{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_sha256": "68602da5ee32fee0dd09c017c5c6ee1a355058fc1255c9a45f2093d2c53e246a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/11/19_01/bmtnabi_1853-11-19_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "163", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.1", "titre_corps": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "titre_sommaire": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4046, "texte": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.\nI.\nDas Neue übt bei der Prosa des Alltagslebens fast im-\nmer eine zweifache Gewalt aus; bei dem Einen erregt es\ndas Gefühl der Bewunderung, bei dem Anderen die Stim-\nmung der Verwunderung: jenen packt es, diesen frappirt\nes, jene ; begeistert es, diesen stört es.\nIn unserer Welt, im musicalischen Leben, hat lange\nnichts so stark die Gemüther aufgeregt, als Wagner's Ver-\nsuche einer Revolution gegen die bestehende Oper. Wäh-\nrend sein Anhang sie als ein Wunderwerk verherrlicht,\nsuchen die Vertreter der historischen Opernbühne sie als\nlampengefährlich zu bekämpfen. Beide Theile können gleich\nstark irren. Denn wenn man hinter den Tisch des Ta-\nschenspielers tritt, verliert sich das Wunder seiner Hände,\nwährend manche weitplanige Staats-Umwälzung zuletzt in\neine blosse unschädliche Erneute ausläuft.\nDie genauere Prüfung der Wagner'schen „ Absicht\" wil d\nwesentlich erleichtert, wenn man seine Auslassungen\nals Kritiker mit seinen dichterischen Producten vergleicht;\nerschwert durch die Unklarheit jener Ideen, wie durch\ndie sich widersprechenden Commentare seiner Bekenner, die\nihn eben desshalb oft halb, oft falsch verstehen.\nWenn Wagner kein anderer Ruhm gebührt, so ver-\ndient er doch jedenfalls den, ein lleissiger Empiriker, ein\nunermüdlicher Experimentator zu sein. Ist das Bekenntniss,\nals Opern-Componist früher selbst „geirrt\" zuhaben, auch\ndas einzige, welches sein starkes Selbstgefühl ihm gestattet,\nso ist es doch wichtig für die Beurtheilung seiner ferneren\nVersuche. Wäre er, wie man in seinem Heerlager ver-\nmeint, wirklich ein Lessing im Drama mit Noten, so würde\ner seiner Theorie mehr Gewicht beilegen müssen und seine\nDichtungen nur als Modelle betrachten. So aber erscheint\nihm wahrscheinlich die Behauptung, dass seine „drei Opern-\nTexte\" lediglich als ein Beispielbuch zu seiner Theorie von\n„Oper und Drama\" zu betrachten seien, jedenfalls als\nAusfluss „ästhetischer Willkür\", „unkünstlerischen In-\nstinctes\".\nWir beginnen jedoch trotz dem unsere Betrachtung\nmit dieser Behauptung. Wagner ist entschieden Dichter,\nWortdichter; diese Eigenschaft hat ihm noch Niemand,\nselbst unter seinen Gegnern Keiner, bestritten, Der blosse\nRuhm, ein fertiger Dichter zu sein, erscheint ihm aber als\nein nichtssagender, da das Wort ein unvollkommener\nLaut zum Ausdruck des Gefühls, alles Verstandes-\nwerk im Bereiche der Kunst aber nichtig und verwerflich\nist. So wird es ihm möglich, die gesammte Poesie als eine\nKunst-Art zu läugnen und die seither gepriesensten Blü-\nthen derselben als nur papierne Erscheinungen zu bezeich-\nnen. Mit dem Worte „Literat\" bezeichnet er jeden, dem\ndie seltene Fähigkeit, zugleich dichten und componiren zu\nkönnen, abgeht; blosse „Literaten\" waren Schiller, Göthe,\nselbst Shakespeare. Nur das dramatische Dreigestirn der\nAltgriechen steht über dem Literatenthume der jüngeren\nJahrhunderte erhaben, weil ihm der glückliche Umstand zu\nTheil geworden, in einer musicalisch klingenden Sprache\ngeschrieben und in den Chören rhythmische Musik\nO\nbesessen zu haben, der die Fehler der „unvollkommenen\"\nMusik der Neuzeit, gesctzmässige Harmonie und Melodie,\nabgingen.\nIn der Oper nun tadelt Wagner insbesondere zwei\nRichtungen. Er verwirft eben so die lyrische Oper, die\nOper, welche als Trägerin breit gesponnener Empfindungen\nerscheint, als die historische, welche nach ihm nur Situa-\ntionen von charakteristischem Gepräge bringt. Jene, die\nitaliänische, hat der absoluten, der rein sinnlichen Musik\ndie Bahn gebrochen, hat den Sänger zur Hauptperson, die\nGesangs-Melodie zum Endziel gemacht; diese, die franzö-\nsisch-deutsche, hat die bizarre Tonmalerei, die hohle Mas-\nsen-Musik, den Effect, „eine Wirkung ohne Ursache\", her-\nvorgerufen. Wäre ein Genre von Beiden zulässig, so wäre\nes noch die eine Unterart jener Melodie-Oper, wie sie Mo-\nzart und Weber nicht ohne Glück angebaut. Was nun\nWagner's eigene Opern anlangt, so hat er beide jetzt\nvon ihm verpönte Genre's einst selbsteigen angebaut. Er\nhat, vonßellini's Triumphen in Paris angezogen, zuerst eine"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5111, "texte": "lyrische Oper mit italiänischer Sangmässigkeit, mit vorherr-\nschender Melodie geschrieben, „Das Liebes-Verbot\". Als\ndiese Oper liegen blieb, horchte der unermüdete Experi-\nmentator der grossen Oper aufmerksam zu und schrieb,\nnach Spontini's und Meyerbeer's Vorgang Männer, die\ner jetzt „Pedanten und Gauner\" schmäht —, ein Effect-\nstück in optima forma, den „Rienzi\". Diese Oper verhalf\nihm zu einer äusserlich glänzenderen Stellung, diese Oper\nerweckte ihm die ersten Freunde und Lobpreiser, diese\nOper, d. h. die dresdener Aufführung, berauschte sogar\neinen guten Theil der Tages-Kritiker.\nWer den „Rienzi\" aber aufmerksam und unbefangen\nsah und hörte, der kam bald zu dem Urtheile, dass Wag-\nner hiermit, wenn auch nicht den Gipfel dieser Kunstgat-\ntung, so doch deren letzten, äussersten Gränzstein erreicht\nhatte. Leber denselben vermochte er nicht hinauszugehen,\nso wenig, als Spontini über die Olympia, Auber über die\nStumme u. s. w. Beim ersten Schritte, den er weiter ge-\nwagt, wäre ihm der Athem und seinen Verehrern die Be-\ngeisterung unfehlbar ausgegangen. Denn diese Oper war\nerfüllt mit dem Effect aller Effecte, der Summe der dra-\nmatischen Massenhaftigkeit, der Quintessenz aller negati-\n\\ en-Eigenschaften der pariser grossen Oper. Wunderlich\npaarten sich in dieser Musik hohler Pathos und Trivialität,\nMelismen und Disharmoniecn, Trockenheit der Declamation\nund maasslose Wucht der Begleitung. Und doch ist der\nText ein poetischer, der Vers einige hinkende Jamben\nabgerechnet iiiessend, die Diction schwunghaft und das\ngewählte Sujet, dessen Erfindung freilich Bulwer zur\nEhre gereicht, von grosser Wirkung und sehr dramatisch\nund geschickt bearbeitet. Wäre die historische Poesie nach\nWa gner nicht eine künstlerische Todsünde, so würde er\ndemliienzi-Text unter allen der späteren Werke von ihm den\nVorzug einräumen müssen. Denn hier vereinigt sich durch-\nweg dramatische Handlung mit dem Toben der Leiden-\nschaften, scharfe Charakteristik mit Wahrheit, mit Natür-\nlichkeit der Situation; hier ist Steigerung, Stoffbeherrschung,\ngeschmackvolle Behandlung eben so in den Worten anzu-\ntreffen, als in der Musik zu vermissen.\nAllein Wagner's kritische Feder vernichtet jetzt mit\nzwei Zügen, was damals seine dichterische geschaffen, ob\naus innerer Ueberzeugung, ob um seinen späteren Versu-\nchen Eingang zu verschaffen, lassen wir dahingestellt. Er\ncassirt alle Oper, die gewesen, bis zu und mit seinem\nRienzi, er läugnet, dass vor seinen späteren Versuchen das,\nwas er echt dramatisches Gefüge nennt, irgendwo in einem\nOpern-Texte zu finden sei. -Der Irrthum in der Oper\",\nbehauptet er, „bestand darin, dass ein Mittel des Aus-\ndrucks, die Musik, zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks,\ndas Drama, zum Mittel gemacht wurde.\"\nDieser Satz soll das Fundament für die beginnende\nOper-Reform abgeben, mit ihm steht oder fällt daher die\nKritik Wagner's gegen die alte und für die neue Oper. Er\nmuss desshalb vor Allem scharf beleuchtet werden.\nDie Aufgabe des Menschen als empfindenden We-\nsens ist die Erkenntniss und Darstellung des Schönen. Die-\nses Streben heisst man die Kunst, sein Ziel ist das Kunst-\nwerk. Die Kunst ist, wie das Schöne, für alle Menschen\nda; den Künstler macht der stärkere Grad von Phantasie\nzum Dichter, Maler u. s. w., der Laie, dem die Gabe der\nErfindung abgeht, muss sich begnügen, seine schwächere,\nschlummernde Phantasie von dem Künstler erwecken zu\nlassen. Jener schafft das Schöne, dieser erkennt es; in\nden Genus s theilen sich Beide.\nDer Künstler wählt je nach seinen natürlichen Anla-\ngen zum Ausdruck seiner Idee vom Schönen, zur Darstel-\nlung des Inhalts des Kunstwerkes, eine der vorhandenen\nDarstellungsfonnen. Natürlich sind diese nicht der Zweck,\nsondern nur die Mittel. Sind es Farben, so heisst der\nKünstler Maler, sind es Worte, Dichter, sind es Töne, Mu-\nsiker. Neben diesen Hauptmitteln des künstlerischen Schaf-\nfens gibt es aber wieder verschiedene Nebenmittel oder\nbesser Unterarten der Darstellungsform, welche sich\nzu den Hauptmitteln verhalten, wie die Zweige eines Bau-\nmes zu den Aesten. Wählt der Dichter den einfachen Vers,\nso ist das Kunstwerk ein Gedicht, wählt er Prosa und er-\nzählende Darstellungsweise, ein Roman, wählt er den blos-\nsen Dialog, Drama. Der Musiker dagegen, will er nur\n1 ondichter sein, belebt das Orchester oder ein einzelnes\nInstrument und schafft so Sinfonieen, Ouvertüren, Sona-\nten; wählt er dagegen die menschliche Stimme zum Aus-\ndrucksmittel seiner Idee, so ist er an den Wortdichter\nverwiesen. Das Werk wird demnach, wenn er von letz-\nterem ein Gedicht entlehnt, der Form nach ein Lied,\nwenn darstellende Prosa (oder Verse), Cantate oder Ora-\ntorium, wenn dramatischen Dialog, Oper.\nWa gner hat also ganz Recht, wenn er die Musik ein\nMittel des Ausdrucks oder, wie wir sagen wollen, eine Dar-\nstellungslorm des Kunstwerkes nennt; denn was kann man\nkünstlerisch Anderes ausdrücken, als die Idee vom Schönen ?\nEben so wird er die Poesie ein Mittel des Ausdrucks\nnennen müssen. Wie aber kann denn behauptet werden,\neine Unterart dieses Mittels, ein Zweig der Dichtkunst,\ndas Drama, sei der Zweck des Ausdrucks selbst?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3564, "texte": "Ist Form und Wesen gleichbedeutend? Ist die Darstellungs-\nweise zugleich der Gegenstand, der Inhalt der Darstellung?\nDie Art und Weise, wie der Reformator der Oper\nden „ Irrthum\" in der Oper darthun woiite, war also selbst\neine grundfalsche; er beging so zu sagen einen Irrthum\nim Irrthume. Dies erhellt auch noch aus Wagner's eigenen\nWorten, indem er an einer Stelle vom Iloman des Mittel-\nalters sagt, „er habe so wenig zerstreut, dass man zur\nunmittelbaren Darstellung an die Sinne, zum Drama,\nübergehen musste\", während er an einer dritten Stelle so-\ngar behauptet, „der Weg des Dichters gehe aus der Phi-\nlosophie heraus zum Kunstwerke, zur Verwirklichung\ndes Gedankens in der Sinnlichkeit\".\nDer Irrthum in der Oper-Setzweise bestand vielmehr,\nnach unserer Meinung, darin, dass gewöhnlich das eine der\nMittel zum Zwecke gemacht wurde, wobei man natürlich\ndie Aufgabe, \"die harmonische Darstellung der Idee des\nSchönen, den nur durch innige Verbindung beider Mittel\nerreichbaren Zweck, aus den Augen verlor und so nicht\nzum einheitlichen Kunstwerke gelangte. Vorzugsweise\nist mit vorherrschender Musik gefehlt worden, so in der\nitalienischen Oper, der so genannten ernsten, wie der lyri-\nschen, die man beide richtiger als Concert-Opcrn bezeich-\nnen könnte. Aber auch mit vorherrschendem Texte ist\nschon und zwar lange vor Wagner - gesündigt\nworden; man denke nur an Cherubini's einheitlose Compo-\nsitionen und an Halevy's Pikanterieen!\nDie Ursache von jener Richtung ist theils in dem sinn-\nlichen Charakter der Italiener, theils in der blinden Nach-\nahmungssucht ihrer Nachbarvölker, theils endlich und haupt-\nsächlich bei den allerdings unbefähigten Dichterlingen der\nmeisten Opern-Texte zu suchen. Diese poetische Impotenz\nhat auf das Schicksal einer Menge von Opern den nach-\ntheiligsten Einfluss ausgeübt, indem sie deren Untergang,\ndas schnelle Vergessen einer an sich oft trefflichen Musik\nherbeiführte, weil sie die Wirksamkeit der letzteren gänz-\nlich lähmte. Erklärlich aber ist sie sehr wohl aus dem Um-\nstände, dass sich über der Geschmacks-Richtung ihrer Zeit\nerhabene, geniale, mit tieferer Phantasie begabte Dichter\nnatürlich nie zum Verfertigen eines Opern-Textes herga-\nben, indem sie es vorzogen, selbstständige, frei geschaffene\nKunstwerke zu liefern, und es verschmähten, mit einem\nanderen Künstler gemeinsam, oder richtiger mehr oder we-\nniger abhängig von ihm, zu schaffen, zumal sie voraus\nwussten, dass dieser die etwaigen Palmen ihrer beiderseiti-\ngen Arbeit ganz allein brechen würde. So waren es, wie\nWagner richtig bemerkt, gewöhnlich in Sold und Lohn\ngenommene Literaten, welche trockene Knochengerüste zu\ndramatischer Musik aufbauten. Unterzogen sich dennoch\nzuweilen einzelne bedeutendere Dichter dieser undankba-\nren Mühe, so verstanden sie entweder zu wenig von der\nMusik, wie Göthe, oder setzten sich, um des lieben Ver-\ndienstes willen, allen Vor- und Nachtheilen eines Com-\npagnie-Geschäftes aus, wie Scribe.\nDennoch aber ist es merkwürdig, wie viele unbedeu-\ntende, mangelhafte Texte zu herrlichen Gebilden der Ton-\nkunst Anlass gegeben haben, im Bereiche des Liedes, wie\nder Operl War nur der Vorwurf irgendwie musicalisch\nausführbar, der Componist selbst Poet, so arbeitete er die\ngebrechlichen Worte gewisser Maassen um, verdeckte ihre\nSchwächen durch die Reize der Musik und verklärte auf\ndas anmuthigste ihren Inhalt. Man denke an Mozart's Don\nJuan und Zauberflöte, an Marschner's Vampyr, an Meyer-\nbeer's Robert. So verwandelt sich der farblose, gestaltlose\nSchleim der Muschel oft in die glänzende, köstliche Perle."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "163", "page_fin": "165", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.3", "debut_caractere": 3566, "fin_caractere_exclue": 5020, "texte": "Wiener Briefe.\n\nDe» 9. NoTcrabcr 1833.\nUnter den Auspicien des November wurde bei uns\nder diesjährige musicalische Winter-Feldzug eröffnet. Das\nBulletin der grossen Hauptschlachten habe ich Ihnen schon\ndas letzte Mal, soweit es ausgegeben, mitgetheilt; es ist\naber auch bereits das der bedeutendsten kleineren erschie-\nnen, und mit jeder Woche werden sich nunmehr neue an-\nkündigen. Professor Hellmesberger nämlich im Verein mit\nden Herren Durst, Heyssler und Schlesinger hat das Pro-\ngramm von dem ersten Cyklus der periodischen Quar-\ntett-Productionen veröffentlicht, ja, die erste derselben hat\nbereits am verflossenen Sonntag Statt gefunden. Das Pro-\ngramm ist sehr interessant zusammengestellt: Beethoven\nmit vier, Mozart, Ilaydn und Mendelssohn je mit zwei Wer-\nken, die Uebrigen je mit einem vertreten; und es ist beson-\nders lobenswerth, dass man diesmal doch auch auf noch\nlebende und jüngere Komponisten mehr Rücksicht genom-\nmen hat. So wird von Schumann das Clavier-Quartett ge-\ngeben, von Gade ein Octelt, von Volkmann und Veit Streich-\nQuartette, von L. Wrolf ein Clavier-Trio. In Bezug auf\ndiese alljährlichen Quartett-Productionen ist allein die Gress'-\nsche Broschüre, deren ich in meinem ersten Briefe erwähnte,\netwas zu hart gewesen in ihrem Urtheile, mindestens Herrn\nP. Hellmesberger gegenüber. Zwar an Grösse, Freiheit und\nTiefe der Auffassung fehlt es manchmal; es wird ein Biss-\nchen zu sehr en miniature gearbeitet; aber Schwung,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5196, "texte": "künstlerischer Ausdruck und ein ausserordentlich präcises\nZusammenspiel sind entschieden vorhanden. Am meisten\nbegründet waren die in obiger Broschüre Herrn Schlesinger,\nwelcher das Cello spielt, gemachten Vorwürfe, denn er\nbringt, namentlich im Basse, keinen markigen Ton zu\nStande; besser ist sein Tenor bestellt. Dass an diesem\nUebelstande sein Instrument zum Theil die Schuld trägt,\nist eine sehr zweideutige Entschuldigung. Unsere geschätz-\nten Quartettisten werden übrigens in diesem Winter auf\nihre Productionen sicherlich doppelte Sorgfalt verwenden,\nda ihnen eine qualitativ und quantitativ bedeutende Con-\ncurrenz bevorsteht; denn dem Vernehmen nach werden\nnicht nur die berühmten Gebrüder Müller, sondern auch\nVieuxtemps und Mösmer, ein Schüler Böhm's, hier Quar-\ntette veranstalten, woraus Sie allein schon entnehmen kön-\nnen, wie sehr dieses Musik-Genre bei uns an allgemeiner\nBeliebtheit immer mehr zunimmt. Am Abende des 6. No-\nvember nun eröffnete, wie billig, Haydn den Reigen der\nHellmesberger'schen Productionen, und zwar dessen treff-\nliches Quartett in D mit der Fuge im Mittelsatze des Fi-\nnale. Diesem folgte ein Dito für Ciavier und Violine in\nvon Seb. Bach, und Beethoven's Quartett in Gbildete den\nBeschluss. Vollendet wurde das letztere und ausnehmend\nschön die erste Violine im Adagio des Haydn'schen Quar-\ntetts von Prof. Hellmesberger gespielt, dagegen das unver-\ngleichliche Finale desselben etwas zu sehr\ngenommen, aber dennoch zur Wiederholung verlangt\nwurde. Dass der Clavier-Part des Bach'schen von Firn.\nProf. Fischhof gespielt wurde, versteht sich eigentlich von\nselbst; denn diesem wird in Wien Bach gleichsam still-\nschweigend zum Monopol eingeräumt. Dennoch befriedigte\nuns sein Vortrag diesmal nicht; denn er vergass die Lo-\ncalität und spielte mit gar zu dünnem Tone und ohne alle\nAnwendung des Pedals, so dass er, ausgenommen im Fi-\nnale, von dem scharfen Tone der Violine ganz gedeckt\nwurde. Dennoch aber blieb dieses Werk nicht ohne Wir-\nkung auf das überaus zahlreich versammelte Publicum, und\nder aufmerksame Beobachter macht überhaupt die Bemer-\nkung, dass sich dasselbe von Bach's Musik keineswegs ab-\ngestossen fühlt, dass es an Empfänglichkeit für den\neigentümlichen, tiefen Reiz seiner Compositionen nicht\nfehlt.\nAuch unsere Akademie der Tonkunst hat bereits ihre\nConcerte für November und December angekündigt, welche\nin zwei gesonderte Cyklen zerfallen werden und zu deren\nGunsten ihr, was selten geschieht, die Benutzung des schö-\nnen Saales im landständischen Gebäude eingeräumt wurde.\nVon ihrem wahrscheinlich noch nicht fixirten Programme\nhat sie einstweilen nur so viel bekannt gegeben, dass sie\nMendelssohn's nachgelassenen „Christus\" zur Aufführung\nbringen wird, welchen wir, da er hier noch unbekannt ist,\nmit grosser Spannung erwarten. Bisher waren die Concerte\ndieser Akademie theils wegen der Schülerhaftigkeit ihrer\nLeistungen, theils wegen ihrer interesselosen Programme\nwenig erquicklich, und wir sind begierig, ob sie in diesem\nWinter einen höheren Aufschwung nehmen werden. Frei-\nlich sind die Leiter derselben, die Herren Barth und Gen-\ntiluomo, den grossen Aufgaben der Kunst keinesfalls ge-\nwachsen, und da die Ausübenden sich doch allemal noch\nin dem Stadium der Schule befinden, so lässt sich Vollen-\ndetes wohl nicht erwarten. Jedenfalls steht uns in diesem\nWinter eine reichhaltige Concert-Saison bevor, und hof-\nfentlich wird das blosse, hohle Virtuosenthum darin keinen\nRaum zu üppigem Wachsthum finden. Zwar hat Hr. Will-\nmers für den nächsten Sonntag ein Concert angekündigt,\nund er wird uns darin mit einem „ Trovadore ispirato\" ,\n„Barcarolle\", und was sonst in sein Gebiet gehört, be-\nglücken, aber der Zettel meldet sein Concert nicht als ein\nerstes an, und ein Hr. Levieux-Galeuchet, welcher sich\nin den vorhergehenden Tagen sonderbarer Weise in dem-\nselben Saale gleichfalls mit Nebelbildern und Taschen-\nspieler-Künsten producirt, kann ihm leicht Eintrag thun.\nEben gestern war auch in dem Salon des Pianoforte-Fa-\nbricanten Seufrert ein Abend-Concert, deren derselbe im\nLaufe des Winters mehrere zu arrangiren gedenkt, und\ndas in seiner ersten Hälfte auch für den Musiker von In-\nteresse war, indem es Beethoven's unendlich liebenswürdi-\nges Trio in G, Op. 1, und Seb. Bach's prachtvolle, humor-\nerfüllte Fuge in B (Nr. XXI des wohltemporirten Claviers)\nbot, mit deren Vortrag sich die Herren Prof. Fischhof,\nHellmesberger und Schlesinger und Hr. Stanzieri, schon\nvon früheren Concerten vortheilhaft bekannt, auszeichneten.\nDie übrigen Nummern freilich enthielten fast nur noch jene\nGattung Musik, die wir, statt der himmlischen Venus, der\nVenus vulgivaga gewidmet nennen möchten, und von der\nein geistreicher Mann meinte, sie komme ihm so vor, als\nwenn eine ganze Schar von Mausen durch einander liefen,\nsich gegenseitig in die Schwänzchen bissen und endlich in\neinen unentwirrbaren Knäuel verstrickten. Doch zeigte sich\nauch in diesen Hr. Stanzieri als ein sehr gewandter, fein\nnuancirender Spieler, und der junge Heller als ein sehr\nfleissiger, in der Technik schon weit vorgeschrittener Schü-\nler des Prof. Hellmesberger. Die k. k. Hof-Opern-Sängerin\nFrl. Liebhardt gab einige Lieder-Vorträge zum Besten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3078, "texte": "Man weiss natürlich, warum ein Pianoforte-Fabricant haupt-\nsächlich solche Concerte veranstaltet; indessen muss man\nauch gestehen, dass der ausnehmend schöne, klangvolle\nTon des Instrumentes seiner Firma sehr zur Empfehlung\ngereichte, und ich wünschte sehr, dass die Erzeugnisse die-\nses Meisters sowohl, als die unseres trefflichen Schneider\nimmer weitere Anerkennung fänden, welche letztere na-\nmentlich gegenwärtig nicht nur an innerer und äusserer\nSchönheit denen von Streicher und Bösendorfer gleichkom-\nmen, sondern sie an Solidität und Dauerhaftigkeit überdies\nunbedingt übertreffen, wofür ich die untrüglichsten Be-\nfege '^enne.\nIm Opern-Theater haben wir, seit ich Ihnen zuletzt\nschrieb, Gelegenheit gehabt, Frl. La Grua kennen zu ler-\nnen, welche bei uns engagirt wird. Ihr erstes Debüt war die\nAmina in Bellini's Nachtwandlerin, welche Oper schon von der\ngegenwärtigen Generation langweilig gefunden wird und un-\nser Publicum nicht zu erwärmen vermochte. Ueberdies wurde\nsie auch, Hrn. Ander ausgenommen, sehr flau gegeben.\nFrl. La Grua selbst besitzt nun zwar sehr schätzenswerthe\nVorzüge, wie eine frische, gleichmässig ausgebildete Stimme,\neinen sehr prägnanten und zugleich ungekünstelten, manier-\nfreien Vortrag, ein ziemlich lebendiges Spiel und eine an-\ngenehme Erscheinung; aber dass sie die seit Jahren nur\nnothdürftig besetzte Rolle einer in der gros-\nsen Oper befriedigend werde ausfüllen können, möchte ich\nvorläufig um so mehr bezweifeln, als es ihrem Gesänge an\nGrösse, ihrer Stimme an solidem Umfange zu fehlen scheint.\nHierüber bestimmter zu urtheilen, wird uns ihr nächstes\nAuftreten in den Hugenotten Gelegenheit geben. Was ich\nIhnen schon in meinem ersten Briefe über meine geringe\nErwartung von unserer Oper schrieb, bestätigt sich immer\nmehr. Cornet denkt nicht im Entferntesten daran, seine mit\nso grossem Pomp der Welt verkündigten Principien zu\nrealisiren, und noch nie haben, selbst zur Zeit des relativ\nmit Recht vielgeschmähten Holbein'schen Regime's, Doni-\nzetti, Bellini und Verdi so überwiegend unser Repertoire\nbeherrscht. Frl. Wagner kommt und singt in Montecchi\nund Capuleti und in La Fovorita,Frl. La Grua kommt und\nsingt in La Sonnambula; neu inscenirte Opern seit einem\nhalben Jahre: La Dame blanche, an,\nund 1 Puritani;neue Opern: gar keine, an ihrer Stelle\nglanzvoll ausgestattete Ballette. Wenn Ihnen Ihr pariser\nCorrespondent jüngst meldete, dass die italiänische Oper in\nParis physisch todt sei, so melde ich Ihnen dagegen, dass\nbei uns die deutsche moralisch todt ist. Doch kann es so\nunmöglich lange fortgehen; denn nicht nur die gesammte\nmusicalische Kritik macht längst Opposition gegen Hrn.\nCornet, sondern auch das Publicum, zu seiner Ehre sei es\ngesagt, lässt ihn völlig im Stich. Zu Ende dieses Monats\nerst kommt Balfe's mit grosser Pracht ausgeschmückte\nReolanthe (nicht Theolante)zur Aufführung, und als weitere\nNovitäten für die Winter-Saison werden genannt: Auber's\n„Marco Spada\", FLotow's „Rübezahl\" und Thomas'\n„ Sommernachts-Traum\". Ob sich hierunter ' wirklich ein\nfetter Bissen befindet, wird sich zeigen.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "165", "page_fin": "165", "image_debut": 5, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.3", "titre_corps": "Aus Brüssel.", "titre_sommaire": "Aus Brüssel.", "signature_source": "ff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.5", "debut_caractere": 3080, "fin_caractere_exclue": 5544, "texte": "Aus Brüssel.\nff.\nDen 8. November 1853.\nAm Freitag den 4. November ist hier der junge, hoffnungsvolle\n1 onkünstler Alex. Stadtfeld im Alter von 27 Jahren gestorben.\nSchon längere Zeit an einem Brustübel leidend, war er im August\nvon Paris, wo er seit zwei Jahren wohnte, nach Belgien, welches\nsein zweites Vaterland geworden war, zurückgekommen, um einige\nZeit auf dem Lande zuzubringen. Vor etwa zwei Monaten zog er\nhieher, und weder die sorgfältigste Pflege zweier Frauen, die ihn\nwie den Adoptiv-Sohn des Hauses betrachteten, noch die Kunst\ndes Arzles vermochte das herbe Ziel hinauszuschieben. Sein Vater\nund seine Schwester, welche in Wiesbaden leben, haben ihn seit\ndem vorigen Jahre, wo er sie von Paris aus besuchte, nicht wie-\nder gesehen.\nAlexander Stadtfeld war zu Wiesbaden im Jahre 1826 geboren\nund zeigte schon früh ausgezeichnete musicalische Natur-Anlagen.\nSeine Eltern waren jedoch nicht in solchen äusseren Verhältnissen,\nwelche die Entwicklung derselben durch sorgfältige Erziehung und\nUnterricht möglich gemacht haben würden, so dass es ein Glück\nfür den talentvollen Knaben war, dass sich der König der Belgier\nseiner annahm, dessen huldvolle Unterstützung er auch bis an sein\nEnde genoss.\nAls Knabe von neun Jahren kam er auf das Conservatorium zu\nBrüssel. Hier studirte er zwölf Jahre lang Musik und errang auf\nallen Bildungsstufen die ersten Preise, zuletzt auch das grosse\nReise-Stipendium vom Staate. Seine ersten Gompositionen bewiesen,\ndass die Wohlthaten des Königs nicht einem Unwürdigen zugefallen\nwaren. Er hat Ouvertüren, Sinfonieen, Quartette, Chor-Gesangstücke,\nein Requiem, ein Te Deum u. s. w. geschrieben; seme Sachen zeigen\nschöpferische Phantasie und gründliche Arbeit. Sie erhielten in\nBrüssel und Paris Beifall; eine Aufführung seiner Ouvertüre zu\nHamlet ist auch in Ihrer Zeitung lobend erwähnt worden. Zuletzt\nschrieb er an einer Oper, deren Buch nach Shakespeare's Hamlet\nbearbeitet war,\nStadtfeld war kränklich und dcsshalb reizbar; er hatte liir die-\njenigen, die ihn nicht genauer kannten, etwas Kaltes und Abstos-\nsendes ; aber sein Gemüth war trefflich, sein Charakter stolz und\nfrei und wahr oft für die Sitten der heutigen Welt nur zu\nwahr im Wohlwollen wie im Missbehagen; Schmeichelei war\nihm bis in den Tod verhasst.\nSeinem Begräbnisse wohnten die höchsten Staatsbeamten und\nalle musicalischen und literarischen Notabililäten bei. Die Grabrede\nhielt sein Hilter Lehrer, Fetis, der Director des Conservatoriums."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "166", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.4", "titre_corps": "Aus Bonn.", "titre_sommaire": "Aus Bonn.", "signature_source": "G n", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3846, "texte": "Aus Bonn.\nG n.\nDen 15. November 1853.\nAm 4. November, dem Todestage Mendelssohn's, fand hier\ndas erste Abonncments-Conccrt Statt, und war das Programm des\nfür die Kunst bedeutungsvollen Tages halber hauptsächlich mit\nCompositionen von Mendelssohn ausgestattet. Eröffnet wurde das\nConcert durch G a d c 's vierte Sinfonie, die bei guter Ausführung\ndurch ihre Lieblichkeit und Feinheit einen höchst angenehmen Ein-\ndruck hervorbrachte. Sic wurde hier zum ersten Male gegeben.\nAn dieselbe reihte sich die weniger bekannte Arie von Mozart mit\nobligater Violine, und der Schluss des ersten Theilcs wurde durch\nzwei Chöre und eine Arie aus Paulus gebildet. Der zweite\nThcil brachte Mendelssohn's Musik zum Sommernachts-\nTraum, deren reizenden Tonweisen das Publicum bis zum\nSchlüsse mit gespanntester Theilnahme folgte. Das Orchester ver-\ndient alle Anerkennung in Betreff der fleissigen und aufmerksamen\nAusführung dieses sehr schwierigen Werkes, wenn auch der Man-\ngel ausreichender Kräfte in den Blasinstrumenten nicht verschwie-\ngen werden darf; indessen kann man von einem Orchester einer\nkleinen Stadt nicht das Vollkommene verlangen, zumal wenn diese\nStadt auch nicht das Geringste für die Hebung und Verbesserung\ndes Orchesters thut, so sehr sich auf der anderen Seite die An-\nsprüche auf die Leistungen desselben steigern.\nSamstag den 12. Nov. gab Clara Schumann ein Concert,\nüber das ich auch gern schreiben würde, wenn ich es ver-\nmöchte! Wahrlich, die Töne zu schildern, die diese Zauberin aus\ndem Instrumente hervorlockt, die Gefühle in Worte zu fassen, die\nmich beim Anhören dieses Spiels durchzuckten, das vermag ich\nnicht; ich kann nur immer noch hören, staunen und verehren. Sie\nspielte die grosse C-dwr-Sonat e von Beethoven, Op. 53. Ich\nhatte bisher eigentlich diese gewaltige Beethoven'sche Sonate noch\nnicht recht verstanden; nun aber diese Meisterin das Werk vor-\ntrug, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich hörte nicht\nnur Musik, nein, ich fühlte sie in mir, ich lebte in einem\nReich von Tönen, deren Harmoniecn mich wie mit Zauberbanden\numschlangen; es war nicht das Instrument, nicht die technische\nFertigkeit der Künstlerin, welche mich begeisterte, nein, es war\ndie Seele, der Geist des grossen Componisten, den sie durch ihr\nSpiel herauf zauberte, er fasste mich, und ein Wonncschaucr durch-\nbeiße meine Nerven. Ich war wie aufgelös t, wusste nicht mehr wo\nich war, und war froh, meinen Gefühlen durch einen rasenden Bei-\nfallsruf in etwa Luft machen zu können. Ich konnte nicht begrei-\nfen, dass nicht Alle mit in meinen Jubel einstimmten, und als\nnun vollends ein alter Philister neben mir meinte, die Dame spiele\nzwar recht artig, aber Hr. Aloys Schmitt habe ihm nicht minder\ngut gefallen, da dachte ich mit Göthe: Ach, Herr Gott, erbarm'\ndich doch des Herrn! Nach dieser Sonate folgten einige Nummern\naus den Mährchenbildern von Schuman n, für Piano und\nViola, Op. 113, unserem Wasielewski gewidmet, mit welchem\nsie sie spielte, und zum Schlüsse eine Etüde von Chopin und\nzwei Mendel s söhn's che Lieder. Die Mährchenbilder von\nSchumann sind eine schöne Composition, besonders gefiel mir das\nletzte in D-dur, dessen tief melancholische Melodie mit dem vorher\ngespielten scherzhaft capriciösen in F-dur (Nr. 2 des ersten Heftes)\ncontrastirte. Die Mendelssohn'schen Lieder verfehlten auch dies-\nmal ihre Wirkung nicht, mir aber war die Beethoven'sche Sonate\nnoch zu sehr im Gedächtniss, als dass ich ihnen die ganze Auf-\nmerksamkeit hätte widmen können, die sie verdienten. Ausser die-\nsen Piano-Vorträgen hörten wir noch einige Lieder, zwei von\nSchumann (Lotosblume und Widmung), dann Mendelssohn's Su-\nleika und Schubert's Post, von zwei Dilettantinnen als Dilettantin-\nnen vorgetragen. Zu Anfang des Concerles wurde das Quartett von\nSchumann für Piano u. s. w. gespielt, das ich zu hören leider\nverhindert war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "166", "image_debut": 6, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.5", "titre_corps": "Aus New-York.", "titre_sommaire": "Aus New-York.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.6", "debut_caractere": 3848, "fin_caractere_exclue": 5947, "texte": "Aus New-York.\nDen 25. 0 et ob er 1853.\nHier wird jetzt eine so reiche Fülle von musicalischen Genüs-\nsen geboten, dass man vor lauter Verlegenheit in der Wahl am\nEnde des Abends zu Hause bleiben wird. Den ganzen October\ndurch täglich Concert von Jullien, dann Abschieds-Concert von\nEckert und Pozzol i n i, Wohlthätigkeits-Concerte Jullien s und\nder Frau Sontag, drei Mal wöchentlich italiänischc Oper, Ballet,\ndie Pianisten Gottschalk und Jaell u. s. w. u. s. w. Das Zu-\nströmen von Künstlern nach dem Lande der Dollars und des Gold-\nstaubs hat bereits eine grosse Aenderung in den Forderungen ge-\nmacht, die das americanische Publicum jetzt stellt; die Zeit ist\nvorbei, wo nrittelmässige Talente hier etwas machen konnten, und\nes wird selbst den ausgezeichneten Künstlern jetzt eben so schwer,\nin der neuen Welt reich zu werden, als in der alten.\nIm Theater Niblo wird dreimal wöchentlich gesungen und drei-\nmal getanzt, und zwrar auf den Brettern und auf dem Seile. Die\nSänger leiern die bekannten italiänischcn Opern ab; im Ballet\nmacht eine Demoisclle Mathias Furore; am vollsten sind jedoch\ndie Seiltänzer-Abende, was freilich beweis'*, dass der feinere Ge-\nschmack, der in den gebildeten Ständen zu wurzeln beginnt, noch\nnicht im Geringsten ins Volk gedrungen ist. Jullien gibt, und\ndas recht wacker, auch Sinfonieen von Beethoven und Mendels-\nsohn, aber das Haupt-Zugstück ist seine neueste Polka; die tüch-\ntigen Solisten, wie Lavigne, König, Bottesini, Reichert, u. s. w.\nthun auch das Ihrige.\nKarl Eckert gab mitPozzolini (beide bisher bei der\nSontag engagirt) ein Abschieds-Concert, in welchem Frau Son-\ntag vorzüglich mitwirkte. Diese hat sich von ihrem Unfall erholt\nsie glitt nämlich, als sie im Begriffe war, das Dampfnoot von\nStaten-Island zu besteigen, aus und fiel zwischen dem Quai und\ndem Boote hinab, wobei sie jedoch mit Geistesgegenwart ein Tau\ndes Schiffes fasste und mit dem Schrecken und einigen Quetschun-\ngen davon kam. Sie wird ihre Kunstreise ins Innere beginnen, auf\nwelcher sie der Buffo Rocco, der junge Violinist Paul Julien\nund der Pianist Alfred Jaell begleiten."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c006", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "167", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.6", "titre_corps": "Deutsche Tonhalle.", "titre_sommaire": "Deutsche Tonhalle.", "signature_source": "Der Vereins-Vorstand", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.6", "debut_caractere": 5949, "fin_caractere_exclue": 6931, "texte": "Deutsche Tonhalle.\n\nNach dem Prcis-Ausschreiben vom Juni laufenden Jahres sind\nuns zehn Bewerbungen zugekommen, welche wir nun an die er-\nwählten Herren Preisrichter zur Bcurthcilung senden und diese be-\nkannt machen werden, sobald sie uns vorliegt.\nHiermit setzt der Verein zugleich einen Preis von zehn Duca-\nten aus für einen Quinteltsatz mit Einleitung für Flöte, Oboe, Cla-\nrinette, Horn und Fagott. Die Bewerbungen in Partitur, an deren\nkeine vom Vereine ein Eigcnthums-Anspruch gemacht wird, wollen\nim Monat Mai 1854 frei anher gesendet werden, versehen mit\neinem deutschen Sinnspruch und begleitet von einem versiegelten\nZettel, welcher den Namen und Wohnort des \\ erfassers enthält,\naussen denselben Spruch führt und einen Künstler benennt, wel-\nchen der Einsender als Preisrichter wählt.\nWir machen dabei auf die hicher bezüglichen Satzungen der\nTonhalle aufmerksam und haben anzuzeigen, dass uns Herr Dr. F.\nLiszt von Karlsruhe aus sagen liess,. ihn künftig mit Zuwendung"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 162, "texte": "des Preisrichter-Amtes zu verschonen, wonach wir also einer auf\ndenselben fallenden Wahl keine Folge geben können.\nMannheim, November 1853.\n\nDer Vereins-Vorstand."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c007", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "B. 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Es werden sechs\nAbend-Unterhaltungen Statt finden, in denen, ausser Streich-Quar-\ntetten und Quintetten, von unseren drei grossen Pianisten auch\nCompositionen für Pianoforte (mit Begleitung oder allein) werden\nvorgetragen Die erste fand Dinstag den 15. d. M. Statt;\nder vollendete Vortrag des llaydn'sehen Quartetts aus C-dur\nund des Be ethoven's chen Op. 18 D-dur bewiesen, dass wir,\nwie das alte Frankreich beim Regierungswechsel, ausrufen können:\n„Das kölner Quartett ist todt! Es lebe das kölner Quartett!\"\nAusserdem hörten wir eine Serenade für Pianoforle, Violine und\nVioloncell, von F. Hiller componirt und von ihm, Hartmann und\nBreuer vorgetragen. Die Serenade beginnt mit einem Alla Marcia,\ndem ein Scherz-oso, ein Menuelto, eine G/iasele, ein Intermezzo und\neine Tarantella folgen, welche zuletzt auf recht hübsche Weise wie-\nder zu dem Marsch zurückführt, mit welchem die Spieler, nachdem\nsie etwa eine kunstsinnige Freundin mit ihren Tönen erfreut ha-\nben, sich still wieder zurückziehen. Diesen Abend übernahm die\nganze Zuhörerschaft die Rolle der Gefeierten und dankte durch\nlebhaften Beifall. Zum Schlüsse spielte Hiller „Präludium, Gigue,\nSarabande, Gavotte und Fuge\" von J. S. Bach. Es war erfreu-\nlich, zu sehen, welchen Anklang das Unternehmen beim Publicum\ngefunden; der grosse Saal im Hotel Disch war ganz gefüllt. So\nschön dieser Saal auch ist, so ist doch zu bedauern, dass seine\nLage unmittelbar an der Einfahrt und dem Hofe allerlei nichts we-\nniger als musicalischen Klängen von aussen den Zugang zu den\nOhren der Zuhörer verstattet. Vielleicht lässt sich dieser Uebelstand\nfür die paar Stunden des Musikabends beseitigen.\nKarl Eckert war auf seiner Durchreise nach München und\nWien hier und in der Soiree anwesend. Sein Vertrag mit Frau\nRossi-Sontag ist also gelös't. (Vergleiche die Correspondenz aus\nN e w - Y o r k.)\nErnst Koch ist dem Vernehmen nach gesonnen, seine Stelle\nals Gesanglehrer an der Rheinischen Musikschule hier-\nselbst niederzulegen. Wir wollen im Interesse der Ansialt, ruelcher\nKoch seit ihrer Begründung die wirksamste Theilnahme gewidmet\nhat, hoffen, dass er derselben erhalten bleibe.\nIBiisselilorf. Es ist jetzt entschieden, dass Robert Schu-\nmann uns verlässt und wir somit den Verlust eines Künstler-\npaares am Rheine zu bedauern haben, welches schwerlich seines\nGleichen hat. Man spricht von der Berufung Stern's aus Berlin.\nDie Gebrüder Müller, gegenwärtig in Breslau, werden\nPrag und Wien, und auf ihrer Rückreise Berlin besuchen.\nHeidelberg* Dem bisherigen akademischen Musik-Director\nIL Winkel mei er, der seit 1846 hier wirkte und jetzt nach\nMainz geht, ist ein werthvoller silberner Ehrenbecher als Aner-\nkennung seiner Verdienste überreicht worden. Am Abend vor der\nAbreise desselben brachte ihm der „Liederkranz\" noch ein Ständ-\nchen. Man sieht Hrn. Winkel meier hier sehr ungern scheiden»\nda er in seiner siebenjährigen Wirksamkeit die eifrigste Thätigkeit\nund ein beharrliches Streben für die Verbreitung der echten Liebe\nzur Tonkunst gezeigt hat, welches um so eintlussreicher sein musste,\nals Hrn. Winkelmeier's musicalischer Tüchtigkeit als Dirigent und\nLehrer eine gründliche wissenschaftlich ästhetische Bildung zur\nSeite steht. Seinen neuen Wirkungskreis in Mainz hat er bereits\nbegonnen; das erste Conccrt unter seiner Leitung wird im Decem-\nber Statt linden und darin Mendelssohns Athalia zur Aufführung\ngebracht werden.\nIn Hannover ist die neue Oper Tony, Musik vom erlauch-\nten Componisten der „Casilda\", in der letzten Woche des October\nunter Marschner's Leitung zur Aufführung gekommen. Die Stim-\nmen der Kritik sind darüber getheilt. Das Finale des zweiten Ac-\ntes soll ein treffliches Musikstück sein. Die „Casilda\" wird in\nKarlsruhe und Königsberg vorbereitet.\nFrankfurt a. M., 14. Nov. Hr. v. Flotovv ist hier, um\nseine Oper „Rübezahl\" zur Aufführung zu bringen.\nFranz Liszt hat vom Prinz-Regenten von Baden das Com-\nmandeurkreuz des Zähringcr-Ordens erhalten.\nlieber die Aufführung der Missa solemnis in D von Beetho-\nven zu München am 1. November berichten wir in der näch-\nsten Nummer.\nIfcoüu. Döhler ist nach seiner Rückkehr von Neapel hier\nin seinem 44. Jahre gestorben. In Neapel hatte er seine letzte Com-\nposition geschrieben: Fantaisie sur des chants populaires Ncipolilains,\nmit dem Motto; Vecler Napoli e poi morir (Neapel sehen und dann\nsterben!), welches für ihn eine traurige Wahrheit geworden ist.\nSeine Witwe, eine Nichte des Grafen Scheremetieff, ist in Rom\ngeblieben. Der berühmte Componist und erste Contrapunktist\nItaliens, Raimond i, ist gestorben.\nVerdi hat sich König Lear (!) zu einem Li-\nbretto zustutzen lassen und schreibt darüber eine Oper für Florenz.\nl'aris, 13. Nov. Es steht zu befürchten, dass die Eröffnung\nder italiänischen Oper mit Rossinis Cenerentola durch die Abwe-\nsenheit des Hofes bedeutend an Glanz verlieren wird, obgleich alle\nLogen des grossen Saales bereits für den ganzen Winter gemiethet\nund für die erste Serie von Vorstellungen sämmtliche Plätze ver-\ngeben sein sollen. DieParodiund Frezzolini sind engagirt. Das\nEngagement der Cruvelli ander grossen Oper ist als ein\nwahres Ereigniss aufgenommen worden, und diese Nachricht war\nohne allen Scherz mächtig genug, um für mehrere Stunden die pari-\nser Gesellschaft so sehr zu beschäftigen, dass man den Kanonen-\nDonner an der Donau, den uns der Telegraph herüber trägt, ganz\nüberhörte. Fräulein Cruvelli ist die Löwin des Tages und theilt\ndiese Ehre mit Omer Pascha, dessen Portrait bei allen Kunsthänd-\nlern ausgestellt ist, dessen Biographie auf allen Boulevards ausge-\nschrieen wird. Die Engagements-Bedingungen der Cruvelli sind fa-\nbelhaft: 100,000 Frcs. für je acht Monate der nächsten zwei\nJahre, Abkauf des Urlaubs von zwei Monaten im Jahre 1855 zur\nZeit der Ausstellung für 50,000 Frcs.! Das Engagement beginnt mit\ndem 1. Januar 1854. Sic wird zuerst als Valentine in den Hu-\ngenotten oder als Jüdin in Halevy's Oper auftreten, und Sponti-\nni's VeStalin wird mit ihr neu in Scene gehen. Dagegen ver-\nliert die grosse Oper die Tedesco am 1. Februar."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 558, "texte": "In den musicalischen Kreisen erregt es grosses Aufsehen, dass\ndie Akademie für die durch Onslow 's Tod erledigte Stelle Clapisson,\nDavid, Niedermeyer, Reber und Batton vorgeschlagen und 11. Ber-\nlioz übergangen hat. Nach fünfmaliger Wahl hat Reber mit 18\nStimmen (Majorität von einer Stimme) den Sieg über Clapisson da-\nvon getragen, der ihn allein streitig machte. Es stimmten 35\nMitglieder.\nAuf dem Programm des ersten Conccrtes der Ste. Cecile (Diri-\ngent Seghers) steht Schumann's Ouvertüre zu Manfred,\nund ein Bruchstück aus J. S. Bach s Passion.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-19-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-19_01#c008", "volume": "bmtnabi_1853-11-19_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.2.8", "titre_corps": "Wie ein Capellmeister unfreiwilliger Mitarbeiter an der Niederrheinischen Musik- Zeitung wird.", "titre_sommaire": "Wie ein Capellmeister unfreiwilliger Mitarbeiter an der Niederrheinischen Musik- Zeitung wird.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.8", "debut_caractere": 560, "fin_caractere_exclue": 5207, "texte": "Wie ein Capellmeister unfreiwilliger Mit-\narbeiter an der Niederrheinischen Musik-\nZeitung wird.\nHeute erst bekomme ich Nr. 15 dieser Blätter zu Gesicht, nach-\ndem ich den darin enthaltenen Schindler'schen Aufsatz bereits im\n„Echo\" gefunden hatte, aber doch erst das Original in Händen zu\nhaben wünschte, ehe ich an die Existenz des classischen Unsinns,\n[??] welchen es ausspricht, glauben wollte. Ich werde mich wohl\nhüten, nach neun Jahren über das damals zu rasch oder zu langsam\ngenommene Tempo eines Musikstückes zu streiten. Was käme da-\nbei heraus ? Ich halte mich ja nicht für infallibel meinetwegen\nsoll es vergriffen gewesen sein! Aber was thut Herr Schindler?\nNachdem er mir vorgeworfen, ich hätte das fragliche Beethoven-\nsche Benedictus „als hinkendes Largo dahingeschleppt\", belehrt er\nuns, dass die in der Partitur fehlende Tempo-Bezeichnung An-\ndante con moto sei, wie er dies bereits im Jahre 1844 ausge-\nsprochen. Und zur Bestätigung seiner Ansicht dient ihm ein Beet-\nhoven'scher Brief, den Herr Professor Jahn bei Schott in Mainz\ngefunden, und welcher das Tempo des Benedictus angibt: Andante\nmolto cantabile e non troppo mosso. Es stellt sich also die\nSache folgender Maassen:\nBeethoven:\nAndante molto cantabile e non\ntroppo mosso.\nSchindler:\nAndante con molo.\nBekanntlich deutet „Caniabiie\" als Ueberschrift von Gesang-\nstücken auf einen mehr langsamen als schnellen Vortrag. (Vergl,\nUniversäl-Lexikon der Tonkunst, Ausgabe von Gassner.) Hier ist\nder Begriff der langsameren Bewegung noch durch das voran-\ngehende molto verstärkt worden; und damit „die jugendliche Hetz-\npeitsche\" (ein beliebter Schindler scher Ausdruck) des Dirigenten\nnur ja nicht\na) durch die heitere Tonart G-dur,\nb) durch die breiteren Formen des 1%-Tactes sammt der dort\nherrschenden rhythmischen Bewegung der Ton-Figuren,\nc) durch das die Singstimmen wie in einem Rahmen umfas-\nsende obligate Instrument (Violine),\nd) durch die in der neueren Kirchenmusik fast immer sich\ngleich bleibende Behandlung der Textesworte „Benedictes\nqui venit etc.\" in heiter kindlich frommer Weise\nverfuhrt werde, hier einen ersehnten Spielraum zu finden, so setzt\nder vorsichtige Beethoven zu dem Andante molto cantabile, welches\nschon an und für sich langsamer als Andante ist, noch hinzu: e non\niroppo mosso: „und nicht zu rasch\".\nWahrlich! wenn ich der Narr wäre, dem es hätte einfallen\nkönnen, jetzt, nach \\ erlauf von neun Jahren, den unfruchtbare»\nStreit über das zweifelhafte Tempo eines Musikstückes aufs Neue\nvor das Publicum zu bringen, so hätte ich zur Rechtfertigung mei-\nner damaligen Ansicht kein schlagenderes Document hinzustellen,\nals den durch Herrn Professor Jahn im Schottischen Archiv zu\nMainz aufgefundenen Brief Beethoven's, worin er das Tempo vom\nBenedictus bezeichnet: Andante molto cantabile e non troppo mosso,\nwas Herr Schindler als Beleg seines Andante con moto in die Welt\nhinausposaunt. Doch wie schon oben gesagt ich will mich\ngar nicht vertheidigen, ich kann Unrecht gehabt haben u. s. w.\nAber dass Beethoven und Schindler auch hier wieder, wie schon\nso oft, in entschiedenster Richtung divergiren das hat der For-\nschungseifer des Herrn Professors Jahn auf eclatante Art nachge-\nwiesen, und dafür sei dem geehrten Manne aufrichtiger Dank\ngesagt.\nBerlin, den 1. November 1853.\nHeinrich Dorn.\nNachschrift der Redaction.\nVerehrtester! Wie ein Capellmcister Mitarbeiter (nämlich\nwas Sie Mitarbeiter nennen) an einer Musik-Zeitung wird? Ei, die\nFrage ist leicht beantwortet: sobald sein Ich ins Spiel kommt. Be-\nruhigen Sie Sich darüber, Ihr Fall ist kein Ausnahme-Fall; Sie\nsind der erste Capellmcister nicht und werden auch nicht der letzte\nsein, der uns mit Zuschriften beehrt. Dass Sie Sich aber haben\ndazu zwingen müssen, thut uns leid, und wir dispensiren Sie\nfür die Zukunft gern von allen unfreiwilligen Beiträgen. In\nder Sache selbst können wir Ihnen gegen unseren wirklichen und\nfreiwilligen Mitarbeiter nicht Recht geben. Wenn es um die per-\nsönlichen Ansichten der Herren A. Schindler und 11. Dorn zu\nthun wäre, so hätten wir nichts dagegen, dass Sic „ein Narr wä-\nren\", wenn Sie den Streit über Ihre und eines Anderen Tem-\npo-Auffassung nach neun Jahren wieder vor das Publicum bräch-\nten. Es handelt sich aber nicht um Narrheiten, sondern um die\nEntscheidung Beethoven's über das Tempo eines der wun-\ndervollsten Stücke seines grössten Werkes; desshalb hat Schind-\nler den Jährlichen Fund bekannt gemacht, und es kommt dabei\nauf den Unterschied zwischen Sostenuto und Andante an, nicht\nauf unbedeutende Modificationen des Andante, und in Bezug auf\ndiesen sehr bedeutenden Unterschied hat Schindler offen-\nbar Recht. Suum cuique!"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.1", "texte": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.\nI.\nDas Neue übt bei der Prosa des Alltagslebens fast im-\nmer eine zweifache Gewalt aus; bei dem Einen erregt es\ndas Gefühl der Bewunderung, bei dem Anderen die Stim-\nmung der Verwunderung: jenen packt es, diesen frappirt\nes, jene ; begeistert es, diesen stört es.\nIn unserer Welt, im musicalischen Leben, hat lange\nnichts so stark die Gemüther aufgeregt, als Wagner's Ver-\nsuche einer Revolution gegen die bestehende Oper. Wäh-\nrend sein Anhang sie als ein Wunderwerk verherrlicht,\nsuchen die Vertreter der historischen Opernbühne sie als\nlampengefährlich zu bekämpfen. Beide Theile können gleich\nstark irren. Denn wenn man hinter den Tisch des Ta-\nschenspielers tritt, verliert sich das Wunder seiner Hände,\nwährend manche weitplanige Staats-Umwälzung zuletzt in\neine blosse unschädliche Erneute ausläuft.\nDie genauere Prüfung der Wagner'schen „ Absicht\" wil d\nwesentlich erleichtert, wenn man seine Auslassungen\nals Kritiker mit seinen dichterischen Producten vergleicht;\nerschwert durch die Unklarheit jener Ideen, wie durch\ndie sich widersprechenden Commentare seiner Bekenner, die\nihn eben desshalb oft halb, oft falsch verstehen.\nWenn Wagner kein anderer Ruhm gebührt, so ver-\ndient er doch jedenfalls den, ein lleissiger Empiriker, ein\nunermüdlicher Experimentator zu sein. Ist das Bekenntniss,\nals Opern-Componist früher selbst „geirrt\" zuhaben, auch\ndas einzige, welches sein starkes Selbstgefühl ihm gestattet,\nso ist es doch wichtig für die Beurtheilung seiner ferneren\nVersuche. Wäre er, wie man in seinem Heerlager ver-\nmeint, wirklich ein Lessing im Drama mit Noten, so würde\ner seiner Theorie mehr Gewicht beilegen müssen und seine\nDichtungen nur als Modelle betrachten. So aber erscheint\nihm wahrscheinlich die Behauptung, dass seine „drei Opern-\nTexte\" lediglich als ein Beispielbuch zu seiner Theorie von\n„Oper und Drama\" zu betrachten seien, jedenfalls als\nAusfluss „ästhetischer Willkür\", „unkünstlerischen In-\nstinctes\".\nWir beginnen jedoch trotz dem unsere Betrachtung\nmit dieser Behauptung. Wagner ist entschieden Dichter,\nWortdichter; diese Eigenschaft hat ihm noch Niemand,\nselbst unter seinen Gegnern Keiner, bestritten, Der blosse\nRuhm, ein fertiger Dichter zu sein, erscheint ihm aber als\nein nichtssagender, da das Wort ein unvollkommener\nLaut zum Ausdruck des Gefühls, alles Verstandes-\nwerk im Bereiche der Kunst aber nichtig und verwerflich\nist. So wird es ihm möglich, die gesammte Poesie als eine\nKunst-Art zu läugnen und die seither gepriesensten Blü-\nthen derselben als nur papierne Erscheinungen zu bezeich-\nnen. Mit dem Worte „Literat\" bezeichnet er jeden, dem\ndie seltene Fähigkeit, zugleich dichten und componiren zu\nkönnen, abgeht; blosse „Literaten\" waren Schiller, Göthe,\nselbst Shakespeare. Nur das dramatische Dreigestirn der\nAltgriechen steht über dem Literatenthume der jüngeren\nJahrhunderte erhaben, weil ihm der glückliche Umstand zu\nTheil geworden, in einer musicalisch klingenden Sprache\ngeschrieben und in den Chören rhythmische Musik\nO\nbesessen zu haben, der die Fehler der „unvollkommenen\"\nMusik der Neuzeit, gesctzmässige Harmonie und Melodie,\nabgingen.\nIn der Oper nun tadelt Wagner insbesondere zwei\nRichtungen. Er verwirft eben so die lyrische Oper, die\nOper, welche als Trägerin breit gesponnener Empfindungen\nerscheint, als die historische, welche nach ihm nur Situa-\ntionen von charakteristischem Gepräge bringt. Jene, die\nitaliänische, hat der absoluten, der rein sinnlichen Musik\ndie Bahn gebrochen, hat den Sänger zur Hauptperson, die\nGesangs-Melodie zum Endziel gemacht; diese, die franzö-\nsisch-deutsche, hat die bizarre Tonmalerei, die hohle Mas-\nsen-Musik, den Effect, „eine Wirkung ohne Ursache\", her-\nvorgerufen. Wäre ein Genre von Beiden zulässig, so wäre\nes noch die eine Unterart jener Melodie-Oper, wie sie Mo-\nzart und Weber nicht ohne Glück angebaut. Was nun\nWagner's eigene Opern anlangt, so hat er beide jetzt\nvon ihm verpönte Genre's einst selbsteigen angebaut. Er\nhat, vonßellini's Triumphen in Paris angezogen, zuerst eine"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.2", "texte": "lyrische Oper mit italiänischer Sangmässigkeit, mit vorherr-\nschender Melodie geschrieben, „Das Liebes-Verbot\". Als\ndiese Oper liegen blieb, horchte der unermüdete Experi-\nmentator der grossen Oper aufmerksam zu und schrieb,\nnach Spontini's und Meyerbeer's Vorgang Männer, die\ner jetzt „Pedanten und Gauner\" schmäht —, ein Effect-\nstück in optima forma, den „Rienzi\". Diese Oper verhalf\nihm zu einer äusserlich glänzenderen Stellung, diese Oper\nerweckte ihm die ersten Freunde und Lobpreiser, diese\nOper, d. h. die dresdener Aufführung, berauschte sogar\neinen guten Theil der Tages-Kritiker.\nWer den „Rienzi\" aber aufmerksam und unbefangen\nsah und hörte, der kam bald zu dem Urtheile, dass Wag-\nner hiermit, wenn auch nicht den Gipfel dieser Kunstgat-\ntung, so doch deren letzten, äussersten Gränzstein erreicht\nhatte. Leber denselben vermochte er nicht hinauszugehen,\nso wenig, als Spontini über die Olympia, Auber über die\nStumme u. s. w. Beim ersten Schritte, den er weiter ge-\nwagt, wäre ihm der Athem und seinen Verehrern die Be-\ngeisterung unfehlbar ausgegangen. Denn diese Oper war\nerfüllt mit dem Effect aller Effecte, der Summe der dra-\nmatischen Massenhaftigkeit, der Quintessenz aller negati-\n\\ en-Eigenschaften der pariser grossen Oper. Wunderlich\npaarten sich in dieser Musik hohler Pathos und Trivialität,\nMelismen und Disharmoniecn, Trockenheit der Declamation\nund maasslose Wucht der Begleitung. Und doch ist der\nText ein poetischer, der Vers einige hinkende Jamben\nabgerechnet iiiessend, die Diction schwunghaft und das\ngewählte Sujet, dessen Erfindung freilich Bulwer zur\nEhre gereicht, von grosser Wirkung und sehr dramatisch\nund geschickt bearbeitet. Wäre die historische Poesie nach\nWa gner nicht eine künstlerische Todsünde, so würde er\ndemliienzi-Text unter allen der späteren Werke von ihm den\nVorzug einräumen müssen. Denn hier vereinigt sich durch-\nweg dramatische Handlung mit dem Toben der Leiden-\nschaften, scharfe Charakteristik mit Wahrheit, mit Natür-\nlichkeit der Situation; hier ist Steigerung, Stoffbeherrschung,\ngeschmackvolle Behandlung eben so in den Worten anzu-\ntreffen, als in der Musik zu vermissen.\nAllein Wagner's kritische Feder vernichtet jetzt mit\nzwei Zügen, was damals seine dichterische geschaffen, ob\naus innerer Ueberzeugung, ob um seinen späteren Versu-\nchen Eingang zu verschaffen, lassen wir dahingestellt. Er\ncassirt alle Oper, die gewesen, bis zu und mit seinem\nRienzi, er läugnet, dass vor seinen späteren Versuchen das,\nwas er echt dramatisches Gefüge nennt, irgendwo in einem\nOpern-Texte zu finden sei. -Der Irrthum in der Oper\",\nbehauptet er, „bestand darin, dass ein Mittel des Aus-\ndrucks, die Musik, zum Zwecke, der Zweck des Ausdrucks,\ndas Drama, zum Mittel gemacht wurde.\"\nDieser Satz soll das Fundament für die beginnende\nOper-Reform abgeben, mit ihm steht oder fällt daher die\nKritik Wagner's gegen die alte und für die neue Oper. Er\nmuss desshalb vor Allem scharf beleuchtet werden.\nDie Aufgabe des Menschen als empfindenden We-\nsens ist die Erkenntniss und Darstellung des Schönen. Die-\nses Streben heisst man die Kunst, sein Ziel ist das Kunst-\nwerk. Die Kunst ist, wie das Schöne, für alle Menschen\nda; den Künstler macht der stärkere Grad von Phantasie\nzum Dichter, Maler u. s. w., der Laie, dem die Gabe der\nErfindung abgeht, muss sich begnügen, seine schwächere,\nschlummernde Phantasie von dem Künstler erwecken zu\nlassen. Jener schafft das Schöne, dieser erkennt es; in\nden Genus s theilen sich Beide.\nDer Künstler wählt je nach seinen natürlichen Anla-\ngen zum Ausdruck seiner Idee vom Schönen, zur Darstel-\nlung des Inhalts des Kunstwerkes, eine der vorhandenen\nDarstellungsfonnen. Natürlich sind diese nicht der Zweck,\nsondern nur die Mittel. Sind es Farben, so heisst der\nKünstler Maler, sind es Worte, Dichter, sind es Töne, Mu-\nsiker. Neben diesen Hauptmitteln des künstlerischen Schaf-\nfens gibt es aber wieder verschiedene Nebenmittel oder\nbesser Unterarten der Darstellungsform, welche sich\nzu den Hauptmitteln verhalten, wie die Zweige eines Bau-\nmes zu den Aesten. Wählt der Dichter den einfachen Vers,\nso ist das Kunstwerk ein Gedicht, wählt er Prosa und er-\nzählende Darstellungsweise, ein Roman, wählt er den blos-\nsen Dialog, Drama. Der Musiker dagegen, will er nur\n1 ondichter sein, belebt das Orchester oder ein einzelnes\nInstrument und schafft so Sinfonieen, Ouvertüren, Sona-\nten; wählt er dagegen die menschliche Stimme zum Aus-\ndrucksmittel seiner Idee, so ist er an den Wortdichter\nverwiesen. Das Werk wird demnach, wenn er von letz-\nterem ein Gedicht entlehnt, der Form nach ein Lied,\nwenn darstellende Prosa (oder Verse), Cantate oder Ora-\ntorium, wenn dramatischen Dialog, Oper.\nWa gner hat also ganz Recht, wenn er die Musik ein\nMittel des Ausdrucks oder, wie wir sagen wollen, eine Dar-\nstellungslorm des Kunstwerkes nennt; denn was kann man\nkünstlerisch Anderes ausdrücken, als die Idee vom Schönen ?\nEben so wird er die Poesie ein Mittel des Ausdrucks\nnennen müssen. Wie aber kann denn behauptet werden,\neine Unterart dieses Mittels, ein Zweig der Dichtkunst,\ndas Drama, sei der Zweck des Ausdrucks selbst?"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.3", "texte": "Ist Form und Wesen gleichbedeutend? Ist die Darstellungs-\nweise zugleich der Gegenstand, der Inhalt der Darstellung?\nDie Art und Weise, wie der Reformator der Oper\nden „ Irrthum\" in der Oper darthun woiite, war also selbst\neine grundfalsche; er beging so zu sagen einen Irrthum\nim Irrthume. Dies erhellt auch noch aus Wagner's eigenen\nWorten, indem er an einer Stelle vom Iloman des Mittel-\nalters sagt, „er habe so wenig zerstreut, dass man zur\nunmittelbaren Darstellung an die Sinne, zum Drama,\nübergehen musste\", während er an einer dritten Stelle so-\ngar behauptet, „der Weg des Dichters gehe aus der Phi-\nlosophie heraus zum Kunstwerke, zur Verwirklichung\ndes Gedankens in der Sinnlichkeit\".\nDer Irrthum in der Oper-Setzweise bestand vielmehr,\nnach unserer Meinung, darin, dass gewöhnlich das eine der\nMittel zum Zwecke gemacht wurde, wobei man natürlich\ndie Aufgabe, \"die harmonische Darstellung der Idee des\nSchönen, den nur durch innige Verbindung beider Mittel\nerreichbaren Zweck, aus den Augen verlor und so nicht\nzum einheitlichen Kunstwerke gelangte. Vorzugsweise\nist mit vorherrschender Musik gefehlt worden, so in der\nitalienischen Oper, der so genannten ernsten, wie der lyri-\nschen, die man beide richtiger als Concert-Opcrn bezeich-\nnen könnte. Aber auch mit vorherrschendem Texte ist\nschon und zwar lange vor Wagner - gesündigt\nworden; man denke nur an Cherubini's einheitlose Compo-\nsitionen und an Halevy's Pikanterieen!\nDie Ursache von jener Richtung ist theils in dem sinn-\nlichen Charakter der Italiener, theils in der blinden Nach-\nahmungssucht ihrer Nachbarvölker, theils endlich und haupt-\nsächlich bei den allerdings unbefähigten Dichterlingen der\nmeisten Opern-Texte zu suchen. Diese poetische Impotenz\nhat auf das Schicksal einer Menge von Opern den nach-\ntheiligsten Einfluss ausgeübt, indem sie deren Untergang,\ndas schnelle Vergessen einer an sich oft trefflichen Musik\nherbeiführte, weil sie die Wirksamkeit der letzteren gänz-\nlich lähmte. Erklärlich aber ist sie sehr wohl aus dem Um-\nstände, dass sich über der Geschmacks-Richtung ihrer Zeit\nerhabene, geniale, mit tieferer Phantasie begabte Dichter\nnatürlich nie zum Verfertigen eines Opern-Textes herga-\nben, indem sie es vorzogen, selbstständige, frei geschaffene\nKunstwerke zu liefern, und es verschmähten, mit einem\nanderen Künstler gemeinsam, oder richtiger mehr oder we-\nniger abhängig von ihm, zu schaffen, zumal sie voraus\nwussten, dass dieser die etwaigen Palmen ihrer beiderseiti-\ngen Arbeit ganz allein brechen würde. So waren es, wie\nWagner richtig bemerkt, gewöhnlich in Sold und Lohn\ngenommene Literaten, welche trockene Knochengerüste zu\ndramatischer Musik aufbauten. Unterzogen sich dennoch\nzuweilen einzelne bedeutendere Dichter dieser undankba-\nren Mühe, so verstanden sie entweder zu wenig von der\nMusik, wie Göthe, oder setzten sich, um des lieben Ver-\ndienstes willen, allen Vor- und Nachtheilen eines Com-\npagnie-Geschäftes aus, wie Scribe.\nDennoch aber ist es merkwürdig, wie viele unbedeu-\ntende, mangelhafte Texte zu herrlichen Gebilden der Ton-\nkunst Anlass gegeben haben, im Bereiche des Liedes, wie\nder Operl War nur der Vorwurf irgendwie musicalisch\nausführbar, der Componist selbst Poet, so arbeitete er die\ngebrechlichen Worte gewisser Maassen um, verdeckte ihre\nSchwächen durch die Reize der Musik und verklärte auf\ndas anmuthigste ihren Inhalt. Man denke an Mozart's Don\nJuan und Zauberflöte, an Marschner's Vampyr, an Meyer-\nbeer's Robert. So verwandelt sich der farblose, gestaltlose\nSchleim der Muschel oft in die glänzende, köstliche Perle.\n\nWiener Briefe.\n\nDe» 9. NoTcrabcr 1833.\nUnter den Auspicien des November wurde bei uns\nder diesjährige musicalische Winter-Feldzug eröffnet. Das\nBulletin der grossen Hauptschlachten habe ich Ihnen schon\ndas letzte Mal, soweit es ausgegeben, mitgetheilt; es ist\naber auch bereits das der bedeutendsten kleineren erschie-\nnen, und mit jeder Woche werden sich nunmehr neue an-\nkündigen. Professor Hellmesberger nämlich im Verein mit\nden Herren Durst, Heyssler und Schlesinger hat das Pro-\ngramm von dem ersten Cyklus der periodischen Quar-\ntett-Productionen veröffentlicht, ja, die erste derselben hat\nbereits am verflossenen Sonntag Statt gefunden. Das Pro-\ngramm ist sehr interessant zusammengestellt: Beethoven\nmit vier, Mozart, Ilaydn und Mendelssohn je mit zwei Wer-\nken, die Uebrigen je mit einem vertreten; und es ist beson-\nders lobenswerth, dass man diesmal doch auch auf noch\nlebende und jüngere Komponisten mehr Rücksicht genom-\nmen hat. So wird von Schumann das Clavier-Quartett ge-\ngeben, von Gade ein Octelt, von Volkmann und Veit Streich-\nQuartette, von L. Wrolf ein Clavier-Trio. In Bezug auf\ndiese alljährlichen Quartett-Productionen ist allein die Gress'-\nsche Broschüre, deren ich in meinem ersten Briefe erwähnte,\netwas zu hart gewesen in ihrem Urtheile, mindestens Herrn\nP. Hellmesberger gegenüber. Zwar an Grösse, Freiheit und\nTiefe der Auffassung fehlt es manchmal; es wird ein Biss-\nchen zu sehr en miniature gearbeitet; aber Schwung,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.4", "texte": "künstlerischer Ausdruck und ein ausserordentlich präcises\nZusammenspiel sind entschieden vorhanden. Am meisten\nbegründet waren die in obiger Broschüre Herrn Schlesinger,\nwelcher das Cello spielt, gemachten Vorwürfe, denn er\nbringt, namentlich im Basse, keinen markigen Ton zu\nStande; besser ist sein Tenor bestellt. Dass an diesem\nUebelstande sein Instrument zum Theil die Schuld trägt,\nist eine sehr zweideutige Entschuldigung. Unsere geschätz-\nten Quartettisten werden übrigens in diesem Winter auf\nihre Productionen sicherlich doppelte Sorgfalt verwenden,\nda ihnen eine qualitativ und quantitativ bedeutende Con-\ncurrenz bevorsteht; denn dem Vernehmen nach werden\nnicht nur die berühmten Gebrüder Müller, sondern auch\nVieuxtemps und Mösmer, ein Schüler Böhm's, hier Quar-\ntette veranstalten, woraus Sie allein schon entnehmen kön-\nnen, wie sehr dieses Musik-Genre bei uns an allgemeiner\nBeliebtheit immer mehr zunimmt. Am Abende des 6. No-\nvember nun eröffnete, wie billig, Haydn den Reigen der\nHellmesberger'schen Productionen, und zwar dessen treff-\nliches Quartett in D mit der Fuge im Mittelsatze des Fi-\nnale. Diesem folgte ein Dito für Ciavier und Violine in\nvon Seb. Bach, und Beethoven's Quartett in Gbildete den\nBeschluss. Vollendet wurde das letztere und ausnehmend\nschön die erste Violine im Adagio des Haydn'schen Quar-\ntetts von Prof. Hellmesberger gespielt, dagegen das unver-\ngleichliche Finale desselben etwas zu sehr\ngenommen, aber dennoch zur Wiederholung verlangt\nwurde. Dass der Clavier-Part des Bach'schen von Firn.\nProf. Fischhof gespielt wurde, versteht sich eigentlich von\nselbst; denn diesem wird in Wien Bach gleichsam still-\nschweigend zum Monopol eingeräumt. Dennoch befriedigte\nuns sein Vortrag diesmal nicht; denn er vergass die Lo-\ncalität und spielte mit gar zu dünnem Tone und ohne alle\nAnwendung des Pedals, so dass er, ausgenommen im Fi-\nnale, von dem scharfen Tone der Violine ganz gedeckt\nwurde. Dennoch aber blieb dieses Werk nicht ohne Wir-\nkung auf das überaus zahlreich versammelte Publicum, und\nder aufmerksame Beobachter macht überhaupt die Bemer-\nkung, dass sich dasselbe von Bach's Musik keineswegs ab-\ngestossen fühlt, dass es an Empfänglichkeit für den\neigentümlichen, tiefen Reiz seiner Compositionen nicht\nfehlt.\nAuch unsere Akademie der Tonkunst hat bereits ihre\nConcerte für November und December angekündigt, welche\nin zwei gesonderte Cyklen zerfallen werden und zu deren\nGunsten ihr, was selten geschieht, die Benutzung des schö-\nnen Saales im landständischen Gebäude eingeräumt wurde.\nVon ihrem wahrscheinlich noch nicht fixirten Programme\nhat sie einstweilen nur so viel bekannt gegeben, dass sie\nMendelssohn's nachgelassenen „Christus\" zur Aufführung\nbringen wird, welchen wir, da er hier noch unbekannt ist,\nmit grosser Spannung erwarten. Bisher waren die Concerte\ndieser Akademie theils wegen der Schülerhaftigkeit ihrer\nLeistungen, theils wegen ihrer interesselosen Programme\nwenig erquicklich, und wir sind begierig, ob sie in diesem\nWinter einen höheren Aufschwung nehmen werden. Frei-\nlich sind die Leiter derselben, die Herren Barth und Gen-\ntiluomo, den grossen Aufgaben der Kunst keinesfalls ge-\nwachsen, und da die Ausübenden sich doch allemal noch\nin dem Stadium der Schule befinden, so lässt sich Vollen-\ndetes wohl nicht erwarten. Jedenfalls steht uns in diesem\nWinter eine reichhaltige Concert-Saison bevor, und hof-\nfentlich wird das blosse, hohle Virtuosenthum darin keinen\nRaum zu üppigem Wachsthum finden. Zwar hat Hr. Will-\nmers für den nächsten Sonntag ein Concert angekündigt,\nund er wird uns darin mit einem „ Trovadore ispirato\" ,\n„Barcarolle\", und was sonst in sein Gebiet gehört, be-\nglücken, aber der Zettel meldet sein Concert nicht als ein\nerstes an, und ein Hr. Levieux-Galeuchet, welcher sich\nin den vorhergehenden Tagen sonderbarer Weise in dem-\nselben Saale gleichfalls mit Nebelbildern und Taschen-\nspieler-Künsten producirt, kann ihm leicht Eintrag thun.\nEben gestern war auch in dem Salon des Pianoforte-Fa-\nbricanten Seufrert ein Abend-Concert, deren derselbe im\nLaufe des Winters mehrere zu arrangiren gedenkt, und\ndas in seiner ersten Hälfte auch für den Musiker von In-\nteresse war, indem es Beethoven's unendlich liebenswürdi-\nges Trio in G, Op. 1, und Seb. Bach's prachtvolle, humor-\nerfüllte Fuge in B (Nr. XXI des wohltemporirten Claviers)\nbot, mit deren Vortrag sich die Herren Prof. Fischhof,\nHellmesberger und Schlesinger und Hr. Stanzieri, schon\nvon früheren Concerten vortheilhaft bekannt, auszeichneten.\nDie übrigen Nummern freilich enthielten fast nur noch jene\nGattung Musik, die wir, statt der himmlischen Venus, der\nVenus vulgivaga gewidmet nennen möchten, und von der\nein geistreicher Mann meinte, sie komme ihm so vor, als\nwenn eine ganze Schar von Mausen durch einander liefen,\nsich gegenseitig in die Schwänzchen bissen und endlich in\neinen unentwirrbaren Knäuel verstrickten. Doch zeigte sich\nauch in diesen Hr. Stanzieri als ein sehr gewandter, fein\nnuancirender Spieler, und der junge Heller als ein sehr\nfleissiger, in der Technik schon weit vorgeschrittener Schü-\nler des Prof. Hellmesberger. Die k. k. Hof-Opern-Sängerin\nFrl. Liebhardt gab einige Lieder-Vorträge zum Besten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.5", "texte": "Man weiss natürlich, warum ein Pianoforte-Fabricant haupt-\nsächlich solche Concerte veranstaltet; indessen muss man\nauch gestehen, dass der ausnehmend schöne, klangvolle\nTon des Instrumentes seiner Firma sehr zur Empfehlung\ngereichte, und ich wünschte sehr, dass die Erzeugnisse die-\nses Meisters sowohl, als die unseres trefflichen Schneider\nimmer weitere Anerkennung fänden, welche letztere na-\nmentlich gegenwärtig nicht nur an innerer und äusserer\nSchönheit denen von Streicher und Bösendorfer gleichkom-\nmen, sondern sie an Solidität und Dauerhaftigkeit überdies\nunbedingt übertreffen, wofür ich die untrüglichsten Be-\nfege '^enne.\nIm Opern-Theater haben wir, seit ich Ihnen zuletzt\nschrieb, Gelegenheit gehabt, Frl. La Grua kennen zu ler-\nnen, welche bei uns engagirt wird. Ihr erstes Debüt war die\nAmina in Bellini's Nachtwandlerin, welche Oper schon von der\ngegenwärtigen Generation langweilig gefunden wird und un-\nser Publicum nicht zu erwärmen vermochte. Ueberdies wurde\nsie auch, Hrn. Ander ausgenommen, sehr flau gegeben.\nFrl. La Grua selbst besitzt nun zwar sehr schätzenswerthe\nVorzüge, wie eine frische, gleichmässig ausgebildete Stimme,\neinen sehr prägnanten und zugleich ungekünstelten, manier-\nfreien Vortrag, ein ziemlich lebendiges Spiel und eine an-\ngenehme Erscheinung; aber dass sie die seit Jahren nur\nnothdürftig besetzte Rolle einer in der gros-\nsen Oper befriedigend werde ausfüllen können, möchte ich\nvorläufig um so mehr bezweifeln, als es ihrem Gesänge an\nGrösse, ihrer Stimme an solidem Umfange zu fehlen scheint.\nHierüber bestimmter zu urtheilen, wird uns ihr nächstes\nAuftreten in den Hugenotten Gelegenheit geben. Was ich\nIhnen schon in meinem ersten Briefe über meine geringe\nErwartung von unserer Oper schrieb, bestätigt sich immer\nmehr. Cornet denkt nicht im Entferntesten daran, seine mit\nso grossem Pomp der Welt verkündigten Principien zu\nrealisiren, und noch nie haben, selbst zur Zeit des relativ\nmit Recht vielgeschmähten Holbein'schen Regime's, Doni-\nzetti, Bellini und Verdi so überwiegend unser Repertoire\nbeherrscht. Frl. Wagner kommt und singt in Montecchi\nund Capuleti und in La Fovorita,Frl. La Grua kommt und\nsingt in La Sonnambula; neu inscenirte Opern seit einem\nhalben Jahre: La Dame blanche, an,\nund 1 Puritani;neue Opern: gar keine, an ihrer Stelle\nglanzvoll ausgestattete Ballette. Wenn Ihnen Ihr pariser\nCorrespondent jüngst meldete, dass die italiänische Oper in\nParis physisch todt sei, so melde ich Ihnen dagegen, dass\nbei uns die deutsche moralisch todt ist. Doch kann es so\nunmöglich lange fortgehen; denn nicht nur die gesammte\nmusicalische Kritik macht längst Opposition gegen Hrn.\nCornet, sondern auch das Publicum, zu seiner Ehre sei es\ngesagt, lässt ihn völlig im Stich. Zu Ende dieses Monats\nerst kommt Balfe's mit grosser Pracht ausgeschmückte\nReolanthe (nicht Theolante)zur Aufführung, und als weitere\nNovitäten für die Winter-Saison werden genannt: Auber's\n„Marco Spada\", FLotow's „Rübezahl\" und Thomas'\n„ Sommernachts-Traum\". Ob sich hierunter ' wirklich ein\nfetter Bissen befindet, wird sich zeigen.\n\nB.\n\nAus Brüssel.\nff.\nDen 8. November 1853.\nAm Freitag den 4. November ist hier der junge, hoffnungsvolle\n1 onkünstler Alex. Stadtfeld im Alter von 27 Jahren gestorben.\nSchon längere Zeit an einem Brustübel leidend, war er im August\nvon Paris, wo er seit zwei Jahren wohnte, nach Belgien, welches\nsein zweites Vaterland geworden war, zurückgekommen, um einige\nZeit auf dem Lande zuzubringen. Vor etwa zwei Monaten zog er\nhieher, und weder die sorgfältigste Pflege zweier Frauen, die ihn\nwie den Adoptiv-Sohn des Hauses betrachteten, noch die Kunst\ndes Arzles vermochte das herbe Ziel hinauszuschieben. Sein Vater\nund seine Schwester, welche in Wiesbaden leben, haben ihn seit\ndem vorigen Jahre, wo er sie von Paris aus besuchte, nicht wie-\nder gesehen.\nAlexander Stadtfeld war zu Wiesbaden im Jahre 1826 geboren\nund zeigte schon früh ausgezeichnete musicalische Natur-Anlagen.\nSeine Eltern waren jedoch nicht in solchen äusseren Verhältnissen,\nwelche die Entwicklung derselben durch sorgfältige Erziehung und\nUnterricht möglich gemacht haben würden, so dass es ein Glück\nfür den talentvollen Knaben war, dass sich der König der Belgier\nseiner annahm, dessen huldvolle Unterstützung er auch bis an sein\nEnde genoss.\nAls Knabe von neun Jahren kam er auf das Conservatorium zu\nBrüssel. Hier studirte er zwölf Jahre lang Musik und errang auf\nallen Bildungsstufen die ersten Preise, zuletzt auch das grosse\nReise-Stipendium vom Staate. Seine ersten Gompositionen bewiesen,\ndass die Wohlthaten des Königs nicht einem Unwürdigen zugefallen\nwaren. Er hat Ouvertüren, Sinfonieen, Quartette, Chor-Gesangstücke,\nein Requiem, ein Te Deum u. s. w. geschrieben; seme Sachen zeigen\nschöpferische Phantasie und gründliche Arbeit. Sie erhielten in\nBrüssel und Paris Beifall; eine Aufführung seiner Ouvertüre zu\nHamlet ist auch in Ihrer Zeitung lobend erwähnt worden. Zuletzt\nschrieb er an einer Oper, deren Buch nach Shakespeare's Hamlet\nbearbeitet war,\nStadtfeld war kränklich und dcsshalb reizbar; er hatte liir die-\njenigen, die ihn nicht genauer kannten, etwas Kaltes und Abstos-\nsendes ; aber sein Gemüth war trefflich, sein Charakter stolz und\nfrei und wahr oft für die Sitten der heutigen Welt nur zu\nwahr im Wohlwollen wie im Missbehagen; Schmeichelei war\nihm bis in den Tod verhasst.\nSeinem Begräbnisse wohnten die höchsten Staatsbeamten und\nalle musicalischen und literarischen Notabililäten bei. Die Grabrede\nhielt sein Hilter Lehrer, Fetis, der Director des Conservatoriums."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.6", "texte": "Aus Bonn.\nG n.\nDen 15. November 1853.\nAm 4. November, dem Todestage Mendelssohn's, fand hier\ndas erste Abonncments-Conccrt Statt, und war das Programm des\nfür die Kunst bedeutungsvollen Tages halber hauptsächlich mit\nCompositionen von Mendelssohn ausgestattet. Eröffnet wurde das\nConcert durch G a d c 's vierte Sinfonie, die bei guter Ausführung\ndurch ihre Lieblichkeit und Feinheit einen höchst angenehmen Ein-\ndruck hervorbrachte. Sic wurde hier zum ersten Male gegeben.\nAn dieselbe reihte sich die weniger bekannte Arie von Mozart mit\nobligater Violine, und der Schluss des ersten Theilcs wurde durch\nzwei Chöre und eine Arie aus Paulus gebildet. Der zweite\nThcil brachte Mendelssohn's Musik zum Sommernachts-\nTraum, deren reizenden Tonweisen das Publicum bis zum\nSchlüsse mit gespanntester Theilnahme folgte. Das Orchester ver-\ndient alle Anerkennung in Betreff der fleissigen und aufmerksamen\nAusführung dieses sehr schwierigen Werkes, wenn auch der Man-\ngel ausreichender Kräfte in den Blasinstrumenten nicht verschwie-\ngen werden darf; indessen kann man von einem Orchester einer\nkleinen Stadt nicht das Vollkommene verlangen, zumal wenn diese\nStadt auch nicht das Geringste für die Hebung und Verbesserung\ndes Orchesters thut, so sehr sich auf der anderen Seite die An-\nsprüche auf die Leistungen desselben steigern.\nSamstag den 12. Nov. gab Clara Schumann ein Concert,\nüber das ich auch gern schreiben würde, wenn ich es ver-\nmöchte! Wahrlich, die Töne zu schildern, die diese Zauberin aus\ndem Instrumente hervorlockt, die Gefühle in Worte zu fassen, die\nmich beim Anhören dieses Spiels durchzuckten, das vermag ich\nnicht; ich kann nur immer noch hören, staunen und verehren. Sie\nspielte die grosse C-dwr-Sonat e von Beethoven, Op. 53. Ich\nhatte bisher eigentlich diese gewaltige Beethoven'sche Sonate noch\nnicht recht verstanden; nun aber diese Meisterin das Werk vor-\ntrug, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ich hörte nicht\nnur Musik, nein, ich fühlte sie in mir, ich lebte in einem\nReich von Tönen, deren Harmoniecn mich wie mit Zauberbanden\numschlangen; es war nicht das Instrument, nicht die technische\nFertigkeit der Künstlerin, welche mich begeisterte, nein, es war\ndie Seele, der Geist des grossen Componisten, den sie durch ihr\nSpiel herauf zauberte, er fasste mich, und ein Wonncschaucr durch-\nbeiße meine Nerven. Ich war wie aufgelös t, wusste nicht mehr wo\nich war, und war froh, meinen Gefühlen durch einen rasenden Bei-\nfallsruf in etwa Luft machen zu können. Ich konnte nicht begrei-\nfen, dass nicht Alle mit in meinen Jubel einstimmten, und als\nnun vollends ein alter Philister neben mir meinte, die Dame spiele\nzwar recht artig, aber Hr. Aloys Schmitt habe ihm nicht minder\ngut gefallen, da dachte ich mit Göthe: Ach, Herr Gott, erbarm'\ndich doch des Herrn! Nach dieser Sonate folgten einige Nummern\naus den Mährchenbildern von Schuman n, für Piano und\nViola, Op. 113, unserem Wasielewski gewidmet, mit welchem\nsie sie spielte, und zum Schlüsse eine Etüde von Chopin und\nzwei Mendel s söhn's che Lieder. Die Mährchenbilder von\nSchumann sind eine schöne Composition, besonders gefiel mir das\nletzte in D-dur, dessen tief melancholische Melodie mit dem vorher\ngespielten scherzhaft capriciösen in F-dur (Nr. 2 des ersten Heftes)\ncontrastirte. Die Mendelssohn'schen Lieder verfehlten auch dies-\nmal ihre Wirkung nicht, mir aber war die Beethoven'sche Sonate\nnoch zu sehr im Gedächtniss, als dass ich ihnen die ganze Auf-\nmerksamkeit hätte widmen können, die sie verdienten. Ausser die-\nsen Piano-Vorträgen hörten wir noch einige Lieder, zwei von\nSchumann (Lotosblume und Widmung), dann Mendelssohn's Su-\nleika und Schubert's Post, von zwei Dilettantinnen als Dilettantin-\nnen vorgetragen. Zu Anfang des Concerles wurde das Quartett von\nSchumann für Piano u. s. w. gespielt, das ich zu hören leider\nverhindert war.\n\nAus New-York.\nDen 25. 0 et ob er 1853.\nHier wird jetzt eine so reiche Fülle von musicalischen Genüs-\nsen geboten, dass man vor lauter Verlegenheit in der Wahl am\nEnde des Abends zu Hause bleiben wird. Den ganzen October\ndurch täglich Concert von Jullien, dann Abschieds-Concert von\nEckert und Pozzol i n i, Wohlthätigkeits-Concerte Jullien s und\nder Frau Sontag, drei Mal wöchentlich italiänischc Oper, Ballet,\ndie Pianisten Gottschalk und Jaell u. s. w. u. s. w. Das Zu-\nströmen von Künstlern nach dem Lande der Dollars und des Gold-\nstaubs hat bereits eine grosse Aenderung in den Forderungen ge-\nmacht, die das americanische Publicum jetzt stellt; die Zeit ist\nvorbei, wo nrittelmässige Talente hier etwas machen konnten, und\nes wird selbst den ausgezeichneten Künstlern jetzt eben so schwer,\nin der neuen Welt reich zu werden, als in der alten.\nIm Theater Niblo wird dreimal wöchentlich gesungen und drei-\nmal getanzt, und zwrar auf den Brettern und auf dem Seile. Die\nSänger leiern die bekannten italiänischcn Opern ab; im Ballet\nmacht eine Demoisclle Mathias Furore; am vollsten sind jedoch\ndie Seiltänzer-Abende, was freilich beweis'*, dass der feinere Ge-\nschmack, der in den gebildeten Ständen zu wurzeln beginnt, noch\nnicht im Geringsten ins Volk gedrungen ist. Jullien gibt, und\ndas recht wacker, auch Sinfonieen von Beethoven und Mendels-\nsohn, aber das Haupt-Zugstück ist seine neueste Polka; die tüch-\ntigen Solisten, wie Lavigne, König, Bottesini, Reichert, u. s. w.\nthun auch das Ihrige.\nKarl Eckert gab mitPozzolini (beide bisher bei der\nSontag engagirt) ein Abschieds-Concert, in welchem Frau Son-\ntag vorzüglich mitwirkte. Diese hat sich von ihrem Unfall erholt\nsie glitt nämlich, als sie im Begriffe war, das Dampfnoot von\nStaten-Island zu besteigen, aus und fiel zwischen dem Quai und\ndem Boote hinab, wobei sie jedoch mit Geistesgegenwart ein Tau\ndes Schiffes fasste und mit dem Schrecken und einigen Quetschun-\ngen davon kam. Sie wird ihre Kunstreise ins Innere beginnen, auf\nwelcher sie der Buffo Rocco, der junge Violinist Paul Julien\nund der Pianist Alfred Jaell begleiten.\n\nDeutsche Tonhalle.\n\nNach dem Prcis-Ausschreiben vom Juni laufenden Jahres sind\nuns zehn Bewerbungen zugekommen, welche wir nun an die er-\nwählten Herren Preisrichter zur Bcurthcilung senden und diese be-\nkannt machen werden, sobald sie uns vorliegt.\nHiermit setzt der Verein zugleich einen Preis von zehn Duca-\nten aus für einen Quinteltsatz mit Einleitung für Flöte, Oboe, Cla-\nrinette, Horn und Fagott. Die Bewerbungen in Partitur, an deren\nkeine vom Vereine ein Eigcnthums-Anspruch gemacht wird, wollen\nim Monat Mai 1854 frei anher gesendet werden, versehen mit\neinem deutschen Sinnspruch und begleitet von einem versiegelten\nZettel, welcher den Namen und Wohnort des \\ erfassers enthält,\naussen denselben Spruch führt und einen Künstler benennt, wel-\nchen der Einsender als Preisrichter wählt.\nWir machen dabei auf die hicher bezüglichen Satzungen der\nTonhalle aufmerksam und haben anzuzeigen, dass uns Herr Dr. F.\nLiszt von Karlsruhe aus sagen liess,. ihn künftig mit Zuwendung"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.7", "texte": "des Preisrichter-Amtes zu verschonen, wonach wir also einer auf\ndenselben fallenden Wahl keine Folge geben können.\nMannheim, November 1853.\n\nDer Vereins-Vorstand.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n\nKöln. Um dem Publicum den Gcnuss zu verschaffen, die\nverschiedenen Gattungen der Kammermusik in abwechselnder\nFolge zu hören, haben sich die Herren Hartmann, Derckum,\nPeters und Breuer, welche bekanntlich das seit Jahren rühm-\nlichst bekannte kölner Quartett bilden, mit den Herren\nPixis, Hiller, Franck und Rein ecke zu gemeinschaftlichen\nkünstlerischen Productionen vereinigt. Die administrative Leitung\nhat ein Comite von Kunstfreunden übernommen. Es werden sechs\nAbend-Unterhaltungen Statt finden, in denen, ausser Streich-Quar-\ntetten und Quintetten, von unseren drei grossen Pianisten auch\nCompositionen für Pianoforte (mit Begleitung oder allein) werden\nvorgetragen Die erste fand Dinstag den 15. d. M. Statt;\nder vollendete Vortrag des llaydn'sehen Quartetts aus C-dur\nund des Be ethoven's chen Op. 18 D-dur bewiesen, dass wir,\nwie das alte Frankreich beim Regierungswechsel, ausrufen können:\n„Das kölner Quartett ist todt! Es lebe das kölner Quartett!\"\nAusserdem hörten wir eine Serenade für Pianoforle, Violine und\nVioloncell, von F. Hiller componirt und von ihm, Hartmann und\nBreuer vorgetragen. Die Serenade beginnt mit einem Alla Marcia,\ndem ein Scherz-oso, ein Menuelto, eine G/iasele, ein Intermezzo und\neine Tarantella folgen, welche zuletzt auf recht hübsche Weise wie-\nder zu dem Marsch zurückführt, mit welchem die Spieler, nachdem\nsie etwa eine kunstsinnige Freundin mit ihren Tönen erfreut ha-\nben, sich still wieder zurückziehen. Diesen Abend übernahm die\nganze Zuhörerschaft die Rolle der Gefeierten und dankte durch\nlebhaften Beifall. Zum Schlüsse spielte Hiller „Präludium, Gigue,\nSarabande, Gavotte und Fuge\" von J. S. Bach. Es war erfreu-\nlich, zu sehen, welchen Anklang das Unternehmen beim Publicum\ngefunden; der grosse Saal im Hotel Disch war ganz gefüllt. So\nschön dieser Saal auch ist, so ist doch zu bedauern, dass seine\nLage unmittelbar an der Einfahrt und dem Hofe allerlei nichts we-\nniger als musicalischen Klängen von aussen den Zugang zu den\nOhren der Zuhörer verstattet. Vielleicht lässt sich dieser Uebelstand\nfür die paar Stunden des Musikabends beseitigen.\nKarl Eckert war auf seiner Durchreise nach München und\nWien hier und in der Soiree anwesend. Sein Vertrag mit Frau\nRossi-Sontag ist also gelös't. (Vergleiche die Correspondenz aus\nN e w - Y o r k.)\nErnst Koch ist dem Vernehmen nach gesonnen, seine Stelle\nals Gesanglehrer an der Rheinischen Musikschule hier-\nselbst niederzulegen. Wir wollen im Interesse der Ansialt, ruelcher\nKoch seit ihrer Begründung die wirksamste Theilnahme gewidmet\nhat, hoffen, dass er derselben erhalten bleibe.\nIBiisselilorf. Es ist jetzt entschieden, dass Robert Schu-\nmann uns verlässt und wir somit den Verlust eines Künstler-\npaares am Rheine zu bedauern haben, welches schwerlich seines\nGleichen hat. Man spricht von der Berufung Stern's aus Berlin.\nDie Gebrüder Müller, gegenwärtig in Breslau, werden\nPrag und Wien, und auf ihrer Rückreise Berlin besuchen.\nHeidelberg* Dem bisherigen akademischen Musik-Director\nIL Winkel mei er, der seit 1846 hier wirkte und jetzt nach\nMainz geht, ist ein werthvoller silberner Ehrenbecher als Aner-\nkennung seiner Verdienste überreicht worden. Am Abend vor der\nAbreise desselben brachte ihm der „Liederkranz\" noch ein Ständ-\nchen. Man sieht Hrn. Winkel meier hier sehr ungern scheiden»\nda er in seiner siebenjährigen Wirksamkeit die eifrigste Thätigkeit\nund ein beharrliches Streben für die Verbreitung der echten Liebe\nzur Tonkunst gezeigt hat, welches um so eintlussreicher sein musste,\nals Hrn. Winkelmeier's musicalischer Tüchtigkeit als Dirigent und\nLehrer eine gründliche wissenschaftlich ästhetische Bildung zur\nSeite steht. Seinen neuen Wirkungskreis in Mainz hat er bereits\nbegonnen; das erste Conccrt unter seiner Leitung wird im Decem-\nber Statt linden und darin Mendelssohns Athalia zur Aufführung\ngebracht werden.\nIn Hannover ist die neue Oper Tony, Musik vom erlauch-\nten Componisten der „Casilda\", in der letzten Woche des October\nunter Marschner's Leitung zur Aufführung gekommen. Die Stim-\nmen der Kritik sind darüber getheilt. Das Finale des zweiten Ac-\ntes soll ein treffliches Musikstück sein. Die „Casilda\" wird in\nKarlsruhe und Königsberg vorbereitet.\nFrankfurt a. M., 14. Nov. Hr. v. Flotovv ist hier, um\nseine Oper „Rübezahl\" zur Aufführung zu bringen.\nFranz Liszt hat vom Prinz-Regenten von Baden das Com-\nmandeurkreuz des Zähringcr-Ordens erhalten.\nlieber die Aufführung der Missa solemnis in D von Beetho-\nven zu München am 1. November berichten wir in der näch-\nsten Nummer.\nIfcoüu. Döhler ist nach seiner Rückkehr von Neapel hier\nin seinem 44. Jahre gestorben. In Neapel hatte er seine letzte Com-\nposition geschrieben: Fantaisie sur des chants populaires Ncipolilains,\nmit dem Motto; Vecler Napoli e poi morir (Neapel sehen und dann\nsterben!), welches für ihn eine traurige Wahrheit geworden ist.\nSeine Witwe, eine Nichte des Grafen Scheremetieff, ist in Rom\ngeblieben. Der berühmte Componist und erste Contrapunktist\nItaliens, Raimond i, ist gestorben.\nVerdi hat sich König Lear (!) zu einem Li-\nbretto zustutzen lassen und schreibt darüber eine Oper für Florenz.\nl'aris, 13. Nov. Es steht zu befürchten, dass die Eröffnung\nder italiänischen Oper mit Rossinis Cenerentola durch die Abwe-\nsenheit des Hofes bedeutend an Glanz verlieren wird, obgleich alle\nLogen des grossen Saales bereits für den ganzen Winter gemiethet\nund für die erste Serie von Vorstellungen sämmtliche Plätze ver-\ngeben sein sollen. DieParodiund Frezzolini sind engagirt. Das\nEngagement der Cruvelli ander grossen Oper ist als ein\nwahres Ereigniss aufgenommen worden, und diese Nachricht war\nohne allen Scherz mächtig genug, um für mehrere Stunden die pari-\nser Gesellschaft so sehr zu beschäftigen, dass man den Kanonen-\nDonner an der Donau, den uns der Telegraph herüber trägt, ganz\nüberhörte. Fräulein Cruvelli ist die Löwin des Tages und theilt\ndiese Ehre mit Omer Pascha, dessen Portrait bei allen Kunsthänd-\nlern ausgestellt ist, dessen Biographie auf allen Boulevards ausge-\nschrieen wird. Die Engagements-Bedingungen der Cruvelli sind fa-\nbelhaft: 100,000 Frcs. für je acht Monate der nächsten zwei\nJahre, Abkauf des Urlaubs von zwei Monaten im Jahre 1855 zur\nZeit der Ausstellung für 50,000 Frcs.! Das Engagement beginnt mit\ndem 1. Januar 1854. Sic wird zuerst als Valentine in den Hu-\ngenotten oder als Jüdin in Halevy's Oper auftreten, und Sponti-\nni's VeStalin wird mit ihr neu in Scene gehen. Dagegen ver-\nliert die grosse Oper die Tedesco am 1. Februar."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531119-01.1.8", "texte": "In den musicalischen Kreisen erregt es grosses Aufsehen, dass\ndie Akademie für die durch Onslow 's Tod erledigte Stelle Clapisson,\nDavid, Niedermeyer, Reber und Batton vorgeschlagen und 11. Ber-\nlioz übergangen hat. Nach fünfmaliger Wahl hat Reber mit 18\nStimmen (Majorität von einer Stimme) den Sieg über Clapisson da-\nvon getragen, der ihn allein streitig machte. Es stimmten 35\nMitglieder.\nAuf dem Programm des ersten Conccrtes der Ste. Cecile (Diri-\ngent Seghers) steht Schumann's Ouvertüre zu Manfred,\nund ein Bruchstück aus J. S. Bach s Passion.\n\nB. P.\n\nWie ein Capellmeister unfreiwilliger Mit-\narbeiter an der Niederrheinischen Musik-\nZeitung wird.\nHeute erst bekomme ich Nr. 15 dieser Blätter zu Gesicht, nach-\ndem ich den darin enthaltenen Schindler'schen Aufsatz bereits im\n„Echo\" gefunden hatte, aber doch erst das Original in Händen zu\nhaben wünschte, ehe ich an die Existenz des classischen Unsinns,\n[??] welchen es ausspricht, glauben wollte. Ich werde mich wohl\nhüten, nach neun Jahren über das damals zu rasch oder zu langsam\ngenommene Tempo eines Musikstückes zu streiten. Was käme da-\nbei heraus ? Ich halte mich ja nicht für infallibel meinetwegen\nsoll es vergriffen gewesen sein! Aber was thut Herr Schindler?\nNachdem er mir vorgeworfen, ich hätte das fragliche Beethoven-\nsche Benedictus „als hinkendes Largo dahingeschleppt\", belehrt er\nuns, dass die in der Partitur fehlende Tempo-Bezeichnung An-\ndante con moto sei, wie er dies bereits im Jahre 1844 ausge-\nsprochen. Und zur Bestätigung seiner Ansicht dient ihm ein Beet-\nhoven'scher Brief, den Herr Professor Jahn bei Schott in Mainz\ngefunden, und welcher das Tempo des Benedictus angibt: Andante\nmolto cantabile e non troppo mosso. Es stellt sich also die\nSache folgender Maassen:\nBeethoven:\nAndante molto cantabile e non\ntroppo mosso.\nSchindler:\nAndante con molo.\nBekanntlich deutet „Caniabiie\" als Ueberschrift von Gesang-\nstücken auf einen mehr langsamen als schnellen Vortrag. (Vergl,\nUniversäl-Lexikon der Tonkunst, Ausgabe von Gassner.) Hier ist\nder Begriff der langsameren Bewegung noch durch das voran-\ngehende molto verstärkt worden; und damit „die jugendliche Hetz-\npeitsche\" (ein beliebter Schindler scher Ausdruck) des Dirigenten\nnur ja nicht\na) durch die heitere Tonart G-dur,\nb) durch die breiteren Formen des 1%-Tactes sammt der dort\nherrschenden rhythmischen Bewegung der Ton-Figuren,\nc) durch das die Singstimmen wie in einem Rahmen umfas-\nsende obligate Instrument (Violine),\nd) durch die in der neueren Kirchenmusik fast immer sich\ngleich bleibende Behandlung der Textesworte „Benedictes\nqui venit etc.\" in heiter kindlich frommer Weise\nverfuhrt werde, hier einen ersehnten Spielraum zu finden, so setzt\nder vorsichtige Beethoven zu dem Andante molto cantabile, welches\nschon an und für sich langsamer als Andante ist, noch hinzu: e non\niroppo mosso: „und nicht zu rasch\".\nWahrlich! wenn ich der Narr wäre, dem es hätte einfallen\nkönnen, jetzt, nach \\ erlauf von neun Jahren, den unfruchtbare»\nStreit über das zweifelhafte Tempo eines Musikstückes aufs Neue\nvor das Publicum zu bringen, so hätte ich zur Rechtfertigung mei-\nner damaligen Ansicht kein schlagenderes Document hinzustellen,\nals den durch Herrn Professor Jahn im Schottischen Archiv zu\nMainz aufgefundenen Brief Beethoven's, worin er das Tempo vom\nBenedictus bezeichnet: Andante molto cantabile e non troppo mosso,\nwas Herr Schindler als Beleg seines Andante con moto in die Welt\nhinausposaunt. Doch wie schon oben gesagt ich will mich\ngar nicht vertheidigen, ich kann Unrecht gehabt haben u. s. w.\nAber dass Beethoven und Schindler auch hier wieder, wie schon\nso oft, in entschiedenster Richtung divergiren das hat der For-\nschungseifer des Herrn Professors Jahn auf eclatante Art nachge-\nwiesen, und dafür sei dem geehrten Manne aufrichtiger Dank\ngesagt.\nBerlin, den 1. November 1853.\nHeinrich Dorn.\nNachschrift der Redaction.\nVerehrtester! Wie ein Capellmcister Mitarbeiter (nämlich\nwas Sie Mitarbeiter nennen) an einer Musik-Zeitung wird? Ei, die\nFrage ist leicht beantwortet: sobald sein Ich ins Spiel kommt. Be-\nruhigen Sie Sich darüber, Ihr Fall ist kein Ausnahme-Fall; Sie\nsind der erste Capellmcister nicht und werden auch nicht der letzte\nsein, der uns mit Zuschriften beehrt. Dass Sie Sich aber haben\ndazu zwingen müssen, thut uns leid, und wir dispensiren Sie\nfür die Zukunft gern von allen unfreiwilligen Beiträgen. In\nder Sache selbst können wir Ihnen gegen unseren wirklichen und\nfreiwilligen Mitarbeiter nicht Recht geben. Wenn es um die per-\nsönlichen Ansichten der Herren A. Schindler und 11. Dorn zu\nthun wäre, so hätten wir nichts dagegen, dass Sic „ein Narr wä-\nren\", wenn Sie den Streit über Ihre und eines Anderen Tem-\npo-Auffassung nach neun Jahren wieder vor das Publicum bräch-\nten. Es handelt sich aber nicht um Narrheiten, sondern um die\nEntscheidung Beethoven's über das Tempo eines der wun-\ndervollsten Stücke seines grössten Werkes; desshalb hat Schind-\nler den Jährlichen Fund bekannt gemacht, und es kommt dabei\nauf den Unterschied zwischen Sostenuto und Andante an, nicht\nauf unbedeutende Modificationen des Andante, und in Bezug auf\ndiesen sehr bedeutenden Unterschied hat Schindler offen-\nbar Recht. Suum cuique!"}]}