{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-11-05-01", "volume": "bmtnabi_1853-11-05_01", "ocr_sha256": "5e8fde22b3f2d3a7c53f2cf5b675d0f03c2efe9e6ba25a292b3bec942f2d7b59", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/11/05_01/bmtnabi_1853-11-05_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-05-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-05_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-11-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "145", "page_fin": "149", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.2.1", "titre_corps": "W. von Lenz über Beethoven.", "titre_sommaire": "W. von Lenz über Beethoven.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3779, "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\n(S. Nr. 16 und 18.)\nIII.\nWir werden Herrn von Lenz am besten gerecht wer-\nden, wenn wir eine seiner „ Analysen\" von Beethoven'schen\nSonaten unseren Lesern vorlegen, damit sie selbst urthei-\nlen können, was für neue Aufschlüsse über diese Meister-\nwerke hier gegeben werden. Wir übersetzen jedoch nur\ndasjenige, was dem Verfasser wirklich eigen ist, und lassen\ndie seitenlangen Anführungen aus Schindler und Berlioz,\nwie natürlich, weg.\nWir wählen die bekannte Cis-moll-Sonate quasi Fan-\ntasia, Op. 27, welche Beethoven der jungen Gräfin Julie\nGuicciardi widmete. Herr von Lenz lässt sich also darüber\nvernehmen:\n„Die Sonaten haben uns mit wenigen Ausnahmen bis\njetzt die herkömmlichen vier Theile gegeben: Allegro, An-\ndante, Scherzo, Finale. Hier kommt eine, und zwar die be-\nrühmte quasi Fantasia in Cis-moll, welche nur drei haben\nund mit einem Adagio anfangen wird, welches schon\nallein eine Sonate ist, eine Scene am Grabe:\nScipioni! Unter diesem Grabsteine ruhen die menschlichen\nGrössen; er öffnet sich nur, um wieder eine neue zu be-\ndecken. Wie schwer ist er zu heben! Da hebt er sich!\nHört ihr die E-dur-Saite schwirren? Der Duft der Blumen\nkommt, das Grab zu besuchen.\n„Berlioz sagt über diese Sonate u. s. w. Ohne\nZweifel ist die Ruhe einer unendlichen Traurigkeit, gegen\ndie es kein Mittel gibt, der vorherrschende Charakter die-\nses Stückes, und Liszt mag wohl, als er es seinem Freunde\nBerlioz zum ersten Male vorspielte, die Abgründe, welche\nes bedeckt, zu sehr haben schauen lassen; allein für eine\nglückliche Eingebung halten wir es, wenn er für den me-\nlodischen Hauptgedanken ein langsames, gemessenes Zeit-\nmaass festhält und dessen Entwicklungen wärmere Bewe-\ngungen gibt*). Neunundsechszig Tacte Adagio nach dem\nMetronom zu wandern ein so gehaltenes Zeitmaass\nwürde die Wirkung und den tiefen Gedanken Beethoven's\nfrostig machen. Die Figur der Begleitung (?), welche zwölf\nlange Tacte hindurch auf demselben Grundtone Gis ruht\nund vier Tacte braucht, um von der Tiefe bis zum dreige-\nstrichenen dhinauf zu klimmen, und das auf einem Instru-\nmente, dessen Klangfülle nicht eben reich ist ■— offenbar\ndarf diese Adagio-Figur beschleunigt werden, man muss\nihr hülfreiche Hand leisten bei einem so mühsamen Berg-\nansteigen, dass sie sogar zweimal dazu ansetzt! Wird\ndarauf die Wiederholung der Haupt-Melodie in dem vor-\ngeschriebenen Tempo, oder selbst noch langsamer als früher,\ngespielt, so wird sie um desto düsterer feierlich klingen.\nEst modus in rebus heisst es nicht\nZwar kann freilich der Missbrauch hier neben der musica-\nlischen Wahrheit stehen. Man erzählt in Wien, dass Beet-\nhoven, welcher Fräulein Guicciardi liebte, dieses Adagio in\neiner Gartenlaube improvisirt habe. Daher der Name „Lau-\nben-Sonate\", welche ihm einige Exclusive geben. Unser\nGeschmack ist diese wiener Phantasie nicht, welche nach\n„Hähneln\" und „Mehlspeise\" das Prosaischste ist, was es\nauf der Welt gibt. In Wien ist Alles Convention, und die\nKünstler meinen dort, sie hätten's sehr weit gebracht, wenn\nsie überall den Punkt aufs „i\" setzen. In Wien gilt man\nfür einen Kenner, wenn man das D-dur-Trio, Op. 70, das\n„Geister-Trio\" nennt, weil Weber's Wolfsschlucht Ver-\nwandtschaft mit dem Largo hat (!!). Deutschland ist nun\neinmal so. Das Quartett, Op. 74, heisst dort das „Harfen-\nQuartett \" wegen der Pizzicati im ersten Allegro, und wehe\ndem, der es nicht so nennt!\"\nSchindler u. s. w. (die Erwähnung der Briefe Beetho-\nven's an Julie). Dann fährt Herr von Lenz fort:\n„In Deutschland glaubt man sich verpflichtet, trotz Al-\nlem und Jedem Französisch zu sprechen. Beethoven hatte\n\n*) „En accidant!\"Ungeheuer von neugeschaffenen Verben, wie\naccider, insoujler(einblasen) und dergl. sind in dem Französi-\nschen des Herrn von Lenz keine Seltenheit."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5171, "texte": "merkwürdiger Weise auch diesen Tik; hielt er sich etwa\nim Französischen für eben so stark, als in der -\nfonie? Er mochte noch so viel Französisch schreiben,\ner dachte Deutsch und Instrumental-Musik. Damit hätte er\nzufrieden sein können.\" (0 Splitter und Balken!)\n„Ein guter Rath für die Spieler dieser Sonate. Die\nmelodische Zeichnung des Adagio ist dem gis anvertraut,\nwelches in der Octave des gis des Accompagnements liegt\nim Gesang durchdringend wie Duft, in halben dicken\nNoten, deren Köpfe wie Blumen herabhangen, deren Kelche\ndie Nacht mit Thau gefüllt hat. Man fühlt, dass dieser un-\naussprechliche Eintritt unabhängig von den Ilarpeggien sein\nmuss, dass er frei darüber schwimmen muss, so wie ein Wald-\nhorn über einem discreten Accompagnement. Nun bleibt\neinem aber nur der fünfte Finger der rechten Hand übrig,\num diese Klage auszusprechen, und dieser arme Finger ist\num so zerknirschter, diese Last zu tragen, als die anderen\nFinger über den Harpeggien hangen, ein Umstand, welcher\ndem fünften Finger viel von dem Unabhängigkeits-Gefühl\nbenimmt, welches er sich sonst erworben haben mag. So\nkommt es denn, dass in dem Augenblicke, wo er die punk-\ntirte Note so erklingen lässt, wie es sich gehört, um die\nMelodie zu phrasiren, der Daumen ebenfalls aus reiner brü-\nderlicher Liebe zu dem kleinen Finger das tiefere auch\npunktirt und auf diese Weise den Eintritt des Haupt-Ge-\ndankens verdoppelt. Ein Mittel, diesem Fehler zu entrin-\nnen, würde sein, die drei gis und die ähnlichen Eintritte\nzwischen dem vierten und fünften Finger zu vertheilen, so\noft es angeht\"; aber es geht nicht immer an, und dann bietet\ndieses Mittel auch die Gefahr, Unruhe in die Handhabung\nder gis zu bringen. Es bleibt also nichts übrig, als die Hand\naufzuheben, sie wie einen Fächer auszubreiten und den\nfünften Finger von so hoch als möglich auf die Taste fallen\nzu lassen.\" (Aber wer in der Welt, der nur eine Idee vom\nMelodiespiel mi t Accompagnement hat, wird es denn an-\nders machen?) „Liszt machte mich im Jahre 1828 auf diese\nSchwierigkeit aufmerksam. Die Jugend hat nie Unrecht;\nich gestand meinen Fehler durchaus nicht ein, indem ich\nnicht glauben konnte, dass so viele so genannte vortreff-\nliche Ciavierlehrer mir etwas hätten durchgehen lassen, was\ngegenwärtig in meinen Augen die Gestalt einer grossen\nSünde annimmt und mir damals eine Nachlässigkeit schien,\ndie doch zu unbedeutend wäre, um sie mir mit Schicane\naufzumutzen. Liszt sagte kein Wort; aber bei dem näch-\nsten Eintritt der Phrase, wo die Octave im Accompagne-\nment wieder nachzuklingen drohte, packte er meinen Dau-\nmen, in der Strasse Montholon, wie das Bein eines Mai-\nkäfers, kniff ihn wie in einen Schraubstock fest, und das\ngis erklang frei auf seinem Erard, wie der Silberton eines\nHorns im Trauerschleier. Sehen Sie, sagte Liszt, auf diese\nManier schweigt Ihr Daumen.\" (Wem glaubt denn aber\nHerr von Lenz durch diese wortreiche Erzählung die wich-\ntige neue Lehre mitzutheilen, dass die erste Note einer\nAchtel-Triole nicht wie ein Viertel oder eine halbe Note aus-\ngehalten werden dürfe, was jeder Anfänger weiss??)\n„Das Pianoforte war damals für Liszt die Spannung\nder Flügel, auf welchen er über dem Meere der Empyräen,\nweit von der Oberfläche und der Berührung mit der\nWelt schwebte. Wie schade, dass man in diesem Leben\n„„landen\"\" muss, wie die Seeleute sagen. Diese grosse\nProduction der Cis-moll-Sonate sollte den jungen Leuten,\ndie sich leider oft und stark etwas darauf zu Gut thun, sie\nnach ihrer Weise zu buchstabiren\" (wie Herr v. Lenz im\nJahre 1828, rue Montholon), „untersagt werden. Verbietet\nman ihnen doch auch den Eintritt in die Gewölbe des öst-\nlichen Gottesackers von Paris.\n„Reilstab vergleicht dieses Werk mit einem Nachen,\nwelcher bei Mondschein die wilden Ufer des Vierwald-\nstätter See's in der Schweiz befährt. Der Spottname\n(„ „sobriquet\" \"! anstatt surnomj Mondschein-Sonate,\nder vor zwanzig Jahren in Deutschland den Ruf eines\nKenners begründete (!), hat keinen anderen Ursprung. Die-\nses Adagio ist vielmehr eine Todtenwelt, die Grabschrift\nNapoleons in Musik, Adagio sulla morte d'un Eroe!\" (Und\ndoch kennt der Verfasser Beethoven's Liebe zu Julien, und\nweiss aus zwei unsterblichen Compositionen, wie B. den\nTod eines Helden feiert! Das genirt aber alles so einen\ngeistreichen Ausleger nicht. Um diesen Preis neu zu sein,\nist freilich keine Kunst.)\n„Liszt hat den zweiten Satz (das Allegretlo) der So-\nnate eine Blume zwischen zwei Abgründen genannt. Die-\nses kleine Stück, 60 Tacte mit dem Trio, ist unvergleich-\nlich an melodischen Gedanken, harmonischen und rhythmi-\nschen Hülfsquellen. In seine Verhältnisse gezwängt, ist es\nwie jener Thautropfen, der einen Planeten wiederspiegeln\nwürde, wenn er vor ihm vorüberginge. (?)\n„Wir kennen seit dreissig Jahren diese Chimäre des\nDichters\" (welche? die Sonate?), „ohne eine Runzel an ihr\nentdeckt zu haben. Man muss Niemanden mit Beethoven ver-\ngleichen, das wissen wir; ein Componist kann unendliches\nVerdienst haben, ohne einen solchen Vergleich aushalten\nzu können. Wir wollen also auch nicht Hummel mit\nBeethoven vergleichen, aber wir wollen von Hummel spre-\nchen, um unsere Ansicht über die Sonate in Cis-moll und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5135, "texte": "ihr wunderschönes Allegretto besser ins Licht zu stellen.\nEs ist Hummel im Scherzo des Septetts begegnet, das\nUnmögliche für originel zu halten. Der absonderliche har-\nmonische Gang am Anfange dieses Stückes ist nur etwas\nabsichtlich Gesuchtes *), und Hummel, der vielmehr der\nMozart'schen Schule angehört, hätte nicht daran gedacht,\nwenn er sich nicht eingebildet hätte, auch ein Bisschen\nBeethoven machen zu können. Wenn die Factur des\nSeptetts ein Muster bleiben wird, so steht doch seine Er-\nfindung weder auf der Höhe eines Musikstückes von erstem\nRange, noch ist sie original, indem die Melodie des ersten\n_ P\nStückes, Tact 63, identisch ist mit einem Gedanken\nBeethoven's im Finale Tact 62 der grossen Sonate für\nPiano und Violine inA, Kreutzer gewidmet, welche früher\nist, als das Septett.\n„Wir wissen, dass das Septett in den Fingern al-\nler Pianisten ist. Da gehört es auch hin, nur hat das nichts\nmit dem Kreise von Ideen zu schaffen, welche durch Beetho-\nven's Genie, dessen Sonderbarkeiten selbst als begründet er-\nscheinen, geweckt werden. In der Natur gibt es Schlangen,\nim Salon nicht (?); das Septett von Hummel ist ein Ding von\nanständiger Sitte, angenehmen Manieren, guter Erziehung,\nund es ist immer interessant, sich einen Pianisten daran\nversuchen zu sehen, aber das ist auch Alles. Sein Scherzo\nmacht den Eindruck eines Menschen, der sich entsetzlich\n/\nviel Mühe gibt, dafür zu gelten, als ob ihn dicke Finster-\nniss umgebe und er sich darin wie eine Schlange zusam-\nmenrolle, obschon er weiss, dass er unter den Flammen\ndes Kronenleuchters eines Concert-Saales steht. Dieses\nScherzo, Ciavierfleisch, hat mit den Beethoven'schen nichts\nals den Namen gemein. Wenn Erfindung nach einem gros-\nsen Maassstabe Hummefs Sache gewesen wäre, so hätte\ner, wie Beethoven, einen musicalischen Kosmos anstatt der\nPianoforte-Stiicke geschaffen, die allerdings einen vorwurfs-\nfreien und wohlgeschulten Stil haben, wie man weiss, und\nstets Muster des Schreibens bleiben werden.\" (Für wen\ndenn, fragen wir wiederum, diese bei den Haaren herbei-\ngezogene Parallele, die auch nicht ein Körnchen Neues\nbringt? und wo bleibt die angekündigte Erläuterung der\nAnsicht des Verfassers über die Cis-moll-Sonate durch diese\nAbschweifung ? ? Er fährt jedoch ohne Absatz mit einem\nSprunge aul Liszt fort:) „Das Allegretto der Sonate gibt\nmir Gelegenheit, die Richtigkeit von Liszt's Ansichten in\nmusicalischen Dingen zu bewundern. Ich hatte es ihm so\nvorgespielt, wie man eine kleine Schwierigkeit beseitigt,,\nwenn einen eine grosse, das Finale, erwartet. Liszt fragte\nmich so obenhin: „„Das ist leicht, nicht wahr?\"\" Ich war\nachtzehn Jahre alt, und sagte: Ja wohl. Oh, nein,\nsagte Liszt, das ist ein Stück, über welches man als Künst-\nler sein Leben hinbringt; die Spondeen*), auf welche die\nDaktylen lolgen, sind Eintritte der Blas-Instrumente des\nOrchesters des Conservatoire's von Paris; die gebrochene;\nMelodie muss abgestossen werden, wie die Violinen des\nConservatoire's abzustossen verstehen, und er setzte\nsich hin, das Scherzo so zu spielen, wie es jenes wunder-\nbare Orchester gespielt haben würde. Die Dutzend-Dilet-\ntanten begehen gewöhnlich den Fehler, in diesem ganz be-\nsonderen Stück den Eintritt der halben Noten auf dem gu-\nten Tactfheil zu accentuiren. Die Folge der Bässe in den\nersten Tacten des zweiten Theiles des Trio's muss wie auf\nzwei Violoncellen gebunden werden. Liszt (achtzehn Jahre\nalt) fand mir auf der Stelle den trefflichsten Fingersatz, den\nman sich nur denken kann: er nahm den ersten Accord\nd as mit dem 5. und 2. Finger, den zweiten des g mit\ndem 4. und 1., den dritten c mit dem 5. und 2., den\nvierten h feesj f mit dem 4. und 1.\n„Die Clavier-Husaren und Panduren begnügen sich,\ndiese Accorde anzuschlagen und glauben Wunder etwas\ngethan zu haben, wenn sie ihre Noten herunter gesäbelt\nhaben (!). Ich habe viele Pianisten von Talent gekannt, aber\nwenige gesehen, die eine Ahnung von der Wichtigkeit des\nBindens dieser Folge von Accorden hatten. Im Jahre\n1842 hatte ich das Glück, Chopin öfter in Paris zu se-\nhen.\" (Nun folgt eine Abschweifung von beinahe drei Sei-\nten über Chopin, den Caricaturen-Former Dantan, den\neilfjährigen Ungarn Filtsch, einen Schüler Chopin's, die\nGräfin d'Agout, Meyerbeer, die Fürstin Czartoryska\ndie alle mit der Cis-moll-Sonate nichts zu thun haben.\nEndlich kommen wir darauf zurück:) „Ich zeigte Chopin\nden erwähnten Fingersatz. Der ist nicht von Ihnen, sagte\ner mit seinem angenehmen Stimmchen. Er ist von Liszt,\nsagte ich. . Ja, der, der hat Ideen, wovon ein Anderer\nkeine Ahnung hat und er versuchte den Fingersatz.\nEi, rief er, damit kann man ja die ganze Claviatur\nhinabsteigen, wie ein Krebs, der nach seinem Bache zu-\nrückgeht: ihr Fingersatz ist trefflich, ich werde ihn be-\nnutzen.\n\n*) Das soll wahrscheinlich der Ausdruck: n'est quune gratuile\nrecherche,heissen!\n*) Dass Liszt in einem dr e i theiligen einen vi e r theiligen Rhyth-\nmus, nämlich Spondeen, d. h. zwei Längen oder vier Kürzen,\noder Daktylen, die ebenfalls aus einer halben und zwei Vierteln\noder einem Viertel und zwei Achteln bestehen, gefunden ha-\nben soll, ist uns höchst unwahrscheinlich."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4953, "texte": "„Der einfache Name Allegretto für diesen Satz ist\nmehr ein Symbol als ein Titel. Die weite Andeutung Al-\nlegretto, welche nur Form der Musik, nicht bloss ein\nTempo ausdruckt, gefiel Beethoven besser, weil sie ihn\nfrei liess, so oft er nicht die muntere Fröhlichkeit, woran\nder Name Scherzo erinnert, ausdrucken wollte. Die Alle-\ngretto's von Beethoven sind öfters Episoden voll süsser\nWehmuth, ja, selbst von jener geheimen Ironie, welche\noft den Hintergrund der Gedanken eines Shakspeare und\nCervantes bildet.\n„Zuerst von Em. Bach gebraucht, öfter von Haydn,\nniemals von Mozart, welcher der Menuet treu blieb, was\nist nicht aus dem Scherzo unter Beethoven's Händen ge-\nworden! Als den Gnadenstoss, welcher der Quadratur und\nSchablone gegeben wurde, muss man die Nichtwiederholung\ndes ersten Theiles des Scherzo's betrachten: Allegretto der\nSonate in Cis-moll,Scherzo von Op. 7, 26, 28, und der\nSonate für Piano und Violine in Op. 30.\" (Dass\ndoch die Leute es immer in der Form suchen wollen, an-\nstatt in dem Inhalte, in den Gedanken! Und unser grosser\nKritiker, der dieser Nichtwiederholung des ersten Theiles\neine so grosse Rolle unterschiebt, hat nicht einmal gesehen,\ndass in allen den angeführten Sätzen die Wiederholung\noffenbar vorhanden, aber mit einigen Veränderungen aus-\ngeschrieben, und nur nicht durch Repetitions-Striebe\nbezeichnet ist!) „Diese Emancipation von der Form\nwurde eine andere für die Idee (umgekehrt!) „durch die\nallmähliche Abschaffung jeder Abtheilung. In den Scherzo's\nder Quartette in FOp. 59, in Es Op. 74, in der Sonate\n106 finden wir weder Theile, noch Trio.\n„Das Scherzo Beethoven's ist ein Relief auf der Fläche\ndes bürgerlichen Musiklebens (?). Man könnte ein Buch\nüber das schreiben, was Beethoven Allegretto nannte.\" (Wir\nwären mit ein paar Seiten darüber zufrieden, wenn sie uns\nüber den Unterschied des Beethoven'schen Allegretto\nvom Scherzo belehrten; der Verfasser wirft aber, wie man\nsieht, beide durch einander.) „Was konnte wohl B.'s Idee\nsein, als er das Allegretto der Cis-moll-Sonate aufschrieb?\nKann man es glauben, dass der Verfasser dieses un-\nwahrsehe inlichen (?) Musikstückes gegen Ein Uhr zu\nMittag ass? alle Tage einen Spazirgang um Wien herum\nmachte und eine Zeit lang Punkt 6 Uhr im Wirthshause\nzu den beiden Kameelen am Graben eintraf, sich da bei\neiner Kanne „„Gumpollskircher\"\" was für ein Gewächs!\nhinsetzte, er, ein Mann, der die Sinfonie mit Chören\nin sich trug ? Er traf in diesem Rauchloch gern mit einem\nFranzosen zusammen, dem Haushofmeister vom Fürsten\nColloredo, mit welchem er Französisch sprach eine\nSprache, die sich sonderbar in Beethoven's Munde aus-\ngenommen haben muss!\"\nIch glaube, unsere Leser haben genug an dem läppi-\nschen Geschwätz, durch welches Herr von Lenz den Aus-\nerwählten, welche um 4 oder 5 Uhr zu Mittag essen, spa-\nziren fahren und Champagner statt „Gumpollskircher\"\nschlürfen, begreiflich zu machen sucht, dass es auch un-\nter der bürgerlichen Classe Menschen gebe, die doch nicht\nganz zu verachten wären. Nach ihm führte der arme\nBeethoven „eine Fakir-Existenz\", aber das Genie ver-\ndammte ihn dazu. Er belehrt seine Leser auch über das\nWrunder, dass „Mozart ein deutsches Wirthshausleben\nführte, sich nicht einmal ordentlich die Handschuhe an-\nziehen konnte (S. 233), und dennoch (!!!) den Don Juan\ngeschrieben hat!\"\nDann kommt v. Lenz auf den jetzigen Luxus der\nKünstler, auf den Palast der Rachel, auf George Sand,\nGeist und Materie, Beethoven's Wohnungen, „von denen\ner einige besucht und dadurch die respectabeln Hausmütter\nnicht wenig in Verlegenheit gesetzt hat\" (!!), auf längst\nbekannte Anekdoten von Beethoven, auf die Wiener\nund das alles füllt wieder vier volle Seiten. Endlich erin-\nnert er sich, dass er eigentlich eine Abhandlung über die\nCis-moll-Sonate schreiben will, und sagt:\n„Das Finale ist ein flammender Lavastrom. Auf jedem\nGipfel seines unablässigen Aufsteigens\" (bei Herrn v. Lenz\nlliesst nämlich die Lava in die Höhe!) „werfen ihn zwei\nDonnerschläge wieder dahin zurück, wo er hergekommen.\nEinen Augenblick macht dieses Ueberströmen Halt, man\nsollte glauben, es sei versiegt, aber es geschieht nur, um\ndesto ärger wieder anzufangen. Es ist der unwillkürliche\nAusbruch eines Vulkans, welchen die Traditionen, die\nSchule, die Magister und „„AVas werden die Leute sagen?\"\"\nvergebens in der Seele des Dichters dreissig Jahre lang\nverschlossen gehalten haben, während man ihn mit Wi-\nderlichkeiten und Kummer tränkte.\"\nDas ist, was Herr von Lenz eine Analvse einer\nBeethoven'schen Sonate nennt!\nDas Beste an dem ganzen Buche ist die Gesinnung,\nmit welcher der Verfasser gegen das Ueberhandnehmen\nder Technik auf dem Pianoforte und in Folge derselben der\nflachen Flitter-Musik eifert. Sein Urtheil über die Vocal-\nCompositionen Beethoven's reicht nicht an die Höhe der-\nselben und ist grösstentheils nur ein Wiederhall bekann-\nter Vorurtheile. Zwar lässt er der Oper Fidelio vollkom-\nmene Gerechtigkeit widerfahren; aber das Oratorium"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2120, "texte": "Christus, die beiden Messen (!), die Behandlung des Ge-\nsanges in der Phantasie Op. 80 und in der neunten Sin-\nfonie verwirft er. An der „Adelaide\" hält er die Idee für\nschön und den ersten Theil für ein reizendes Idyll, das\nAllegro aber für verfehlt in seiner Wirkung für die Sing-\nstimme: „Man lies't es gern, aber singen kann man es\ngar nicht\". (11. S. 67.)\nDer Katalog der Beethoven'schen Werke, welcher\nam Schlüsse des zweiten Theiles steht, ist eine lleissige Ar-\nbeit, welche der Beharrlichkeit und der Liebe des Verfas-\nsers zu seinem Gegenstande Ehre macht. Allein das bei\nBreitkopl und Härtel erschienene thematische Ver-\nzeichniss, welches ihm, wie es scheint, erst nach Been-\ndigung seines Buches zugegangen ist, nimmt diesem Lenz'-\nschen Kataloge den grössten Theil seines Werthes für die\nmusicalische Literatur. Interessant sind die eingestreuten\nAuszüge aus den gleichzeitigen kritischen Blättern, welche\nuns heut zu Tage häufig ein Lächeln entlocken.\nWenn wir in der Beurtheilung des ganzen Buches\nstreng gewesen sind, so machte uns das einmal der wich-\ntige Gegenstand, und dann die lobpreisenden Kritiken in\nfranzösischen und deutschen Blättern zur Pllicht. Hat doch\nBerlioz das Buch „ein Werk der höheren Kritik\" genannt!\nHätte Herr von Lenz seiner Conversations-Phantasie den\nZügel oder, wie er sich ausdrückt, den Halfter angelegt\nund das Gesagte auf die Hälfte zurückgeführt, hätte er dann\nin seiner Muttersprache, d. h. Deutsch, geschrieben, so\nwürde seine Schrift immerhin ein willkommener Beitrag zur\nBeethoven-Literatur gewesen sein.\nDie Schlussbemerkung desselben unterschreiben wir\ngern\n„Die Kunst und das Element des Unendlichen, wel-\nches ihr Wesen ist, können nicht still stehen. Wer wird\nBeethoven fortsetzen? Dieser Meister kann den Quell der\ngöttlichen Spendungen nicht ausgeschöpft haben; aber wir\nmüssen glauben, dass, um eine solche Erscheinung wieder\nhervorzubringen, die Menschen zu der Wahrheit des Ge-\nfühls zurückkommen müssen, die sich immer mehr und\nmehr auf Abwege in den Ländern verirrt, welche an der\nSpitze der europäischen Civilisation einherzuschreiten be-\nanspruchen. \""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-05-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-05_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-11-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "149", "page_fin": "150", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.5", "debut_caractere": 2122, "fin_caractere_exclue": 4941, "texte": "Berliner Briefe.\n\nDen 27. October 1853.\nDie Königliche Oper hat, seitdem ich Ihnen zuletzt\nschrieb, etwas besonders Hervortretendes nicht gebracht.\nJoggeli von Taubert ist bis jetzt dreimal gegeben worden,\nmit manchen Kürzungen, die das Ganze eingänglicher ma-\nchen. Wie ich höre, soll die Oper in Kurzem wiederholt\nwerden. Der Richard Löwenherz VQII Gretry ward zum\nGeburtstag des Königs aufgeführt, konnte aber nicht recht\nansprechen, woran theihveise auch die matte und nachläs-\nsige Ausführung die Schuld trug. Bei Weitem besser kam\nGluck's Iphigenie in Tauris zur Darstellung; namentlich\nleisteten Frau Köster und, in der ersten Hälfte der Rolle,\nHerr Mantius (Pylades) Vorzügliches. Herr Pfister\nscheint durch eine längere Krankheit an seinen Stimmmit-\nteln noch mehr eingebüsst zu haben; unser Tenor-Mangel\nwird immer fühlbarer. Für die nächste Zeit steht uns\nGluck's Armide in Aussicht. In wenigen Tagen wird fer-\nner Fräul. Wagner heimgekehrt sein und ein reicheres\nRepertoire ermöglichen. lnzwischen hat auch die Con-\ncert-Saison begonnen. Die erste Sinfonie-Soiree hat bereits\nStatt gefunden; die Trio- und Quartett-Soireen, so wie die\nauf ein weniger begränztes Gebiet der Kammer-Musik sich\nbeschränkenden Soireen der Herren Grünwald und\nSeidel werden in diesen Tagen beginnen. Die erste Sin-\nfonie-Soiree brachte Haydn's B-dur und Beethoven's C-dur-\nSinfonie zur Aufführung, ausserdem Cherubini's Ouvertüre\nzur Medea und Beethoven's Ouvertüre zur „Weihe des Hau-\nses\". Das letztgenannte Werk fand nur geringen Anklang.\nAuch wir finden nicht, dass es aus einer specifisch musica-\nlischen Stimmung hervorgegangen ist; die Berechnung do-\nminirt das natürliche musicalische Gefühl. Nichts desto we-\nniger müssen wir aufs Neue über die Sprödigkeit unseres\nSinfonie-Publicums klagen, über den mangelnden Sinn für\neine vollständige Kenntniss theils des weniger Bedeutenden,\nwas unsere ersten Meister uns hinterlassen haben, theils\ndes Neuen, das die Gegenwart hervorbringt. Wer sich\nallzu sehr abschliesst, stirbt schliesslich selbst dann ab,\nwenn er durch einen idealen Trieb dazu gelührt wurde;\ndenn das Lebendige behauptet immer sein Recht. Oftmals\nschon hiess es, dass eine eigene Capelle sich bilden würde\nfür die Ausführung neuerer Werke; aber schon im ersten\nKeim sind alle derartigen Unternehmungen gescheitert.\nAuch in diesem Jahre ward wieder davon gesprochen, und\nzwar in der Weise, dass der Dom-Chor, der für seine\nConcerte einer anderweitigen Ausfüllung bedarf, die Sache\nin die Hand nehmen wolle; es ist indess auch in dieser\nForm nicht zu Stande gekommen. Uns dünkt, dass die\nVereinigung sinfonischer Werke mit den Kirchen-Gesän-\ngen a 'capelladarum eine sehr glückliche gewesen wäre,\nweil beide die Spitzen der lyrischen Musik, nach entge-\ngengesetzten Richtungen hin, sind, weil beide sich in der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3333, "texte": "Reinheit des Charakters und in der Grösse der Gattung\ngleichen, weil darum auch die Sinfonie das Geeignetste für\nden Zuhörer ist, sich von der Ermüdung durch den\ncapella-Gesang auszuruhen, und umgekehrt. Beide Gattun-\ngen stehen auf Einer Stufe und sind sich innerhalb der-\nselben entgegen gesetzt.\nNicht ohne Interesse war eine Matinee, die Herr\nSteifensand veranstaltete. Sie gab uns nur gediegene\nMusik, und diese in guter Ausführung. Herr van G ü 1 p e n,\nein Rheinländer, der, wie ich gehört habe, bereits an rhei-\nnischen Musikfesten hervortrat, sang Schubert'sche Lieder.\nEr hat ein nicht unbedeutendes Stimm-Material, das aber\nbis jetzt keine vollständig künstlerische Durchbildung er-\nhalten hat. Bei dieser Gelegenheit muss aber leider be-\nmerkt werden, dass die Lieder Schubert's, wenige einzelne\nausgenommen, im Allgemeinen noch immer sehr unbekannt\nhier sind und dass man ihnen in Concerten die gewöhn-\nlichste Musik vorzieht. Selbst unter denen, die sich viel\nmit Musik und Gesang beschäftigen und ein höheres Stre-\nben dabei haben, gibt es nur wenige, die z. B. die Mül-\nlerlieder und die Winterreise im Zusammenhange kennen.\nNoch unbekannter sind die Lieder von Lindblad, Schumann,\nFranz und Hoven. Jüngere Musiker klagen oft über die\nTheilnahmlosigkeit des berliner Publicums gegen das Neue;\nwenn sie aber selbst einmal Gelegenheit erhalten, Concerte\nzu veranstalten, so bringen sie zwar Neues, aber statt des\nguten Neuen eigene unbedeutende Erfindung. Die Instru-\nmental-Musik ist noch am besten bedacht; wenigstens brin-\ngen die Trio- und die Quartett-Soireen, wie die der Herren\nGrünwald und Seidel, hin und wieder neue Compositionen\nzur Aufführung. Leidlich ist es auch noch mit demjenigen\nbestellt, was zu dem Bereich der Sing-Akademie oder des\nStern'schen Vereins gehört. So bereitet der letztere für\ndiesen Winter die Fragmente aus Christus und Schumann's\nPilgerfahrt der Rose vor. Am schlimmsten sieht es mit der\nSinfonie, der Oper und dem Liede aus; und gerade diese\ndrei Gattungen entsprechen dem subjectiven Geiste der\nZeit, der in dem Individuellen mehr zu Hause ist, als in\ndem Idealen, Grossen und allgemein Gehaltenen, am be-\nsten. Von kleineren Vereinen hatte ich schon mehr-\nmals Gelegenheit, den Kotzoldt'schen und den Teschner'-\nschen zu erwähnen. In ersterem werden jetzt Stücke aus\ndem Lohengrin studirt, namentlich aus dem ersten Acte,\nder dem Chor viel Arbeit gibt. Möglich ist es, dass wir\netwas davon hören; wir wünschen es, denn bis zur Auf-\nführung an der Königlichen Bühne dürfte noch geraume\nZeit verstreichen. In dem Teschner'schen Vereine werden\njetzt deutsche Compositionen aus der Reformationszeit ge-\nsungen, theils geistliche, theils weltliche Hausmusik, mehr-\nstimmige Lieder u. dgl. Es ist heute Mode, dem Alten\nmehr Vertrauen zu schenken, als dem Neuen. Schliess-\nlich erwähne ich einer kleinen Abhandlung, die hier bei\nTrautwein erschienen ist und jeden Musiker lebhaft inter-\nessiren muss. Es ist ein Versuch von Weitzmann (einem\npensionirten russischen Kammer-Musicus), dem übermässi-\ngen Dreiklang eine entscheidende Bedeutung für die Musik\nzu geben. Die Vergleichung desselben mit dem verminder-\nten Septimen-Accord hat sehr viel Bestechendes. Ich wollte\nhier nur vorübergehend darauf aufmerksam machen; jeden-\nfalls ist das Werkchen ausführlicher Besprechung werth.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-05-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-05_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-11-05_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "150", "page_fin": "150", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.2.3", "titre_corps": "Aus München.", "titre_sommaire": "Aus München.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.6", "debut_caractere": 3335, "fin_caractere_exclue": 5871, "texte": "Aus München.\nDen 31. oetob er 1853.\nNachdem Johanna Wagner, welche einem hellstrahlenden Meteor\ngleich die Finsterniss unseres Theater-Himmels auf kurze Zeit ver-\nscheuchte, uns verlassen, erhellte nicht ein freundlich blinkendes\nSternlein unseren dicht mit Wolken bedeckten Opern-Horizont.\nWie sonderbar, wie ungerecht! wird man mir entgegnen, kann man\nein besseres Repertoire entfalten, als eben die münchener Hof-\nBühne? Kann man eine grössere Mannigfaltigkeit in sechs Wochen\nbieten, als durch Vorführung von Mozart's „Mädchentreue\", „Zau-\nberflöte\", „Entführung\", Weigl's „Schweizer-Familie\", Mehul's „Ja-\nkob und seine Söhne\", Boieldieu's „Der neue Gutsherr\", Meyer-\nbeer's „R.obert\", „Hugenotten\", „Prophet\", Donizetti's „Lucrezia\",\nFlotow's „Stradella\", Lortzing's „Czaar und Zimmermann\", Lachner's\n„Katharina Cornaro\" ? Vollkommen einverstanden, mannigfaltiger,\ngenussreicher, werlhvoller Hesse sich kaum ein Repertoire entwer-\nfen ; doch ich werde mich auch nicht erkühnen, gegen das, was\ngeboten, den besagten Tadel zu erheben, nein, nur gegen die Art\nund WTeise, wie uns die Meisterwerke vorgeführt werden. Ich will\nnicht behaupten, dass die Sänger und Sängerinnen wenig Mühe\nund Studium auf ihre Partieen verwenden, Gott bewahre! Was\naber nützt Mühe und Studium, wenn die Kräfte fehlen, wenn die\nphysischen Mittel nicht mehr ausreichen? Die Partieen wollen ge-\nsungen sein, nicht bloss recitirt oder gar nur angedeutet. Bei man-\nchen Opern kann man sich mit Schreien helfen, wenn man mit\ndem Singen nicht weiter kommt; doch das geht, wenn überall, nur\nbei Mozart nicht. Zu schildern, wie die obengenannten drei Mei-\nsterwerke Mozart's gegeben wurden, erlassen Sie mir. Mit alleini-\nger Ausnahme von Fräulein Heffner (Pamina) und Frau Dietz\n(Blondchen) war Alles höchst mittelmässig. Die Einen können nicht\nmehr, aber was soll man mit ihnen machen? Sie sind lebensläng-\nlich angestellt, müssen also singen, so lange sie einen lon in der\nKehle haben; die Anderen, die noch könnten, wollen grösstentheils\nnicht, denn ä quoi hon ? sie sind ja lebenslänglich angestellt. Unserer\nOper fehlt, um ausgezeichnet zu sein, nichts, als ein Helden-Tenor\n(ohne Herrn Härtinger nahe treten zu wollen, denn Niemand wird\nseine Verdienste nicht anerkennen wollen kann er doch nicht Al-\nles und immer singen), eine dramatische und eine Coloratur-Sän-\ngerin, ein tiefer Bass, eine Altistin, so wie noch einige Sänger und\nSängerinnen für kleine, aber doch ins Ganze bedeutend eingrei-\nfende Partieen. Es heisst zwar, der Intendant gehe auf Eni-"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "145", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.1", "texte": "W. von Lenz über Beethoven.\n(S. Nr. 16 und 18.)\nIII.\nWir werden Herrn von Lenz am besten gerecht wer-\nden, wenn wir eine seiner „ Analysen\" von Beethoven'schen\nSonaten unseren Lesern vorlegen, damit sie selbst urthei-\nlen können, was für neue Aufschlüsse über diese Meister-\nwerke hier gegeben werden. Wir übersetzen jedoch nur\ndasjenige, was dem Verfasser wirklich eigen ist, und lassen\ndie seitenlangen Anführungen aus Schindler und Berlioz,\nwie natürlich, weg.\nWir wählen die bekannte Cis-moll-Sonate quasi Fan-\ntasia, Op. 27, welche Beethoven der jungen Gräfin Julie\nGuicciardi widmete. Herr von Lenz lässt sich also darüber\nvernehmen:\n„Die Sonaten haben uns mit wenigen Ausnahmen bis\njetzt die herkömmlichen vier Theile gegeben: Allegro, An-\ndante, Scherzo, Finale. Hier kommt eine, und zwar die be-\nrühmte quasi Fantasia in Cis-moll, welche nur drei haben\nund mit einem Adagio anfangen wird, welches schon\nallein eine Sonate ist, eine Scene am Grabe:\nScipioni! Unter diesem Grabsteine ruhen die menschlichen\nGrössen; er öffnet sich nur, um wieder eine neue zu be-\ndecken. Wie schwer ist er zu heben! Da hebt er sich!\nHört ihr die E-dur-Saite schwirren? Der Duft der Blumen\nkommt, das Grab zu besuchen.\n„Berlioz sagt über diese Sonate u. s. w. Ohne\nZweifel ist die Ruhe einer unendlichen Traurigkeit, gegen\ndie es kein Mittel gibt, der vorherrschende Charakter die-\nses Stückes, und Liszt mag wohl, als er es seinem Freunde\nBerlioz zum ersten Male vorspielte, die Abgründe, welche\nes bedeckt, zu sehr haben schauen lassen; allein für eine\nglückliche Eingebung halten wir es, wenn er für den me-\nlodischen Hauptgedanken ein langsames, gemessenes Zeit-\nmaass festhält und dessen Entwicklungen wärmere Bewe-\ngungen gibt*). Neunundsechszig Tacte Adagio nach dem\nMetronom zu wandern ein so gehaltenes Zeitmaass\nwürde die Wirkung und den tiefen Gedanken Beethoven's\nfrostig machen. Die Figur der Begleitung (?), welche zwölf\nlange Tacte hindurch auf demselben Grundtone Gis ruht\nund vier Tacte braucht, um von der Tiefe bis zum dreige-\nstrichenen dhinauf zu klimmen, und das auf einem Instru-\nmente, dessen Klangfülle nicht eben reich ist ■— offenbar\ndarf diese Adagio-Figur beschleunigt werden, man muss\nihr hülfreiche Hand leisten bei einem so mühsamen Berg-\nansteigen, dass sie sogar zweimal dazu ansetzt! Wird\ndarauf die Wiederholung der Haupt-Melodie in dem vor-\ngeschriebenen Tempo, oder selbst noch langsamer als früher,\ngespielt, so wird sie um desto düsterer feierlich klingen.\nEst modus in rebus heisst es nicht\nZwar kann freilich der Missbrauch hier neben der musica-\nlischen Wahrheit stehen. Man erzählt in Wien, dass Beet-\nhoven, welcher Fräulein Guicciardi liebte, dieses Adagio in\neiner Gartenlaube improvisirt habe. Daher der Name „Lau-\nben-Sonate\", welche ihm einige Exclusive geben. Unser\nGeschmack ist diese wiener Phantasie nicht, welche nach\n„Hähneln\" und „Mehlspeise\" das Prosaischste ist, was es\nauf der Welt gibt. In Wien ist Alles Convention, und die\nKünstler meinen dort, sie hätten's sehr weit gebracht, wenn\nsie überall den Punkt aufs „i\" setzen. In Wien gilt man\nfür einen Kenner, wenn man das D-dur-Trio, Op. 70, das\n„Geister-Trio\" nennt, weil Weber's Wolfsschlucht Ver-\nwandtschaft mit dem Largo hat (!!). Deutschland ist nun\neinmal so. Das Quartett, Op. 74, heisst dort das „Harfen-\nQuartett \" wegen der Pizzicati im ersten Allegro, und wehe\ndem, der es nicht so nennt!\"\nSchindler u. s. w. (die Erwähnung der Briefe Beetho-\nven's an Julie). Dann fährt Herr von Lenz fort:\n„In Deutschland glaubt man sich verpflichtet, trotz Al-\nlem und Jedem Französisch zu sprechen. Beethoven hatte\n\n*) „En accidant!\"Ungeheuer von neugeschaffenen Verben, wie\naccider, insoujler(einblasen) und dergl. sind in dem Französi-\nschen des Herrn von Lenz keine Seltenheit."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "146", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.2", "texte": "merkwürdiger Weise auch diesen Tik; hielt er sich etwa\nim Französischen für eben so stark, als in der -\nfonie? Er mochte noch so viel Französisch schreiben,\ner dachte Deutsch und Instrumental-Musik. Damit hätte er\nzufrieden sein können.\" (0 Splitter und Balken!)\n„Ein guter Rath für die Spieler dieser Sonate. Die\nmelodische Zeichnung des Adagio ist dem gis anvertraut,\nwelches in der Octave des gis des Accompagnements liegt\nim Gesang durchdringend wie Duft, in halben dicken\nNoten, deren Köpfe wie Blumen herabhangen, deren Kelche\ndie Nacht mit Thau gefüllt hat. Man fühlt, dass dieser un-\naussprechliche Eintritt unabhängig von den Ilarpeggien sein\nmuss, dass er frei darüber schwimmen muss, so wie ein Wald-\nhorn über einem discreten Accompagnement. Nun bleibt\neinem aber nur der fünfte Finger der rechten Hand übrig,\num diese Klage auszusprechen, und dieser arme Finger ist\num so zerknirschter, diese Last zu tragen, als die anderen\nFinger über den Harpeggien hangen, ein Umstand, welcher\ndem fünften Finger viel von dem Unabhängigkeits-Gefühl\nbenimmt, welches er sich sonst erworben haben mag. So\nkommt es denn, dass in dem Augenblicke, wo er die punk-\ntirte Note so erklingen lässt, wie es sich gehört, um die\nMelodie zu phrasiren, der Daumen ebenfalls aus reiner brü-\nderlicher Liebe zu dem kleinen Finger das tiefere auch\npunktirt und auf diese Weise den Eintritt des Haupt-Ge-\ndankens verdoppelt. Ein Mittel, diesem Fehler zu entrin-\nnen, würde sein, die drei gis und die ähnlichen Eintritte\nzwischen dem vierten und fünften Finger zu vertheilen, so\noft es angeht\"; aber es geht nicht immer an, und dann bietet\ndieses Mittel auch die Gefahr, Unruhe in die Handhabung\nder gis zu bringen. Es bleibt also nichts übrig, als die Hand\naufzuheben, sie wie einen Fächer auszubreiten und den\nfünften Finger von so hoch als möglich auf die Taste fallen\nzu lassen.\" (Aber wer in der Welt, der nur eine Idee vom\nMelodiespiel mi t Accompagnement hat, wird es denn an-\nders machen?) „Liszt machte mich im Jahre 1828 auf diese\nSchwierigkeit aufmerksam. Die Jugend hat nie Unrecht;\nich gestand meinen Fehler durchaus nicht ein, indem ich\nnicht glauben konnte, dass so viele so genannte vortreff-\nliche Ciavierlehrer mir etwas hätten durchgehen lassen, was\ngegenwärtig in meinen Augen die Gestalt einer grossen\nSünde annimmt und mir damals eine Nachlässigkeit schien,\ndie doch zu unbedeutend wäre, um sie mir mit Schicane\naufzumutzen. Liszt sagte kein Wort; aber bei dem näch-\nsten Eintritt der Phrase, wo die Octave im Accompagne-\nment wieder nachzuklingen drohte, packte er meinen Dau-\nmen, in der Strasse Montholon, wie das Bein eines Mai-\nkäfers, kniff ihn wie in einen Schraubstock fest, und das\ngis erklang frei auf seinem Erard, wie der Silberton eines\nHorns im Trauerschleier. Sehen Sie, sagte Liszt, auf diese\nManier schweigt Ihr Daumen.\" (Wem glaubt denn aber\nHerr von Lenz durch diese wortreiche Erzählung die wich-\ntige neue Lehre mitzutheilen, dass die erste Note einer\nAchtel-Triole nicht wie ein Viertel oder eine halbe Note aus-\ngehalten werden dürfe, was jeder Anfänger weiss??)\n„Das Pianoforte war damals für Liszt die Spannung\nder Flügel, auf welchen er über dem Meere der Empyräen,\nweit von der Oberfläche und der Berührung mit der\nWelt schwebte. Wie schade, dass man in diesem Leben\n„„landen\"\" muss, wie die Seeleute sagen. Diese grosse\nProduction der Cis-moll-Sonate sollte den jungen Leuten,\ndie sich leider oft und stark etwas darauf zu Gut thun, sie\nnach ihrer Weise zu buchstabiren\" (wie Herr v. Lenz im\nJahre 1828, rue Montholon), „untersagt werden. Verbietet\nman ihnen doch auch den Eintritt in die Gewölbe des öst-\nlichen Gottesackers von Paris.\n„Reilstab vergleicht dieses Werk mit einem Nachen,\nwelcher bei Mondschein die wilden Ufer des Vierwald-\nstätter See's in der Schweiz befährt. Der Spottname\n(„ „sobriquet\" \"! anstatt surnomj Mondschein-Sonate,\nder vor zwanzig Jahren in Deutschland den Ruf eines\nKenners begründete (!), hat keinen anderen Ursprung. Die-\nses Adagio ist vielmehr eine Todtenwelt, die Grabschrift\nNapoleons in Musik, Adagio sulla morte d'un Eroe!\" (Und\ndoch kennt der Verfasser Beethoven's Liebe zu Julien, und\nweiss aus zwei unsterblichen Compositionen, wie B. den\nTod eines Helden feiert! Das genirt aber alles so einen\ngeistreichen Ausleger nicht. Um diesen Preis neu zu sein,\nist freilich keine Kunst.)\n„Liszt hat den zweiten Satz (das Allegretlo) der So-\nnate eine Blume zwischen zwei Abgründen genannt. Die-\nses kleine Stück, 60 Tacte mit dem Trio, ist unvergleich-\nlich an melodischen Gedanken, harmonischen und rhythmi-\nschen Hülfsquellen. In seine Verhältnisse gezwängt, ist es\nwie jener Thautropfen, der einen Planeten wiederspiegeln\nwürde, wenn er vor ihm vorüberginge. (?)\n„Wir kennen seit dreissig Jahren diese Chimäre des\nDichters\" (welche? die Sonate?), „ohne eine Runzel an ihr\nentdeckt zu haben. Man muss Niemanden mit Beethoven ver-\ngleichen, das wissen wir; ein Componist kann unendliches\nVerdienst haben, ohne einen solchen Vergleich aushalten\nzu können. Wir wollen also auch nicht Hummel mit\nBeethoven vergleichen, aber wir wollen von Hummel spre-\nchen, um unsere Ansicht über die Sonate in Cis-moll und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "147", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.3", "texte": "ihr wunderschönes Allegretto besser ins Licht zu stellen.\nEs ist Hummel im Scherzo des Septetts begegnet, das\nUnmögliche für originel zu halten. Der absonderliche har-\nmonische Gang am Anfange dieses Stückes ist nur etwas\nabsichtlich Gesuchtes *), und Hummel, der vielmehr der\nMozart'schen Schule angehört, hätte nicht daran gedacht,\nwenn er sich nicht eingebildet hätte, auch ein Bisschen\nBeethoven machen zu können. Wenn die Factur des\nSeptetts ein Muster bleiben wird, so steht doch seine Er-\nfindung weder auf der Höhe eines Musikstückes von erstem\nRange, noch ist sie original, indem die Melodie des ersten\n_ P\nStückes, Tact 63, identisch ist mit einem Gedanken\nBeethoven's im Finale Tact 62 der grossen Sonate für\nPiano und Violine inA, Kreutzer gewidmet, welche früher\nist, als das Septett.\n„Wir wissen, dass das Septett in den Fingern al-\nler Pianisten ist. Da gehört es auch hin, nur hat das nichts\nmit dem Kreise von Ideen zu schaffen, welche durch Beetho-\nven's Genie, dessen Sonderbarkeiten selbst als begründet er-\nscheinen, geweckt werden. In der Natur gibt es Schlangen,\nim Salon nicht (?); das Septett von Hummel ist ein Ding von\nanständiger Sitte, angenehmen Manieren, guter Erziehung,\nund es ist immer interessant, sich einen Pianisten daran\nversuchen zu sehen, aber das ist auch Alles. Sein Scherzo\nmacht den Eindruck eines Menschen, der sich entsetzlich\n/\nviel Mühe gibt, dafür zu gelten, als ob ihn dicke Finster-\nniss umgebe und er sich darin wie eine Schlange zusam-\nmenrolle, obschon er weiss, dass er unter den Flammen\ndes Kronenleuchters eines Concert-Saales steht. Dieses\nScherzo, Ciavierfleisch, hat mit den Beethoven'schen nichts\nals den Namen gemein. Wenn Erfindung nach einem gros-\nsen Maassstabe Hummefs Sache gewesen wäre, so hätte\ner, wie Beethoven, einen musicalischen Kosmos anstatt der\nPianoforte-Stiicke geschaffen, die allerdings einen vorwurfs-\nfreien und wohlgeschulten Stil haben, wie man weiss, und\nstets Muster des Schreibens bleiben werden.\" (Für wen\ndenn, fragen wir wiederum, diese bei den Haaren herbei-\ngezogene Parallele, die auch nicht ein Körnchen Neues\nbringt? und wo bleibt die angekündigte Erläuterung der\nAnsicht des Verfassers über die Cis-moll-Sonate durch diese\nAbschweifung ? ? Er fährt jedoch ohne Absatz mit einem\nSprunge aul Liszt fort:) „Das Allegretto der Sonate gibt\nmir Gelegenheit, die Richtigkeit von Liszt's Ansichten in\nmusicalischen Dingen zu bewundern. Ich hatte es ihm so\nvorgespielt, wie man eine kleine Schwierigkeit beseitigt,,\nwenn einen eine grosse, das Finale, erwartet. Liszt fragte\nmich so obenhin: „„Das ist leicht, nicht wahr?\"\" Ich war\nachtzehn Jahre alt, und sagte: Ja wohl. Oh, nein,\nsagte Liszt, das ist ein Stück, über welches man als Künst-\nler sein Leben hinbringt; die Spondeen*), auf welche die\nDaktylen lolgen, sind Eintritte der Blas-Instrumente des\nOrchesters des Conservatoire's von Paris; die gebrochene;\nMelodie muss abgestossen werden, wie die Violinen des\nConservatoire's abzustossen verstehen, und er setzte\nsich hin, das Scherzo so zu spielen, wie es jenes wunder-\nbare Orchester gespielt haben würde. Die Dutzend-Dilet-\ntanten begehen gewöhnlich den Fehler, in diesem ganz be-\nsonderen Stück den Eintritt der halben Noten auf dem gu-\nten Tactfheil zu accentuiren. Die Folge der Bässe in den\nersten Tacten des zweiten Theiles des Trio's muss wie auf\nzwei Violoncellen gebunden werden. Liszt (achtzehn Jahre\nalt) fand mir auf der Stelle den trefflichsten Fingersatz, den\nman sich nur denken kann: er nahm den ersten Accord\nd as mit dem 5. und 2. Finger, den zweiten des g mit\ndem 4. und 1., den dritten c mit dem 5. und 2., den\nvierten h feesj f mit dem 4. und 1.\n„Die Clavier-Husaren und Panduren begnügen sich,\ndiese Accorde anzuschlagen und glauben Wunder etwas\ngethan zu haben, wenn sie ihre Noten herunter gesäbelt\nhaben (!). Ich habe viele Pianisten von Talent gekannt, aber\nwenige gesehen, die eine Ahnung von der Wichtigkeit des\nBindens dieser Folge von Accorden hatten. Im Jahre\n1842 hatte ich das Glück, Chopin öfter in Paris zu se-\nhen.\" (Nun folgt eine Abschweifung von beinahe drei Sei-\nten über Chopin, den Caricaturen-Former Dantan, den\neilfjährigen Ungarn Filtsch, einen Schüler Chopin's, die\nGräfin d'Agout, Meyerbeer, die Fürstin Czartoryska\ndie alle mit der Cis-moll-Sonate nichts zu thun haben.\nEndlich kommen wir darauf zurück:) „Ich zeigte Chopin\nden erwähnten Fingersatz. Der ist nicht von Ihnen, sagte\ner mit seinem angenehmen Stimmchen. Er ist von Liszt,\nsagte ich. . Ja, der, der hat Ideen, wovon ein Anderer\nkeine Ahnung hat und er versuchte den Fingersatz.\nEi, rief er, damit kann man ja die ganze Claviatur\nhinabsteigen, wie ein Krebs, der nach seinem Bache zu-\nrückgeht: ihr Fingersatz ist trefflich, ich werde ihn be-\nnutzen.\n\n*) Das soll wahrscheinlich der Ausdruck: n'est quune gratuile\nrecherche,heissen!\n*) Dass Liszt in einem dr e i theiligen einen vi e r theiligen Rhyth-\nmus, nämlich Spondeen, d. h. zwei Längen oder vier Kürzen,\noder Daktylen, die ebenfalls aus einer halben und zwei Vierteln\noder einem Viertel und zwei Achteln bestehen, gefunden ha-\nben soll, ist uns höchst unwahrscheinlich."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "148", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.4", "texte": "„Der einfache Name Allegretto für diesen Satz ist\nmehr ein Symbol als ein Titel. Die weite Andeutung Al-\nlegretto, welche nur Form der Musik, nicht bloss ein\nTempo ausdruckt, gefiel Beethoven besser, weil sie ihn\nfrei liess, so oft er nicht die muntere Fröhlichkeit, woran\nder Name Scherzo erinnert, ausdrucken wollte. Die Alle-\ngretto's von Beethoven sind öfters Episoden voll süsser\nWehmuth, ja, selbst von jener geheimen Ironie, welche\noft den Hintergrund der Gedanken eines Shakspeare und\nCervantes bildet.\n„Zuerst von Em. Bach gebraucht, öfter von Haydn,\nniemals von Mozart, welcher der Menuet treu blieb, was\nist nicht aus dem Scherzo unter Beethoven's Händen ge-\nworden! Als den Gnadenstoss, welcher der Quadratur und\nSchablone gegeben wurde, muss man die Nichtwiederholung\ndes ersten Theiles des Scherzo's betrachten: Allegretto der\nSonate in Cis-moll,Scherzo von Op. 7, 26, 28, und der\nSonate für Piano und Violine in Op. 30.\" (Dass\ndoch die Leute es immer in der Form suchen wollen, an-\nstatt in dem Inhalte, in den Gedanken! Und unser grosser\nKritiker, der dieser Nichtwiederholung des ersten Theiles\neine so grosse Rolle unterschiebt, hat nicht einmal gesehen,\ndass in allen den angeführten Sätzen die Wiederholung\noffenbar vorhanden, aber mit einigen Veränderungen aus-\ngeschrieben, und nur nicht durch Repetitions-Striebe\nbezeichnet ist!) „Diese Emancipation von der Form\nwurde eine andere für die Idee (umgekehrt!) „durch die\nallmähliche Abschaffung jeder Abtheilung. In den Scherzo's\nder Quartette in FOp. 59, in Es Op. 74, in der Sonate\n106 finden wir weder Theile, noch Trio.\n„Das Scherzo Beethoven's ist ein Relief auf der Fläche\ndes bürgerlichen Musiklebens (?). Man könnte ein Buch\nüber das schreiben, was Beethoven Allegretto nannte.\" (Wir\nwären mit ein paar Seiten darüber zufrieden, wenn sie uns\nüber den Unterschied des Beethoven'schen Allegretto\nvom Scherzo belehrten; der Verfasser wirft aber, wie man\nsieht, beide durch einander.) „Was konnte wohl B.'s Idee\nsein, als er das Allegretto der Cis-moll-Sonate aufschrieb?\nKann man es glauben, dass der Verfasser dieses un-\nwahrsehe inlichen (?) Musikstückes gegen Ein Uhr zu\nMittag ass? alle Tage einen Spazirgang um Wien herum\nmachte und eine Zeit lang Punkt 6 Uhr im Wirthshause\nzu den beiden Kameelen am Graben eintraf, sich da bei\neiner Kanne „„Gumpollskircher\"\" was für ein Gewächs!\nhinsetzte, er, ein Mann, der die Sinfonie mit Chören\nin sich trug ? Er traf in diesem Rauchloch gern mit einem\nFranzosen zusammen, dem Haushofmeister vom Fürsten\nColloredo, mit welchem er Französisch sprach eine\nSprache, die sich sonderbar in Beethoven's Munde aus-\ngenommen haben muss!\"\nIch glaube, unsere Leser haben genug an dem läppi-\nschen Geschwätz, durch welches Herr von Lenz den Aus-\nerwählten, welche um 4 oder 5 Uhr zu Mittag essen, spa-\nziren fahren und Champagner statt „Gumpollskircher\"\nschlürfen, begreiflich zu machen sucht, dass es auch un-\nter der bürgerlichen Classe Menschen gebe, die doch nicht\nganz zu verachten wären. Nach ihm führte der arme\nBeethoven „eine Fakir-Existenz\", aber das Genie ver-\ndammte ihn dazu. Er belehrt seine Leser auch über das\nWrunder, dass „Mozart ein deutsches Wirthshausleben\nführte, sich nicht einmal ordentlich die Handschuhe an-\nziehen konnte (S. 233), und dennoch (!!!) den Don Juan\ngeschrieben hat!\"\nDann kommt v. Lenz auf den jetzigen Luxus der\nKünstler, auf den Palast der Rachel, auf George Sand,\nGeist und Materie, Beethoven's Wohnungen, „von denen\ner einige besucht und dadurch die respectabeln Hausmütter\nnicht wenig in Verlegenheit gesetzt hat\" (!!), auf längst\nbekannte Anekdoten von Beethoven, auf die Wiener\nund das alles füllt wieder vier volle Seiten. Endlich erin-\nnert er sich, dass er eigentlich eine Abhandlung über die\nCis-moll-Sonate schreiben will, und sagt:\n„Das Finale ist ein flammender Lavastrom. Auf jedem\nGipfel seines unablässigen Aufsteigens\" (bei Herrn v. Lenz\nlliesst nämlich die Lava in die Höhe!) „werfen ihn zwei\nDonnerschläge wieder dahin zurück, wo er hergekommen.\nEinen Augenblick macht dieses Ueberströmen Halt, man\nsollte glauben, es sei versiegt, aber es geschieht nur, um\ndesto ärger wieder anzufangen. Es ist der unwillkürliche\nAusbruch eines Vulkans, welchen die Traditionen, die\nSchule, die Magister und „„AVas werden die Leute sagen?\"\"\nvergebens in der Seele des Dichters dreissig Jahre lang\nverschlossen gehalten haben, während man ihn mit Wi-\nderlichkeiten und Kummer tränkte.\"\nDas ist, was Herr von Lenz eine Analvse einer\nBeethoven'schen Sonate nennt!\nDas Beste an dem ganzen Buche ist die Gesinnung,\nmit welcher der Verfasser gegen das Ueberhandnehmen\nder Technik auf dem Pianoforte und in Folge derselben der\nflachen Flitter-Musik eifert. Sein Urtheil über die Vocal-\nCompositionen Beethoven's reicht nicht an die Höhe der-\nselben und ist grösstentheils nur ein Wiederhall bekann-\nter Vorurtheile. Zwar lässt er der Oper Fidelio vollkom-\nmene Gerechtigkeit widerfahren; aber das Oratorium"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "149", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.5", "texte": "Christus, die beiden Messen (!), die Behandlung des Ge-\nsanges in der Phantasie Op. 80 und in der neunten Sin-\nfonie verwirft er. An der „Adelaide\" hält er die Idee für\nschön und den ersten Theil für ein reizendes Idyll, das\nAllegro aber für verfehlt in seiner Wirkung für die Sing-\nstimme: „Man lies't es gern, aber singen kann man es\ngar nicht\". (11. S. 67.)\nDer Katalog der Beethoven'schen Werke, welcher\nam Schlüsse des zweiten Theiles steht, ist eine lleissige Ar-\nbeit, welche der Beharrlichkeit und der Liebe des Verfas-\nsers zu seinem Gegenstande Ehre macht. Allein das bei\nBreitkopl und Härtel erschienene thematische Ver-\nzeichniss, welches ihm, wie es scheint, erst nach Been-\ndigung seines Buches zugegangen ist, nimmt diesem Lenz'-\nschen Kataloge den grössten Theil seines Werthes für die\nmusicalische Literatur. Interessant sind die eingestreuten\nAuszüge aus den gleichzeitigen kritischen Blättern, welche\nuns heut zu Tage häufig ein Lächeln entlocken.\nWenn wir in der Beurtheilung des ganzen Buches\nstreng gewesen sind, so machte uns das einmal der wich-\ntige Gegenstand, und dann die lobpreisenden Kritiken in\nfranzösischen und deutschen Blättern zur Pllicht. Hat doch\nBerlioz das Buch „ein Werk der höheren Kritik\" genannt!\nHätte Herr von Lenz seiner Conversations-Phantasie den\nZügel oder, wie er sich ausdrückt, den Halfter angelegt\nund das Gesagte auf die Hälfte zurückgeführt, hätte er dann\nin seiner Muttersprache, d. h. Deutsch, geschrieben, so\nwürde seine Schrift immerhin ein willkommener Beitrag zur\nBeethoven-Literatur gewesen sein.\nDie Schlussbemerkung desselben unterschreiben wir\ngern\n„Die Kunst und das Element des Unendlichen, wel-\nches ihr Wesen ist, können nicht still stehen. Wer wird\nBeethoven fortsetzen? Dieser Meister kann den Quell der\ngöttlichen Spendungen nicht ausgeschöpft haben; aber wir\nmüssen glauben, dass, um eine solche Erscheinung wieder\nhervorzubringen, die Menschen zu der Wahrheit des Ge-\nfühls zurückkommen müssen, die sich immer mehr und\nmehr auf Abwege in den Ländern verirrt, welche an der\nSpitze der europäischen Civilisation einherzuschreiten be-\nanspruchen. \"\n\nBerliner Briefe.\n\nDen 27. October 1853.\nDie Königliche Oper hat, seitdem ich Ihnen zuletzt\nschrieb, etwas besonders Hervortretendes nicht gebracht.\nJoggeli von Taubert ist bis jetzt dreimal gegeben worden,\nmit manchen Kürzungen, die das Ganze eingänglicher ma-\nchen. Wie ich höre, soll die Oper in Kurzem wiederholt\nwerden. Der Richard Löwenherz VQII Gretry ward zum\nGeburtstag des Königs aufgeführt, konnte aber nicht recht\nansprechen, woran theihveise auch die matte und nachläs-\nsige Ausführung die Schuld trug. Bei Weitem besser kam\nGluck's Iphigenie in Tauris zur Darstellung; namentlich\nleisteten Frau Köster und, in der ersten Hälfte der Rolle,\nHerr Mantius (Pylades) Vorzügliches. Herr Pfister\nscheint durch eine längere Krankheit an seinen Stimmmit-\nteln noch mehr eingebüsst zu haben; unser Tenor-Mangel\nwird immer fühlbarer. Für die nächste Zeit steht uns\nGluck's Armide in Aussicht. In wenigen Tagen wird fer-\nner Fräul. Wagner heimgekehrt sein und ein reicheres\nRepertoire ermöglichen. lnzwischen hat auch die Con-\ncert-Saison begonnen. Die erste Sinfonie-Soiree hat bereits\nStatt gefunden; die Trio- und Quartett-Soireen, so wie die\nauf ein weniger begränztes Gebiet der Kammer-Musik sich\nbeschränkenden Soireen der Herren Grünwald und\nSeidel werden in diesen Tagen beginnen. Die erste Sin-\nfonie-Soiree brachte Haydn's B-dur und Beethoven's C-dur-\nSinfonie zur Aufführung, ausserdem Cherubini's Ouvertüre\nzur Medea und Beethoven's Ouvertüre zur „Weihe des Hau-\nses\". Das letztgenannte Werk fand nur geringen Anklang.\nAuch wir finden nicht, dass es aus einer specifisch musica-\nlischen Stimmung hervorgegangen ist; die Berechnung do-\nminirt das natürliche musicalische Gefühl. Nichts desto we-\nniger müssen wir aufs Neue über die Sprödigkeit unseres\nSinfonie-Publicums klagen, über den mangelnden Sinn für\neine vollständige Kenntniss theils des weniger Bedeutenden,\nwas unsere ersten Meister uns hinterlassen haben, theils\ndes Neuen, das die Gegenwart hervorbringt. Wer sich\nallzu sehr abschliesst, stirbt schliesslich selbst dann ab,\nwenn er durch einen idealen Trieb dazu gelührt wurde;\ndenn das Lebendige behauptet immer sein Recht. Oftmals\nschon hiess es, dass eine eigene Capelle sich bilden würde\nfür die Ausführung neuerer Werke; aber schon im ersten\nKeim sind alle derartigen Unternehmungen gescheitert.\nAuch in diesem Jahre ward wieder davon gesprochen, und\nzwar in der Weise, dass der Dom-Chor, der für seine\nConcerte einer anderweitigen Ausfüllung bedarf, die Sache\nin die Hand nehmen wolle; es ist indess auch in dieser\nForm nicht zu Stande gekommen. Uns dünkt, dass die\nVereinigung sinfonischer Werke mit den Kirchen-Gesän-\ngen a 'capelladarum eine sehr glückliche gewesen wäre,\nweil beide die Spitzen der lyrischen Musik, nach entge-\ngengesetzten Richtungen hin, sind, weil beide sich in der"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "150", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531105-01.1.6", "texte": "Reinheit des Charakters und in der Grösse der Gattung\ngleichen, weil darum auch die Sinfonie das Geeignetste für\nden Zuhörer ist, sich von der Ermüdung durch den\ncapella-Gesang auszuruhen, und umgekehrt. Beide Gattun-\ngen stehen auf Einer Stufe und sind sich innerhalb der-\nselben entgegen gesetzt.\nNicht ohne Interesse war eine Matinee, die Herr\nSteifensand veranstaltete. Sie gab uns nur gediegene\nMusik, und diese in guter Ausführung. Herr van G ü 1 p e n,\nein Rheinländer, der, wie ich gehört habe, bereits an rhei-\nnischen Musikfesten hervortrat, sang Schubert'sche Lieder.\nEr hat ein nicht unbedeutendes Stimm-Material, das aber\nbis jetzt keine vollständig künstlerische Durchbildung er-\nhalten hat. Bei dieser Gelegenheit muss aber leider be-\nmerkt werden, dass die Lieder Schubert's, wenige einzelne\nausgenommen, im Allgemeinen noch immer sehr unbekannt\nhier sind und dass man ihnen in Concerten die gewöhn-\nlichste Musik vorzieht. Selbst unter denen, die sich viel\nmit Musik und Gesang beschäftigen und ein höheres Stre-\nben dabei haben, gibt es nur wenige, die z. B. die Mül-\nlerlieder und die Winterreise im Zusammenhange kennen.\nNoch unbekannter sind die Lieder von Lindblad, Schumann,\nFranz und Hoven. Jüngere Musiker klagen oft über die\nTheilnahmlosigkeit des berliner Publicums gegen das Neue;\nwenn sie aber selbst einmal Gelegenheit erhalten, Concerte\nzu veranstalten, so bringen sie zwar Neues, aber statt des\nguten Neuen eigene unbedeutende Erfindung. Die Instru-\nmental-Musik ist noch am besten bedacht; wenigstens brin-\ngen die Trio- und die Quartett-Soireen, wie die der Herren\nGrünwald und Seidel, hin und wieder neue Compositionen\nzur Aufführung. Leidlich ist es auch noch mit demjenigen\nbestellt, was zu dem Bereich der Sing-Akademie oder des\nStern'schen Vereins gehört. So bereitet der letztere für\ndiesen Winter die Fragmente aus Christus und Schumann's\nPilgerfahrt der Rose vor. Am schlimmsten sieht es mit der\nSinfonie, der Oper und dem Liede aus; und gerade diese\ndrei Gattungen entsprechen dem subjectiven Geiste der\nZeit, der in dem Individuellen mehr zu Hause ist, als in\ndem Idealen, Grossen und allgemein Gehaltenen, am be-\nsten. Von kleineren Vereinen hatte ich schon mehr-\nmals Gelegenheit, den Kotzoldt'schen und den Teschner'-\nschen zu erwähnen. In ersterem werden jetzt Stücke aus\ndem Lohengrin studirt, namentlich aus dem ersten Acte,\nder dem Chor viel Arbeit gibt. Möglich ist es, dass wir\netwas davon hören; wir wünschen es, denn bis zur Auf-\nführung an der Königlichen Bühne dürfte noch geraume\nZeit verstreichen. In dem Teschner'schen Vereine werden\njetzt deutsche Compositionen aus der Reformationszeit ge-\nsungen, theils geistliche, theils weltliche Hausmusik, mehr-\nstimmige Lieder u. dgl. Es ist heute Mode, dem Alten\nmehr Vertrauen zu schenken, als dem Neuen. Schliess-\nlich erwähne ich einer kleinen Abhandlung, die hier bei\nTrautwein erschienen ist und jeden Musiker lebhaft inter-\nessiren muss. Es ist ein Versuch von Weitzmann (einem\npensionirten russischen Kammer-Musicus), dem übermässi-\ngen Dreiklang eine entscheidende Bedeutung für die Musik\nzu geben. Die Vergleichung desselben mit dem verminder-\nten Septimen-Accord hat sehr viel Bestechendes. Ich wollte\nhier nur vorübergehend darauf aufmerksam machen; jeden-\nfalls ist das Werkchen ausführlicher Besprechung werth.\n\nG. E.\n\nAus München.\nDen 31. oetob er 1853.\nNachdem Johanna Wagner, welche einem hellstrahlenden Meteor\ngleich die Finsterniss unseres Theater-Himmels auf kurze Zeit ver-\nscheuchte, uns verlassen, erhellte nicht ein freundlich blinkendes\nSternlein unseren dicht mit Wolken bedeckten Opern-Horizont.\nWie sonderbar, wie ungerecht! wird man mir entgegnen, kann man\nein besseres Repertoire entfalten, als eben die münchener Hof-\nBühne? Kann man eine grössere Mannigfaltigkeit in sechs Wochen\nbieten, als durch Vorführung von Mozart's „Mädchentreue\", „Zau-\nberflöte\", „Entführung\", Weigl's „Schweizer-Familie\", Mehul's „Ja-\nkob und seine Söhne\", Boieldieu's „Der neue Gutsherr\", Meyer-\nbeer's „R.obert\", „Hugenotten\", „Prophet\", Donizetti's „Lucrezia\",\nFlotow's „Stradella\", Lortzing's „Czaar und Zimmermann\", Lachner's\n„Katharina Cornaro\" ? Vollkommen einverstanden, mannigfaltiger,\ngenussreicher, werlhvoller Hesse sich kaum ein Repertoire entwer-\nfen ; doch ich werde mich auch nicht erkühnen, gegen das, was\ngeboten, den besagten Tadel zu erheben, nein, nur gegen die Art\nund WTeise, wie uns die Meisterwerke vorgeführt werden. Ich will\nnicht behaupten, dass die Sänger und Sängerinnen wenig Mühe\nund Studium auf ihre Partieen verwenden, Gott bewahre! Was\naber nützt Mühe und Studium, wenn die Kräfte fehlen, wenn die\nphysischen Mittel nicht mehr ausreichen? Die Partieen wollen ge-\nsungen sein, nicht bloss recitirt oder gar nur angedeutet. Bei man-\nchen Opern kann man sich mit Schreien helfen, wenn man mit\ndem Singen nicht weiter kommt; doch das geht, wenn überall, nur\nbei Mozart nicht. Zu schildern, wie die obengenannten drei Mei-\nsterwerke Mozart's gegeben wurden, erlassen Sie mir. Mit alleini-\nger Ausnahme von Fräulein Heffner (Pamina) und Frau Dietz\n(Blondchen) war Alles höchst mittelmässig. Die Einen können nicht\nmehr, aber was soll man mit ihnen machen? Sie sind lebensläng-\nlich angestellt, müssen also singen, so lange sie einen lon in der\nKehle haben; die Anderen, die noch könnten, wollen grösstentheils\nnicht, denn ä quoi hon ? sie sind ja lebenslänglich angestellt. Unserer\nOper fehlt, um ausgezeichnet zu sein, nichts, als ein Helden-Tenor\n(ohne Herrn Härtinger nahe treten zu wollen, denn Niemand wird\nseine Verdienste nicht anerkennen wollen kann er doch nicht Al-\nles und immer singen), eine dramatische und eine Coloratur-Sän-\ngerin, ein tiefer Bass, eine Altistin, so wie noch einige Sänger und\nSängerinnen für kleine, aber doch ins Ganze bedeutend eingrei-\nfende Partieen. Es heisst zwar, der Intendant gehe auf Eni-"}]}