{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_sha256": "2cb83e7b41aaadc0d61273e934f80374b80a361a76db8b862ea8cdc13d8f0cfa", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/11/26_01/bmtnabi_1853-11-26_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "171", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.1", "titre_corps": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "titre_sommaire": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3986, "texte": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.\nII.\nWenden wir uns jetzt zur besonderen Betrachtung\nder einzelnen veröffentlichten Dramen Wagner's.\nDer „FliegendeHolländer\" ist jedenfalls die frischeste,\nunwillkürlichste Conception seiner Phantasie; die Anlage\nist frei von jeder Berechnung, die Schilderung beruht auf\neigener Anschauung, auf individuellen Eindrücken und\nEmpfindungen. Aber eben desshalb ist das Werk so sub-\njectiv gehalten, dass es auf den Titel eines dramatischen\nkeinen Anspruch machen kann; es geht ihm, abgesehen von\ndem Ungeheuerlichen der Musik, alle und jede Bühnen-\nwirkung ab.\nDie Fehler der früheren Romantiker vereinigt es sämmt-\nlich in sich und bietet nur sehr wenige Vorzüge dieses\nGenre's dar. Der Zuhörer wird von vorn herein in eine\ntodtenhafte Erstarrung versetzt, die theils durch das Stocken\nder Handlung, theils durch die Gräulichkeit des Sujets,\ntheils durch das Wilde der Scenerie, theils endlich und\nhauptsächlich durch das Disharmonische und Schwerfällige\nder Orchestermusik hervorgerufen wird. Drei vereinzelte\nLichtpuncte der Spinnchor, die Bass-Arie des zweiten\nund dasDuettino des dritten Actes— lassen dieNacht rings\numher nur um so finsterer erscheinen.\nDer Held und Mittelpunkt dieses Tongemäldes ist eine\neben so bizarre Erscheinung, wie Bertram, aber zugleich\neine sehr langweilige, während jener doch pikant ist. Der\nweibliche Charakter ist eben so unnatürlich und verzerrt,\ndie Aufopferungslust des Mädchens durch nichts motivirt,\nsie selbst eine zweite Somnambule. Die schreiend starken\nAccente in den Gesang-Partieen entschädigen nicht für die\ngezwungene, meist unmelodische Führung der Stimmen,\nwelche noch obendrein vom Orchester todt gehetzt wer-\nden. Die Naturschilderung, die Matrosen-Chöre mögen\nwahr sein, mögen eine gleich betäubende Kraft besitzen,\nals wirklicher Seesturm und Theerjacken-Gesang, aber\nschön sind sie nicht. Uebrigens geräth Wagner hier, wie\n\\\nso oft, in grellen Widerspruch mit seiner Lehre, indem er\nja in seiner Operntheorie die vage Tonmalerei, „die\nAusgedrücktes, nicht Ausdruck enthalte\", gänzlich ver-\nwirft. Wo endlich im „Holländer\" das „rein-menschliche\nElement\" enthalten sein soll, ist nicht zu ergründen. Un-\nerklärlich ist und bleibt es daher, wie Wagner diesen\nOperntext in sein Beispielbuch mit aufnehmen, ihn als das\nModel eines musicalischen Drama's aufstellen konnte.\nMan wird vielleicht einwenden, es sei der „Holländer\"\nder Entwicklungsknoten für die beiden folgenden Dramen\ngewesen. Aber welche Aehnlichkeit, wenigstens welche ähn-\nliche Vorzüge sind darin, gegenüber denen der letzteren,\naufzufinden? Wir wüssten keine.\nWohl aber begegnen wir im „Tannhäuser\" der-\nselben Wildheit der Leidenschaft, derselben Armuth an\nHandlung, derselben Sprödigkeit in der Führung der Stim-\nmen, theilweise derselben Bizarrerie der Charaktere. Eine\nausführliche Darstellung und Beurtheilung dieser Oper ist\nindessen kürzlich in diesen Blättern auf so gründliche und\nscharfsinnige Weise erfolgt, dass wir uns derselben gänz-\nlich enthalten können. Nur auf zwei Punkte wollen wir,\nzur weiteren Beurtheilung der angeblichen Reformation der\nOper, näher eingehen.\nWagner hat, unwissentlich, eine Selbstkritik seines\n„Tannhäuser\" geschrieben, wie sie kein parteiloser\nRunstrichter besser hätte schreiben können. Er sagt von\neiner gewissen Oper Folgendes: „Der Text ward mit Haut\nund Haar in den Melodieen verbrannt, letztere aber machte\nder Componist meist im Voraus fertig, brach sie, um dem\nTexte keinen zu erkennbaren Zwang anzuthun, in Stücke\nund fügte die einzelnen Theile, je nach dem declamatori-\nschen Erfordernisse der Textesworte, zu einem künstlichen\nMosaik zusammen.\" Nun hat zwar der Verfasser jener Leit-\nArtikel über den „Tannhäuser \"schon mit Recht auf die grosse\nAehnlichkeit hingewiesen, welche diese Oper theilweise mit\nWeber's „Euryanthe\" hat. Wir behaupten aber, die ganze\nErfindung des zweiten Actes, ja, sogar die ganze Anwen-\ndung und Behandlung seines Inhalts, ist aus einer sehr ge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5083, "texte": "schickten und dankbaren Nachahmung der gleichen Situa-\ntionen in jener Oper entstanden. Aber wir läugnen, dass\nWagner'sDefinition von der Euryanthen-Musik, denn\ndiese ist in den oben angeführten Worten ge-\nmeint, die richtige sei, und finden, dass sie weit besser auf\nseine eigene Musik passt. Wenn er übrigens ferner die Chezy'-\nsche Dichtung zu Weber's Oper als einen der unglücklich-\nsten Operntexte bezeichnet, so prallt dieser Schuss mit ent-\nschiedener Schnellkraft auf den Schützen zurück. Denn die\nunbefangene Kritik hat dem gleichfalls ganz undramatischen,\nweil lyrischen Texte zum „ Tannhäuser8 noch keine be-\nsondere Anerkennung zu Theil werden lassen, mag auch\nder Form, der Sprache und dem Verse volle Anerkennung\nzu Theil werden. Die Erfolge der Oper beim Publicum\nsind durch die äusseren Umstände zu sehr bedingt, als\ndass man daraus auf ihre Dauer schliessen könnte. In\nDresden liess die Oper das aristokratisch-katholische\nPublicum ausgenommen kalt, wie Wagner selbst ge-\nsteht ; in Weimar herrscht das Local-Interesse und Liszt's\nAutorität vor; an anderen Orten dürften theils die Sym-\npathieen für das unverdiente harte Schicksal des Künstlers,\ntheils die literarischen Lärmtrompeten seiner Freunde be-\nsonders schwer in die Waagschale fallen.\nDie Lyrik greift, namentlich im dritten Acte, so breit\nund ausschliesslich Platz, dass dadurch, trotz aller instru-\nmentalen Würze, der Hörer höchlich gelangweilt und zum\nVergessen des vorher Gehörten veranlasst wird. Nur der,\nwelcher sich, „rein-menschlichen Gedanken\" fern, mit\nTreugläubigkeit zur römisch-katholischen Kirche bekennt,\noder es liebt, in mittelalterlicher Mystik zu schwelgen, kann\nvon dieser fast ununterbrochenen Kette von Gebetsängen\nund Reueliedern in eine erquickliche Stimmung versetzt\nwerden. Ueberhaupt versteht es Wagner sehr, durch oft\npeinlich zähe Fortführung langsamer Zeitmaasse seine Hö-\nrer müde und mürbe zu machen. Was soll man aber zum\nInhalte dieses schleppenden dritten Actes, zu diesem\nSiege des Wunderglaubens sagen? Wagner ist, wie ge-\nsagt, der Mann des Widerspruchs. In seiner Theorie ei-\nfert er gegen die mittelalterliche Romantik und setzt den\nchristlichen Mythus, dem alt-griechischen gegenüber, auf\nein Minimum poetischen Werthes herab. „ Nur der Grieche\nkam durch Vergleichung der äusseren Erscheinungen mit\ndem Menschen zum Menschen selbst, der im christlichen\nMythus sich selbst fremd geworden war, indem dessen In-\nhalt das Sterben, die Sehnsucht nach dem verklärenden\nTode ist.\" „Im griechischen Drama war wachsende Be-\nwegung bis zur Katastrophe\" d. i. Steigerung—, „im\nchristlichen musste mit dem Sturme des Lebens begon-\nnen werden, um die Bewegung zum schwärmerischen Er-\nsterben abzuschwächen.\" Nun wahrlich, im „Tannhäu-\nser\" wird in diesem Genre gewiss das Möglichste ge-\nleistet !\nUnd hier kommen wir zur Besprechung dessen, was\nden inhaltlichen Kern des Drama's der Zukunft bilden soll,\nzu Wagner's Losungswort vom „Reinmenschlichen\".\nNach ihm ist der Mensch im Staate untergegangen.\n„Das Individuum im Kampfe mit dem Staate\" d. i.\nden staatlichen Einrichtungen, Gesetz und Sitte „kann\nvom Dichter nur als ein Gedachtes, gestalt- und farblos\nUnvorhandenes (?) dargestellt werden.\" Aus dieser mehr\nals dunklen Definition, einer negativen, kann man natür-\nlich bloss schliessen, dass Wagner den Menschen nur dann\nals Object poetischer, insbesondere dramatischer Auffassung\nzulassen will, wenn wir ihn aller Cultur entkleidet, allen\ngegebenen Verhältnissen entrückt, also im puren, nackten\nNaturzustande vor uns haben. Die Haupt-Momente dieses\nparadiesischen Lebens sollen für den Dichter, der mit der\nVergangenheit gebrochen, sein: „ Jugend und Alter, Wachs-\nthum und Reife, Eifer und Ruhe, Thätigkeit und Beschau-\nlichkeit, Unwillkür und Bewusstsein.\" Demnach dürften ei-\ngentlich künftighin nur wilde Völkerstämme auf der Bühne\ngeduldet werden. Denn die Sphäre anderer Personen muss\ndoch irgend einer Zeit der Culturgeschichte angehören.\nUebrigens kann der Philosoph sich wohl mit der Abstrac-\ntion des „Reinmenschlichen\" befassen, aber der dichte-\nrischen Phantasie wird dieses eben so unmöglich sein, als\nder thierischen Lunge das Einathmen der reinen Lebens-\nluft, des unvermischten Sauerstoffes. Sie müsste sehr bald\nim Reinmenschlichen ersticken!\nZu jenem Trugschlüsse gelangt Wagner aber theils\nauf Grund seiner politischen Ansicht, nach welcher er,\nselbstgeständlich, keiner Partei angehören will, theils sei-\nner psychologischen Auffassungsweise, in welcher er Ma-\nterialist und fest von der sinnlichen Einheit des menschli-\nchen Wesens überzeugt ist. Dennoch eifert er so gewal-\ntig gegen die „ Verstandes-Dichter und -Componisten\";\ndennoch will er nur vom Gefühle des Dichters auf das\nGefühl des Hörers gewirkt wissen und findet das Unna-\ntürliche des Drama's, des Romans, der Oper vor der sei-\nnen darin, dass deren „ Inhalt, der sich abwechselnd an den\nVerstand und das Gefühl zu wenden habe, ein zweispal-\ntiger, uneiniger\" - und daher künstlerisch unzulässiger\n„sei\". Damit erkennt er aber eben wieder den Dua-\nlismus der menschlichen Natur an!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3643, "texte": "Diesem in Nebel und Dunst verschwimmenden Be-\ngriffe des „ Reinmenschlichen\" suchen wir nun aber in\nWagner's dramatischen Modellen vergebens nach. Die ganze\ndürftige Handlung des „Holländers\" ist auf den eigentüm-\nlichen Umgebungen der Personen basirt; der „ Tannhäu-\nser\" ist historischen Ursprungs: die beiden auf dein gege-\nbenen Hintergrunde sich darin bekämpfenden Elemente sind\nder symbolische Geisterspuk und der positive Christen-\nglaube. Nun gut: so sollen diese beiden Dichtungen wohl\nnur Durchgangspunkte zur wahren dramatisch-musicalischen\nPoesie, und diese endlich selbst im „Lohengrin\" anzutref-\nfen sein? Wir werden aber finden, dass auch hier dieScene\nin einem von Wagner so unpoetisch gehaltenen „Staate\",\nnämlich im Lehns-Staate, spielt, während die des „Hollän-\nders\" einem Handels-Staate, die des „Tannhäuser\" aber\neinem kirchlichen angehört.\nDie Bekanntschaft des „Lohengrin\" haben wir nur mit\ndem Auge gemacht, zum Gehör ist er uns noch nicht ge-\nkommen. Dennoch müssen wir bekennen, dass uns dieses\nWerk nach sorgfältiger Prüfung eine ungleich höhere und\nbeachtenswerthere Stellung einzunehmen scheint, als Wag-\nner's frühere Dichtungen. Man findet hier ein echt drama-\ntisches Gebilde, von zart poetischem Hauche durchweht\nund von einer fast ganz befriedigenden Wirkung. Die Cha-\nraktere sind sicher gezeichnet, die Gegensätze treffend her-\nvorgehoben, die äusseren Umgebungen treu und lebhaft\ngeschildert. Die Sprache ist edel und sehr gewählt, ohne\nmanierirt zu sein. An Breiten leidet das Werk nur wenig.\nSein Hauptfehler aber ist die schon oft gerügte Entwick-\nlung, welche den Hörer frostig ergreift und zuletzt gegen\nden Helden gänzlich abkältet. Auf die musicalische Seite\ndes Drama's gehen wir hier nicht ein, deren Besprechung\neiner competenteren Feder überlassend.\nDas Wunder bildet auch die Basis des „ Lohengrin\".\nDas Wunder aber eben ist es, welches nach Wagner's\nAnsicht die Opern-Reform herbeiführen soll. „Nur durch\ndas Wunder kann der Dichter die allverständlichste Einheit\nim Drama herstellen, indem dasselbe nicht, wie das Wun-\nder des christlichen Dogma's, die Natur der Dinge aufhebt,\nsondern sie dem Gefühle (?) begreiflich macht.\" Mehr er-\nfährt man nicht. Wohl aber wird man an dieser kurzen\nund dunklen Deutung wieder irre, wenn man die frühere\nBehauptung Wagner's damit vergleicht, nach welcher „der\nMythus die Dinge erfasst, wie sie dem Auge erscheinen,\nnicht, wie sie wirklich sind\". Diese Auffassung der\nDinge nach dem Scheine soll sie also auf das verständlich-\nste begreiflich machen!\nIn den drei Opern-Dichtungen, welche inhaltlich nur\ndas Eine mit einander gemein haben, dass die Sage in\nihnen die Hauptpartie bildet, soll nun nach Wagner eine\nneue specifische Poesie liegen, welche er für die des allein\nwahren und echten Drama's hält. Die Fabel des Hollän-\nders wird aber mit derselben symbolischen Andeutung ge-\nbraucht, wie die des ewigen Juden, und die des Tannhäu-\nsers im Hörseiberge verräth die gleiche dichterische Ab-\nsicht, welcher wir schon lange vorher in der von Armida\nund Rinaldo begegnet sind. Die symbolische Andeutung\neines menschlich-wahren Verhältnisses ist nun im „Lohen-\ngrin\" in dem Gral-Geheimnisse zu finden, welches den\nHelden umhüllt. Das Recht des liebenden Mannes, vom\nWeibe seiner Wahl unbedingte Hingebung verlangen zu\nkönnen, spricht sich in der Festhaltung dieses Geheimnis-\nses, Else gegenüber, aus. Es ist recht spannend erfunden,\naber der rein-menschliche Charakter des Helden leidet\ndarunter noch weit mehr, als im Tannhäuser, so dass Lo-\nhengrin am Schlüsse der Oper bei seinem Scheiden weder\nZuneigung noch Bewunderung im Hörer zurücklassen kann."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "171", "page_fin": "173", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.2", "titre_corps": "Noch einmal: C. M. v. Weber über Beethoven", "titre_sommaire": "Noch einmal: C. M. v. Weber über Beethoven", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.3", "debut_caractere": 3645, "fin_caractere_exclue": 4911, "texte": "*).\nDer von A. Hitzschold mitgetheilte, in Nr. 20 abge-\ndruckte Brief C. M. von Weber's an Nägeli hat einige Zu-\nschriften an uns veranlasst, welche dasselbe Thema, näm-\nlich die auffallend irrige und schroffe Beurtheilung Beetho-\nven's durch Weber, betreffen. Die interessanteste Mitthei-\nlung ist die folgende, welche von dem hochgeschätzten\nKunst-Veteranen Hrn. Schnyder von Wartensee herrührt,\nin dessen Besitz sich die Quelle derselben, die Nummer\n309 des Morgenblattes, vom 27. December\n1809, befindet. Dort ist zu lesen;\n„Fragment einer musicalischen Reise, die\nvielleicht erscheinen wird.\n„Voll Zufriedenheit über eine Vormittags glücklich\ngeendete Sinfonie und ein vortreffliches Mittagsmahl, ent-\nschlummerte ich sanft und sah mich im Traume plötzlich\nin den Concertsaal versetzt, wo alle Instrumente, belebt,\ngrosse Assemblee unter dem Vorsitze der gefühlvollen und\nmit naiver Naseweisheit erfüllten Oboe hielten. Rechts hatte\nsich eine Partie aus einer Viola d'amour, Bassethorn, Viola\ndi Garnba und FliUe douce arrangirt, die über die verflos-\nsenen guten alten Zeiten klagetönten; links hielt die Dame\nOboe Cirkel mit jungen und alten Clarinetten und Flöten,\n\nNoch einmal: C. M. v. Weber über Beethoven\n\n*) Vergl. Nr. 20: „Ein Urtheil Webers u. s. w.\"."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4895, "texte": "mit und ohne unzählige Modeklappen, und in der Mitte war\ndas galante Ciavier, von einigen süssen Violinen, die sich\nnach Pleyel und Gyrowetz gebildet hatten, umgeben.\nDie Trompeten und Hörner zechten in einer Ecke, und\ndie Piccoloflöten und Flageolettchen durchwirrten den Saal\nmit ihren naiven, kindlichen Einfällen, wovon Mama Hoboe\ndurchaus behauptet, es sei echt Jean Paul'sche Anlage,\ndurch Pestalozzi zur höchsten Natürlichkeit erhoben,\nin ihren Tönen. Alles war seelenvergnügt, als auf einmal\nder grämliche Contrabass, von einem Paar verwandten\nVioloncellen begleitet, zur Thür hereinstürmte und sich\nvoll Unmuth auf den dastehenden Directions-Stuhl warf,\ndass das Ciavier und alle anwesenden Geig-Instrumente vor\nSchrecken unwillkürlich wiederklangen. Nein, rief er aus,\nda sollte einen ja der Teufel holen, wenn täglich solche\nCompositionen vorkämen! Da komme ich eben aus der\nProbe einer Sinfonie eines unserer neuesten Componisten,\nund obwohl ich, wie bekannt, eine ziemlich starke und kräf-\ntige Natur habe, so konnte ich es doch kaum mehr aus-\nhalten, und binnen fünf Minuten wäre mir unausbleiblich\nder Stimmstock gefallen und die Saiten meines Lebens ge-\nrissen. Hat man mich nicht wie einen Geissbock springen\nund wüthen lassen, habe ich mich nicht zur Violine um-\nwandeln sollen, um die Nicht-Ideen des Herrn Componi-\nsten zu executiren, so will ich zur Tanzgeige werden und\nmein Brod mit Müller'schen und Kauer'schen Tanz-Dar-\nstellungen verdienen.\n„Erstes Violoncell(sichdenSchweissabwischend):\nAllerdings haben eher pere Recht; ich bin auch so fatiguirt,\ndass ich seit den Cherubinischen Opern mich keines sol-\nchen Echaullements erinnere.\n„Alle Inst rumente: Erzählen Sie! erzählen Sie!\n„Zweites Violoncell: Erzählen lässt sich so etwas\nkaum, und eigentlich wohl noch weniger hören; denn\nnach den Begriffen, die mir mein göttlicher Meister Rom-\nberg eingeflösst hat, ist freilich die von uns eben execu-\ntirte Sinfonie ein musicalisches Ungeheuer, wo weder auf\ndie Natur irgend eines Instrumentes, noch auf Auslührung\neines Gedankens, noch auf irgend einen anderen Zweck,\nals den des neu und originel Scheinenwollens hingearbei-\ntet wäre. Man lässt uns gleich der Violine in die Höhe\nklettern ....\n„Erstes Violoncell (ihn unterbrechend): Als ob\nwir das auch nicht eben so gut könnten!\n(Wir beseitigen hier die vielen noch folgenden Ge-\nspräche der anderen Instrumente, deren fast jedes\neinzelne seinen Beitrag liefert mit anzüglichen Witzen\noder auch mit ordinären Bemerkungen, und fahren\nim Contexte weiter fort.)\n„Auf einmal trat der Calcant in den Saal, und er-\nschrocken fuhren die Instrumente aus einander; denn sie\nkannten seine gewaltige Iland, die sie zusammenpackte und\nden Proben entgegentrug. Wartet! rief er: rebellirt ihr\nschon wieder? Wartet! gleich wird die\nvon Beethoven aufgelegt werden, und wer dann noch ein\nGlied oder eine Klappe rühren kann, der melde sich.\n„Ach, nur das nicht! baten alle. Lieber eine italiäni-\nsche Oper; da kann man doch noch zuweilen dabei nicken,\nmeinte die Bratsche.\n„Larifari! rief der Calcant: man wird euch schon\nlehren. Glaubt ihr, dass in unseren aufgeklärten Zeiten,\nwo man über alle Verhältnisse wegvoltigirt, euretwegen\nein Componist seinem göttlichen, riesenhaften Ideen-\nSchwunge entsagen wird? Gottbewahre! Es ist nicht mehr\nvon Klarheit und Deutlichkeit, Haltung und Leidenschaft,\nwie die alten Künstler Gluck, Händel und Mozart wähn-\nten, die Rede. Nein, hört das Recept der neuesten Sin-\nfonie*), das ich so eben von Wien erhalten, und urtheilt\ndanach: Erstens, ein langsames Tempo, voll kurzer, abge-\nrissener Ideen, wo ja keine mit der anderen Zusammen-\nhang haben darf; alle Viertelstunden drei oder vier Noten!\ndas spannt! Dann ein dumpfer Paukenwirbel und myste-\nriöse Bratschensätze, Alles mit der gehörigen Portion Ge-\nneral-Pausen und Halte geschmückt; endlich, nachdem die\nZuhörer vor lauter Spannung schon auf das Allegro Ver-\nzicht gethan, ein wüthendes Tempo, in welchem aber haupt-\nsächlich dafür gesorgt sein muss, dass kein Hauptgedanke\nhervortritt und dem Zuhörer desto mehr selbst zu suchen\nübrig bleibt; Uebergänge von einem Tone in den anderen\ndürfen nicht fehlen, man braucht sich aber desswegen gar\nnicht zu geniren, man braucht z.B. wie Paer in derLeo-\nnore nur einen Lauf durch die halben Töne zu machen\nund auf dem Tone, in den man gern will, stehen zu blei-\nben, so ist die Modulation fertig. Ueberhaupt vermeide man\nalles Geregelte; denn die Regel fesselt nur das Genie.\n„Da riss plötzlich eine Saite an der über mir hangen-\nden Guitarre, und ich erwachte voll Schrecken, indem ich\ndurch meinen Traum auf dem Wege war, ein grosser Com-\nponist im neuesten Genre oder ein Narr zu werden.\n„Carl Marie.\"\nWenn diese Actenstücke die unbegreifliche Verblen-\ndung Weber's über den grössten Tondichter aller Zeiten\n\n*) Wahrscheinlich Anspielung auf die vierte Sinfonie in B-dur.\nA nm. d. Einsenders."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2251, "texte": "unzweifelhaft darthun, so rechtfertigen sie zu gleicher Zeit\nSchindlers Angaben in Beethoven's Biographie über We-\nbers Ansicht und Gesinnung diesem gegenüber. Bei histo-\nrischen Dingen hört die Gemüthlichkeit eben so gut\nwie bei Geld-Angelegenheiten auf, und vor dem Briefe an\nNägeli und dem Aufsatze im Morgenblatte, als diplomati-\nschen Urkunden, müssen die, namentlich von Dresden aus\nfrüher erhobenen Anklagen gegen Schindler, die nicht auf-\nhörten, ihn der „böswilligen Seitenblicke, der Lüge, des\npersönlichen Hasses, der Herabsetzung Weber's, der\nGötzendienerei u. s. w.\" zu zeihen (s. besonders Nr. 47\nder Leipz. N. Zeitschr. f. Mus. vom J. 1840) in nichts\nverschwinden.\nEines dürfen wir jedoch bei dieser ganzen Sache nicht\nausser x\\cht lassen, das ist die Jugend Weber's, in welcher\ner stand, als er sich herausgenommen, im Allgemeinen so\nabsprechend über Beethoven zu urtheilen. Wir haben im\nDecember des Jahres 1809, aus welchem die oben wie-\nder abgedruckte Spötterei über Beethoven's Sinfonieen\nherrührt, und im Frühjahr des Jahres 1810, in welchem\nder Brief an Nägeli geschrieben wurde, nicht etwa den\nComponisten des Freischützen (1821), der Euryanthe\n(1823) und des Oberon (1826) vor uns, sondern einen\njungen Musiker, der im December 1809 eben erst drei-\nundzwanzig Jahre alt geworden war (geb. den 18. Dec.\n1786) und zwar schon einige hübsche Ciaviersachen, auch\ndie Oper „Silvana\" (viel später erst gedruckt) und ein\npaar ungedruckte Sinfonieen geschrieben hatte, aber doch\nim Jahre 1810 mit Meverbeer und Gänsbacher zum zwei-\nten Male des Abtes Vogler gründliche Anleitung zur Com-\nposition zu benutzen für gut fand. Von Beethoven lagen\nfreilich zu jener Zeit schon an die siebenzig Werke vor,\ndarunter sechs Sinfonieen, neun Violin-Quartette, vier Cla-\nvier-Concerte und die meisten Clavier-Sonaten, so dass des\njungen Weber Urtheil, wenn wir ihm auch ein sicheres\nSelbstgefühl und die Ahnung seiner künftigen Grösse zu\nGute halten wollen, doch immer etwas arg Befremdendes\nund psychologisch Merkwürdiges in sich schliesst, zumal\nwenn man bedenkt, dass er auch noch vier Jahre später,\nbei Erscheinung der von Beethoven (1813),\ndiesen als reif für das Narrenhaus erklärte! Tantaene ani-\nmis coelestibus irae oder errores ?\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "173", "page_fin": "174", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.3", "titre_corps": "Aus München", "titre_sommaire": "Aus München", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.5", "debut_caractere": 2253, "fin_caractere_exclue": 5088, "texte": "Aus München\n*).\nUnsere Odeons-Concerte haben am 1. November be-\ngonnen, und zwar mit einer Aufführung, welche wohl mit\nRecht ein Ereigniss in der musicalischen Welt zu nennen\nist, mit der Aufführung von Beethoven's Missa solem-\nnis in D-dur. Die norddeutschen musicalischen Blätter las-\nsen sich im Allgemeinen eine Vernachlässigung der süd-\ndeutschen Musikzustände zu Schulden kommen, und Sie\nnehmen es mir nicht übel, wenn ich die Niederrheinische\nMusik-Zeitung, welche auch in Baiern mit grossem Interesse\ngelesen und in ihrer gediegenen Richtung vollkommen an-\nerkannt wird, davon ebenfalls nicht ganz freisprechen\nkann **). Die Kunstgenüsse, welche die münchener Oper\ndarbietet, sind zahlreich und gehören, im Ganzen genom-\nmen, zu den gediegensten in Deutschland [?], abgesehen\nvon dem Besitz einzelner Gesangesgrössen, den wir ande-\nren Residenzen nicht streitig machen wollen. Die Odeons-\nConcerte geben in ihren Programmen eine Auswahl von\nmusicalischen Werken, welche jedem Concert-Institut Ehre\nmachen würde; der Gedanke, ihre diesjährige Eröffnung\nmit dem obengenannten Riesenwerke Beethoven's zu be-\nginnen, ist allein schon Beweises genug für diese Behaup-\ntung, welche ausserdem durch das, was wir im Laufe des\nWinters hören werden, wie eine Cantate von J. S. Bach,\nBeethoven's Sinfonie Nr. 111 und Nr. VII, dessen vier\n\n*) Nicht von unserem gewöhnlichen münchener Correspondenten.\n**) Wir können diesen Vorwurf nicht als gerecht hinnehmen und\nverweisen namentlich auf die „Wiener Briefe\" in unseren\nBlättern und auf die Correspondenzen aus München selbst.\nDass wir unsere Spalten auch Berichten und Ansichten, welehe\nmit denen unserer Correspondenten nicht übereinstimmen\noder sie ergänzen, gern öffnen, haben wir oft bewiesen und\nwerden fernerhin fortfahren, auch in diesem Punkte der Un-\nparteilichkeit zu huldigen, welche allein die Theilnahme der\nmusicalischen Welt für ein Kunstblatt sichern kann. An wem\nliegt es aber, wenn selbst bedeutende musicalische Leistungen\nin Deutschland unbeachtet bleiben? Einzig und allein an den\nMusikern und gebildeten Dilettanten selbst, welche alle zwar\nsehr gern etwas über das, was in ihrer Nähe vorgeht, lesen,\naber theils zu bequem, theils zu gleichgültig sind, etwas\ndarüber zu schreiben und das Streben der Redactionen\nnicht bloss durch passive, sondern durch active Theilnahme\nzu unterstützen.\nWir ergreifen diese Gelegenheit, auch dem Hrn. X. den\nEmpfang seines Briefes (mit dem Poststempel E., 16. Nov.)\nanzuzeigen, welcher ein ähnliches Thema bespricht. Wir fin-\nden die darin enthaltenen Bemerkungen in mancher Hinsicht\nbegründet und hegen die Hoffnung, dass der geehrte Schrei-\nber selbst uns in Stand setzen möge, den von ihm ausge-\nsprochenen Wünschen in Bezug auf die dortigen Kunstlei-\nstungen zu entsprechen und ihn als competenten Richter an-\nzuerkennen. D. Red."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2918, "texte": "Ouvertüren zu Fidelio, dessen Ouvertüre zu Coriolan, Sin-\nfonie in Es von H a y d n, in G-moll von M e h u 1, M e n-\ndelssohn's Elias und Athalia, F. Schubert's 23.\nPsalm u. s. w., vollkommen gerechtfertigt wird. Das Or-\nchester ist vortrefflich und darf den Wettstreit mit jeder\nanderen deutschen Capelle nicht scheuen. Den neuesten\nund schlagendsten Beweis hat die abgerundete, sichere und\nklare Ausführung eines Werkes gegeben, welches in sol-\ncher Vollendung wohl schwerlich schon irgendwo zur Er-\nscheinung gebracht worden ist. Der Eindruck war darum\ndenn auch ein ganz ausserordentlicher, und Herr General-\nMusik-Director Franz Lachner feierte im Verein mit\nallen Mitwirkenden einen wohlverdienten Triumph.\nDas Orchester bestand aus 14 ersten und 14 zwei-\nten Violinen, 10 Bratschen, 10 Violoncelli und 8 Bässen,\n2 Flauti soli und 2 ripieni, 2 Oboi, 2 Clarinetti, 4 Corni,\n4 Fagolti, Trompeten, Pauken und Posaunen. Der Sän-\ngerchor zählte mit Einschluss der Solisten 113 Personen,\nnämlich 30 Soprani, 30 Alti, 24 Tenori und 24 Bassi.\nWenn diese Zahl den grossen Chören am Rheine bei den\nMusikfesten und den Concert-Aufluhrungen bei Ihnen in\nKöln auch nicht gleich kommt, so war doch dieser Chor\nvollkommen kräftig und klangvoll, zeigte ein sehr richtiges\nVerhältniss der Stimmen zueinander, und gab eben sowie\ndas Orchester die Ueberzeugung, dass die künstlerischen\nKräfte nach allen Richtungen hin zureichend waren, um das\ngöttliche Werk in seiner vollen Glorie erscheinen zu las-\nsen. Ein heiliger Eifer beseelte alle Mitwirkenden auf sicht-\nbare Weise, alle waren sich der hohen Aufgabe bewusst,\nderen vollendete Lösung nicht bloss technische Tüchtigkeit,\nsondern Begeisterung für die Kunst forderte. Die Soprane,\nalle musicalisch, zeichneten sich besonders aus es war\nsehr zweckmässig, dass der Dirigent diejenigen, welche das\nhohe b und h nicht hell und rein hatten, in der tiefen Oc-\ntave mitsingen liess, wodurch denn die genannten Töne in\nden 12 —l5 Stimmen, welche ihrer mächtig waren,\nglockenrein und urkräftig durchschlugen,\nDen Solisten kann man auch bei strenger Kritik das\nZeugniss geben, dass sie Herren ihrer Aufgabe waren. Die\nSopran-Partie sangen Frl. Rettich und Fr. Diez, jene\ndie Stücke höherer, diese die Soli tieferer Lage Alt\nFrl. Stanko, Tenor Hr. Härtinger, Bass Hr. Alfeld.\nDer Erfolg des Ganzen war in der That grossartig;\njeder Satz wurde von dem Publicum mit Enthusiasmus auf-\ngenommen, und somit das eigene Urtheil des grossen\nMeisters über dieses sein Werk durch den Wiederhall in\nden Herzen der Menge bestätigt. Dieses Urtheil erblickten\nwir bei dieser Gelegenheit durch die Schriftzüge Beetho-\nven's selbst ausgedrückt; Herr A. Schindler in Frankfurt\nhatte nämlich Herrn General-Musik-Director Lachner die\neigenhändige Erklärung Beethoven's, in welcher er\ndie in D„das gelungenste seiner Geistesproducte\"\nnennt, zum Andenken an die gegenwärtige Aufführung\nfreundlichst verehrt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "174", "page_fin": "175", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.4", "titre_corps": "Hiller in Barmen.", "titre_sommaire": "Hiller in Barmen.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.6", "debut_caractere": 2920, "fin_caractere_exclue": 6189, "texte": "Hiller in Barmen.\nEin Bericht aus Barmen? aus dem düsteren Thale der noch\ndunkleren Wupper ? aus jenen Bergen, deren Spitzen ein beständi-\nger Nebel einhüllt, deren Bewohner dem zufolge auch in ihren\nKöpfen mit einer gewissen Nebel-Atmosphäre zu kämpfen haben\"?\nSpotten Sie nicht und lassen Sie Sich berichten. Er war eingela-\nden nicht der Nebel, den wir allerdings längst als ungebetenen\nGast beherbergen müssen, sondern Ferdinand Hiller er war ein-\ngeladen, sein herrliches Oratorium, Die Zerstörung Jerusa-\nlems, hier einzuführen. Er kam, er sah, er siegte. Ein freiwilliger\nTusch des Orchesters und endloser Applaus bewillkommten ihn,\nals er, den sicheren Feldherrnstab in der Hand, vor das Pult trat\nund die nicht kleine Schar seiner Siegesgehülfen überschaute.\nLautlose Stille begleitete die Aufführung. Ein Blumen- und Kranz-\nregen und ein Beifallssturm, wie ihn die Mauern des weiten Con-\ncordia-Saales noch nie gehört hatten, folgte den letzten Chor-Tönen.\nJa, wir dürfen es als die allgemeine Stimme der dichtgedrängten\nZuhörer aus Barmen, Elberfeld und Umgegend bezeichnen, dass\ndie Aufführung sowohl von Seiten des Chors und der Soli als des\nOrchesters eine durchaus gelungene war. Was aber war der Grund,\nwesshalb ein Oratorium, das bis dahin hier noch nicht gehört\nwurde, gleich beim ersten Male eine so allseitige Anerkennung\nfand, dass sogar jene eifrigen Freunde und Gönner der Musik, die\nden Anfang eines Chors verwünschen, weil Anfang nicht Ende ist,\noder jene, welche die Saalthür belagern, um bald nach den ersten\nKlängen unbemerkt zu gewohnten Kreisen zurückkehren zu kön-\nnen, dass selbst diese Musiker, trotz der drückenden Hitze, bis zu Ende\naushielten und uns zuletzt mehrfach gestanden, dass sie sich nicht\ngelangweilt hätten ? allerdings ein mässiges Lob. Man mag ant-\nworten: die Anwesenheit und Mitwirkung des Componisten selbst,\ndie treffliche Besetzung der Soli, die ungewöhnlich starke Vertre-\ntung der Chöre, die zahlreich in dem Oratorium vertretenen welt-\nlichen Elemente, die Eigentümlichkeit des Stoffes und Aehnliches.\nAber alles dies ist hier in Barmen schon da und nicht im Stande\ngewesen, einen so ungeteilten Enthusiasmus hervorzurufen, wie\nwir ihn am Sonnabend hörten. Eine schlagendere Antwort finden\nwir in dem hohen Werth e des Werkes selbst. Es ist die\nungemeine Wahrheit, Tiefe und Grossartigkeit, mit welcher hier,\nerhaben über historischen und nationalen Formen, der beseligende\nGlaube, der hartnäckige Trotz und Stolz, die tiefe Demuth einer\ngebeugten Seele, der rohe Uebermuth siegestrunkener Krieger, die\nTodestreudigkeit eines Gteubenshelden gegenüber Furcht, Entsetzen\nund Verzweiflung, kurz: das ganze Heer menschlicher Leidenschaf-\nten, im grellen Contraste des wirklichen Lebens geschildert werden\neine Schilderuug, wie sie nur dem echten Genius möglich ist,\nund die Geist, Seele und Herz des Zuhörers gefangen nimmt. Es\nwürde zu weit führen, den reichen Schatz voll herrlicher Melo-\ndieen, deren keine Note dem lauschenden Publicum verloren ging,\nhier wieder auszubreiten; es genüge, zu sagen, dass für die Soli\ndie würdigste Sorge getragen war. Fräulein Hartmann als Cha-\nin it a 1 führte uns dieses leichtsinnige, eitele, götzendienerische,\naher dabei so stolze und thatkräftige Weib gewiss dem Geiste des."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4790, "texte": "Componisten entsprechend vor; nicht minder sagte uns Fräulein R.\naus Crcfeld in der innigen Partie der seelenvollen Hanna zu; den\nschwankenden und am Ende so furchtbar unglücklichen Zedekias\ngab uns die durch ihre Weiche und Frische ausserordentlich an-\nsprechende Stimme des Herrn Pütz aus Köln wieder, während\ndie glaubensstarke Heldengestalt des in allen Lebenslagen grossartigen\nPropheten Jeremias in den markigen Tonendes Hrn. Schiffer\naus Köln ihren besten Vertreter fand. Wenn wir aber des\ngewaltigen Eindruckes der mächtigen Chöre gedenken und uns er-\ninnern, wie jedes Mitglied sich der Ehre, dem Componisten sein\neigenes Werk vorzuführen, bewusst und desshalb die bedeutenden\nSchwierigkeiten des letzteren mit besonderem Eifer zu überwinden\nbestrebt schien, so ist es unsere Pflicht, für die unermüdliche Aus-\ndauer und Sorgfalt, mit der in zahlreichen Proben das Oratorium\neinstudirt wurde, unserem wackeren Director, Herrn Hermann\nSchornstein, öffentliche Anerkennung und Dank zu zollen. lTnd\nals der Sieg errungen, da freuten sich die Sieger. Gegen 11 Uhr\nwurde dem gefeierten Componisten nicht ohne die entsprechende\nMitwirkung fremder Elemente ein hier höchst selten vorkommender\nFackelzug und Ständchen von der Langenbach'schen Capelle und\nder barmer Liedertafel gebracht, dem ein durch manchen heiteren\nToast und den sprudelnden Humor der kölner Gäste gewürztes\nBanket sich anschloss.\nSchon früher hatte Hiller versprochen, am Tage nach der Auf-\nführung seines Oratoriums noch in einer Soiree mitzuwirken, und\nso brachte uns denn, nachdem am Sonntag Mittags unter grosser\nBetheiligung im Plum'schen Saale ein Festessen Statt gefunden, bei\ndem auch von Seiten unseres Bürgermeisters eine Begrüssung der\nGäste im Namen der Stadt ausgesprochen wurde, der Abend noch\nmanche köstliche Perle auch heiterer Musik.\nZuerst trug Hill er selbst auf einem Flügel von Ibach eine\neigene Sonate vor, die zwar die ausserordentliche Fertigkeit des\nClavier-Virtuosen in strahlendem Lichte zeigte, aber, wenigstens im\nAndante und Allegro, von den wenigsten Zuhörern und, offen ge-\nsagt, auch von uns nicht verstanden wurde. Desto mehr drangen,\nnach einer nicht ganz glücklich gewählten Bariton-Arie aus Figaro,\ndie beiden volkstümlichen Lieder von Hiller: „Mein Schatz, der\nist auf die Wanderschaft hin\", und „Wenn du zu mein m Schätzerl\nkommst\", ersteres in E-moll, letzteres in E-dur, zu den Herzen\nder lautlos horchenden Menge. Fräulein Hartmann und Fräulein\nB. aus Crefeld fügten mit diesen Liedern ihrem reichen Ruhmes-\nkranze vom vorigen Abend ein paar zwar leicht gepflückte, aber\ndarum nicht minder duftige Blumen hinzu. Die dramatische Scene\nfür Sopran, „Malvina la follewar für Fräulein H. aus Elberfeld\nganz geeignet, den bedeutenden Umfang, wie die grosse Gewandt-\nheit ihrer in der neuen französischen Kunstschule ausgebildeten\nschönen Stimme, die übrigens mehr ein so genannter Contre-Alt\nzu sein scheint, hervortreten zu lassen. Mit gleichem Erfolge wur-\nden dann aus der Zerstörung Jerusalems die Duette zwischen\nAchicam und Hanna, Herrn Pütz und Fräulein R„ und zwischen\nZedekias und Jeremias, Herrn Pütz und Herrn Schiffer, wieder-\nholt, von denen wir namentlich das letztere Duett lür den drama-\ntischen Glanz- und Mittelpunkt des Oratoriums halten. Schade, dass\ndie nun folgenden Gaselen und rhythmischen Studien, von\nHiller auf Erard'schem Flügel vorgetragen, wie auch die Schluss-\nPhantasie, deren Themata der Componist sich von einigen Zu-\nhörern ausbat, einem brillanten Feuerwerke gleich, zu rasch vor-\nüberrauschten und dem Walten des Genius für diesmal ein Ziel\nsetzten.\nDoch es möge uns gestattet sein, an die Stelle eines speciel-\nieren Referates, dem wir über den Werth der Hillerschen Compo-\nsition eine Kritik beizuflechten doch nicht unternehmen würden,\nden vom Componisten am 30/31. October an unseren Musik-Direc-\ntor, Hrn. S chornstein, gerichteten Brief eintreten zu lassen:\n„Ich kann Barmen nicht verlassen, ohne Ihnen noch einmal\nmeinen aufrichtigsten, wärmsten Dank zu sagen für alles Liebe und\nGute, was Sie mir hier als Künstler und Mensch erzeigt. Die Tage,\ndie ich hier verlebt, werden mir unvergesslich bleiben. Die treff-\nliche Aufführung meines Oratoriums hat mein In-\nteresse an dieser Gattung von Compositionen neu be-\nlebt und mich mit frischem Enthusiasmus für eine\nneue derartige Schöpfung erfüllt. Bitte, seien Sie mein\nDolmetscher bei den Mitgliedern des Gesang-Vereins und Ihrer\nLiedertafel, sagen Sie ihnen, wie dankbar ich ihnen bin, sagen Sie\nauch den verehrten Herren von den Directionen Ihrer musicalischen\nInstitute, dass sie mir durch ihre wahrhaft hingebende Güte und\ndurch die eben so herzliche als grossartige Weise, mit welcher sie\nmein Werk und mich aufnahmen, eine schöne Erinnerung für das\nganze Leben geschenkt haben etc.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "175", "page_fin": "175", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.5", "titre_corps": "Aus Darmstadt.", "titre_sommaire": "Aus Darmstadt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.7", "debut_caractere": 4792, "fin_caractere_exclue": 7371, "texte": "Aus Darmstadt.\nEs darf den Lesern der Niederrheinischen Musik-Zeitung nicht\nunbekannt bleiben, wie es R. W'agner's Tannhäuser in drei\nVorstellungen auf unserer Hofbühne ergangen. Neue Malereien,\nneue Maschinen und neue Costume, deren Kosten auf nicht weni-\nger denn 12,000 Gulden angegeben waren, kein Wunder, dass\ndie Neugierde des Publicums aufs Höchste gespannt worden. In\nder ersten Vorstellung am Sonntag, den 23. Oct., gab es also der\nVerblüfften viele, der Befriedigten nur wenige; applaudirt wurde\nwacker, das jedoch zumeist den Sängern und dem in die Augen\nFallenden gegolten; allgemeine Zufriedenheit aber, als der Vorhang\nzum letzten Male niedergegangen und man sich nach beinahe vier-\nstündiger Anspannung gegenseitig gute Nacht wünschen konnte.\nDie zweite Vorstellung, Sonntag den 30. Oct., wiederum bei er-\nhöhten Eintrittspreisen, ging schon ohne alle erhöhten Gemütsbe-\nwegungen vorüber; der grossherzogliche Hof war auch wieder an-\nwesend, das Haus gut besetzt, die Für und Gegen vereinigten sich\naber am Ende in dem Urtheile: „Das ist keine Musik für uns.\"\nIn der dritten Vorstellung, Sonntag den 13. Nov., blieben alle\nRäume mehr als zur Hälfte leer, und das Thermometer hielt sich\nstandhaft auf Null. Vom Hofe war nichts zu sehen.\nDies der wahrheitsgetreue Hergang, den Hr. Musik-Director L.\nSchlösser in einer Nachschrift zu seinem emphatischen Berichte\nnach der ersten Vorstellung in der N. Zeitschrift für Musik vom\n4. Nov. sicherlich bestätigen dürfte. Vernehmet aber, ihr musica-\nlischen Völker des Niederrheines, Schlösser s Prophezeiung am an-\ngezogenen Orte: „Bald w erden es nicht mehr die Kritiker von Fach\nallein sein, die ihr Für und Gegen zu sprechen haben, sonderndes\nVolkes Stimme, die grosse und entscheidende Richterin, wird bald\ndie Sache in die Hand nehmen und ein gewaltiges Wort mit hin-\nein reden.\"\nWir erlauben uns, Hrn. Schlösser ergebenst zu fragen, ob es\nuns Böotiern wohl auch gestattet sein werde, in diesem Völker-\nChorus etwa eine Ripien-Stimme, wäre es auch nur eine Brumm-\noder Murr-Stimme mit ausführen zu dürfen. Ei, ei, dass doch ge-\nwisse Herren gar nicht ablassen können, den Aeolus stets mit vol-\nlen Backen zu unterstützen, nun um so nachdrücklicher und ange-\nstrengter, als mit der alten Frau Musica kein Aufsehen, keine\nRenommisterei so leichten Kaufs mehr zu machen möglich wird, zu-\nmal von Darmstadt aus. Wie sehr bedauern wir daher die zwei so\neifrigen und begeisterten Propheten des neuen musicalischen Mes-\nsias allhier! Möge es ihnen, wenn nicht jenseits, doch in der N.\nZeitschrift für Musik, vergolten werden!"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-11-26-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-11-26_01#c006", "volume": "bmtnabi_1853-11-26_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5728, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n(Berichtigung.) Wir haben nach französischen Blättern den\nTod des Pianisten Döhler in Rom gemeldet. Wir beeilen uns,\nDöhler's Antwort auf diese Nachricht mitzutheilen:\n„Mein lieber Brandus! *)\n„Die Trauer-Nachricht von meinem Tode zu Rom, welche ich\nso eben in Ihrer musicalischen Zeitung lese, ist nur zur Hälfte\nwahr. Ich bin noch am Leben, aber leider seit einigen Jahren für\nmeine Kunst sehr todt, woran ein Nervenübel am Rückgrat schuld\nist, welches mich nöthigt, beständig ausgestreckt zu liegen oder nur\nmit Hülfe von Kissen im Rücken zu sitzen, ein Zustand, der mich\nzu dem vollständigsten amaro far niente (bitteren Nichtsthun)\nverurtheilt. Trotzdem geben mir die Aerzte Hoffnung zur Gene-\nsung; ich nehme sie an und hoffe einst durch Uebersendung eini-\nger Manuscripte die zweite Hälfte der Trauerbotschaft aus Rom be-\nrichtigen zu können.\n„Inzwischen schicke ich Ihnen einen von den letzten musica-\nlischen Gedanken, die ich noch aufzeichnen konnte, mit. Sie kön-\nnen ihn den Lesern Ihrer Zeitung als Gabe eines Halb-Auferstan-\ndenen bieten. Wie immer, Ihr ergebenster\n„Florenz, 11. November 1853. Th. Döhler.\"\nKo'hi, 25. Nov. Heute kommt Richard Wagner s Tann-\nhäuser zum ersten Male hier zur Aufführung. Die Oper ist mit\ngrossem Aufwand von Seiten der Direction in Scene gesetzt.\nV\nStuttgart* Auch hier haben die Winter-Concerte bei zahl-\nreichem Abonnement am 30. October wieder begonnen. Auf der\nBühne macht Frau von Marra Glück.\nFrankfurt a. Nächsten Samstag den 26. Nov. soll\nFlotow's Rübezahl hier zur Aufführung kommen. Frankfurt\nwird also der erste Ort in Deutschland sein, auf dessen Bühne das\nneue Werk des Componisten der Martha erscheint. In Wien wird\nes zu Anfang des folgenden Jahres auf dem Hof-Opern-Theater in\nScene gehen.\nHamburg-« Der „Tannhäuser\" füllt hier das Theater;\nschwerlich dürfte er aber auch irgendwo schon mit so prachtvoller\nAusstattung gegeben worden sein, als hier. Decorationen, Ballet,\nAufzüge von Hunderten von Comparsen u. s. w., machen daraus\neine Meyerbeer'sche Spectakel-Oper in deutschem Gewände. Die\nhiesige, übrigens sehr gute Aufführung ist eine wahre Ironie auf\nWagners Theorie von der Einfachheit des lyrischen Dramas, wie\ndenn freilich der Tannhäuser selbst die theoretischen Lehren seines\nSchöpfers aller Augenblicke Lügen straft und zwar zu dessen\neigenem Vortheil.\nZürich. Die Erben des Theater-Directors Löwe, der be-\nkanntlich durch einen verhängnissvollen Schuss ums Leben gekom-\nmen, setzen das hiesige Theater-Unternehmen fort. Verwalter ist\nHerr Staufenau, Orchester-Dirigent Herr Eberle aus München.\nDie Oper „Keolanthe\" von Balfe, welche am 26.\nNovember hier aufgeführt wird, hat der Componist schon vor drei-\nzehn Jahren geschrieben und gegenwärtig nur sieben neue Num-\nmern dazu geliefert, welche besonders auf hiesige Bühnen-Notabili-\ntäten berechnet sind. Die Nachricht von Döhler s Tode, bei\nwelcher ein hiesiges Blatt bereits einen Nekrolog für die nächste\nNummer ankündigte, hat sich nicht bestätigt; Döhler hat sie selbst\ndurch ein Schreiben von Florenz an Leopold von Meyer widerlegt.\nAm 26. November trifft Vieuxtemps hier ein. Jetty\nTreffz, die berühmte Illustration von Kiicken's Trab, trab! durch\nganz England, hat für die nächste Saison in London eine höchst\nschmeichelhafte Einladung erhalten und wird ihr Folge geben. Sie\nbewohnt einen artigen Landsitz in unserer Nähe.\nRud. Willmers hat eine Ouvertüre zur Feier der Errettung\ndes Kaisers geschrieben, deren Dedication Se. Majestät angenom-\nmen haben. Die Thema's sind die Signale der österreichischen\nJäger und das österreichische Volkslied.\nPestli, 10. Nov. Vor einigen Tagen fand hier das erste Con-\ncert von Vieuxtemps im deutschen Theater Statt. Hat das Vir-\ntuosenthum in diesem bewunderungswürdigen Spiele den Gipfel-\npunkt erreicht, so ist die wahre Künstlerschaft nicht minder aus-\ngeprägt durch den Adel, die Würde, die Ruhe, das Maass und die\nHarmonie, welche alle virtuosen Eigenheiten iu einem organischen,\nrundenden Ganzen ordnen. Nicht der volle, grosse, kräftige Ton,\nnicht die männliche Bogenfiihrung, nicht die selbst bei riesig\nschwierigen Stellen stets sichere Intonation, nicht die stupende Ge-\nläufigkeit, nicht die unbegreifliche Bravour in technischer Bezie-\nhung allein sind die Vehikel, mittels deren der Künstler solche\ngrossartige Effecte erzielt: die Seelenhaftigkcit des Vortrages, die\nTiefe und Wärme der Empfindung, die, wir möchten sagen, antike\nRuhe selbst bei jenen Stellen, wo der Schwung der Phantasie und\ndas Feuer des Ausdrucks jeden Anderen über die Gränzen des\nKunstschönen fortreissen würden, diese Eigenschaften sind es, die\nden Leistungen des seltenen Künstlers solchen mächtigen Reiz,\nsolchen unbestrittenen Werth verleihen. Frl. Bury bewährte aufs\nNeue ihre Künstlerschaft im Vortrage zweier deutschen Lieder, die\nsie eben so gediegen als reizend zum Besten gab und denen sie\nauf rauschendes Verlangen noch ein drittes, das jüngst so beifällig\naufgenommene „Ständchen\", hinzuzufügen so gefällig war»\nBrüssel« Les Amours du Diable, die neueste Oper von Gri-\nsar, Text von St. Georges, welche in Paris das Thedtre Lg-\nrique seit Monaten lüllt, ist nun auch hier mit ausserordentlichem\nBeifall gegeben worden. Die Hauptrolle des Genius Uriel wird von\nDlle. Anna Lemaire sehr gut gegeben. Die Geschwister\nFerni, Violinspielerinnen, zwei neue Milanollo's, haben bereits\nvier Concerte hier gegeben und grossen Beifall geärntet.\nRichard Wagner, der mit Liszt nach Paris gereis't war,\nerhielt dort nur 48 Stunden Aufenthalts-Erlaubniss. Hat die grosse\nOper oder das Kaiserthum den Mann der Zukunft, der mit den\nRittern Tannhäuser und Lohengrin heranrückte, gefürchtet?\n*) Verleger der Revue und Gazette Musicale in Paris."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.1", "texte": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.\nII.\nWenden wir uns jetzt zur besonderen Betrachtung\nder einzelnen veröffentlichten Dramen Wagner's.\nDer „FliegendeHolländer\" ist jedenfalls die frischeste,\nunwillkürlichste Conception seiner Phantasie; die Anlage\nist frei von jeder Berechnung, die Schilderung beruht auf\neigener Anschauung, auf individuellen Eindrücken und\nEmpfindungen. Aber eben desshalb ist das Werk so sub-\njectiv gehalten, dass es auf den Titel eines dramatischen\nkeinen Anspruch machen kann; es geht ihm, abgesehen von\ndem Ungeheuerlichen der Musik, alle und jede Bühnen-\nwirkung ab.\nDie Fehler der früheren Romantiker vereinigt es sämmt-\nlich in sich und bietet nur sehr wenige Vorzüge dieses\nGenre's dar. Der Zuhörer wird von vorn herein in eine\ntodtenhafte Erstarrung versetzt, die theils durch das Stocken\nder Handlung, theils durch die Gräulichkeit des Sujets,\ntheils durch das Wilde der Scenerie, theils endlich und\nhauptsächlich durch das Disharmonische und Schwerfällige\nder Orchestermusik hervorgerufen wird. Drei vereinzelte\nLichtpuncte der Spinnchor, die Bass-Arie des zweiten\nund dasDuettino des dritten Actes— lassen dieNacht rings\numher nur um so finsterer erscheinen.\nDer Held und Mittelpunkt dieses Tongemäldes ist eine\neben so bizarre Erscheinung, wie Bertram, aber zugleich\neine sehr langweilige, während jener doch pikant ist. Der\nweibliche Charakter ist eben so unnatürlich und verzerrt,\ndie Aufopferungslust des Mädchens durch nichts motivirt,\nsie selbst eine zweite Somnambule. Die schreiend starken\nAccente in den Gesang-Partieen entschädigen nicht für die\ngezwungene, meist unmelodische Führung der Stimmen,\nwelche noch obendrein vom Orchester todt gehetzt wer-\nden. Die Naturschilderung, die Matrosen-Chöre mögen\nwahr sein, mögen eine gleich betäubende Kraft besitzen,\nals wirklicher Seesturm und Theerjacken-Gesang, aber\nschön sind sie nicht. Uebrigens geräth Wagner hier, wie\n\\\nso oft, in grellen Widerspruch mit seiner Lehre, indem er\nja in seiner Operntheorie die vage Tonmalerei, „die\nAusgedrücktes, nicht Ausdruck enthalte\", gänzlich ver-\nwirft. Wo endlich im „Holländer\" das „rein-menschliche\nElement\" enthalten sein soll, ist nicht zu ergründen. Un-\nerklärlich ist und bleibt es daher, wie Wagner diesen\nOperntext in sein Beispielbuch mit aufnehmen, ihn als das\nModel eines musicalischen Drama's aufstellen konnte.\nMan wird vielleicht einwenden, es sei der „Holländer\"\nder Entwicklungsknoten für die beiden folgenden Dramen\ngewesen. Aber welche Aehnlichkeit, wenigstens welche ähn-\nliche Vorzüge sind darin, gegenüber denen der letzteren,\naufzufinden? Wir wüssten keine.\nWohl aber begegnen wir im „Tannhäuser\" der-\nselben Wildheit der Leidenschaft, derselben Armuth an\nHandlung, derselben Sprödigkeit in der Führung der Stim-\nmen, theilweise derselben Bizarrerie der Charaktere. Eine\nausführliche Darstellung und Beurtheilung dieser Oper ist\nindessen kürzlich in diesen Blättern auf so gründliche und\nscharfsinnige Weise erfolgt, dass wir uns derselben gänz-\nlich enthalten können. Nur auf zwei Punkte wollen wir,\nzur weiteren Beurtheilung der angeblichen Reformation der\nOper, näher eingehen.\nWagner hat, unwissentlich, eine Selbstkritik seines\n„Tannhäuser\" geschrieben, wie sie kein parteiloser\nRunstrichter besser hätte schreiben können. Er sagt von\neiner gewissen Oper Folgendes: „Der Text ward mit Haut\nund Haar in den Melodieen verbrannt, letztere aber machte\nder Componist meist im Voraus fertig, brach sie, um dem\nTexte keinen zu erkennbaren Zwang anzuthun, in Stücke\nund fügte die einzelnen Theile, je nach dem declamatori-\nschen Erfordernisse der Textesworte, zu einem künstlichen\nMosaik zusammen.\" Nun hat zwar der Verfasser jener Leit-\nArtikel über den „Tannhäuser \"schon mit Recht auf die grosse\nAehnlichkeit hingewiesen, welche diese Oper theilweise mit\nWeber's „Euryanthe\" hat. Wir behaupten aber, die ganze\nErfindung des zweiten Actes, ja, sogar die ganze Anwen-\ndung und Behandlung seines Inhalts, ist aus einer sehr ge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.2", "texte": "schickten und dankbaren Nachahmung der gleichen Situa-\ntionen in jener Oper entstanden. Aber wir läugnen, dass\nWagner'sDefinition von der Euryanthen-Musik, denn\ndiese ist in den oben angeführten Worten ge-\nmeint, die richtige sei, und finden, dass sie weit besser auf\nseine eigene Musik passt. Wenn er übrigens ferner die Chezy'-\nsche Dichtung zu Weber's Oper als einen der unglücklich-\nsten Operntexte bezeichnet, so prallt dieser Schuss mit ent-\nschiedener Schnellkraft auf den Schützen zurück. Denn die\nunbefangene Kritik hat dem gleichfalls ganz undramatischen,\nweil lyrischen Texte zum „ Tannhäuser8 noch keine be-\nsondere Anerkennung zu Theil werden lassen, mag auch\nder Form, der Sprache und dem Verse volle Anerkennung\nzu Theil werden. Die Erfolge der Oper beim Publicum\nsind durch die äusseren Umstände zu sehr bedingt, als\ndass man daraus auf ihre Dauer schliessen könnte. In\nDresden liess die Oper das aristokratisch-katholische\nPublicum ausgenommen kalt, wie Wagner selbst ge-\nsteht ; in Weimar herrscht das Local-Interesse und Liszt's\nAutorität vor; an anderen Orten dürften theils die Sym-\npathieen für das unverdiente harte Schicksal des Künstlers,\ntheils die literarischen Lärmtrompeten seiner Freunde be-\nsonders schwer in die Waagschale fallen.\nDie Lyrik greift, namentlich im dritten Acte, so breit\nund ausschliesslich Platz, dass dadurch, trotz aller instru-\nmentalen Würze, der Hörer höchlich gelangweilt und zum\nVergessen des vorher Gehörten veranlasst wird. Nur der,\nwelcher sich, „rein-menschlichen Gedanken\" fern, mit\nTreugläubigkeit zur römisch-katholischen Kirche bekennt,\noder es liebt, in mittelalterlicher Mystik zu schwelgen, kann\nvon dieser fast ununterbrochenen Kette von Gebetsängen\nund Reueliedern in eine erquickliche Stimmung versetzt\nwerden. Ueberhaupt versteht es Wagner sehr, durch oft\npeinlich zähe Fortführung langsamer Zeitmaasse seine Hö-\nrer müde und mürbe zu machen. Was soll man aber zum\nInhalte dieses schleppenden dritten Actes, zu diesem\nSiege des Wunderglaubens sagen? Wagner ist, wie ge-\nsagt, der Mann des Widerspruchs. In seiner Theorie ei-\nfert er gegen die mittelalterliche Romantik und setzt den\nchristlichen Mythus, dem alt-griechischen gegenüber, auf\nein Minimum poetischen Werthes herab. „ Nur der Grieche\nkam durch Vergleichung der äusseren Erscheinungen mit\ndem Menschen zum Menschen selbst, der im christlichen\nMythus sich selbst fremd geworden war, indem dessen In-\nhalt das Sterben, die Sehnsucht nach dem verklärenden\nTode ist.\" „Im griechischen Drama war wachsende Be-\nwegung bis zur Katastrophe\" d. i. Steigerung—, „im\nchristlichen musste mit dem Sturme des Lebens begon-\nnen werden, um die Bewegung zum schwärmerischen Er-\nsterben abzuschwächen.\" Nun wahrlich, im „Tannhäu-\nser\" wird in diesem Genre gewiss das Möglichste ge-\nleistet !\nUnd hier kommen wir zur Besprechung dessen, was\nden inhaltlichen Kern des Drama's der Zukunft bilden soll,\nzu Wagner's Losungswort vom „Reinmenschlichen\".\nNach ihm ist der Mensch im Staate untergegangen.\n„Das Individuum im Kampfe mit dem Staate\" d. i.\nden staatlichen Einrichtungen, Gesetz und Sitte „kann\nvom Dichter nur als ein Gedachtes, gestalt- und farblos\nUnvorhandenes (?) dargestellt werden.\" Aus dieser mehr\nals dunklen Definition, einer negativen, kann man natür-\nlich bloss schliessen, dass Wagner den Menschen nur dann\nals Object poetischer, insbesondere dramatischer Auffassung\nzulassen will, wenn wir ihn aller Cultur entkleidet, allen\ngegebenen Verhältnissen entrückt, also im puren, nackten\nNaturzustande vor uns haben. Die Haupt-Momente dieses\nparadiesischen Lebens sollen für den Dichter, der mit der\nVergangenheit gebrochen, sein: „ Jugend und Alter, Wachs-\nthum und Reife, Eifer und Ruhe, Thätigkeit und Beschau-\nlichkeit, Unwillkür und Bewusstsein.\" Demnach dürften ei-\ngentlich künftighin nur wilde Völkerstämme auf der Bühne\ngeduldet werden. Denn die Sphäre anderer Personen muss\ndoch irgend einer Zeit der Culturgeschichte angehören.\nUebrigens kann der Philosoph sich wohl mit der Abstrac-\ntion des „Reinmenschlichen\" befassen, aber der dichte-\nrischen Phantasie wird dieses eben so unmöglich sein, als\nder thierischen Lunge das Einathmen der reinen Lebens-\nluft, des unvermischten Sauerstoffes. Sie müsste sehr bald\nim Reinmenschlichen ersticken!\nZu jenem Trugschlüsse gelangt Wagner aber theils\nauf Grund seiner politischen Ansicht, nach welcher er,\nselbstgeständlich, keiner Partei angehören will, theils sei-\nner psychologischen Auffassungsweise, in welcher er Ma-\nterialist und fest von der sinnlichen Einheit des menschli-\nchen Wesens überzeugt ist. Dennoch eifert er so gewal-\ntig gegen die „ Verstandes-Dichter und -Componisten\";\ndennoch will er nur vom Gefühle des Dichters auf das\nGefühl des Hörers gewirkt wissen und findet das Unna-\ntürliche des Drama's, des Romans, der Oper vor der sei-\nnen darin, dass deren „ Inhalt, der sich abwechselnd an den\nVerstand und das Gefühl zu wenden habe, ein zweispal-\ntiger, uneiniger\" - und daher künstlerisch unzulässiger\n„sei\". Damit erkennt er aber eben wieder den Dua-\nlismus der menschlichen Natur an!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.3", "texte": "Diesem in Nebel und Dunst verschwimmenden Be-\ngriffe des „ Reinmenschlichen\" suchen wir nun aber in\nWagner's dramatischen Modellen vergebens nach. Die ganze\ndürftige Handlung des „Holländers\" ist auf den eigentüm-\nlichen Umgebungen der Personen basirt; der „ Tannhäu-\nser\" ist historischen Ursprungs: die beiden auf dein gege-\nbenen Hintergrunde sich darin bekämpfenden Elemente sind\nder symbolische Geisterspuk und der positive Christen-\nglaube. Nun gut: so sollen diese beiden Dichtungen wohl\nnur Durchgangspunkte zur wahren dramatisch-musicalischen\nPoesie, und diese endlich selbst im „Lohengrin\" anzutref-\nfen sein? Wir werden aber finden, dass auch hier dieScene\nin einem von Wagner so unpoetisch gehaltenen „Staate\",\nnämlich im Lehns-Staate, spielt, während die des „Hollän-\nders\" einem Handels-Staate, die des „Tannhäuser\" aber\neinem kirchlichen angehört.\nDie Bekanntschaft des „Lohengrin\" haben wir nur mit\ndem Auge gemacht, zum Gehör ist er uns noch nicht ge-\nkommen. Dennoch müssen wir bekennen, dass uns dieses\nWerk nach sorgfältiger Prüfung eine ungleich höhere und\nbeachtenswerthere Stellung einzunehmen scheint, als Wag-\nner's frühere Dichtungen. Man findet hier ein echt drama-\ntisches Gebilde, von zart poetischem Hauche durchweht\nund von einer fast ganz befriedigenden Wirkung. Die Cha-\nraktere sind sicher gezeichnet, die Gegensätze treffend her-\nvorgehoben, die äusseren Umgebungen treu und lebhaft\ngeschildert. Die Sprache ist edel und sehr gewählt, ohne\nmanierirt zu sein. An Breiten leidet das Werk nur wenig.\nSein Hauptfehler aber ist die schon oft gerügte Entwick-\nlung, welche den Hörer frostig ergreift und zuletzt gegen\nden Helden gänzlich abkältet. Auf die musicalische Seite\ndes Drama's gehen wir hier nicht ein, deren Besprechung\neiner competenteren Feder überlassend.\nDas Wunder bildet auch die Basis des „ Lohengrin\".\nDas Wunder aber eben ist es, welches nach Wagner's\nAnsicht die Opern-Reform herbeiführen soll. „Nur durch\ndas Wunder kann der Dichter die allverständlichste Einheit\nim Drama herstellen, indem dasselbe nicht, wie das Wun-\nder des christlichen Dogma's, die Natur der Dinge aufhebt,\nsondern sie dem Gefühle (?) begreiflich macht.\" Mehr er-\nfährt man nicht. Wohl aber wird man an dieser kurzen\nund dunklen Deutung wieder irre, wenn man die frühere\nBehauptung Wagner's damit vergleicht, nach welcher „der\nMythus die Dinge erfasst, wie sie dem Auge erscheinen,\nnicht, wie sie wirklich sind\". Diese Auffassung der\nDinge nach dem Scheine soll sie also auf das verständlich-\nste begreiflich machen!\nIn den drei Opern-Dichtungen, welche inhaltlich nur\ndas Eine mit einander gemein haben, dass die Sage in\nihnen die Hauptpartie bildet, soll nun nach Wagner eine\nneue specifische Poesie liegen, welche er für die des allein\nwahren und echten Drama's hält. Die Fabel des Hollän-\nders wird aber mit derselben symbolischen Andeutung ge-\nbraucht, wie die des ewigen Juden, und die des Tannhäu-\nsers im Hörseiberge verräth die gleiche dichterische Ab-\nsicht, welcher wir schon lange vorher in der von Armida\nund Rinaldo begegnet sind. Die symbolische Andeutung\neines menschlich-wahren Verhältnisses ist nun im „Lohen-\ngrin\" in dem Gral-Geheimnisse zu finden, welches den\nHelden umhüllt. Das Recht des liebenden Mannes, vom\nWeibe seiner Wahl unbedingte Hingebung verlangen zu\nkönnen, spricht sich in der Festhaltung dieses Geheimnis-\nses, Else gegenüber, aus. Es ist recht spannend erfunden,\naber der rein-menschliche Charakter des Helden leidet\ndarunter noch weit mehr, als im Tannhäuser, so dass Lo-\nhengrin am Schlüsse der Oper bei seinem Scheiden weder\nZuneigung noch Bewunderung im Hörer zurücklassen kann.\n\n*).\nDer von A. Hitzschold mitgetheilte, in Nr. 20 abge-\ndruckte Brief C. M. von Weber's an Nägeli hat einige Zu-\nschriften an uns veranlasst, welche dasselbe Thema, näm-\nlich die auffallend irrige und schroffe Beurtheilung Beetho-\nven's durch Weber, betreffen. Die interessanteste Mitthei-\nlung ist die folgende, welche von dem hochgeschätzten\nKunst-Veteranen Hrn. Schnyder von Wartensee herrührt,\nin dessen Besitz sich die Quelle derselben, die Nummer\n309 des Morgenblattes, vom 27. December\n1809, befindet. Dort ist zu lesen;\n„Fragment einer musicalischen Reise, die\nvielleicht erscheinen wird.\n„Voll Zufriedenheit über eine Vormittags glücklich\ngeendete Sinfonie und ein vortreffliches Mittagsmahl, ent-\nschlummerte ich sanft und sah mich im Traume plötzlich\nin den Concertsaal versetzt, wo alle Instrumente, belebt,\ngrosse Assemblee unter dem Vorsitze der gefühlvollen und\nmit naiver Naseweisheit erfüllten Oboe hielten. Rechts hatte\nsich eine Partie aus einer Viola d'amour, Bassethorn, Viola\ndi Garnba und FliUe douce arrangirt, die über die verflos-\nsenen guten alten Zeiten klagetönten; links hielt die Dame\nOboe Cirkel mit jungen und alten Clarinetten und Flöten,\n\nNoch einmal: C. M. v. Weber über Beethoven\n\n*) Vergl. Nr. 20: „Ein Urtheil Webers u. s. w.\"."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.4", "texte": "mit und ohne unzählige Modeklappen, und in der Mitte war\ndas galante Ciavier, von einigen süssen Violinen, die sich\nnach Pleyel und Gyrowetz gebildet hatten, umgeben.\nDie Trompeten und Hörner zechten in einer Ecke, und\ndie Piccoloflöten und Flageolettchen durchwirrten den Saal\nmit ihren naiven, kindlichen Einfällen, wovon Mama Hoboe\ndurchaus behauptet, es sei echt Jean Paul'sche Anlage,\ndurch Pestalozzi zur höchsten Natürlichkeit erhoben,\nin ihren Tönen. Alles war seelenvergnügt, als auf einmal\nder grämliche Contrabass, von einem Paar verwandten\nVioloncellen begleitet, zur Thür hereinstürmte und sich\nvoll Unmuth auf den dastehenden Directions-Stuhl warf,\ndass das Ciavier und alle anwesenden Geig-Instrumente vor\nSchrecken unwillkürlich wiederklangen. Nein, rief er aus,\nda sollte einen ja der Teufel holen, wenn täglich solche\nCompositionen vorkämen! Da komme ich eben aus der\nProbe einer Sinfonie eines unserer neuesten Componisten,\nund obwohl ich, wie bekannt, eine ziemlich starke und kräf-\ntige Natur habe, so konnte ich es doch kaum mehr aus-\nhalten, und binnen fünf Minuten wäre mir unausbleiblich\nder Stimmstock gefallen und die Saiten meines Lebens ge-\nrissen. Hat man mich nicht wie einen Geissbock springen\nund wüthen lassen, habe ich mich nicht zur Violine um-\nwandeln sollen, um die Nicht-Ideen des Herrn Componi-\nsten zu executiren, so will ich zur Tanzgeige werden und\nmein Brod mit Müller'schen und Kauer'schen Tanz-Dar-\nstellungen verdienen.\n„Erstes Violoncell(sichdenSchweissabwischend):\nAllerdings haben eher pere Recht; ich bin auch so fatiguirt,\ndass ich seit den Cherubinischen Opern mich keines sol-\nchen Echaullements erinnere.\n„Alle Inst rumente: Erzählen Sie! erzählen Sie!\n„Zweites Violoncell: Erzählen lässt sich so etwas\nkaum, und eigentlich wohl noch weniger hören; denn\nnach den Begriffen, die mir mein göttlicher Meister Rom-\nberg eingeflösst hat, ist freilich die von uns eben execu-\ntirte Sinfonie ein musicalisches Ungeheuer, wo weder auf\ndie Natur irgend eines Instrumentes, noch auf Auslührung\neines Gedankens, noch auf irgend einen anderen Zweck,\nals den des neu und originel Scheinenwollens hingearbei-\ntet wäre. Man lässt uns gleich der Violine in die Höhe\nklettern ....\n„Erstes Violoncell (ihn unterbrechend): Als ob\nwir das auch nicht eben so gut könnten!\n(Wir beseitigen hier die vielen noch folgenden Ge-\nspräche der anderen Instrumente, deren fast jedes\neinzelne seinen Beitrag liefert mit anzüglichen Witzen\noder auch mit ordinären Bemerkungen, und fahren\nim Contexte weiter fort.)\n„Auf einmal trat der Calcant in den Saal, und er-\nschrocken fuhren die Instrumente aus einander; denn sie\nkannten seine gewaltige Iland, die sie zusammenpackte und\nden Proben entgegentrug. Wartet! rief er: rebellirt ihr\nschon wieder? Wartet! gleich wird die\nvon Beethoven aufgelegt werden, und wer dann noch ein\nGlied oder eine Klappe rühren kann, der melde sich.\n„Ach, nur das nicht! baten alle. Lieber eine italiäni-\nsche Oper; da kann man doch noch zuweilen dabei nicken,\nmeinte die Bratsche.\n„Larifari! rief der Calcant: man wird euch schon\nlehren. Glaubt ihr, dass in unseren aufgeklärten Zeiten,\nwo man über alle Verhältnisse wegvoltigirt, euretwegen\nein Componist seinem göttlichen, riesenhaften Ideen-\nSchwunge entsagen wird? Gottbewahre! Es ist nicht mehr\nvon Klarheit und Deutlichkeit, Haltung und Leidenschaft,\nwie die alten Künstler Gluck, Händel und Mozart wähn-\nten, die Rede. Nein, hört das Recept der neuesten Sin-\nfonie*), das ich so eben von Wien erhalten, und urtheilt\ndanach: Erstens, ein langsames Tempo, voll kurzer, abge-\nrissener Ideen, wo ja keine mit der anderen Zusammen-\nhang haben darf; alle Viertelstunden drei oder vier Noten!\ndas spannt! Dann ein dumpfer Paukenwirbel und myste-\nriöse Bratschensätze, Alles mit der gehörigen Portion Ge-\nneral-Pausen und Halte geschmückt; endlich, nachdem die\nZuhörer vor lauter Spannung schon auf das Allegro Ver-\nzicht gethan, ein wüthendes Tempo, in welchem aber haupt-\nsächlich dafür gesorgt sein muss, dass kein Hauptgedanke\nhervortritt und dem Zuhörer desto mehr selbst zu suchen\nübrig bleibt; Uebergänge von einem Tone in den anderen\ndürfen nicht fehlen, man braucht sich aber desswegen gar\nnicht zu geniren, man braucht z.B. wie Paer in derLeo-\nnore nur einen Lauf durch die halben Töne zu machen\nund auf dem Tone, in den man gern will, stehen zu blei-\nben, so ist die Modulation fertig. Ueberhaupt vermeide man\nalles Geregelte; denn die Regel fesselt nur das Genie.\n„Da riss plötzlich eine Saite an der über mir hangen-\nden Guitarre, und ich erwachte voll Schrecken, indem ich\ndurch meinen Traum auf dem Wege war, ein grosser Com-\nponist im neuesten Genre oder ein Narr zu werden.\n„Carl Marie.\"\nWenn diese Actenstücke die unbegreifliche Verblen-\ndung Weber's über den grössten Tondichter aller Zeiten\n\n*) Wahrscheinlich Anspielung auf die vierte Sinfonie in B-dur.\nA nm. d. Einsenders."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.5", "texte": "unzweifelhaft darthun, so rechtfertigen sie zu gleicher Zeit\nSchindlers Angaben in Beethoven's Biographie über We-\nbers Ansicht und Gesinnung diesem gegenüber. Bei histo-\nrischen Dingen hört die Gemüthlichkeit eben so gut\nwie bei Geld-Angelegenheiten auf, und vor dem Briefe an\nNägeli und dem Aufsatze im Morgenblatte, als diplomati-\nschen Urkunden, müssen die, namentlich von Dresden aus\nfrüher erhobenen Anklagen gegen Schindler, die nicht auf-\nhörten, ihn der „böswilligen Seitenblicke, der Lüge, des\npersönlichen Hasses, der Herabsetzung Weber's, der\nGötzendienerei u. s. w.\" zu zeihen (s. besonders Nr. 47\nder Leipz. N. Zeitschr. f. Mus. vom J. 1840) in nichts\nverschwinden.\nEines dürfen wir jedoch bei dieser ganzen Sache nicht\nausser x\\cht lassen, das ist die Jugend Weber's, in welcher\ner stand, als er sich herausgenommen, im Allgemeinen so\nabsprechend über Beethoven zu urtheilen. Wir haben im\nDecember des Jahres 1809, aus welchem die oben wie-\nder abgedruckte Spötterei über Beethoven's Sinfonieen\nherrührt, und im Frühjahr des Jahres 1810, in welchem\nder Brief an Nägeli geschrieben wurde, nicht etwa den\nComponisten des Freischützen (1821), der Euryanthe\n(1823) und des Oberon (1826) vor uns, sondern einen\njungen Musiker, der im December 1809 eben erst drei-\nundzwanzig Jahre alt geworden war (geb. den 18. Dec.\n1786) und zwar schon einige hübsche Ciaviersachen, auch\ndie Oper „Silvana\" (viel später erst gedruckt) und ein\npaar ungedruckte Sinfonieen geschrieben hatte, aber doch\nim Jahre 1810 mit Meverbeer und Gänsbacher zum zwei-\nten Male des Abtes Vogler gründliche Anleitung zur Com-\nposition zu benutzen für gut fand. Von Beethoven lagen\nfreilich zu jener Zeit schon an die siebenzig Werke vor,\ndarunter sechs Sinfonieen, neun Violin-Quartette, vier Cla-\nvier-Concerte und die meisten Clavier-Sonaten, so dass des\njungen Weber Urtheil, wenn wir ihm auch ein sicheres\nSelbstgefühl und die Ahnung seiner künftigen Grösse zu\nGute halten wollen, doch immer etwas arg Befremdendes\nund psychologisch Merkwürdiges in sich schliesst, zumal\nwenn man bedenkt, dass er auch noch vier Jahre später,\nbei Erscheinung der von Beethoven (1813),\ndiesen als reif für das Narrenhaus erklärte! Tantaene ani-\nmis coelestibus irae oder errores ?\n\nL. B.\n\nAus München\n*).\nUnsere Odeons-Concerte haben am 1. November be-\ngonnen, und zwar mit einer Aufführung, welche wohl mit\nRecht ein Ereigniss in der musicalischen Welt zu nennen\nist, mit der Aufführung von Beethoven's Missa solem-\nnis in D-dur. Die norddeutschen musicalischen Blätter las-\nsen sich im Allgemeinen eine Vernachlässigung der süd-\ndeutschen Musikzustände zu Schulden kommen, und Sie\nnehmen es mir nicht übel, wenn ich die Niederrheinische\nMusik-Zeitung, welche auch in Baiern mit grossem Interesse\ngelesen und in ihrer gediegenen Richtung vollkommen an-\nerkannt wird, davon ebenfalls nicht ganz freisprechen\nkann **). Die Kunstgenüsse, welche die münchener Oper\ndarbietet, sind zahlreich und gehören, im Ganzen genom-\nmen, zu den gediegensten in Deutschland [?], abgesehen\nvon dem Besitz einzelner Gesangesgrössen, den wir ande-\nren Residenzen nicht streitig machen wollen. Die Odeons-\nConcerte geben in ihren Programmen eine Auswahl von\nmusicalischen Werken, welche jedem Concert-Institut Ehre\nmachen würde; der Gedanke, ihre diesjährige Eröffnung\nmit dem obengenannten Riesenwerke Beethoven's zu be-\nginnen, ist allein schon Beweises genug für diese Behaup-\ntung, welche ausserdem durch das, was wir im Laufe des\nWinters hören werden, wie eine Cantate von J. S. Bach,\nBeethoven's Sinfonie Nr. 111 und Nr. VII, dessen vier\n\n*) Nicht von unserem gewöhnlichen münchener Correspondenten.\n**) Wir können diesen Vorwurf nicht als gerecht hinnehmen und\nverweisen namentlich auf die „Wiener Briefe\" in unseren\nBlättern und auf die Correspondenzen aus München selbst.\nDass wir unsere Spalten auch Berichten und Ansichten, welehe\nmit denen unserer Correspondenten nicht übereinstimmen\noder sie ergänzen, gern öffnen, haben wir oft bewiesen und\nwerden fernerhin fortfahren, auch in diesem Punkte der Un-\nparteilichkeit zu huldigen, welche allein die Theilnahme der\nmusicalischen Welt für ein Kunstblatt sichern kann. An wem\nliegt es aber, wenn selbst bedeutende musicalische Leistungen\nin Deutschland unbeachtet bleiben? Einzig und allein an den\nMusikern und gebildeten Dilettanten selbst, welche alle zwar\nsehr gern etwas über das, was in ihrer Nähe vorgeht, lesen,\naber theils zu bequem, theils zu gleichgültig sind, etwas\ndarüber zu schreiben und das Streben der Redactionen\nnicht bloss durch passive, sondern durch active Theilnahme\nzu unterstützen.\nWir ergreifen diese Gelegenheit, auch dem Hrn. X. den\nEmpfang seines Briefes (mit dem Poststempel E., 16. Nov.)\nanzuzeigen, welcher ein ähnliches Thema bespricht. Wir fin-\nden die darin enthaltenen Bemerkungen in mancher Hinsicht\nbegründet und hegen die Hoffnung, dass der geehrte Schrei-\nber selbst uns in Stand setzen möge, den von ihm ausge-\nsprochenen Wünschen in Bezug auf die dortigen Kunstlei-\nstungen zu entsprechen und ihn als competenten Richter an-\nzuerkennen. D. Red."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.6", "texte": "Ouvertüren zu Fidelio, dessen Ouvertüre zu Coriolan, Sin-\nfonie in Es von H a y d n, in G-moll von M e h u 1, M e n-\ndelssohn's Elias und Athalia, F. Schubert's 23.\nPsalm u. s. w., vollkommen gerechtfertigt wird. Das Or-\nchester ist vortrefflich und darf den Wettstreit mit jeder\nanderen deutschen Capelle nicht scheuen. Den neuesten\nund schlagendsten Beweis hat die abgerundete, sichere und\nklare Ausführung eines Werkes gegeben, welches in sol-\ncher Vollendung wohl schwerlich schon irgendwo zur Er-\nscheinung gebracht worden ist. Der Eindruck war darum\ndenn auch ein ganz ausserordentlicher, und Herr General-\nMusik-Director Franz Lachner feierte im Verein mit\nallen Mitwirkenden einen wohlverdienten Triumph.\nDas Orchester bestand aus 14 ersten und 14 zwei-\nten Violinen, 10 Bratschen, 10 Violoncelli und 8 Bässen,\n2 Flauti soli und 2 ripieni, 2 Oboi, 2 Clarinetti, 4 Corni,\n4 Fagolti, Trompeten, Pauken und Posaunen. Der Sän-\ngerchor zählte mit Einschluss der Solisten 113 Personen,\nnämlich 30 Soprani, 30 Alti, 24 Tenori und 24 Bassi.\nWenn diese Zahl den grossen Chören am Rheine bei den\nMusikfesten und den Concert-Aufluhrungen bei Ihnen in\nKöln auch nicht gleich kommt, so war doch dieser Chor\nvollkommen kräftig und klangvoll, zeigte ein sehr richtiges\nVerhältniss der Stimmen zueinander, und gab eben sowie\ndas Orchester die Ueberzeugung, dass die künstlerischen\nKräfte nach allen Richtungen hin zureichend waren, um das\ngöttliche Werk in seiner vollen Glorie erscheinen zu las-\nsen. Ein heiliger Eifer beseelte alle Mitwirkenden auf sicht-\nbare Weise, alle waren sich der hohen Aufgabe bewusst,\nderen vollendete Lösung nicht bloss technische Tüchtigkeit,\nsondern Begeisterung für die Kunst forderte. Die Soprane,\nalle musicalisch, zeichneten sich besonders aus es war\nsehr zweckmässig, dass der Dirigent diejenigen, welche das\nhohe b und h nicht hell und rein hatten, in der tiefen Oc-\ntave mitsingen liess, wodurch denn die genannten Töne in\nden 12 —l5 Stimmen, welche ihrer mächtig waren,\nglockenrein und urkräftig durchschlugen,\nDen Solisten kann man auch bei strenger Kritik das\nZeugniss geben, dass sie Herren ihrer Aufgabe waren. Die\nSopran-Partie sangen Frl. Rettich und Fr. Diez, jene\ndie Stücke höherer, diese die Soli tieferer Lage Alt\nFrl. Stanko, Tenor Hr. Härtinger, Bass Hr. Alfeld.\nDer Erfolg des Ganzen war in der That grossartig;\njeder Satz wurde von dem Publicum mit Enthusiasmus auf-\ngenommen, und somit das eigene Urtheil des grossen\nMeisters über dieses sein Werk durch den Wiederhall in\nden Herzen der Menge bestätigt. Dieses Urtheil erblickten\nwir bei dieser Gelegenheit durch die Schriftzüge Beetho-\nven's selbst ausgedrückt; Herr A. Schindler in Frankfurt\nhatte nämlich Herrn General-Musik-Director Lachner die\neigenhändige Erklärung Beethoven's, in welcher er\ndie in D„das gelungenste seiner Geistesproducte\"\nnennt, zum Andenken an die gegenwärtige Aufführung\nfreundlichst verehrt.\n\nHiller in Barmen.\nEin Bericht aus Barmen? aus dem düsteren Thale der noch\ndunkleren Wupper ? aus jenen Bergen, deren Spitzen ein beständi-\nger Nebel einhüllt, deren Bewohner dem zufolge auch in ihren\nKöpfen mit einer gewissen Nebel-Atmosphäre zu kämpfen haben\"?\nSpotten Sie nicht und lassen Sie Sich berichten. Er war eingela-\nden nicht der Nebel, den wir allerdings längst als ungebetenen\nGast beherbergen müssen, sondern Ferdinand Hiller er war ein-\ngeladen, sein herrliches Oratorium, Die Zerstörung Jerusa-\nlems, hier einzuführen. Er kam, er sah, er siegte. Ein freiwilliger\nTusch des Orchesters und endloser Applaus bewillkommten ihn,\nals er, den sicheren Feldherrnstab in der Hand, vor das Pult trat\nund die nicht kleine Schar seiner Siegesgehülfen überschaute.\nLautlose Stille begleitete die Aufführung. Ein Blumen- und Kranz-\nregen und ein Beifallssturm, wie ihn die Mauern des weiten Con-\ncordia-Saales noch nie gehört hatten, folgte den letzten Chor-Tönen.\nJa, wir dürfen es als die allgemeine Stimme der dichtgedrängten\nZuhörer aus Barmen, Elberfeld und Umgegend bezeichnen, dass\ndie Aufführung sowohl von Seiten des Chors und der Soli als des\nOrchesters eine durchaus gelungene war. Was aber war der Grund,\nwesshalb ein Oratorium, das bis dahin hier noch nicht gehört\nwurde, gleich beim ersten Male eine so allseitige Anerkennung\nfand, dass sogar jene eifrigen Freunde und Gönner der Musik, die\nden Anfang eines Chors verwünschen, weil Anfang nicht Ende ist,\noder jene, welche die Saalthür belagern, um bald nach den ersten\nKlängen unbemerkt zu gewohnten Kreisen zurückkehren zu kön-\nnen, dass selbst diese Musiker, trotz der drückenden Hitze, bis zu Ende\naushielten und uns zuletzt mehrfach gestanden, dass sie sich nicht\ngelangweilt hätten ? allerdings ein mässiges Lob. Man mag ant-\nworten: die Anwesenheit und Mitwirkung des Componisten selbst,\ndie treffliche Besetzung der Soli, die ungewöhnlich starke Vertre-\ntung der Chöre, die zahlreich in dem Oratorium vertretenen welt-\nlichen Elemente, die Eigentümlichkeit des Stoffes und Aehnliches.\nAber alles dies ist hier in Barmen schon da und nicht im Stande\ngewesen, einen so ungeteilten Enthusiasmus hervorzurufen, wie\nwir ihn am Sonnabend hörten. Eine schlagendere Antwort finden\nwir in dem hohen Werth e des Werkes selbst. Es ist die\nungemeine Wahrheit, Tiefe und Grossartigkeit, mit welcher hier,\nerhaben über historischen und nationalen Formen, der beseligende\nGlaube, der hartnäckige Trotz und Stolz, die tiefe Demuth einer\ngebeugten Seele, der rohe Uebermuth siegestrunkener Krieger, die\nTodestreudigkeit eines Gteubenshelden gegenüber Furcht, Entsetzen\nund Verzweiflung, kurz: das ganze Heer menschlicher Leidenschaf-\nten, im grellen Contraste des wirklichen Lebens geschildert werden\neine Schilderuug, wie sie nur dem echten Genius möglich ist,\nund die Geist, Seele und Herz des Zuhörers gefangen nimmt. Es\nwürde zu weit führen, den reichen Schatz voll herrlicher Melo-\ndieen, deren keine Note dem lauschenden Publicum verloren ging,\nhier wieder auszubreiten; es genüge, zu sagen, dass für die Soli\ndie würdigste Sorge getragen war. Fräulein Hartmann als Cha-\nin it a 1 führte uns dieses leichtsinnige, eitele, götzendienerische,\naher dabei so stolze und thatkräftige Weib gewiss dem Geiste des."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.7", "texte": "Componisten entsprechend vor; nicht minder sagte uns Fräulein R.\naus Crcfeld in der innigen Partie der seelenvollen Hanna zu; den\nschwankenden und am Ende so furchtbar unglücklichen Zedekias\ngab uns die durch ihre Weiche und Frische ausserordentlich an-\nsprechende Stimme des Herrn Pütz aus Köln wieder, während\ndie glaubensstarke Heldengestalt des in allen Lebenslagen grossartigen\nPropheten Jeremias in den markigen Tonendes Hrn. Schiffer\naus Köln ihren besten Vertreter fand. Wenn wir aber des\ngewaltigen Eindruckes der mächtigen Chöre gedenken und uns er-\ninnern, wie jedes Mitglied sich der Ehre, dem Componisten sein\neigenes Werk vorzuführen, bewusst und desshalb die bedeutenden\nSchwierigkeiten des letzteren mit besonderem Eifer zu überwinden\nbestrebt schien, so ist es unsere Pflicht, für die unermüdliche Aus-\ndauer und Sorgfalt, mit der in zahlreichen Proben das Oratorium\neinstudirt wurde, unserem wackeren Director, Herrn Hermann\nSchornstein, öffentliche Anerkennung und Dank zu zollen. lTnd\nals der Sieg errungen, da freuten sich die Sieger. Gegen 11 Uhr\nwurde dem gefeierten Componisten nicht ohne die entsprechende\nMitwirkung fremder Elemente ein hier höchst selten vorkommender\nFackelzug und Ständchen von der Langenbach'schen Capelle und\nder barmer Liedertafel gebracht, dem ein durch manchen heiteren\nToast und den sprudelnden Humor der kölner Gäste gewürztes\nBanket sich anschloss.\nSchon früher hatte Hiller versprochen, am Tage nach der Auf-\nführung seines Oratoriums noch in einer Soiree mitzuwirken, und\nso brachte uns denn, nachdem am Sonntag Mittags unter grosser\nBetheiligung im Plum'schen Saale ein Festessen Statt gefunden, bei\ndem auch von Seiten unseres Bürgermeisters eine Begrüssung der\nGäste im Namen der Stadt ausgesprochen wurde, der Abend noch\nmanche köstliche Perle auch heiterer Musik.\nZuerst trug Hill er selbst auf einem Flügel von Ibach eine\neigene Sonate vor, die zwar die ausserordentliche Fertigkeit des\nClavier-Virtuosen in strahlendem Lichte zeigte, aber, wenigstens im\nAndante und Allegro, von den wenigsten Zuhörern und, offen ge-\nsagt, auch von uns nicht verstanden wurde. Desto mehr drangen,\nnach einer nicht ganz glücklich gewählten Bariton-Arie aus Figaro,\ndie beiden volkstümlichen Lieder von Hiller: „Mein Schatz, der\nist auf die Wanderschaft hin\", und „Wenn du zu mein m Schätzerl\nkommst\", ersteres in E-moll, letzteres in E-dur, zu den Herzen\nder lautlos horchenden Menge. Fräulein Hartmann und Fräulein\nB. aus Crefeld fügten mit diesen Liedern ihrem reichen Ruhmes-\nkranze vom vorigen Abend ein paar zwar leicht gepflückte, aber\ndarum nicht minder duftige Blumen hinzu. Die dramatische Scene\nfür Sopran, „Malvina la follewar für Fräulein H. aus Elberfeld\nganz geeignet, den bedeutenden Umfang, wie die grosse Gewandt-\nheit ihrer in der neuen französischen Kunstschule ausgebildeten\nschönen Stimme, die übrigens mehr ein so genannter Contre-Alt\nzu sein scheint, hervortreten zu lassen. Mit gleichem Erfolge wur-\nden dann aus der Zerstörung Jerusalems die Duette zwischen\nAchicam und Hanna, Herrn Pütz und Fräulein R„ und zwischen\nZedekias und Jeremias, Herrn Pütz und Herrn Schiffer, wieder-\nholt, von denen wir namentlich das letztere Duett lür den drama-\ntischen Glanz- und Mittelpunkt des Oratoriums halten. Schade, dass\ndie nun folgenden Gaselen und rhythmischen Studien, von\nHiller auf Erard'schem Flügel vorgetragen, wie auch die Schluss-\nPhantasie, deren Themata der Componist sich von einigen Zu-\nhörern ausbat, einem brillanten Feuerwerke gleich, zu rasch vor-\nüberrauschten und dem Walten des Genius für diesmal ein Ziel\nsetzten.\nDoch es möge uns gestattet sein, an die Stelle eines speciel-\nieren Referates, dem wir über den Werth der Hillerschen Compo-\nsition eine Kritik beizuflechten doch nicht unternehmen würden,\nden vom Componisten am 30/31. October an unseren Musik-Direc-\ntor, Hrn. S chornstein, gerichteten Brief eintreten zu lassen:\n„Ich kann Barmen nicht verlassen, ohne Ihnen noch einmal\nmeinen aufrichtigsten, wärmsten Dank zu sagen für alles Liebe und\nGute, was Sie mir hier als Künstler und Mensch erzeigt. Die Tage,\ndie ich hier verlebt, werden mir unvergesslich bleiben. Die treff-\nliche Aufführung meines Oratoriums hat mein In-\nteresse an dieser Gattung von Compositionen neu be-\nlebt und mich mit frischem Enthusiasmus für eine\nneue derartige Schöpfung erfüllt. Bitte, seien Sie mein\nDolmetscher bei den Mitgliedern des Gesang-Vereins und Ihrer\nLiedertafel, sagen Sie ihnen, wie dankbar ich ihnen bin, sagen Sie\nauch den verehrten Herren von den Directionen Ihrer musicalischen\nInstitute, dass sie mir durch ihre wahrhaft hingebende Güte und\ndurch die eben so herzliche als grossartige Weise, mit welcher sie\nmein Werk und mich aufnahmen, eine schöne Erinnerung für das\nganze Leben geschenkt haben etc.\"\n\nAus Darmstadt.\nEs darf den Lesern der Niederrheinischen Musik-Zeitung nicht\nunbekannt bleiben, wie es R. W'agner's Tannhäuser in drei\nVorstellungen auf unserer Hofbühne ergangen. Neue Malereien,\nneue Maschinen und neue Costume, deren Kosten auf nicht weni-\nger denn 12,000 Gulden angegeben waren, kein Wunder, dass\ndie Neugierde des Publicums aufs Höchste gespannt worden. In\nder ersten Vorstellung am Sonntag, den 23. Oct., gab es also der\nVerblüfften viele, der Befriedigten nur wenige; applaudirt wurde\nwacker, das jedoch zumeist den Sängern und dem in die Augen\nFallenden gegolten; allgemeine Zufriedenheit aber, als der Vorhang\nzum letzten Male niedergegangen und man sich nach beinahe vier-\nstündiger Anspannung gegenseitig gute Nacht wünschen konnte.\nDie zweite Vorstellung, Sonntag den 30. Oct., wiederum bei er-\nhöhten Eintrittspreisen, ging schon ohne alle erhöhten Gemütsbe-\nwegungen vorüber; der grossherzogliche Hof war auch wieder an-\nwesend, das Haus gut besetzt, die Für und Gegen vereinigten sich\naber am Ende in dem Urtheile: „Das ist keine Musik für uns.\"\nIn der dritten Vorstellung, Sonntag den 13. Nov., blieben alle\nRäume mehr als zur Hälfte leer, und das Thermometer hielt sich\nstandhaft auf Null. Vom Hofe war nichts zu sehen.\nDies der wahrheitsgetreue Hergang, den Hr. Musik-Director L.\nSchlösser in einer Nachschrift zu seinem emphatischen Berichte\nnach der ersten Vorstellung in der N. Zeitschrift für Musik vom\n4. Nov. sicherlich bestätigen dürfte. Vernehmet aber, ihr musica-\nlischen Völker des Niederrheines, Schlösser s Prophezeiung am an-\ngezogenen Orte: „Bald w erden es nicht mehr die Kritiker von Fach\nallein sein, die ihr Für und Gegen zu sprechen haben, sonderndes\nVolkes Stimme, die grosse und entscheidende Richterin, wird bald\ndie Sache in die Hand nehmen und ein gewaltiges Wort mit hin-\nein reden.\"\nWir erlauben uns, Hrn. Schlösser ergebenst zu fragen, ob es\nuns Böotiern wohl auch gestattet sein werde, in diesem Völker-\nChorus etwa eine Ripien-Stimme, wäre es auch nur eine Brumm-\noder Murr-Stimme mit ausführen zu dürfen. Ei, ei, dass doch ge-\nwisse Herren gar nicht ablassen können, den Aeolus stets mit vol-\nlen Backen zu unterstützen, nun um so nachdrücklicher und ange-\nstrengter, als mit der alten Frau Musica kein Aufsehen, keine\nRenommisterei so leichten Kaufs mehr zu machen möglich wird, zu-\nmal von Darmstadt aus. Wie sehr bedauern wir daher die zwei so\neifrigen und begeisterten Propheten des neuen musicalischen Mes-\nsias allhier! Möge es ihnen, wenn nicht jenseits, doch in der N.\nZeitschrift für Musik, vergolten werden!"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531126-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\n(Berichtigung.) Wir haben nach französischen Blättern den\nTod des Pianisten Döhler in Rom gemeldet. Wir beeilen uns,\nDöhler's Antwort auf diese Nachricht mitzutheilen:\n„Mein lieber Brandus! *)\n„Die Trauer-Nachricht von meinem Tode zu Rom, welche ich\nso eben in Ihrer musicalischen Zeitung lese, ist nur zur Hälfte\nwahr. Ich bin noch am Leben, aber leider seit einigen Jahren für\nmeine Kunst sehr todt, woran ein Nervenübel am Rückgrat schuld\nist, welches mich nöthigt, beständig ausgestreckt zu liegen oder nur\nmit Hülfe von Kissen im Rücken zu sitzen, ein Zustand, der mich\nzu dem vollständigsten amaro far niente (bitteren Nichtsthun)\nverurtheilt. Trotzdem geben mir die Aerzte Hoffnung zur Gene-\nsung; ich nehme sie an und hoffe einst durch Uebersendung eini-\nger Manuscripte die zweite Hälfte der Trauerbotschaft aus Rom be-\nrichtigen zu können.\n„Inzwischen schicke ich Ihnen einen von den letzten musica-\nlischen Gedanken, die ich noch aufzeichnen konnte, mit. Sie kön-\nnen ihn den Lesern Ihrer Zeitung als Gabe eines Halb-Auferstan-\ndenen bieten. Wie immer, Ihr ergebenster\n„Florenz, 11. November 1853. Th. Döhler.\"\nKo'hi, 25. Nov. Heute kommt Richard Wagner s Tann-\nhäuser zum ersten Male hier zur Aufführung. Die Oper ist mit\ngrossem Aufwand von Seiten der Direction in Scene gesetzt.\nV\nStuttgart* Auch hier haben die Winter-Concerte bei zahl-\nreichem Abonnement am 30. October wieder begonnen. Auf der\nBühne macht Frau von Marra Glück.\nFrankfurt a. Nächsten Samstag den 26. Nov. soll\nFlotow's Rübezahl hier zur Aufführung kommen. Frankfurt\nwird also der erste Ort in Deutschland sein, auf dessen Bühne das\nneue Werk des Componisten der Martha erscheint. In Wien wird\nes zu Anfang des folgenden Jahres auf dem Hof-Opern-Theater in\nScene gehen.\nHamburg-« Der „Tannhäuser\" füllt hier das Theater;\nschwerlich dürfte er aber auch irgendwo schon mit so prachtvoller\nAusstattung gegeben worden sein, als hier. Decorationen, Ballet,\nAufzüge von Hunderten von Comparsen u. s. w., machen daraus\neine Meyerbeer'sche Spectakel-Oper in deutschem Gewände. Die\nhiesige, übrigens sehr gute Aufführung ist eine wahre Ironie auf\nWagners Theorie von der Einfachheit des lyrischen Dramas, wie\ndenn freilich der Tannhäuser selbst die theoretischen Lehren seines\nSchöpfers aller Augenblicke Lügen straft und zwar zu dessen\neigenem Vortheil.\nZürich. Die Erben des Theater-Directors Löwe, der be-\nkanntlich durch einen verhängnissvollen Schuss ums Leben gekom-\nmen, setzen das hiesige Theater-Unternehmen fort. Verwalter ist\nHerr Staufenau, Orchester-Dirigent Herr Eberle aus München.\nDie Oper „Keolanthe\" von Balfe, welche am 26.\nNovember hier aufgeführt wird, hat der Componist schon vor drei-\nzehn Jahren geschrieben und gegenwärtig nur sieben neue Num-\nmern dazu geliefert, welche besonders auf hiesige Bühnen-Notabili-\ntäten berechnet sind. Die Nachricht von Döhler s Tode, bei\nwelcher ein hiesiges Blatt bereits einen Nekrolog für die nächste\nNummer ankündigte, hat sich nicht bestätigt; Döhler hat sie selbst\ndurch ein Schreiben von Florenz an Leopold von Meyer widerlegt.\nAm 26. November trifft Vieuxtemps hier ein. Jetty\nTreffz, die berühmte Illustration von Kiicken's Trab, trab! durch\nganz England, hat für die nächste Saison in London eine höchst\nschmeichelhafte Einladung erhalten und wird ihr Folge geben. Sie\nbewohnt einen artigen Landsitz in unserer Nähe.\nRud. Willmers hat eine Ouvertüre zur Feier der Errettung\ndes Kaisers geschrieben, deren Dedication Se. Majestät angenom-\nmen haben. Die Thema's sind die Signale der österreichischen\nJäger und das österreichische Volkslied.\nPestli, 10. Nov. Vor einigen Tagen fand hier das erste Con-\ncert von Vieuxtemps im deutschen Theater Statt. Hat das Vir-\ntuosenthum in diesem bewunderungswürdigen Spiele den Gipfel-\npunkt erreicht, so ist die wahre Künstlerschaft nicht minder aus-\ngeprägt durch den Adel, die Würde, die Ruhe, das Maass und die\nHarmonie, welche alle virtuosen Eigenheiten iu einem organischen,\nrundenden Ganzen ordnen. Nicht der volle, grosse, kräftige Ton,\nnicht die männliche Bogenfiihrung, nicht die selbst bei riesig\nschwierigen Stellen stets sichere Intonation, nicht die stupende Ge-\nläufigkeit, nicht die unbegreifliche Bravour in technischer Bezie-\nhung allein sind die Vehikel, mittels deren der Künstler solche\ngrossartige Effecte erzielt: die Seelenhaftigkcit des Vortrages, die\nTiefe und Wärme der Empfindung, die, wir möchten sagen, antike\nRuhe selbst bei jenen Stellen, wo der Schwung der Phantasie und\ndas Feuer des Ausdrucks jeden Anderen über die Gränzen des\nKunstschönen fortreissen würden, diese Eigenschaften sind es, die\nden Leistungen des seltenen Künstlers solchen mächtigen Reiz,\nsolchen unbestrittenen Werth verleihen. Frl. Bury bewährte aufs\nNeue ihre Künstlerschaft im Vortrage zweier deutschen Lieder, die\nsie eben so gediegen als reizend zum Besten gab und denen sie\nauf rauschendes Verlangen noch ein drittes, das jüngst so beifällig\naufgenommene „Ständchen\", hinzuzufügen so gefällig war»\nBrüssel« Les Amours du Diable, die neueste Oper von Gri-\nsar, Text von St. Georges, welche in Paris das Thedtre Lg-\nrique seit Monaten lüllt, ist nun auch hier mit ausserordentlichem\nBeifall gegeben worden. Die Hauptrolle des Genius Uriel wird von\nDlle. Anna Lemaire sehr gut gegeben. Die Geschwister\nFerni, Violinspielerinnen, zwei neue Milanollo's, haben bereits\nvier Concerte hier gegeben und grossen Beifall geärntet.\nRichard Wagner, der mit Liszt nach Paris gereis't war,\nerhielt dort nur 48 Stunden Aufenthalts-Erlaubniss. Hat die grosse\nOper oder das Kaiserthum den Mann der Zukunft, der mit den\nRittern Tannhäuser und Lohengrin heranrückte, gefürchtet?\n*) Verleger der Revue und Gazette Musicale in Paris."}]}