{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_sha256": "76d1d9663a3253ef84299148a5db7a902b64bbc4e6c9c637df8527ca0ff94b5b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/10/22_01/bmtnabi_1853-10-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "132", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.2.1", "titre_corps": "Zur Sache des Gesanges.", "titre_sommaire": "Zur Sache des Gesanges.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4032, "texte": "Zur Sache des Gesanges.\nNebst Randglossen von H. Winkelmeier.\nIn einem Aufsatze der berliner Musik-Zeitung „Echo\"\nNr. 27 und 28 d. J. „Ueber die Bezeichnung der\nRegister der menschlichen Stimme von Dr. F.\nAngermann\" sucht der Verfasser alle Unzweckmässig-\nkeit, Unzulänglichkeit, Zweideutigkeit, Irrigkeit kurz,\nalle Schattenseiten der bisherigen Bezeichnungsweise einer\nErörterung zu unterwerfen. Nachdem er einige Mittel und\nWege andeutet, wie dem gerügten Missstande auf zweck-\ndienliche Weise abgeholfen werden könnte, spricht er\nschliesslich noch sehr lebhaft den Wunsch aus: „sich doch\neinmal zu Nutz und Frommen der Sänger von Fach wie\nder Dilettanten über den fraglichen Gegenstand zu verstän-\ndigen und zu einigen, damit das Aergerniss hinweggeräumt\nwerde, „„nicht einmal in Betreff des ABC's des\nGesanges im Reinen zu sein.\"\"\nDa möchten wir denn nun vor Allem noch hinzufü-\ngen: Nicht allein in Betreff des Gesanges, sondern auch in\nHinsicht der Lehre aller einzelnen Disciplinen der gesamm-\nten musicalischen Theorie und Praxis wäre eine grössere\nVerständigung und Einigung mehr als wünschenswerlh.\nDie babylonische Sprach- und Begriffs-Verwirrung, die hier\nherrscht, und die durch die so genannten Forschungen der\nneueren Musikgelehrten und Musikphilosophen nur genährt\nund erhöht wird (wie die periodische Stoppellese in diesen\nBlättern zur Genüge beweiset), macht es nachgerade dem auf-\nstrebenden Kunstjünger wie eifrigen Dilettanten unmöglich,\nauf einem einfachen, vernünftigen und praktischen Wege zum\nZiele einer wirklich gediegenen, gesunden musicalischen\nBildung zu gelangen, falls er nicht das Glück hat, an der\nHand eines vorurteilsfreien, einsichtsvollen Lehrers sicher\ndurch das Labyrinth der heutigen Kunstlehre geführt zu\nwerden.\nDer massenhaften Widersprüche in den musicalisch-\ntheoretischen Lehrbüchern und ganz besonders in den prak-\ntischen Anleitungen zu etc. etc. hier ausführlicher zu ge-\ndenken, würde uns zu weit führen und liegt auch eigent-\nlieh unserem Zwecke fern; dagegen können wir nicht um-\nhin, bei dieser Gelegenheit, wenn auch nur flüchtig, Erwäh-\nnung zu thun jener, von gewissen Seiten so gar gewaltig\nunterstützten und auf unsere gegenwärtigen Kunstzustände\nleider einzuwirken scheinenden Zukunftstheorie, so wie\n\\\nder neueren Schule, aufgestellt und repräsentirt durch\nR. Wa g n er, H. B er 1 i oz, zum Theil auch durch R. S c hu-\nmannund deren musicalische und unmusicalische Freunde\neiner Theorie, die nicht allein die ganze traditionelle Em-\npirie und mit ihr die ganze Kunstgeschichte, sondern auch\nalles daraus gewonnene Kunstgesetzliche, das ganze Facit\nunserer höheren Kunstentwicklung gänzlich umstösst; die\nan die Stelle des Natürlichen und Naturgemässen die Will-\nkür und Laune im Gewände spreizbeiniger Afterphilosophie\nsetzt einer Schule, in welcher die Absonderlichkeit für\nGenie, Schwulst für Grösse gilt; welche die Musik mit dem\nVerstände (resp. Unverstände) macht und einen sündlichen\nBaalsdienst im heiligen Tempel der Kunst treibt.\nOder ist es nicht etwa Willkür, Laune, wenn Wag-\nner z. B. jedwede innere Ton- und Harmonie-Verwandt-\nschaft perhorrescirt; jene, auf physicalisch-mathematische\nNaturgesetze gegründete, wie in dem menschlichen Ge-\nfühle tief begründete Accordenlehre und Älodulationstheo-\nrie, die seit Aristoxenos bis heute als die einzig vernünf-\ntige und sichere Basis der homophonen wie polyphonen\nMusik und deren Setzkunst betrachtet wurde, nicht aner-\nkennt? wenn er unter seinen vielen Thesen, um nicht zu\nsagen Absurditäten, jede Selbstständigkeit der Instrumen-\ntal-Musik läugnet? ja! wenn er sich bemüht, die Musik\nüberhaupt als eine selbstständige Kunst aus dem Gesammt-\nreich der Künste zu escamotiren?\nOder herrscht etwa in den meisten Werken dieser\nTrias, ihrer Schüler und Anhänger viel mehr als Abson-\nderlichkeit, Schwulst, ja, Irrsinn? Sprechen dieselben nicht\noft Hohn allen Gesetzen des Schönen und der ästhetischen\nForm ?\nWagner ist „ ein Geist, der stets verneint\" ; er feiert\ngegenwärtig eine Walpurgisnacht, den Reigen führt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5078, "texte": "doch genug hiervon. Stellen wir für jetzt weitere Betrach-\ntungen über diese Zukunftshelden und Kunstweltbeglücker *)\nvom überwundenen Standpunkte ein, und kehren zurück\nzu unserer Eingangs berührten Gesangesfrage.\nMit besonderem Vergnügen sehen wir in dem genann-\nten Aufsatze einen Gegenstand öffentlich zur Sprache ge-\nbracht, dem schon seit längerer Zeit eine grosse Aufmerk-\nsamkeit zugewendet wird, und der unserer Ansicht nach\nallerdings auch wichtig genug ist,' die volle Berücksichti-\ngung der praktischen Musikgelehrten wie der wissenschaft-\nlich gebildeten Praktiker im höchsten Grade in Anspruch\nzu nehmen. Es handelt sich dabei, wie die Ueberschrift\nschon besagt, um die Bezeichnung der Register der mensch-\nlichen Singstimme. Alle bisherigen Versuche, Klarheit und\nUebereinstimmung in die verschiedenen Bezeichnungswei-\nsen zu bringen, blieben ohne wesentlichen Erfolg. Hr. An-\ngermann regt nun diese Angelegenheit aufs Neue und sehr\nenergisch an, und macht selbst Vorschläge, hauptsächlich\nzu einer Vereinfachung in der Bezeichnung der Register,\ndie aber in der von ihm angedeuteten Weise den gerügten\nMissständen nur scheinbar abhelfen dürften.\nHr. Angermann will nämlich die menschliche Sing-\nstimme in zwei Haupt regist er eingetheilt wissen: in\ndie Register einer natürlichen und einer Fa 1 set-\nStimme. Generei mag nun eine solche Registrirung ge-\nrechtfertigt erscheinen, indem die menschliche Singstimme\nsich allerdings im Wesentlichen nach zwei Richtungen hin\ngliedert; auch praktisch anwendbar mag sie sein, wenn man\nunter „F als et \"-Stimme den directen Gegensatz zu einer\n„natürlichen\" oder Haupt-Stimme verstehen will.\nDoch in speciedürfte die Bezeichnung Falset nicht ausrei-\nchen zur Charakterisirung jener Chorden, die man bisher\nzum Unterschiede von der so genannten „Bruststimme\"\nKopf-, Kehl-, Fistel-, auch gemischte Stimme nannte\nund welche mit jener Bezeichnung gemeint sind. Diese ver-\nschiedenen Register existiren; sie sind nicht imaginär und\nhaben unbestreitbar unter einander eine zu grosse Ver-\nschiedenheit in der Tonqualität, als dass sie so leicht mit\neinem einzigen Ausdrucke genügend bezeichnet\nwären.\nErscheint dagegen für den ersten Augenblick der Aus-\ndruck „natürliche Stimme\" als Bezeichnung für je-\nnes Tonregister der Singstimme, das sowohl der Qualität\nals auch gewöhnlich dem Umfange nach das Hauptre-\ngister bildet und als welches stets das so genannte\nBrustregister figurirt entsprechender: so zeigt sich\ndoch hier bei näherer Untersuchung, dass Hrn. Anger-\nmann's „natürliche Stimme\" nicht als ein rein selbst-\nständiges Register erscheint, sondern als ein Conglomerat\naller möglichen Stimm-Ingredienzien, nur etwas praktischer\nzusammengestellt, als es die bisherigen Bruststimmen\nder verschiedenen Schulen und Methoden waren.\nEs dürfte sonach mit dieser in Vorschlag gebrachten\nVereinfachung (die aber eigentlich nur eine Veränderung\nist) in der Bezeichnungsweise für die derselben notwen-\ndige Klarheit und Uebereinstimmung im Wesentlichen nicht\nviel gewonnen werden.\nUnseres Dafürhaltens wird überhaupt nicht eher an\neine ganz entsprechende oder, wenn man will, nicht mehr\nwidersprechende Bezeichnungsweise gedacht werden kön-\nnen, als bis einmal die Begriffe über die besonderen Ei-\ngenschaften der verschiedenen Stimmregister (in vorliegendem\nFalle insonderheit desjenigen einer natürlichen Stimme)\nklarer entwickelt und genauer festgestellt sind. Dass dies\nbis jetzt nicht der Fall war, beweis't schon ein flüchtiger\nBlick in alle theoretischen und praktischen Lehrbücher.\nSo viel auch Physik und Physiologie sich bemühen,\nüber den Process des Töne-Erzeugens im mensch-\nlichen Stimmorganismus Licht und Klarheit zu verbreiten;\nso wenig ist es doch bisher allen wissenschaftlichen For-\nschungen gelungen, diese Frage in ihrer praktischen\nAnwendung auf den Gesang einer befriedigenden\nLösung näher zu führen. Am wenigsten dürften die neue-\nren und neuesten Versuche, „der Gesangeskunst\neine wissenschaftliche Basis zu verleihen\"\n(Nehrlich u. A.), dazu beitragen, die obschwebenden Zwei-\nfel zu heben und jene Begriffe zu klären.\nEine wirklich genügende wissenschaftliche Begründung\ndes in Rede stehenden und noch so manches anderen Ge-\ngenstandes der musicalischen Theorie und Praxis wird nur\ndann Statt finden können, wenn die zu vereinigenden\ngemeinschaftlichen Interessen der bezüglichen\nWissenschaften und der musicalischen Kunst bei gleich ho-\n\n*) Für welche auf alle nur mögliche Weise Propaganda ge-\nmacht wird. So hat vor Kurzem eine „Louise Otto\" ein\nWerk herausgegeben: „Die Kunst und unsere Zeit\",\nvon welchem die „Feuilleton's-Kritik\" verschiedener\nBlätter sagt: „dass es reich sei an neuen Ideen im Sinne\nRichard Wagner's.\" Die Verfasserin hat das Werk vor-\nzugsweise den Männergesang-Vereinen zur Beachtung anheim-\ngestellt. Glück auf, ihr deutschen Männerchöre! „Er hat\nuns ein Vorbild gelassen.\" Geht in den Tannhäuser\nund hört die Pilgerchöre; oder hört Liszl's „An die Künst-\nler\", das sicher im Sinne R. Wagner s componirt ist. In\nKarlsruhe beim l'este konnte man sich diesen Genuss ver-\nschaffen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4967, "texte": "hem Grade der Erkenntniss, des Verständnisses und der\nWürdigung in Einer Hand ruhen und in einer zu wirk-\nlich wissenschaftlichen Untersuchungen führenden Weise\nvertreten werden. Für die Wissenschaft wird alsdann das\nR ausser Zweifel sein; ob aber diese wissenschaft-\nlichen Untersuchungen und Begründungen für\ndie ausübende Musik so ausserordentlich nothwendig\nund von so grossem Vortheil (wie in neuerer Zeit von den\nschreibseligen Herren Musikgelehrten so eifrig behauptet\nwird) sei, dies möchten wir sehr bezweifeln; wenigstens\nglauben wir, dass der ausübenden Kunst und den hierauf\nbezüglichen Dingen mehr Vorschub wird geleistet werden\nkönnen durch einfache klare, auf gewissenhafte Beobach-\ntung und reiche Erfahrung gestützte Mittheilungen tüchti-\nger Praktiker, als durch die hohle Phraseologie unserer\nmodernen Kunstphilosophen und die (erst noch aller siche-\nren Basis entbehrenden) Systematisirung unserer heutigen\nKunsttheoretiker.\nIn Beziehung auf die in Rede stehende Frage dürfte\nes nun vor Allem nöthig sein, dem Ausdruck „natür-\nliche Stimme\" *) einen solchen Begriff zu unterstellen,\nwodurch er als Bezeichnung eines wirklich selbstständigen\nRegisters der Praxis von mehr als äusserlicher und will-\nkürlicher Bedeutung wird. Wir wollen daher zu diesem\nZwecke hier in der Kürze einige Beobachtungen und Er-\nfahrungen, die wir bei Prüfung, Entwicklung und Ausbil-\ndung von Singstimmen gemacht haben, mittheilen, in der\nHoffnung, dadurch zur Feststellung jenes Begriffes vielleicht\nein Wesentliches beizutragen, und zu weiteren der Sache\nförderlichen Mittheilungen Veranlassung zu bieten.\nBei unserem Gesang-Unterricht gehen wir von folgen-\nden Grundsätzen aus:\n„Jeder Mensch hat bei einem gesunden und sonst\nnormal entwickelten Stimm-Organismus auch eine Sing-\nstimme, d. h.: er besitzt die natürliche Fähigkeit, nicht\nnur Laute, sondern auch Töne hervorzubringen.\"\nFerner:\n„In dem richtigen Erkennen dieser je nach der physi-\nschen Construction des Gesammt-Organismus des Menschen\nallerdings sehr verschiedenen Fähigkeit und in der natür-\nliehen Entwicklung und Ausbildung derselben ist wie\nunsere Erfahrung es uns reichlich bestätigt die sicherste\nBasis eines wirklich erfolgreichen Gesang-Unterrichts zu\nsuchen und zu finden.\"\nDaraus folgt für uns:\n„Dass es die erste Aufgabe eines solchen Gesang-Un-\nterrichts sein muss, diese Fähigkeit zu wecken, zu ent-\nwickeln und auszubilden.\"\nWie und woran aber erkennen wir diese Fähigkeit?*)\nDie Lösung dieser Frage finden wir in einem sehr\neinfachen Verfahren:\n„Man lasse den Schüler, resp. Singen-Wollenden, so\ntief als möglich einathmen und dann, bei dem möglichst\ntiefen Tone anfangend, bis zum erreichbaren höchsten jeden\neinzelnen Ton auf die Sylbe ha, jedoch mit so weichem Ein-\nsatz, dass das h nicht als wirklicher Consonant gehört wird,\nmit anderen Worten: auf einen Hauch angeben und, so\nlange als der Athem reicht, aushalten.\"\nDem scharfen und geübten Ohre des Lehrers wird es\nalsbald nicht entgehen, welche unter diesen Tönen die\nwirklich musicalisch brauchbaren, d. h. sicheren und klin-\ngenden sind; auf diese ist vor Allem die grösste, und wir\nmöchten sagen einzige, Aufmerksamkeit zu richten und nur\nmit diesen allein bei dem ersten Unterrichte zu operiren.\nDie Fähigkeit, auf diese Weise Töne hervorzubringen,\nist oft im Anfange eine sehr geringe, und der Töne selbst\nsind dabei oft nur sehr wenige. Man lasse sich jedoch\nnicht täuschen oder abschrecken. Bei unserem Verfahren,\ndie in solcher Weise hervorgebrachten Töne als primitives\nStimmregister ausschliesslich auszubilden und mit denselben\ndie ganze eigentliche Schule des Technischen durchzuma-\nchen, haben wir aus scheinbar unbrauchbaren Stimmen von\nkaum 5 6 Tönen Umfang nach etwa einem bis andert-\nhalb Jahr gute, feste, klare, wirkliche Singstim-\nmen von qualitativ gleichem Umfange einer\nDecime und oft mehr noch gewonnen**). Und nun:\n„Diese auf solche am Ende sehr einfache Weise zu\ngewinnende Singstimme sowohl vor wie nach ihrer Aus-\n\n*) Ueber dessen Priorität wir übrigens mit Hrn. Angermann,\nohne ihm zu nahe treten zu wollen, rechten könnten, da wir\nuns desselben seit mehr denn zwölf Jahren bei unserem Ge-\nsang-Unterricht bedienen, ohne uns entsinnen zu können, die-\nsen Ausdruck im Sinne einer Stimmregister-Bezeich-\nnung irgend wo früher gebraucht zu sehen. Jedenfalls eine\nBegegnung, wie sie öfter im Beiche der Ideen vorkommt.\n*) Die wenigsten Menschen sind sich dieser Fähigkeit klar be-\nwusst; die meisten (und unter diesen wieder am allermeisten\neine gewisse Gasse von Gesanglehrern) erkennen sie gar nicht\noder verkennen sie ganz. Es liegt hierin unserer Ansicht\nnach ein wesentlicher Grund des periodischen Mangels an\nbrauchbaren Gesangkrälten.\n**) Bis jetzt hat in den meisten Fällen der Zufall die Singstim-\nmen entdeckt; es sollte nach unserer Ueberzeugung nicht we-\nniger der Absicht und der Einsicht anheimgestellt werden.\nDie Besultate würden ein solches Verfahren für die Folge\nglänzend rechtfertigen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2526, "texte": "Bildung nennen wir die natürliche Stimme, das na-\ntürliche Stimmregister. Es erscheint lins dieses Re-\ngister nach seiner technischen Ausbildung als dasjenige,\nmit welchem allein wenigstens die meisten Liedersänger\nund Dilettanten vollkommen ausreichen; es gilt uns als das\nbeste Mittel zur weiteren Ausbildung und der Verschmel-\nzung aller übrigen Stimmregister und bietet in seiner rich-\ntigen Anwendung jedem Sänger die grössten Vortheile,\nunter denen wir nur hervorheben wollen Dauer und\nAusdauer seiner Stimme, so wie Intensität des To-\nnes (womit wir übrigens nicht die jetzt so beliebte brül-\nlende Stärke verstanden wissen möchten, sondern jene\nwohlklingende Tragweite des Tones in allen seinen, selbst\nden feinsten Nuancen).\nWas 'die Bildung und eigentliche Ausbildung\ndieser natürlichen Stimme betrifft, so wollen wir uns\nhier nicht des Weiteren darüber auslassen; es ist dieser\nGegenstand zu speciel technisch und würde uns für jetzt\nzu weit führen. Nur so viel wollen wir bemerken, dass wir\ndurchaus nicht die Bildunssmittel verschmähen, welche uns\no 7\nbesonders die italiänische Gesangschule bietet und\nbei denen es unserer Meinung nach nur auf eine rich-\ntige Anwendung ankommt, während Hr. Friedrich\nSchmitt in München, welcher „ a 1 s R e f o r m a t o r der in\nDeutschland auf einer sehr niedrigen Stufe\nstehenden und in ihrem Heimatlande dem all-\nmählichen Verfall entgegeneilenden Gesang-\nkunst auftritt\", in seiner „Grossen Gesang-\nschule fürDeutschland\" „„allesßestehende\"\",\nsowohl die grosse italiänische Gesangschule\nals die des pariser Conservatorium s, so wie alle\nübrigen gebräuchlichen und nicht gebräuchlichen (?) Me-\nthoden gänzlich verwirft.\nHr. Fr. Schmitt will ein System (also hat bis jetzt\nkeines bestanden?) in die Gesangkunst gebracht haben.\nNun, wir sehen dem Erscheinen des Werkes selbst\nentgegen, um uns ein vollständiges Urtheil darüber bilden\nzu können, da uns hierzu die Einleitung (München,\n1853, Druck der Dr. Wild'schen Druckerei) nicht hinrei-\nchend erscheint. Wir wollen sehen, ob Hrn. Fr. Schmitts\nSystem vielleicht unter Anderem die nothwendige und\nwünschenswerthe Einheit und Uebereinstimmung in die Be-\nzeichnungsweise der verschiedenen Stimmregister bringt.\nMöchten diese Zeilen, wie schon bemerkt, zu weiteren\nMittheilungen über den fraglichen Gegenstand Veranlassung\nbieten. Wir bescheiden uns gern in unseren Ansichten, so-\nbald wir von der Unrichtigkeit derselben überzeugt werden.\nWir stützen uns jedoch auch wieder auf dieselben, soweit\nunsere Erfahrung dalür spricht."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-22_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "132", "page_fin": "133", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.4", "debut_caractere": 2528, "fin_caractere_exclue": 4860, "texte": "Berliner Briefe.\n\n(Jogge li, Oper in drei Acten, von Taube rt.)\nDen 12. oetob er 1853.\nEine neue dreiactige Oper von Taubert, „Jog-\ngeli\", Text von Dr. Köster, ist am Sonntag zum ersten\nMale im Opernhause gegeben worden. Unsere deutschen\nCapellmeister sind sparsamer in der Hervorbringung neuer\nBühnenwerke als die italiänischen; die deutsche Kritik und\ndas deutsche Publicum sind missgünstig dem Neuen gegen-\nüber; was nicht einen dauerhaften Erfolg verspricht, dem\nwird auch der momentane erschwert. Es ist daher etwas\nAuffälliges, dass in diesem Winter unsere beiden Capell-\nmeister das gefährliche Terrain betreten; der musicalischere\nTheil des Publicums wird dadurch in eine Spannung ver-\nsetzt, welche die Unbefangenheit des Urtheils vielleicht eini-\nger Maassen trübt. Joggeli ist eine Dorfgeschichte in mo-\nderner Weise, d. h.: das Streben zum Charakteristischen\nwaltet vor. Joggeli, ein reicher und junger Bauer, wünscht\nsich zu verheiralhen; er möchte aber eine Frau haben, die\nihn um seiner selbst willen, nicht seines Reichthums wegen\nnimmt. Er kauft einem jüdischen Tabuletkrämer seinen\nKasten ab, wirft sich in die Maske des Krämers und zieht\nin dieser ärmlichen Gestalt durch das berner Land, sich die\nFrau zu suchen. Eines Sonntags Vormittags sind alle Leute\nin der Kirche, auch der Glungenbauer mit seiner Frau und\nder Tochter Liesli; nur eine arme Verwandte, Anne Ma-\nreili, muss das Haus hüten. Ihr begegnet er auf seiner\nWanderschaft, wird freundlich von ihr aufgenommen und\nfühlt sich von ihrem Wesen aufs innigste angezogen; sein\nEntschlussist gefasst. Auf ihr Bitten geht er fort, als die\nKirchgänger zurückkommen, lässt aber einen Ring an ihrem\nFinger zurück, den er ihr unter dem Vor wände, ihn als\nWaare anzubieten, angesteckt hat. Der Ring wird von dem\nheimkehrenden Bauer bemerkt; man glaubt ihr nicht, dass\nsie denjenigen, von dem sie den Ring habe, nicht kenne;\nwenn sie in acht Tagen den Namen nicht nennt, soll sie\nihr Bündel schnüreji und das Haus verlassen. Inzwischen\nzieht der wirkliche Tabuletkrämer herum und plaudert, um\nsein Sümmchen dabei zu verdienen, allen wohlhabenden\nVätern die Geschichte vom Joggeli aus. Er kommt auch\nzum Glungenbauer, dessen ganzes Sinnen und Trachten nun\ndarauf geht, den Joggeli für seine Tochter zu gewinnen.\nZwar liebt Liesli einen armen Bauer, Sepp; aber solche"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4884, "texte": "Gefühle werden nicht respectirt. Am nächsten Sonntag ist\ndie ganze Gegend um- und umgekehrt; die jungen Mäd-\nchen und die alten Jungfern, die Väter und die Mütter,\nAlles strömt herbei, um den Tabuletkrämer lür sich zu\nfischen; andererseits setzen sich die jungen Bauern, die\njetzt von keinem Mädchen mehr angesehen werden, in Be-\nreitschaft, ihm etwas Gehöriges zu versetzen. Unglücklicher\nWeise ist nicht Joggeli, sondern Sepp, dem jener seine\nMaske geliehen hat, derjenige, der diesen Sturm aushalten\nmuss; der Glungenbauer, der ihn Anfangs auch für Joggeli\nhält, lockt ihn zwar in sein Haus, um die Heirath fertig zu\nmachen, wirft ihn aber natürlich, sobald er ihn erkennt,\nhinaus. Für Anne Mareili sind jetzt die verhängnissvollen\nacht Tage verstrichen; eben will sie fortziehen ins Weite:\nda erscheint Joggeli und nimmt sie zu seiner Frau. Der\nGlungenbauer aber muss, um nicht zum Gespött zu wer-\nden, seine Tochter dem Sepp geben. Der Text ist, was\ndie Charakterzeichnung und die Anlage musicalischer Si-\ntuationen betrifft, gut gemacht. Doch geht er nach dieser\nSeite hin etwas zu weit; Manches, was nicht nothwendig\nzur Handlung gehört, wird zu breit ausgesponnen, nament-\nlich gilt dies von dem zweiten Finale, dem grössten Musik-\nstücke der Oper, das eine äusserlich sich anhängende und\nnoch dazu in sich manches Bedenkliche darbietende Episode\nzum Gegenstande hat. Uns dünkt, der Text würde gewon-\nnen haben, wenn der Dichter sich bei der üblen Lage, in\ndie Anne Mareili durch die Härte ihrer Verwandten kommt,\n. 1\nlänger aufgehalten hätte; hier war die Gelegenheit dazu\nda, der Haupthandlung die nöthige Breite und Spannung\nzu geben; gleichzeitig würde die Charakterzeichnung der\neinzelnen Personen mehr in die Tiefe gegangen, und\nauch die Musik würde dadurch gefördert worden sein. In\nMozart's komischen Opern, wie im Belmonte und der Zau-\nberflöte, waltet neben der Komik stets ein aufs Grosse ge-\nrichteter Ernst vor, der sich mitunter bis zur tiefsten Rüh-\nrung steigert; und dieser Gegensatz bringt es mit sich, dass\nauch die Einzelheiten stärker auf uns wirken: wir ermüden\nnicht in der Monotonie einer und derselben Farbe. Nun ist\nzwar auch im Joggeli ein Gegensatz; denn Joggeli und\nAnne Mareili sind idealer gehalten als die übrigen Perso-\nnen, aber sie bringen es nur bis zur weichen Empfindung,\nnicht bis zum Ernst, zur Kraft und zur Grösse, und für\ndie Darstellung dieser Charakter-Eigenschaften war in der\nNatur kräftiger, einfacher Bauern ein sehr günstiger Boden.\nIn der Anlage des Ganzen also, was die Benutzung des\nmöglichen Materials zu einem idealen Kunstwerke betrifft,\nhaben wir Manches gegen den Joggeli einzuwenden, und\nes werden diese Mangel um so fühlbarer, als das Werk\ndrei volle Stunden dauert. Sehen wir davon ab lind halten\nuns an die Einzelheiten des Textes und der Musik, so be-\ngrüssen wir mit Freude ein Werk, das theils ein eigen-\ntümliches, bis jetzt noch nicht ausgebeutetes Gebiet be-\ntrifft, theils überall von vorzüglichem musicalischen Geschick\nund feinem, edlen Geschmack Zeugniss gibt. Es lässt sich\ndiese Musik im Wesentlichen auf das deutsche Volkslied\nzurückführen, daher rührt eine gewisse Verwandtschaft mit\nHaydn, Dittersdorf und Weber; doch ist die individuelle\nGestaltung, die das Lied hier genommen hat, eine eigen-\nthümliche: fein und sauber, gewählt namentlich auch in der\nInstrumentation. Am schwächsten sind einzelne sentimen-\ntale Partieen, in denen wir die schlichte Natürlichkeit, die\nuns so oft erfreut, vermissen; sehr gelungen sind einzelne\nEnsembles, namentlich das Finale des zweiten Actes. Län-\ngen hat das Werk nicht bloss im Text, sondern auch in\nder Musik; indess ist bereits Manches gestrichen, und die\nspäteren Auflührungen werden wohl dazu beitragen, der\nOper das richtige Längenmaass zu geben. An Einzelnem\nkönnte man Anstoss nehmen, ob es vielleicht die Gränzen\ndes ästhetisch Berechtigten überschreitet, z. B. daran, dass\nder Tabuletkrämer jüdisch sprechend eingeführt wird; es\nist aber zu bedenken, dass die Komik von der scharfen\n1 '\nZeichnung der wirklichen Welt eigentlich lebt; es ist fer-\nner der hausirende Jude in musicalischer Hinsicht so tref-\nfend gezeichnet, dass eben dadurch diese Figur aufhört,\nbloss possenhaft zu sein. Manches Einzelne wäre vielleicht\nwirksamer hervorgetreten, wenn die Oper Dialog oder Re-\ncitativ hätte. Wir werden zweifach ermüdet: dadurch, dass\nwir immerfort Musik hören, und dadurch, dass diese Musik\nin sich selbst nicht Gegensatz genug hat. Dennoch aber\nbeklagen wir diesen Umstand nicht; denn die Uebergangs-\nPartieen sind meist so geschickt gemacht, dass ein aufmerk-\nsames Ohr sich dabei ganz wohl fühlt.\nNachschrift. Bei der zweiten Aufführung machte\ndas neue Werk einen gleichmässigeren Eindruck, als das\nerste Mal. Die Theilnahme des Publicums blieb bis zum\nletzten Augenblicke gespannt, und es lässt sich hoffen, dass\nJoggeli sich halten wird.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "133", "page_fin": "134", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.2.3", "titre_corps": "Aus Wien.", "titre_sommaire": "Aus Wien.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.5", "debut_caractere": 4886, "fin_caractere_exclue": 5177, "texte": "Aus Wien.\n\nDen 11. Octobcr 1853.\nMein Ihnen neulich gestelltes Horoskop beginnt bereits seine\nRichtigkeit zu bewähren; schon hat unser Conservatorium (die\n„Gesellschaft der Musikfreunde\") ein vorläufiges Programm für seine\nWinter-Concerte veröffentlicht, das freilich erst nur die Namen der-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6549, "texte": "jenigen Meister kund gibt, von welchen Werke zur Aufführung\nbestimmt sind; aber zum ersten Male erscheinen in demselben\nauch Schumann und Wagner. Von jenem wird, wie ich mit Be-\nstimmtheit weiss, die zweite Sinfonie in C, von diesem die Ouver-\ntüre zum „Tannhäuser\" gegeben werden. Natürlich aber bilden\ndiese nur einen Seitenarm, und der Hauptstrom fliesst, wie immer,\naus den Tonreichen Haydn's, Mozart's und Beethoven's; von Letzte-\nrem ist in der That auch die neunte Sinfonie (nebst der Pastoral-\nSinfonie) angesagt. Von den älteren Meistern werden sonst noch\nBach, Händel, Gluck, Lotti und Durante, von den neueren Men-\ndelssohn (insbesondere mit dem „Paulus\" und Fragmenten aus dem\n„Elias\"), Meyerbeer, Gade und Hiller genannt. Von diesem Pro-\ngramm, so wie es im Allgemeinen vorliegt, muss man sagen, dass\nes die wesentlichsten Forderungen der Gegenwart befriedigt, und\nes wäre nur noch zu wünschen, dass man nicht ganz ausschliess-\nlich bloss berühmte Namen und Celebritäten ersten Ranges berück-\nsichtigte, sondern hin und wieder auch weniger berühmten und\nTalenten zweiten Ranges einige Aufmerksamkeit schenkte, damit\ndas Publicum sie kennen lerne, und diesen selbst, wenn ihre Werke\ndanach sind, jene Aufmunterung zu Theil werde, deren gerade das\nmittlere Talent am meisten bedarf. Die Chor-Uebungen zu diesen\nConcerten haben bereits unter der Leitung der Professoren Hell-\nmesberger und Stegmaier begonnen, und das Programm verspricht\nausdrücklich, es sollten die obigen Werke „möglichst vorzüglich\"\nexecutirt werden. Es zerfallen diese Concerte in zwei Haupt-Kate-\ngorieen: die so genannten „Spirituel-\" und die eigentlichen „Yer-\neins-Concerte\"; die Zahl der letzteren beläuft sich auf vier, die der\nersteren gewöhnlich auf sechs. Schade nur, dass man nicht zu je-\nnen so gut, wie zu diesen, die weiten, herrlichen Räume des gros-\nsen Redoutensaales benutzen, sondern sich für sie mit dem\nSchneckengehäuse des wenig rühmlichen Conservatoir-Gebäudes\nbegnügen muss, in dessen engen, tonerstickenden Hallen Einem\nbei manchen Productionen zu Muthe wird, als müsste man sich\nniederducken, um von der Wucht der Massen nicht erdrückt zu\nwerden. Ich schreibe Ihnen auch diesmal fast nur von den Aus-\nsichten für die Zukunft; denn die Gegenwart ist noch ziemlich\ninhaltsleer. Nicht leicht dürften irgendwo Sommer und Winter in\nBezug auf das öffentliche Kunstleben so streng geschieden sein,\nwie hier; in der ganzen Zwischenzeit vom Mai bis Anfangs No-\nvember gehört ein Concert oder selbst nur eine bedeutendere\nDarstellung im Opern- oder Schauspielhause zu den angestaunten,\nselten gewürdigten Erscheinungen, und nur die Productionen des\nMännergesang-Vereins fachen während dieses Interregnums zurNoth\ndie dürftige Flamme an. In dieser Periode, wo der eigentliche Ja-\nnustempel der Kunst geschlossen ist, darf es zwar eine Sennora\nPepita de Oliva mit einiger Aussicht auf Erfolg versuchen, densel-\nben zu öffnen; aber Beethoven dürfte es nicht, auch wenn er noch\nlebte. Indessen hat wohl auch nicht leicht eine Staclt für diesen\ngänzlichen Rückzug von aller Kunst eine so gründliche Entschul-\ndigung, wie eben Wien, in seiner bekanntlich überaus reizenden\nUmgebung eine Entschuldigung, welcher selbst der strengste\nKunst-Fanatiker seine Anerkennung nicht ganz versagen kann. So\nhat denn die eigentliche Concert-Saison noch lange nicht begonnen,\nund es ist nur das Gastspiel der Johanna Wagner, welches die\nAufmerksamkeit der Musikwelt im Augenblicke gefesselt hält. Doch\nhier ist vor Allem zu bedauern, dass diese Künstlerin für ihren\nGastrollen-Cyklus kein günstigeres Repertoire wählte. Sie trat zwei-\nmal als Romeo in Bellini's „Montecchi und Capulcti\" auf, zweimal\nals Leonore in Donizetti's „Favorite\", zweimal endlich als Fides in\nMeyerbeer's „Prophet\". Am unglücklichsten war die Wahl der\nDonizetti'schen Oper. Ich will gar nicht davon reden, wie sonder-\nbar es schon ist, wenn eine Sängerin, welche man gegenwärtig zu\nden ersten Deutschlands rechnet, in drei Gastrollen zwei bringt,\nwelche ganz, und eine dritte, welche zur Ilalfte dem italienischen\nGenre angehört; aber jene Oper war schon vor zehn Jahren in\nWien ohne allen Erfolg gegeben worden, ihr musicalischer Gehalt\nist in der That sehr gering, und gerade die Partie der Leonore\nbietet, mit alleiniger Ausnahme des letzten Actes, am wenigsten\nausgezeichnete Momente. Die Oper wäre auch ohne das Gastspiel\ndes Frl. Wagner zur Aufführung gelangt, wie denn bei der nächsten\nWiederholung Frau Herrmann-Czillag die Partie der Leonore singen\nwird. Aber mit der durch nichts gerechtfertigten Restaurirung der-\nselben hat die Direction einen entschiedenen Missgriff gethan, wel-\ncher sich am empfindlichsten dadurch rächen wird, dass man die\nOper sehr bald wieder wird fallen lassen müssen; denn trotz der\nverdienstlichen Aufführung im Ganzen und trotz aller Anstrengung\ndes Gastes sowohl wie der Herren Steger und Beck (über welche\nbeide ich Ihnen nächstens ein Mehreres schreiben werde), ver-\nmochte sie auch diesmal nicht, durchzudringen. Zwar möchte man\nsich vielleicht hierüber wundern, indem schon viel schlechtere\nOpern (exempla sunt odiosa) hier dauernden Beifall erhalten haben;\naber der Grund liegt darin, dass diese Oper weder ganz schlecht\nnoch auch sonderlich gut ist, und daher keine Partei ganz auf ihrer\nSeite hat. Aber auch in einer anderen Oper hätten wir Frl. Jo-\nhanna Wagner zu hören gewünscht, als in jener Meyerbecr's. In-\ndessen ist ihre Darstellung der Fides jedenfalls noch die interessan-\nteste unter den Leistungen, welche wir kennen zu lernen Gelegen-\nheit hatten. Sie verwirklichte in dieser Partie alle oft sehr raffi-\nnirten, aber nicht künstlerisch schönen Intentionen des Maestro, unter\ndessen Leitung sie ja dieselbe studirt, und ihr gutes, effectvolles\nSpiel unterstützt sie dabei ganz besonders. Im Ganzen hat also Frl.\nWagner in Wien zwar keineswegs missfallen, aber auch nicht jenen\nEnthusiasmus hervorgerufen, der ihr anderwärts zu Theil ward;\nallein grossen-, ja, vielleicht grösstenteils mag hieran die unglück-\nliche Wahl ihres Repertoires schuld sein, und die in diesen, wie\nin anderen verwandten Punkten besonders empfindliche Bren-\ndelsche Musik-Zeitung hat daher vorläufig noch nicht hinreichende\nUrsache, ihr Schlachtschwcrt gegen uns zu schwingen, wie gegen\nunsere armen Mitbrüder in Frankfurt am Main. Demnächst wird\neine neue Oper von Balfe gegeben werden, deren Proben bereits\nim Gange sind, und auch Auber's Marco Spada soll zur Auffüh-\nrung gelangen. Ob wir Ursache haben, darüber sonderlich erfreut\nzu sein, wird sich zeigen.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "134", "page_fin": "135", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.2.4", "titre_corps": "Aus Paris.", "titre_sommaire": "Aus Paris.", "signature_source": "B. P", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.6", "debut_caractere": 6551, "fin_caractere_exclue": 7609, "texte": "Aus Paris.\n\nDen 16. October 1853.\nHier kommt dieser Tage eine neue Oper von Limnander,\nLe Maitre Chanteur (der Singmeister), bei der grossen Oper zur\nAufführung. Meyerbeer's „Stern des Nordens\" wird eifrig stu-\ndirt; nach anderen Nachrichten auch „Die Africanerin\". [Auf die\nHauptrolle in dieser letzten Oper machen zwei grosse Sängerinnen\naus Deutschland sich gleiche Hoffnung, wie wir aus der besten\nQuelle wissen: Johanna Wagner und Sophia Cruvelli.\nDie Redact.]\nMan spricht von einer Eröffnung der italiäni sehen Oper\nzum 15. November. Wie es scheint, werden einige imposante\nRuinen vorgeführt werden; ob in den Decorationen oder in leben-\nden Sängerbildern, ist noch nicht ganz klar.\nIm Monat September haben die Theater, Concerte u. s. w. nahe\nan eine Million Francs eingebracht. Jn der grossen Oper bereitet\nman Rossini's Barbier zur Aufführung vor; die französische\nUebersetzung ist von Castil Blaze. Weber's Freischütz (und\nzwar unter dem deutschen Titel) ist auch wieder in Scene ge-\ngangen ; allein ausser der Agathe (Mlle. Poinsot) hat das übrige"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2259, "texte": "Personal noch viel zu thun, ehe es sich auf die Höhe der Musik\nschwingt.\nDer Violinist Bazzini wird diesen Winter nach Holland\ngehen.\nInteressant ist die folgende Notiz einer hiesigen Musik-Zeitung:\n„Liszt (oder, wie die Franzosen gewöhnlich schreiben, Listz) ist\nseit einigen Tagen in Paris. Er muss aber bald wieder weg, weil\nihn sein Capellmeister-Amt nach Weimar ruft. Schade, dass er\nden Winter nicht bei uns zubringen kann! Doch verlieren wir\nnicht alle Hoffnung. Liszt ist daran, die letzte Hand an ein grosses\ndramatisches Werk für eines unserer Opern-Theater zu legen, und\nwenn dieses diesen Winter aufgeführt werden soll, so muss er ja\nwiederkommen. Er wird sich dann schon mit dem Grossherzog\nvon Weimar arrangiren! In Karlsruhe hat er ein grosses Mu-\nsikfest, welches der Prinz-Regent von Baden selbst veranstaltet hat,\ndirigirt. Er hat 1000 Instrumentalisten und Sänger mit jener\nMaestria und jener Erfahrung geleitet, welche ihm eine unum-\nschränkte Autorität über alle Künstler verleihen. Die meiste Wir-\nkung erzielte Wagners Ouvertüre zum Tannhäuser, Schumann's\nOuvertüre zu Manfred, ein prächtiger Chor von Liszt, Fragmente\naus Lohengrin von Wagner, und eine Arie aus Titus, von Ca-\nthinka Heinefetter gesungen.44 lch verschanze mich hinter das\nRelata refero; Du musst wissen, was daran ist. Die augsburger\nAllgemeine und die Frankfurter Zeitung sprechen wenigstens für\nuns Deutsche hier sehr verständlich über das gänzliche Misslingen\ndes karlsruher Musikfestes. [Dass Cathinka Heinefetter erwähnt,\nJoachim aber ignorirt wird, ist auch charakteristisch!]\nNun noch eine Anekdote, deren Wahrheit ich verbürgen kann.\nIch habe Dir schon gesagt, dass die Aufführung des Freischütz\nviel zu wünschen übrig lioss. Hier lebt ein Pole, Ihaddäus Graf\nTyszkiewitz, ein enthusiastischer Dilettant und feuriger Verehrer\nWebers. Was thut er nacli besagter Aufführung? Er erlässt ein\nCircularschreiben an sämmtliche musicalische Zeitungs-Redactionen,\nTheater-Directionen u. s. w., und zeigt ihnen an, „dass er den\nDirector der grossen Oper wegen der Auslassungen und Aenderun-\ngen in dem unsterblichen Werke Webers vor Gericht belan-\ngen werde!44 Es ist freilich zum Lachen, und doch liegt\netwas so Schönes darin, dass man vor Freuden weinen möchte!\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-10-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "136", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.7", "debut_caractere": 2261, "fin_caractere_exclue": 7167, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFräulein Sophie Cruvelli gab am 15. October als\nzweite Gastrolle die Amine in der Nachtwandlerin. Der Auffüh-\nrung ging ein Prolog zur Feier des Geburtsfestes Seiner Majestät\ndes Königs und ein grosses allegorisches lebendes Bild vorher.\nFrl. Cruvelli spielte diese Rolle, welche eigentlich nicht in der\nSphäre ihrer Eigenthümlichkeit liegt, die mehr für das Hochtra-\ngische geeignet ist, mit Einfachheit und liebenswürdiger Natürlich-\nkeit, so dass sie bei der Trefflichkeit des Gesanges wenn man\nvon der Flachheit der ganzen Gattung absieht alle Stimmen\nzum Beifall vereinigte. Hr. Krön sang den Elwin ganz vorzüg-\nlich; bei fortgesetztem Fleiss kann ihm eine Zukunft als Künstler\nnicht fehlen. Das Ganze der Vorstellung zeugte wiederum von der\neinsichtsvollen Leitung der gegenwärtigen Direction.\nZur Feier des 18. October fand im Theater eine dramatisch-\nmusicaiische Vorstellung Statt, veranstaltet von Prof. L. Bisch off,\nin welcher Frl. Cruvelli aus Gefälligkeit den ersten Act der\nNachtwandlerin wiederholte. Ausserdem bildete den Haupt-Bestand-\ntheil der Fesl-Vorstellung die Aufführung von Beethovens\nMusik zu Göthe's Egmont, in Verbindung mit dem Gedicht „181 3\"\nvon L. Bischoff, vorgetragen von R. Benedix.\nSophie Cruvelli hat uns am 19. d. Mts. verlassen, um ihr\nneues Engagement in Paris anzutreten. Sie sagt für jetzt der ita-\nliänischen Oper Lebewohl und ist von Hrn. Roqueplan auf zwei\nJahre mit einem viermonatlichen jährlichen Urlaub und dem\nenormen Gehalt von 100,000 Frcs. jährlich lür die kaiserliche\nAkademie de Mnsique, d. h. für die französische grosse\nOper, angestellt.\nHr. Reinthal er, Gcsanglehrer an der Rheinischen Musik-\nschule, ist hier angekommen.\nDie Süddeutsche Musik-Zeitung enthält in Nr. 40—42 einen\nAufsatz über die musicalischen Vereine in Köln, welcher,\nwiewohl sehr oberflächlich geschrieben, neben manchem Ungenauen\nimmerhin einige Wahrheiten enthält, die zu berücksichtigen sein\ndürften. Was uns betrifft, so müssen wir uns gegen die Aeusserung:\n„Man pflegt bei Gelegenheit der jährlichen Sängerfahrt auf dem\nRheine die grossen Verdienste der Liedertafel im Feuil-\nleton der Kölnischen Zeitung ins schönste Licht zu stellen\", als\ngegen eine bare Unwahrheit verwahren, da in den meist humoristi-\nschen Artikeln über die Sängerfahrten niemals die Verdienste der\nLiedertafel gerühmt w orden sind, und aus dem sehr einfachen Grunde\nnicht gerühmt werden konnten, weil dieser Verein durchaus keine\nAnsprüche darauf macht, die Kunst als solche fördern zu wollen.\n** Man schreibt uns aus Bielefeld über die Erfolge der be-\nkannten Unternehmung des deutschen Männergesang-Quartetts in\nNew-York: „Es gehört in New-York zum guten Ton, die Sommer-\nmonate in den Bädern New-Port und Sacatoga zuzubringen; dazu\nwüthete daselbst in dem Monat August bekanntlich eine erbar-\nmungslose Hitze. Trotz dieser ungünstigen Conjuncturen durften\ndie Sänger bis jetzt sehr zufrieden sein. Sie gaben am 13. und 16.\nAug. ihre beiden ersten Concerte in dem Castle Garden, und die\nzahlreich versammelten Zuhörer erstaunten über die Leistungen.\nIn dem zweiten Concert befand sich unter dem Auditorium aueh\ndie bekannte Sängerin Madame Sontag, die, hochbefriedigt von den\nkräftigen und lieblichen Stimmen, den Orpheus-Söhnen ihre Unter-\nstützung und ihren Rath anbot. Dieses erste Auftreten des Quar-\ntetts hatte eine Menge von Einladungen durch die in New-York woh-\nnenden Deutschen im Gefolge. Der Pianist Gockel erbot seine Mit-\nwirkung, welche von dem Quartett mit Freuden angenommen wurde.\nIn dem Briefe eines der Sänger heisst es: „„Gestern Abends be-\nsuchten wir zusammen die deutsche Oper, wo wir als neue Be-\nkannte des Inhabers derselben freien Zutritt haben; es wurde dort\nder Mozart'sche Don Juan leidlich gegeben. Deutscher Gesang-Ver-\neine gibt es hier eine Hetze, die indess so jämmerlich sind, dass\nmusicalisch gebildete Leute dieselben Piecen, von uns und ihnen\nvorgetragen, nicht für die nämlichen hielten.44 44 Am 25. Aug. fand\neine Soiree musicale in dem eleganten Niblo'schen Saale Statt; es\nwar ein Auditorium von über 400 Personen zugegen, das, bezau-\nbert von dem Gesänge, sich in Beifallsbezeugungen erschöpfte. An-\nderen Tages waren die englischen und deutschen Zeitungen mit lan-\ngen Recensionen gefüllt, die dem tüchtigen Quartett, bestehend aus\nden Herren Langenbach, Schenk, Sewening und Strothmann, so\nwie dem Bariton und Solisten Crüvell reiches Lob und Bewunde-\nrung spendeten.44\nDem Vernehmen nach ist H. Berlioz nach Braunschweig\neingeladen worden, um dort einige seiner Werke aufzuführen. Von\nwem, wissen wir nicht; wahrscheinlich vom Hofe.\nDresden. Es ist die Rede von Quartett-Unterhaltun-\ngen durch Lipinski und Genossen, auch von Irio-Soireen\nFranz Schübe rt's, in Verbindung mit Hrn. Goldschmidt,\nwobei man auf die Mitwirkung der hochgefeierten Gattin desselben,\nJenny Lind, rechnet. Von Abonnements-Concerten der Capelle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4445, "texte": "verlautet aber nichts. Auch unsere Opern-Dircction greift nach\ndem bewährten Alten zurück, wie Marschner s Hans Ileiling,\nLortzing's Die beiden Schützen, Schenk's Dorfbarbier, Mc-\nhul's Je toller, je besser, u, s. w. In Lortzing's Czaar und Zim-\nmermann trat unsere neu gewonnene Soubrette, Frau Schuselka-\nBrüning, zum ersten Male auf; sie bewegt sich auf den Brettern\nmit grosser Gewandtheit und Keckheit, und zeigt bei recht wohl-\nklingender Stimme eine sehr anerkennungswerthe Gesangesfertigkeit\naber die wahre Naivetät, die Anmuth und Natürlichkeit gehen\nzuweilen in Manier und Coquetterie unter.\nVon Leipzig schreibt man: Robert Schumann wird künf-\ntig wieder hier wohnen.— Mit den Gewandhaus-Concerten\nmuss es doch was ganz Abnormes sein, da der Vorstand in ganz\nDeutschland keinen Dirigenten für dieselben hat finden können,\nund sich desshalb von dem Engländer Bennet einen Korb holen\nmussle.\nNach Weimar ist an Joachim's bis jetzt noch unbesetzte Stelle\nder Ungar Ed. Singer als Kammer-Virtuose berufen worden.\nAm 2. October hat Ignaz Lachner die Direction des Opern-\nOrchesters in Hamburg übernommen und mit Beethoven s\nFidelio begonnen, nachdem Barbieri, der bisherige Dirigent, mit\nRossini's Belagerung von Corinth zu seinem Benefice Abschied\ngenommen hatte. Die Wahl der beiden Opern ist bezeichnend.\nDer Violinist Ernst wird diesen Winter Deutschland be-\nreisen. Er hat bereits in Hamburg ein Concert gegeben, in wel-\nchem sseine Begleiterin, Frl. Siona Levy, einige dramatische\nScencn aus den französischen Classikern vorgelesen hat.\nMan hört oft Jomclli's (starb 1774) Kirchen-Compositionen,\nz. B. sein Requiem u. A., sehr rühmen. Er hatte aber auch viele\nOpern geschrieben. Hören wir nun einmal das Urtheil eines Man-\nnes über ihn, der einige Ansprüche auf Kennerschaft haben dürfte.\nEs lautet: „Der Mann hat sein Fach, worin er glänzt, so dass wir\nes wohl bleiben lassen müssen, ihn bei dem, der es versteht, dar-\naus zu verdrängen. Nur hätte er sich nicht aus diesem\nherausmachen und z. B. Kirchensachen im alten Stile\nschreiben sollen/4 Unterschrieben: W. A.Mozart.\nIn Wien leben noch zwei Personen, welche bei der ersten\nAufführung von Mozart's Zauber flöte, im September 1791,\nmitwirkten: ein pensionirter Beamter, welcher einen der drei Kna-\nben sang, und die Sängerin Gottlieb, welche die Pamina gab.\nSie ist 82 Jahre alt.\nThalberg wird fürs Erste in Wien bleiben und arbeitet an\neiner neuen Oper.\nDie Akademie der schönen Künste zu Florenz hat Hrn. Fe-\nXis den Aeltercn in Brüssel zum Professor und Ehren-Capellmeister\nernannt.\nEin Italiäner, Lorenzo Arcangcli, hat ein neues Saiten-\nInstrument erfunden, welches zwischen Viola und Violoncell\nsich einreihen soll wie es scheint, eine Wiederbelebung der\nalten Viola cli Gamba, deren Klangregister gegenwärtig nur noch\nauf Kirchenorgeln existirt. Er bereis't damit Italien und hat in\nFlorenz gefallen.\nFräulein Agnes Bury gefällt sehr an der deutschen Oper zu\nPesth. Als Lucia wurde sie wiederholt gerufen,\nv\nDer wcitnar'sche Capellmeister Chelard ist noch immer in\nParis und wird am 3. November ein dramatisches Concert ver-\nanstalten.\nFranz Liszt und Richard Wagner sind in Paris an-\ngekommen.\nLudwig v. Landsberg aus Breslau, bekannt als einer der\nersten Kunstgönner in Rom, ist gegenwärtig in Paris und be-\nschäftigt sich mit der Herausgabe der „Lamentationen\" von Pa-\nlestrina, so wie sie von der päpstlichen Capelle aufgeführt wer-\nden. In Rom ist das Haus des Hrn. v. Landsberg ein glänzender\nMittelpunkt der Kunstfreunde und Künstler, und die reiche musi-\ncalische Bibliothek desselben, in der sich die Partituren fast aller\nWerke der älteren Schule und der classischen Zeit befinden, ist\neine Hauptzierde desselben.\nKarl Evers hat eine „Elegie auf dem Grabe McndelssohnV\nfür Pianoforte geschrieben, welche, mit einem schönen Titelblatte,\ndie Grabstätte Mendelssohn's darstellend, versehen, bei dem Musi-\ncalienhändler C. L. Graue in London erscheint. Mit K. Evers\nzusammen gab Vi euxtemps am 8. October in Gr atz ein Concert.\nDie Geschwister Sophie und Isabella Dulcken sind An-\nfangs October, aus Russland und Polen zurückkehrend, über\nMainz nach Paris gercis't, um sich von da nach Belgien und\nHolland zu wenden.\nFrau H. So n tag hat vor, von New-York aus eine Kunst-\nreise durch die entfernteren Staaten von Nordamerica zu machen.\nDie Herren Eckert, Pozzolini und Rocco werden sie be-\ngleiten.\nDie grossen Concerte Jullien's ziehen Tausende nach Castle\nGarden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.1", "texte": "Zur Sache des Gesanges.\nNebst Randglossen von H. Winkelmeier.\nIn einem Aufsatze der berliner Musik-Zeitung „Echo\"\nNr. 27 und 28 d. J. „Ueber die Bezeichnung der\nRegister der menschlichen Stimme von Dr. F.\nAngermann\" sucht der Verfasser alle Unzweckmässig-\nkeit, Unzulänglichkeit, Zweideutigkeit, Irrigkeit kurz,\nalle Schattenseiten der bisherigen Bezeichnungsweise einer\nErörterung zu unterwerfen. Nachdem er einige Mittel und\nWege andeutet, wie dem gerügten Missstande auf zweck-\ndienliche Weise abgeholfen werden könnte, spricht er\nschliesslich noch sehr lebhaft den Wunsch aus: „sich doch\neinmal zu Nutz und Frommen der Sänger von Fach wie\nder Dilettanten über den fraglichen Gegenstand zu verstän-\ndigen und zu einigen, damit das Aergerniss hinweggeräumt\nwerde, „„nicht einmal in Betreff des ABC's des\nGesanges im Reinen zu sein.\"\"\nDa möchten wir denn nun vor Allem noch hinzufü-\ngen: Nicht allein in Betreff des Gesanges, sondern auch in\nHinsicht der Lehre aller einzelnen Disciplinen der gesamm-\nten musicalischen Theorie und Praxis wäre eine grössere\nVerständigung und Einigung mehr als wünschenswerlh.\nDie babylonische Sprach- und Begriffs-Verwirrung, die hier\nherrscht, und die durch die so genannten Forschungen der\nneueren Musikgelehrten und Musikphilosophen nur genährt\nund erhöht wird (wie die periodische Stoppellese in diesen\nBlättern zur Genüge beweiset), macht es nachgerade dem auf-\nstrebenden Kunstjünger wie eifrigen Dilettanten unmöglich,\nauf einem einfachen, vernünftigen und praktischen Wege zum\nZiele einer wirklich gediegenen, gesunden musicalischen\nBildung zu gelangen, falls er nicht das Glück hat, an der\nHand eines vorurteilsfreien, einsichtsvollen Lehrers sicher\ndurch das Labyrinth der heutigen Kunstlehre geführt zu\nwerden.\nDer massenhaften Widersprüche in den musicalisch-\ntheoretischen Lehrbüchern und ganz besonders in den prak-\ntischen Anleitungen zu etc. etc. hier ausführlicher zu ge-\ndenken, würde uns zu weit führen und liegt auch eigent-\nlieh unserem Zwecke fern; dagegen können wir nicht um-\nhin, bei dieser Gelegenheit, wenn auch nur flüchtig, Erwäh-\nnung zu thun jener, von gewissen Seiten so gar gewaltig\nunterstützten und auf unsere gegenwärtigen Kunstzustände\nleider einzuwirken scheinenden Zukunftstheorie, so wie\n\\\nder neueren Schule, aufgestellt und repräsentirt durch\nR. Wa g n er, H. B er 1 i oz, zum Theil auch durch R. S c hu-\nmannund deren musicalische und unmusicalische Freunde\neiner Theorie, die nicht allein die ganze traditionelle Em-\npirie und mit ihr die ganze Kunstgeschichte, sondern auch\nalles daraus gewonnene Kunstgesetzliche, das ganze Facit\nunserer höheren Kunstentwicklung gänzlich umstösst; die\nan die Stelle des Natürlichen und Naturgemässen die Will-\nkür und Laune im Gewände spreizbeiniger Afterphilosophie\nsetzt einer Schule, in welcher die Absonderlichkeit für\nGenie, Schwulst für Grösse gilt; welche die Musik mit dem\nVerstände (resp. Unverstände) macht und einen sündlichen\nBaalsdienst im heiligen Tempel der Kunst treibt.\nOder ist es nicht etwa Willkür, Laune, wenn Wag-\nner z. B. jedwede innere Ton- und Harmonie-Verwandt-\nschaft perhorrescirt; jene, auf physicalisch-mathematische\nNaturgesetze gegründete, wie in dem menschlichen Ge-\nfühle tief begründete Accordenlehre und Älodulationstheo-\nrie, die seit Aristoxenos bis heute als die einzig vernünf-\ntige und sichere Basis der homophonen wie polyphonen\nMusik und deren Setzkunst betrachtet wurde, nicht aner-\nkennt? wenn er unter seinen vielen Thesen, um nicht zu\nsagen Absurditäten, jede Selbstständigkeit der Instrumen-\ntal-Musik läugnet? ja! wenn er sich bemüht, die Musik\nüberhaupt als eine selbstständige Kunst aus dem Gesammt-\nreich der Künste zu escamotiren?\nOder herrscht etwa in den meisten Werken dieser\nTrias, ihrer Schüler und Anhänger viel mehr als Abson-\nderlichkeit, Schwulst, ja, Irrsinn? Sprechen dieselben nicht\noft Hohn allen Gesetzen des Schönen und der ästhetischen\nForm ?\nWagner ist „ ein Geist, der stets verneint\" ; er feiert\ngegenwärtig eine Walpurgisnacht, den Reigen führt"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.2", "texte": "doch genug hiervon. Stellen wir für jetzt weitere Betrach-\ntungen über diese Zukunftshelden und Kunstweltbeglücker *)\nvom überwundenen Standpunkte ein, und kehren zurück\nzu unserer Eingangs berührten Gesangesfrage.\nMit besonderem Vergnügen sehen wir in dem genann-\nten Aufsatze einen Gegenstand öffentlich zur Sprache ge-\nbracht, dem schon seit längerer Zeit eine grosse Aufmerk-\nsamkeit zugewendet wird, und der unserer Ansicht nach\nallerdings auch wichtig genug ist,' die volle Berücksichti-\ngung der praktischen Musikgelehrten wie der wissenschaft-\nlich gebildeten Praktiker im höchsten Grade in Anspruch\nzu nehmen. Es handelt sich dabei, wie die Ueberschrift\nschon besagt, um die Bezeichnung der Register der mensch-\nlichen Singstimme. Alle bisherigen Versuche, Klarheit und\nUebereinstimmung in die verschiedenen Bezeichnungswei-\nsen zu bringen, blieben ohne wesentlichen Erfolg. Hr. An-\ngermann regt nun diese Angelegenheit aufs Neue und sehr\nenergisch an, und macht selbst Vorschläge, hauptsächlich\nzu einer Vereinfachung in der Bezeichnung der Register,\ndie aber in der von ihm angedeuteten Weise den gerügten\nMissständen nur scheinbar abhelfen dürften.\nHr. Angermann will nämlich die menschliche Sing-\nstimme in zwei Haupt regist er eingetheilt wissen: in\ndie Register einer natürlichen und einer Fa 1 set-\nStimme. Generei mag nun eine solche Registrirung ge-\nrechtfertigt erscheinen, indem die menschliche Singstimme\nsich allerdings im Wesentlichen nach zwei Richtungen hin\ngliedert; auch praktisch anwendbar mag sie sein, wenn man\nunter „F als et \"-Stimme den directen Gegensatz zu einer\n„natürlichen\" oder Haupt-Stimme verstehen will.\nDoch in speciedürfte die Bezeichnung Falset nicht ausrei-\nchen zur Charakterisirung jener Chorden, die man bisher\nzum Unterschiede von der so genannten „Bruststimme\"\nKopf-, Kehl-, Fistel-, auch gemischte Stimme nannte\nund welche mit jener Bezeichnung gemeint sind. Diese ver-\nschiedenen Register existiren; sie sind nicht imaginär und\nhaben unbestreitbar unter einander eine zu grosse Ver-\nschiedenheit in der Tonqualität, als dass sie so leicht mit\neinem einzigen Ausdrucke genügend bezeichnet\nwären.\nErscheint dagegen für den ersten Augenblick der Aus-\ndruck „natürliche Stimme\" als Bezeichnung für je-\nnes Tonregister der Singstimme, das sowohl der Qualität\nals auch gewöhnlich dem Umfange nach das Hauptre-\ngister bildet und als welches stets das so genannte\nBrustregister figurirt entsprechender: so zeigt sich\ndoch hier bei näherer Untersuchung, dass Hrn. Anger-\nmann's „natürliche Stimme\" nicht als ein rein selbst-\nständiges Register erscheint, sondern als ein Conglomerat\naller möglichen Stimm-Ingredienzien, nur etwas praktischer\nzusammengestellt, als es die bisherigen Bruststimmen\nder verschiedenen Schulen und Methoden waren.\nEs dürfte sonach mit dieser in Vorschlag gebrachten\nVereinfachung (die aber eigentlich nur eine Veränderung\nist) in der Bezeichnungsweise für die derselben notwen-\ndige Klarheit und Uebereinstimmung im Wesentlichen nicht\nviel gewonnen werden.\nUnseres Dafürhaltens wird überhaupt nicht eher an\neine ganz entsprechende oder, wenn man will, nicht mehr\nwidersprechende Bezeichnungsweise gedacht werden kön-\nnen, als bis einmal die Begriffe über die besonderen Ei-\ngenschaften der verschiedenen Stimmregister (in vorliegendem\nFalle insonderheit desjenigen einer natürlichen Stimme)\nklarer entwickelt und genauer festgestellt sind. Dass dies\nbis jetzt nicht der Fall war, beweis't schon ein flüchtiger\nBlick in alle theoretischen und praktischen Lehrbücher.\nSo viel auch Physik und Physiologie sich bemühen,\nüber den Process des Töne-Erzeugens im mensch-\nlichen Stimmorganismus Licht und Klarheit zu verbreiten;\nso wenig ist es doch bisher allen wissenschaftlichen For-\nschungen gelungen, diese Frage in ihrer praktischen\nAnwendung auf den Gesang einer befriedigenden\nLösung näher zu führen. Am wenigsten dürften die neue-\nren und neuesten Versuche, „der Gesangeskunst\neine wissenschaftliche Basis zu verleihen\"\n(Nehrlich u. A.), dazu beitragen, die obschwebenden Zwei-\nfel zu heben und jene Begriffe zu klären.\nEine wirklich genügende wissenschaftliche Begründung\ndes in Rede stehenden und noch so manches anderen Ge-\ngenstandes der musicalischen Theorie und Praxis wird nur\ndann Statt finden können, wenn die zu vereinigenden\ngemeinschaftlichen Interessen der bezüglichen\nWissenschaften und der musicalischen Kunst bei gleich ho-\n\n*) Für welche auf alle nur mögliche Weise Propaganda ge-\nmacht wird. So hat vor Kurzem eine „Louise Otto\" ein\nWerk herausgegeben: „Die Kunst und unsere Zeit\",\nvon welchem die „Feuilleton's-Kritik\" verschiedener\nBlätter sagt: „dass es reich sei an neuen Ideen im Sinne\nRichard Wagner's.\" Die Verfasserin hat das Werk vor-\nzugsweise den Männergesang-Vereinen zur Beachtung anheim-\ngestellt. Glück auf, ihr deutschen Männerchöre! „Er hat\nuns ein Vorbild gelassen.\" Geht in den Tannhäuser\nund hört die Pilgerchöre; oder hört Liszl's „An die Künst-\nler\", das sicher im Sinne R. Wagner s componirt ist. In\nKarlsruhe beim l'este konnte man sich diesen Genuss ver-\nschaffen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.3", "texte": "hem Grade der Erkenntniss, des Verständnisses und der\nWürdigung in Einer Hand ruhen und in einer zu wirk-\nlich wissenschaftlichen Untersuchungen führenden Weise\nvertreten werden. Für die Wissenschaft wird alsdann das\nR ausser Zweifel sein; ob aber diese wissenschaft-\nlichen Untersuchungen und Begründungen für\ndie ausübende Musik so ausserordentlich nothwendig\nund von so grossem Vortheil (wie in neuerer Zeit von den\nschreibseligen Herren Musikgelehrten so eifrig behauptet\nwird) sei, dies möchten wir sehr bezweifeln; wenigstens\nglauben wir, dass der ausübenden Kunst und den hierauf\nbezüglichen Dingen mehr Vorschub wird geleistet werden\nkönnen durch einfache klare, auf gewissenhafte Beobach-\ntung und reiche Erfahrung gestützte Mittheilungen tüchti-\nger Praktiker, als durch die hohle Phraseologie unserer\nmodernen Kunstphilosophen und die (erst noch aller siche-\nren Basis entbehrenden) Systematisirung unserer heutigen\nKunsttheoretiker.\nIn Beziehung auf die in Rede stehende Frage dürfte\nes nun vor Allem nöthig sein, dem Ausdruck „natür-\nliche Stimme\" *) einen solchen Begriff zu unterstellen,\nwodurch er als Bezeichnung eines wirklich selbstständigen\nRegisters der Praxis von mehr als äusserlicher und will-\nkürlicher Bedeutung wird. Wir wollen daher zu diesem\nZwecke hier in der Kürze einige Beobachtungen und Er-\nfahrungen, die wir bei Prüfung, Entwicklung und Ausbil-\ndung von Singstimmen gemacht haben, mittheilen, in der\nHoffnung, dadurch zur Feststellung jenes Begriffes vielleicht\nein Wesentliches beizutragen, und zu weiteren der Sache\nförderlichen Mittheilungen Veranlassung zu bieten.\nBei unserem Gesang-Unterricht gehen wir von folgen-\nden Grundsätzen aus:\n„Jeder Mensch hat bei einem gesunden und sonst\nnormal entwickelten Stimm-Organismus auch eine Sing-\nstimme, d. h.: er besitzt die natürliche Fähigkeit, nicht\nnur Laute, sondern auch Töne hervorzubringen.\"\nFerner:\n„In dem richtigen Erkennen dieser je nach der physi-\nschen Construction des Gesammt-Organismus des Menschen\nallerdings sehr verschiedenen Fähigkeit und in der natür-\nliehen Entwicklung und Ausbildung derselben ist wie\nunsere Erfahrung es uns reichlich bestätigt die sicherste\nBasis eines wirklich erfolgreichen Gesang-Unterrichts zu\nsuchen und zu finden.\"\nDaraus folgt für uns:\n„Dass es die erste Aufgabe eines solchen Gesang-Un-\nterrichts sein muss, diese Fähigkeit zu wecken, zu ent-\nwickeln und auszubilden.\"\nWie und woran aber erkennen wir diese Fähigkeit?*)\nDie Lösung dieser Frage finden wir in einem sehr\neinfachen Verfahren:\n„Man lasse den Schüler, resp. Singen-Wollenden, so\ntief als möglich einathmen und dann, bei dem möglichst\ntiefen Tone anfangend, bis zum erreichbaren höchsten jeden\neinzelnen Ton auf die Sylbe ha, jedoch mit so weichem Ein-\nsatz, dass das h nicht als wirklicher Consonant gehört wird,\nmit anderen Worten: auf einen Hauch angeben und, so\nlange als der Athem reicht, aushalten.\"\nDem scharfen und geübten Ohre des Lehrers wird es\nalsbald nicht entgehen, welche unter diesen Tönen die\nwirklich musicalisch brauchbaren, d. h. sicheren und klin-\ngenden sind; auf diese ist vor Allem die grösste, und wir\nmöchten sagen einzige, Aufmerksamkeit zu richten und nur\nmit diesen allein bei dem ersten Unterrichte zu operiren.\nDie Fähigkeit, auf diese Weise Töne hervorzubringen,\nist oft im Anfange eine sehr geringe, und der Töne selbst\nsind dabei oft nur sehr wenige. Man lasse sich jedoch\nnicht täuschen oder abschrecken. Bei unserem Verfahren,\ndie in solcher Weise hervorgebrachten Töne als primitives\nStimmregister ausschliesslich auszubilden und mit denselben\ndie ganze eigentliche Schule des Technischen durchzuma-\nchen, haben wir aus scheinbar unbrauchbaren Stimmen von\nkaum 5 6 Tönen Umfang nach etwa einem bis andert-\nhalb Jahr gute, feste, klare, wirkliche Singstim-\nmen von qualitativ gleichem Umfange einer\nDecime und oft mehr noch gewonnen**). Und nun:\n„Diese auf solche am Ende sehr einfache Weise zu\ngewinnende Singstimme sowohl vor wie nach ihrer Aus-\n\n*) Ueber dessen Priorität wir übrigens mit Hrn. Angermann,\nohne ihm zu nahe treten zu wollen, rechten könnten, da wir\nuns desselben seit mehr denn zwölf Jahren bei unserem Ge-\nsang-Unterricht bedienen, ohne uns entsinnen zu können, die-\nsen Ausdruck im Sinne einer Stimmregister-Bezeich-\nnung irgend wo früher gebraucht zu sehen. Jedenfalls eine\nBegegnung, wie sie öfter im Beiche der Ideen vorkommt.\n*) Die wenigsten Menschen sind sich dieser Fähigkeit klar be-\nwusst; die meisten (und unter diesen wieder am allermeisten\neine gewisse Gasse von Gesanglehrern) erkennen sie gar nicht\noder verkennen sie ganz. Es liegt hierin unserer Ansicht\nnach ein wesentlicher Grund des periodischen Mangels an\nbrauchbaren Gesangkrälten.\n**) Bis jetzt hat in den meisten Fällen der Zufall die Singstim-\nmen entdeckt; es sollte nach unserer Ueberzeugung nicht we-\nniger der Absicht und der Einsicht anheimgestellt werden.\nDie Besultate würden ein solches Verfahren für die Folge\nglänzend rechtfertigen."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.4", "texte": "Bildung nennen wir die natürliche Stimme, das na-\ntürliche Stimmregister. Es erscheint lins dieses Re-\ngister nach seiner technischen Ausbildung als dasjenige,\nmit welchem allein wenigstens die meisten Liedersänger\nund Dilettanten vollkommen ausreichen; es gilt uns als das\nbeste Mittel zur weiteren Ausbildung und der Verschmel-\nzung aller übrigen Stimmregister und bietet in seiner rich-\ntigen Anwendung jedem Sänger die grössten Vortheile,\nunter denen wir nur hervorheben wollen Dauer und\nAusdauer seiner Stimme, so wie Intensität des To-\nnes (womit wir übrigens nicht die jetzt so beliebte brül-\nlende Stärke verstanden wissen möchten, sondern jene\nwohlklingende Tragweite des Tones in allen seinen, selbst\nden feinsten Nuancen).\nWas 'die Bildung und eigentliche Ausbildung\ndieser natürlichen Stimme betrifft, so wollen wir uns\nhier nicht des Weiteren darüber auslassen; es ist dieser\nGegenstand zu speciel technisch und würde uns für jetzt\nzu weit führen. Nur so viel wollen wir bemerken, dass wir\ndurchaus nicht die Bildunssmittel verschmähen, welche uns\no 7\nbesonders die italiänische Gesangschule bietet und\nbei denen es unserer Meinung nach nur auf eine rich-\ntige Anwendung ankommt, während Hr. Friedrich\nSchmitt in München, welcher „ a 1 s R e f o r m a t o r der in\nDeutschland auf einer sehr niedrigen Stufe\nstehenden und in ihrem Heimatlande dem all-\nmählichen Verfall entgegeneilenden Gesang-\nkunst auftritt\", in seiner „Grossen Gesang-\nschule fürDeutschland\" „„allesßestehende\"\",\nsowohl die grosse italiänische Gesangschule\nals die des pariser Conservatorium s, so wie alle\nübrigen gebräuchlichen und nicht gebräuchlichen (?) Me-\nthoden gänzlich verwirft.\nHr. Fr. Schmitt will ein System (also hat bis jetzt\nkeines bestanden?) in die Gesangkunst gebracht haben.\nNun, wir sehen dem Erscheinen des Werkes selbst\nentgegen, um uns ein vollständiges Urtheil darüber bilden\nzu können, da uns hierzu die Einleitung (München,\n1853, Druck der Dr. Wild'schen Druckerei) nicht hinrei-\nchend erscheint. Wir wollen sehen, ob Hrn. Fr. Schmitts\nSystem vielleicht unter Anderem die nothwendige und\nwünschenswerthe Einheit und Uebereinstimmung in die Be-\nzeichnungsweise der verschiedenen Stimmregister bringt.\nMöchten diese Zeilen, wie schon bemerkt, zu weiteren\nMittheilungen über den fraglichen Gegenstand Veranlassung\nbieten. Wir bescheiden uns gern in unseren Ansichten, so-\nbald wir von der Unrichtigkeit derselben überzeugt werden.\nWir stützen uns jedoch auch wieder auf dieselben, soweit\nunsere Erfahrung dalür spricht.\n\nBerliner Briefe.\n\n(Jogge li, Oper in drei Acten, von Taube rt.)\nDen 12. oetob er 1853.\nEine neue dreiactige Oper von Taubert, „Jog-\ngeli\", Text von Dr. Köster, ist am Sonntag zum ersten\nMale im Opernhause gegeben worden. Unsere deutschen\nCapellmeister sind sparsamer in der Hervorbringung neuer\nBühnenwerke als die italiänischen; die deutsche Kritik und\ndas deutsche Publicum sind missgünstig dem Neuen gegen-\nüber; was nicht einen dauerhaften Erfolg verspricht, dem\nwird auch der momentane erschwert. Es ist daher etwas\nAuffälliges, dass in diesem Winter unsere beiden Capell-\nmeister das gefährliche Terrain betreten; der musicalischere\nTheil des Publicums wird dadurch in eine Spannung ver-\nsetzt, welche die Unbefangenheit des Urtheils vielleicht eini-\nger Maassen trübt. Joggeli ist eine Dorfgeschichte in mo-\nderner Weise, d. h.: das Streben zum Charakteristischen\nwaltet vor. Joggeli, ein reicher und junger Bauer, wünscht\nsich zu verheiralhen; er möchte aber eine Frau haben, die\nihn um seiner selbst willen, nicht seines Reichthums wegen\nnimmt. Er kauft einem jüdischen Tabuletkrämer seinen\nKasten ab, wirft sich in die Maske des Krämers und zieht\nin dieser ärmlichen Gestalt durch das berner Land, sich die\nFrau zu suchen. Eines Sonntags Vormittags sind alle Leute\nin der Kirche, auch der Glungenbauer mit seiner Frau und\nder Tochter Liesli; nur eine arme Verwandte, Anne Ma-\nreili, muss das Haus hüten. Ihr begegnet er auf seiner\nWanderschaft, wird freundlich von ihr aufgenommen und\nfühlt sich von ihrem Wesen aufs innigste angezogen; sein\nEntschlussist gefasst. Auf ihr Bitten geht er fort, als die\nKirchgänger zurückkommen, lässt aber einen Ring an ihrem\nFinger zurück, den er ihr unter dem Vor wände, ihn als\nWaare anzubieten, angesteckt hat. Der Ring wird von dem\nheimkehrenden Bauer bemerkt; man glaubt ihr nicht, dass\nsie denjenigen, von dem sie den Ring habe, nicht kenne;\nwenn sie in acht Tagen den Namen nicht nennt, soll sie\nihr Bündel schnüreji und das Haus verlassen. Inzwischen\nzieht der wirkliche Tabuletkrämer herum und plaudert, um\nsein Sümmchen dabei zu verdienen, allen wohlhabenden\nVätern die Geschichte vom Joggeli aus. Er kommt auch\nzum Glungenbauer, dessen ganzes Sinnen und Trachten nun\ndarauf geht, den Joggeli für seine Tochter zu gewinnen.\nZwar liebt Liesli einen armen Bauer, Sepp; aber solche"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.5", "texte": "Gefühle werden nicht respectirt. Am nächsten Sonntag ist\ndie ganze Gegend um- und umgekehrt; die jungen Mäd-\nchen und die alten Jungfern, die Väter und die Mütter,\nAlles strömt herbei, um den Tabuletkrämer lür sich zu\nfischen; andererseits setzen sich die jungen Bauern, die\njetzt von keinem Mädchen mehr angesehen werden, in Be-\nreitschaft, ihm etwas Gehöriges zu versetzen. Unglücklicher\nWeise ist nicht Joggeli, sondern Sepp, dem jener seine\nMaske geliehen hat, derjenige, der diesen Sturm aushalten\nmuss; der Glungenbauer, der ihn Anfangs auch für Joggeli\nhält, lockt ihn zwar in sein Haus, um die Heirath fertig zu\nmachen, wirft ihn aber natürlich, sobald er ihn erkennt,\nhinaus. Für Anne Mareili sind jetzt die verhängnissvollen\nacht Tage verstrichen; eben will sie fortziehen ins Weite:\nda erscheint Joggeli und nimmt sie zu seiner Frau. Der\nGlungenbauer aber muss, um nicht zum Gespött zu wer-\nden, seine Tochter dem Sepp geben. Der Text ist, was\ndie Charakterzeichnung und die Anlage musicalischer Si-\ntuationen betrifft, gut gemacht. Doch geht er nach dieser\nSeite hin etwas zu weit; Manches, was nicht nothwendig\nzur Handlung gehört, wird zu breit ausgesponnen, nament-\nlich gilt dies von dem zweiten Finale, dem grössten Musik-\nstücke der Oper, das eine äusserlich sich anhängende und\nnoch dazu in sich manches Bedenkliche darbietende Episode\nzum Gegenstande hat. Uns dünkt, der Text würde gewon-\nnen haben, wenn der Dichter sich bei der üblen Lage, in\ndie Anne Mareili durch die Härte ihrer Verwandten kommt,\n. 1\nlänger aufgehalten hätte; hier war die Gelegenheit dazu\nda, der Haupthandlung die nöthige Breite und Spannung\nzu geben; gleichzeitig würde die Charakterzeichnung der\neinzelnen Personen mehr in die Tiefe gegangen, und\nauch die Musik würde dadurch gefördert worden sein. In\nMozart's komischen Opern, wie im Belmonte und der Zau-\nberflöte, waltet neben der Komik stets ein aufs Grosse ge-\nrichteter Ernst vor, der sich mitunter bis zur tiefsten Rüh-\nrung steigert; und dieser Gegensatz bringt es mit sich, dass\nauch die Einzelheiten stärker auf uns wirken: wir ermüden\nnicht in der Monotonie einer und derselben Farbe. Nun ist\nzwar auch im Joggeli ein Gegensatz; denn Joggeli und\nAnne Mareili sind idealer gehalten als die übrigen Perso-\nnen, aber sie bringen es nur bis zur weichen Empfindung,\nnicht bis zum Ernst, zur Kraft und zur Grösse, und für\ndie Darstellung dieser Charakter-Eigenschaften war in der\nNatur kräftiger, einfacher Bauern ein sehr günstiger Boden.\nIn der Anlage des Ganzen also, was die Benutzung des\nmöglichen Materials zu einem idealen Kunstwerke betrifft,\nhaben wir Manches gegen den Joggeli einzuwenden, und\nes werden diese Mangel um so fühlbarer, als das Werk\ndrei volle Stunden dauert. Sehen wir davon ab lind halten\nuns an die Einzelheiten des Textes und der Musik, so be-\ngrüssen wir mit Freude ein Werk, das theils ein eigen-\ntümliches, bis jetzt noch nicht ausgebeutetes Gebiet be-\ntrifft, theils überall von vorzüglichem musicalischen Geschick\nund feinem, edlen Geschmack Zeugniss gibt. Es lässt sich\ndiese Musik im Wesentlichen auf das deutsche Volkslied\nzurückführen, daher rührt eine gewisse Verwandtschaft mit\nHaydn, Dittersdorf und Weber; doch ist die individuelle\nGestaltung, die das Lied hier genommen hat, eine eigen-\nthümliche: fein und sauber, gewählt namentlich auch in der\nInstrumentation. Am schwächsten sind einzelne sentimen-\ntale Partieen, in denen wir die schlichte Natürlichkeit, die\nuns so oft erfreut, vermissen; sehr gelungen sind einzelne\nEnsembles, namentlich das Finale des zweiten Actes. Län-\ngen hat das Werk nicht bloss im Text, sondern auch in\nder Musik; indess ist bereits Manches gestrichen, und die\nspäteren Auflührungen werden wohl dazu beitragen, der\nOper das richtige Längenmaass zu geben. An Einzelnem\nkönnte man Anstoss nehmen, ob es vielleicht die Gränzen\ndes ästhetisch Berechtigten überschreitet, z. B. daran, dass\nder Tabuletkrämer jüdisch sprechend eingeführt wird; es\nist aber zu bedenken, dass die Komik von der scharfen\n1 '\nZeichnung der wirklichen Welt eigentlich lebt; es ist fer-\nner der hausirende Jude in musicalischer Hinsicht so tref-\nfend gezeichnet, dass eben dadurch diese Figur aufhört,\nbloss possenhaft zu sein. Manches Einzelne wäre vielleicht\nwirksamer hervorgetreten, wenn die Oper Dialog oder Re-\ncitativ hätte. Wir werden zweifach ermüdet: dadurch, dass\nwir immerfort Musik hören, und dadurch, dass diese Musik\nin sich selbst nicht Gegensatz genug hat. Dennoch aber\nbeklagen wir diesen Umstand nicht; denn die Uebergangs-\nPartieen sind meist so geschickt gemacht, dass ein aufmerk-\nsames Ohr sich dabei ganz wohl fühlt.\nNachschrift. Bei der zweiten Aufführung machte\ndas neue Werk einen gleichmässigeren Eindruck, als das\nerste Mal. Die Theilnahme des Publicums blieb bis zum\nletzten Augenblicke gespannt, und es lässt sich hoffen, dass\nJoggeli sich halten wird.\n\nG. E.\n\nAus Wien.\n\nDen 11. Octobcr 1853.\nMein Ihnen neulich gestelltes Horoskop beginnt bereits seine\nRichtigkeit zu bewähren; schon hat unser Conservatorium (die\n„Gesellschaft der Musikfreunde\") ein vorläufiges Programm für seine\nWinter-Concerte veröffentlicht, das freilich erst nur die Namen der-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.6", "texte": "jenigen Meister kund gibt, von welchen Werke zur Aufführung\nbestimmt sind; aber zum ersten Male erscheinen in demselben\nauch Schumann und Wagner. Von jenem wird, wie ich mit Be-\nstimmtheit weiss, die zweite Sinfonie in C, von diesem die Ouver-\ntüre zum „Tannhäuser\" gegeben werden. Natürlich aber bilden\ndiese nur einen Seitenarm, und der Hauptstrom fliesst, wie immer,\naus den Tonreichen Haydn's, Mozart's und Beethoven's; von Letzte-\nrem ist in der That auch die neunte Sinfonie (nebst der Pastoral-\nSinfonie) angesagt. Von den älteren Meistern werden sonst noch\nBach, Händel, Gluck, Lotti und Durante, von den neueren Men-\ndelssohn (insbesondere mit dem „Paulus\" und Fragmenten aus dem\n„Elias\"), Meyerbeer, Gade und Hiller genannt. Von diesem Pro-\ngramm, so wie es im Allgemeinen vorliegt, muss man sagen, dass\nes die wesentlichsten Forderungen der Gegenwart befriedigt, und\nes wäre nur noch zu wünschen, dass man nicht ganz ausschliess-\nlich bloss berühmte Namen und Celebritäten ersten Ranges berück-\nsichtigte, sondern hin und wieder auch weniger berühmten und\nTalenten zweiten Ranges einige Aufmerksamkeit schenkte, damit\ndas Publicum sie kennen lerne, und diesen selbst, wenn ihre Werke\ndanach sind, jene Aufmunterung zu Theil werde, deren gerade das\nmittlere Talent am meisten bedarf. Die Chor-Uebungen zu diesen\nConcerten haben bereits unter der Leitung der Professoren Hell-\nmesberger und Stegmaier begonnen, und das Programm verspricht\nausdrücklich, es sollten die obigen Werke „möglichst vorzüglich\"\nexecutirt werden. Es zerfallen diese Concerte in zwei Haupt-Kate-\ngorieen: die so genannten „Spirituel-\" und die eigentlichen „Yer-\neins-Concerte\"; die Zahl der letzteren beläuft sich auf vier, die der\nersteren gewöhnlich auf sechs. Schade nur, dass man nicht zu je-\nnen so gut, wie zu diesen, die weiten, herrlichen Räume des gros-\nsen Redoutensaales benutzen, sondern sich für sie mit dem\nSchneckengehäuse des wenig rühmlichen Conservatoir-Gebäudes\nbegnügen muss, in dessen engen, tonerstickenden Hallen Einem\nbei manchen Productionen zu Muthe wird, als müsste man sich\nniederducken, um von der Wucht der Massen nicht erdrückt zu\nwerden. Ich schreibe Ihnen auch diesmal fast nur von den Aus-\nsichten für die Zukunft; denn die Gegenwart ist noch ziemlich\ninhaltsleer. Nicht leicht dürften irgendwo Sommer und Winter in\nBezug auf das öffentliche Kunstleben so streng geschieden sein,\nwie hier; in der ganzen Zwischenzeit vom Mai bis Anfangs No-\nvember gehört ein Concert oder selbst nur eine bedeutendere\nDarstellung im Opern- oder Schauspielhause zu den angestaunten,\nselten gewürdigten Erscheinungen, und nur die Productionen des\nMännergesang-Vereins fachen während dieses Interregnums zurNoth\ndie dürftige Flamme an. In dieser Periode, wo der eigentliche Ja-\nnustempel der Kunst geschlossen ist, darf es zwar eine Sennora\nPepita de Oliva mit einiger Aussicht auf Erfolg versuchen, densel-\nben zu öffnen; aber Beethoven dürfte es nicht, auch wenn er noch\nlebte. Indessen hat wohl auch nicht leicht eine Staclt für diesen\ngänzlichen Rückzug von aller Kunst eine so gründliche Entschul-\ndigung, wie eben Wien, in seiner bekanntlich überaus reizenden\nUmgebung eine Entschuldigung, welcher selbst der strengste\nKunst-Fanatiker seine Anerkennung nicht ganz versagen kann. So\nhat denn die eigentliche Concert-Saison noch lange nicht begonnen,\nund es ist nur das Gastspiel der Johanna Wagner, welches die\nAufmerksamkeit der Musikwelt im Augenblicke gefesselt hält. Doch\nhier ist vor Allem zu bedauern, dass diese Künstlerin für ihren\nGastrollen-Cyklus kein günstigeres Repertoire wählte. Sie trat zwei-\nmal als Romeo in Bellini's „Montecchi und Capulcti\" auf, zweimal\nals Leonore in Donizetti's „Favorite\", zweimal endlich als Fides in\nMeyerbeer's „Prophet\". Am unglücklichsten war die Wahl der\nDonizetti'schen Oper. Ich will gar nicht davon reden, wie sonder-\nbar es schon ist, wenn eine Sängerin, welche man gegenwärtig zu\nden ersten Deutschlands rechnet, in drei Gastrollen zwei bringt,\nwelche ganz, und eine dritte, welche zur Ilalfte dem italienischen\nGenre angehört; aber jene Oper war schon vor zehn Jahren in\nWien ohne allen Erfolg gegeben worden, ihr musicalischer Gehalt\nist in der That sehr gering, und gerade die Partie der Leonore\nbietet, mit alleiniger Ausnahme des letzten Actes, am wenigsten\nausgezeichnete Momente. Die Oper wäre auch ohne das Gastspiel\ndes Frl. Wagner zur Aufführung gelangt, wie denn bei der nächsten\nWiederholung Frau Herrmann-Czillag die Partie der Leonore singen\nwird. Aber mit der durch nichts gerechtfertigten Restaurirung der-\nselben hat die Direction einen entschiedenen Missgriff gethan, wel-\ncher sich am empfindlichsten dadurch rächen wird, dass man die\nOper sehr bald wieder wird fallen lassen müssen; denn trotz der\nverdienstlichen Aufführung im Ganzen und trotz aller Anstrengung\ndes Gastes sowohl wie der Herren Steger und Beck (über welche\nbeide ich Ihnen nächstens ein Mehreres schreiben werde), ver-\nmochte sie auch diesmal nicht, durchzudringen. Zwar möchte man\nsich vielleicht hierüber wundern, indem schon viel schlechtere\nOpern (exempla sunt odiosa) hier dauernden Beifall erhalten haben;\naber der Grund liegt darin, dass diese Oper weder ganz schlecht\nnoch auch sonderlich gut ist, und daher keine Partei ganz auf ihrer\nSeite hat. Aber auch in einer anderen Oper hätten wir Frl. Jo-\nhanna Wagner zu hören gewünscht, als in jener Meyerbecr's. In-\ndessen ist ihre Darstellung der Fides jedenfalls noch die interessan-\nteste unter den Leistungen, welche wir kennen zu lernen Gelegen-\nheit hatten. Sie verwirklichte in dieser Partie alle oft sehr raffi-\nnirten, aber nicht künstlerisch schönen Intentionen des Maestro, unter\ndessen Leitung sie ja dieselbe studirt, und ihr gutes, effectvolles\nSpiel unterstützt sie dabei ganz besonders. Im Ganzen hat also Frl.\nWagner in Wien zwar keineswegs missfallen, aber auch nicht jenen\nEnthusiasmus hervorgerufen, der ihr anderwärts zu Theil ward;\nallein grossen-, ja, vielleicht grösstenteils mag hieran die unglück-\nliche Wahl ihres Repertoires schuld sein, und die in diesen, wie\nin anderen verwandten Punkten besonders empfindliche Bren-\ndelsche Musik-Zeitung hat daher vorläufig noch nicht hinreichende\nUrsache, ihr Schlachtschwcrt gegen uns zu schwingen, wie gegen\nunsere armen Mitbrüder in Frankfurt am Main. Demnächst wird\neine neue Oper von Balfe gegeben werden, deren Proben bereits\nim Gange sind, und auch Auber's Marco Spada soll zur Auffüh-\nrung gelangen. Ob wir Ursache haben, darüber sonderlich erfreut\nzu sein, wird sich zeigen.\n\nB.\n\nAus Paris.\n\nDen 16. October 1853.\nHier kommt dieser Tage eine neue Oper von Limnander,\nLe Maitre Chanteur (der Singmeister), bei der grossen Oper zur\nAufführung. Meyerbeer's „Stern des Nordens\" wird eifrig stu-\ndirt; nach anderen Nachrichten auch „Die Africanerin\". [Auf die\nHauptrolle in dieser letzten Oper machen zwei grosse Sängerinnen\naus Deutschland sich gleiche Hoffnung, wie wir aus der besten\nQuelle wissen: Johanna Wagner und Sophia Cruvelli.\nDie Redact.]\nMan spricht von einer Eröffnung der italiäni sehen Oper\nzum 15. November. Wie es scheint, werden einige imposante\nRuinen vorgeführt werden; ob in den Decorationen oder in leben-\nden Sängerbildern, ist noch nicht ganz klar.\nIm Monat September haben die Theater, Concerte u. s. w. nahe\nan eine Million Francs eingebracht. Jn der grossen Oper bereitet\nman Rossini's Barbier zur Aufführung vor; die französische\nUebersetzung ist von Castil Blaze. Weber's Freischütz (und\nzwar unter dem deutschen Titel) ist auch wieder in Scene ge-\ngangen ; allein ausser der Agathe (Mlle. Poinsot) hat das übrige"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.7", "texte": "Personal noch viel zu thun, ehe es sich auf die Höhe der Musik\nschwingt.\nDer Violinist Bazzini wird diesen Winter nach Holland\ngehen.\nInteressant ist die folgende Notiz einer hiesigen Musik-Zeitung:\n„Liszt (oder, wie die Franzosen gewöhnlich schreiben, Listz) ist\nseit einigen Tagen in Paris. Er muss aber bald wieder weg, weil\nihn sein Capellmeister-Amt nach Weimar ruft. Schade, dass er\nden Winter nicht bei uns zubringen kann! Doch verlieren wir\nnicht alle Hoffnung. Liszt ist daran, die letzte Hand an ein grosses\ndramatisches Werk für eines unserer Opern-Theater zu legen, und\nwenn dieses diesen Winter aufgeführt werden soll, so muss er ja\nwiederkommen. Er wird sich dann schon mit dem Grossherzog\nvon Weimar arrangiren! In Karlsruhe hat er ein grosses Mu-\nsikfest, welches der Prinz-Regent von Baden selbst veranstaltet hat,\ndirigirt. Er hat 1000 Instrumentalisten und Sänger mit jener\nMaestria und jener Erfahrung geleitet, welche ihm eine unum-\nschränkte Autorität über alle Künstler verleihen. Die meiste Wir-\nkung erzielte Wagners Ouvertüre zum Tannhäuser, Schumann's\nOuvertüre zu Manfred, ein prächtiger Chor von Liszt, Fragmente\naus Lohengrin von Wagner, und eine Arie aus Titus, von Ca-\nthinka Heinefetter gesungen.44 lch verschanze mich hinter das\nRelata refero; Du musst wissen, was daran ist. Die augsburger\nAllgemeine und die Frankfurter Zeitung sprechen wenigstens für\nuns Deutsche hier sehr verständlich über das gänzliche Misslingen\ndes karlsruher Musikfestes. [Dass Cathinka Heinefetter erwähnt,\nJoachim aber ignorirt wird, ist auch charakteristisch!]\nNun noch eine Anekdote, deren Wahrheit ich verbürgen kann.\nIch habe Dir schon gesagt, dass die Aufführung des Freischütz\nviel zu wünschen übrig lioss. Hier lebt ein Pole, Ihaddäus Graf\nTyszkiewitz, ein enthusiastischer Dilettant und feuriger Verehrer\nWebers. Was thut er nacli besagter Aufführung? Er erlässt ein\nCircularschreiben an sämmtliche musicalische Zeitungs-Redactionen,\nTheater-Directionen u. s. w., und zeigt ihnen an, „dass er den\nDirector der grossen Oper wegen der Auslassungen und Aenderun-\ngen in dem unsterblichen Werke Webers vor Gericht belan-\ngen werde!44 Es ist freilich zum Lachen, und doch liegt\netwas so Schönes darin, dass man vor Freuden weinen möchte!\n\nB. P.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nFräulein Sophie Cruvelli gab am 15. October als\nzweite Gastrolle die Amine in der Nachtwandlerin. Der Auffüh-\nrung ging ein Prolog zur Feier des Geburtsfestes Seiner Majestät\ndes Königs und ein grosses allegorisches lebendes Bild vorher.\nFrl. Cruvelli spielte diese Rolle, welche eigentlich nicht in der\nSphäre ihrer Eigenthümlichkeit liegt, die mehr für das Hochtra-\ngische geeignet ist, mit Einfachheit und liebenswürdiger Natürlich-\nkeit, so dass sie bei der Trefflichkeit des Gesanges wenn man\nvon der Flachheit der ganzen Gattung absieht alle Stimmen\nzum Beifall vereinigte. Hr. Krön sang den Elwin ganz vorzüg-\nlich; bei fortgesetztem Fleiss kann ihm eine Zukunft als Künstler\nnicht fehlen. Das Ganze der Vorstellung zeugte wiederum von der\neinsichtsvollen Leitung der gegenwärtigen Direction.\nZur Feier des 18. October fand im Theater eine dramatisch-\nmusicaiische Vorstellung Statt, veranstaltet von Prof. L. Bisch off,\nin welcher Frl. Cruvelli aus Gefälligkeit den ersten Act der\nNachtwandlerin wiederholte. Ausserdem bildete den Haupt-Bestand-\ntheil der Fesl-Vorstellung die Aufführung von Beethovens\nMusik zu Göthe's Egmont, in Verbindung mit dem Gedicht „181 3\"\nvon L. Bischoff, vorgetragen von R. Benedix.\nSophie Cruvelli hat uns am 19. d. Mts. verlassen, um ihr\nneues Engagement in Paris anzutreten. Sie sagt für jetzt der ita-\nliänischen Oper Lebewohl und ist von Hrn. Roqueplan auf zwei\nJahre mit einem viermonatlichen jährlichen Urlaub und dem\nenormen Gehalt von 100,000 Frcs. jährlich lür die kaiserliche\nAkademie de Mnsique, d. h. für die französische grosse\nOper, angestellt.\nHr. Reinthal er, Gcsanglehrer an der Rheinischen Musik-\nschule, ist hier angekommen.\nDie Süddeutsche Musik-Zeitung enthält in Nr. 40—42 einen\nAufsatz über die musicalischen Vereine in Köln, welcher,\nwiewohl sehr oberflächlich geschrieben, neben manchem Ungenauen\nimmerhin einige Wahrheiten enthält, die zu berücksichtigen sein\ndürften. Was uns betrifft, so müssen wir uns gegen die Aeusserung:\n„Man pflegt bei Gelegenheit der jährlichen Sängerfahrt auf dem\nRheine die grossen Verdienste der Liedertafel im Feuil-\nleton der Kölnischen Zeitung ins schönste Licht zu stellen\", als\ngegen eine bare Unwahrheit verwahren, da in den meist humoristi-\nschen Artikeln über die Sängerfahrten niemals die Verdienste der\nLiedertafel gerühmt w orden sind, und aus dem sehr einfachen Grunde\nnicht gerühmt werden konnten, weil dieser Verein durchaus keine\nAnsprüche darauf macht, die Kunst als solche fördern zu wollen.\n** Man schreibt uns aus Bielefeld über die Erfolge der be-\nkannten Unternehmung des deutschen Männergesang-Quartetts in\nNew-York: „Es gehört in New-York zum guten Ton, die Sommer-\nmonate in den Bädern New-Port und Sacatoga zuzubringen; dazu\nwüthete daselbst in dem Monat August bekanntlich eine erbar-\nmungslose Hitze. Trotz dieser ungünstigen Conjuncturen durften\ndie Sänger bis jetzt sehr zufrieden sein. Sie gaben am 13. und 16.\nAug. ihre beiden ersten Concerte in dem Castle Garden, und die\nzahlreich versammelten Zuhörer erstaunten über die Leistungen.\nIn dem zweiten Concert befand sich unter dem Auditorium aueh\ndie bekannte Sängerin Madame Sontag, die, hochbefriedigt von den\nkräftigen und lieblichen Stimmen, den Orpheus-Söhnen ihre Unter-\nstützung und ihren Rath anbot. Dieses erste Auftreten des Quar-\ntetts hatte eine Menge von Einladungen durch die in New-York woh-\nnenden Deutschen im Gefolge. Der Pianist Gockel erbot seine Mit-\nwirkung, welche von dem Quartett mit Freuden angenommen wurde.\nIn dem Briefe eines der Sänger heisst es: „„Gestern Abends be-\nsuchten wir zusammen die deutsche Oper, wo wir als neue Be-\nkannte des Inhabers derselben freien Zutritt haben; es wurde dort\nder Mozart'sche Don Juan leidlich gegeben. Deutscher Gesang-Ver-\neine gibt es hier eine Hetze, die indess so jämmerlich sind, dass\nmusicalisch gebildete Leute dieselben Piecen, von uns und ihnen\nvorgetragen, nicht für die nämlichen hielten.44 44 Am 25. Aug. fand\neine Soiree musicale in dem eleganten Niblo'schen Saale Statt; es\nwar ein Auditorium von über 400 Personen zugegen, das, bezau-\nbert von dem Gesänge, sich in Beifallsbezeugungen erschöpfte. An-\nderen Tages waren die englischen und deutschen Zeitungen mit lan-\ngen Recensionen gefüllt, die dem tüchtigen Quartett, bestehend aus\nden Herren Langenbach, Schenk, Sewening und Strothmann, so\nwie dem Bariton und Solisten Crüvell reiches Lob und Bewunde-\nrung spendeten.44\nDem Vernehmen nach ist H. Berlioz nach Braunschweig\neingeladen worden, um dort einige seiner Werke aufzuführen. Von\nwem, wissen wir nicht; wahrscheinlich vom Hofe.\nDresden. Es ist die Rede von Quartett-Unterhaltun-\ngen durch Lipinski und Genossen, auch von Irio-Soireen\nFranz Schübe rt's, in Verbindung mit Hrn. Goldschmidt,\nwobei man auf die Mitwirkung der hochgefeierten Gattin desselben,\nJenny Lind, rechnet. Von Abonnements-Concerten der Capelle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531022-01.1.8", "texte": "verlautet aber nichts. Auch unsere Opern-Dircction greift nach\ndem bewährten Alten zurück, wie Marschner s Hans Ileiling,\nLortzing's Die beiden Schützen, Schenk's Dorfbarbier, Mc-\nhul's Je toller, je besser, u, s. w. In Lortzing's Czaar und Zim-\nmermann trat unsere neu gewonnene Soubrette, Frau Schuselka-\nBrüning, zum ersten Male auf; sie bewegt sich auf den Brettern\nmit grosser Gewandtheit und Keckheit, und zeigt bei recht wohl-\nklingender Stimme eine sehr anerkennungswerthe Gesangesfertigkeit\naber die wahre Naivetät, die Anmuth und Natürlichkeit gehen\nzuweilen in Manier und Coquetterie unter.\nVon Leipzig schreibt man: Robert Schumann wird künf-\ntig wieder hier wohnen.— Mit den Gewandhaus-Concerten\nmuss es doch was ganz Abnormes sein, da der Vorstand in ganz\nDeutschland keinen Dirigenten für dieselben hat finden können,\nund sich desshalb von dem Engländer Bennet einen Korb holen\nmussle.\nNach Weimar ist an Joachim's bis jetzt noch unbesetzte Stelle\nder Ungar Ed. Singer als Kammer-Virtuose berufen worden.\nAm 2. October hat Ignaz Lachner die Direction des Opern-\nOrchesters in Hamburg übernommen und mit Beethoven s\nFidelio begonnen, nachdem Barbieri, der bisherige Dirigent, mit\nRossini's Belagerung von Corinth zu seinem Benefice Abschied\ngenommen hatte. Die Wahl der beiden Opern ist bezeichnend.\nDer Violinist Ernst wird diesen Winter Deutschland be-\nreisen. Er hat bereits in Hamburg ein Concert gegeben, in wel-\nchem sseine Begleiterin, Frl. Siona Levy, einige dramatische\nScencn aus den französischen Classikern vorgelesen hat.\nMan hört oft Jomclli's (starb 1774) Kirchen-Compositionen,\nz. B. sein Requiem u. A., sehr rühmen. Er hatte aber auch viele\nOpern geschrieben. Hören wir nun einmal das Urtheil eines Man-\nnes über ihn, der einige Ansprüche auf Kennerschaft haben dürfte.\nEs lautet: „Der Mann hat sein Fach, worin er glänzt, so dass wir\nes wohl bleiben lassen müssen, ihn bei dem, der es versteht, dar-\naus zu verdrängen. Nur hätte er sich nicht aus diesem\nherausmachen und z. B. Kirchensachen im alten Stile\nschreiben sollen/4 Unterschrieben: W. A.Mozart.\nIn Wien leben noch zwei Personen, welche bei der ersten\nAufführung von Mozart's Zauber flöte, im September 1791,\nmitwirkten: ein pensionirter Beamter, welcher einen der drei Kna-\nben sang, und die Sängerin Gottlieb, welche die Pamina gab.\nSie ist 82 Jahre alt.\nThalberg wird fürs Erste in Wien bleiben und arbeitet an\neiner neuen Oper.\nDie Akademie der schönen Künste zu Florenz hat Hrn. Fe-\nXis den Aeltercn in Brüssel zum Professor und Ehren-Capellmeister\nernannt.\nEin Italiäner, Lorenzo Arcangcli, hat ein neues Saiten-\nInstrument erfunden, welches zwischen Viola und Violoncell\nsich einreihen soll wie es scheint, eine Wiederbelebung der\nalten Viola cli Gamba, deren Klangregister gegenwärtig nur noch\nauf Kirchenorgeln existirt. Er bereis't damit Italien und hat in\nFlorenz gefallen.\nFräulein Agnes Bury gefällt sehr an der deutschen Oper zu\nPesth. Als Lucia wurde sie wiederholt gerufen,\nv\nDer wcitnar'sche Capellmeister Chelard ist noch immer in\nParis und wird am 3. November ein dramatisches Concert ver-\nanstalten.\nFranz Liszt und Richard Wagner sind in Paris an-\ngekommen.\nLudwig v. Landsberg aus Breslau, bekannt als einer der\nersten Kunstgönner in Rom, ist gegenwärtig in Paris und be-\nschäftigt sich mit der Herausgabe der „Lamentationen\" von Pa-\nlestrina, so wie sie von der päpstlichen Capelle aufgeführt wer-\nden. In Rom ist das Haus des Hrn. v. Landsberg ein glänzender\nMittelpunkt der Kunstfreunde und Künstler, und die reiche musi-\ncalische Bibliothek desselben, in der sich die Partituren fast aller\nWerke der älteren Schule und der classischen Zeit befinden, ist\neine Hauptzierde desselben.\nKarl Evers hat eine „Elegie auf dem Grabe McndelssohnV\nfür Pianoforte geschrieben, welche, mit einem schönen Titelblatte,\ndie Grabstätte Mendelssohn's darstellend, versehen, bei dem Musi-\ncalienhändler C. L. Graue in London erscheint. Mit K. Evers\nzusammen gab Vi euxtemps am 8. October in Gr atz ein Concert.\nDie Geschwister Sophie und Isabella Dulcken sind An-\nfangs October, aus Russland und Polen zurückkehrend, über\nMainz nach Paris gercis't, um sich von da nach Belgien und\nHolland zu wenden.\nFrau H. So n tag hat vor, von New-York aus eine Kunst-\nreise durch die entfernteren Staaten von Nordamerica zu machen.\nDie Herren Eckert, Pozzolini und Rocco werden sie be-\ngleiten.\nDie grossen Concerte Jullien's ziehen Tausende nach Castle\nGarden."}]}