{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-10-15-01", "volume": "bmtnabi_1853-10-15_01", "ocr_sha256": "6127bad8909fd8e85ad1b13aba3540a6f6ec7d26f05550d4b7cc9eb1c82248b9", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/10/15_01/bmtnabi_1853-10-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "123", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.2.1", "titre_corps": "W. von Lenz über Beethoven.", "titre_sommaire": "W. von Lenz über Beethoven.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3961, "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\nHerr von Lenz ist ein Livländer, Staatsrath in russi-\nschen Diensten, bekannt mit der deutschen und französi-\nschen Literatur, befreundet mit der Tonkunst und vielen\nbedeutenden musicalischen Persönlichkeiten der letzten\nJahrzehende, heimisch in Paris, London, Rom, Petersburg,\nmit Einem Worte: ein Mann von Welt aus der gebildeten\nClasse der russischen Aristokratie, der sich einen „Schüler\nund Freund Chopin's\" nennt, und in allem diesem zusam-\nmengenommen eine Berechtigung findet, als musicalischer\nSchriftsteller aufzutreten. Er thut dies um so lieber, da\nnach dem alten Spruche des Sallustius „jeder Mensch da-\nhin streben muss, eine Spur seines Daseins zu hinterlassen\",\nund wünscht, dass „die ausgezeichneten Geister,\ndie hervorragenden Menschen, deren Freundschaft\nder Reiz seines Lebens ist, sein Werk als eine nicht un-\nwürdige Frucht der Pflege der Kunst, die er so lange mit\nihnen getheilt hat, annehmen mögen\". Wir unsererseits\nvermuthen noch einen anderen Grund, welcher ihn zum\nöffentlichen Auftreten bewogen hat. Die Trophäen des Mil-\ntiades liessen den Themistokles nicht schlafen eben so\nraubte Ulibischeff's Ruhm Herrn von Lenz die Nacht-\nruhe und trieb ihn sogar an, gegen Ulibischeff eine Lanze\nzu brechen und sich als Rächer des von jenem verkannten\nund beleidigten Beethoven'schen Genius aufzuwerfen. So\nentstand das Buch:\nBeethoven et ses trois\nnates de Piano, suivies de Vessai d'un Catalogue cri-\ntique, chronologique et anecdotique de l' oeuvre\n(siel) de Beethoven. P\nbourg, chezßernard.lBs2. 8 3 Thlr.\nAusserdem lührt es noch auf dem Titel den Virgil'schen\nHalbvers: Deus nobis haec otia fecit —, dessen Beziehung\nzum Werke schwer zu deuten ist, Herr von Lenz müsste\ndenn vom Kaiser in den Ruhestand versetzt worden sein,\noder eine „göttliche Langeweile\" in seinem Buche voraus\ngeahnt haben. Seit Erscheinung desselben sind in den De-\nbats (von Berlioz), in der pariser Gazette et Revue Musi-\ncale und in den Feuilletons einiger deutschen politischen\nBlätter (neuerlich noch in der augsburger Allgemeinen Zei-\ntung) empfehlende Artikel über dasselbe erschienen, bei\ndenen man hier und da an den Einlluss der bekanntlich\nsehr geschickten russischen Diplomatie glauben könnte.\nUnseren Vorsatz, das Buch zu besprechen, haben wir einige\nZeit lang ruhen lassen und diese benutzt, der neuen, ziem-\nlich anspruchsvoll angekündigten Erscheinung etwas genauer\nins Auge zu sehen, da wir aus mancherlei Vorzeichen ahn-\nten, dass uns wahrscheinlich wieder die Rolle zufallen würde,\ndie Legitimations-Papiere des vornehmen Fremden, der in\nden Salons der musicalischen Welt Aufsehen macht oder\nmachen möchte, etwas schärfer zu untersuchen.\nDer Verfasser bestimmt sein Buch, „ als ein nicht tech-\nnisches, allen denen, welche die Musik eben so wie die Li-\nteratur lieben\", und meint, dass „ein Buch hoher Kritik,\nwelches so wenig die technische Seite seines Gegenstandes\nberühre, vielleicht nicht der Originalität entbehre und zu\ndenken geben könne\".\nDabei müssen wir gleich von vorn herein das Beden-\nken äussern, wie es uns nicht wohl möglich erscheine, die\n„hohe Kritik\" in der musicalischen Kunst zu üben, ohne\ntechnische und theoretische Kenntnisse in dieser Kunst zu\nbesitzen. Ein Kritiker, der ein Buch „über die drei Stile\nBeethoven's\" schreibt und die wichtigsten Fragen über\nden harmonischen, den contrapunktischen, den rhythmischen\nStil des Meisters und über den Charakter seiner Art, zu\ninstrumentiren, mit einigen abgerissenen Bemerkungen auf\ndrei bis vier Seiten (S. 96—101) abfertigt und in der\nVorrede gesteht, dass er diese Bemerkungen dem bekann-\nten petersburger Musiker Damcke verdanke und sie nur\nnach seiner Weise zurecht gemacht habe ein Solcher\nweckt in der That kein günstiges Vorurtheil für seine Be-\nfähigung zum Eindringen in die Geheimnisse der geistigen\nWerkstatt eines Beethoven.\nWas will Herr von Lenz eigentlich? „Er hofft, dass\nsein Buch durch die Charakteristik der drei Stile Beetho-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5009, "texte": "ven's und den kritischen und chronologischen Katalog die\nKritik zu grösseren Resultaten führen könne. Sein Buch\nstelle zuerst in den Clavier-Sonaten die Verschiedenhei-\nten des Beethoven'schen Stils fest und suche sie in den\nübrigen Werken rationaler zu beweisen, als bisher ge-\nschehen. \"\nDie verheissene Charakteristik der drei Stile Beetho-\nven's (um die Leser auf den richtigen Standpunkt zu ver-\nsetzen, müssen wir bemerken, dass Herr von Lenz unter\nden „drei Stilen\" nichts Anderes versteht, als die längst\nbekannten drei Perioden der Entwicklung des Beethoven'-\nschen Genius) wird als allgemeine, die sämmtlichen\nWerke betreffende, auf 19 Seiten abgemacht (S. 61\n80), von denen übrigens 6 7 ganz andere Dinge be-\nsprechen, als charakteristische Merkzeichen der drei Perio-\nden. Der Verfasser zählt die erste bis zur Sonate Op. 22,\ndie zweite bis zum Violinquartett in F-moll Op. 95\ndocli rechnet er die Sonate für Piano und Violine in G\nOp. 96 und das Trio in BOp. 97 „diesen Farnesischen\nStier des Pianoforte's\" (!) noch hinzu und bezeichnet\ndie dritte als den Stil einer mystischen Offenbarung.\nAllerdings hat er von seiner Aufgabe eine richtige\nVorstellung, wenn er S. 66 sagt: „Wie Raphael und Ru-\nbens (?) hat Beethoven eine erste, zweite und dritte Ma-\nnier, welche sich alle drei charakteristisch unterscheiden.\nDiese Verschiedenheiten des Stils, diese Richtungen seines\nGedankens, diese Haupt-Umgestaltungen seines Genie's, sind\ndie Grundlagen seiner Werke. Man muss sie in ihrer Ver-\nkettung studiren, ihre Einflüsse auf einander verfolgen, wenn\nman unterscheiden und verstehen will. Ihre Analvse zu\ngeben, im Allgemeineren das Studium des Meisters zu er-\nleichtern, ist der Zweck dieses Versuches.\" Gut; aber die\nKraft ist gar zu weit hinter dem guten Willen zurück ge-\nblieben, und das In magnis e kann hier\nnicht zur Entschuldigung dienen, weil das eigentliche Punc-\ntum saliens, der dreigestaltete Geryons-Leib des Riesen,\nlängst kein Geheimniss mehr war und es hier nur darauf\nankommen konnte, das Werden dieser Ausnahme-\nNatur zu erforschen und nachzuweisen, und ihr Wirken\naus dem Wesen und der fortschreitenden Ent-\nwicklung ihrer eigenthümlichen Organisation\nzu erklären. Das lässt sich aber durch ästhetische Flos-\nkeln, durch phantastische Bilder, durch eine Jagd nach\nfrappanten Parallelen, mit Einem Worte durch ein' ober-\nflächliches Raisonnement, das aller logischen Eintheilung\nund systematischen Entwicklung eben so sehr, als aller mu-\nsicalisch wissenschaftlichen Begründung entbehrt und hoch-\nstens auf den Ruhm eines manchmal geistreichen, meist\naber carikirten Salongeplauders Anspruch machen kann,\nkeinesvveges erreichen.\nStossen wir nun dabei noch auf Ansichten über Beet»\nhoven'sche Werke, wie z. B. folgende: „Im Vergleich zu\ndem Vollendeten, zu dem Atticismus der Violintrio's Op.\n9 sollte man die ersten Compositionen Beelhoven's für\nPianoforte (3 Trio's Op. 1) für die übereilte Frucht\nsein-er Ferien halten\" (S. 67). „Die Sinfonie in\nA-dur ist ein Fest, bei welchem sich das Gift in die Be-\ncher gemischt hat, und wobei die Gäste, vom Tode\nüberrascht, sich zum letzten Male mit Blumen krän-\nzen\" (!) S. 72. „Die letzten Quartette sind nichts An-\nderes als die Schilderung des Lebens des Gerechten,\nErinnerungen aus seinem Wandeln über die Erde hin,\nu. s. w.\" (S. 73.) „Es springt in die Augen, dass\nBeethoven in seiner Musik der grössle Aristokrat von al-\nlen Tonkünstlern war\" ; begegnen wir ferner Anachro-\nnismen wie diesem: „Die zweite von den drei, dem Kaiser\nAlexander gewidmeten Sonaten für Piano und Violine in\nC-moll ist ein glühendes Blatt jenes ritterlichen Geistes,\nwelcher die grosse Epoche der Fr ei he itsJt ri eg e ge-\ngen Napoleon belebte\", während diese Sonaten Op. 30\nim Jahre 1802 oder 1803 geschrieben sind ; wenn es\nferner heisst: „Beethoven ist wie Napoleon bereits unwahr-\nscheinlich, man ist versucht, ihn für einen Mythus zu hal-\nten\" —; wenn der Verfasser in Beethoven „ein slawU\nsches Element\" entdeckt, in der Sonate A-dur Op. 2\nan „russische Volksmelodieen\" erinnert wird und im Fi-\nnale von Op. 57 einen russischen Tanz wittert —;\nwenn er in der Pastoral-Sinfonie die Stimmen der Wach-\ntel, des Kuckucks und der Nachtigall für einen absichtlich\nvon Beethoven zur Verspottung Haydn's angebrach-\nten Witz erklärt (in der „Scene am Bach\" eine Spötte-\nrei !) —: dann wird man immer misstrauischer gegen die\nBerechtigungstitel des Verfassers zu seiner Mission.\nGehen wir indess etwas näher auf den Inhalt des Bu-\nches ein. Sechs Aufsätze bilden die „Einleitung\", welche\n\\\n131 Seiten umfasst, und unter diesen befindet sich als der\ndritte der schon erwähnte Abschnitt über die drei Stile Beet-\nhoven's. Es ist also das, was dem Titel gemäss der Haupt-\nInhalt des Werkes sein müsste, in ein Capitel der Einlei-\ntung verwiesen! Dann folgen die vom Verfasser so ge-\nnannten Analyses des Sonettes de Piano, welche im ersten\nTheile 125 S., im zweiten noch 76 S. füllen. Den Rest\nnimmt der Katalog der Beethoven'schen Werke von Seile\n77 272 ein."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4126, "texte": "Der erste von den sechs Aufsätzen der Einleitung ist\nüberschrieben: De la vollige transcmdanle du Piano\nund eifert, wie schon die wunderliche Ueberschrift zeigt,\ngegen die Seiltänzerei auf dem Pianoforte. Gleich hier\nspringt der Verfasser von dem Hundertsten ins Tausend-\nste, sagt über Thalberg und Liszt nichts als das Allbekannte,\nmacht zwar die Ciavierreiterei allerdings mit Recht lächer-\nlich, bleibt aber bei nichts weniger als bei seinem Thema.\nZugleich gibt er uns ein Bild seines Stils und des unver-\nantwortlichen Französischen, welches er schreibt. Er hat die-\nses Idiom gewählt, weil „das Französische die Pasigraphie\nder künstlerischen Welt ist\" (vielleicht für die Russen?),\nund um seine überströmende Phantasie zurückzudämmen,\n„indem das Französische ein Halfter sei, welcher den En-\nthusiasmus auf zweckmässige Weise im Zaum hält\"! Lei-\nder ist aber das Französische des Herrn von Lenz kein\nFranzösisch, sondern ein bis zum Ungeheuerlichen franzö-\nsirtes Deutsch, dessen unklare Gedanken in der französi-\nschen Jacke oft geradezu burlesk werden. Wir geben gleich\nden Anfang als wörtliche Probe:\n„Heut zu Tage spielt man nicht mehr Ciavier, man\nreitet es. Man reitet es gesattelt oder ungesattelt. Das un-\ngesattelte ist die Phantasie, das gesattelte die Transscription,\ndas Lied ohne Worte oder meist ohne irgend etwas, oder\ndie Paraphrase des ersten, besten, wiewohl sicherlich sehr\nwenig türkischen Marsches des Sultans. Die erste Para-\nphrase geht bis auf die Zeiten Justinian's zurück. Nun er-\nhalten wir sie wieder auf dem Wege des Piano's und eines\nStückchens vom Koran. Ja, Cramer, Hummel, Moscheies\nverstanden Ciavier zu spielen, aber konnten kein Wort\nTürkisch. Lernen wir denn Türkisch, wenn man ein Un-\ngläubiger sein muss, um heut zu Tage einen Marsch zu\nentziffern. Wenn's mit dem Arabischen so gut geht, so\nkönnte es vielleicht mit dem Chinesischen noch besser gehen.\nBitte, bitte! Paraphrasiren Sie uns doch einen kleinen co-\nchin-chinesischen Marsch! schnell her mit dem Wiegenlied\nder Prinzessin Turandot, mit dem flüchtigen Gedanken\nDschingiskan's! *\nWer, wo es sich um eine ernste Sache handelt, wo es\ndarauf ankommt, zu zeigen, wie aus den Beethoven'schen\nClavier-Compositionen durch Miss- und Unverständniss der-\nselben, durch Verflachung und Ueberstürzung die neuere\nRichtung des Clavierspiels und der Composition für das-\nselbe durch Weber und Chopin bis zu Thalberg und Liszt,\nund von diesen bis zu den eigentlichen Seiltänzern und\nKunstreitern, sich nicht sowohl entwickelt als aufgewirbelt\nhabe —• wer bei einem solchen Thema, bei dessen Aus-\nFührung man leitende Ideen, kunsthistorischen Blick, ver-\nständige Verfolgung eines Hauptgedankens erwartet, sich\nan einem so albernen Feuilleton-Geschwätz ergötzen kann,\ndem mögen freilich auch die Phrasen, dass „ zwischen einer\nViertelnote und der anderen heut zu Tage so viel Dinge\nliegen, als Glückseligkeiten in der Arbeit, welche Louis\nBlanc erfunden hat\" dass „Thalberg drei Stockwerke\nbewohnt, was doch gar zu vornehm sei\" (Anspielung auf\ndie drei Linien-Systeme) dass „der Grund des jetzigen\nverderbten Geschmacks in der Revolution von 1830 liege,\nwelche die französische Gesellschaft (macht diese denn die\nKunst, und vollends die Tonkunst, aus?) und mit ihr die\nKunst verdorben habe\" dass „Bernhard Romberg und\nHummel die letzten Mohikaner des Künstlers schlechtweg\"\ngewesen u. s. w., dem mögen, sagen wir, auch diese\nPhrasen geistreich erscheinen.\nHier und da läuft freilich auch einmal ein guter, wenn\nauch nicht eben neuer Witz mit unter. Aber ziemt diese\nArt und Weise, welche durch das ganze Buch geht, einem\nWerke über Beethoven? Schwatzt und schreibt über wen\nund über was Ihr wollt in dieser flackernden Strohfeuer-\nManier der neuesten französischen Feuilletonisten, zu wel-\ncher Ihr übrigens nicht einen einzigen Blutstropfen in den\nAdern habt; aber bleibt mit solchem Zeug dem Riesen\nBeethoven mit dem struppigen Haar und dem weiten Ueber-\nrock und dem grossen deutschen Herzen vom Leibe, sonst\nmöchte er die Zudringlichen aus seinem heiligen Tempel\nhinauswerfen und hinterher sein kräftiges\nschleudern.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "126", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.2.2", "titre_corps": "Aus der Brieftasche eines wandernden Sängers.", "titre_sommaire": "Aus der Brieftasche eines wandernden Sängers.", "signature_source": "Ernesto", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.3", "debut_caractere": 4128, "fin_caractere_exclue": 4768, "texte": "Aus der Brieftasche eines wandernden Sängers.\n\n„Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was er-\nzählen \" ist für den fahrenden Musicanten nur mit dem\nZusätze eine Wahrheit: „wenn er nämlich unterwegs was\ngehört hat\". Da mich nun darin der Zufall diesmal begün-\nstigte, so entschliesse ich mich, wieder einmal auf Zeit\nunter die Schriftsteller zu gehen, schneide dieses Blatt aus\nmeiner Brieftasche heraus und sende es Ihnen.\nDass bei uns am Rheine die Musik einen gewaltigen\nAufschwung nimmt, wissen wir, auch dass der Sinn und\ndie Theilnahme für dieselbe sich mehrt, und dass in Folge\ndessen die Ausübenden wie Pilze aus der Erde schiessen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4992, "texte": "und dennoch ihren Wirkungskreis, Jeder nach seiner Lei-\nstungsfähigkeit, finden. Selbst der gefürchtete Sommer, wo\ndie Kunst feiert und mit ihr ein Theil ihrer Jünger, wird\njetzt von diesen schon mit minderem Bangen begrüsst, weil\ndie Belustigungsorte ohne musicalische Unterhaltung gar\nnicht mehr denkbar sind, indem ohne Sontags-Polka, Jenny-\nLinds-Walzer und Romeo-und-Julie-Potpourri der dünne\nKaffee und die schlechten Weine gar nicht geniessbar wä-\nren. Anders scheint es jedoch im Hannoverschen zu sein.\nDort werden die Erfrischungen in so guter Qualität verab-\nreicht, dass sie ohne musicalische Würze schmecken, und\ndesshalb muss die Musik-Industrie andere Erwerbsquellen\nfür sich ausfindig machen. Diese Erfahrung machte ich\nz. B. auf der Station Burgdorf (noch merkwürdig dadurch,\nwie mir eine reizende Unbekannte mittheilte, dass der be-\nrühmte braunschweiger Honigkuchen da gebacken wird),\nzwischen Hannover und Celle, wo unser Zug von einem\nMusikchor in Gestalt der „sieben Brüder\" begrüsst wurde,\nund eben so an der Station Peine, nach Braunschweig zu.\nDie Sammlung ging eben so rasch wie das Aus- und Ein-\nsteigen, und wenn bei jedem Zuge solche Gaben gesam-\nmelt werden, dann sind am Ende die hannoverschen Eisen-\nbahn-Actien sehr bald in den Händen der „ sieben Brüder\".\nW as die hohen Kunstgenüsse betrifft, die ich gehabt,\nso steht Hannover oben an, und vor Allem das zweitä-\ngige Zusammensein mit dem genialen Joachim. Sie wer-\nden mich beneiden, zu vernehmen, dass ich zwei Bach'sche\nFugen eben so classisch schön zu Gehör bekam, wie in\nDüsseldorf die Ciacconna; dann den Schubert'schen „Erl-\nkönig\" mit einer so vollendeten Technik, dass man gar\nnicht zu dem Glauben kommt, dass zu diesem Vortrage\nTechnik nöthig sei, und mit einer Wahrheit im Ausdrucke,\ndass man sich eines geheimen Schauers nicht erwehren\nkann. Joachim wird damit mehr Wirkung hervorbringen,\nals mancher Sänger, indem er nicht nur mit Geist, sondern\nauch aus vollem Herzen, aus tiefster Seele seine Töne gibt,\ndie bis ins innerste Mark des Hörers dringen und solches\nfreudig erregen oder tief erschüttern. Mit den einschmei-\nchelnden Flageolet-Tönen zu den Worten: „Du liebes\nKind, komm, geh mit mir!\" wird Joachim mehr wirken\nals der Sänger, der, wenn er auch noch so sehr nuancirt,\nschwerlich das Geisterhafte in den Ton bringen wird, wie\nich es eben bei Joachim gehört. Beim Schluss des Liedes:\n„ In seinen Armen das Kind war todt!\" wird der Sänger\nmehr im Vortheil sein; ich hatte wenigstens durch das Spiel\nnicht den Eindruck, den der Sänger durch die tonlosen Worte\nhervorzubringen im Stande ist. Wie gern möchte ich Ihnen\nnoch von dem Vortrage eines Werkes berichten, womit\nJoachim mich so hoch erfreut! Allein ich darf nicht davon\nplaudern, und so schwer es mir auch fallt, muss ich doch\nmeine Begeisterung in mich verschliessen. Ich bin aufs Neue\nin meiner Ansicht bestärkt worden, dass Joachim eine so\ngrosse Zukunft vor sich hat, wie sie selten einem Künstler\nzu Theil wird. Seine Jugend, seine geistige Reife, seine hohe\nKünstlerschaft und seine gediegene Richtung sind Bürgen\ndafür. Als ausübenden Künstler kenne ich ihn und freue\nmich nun, ihn auch bald noch mehr als schaffenden Künst-\nler kennen zu lernen, wenn, wie man hört, die Stadt Düs-\nseldorf seine Ouvertüre zu Hamlet in einem ihrer Concerte\nvorführen wird.\nIm Theater hörte ich Beethoven's herrlichen Fide-\nlio, und, zur Ehre des hannoverschen Publicums sei es\nbemerkt, bei gut besetztem Hause, welches die Oper mit\neiner Begeisterung aufnahm, wie sie die Ausführung nicht\nimmer rechtfertigte ein Beweis mehr, wie empfänglich\nman da für das Gediegene in der Opernmusik ist. Und\nwer glauben Sie wohl, dass den grössten Enthusiasmus\nzeigte? Das Officier-Corps, welches sehr stark vertreten\nwar. Wenn ich von diesem Abend schliessen darf, so kann\nman den Künstlern, die in Hannover ihren Wirkungskreis\nhaben, nur Glück wünschen. Die Ouvertüre zu hören, war\nein Hochgenuss! Junge, feurige Leute im Orchester,\nMarschner an der Spitze, ich hätte vor Entzücken laut auf-\njauchzen mögen, wenn nicht meine schnatternde Nachbarin\ndurch sehr laute Begrüssung mit Frau v. X. und Unter-\nhaltung mit Frl. v. Z. den hohen Flug meiner Seele herab-\ngedrückt und sehr häufig während der Vorstellung dem\nAusbruche meiner Begeisterung Sordinen aufgesetzt hätte.\nFrl. Volk (Marceline) sang das erste Duett und besonders\nihre Arie darauf recht brav, was auch vom Publicum durch\nstarken Applaus anerkannt wurde. Hr. Sowade (Jaquino)\nspielte recht wacker, aber seine Stimmmittel haben leider\nso abgenommen, dass er gar häufig detonirt, was beson-\nders in dem schönen Canon so störend wirkte, zumal da\nFrau Nottes (Fidelio) gleichfalls zu tief sang. Der Genuss\nwurde dadurch bedeutend geschmälert, wozu noch kam,\ndass Hr. Sowade die Stelle: „Mir sträubt sich schon das\nHaar!\" in punktirten Noten anstatt in gleichen Sechszehn-\nteln sang:\nWenn man gemüthlich mit der Triolen-Bewegung der Bässe\nim Orchester geht, so hat die Stelle lür den Sänger frei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5158, "texte": "lieh nichts Haarsträubendes. Was würde aber aus dem\nCanon werden, wenn nun auch Marceline alle Figuren, in\ndenen sie sechs Sechszehntel auf neun (in drei Triolen) zu sin-\ngen hat, punktiren und zerhacken wollte? Hr. Haas aus\nWiesbaden gab den Rocco als Gastrolle und genoss vom\nPublicum grosse Auszeichnung, worüber zwar hier und da\nein Kopfschütteln entstand; aber Hr. Haas sang viel besser\nals die letzt-engagirten Mitglieder, und daher wohl der Bei-\nfall. Hr. Haas stösst leider mit der Zunge an, was in dem\nLiede: „Es ist ein schönes Ding, das Gold\", eine komische\nWirkung machte. Die Stimme hat gegen die früheren Jahre\nbesonders an der Höhe gelitten. Als im zweiten Acte Hr.\nBötticher (Pizarro) dazu trat, da kam es mir vor, als\nsei ich wieder an den Rhein versetzt, indem die Beethoven'-\nsche Musik so stolz dahin wogte, wie seine Wellen, und\nan den Ufern die schönen Ruinen (Bötticher, Sowade u. A.)\nsich darin spiegelten ich war wie zu Hause. Hr. Ber-\nnard (Florestan) sang seine Arie recht brav; denn man\nmuss bedenken, dass diese Aufgabe nicht leicht zu lösen.\nDabei hätte ich mehr Rücksicht von Seiten des Orchesters\ngewünscht, das zu laut war, wodurch die Nuancen des\nSängers oft verloren gingen. Frau Nottes, die bei ihrer\nRückkehr zur Kammersängerin ernannt worden, sang die\ngrosse Arie in E-dur ganz vortrefflich. Die Stimme ist\nklangvoll, ausgiebig, ohne das Ohr zu verletzen. Ich hätte\nmehr Nuancen gewünscht, die auch Beethoven vorgezeich-\nnet hat. Frau Nottes nahm durch ein gleichmässig starkes\nSingen ihrem Vortrage die Wirkung der Steigerung, beson-\nders im Adagio. Beim Terzett in A-dur: „Euch werde\nLohn!\" Alleground am Schluss frappirte\nmich das schleppende Tempo, das Marschner nahm. Glaubte\ner vielleicht Rücksicht auf Florestan nehmen zu müssen, der\nschon so lange gehungert? leh weiss es nicht. Florestan\nfühlte sich wenigstens stärker, denn er trieb; allein durch\neinige laute Schläge auf das Notenpult wurde er eines Bes-\nseren belehrt und ihm der Glaube benommen, dass eine\n„Brodrinde\" und ein „Tröpfchen Wein\" Riesenkräftebrin-\ngen könnten. In der Scene, wo Pizarro Florestan erstechen\nwill, drang Bötticher noch einmal auf Florestan ein, als ihm\nLeonore schon das Pistol entgegenhält; ein lächerlicher\ngegriifr-Coup, da die muthige Frau sicher losgedrückt\ndoch lwenn sie nicht gewusst, dass Hr. Bötticher es eigent-\nhoflNoch nicht so böse meinte. Was den Chor der Gefan-\ngenen betrifft, so wurde derselbe nicht sonderlich gesun-\nken; man ist am Rheine durch die Männerchöre verwöhnt,\nxse ihren guten Einfluss auch auf den Theaterchor üben,\nr doch nicht zurückstehen will. Das kleine Tenor-Solo\nwurde gut gesungen, hingegen das Bass-Solo abscheulich.\nDas Finale konnte ich leider nicht mit anhören, erhielt aber\nTags darauf die tröstende Beruhigung, dass ich recht gut\ndaran gethan hätte, den Eindruck der Aufführung und den\nNachhall des Beethoven'schen Genius ungetrübt mit nach\nHause genommen zu haben.\nIn Gotha hörte ich noch ein Concert im Orangerie-\nGebäude, von der Liedertafel veranstaltet, um, wie ich\nvernahm, einen Kosten-Ausfall zu decken, der nach der\nAufführung des Elias, von der ich Ihnen neulich schrieb,\nsich herausgestellt, indem zu viel auswärtige Kräfte herbei-\ngezogen werden mussten. Der Eintrittspreis war sehr ge-\nring, und ist es sehr lobenswerth, auch der minder wohl-\nhabenden Classe Gelegenheit zu verschaffen, etwas Schönes\nzu hören. Es kann dies aber nicht zum Heile dienen, wenn\nnicht Sorge getragen wird, dass die Muse beim Musicali-\nschen bleibt, und nicht zum Tabaks-Collegium eingeladen\nwird, wie es hier der Fall war. Das Concert wurde mit\nder Ouvertüre zur „Weissen Dame\" eröffnet, welche von\nder Militär-Musik nicht eben brillant ausgeführt wurde.\nNun, das gothaische Bundes-Contingent wurde eben von\nden Bundes-Generalen inspicirt, die Musiker waren von den\nAnstrengungrn der Manöver erschöpft und konnten auch\nals „ Gothaer\" nicht die rechte Stimmung für die so wenig\ndoctrinäre Musik Boieldieu's finden. Daran schloss sich der\nerste Act derselben Oper, ausgeführt vom Singverein, bei\nClavier-Begleitung. Die Ausführung war recht brav, und\nwünschte ich die Einsätze des Soprans überall so sicher zu\nhören, wie es hier der Fall war. Bis dahin war das Publi-\ncum aufmerksam und nahm ausser der Musik mit den Düf-\nten der Orangen fürlieb; aber bei den übrigen Stücken\nsehnte es sich nach beizendem Genüssen: Tabaksdampf rief\nden Gedanken an Weber's Cavatine: „Und ob die Wolke\nsie verhülle\", lebhaft auf; in Becker's „Kirchlein\" tönte\nnicht etwa Glockenklang Biergläser rappelten, Theetassen\nklirrten; und als im Hugenotten-Duett Valentine rief: „0\nGott! wo eilt ihr hin?\" antwortete mein Nachbar: „Jetzt\nmuss ich ein Seidel trinken!\"\nzum Saal hinaus, ging in mein Hotel und machte es wie\nein geistreicher Feuilletonist aus Paris ich ass „Kalbs-\nbraten mit Kartoffeln\".\nEinige Tage darauf war in Langensalza Haydn's\n„Schöpfung\" angekündigt, wurde aber leider verschoben,\nso dass es meine Zeit nicht gestattete, dieses Werk noch\nzu hören. Hingegen in Gräfentonna, einem Flecken\n(Gerichtsort) bei Gotha, wohnte ich einem Concerte bei,\nwelches die Schullehrer der tonnaer Diözese zum Besten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1144, "texte": "der Pestalozzi-Stiftung veranstaltet hatten. Unter den Män-\nnerchören zeichnete sich besonders eine treffliche Compo-\nsition von Wandersieb aus, welche meisterhaft vorge-\ntragen wurde. Ein Dilettant aus Langensalza, Hr. Oskar\nWagner, sang mit schöner und gut geschulter Bassstimme\nein Lied von Kücken, und ganz vortrefflich Schumann's\n„Die beiden Grenadiere\", welche Composition eine begei-\nsterte Aufnahme fand. Ein Flötist aus Langensalza (leider\nist mir der Name entfallen, denn er verdiente, genannt zu\nwerden) trug Variationen mit grosser Bravour vor. Sie\nsehen hieraus, dass Thüringen seinen musicalischen Sinn\nbewahrt, und dass er auch an kleinen Orten so gepflegt\nwird, dass man in ihnen zuweilen wirkliche Kunstgenüsse hat.\nIn Sondershausen, wo eine ganz vortreffliche Hof-\nCapelle existirt, war am 3. d. Mts. Hof-Concert; da ich\naber nicht dazu befohlen war und meinen Wanderstab\nan demselben Tage weiter setzte, so werden Sie es natürlich\nfinden, wenn ich Ihnen darüber nichts sage, auf die Gefahr\nhin, von den Correspondenten vom Handwerk wegen Auf-\nrichtigkeit und Armuth an Phantasie aus der Zunft gestos-\nsen zu werden.\n\nErnesto."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-15-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-15_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "127", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.2.3", "titre_corps": "George Onslow.", "titre_sommaire": "George Onslow.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.6", "debut_caractere": 1146, "fin_caractere_exclue": 4890, "texte": "George Onslow.\nNekrolog.\n\nEin plötzlicher Tod hal diesen berühmten Componisten\nam 5. October dahingerafft, einen Tonkünstler, der na-\nmentlich durch seine Instrumental-Compositionen einen be-\ndeutenden Platz in der Geschichte der Musik einzunehmen\nwürdig ist.\nGeorge Onslow war zu Clermont im Departe-\nment Puy de Dome am 27. Juli 1784 geboren. Sein\nVater war der zweite Sohn eines englischen Lords dieses\nNamens, der sich in Frankreich niederliess und sich mit ei-\nnem Fräulein von Bourdeilles, welches aus dem Hause\nBrantöme stammte, vermählte. Die Musik bildete nur ei-\nnen zufälligen Theil seiner Erziehung, und wennschon\nHullmandel, Dussek und Cramer seine Lehrer auf dem Cia-\nvier waren, so erwachte doch bei dem Knaben, den die\nNatur zu einem grossen Componisten bestimmt hatte, der\nmusicalische Trieb erst spät und entwickelte sich langsam.\nDie erhabensten und ergreifendsten dramatischen Werke\nmachten lange Zeit keinen Eindruck auf ihn, bis endlich eine\nAufführung der Ouvertüre zur Stratonice den Funken,\nI\nder in seinem Inneren schlummerte, weckte, was Meister-\nwerke wie Don Juan und Die Zauberflöte nicht vermocht\nhatten. „Als ich jenes Musikstück hörte,\" sagt er selbst,\n„fühlte ich eine so lebhafte Aufregung in meiner Seele,\ndass ich auf einmal von Gefühlen ergriffen wurde, die mir\nbis dahin unbekannt gewesen waren. Noch heute sind mir\ndieser Augenblick und meine Empfindungen in demselben\ngegenwärtig. Von dem Zeitpunkte an betrachtete ich die\nMusik mit ganz anderen Augen; der Schleier, der mir ihre\nSchönheit verbarg, zerriss, und sie wurde die Quelle mei-\nner edelsten Genüsse und die treue Gefährtin meines\nLebens.\"\nBald sprach sich seine besondere Vorliebe für Kam-\nmer-Musik, namentlich für das Violinqüartett, aus. Er lernte\nVioloncell spielen, um bei der Ausführung der Meisterwerke\ndieser Gattung von Havdn, Mozart, Beethoven mitwirken\nund dadurch tiefer in ihren Geist eindringen zu können.\nDass ihn sein Aufenthalt in der Provinz von dem musica-\nlischen Strudel der Residenz fern hielt, war sicher zu sei-\nnem Heile; seine Einsamkeit in der musicalischen Welt der\nGegenwart liess ihn sich in die Vergangenheit versenken,\nwo er mit emsiger Beharrlichkeit nach dem reinen Golde\ngrub, das sie enthielt. Mit wahrer Leidenschaft warf er\nsich auf das Studium der Quartette und Quintette der\ngrossen Deutschen, und dieses Studium ersetzte ihm den\ntheoretischen Unterricht in der Composition, den er erst\nspäter bei Reicha in Paris suchte.\nIndess hatte er schon sein zweiundzwanzigstes Jahr\nvollendet, ehe er das Bedürfniss fühlte, selbst in Tönen zu\nschaffen. Doch kam kurz nach diesem Zeitpunkte die mu-\nsicalische Natur in ihm gleichsam zum Durchbruch, und er\nschrieb sein erstes Quintett, nach dem Muster der\nMozart'schen, welche er vor Allem hoch und theuer hielt.\nMan kann sich leicht denken, wie mühsam die Ausar-\nbeitung einer Quintett-Partitur bei einer noch so unvoll-\nkommenen theoretischen Bildung, bei dem Mangel anUebung\nim Schreiben durch wiederholte frühere Versuche, für ihn\n\\ * *\nsein und wie langsam es damit vorwärts gehen musste, da\neine Menge von Hindernissen zu überwinden und das Tech-\nnische des Handwerkes erst an der Arbeit selbst zu lernen\nwar. Allein der unschätzbare Vortheil einer glücklichen,\ndurch eigenes Vermögen unabhängigen Lage, eines ruhigen\nLebens, das fern von dem verwirrenden Lärm und den\nzeitmörderischen Zerstreuungen der grossen Welt inj'in_'\nlicher Stille dahinlloss, liessen ihm die volle Muss»\nSchwierigkeiten einer ersten Composition zu besiegen,\nUmstände, die allerdings äusserst günstig waren, aber ein\num so ehrenvolleres Licht auf den eisernen Fleiss des jur\ngen Mannes und auf die Beharrlichkeit werfen, mit welche\ner eine ideale Lebensrichtung zu verfolgen strebte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3100, "texte": "Aber es war nicht der äussere Einfluss dieser günsti-\ngen Lage allein, der auf seine allmähliche Entwicklung als\nKünstler wirkte, sondern hauptsächlich sein Charakter, seine\nIndividualität, welche in dieser Lage ihre Befriedigung\nfand, und allem übermässigen Ehrgeize, aller Sucht, zu glän-\nzen und Andere zu überragen, aller Marktschreierei und\nRuhmredigkeit, allem Gefallen an dem Treiben der grossen\nWelt fremd war, obschon er sich mit der einnehmendsten\nLiebenswürdigkeit in dieser bewegen konnte, jedoch nie-\nmals sich so abschliff, dass der Grundzug seines Charakters,\nOffenheit und Gutmüthigkeit, nicht aus den Formen des\ngeselligen Umganges überall durchgeblickt hätte.\nDies zusammen genommen erklärt die Möglichkeit der\ngrossen Anzahl von Compositionen, welche er in dem Zeit-\nraum von ungefähr dreissig Jahren veröllentlicht hat, trotz\nder Langsamkeit, mit welcher er besonders bei seinen er-\nsten Werken arbeiten musste. Er lebte fast immer in Cler-\nmont oder auf einem Gute in der Nähe dieser Stadt, ver-\nweilte während des Winters nur einige Monate in Paris,\nund kehrte stets mit dem ersten Wehen des Frühlings in\nseine heimatlichen Berge von Auvergne zurück.\nWrir behalten uns vor, auf seine Compositionen und\nihren meist sehr deutlich ausgeprägten Charakter später\nzurück zu kommen. Seine Quintette und Quartette sind in\nden Händen aller Musikfreunde; auch seine Ciavierwerke\nhaben grosse Verbreitung gefunden.\nAusserdem hat er auch drei Opern geschrieben.\nDie erste, „Der Alcade vonVega\", wurde im Jahre\n1824 auf dem Theater Feydeau gegeben, die zweite,\nColporteur\" (der Hausirer), auf derselben Bühne i.\nJ. 1827, und endlich „Le Duc i. J. 1837\naufgeführt. Den meisten Erfolg hatte der Hausirer, der auch\nauf vielen deutschen Bühnen gegeben worden ist.\nIm Jahre 1829 wäre ein Unglück auf der Jagd ihm\nbeinahe tödlich gewesen. Eine Kugel streifte sein Ohr;\nseitdem litt er auf der getroffenen Seite an Gehörsschwäche.\nIm November 1842 wurde er zum Mitgliede der Aka-\ndemie an Cherubini's Stelle erwählt.\nBei seiner letzten Anwesenheit in Paris, in der Mitte\ndes vergangenen Sommers, schien Onslow's Gesundheit an-\ngegriffen. Er selbst klagte über Abnahme seiner Kräfte;\ndoch konnte man unmöglich ein so nahes Ende ahnen und\nhoffte sicher, ihn in den befreundeten Kreisen wiederzu-\nsehen. Es sollte nicht sein. Der Tod überraschte ihn plötz-\nlich nach einem Spazirgange; seine letzten Augenblicke\nwaren ohne Schmerzen, ohne peinigenden Todeskampf.\nOnslow war als Künstler und als Mensch gleich ehren-\nwerth und liebenswürdig. Alle, die ihm näher standen, und\ndie auch nur Gelegenheit hatten, mit ihm eine Zeit lang\numzugehen und ihn kennen zu lernen, wurden von der\ngutmüthigen Freundlichkeit gefesselt, welche nicht die Frucht\nweltmännischer Glätte, sondern eines trefflichen Herzens\nwar, das nichts als Wohlwollen und Leutseligkeit athmete.\nSo haben wir ihn auch hier in Köln in den Pfingsttagen\ndes Jahres 1847 kennen gelernt, und auch er zählte sei-\nnen damaligen Aufenthalt hier und das niederrheinische\nMusikfest jenes Jahres zu den heitersten Erinnerungen sei-\nnes Lebens.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-15-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-15_01#c006", "volume": "bmtnabi_1853-10-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.7", "debut_caractere": 3102, "fin_caractere_exclue": 5780, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Theater. Nach einer sehr mittelmässigen Vorstel-\nlung des „Freischütz\", einer durch Mangel an Zusammenspiel und\nraschem Ineinandergreifen ganz verfehlten Aufführung des „Dorf-\nbarbiers\", und einer guten Wiederholung des „Wasserträgers\"\nbrachte uns der 13. October einen seltenen Genuss durch die treff-\nliche Aufführung der „Norma\", in welcher Fr'äul. Sophie Cru-\nvelli als Gast auftrat. Diese geniale Gesangesheldin entfaltete die\nganze Grösse ihrer künstlerischen Natur in dieser Rolle, welche für\nsie stets zum Triumph des dramatischen und colorirten Gesanges\nund der mimisch-plastischen Darstellungskunst wird. Wir erstaun-\nten von Neuem über die wunderbare Fülle des umfangreichen Or-\ngans, über die Kühnheit und Sicherheit in der Behandlung dieses\ngewaltigen Materials, und über die Geschmeidigkeit desselben in\nden künstlichsten Figuren bei ganzer oder halber Tonstärke bis zu\ndem leise verhallenden Pianissimo. Es that uns besonders wohl,\ndass Fräul. Cruvelli durchaus nicht übertrieb, dass sie an keiner\nStelle in jene Manier verfiel, welche in neuester Zeit auf den ita-\nliänischen und französischen Operntheatern herrschend geworden\nist, sondern stets in den Schranken des künstlerischen Maasses\nblieb. Sie wurde von Frau Schmidt-Kellberg (Adalgisa) und\nHrn. Ka h 1 e (Sever) ganz vortrefflich unterstützt, so dass die Duette\nund das Terzett stürmischen Beifall erregten und die drei Künst-\nler wiederholt gerufen wurden.\nBerlin. Im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater wurde zum\nBenefiz des Hrn. Hirsch die kleine einactige Oper „Rübezahl\"\ngegeben; der Text ist von Jansen, die Musik von Conradi. Mit\nvielem Geschick ist das Libretto gefertigt, in rascher Aufeinander-\nfolge reihen sich die unterhaltenden Scenen an einander in Furcht\nund Hoffnung auf den Berggeist Rübezahl, der zum Schlüsse in\nder Person des neuen Gutsherrn die tugendhafte Armuth beglückt\nund den unredlichen Geiz bestraft. Conradi hat sich vielseitig als\ntüchtiger Musiker Geltung verschafft, und auch in dieser Arbeit ver-\nläugnet sich seine Gewandtheit in der Instrumentation nicht, eben\nso wie die charakte'ristische Art und Weise, mit der er den Stofl\nbehandelt hat.\nHannover. Frau Nottes ist unter vorteilhaften Bedingun-\ngen auf weitere sechs Jahre angestellt worden. Frl. Babnigg ver-\nlässt die hiesige Bühne im December. Lnserem Marschner\nwollte der Sänger-Verein bei dessen Anwesenheit in Kassel ein\nStändchen bringen, wozu, wie man sagt, die Erlaubniss verweigert\nwurde.\nUrämisch vi ei«-. Die lebensgefährliche Krankheit des\npellmeisters Georg Müller ist völlig gehoben, und er hat seiiu\nWirksamkeit mit der Direction der Vcstalin wieder begonnen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5784, "texte": "lii Hamburg wurde Göthe's Faust neu in Scenc gesetzt\nund mit der Musik von Lintpaintner aufgeführt, welche sich\njedoch des Beifalls des Publicums nicht sehr zu erfreuen hatte. Lint-\npaintner lässt manches, das sich am meisten zu musicalischer Be-\ngleitung eignet, ja, sie geradezu verlangt, wie z. B. die Beschwörung\nim ersten Acte, ohne Musik und gibt dagegen in sämmtlichen\nZwischenacten wieder zu viel Musik. Auch fehlt den Motiven die\nBegeisterung; mit der vollendeten Form und der harmonischen\nKunst allein lässt sich Göthe'sche Poesie nicht musicalisch verklären.\nIm Verlage von Schott' s Söhnen in Mainz wird eine Piano-\nforte-Schulc von Thalberg erscheinen, deren zweiter Theil\ndie Lehre vom Vortrag der verschiedenen Stile (Gesang-Orchester-\nPiano-Stil) und ausführliche Uebungsstücke dazu enthalten wird,\n.\nWien. Einer der interessantesten Abende war unstreitig der\ndes 3. October, an welchem Ander nach seiner mehrmonatlichen\nKrankheit (seit 25. Juni) zum ersten Male wieder vor dem Publi-\ncum erschien. Schon eine Stunde vor dem Beginn der Vorstellung\nwar das Haus in allen Räumen überfüllt. Ander, der erste\nSänger Deutschlands, trat als Lyonel in der Oper „Martha\"\nauf. Er wählte diese Oper, weil er in derselben all die Vorzüge\nseiner Stimme, seines Vortrages und seiner Darstellung auf das\nbeste manifestiren konnte (?). Alle nur möglichen Gerüchte, theils\nvon allzu besorgten Freunden, theils von einer gewissen Cote-\nrie absichtlich unter das Publicum gestreut, konnten nur\ndazu beitragen, dass die Spannung auf sein erstes Auftreten eine\nungewöhnliche Grösse erreicht hatte. Ein minutenlanger Jubel und\nApplaus begrüsste den allgemein beliebten grossen Künstler. Blu-\nmen und Kränze flogen auf den bis zu Thränen gerührten Künst-\nler nieder. Als das Publicum diesen Ausbruch der Gefühle an sei-\nnem entschiedenen Liebling bemerkte, erneuerten sich Beifall, Bravo-\nrufen und Blumenspenden. Was nun Ander's Stimme anbelangt,\nso ist sie in jener Schönheit, Kraft und eigenthümlichem Schmelz\nwiedergekehrt, wodurch er nebst seinem seelenvollen, innigen Vor-\ntrage so sehr die Sympathicen Aller für sich zu gewinnen wusste.\nDer glänzende Empfang, womit das Publicum seinen erklärten\nLiebling auszeichnete, hatte zu Anfang auf seine Stimme einigen\nEinfluss, der sich aber gänzlich beseitigte, und bald stand Ander\nwieder als erster deutscher Tenor vor uns.\nDie Proben zu der neuen Oper „Theolanthe\" von Balfe, unter\ndes Componisten eigener Leitung, haben im Hof-Opern-Theater be-\nreits begonnen. Frau Herrmann-Czillag singt die Titel-Partie.\nHr. Balfe hat für sie erst in Wien noch eine Cavatine componirt.\nDer bekannte Tenor Hr. Dr. Rademac her hat im Hof-Opern-\nTheater Probe gesungen, welche in jeder Beziehung sehr glänzend\nausgefallen ist. Dem Engagement dieses Sängers am Hof-Opern-\nTheater steht nichts als sechs bereits engagirte Tenore\nentgegen. Der schätzenswerthe Sänger begibt sich nach Breslau in\nein Engagement, welches ihm unter sehr vorteilhaften Bedingun-\ngen zu Theil wurde.\nDie Prima-Donna des pesther ungarischen National-Theaters,\nFrau Hasselt-Barth, verlässt nun definitiv dieses Kunst-Institut.\nDer k. k. Kammer-Virtuos Sig. Thalberg befindet sich seit\neiniger Zeit in Wien.\nDer k. k. Kammer-Virtuos Willmers ist hier eingetroffen\nund wird den Winter hier zubringen. Auch Leopold von Meyer\nund Frl. v. Staudach werden Concerte geben.\nFür Contrabass-Spieler. Der berühmte Contrabassist Jo-\nhann Hindle in Wien, Solospieler und Mitglied des Hofburg-\nTheater-Orchesters, gibt eine Contrabass-Schule unter dem Titel\n„Der Contrabass-Lehrer\" heraus, von welcher vorauszusetzen\nist, dass sie die Resultate der Erfahrungen und Studien eines so\ntüchtigen Künstlers enthalten und die Methode für dieses schwie-\nrige Instrument feststellen wird. Das Werk wird in zwei bis drei\nMonaten in zwei Theilen erscheinen, Pränumerations-Preis für\njeden Theil 2 Fl. C.-M. oder 1 Thlr. 10 Sgr. Die Musicalienhand-\nlung C. A. Spina (vormals Diabelli & Comp.) in Wien, am\nGraben 1133, nimmt Pränumeration an. Der Verfasser ersucht um\nportofreie Einsendung des Betrags für den ersten Theil und genaue\nAngabe der Adresse des Pränumeranten.\nIn Paris spricht man von einem grossen dramatisch-musicali-\nschen Werke: „Die blutige Nonne\" (Hu!) von Scribe & Comp.,\nmit Musik von Gounod, der in seinen Compositionen eine ernste\nRichtung verfolgt. Diese neue Oper soll im December zur Auffüh-\nrung kommen; die Sängerin Mad. Bosio hat die Hauptrolle.\nFrl. La Grua ist über Dresden nach Wien gereis't, wo sie\nein glänzendes Engagement auf neun Monate hat.\nFür die Wiedereröffnung der italiänischen Oper sind Aussich-\nten. Der einzige Unternehmer, der sich gemeldet hat, ist der Oberst\nRagani; er soll ganz gut musicalisch sein. Das Haupthindernis\nsind die ungeheuren Forderungen der Eigenthümer des Saales.\nLablache ist nach der Vermählung seiner jüngsten Tochter\nnach Petersburg abgereis't.\nDas Ivünstter-Paar Herr Siegfried Saloman und Frau Nis-\nsen-Saloman ist hier.\nDer Grossherzoglich Weimarische Capellmeister Chelard hat\neine militärische Scene: „Cetait ä Montmirailwelche eine Anek-\ndote aus Napoleon's letzten Tagen im Jahre 1814 behandelt, in\nMusik gesetzt, welche in Versailles aufgeführt worden ist.\nEin deutscher Componist, Namens Bergson (?), der in Ita-\nlien mehrere Opern, unter anderen „Luisa Montfort\", welche sehr\ngefallen hat, geschrieben, ist gegenwärtig in Paris.\nDie italiänische Oper in Petersburg sollte am 4. October er-\nöffnet werden. Das Personal bilden: Soprani die Damen La Gran g e,\nMedori, Marray; Alto Fräul. Demeric; Tenori Tamberlik,\nCalzolari, Naudin, Stigelli; Baritoni Ronconi und Debas-\nsin i; Bassi Lab lache und Didot. Karl Forme s hat das\nEngagement dahin ausgeschlagen und bereis't England mit der\nOpern-Gesellschaft des Unternehmers Jarret."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.1", "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\nHerr von Lenz ist ein Livländer, Staatsrath in russi-\nschen Diensten, bekannt mit der deutschen und französi-\nschen Literatur, befreundet mit der Tonkunst und vielen\nbedeutenden musicalischen Persönlichkeiten der letzten\nJahrzehende, heimisch in Paris, London, Rom, Petersburg,\nmit Einem Worte: ein Mann von Welt aus der gebildeten\nClasse der russischen Aristokratie, der sich einen „Schüler\nund Freund Chopin's\" nennt, und in allem diesem zusam-\nmengenommen eine Berechtigung findet, als musicalischer\nSchriftsteller aufzutreten. Er thut dies um so lieber, da\nnach dem alten Spruche des Sallustius „jeder Mensch da-\nhin streben muss, eine Spur seines Daseins zu hinterlassen\",\nund wünscht, dass „die ausgezeichneten Geister,\ndie hervorragenden Menschen, deren Freundschaft\nder Reiz seines Lebens ist, sein Werk als eine nicht un-\nwürdige Frucht der Pflege der Kunst, die er so lange mit\nihnen getheilt hat, annehmen mögen\". Wir unsererseits\nvermuthen noch einen anderen Grund, welcher ihn zum\nöffentlichen Auftreten bewogen hat. Die Trophäen des Mil-\ntiades liessen den Themistokles nicht schlafen eben so\nraubte Ulibischeff's Ruhm Herrn von Lenz die Nacht-\nruhe und trieb ihn sogar an, gegen Ulibischeff eine Lanze\nzu brechen und sich als Rächer des von jenem verkannten\nund beleidigten Beethoven'schen Genius aufzuwerfen. So\nentstand das Buch:\nBeethoven et ses trois\nnates de Piano, suivies de Vessai d'un Catalogue cri-\ntique, chronologique et anecdotique de l' oeuvre\n(siel) de Beethoven. P\nbourg, chezßernard.lBs2. 8 3 Thlr.\nAusserdem lührt es noch auf dem Titel den Virgil'schen\nHalbvers: Deus nobis haec otia fecit —, dessen Beziehung\nzum Werke schwer zu deuten ist, Herr von Lenz müsste\ndenn vom Kaiser in den Ruhestand versetzt worden sein,\noder eine „göttliche Langeweile\" in seinem Buche voraus\ngeahnt haben. Seit Erscheinung desselben sind in den De-\nbats (von Berlioz), in der pariser Gazette et Revue Musi-\ncale und in den Feuilletons einiger deutschen politischen\nBlätter (neuerlich noch in der augsburger Allgemeinen Zei-\ntung) empfehlende Artikel über dasselbe erschienen, bei\ndenen man hier und da an den Einlluss der bekanntlich\nsehr geschickten russischen Diplomatie glauben könnte.\nUnseren Vorsatz, das Buch zu besprechen, haben wir einige\nZeit lang ruhen lassen und diese benutzt, der neuen, ziem-\nlich anspruchsvoll angekündigten Erscheinung etwas genauer\nins Auge zu sehen, da wir aus mancherlei Vorzeichen ahn-\nten, dass uns wahrscheinlich wieder die Rolle zufallen würde,\ndie Legitimations-Papiere des vornehmen Fremden, der in\nden Salons der musicalischen Welt Aufsehen macht oder\nmachen möchte, etwas schärfer zu untersuchen.\nDer Verfasser bestimmt sein Buch, „ als ein nicht tech-\nnisches, allen denen, welche die Musik eben so wie die Li-\nteratur lieben\", und meint, dass „ein Buch hoher Kritik,\nwelches so wenig die technische Seite seines Gegenstandes\nberühre, vielleicht nicht der Originalität entbehre und zu\ndenken geben könne\".\nDabei müssen wir gleich von vorn herein das Beden-\nken äussern, wie es uns nicht wohl möglich erscheine, die\n„hohe Kritik\" in der musicalischen Kunst zu üben, ohne\ntechnische und theoretische Kenntnisse in dieser Kunst zu\nbesitzen. Ein Kritiker, der ein Buch „über die drei Stile\nBeethoven's\" schreibt und die wichtigsten Fragen über\nden harmonischen, den contrapunktischen, den rhythmischen\nStil des Meisters und über den Charakter seiner Art, zu\ninstrumentiren, mit einigen abgerissenen Bemerkungen auf\ndrei bis vier Seiten (S. 96—101) abfertigt und in der\nVorrede gesteht, dass er diese Bemerkungen dem bekann-\nten petersburger Musiker Damcke verdanke und sie nur\nnach seiner Weise zurecht gemacht habe ein Solcher\nweckt in der That kein günstiges Vorurtheil für seine Be-\nfähigung zum Eindringen in die Geheimnisse der geistigen\nWerkstatt eines Beethoven.\nWas will Herr von Lenz eigentlich? „Er hofft, dass\nsein Buch durch die Charakteristik der drei Stile Beetho-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.2", "texte": "ven's und den kritischen und chronologischen Katalog die\nKritik zu grösseren Resultaten führen könne. Sein Buch\nstelle zuerst in den Clavier-Sonaten die Verschiedenhei-\nten des Beethoven'schen Stils fest und suche sie in den\nübrigen Werken rationaler zu beweisen, als bisher ge-\nschehen. \"\nDie verheissene Charakteristik der drei Stile Beetho-\nven's (um die Leser auf den richtigen Standpunkt zu ver-\nsetzen, müssen wir bemerken, dass Herr von Lenz unter\nden „drei Stilen\" nichts Anderes versteht, als die längst\nbekannten drei Perioden der Entwicklung des Beethoven'-\nschen Genius) wird als allgemeine, die sämmtlichen\nWerke betreffende, auf 19 Seiten abgemacht (S. 61\n80), von denen übrigens 6 7 ganz andere Dinge be-\nsprechen, als charakteristische Merkzeichen der drei Perio-\nden. Der Verfasser zählt die erste bis zur Sonate Op. 22,\ndie zweite bis zum Violinquartett in F-moll Op. 95\ndocli rechnet er die Sonate für Piano und Violine in G\nOp. 96 und das Trio in BOp. 97 „diesen Farnesischen\nStier des Pianoforte's\" (!) noch hinzu und bezeichnet\ndie dritte als den Stil einer mystischen Offenbarung.\nAllerdings hat er von seiner Aufgabe eine richtige\nVorstellung, wenn er S. 66 sagt: „Wie Raphael und Ru-\nbens (?) hat Beethoven eine erste, zweite und dritte Ma-\nnier, welche sich alle drei charakteristisch unterscheiden.\nDiese Verschiedenheiten des Stils, diese Richtungen seines\nGedankens, diese Haupt-Umgestaltungen seines Genie's, sind\ndie Grundlagen seiner Werke. Man muss sie in ihrer Ver-\nkettung studiren, ihre Einflüsse auf einander verfolgen, wenn\nman unterscheiden und verstehen will. Ihre Analvse zu\ngeben, im Allgemeineren das Studium des Meisters zu er-\nleichtern, ist der Zweck dieses Versuches.\" Gut; aber die\nKraft ist gar zu weit hinter dem guten Willen zurück ge-\nblieben, und das In magnis e kann hier\nnicht zur Entschuldigung dienen, weil das eigentliche Punc-\ntum saliens, der dreigestaltete Geryons-Leib des Riesen,\nlängst kein Geheimniss mehr war und es hier nur darauf\nankommen konnte, das Werden dieser Ausnahme-\nNatur zu erforschen und nachzuweisen, und ihr Wirken\naus dem Wesen und der fortschreitenden Ent-\nwicklung ihrer eigenthümlichen Organisation\nzu erklären. Das lässt sich aber durch ästhetische Flos-\nkeln, durch phantastische Bilder, durch eine Jagd nach\nfrappanten Parallelen, mit Einem Worte durch ein' ober-\nflächliches Raisonnement, das aller logischen Eintheilung\nund systematischen Entwicklung eben so sehr, als aller mu-\nsicalisch wissenschaftlichen Begründung entbehrt und hoch-\nstens auf den Ruhm eines manchmal geistreichen, meist\naber carikirten Salongeplauders Anspruch machen kann,\nkeinesvveges erreichen.\nStossen wir nun dabei noch auf Ansichten über Beet»\nhoven'sche Werke, wie z. B. folgende: „Im Vergleich zu\ndem Vollendeten, zu dem Atticismus der Violintrio's Op.\n9 sollte man die ersten Compositionen Beelhoven's für\nPianoforte (3 Trio's Op. 1) für die übereilte Frucht\nsein-er Ferien halten\" (S. 67). „Die Sinfonie in\nA-dur ist ein Fest, bei welchem sich das Gift in die Be-\ncher gemischt hat, und wobei die Gäste, vom Tode\nüberrascht, sich zum letzten Male mit Blumen krän-\nzen\" (!) S. 72. „Die letzten Quartette sind nichts An-\nderes als die Schilderung des Lebens des Gerechten,\nErinnerungen aus seinem Wandeln über die Erde hin,\nu. s. w.\" (S. 73.) „Es springt in die Augen, dass\nBeethoven in seiner Musik der grössle Aristokrat von al-\nlen Tonkünstlern war\" ; begegnen wir ferner Anachro-\nnismen wie diesem: „Die zweite von den drei, dem Kaiser\nAlexander gewidmeten Sonaten für Piano und Violine in\nC-moll ist ein glühendes Blatt jenes ritterlichen Geistes,\nwelcher die grosse Epoche der Fr ei he itsJt ri eg e ge-\ngen Napoleon belebte\", während diese Sonaten Op. 30\nim Jahre 1802 oder 1803 geschrieben sind ; wenn es\nferner heisst: „Beethoven ist wie Napoleon bereits unwahr-\nscheinlich, man ist versucht, ihn für einen Mythus zu hal-\nten\" —; wenn der Verfasser in Beethoven „ein slawU\nsches Element\" entdeckt, in der Sonate A-dur Op. 2\nan „russische Volksmelodieen\" erinnert wird und im Fi-\nnale von Op. 57 einen russischen Tanz wittert —;\nwenn er in der Pastoral-Sinfonie die Stimmen der Wach-\ntel, des Kuckucks und der Nachtigall für einen absichtlich\nvon Beethoven zur Verspottung Haydn's angebrach-\nten Witz erklärt (in der „Scene am Bach\" eine Spötte-\nrei !) —: dann wird man immer misstrauischer gegen die\nBerechtigungstitel des Verfassers zu seiner Mission.\nGehen wir indess etwas näher auf den Inhalt des Bu-\nches ein. Sechs Aufsätze bilden die „Einleitung\", welche\n\\\n131 Seiten umfasst, und unter diesen befindet sich als der\ndritte der schon erwähnte Abschnitt über die drei Stile Beet-\nhoven's. Es ist also das, was dem Titel gemäss der Haupt-\nInhalt des Werkes sein müsste, in ein Capitel der Einlei-\ntung verwiesen! Dann folgen die vom Verfasser so ge-\nnannten Analyses des Sonettes de Piano, welche im ersten\nTheile 125 S., im zweiten noch 76 S. füllen. Den Rest\nnimmt der Katalog der Beethoven'schen Werke von Seile\n77 272 ein."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.3", "texte": "Der erste von den sechs Aufsätzen der Einleitung ist\nüberschrieben: De la vollige transcmdanle du Piano\nund eifert, wie schon die wunderliche Ueberschrift zeigt,\ngegen die Seiltänzerei auf dem Pianoforte. Gleich hier\nspringt der Verfasser von dem Hundertsten ins Tausend-\nste, sagt über Thalberg und Liszt nichts als das Allbekannte,\nmacht zwar die Ciavierreiterei allerdings mit Recht lächer-\nlich, bleibt aber bei nichts weniger als bei seinem Thema.\nZugleich gibt er uns ein Bild seines Stils und des unver-\nantwortlichen Französischen, welches er schreibt. Er hat die-\nses Idiom gewählt, weil „das Französische die Pasigraphie\nder künstlerischen Welt ist\" (vielleicht für die Russen?),\nund um seine überströmende Phantasie zurückzudämmen,\n„indem das Französische ein Halfter sei, welcher den En-\nthusiasmus auf zweckmässige Weise im Zaum hält\"! Lei-\nder ist aber das Französische des Herrn von Lenz kein\nFranzösisch, sondern ein bis zum Ungeheuerlichen franzö-\nsirtes Deutsch, dessen unklare Gedanken in der französi-\nschen Jacke oft geradezu burlesk werden. Wir geben gleich\nden Anfang als wörtliche Probe:\n„Heut zu Tage spielt man nicht mehr Ciavier, man\nreitet es. Man reitet es gesattelt oder ungesattelt. Das un-\ngesattelte ist die Phantasie, das gesattelte die Transscription,\ndas Lied ohne Worte oder meist ohne irgend etwas, oder\ndie Paraphrase des ersten, besten, wiewohl sicherlich sehr\nwenig türkischen Marsches des Sultans. Die erste Para-\nphrase geht bis auf die Zeiten Justinian's zurück. Nun er-\nhalten wir sie wieder auf dem Wege des Piano's und eines\nStückchens vom Koran. Ja, Cramer, Hummel, Moscheies\nverstanden Ciavier zu spielen, aber konnten kein Wort\nTürkisch. Lernen wir denn Türkisch, wenn man ein Un-\ngläubiger sein muss, um heut zu Tage einen Marsch zu\nentziffern. Wenn's mit dem Arabischen so gut geht, so\nkönnte es vielleicht mit dem Chinesischen noch besser gehen.\nBitte, bitte! Paraphrasiren Sie uns doch einen kleinen co-\nchin-chinesischen Marsch! schnell her mit dem Wiegenlied\nder Prinzessin Turandot, mit dem flüchtigen Gedanken\nDschingiskan's! *\nWer, wo es sich um eine ernste Sache handelt, wo es\ndarauf ankommt, zu zeigen, wie aus den Beethoven'schen\nClavier-Compositionen durch Miss- und Unverständniss der-\nselben, durch Verflachung und Ueberstürzung die neuere\nRichtung des Clavierspiels und der Composition für das-\nselbe durch Weber und Chopin bis zu Thalberg und Liszt,\nund von diesen bis zu den eigentlichen Seiltänzern und\nKunstreitern, sich nicht sowohl entwickelt als aufgewirbelt\nhabe —• wer bei einem solchen Thema, bei dessen Aus-\nFührung man leitende Ideen, kunsthistorischen Blick, ver-\nständige Verfolgung eines Hauptgedankens erwartet, sich\nan einem so albernen Feuilleton-Geschwätz ergötzen kann,\ndem mögen freilich auch die Phrasen, dass „ zwischen einer\nViertelnote und der anderen heut zu Tage so viel Dinge\nliegen, als Glückseligkeiten in der Arbeit, welche Louis\nBlanc erfunden hat\" dass „Thalberg drei Stockwerke\nbewohnt, was doch gar zu vornehm sei\" (Anspielung auf\ndie drei Linien-Systeme) dass „der Grund des jetzigen\nverderbten Geschmacks in der Revolution von 1830 liege,\nwelche die französische Gesellschaft (macht diese denn die\nKunst, und vollends die Tonkunst, aus?) und mit ihr die\nKunst verdorben habe\" dass „Bernhard Romberg und\nHummel die letzten Mohikaner des Künstlers schlechtweg\"\ngewesen u. s. w., dem mögen, sagen wir, auch diese\nPhrasen geistreich erscheinen.\nHier und da läuft freilich auch einmal ein guter, wenn\nauch nicht eben neuer Witz mit unter. Aber ziemt diese\nArt und Weise, welche durch das ganze Buch geht, einem\nWerke über Beethoven? Schwatzt und schreibt über wen\nund über was Ihr wollt in dieser flackernden Strohfeuer-\nManier der neuesten französischen Feuilletonisten, zu wel-\ncher Ihr übrigens nicht einen einzigen Blutstropfen in den\nAdern habt; aber bleibt mit solchem Zeug dem Riesen\nBeethoven mit dem struppigen Haar und dem weiten Ueber-\nrock und dem grossen deutschen Herzen vom Leibe, sonst\nmöchte er die Zudringlichen aus seinem heiligen Tempel\nhinauswerfen und hinterher sein kräftiges\nschleudern.\n(Schluss folgt.)\n\nAus der Brieftasche eines wandernden Sängers.\n\n„Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er was er-\nzählen \" ist für den fahrenden Musicanten nur mit dem\nZusätze eine Wahrheit: „wenn er nämlich unterwegs was\ngehört hat\". Da mich nun darin der Zufall diesmal begün-\nstigte, so entschliesse ich mich, wieder einmal auf Zeit\nunter die Schriftsteller zu gehen, schneide dieses Blatt aus\nmeiner Brieftasche heraus und sende es Ihnen.\nDass bei uns am Rheine die Musik einen gewaltigen\nAufschwung nimmt, wissen wir, auch dass der Sinn und\ndie Theilnahme für dieselbe sich mehrt, und dass in Folge\ndessen die Ausübenden wie Pilze aus der Erde schiessen"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.4", "texte": "und dennoch ihren Wirkungskreis, Jeder nach seiner Lei-\nstungsfähigkeit, finden. Selbst der gefürchtete Sommer, wo\ndie Kunst feiert und mit ihr ein Theil ihrer Jünger, wird\njetzt von diesen schon mit minderem Bangen begrüsst, weil\ndie Belustigungsorte ohne musicalische Unterhaltung gar\nnicht mehr denkbar sind, indem ohne Sontags-Polka, Jenny-\nLinds-Walzer und Romeo-und-Julie-Potpourri der dünne\nKaffee und die schlechten Weine gar nicht geniessbar wä-\nren. Anders scheint es jedoch im Hannoverschen zu sein.\nDort werden die Erfrischungen in so guter Qualität verab-\nreicht, dass sie ohne musicalische Würze schmecken, und\ndesshalb muss die Musik-Industrie andere Erwerbsquellen\nfür sich ausfindig machen. Diese Erfahrung machte ich\nz. B. auf der Station Burgdorf (noch merkwürdig dadurch,\nwie mir eine reizende Unbekannte mittheilte, dass der be-\nrühmte braunschweiger Honigkuchen da gebacken wird),\nzwischen Hannover und Celle, wo unser Zug von einem\nMusikchor in Gestalt der „sieben Brüder\" begrüsst wurde,\nund eben so an der Station Peine, nach Braunschweig zu.\nDie Sammlung ging eben so rasch wie das Aus- und Ein-\nsteigen, und wenn bei jedem Zuge solche Gaben gesam-\nmelt werden, dann sind am Ende die hannoverschen Eisen-\nbahn-Actien sehr bald in den Händen der „ sieben Brüder\".\nW as die hohen Kunstgenüsse betrifft, die ich gehabt,\nso steht Hannover oben an, und vor Allem das zweitä-\ngige Zusammensein mit dem genialen Joachim. Sie wer-\nden mich beneiden, zu vernehmen, dass ich zwei Bach'sche\nFugen eben so classisch schön zu Gehör bekam, wie in\nDüsseldorf die Ciacconna; dann den Schubert'schen „Erl-\nkönig\" mit einer so vollendeten Technik, dass man gar\nnicht zu dem Glauben kommt, dass zu diesem Vortrage\nTechnik nöthig sei, und mit einer Wahrheit im Ausdrucke,\ndass man sich eines geheimen Schauers nicht erwehren\nkann. Joachim wird damit mehr Wirkung hervorbringen,\nals mancher Sänger, indem er nicht nur mit Geist, sondern\nauch aus vollem Herzen, aus tiefster Seele seine Töne gibt,\ndie bis ins innerste Mark des Hörers dringen und solches\nfreudig erregen oder tief erschüttern. Mit den einschmei-\nchelnden Flageolet-Tönen zu den Worten: „Du liebes\nKind, komm, geh mit mir!\" wird Joachim mehr wirken\nals der Sänger, der, wenn er auch noch so sehr nuancirt,\nschwerlich das Geisterhafte in den Ton bringen wird, wie\nich es eben bei Joachim gehört. Beim Schluss des Liedes:\n„ In seinen Armen das Kind war todt!\" wird der Sänger\nmehr im Vortheil sein; ich hatte wenigstens durch das Spiel\nnicht den Eindruck, den der Sänger durch die tonlosen Worte\nhervorzubringen im Stande ist. Wie gern möchte ich Ihnen\nnoch von dem Vortrage eines Werkes berichten, womit\nJoachim mich so hoch erfreut! Allein ich darf nicht davon\nplaudern, und so schwer es mir auch fallt, muss ich doch\nmeine Begeisterung in mich verschliessen. Ich bin aufs Neue\nin meiner Ansicht bestärkt worden, dass Joachim eine so\ngrosse Zukunft vor sich hat, wie sie selten einem Künstler\nzu Theil wird. Seine Jugend, seine geistige Reife, seine hohe\nKünstlerschaft und seine gediegene Richtung sind Bürgen\ndafür. Als ausübenden Künstler kenne ich ihn und freue\nmich nun, ihn auch bald noch mehr als schaffenden Künst-\nler kennen zu lernen, wenn, wie man hört, die Stadt Düs-\nseldorf seine Ouvertüre zu Hamlet in einem ihrer Concerte\nvorführen wird.\nIm Theater hörte ich Beethoven's herrlichen Fide-\nlio, und, zur Ehre des hannoverschen Publicums sei es\nbemerkt, bei gut besetztem Hause, welches die Oper mit\neiner Begeisterung aufnahm, wie sie die Ausführung nicht\nimmer rechtfertigte ein Beweis mehr, wie empfänglich\nman da für das Gediegene in der Opernmusik ist. Und\nwer glauben Sie wohl, dass den grössten Enthusiasmus\nzeigte? Das Officier-Corps, welches sehr stark vertreten\nwar. Wenn ich von diesem Abend schliessen darf, so kann\nman den Künstlern, die in Hannover ihren Wirkungskreis\nhaben, nur Glück wünschen. Die Ouvertüre zu hören, war\nein Hochgenuss! Junge, feurige Leute im Orchester,\nMarschner an der Spitze, ich hätte vor Entzücken laut auf-\njauchzen mögen, wenn nicht meine schnatternde Nachbarin\ndurch sehr laute Begrüssung mit Frau v. X. und Unter-\nhaltung mit Frl. v. Z. den hohen Flug meiner Seele herab-\ngedrückt und sehr häufig während der Vorstellung dem\nAusbruche meiner Begeisterung Sordinen aufgesetzt hätte.\nFrl. Volk (Marceline) sang das erste Duett und besonders\nihre Arie darauf recht brav, was auch vom Publicum durch\nstarken Applaus anerkannt wurde. Hr. Sowade (Jaquino)\nspielte recht wacker, aber seine Stimmmittel haben leider\nso abgenommen, dass er gar häufig detonirt, was beson-\nders in dem schönen Canon so störend wirkte, zumal da\nFrau Nottes (Fidelio) gleichfalls zu tief sang. Der Genuss\nwurde dadurch bedeutend geschmälert, wozu noch kam,\ndass Hr. Sowade die Stelle: „Mir sträubt sich schon das\nHaar!\" in punktirten Noten anstatt in gleichen Sechszehn-\nteln sang:\nWenn man gemüthlich mit der Triolen-Bewegung der Bässe\nim Orchester geht, so hat die Stelle lür den Sänger frei-"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.5", "texte": "lieh nichts Haarsträubendes. Was würde aber aus dem\nCanon werden, wenn nun auch Marceline alle Figuren, in\ndenen sie sechs Sechszehntel auf neun (in drei Triolen) zu sin-\ngen hat, punktiren und zerhacken wollte? Hr. Haas aus\nWiesbaden gab den Rocco als Gastrolle und genoss vom\nPublicum grosse Auszeichnung, worüber zwar hier und da\nein Kopfschütteln entstand; aber Hr. Haas sang viel besser\nals die letzt-engagirten Mitglieder, und daher wohl der Bei-\nfall. Hr. Haas stösst leider mit der Zunge an, was in dem\nLiede: „Es ist ein schönes Ding, das Gold\", eine komische\nWirkung machte. Die Stimme hat gegen die früheren Jahre\nbesonders an der Höhe gelitten. Als im zweiten Acte Hr.\nBötticher (Pizarro) dazu trat, da kam es mir vor, als\nsei ich wieder an den Rhein versetzt, indem die Beethoven'-\nsche Musik so stolz dahin wogte, wie seine Wellen, und\nan den Ufern die schönen Ruinen (Bötticher, Sowade u. A.)\nsich darin spiegelten ich war wie zu Hause. Hr. Ber-\nnard (Florestan) sang seine Arie recht brav; denn man\nmuss bedenken, dass diese Aufgabe nicht leicht zu lösen.\nDabei hätte ich mehr Rücksicht von Seiten des Orchesters\ngewünscht, das zu laut war, wodurch die Nuancen des\nSängers oft verloren gingen. Frau Nottes, die bei ihrer\nRückkehr zur Kammersängerin ernannt worden, sang die\ngrosse Arie in E-dur ganz vortrefflich. Die Stimme ist\nklangvoll, ausgiebig, ohne das Ohr zu verletzen. Ich hätte\nmehr Nuancen gewünscht, die auch Beethoven vorgezeich-\nnet hat. Frau Nottes nahm durch ein gleichmässig starkes\nSingen ihrem Vortrage die Wirkung der Steigerung, beson-\nders im Adagio. Beim Terzett in A-dur: „Euch werde\nLohn!\" Alleground am Schluss frappirte\nmich das schleppende Tempo, das Marschner nahm. Glaubte\ner vielleicht Rücksicht auf Florestan nehmen zu müssen, der\nschon so lange gehungert? leh weiss es nicht. Florestan\nfühlte sich wenigstens stärker, denn er trieb; allein durch\neinige laute Schläge auf das Notenpult wurde er eines Bes-\nseren belehrt und ihm der Glaube benommen, dass eine\n„Brodrinde\" und ein „Tröpfchen Wein\" Riesenkräftebrin-\ngen könnten. In der Scene, wo Pizarro Florestan erstechen\nwill, drang Bötticher noch einmal auf Florestan ein, als ihm\nLeonore schon das Pistol entgegenhält; ein lächerlicher\ngegriifr-Coup, da die muthige Frau sicher losgedrückt\ndoch lwenn sie nicht gewusst, dass Hr. Bötticher es eigent-\nhoflNoch nicht so böse meinte. Was den Chor der Gefan-\ngenen betrifft, so wurde derselbe nicht sonderlich gesun-\nken; man ist am Rheine durch die Männerchöre verwöhnt,\nxse ihren guten Einfluss auch auf den Theaterchor üben,\nr doch nicht zurückstehen will. Das kleine Tenor-Solo\nwurde gut gesungen, hingegen das Bass-Solo abscheulich.\nDas Finale konnte ich leider nicht mit anhören, erhielt aber\nTags darauf die tröstende Beruhigung, dass ich recht gut\ndaran gethan hätte, den Eindruck der Aufführung und den\nNachhall des Beethoven'schen Genius ungetrübt mit nach\nHause genommen zu haben.\nIn Gotha hörte ich noch ein Concert im Orangerie-\nGebäude, von der Liedertafel veranstaltet, um, wie ich\nvernahm, einen Kosten-Ausfall zu decken, der nach der\nAufführung des Elias, von der ich Ihnen neulich schrieb,\nsich herausgestellt, indem zu viel auswärtige Kräfte herbei-\ngezogen werden mussten. Der Eintrittspreis war sehr ge-\nring, und ist es sehr lobenswerth, auch der minder wohl-\nhabenden Classe Gelegenheit zu verschaffen, etwas Schönes\nzu hören. Es kann dies aber nicht zum Heile dienen, wenn\nnicht Sorge getragen wird, dass die Muse beim Musicali-\nschen bleibt, und nicht zum Tabaks-Collegium eingeladen\nwird, wie es hier der Fall war. Das Concert wurde mit\nder Ouvertüre zur „Weissen Dame\" eröffnet, welche von\nder Militär-Musik nicht eben brillant ausgeführt wurde.\nNun, das gothaische Bundes-Contingent wurde eben von\nden Bundes-Generalen inspicirt, die Musiker waren von den\nAnstrengungrn der Manöver erschöpft und konnten auch\nals „ Gothaer\" nicht die rechte Stimmung für die so wenig\ndoctrinäre Musik Boieldieu's finden. Daran schloss sich der\nerste Act derselben Oper, ausgeführt vom Singverein, bei\nClavier-Begleitung. Die Ausführung war recht brav, und\nwünschte ich die Einsätze des Soprans überall so sicher zu\nhören, wie es hier der Fall war. Bis dahin war das Publi-\ncum aufmerksam und nahm ausser der Musik mit den Düf-\nten der Orangen fürlieb; aber bei den übrigen Stücken\nsehnte es sich nach beizendem Genüssen: Tabaksdampf rief\nden Gedanken an Weber's Cavatine: „Und ob die Wolke\nsie verhülle\", lebhaft auf; in Becker's „Kirchlein\" tönte\nnicht etwa Glockenklang Biergläser rappelten, Theetassen\nklirrten; und als im Hugenotten-Duett Valentine rief: „0\nGott! wo eilt ihr hin?\" antwortete mein Nachbar: „Jetzt\nmuss ich ein Seidel trinken!\"\nzum Saal hinaus, ging in mein Hotel und machte es wie\nein geistreicher Feuilletonist aus Paris ich ass „Kalbs-\nbraten mit Kartoffeln\".\nEinige Tage darauf war in Langensalza Haydn's\n„Schöpfung\" angekündigt, wurde aber leider verschoben,\nso dass es meine Zeit nicht gestattete, dieses Werk noch\nzu hören. Hingegen in Gräfentonna, einem Flecken\n(Gerichtsort) bei Gotha, wohnte ich einem Concerte bei,\nwelches die Schullehrer der tonnaer Diözese zum Besten"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.6", "texte": "der Pestalozzi-Stiftung veranstaltet hatten. Unter den Män-\nnerchören zeichnete sich besonders eine treffliche Compo-\nsition von Wandersieb aus, welche meisterhaft vorge-\ntragen wurde. Ein Dilettant aus Langensalza, Hr. Oskar\nWagner, sang mit schöner und gut geschulter Bassstimme\nein Lied von Kücken, und ganz vortrefflich Schumann's\n„Die beiden Grenadiere\", welche Composition eine begei-\nsterte Aufnahme fand. Ein Flötist aus Langensalza (leider\nist mir der Name entfallen, denn er verdiente, genannt zu\nwerden) trug Variationen mit grosser Bravour vor. Sie\nsehen hieraus, dass Thüringen seinen musicalischen Sinn\nbewahrt, und dass er auch an kleinen Orten so gepflegt\nwird, dass man in ihnen zuweilen wirkliche Kunstgenüsse hat.\nIn Sondershausen, wo eine ganz vortreffliche Hof-\nCapelle existirt, war am 3. d. Mts. Hof-Concert; da ich\naber nicht dazu befohlen war und meinen Wanderstab\nan demselben Tage weiter setzte, so werden Sie es natürlich\nfinden, wenn ich Ihnen darüber nichts sage, auf die Gefahr\nhin, von den Correspondenten vom Handwerk wegen Auf-\nrichtigkeit und Armuth an Phantasie aus der Zunft gestos-\nsen zu werden.\n\nErnesto.\n\nGeorge Onslow.\nNekrolog.\n\nEin plötzlicher Tod hal diesen berühmten Componisten\nam 5. October dahingerafft, einen Tonkünstler, der na-\nmentlich durch seine Instrumental-Compositionen einen be-\ndeutenden Platz in der Geschichte der Musik einzunehmen\nwürdig ist.\nGeorge Onslow war zu Clermont im Departe-\nment Puy de Dome am 27. Juli 1784 geboren. Sein\nVater war der zweite Sohn eines englischen Lords dieses\nNamens, der sich in Frankreich niederliess und sich mit ei-\nnem Fräulein von Bourdeilles, welches aus dem Hause\nBrantöme stammte, vermählte. Die Musik bildete nur ei-\nnen zufälligen Theil seiner Erziehung, und wennschon\nHullmandel, Dussek und Cramer seine Lehrer auf dem Cia-\nvier waren, so erwachte doch bei dem Knaben, den die\nNatur zu einem grossen Componisten bestimmt hatte, der\nmusicalische Trieb erst spät und entwickelte sich langsam.\nDie erhabensten und ergreifendsten dramatischen Werke\nmachten lange Zeit keinen Eindruck auf ihn, bis endlich eine\nAufführung der Ouvertüre zur Stratonice den Funken,\nI\nder in seinem Inneren schlummerte, weckte, was Meister-\nwerke wie Don Juan und Die Zauberflöte nicht vermocht\nhatten. „Als ich jenes Musikstück hörte,\" sagt er selbst,\n„fühlte ich eine so lebhafte Aufregung in meiner Seele,\ndass ich auf einmal von Gefühlen ergriffen wurde, die mir\nbis dahin unbekannt gewesen waren. Noch heute sind mir\ndieser Augenblick und meine Empfindungen in demselben\ngegenwärtig. Von dem Zeitpunkte an betrachtete ich die\nMusik mit ganz anderen Augen; der Schleier, der mir ihre\nSchönheit verbarg, zerriss, und sie wurde die Quelle mei-\nner edelsten Genüsse und die treue Gefährtin meines\nLebens.\"\nBald sprach sich seine besondere Vorliebe für Kam-\nmer-Musik, namentlich für das Violinqüartett, aus. Er lernte\nVioloncell spielen, um bei der Ausführung der Meisterwerke\ndieser Gattung von Havdn, Mozart, Beethoven mitwirken\nund dadurch tiefer in ihren Geist eindringen zu können.\nDass ihn sein Aufenthalt in der Provinz von dem musica-\nlischen Strudel der Residenz fern hielt, war sicher zu sei-\nnem Heile; seine Einsamkeit in der musicalischen Welt der\nGegenwart liess ihn sich in die Vergangenheit versenken,\nwo er mit emsiger Beharrlichkeit nach dem reinen Golde\ngrub, das sie enthielt. Mit wahrer Leidenschaft warf er\nsich auf das Studium der Quartette und Quintette der\ngrossen Deutschen, und dieses Studium ersetzte ihm den\ntheoretischen Unterricht in der Composition, den er erst\nspäter bei Reicha in Paris suchte.\nIndess hatte er schon sein zweiundzwanzigstes Jahr\nvollendet, ehe er das Bedürfniss fühlte, selbst in Tönen zu\nschaffen. Doch kam kurz nach diesem Zeitpunkte die mu-\nsicalische Natur in ihm gleichsam zum Durchbruch, und er\nschrieb sein erstes Quintett, nach dem Muster der\nMozart'schen, welche er vor Allem hoch und theuer hielt.\nMan kann sich leicht denken, wie mühsam die Ausar-\nbeitung einer Quintett-Partitur bei einer noch so unvoll-\nkommenen theoretischen Bildung, bei dem Mangel anUebung\nim Schreiben durch wiederholte frühere Versuche, für ihn\n\\ * *\nsein und wie langsam es damit vorwärts gehen musste, da\neine Menge von Hindernissen zu überwinden und das Tech-\nnische des Handwerkes erst an der Arbeit selbst zu lernen\nwar. Allein der unschätzbare Vortheil einer glücklichen,\ndurch eigenes Vermögen unabhängigen Lage, eines ruhigen\nLebens, das fern von dem verwirrenden Lärm und den\nzeitmörderischen Zerstreuungen der grossen Welt inj'in_'\nlicher Stille dahinlloss, liessen ihm die volle Muss»\nSchwierigkeiten einer ersten Composition zu besiegen,\nUmstände, die allerdings äusserst günstig waren, aber ein\num so ehrenvolleres Licht auf den eisernen Fleiss des jur\ngen Mannes und auf die Beharrlichkeit werfen, mit welche\ner eine ideale Lebensrichtung zu verfolgen strebte."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.7", "texte": "Aber es war nicht der äussere Einfluss dieser günsti-\ngen Lage allein, der auf seine allmähliche Entwicklung als\nKünstler wirkte, sondern hauptsächlich sein Charakter, seine\nIndividualität, welche in dieser Lage ihre Befriedigung\nfand, und allem übermässigen Ehrgeize, aller Sucht, zu glän-\nzen und Andere zu überragen, aller Marktschreierei und\nRuhmredigkeit, allem Gefallen an dem Treiben der grossen\nWelt fremd war, obschon er sich mit der einnehmendsten\nLiebenswürdigkeit in dieser bewegen konnte, jedoch nie-\nmals sich so abschliff, dass der Grundzug seines Charakters,\nOffenheit und Gutmüthigkeit, nicht aus den Formen des\ngeselligen Umganges überall durchgeblickt hätte.\nDies zusammen genommen erklärt die Möglichkeit der\ngrossen Anzahl von Compositionen, welche er in dem Zeit-\nraum von ungefähr dreissig Jahren veröllentlicht hat, trotz\nder Langsamkeit, mit welcher er besonders bei seinen er-\nsten Werken arbeiten musste. Er lebte fast immer in Cler-\nmont oder auf einem Gute in der Nähe dieser Stadt, ver-\nweilte während des Winters nur einige Monate in Paris,\nund kehrte stets mit dem ersten Wehen des Frühlings in\nseine heimatlichen Berge von Auvergne zurück.\nWrir behalten uns vor, auf seine Compositionen und\nihren meist sehr deutlich ausgeprägten Charakter später\nzurück zu kommen. Seine Quintette und Quartette sind in\nden Händen aller Musikfreunde; auch seine Ciavierwerke\nhaben grosse Verbreitung gefunden.\nAusserdem hat er auch drei Opern geschrieben.\nDie erste, „Der Alcade vonVega\", wurde im Jahre\n1824 auf dem Theater Feydeau gegeben, die zweite,\nColporteur\" (der Hausirer), auf derselben Bühne i.\nJ. 1827, und endlich „Le Duc i. J. 1837\naufgeführt. Den meisten Erfolg hatte der Hausirer, der auch\nauf vielen deutschen Bühnen gegeben worden ist.\nIm Jahre 1829 wäre ein Unglück auf der Jagd ihm\nbeinahe tödlich gewesen. Eine Kugel streifte sein Ohr;\nseitdem litt er auf der getroffenen Seite an Gehörsschwäche.\nIm November 1842 wurde er zum Mitgliede der Aka-\ndemie an Cherubini's Stelle erwählt.\nBei seiner letzten Anwesenheit in Paris, in der Mitte\ndes vergangenen Sommers, schien Onslow's Gesundheit an-\ngegriffen. Er selbst klagte über Abnahme seiner Kräfte;\ndoch konnte man unmöglich ein so nahes Ende ahnen und\nhoffte sicher, ihn in den befreundeten Kreisen wiederzu-\nsehen. Es sollte nicht sein. Der Tod überraschte ihn plötz-\nlich nach einem Spazirgange; seine letzten Augenblicke\nwaren ohne Schmerzen, ohne peinigenden Todeskampf.\nOnslow war als Künstler und als Mensch gleich ehren-\nwerth und liebenswürdig. Alle, die ihm näher standen, und\ndie auch nur Gelegenheit hatten, mit ihm eine Zeit lang\numzugehen und ihn kennen zu lernen, wurden von der\ngutmüthigen Freundlichkeit gefesselt, welche nicht die Frucht\nweltmännischer Glätte, sondern eines trefflichen Herzens\nwar, das nichts als Wohlwollen und Leutseligkeit athmete.\nSo haben wir ihn auch hier in Köln in den Pfingsttagen\ndes Jahres 1847 kennen gelernt, und auch er zählte sei-\nnen damaligen Aufenthalt hier und das niederrheinische\nMusikfest jenes Jahres zu den heitersten Erinnerungen sei-\nnes Lebens.\n\nL. B.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Theater. Nach einer sehr mittelmässigen Vorstel-\nlung des „Freischütz\", einer durch Mangel an Zusammenspiel und\nraschem Ineinandergreifen ganz verfehlten Aufführung des „Dorf-\nbarbiers\", und einer guten Wiederholung des „Wasserträgers\"\nbrachte uns der 13. October einen seltenen Genuss durch die treff-\nliche Aufführung der „Norma\", in welcher Fr'äul. Sophie Cru-\nvelli als Gast auftrat. Diese geniale Gesangesheldin entfaltete die\nganze Grösse ihrer künstlerischen Natur in dieser Rolle, welche für\nsie stets zum Triumph des dramatischen und colorirten Gesanges\nund der mimisch-plastischen Darstellungskunst wird. Wir erstaun-\nten von Neuem über die wunderbare Fülle des umfangreichen Or-\ngans, über die Kühnheit und Sicherheit in der Behandlung dieses\ngewaltigen Materials, und über die Geschmeidigkeit desselben in\nden künstlichsten Figuren bei ganzer oder halber Tonstärke bis zu\ndem leise verhallenden Pianissimo. Es that uns besonders wohl,\ndass Fräul. Cruvelli durchaus nicht übertrieb, dass sie an keiner\nStelle in jene Manier verfiel, welche in neuester Zeit auf den ita-\nliänischen und französischen Operntheatern herrschend geworden\nist, sondern stets in den Schranken des künstlerischen Maasses\nblieb. Sie wurde von Frau Schmidt-Kellberg (Adalgisa) und\nHrn. Ka h 1 e (Sever) ganz vortrefflich unterstützt, so dass die Duette\nund das Terzett stürmischen Beifall erregten und die drei Künst-\nler wiederholt gerufen wurden.\nBerlin. Im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater wurde zum\nBenefiz des Hrn. Hirsch die kleine einactige Oper „Rübezahl\"\ngegeben; der Text ist von Jansen, die Musik von Conradi. Mit\nvielem Geschick ist das Libretto gefertigt, in rascher Aufeinander-\nfolge reihen sich die unterhaltenden Scenen an einander in Furcht\nund Hoffnung auf den Berggeist Rübezahl, der zum Schlüsse in\nder Person des neuen Gutsherrn die tugendhafte Armuth beglückt\nund den unredlichen Geiz bestraft. Conradi hat sich vielseitig als\ntüchtiger Musiker Geltung verschafft, und auch in dieser Arbeit ver-\nläugnet sich seine Gewandtheit in der Instrumentation nicht, eben\nso wie die charakte'ristische Art und Weise, mit der er den Stofl\nbehandelt hat.\nHannover. Frau Nottes ist unter vorteilhaften Bedingun-\ngen auf weitere sechs Jahre angestellt worden. Frl. Babnigg ver-\nlässt die hiesige Bühne im December. Lnserem Marschner\nwollte der Sänger-Verein bei dessen Anwesenheit in Kassel ein\nStändchen bringen, wozu, wie man sagt, die Erlaubniss verweigert\nwurde.\nUrämisch vi ei«-. Die lebensgefährliche Krankheit des\npellmeisters Georg Müller ist völlig gehoben, und er hat seiiu\nWirksamkeit mit der Direction der Vcstalin wieder begonnen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531015-01.1.8", "texte": "lii Hamburg wurde Göthe's Faust neu in Scenc gesetzt\nund mit der Musik von Lintpaintner aufgeführt, welche sich\njedoch des Beifalls des Publicums nicht sehr zu erfreuen hatte. Lint-\npaintner lässt manches, das sich am meisten zu musicalischer Be-\ngleitung eignet, ja, sie geradezu verlangt, wie z. B. die Beschwörung\nim ersten Acte, ohne Musik und gibt dagegen in sämmtlichen\nZwischenacten wieder zu viel Musik. Auch fehlt den Motiven die\nBegeisterung; mit der vollendeten Form und der harmonischen\nKunst allein lässt sich Göthe'sche Poesie nicht musicalisch verklären.\nIm Verlage von Schott' s Söhnen in Mainz wird eine Piano-\nforte-Schulc von Thalberg erscheinen, deren zweiter Theil\ndie Lehre vom Vortrag der verschiedenen Stile (Gesang-Orchester-\nPiano-Stil) und ausführliche Uebungsstücke dazu enthalten wird,\n.\nWien. Einer der interessantesten Abende war unstreitig der\ndes 3. October, an welchem Ander nach seiner mehrmonatlichen\nKrankheit (seit 25. Juni) zum ersten Male wieder vor dem Publi-\ncum erschien. Schon eine Stunde vor dem Beginn der Vorstellung\nwar das Haus in allen Räumen überfüllt. Ander, der erste\nSänger Deutschlands, trat als Lyonel in der Oper „Martha\"\nauf. Er wählte diese Oper, weil er in derselben all die Vorzüge\nseiner Stimme, seines Vortrages und seiner Darstellung auf das\nbeste manifestiren konnte (?). Alle nur möglichen Gerüchte, theils\nvon allzu besorgten Freunden, theils von einer gewissen Cote-\nrie absichtlich unter das Publicum gestreut, konnten nur\ndazu beitragen, dass die Spannung auf sein erstes Auftreten eine\nungewöhnliche Grösse erreicht hatte. Ein minutenlanger Jubel und\nApplaus begrüsste den allgemein beliebten grossen Künstler. Blu-\nmen und Kränze flogen auf den bis zu Thränen gerührten Künst-\nler nieder. Als das Publicum diesen Ausbruch der Gefühle an sei-\nnem entschiedenen Liebling bemerkte, erneuerten sich Beifall, Bravo-\nrufen und Blumenspenden. Was nun Ander's Stimme anbelangt,\nso ist sie in jener Schönheit, Kraft und eigenthümlichem Schmelz\nwiedergekehrt, wodurch er nebst seinem seelenvollen, innigen Vor-\ntrage so sehr die Sympathicen Aller für sich zu gewinnen wusste.\nDer glänzende Empfang, womit das Publicum seinen erklärten\nLiebling auszeichnete, hatte zu Anfang auf seine Stimme einigen\nEinfluss, der sich aber gänzlich beseitigte, und bald stand Ander\nwieder als erster deutscher Tenor vor uns.\nDie Proben zu der neuen Oper „Theolanthe\" von Balfe, unter\ndes Componisten eigener Leitung, haben im Hof-Opern-Theater be-\nreits begonnen. Frau Herrmann-Czillag singt die Titel-Partie.\nHr. Balfe hat für sie erst in Wien noch eine Cavatine componirt.\nDer bekannte Tenor Hr. Dr. Rademac her hat im Hof-Opern-\nTheater Probe gesungen, welche in jeder Beziehung sehr glänzend\nausgefallen ist. Dem Engagement dieses Sängers am Hof-Opern-\nTheater steht nichts als sechs bereits engagirte Tenore\nentgegen. Der schätzenswerthe Sänger begibt sich nach Breslau in\nein Engagement, welches ihm unter sehr vorteilhaften Bedingun-\ngen zu Theil wurde.\nDie Prima-Donna des pesther ungarischen National-Theaters,\nFrau Hasselt-Barth, verlässt nun definitiv dieses Kunst-Institut.\nDer k. k. Kammer-Virtuos Sig. Thalberg befindet sich seit\neiniger Zeit in Wien.\nDer k. k. Kammer-Virtuos Willmers ist hier eingetroffen\nund wird den Winter hier zubringen. Auch Leopold von Meyer\nund Frl. v. Staudach werden Concerte geben.\nFür Contrabass-Spieler. Der berühmte Contrabassist Jo-\nhann Hindle in Wien, Solospieler und Mitglied des Hofburg-\nTheater-Orchesters, gibt eine Contrabass-Schule unter dem Titel\n„Der Contrabass-Lehrer\" heraus, von welcher vorauszusetzen\nist, dass sie die Resultate der Erfahrungen und Studien eines so\ntüchtigen Künstlers enthalten und die Methode für dieses schwie-\nrige Instrument feststellen wird. Das Werk wird in zwei bis drei\nMonaten in zwei Theilen erscheinen, Pränumerations-Preis für\njeden Theil 2 Fl. C.-M. oder 1 Thlr. 10 Sgr. Die Musicalienhand-\nlung C. A. Spina (vormals Diabelli & Comp.) in Wien, am\nGraben 1133, nimmt Pränumeration an. Der Verfasser ersucht um\nportofreie Einsendung des Betrags für den ersten Theil und genaue\nAngabe der Adresse des Pränumeranten.\nIn Paris spricht man von einem grossen dramatisch-musicali-\nschen Werke: „Die blutige Nonne\" (Hu!) von Scribe & Comp.,\nmit Musik von Gounod, der in seinen Compositionen eine ernste\nRichtung verfolgt. Diese neue Oper soll im December zur Auffüh-\nrung kommen; die Sängerin Mad. Bosio hat die Hauptrolle.\nFrl. La Grua ist über Dresden nach Wien gereis't, wo sie\nein glänzendes Engagement auf neun Monate hat.\nFür die Wiedereröffnung der italiänischen Oper sind Aussich-\nten. Der einzige Unternehmer, der sich gemeldet hat, ist der Oberst\nRagani; er soll ganz gut musicalisch sein. Das Haupthindernis\nsind die ungeheuren Forderungen der Eigenthümer des Saales.\nLablache ist nach der Vermählung seiner jüngsten Tochter\nnach Petersburg abgereis't.\nDas Ivünstter-Paar Herr Siegfried Saloman und Frau Nis-\nsen-Saloman ist hier.\nDer Grossherzoglich Weimarische Capellmeister Chelard hat\neine militärische Scene: „Cetait ä Montmirailwelche eine Anek-\ndote aus Napoleon's letzten Tagen im Jahre 1814 behandelt, in\nMusik gesetzt, welche in Versailles aufgeführt worden ist.\nEin deutscher Componist, Namens Bergson (?), der in Ita-\nlien mehrere Opern, unter anderen „Luisa Montfort\", welche sehr\ngefallen hat, geschrieben, ist gegenwärtig in Paris.\nDie italiänische Oper in Petersburg sollte am 4. October er-\nöffnet werden. Das Personal bilden: Soprani die Damen La Gran g e,\nMedori, Marray; Alto Fräul. Demeric; Tenori Tamberlik,\nCalzolari, Naudin, Stigelli; Baritoni Ronconi und Debas-\nsin i; Bassi Lab lache und Didot. Karl Forme s hat das\nEngagement dahin ausgeschlagen und bereis't England mit der\nOpern-Gesellschaft des Unternehmers Jarret."}]}