{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-10-29-01", "volume": "bmtnabi_1853-10-29_01", "ocr_sha256": "603a3b12a18552536e5245c58618e972e634cc42451b590178912a0b2efd100a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/10/29_01/bmtnabi_1853-10-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-10-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "137", "page_fin": "143", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.2.1", "titre_corps": "W. von Lenz über Beethoven.", "titre_sommaire": "W. von Lenz über Beethoven.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3987, "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\n(S. Nr. 16.)\nII.\nDer zweite Aufsatz der Einleitung ist überschrieben:\n„Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Mendelssohn.\" Von\nHaydn ist darin nicht die Rede; bei Gelegenheit Mozart's\nwird gegen Ulibitscheff gefochten mit hölzernem Schwerte\nund einem Schilde von Pappe. Zu diesem Kampfe hält sich\nHerr von Lenz berechtigt, „weil er demselben Vaterlande\nangehört und dieselben Eindrücke empfunden hat, da man\nin wenig Städten Haydn, Mozart .--und Beethoven besser\nspielt, als in Petersburg, und nirgends mit mehr Cultus,\nmit sichererm Geschmack in der Auswahl\" (!). Nach ihm\nkennt Ulibitscheff seinen Gegenstand nur höchst unvoll-\nständig. Nun, es ist bekannt, und wir brauchen es nicht\nerst durch Herrn von Lenz zu erfahren, dass Ulibitscheff\ngegen Beethoven an einigen Stellen seines Buches unge-\nrecht ist; aber desswegen bleibt sein Werk über Mozart\ndoch eines der besten, welche die musicalische Literatur\naufzuweisen hat, und wir wünschten jedem musicalischen\nSchriftsteller, also auch Herrn von Lenz, dass er im Stande\nsein möchte, solche Analysen von Opern u. s. w. zu schrei-\nben, und solche Ansichten über Musik überhaupt sich zu\nbilden und auszusprechen, wie wir sie in der historischen\nEinleitung bei Ulibitscheff auf jeder Seite finden. Der Un-\nterschied zwischen diesem Schriftsteller und seinem Lands-\nmanne ist der, dass Ulibitscheff überall anregt und zu den-\nken gibt, während Herr von Lenz schwatzt und sein gan-\nzes Buch uns nicht um einen einzigen wirklichen Gedanken\nreicher macht. Beiläufig erfahren wir denn auch in diesem\nAbschnitte, dass „eine grosse Anzahl von Mozart's\nConcerten, von seinen Sonaten und Variationen,\neinige Sinfonieen, Quartette und Quintette (!)\nnichts als der eilfertige Abtrag der paar Pfennige des Ver-\nlegers sind, die der grosse Mann zu seinem Lebensunter-\nhalt brauchte\", und dass in Beethoven's Phantasie für\nPiano mit Orchester und Chor das Solo der Flöte und des\nFagotts eher eine Variation auf „Er hat sich einen Jux\ngemacht\" ist, als auf das Thema des Allegretto. Ex un-\ngue leonem!\nDer Abschnitt über Mendelssohn, der noch einmal die\nbesondere Ueberschrift dieses Namens trägt, beginnt mit\neiner Declamation gegen die Fuge und ist voll lächerlich\nwiderlicher Spöttelei über deutsches Wesen und deutsches\nLeben. Mendelssohn's Musik „wird nie Eigenthum der gan-\nzen Welt und aller Zeiten werden, weil das jüdische Ele-\nment darin herrscht und sie sich zu sehr vom christlichen\nGedanken entfernt, und weil sie in demjenigen, wo sie nicht\njüdisch ist, das deutsche Hausleben athmet, wie es Leipzig\ndem Componisten gezeigt hat ein Leben, welches ihm\nnicht erlaubt, sich über den Ideenkreis einer gegebenen\nStadt, eines gegebenen Publicums zu erheben\"!! Indessen\nist der Russe, d. h. der Deutsch-Russe, und bekanntlich\nsind dergleichen Renegaten die ärgsten Fanatiker, doch so\nherablassend, uns zuzugestehen, dass „eine deutsche Exi-\nstenz etwas Interessantes hat, obgleich sie ihrer Natur nach\nwesentlich kleinlich ist\", entblödet sich aber auf der ande-\nren Seite nicht, mit Achselzucken von „der Liebe nach\ndeutschen Ideen\" zu reden. Allerdings sind wir Deutschen\nzu bedauern, dass uns die Liebe nicht mit der Knute bei-\ngebracht wird, und dass wir die Manier, eine schöne Leib-\neigene zur Liebe nach „russischen Ideen\" zu bewegen,\nnicht kennen. Was sonst über Mendelssohn gesagt wird,\nist aphoristisch hingeworfen, ohne inneren Zusammenhang,\ngeschweige denn erschöpfend. Als Instrumental-Compo-\nnisten lässt der Verfasser ihm Gerechtigkeit widerfahren;\nauch was er von dem symphonistkchen StU seiner Quar-\ntette sagt, ist richtig. Wenn er hingegen bedauert, dass\nMendelssohn durch seine Oratorien und kirchlichen Com-\npositionen der Sinfonie und dem Quartett Verluste beige-\nbracht habe, welche durch jene keineswegs ersetzt wären,\nso dürfte er wenig Zustimmung finden.\nDer dritte Aufsatz handelt von den drei Stilen Beet-\nhoven's. 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Die Gründe davon werden wir nächstens in\neinem besonderen Aufsatze entwickeln, worin wir aus dem\nLeben, d. h. aus den Werken der verschiedensten Compo-\nnisten, beweisen werden, dass es mit der Charakteristik der\nTonarten nichts ist. Unser Verfasser versteigt sich übrigens\nnicht so hoch; er zählt nur auf, was Beethoven für Ton-\narten gebraucht hat, und macht dabei, wie gewöhnlich, seine\nAbsprünge auf hunderterlei andere Dinge. Fragen wir uns\naber: was ist durch diese bunte, unsystematische, durch-\neinander geworfene Aufzählung gewonnen? so ist die Ant-\nwort: Gar nichts. Hätte der Verfasser nachgewiesen und\nentwickelt, wie Beethoven in eine und dieselbe Tonart die\nallerverschiedensten Charaktere gelegt hat, hätte er z. B.\ndas Dur in der zweiten Sinfonie, im Ciavier-Trio Op.\n70 Nr. 1, und im Adagio des Clavier-Trio's Op. 97, in\nder D-dur-Messe und in dem Violin-Concert mit einander\nverglichen u. s. w., dann hätte man sehen können, dass er\nseinen Beethoven mit Verstand studirt habe. Aber was\nhaben wir ums Himmels willen für einen Gewinn, wenn\nuns aufgezählt wird, wie viele Stücke Beethoven in B, oder\nC, oder X, Y, Z geschrieben hat? Doch halt! ich bitte um\nVerzeihung: wir gelangen zu folgenden wichtigen Ergeb-\nnissen: „D-dur erregte die besondere Sympathie Händel's\nund Mozart's; G-dur scheint besonderen Reiz für Haydn\ngehabt zu haben. Beethoven liebt die kräftigen Tonarten\n(les tons robustes) und zieht sie den allzu bekreuzten oder\nbebeeten Tonleitern vor. Er liebt vor allen die Tonart C.\nEr hatte keine grosse Achtung vor dem A-dur (die siebente\nSinfonie, das Quartett in AOp. 18, Clärchen's „Freud-\nvoll und leidvoll\" sind wahrscheinlich unbedeutende Brocken,\ndie er von der reich besetzten C-Tafel dem lungernden\n.4-dwr-Hündchen zugeworfen hat!). In G hätte er nie eine\nSinfonie schreiben können: das fühlt man, ohne es bewei-\nsen zu können. Er war zu kräftig, als dass die Richtung\nseines Geistes hätte nach G gehen können.\" (Aber ist denn\ndas Clavier-Concert in G-dur nicht eine der schönsten Sin-\nfonieen mit obligatem Pianoforte? Und wie kommt es,\ndass sich der arme Mann im Benedictus der grossen Messe\nund im Adagio des Violin-Concertes nach verirrt hat?)\nDoch genug aus diesem Abschnitte. Nur folgende zwei\ngrosse Gedanken wollen wir noch ausschreiben: „Mozart\nwühlte im Don Juan den Staub des Kirchhofes in D-moll\nauf, Beethoven grub im Fidelio ein Grab in oll.\" Wie\nunendlich viel liegt in dieser Parallele! Und: „Die grosse\nC-dur-Ouvertüre zur Leonore macht der Hölle von\nDante den Rang streitig.\" Das ist wirklich schlagend, be-\nsonders wenn man erwägt, dass Dante über seine Höllen-\npforte die Inschrift setzt: „ Wer hier eintritt, lasse jede\nHoffnung draussen!\" und dann damit die tiefe Empfindung\neiner edeln Liebe, die Wonne des Wiedersehens und den\nJubel der Befreiung in der Leonoren-Ouverture vergleicht!\nErwähnen müssen wir auch noch, dass Herr von Lenz\nauf die so genannten „Beethoven'schen Studien\", heraus-\ngegeben von Sevfried, deren Unechtheit F. Derckum in\nder von uns herausgegebenen Rheinischen Musik-Zeitung\n(Jahrgang 11., S. 572 ff.) längst nachgewiesen hat, noch\nimmer gläubig schwört. Wer aber ein Werk über Beet-\nhoven schreibt, der müsste doch wenigstens mit den neu-\nesten Erscheinungen in der Beethoven-Literatur bekannt sein.\nIm fünften Capitel, „Le\nkommt Herr von Lenz, man weiss nicht, wie, auf C. M. v.\nWeber's Clavier-Musik (Quartett, Trio, Duett mit Clari-\nnette u. s. w.), die er sehr hoch stellt, und springt dann\nwieder auf Beethoven zurück. Wenn er sich überhaupt für\nEin Werk als grösstes Denkmal desselben entscheiden soll,\nwas für Haydn die Schöpfung, für Mozart der Don Juan,\nfür Weber der Freischütz ist, so wählt er die Pastoral-\nSinfonie! trotz der „geistreichen Verspottung der älteren\nmusicalischen Malerei durch Wachtel und Nachtigall am\nSchlüsse des Andante\" ! (S. 122.)\nNach allem diesem wird man nicht im Zweifel über den\nStandpunkt sein, welchen der Verfasser dem erhabenen\nGenius Beethoven's gegenüber einnimmt. Wenn man die\nganze Einleitung von 154 Seiten (das letzte Capitel ent-\nhält eine unbedeutende biographische Skizze) durchgelesen\nhat, so ist man um keinen Gedanken, nicht einmal um eine\nAnregung reicher, wohl aber um ein paar Stunden Zeit\närmer geworden.\nDoch vielleicht entschädigt uns Herr von Lenz in sei-\nnen „Analysen der ClavierrSonaten\" Beethoven's, welche\nden Haupt-Inhalt des Buches zu bilden scheinen, da sie in\nbeiden Theilen 201 Seite einnehmen. Wir wollen sehen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4021, "texte": "Themas, wo es auch liege, gehören. Wrie es den Singenden mit\ndem Vortrage, so geht es auch den Hörenden mit der Auffassung\nBach'scher Compositionen. Es ist freilich nicht wahr, wenn man\nsagt, Bach ergreife das Gefühl nicht, er rege die Phantasie nicht\nan. Allerdings fasst er das Gefühl, aber nur eine Seite desselben,\ndas Gefühl für das Grosse, für das Erhabene; allerdings bietet er\nder Phantasie Stoff, aber sehr selten unmittelbar, sondern erst\ndurch das Denken vermittelt. Darum muss man, um ihn ganz zu\ngeniessen, denkend folgen und alle Theile im Ganzen und doch\nzugleich das Ganze als solches hören und das ist nicht Je-\nSache; selbst bei denen, die dazu befähigt sind, kommt\nviel auf die augenblickliche Stimmung an. So wie wir bei\nverwickelten Gegenständen anderer Art in Bezug auf die Vermitt-\nlung des Verständnisses durch das Auge den Ausdruck gebrau-\nchen: „Wir können es nicht gleich übersehen\", gerade so be-\nzeichnend müssen wir für Bach'sche Musik das Wort: „Wir kön-\nnen sie nicht gleich überhören\", in demselben Sinne gebrauchen.\nDennoch bleibt ein merkwürdiger Eindruck, eine Art von Staunen,\neine unbewusste Anerkennung einer, wenn auch unbegriffenen,\nGrösse, auch für die Menge vorhanden.\nDie Aufführung der war Vieles\ndarin, wie z. B. die fugirte Stelle in Sechszehnteln für die Saiten-\nInstrumente im Allegretto, ganz meisterhaft. Nicht so gelungen, als\nwir es sonst schon von unserem Orchester gehört haben, war der\nVortrag des Trio's im Scherzo; das Gleichmaass des Anschwellens\nund Abnehmens in einem und demselben Tacte bei der Melodie\nin den Blas-Instrumenten war nicht ganz da; die ganze Stelle klang\nmehr richtig geblasen, als richtig empfunden. Dem Dirigenten ge-\nbührt die vollste Anerkennung. An wem es aber gelegen, dass die\nBässe eines solchen Orchesters im ersten Allegro vivace den von\nuns schon früher gerügten Fehler bei der anhaltenden\nStelle:\nim zweiten Tacte und immer so fort durch den wiederholten An-\nstrich des zweiten Cis dennoch wiederum begingen, wissen wir\nnicht. Auch musste dieses Crescendo von mehr als zwanzig Tacten\nzarter eingesetzt werden.\nDie zweite Abtheilung des Concertes brachte eine neue Compo-\nsition von F. Hiller: „Der 126. Psalm, für eine Solo(Alt)stimme,\nChor und Orchester\", dann Mendelssohn s Yiolin-Concert, vor-\ngetragen von Th. Pixis, und zum Schluss Gade's Ouvertüre\n„Im Hochland\".\nHiller's Psalm hat das Publicum und uns ebenfalls sehr ange-\nsprochen ; es ist dieses Werk unzweifelhaft eine der besten Compo-\nsitionen neuester Zeit für diese Gattung; wir halten sie den ähnli-\nchen Mendelssohn'schen für vollkommen ebenbürtig und finden na-\nmentlich im ersten Chor, welchem der Vers: „So werden sie sein\nwie Träumende\", den Haupt-Charakter gegeben hat, und in dem\nSchlusssatz (Solo mit Chor) noch mehr Phantasie und melodischen\nReiz, als in gar manchen Sätzen Mendelssohns. Der mittlere Chor:\n„Der Herr hat Grosses an uns gethan\", hat uns weniger befriedigt,\nals das Uebrige. Glücklicher Weise hält sich Hiller in seinen Ge-\nsang-Compositionen an die edelsten Vorbilder und macht der\nneueren Schule keine Concessionen, was wir von seinen Instrumen-\ntalsachen der letzten Zeit nicht immer sagen können.\nDas Yiolin-Concert von Mendelssohn hat uns in seinem\nersten und zweiten Satze (dem Eindruck des letzteren schadete die\nmangelhafte Begleitung) noch nie so ergriffen, als dieses Mal durch\nden ganz ausgezeichneten Vortrag unseres Th. Pix i s. Welche\nSeele, welcher Schmelz, welcher Adel sprach aus seinen Tönen!\nHier liegen die bedeutendsten Fortschritte offen zu Tage, und wenn\nwir bei einem Künstler wie Pixis von Fortschritten reden, so heisst\ndas natürlich, dass er auf der hohen Stufe, die er schon erreicht\nhatte, nicht stehen geblieben ist, sondern hinanschreitet zu dem\nGipfel, auf welchem er die Vieuxtemps, Ernst uud Joachim er-\nblickt, die ihm freundlich die Hand reichen.\nDie Ouvertüre von Gade, so viel wir wissen, zum ersten Male\nhier gehört, machte keinen Eindruck. Wrie war das aber auch\nnach den vorangegangenen Werken möglich?"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-10-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-10-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-10-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "143", "page_fin": "144", "image_debut": 3, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.2.2", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "w", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.3", "debut_caractere": 4023, "fin_caractere_exclue": 7104, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nDresden. Ein Schüler Liszt's, Hr. v. Bülow, trat auf Ver-\nmittlung seines Lehrers im hiesigen Hof-Theater am 12. September\nauf. Er trug seines Meisters bekannte grosse ungarische Rhapsodie\nmit äusserst gewandter Technik und bedeutender Virtuosität, mit\nanerkennenswerther Beherrschung der Aufgabe in materieller Rück-\nsicht vor; doch Hess die künstlerische Selbstständigkeit und der ge-\nniale Funke sich sehr vermissen, dessen zu voller Wirkung dieses\neigenthümliche Tonstück unbedingt bedarf, und der durch die fort-\nwährende äussere Unruhe in Tact und Tempo seinen Ausdruck\nnicht findet. Auch der Vortrag der schönen Polacca brillante in E\n(Op. 72) von C. M. von Weber zeugte von grosser Bravour und\nfand, wie die erstgenannte Piece, sehr anerkennenden Beifall, ent-\nbehrte indess auch des tieferen Eingehens auf des Componisten Geist\nund Intentionen, wozu jedenfalls der leidige Umstand wesentlich\nbeitrug, dass der junge Künstler sie nicht in ihrer ursprünglichen\nForm, sondern in einer neuerdings von Liszt verfassten, mit Intro-\nduetion und anderen Anhängseln versehenen Transcription mit\ngrossem Orchestcr-Accompagnement spielte, durch die in der That,\ntrotz der sehr anerkennenswerthen und wohleffcctuirenden Geschick-\nlichkeit, mit der selbstverständlich die Bearbeitung gemacht ist, das\nWerk nichts gewonnen hat, sondern in seinem ursprünglichen Cha-\nrakter wesentlich alterirt worden ist.\nAugsburg*. Der würdige Fortbestand der deutschen Stadt-\nTheater, die nicht aus Staats- oder Hof-Cassen reiche Zuschüsse\nerhalten, wird selbst in den grösseren Städten immer misslicher.\nWir sehen, dass sogar in den sämmtlichen rheinischen Städten,\ndenen es doch weder an Geld, noch an einer schaulustigen Bevöl-\nkerung, noch an einem bedeutenden Fremdenverkehr fehlt, die\nSchaubühnen hinter ihrem früheren Ruhme, wie hinter den An-\nforderungen der Gegenwart zurückbleiben und theilweise nur ein\nsehr proletarisches Dasein fristen. Dieselbe Wahrnehmung ist schon\noft genug auch in Augsburg gemacht worden, dessen Theater im\nachtzehnten Jahrhundert als eine der ersten Zufluchtstätten der da-\nmals noch so schutzlosen deutschen Oper einen historischen Namen\ngewonnen hat, im neunzehnten aber keineswegs mehr die frühere\nBedeutung bewahrte. Dass aber auch Augsburg nicht geradezu ein\nverlorener Posten in der deutschen Bühnenwelt sein muss, scheint\nuns die neue Direction des Stadt-Theaters (unter Hrn. Engelken)\ngegenwärtig darthun zu wollen. Namentlich ist die Oper jetzt in\neiner würdigen Weise vertreten. Einen fördernden Einfluss übt\nhierbei durch Einführung einer tüchtigen Regie der gegenwärtig\nhier w eilende Ober-Regisseur des Stuttgarter Hof-Theaters, Hr. Mo-\nritz, dessen Frau, Henriette Moritz, geb. Rockel, in einer Reihe\nvon Gastrollen dauernden Erfolg gewann. Frau Moritz zeichnet sich\naus durch Innigkeit und Anmuth des Vortrags, Biegsamkeit und\nWohlklang des Organs und eine musicalische Bildung, wie wir sie\nbei Bühnen-Sängerinnen nicht allzu häufig finden. Sie ist bis jetzt\nals Agathe, Julie in den Montecchi und Martha aufgetreten."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6160, "texte": "C*ratz. Am 16. October fand das zweite Concert des Herrn\nYieuxtemps Statt. Der Saal war schon lange vor Beginn des\nConcerts überfüllt, und viele Personen mussten wegen Mangels an\nPlatz zurückgehen. Aus Croatien, Unter-Steyer und der Umgebung\nwaren viele Fremde gekommen, um den genialen Künstler zu be-\nwundern. Der Beifall war grossartig, erreichte aber den Culmina-\ntionspunkt, als Yieuxtemps mit Karl Evers die grosse A-moll-\nSonate von Beethoven spielte. Nach deren Beendigung wurden\nbeide Künstler fünfmal gerufen. Yieuxtemps spielte seine „Lom-\nbardi-Fantasie\", Lieder ohne Worte und „Tarantella\", ferner die\n„Hexen-Variationen\" von Paganini. Er wurde so oft gerufen, dass\ner noch den „Carneval von Venedig\" mit ganz neuen Variationen\nzugab. Evers spielte seine „Preghiera\", eine neue Etüde und auf\nallgemeines Verlangen die „Octaven-Eludeu. Das Concert dauerte\nüber zwei Stunden. Yieuxtemps wird noch einige Quartett-Soireen\nveranstalten; Evers hat für ihn drei Quartette componirt, welche\ner auf seinen Reisen produciren wird.\nFür Clavierspieler. Der Pianist Ferd. Croze, gegenwär-\ntig in Venedig, hat einen neuen Fingersatz für die Octaven erfun-\nden und zwei Stücke componirt, um dessen Brauchbarkeit praktisch\nins Licht zu stellen. Thal b e r g schreibt ihm darüber: „Die Octaven-\nStudie enthält treffliche Sachen und viel Neues. Vorzüglich bietet\nder Fingersatz der Octaven einen grossen Vortheil dar und ver-\nmindert die Ermüdung bei fortdauerndem Octavenspiel ausserordent-\nlich. Man wird sich jedenfalls beeilen, Ihr Verfahren anzunehmen.\"\n(Italia musicale.)\nDer früher auch in Deutschland durch seine Kunstreisen be-\nkannte italiänische Violinist Pietro Polledro ist in Turin\ngestorben.\nFräulein Agnes Bury gastirt in Pesth mit ausserordentli-\nchem Beifall; sie ist bis jetzt fünfmal aufgetreten: zweimal als Lu-\ncia, zweimal in der Nachtwandlerin und einmal in Verdi's Ernani.\nDie Direction hat ihr darauf glänzende Anerbietungen zu einem\nferneren Rollen-Cyklus gemacht. Die Kritik ist einstimmig über die\nauch von uns hochgeschätzten Vorzüge dieser Sängerin, welche die\npesther Blätter einen wahren Glücksfund lür die dortige deutsche\nOper nennen. Auch in Wien wurde Frl. Bury in ihrer zweiten\nGastrolle, wo auch der Kaiser gegenwärtig war, viermal gerufen.\nDa aber der Director Cornet früher mit Frau von Marlow\nzusammen in Hamburg engagirt ihr zumutnete, vierzehn Tage\nauf die dritte und dann vielleicht noch vierzehn Tage auf die vierte\nGastrolle, w eiche ihr contractlich zugesagt waren, zu warten, so zog\nFrl. Bury natürlich vor, nach Pesth zu gehen, wo sie zu einem\nbestimmten Termine bereits zugesagt hatte. Ja, wem es vergönnt\nwäre, überall erstens hinter die Coulissen und zweitens in die As-\nsecuranz-Bureaux der Theater-Kritiker von Profession zu schauen,\nder könnte noch mehr erzählen, als weiland Herr Urian.\nNekrolog. Louis Duport, der berühmte Ballelmeister und\nTheater-Director des Kärnthnerthor-Opern-Theaters in Wien in sei-\nner glänzendsten Periode, ist am 19.. October zu Paris gestorben.\nEr war 1783 geboren und trat noch sehr jung bei dem Ballet\nder grossen Oper in Paris auf. Er schwang sich bald zum ersten\nSolotänzer und Balletmeister empor und wurde durch die reiche\nErfindung und Phantasie, welche in seinen choregraphischen\nSchöpfungen herrschte, berühmt. Im Jahre 1808 ging er mit einem\nGehalt von 100,000 Frcs. jährlich nach Petersburg. Beim Aus-\nbruch des Krieges zwischen Russland und Frankreich, 1812, ging\ner nach Italien und liess sich in Neapel nieder, wo er eine\nGlanzperiode des Theaters San Carlo heraufführte. Er verband sich\ndarauf mit Barbaja zur Leitung der beiden grossen Opernbühnen\nin Neapel und Wien. Er selbst zog nach Wien, wo er bis 1836\ndas Karnthnerthor-Theater leitete, sehr reich wrurde, aber ein einfa-\nches, mässiges Leben lührte, so dass ihm Geiz und Knauserei vor-\ngeworfen wurde. Man sagte ihm z. B. nach, dass er seine Klei-\ndungsstücke nur auf dem Trödel kaufte. Wer ihn aber genauer\nkannte, wusste. Dass er sehr wohlthätig war.\nIm Jahre 1850 zog er nach Paris zurück, um dort die letzten\nTage seines Lebens bei seinem Neffen Paul Du port, einem dra-\nmatischen Schriftsteller, zuzubringen, wo er denn in seinem 71.\nJahre sein Lebensziel fand.\nEin Landsmann \"von uns, Emil Steinkühler, hat bei Gele-\ngenheit des Besuches des französischen Ivaiser-Paares in Lille\neinen Triumph-Marsch componirt, welcher grossen Beifall gefunden.\nAm 27. September ist das kaiserliche Theater in Algier\neröffnet worden, Man gab eine Gelegcnheits-Oper, deren Partitur\nacht Stücke enthielt, Soli, Duo, Terzett und Chöre, componirt vori\neinem Dilettanten, dem Baron Bron.\n- ■( :\n*** \\ew-York. Jullien hat bis zum 27. Sept. 24 Con-\ncerte in Castle Garden gegeben und darauf den grossen Saal Me-\nropolitan Hall gemiethet, in welchem Jenny Lind ihre Concerte\ngab, um fernere vier Wochen lang dort alle Abende sein Orchester\nhören zu lassen. Der Zulluss ist ungeheuer. Jullien gibt hier, wie\nin London, mitunter classische Musik, Beethoven'sche Sinfonieen\nu. dergl. aber das Haupt-Reizmittel für das Publicum sind die\ngrossartigen musicalischen Puffs, als: Schlacht-Quadrillen, Freiheits-\nWalzer, Seestürme, Yankee-Doodle-Phantasieen, Washington's-Apo-\ntheosen, und wer weiss, was alles für Gemälde, sämmtlich für ame-\nricanische Auffassung mit den kräftigsten Pinselstrichen aufgetragen.\nAusserdem haben wir hier eine italiänische, eine französische\nund eine deutsche Oper. Frau H. Sontag wird die inneren Pro-\nvinzen ausbeuten. Dieselbe Speculation hat der Tenorist Forti ge-\nmacht, der mit einer italienischen Gesellschaft die Staaten bereis't.\nUeberall ist natürlich die Losung nur Geld, und die Kunst muss\nsich zu der gemeinsten Prostitution hergeben. Muss, sage ich?\nJa wohl, sie muss, weil ihre besten Priester sie gefesselt mit sich\numher schleppen und sie wie ein armes Bettelkind so lange miss-\nhandeln, bis sie des Abends genügend reichliche Tages-Ausbeute\nnach Hause bringt. Es ist eine Schande! Aber die Künstler und\nKünstlerinnen denken wie der athenische Bürger bei Horaz: „Die\nEuropäer pfeifen uns aus, aber wir selber klatschen uns Beifall zu,\nwenn wir das Gold in dem Kasten beschauen.\"\n\nw."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "137", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.1", "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\n(S. Nr. 16.)\nII.\nDer zweite Aufsatz der Einleitung ist überschrieben:\n„Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Mendelssohn.\" Von\nHaydn ist darin nicht die Rede; bei Gelegenheit Mozart's\nwird gegen Ulibitscheff gefochten mit hölzernem Schwerte\nund einem Schilde von Pappe. 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Der Un-\nterschied zwischen diesem Schriftsteller und seinem Lands-\nmanne ist der, dass Ulibitscheff überall anregt und zu den-\nken gibt, während Herr von Lenz schwatzt und sein gan-\nzes Buch uns nicht um einen einzigen wirklichen Gedanken\nreicher macht. Beiläufig erfahren wir denn auch in diesem\nAbschnitte, dass „eine grosse Anzahl von Mozart's\nConcerten, von seinen Sonaten und Variationen,\neinige Sinfonieen, Quartette und Quintette (!)\nnichts als der eilfertige Abtrag der paar Pfennige des Ver-\nlegers sind, die der grosse Mann zu seinem Lebensunter-\nhalt brauchte\", und dass in Beethoven's Phantasie für\nPiano mit Orchester und Chor das Solo der Flöte und des\nFagotts eher eine Variation auf „Er hat sich einen Jux\ngemacht\" ist, als auf das Thema des Allegretto. Ex un-\ngue leonem!\nDer Abschnitt über Mendelssohn, der noch einmal die\nbesondere Ueberschrift dieses Namens trägt, beginnt mit\neiner Declamation gegen die Fuge und ist voll lächerlich\nwiderlicher Spöttelei über deutsches Wesen und deutsches\nLeben. Mendelssohn's Musik „wird nie Eigenthum der gan-\nzen Welt und aller Zeiten werden, weil das jüdische Ele-\nment darin herrscht und sie sich zu sehr vom christlichen\nGedanken entfernt, und weil sie in demjenigen, wo sie nicht\njüdisch ist, das deutsche Hausleben athmet, wie es Leipzig\ndem Componisten gezeigt hat ein Leben, welches ihm\nnicht erlaubt, sich über den Ideenkreis einer gegebenen\nStadt, eines gegebenen Publicums zu erheben\"!! Indessen\nist der Russe, d. h. der Deutsch-Russe, und bekanntlich\nsind dergleichen Renegaten die ärgsten Fanatiker, doch so\nherablassend, uns zuzugestehen, dass „eine deutsche Exi-\nstenz etwas Interessantes hat, obgleich sie ihrer Natur nach\nwesentlich kleinlich ist\", entblödet sich aber auf der ande-\nren Seite nicht, mit Achselzucken von „der Liebe nach\ndeutschen Ideen\" zu reden. Allerdings sind wir Deutschen\nzu bedauern, dass uns die Liebe nicht mit der Knute bei-\ngebracht wird, und dass wir die Manier, eine schöne Leib-\neigene zur Liebe nach „russischen Ideen\" zu bewegen,\nnicht kennen. Was sonst über Mendelssohn gesagt wird,\nist aphoristisch hingeworfen, ohne inneren Zusammenhang,\ngeschweige denn erschöpfend. Als Instrumental-Compo-\nnisten lässt der Verfasser ihm Gerechtigkeit widerfahren;\nauch was er von dem symphonistkchen StU seiner Quar-\ntette sagt, ist richtig. Wenn er hingegen bedauert, dass\nMendelssohn durch seine Oratorien und kirchlichen Com-\npositionen der Sinfonie und dem Quartett Verluste beige-\nbracht habe, welche durch jene keineswegs ersetzt wären,\nso dürfte er wenig Zustimmung finden.\nDer dritte Aufsatz handelt von den drei Stilen Beet-\nhoven's. Wir haben schon im ersten Artikel über die Flach-\nheit des Inhalts gesprochen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "138", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.2", "texte": "Der vierte ist „Die Clavier-Sonaten\" überschrieben,\nhandelt aber von den Tonarten der Beethoven'schen Werke\nüberhaupt und berührt die Sonaten nur in dieser Hinsicht.\nMan täuscht sich überhaupt sehr, wenn man in diesem\nBuche in den einzelnen Capiteln das zu finden vermeint,\nwas die Ueberschrift verheisst. Logik und System sind die\nschwachen Seiten des Herrn von Lenz was soll auch\nein vornehmer Weltmann mit solchem wissenschaftlichen\nProletariatskram? Wir gestehen, dass wir gegen alles\nRaisonnement über Vorliebe zu gewissen Tonarten, über\nCharakteristik derselben u. s. w. von vorn herein einge-\nnommen sind. Die Gründe davon werden wir nächstens in\neinem besonderen Aufsatze entwickeln, worin wir aus dem\nLeben, d. h. aus den Werken der verschiedensten Compo-\nnisten, beweisen werden, dass es mit der Charakteristik der\nTonarten nichts ist. Unser Verfasser versteigt sich übrigens\nnicht so hoch; er zählt nur auf, was Beethoven für Ton-\narten gebraucht hat, und macht dabei, wie gewöhnlich, seine\nAbsprünge auf hunderterlei andere Dinge. Fragen wir uns\naber: was ist durch diese bunte, unsystematische, durch-\neinander geworfene Aufzählung gewonnen? so ist die Ant-\nwort: Gar nichts. Hätte der Verfasser nachgewiesen und\nentwickelt, wie Beethoven in eine und dieselbe Tonart die\nallerverschiedensten Charaktere gelegt hat, hätte er z. B.\ndas Dur in der zweiten Sinfonie, im Ciavier-Trio Op.\n70 Nr. 1, und im Adagio des Clavier-Trio's Op. 97, in\nder D-dur-Messe und in dem Violin-Concert mit einander\nverglichen u. s. w., dann hätte man sehen können, dass er\nseinen Beethoven mit Verstand studirt habe. Aber was\nhaben wir ums Himmels willen für einen Gewinn, wenn\nuns aufgezählt wird, wie viele Stücke Beethoven in B, oder\nC, oder X, Y, Z geschrieben hat? Doch halt! ich bitte um\nVerzeihung: wir gelangen zu folgenden wichtigen Ergeb-\nnissen: „D-dur erregte die besondere Sympathie Händel's\nund Mozart's; G-dur scheint besonderen Reiz für Haydn\ngehabt zu haben. Beethoven liebt die kräftigen Tonarten\n(les tons robustes) und zieht sie den allzu bekreuzten oder\nbebeeten Tonleitern vor. Er liebt vor allen die Tonart C.\nEr hatte keine grosse Achtung vor dem A-dur (die siebente\nSinfonie, das Quartett in AOp. 18, Clärchen's „Freud-\nvoll und leidvoll\" sind wahrscheinlich unbedeutende Brocken,\ndie er von der reich besetzten C-Tafel dem lungernden\n.4-dwr-Hündchen zugeworfen hat!). In G hätte er nie eine\nSinfonie schreiben können: das fühlt man, ohne es bewei-\nsen zu können. Er war zu kräftig, als dass die Richtung\nseines Geistes hätte nach G gehen können.\" (Aber ist denn\ndas Clavier-Concert in G-dur nicht eine der schönsten Sin-\nfonieen mit obligatem Pianoforte? Und wie kommt es,\ndass sich der arme Mann im Benedictus der grossen Messe\nund im Adagio des Violin-Concertes nach verirrt hat?)\nDoch genug aus diesem Abschnitte. Nur folgende zwei\ngrosse Gedanken wollen wir noch ausschreiben: „Mozart\nwühlte im Don Juan den Staub des Kirchhofes in D-moll\nauf, Beethoven grub im Fidelio ein Grab in oll.\" Wie\nunendlich viel liegt in dieser Parallele! Und: „Die grosse\nC-dur-Ouvertüre zur Leonore macht der Hölle von\nDante den Rang streitig.\" Das ist wirklich schlagend, be-\nsonders wenn man erwägt, dass Dante über seine Höllen-\npforte die Inschrift setzt: „ Wer hier eintritt, lasse jede\nHoffnung draussen!\" und dann damit die tiefe Empfindung\neiner edeln Liebe, die Wonne des Wiedersehens und den\nJubel der Befreiung in der Leonoren-Ouverture vergleicht!\nErwähnen müssen wir auch noch, dass Herr von Lenz\nauf die so genannten „Beethoven'schen Studien\", heraus-\ngegeben von Sevfried, deren Unechtheit F. Derckum in\nder von uns herausgegebenen Rheinischen Musik-Zeitung\n(Jahrgang 11., S. 572 ff.) längst nachgewiesen hat, noch\nimmer gläubig schwört. Wer aber ein Werk über Beet-\nhoven schreibt, der müsste doch wenigstens mit den neu-\nesten Erscheinungen in der Beethoven-Literatur bekannt sein.\nIm fünften Capitel, „Le\nkommt Herr von Lenz, man weiss nicht, wie, auf C. M. v.\nWeber's Clavier-Musik (Quartett, Trio, Duett mit Clari-\nnette u. s. w.), die er sehr hoch stellt, und springt dann\nwieder auf Beethoven zurück. Wenn er sich überhaupt für\nEin Werk als grösstes Denkmal desselben entscheiden soll,\nwas für Haydn die Schöpfung, für Mozart der Don Juan,\nfür Weber der Freischütz ist, so wählt er die Pastoral-\nSinfonie! trotz der „geistreichen Verspottung der älteren\nmusicalischen Malerei durch Wachtel und Nachtigall am\nSchlüsse des Andante\" ! (S. 122.)\nNach allem diesem wird man nicht im Zweifel über den\nStandpunkt sein, welchen der Verfasser dem erhabenen\nGenius Beethoven's gegenüber einnimmt. Wenn man die\nganze Einleitung von 154 Seiten (das letzte Capitel ent-\nhält eine unbedeutende biographische Skizze) durchgelesen\nhat, so ist man um keinen Gedanken, nicht einmal um eine\nAnregung reicher, wohl aber um ein paar Stunden Zeit\närmer geworden.\nDoch vielleicht entschädigt uns Herr von Lenz in sei-\nnen „Analysen der ClavierrSonaten\" Beethoven's, welche\nden Haupt-Inhalt des Buches zu bilden scheinen, da sie in\nbeiden Theilen 201 Seite einnehmen. Wir wollen sehen."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "143", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.3", "texte": "Themas, wo es auch liege, gehören. Wrie es den Singenden mit\ndem Vortrage, so geht es auch den Hörenden mit der Auffassung\nBach'scher Compositionen. Es ist freilich nicht wahr, wenn man\nsagt, Bach ergreife das Gefühl nicht, er rege die Phantasie nicht\nan. Allerdings fasst er das Gefühl, aber nur eine Seite desselben,\ndas Gefühl für das Grosse, für das Erhabene; allerdings bietet er\nder Phantasie Stoff, aber sehr selten unmittelbar, sondern erst\ndurch das Denken vermittelt. Darum muss man, um ihn ganz zu\ngeniessen, denkend folgen und alle Theile im Ganzen und doch\nzugleich das Ganze als solches hören und das ist nicht Je-\nSache; selbst bei denen, die dazu befähigt sind, kommt\nviel auf die augenblickliche Stimmung an. So wie wir bei\nverwickelten Gegenständen anderer Art in Bezug auf die Vermitt-\nlung des Verständnisses durch das Auge den Ausdruck gebrau-\nchen: „Wir können es nicht gleich übersehen\", gerade so be-\nzeichnend müssen wir für Bach'sche Musik das Wort: „Wir kön-\nnen sie nicht gleich überhören\", in demselben Sinne gebrauchen.\nDennoch bleibt ein merkwürdiger Eindruck, eine Art von Staunen,\neine unbewusste Anerkennung einer, wenn auch unbegriffenen,\nGrösse, auch für die Menge vorhanden.\nDie Aufführung der war Vieles\ndarin, wie z. B. die fugirte Stelle in Sechszehnteln für die Saiten-\nInstrumente im Allegretto, ganz meisterhaft. Nicht so gelungen, als\nwir es sonst schon von unserem Orchester gehört haben, war der\nVortrag des Trio's im Scherzo; das Gleichmaass des Anschwellens\nund Abnehmens in einem und demselben Tacte bei der Melodie\nin den Blas-Instrumenten war nicht ganz da; die ganze Stelle klang\nmehr richtig geblasen, als richtig empfunden. Dem Dirigenten ge-\nbührt die vollste Anerkennung. An wem es aber gelegen, dass die\nBässe eines solchen Orchesters im ersten Allegro vivace den von\nuns schon früher gerügten Fehler bei der anhaltenden\nStelle:\nim zweiten Tacte und immer so fort durch den wiederholten An-\nstrich des zweiten Cis dennoch wiederum begingen, wissen wir\nnicht. Auch musste dieses Crescendo von mehr als zwanzig Tacten\nzarter eingesetzt werden.\nDie zweite Abtheilung des Concertes brachte eine neue Compo-\nsition von F. Hiller: „Der 126. Psalm, für eine Solo(Alt)stimme,\nChor und Orchester\", dann Mendelssohn s Yiolin-Concert, vor-\ngetragen von Th. Pixis, und zum Schluss Gade's Ouvertüre\n„Im Hochland\".\nHiller's Psalm hat das Publicum und uns ebenfalls sehr ange-\nsprochen ; es ist dieses Werk unzweifelhaft eine der besten Compo-\nsitionen neuester Zeit für diese Gattung; wir halten sie den ähnli-\nchen Mendelssohn'schen für vollkommen ebenbürtig und finden na-\nmentlich im ersten Chor, welchem der Vers: „So werden sie sein\nwie Träumende\", den Haupt-Charakter gegeben hat, und in dem\nSchlusssatz (Solo mit Chor) noch mehr Phantasie und melodischen\nReiz, als in gar manchen Sätzen Mendelssohns. Der mittlere Chor:\n„Der Herr hat Grosses an uns gethan\", hat uns weniger befriedigt,\nals das Uebrige. Glücklicher Weise hält sich Hiller in seinen Ge-\nsang-Compositionen an die edelsten Vorbilder und macht der\nneueren Schule keine Concessionen, was wir von seinen Instrumen-\ntalsachen der letzten Zeit nicht immer sagen können.\nDas Yiolin-Concert von Mendelssohn hat uns in seinem\nersten und zweiten Satze (dem Eindruck des letzteren schadete die\nmangelhafte Begleitung) noch nie so ergriffen, als dieses Mal durch\nden ganz ausgezeichneten Vortrag unseres Th. Pix i s. Welche\nSeele, welcher Schmelz, welcher Adel sprach aus seinen Tönen!\nHier liegen die bedeutendsten Fortschritte offen zu Tage, und wenn\nwir bei einem Künstler wie Pixis von Fortschritten reden, so heisst\ndas natürlich, dass er auf der hohen Stufe, die er schon erreicht\nhatte, nicht stehen geblieben ist, sondern hinanschreitet zu dem\nGipfel, auf welchem er die Vieuxtemps, Ernst uud Joachim er-\nblickt, die ihm freundlich die Hand reichen.\nDie Ouvertüre von Gade, so viel wir wissen, zum ersten Male\nhier gehört, machte keinen Eindruck. Wrie war das aber auch\nnach den vorangegangenen Werken möglich?\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nDresden. Ein Schüler Liszt's, Hr. v. Bülow, trat auf Ver-\nmittlung seines Lehrers im hiesigen Hof-Theater am 12. September\nauf. Er trug seines Meisters bekannte grosse ungarische Rhapsodie\nmit äusserst gewandter Technik und bedeutender Virtuosität, mit\nanerkennenswerther Beherrschung der Aufgabe in materieller Rück-\nsicht vor; doch Hess die künstlerische Selbstständigkeit und der ge-\nniale Funke sich sehr vermissen, dessen zu voller Wirkung dieses\neigenthümliche Tonstück unbedingt bedarf, und der durch die fort-\nwährende äussere Unruhe in Tact und Tempo seinen Ausdruck\nnicht findet. Auch der Vortrag der schönen Polacca brillante in E\n(Op. 72) von C. M. von Weber zeugte von grosser Bravour und\nfand, wie die erstgenannte Piece, sehr anerkennenden Beifall, ent-\nbehrte indess auch des tieferen Eingehens auf des Componisten Geist\nund Intentionen, wozu jedenfalls der leidige Umstand wesentlich\nbeitrug, dass der junge Künstler sie nicht in ihrer ursprünglichen\nForm, sondern in einer neuerdings von Liszt verfassten, mit Intro-\nduetion und anderen Anhängseln versehenen Transcription mit\ngrossem Orchestcr-Accompagnement spielte, durch die in der That,\ntrotz der sehr anerkennenswerthen und wohleffcctuirenden Geschick-\nlichkeit, mit der selbstverständlich die Bearbeitung gemacht ist, das\nWerk nichts gewonnen hat, sondern in seinem ursprünglichen Cha-\nrakter wesentlich alterirt worden ist.\nAugsburg*. Der würdige Fortbestand der deutschen Stadt-\nTheater, die nicht aus Staats- oder Hof-Cassen reiche Zuschüsse\nerhalten, wird selbst in den grösseren Städten immer misslicher.\nWir sehen, dass sogar in den sämmtlichen rheinischen Städten,\ndenen es doch weder an Geld, noch an einer schaulustigen Bevöl-\nkerung, noch an einem bedeutenden Fremdenverkehr fehlt, die\nSchaubühnen hinter ihrem früheren Ruhme, wie hinter den An-\nforderungen der Gegenwart zurückbleiben und theilweise nur ein\nsehr proletarisches Dasein fristen. Dieselbe Wahrnehmung ist schon\noft genug auch in Augsburg gemacht worden, dessen Theater im\nachtzehnten Jahrhundert als eine der ersten Zufluchtstätten der da-\nmals noch so schutzlosen deutschen Oper einen historischen Namen\ngewonnen hat, im neunzehnten aber keineswegs mehr die frühere\nBedeutung bewahrte. Dass aber auch Augsburg nicht geradezu ein\nverlorener Posten in der deutschen Bühnenwelt sein muss, scheint\nuns die neue Direction des Stadt-Theaters (unter Hrn. Engelken)\ngegenwärtig darthun zu wollen. Namentlich ist die Oper jetzt in\neiner würdigen Weise vertreten. Einen fördernden Einfluss übt\nhierbei durch Einführung einer tüchtigen Regie der gegenwärtig\nhier w eilende Ober-Regisseur des Stuttgarter Hof-Theaters, Hr. Mo-\nritz, dessen Frau, Henriette Moritz, geb. Rockel, in einer Reihe\nvon Gastrollen dauernden Erfolg gewann. Frau Moritz zeichnet sich\naus durch Innigkeit und Anmuth des Vortrags, Biegsamkeit und\nWohlklang des Organs und eine musicalische Bildung, wie wir sie\nbei Bühnen-Sängerinnen nicht allzu häufig finden. Sie ist bis jetzt\nals Agathe, Julie in den Montecchi und Martha aufgetreten."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "144", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531029-01.1.4", "texte": "C*ratz. Am 16. October fand das zweite Concert des Herrn\nYieuxtemps Statt. Der Saal war schon lange vor Beginn des\nConcerts überfüllt, und viele Personen mussten wegen Mangels an\nPlatz zurückgehen. Aus Croatien, Unter-Steyer und der Umgebung\nwaren viele Fremde gekommen, um den genialen Künstler zu be-\nwundern. Der Beifall war grossartig, erreichte aber den Culmina-\ntionspunkt, als Yieuxtemps mit Karl Evers die grosse A-moll-\nSonate von Beethoven spielte. Nach deren Beendigung wurden\nbeide Künstler fünfmal gerufen. Yieuxtemps spielte seine „Lom-\nbardi-Fantasie\", Lieder ohne Worte und „Tarantella\", ferner die\n„Hexen-Variationen\" von Paganini. Er wurde so oft gerufen, dass\ner noch den „Carneval von Venedig\" mit ganz neuen Variationen\nzugab. Evers spielte seine „Preghiera\", eine neue Etüde und auf\nallgemeines Verlangen die „Octaven-Eludeu. Das Concert dauerte\nüber zwei Stunden. Yieuxtemps wird noch einige Quartett-Soireen\nveranstalten; Evers hat für ihn drei Quartette componirt, welche\ner auf seinen Reisen produciren wird.\nFür Clavierspieler. Der Pianist Ferd. Croze, gegenwär-\ntig in Venedig, hat einen neuen Fingersatz für die Octaven erfun-\nden und zwei Stücke componirt, um dessen Brauchbarkeit praktisch\nins Licht zu stellen. Thal b e r g schreibt ihm darüber: „Die Octaven-\nStudie enthält treffliche Sachen und viel Neues. Vorzüglich bietet\nder Fingersatz der Octaven einen grossen Vortheil dar und ver-\nmindert die Ermüdung bei fortdauerndem Octavenspiel ausserordent-\nlich. Man wird sich jedenfalls beeilen, Ihr Verfahren anzunehmen.\"\n(Italia musicale.)\nDer früher auch in Deutschland durch seine Kunstreisen be-\nkannte italiänische Violinist Pietro Polledro ist in Turin\ngestorben.\nFräulein Agnes Bury gastirt in Pesth mit ausserordentli-\nchem Beifall; sie ist bis jetzt fünfmal aufgetreten: zweimal als Lu-\ncia, zweimal in der Nachtwandlerin und einmal in Verdi's Ernani.\nDie Direction hat ihr darauf glänzende Anerbietungen zu einem\nferneren Rollen-Cyklus gemacht. Die Kritik ist einstimmig über die\nauch von uns hochgeschätzten Vorzüge dieser Sängerin, welche die\npesther Blätter einen wahren Glücksfund lür die dortige deutsche\nOper nennen. Auch in Wien wurde Frl. Bury in ihrer zweiten\nGastrolle, wo auch der Kaiser gegenwärtig war, viermal gerufen.\nDa aber der Director Cornet früher mit Frau von Marlow\nzusammen in Hamburg engagirt ihr zumutnete, vierzehn Tage\nauf die dritte und dann vielleicht noch vierzehn Tage auf die vierte\nGastrolle, w eiche ihr contractlich zugesagt waren, zu warten, so zog\nFrl. Bury natürlich vor, nach Pesth zu gehen, wo sie zu einem\nbestimmten Termine bereits zugesagt hatte. Ja, wem es vergönnt\nwäre, überall erstens hinter die Coulissen und zweitens in die As-\nsecuranz-Bureaux der Theater-Kritiker von Profession zu schauen,\nder könnte noch mehr erzählen, als weiland Herr Urian.\nNekrolog. Louis Duport, der berühmte Ballelmeister und\nTheater-Director des Kärnthnerthor-Opern-Theaters in Wien in sei-\nner glänzendsten Periode, ist am 19.. October zu Paris gestorben.\nEr war 1783 geboren und trat noch sehr jung bei dem Ballet\nder grossen Oper in Paris auf. Er schwang sich bald zum ersten\nSolotänzer und Balletmeister empor und wurde durch die reiche\nErfindung und Phantasie, welche in seinen choregraphischen\nSchöpfungen herrschte, berühmt. Im Jahre 1808 ging er mit einem\nGehalt von 100,000 Frcs. jährlich nach Petersburg. Beim Aus-\nbruch des Krieges zwischen Russland und Frankreich, 1812, ging\ner nach Italien und liess sich in Neapel nieder, wo er eine\nGlanzperiode des Theaters San Carlo heraufführte. Er verband sich\ndarauf mit Barbaja zur Leitung der beiden grossen Opernbühnen\nin Neapel und Wien. Er selbst zog nach Wien, wo er bis 1836\ndas Karnthnerthor-Theater leitete, sehr reich wrurde, aber ein einfa-\nches, mässiges Leben lührte, so dass ihm Geiz und Knauserei vor-\ngeworfen wurde. Man sagte ihm z. B. nach, dass er seine Klei-\ndungsstücke nur auf dem Trödel kaufte. Wer ihn aber genauer\nkannte, wusste. Dass er sehr wohlthätig war.\nIm Jahre 1850 zog er nach Paris zurück, um dort die letzten\nTage seines Lebens bei seinem Neffen Paul Du port, einem dra-\nmatischen Schriftsteller, zuzubringen, wo er denn in seinem 71.\nJahre sein Lebensziel fand.\nEin Landsmann \"von uns, Emil Steinkühler, hat bei Gele-\ngenheit des Besuches des französischen Ivaiser-Paares in Lille\neinen Triumph-Marsch componirt, welcher grossen Beifall gefunden.\nAm 27. September ist das kaiserliche Theater in Algier\neröffnet worden, Man gab eine Gelegcnheits-Oper, deren Partitur\nacht Stücke enthielt, Soli, Duo, Terzett und Chöre, componirt vori\neinem Dilettanten, dem Baron Bron.\n- ■( :\n*** \\ew-York. Jullien hat bis zum 27. Sept. 24 Con-\ncerte in Castle Garden gegeben und darauf den grossen Saal Me-\nropolitan Hall gemiethet, in welchem Jenny Lind ihre Concerte\ngab, um fernere vier Wochen lang dort alle Abende sein Orchester\nhören zu lassen. Der Zulluss ist ungeheuer. Jullien gibt hier, wie\nin London, mitunter classische Musik, Beethoven'sche Sinfonieen\nu. dergl. aber das Haupt-Reizmittel für das Publicum sind die\ngrossartigen musicalischen Puffs, als: Schlacht-Quadrillen, Freiheits-\nWalzer, Seestürme, Yankee-Doodle-Phantasieen, Washington's-Apo-\ntheosen, und wer weiss, was alles für Gemälde, sämmtlich für ame-\nricanische Auffassung mit den kräftigsten Pinselstrichen aufgetragen.\nAusserdem haben wir hier eine italiänische, eine französische\nund eine deutsche Oper. Frau H. Sontag wird die inneren Pro-\nvinzen ausbeuten. Dieselbe Speculation hat der Tenorist Forti ge-\nmacht, der mit einer italienischen Gesellschaft die Staaten bereis't.\nUeberall ist natürlich die Losung nur Geld, und die Kunst muss\nsich zu der gemeinsten Prostitution hergeben. Muss, sage ich?\nJa wohl, sie muss, weil ihre besten Priester sie gefesselt mit sich\numher schleppen und sie wie ein armes Bettelkind so lange miss-\nhandeln, bis sie des Abends genügend reichliche Tages-Ausbeute\nnach Hause bringt. Es ist eine Schande! Aber die Künstler und\nKünstlerinnen denken wie der athenische Bürger bei Horaz: „Die\nEuropäer pfeifen uns aus, aber wir selber klatschen uns Beifall zu,\nwenn wir das Gold in dem Kasten beschauen.\"\n\nw."}]}