{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_sha256": "8a9eb536c885245a0580fca83e9664ebca2f3de57626ca3d2dbe867d503ab657", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/12/03_01/bmtnabi_1853-12-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "177", "page_fin": "178", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.2.1", "titre_corps": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "titre_sommaire": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.", "signature_source": "A. 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Ist aber\ndesshalb anzunehmen, dass Wagner die Illusion ganz abge-\nschafft oder ganz unmerklich gemacht, dass er die ergrei-\nfende Wahrheit des eigentlichen Drama's in das höher po-\ntenzirte musicalische völlig übertragen habe? Gewiss nicht.\nDie Sinnes-Täuschung, welche bei Anwendung der Musik\nauf das Drama stets obwaltet, stets obwalten muss, ist\nund bleibt dieselbe, wenn sie auch weniger fühlbar, weniger\nhandgreiflich geworden. Der Prosaiker so mögen wir\njene grundsätzlichen Läugner der Opernkunst nennen\nwird sich zwar freuen, dass die breitgehaltene Melodie mit\nihren Wiederholungeu nicht mehr zu verspüren ist, dass\ner es nur noch mit dem Recitativ zu thun hat, und dass\ner den Laut und Accent des Wortes und der Phrase\nziemlich kenntlich und unverbrämt hört. Aber der Hörer,\nwelcher musicalisch zu fühlen und zu denken gewohnt ist,\nwird mit unbefriedigtem Verlangen nach diesem Mosaik der\nTöne hin horchen und für die mangelnde Verbindung der-\nselben, die fehlende Abrundung der Perioden, wenig Trost\nund Entschädigung in der schweren Harmonieenfolge und\nder schwierigen Instrumental-Begleitung finden, dort die\ngesetzmässige Ordnung, hier die Durchsichtigkeit und das\nEbenmaass vermissend. Wagner's Sang-Melodieen gleichen\nGemälden, in welchen der Maler die Linien der Zeichnung,\ndie ihm besonders gelungen, hat stehen lassen, als er an\ndie Farbengebung ging. Da stehen sie nun, die schroffen,\nkantigen Umrisse, fühlbar und handgreiflich, aber der\nweiche, duftige, zugegeben sinnliche Farbenton wird\nnun, überall von jenen Linien durchschnitten, matt und wir-\nkungslos. Aber der Zeichner hat gesiegt; er, der Haupt-\nkünstler — der Maler darf ihm ja stets nur in zweiter\nLinie folgen — blickt überall aus dem Werke hervor, und\ndie Spuren des allmächtigen Bleistiftes, des gestaltenden,\nbleiben unverwischt und gehen nicht unter in der bunten\nKleckserei des Malers. Und die Illusion? Ja, die wäre\nglücklich vernichtet, und der Musikfeind zufriedengestellt,\nwie in einem prosaischen Drama oder einem nüchternen\nRomane, wenn etwas nicht wäre. Dieses Etwas aber ist\nin den Werken das symbolische Wunder, der unentbehr-\nliche Mythus, an denselben: das übermüthig tobende und\nsich spreizende Orchester. Da sehnt sich der Nichtkenner\nder Reize absoluter Musik, von der neuen, immer noch\nallzu musicalischen Erscheinung sich abwendend, wohl wie-\nder nach dem trockenen Recitativ der alten Italiäner zu-\nrück. Die Consequenz aber hätte den Experimentator nicht\nauf diesen halben Gesang, diese vervielfachte Begleitung,\nsondern — auf das Melodrama zurückführen sollen. Denn\nnur dort ist der Musiker auf das Minimum seiner Kraft-\näusserung beschränkt, nur dort hört die Sinnestäuschung,\nwenigstens die jenseits der Lampen, ganz auf, dort hat das\nOrchester ausschliesslich „Ahnungen\", Andeutungen und\ndergl. auszusprechen. Und überdies wäre es ganz natürlich\nund gerecht, wenn dem üppigsten Reichthume der gottlo-\nsen Oper die dürrste Armuth strafend folgte.\nHinsichtlich der Schöpfer des zukünftigen Musik-Dra-\nma's hat endlich Wagner eine doppelte Ansicht. Die Re-\nform oder „Revolution\", wie er lieber will, kann und soll\nnur von Einem ausgehen, ihm selber. „Nur er, der Ein-\nsame, vermag in seinem Drange die Bitterkeit dieses Ge-\nständnisses in sich zu einem berauschenden Genüsse um-\nzuwandeln, der ihn mit trunkenem Muthe zu dem Unter-\nnehmen treibt, das Unmögliche zu ermöglichen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2633, "texte": "Denn er allein ist von zwei Gewalten gedrängt, denen er\nnicht widerstehen kann, und von denen er sich zum Selbst-\nopfer treiben lässt.\" Es soll also eine Revolution des Ab-\nsolutismus sein, den ein kühner Prätendent gegenüber den\nlegitimen Grössen ausführt, ein Staatsstreich comme il laut!\nDann erst darf die Theilung der Gewalt erfolgen. „In Liebe\nmüssen sich künftig beide Opernschöpfer begegnen; der\nDichter muss älter und zeugend sein, der Mann, der Mu-\nsiker jünger und empfangend, die Frau, welche, jenen\nvollkommen verstehend, gebiert. Jede Selbstbeschränkung\ndes Dichters oder Musikers\" wie kann man unbe-\nschränkt verstehen und empfangen?! „würde den\nTod des Drama's herbeiführen.\"\nDie Stellung Wagner's ist demnach jedenfalls eine\nhöchst gefährliche, wie die jedes Prätendenten; denn er\nübernimmt die volle und ausschliessliche Verantwortung.\nEr muss nicht nur selbst das Neue, das „Unmögliche\"\nschaffen, sondern er muss auch beide Seiten desselben in\ngleicher Vollkommenheit liefern. Ist eine der beiden ihm\ninnewohnenden Kräfte die schwächere, so wird das Werk\nzu einem verunglückten Versuche herabsinken. Nun glaubt\ner zwar, gleich stark als Dichter wie Musiker zu sein; wie\naber, wenn er sich irrt, wenn die Recht behalten, welche\nihm als Dichter Phantasie und Genialität, als Componist\naber nur Kenntnisse und Talent zusprechen ? Stets war,\nwie in den Artikeln über „Tannhäuser\" hier sehr wahr\nbemerkt wurde, das Genie nur in Einem gross.\nZiehen wir beispielsweise nochmals die Malerei in\nVergleich. Welcher der alten berühmten Meister war als\nZeichner und Maler gleich vollendet? War Raphael's\nPinsel so mächtig, als der Correggio's? War Correggio's\nGriffel so unerreichbar, als der Raphael's? Waren in den\nWerken Rembrandt's und Van Dvk's die Formen und Far-\n«J\nben, die Züge und die Schattirung gleich vortrefflich ?\nDass es aber bei einer natürlich gegebenen Theilung\nder Kräfte für eine Kunstschöpfung das Rathsamste ist,\nwenn sich zwei Künstler vereinigen, um das ganze grosse\nKunstwerk hervorzubringen, welchem ungeteilter Beifall,\nallseitige Bewunderung zu Theil werden soll, das beweisen\nauf das deutlichste, obwohl es nach der Erfahrung selbst-\nverständlich ist, jene unübertroffenen Gemälde niederländi-\nscher Meister, in welchen der eine die Landschaft, der an-\ndere die sie belebenden Figuren malte.\nEin Wort von jenem Manne, der die beiden Eigen-\nschaften des Theoretikers und Künstlers auf seltene, wun-\nderbare Art wirklich in sich vereinigte, hätten Wagner\nund seine Anhänger doch im Gedächtniss behalten sollen ;\nes heisst:\n„Grau, Freund, ist alle Theorie,\nDoch grün des Lebens goldner Baum.\"\n\nA. H."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "178", "page_fin": "180", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.2", "debut_caractere": 2635, "fin_caractere_exclue": 4808, "texte": "Wiener Briefe.\n\n[Frl. La Grua Gebrüder Müller Hell mesb erg ein-\nsehe s Quartett Akademie der Tonkunst\nMännergesang-Verein.]\nDen 21. November 1853.\nDie Fluten gehen bereits so hoch und stürmisch, dass\nman Mühe hat, den eigenen kleinen Nachen über den Wel-\nlen zu erhalten. Womit beginne ich nun diesmal? Seien\nwir galant und lassen den Damen den Vortritt. Frl. Emmi\nLa Grua setzte ihr als Amina in der Nachtwandlerin\nbegonnenes Gastspiel (eigentlich Engagements-Debut) als\nValentine in den Hugenotten fort, und zwar mit einem\nErfolge, welchen ihre erste, wenn auch sehr schätzens-\nwerthe, Leistung kaum erwarten liess. Sie entwickelte in\ndieser Rolle eine Gewalt des Ausdrucks, eine Tiefe und\nInnerlichkeit der Auffassung, welche wir ihr nicht zugetraut\nhätten und die, vereint mit dem schönen Metall ihrer\nStimme, dem echten, ungeschminkten Adel ihres Vortra-\nges, einem lebenswarmen, charakteristischen Spiele und\neiner angenehmen äusseren Erscheinung, ihre Valentine zu\neiner der vollendetsten stempelten, die wir je gehört, und\ndie auch nicht verfehlte, ihr die lebhaftesten Sympathieen\nunseres Publicums zuzuwenden. Zwar noch nicht ganz\nschiiesst sich ihr subjectives Ich mit dem Object ihrer Dar-\nstellung zusammen, und man merkt noch zuweilen eine\nkleine Lücke; auch entbehren, wie ich Ihnen schon neulich\nandeutete, ihre hohen Töne noch der Leichtigkeit und Si-\ncherheit; doch glaube ich, dass es ihr mit der Zeit gelingen\nwird, auch diese Schwierigkeiten ganz zu besiegen, und\nwir haben in jedem Falle Ursache, über diese neue Acqui-\nsition sehr erfreut zu sein. Da ihr auch Frl. Liebhardt als\nKönigin und unser trefflicher Draxler als Marcell sehr ver-\ndienstlich zur Seite standen, so haben wir jetzt im Ganzen\neine sehr gelungene Darstellung dieser Oper. Mit Herrn\nSteger allein, einem Günstling unseres Publicums, welcher\nden Raoul singt, vermag ich mich durchaus nicht zu be-\nfreunden. Wenn ich seine Naturgaben abziehe, die in einem\nkolossal kräftigen Organe bestehen, das mit Leichtigkeit das\nhohe Tenor- C angibt, so wüsste ich nichts mehr an ihm\nzu rühmen; denn schön ist seine Stimme nicht, vielmehr\nschneidend und näselnd, seine Töne kommen nie fest und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5265, "texte": "voll aus der Brust, sondern zittern und beben unaufhör-\nlich, sein Vortrag ist manierirt und affectirt, und sein Sin-\ngen artet meist in ein unerträgliches Schreien aus. Als\nCuriosum theile ich Ihnen mit, dass das Costume für Frl.\nLa Grua eigens in Paris von unserer Direction war bestellt\nworden. Welche Sorgfalt für die Interessen der Kunst!\nUebrigens circulirte letzterer Tage in unseren Journalen\ndas Gerücht, dass Hr. Cornet seine Entlassung erhalten\nhabe, dem aber bereits officiel widersprochen ist. Veran-\nlassung hierzu gaben aber nicht die mannigfachen Ursachen,\nwelche der Kunstfreund geltend machen würde, sondern\ndie Beleidigung einer Sängerin, welche sich hohen Einflus-\nses erfreut, und die leicht hätte bewirken können, was bis-\nher die Kunst, die Kritik und das Publicum nicht vermocht,\nwenn er sie nicht dadurch versöhnt hätte, dass er\nihr die Partie der Isabella im Meyerbeer'scben Robert zu-\nsprach. Doch verzeihen Sie mir meine diesmaligen Klatsche-\nreien, wo Wichtigeres vorliegt. Unstreitig das interessan-\nteste musicalische Ereigniss, welches, seit ich Ihnen zuletzt\nschrieb, bei uns vorkam, sind die Quartett-Productionen\nder berühmten Gebrüder Müller, deren erste bereits\nStatt fand. Es ist doch eine höchst eigentümliche Erschei-\nnung um dieses Brüder-Doppelpaar, und ich gestehe, dass\nim Fache des Quartettspiels etwas Vollendeteres kaum\ndenkbar erscheint. Die Vorzüge, welche sie in so hohem\nGrade, namentlich auch vor unserem einheimischen, im De-\ntail nicht minder trefflichen Hellmesberger'schen Quartette\nauszeichnen, sind eben ein grosser Stil, der manchmal fast\nan Härte streift, und freieste Auffassung neben unsäglicher\nPräcision und Gleichmässigkeit des Spiels. Sie bauen aus\nGranit, statt aus Elfenbein zu schnitzen, womit nicht ge-\nsagt sein soll, dass sie der höchsten Feinheit entbehrten,\ndie sie vielmehr in dem fabelhaft schönen Vortrage der\nHaydn'schen Variationen über die Volkshymne auf das\nglänzendste bewiesen. Der Primarius allein scheint mir\nmanchmal an Geschmeidigkeit des Tones unserem Hellmes-\nberger nachzustehen. Welche Stücke wählten sie aber\nauch! Haydn's Quartett in C mit der Volkshymne, Beet-\nhoven's Quartett in B Nr. 6 mit dem wunderbaren Schluss-\nsatze „La melanconia\"und Schubert's grandios concipirtes\nQuartett in D-moll,dessen Finale sie in einer Weise spiel-\nten, die einem die Sinne schwindeln machte. Es war ein\nAbend des höchsten Kunstgenusses, und der Beifall, wel-\nchen die Künstler erhielten, war nicht minder stürmisch,\nals da sie uns vor fünfzehn Jahren zuerst besuchten. Da-\nmals gaben sie einen Cyklus von achtzehn Concerten, und\nsie dürften uns wohl auch diesmal mit einer ziemlich gros-\nsen Anzahl erfreuen. Das zweite findet eben morgen Statt,\nbeide bisher im Streicher'schcn Clavier-Salon, da der Musik-\nvereins-Saal bisher fortwährend theils durch das Hellmes-\nberger'sche Quartett, theils durch den Escamoteur Le-\nvieux-Galeuchet und den Gedächt niss-Künstler\nIlerrmann Kothe in Anspruch genommen war. Ihr drittes\naber geben sie Sonntag, den 27. November, im Musik-\nvereins-Saale, und ich bin hierauf besonders begierig, in-\ndem dann auch der ebenfalls in Anschlag zu bringende\nUnterschied der Localität wegfällt, der bisher zu ihren\nGunsten war. Die beiden letzten Hellmesberger'schen Quar-\ntett-Soireen brachten uns an neueren Werken ein Ciavier-\nTrio von L. Wolf, ein Qctett von Gade und ein Quartett\n(seit acht Jahren Manuscript) von R. Volkmann. Das\nerstere wäre im Allegro und Scherzo nicht übel, aber die\nentsetzliche Trivialität des Finale verleidet einem das Ganze.\nEin sehr schönes Werk, wenn man auch gegen diese Gat-\ntung im Allgemeinen principiel eingenommen ist, muss aber\nGade's Octett genannt werden, das übrigens in der Aus-\nführung zu wünschen übrig liess und vom Publicum nicht\nnach Verdienst aufgenommen wurde. Dagegen wurde das\nVolkmann'sche Quartett, und zwar mit Recht, durch rau-\nschenden Beifall ausgezeichnet und der persönlich erschei-\nnende Cornponist mit dem lebhaftesten Zurufe begrüsst.\nInsbesondere sind das Adagio und Scherzo von ausnehmen-\nder Schönheit, originel erfunden und innig empfunden.\nUnser Quartett war aber auch sichtlich von der ihm jüngst\nerstandenen Nebenbuhlerschaft zu erhöhtem Eifer ange-\nspornt und leistete namentlich in diesem sehr schwierigen\nWerke wahrhaft Ausgezeichnetes. Das übrige Programm\nder beiden letzten Abende bestand aus Mozart's Quartett\nin B,Schubert's in den ersten drei Sätzen ungemein lieb-\nlichem Clavier-Trio in Es und Spohr's etwas kaltem und\nmonotonem Quartett in E-moll,Op. 45. —ln der ver-\nflossenen Woche gab unsere Akademie der Tonkunst\nihr erstes winterliches Schüler-Concert, und wir lernten bei\ndieser Gelegenheit das hinterlassene Fragment des Mendels-\nsohn'schen „Christus\" kennen; da uns dasselbe aber auch\nin dem zweiten Vereins-Concerte (am 11. December) vor-\ngeführt werden wird, so spreche ich lieber dann ein Nähe-\nres darüber. Das erste Vereins-Concert fällt schon auf den\n27. November und bringt uns Haydn's Sinfonie in G und\nMendelssohn's Musik zur „Walpurgisnacht\". Auch mit\neiner alljährlich am 15. November, als einem Tage, wo bei\nuns zu Ehren des heiligen Leopold keine Theater-Vorstel-\nlung erlaubt ist, Statt findenden wur-\nden wir beglückt. Aber über diese mir tödlich verhassten"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2953, "texte": "Akademieen, diesen geist- und zusammenhangslosen Misch-\nmasch, der einer buntfarbigen Schlange mit hundert Köpfen\ngleicht, deren einer den anderen verschlingt, und wo man\naus Proch's in Reuling's und aus Rculing's in Flotow's\nArme geworfen wird, um dann mit einem jähen, schauder-\nerregenden Sturze zu Mozarfs Füssen zu fallen und end-\nlich in Master Balie's Schoosse kläglich zu enden über\ndiese Akademieen, sage ich, die eigentlich auch bei uns\nkein Mensch mehr mag und deren Publicum nur durch\nVeranstaltung eines wohlthätigen Zweckes zusammengetrom-\nmelt wird, lassen Sie mich schweigen. Verflossenen\nSonntag feierte unser Männergesang-Verein sein\nzehnjähriges Geburtsfest mit der Aufführung einer Vocal-\nMesse von Sihnaubelt in der Augustinerkirche. Diese Messe\nwar im vorigen Jahre nebst achtzig anderen in Folge\neines Preis-Ausschreibens unserem Vereine eingesendet\nworden. Man hatte damals keine einzige von allen diesen\nArbeiten des Preises würdig erachtet, und wenn wirklich\nkeine bessere darunter war, als die Schnaubelt'sche, so\nkann man den Verein kaum desshalb schelten; denn diese\nMesse ist in der That von sehr geringem Werthe, und\nnamentlich in allen möglichen Stilarten, nur nicht im kirch-\nlichen, geschrieben. An demselben Sonntage gab auch die\nrühmlich bekannte Pianistin Frl. Emma St au dach mit\nvielem und nicht unverdientem Beifalle ein Concert, in wel-\nchem sie theilweise mit guter Auffassung Beethoven's frei-\nlich immer und immer wieder gehörte allbekannte\nSonate spielte, und Hr. Staudigl zum x+l. Male den\nSchubert'schen „Wanderer\" sang. Somit habe ich Ihnen\ndenn über die hervorragenden Erscheinungen der beiden\nletzten Wochen getreulichst berichtet und füge nur noch\nzum Beschlüsse eine kleine, höchst ergötzliche Geschichte\nbei. Neulich hielt nämlich das Directions-Comite des Ver-\neins zur Unterstützung der Tonkünstler-Witwen und Wai-\nsen eine Sitzung, bei der auch der Hof-Capellmeister Ass-\nmaier als Directions-Mitglied anwesend war, um zu be-\nstimmen, welches Werk in den diesjährigen grossen Weih-\nnachts-Concerten zur Aufführung gebracht werden solle.\nAls die Versammlung vollzählig war, erhebt sich der Prä-\nsident mit den Worten: „ Meine Herren! Der Herr Hof-\nGapellmeister Assmaier wünscht, dass in diesem Jahre sein\nOratorium „ „ Saul\"a aufgeführt werden möchte.\" Allge-\nmeines Stillschweigen. Ein zweites Mitglied: „Ich glaube,\ndass hierüber abgestimmt werden sollte.\" Abermaliges\nStillschweigen. Ein drittes Mitglied: „Um die Abstimmung\nzu erleichtern, schlage ich vor, dass noch andere Werke\nnamhaft gemacht werden sollten.\" Beifälliges Gemurmel.\nEin viertes Mitglied: „Meine Herren! Ich glaube, wir ma*\nchen Haydn's Jahreszeiten?\" Allgemeine Acclamation. Und\nso werden wir denn heuer wieder die Jahreszeiten und im\nkommenden Jahre die Schöpfung hören; aber bei allem\nRespect und aller Liebe für diese beiden grossen Werke\nkann man doch nicht umhin, dieses Verfahren mehr als\nkleinstädtisch zu finden.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "180", "page_fin": "181", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.2.3", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.4", "debut_caractere": 2955, "fin_caractere_exclue": 4935, "texte": "Pariser Briefe.\nDie italiänische Oper ist also doch wieder da, und\nnach dem Besuche der ersten Vorstellungen zu schliessen,\nblüht ihr ein reicheres Leben, als je! Seit Jahren hat man\nin der Salle Ventadour nicht eine so glänzende Gesellschaft\ngesehen, als am 15. November bei Rossini's Cenerentola,\nwomit das Theater eröffnet wurde. Kein Platz war unbe-\nsetzt: Damen, Toiletten und Diamanten wetteiferten mit\neinander an Schönheit, Reichthum und Glanz. Der alte\nOvidius Naso hätte, wie einst in Rom, sagen können;\nSpeclatum veniunt, veniunt spectentur ul ipsae*).\nDoch haben sich die erwarteten Reifröcke, das gepuderte\nHaar, mit Ausnahme von etwas Gold- und Silberstaub auf\nden Scheiteln einiger Blondinen, und das gestickte Hof-\nCostume noch nicht gezeigt; man wartet damit, wie es\nheisst, bis zur Rückkehr des kaiserlichen Paares. Auch im\nFoyer traf man ausgezeichnete Musiker und Dilettanten\nvon Ansehen. Nach den Berechnungen der Geschäftsleute\nvom Fach ist der Unternehmer, Oberst Ragani, bereits für\ndie ganze Saison gedeckt; er hat ein Abonnement von\n300,000 Frcs. und 100,000 Frcs. Unterstützung vom\nStaate. Freilich dürften seine Vorauslagen 6 700,000\nFrcs. betragen. Dagegen verbleiben ihm als ausserordent-\nliche Einnahme das Parterre, mehrere Sperrsitze und die\nLogen der oberen Galerieen, ferner die Sonntags- und die\nausserordentlichen Vorstellungen. Uebrigens soll der Kaiser\nerklärt haben, einen etwaigen Ausfall aus der Civillistc\ndecken zu wollen.\nIst das Letztere mehr als ein On dit, so wünsche ich\ndem Unternehmer Glück dazu; denn ich bin überzeugt,\ndass trotz des glänzenden Anfangs das Ende dennoch das-\nselbe sein wird, wie in den drei letzten Jahren; das Ganze\nist doch nur eine gemachte Geschichte, etwas gewaltsam\nEmporgetriebenes, wobei die Hof-Partei eine grosse Rolle\nspielt. Aber das Publicum hat seine Launen; vielleicht\nmerkt es schon nach kurzer Zeit, dass die italiänische Oper\n\n*) „Damen kommen zum Schauen und kommen, sich schauen\nzu lassen.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5114, "texte": "sich überlebt hat, dass ihr Repertoire sich aus der Zeit der\nVäter herschreibt, dass die Gräfin Pepoli-Alboni zwar\nsehr stark an Coloratur, aber noch stärker an Wohlbe-\nleibtheit ist, die in gar zu sichtbarem Contrast mit den\nVorstellungen steht, die sich die gewöhnliche Phantasie der\nZuschauer von einer Cenerentola, Amine, Nina u. s. w.\nmacht. Vielleicht wird dasselbe Publicum auch gewahr, dass\ndie Zeit der Fusion da ist, wo das Gute mit dem minder\nGuten, ja, mit dem Mittelmässigen, das Abgetragene mit\ndem Neuen, das Verblasste mit dem Feuerrothen verschmol-\nzen wird. Es wird mit Richard Wagner das Monumentale\nverschmähen und Tamburini als einer vollendeten, Ma-\nrio als einer beginnenden Ruine den Rücken kehren. Ob\ndie jüngeren Blumen, welche daneben gepflanzt worden,\nz. B. die Cambardi mit einer allerliebsten Stimme, und\nunsere V e i t h, welche es schon so weit gebracht hat, dass\nsie einem ehrlichen Deutschen keine deutsche Musik mehr\nvorsingen kann, sich an den Trümmern emporranken und\nsie auf angenehme Weise verzieren werden, müssen wir\nabwarten.\nDie Gräfin Pepoli hat in ihrem kolossalen Körper (denn\nsie nimmt allein fast die ganze Breite der Scene ein) eine\nwahre Nachtigallen-Kehle, das ist wahr, aber nur in Bezug\nauf das Getriller und Geschmetter: von dem süssen Hin-\ntlöten des Gefühls ist nicht die Rede, so wenig wie von\nWärme der Empfindung; Ausdruck, Leidenschaft, drama-\ntische Einsicht alles dies fehlt ihr, und es ist mir sehr\nbegreiflich, dass sie, trotz der fabelhaften Meisterschaft in\nder Technik, in America gegen die Sontag nicht aufkom-\nmen konnte. Es ist schade, dass Lablache nicht hier ist;\nes wäre ein köstlicher Spass, die zwei umfangreich-\nsten künstlerischen Grössen der Gegenwart zusammen\nauf der Scene locomotivisiren zu sehen. Sein Ersatzmann\nRossi übertreibt auf widrige Weise und wird von dem\nbreiten Schatten, den Lablache von Petersburg bis hieher\nwirft, ewig verfolgt und verdunkelt. Das Orchester ist gut;\nder neue Dirigent B e n e 11 i sollte jedoch ja seine Lebhaf-\ntigkeit mässigen. Mein Gott! wenn er sich, um die Partitur\neiner Cenerentola zu dirigiren, plagt und geberdet wie\nein Riese, der Leiber von Schmetterlingen spaltet und Ro-\nsen köpft, was soll dann werden, wenn der einmal über\nden Don Juan kommt?\nIn der grossen Oper ist die Rosati die Heldin des\nTages zwar nur eine Tänzerin, aber was für eine! Sie\nist in dem Ballet Jovita aufgetreten; die Scene desselben\nist Mexico, der Inhalt die Befreiung des Landes von einem\nfürchtbaren Räuberhauptmann durch Jovita's List und Muth.\nDiese Rosati ist in der That bezaubernd, eine wahre Kö-\nnigin im Reiche der Sylphiden. Es hat der grossen Oper\nallerdings nie an geschickten Tänzerinnen, an Virtuosinnen\nder Füsselei gefehlt; aber der sprechende,ausdrucksvolle\nja, warum soll ich nicht sagen: der dramatische ? Tanz war\nseit den Zeiten der Taglioni und der Fanny Elssler ver-\nschwunden. Es lässt sich in der Tanzkunst viel lernen;\naber das Innere des Menschen bloss durch die äussere Er-\nscheinung und Bewegung ohne Worte und Töne auszu-\ndrücken, das kann nur die Natur verleihen. Ich. habe nichts\ndagegen, wenn über die Pas die\ntueuses, die Pirouetten und all das Zeug losgezogen wird,\nund ziehe selbst darüber los; aber ich finde es höchst\nlächerlich, die todten Bilder in Marmor und Farbe mit Ken-\nnermiene und Enthusiasmus zu bewundern und vor einem\nlebendigen Modelle derselben das Auge niederzuschlagen.\nWenn die Idee des Bildhauers dem Steine Leben einhaucht\nund wir dies bewundern, sollen wir dann nicht auch das\nnatürliche Leben bewundern, dem durch Talent das Ideale\nder Kunst verliehen wird? Um so mehr, da dieses pla-\nstische Kunstwerk durch Bewegung und Blick die wech-\nselnde Stimmung der Seele ausdrücken kann, während\ndort der leblose Stoff nur die Stimmung Eines Momentes\nin bleibender Ruhe festzuhalten gestattet. An technischer\nFertigkeit mögen Manche die Rosati übertreffen, an panto-\nmimischem Ausdruck gewiss Keine. In ruhiger Stellung ist\nsie eine in allen Formen vollendete schöne Bildsäule; be-\nwegt sie sich, so kündet schon ihr Gang, ihre Haltung, die\nArt, wie sie sich trägt und regt, eines jener feenhaften\nWesen an, welche unsere Phantasie sich bildet; spielt sie\naber, so wird jede Regung ihres Körpers, jede Bewegung\nihrer Arme, jeder Zug ihres Gesichtes zu bedeutungsvoller\nBegleitung der Sprache eines Auges, welches die Natur\nnicht oft so schön und ausdrucksvoll schafft. Kein Wunder,\ndass Jovita volle Häuser macht. Die Musik des Ballets, von\nTheod. Labarre, der vor einigen Jahren mit einer ko-\nmischen Oper, La Revolte au mit Glück aufgetreten\nwar, aber seitdem geschwiegen hatte, erhebt sich über das\nGewöhnliche. Die Decoration des dritten Actes, die Ansicht\nder Stadt Mexico, ist prachtvoll *).\n(Schluss folgt.)\n\n*) Caroline Rosati ist in Bologna geboren und erhielt\nihren ersten Tanz-Unterricht von der berühmten Tonelli;\nspäter hatle sie Albert Sohn und Gosselin in Turin zu Leh-\nrern. Um sie mit dem Metier frühzeitig vertraut zu machen,\nliess Gosselin seine junge Schülerin die Bühne betreten, so-\nbald sie nur einen Pas machen konnte. Die Künstler-Lauf-"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-03_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "182", "page_fin": "184", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.2.4", "titre_corps": "Aus Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Aus Frankfurt am Main.", "signature_source": "A. 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Es\ngeschah gestern Abends im grossen Weidenbusch-Saale vor einem\nzahlreichen Auditorium. Das Werk sollte in seiner ganzen ursprüng-\nlichen Gestalt, mit Orchester- und Orgel-Begleitung gegeben wer-\nden; der Orgel musste leider, aus zufälliger Ursache, die Phys-\nHarmonica untergeschoben werden. Die Wirkung war tief und\nrein, wie man es bei den Verwöhnungen des Geschmacks\nkaum hoffen konnte. Diese Musik wird verstanden, weil sie auf\nganz gesunden Grundlagen ruht und allgemein verständliche Gegen-\nstände von ewiger Wahrheit und stets jungem Interesse behandelt;\ndiese Musik wird gefühlt, weil sie in einem echt deutschen Ge-\nmüthe empfangen und geboren ist; diese Musik hob jeden Hörer\nempor, weil sie von wahrhaft idealer Kraft und künstlerisch rein\nvon jedem Auswüchse ist. Dem Director, Herrn Rühl, ist das glän-\nzendste Zeugniss für seine Thätigkeit zu geben. Reineren Chor-\nVortrag kann man weit und breit nicht hören; wir zweifeln, dass\nHändel'sche und Bach'sche Chöre irgendwo in dieser ungekünstel-\nten Meisterschaft behandelt werden. Hätte sich der verehrte Meister\ndes Vereins nur entschlossen, das Werk ganz oder doch mit min-\nderen Auslassungen zu geben! Das Publicum war nicht müde;\nwir haben uns die Physiognomieen mit grosser Achtsamkeit ange-\nsehen und fanden nur die Ausdrücke der Spannung und der Er-\nwartung und hörten bei jedem Ueberschlagen eines Stückes in dem\nvollständig gedruckten Texte die Aeusserungen des Bedauerns.\nWas man sich zuflüsterte, waren nicht die obligaten Phrasen der\nBewunderung, die man sich über unverstandene Sinfonieen und\nSonaten zuraunt, sondern verständige Vergleichungen zwischen dem\nTonsatze und dem Texte. Man fühlte dabei unwillkürlich das Be-\ndürfniss, die Gegensätze, die man in dem Texte vorfand, auch in\nder Musik ganz ausverfolgen zu können. Wir wagen, zu glauben,\ndass dieses noch in viel erhöhterem Maassstabe der Fall gewesen\nsein würde, wenn in dem Vortrage und durch die Zutheilung der\nSolo-Partieen diese Gegensätze selbst wären schärfer hervorgehoben\nworden. Sie können es werden, und sie mussten es werden. Die\nfrohsinnigen Stücke sind, bis auf wenige, zu ernst, zu sentimental,\nzum Thcil selbst schleppend genommen worden; auch fehlten die\nfrisch kräftigen Stimmen, die an sich den Charakter der Heiterkeit\nund Munterkeit tragen, und die für die Solo's des Allegro uner-\nlässlich sind. Sic helfen wesentlich, der Gefahr der Eintönigkeit\nauszubeugen, die in der gehäuften Masse von Solo's drohen könnte.\nEin Wesentliches wird dazu noch die richtige Abtheilung thun. Das\nOratorium wurde ohne vorher bestimmte Pausen gegeben. Es ist\ngewiss richtiger, dem Geiste des Zuhörers im Voraus die Gränze\nzu bezeichnen, wo er ausruhen kann. Wir müssen aus der gestri-\ngen Aufführung bestätigen, was in Ihrer ersten Besprechung des\nAllegro gesagt wurde, dass die geeignetste Abtheilung die in zwei\nHaupttheile, jeden zu zwei Hälften, wäre, wo dann die lange Solo-\nreihe des ersten Theiles nach der Nachtigallen-Arie unterbrochen\nw ürde, ein Prachtstück von solcher tiefen Anregung, dass es füglich\neine kleine Erholung am Schlüsse verdient. Die Stücke der vier\neinzelnen Abtheilungen müssten dann wieder in der Art in Grup-\npen vertheilt werden, class zwischen den sich deckenden Stücken\ndes Allegro und des Pensieroso gar keine Pause eingeführt würde.\nIn der ersten Abtheilung würde also Nr. 1—4 völlig ununterbrochen\nfortlaufen, 5—10 eben so, und von 11 zu 12 müsste eben so der\nUebergang unmittelbar gemacht werden, um den reizvollen Gegen-\nsatz recht fühlbar zu machen. Soll aber das Werk seine volle Wir-\nkung thun, so wird es nöthig, dass es im Clavier-Auszuge in Aller\nHände kommt; denn ohne Vor- und Nachstudien ist es bei aller\nKlarheit doch zu reich und voll, um eingänglich begriffen zu wer-\nden bei dem schnellen Vorüberrauschen einer einmaligen Auffüh-\nrung. Wir hören, dass Herr Hühl auf die Herausgabe eines Cla-\nvier-Auszuges denkt; möge er recht rasch dazu schreiten!\nDen 27. November 1853.\nAcc'uUt in puncto, quod non speratur in annis. — Entschuldigen\nSie die Licenz aul dem sechsten Fusse dieses Hexameters. Die un-\nverhoffte Vorführung des erstgenannten Werkes durch Herrn Mu-\nsik-Director R ühl mit seinem Gesang-Verein und einem guten\nOrchester, kaum dass der von HändeFs Muse hochbegeisterte Prof.\nGervinus sich in Nr. 4 und 5 dieser Blätter lobpreisend darüber\nausgesprochen und zugleich die Uebcrsetzung des Gedichtes beige-\nfügt, möge diese Licenz rechtfertigen. Ob die am 24. November\nStatt gehabte Aufführung dieses seltsamen Werkes auf dem Conti-\nnente die erste gewesen, ob eine solche vielleicht schon irgend an-\nderswo Statt gefanden, gleichviel, wir haben Grund, selbe als eine\ninteressante Begebenheit zu begrüssen, sollte das Interesse daran\nauch nur auf einem historischen Grunde beruhen. Offen gestanden,\nIhr Correspondent, der seine Ueberzeugungen an keine Autorität\nblindlings hängt, es gehöre diese welcher Kunst-Epoche immer an,\ner ist so kühn, diesem HändeFschen Werke kein anderes als bloss\nhistorisches Interesse zuzuerkennen, selbst auf die Gefahr hin, mit\nder von Gervinus veröffentlichten Beurtheilung in grellen Wider-\nspruch zu gerathen.\nVor Allem wäre Einsprache zu erheben gegen die Bezeichnung\ndes Werkes als „Oratorium\", sollte sie gleichwohl von dem grosseil\n.\n\nbahn der Mad. Rosati begann 1844, wo sie als erste Tänzerin\nauf dem Apollo-Theater in Rom grosses Aufsehen erregte.\nSchon damals bewunderte man an ihr jenen zugleich sehr\ncolorirten und edlen Stil, der heute die Pariser so sehr an-\nzieht. Im Jahre 1845 trat Mad. Rosati in der Scala zu Mai-\nland auf, und selbst der Neid und die Theater-Cabale ver-\nstummten vor einem solchen Triumphe. \\on da begab sie\nsich nach Genua. Im folgenden Jahre unterzeichnete die Tän-\nzerin einen Vertrag mit dem Director der Scala, von wo sie\nLumley im Sommer 1848 nach London kommen licss. Als\nHalevy und Scribe die Tempesta nach Shakespeare in Lon-\ndon zur Aufführung brachten, vertrauten sie der Rosati die\nRolle des Ariel an. Während Lumley die italiänische Oper\nin Paris dirigirte, wollte er den Parisern die Piosati in jener\nRolle vorführen, welche mehr auf eine Schauspielerin berech-\nnet war, weil Mad. Rosati als solche grosse Ueberlegenheit\nüber die besten Tänzerinnen besitzt. Unglücklicher Weise\nwurde am ersten Abende der Fuss des Ariel in einer Ver-\nsenkung eingeklemmt, so dass die Aufführungen der Tempesta\nunterbrochen werden mussten. Wieder hergestellt, eilte die\nRosati nach Turin, von da nach Neapel, wo sie im San-Carlo-\nTheater die Esmeralda und andere Partieen gab. Die Pariser\nbewundern an der Rosati ausser ihrer Schönheit, ihren rei-\nzenden Zügen, ihren lebhaften, geistvollen Augen und ihren\nüppigen Formen vor Allem das Ensemble ihres dramatischen\nVortrages und Ausdruckes. (Corresp. parisienne lifh.J"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 7885, "texte": "Tonsetzer selbst herrühren. Es fragt sich, ob man in jener Epoche\nbereits einen Unterschied zw ischen Oratorium und Cantate gemacht\nund ihn in seiner Wesenheit nach Inhalt, Form und Stil so festge-\nstellt hatte, wie er in unserer Musik-Epoche feststeht. Ist „der\nFrohsinnige und der Schwermüthige\" wie Gervinus den Titel\ndes Gedichtes übersetzt ein Oratorium nach jenem Begriffe, den\ngerade Händel in so unerschütterlicher Weise festgestellt hat, dann\nsind Haydns Jahreszeiten, Reichard's Morgengesang nach Milton,\nBeethoven's Glorreicher Augenblick und viele andere ähnliche\nWerke, deren Inhalt es wohl meist mit der Natur und ihrem\nSchöpfer, aber auch mit vielen Nebendingen zu thun hat, gleich-\nfalls Oratorien. Ein Blick auf das Gedicht verschalt uns alsbald\ndie Gewissheit, dass von geistlichen oder biblischen, überhaupt von\nreligiösen Dingen nirgends die Piedc. Den Stil anlangend, so ist die\nHändel'schc Prägnanz in jedem Tacte, wie die seines grossen Zeit-\ngenossen Bach, ob er eine Motette oder Gavotte unter der Feder\nhat, die uns bekannte. Das einzige in dem Händel'schen Werke\nvon seinen biblischen Oratorien sich Unterscheidende ist der durch-\ngehends angewandte freie Stil. Hierin hat sich der grosse Meister\noffenbar selbst Gewalt angethan; denn sogar in den wenigen, meist\nkurzen, immer Arien angehängten Chören findet sich keine Spur\nvon Händei'scher Erhabenheit, keine contrapunktischen Combi-\nnationen, vielweniger ein fugirtcr Satz; Alles geht so einfach und\nsimpel her, wie z. B. in Beethovens Glorreichem Augenblick. Eine\nHerablassung bei beiden Heroen, die ziemlich wunderlich erseheint.\nDarum findet der Chorgesang, unstreitig der interessanteste Be-\nstandteil in Iländers Musik für unser Zeitalter, eine zu geringe\nAufgabe zur Auszeichnung in dem fraglichen Werke. Sogar der\nSchlusssatz gibt keine Gelegenheit dazu; denn Händel war bei der\n49. Nummer seines Allegro e Pensieroso, den er nach Gervinus in\nnur siebenzehn Tagen geschrieben, bereits ermattet in Schlaf ver-\nsunken. Dieser Schluss-Chor über die Worte:\n„Gib diese Lust, o Maass, uns du,\nin ihr allein ist Glück und Ruh'!\"\nsteht in G-moll und wird in einem langsamen Zeitmaasse vorgetra-\ngen. Kraft, Händel'sche Kraft, ist auch darin nicht zu finden, die\nden seit dritthalb Stunden aufmerksam Hörenden in etwas erstarken\nlassen würde. Man verlässt sonach den Saal, äusserlich im Schw eisse\ngebadet, innerlich aber kaum lauwarm, ja, gleichgültig gegen das\nGehörte. Zu solcher Stimmung tragen 33, schreibe dreiunddreissig,\nllecitative, Arien und ein Duett wesentlich bei; und wäre nicht\neine Reihe von Nummern übergangen w orden, es hätte der bei-\nspiellose Ueberfluss an Arien, mit der bei Händel üblichen zu häu-\nfigen Wiederholung einzelner Phrasen, alle Theilnahme absorbiren\nmüssen, zumal fünfzehn Recitative und Arien von einer leider\nsehr ängstlichen Sopranstimme vorgetragen wurden. Der begabten\nDilettantin wäre mehr Selbstvertrauen zu wünschen; denn ausser\nsehr mangelhafter Aussprache sind Stimme, lonbiklung und reine\nIntonation schätzenswerthe Eigenschaften an ihr.\nDass Händel die Gelegenheit zu Malereien nicht unbenutzt lässt,\nversteht sich von selbst. Lässt sich die in der Tenor-Arie „Ler-\nchengesang\" der ersten Violine gegebene Tongruppe (ungefähr dem\nschnell ausgeführten Mordent ähnlich) als sein sollendes Lerchen-\ngeschwirr noch hinnehmen, so muss man die in der darauf folgen-\nden Sopran-Arie nachgeahmte Nachtigall als langweilende Spielerei\nbezeichnen. Die Flöte ergeht sich in Terz-, Quart- und Sext-Inter-\nvallen, zieht wohl zuweilen auch bloss einen Ton, macht auch\nTriller, wiederholt aber dieses Getändel so oft, dass man über die\nNaivetät des Componisten die Geduld verliert. Dazu noch der lar-\nmoyante Gesang des Schwcrmüthigen, dessen Rolle durchweg dem\nSopran zugewiesen ist, was doch wohl als Missgriff selbst von ex-\nclusiven Verehrern Händel's erkannt werden dürfte. Sollte nicht\nvielmehr zum Ausdrucke der Schwermuth in der musicalischen\nLyrik die Bassstimmc die geeignetste sein? Die Rolle des Al-\nlegro ist dem Tenor zugetheilt. Der Bass erschien nur in zwei\nNummern beschäftigt, der Alt, und zwar ein recht guter und nicht\nbefangener, gar nur in dem Ricitativ „Nacht-Studien\". Hr. C a s-\npari lös'te seine bedeutende Aufgabe ganz vortrefflich, alle seine\nin hohem Grade unkünstlerischen Gewohnheiten, als z. B. Eilen,\nTremuliren, Hin- und Herschleppen naher wie ferner Intervalle,\nübermässige Weichlichkeit des Vortrages, im Theater zurücklassend.\nNach solch ausgezeichneter Leistung vermag sich der gebildete\nMusiker wieder mit ihm in etwas auszusöhnen. Schade um so sel-\ntene Stimmgaben!\nSie erkennen aus Vorstehendem leichtlich, dass die Aufnahme\ndieses Werkes keinesfalls eine warme oder gar enthusiastische ge-\nwesen, auch nicht sein konnte. Dessen ungeachtet zollen gewiss alle\nwahrhaften Musikfreunde Herrn Rühl und sämmtlichen Ausführen-\nden Dank, die Bekanntschaft mit dem seltsamen Werke in würdi-\nger Weise vermittelt zu haben. Herr Rühl insbesondere hat durch\nseine am Directionspulte gezeigte Ruhe in Beherrschung des Gan-\nzen und seiner selbst die Aufmerksamkeit der Verständigen auf\nsich gezogen. Längere Routine wird diese an einem Dirigenten\nnicht genug zu schätzende Eigenschaft noch mehr befestigen. Es\nwar da nichts zu sehen von telegraphischen Gesticulationen, von\nunaufhörlichem Hin- und Herwinken mit Kopf und Händen nach den\neinzelnen Stimmen im Chor und Orchester, und anderen dergleichen\ndie Achtsamkeit der Zuhörer störenden Dingen. Derlei Thun Sei-\ntens der Herren Dirigenten findet in der Regel weniger seinen\nGrund in einem Misstrauen zu den Ausführenden, als vielmehr in\npersönlicher Ostentation und Wichtigmacherei, wirkt aber immer\nverletzend auf alle Theile, zumal bei einem wrohlgeschulten Musik-\nkörper, darin sich keine unaufmerksamen oder unwilligen Schüler\nbefinden, die derlei störender Ermahnungen bedürften. Exemplct\nsunt odiosa. Will Herr Rühl von einem erfahrenen Fachmanne, der\nan zwanzig Jahre hindurch im Theater und im Concertsaale selbst\ngrosse Musikkörper geleitet, Rath annehmen, so wird er von seiner\nVorliebe zu übermässigem Pianissimo etwas ablassen, um damit\nnicht mit der Vorliebe des für menschliche Ohren kaum mehr ver-\nnehmbaren Pianissimo eines deutschen Grossherzogs zusammen zu\nfallen. Das von einer Chor-Masse bloss gehauchte Pianissimo ist\nkein gesungenes mehr und kann unter Umständen auf verständige\nZuhörer sogar lächerlich einwirken, während es von unverständigen\nbewundert wird. Jedenfalls folgt Ihr Berichterstatter dem Auf-\nschwünge dieses jungen Gesang-Vereins mit aufrichtiger Theilnahme\nund will jetzt schon von dessen Wirksamkeit in Hinsicht auf den\nanderen, bereits seit nahe vier Decennien bestehenden älteren, den\nCäcilien-Verein nämlich, Erspriessliches auguriren; denn ein streb-\nsamer Nebenbuhler in Kunstsachen fördert die Dinge nach beiden\nSeiten hin.\nAm 25. November führte der Cäcilicn-Verein in seinem ersten\nW7inter-Concerte Händcfs Josua auf, und zwar bloss mit Clavier-\nBegleitung. Es war in mehrfacher Beziehung interessant, Kräfte und\nLeistungen der zwei Gesang-Vereine in Werken desselben Meisters\nin unmittelbarer Aufeinanderfolge abzuwägen, und darf danach mit\ngutem Grunde behauptet werden, dass beide des kaum jährigen\nVereins bei einem Vergleiche mit dem älteren nicht besonders zu\nkurz kommen dürften, obwohl letzterer in numerischer Hinsicht\netwas überlegen ist. Die Aufführung des Josua muss fast in allen\nTheilen als ganz ausgezeichnet, als musterhaft bezeichnet wrerden.\nVon der bestehenden Gewohnheit, die Soli von meist ganz Unfähi-\ngen vortragen zu lassen, war diesmal abgegangen. Es standen fünf\nihrer Aufgabe gewachsene Solisten, darunter Herr Caspari und\ndie geschätzte, im deciamatorischen Stile meisterhaft bewanderte\nOpernsängerin Fräulein Diehl (in der Partie des Othniel) den auf\ndas sorgfältigste ausgefeilten Chören zur Seite und gewährten den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 984, "texte": "zahlreichen Zuhörern einen Hochgenuss (wobei man freilich den\nMangel des Orchesters vergessen musste), wrie er dort in so\nschönem Einklänge seit ziemlich lange nicht geboten worden. Aber\nauch die Auffassung des herrlichen Werkes Seitens des Herrn Mu-\nsik-Directors Messer, sein richtiges Verständniss im Punkte des\nDynamischen, wie es Händel's gewaltige Conceptionen durchaus\nerfordern, verdienen offene Anerkennung. Ohne diese beiden Haupt-\nFactoren macht man aus jeder, sogar aus Händel's Musik, einen\nsüsslichen, den Sachkenner anwidernden Brei. Ueber Messer's Be-\ngleitung, resp. Führung der Massen am Flügel wird sich Ihr Cor-\nrespondent bei anderer Gelegenheit äussern, und dabei vielleicht\nIhrem Wunsche willfahren, sein Urtheil über den Zustand des hie-\nsigen Ciavierspiels im Allgemeinen, jedenfalls unter so vielen\nschwachen Seiten die schwächste des gesammten hiesigen Musik-\ntreibens (wie nicht minder fast überall), in diesem Kunst-Organe\nfreimüthig auszusprechen.\n\nA. 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November.\nIm ersten Theile wurde Mozart's Sinfonie in G-moll, die\nArie „0, säume länger nicht\" aus Figaro's Hochzeit (gesungen von\nFräul. Mar Schälk), das Credo und Agnus Dei einer Missa solem-\nnis von Emil Naumann (Manuscript) und Beethoven's grosse\nOuvertüre in C zur Leonore (Ntv 3) aufgeführt; im zweiten Theile\nF. Mendelssohn s Musik zu Shakespeare's Sommernachts-\ntraum mit verbindenden Worten, gedichtet und gesprochen von\nR. Benedix.\nEs schien ein besonderer Unstern über den Ausführungen die-\nses Abends zu walten; wir vermissten fast überall (die Leonoren-\nOuverture und einige Sätze der Mendelssohn'schcn Musik ausge-\nnommen) die gewohnte Reinheit der Stimmung und Genauigkeit\ndes Vortrages* Bei der Sinfonie fehlte es schon im ersten Satze an\nEgalität und Rundung in den Achtel-Figuren der Blas-Instrumente,\nund das Menuetto verunglückte fast gänzlich. Die feine Arbeit die-\nses herrlichen Mozart'schcn Werkes will sehr genau und scharf\nangesehen sein, ehe man an ihre Ausführung geht. Ueberhaupt\nschien es an sorgfältigen Proben gefehlt zu haben oder ein Theil\ndes Orchesters war durch die Tannhäuser-Proben und Auflührungen\nlür den Vortrag einer Mozart'schen Sinfonie abgestumpft worden.\nFräul. Marschalk liess kalt; in Bezug auf den technischen\nVortrag fehlt es an Portamento. Warum hatte sie nicht lieber eine\nAlt-Arie gewählt? Der Sopran-Timbre fehlt ihrer Stimme ja doch,\nobschon auch ihre höheren Töne f g a ganz angenehm klingen.\nDie zwei Sätze aus der Messe von Emil Naumann enthalten\nviel Schönes, jedoch lassen sie, namentlich das Credo, es nicht zum\nTotal-Eindruck bei dem Zuhörer kommen. Dies rührt von dem\neklektischen Streben des Componisten her, den Kirchenstil der äl-\nteren Italiäner mit dem dramatischen Schwung der neueren zu\nvereinigen. Das Dramatische behält nach Cherubini's und Beetho-\nven's Weise die Oberhand; wir begegnen öfters schön gedachten\nund geschickt instrumentirten äusseren Effecten und müssen im\nAllgemeinen rühmen, dass sich die Melodieen von sentimentaler\nGetühls-Schwärmerei, von weichlicher, rein sinnlicher Cantilene\nlern halten. Die Arbeit zeugt von Talent und Kenntnissen; das\nAgnus Dei hat mehr Einheit und musicalischen Fluss, als das Credo;\nletzteres ist gross und breit angelegt, aber die verschiedenen Ele-\nmente des Stils treten oft zu schroff neben einander. Die Ausfüh-\nrung war im Credo mangelhaft, die Einsätze der Männerstimmen\nohne Präcision und Kraft, die Soli schwach. Das Agnus Dei ging besser.\nDie grosse C-Jwr-Ouverture zur Leonore von Beethoven\nversöhnte mit manchem, was nicht ganz so gewesen war, wie wir\nes sonst gewohnt sind.\nVon der Musik Mendelssohn s zum Sommernachtstraura, m\nderen ausschliesslichen Bewunderern, trotz der darin anzuerkennen-\nden Kunst und geschickten Factur, wir eben so wenig gehören*\nals zu den Enthusiasten lür diese Komödie Shakespeare's, wurden\neinige Satze recht fein und zierlich gegeben, bis auf die nicht ganz\nreine Stimmung, welche besonders bei der Ouvertüre störend war."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-03-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-03_01#c006", "volume": "bmtnabi_1853-12-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "184", "page_fin": "184", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.8", "debut_caractere": 4045, "fin_caractere_exclue": 6000, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Rieh. Wagner s Tannhäuser ist in dieser Woche\ndreimal bei vollbesetztem Hause gegeben worden. Die Sorgfalt der\nInscenesctzung, die Einsicht der Regie, die Treue und der Reich-\nthum der Costume, die neuen Decorationen machen der Direction\nalle Ehre. Die Rollen des Tannhäuser und der Elisabeth sind durch\nHerrn Kahle und Frau Schmidt-Kellberg sehr gut vertreten.\nDie Theilnahme des Publicums bewährt sich durch zahlreichen\nBesuch, bleibt aber während der Vorstellung und am Schlüsse\nderselben kalt, obgleich die Oper einen sichtbaren Eindruck auf\ndasselbe macht, weniger durch die Musik, als durch die Poesie.\nIdessan. Am 23. November, Abends 71/2 Uhr, starb der her-\nzogliche Ilof-Capellmeister Dr. Friedrich Schneider, Ritter\nu. s. w., in hald erreichtem 68. Lebensjahre. (Wir werden in einer\nder nächsten Nummern dem Leben, Wirken und Schaffen dieses\ngrossen deutschen Meisters eine ausführlichere Betrachtung widmen.\nDie Redaction.)\nFrankfurt a. M., 27. Nov. Der Erfolg der gestrigen Auf-\nführung von Flotow's „Rübezahl\" blieb zweifelhaft. So viel ist\naber schon gewiss, dass an diesem Schweben entre deux weniger die\nMusik als vielmehr das Libretto Schuld ist. Nicht das Mährchen vom\nRübezahl hat Hr. v. Puttlilz zu einem Opern-Texte benutzt, wie man\nerwartet, sondern er bringt in Situationen und Charakteren eine auf-\nfällige Nachbildung des Buches zur „weissen Dame\", und wenn sein\nHeld in Verlegenheit oder in Gefahr geräth, so rettet ihn der\nphantasiereiche Dichter geschwind mit dem Zauberspruche: „Ich\nbin der Rübezahl.\" Dass auch der Componist in diesem neuesten\nWerke keinen hohen Aufschwung genommen und der wohlbekannte,\nbei der grossen Masse auch wohlbeliebte, geblieben, bedarf keiner\nVersicherung. Nachschrift v. 28. Die zweite Vorstellung hat\nFiasco gemacht. Das Buch ist über alle Begriffe nichtsnutzig, und\ngegen die Musik dieses Rübezahl sind „Stradella\" und „Martha\"\nclassische Werke zu nennen."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "177", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.1", "texte": "Zur Physiologie des musicalischen Drama’s.\n\nIII.\nBetrachten wir noch die Wirksamkeit der Opern-\nDramen Wagner's im Allgemeinen. Man könnte beim\nStudiren seiner Theorieen leicht auf den Gedanken geführt\nwerden, er befinde sich den Aesthetikern gegenüber,\nwelche die Oper überhaupt eine Missgeburt der Phantasie,\neinen unnatürlichen Zweig der Kunst heissen, in einer\ngünstigeren Stellung. Auch ist es Thatsache, dass bei min-\nder und nicht musicalischen Leuten die Anhörung seiner\nOpern, mit dem Textbuche in der Hand, einen ungleich\ngrösseren Beifall hervorruft, als bei musicalisch Gebildeten,\nden „pedantischen Freunden absoluter Musik\". Ist aber\ndesshalb anzunehmen, dass Wagner die Illusion ganz abge-\nschafft oder ganz unmerklich gemacht, dass er die ergrei-\nfende Wahrheit des eigentlichen Drama's in das höher po-\ntenzirte musicalische völlig übertragen habe? Gewiss nicht.\nDie Sinnes-Täuschung, welche bei Anwendung der Musik\nauf das Drama stets obwaltet, stets obwalten muss, ist\nund bleibt dieselbe, wenn sie auch weniger fühlbar, weniger\nhandgreiflich geworden. Der Prosaiker so mögen wir\njene grundsätzlichen Läugner der Opernkunst nennen\nwird sich zwar freuen, dass die breitgehaltene Melodie mit\nihren Wiederholungeu nicht mehr zu verspüren ist, dass\ner es nur noch mit dem Recitativ zu thun hat, und dass\ner den Laut und Accent des Wortes und der Phrase\nziemlich kenntlich und unverbrämt hört. Aber der Hörer,\nwelcher musicalisch zu fühlen und zu denken gewohnt ist,\nwird mit unbefriedigtem Verlangen nach diesem Mosaik der\nTöne hin horchen und für die mangelnde Verbindung der-\nselben, die fehlende Abrundung der Perioden, wenig Trost\nund Entschädigung in der schweren Harmonieenfolge und\nder schwierigen Instrumental-Begleitung finden, dort die\ngesetzmässige Ordnung, hier die Durchsichtigkeit und das\nEbenmaass vermissend. Wagner's Sang-Melodieen gleichen\nGemälden, in welchen der Maler die Linien der Zeichnung,\ndie ihm besonders gelungen, hat stehen lassen, als er an\ndie Farbengebung ging. Da stehen sie nun, die schroffen,\nkantigen Umrisse, fühlbar und handgreiflich, aber der\nweiche, duftige, zugegeben sinnliche Farbenton wird\nnun, überall von jenen Linien durchschnitten, matt und wir-\nkungslos. Aber der Zeichner hat gesiegt; er, der Haupt-\nkünstler — der Maler darf ihm ja stets nur in zweiter\nLinie folgen — blickt überall aus dem Werke hervor, und\ndie Spuren des allmächtigen Bleistiftes, des gestaltenden,\nbleiben unverwischt und gehen nicht unter in der bunten\nKleckserei des Malers. Und die Illusion? Ja, die wäre\nglücklich vernichtet, und der Musikfeind zufriedengestellt,\nwie in einem prosaischen Drama oder einem nüchternen\nRomane, wenn etwas nicht wäre. Dieses Etwas aber ist\nin den Werken das symbolische Wunder, der unentbehr-\nliche Mythus, an denselben: das übermüthig tobende und\nsich spreizende Orchester. Da sehnt sich der Nichtkenner\nder Reize absoluter Musik, von der neuen, immer noch\nallzu musicalischen Erscheinung sich abwendend, wohl wie-\nder nach dem trockenen Recitativ der alten Italiäner zu-\nrück. Die Consequenz aber hätte den Experimentator nicht\nauf diesen halben Gesang, diese vervielfachte Begleitung,\nsondern — auf das Melodrama zurückführen sollen. Denn\nnur dort ist der Musiker auf das Minimum seiner Kraft-\näusserung beschränkt, nur dort hört die Sinnestäuschung,\nwenigstens die jenseits der Lampen, ganz auf, dort hat das\nOrchester ausschliesslich „Ahnungen\", Andeutungen und\ndergl. auszusprechen. Und überdies wäre es ganz natürlich\nund gerecht, wenn dem üppigsten Reichthume der gottlo-\nsen Oper die dürrste Armuth strafend folgte.\nHinsichtlich der Schöpfer des zukünftigen Musik-Dra-\nma's hat endlich Wagner eine doppelte Ansicht. Die Re-\nform oder „Revolution\", wie er lieber will, kann und soll\nnur von Einem ausgehen, ihm selber. „Nur er, der Ein-\nsame, vermag in seinem Drange die Bitterkeit dieses Ge-\nständnisses in sich zu einem berauschenden Genüsse um-\nzuwandeln, der ihn mit trunkenem Muthe zu dem Unter-\nnehmen treibt, das Unmögliche zu ermöglichen."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "178", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.2", "texte": "Denn er allein ist von zwei Gewalten gedrängt, denen er\nnicht widerstehen kann, und von denen er sich zum Selbst-\nopfer treiben lässt.\" Es soll also eine Revolution des Ab-\nsolutismus sein, den ein kühner Prätendent gegenüber den\nlegitimen Grössen ausführt, ein Staatsstreich comme il laut!\nDann erst darf die Theilung der Gewalt erfolgen. „In Liebe\nmüssen sich künftig beide Opernschöpfer begegnen; der\nDichter muss älter und zeugend sein, der Mann, der Mu-\nsiker jünger und empfangend, die Frau, welche, jenen\nvollkommen verstehend, gebiert. Jede Selbstbeschränkung\ndes Dichters oder Musikers\" wie kann man unbe-\nschränkt verstehen und empfangen?! „würde den\nTod des Drama's herbeiführen.\"\nDie Stellung Wagner's ist demnach jedenfalls eine\nhöchst gefährliche, wie die jedes Prätendenten; denn er\nübernimmt die volle und ausschliessliche Verantwortung.\nEr muss nicht nur selbst das Neue, das „Unmögliche\"\nschaffen, sondern er muss auch beide Seiten desselben in\ngleicher Vollkommenheit liefern. Ist eine der beiden ihm\ninnewohnenden Kräfte die schwächere, so wird das Werk\nzu einem verunglückten Versuche herabsinken. Nun glaubt\ner zwar, gleich stark als Dichter wie Musiker zu sein; wie\naber, wenn er sich irrt, wenn die Recht behalten, welche\nihm als Dichter Phantasie und Genialität, als Componist\naber nur Kenntnisse und Talent zusprechen ? Stets war,\nwie in den Artikeln über „Tannhäuser\" hier sehr wahr\nbemerkt wurde, das Genie nur in Einem gross.\nZiehen wir beispielsweise nochmals die Malerei in\nVergleich. Welcher der alten berühmten Meister war als\nZeichner und Maler gleich vollendet? War Raphael's\nPinsel so mächtig, als der Correggio's? War Correggio's\nGriffel so unerreichbar, als der Raphael's? Waren in den\nWerken Rembrandt's und Van Dvk's die Formen und Far-\n«J\nben, die Züge und die Schattirung gleich vortrefflich ?\nDass es aber bei einer natürlich gegebenen Theilung\nder Kräfte für eine Kunstschöpfung das Rathsamste ist,\nwenn sich zwei Künstler vereinigen, um das ganze grosse\nKunstwerk hervorzubringen, welchem ungeteilter Beifall,\nallseitige Bewunderung zu Theil werden soll, das beweisen\nauf das deutlichste, obwohl es nach der Erfahrung selbst-\nverständlich ist, jene unübertroffenen Gemälde niederländi-\nscher Meister, in welchen der eine die Landschaft, der an-\ndere die sie belebenden Figuren malte.\nEin Wort von jenem Manne, der die beiden Eigen-\nschaften des Theoretikers und Künstlers auf seltene, wun-\nderbare Art wirklich in sich vereinigte, hätten Wagner\nund seine Anhänger doch im Gedächtniss behalten sollen ;\nes heisst:\n„Grau, Freund, ist alle Theorie,\nDoch grün des Lebens goldner Baum.\"\n\nA. H.\n\nWiener Briefe.\n\n[Frl. La Grua Gebrüder Müller Hell mesb erg ein-\nsehe s Quartett Akademie der Tonkunst\nMännergesang-Verein.]\nDen 21. November 1853.\nDie Fluten gehen bereits so hoch und stürmisch, dass\nman Mühe hat, den eigenen kleinen Nachen über den Wel-\nlen zu erhalten. Womit beginne ich nun diesmal? Seien\nwir galant und lassen den Damen den Vortritt. Frl. Emmi\nLa Grua setzte ihr als Amina in der Nachtwandlerin\nbegonnenes Gastspiel (eigentlich Engagements-Debut) als\nValentine in den Hugenotten fort, und zwar mit einem\nErfolge, welchen ihre erste, wenn auch sehr schätzens-\nwerthe, Leistung kaum erwarten liess. Sie entwickelte in\ndieser Rolle eine Gewalt des Ausdrucks, eine Tiefe und\nInnerlichkeit der Auffassung, welche wir ihr nicht zugetraut\nhätten und die, vereint mit dem schönen Metall ihrer\nStimme, dem echten, ungeschminkten Adel ihres Vortra-\nges, einem lebenswarmen, charakteristischen Spiele und\neiner angenehmen äusseren Erscheinung, ihre Valentine zu\neiner der vollendetsten stempelten, die wir je gehört, und\ndie auch nicht verfehlte, ihr die lebhaftesten Sympathieen\nunseres Publicums zuzuwenden. Zwar noch nicht ganz\nschiiesst sich ihr subjectives Ich mit dem Object ihrer Dar-\nstellung zusammen, und man merkt noch zuweilen eine\nkleine Lücke; auch entbehren, wie ich Ihnen schon neulich\nandeutete, ihre hohen Töne noch der Leichtigkeit und Si-\ncherheit; doch glaube ich, dass es ihr mit der Zeit gelingen\nwird, auch diese Schwierigkeiten ganz zu besiegen, und\nwir haben in jedem Falle Ursache, über diese neue Acqui-\nsition sehr erfreut zu sein. Da ihr auch Frl. Liebhardt als\nKönigin und unser trefflicher Draxler als Marcell sehr ver-\ndienstlich zur Seite standen, so haben wir jetzt im Ganzen\neine sehr gelungene Darstellung dieser Oper. Mit Herrn\nSteger allein, einem Günstling unseres Publicums, welcher\nden Raoul singt, vermag ich mich durchaus nicht zu be-\nfreunden. Wenn ich seine Naturgaben abziehe, die in einem\nkolossal kräftigen Organe bestehen, das mit Leichtigkeit das\nhohe Tenor- C angibt, so wüsste ich nichts mehr an ihm\nzu rühmen; denn schön ist seine Stimme nicht, vielmehr\nschneidend und näselnd, seine Töne kommen nie fest und"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "179", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.3", "texte": "voll aus der Brust, sondern zittern und beben unaufhör-\nlich, sein Vortrag ist manierirt und affectirt, und sein Sin-\ngen artet meist in ein unerträgliches Schreien aus. Als\nCuriosum theile ich Ihnen mit, dass das Costume für Frl.\nLa Grua eigens in Paris von unserer Direction war bestellt\nworden. Welche Sorgfalt für die Interessen der Kunst!\nUebrigens circulirte letzterer Tage in unseren Journalen\ndas Gerücht, dass Hr. Cornet seine Entlassung erhalten\nhabe, dem aber bereits officiel widersprochen ist. Veran-\nlassung hierzu gaben aber nicht die mannigfachen Ursachen,\nwelche der Kunstfreund geltend machen würde, sondern\ndie Beleidigung einer Sängerin, welche sich hohen Einflus-\nses erfreut, und die leicht hätte bewirken können, was bis-\nher die Kunst, die Kritik und das Publicum nicht vermocht,\nwenn er sie nicht dadurch versöhnt hätte, dass er\nihr die Partie der Isabella im Meyerbeer'scben Robert zu-\nsprach. Doch verzeihen Sie mir meine diesmaligen Klatsche-\nreien, wo Wichtigeres vorliegt. Unstreitig das interessan-\nteste musicalische Ereigniss, welches, seit ich Ihnen zuletzt\nschrieb, bei uns vorkam, sind die Quartett-Productionen\nder berühmten Gebrüder Müller, deren erste bereits\nStatt fand. Es ist doch eine höchst eigentümliche Erschei-\nnung um dieses Brüder-Doppelpaar, und ich gestehe, dass\nim Fache des Quartettspiels etwas Vollendeteres kaum\ndenkbar erscheint. Die Vorzüge, welche sie in so hohem\nGrade, namentlich auch vor unserem einheimischen, im De-\ntail nicht minder trefflichen Hellmesberger'schen Quartette\nauszeichnen, sind eben ein grosser Stil, der manchmal fast\nan Härte streift, und freieste Auffassung neben unsäglicher\nPräcision und Gleichmässigkeit des Spiels. Sie bauen aus\nGranit, statt aus Elfenbein zu schnitzen, womit nicht ge-\nsagt sein soll, dass sie der höchsten Feinheit entbehrten,\ndie sie vielmehr in dem fabelhaft schönen Vortrage der\nHaydn'schen Variationen über die Volkshymne auf das\nglänzendste bewiesen. Der Primarius allein scheint mir\nmanchmal an Geschmeidigkeit des Tones unserem Hellmes-\nberger nachzustehen. Welche Stücke wählten sie aber\nauch! Haydn's Quartett in C mit der Volkshymne, Beet-\nhoven's Quartett in B Nr. 6 mit dem wunderbaren Schluss-\nsatze „La melanconia\"und Schubert's grandios concipirtes\nQuartett in D-moll,dessen Finale sie in einer Weise spiel-\nten, die einem die Sinne schwindeln machte. Es war ein\nAbend des höchsten Kunstgenusses, und der Beifall, wel-\nchen die Künstler erhielten, war nicht minder stürmisch,\nals da sie uns vor fünfzehn Jahren zuerst besuchten. Da-\nmals gaben sie einen Cyklus von achtzehn Concerten, und\nsie dürften uns wohl auch diesmal mit einer ziemlich gros-\nsen Anzahl erfreuen. Das zweite findet eben morgen Statt,\nbeide bisher im Streicher'schcn Clavier-Salon, da der Musik-\nvereins-Saal bisher fortwährend theils durch das Hellmes-\nberger'sche Quartett, theils durch den Escamoteur Le-\nvieux-Galeuchet und den Gedächt niss-Künstler\nIlerrmann Kothe in Anspruch genommen war. Ihr drittes\naber geben sie Sonntag, den 27. November, im Musik-\nvereins-Saale, und ich bin hierauf besonders begierig, in-\ndem dann auch der ebenfalls in Anschlag zu bringende\nUnterschied der Localität wegfällt, der bisher zu ihren\nGunsten war. Die beiden letzten Hellmesberger'schen Quar-\ntett-Soireen brachten uns an neueren Werken ein Ciavier-\nTrio von L. Wolf, ein Qctett von Gade und ein Quartett\n(seit acht Jahren Manuscript) von R. Volkmann. Das\nerstere wäre im Allegro und Scherzo nicht übel, aber die\nentsetzliche Trivialität des Finale verleidet einem das Ganze.\nEin sehr schönes Werk, wenn man auch gegen diese Gat-\ntung im Allgemeinen principiel eingenommen ist, muss aber\nGade's Octett genannt werden, das übrigens in der Aus-\nführung zu wünschen übrig liess und vom Publicum nicht\nnach Verdienst aufgenommen wurde. Dagegen wurde das\nVolkmann'sche Quartett, und zwar mit Recht, durch rau-\nschenden Beifall ausgezeichnet und der persönlich erschei-\nnende Cornponist mit dem lebhaftesten Zurufe begrüsst.\nInsbesondere sind das Adagio und Scherzo von ausnehmen-\nder Schönheit, originel erfunden und innig empfunden.\nUnser Quartett war aber auch sichtlich von der ihm jüngst\nerstandenen Nebenbuhlerschaft zu erhöhtem Eifer ange-\nspornt und leistete namentlich in diesem sehr schwierigen\nWerke wahrhaft Ausgezeichnetes. Das übrige Programm\nder beiden letzten Abende bestand aus Mozart's Quartett\nin B,Schubert's in den ersten drei Sätzen ungemein lieb-\nlichem Clavier-Trio in Es und Spohr's etwas kaltem und\nmonotonem Quartett in E-moll,Op. 45. —ln der ver-\nflossenen Woche gab unsere Akademie der Tonkunst\nihr erstes winterliches Schüler-Concert, und wir lernten bei\ndieser Gelegenheit das hinterlassene Fragment des Mendels-\nsohn'schen „Christus\" kennen; da uns dasselbe aber auch\nin dem zweiten Vereins-Concerte (am 11. December) vor-\ngeführt werden wird, so spreche ich lieber dann ein Nähe-\nres darüber. Das erste Vereins-Concert fällt schon auf den\n27. November und bringt uns Haydn's Sinfonie in G und\nMendelssohn's Musik zur „Walpurgisnacht\". Auch mit\neiner alljährlich am 15. November, als einem Tage, wo bei\nuns zu Ehren des heiligen Leopold keine Theater-Vorstel-\nlung erlaubt ist, Statt findenden wur-\nden wir beglückt. Aber über diese mir tödlich verhassten"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "180", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.4", "texte": "Akademieen, diesen geist- und zusammenhangslosen Misch-\nmasch, der einer buntfarbigen Schlange mit hundert Köpfen\ngleicht, deren einer den anderen verschlingt, und wo man\naus Proch's in Reuling's und aus Rculing's in Flotow's\nArme geworfen wird, um dann mit einem jähen, schauder-\nerregenden Sturze zu Mozarfs Füssen zu fallen und end-\nlich in Master Balie's Schoosse kläglich zu enden über\ndiese Akademieen, sage ich, die eigentlich auch bei uns\nkein Mensch mehr mag und deren Publicum nur durch\nVeranstaltung eines wohlthätigen Zweckes zusammengetrom-\nmelt wird, lassen Sie mich schweigen. Verflossenen\nSonntag feierte unser Männergesang-Verein sein\nzehnjähriges Geburtsfest mit der Aufführung einer Vocal-\nMesse von Sihnaubelt in der Augustinerkirche. Diese Messe\nwar im vorigen Jahre nebst achtzig anderen in Folge\neines Preis-Ausschreibens unserem Vereine eingesendet\nworden. Man hatte damals keine einzige von allen diesen\nArbeiten des Preises würdig erachtet, und wenn wirklich\nkeine bessere darunter war, als die Schnaubelt'sche, so\nkann man den Verein kaum desshalb schelten; denn diese\nMesse ist in der That von sehr geringem Werthe, und\nnamentlich in allen möglichen Stilarten, nur nicht im kirch-\nlichen, geschrieben. An demselben Sonntage gab auch die\nrühmlich bekannte Pianistin Frl. Emma St au dach mit\nvielem und nicht unverdientem Beifalle ein Concert, in wel-\nchem sie theilweise mit guter Auffassung Beethoven's frei-\nlich immer und immer wieder gehörte allbekannte\nSonate spielte, und Hr. Staudigl zum x+l. Male den\nSchubert'schen „Wanderer\" sang. Somit habe ich Ihnen\ndenn über die hervorragenden Erscheinungen der beiden\nletzten Wochen getreulichst berichtet und füge nur noch\nzum Beschlüsse eine kleine, höchst ergötzliche Geschichte\nbei. Neulich hielt nämlich das Directions-Comite des Ver-\neins zur Unterstützung der Tonkünstler-Witwen und Wai-\nsen eine Sitzung, bei der auch der Hof-Capellmeister Ass-\nmaier als Directions-Mitglied anwesend war, um zu be-\nstimmen, welches Werk in den diesjährigen grossen Weih-\nnachts-Concerten zur Aufführung gebracht werden solle.\nAls die Versammlung vollzählig war, erhebt sich der Prä-\nsident mit den Worten: „ Meine Herren! Der Herr Hof-\nGapellmeister Assmaier wünscht, dass in diesem Jahre sein\nOratorium „ „ Saul\"a aufgeführt werden möchte.\" Allge-\nmeines Stillschweigen. Ein zweites Mitglied: „Ich glaube,\ndass hierüber abgestimmt werden sollte.\" Abermaliges\nStillschweigen. Ein drittes Mitglied: „Um die Abstimmung\nzu erleichtern, schlage ich vor, dass noch andere Werke\nnamhaft gemacht werden sollten.\" Beifälliges Gemurmel.\nEin viertes Mitglied: „Meine Herren! Ich glaube, wir ma*\nchen Haydn's Jahreszeiten?\" Allgemeine Acclamation. Und\nso werden wir denn heuer wieder die Jahreszeiten und im\nkommenden Jahre die Schöpfung hören; aber bei allem\nRespect und aller Liebe für diese beiden grossen Werke\nkann man doch nicht umhin, dieses Verfahren mehr als\nkleinstädtisch zu finden.\n\nB.\n\nPariser Briefe.\nDie italiänische Oper ist also doch wieder da, und\nnach dem Besuche der ersten Vorstellungen zu schliessen,\nblüht ihr ein reicheres Leben, als je! Seit Jahren hat man\nin der Salle Ventadour nicht eine so glänzende Gesellschaft\ngesehen, als am 15. November bei Rossini's Cenerentola,\nwomit das Theater eröffnet wurde. Kein Platz war unbe-\nsetzt: Damen, Toiletten und Diamanten wetteiferten mit\neinander an Schönheit, Reichthum und Glanz. Der alte\nOvidius Naso hätte, wie einst in Rom, sagen können;\nSpeclatum veniunt, veniunt spectentur ul ipsae*).\nDoch haben sich die erwarteten Reifröcke, das gepuderte\nHaar, mit Ausnahme von etwas Gold- und Silberstaub auf\nden Scheiteln einiger Blondinen, und das gestickte Hof-\nCostume noch nicht gezeigt; man wartet damit, wie es\nheisst, bis zur Rückkehr des kaiserlichen Paares. Auch im\nFoyer traf man ausgezeichnete Musiker und Dilettanten\nvon Ansehen. Nach den Berechnungen der Geschäftsleute\nvom Fach ist der Unternehmer, Oberst Ragani, bereits für\ndie ganze Saison gedeckt; er hat ein Abonnement von\n300,000 Frcs. und 100,000 Frcs. Unterstützung vom\nStaate. Freilich dürften seine Vorauslagen 6 700,000\nFrcs. betragen. Dagegen verbleiben ihm als ausserordent-\nliche Einnahme das Parterre, mehrere Sperrsitze und die\nLogen der oberen Galerieen, ferner die Sonntags- und die\nausserordentlichen Vorstellungen. Uebrigens soll der Kaiser\nerklärt haben, einen etwaigen Ausfall aus der Civillistc\ndecken zu wollen.\nIst das Letztere mehr als ein On dit, so wünsche ich\ndem Unternehmer Glück dazu; denn ich bin überzeugt,\ndass trotz des glänzenden Anfangs das Ende dennoch das-\nselbe sein wird, wie in den drei letzten Jahren; das Ganze\nist doch nur eine gemachte Geschichte, etwas gewaltsam\nEmporgetriebenes, wobei die Hof-Partei eine grosse Rolle\nspielt. Aber das Publicum hat seine Launen; vielleicht\nmerkt es schon nach kurzer Zeit, dass die italiänische Oper\n\n*) „Damen kommen zum Schauen und kommen, sich schauen\nzu lassen.\""}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "181", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.5", "texte": "sich überlebt hat, dass ihr Repertoire sich aus der Zeit der\nVäter herschreibt, dass die Gräfin Pepoli-Alboni zwar\nsehr stark an Coloratur, aber noch stärker an Wohlbe-\nleibtheit ist, die in gar zu sichtbarem Contrast mit den\nVorstellungen steht, die sich die gewöhnliche Phantasie der\nZuschauer von einer Cenerentola, Amine, Nina u. s. w.\nmacht. Vielleicht wird dasselbe Publicum auch gewahr, dass\ndie Zeit der Fusion da ist, wo das Gute mit dem minder\nGuten, ja, mit dem Mittelmässigen, das Abgetragene mit\ndem Neuen, das Verblasste mit dem Feuerrothen verschmol-\nzen wird. Es wird mit Richard Wagner das Monumentale\nverschmähen und Tamburini als einer vollendeten, Ma-\nrio als einer beginnenden Ruine den Rücken kehren. Ob\ndie jüngeren Blumen, welche daneben gepflanzt worden,\nz. B. die Cambardi mit einer allerliebsten Stimme, und\nunsere V e i t h, welche es schon so weit gebracht hat, dass\nsie einem ehrlichen Deutschen keine deutsche Musik mehr\nvorsingen kann, sich an den Trümmern emporranken und\nsie auf angenehme Weise verzieren werden, müssen wir\nabwarten.\nDie Gräfin Pepoli hat in ihrem kolossalen Körper (denn\nsie nimmt allein fast die ganze Breite der Scene ein) eine\nwahre Nachtigallen-Kehle, das ist wahr, aber nur in Bezug\nauf das Getriller und Geschmetter: von dem süssen Hin-\ntlöten des Gefühls ist nicht die Rede, so wenig wie von\nWärme der Empfindung; Ausdruck, Leidenschaft, drama-\ntische Einsicht alles dies fehlt ihr, und es ist mir sehr\nbegreiflich, dass sie, trotz der fabelhaften Meisterschaft in\nder Technik, in America gegen die Sontag nicht aufkom-\nmen konnte. Es ist schade, dass Lablache nicht hier ist;\nes wäre ein köstlicher Spass, die zwei umfangreich-\nsten künstlerischen Grössen der Gegenwart zusammen\nauf der Scene locomotivisiren zu sehen. Sein Ersatzmann\nRossi übertreibt auf widrige Weise und wird von dem\nbreiten Schatten, den Lablache von Petersburg bis hieher\nwirft, ewig verfolgt und verdunkelt. Das Orchester ist gut;\nder neue Dirigent B e n e 11 i sollte jedoch ja seine Lebhaf-\ntigkeit mässigen. Mein Gott! wenn er sich, um die Partitur\neiner Cenerentola zu dirigiren, plagt und geberdet wie\nein Riese, der Leiber von Schmetterlingen spaltet und Ro-\nsen köpft, was soll dann werden, wenn der einmal über\nden Don Juan kommt?\nIn der grossen Oper ist die Rosati die Heldin des\nTages zwar nur eine Tänzerin, aber was für eine! Sie\nist in dem Ballet Jovita aufgetreten; die Scene desselben\nist Mexico, der Inhalt die Befreiung des Landes von einem\nfürchtbaren Räuberhauptmann durch Jovita's List und Muth.\nDiese Rosati ist in der That bezaubernd, eine wahre Kö-\nnigin im Reiche der Sylphiden. Es hat der grossen Oper\nallerdings nie an geschickten Tänzerinnen, an Virtuosinnen\nder Füsselei gefehlt; aber der sprechende,ausdrucksvolle\nja, warum soll ich nicht sagen: der dramatische ? Tanz war\nseit den Zeiten der Taglioni und der Fanny Elssler ver-\nschwunden. Es lässt sich in der Tanzkunst viel lernen;\naber das Innere des Menschen bloss durch die äussere Er-\nscheinung und Bewegung ohne Worte und Töne auszu-\ndrücken, das kann nur die Natur verleihen. Ich. habe nichts\ndagegen, wenn über die Pas die\ntueuses, die Pirouetten und all das Zeug losgezogen wird,\nund ziehe selbst darüber los; aber ich finde es höchst\nlächerlich, die todten Bilder in Marmor und Farbe mit Ken-\nnermiene und Enthusiasmus zu bewundern und vor einem\nlebendigen Modelle derselben das Auge niederzuschlagen.\nWenn die Idee des Bildhauers dem Steine Leben einhaucht\nund wir dies bewundern, sollen wir dann nicht auch das\nnatürliche Leben bewundern, dem durch Talent das Ideale\nder Kunst verliehen wird? Um so mehr, da dieses pla-\nstische Kunstwerk durch Bewegung und Blick die wech-\nselnde Stimmung der Seele ausdrücken kann, während\ndort der leblose Stoff nur die Stimmung Eines Momentes\nin bleibender Ruhe festzuhalten gestattet. An technischer\nFertigkeit mögen Manche die Rosati übertreffen, an panto-\nmimischem Ausdruck gewiss Keine. In ruhiger Stellung ist\nsie eine in allen Formen vollendete schöne Bildsäule; be-\nwegt sie sich, so kündet schon ihr Gang, ihre Haltung, die\nArt, wie sie sich trägt und regt, eines jener feenhaften\nWesen an, welche unsere Phantasie sich bildet; spielt sie\naber, so wird jede Regung ihres Körpers, jede Bewegung\nihrer Arme, jeder Zug ihres Gesichtes zu bedeutungsvoller\nBegleitung der Sprache eines Auges, welches die Natur\nnicht oft so schön und ausdrucksvoll schafft. Kein Wunder,\ndass Jovita volle Häuser macht. Die Musik des Ballets, von\nTheod. Labarre, der vor einigen Jahren mit einer ko-\nmischen Oper, La Revolte au mit Glück aufgetreten\nwar, aber seitdem geschwiegen hatte, erhebt sich über das\nGewöhnliche. Die Decoration des dritten Actes, die Ansicht\nder Stadt Mexico, ist prachtvoll *).\n(Schluss folgt.)\n\n*) Caroline Rosati ist in Bologna geboren und erhielt\nihren ersten Tanz-Unterricht von der berühmten Tonelli;\nspäter hatle sie Albert Sohn und Gosselin in Turin zu Leh-\nrern. Um sie mit dem Metier frühzeitig vertraut zu machen,\nliess Gosselin seine junge Schülerin die Bühne betreten, so-\nbald sie nur einen Pas machen konnte. Die Künstler-Lauf-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "182", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.6", "texte": "Aus Frankfurt am Main.\nHändel’s Allegroe Pensieroso und dessen Josua.\n\nDen 25. November 1853.\nSie haben Sich das Verdienst erworben, im vorigen Sommer\nden Text von Handel s Allegro and Pensieroso zu veröffentlichen;\nes wird Sie freuen, zu erfahren, wie schnell dieses classische Werk\naus dem bescheidenen Versteck in dem Gervin'schen Haus-Verein\nin Heidelberg den Weg in die weite Oeffentlichkeit gefunden hat.\nWir hören, dass man in Berlin an eine Aufführung denkt; Lach-\nner in München bereitet sie vor; hier hat der Rühl'sche Gesang-\nVerein sich den Ruhm erworben, Allen voraus das altneuc Orato-\nrium „Frohsinn und Schwermuth\" dem Publicum vorzuführen. Es\ngeschah gestern Abends im grossen Weidenbusch-Saale vor einem\nzahlreichen Auditorium. Das Werk sollte in seiner ganzen ursprüng-\nlichen Gestalt, mit Orchester- und Orgel-Begleitung gegeben wer-\nden; der Orgel musste leider, aus zufälliger Ursache, die Phys-\nHarmonica untergeschoben werden. Die Wirkung war tief und\nrein, wie man es bei den Verwöhnungen des Geschmacks\nkaum hoffen konnte. Diese Musik wird verstanden, weil sie auf\nganz gesunden Grundlagen ruht und allgemein verständliche Gegen-\nstände von ewiger Wahrheit und stets jungem Interesse behandelt;\ndiese Musik wird gefühlt, weil sie in einem echt deutschen Ge-\nmüthe empfangen und geboren ist; diese Musik hob jeden Hörer\nempor, weil sie von wahrhaft idealer Kraft und künstlerisch rein\nvon jedem Auswüchse ist. Dem Director, Herrn Rühl, ist das glän-\nzendste Zeugniss für seine Thätigkeit zu geben. Reineren Chor-\nVortrag kann man weit und breit nicht hören; wir zweifeln, dass\nHändel'sche und Bach'sche Chöre irgendwo in dieser ungekünstel-\nten Meisterschaft behandelt werden. Hätte sich der verehrte Meister\ndes Vereins nur entschlossen, das Werk ganz oder doch mit min-\nderen Auslassungen zu geben! Das Publicum war nicht müde;\nwir haben uns die Physiognomieen mit grosser Achtsamkeit ange-\nsehen und fanden nur die Ausdrücke der Spannung und der Er-\nwartung und hörten bei jedem Ueberschlagen eines Stückes in dem\nvollständig gedruckten Texte die Aeusserungen des Bedauerns.\nWas man sich zuflüsterte, waren nicht die obligaten Phrasen der\nBewunderung, die man sich über unverstandene Sinfonieen und\nSonaten zuraunt, sondern verständige Vergleichungen zwischen dem\nTonsatze und dem Texte. Man fühlte dabei unwillkürlich das Be-\ndürfniss, die Gegensätze, die man in dem Texte vorfand, auch in\nder Musik ganz ausverfolgen zu können. Wir wagen, zu glauben,\ndass dieses noch in viel erhöhterem Maassstabe der Fall gewesen\nsein würde, wenn in dem Vortrage und durch die Zutheilung der\nSolo-Partieen diese Gegensätze selbst wären schärfer hervorgehoben\nworden. Sie können es werden, und sie mussten es werden. Die\nfrohsinnigen Stücke sind, bis auf wenige, zu ernst, zu sentimental,\nzum Thcil selbst schleppend genommen worden; auch fehlten die\nfrisch kräftigen Stimmen, die an sich den Charakter der Heiterkeit\nund Munterkeit tragen, und die für die Solo's des Allegro uner-\nlässlich sind. Sic helfen wesentlich, der Gefahr der Eintönigkeit\nauszubeugen, die in der gehäuften Masse von Solo's drohen könnte.\nEin Wesentliches wird dazu noch die richtige Abtheilung thun. Das\nOratorium wurde ohne vorher bestimmte Pausen gegeben. Es ist\ngewiss richtiger, dem Geiste des Zuhörers im Voraus die Gränze\nzu bezeichnen, wo er ausruhen kann. Wir müssen aus der gestri-\ngen Aufführung bestätigen, was in Ihrer ersten Besprechung des\nAllegro gesagt wurde, dass die geeignetste Abtheilung die in zwei\nHaupttheile, jeden zu zwei Hälften, wäre, wo dann die lange Solo-\nreihe des ersten Theiles nach der Nachtigallen-Arie unterbrochen\nw ürde, ein Prachtstück von solcher tiefen Anregung, dass es füglich\neine kleine Erholung am Schlüsse verdient. Die Stücke der vier\neinzelnen Abtheilungen müssten dann wieder in der Art in Grup-\npen vertheilt werden, class zwischen den sich deckenden Stücken\ndes Allegro und des Pensieroso gar keine Pause eingeführt würde.\nIn der ersten Abtheilung würde also Nr. 1—4 völlig ununterbrochen\nfortlaufen, 5—10 eben so, und von 11 zu 12 müsste eben so der\nUebergang unmittelbar gemacht werden, um den reizvollen Gegen-\nsatz recht fühlbar zu machen. Soll aber das Werk seine volle Wir-\nkung thun, so wird es nöthig, dass es im Clavier-Auszuge in Aller\nHände kommt; denn ohne Vor- und Nachstudien ist es bei aller\nKlarheit doch zu reich und voll, um eingänglich begriffen zu wer-\nden bei dem schnellen Vorüberrauschen einer einmaligen Auffüh-\nrung. Wir hören, dass Herr Hühl auf die Herausgabe eines Cla-\nvier-Auszuges denkt; möge er recht rasch dazu schreiten!\nDen 27. November 1853.\nAcc'uUt in puncto, quod non speratur in annis. — Entschuldigen\nSie die Licenz aul dem sechsten Fusse dieses Hexameters. Die un-\nverhoffte Vorführung des erstgenannten Werkes durch Herrn Mu-\nsik-Director R ühl mit seinem Gesang-Verein und einem guten\nOrchester, kaum dass der von HändeFs Muse hochbegeisterte Prof.\nGervinus sich in Nr. 4 und 5 dieser Blätter lobpreisend darüber\nausgesprochen und zugleich die Uebcrsetzung des Gedichtes beige-\nfügt, möge diese Licenz rechtfertigen. Ob die am 24. November\nStatt gehabte Aufführung dieses seltsamen Werkes auf dem Conti-\nnente die erste gewesen, ob eine solche vielleicht schon irgend an-\nderswo Statt gefanden, gleichviel, wir haben Grund, selbe als eine\ninteressante Begebenheit zu begrüssen, sollte das Interesse daran\nauch nur auf einem historischen Grunde beruhen. Offen gestanden,\nIhr Correspondent, der seine Ueberzeugungen an keine Autorität\nblindlings hängt, es gehöre diese welcher Kunst-Epoche immer an,\ner ist so kühn, diesem HändeFschen Werke kein anderes als bloss\nhistorisches Interesse zuzuerkennen, selbst auf die Gefahr hin, mit\nder von Gervinus veröffentlichten Beurtheilung in grellen Wider-\nspruch zu gerathen.\nVor Allem wäre Einsprache zu erheben gegen die Bezeichnung\ndes Werkes als „Oratorium\", sollte sie gleichwohl von dem grosseil\n.\n\nbahn der Mad. Rosati begann 1844, wo sie als erste Tänzerin\nauf dem Apollo-Theater in Rom grosses Aufsehen erregte.\nSchon damals bewunderte man an ihr jenen zugleich sehr\ncolorirten und edlen Stil, der heute die Pariser so sehr an-\nzieht. Im Jahre 1845 trat Mad. Rosati in der Scala zu Mai-\nland auf, und selbst der Neid und die Theater-Cabale ver-\nstummten vor einem solchen Triumphe. \\on da begab sie\nsich nach Genua. Im folgenden Jahre unterzeichnete die Tän-\nzerin einen Vertrag mit dem Director der Scala, von wo sie\nLumley im Sommer 1848 nach London kommen licss. Als\nHalevy und Scribe die Tempesta nach Shakespeare in Lon-\ndon zur Aufführung brachten, vertrauten sie der Rosati die\nRolle des Ariel an. Während Lumley die italiänische Oper\nin Paris dirigirte, wollte er den Parisern die Piosati in jener\nRolle vorführen, welche mehr auf eine Schauspielerin berech-\nnet war, weil Mad. Rosati als solche grosse Ueberlegenheit\nüber die besten Tänzerinnen besitzt. Unglücklicher Weise\nwurde am ersten Abende der Fuss des Ariel in einer Ver-\nsenkung eingeklemmt, so dass die Aufführungen der Tempesta\nunterbrochen werden mussten. Wieder hergestellt, eilte die\nRosati nach Turin, von da nach Neapel, wo sie im San-Carlo-\nTheater die Esmeralda und andere Partieen gab. Die Pariser\nbewundern an der Rosati ausser ihrer Schönheit, ihren rei-\nzenden Zügen, ihren lebhaften, geistvollen Augen und ihren\nüppigen Formen vor Allem das Ensemble ihres dramatischen\nVortrages und Ausdruckes. (Corresp. parisienne lifh.J"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "183", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.7", "texte": "Tonsetzer selbst herrühren. Es fragt sich, ob man in jener Epoche\nbereits einen Unterschied zw ischen Oratorium und Cantate gemacht\nund ihn in seiner Wesenheit nach Inhalt, Form und Stil so festge-\nstellt hatte, wie er in unserer Musik-Epoche feststeht. Ist „der\nFrohsinnige und der Schwermüthige\" wie Gervinus den Titel\ndes Gedichtes übersetzt ein Oratorium nach jenem Begriffe, den\ngerade Händel in so unerschütterlicher Weise festgestellt hat, dann\nsind Haydns Jahreszeiten, Reichard's Morgengesang nach Milton,\nBeethoven's Glorreicher Augenblick und viele andere ähnliche\nWerke, deren Inhalt es wohl meist mit der Natur und ihrem\nSchöpfer, aber auch mit vielen Nebendingen zu thun hat, gleich-\nfalls Oratorien. Ein Blick auf das Gedicht verschalt uns alsbald\ndie Gewissheit, dass von geistlichen oder biblischen, überhaupt von\nreligiösen Dingen nirgends die Piedc. Den Stil anlangend, so ist die\nHändel'schc Prägnanz in jedem Tacte, wie die seines grossen Zeit-\ngenossen Bach, ob er eine Motette oder Gavotte unter der Feder\nhat, die uns bekannte. Das einzige in dem Händel'schen Werke\nvon seinen biblischen Oratorien sich Unterscheidende ist der durch-\ngehends angewandte freie Stil. Hierin hat sich der grosse Meister\noffenbar selbst Gewalt angethan; denn sogar in den wenigen, meist\nkurzen, immer Arien angehängten Chören findet sich keine Spur\nvon Händei'scher Erhabenheit, keine contrapunktischen Combi-\nnationen, vielweniger ein fugirtcr Satz; Alles geht so einfach und\nsimpel her, wie z. B. in Beethovens Glorreichem Augenblick. Eine\nHerablassung bei beiden Heroen, die ziemlich wunderlich erseheint.\nDarum findet der Chorgesang, unstreitig der interessanteste Be-\nstandteil in Iländers Musik für unser Zeitalter, eine zu geringe\nAufgabe zur Auszeichnung in dem fraglichen Werke. Sogar der\nSchlusssatz gibt keine Gelegenheit dazu; denn Händel war bei der\n49. Nummer seines Allegro e Pensieroso, den er nach Gervinus in\nnur siebenzehn Tagen geschrieben, bereits ermattet in Schlaf ver-\nsunken. Dieser Schluss-Chor über die Worte:\n„Gib diese Lust, o Maass, uns du,\nin ihr allein ist Glück und Ruh'!\"\nsteht in G-moll und wird in einem langsamen Zeitmaasse vorgetra-\ngen. Kraft, Händel'sche Kraft, ist auch darin nicht zu finden, die\nden seit dritthalb Stunden aufmerksam Hörenden in etwas erstarken\nlassen würde. Man verlässt sonach den Saal, äusserlich im Schw eisse\ngebadet, innerlich aber kaum lauwarm, ja, gleichgültig gegen das\nGehörte. Zu solcher Stimmung tragen 33, schreibe dreiunddreissig,\nllecitative, Arien und ein Duett wesentlich bei; und wäre nicht\neine Reihe von Nummern übergangen w orden, es hätte der bei-\nspiellose Ueberfluss an Arien, mit der bei Händel üblichen zu häu-\nfigen Wiederholung einzelner Phrasen, alle Theilnahme absorbiren\nmüssen, zumal fünfzehn Recitative und Arien von einer leider\nsehr ängstlichen Sopranstimme vorgetragen wurden. Der begabten\nDilettantin wäre mehr Selbstvertrauen zu wünschen; denn ausser\nsehr mangelhafter Aussprache sind Stimme, lonbiklung und reine\nIntonation schätzenswerthe Eigenschaften an ihr.\nDass Händel die Gelegenheit zu Malereien nicht unbenutzt lässt,\nversteht sich von selbst. Lässt sich die in der Tenor-Arie „Ler-\nchengesang\" der ersten Violine gegebene Tongruppe (ungefähr dem\nschnell ausgeführten Mordent ähnlich) als sein sollendes Lerchen-\ngeschwirr noch hinnehmen, so muss man die in der darauf folgen-\nden Sopran-Arie nachgeahmte Nachtigall als langweilende Spielerei\nbezeichnen. Die Flöte ergeht sich in Terz-, Quart- und Sext-Inter-\nvallen, zieht wohl zuweilen auch bloss einen Ton, macht auch\nTriller, wiederholt aber dieses Getändel so oft, dass man über die\nNaivetät des Componisten die Geduld verliert. Dazu noch der lar-\nmoyante Gesang des Schwcrmüthigen, dessen Rolle durchweg dem\nSopran zugewiesen ist, was doch wohl als Missgriff selbst von ex-\nclusiven Verehrern Händel's erkannt werden dürfte. Sollte nicht\nvielmehr zum Ausdrucke der Schwermuth in der musicalischen\nLyrik die Bassstimmc die geeignetste sein? Die Rolle des Al-\nlegro ist dem Tenor zugetheilt. Der Bass erschien nur in zwei\nNummern beschäftigt, der Alt, und zwar ein recht guter und nicht\nbefangener, gar nur in dem Ricitativ „Nacht-Studien\". Hr. C a s-\npari lös'te seine bedeutende Aufgabe ganz vortrefflich, alle seine\nin hohem Grade unkünstlerischen Gewohnheiten, als z. B. Eilen,\nTremuliren, Hin- und Herschleppen naher wie ferner Intervalle,\nübermässige Weichlichkeit des Vortrages, im Theater zurücklassend.\nNach solch ausgezeichneter Leistung vermag sich der gebildete\nMusiker wieder mit ihm in etwas auszusöhnen. Schade um so sel-\ntene Stimmgaben!\nSie erkennen aus Vorstehendem leichtlich, dass die Aufnahme\ndieses Werkes keinesfalls eine warme oder gar enthusiastische ge-\nwesen, auch nicht sein konnte. Dessen ungeachtet zollen gewiss alle\nwahrhaften Musikfreunde Herrn Rühl und sämmtlichen Ausführen-\nden Dank, die Bekanntschaft mit dem seltsamen Werke in würdi-\nger Weise vermittelt zu haben. Herr Rühl insbesondere hat durch\nseine am Directionspulte gezeigte Ruhe in Beherrschung des Gan-\nzen und seiner selbst die Aufmerksamkeit der Verständigen auf\nsich gezogen. Längere Routine wird diese an einem Dirigenten\nnicht genug zu schätzende Eigenschaft noch mehr befestigen. Es\nwar da nichts zu sehen von telegraphischen Gesticulationen, von\nunaufhörlichem Hin- und Herwinken mit Kopf und Händen nach den\neinzelnen Stimmen im Chor und Orchester, und anderen dergleichen\ndie Achtsamkeit der Zuhörer störenden Dingen. Derlei Thun Sei-\ntens der Herren Dirigenten findet in der Regel weniger seinen\nGrund in einem Misstrauen zu den Ausführenden, als vielmehr in\npersönlicher Ostentation und Wichtigmacherei, wirkt aber immer\nverletzend auf alle Theile, zumal bei einem wrohlgeschulten Musik-\nkörper, darin sich keine unaufmerksamen oder unwilligen Schüler\nbefinden, die derlei störender Ermahnungen bedürften. Exemplct\nsunt odiosa. Will Herr Rühl von einem erfahrenen Fachmanne, der\nan zwanzig Jahre hindurch im Theater und im Concertsaale selbst\ngrosse Musikkörper geleitet, Rath annehmen, so wird er von seiner\nVorliebe zu übermässigem Pianissimo etwas ablassen, um damit\nnicht mit der Vorliebe des für menschliche Ohren kaum mehr ver-\nnehmbaren Pianissimo eines deutschen Grossherzogs zusammen zu\nfallen. Das von einer Chor-Masse bloss gehauchte Pianissimo ist\nkein gesungenes mehr und kann unter Umständen auf verständige\nZuhörer sogar lächerlich einwirken, während es von unverständigen\nbewundert wird. Jedenfalls folgt Ihr Berichterstatter dem Auf-\nschwünge dieses jungen Gesang-Vereins mit aufrichtiger Theilnahme\nund will jetzt schon von dessen Wirksamkeit in Hinsicht auf den\nanderen, bereits seit nahe vier Decennien bestehenden älteren, den\nCäcilien-Verein nämlich, Erspriessliches auguriren; denn ein streb-\nsamer Nebenbuhler in Kunstsachen fördert die Dinge nach beiden\nSeiten hin.\nAm 25. November führte der Cäcilicn-Verein in seinem ersten\nW7inter-Concerte Händcfs Josua auf, und zwar bloss mit Clavier-\nBegleitung. Es war in mehrfacher Beziehung interessant, Kräfte und\nLeistungen der zwei Gesang-Vereine in Werken desselben Meisters\nin unmittelbarer Aufeinanderfolge abzuwägen, und darf danach mit\ngutem Grunde behauptet werden, dass beide des kaum jährigen\nVereins bei einem Vergleiche mit dem älteren nicht besonders zu\nkurz kommen dürften, obwohl letzterer in numerischer Hinsicht\netwas überlegen ist. Die Aufführung des Josua muss fast in allen\nTheilen als ganz ausgezeichnet, als musterhaft bezeichnet wrerden.\nVon der bestehenden Gewohnheit, die Soli von meist ganz Unfähi-\ngen vortragen zu lassen, war diesmal abgegangen. Es standen fünf\nihrer Aufgabe gewachsene Solisten, darunter Herr Caspari und\ndie geschätzte, im deciamatorischen Stile meisterhaft bewanderte\nOpernsängerin Fräulein Diehl (in der Partie des Othniel) den auf\ndas sorgfältigste ausgefeilten Chören zur Seite und gewährten den"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "184", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531203-01.1.8", "texte": "zahlreichen Zuhörern einen Hochgenuss (wobei man freilich den\nMangel des Orchesters vergessen musste), wrie er dort in so\nschönem Einklänge seit ziemlich lange nicht geboten worden. Aber\nauch die Auffassung des herrlichen Werkes Seitens des Herrn Mu-\nsik-Directors Messer, sein richtiges Verständniss im Punkte des\nDynamischen, wie es Händel's gewaltige Conceptionen durchaus\nerfordern, verdienen offene Anerkennung. Ohne diese beiden Haupt-\nFactoren macht man aus jeder, sogar aus Händel's Musik, einen\nsüsslichen, den Sachkenner anwidernden Brei. Ueber Messer's Be-\ngleitung, resp. Führung der Massen am Flügel wird sich Ihr Cor-\nrespondent bei anderer Gelegenheit äussern, und dabei vielleicht\nIhrem Wunsche willfahren, sein Urtheil über den Zustand des hie-\nsigen Ciavierspiels im Allgemeinen, jedenfalls unter so vielen\nschwachen Seiten die schwächste des gesammten hiesigen Musik-\ntreibens (wie nicht minder fast überall), in diesem Kunst-Organe\nfreimüthig auszusprechen.\n\nA. S.\n\nDrittes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDins t a g, den 29. November.\nIm ersten Theile wurde Mozart's Sinfonie in G-moll, die\nArie „0, säume länger nicht\" aus Figaro's Hochzeit (gesungen von\nFräul. Mar Schälk), das Credo und Agnus Dei einer Missa solem-\nnis von Emil Naumann (Manuscript) und Beethoven's grosse\nOuvertüre in C zur Leonore (Ntv 3) aufgeführt; im zweiten Theile\nF. Mendelssohn s Musik zu Shakespeare's Sommernachts-\ntraum mit verbindenden Worten, gedichtet und gesprochen von\nR. Benedix.\nEs schien ein besonderer Unstern über den Ausführungen die-\nses Abends zu walten; wir vermissten fast überall (die Leonoren-\nOuverture und einige Sätze der Mendelssohn'schcn Musik ausge-\nnommen) die gewohnte Reinheit der Stimmung und Genauigkeit\ndes Vortrages* Bei der Sinfonie fehlte es schon im ersten Satze an\nEgalität und Rundung in den Achtel-Figuren der Blas-Instrumente,\nund das Menuetto verunglückte fast gänzlich. Die feine Arbeit die-\nses herrlichen Mozart'schcn Werkes will sehr genau und scharf\nangesehen sein, ehe man an ihre Ausführung geht. Ueberhaupt\nschien es an sorgfältigen Proben gefehlt zu haben oder ein Theil\ndes Orchesters war durch die Tannhäuser-Proben und Auflührungen\nlür den Vortrag einer Mozart'schen Sinfonie abgestumpft worden.\nFräul. Marschalk liess kalt; in Bezug auf den technischen\nVortrag fehlt es an Portamento. Warum hatte sie nicht lieber eine\nAlt-Arie gewählt? Der Sopran-Timbre fehlt ihrer Stimme ja doch,\nobschon auch ihre höheren Töne f g a ganz angenehm klingen.\nDie zwei Sätze aus der Messe von Emil Naumann enthalten\nviel Schönes, jedoch lassen sie, namentlich das Credo, es nicht zum\nTotal-Eindruck bei dem Zuhörer kommen. Dies rührt von dem\neklektischen Streben des Componisten her, den Kirchenstil der äl-\nteren Italiäner mit dem dramatischen Schwung der neueren zu\nvereinigen. Das Dramatische behält nach Cherubini's und Beetho-\nven's Weise die Oberhand; wir begegnen öfters schön gedachten\nund geschickt instrumentirten äusseren Effecten und müssen im\nAllgemeinen rühmen, dass sich die Melodieen von sentimentaler\nGetühls-Schwärmerei, von weichlicher, rein sinnlicher Cantilene\nlern halten. Die Arbeit zeugt von Talent und Kenntnissen; das\nAgnus Dei hat mehr Einheit und musicalischen Fluss, als das Credo;\nletzteres ist gross und breit angelegt, aber die verschiedenen Ele-\nmente des Stils treten oft zu schroff neben einander. Die Ausfüh-\nrung war im Credo mangelhaft, die Einsätze der Männerstimmen\nohne Präcision und Kraft, die Soli schwach. Das Agnus Dei ging besser.\nDie grosse C-Jwr-Ouverture zur Leonore von Beethoven\nversöhnte mit manchem, was nicht ganz so gewesen war, wie wir\nes sonst gewohnt sind.\nVon der Musik Mendelssohn s zum Sommernachtstraura, m\nderen ausschliesslichen Bewunderern, trotz der darin anzuerkennen-\nden Kunst und geschickten Factur, wir eben so wenig gehören*\nals zu den Enthusiasten lür diese Komödie Shakespeare's, wurden\neinige Satze recht fein und zierlich gegeben, bis auf die nicht ganz\nreine Stimmung, welche besonders bei der Ouvertüre störend war.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Rieh. Wagner s Tannhäuser ist in dieser Woche\ndreimal bei vollbesetztem Hause gegeben worden. Die Sorgfalt der\nInscenesctzung, die Einsicht der Regie, die Treue und der Reich-\nthum der Costume, die neuen Decorationen machen der Direction\nalle Ehre. Die Rollen des Tannhäuser und der Elisabeth sind durch\nHerrn Kahle und Frau Schmidt-Kellberg sehr gut vertreten.\nDie Theilnahme des Publicums bewährt sich durch zahlreichen\nBesuch, bleibt aber während der Vorstellung und am Schlüsse\nderselben kalt, obgleich die Oper einen sichtbaren Eindruck auf\ndasselbe macht, weniger durch die Musik, als durch die Poesie.\nIdessan. Am 23. November, Abends 71/2 Uhr, starb der her-\nzogliche Ilof-Capellmeister Dr. Friedrich Schneider, Ritter\nu. s. w., in hald erreichtem 68. Lebensjahre. (Wir werden in einer\nder nächsten Nummern dem Leben, Wirken und Schaffen dieses\ngrossen deutschen Meisters eine ausführlichere Betrachtung widmen.\nDie Redaction.)\nFrankfurt a. M., 27. Nov. Der Erfolg der gestrigen Auf-\nführung von Flotow's „Rübezahl\" blieb zweifelhaft. So viel ist\naber schon gewiss, dass an diesem Schweben entre deux weniger die\nMusik als vielmehr das Libretto Schuld ist. Nicht das Mährchen vom\nRübezahl hat Hr. v. Puttlilz zu einem Opern-Texte benutzt, wie man\nerwartet, sondern er bringt in Situationen und Charakteren eine auf-\nfällige Nachbildung des Buches zur „weissen Dame\", und wenn sein\nHeld in Verlegenheit oder in Gefahr geräth, so rettet ihn der\nphantasiereiche Dichter geschwind mit dem Zauberspruche: „Ich\nbin der Rübezahl.\" Dass auch der Componist in diesem neuesten\nWerke keinen hohen Aufschwung genommen und der wohlbekannte,\nbei der grossen Masse auch wohlbeliebte, geblieben, bedarf keiner\nVersicherung. Nachschrift v. 28. Die zweite Vorstellung hat\nFiasco gemacht. Das Buch ist über alle Begriffe nichtsnutzig, und\ngegen die Musik dieses Rübezahl sind „Stradella\" und „Martha\"\nclassische Werke zu nennen."}]}