien die glanzvolle\nStellung, welche es einst in der gesammten Musikwelt be-\nhauptete, längst eingebüsst hat. Wodurch anders aber war\ndieselbe hauptsächlich begründet, als durch die zum Theil\ndoch zufällige gemeinschaftliche Anwesenheit jener grossen\nTondichter, deren Namen ich nicht zu nennen brauche, und\ndurch die natürlichen Nachwirkungen derselben auf meh-\nrere Decennien hinaus? Es ist in der That eigenthümlich,\ndass wir gegenwärtig in anderen Künsten, deren Residenz\no o O\ndoch sonst eben Wien nicht gewesen, Grössen ersten Ran-\nges beherbergen, wie in der Poesie namentlich Friedrich\nHebbel, in der bildenden Kunst, wenn auch nicht ganz so\nhoch stehend, Karl Ralil, während wir gerade in der uns\neinst wie ausschliessend zugehörenden Tonkunst, wenn auch\nmanches mehr oder minder bekannte und geschätzte Talent,\ndoch nicht Einen grossen Namen aufzuweisen haben.\nHiermit allein erlischt denn schon der Glanz von selbst.\nDer Nimbus, welcher Weimar einst umstrahlte, war eben\nauch an bestimmte grosse Persönlichkeiten gebunden, die\nehrenwerthen Bewohner Weimars selbst aber hieran ziem-\nlidi unschuldig, und Niemand betrachtet jene Stadt jetzt mehr\nals Deutschlands Dichterwiege der Zukunft. Was das\ngrosse Publicum Wiens betrifft, so ist dasselbe wohl für\ndas Gute und auch für das Schlechte eben so empfänglich,\nwie das jeder grossen Weltstadt. Wenn man uns als spe-\ncifische Verehrer alt- und neu-italiänischer Musik, Balfe'-\nscher und Flotow'scher Opern oder wohl gar Alex. Bau-\nmann'scher und G. Hölzel'scher „ Schnaderhüpferl\" be-\nzeichnen wollte, so könnten wir dies mit Recht ehrenrüh-\nrig nennen. Diese Herren finden ihre Verehrer in der gan-\nzen Welt, und wenn auch hier einige mehr, so ist die nu-\nmerische Differenz zwischen Wien und manchen anderen\nStädten nicht der letzte Factor hierbei. Es gibt indessen\nauch kein wahrhaft begeisterteres Publicum, als es das\nWiens in den philharmonischen und Spirituel-Concerten stets\nwar und auch jetzt noch in den meisten Fällen ist, wo\nihm wahrhaft gute und grosse Musikwerke geboten werden.\nAuch das unselige Virtuosenwesen, welches hier allerdings\nganz besonders llorirte, darf man nicht Wien speciel zum\nVorwurf machen. Es war dies eine Krankheit, welche all-\ngemein grassirte, ja, mit einer gewissen Notwendigkeit\neine Zeit lang herrschend werden musste, nunmehr aber\nhier so gut im Erlöschen begriffen ist, wie anderwärts. Das\nRichtige liegt aber darin, dass der Wiener, wie der deutsche\nSüdländer überhaupt, vermöge seiner nach der sinnlichen\nSeite beweglicheren, nach der geistigen aber schwerfällige-\nren Natur leichter zum äusserlich Glänzenden, innerlich aber\nWerthlosen verlockt wird. Er wird leicht hingerissen, be-\ngreift jedoch etwas schwer. Darin wurzelt denn auch einer-\nseits der schwerste und begründetste Vorwurf, welcher\nmeinen werthen Landsleuten gemacht wird, dass sie näm-\nlich der modernen Entwicklung der Tonkunst fast ganz\nfremd geblieben sind und dieselbe mit Haydn, Mozart,\nBeethoven (auf Bach, Händel und Gluck gehen sie schon\nnicht sonderlich gern zurück), mit Schubert, C. M. v. We-\nber und allenfalls noch Hummel gleichsam als völlig abge-\nschlossen betrachten. Wie langer Zeit bedurfte es, bis selbst\nein so bedeutendes Talent wie Mendelssohn sich hier das\nEhren-Bürgerrecht erwarb! Jetzt freilich ist auch er ein"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5154, "texte": "Liebling des Publicums geworden, und in einem allgemeinen\nPantheon würde gewiss auch seine Bild-äule aufgestellt werden.\nIndessen wirkt bei dieser Vorliebe für jene Meister derselbe\nUmstand mit, welcher den Franzosen seinen Corneille, Ra-\n* . f, . ' %• v * - -\neine, Moliere, Voltaire u. s. w., den Italiäner seinen Ariost,\nDante, Tasso und Andere mit so viel Vorliebe dem Fremd-\nländischen entgegenstellen lässt. Denn jene Männer werden\nhier nicht nur als Heroen im Allgemeinen, sondern (Weber\nund Hummel natürlich ausgenommen) als eine Art nationa-\nler Gottheiten verehrt, über deren möglichste Alleinherr-\nschaft eifersüchtig gewacht wird. Man hängt an der Grösse\ndes alten Testamentes und will ein neues durchaus nicht\ngelten lassen.\nIndessen glaube man ja nicht, dass ich hier unserem\nguten Wien eine absolute Schutzrede halten wollte. Es ist\nund bleibt schmählich, dass hier alles, was seit Decen-\nnien an bedeutenden Kräften hervorgetreten ist, Mendels-\nsohn ausgenommen, fast völlig ignorirt wird, dass die\ngrossen oder doch bedeutenden und interessanten Werke\neiner früheren (vor-llaydn'schen) Periode hier Fremdlinge\ngeworden sind, dass selbst eine musicalische Grösse wie\nHob. Schumann bis vor einem Jahre im öffentlichen Leben\nnicht mit Einem Werke vertreten, in den weiteren Privat-\ncirkeln aber eine Terra incognita war, dass die Opernwerke\nRichard Wagner's, die, gleichviel, mit welchem Rechte, je-\ndenfalls doch seit zehn Jahren ein Hauptagens in der mu-\nsicalischen Welt bilden, von unserer Bühne beharrlich aus-\ngeschlossen blieben, dass man es nicht der Mühe werth\nhält, Berlioz, der jedenfalls keine triviale Erscheinung ist,\nmit mehr Beharrlichkeit ins Auge zu fassen, um seine Na-\ntur, und wie viel in ihr Wahres oder Falsches enthalten\nsei, zu erforschen, dass man Werke wie Beethoven's neunte\nSinfonie hier durch ein ganzes Decennium schlummern\nlässt, und so vieles Andere. Die berüchtigte Schläfrigkeit\nunseres Opern-Institutes und die Armseligkeit seines Re-\npertoires, von welchem selbst Spohr und Marschner (der\nälteren Meister nicht zu gedenken!) völlig verschwunden\nsind, um der neuesten Flotow-Balfe'schen und Meyerbeer'-\nschen Propheten-Musik desto grösseren Spielraum zu ver-\nschaffen, der Schlendrian unserer Concert-Programme, in\ndenen fast immer nur das Alte, Allbekannte wiederkehrt,\ndas triviale Gebahren unseres mit so herrlichen Kräften\n* , •*» ' * •\nausgerüsteten Männergesang-Vereins, der unglaubliche Man-\ngel mehrerer grossen und tüchtigen Orchester, die thö-\nrichte, aus engherzigen Rücksichten fortdauernde Spaltung\nunserer musicalischen Kräfte in zwei sich gegenseitig hem-\nmende Institute, die Nichtunterstützung selbst (einheimi-\nscher Talente, endlich die Nichtigkeit und Verderbtheit un-\nserer musicalischen Kritik: alles dies sind wohl Momente,\naus denen sich ein gehöriges Sündenregister zusammensetzt.\nAber, wohlgemerkt, an all diesem sind zum grossen,\nja, zum grösseren Theile die Unzulänglichkeit und der Mangel\nan gutem Willen von Seiten der Leiter unserer musicalischen\nInstitute, die Indolenz und ordinäre Flachheit der meisten\nconcertirenden Künstler, endlich die Bequemlichkeit aller\nzusammen, die es vorzieht, das Längstbekannte, Einge-\nwohnte einem dankbaren Publicum vorzuführen, als den\nKampf mit dem schwierigeren Langentwöhnten oder Neuen\nzu versuchen, und das kleinliche, unehrenhafte Cliquenwesen\nschuld, das sich so gern hinter dem Deckmantel des Patrio-\ntismus verbirgt. Und warum gibt es keine Sänger, die in\nöffentlichen Concerten Schubert's unsterbliche Gesänge (nur\neiner äusserst beschränkten Zahl widerfährt die Ehre),\nSchumann's tiefsinnige, zaubervolle Lieder oder C. Löwe's\nbedeutsame, herrliche Balladen dem Publicum vermittelten?\nWarum keine Clavier-Virtuosen, deren Zahl doch nicht ge-\nring ist, die einmal auch einige andere als die fünf bis\nsechs stets gehörten Sonaten Beethoven's, z. B. die treffli-\nchen Sonaten C. M. v. Weber's und so manches bedeutende\nNeuere zur Aufführung brächten ? Echte Künstler mögen\nden Versuch wagen, und ich stehe mit Leib und Loben für\nden Erfolg, wenn es nicht ganz verkehrt angegriffen wird;\ndenn es ist nicht wahr, dass es hier geradezu an einem\nempfänglichen Boden mangle; er muss nur mit Energie\nbebaut werden.\nIm Allgemeinen muss man denn auch sagen, dass sich\ndas musicalische Leben seit den letzten paar Jahren hier\nentschieden zum Besseren gewendet hat. Die Programme\nunserer grossen Concerte sind unstreitig reichhaltiger ge-\nworden ; so manches längst nicht mehr gehörte Werk von\nBach, Händel, Cherubini, Weber hat seine meistens glän-\nzende Auferstehung gefeiert; auch Neueres wurde gebracht,\nwie namentlich von Gade und im verflossenen Winter be-\nkanntlich auch ein Quartett von Rob. Schumann. Nicht\nleicht wagt es mehr ein Clavier-Virtuose, ein Concert zu\ngeben, in dessen Programm er nicht mindestens, wenn auch\nnur par honneur, irgend eine „classische\" Nummer auf-\nnimmt; die stetigen Quartett-Productionen, von Jansa be-\ngründet und von Hellmesberger erfolgreich fortgeführt, sind\nein erfreuliches Zeichen der Zeit, und es ist Hoffnung vor-\nhanden, dass es in nächster Zukunft noch besser wer-\nden wird.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01-c012", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-01_01#c012", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.2.3", "titre_corps": "Aus Coblenz.", "titre_sommaire": "Aus Coblenz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4461, "texte": "Aus Coblenz.\nDas aus Veranlassung der Fahnenweihe des St. Castor-Männer-\nVcreins hier schon seit längerer Zeit vorbereitete Vocal- und In-\nstrumental-Conccrt der hiesigen vereinten Männerchöre, unter freund-\nlich-nachbarlicher Mitwirkung des in allen musicalischen Gauen\nrühmlichst bekannten kölner Männergesang - Vereins, fand am\nSamstag den 24. Sept. im Theater-Saale Statt und erregte all-\ngemeine freudige Theilnahmc. Die ganze Einnahme desselben war\nzum Besten der hiesigen beiden Waisenhäuser bestimmt und lie-\nferte ein sehr erfreuliches Resultat.\nDer kölner Verein wurde durch 50 Sänger, die hiesigen drei\nMännerchöre durch 70 Sänger, und das Orchester durch 60 einhei-\nmische Musiker und Dilettanten vertreten, so dass das Ganze der\nMitwirkenden aus 180 Personen bestand.\nDie zur Einleitung und zwischen den Gesängen vorgetragenen\nOrcheSter-Partieen, durch Hrn. Musik-Director Lenz dirigirt, waren\ngediegene Werke von Mozart, Beethoven und Mendelssohn, und\nmachte deren gute, sehr exaete Production unserem Orchester\nalle Ehre. Die Saiten-Instrumente traten durch ihre gute und mchr-\nzählige Besetzung mehr als je hervor.\nVon dem St. Castor-Vereine, unter Direction des Hrn. Schons,\nwurden zwei Sachen, ein Motett von B. Klein und ein Lied von\nMusik-Director F. WTeber, „In der Ferne\", vorgetragen. Sodann von\ndiesem und den anderen beiden hier bestehenden Vereinen, unter\nDirection des Hrn. Fr. Gritschcr, drei Gesänge von Abt, Otto und\nKreutzer, und unter Direction des Hrn. J. Lenz drei Gesänge von\nMendelssohn, und Fischer. Sic wurden sämmtlich mit einem\nFleisse und durchweg so schön vorgetragen, als es nur irgend zu\nerwarten war, und lieferten den Beweis, welch erfreuliche Fort-\nschritte in der neueren Zeit gemacht worden. Es hat sich hierbei\noffenbar der Spruch: „Vereinte Kräfte wirken44, durch die That be-\nwährt, und sei daher auch bei dieser Gelegenheit der angelegentliche\nWunsch ausgesprochen, dass eine solche Vereinigung aller unserer\nmusicalischen Kräfte auch für die Zukunft öfter, und namentlich\nauch zu den Winter-Concerten, unter Direction des Hrn. J. Lenz,\nStatt haben möchte. Der Erfolg wird sicher belohnend für die Aus-\nführenden und höchst erfreulich für die Zuhörer sein.\nDer zweite Theil des Concerts begann mit den Vorträgen unse-\nrer verehrten kölner Gäste, unter Direction des Hrn. Musik-Direc-\ntors Weber. Das in allen Räumen gefüllte Haus empfing dieselben\nmit einem freudigen, rauschenden Willkommen und in grosser, er-\nwartungsvoller Spannung. Das erste uns geschenkte Lied, „Der\nschöne Schäfer\", von Otto versetzte das ganze Auditorium durch\nseinen lieblichen, idyllischen Charakter und den höchst gelungenen\nVortrag sogleich in eine bewundernde, sehr wohlthuende Stimmung\nund würde durch die hierauf folgenden Gesänge: „Mein Wunsch\"\nvon Schartlich, „Schwertlied\" von Weber, „Im Walde\" von Kücken,\n„Die drei Röslein\" von Silcher, „Ständchen\" von Abt, „Canzonetta44\nvon Reichardt und „Der frohe Wandersmann\" von Mendelssohn,\nunter fortwährenden Beifollsbezcugungen bis zum höchsten Enthu-\nsiasmus gesteigert. Die schöne, durchaus gelungene Ausführung\njedes einzelnen Liedes hervorzuheben, würde diesen Bericht wohl\nm weit ausdehnen; daher genüge unsere einfache, wahre Mitthei-\nlung, dass alles, was die herrliche, so recht geborene Tenorstimme,\nwas die schulgerechte, schöne Baritonstimme in ihren Soli, und\nendlich was der so recht aus Einem Gusse vom leisesten Piano bis\nzum höchsten Forte hervorströmendc Chor zu Gehör brachte, die\ngrösste Vollkommenheit war, so dass alle unsere Erwartun-\ngen weit übertroffen wurden. Dieser Hochgenuss wird uns stets in\ndankbarer Erinnerung bleiben.\nDen Schluss des ganzen Concerts machte „Meeresstille und\nglückliche Fahrt\" von Fischer, ausgeführt von dem ganzen Gesang-\nund Orchester-Personal, unter Leitung des Hrn. Musik-Directors\nLenz. Auch über die Ausführung dieses Werkes kann nur das\nbeste Lob ausgesprochen werden, da sie in allen Thcilen gelang\nund somit einen würdigen Schluss dieses genussreichen Abends\nbildete. Nach dem Coneerte versammelte sich das ganze Sänger-\nPersonal zu einem heiteren Mahle. Viele passende Toaste, muntere\nReden und heitere Gesänge würzten dasselbe und endigten in den\nfrühen Morgenstunden mit dem allgemeinen gegenseitigen Verspre-\nchen, dass diese erste freund-nachbarliche, der heiligen Müsica ge-\nwidmete Zusammenkunft nicht die letzte, sondern ein Sporn zu\nbaldiger Wiederholung sein solle. Möge dies recht bald in Er-\nfüllung gehen!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01-c013", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-01_01#c013", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "111", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.2.4", "titre_corps": "Aus München.", "titre_sommaire": "Aus München.", "signature_source": "E. Dr", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.7", "debut_caractere": 4463, "fin_caractere_exclue": 6709, "texte": "Aus München.\nE. Dr.\nHat sich je der Spruch: „Durchs Ohr zum Herzen\", bewahr-\nheitet, so ist es bei Johanna Wagner der Fall! Sie kennt den\nWeg zur Seele, sie besitzt die Macht, welche dem grossen Haufen\nvon Sängern und Sängerinnen versagt ist, ja, sie besitzt sie mehr,\nals irgend Eine! Sie redet die Sprache des Himmels, sie gibt den\nseligsten Gefühlen Ausdruck, sie versteht es, die mächtigen Regun-\ngen ihrer begeisterten Seele uns mitzutheilen. Die Worte, welche\nsie ausspricht, sind nur eine leise Andeutung, über welche sich die\nKlänge der Musik ausbreiten, und mit diesen dringt ihre Stimme,\nihr Gesang, ihr Geist, ihre Seele zur Seele, zum Herzen. Was die\nSeele Tiefstes und Höchstes träumt und ahnt, spricht die Musik aus.\nJa, ihr enthüllen sich Gedanken und Gefühle höherer geistiger\nArt, als die menschliche Rede sie auszudrücken vermag. Musik ist\ndie Offenbarung des Unendlichen. Gesang, wie uns Johanna Wag-\nner ihn spendet, erquickt uns hundertfach, erfüllt uns mit Trost\nund Beruhigung, erfasst unser Wesen ganz und reisst unsere Seele\nhin in Lust und in Schmerz, in Hoffnung und in Angst, in schwel-\ngendes Entzücken und in sehnendes Vergehen.\nJohanna Wagner trägt in sich die schaffende Kraft, sie zeigt,\nwas dramatische Kunst, was tragische Wirkung, was Poesie des\nDrama's ist.\nDie herrliche Künstlerin gestaltete uns eine Fides und Va-\nlentine, einen Fidelio und Romeo zu dramatischen Gebilden\nvoll naturgetreuen Lebens und zauberhafter Poesie, sie erfasstc das\nPublicum durch und Gesang, durch Spiel und Auffassung\ndermaassen, dass es Anfangs die jetzt erst zur Geltung, zum Leben\ngelangten, wie neu geschaffenen Gebilde stumm anstaunte, bis es\nendlich Worte und Bewegung fand, seinen Beifall auszudrücken,\nwelcher bald zum Enthusiasmus anschwoll.\nUnsere Sänger und Sängerinnen bemühten sich, gleichen Schritt\nmit Johanna Wagner zu halten, welches besonders Fräulein\nIlefner (Julia) und den Herren Härtinger (Raoul und Flo-\nrestan) und Brandes (Prophet und Tybaldo) gelang. Das Orchester,\nbesonders die Harmonie, liess manch arge Schwankungen vermer-\nken, leistete übrigens im Ganzen, wie gewöhnlich, Anerkennungs-\nwerthes. Hr. General-Musikdirector F. Lachner dirigirte. Die\nChöre waren grösstenteils schläfrig und ohne Leben."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-01-01-c014", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-01_01#c014", "volume": "bmtnabi_1853-10-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "111", "page_fin": "112", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.7", "debut_caractere": 6711, "fin_caractere_exclue": 7223, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nMöln. Theater. Die letzte Woche brachte die Aufführun-\ngen von Donizetti's Lucrezia Börgia und Mozart's Don\nJuan, und die Wiederholung von Aubers Maurer. Sagen wir\ngleich, dass diese Wiederholung die beliebte Oper weit gelungener\nvorführte als in voriger Woche. Eine wahrhaft vorzügliche Vor-\nstellung war die Lucrezia Borgia (zwei Mal). Die Hauptpartieen hat-\nten Frau Schmidt-Kellberg, Fräul. Marschalk (Orsinö), Hr.\nKahle (Gennaro) und Hr. Noldcn als Gast (Alfonso) inne. Frau"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5898, "texte": "Schmidt hatte hier und in der Partie der Donna Anna im Don\nJuan Gelegenheit, ihre volle schöne Stimme zu entfalten, und zeigte,\ndass sie als dramatische Sängerin für eine Bühne zweiten Ranges\neine sehr gute Acquisition ist. Hier und da schwankt freilich die Into-\nnation etwas, und der Mangel an technischer Fertigkeit hindert die\nVollendung der Coloratur. Hr. Kahle war als Gennaro vortreff-\nlich, Fräul. Marschalk überall, besonders in dem grossen Duett\nmit Gennaro im dritten Acte, welches man so selten hört, sehr\ngut. Ihre Stimme ist nicht so gross und stark, wie sie uns Anfangs\nerschien, und wie wir sie vollends nach den Berichten aus Berlin\nerwarteten; allein sie hat den unschätzbaren Vorzug der Gleichheit\nund dabei grossen Wohllaut. Der Gast, Hr. Nolden, lange beim\ncoburger Ilofthcater angestellt, war als Alfonso ganz in seiner\nSphäre. Im Don Juan, wozu ihm die Kunstbildung des Sängers,\ndie Jugend und die Gewandtheit des Schauspielers fehlen, musstc er\nnothwendig den guten Eindruck schwächen, den er in der Lucrezia\nmit Recht gemacht hatte. Der Chor, die Scenerie, die Costumc, Alles\nAvar in dieser Oper so gut, so übereinstimmend, so sicher studirt,\ndass wir namentlich vom ersten Acte der Lucrezia Borgia behaup-\nten können, dass wohl keine Bühne am Rheine gegenwärtig etwas\nAehnliches leistet.\nWeniger gelungen war die Vorstellung des Don Juan. Aber\nfreilich, wir möchten eine Bühne kennen, auf welcher jetzt diese\nOper vollkommen gut gegeben werden könnte! Der Don Juan selbst\nwrar, wie schon gesagt, ganz verfehlt; Leporello im Ganzen gut,\naber nicht immer präcis und sicher (z. B. in dem Duett vor der\nBildsäule); und vor Allem ersuchen wir Hrn. Schmidt, Mozart's No-\nten doch ja unangetastet zu lassen. Dergleichen musicalische Ei-\ngenmächtigkeiten können wir hier nicht vertragen.\nEben so unpassend ist es eine allgemeine Bemerkung,\nwelche wir hier einschalten wollen —, dass die Sänger nach En-\nsemblestücken, wenn sie mit ihre n Noten fertig sind, das Orche-\nster aber noch das Nachspiel des Musikstückes vorträgt, während\ndieses Nachspiels zu plappern anfangen! Es zeugt dies\nvon einem gänzlichen Mangel an künstlerischer Einsicht und Auf-\nfassung und von grosser Armuth an Hülfsmitteln, um durch stum-\nmes, ausdrucksvolles Spiel das zu begleiten, was der Componist im\nNachhall der Stimmung des Gesangstückes am Ende desselben\ndurch Instrumental-Melodiccn sagen will. Im Ganzen war die Be-\nsetzung der Oper gut Frl. Marschalk sang die Elvira, Hr.\nKrön den Ottavio (die erste Arie: „Ein Band der Freundschaft\",\nrecht gut), Hr. Schlüter den Comthur, rein und kräftig, u. s. w.\nallein sie war zu schnell in Seenc gebracht, daher Unsicherheit\nan allen Enden, wie denn z. B. das grosse Sextett durch das Um-\nherschwimmen des sonst ganz artigen Zerlinchens unmöglich\nglücklich ans Land kommen konnte.\nDas Schauspiel brachte uns Frcitag's „Journalisten\" (deren\nVorstellung w ir beizuwohnen verhindert waren), eine Wiederholung\nvon Bencdix' „Mathilde\", worin Frl. Schneider eben so wie\ndas erste Mal ganz vortrefflich spielte, Scribcs „Frauenkampf\"\n(worin die Gräfin eine gute Leistung von Frau Hase war,\nwährend Leonie [Fräulein Meister] bedenken sollte, dass\ndie Naivctät und Beweglichkeit einer jungen Dame von Stande,\ndie eben aus der Pension zurückgekommen, keine Grisettcn-Naivc-\ntät sein darf!) und einige Kleinigkeiten, die zum Theil hier neu\nwaren und von denen „Er ist nicht eifersüchtig\" von E1 z am\nbesten gefiel, namentlich durch das köstlich ergötzliche Spiel des\nHrn. Hesse, bisher Regisseur am Königsstädtischen Theater in\nBerlin, dessen Komik lind Bühnen-Gewandtheit uns diesen Winter\nnoch viel zu lachen geben wird. Frl. Schneider spielte die Cä-\ncilia ganz allerliebst. So viel wir bis jetzt urthcilcn können, ist auch\ndas recitirendc Drama des Hrn. Röder recht gut besetzt. Wir nen-\nnen ausser den schon Erwähnten mit Achtung vor ihrem Dar-\nsteller-Talent die Herren Günther und Holzstamm. Hr. Gün-\nther gab uns, ausser dem Arnau in der Mathilde, in einem freilich\nsehr werthlosen einactigcn Drama von Bahn, „Ein seltenes Weib\",\nein treffliches Bild aus dem Leben, voll Leidenschaft und Wahr-\nheit, und Hr. Hol/stamm straft in jeder Rolle seinen Namen auf\nerfreuliche Weise Lügen.\n** Cwotlaa, 25. Sept. Am 8. d. M. wohnte ich hier einer Auf-\nführung des Elias von Mendelssohn bei, welche einen grossen\nEindruck auf mich machte. Sic fand in der Augustiner-Kirche bei\nglänzender Beleuchtung Statt; man fühlte dabei so recht, dass die\nwahre Wirkung eines Oratoriums doch nur in der Kirche erreicht\nwerden kann. Die Gothaer haben dergleichen grosse Aufführungen\ndem edeln und unermüdlichen Streben des Hrn. Wandersieb\nzu verdanken; im Jahre 1849 brachte er Haydns Schöpfung, im\nJahre 1850 Schneiders Weltgericht zu Gehör; auch hat ihn der\nkunstsinnige Herzog von Gotha durch Verleihung der goldenen\nVerdienst-Medaille geehrt.\nDer „Elias\" war recht gut studirt, der Chor nicht so zahlreich,\nwie wir es am Rheine gewohnt sind etwa 80 bis 90 Personen\nstark —, aber ganz vortrefflich. Das Orchester, durch Musiker aus\nErfurt, Weimar und Arnstadt verstärkt, war ebenfalls brav, d. h.\nvorzüglich da, w o es auf Kraft, Feuer und Massenwirkung ankam;\nallein es that zuweilen darin des Guten zu viel zumal da es im\nVerhältniss zu den Sängern (60 Instrumentalisten) so schon etwas\nzu stark war, und die Begleitung der Sologesänge licss an Zart-\nheit viel zu wünschen übrig. Unter den Solisten ragte Fräulein\nSchreck aus Erfurt durch ihren vortrefflichen Vortrag der Alt-\npartie hervor; die übrigen Soli waren alle durch Dilettanten besetzt\nund in der That so gut, als man es nur von Nichtkünstlern er-\nwarten kann. Möge Hr. Wand er sieb in seinen schönen Bestre-\nbungen fortfahren und dabei immer die regsle Theilnahme und Un-\nterstützung finden; an Anerkennung wird es nicht fehlen, wenn\nauch nicht so viel Lärm darüber geschlagen wird, als in der Nach-\nbar-Rcsidenz.\n\nE."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "105", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.1", "texte": "Die Melodie der Sprache.\nUnter diesem Titel mit dem Zusatz: „in ihrer An-\nwendung besonders auf d a s L i e d und die Oper,\nmit Berührung verwandter Kunst fragen dar-\ngelegt\" *) hat Hr. Louis (sie) Köhler die musi-\ncalische Literatur mit einem Büchlein beglückt, welches\ndurchzulesen uns viel Mühe, aber auch viel Spass gemacht\nhat. Mühe weil Hr. Köhler uns auf 100 Seiten ohne\nalle logische oder systematische Eintheilung, ohne allen Ab-\nschnitt und Ruhepunkt, in einem wirren Labyrinth spazi-\nren führt, in welchem wir uns im Kreise drehen und alle\nAugenblicke wieder auf demselben Flecke sind, von dem\nwir ausgegangen. Mühe ferner, oder vielmehr Langeweile,\nweil der Führer durch dieses Labyrinth mit seiner zudring-\nlichen Schwatzhaftigkeit, seinen faden Witzen, seiner sich\nselbst beäugelnden und belachenden Eitelkeit, seiner geist-\nreichelnden Seichtigkeit einem gebildeten Menschen, der\nnach einem ernsthaften Gespräch und nach Gedanken-Mit-\ntheilung verlangt, unendlich lästig wird. Spass aber hat es\nuns gemacht, die Wagner'sche Lehre von der durch das\nWort geschaffenen oder zu schaffenden Melodie bis zur\nEvidenz des Lächerlichen auf die Spitze gestellt zu sehen\nund die Melodieen zu lesen, welche der Verfasser der De-\nclamation (d. h. seiner Declamation) der Verse „abge-\nlauscht\" und uns in Noten aufgezeichnet hat. Uebel neh-\nmen kann er uns unser Ergötzen daran nicht; meint er ja\ndoch selbst, „er wolle nur Experimente machen und be-\ntrachte das als einen interessanten Spass, um Got-\ntes willen nicht als fertige Musik.\" Er vergisst dabei, dass\nalles Experimentiren zwischen die vier Wände des Labo-\nratoriums gehört, wo es dem Versuchenden selbst aller-\ndings interessant sein kann; dass aber derEntschluss, der-\ngleichen Experimente öffentlich zu machen, dabei „ver-\nsuchsweise etwas extrem zu verfahren\" und das\nPublicum dafür Eintrittsgeld zahlen zu lassen, eine Dreistig-\nkeit voraussetzt, welche der Wissenschaft unwürdig ist.\nZuvörderst stellt Hr. Köhler (S. 3) den inhaltschwe-\nren Satz auf: „ Die hörbare Sprache selbst ist Ton,\nnur allein vernehmbar durch den Ton.\" Wir lernen hier\nmithin zum ersten Male, dass das Hörbare durch den Ton\nhörbar ist! Unmittelbar daraus wird geschlossen: „Der\nGesang liegt also in der Sprache.\" Nach die-\nser einzigen Schlussfolge werden die Leser auf fernere lo-\ngische und dialektische Entwicklungen des Verfassers nicht\nbegierig sein. Dennoch können wir ihnen folgende nicht\nersparen, weil sie den Kern des Pudels bildet: „Da der\nTon in dem Worte liegt, wodurch wir mit der Rede auch\nden Gesang erhielten, so muss man consequenter Weise\nauch das gesungene Wort als ein im Grunde nur lang-\ngesprochenes betrachten, wonach Gesang nur ton er-\nweiterte Rede ist.\" (S. 4.) Wir erfahren dann fer-\nner, dass unser Gesang, so wie er jetzt ist, nicht „ das ur-\nsprünglich in sich Einige, sondern eine sehr bedenkliche\nZ weih ei t\" ist, dass „er auch bei den Besten nur\nselten auf dem eigentlichen Grund und Boden bleibt,\nsehr häufig ihn aber auf Kosten des Wortes zum Besten\nder puren Musik verlässt\" ! Seht ihr wohl, ihr Gluck,\nMozart, Beethoven, Spontini, Cherubini, Weber u. s. w.,\nauf wie verkehrtem Wege ihr wäret? Wisst ihr nun, was\neuch verführt hat ? Euer musicalisches Genie, die pure Mu-\nsik, die verdammlichelnspiration von oben! Diese hat euch\nzu dem Himmel der Melodie empor gehoben, während ihr\nhübsch auf dem „Grund und Boden\" hättet bleiben sol-\nlen, wie Hr. Louis Köhler, der uns durch sein ganzes Buch\nund besonders durch die von ihm den Worten „abgelausch-\nten\" Lieder-Melodieen den Beweis gibt, dass er vor einer\nso „bedenklichen\" Himmelfahrt vollkommen sicher ist.\nDoch um ihm nicht Unrecht zu thun, müssen wir an-\nführen, dass er „weniger die naturalistische (!) Rede, als\nvielmehr im engeren Sinne die Kunst rede, die Deel a-\nmation\" als den Gesang bedingend betrachtet. Wüsste\ner nur, was Declamation ist! Er führt Benedix' Lehre\nvotn mündlichen Vortrage rühmend an, meint aber, der\nUmfang von 3 4 musicalischen Tönen, in welchem nach\n\n*) Leipzig, Verlag von J. J. Weber, 1853. 8. 20 Sgr."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "106", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.2", "texte": "Benedix sich Alles schön und wahr geben lasse, sei zu ge-\nring für die gewöhnliche Lebenssprache (soll wahrschein-\nlich heissen für die Sprache des gewöhnlichen Lebens, sti-\nlisirt nach der Analogie eines wollenen Strumpfwirkers) und\nunzureichend für die Declamation. Hätte er aber Benedix'\nBuch überhaupt studirt und verstanden, so würde er sich\nvor Allem überzeugt haben, dass die Declamation nicht bloss\nauf Höhe und Tiefe der Töne (worauf Hr. Köhler seine\nSprachmelodie begründet) beruht, sondern dass drei Fac-\ntoren, gewisser Maassen Hebel des Tones, wie Benedix sie\nnennt, untrennbar dazu wirken: Höhe, Stärke und\nDauer. Die Tonstärke, dieser wichtigste Factor der\nDeclamation, ohne welchen gar nicht an Ausdruck zu den-\nken ist, wirft allein das ganze Wagner-Köhler'sehe System\nüber den Haufen; denn trotz aller angemaassten Sprach-\nund Tonphilosophie schlägt doch der Musiker die Herren\nin den Nacken, wenn sie mit dem blossen Unterschied der\nHöhe und Tiefe die Betonung des Wortes, d. h. also die\nMelodie desselben, zu erschöpfen meinen.\nUm nun unseren Lesern eine recht anschauliche Vor-\nstellung von dem Entstehen der Melodie aus dem Wort\nzu geben, laden wir sie ein, mit uns in Hrn. Köhler's\nsprachmelodisches Laboratorium zu treten. Er nimmt fol-\ngenden Vers vor:\nDie Liebe bringt Lust und Leid.\nJetzt geben Sie Acht. Wir lassen ihn selbst reden (S. 8):\n„Ich spreche diesen Vers laut mehrere Mal, in gehobener\nGefühlsstimmung tonvoll, übrigens unbefangen dann\nschweige ich das Gehörte lebt wortlich wie tonlich in\nmeinem inneren Ohre fort ich belausche mich\nselbst. Ich finde eine bestimmte Tonlage:\nOhne an Melodie zu denken, drängt sie sich selbst auf.\nDie dritte Note stellt aber einen unbestimmten Ton vor,\nder bald g-, bald Bs-, bald /\"-artig klingt; meist ist er ein\nZwittergeschöpf zwischen fis und f. Also schreib' ich f.\n„Victoria! Melodie ist überall! Jeder Mensch ein\nC o m p o n i s t. 0 verwahrlostes Geschlecht, wie hast du\ndich von den Componisten an der Nase herumführen las-\nsen! welchen Unsinn geben sie dir für Gesang! Doch wir\nwollen an unserer Versmelodie noch etwas feilen, an den\nbeiden e; das erste eist mehr e als es, das zweite mehr es\nals e. Betrachten wir danach die ganze Noten-Gesellschaft,\nso sehen wir mit nicht geringem Vergnügen folgenden\nZug der mit seiner rhythmischen Anordnung so\naussieht:\nHerrlich! Menschheit, freue dich! denn nun ist's ja klar, dass\nwir in diesem irdischen Jammerthal schon die Freuden\nElysiums kosten. Schwimmen wir nicht in einem wahren\nMelodieen-Meere? athmen wir nicht Musik? U. s. w. u.'s. w.\"\nEs mag dies zugleich als Probe des Stils des Verfas-\nsers unser oben ausgesprochenes Urtheil rechtfertigen.\nSollte man nicht meinen, das alles wäre Ironie? Nichts\nweniger als das, es ist voller Ernst. Das Köstlichste bei\nder Sache ist nun aber, dass die Köhler'sche Declamation\njenes Verses offenbar falsch ist, indem kein gebildeter\nLeser „Liebe\" höher als „Lust\" betonen wird und je-\ndenfalls „Lust\" von allen sechs Worten die bedeutendste\nHöhe, Stärke und Dauer haben muss. Was wird nun aus\nder Melodie und aus dem Jubel der Menschheit? - Aber\nwas seh' ich? Nachdem uns der Verfasser auf vier Seiten\nseine Wehen bei der Geburt seines Melodie-Wechselbalges\ngeschildert hat, sagt er S. 11 als Schlusswort des Gan-\nzen: „Nur Lust sollte höher liegen; da mir das aber\nerst jetzt einfällt, will ich lieber meinen Ruf als Declama-\ntor einbüssen, als ändern.\" Also, nachdem er vier Seiten\nUnsinn aufs Papier geschmiert hat und darauf einsieht, dass\ner eine Dummheit begangen, das Geschriebene zu ver-\nnichten, umzuarbeiten, das fällt ihm nicht ein! Fort damit\nunter die Presse, damit kein Federzug von L. Köhler für\ndie Welt verloren gehe! Dies ist in der That eine so un-\nerhörte Nichtachtung des Publicums, eine so cynische\nFrechheit, dass sie die Nachsicht, die man mit einem\nschlechten Witz eines jungen Menschen allenfalls haben\nkann, nicht verdient und so derb wie möglich gerügt wer-\nden muss.\nDoch weiter. Die Fortsetzung des Verses entwickelt\nder Verfasser auf ferneren acht bis zehn Seiten bis zu fol-\ngendem Ergebniss:"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "107", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.3", "texte": "und sagt dann, nachdem er auch eine harmonische Beglei-\ntung hinzugethan: „Diese Melodie ist keine Lirumlarum-\nMelodie, aber gewiss dem Wortverse in Sinn und Bau\nAngemessen, und nicht schlecht zu nennen, wenn man\nnicht so albern ist, die Töne von den Worten zu tren-\nnen\" (S. 15). Und S. 22 noch einmal: „ Wenn dieses Stück\nVersmelodie, die nicht gemacht oder erfunden wurde, son-\ndern die.sich selbst gemacht hat, von einer guten\nAlt- oder Bassstimme einfach ausdrucksvoll gesungen wird,\nso glaube ich zuversichtlich, dass jeder Zuhörer,\nder nicht den Ursprung dieser Melodie kennt, damit sym-\npathisirt.\" Nun, dazu gehört eben weiter nichts, als ein\nKöhler glaube!\nAuf ähnliche Weise klaubt der Verfasser noch eine\nMenge Melodieen aus den Wortversen heraus, oft mehr,\noft weniger spasshaft, aber stets höchst naiv. So sagt er\nz. B. Seite 71:,, Ich gehe nicht aufs Melodieen - E r f i n-\nden aus, sondern will, dass die Melodie sich von selbst\nergebe.\" Darauf zeichnet er sich das Lied:\nHerz, mein Herz, warum so traurig? u. s. w.\nin „ Sprachton-Wellen, so wie er sie erlauscht, wenn er\ndie Strophe innerlich declamiren hört (hier declamirt also\ndie Strophe selbst?); dann setzt er's roh in Noten\" u. s. w.\nund fährt fort: „Aus dieser Skizze lässt sich wenig auf\neine an und für sich betrachtete schöne Melodie schlies-\nsen. Doch gut muss sie sein, schlecht kann sie nicht\nsein, ich müsste sonst innerlich eine schlechte Declamation\ngehört haben.\" Hier finden wir also einen Unterschied\nzwischen einer „schönen\" und einer „guten\" Melodie,\nund der Verfasser scheint fast zuzugeben, dass sein Lausch-\nVerfahren wohl gute, aber keine schöne Melodieen er-\nzeugen könne. Bisher sind wir nun aber gewohnt gewesen,\ndas Schöne stets als Öbject jeglicher Kunst zu betrach-\nten; wahrscheinlich ist diese Ansicht Zopf- und Regelkram,\nder über Bord geworfen werden muss. Ehe dies jedoch\ndurch eine neue Kunstlehre vollbracht ist, wird uns Hr.\nKöhler erlauben, die schönen Melodieen den guten vorzu-\nziehen, und er kann es uns nicht übel nehmen, dass wir\nalle von ihm in diesem Buche gegebenen Melodieen nach\nunserem Gefühle für unschön erklären, wenn wir auch\nan ihre innere Güte auf die Versicherung ihres Schöpfers\nglauben wollen, und ihn nur bitten, uns doch nächstens\neine Definition von „Güte der Melodie\" zu geben.\nDiejenige Einwendung gegen sein System, welche etwa\ndavon hergenommen werden sollte, dass „unmöglich im-\nmer so (?) poetische Verse im gewöhnlichen Leben gespro-\nchen werden könnten, und dass von der Prosa des Lebens\naller Klang, Ton und alle Melodie verscheucht werde\"\n- widerlegt der Verfasser durch seine Beobachtungen\nin Königsberg, wo er von den „Bummlern, Ausrufern,\nHausirern und Bauern Melodie vernehmen muss, weil sie\nsich aufdringt.\" Er findet daher in dem Rufe des Kalmus-\njungen:\n„Melodie und Satz\", und freut sich der „Wehmuth\" in:\nEr bedauert, dass nicht jedes Kind des Volkes ein Musik-\nstudirter sei, um die selbstgefundene Melodie aufzuschrei-\nben. „ Wir werden ganze Melodieen-Perlenschnüre aus dem\nVolke ziehen, wenn die Zeit erst da ist, in der die bleichen\nArmenschulkinder, die pausbackigen Dorfbuben Noten\nschreiben lernen wie Buchstaben, frisch aus sich selbst\nheraus den Inhalt schöpfend!\" (S. 34.) Sapperment!\nsetzen wir begeistert hinzu, und wenn alle die Bauernjun-\ngen nun vollends erst musicalisch stenographiren können,\nwie wird es dann an jeder Dorfpfütze, auf jedem Dünger-\nhaufen vor der Meierei von Componisten wimmeln, die den\nReisenden ihre duftenden Melodieen-Perlen zum Verkauf\nanbieten!\nTrotz dieser glänzenden Aussichten auf die Volks-\nComponisten der Zukunft meint der Verfasser doch, dass\nnicht Jeder in der von ihm angegebenen Weise Gesang-\nmusik schaffen könne; aber (S. 21) jeder, der richtig\ndeclamirt, den Ton herauszulauschen weiss und die Töne\nin Noten zu setzen versteht, kannjedenfalls guten (?),\ngefühlvollen und also auch wirksamen Gesang ge-\nben.\" Vortrefflich! Bisher hat man geglaubt, der Com-\nponist müsse Genie, wenigstens eine besondere natürliche\nAnlage für Musik haben; man war es so gewohnt, anzu-\nnehmen, die Melodie sei die eigentliche Seele der Musik,\nund ohne Erfindungsgabe und sorgfältiges Studium über\nihre Entwicklung, ferner ohne gründliche Bekanntschaft\nmit der Theorie der Musik überhaupt lasse sich nichts"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "108", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.4", "texte": "Schönes schreiben. lrrthum, Zopf! Lernt lesen und de-\nclamiren, lernt die Tonleiter und Noten schreiben und\nder Gesangs-Componist ist fertig. Und da nach Seite 72\n„Selbst ein verständiger, mit Gemüth begabter Bauer\nwohl so viel Einbildungskraft hat, um innerlich eine\nRede gut zu vernehmen, die er etwa in einem Buche lies't\"\n,wie sollte es da dem Gymnasiasten, dem Studenten, dem\nHandl'ungs-Commis, dem Schreiber, ja, dein gemüthlichen\nNachtwächter an Köhler'scher Gesanges-Phantasie fehlen?\nDass bei solchen wahrhaft possirlichen Ansichten noch\nallerlei Curiosa über Musik zum Besten gegeben werden,\nlässt sich erwarten. So soll z. B. ein Tongedicht von dem\nWortgedichte auch die Gesetze der Form erhalten; „es\nkann also immerhin in C-dur beginnen und in Es-moll en-\nden, sobald dies nur dazu beiträgt, den Ausdruck wahr zu\nmachen\"! (S. 14.) Dann steht ferner „die Harmonie zudem\neinzelnen Tone so da, wie die Welt zum einzelnen Men-\nschen\" da „malt die grosse None Ueberschwäng-\nlichkeit, weil sie hoch über der Octaven-Gränze schwebt,\ndie kleine None aber Druck, weil sie dicht au f der Oc-\ntave liegt\". Da lernen wir endlich auch, warum Wag-\nner die bekannte declamatorische des Lohen-\ngrin an Elsa: „Nie sollst Du mich befragen\" u. s. w., bei\ndem letzten Worte: „noch wie mein Nam' und Art\", in\nDur schliesst, nämlich „weil dieses Dur die Göttlich-\nkeit der Abkunft schön bezeichnet\"!!\nDie einzige Stelle in dem ganzen Buche, welche ver-\nnünftig klingt, ist folgende: „Ucberhaupt ist es nicht nur\nnicht nötilig, die nackten (abgelauschten) Worttöne im\nKunstwerke zu geben, sondern es wäre geradezu eine thö-\nrichfe Beschränkung der Kunst und deren Mittel, wie der inne-\nren Begeisterung. \" Wenn derVerlasserjedoch fortfährt: „ Soll\naber auch die Sprach-Melodie in ihrer Nacktheit nicht gegeben\nwerden, so ist sie doch alles wahren Gesanges einziger und\newiger Ursprung, Grund und Heimat\" so sieht man\nwieder, wie der Verfasser durchweg irrthümlich der Sprach-\nMelodie das Bestimmende für die Composition zuerkennen\nwill, während dieses doch einzig und allein in dem poeti-\nschen Gedanken, in dem Gefühls-Inhalt des Ge-\ndichtes, in der Empfindung und Stimmung des Ge-\nmütlies, dem es entquollen und in dem es wiederklingt,\nliegt. Die richtige Declamation ist nur ein untergeordnetes\nElement, obschon ein notwendiges; sie aber für das einzig\nund allein zeugende Princip der Melodie zu erklären, heisst\nder Musik die Seele rauben und sie zum Skelette machen.\nDer Verfasser fühlt das auch wohl und kommt dann zu\nWidersprüchen, z. B. wenn er Tamino's Arie:\n„Dies liildniss isl bezaubernd schon,\nWie noch kein Auge je geschn!\"\nfür einen wundervollen Ausdruck der Emp fi ndu n g\nerklärt, dabei das gegen alle Sprach-Melodie verstossende\nAbsteigen der Tonleiter und die falsche Betonung von\n„noch\" zwar nicht übersieht, aber anstatt sie mit Conse-\nquenz zu verdammen, dadurch rechtfertigt, dass „oft der\nGefühl szug eine ganze Wort reihe im Ausdruck be-\nstimmt\". Ei, da sind wir ja auf einmal einig! Aber wozu\nalsdann das ganze Geschwätz über Sprach-Melodie?\nWir geben zum Schluss noch die von Hrn. Köhler\naus Göthe's 31ignon-Lied herausgelauschte Melodie:\nMan denke sich nun zu diesem Liede ohne Form und Ton-\nart eine in keineswegs verbundenen, sondern nur neben\neinander gestellten Accorden unstät modulirende Harmonie,\ndie z. 13. zu den sechs letzten Tacten so aussieht:\nlind man wird hoffentlich genug haben und Beethoven, Spohr,\nLiszt und alle früheren Componisten dieses Liedes bedauern.\nHrn. Köhler's Melodie „ m u s s\" dagegen vortrefflich sein;\ndenn der bescheidene Mann „wagt kaum, obiges Lied für\nseine Composition auszugeben, denn er hat nichts daran\ngethan, als sie erlauscht und dieSprach-Melodie bekleidet\"."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "109", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.5", "texte": "(S. 66.j Armer Gölhe! Grosser Dichter! zu was für einem\nschlechten Componisten bist du verköhlert worden!\nDass nicht alle Gedichte, ja, vielleicht nur wenige,\n„sich selbst componiren können\", daran sind natürlich die\nDichter schuld, und das Ende vom Liede und vom Buche\nkann kein anderes sein, als der Trost auf die Zukunft:\n„Dann erst ist die Melodie der Sprache im vollen Flor,\nwenn Wort und Ton, Dichtung und Musik zusammen\nerstehen!\"\nWahrlich! nach diesem Buche liesse sich ein humoristi-\nsches Bild der Musikmacherei im zwanzigsten oder dreis-\nsigsten Jahrhundert entwerfen, bei dessen Anschauung die\nThränen, welche der Genius der Kunst jetzt über die wahn-\nwitzigen Verirrungen seiner Jünger weint, von unbändigem\nLachen erstickt werden müssten.\n\nWiener Briefe.\nGeehrter Herr Redacteur!\nWiens musicalischer Status quo.)\nWien, den 22. September 1853.\nEs dürfte den Lesern Ihrer sehr geschätzten Zeitschrift\nwohl nicht unlieb sein, einmal in summarischer Darstellung\nzu erfahren, wie es denn um die musicalische Kunst in\n\\Y ien gegenwärtig überhaupt bestellt sei, ob und in wie\nweit eben das Wien, in dessen Schoosse sich doch factisch\ndie grossen Ton-Heroen der Vergangenheit entwickelten,\nden Misscredit verdiene, welcher ihm auch in Sachen der\nTonkunst von seinen westlichen und nördlichen Nachbarn\nin ziemlich reichem Maasse zu Theil wird. Sie erhalten diese\ngedrängte Darstellung aus der Feder eines Mannes, der in\nSachen der Kunst weder eine heimische Parteinahme noch\nein exterritoriales Yorurtheil kennt, und überhaupt keine\nRücksicht gelten lässt als die, welche im Wesen der Sache\nselbst begründet ist.\nEs unterliegt keinem Zweifel, dass Wien die glanzvolle\nStellung, welche es einst in der gesammten Musikwelt be-\nhauptete, längst eingebüsst hat. Wodurch anders aber war\ndieselbe hauptsächlich begründet, als durch die zum Theil\ndoch zufällige gemeinschaftliche Anwesenheit jener grossen\nTondichter, deren Namen ich nicht zu nennen brauche, und\ndurch die natürlichen Nachwirkungen derselben auf meh-\nrere Decennien hinaus? Es ist in der That eigenthümlich,\ndass wir gegenwärtig in anderen Künsten, deren Residenz\no o O\ndoch sonst eben Wien nicht gewesen, Grössen ersten Ran-\nges beherbergen, wie in der Poesie namentlich Friedrich\nHebbel, in der bildenden Kunst, wenn auch nicht ganz so\nhoch stehend, Karl Ralil, während wir gerade in der uns\neinst wie ausschliessend zugehörenden Tonkunst, wenn auch\nmanches mehr oder minder bekannte und geschätzte Talent,\ndoch nicht Einen grossen Namen aufzuweisen haben.\nHiermit allein erlischt denn schon der Glanz von selbst.\nDer Nimbus, welcher Weimar einst umstrahlte, war eben\nauch an bestimmte grosse Persönlichkeiten gebunden, die\nehrenwerthen Bewohner Weimars selbst aber hieran ziem-\nlidi unschuldig, und Niemand betrachtet jene Stadt jetzt mehr\nals Deutschlands Dichterwiege der Zukunft. Was das\ngrosse Publicum Wiens betrifft, so ist dasselbe wohl für\ndas Gute und auch für das Schlechte eben so empfänglich,\nwie das jeder grossen Weltstadt. Wenn man uns als spe-\ncifische Verehrer alt- und neu-italiänischer Musik, Balfe'-\nscher und Flotow'scher Opern oder wohl gar Alex. Bau-\nmann'scher und G. Hölzel'scher „ Schnaderhüpferl\" be-\nzeichnen wollte, so könnten wir dies mit Recht ehrenrüh-\nrig nennen. Diese Herren finden ihre Verehrer in der gan-\nzen Welt, und wenn auch hier einige mehr, so ist die nu-\nmerische Differenz zwischen Wien und manchen anderen\nStädten nicht der letzte Factor hierbei. Es gibt indessen\nauch kein wahrhaft begeisterteres Publicum, als es das\nWiens in den philharmonischen und Spirituel-Concerten stets\nwar und auch jetzt noch in den meisten Fällen ist, wo\nihm wahrhaft gute und grosse Musikwerke geboten werden.\nAuch das unselige Virtuosenwesen, welches hier allerdings\nganz besonders llorirte, darf man nicht Wien speciel zum\nVorwurf machen. Es war dies eine Krankheit, welche all-\ngemein grassirte, ja, mit einer gewissen Notwendigkeit\neine Zeit lang herrschend werden musste, nunmehr aber\nhier so gut im Erlöschen begriffen ist, wie anderwärts. Das\nRichtige liegt aber darin, dass der Wiener, wie der deutsche\nSüdländer überhaupt, vermöge seiner nach der sinnlichen\nSeite beweglicheren, nach der geistigen aber schwerfällige-\nren Natur leichter zum äusserlich Glänzenden, innerlich aber\nWerthlosen verlockt wird. Er wird leicht hingerissen, be-\ngreift jedoch etwas schwer. Darin wurzelt denn auch einer-\nseits der schwerste und begründetste Vorwurf, welcher\nmeinen werthen Landsleuten gemacht wird, dass sie näm-\nlich der modernen Entwicklung der Tonkunst fast ganz\nfremd geblieben sind und dieselbe mit Haydn, Mozart,\nBeethoven (auf Bach, Händel und Gluck gehen sie schon\nnicht sonderlich gern zurück), mit Schubert, C. M. v. We-\nber und allenfalls noch Hummel gleichsam als völlig abge-\nschlossen betrachten. Wie langer Zeit bedurfte es, bis selbst\nein so bedeutendes Talent wie Mendelssohn sich hier das\nEhren-Bürgerrecht erwarb! Jetzt freilich ist auch er ein"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "110", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.6", "texte": "Liebling des Publicums geworden, und in einem allgemeinen\nPantheon würde gewiss auch seine Bild-äule aufgestellt werden.\nIndessen wirkt bei dieser Vorliebe für jene Meister derselbe\nUmstand mit, welcher den Franzosen seinen Corneille, Ra-\n* . f, . ' %• v * - -\neine, Moliere, Voltaire u. s. w., den Italiäner seinen Ariost,\nDante, Tasso und Andere mit so viel Vorliebe dem Fremd-\nländischen entgegenstellen lässt. Denn jene Männer werden\nhier nicht nur als Heroen im Allgemeinen, sondern (Weber\nund Hummel natürlich ausgenommen) als eine Art nationa-\nler Gottheiten verehrt, über deren möglichste Alleinherr-\nschaft eifersüchtig gewacht wird. Man hängt an der Grösse\ndes alten Testamentes und will ein neues durchaus nicht\ngelten lassen.\nIndessen glaube man ja nicht, dass ich hier unserem\nguten Wien eine absolute Schutzrede halten wollte. Es ist\nund bleibt schmählich, dass hier alles, was seit Decen-\nnien an bedeutenden Kräften hervorgetreten ist, Mendels-\nsohn ausgenommen, fast völlig ignorirt wird, dass die\ngrossen oder doch bedeutenden und interessanten Werke\neiner früheren (vor-llaydn'schen) Periode hier Fremdlinge\ngeworden sind, dass selbst eine musicalische Grösse wie\nHob. Schumann bis vor einem Jahre im öffentlichen Leben\nnicht mit Einem Werke vertreten, in den weiteren Privat-\ncirkeln aber eine Terra incognita war, dass die Opernwerke\nRichard Wagner's, die, gleichviel, mit welchem Rechte, je-\ndenfalls doch seit zehn Jahren ein Hauptagens in der mu-\nsicalischen Welt bilden, von unserer Bühne beharrlich aus-\ngeschlossen blieben, dass man es nicht der Mühe werth\nhält, Berlioz, der jedenfalls keine triviale Erscheinung ist,\nmit mehr Beharrlichkeit ins Auge zu fassen, um seine Na-\ntur, und wie viel in ihr Wahres oder Falsches enthalten\nsei, zu erforschen, dass man Werke wie Beethoven's neunte\nSinfonie hier durch ein ganzes Decennium schlummern\nlässt, und so vieles Andere. Die berüchtigte Schläfrigkeit\nunseres Opern-Institutes und die Armseligkeit seines Re-\npertoires, von welchem selbst Spohr und Marschner (der\nälteren Meister nicht zu gedenken!) völlig verschwunden\nsind, um der neuesten Flotow-Balfe'schen und Meyerbeer'-\nschen Propheten-Musik desto grösseren Spielraum zu ver-\nschaffen, der Schlendrian unserer Concert-Programme, in\ndenen fast immer nur das Alte, Allbekannte wiederkehrt,\ndas triviale Gebahren unseres mit so herrlichen Kräften\n* , •*» ' * •\nausgerüsteten Männergesang-Vereins, der unglaubliche Man-\ngel mehrerer grossen und tüchtigen Orchester, die thö-\nrichte, aus engherzigen Rücksichten fortdauernde Spaltung\nunserer musicalischen Kräfte in zwei sich gegenseitig hem-\nmende Institute, die Nichtunterstützung selbst (einheimi-\nscher Talente, endlich die Nichtigkeit und Verderbtheit un-\nserer musicalischen Kritik: alles dies sind wohl Momente,\naus denen sich ein gehöriges Sündenregister zusammensetzt.\nAber, wohlgemerkt, an all diesem sind zum grossen,\nja, zum grösseren Theile die Unzulänglichkeit und der Mangel\nan gutem Willen von Seiten der Leiter unserer musicalischen\nInstitute, die Indolenz und ordinäre Flachheit der meisten\nconcertirenden Künstler, endlich die Bequemlichkeit aller\nzusammen, die es vorzieht, das Längstbekannte, Einge-\nwohnte einem dankbaren Publicum vorzuführen, als den\nKampf mit dem schwierigeren Langentwöhnten oder Neuen\nzu versuchen, und das kleinliche, unehrenhafte Cliquenwesen\nschuld, das sich so gern hinter dem Deckmantel des Patrio-\ntismus verbirgt. Und warum gibt es keine Sänger, die in\nöffentlichen Concerten Schubert's unsterbliche Gesänge (nur\neiner äusserst beschränkten Zahl widerfährt die Ehre),\nSchumann's tiefsinnige, zaubervolle Lieder oder C. Löwe's\nbedeutsame, herrliche Balladen dem Publicum vermittelten?\nWarum keine Clavier-Virtuosen, deren Zahl doch nicht ge-\nring ist, die einmal auch einige andere als die fünf bis\nsechs stets gehörten Sonaten Beethoven's, z. B. die treffli-\nchen Sonaten C. M. v. Weber's und so manches bedeutende\nNeuere zur Aufführung brächten ? Echte Künstler mögen\nden Versuch wagen, und ich stehe mit Leib und Loben für\nden Erfolg, wenn es nicht ganz verkehrt angegriffen wird;\ndenn es ist nicht wahr, dass es hier geradezu an einem\nempfänglichen Boden mangle; er muss nur mit Energie\nbebaut werden.\nIm Allgemeinen muss man denn auch sagen, dass sich\ndas musicalische Leben seit den letzten paar Jahren hier\nentschieden zum Besseren gewendet hat. Die Programme\nunserer grossen Concerte sind unstreitig reichhaltiger ge-\nworden ; so manches längst nicht mehr gehörte Werk von\nBach, Händel, Cherubini, Weber hat seine meistens glän-\nzende Auferstehung gefeiert; auch Neueres wurde gebracht,\nwie namentlich von Gade und im verflossenen Winter be-\nkanntlich auch ein Quartett von Rob. Schumann. Nicht\nleicht wagt es mehr ein Clavier-Virtuose, ein Concert zu\ngeben, in dessen Programm er nicht mindestens, wenn auch\nnur par honneur, irgend eine „classische\" Nummer auf-\nnimmt; die stetigen Quartett-Productionen, von Jansa be-\ngründet und von Hellmesberger erfolgreich fortgeführt, sind\nein erfreuliches Zeichen der Zeit, und es ist Hoffnung vor-\nhanden, dass es in nächster Zukunft noch besser wer-\nden wird.\n(Schluss folgt.)"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "111", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.7", "texte": "Aus Coblenz.\nDas aus Veranlassung der Fahnenweihe des St. Castor-Männer-\nVcreins hier schon seit längerer Zeit vorbereitete Vocal- und In-\nstrumental-Conccrt der hiesigen vereinten Männerchöre, unter freund-\nlich-nachbarlicher Mitwirkung des in allen musicalischen Gauen\nrühmlichst bekannten kölner Männergesang - Vereins, fand am\nSamstag den 24. Sept. im Theater-Saale Statt und erregte all-\ngemeine freudige Theilnahmc. Die ganze Einnahme desselben war\nzum Besten der hiesigen beiden Waisenhäuser bestimmt und lie-\nferte ein sehr erfreuliches Resultat.\nDer kölner Verein wurde durch 50 Sänger, die hiesigen drei\nMännerchöre durch 70 Sänger, und das Orchester durch 60 einhei-\nmische Musiker und Dilettanten vertreten, so dass das Ganze der\nMitwirkenden aus 180 Personen bestand.\nDie zur Einleitung und zwischen den Gesängen vorgetragenen\nOrcheSter-Partieen, durch Hrn. Musik-Director Lenz dirigirt, waren\ngediegene Werke von Mozart, Beethoven und Mendelssohn, und\nmachte deren gute, sehr exaete Production unserem Orchester\nalle Ehre. Die Saiten-Instrumente traten durch ihre gute und mchr-\nzählige Besetzung mehr als je hervor.\nVon dem St. Castor-Vereine, unter Direction des Hrn. Schons,\nwurden zwei Sachen, ein Motett von B. Klein und ein Lied von\nMusik-Director F. WTeber, „In der Ferne\", vorgetragen. Sodann von\ndiesem und den anderen beiden hier bestehenden Vereinen, unter\nDirection des Hrn. Fr. Gritschcr, drei Gesänge von Abt, Otto und\nKreutzer, und unter Direction des Hrn. J. Lenz drei Gesänge von\nMendelssohn, und Fischer. Sic wurden sämmtlich mit einem\nFleisse und durchweg so schön vorgetragen, als es nur irgend zu\nerwarten war, und lieferten den Beweis, welch erfreuliche Fort-\nschritte in der neueren Zeit gemacht worden. Es hat sich hierbei\noffenbar der Spruch: „Vereinte Kräfte wirken44, durch die That be-\nwährt, und sei daher auch bei dieser Gelegenheit der angelegentliche\nWunsch ausgesprochen, dass eine solche Vereinigung aller unserer\nmusicalischen Kräfte auch für die Zukunft öfter, und namentlich\nauch zu den Winter-Concerten, unter Direction des Hrn. J. Lenz,\nStatt haben möchte. Der Erfolg wird sicher belohnend für die Aus-\nführenden und höchst erfreulich für die Zuhörer sein.\nDer zweite Theil des Concerts begann mit den Vorträgen unse-\nrer verehrten kölner Gäste, unter Direction des Hrn. Musik-Direc-\ntors Weber. Das in allen Räumen gefüllte Haus empfing dieselben\nmit einem freudigen, rauschenden Willkommen und in grosser, er-\nwartungsvoller Spannung. Das erste uns geschenkte Lied, „Der\nschöne Schäfer\", von Otto versetzte das ganze Auditorium durch\nseinen lieblichen, idyllischen Charakter und den höchst gelungenen\nVortrag sogleich in eine bewundernde, sehr wohlthuende Stimmung\nund würde durch die hierauf folgenden Gesänge: „Mein Wunsch\"\nvon Schartlich, „Schwertlied\" von Weber, „Im Walde\" von Kücken,\n„Die drei Röslein\" von Silcher, „Ständchen\" von Abt, „Canzonetta44\nvon Reichardt und „Der frohe Wandersmann\" von Mendelssohn,\nunter fortwährenden Beifollsbezcugungen bis zum höchsten Enthu-\nsiasmus gesteigert. Die schöne, durchaus gelungene Ausführung\njedes einzelnen Liedes hervorzuheben, würde diesen Bericht wohl\nm weit ausdehnen; daher genüge unsere einfache, wahre Mitthei-\nlung, dass alles, was die herrliche, so recht geborene Tenorstimme,\nwas die schulgerechte, schöne Baritonstimme in ihren Soli, und\nendlich was der so recht aus Einem Gusse vom leisesten Piano bis\nzum höchsten Forte hervorströmendc Chor zu Gehör brachte, die\ngrösste Vollkommenheit war, so dass alle unsere Erwartun-\ngen weit übertroffen wurden. Dieser Hochgenuss wird uns stets in\ndankbarer Erinnerung bleiben.\nDen Schluss des ganzen Concerts machte „Meeresstille und\nglückliche Fahrt\" von Fischer, ausgeführt von dem ganzen Gesang-\nund Orchester-Personal, unter Leitung des Hrn. Musik-Directors\nLenz. Auch über die Ausführung dieses Werkes kann nur das\nbeste Lob ausgesprochen werden, da sie in allen Thcilen gelang\nund somit einen würdigen Schluss dieses genussreichen Abends\nbildete. Nach dem Coneerte versammelte sich das ganze Sänger-\nPersonal zu einem heiteren Mahle. Viele passende Toaste, muntere\nReden und heitere Gesänge würzten dasselbe und endigten in den\nfrühen Morgenstunden mit dem allgemeinen gegenseitigen Verspre-\nchen, dass diese erste freund-nachbarliche, der heiligen Müsica ge-\nwidmete Zusammenkunft nicht die letzte, sondern ein Sporn zu\nbaldiger Wiederholung sein solle. Möge dies recht bald in Er-\nfüllung gehen!\n\nAus München.\nE. Dr.\nHat sich je der Spruch: „Durchs Ohr zum Herzen\", bewahr-\nheitet, so ist es bei Johanna Wagner der Fall! Sie kennt den\nWeg zur Seele, sie besitzt die Macht, welche dem grossen Haufen\nvon Sängern und Sängerinnen versagt ist, ja, sie besitzt sie mehr,\nals irgend Eine! Sie redet die Sprache des Himmels, sie gibt den\nseligsten Gefühlen Ausdruck, sie versteht es, die mächtigen Regun-\ngen ihrer begeisterten Seele uns mitzutheilen. Die Worte, welche\nsie ausspricht, sind nur eine leise Andeutung, über welche sich die\nKlänge der Musik ausbreiten, und mit diesen dringt ihre Stimme,\nihr Gesang, ihr Geist, ihre Seele zur Seele, zum Herzen. Was die\nSeele Tiefstes und Höchstes träumt und ahnt, spricht die Musik aus.\nJa, ihr enthüllen sich Gedanken und Gefühle höherer geistiger\nArt, als die menschliche Rede sie auszudrücken vermag. Musik ist\ndie Offenbarung des Unendlichen. Gesang, wie uns Johanna Wag-\nner ihn spendet, erquickt uns hundertfach, erfüllt uns mit Trost\nund Beruhigung, erfasst unser Wesen ganz und reisst unsere Seele\nhin in Lust und in Schmerz, in Hoffnung und in Angst, in schwel-\ngendes Entzücken und in sehnendes Vergehen.\nJohanna Wagner trägt in sich die schaffende Kraft, sie zeigt,\nwas dramatische Kunst, was tragische Wirkung, was Poesie des\nDrama's ist.\nDie herrliche Künstlerin gestaltete uns eine Fides und Va-\nlentine, einen Fidelio und Romeo zu dramatischen Gebilden\nvoll naturgetreuen Lebens und zauberhafter Poesie, sie erfasstc das\nPublicum durch und Gesang, durch Spiel und Auffassung\ndermaassen, dass es Anfangs die jetzt erst zur Geltung, zum Leben\ngelangten, wie neu geschaffenen Gebilde stumm anstaunte, bis es\nendlich Worte und Bewegung fand, seinen Beifall auszudrücken,\nwelcher bald zum Enthusiasmus anschwoll.\nUnsere Sänger und Sängerinnen bemühten sich, gleichen Schritt\nmit Johanna Wagner zu halten, welches besonders Fräulein\nIlefner (Julia) und den Herren Härtinger (Raoul und Flo-\nrestan) und Brandes (Prophet und Tybaldo) gelang. Das Orchester,\nbesonders die Harmonie, liess manch arge Schwankungen vermer-\nken, leistete übrigens im Ganzen, wie gewöhnlich, Anerkennungs-\nwerthes. Hr. General-Musikdirector F. Lachner dirigirte. Die\nChöre waren grösstenteils schläfrig und ohne Leben.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nMöln. Theater. Die letzte Woche brachte die Aufführun-\ngen von Donizetti's Lucrezia Börgia und Mozart's Don\nJuan, und die Wiederholung von Aubers Maurer. Sagen wir\ngleich, dass diese Wiederholung die beliebte Oper weit gelungener\nvorführte als in voriger Woche. Eine wahrhaft vorzügliche Vor-\nstellung war die Lucrezia Borgia (zwei Mal). Die Hauptpartieen hat-\nten Frau Schmidt-Kellberg, Fräul. Marschalk (Orsinö), Hr.\nKahle (Gennaro) und Hr. Noldcn als Gast (Alfonso) inne. Frau"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "112", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531001-01.1.8", "texte": "Schmidt hatte hier und in der Partie der Donna Anna im Don\nJuan Gelegenheit, ihre volle schöne Stimme zu entfalten, und zeigte,\ndass sie als dramatische Sängerin für eine Bühne zweiten Ranges\neine sehr gute Acquisition ist. Hier und da schwankt freilich die Into-\nnation etwas, und der Mangel an technischer Fertigkeit hindert die\nVollendung der Coloratur. Hr. Kahle war als Gennaro vortreff-\nlich, Fräul. Marschalk überall, besonders in dem grossen Duett\nmit Gennaro im dritten Acte, welches man so selten hört, sehr\ngut. Ihre Stimme ist nicht so gross und stark, wie sie uns Anfangs\nerschien, und wie wir sie vollends nach den Berichten aus Berlin\nerwarteten; allein sie hat den unschätzbaren Vorzug der Gleichheit\nund dabei grossen Wohllaut. Der Gast, Hr. Nolden, lange beim\ncoburger Ilofthcater angestellt, war als Alfonso ganz in seiner\nSphäre. Im Don Juan, wozu ihm die Kunstbildung des Sängers,\ndie Jugend und die Gewandtheit des Schauspielers fehlen, musstc er\nnothwendig den guten Eindruck schwächen, den er in der Lucrezia\nmit Recht gemacht hatte. Der Chor, die Scenerie, die Costumc, Alles\nAvar in dieser Oper so gut, so übereinstimmend, so sicher studirt,\ndass wir namentlich vom ersten Acte der Lucrezia Borgia behaup-\nten können, dass wohl keine Bühne am Rheine gegenwärtig etwas\nAehnliches leistet.\nWeniger gelungen war die Vorstellung des Don Juan. Aber\nfreilich, wir möchten eine Bühne kennen, auf welcher jetzt diese\nOper vollkommen gut gegeben werden könnte! Der Don Juan selbst\nwrar, wie schon gesagt, ganz verfehlt; Leporello im Ganzen gut,\naber nicht immer präcis und sicher (z. B. in dem Duett vor der\nBildsäule); und vor Allem ersuchen wir Hrn. Schmidt, Mozart's No-\nten doch ja unangetastet zu lassen. Dergleichen musicalische Ei-\ngenmächtigkeiten können wir hier nicht vertragen.\nEben so unpassend ist es eine allgemeine Bemerkung,\nwelche wir hier einschalten wollen —, dass die Sänger nach En-\nsemblestücken, wenn sie mit ihre n Noten fertig sind, das Orche-\nster aber noch das Nachspiel des Musikstückes vorträgt, während\ndieses Nachspiels zu plappern anfangen! Es zeugt dies\nvon einem gänzlichen Mangel an künstlerischer Einsicht und Auf-\nfassung und von grosser Armuth an Hülfsmitteln, um durch stum-\nmes, ausdrucksvolles Spiel das zu begleiten, was der Componist im\nNachhall der Stimmung des Gesangstückes am Ende desselben\ndurch Instrumental-Melodiccn sagen will. Im Ganzen war die Be-\nsetzung der Oper gut Frl. Marschalk sang die Elvira, Hr.\nKrön den Ottavio (die erste Arie: „Ein Band der Freundschaft\",\nrecht gut), Hr. Schlüter den Comthur, rein und kräftig, u. s. w.\nallein sie war zu schnell in Seenc gebracht, daher Unsicherheit\nan allen Enden, wie denn z. B. das grosse Sextett durch das Um-\nherschwimmen des sonst ganz artigen Zerlinchens unmöglich\nglücklich ans Land kommen konnte.\nDas Schauspiel brachte uns Frcitag's „Journalisten\" (deren\nVorstellung w ir beizuwohnen verhindert waren), eine Wiederholung\nvon Bencdix' „Mathilde\", worin Frl. Schneider eben so wie\ndas erste Mal ganz vortrefflich spielte, Scribcs „Frauenkampf\"\n(worin die Gräfin eine gute Leistung von Frau Hase war,\nwährend Leonie [Fräulein Meister] bedenken sollte, dass\ndie Naivctät und Beweglichkeit einer jungen Dame von Stande,\ndie eben aus der Pension zurückgekommen, keine Grisettcn-Naivc-\ntät sein darf!) und einige Kleinigkeiten, die zum Theil hier neu\nwaren und von denen „Er ist nicht eifersüchtig\" von E1 z am\nbesten gefiel, namentlich durch das köstlich ergötzliche Spiel des\nHrn. Hesse, bisher Regisseur am Königsstädtischen Theater in\nBerlin, dessen Komik lind Bühnen-Gewandtheit uns diesen Winter\nnoch viel zu lachen geben wird. Frl. Schneider spielte die Cä-\ncilia ganz allerliebst. So viel wir bis jetzt urthcilcn können, ist auch\ndas recitirendc Drama des Hrn. Röder recht gut besetzt. Wir nen-\nnen ausser den schon Erwähnten mit Achtung vor ihrem Dar-\nsteller-Talent die Herren Günther und Holzstamm. Hr. Gün-\nther gab uns, ausser dem Arnau in der Mathilde, in einem freilich\nsehr werthlosen einactigcn Drama von Bahn, „Ein seltenes Weib\",\nein treffliches Bild aus dem Leben, voll Leidenschaft und Wahr-\nheit, und Hr. Hol/stamm straft in jeder Rolle seinen Namen auf\nerfreuliche Weise Lügen.\n** Cwotlaa, 25. Sept. Am 8. d. M. wohnte ich hier einer Auf-\nführung des Elias von Mendelssohn bei, welche einen grossen\nEindruck auf mich machte. Sic fand in der Augustiner-Kirche bei\nglänzender Beleuchtung Statt; man fühlte dabei so recht, dass die\nwahre Wirkung eines Oratoriums doch nur in der Kirche erreicht\nwerden kann. Die Gothaer haben dergleichen grosse Aufführungen\ndem edeln und unermüdlichen Streben des Hrn. Wandersieb\nzu verdanken; im Jahre 1849 brachte er Haydns Schöpfung, im\nJahre 1850 Schneiders Weltgericht zu Gehör; auch hat ihn der\nkunstsinnige Herzog von Gotha durch Verleihung der goldenen\nVerdienst-Medaille geehrt.\nDer „Elias\" war recht gut studirt, der Chor nicht so zahlreich,\nwie wir es am Rheine gewohnt sind etwa 80 bis 90 Personen\nstark —, aber ganz vortrefflich. Das Orchester, durch Musiker aus\nErfurt, Weimar und Arnstadt verstärkt, war ebenfalls brav, d. h.\nvorzüglich da, w o es auf Kraft, Feuer und Massenwirkung ankam;\nallein es that zuweilen darin des Guten zu viel zumal da es im\nVerhältniss zu den Sängern (60 Instrumentalisten) so schon etwas\nzu stark war, und die Begleitung der Sologesänge licss an Zart-\nheit viel zu wünschen übrig. Unter den Solisten ragte Fräulein\nSchreck aus Erfurt durch ihren vortrefflichen Vortrag der Alt-\npartie hervor; die übrigen Soli waren alle durch Dilettanten besetzt\nund in der That so gut, als man es nur von Nichtkünstlern er-\nwarten kann. Möge Hr. Wand er sieb in seinen schönen Bestre-\nbungen fortfahren und dabei immer die regsle Theilnahme und Un-\nterstützung finden; an Anerkennung wird es nicht fehlen, wenn\nauch nicht so viel Lärm darüber geschlagen wird, als in der Nach-\nbar-Rcsidenz.\n\nE."}]}