{"numero_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_sha256": "1647749a3d07322b90b740bb10de79e7e2eb950780e1c1f78e6df001497c75d0", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1853/12/31_01/bmtnabi_1853-12-31_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c001", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "209", "page_fin": "212", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.1", "titre_corps": "Ueber die Moll-Tonart in den Volksgesängen und über das Oratorium.", "titre_sommaire": "Ueber die Moll-Tonart in den Volksgesängen und über das Oratorium.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3970, "texte": "Ueber die Moll-Tonart in den Volksgesängen und\nüber das Oratorium.\nDiesen Titel führen zwei Abhandlungen von\nFriedrich Chrysander, welche in Schwerin bei\nOertzen und Schöpke 1853, 8., erschienen sind. Sie ver-\ndienen die Beachtung jedes denkenden Musikers. Wir ler-\nnen in dem Verfasser einen Mann kennen, dem es bei tüch-\ntiger musicalischer und wissenschaftlicher Bildung mit sei-\nnem Streben Ernst um die Sache ist, für welche er auf-\ntritt. Weit entfernt von der Manier so mancher Aestheti-\nker der Gegenwart, welche durch breites Geschwätz und\neine geschraubte Sprache die Armuth an Gedanken verhül-\nlen und von der Philosophie nichts gelernt haben, als For-\nmeln und Redensarten, mit denen sie den Halbgebildeten\nblenden und verblüffen, stellt er seine Meinung in nackten\nThesen hin und entwickelt seine Gedanken in so gedräng-\nter Kürze, dass man ein seltener Fall heut zu Tage\nihm diese Kürze fast zum Vorwurf machen könnte, weil sie\nhier und da der richtigen und klaren Auffassung des In-\nhalts Eintrag thun dürfte und dem Leser fast zu Vieles\nzu ergänzender Ausführung überlässt.\nDie erste Abhandlung enthält auf nicht mehr als 11\nSeiten 21 Sätze, welche die Ansicht des Verfassers über\ndas Vorherrschen der Möll-Tonarten in den Volksgesängen\ndarlegen. Er sieht Dur und Moll desshalb als den bedeut-\nsamsten Gegensatz an, weil er hauptsächlich und seinem\nUrsprünge nach ein melodischer Gegensatz ist, und geht\nzum Beweise dieser Ansicht auf die Anfänge des Gesanges\nund unserer Musik überhaupt, auf die Entstehung und Ent-\nwicklung der kirchlichen Tonweisen und die Rein-\nheit des ursprünglichen christlichen Volksgesanges von al-\nler äusseren Instrumental-Zuthat zurück und findet in den\nurchristlichen Gesängen den verklärten Volksgesang, so wie\nüberhaupt den triebkräftigen Keim der neuen Tonkunst.\nZu gleicher Zeit wird die Thatsache festgestellt, dass das\nMoll in den Gesängen aller Völker vorherrscht, die noch\nin den Ursprüngen leben, d. h. „in einem Zustande, in\nwelchem nicht nur Alle verstehen, was Jeder denkt, fühlt,\nspricht und thut, sondern in welchem auch alle Thätigkei-\nten und Künste noch auf der Stufe stehen, dass Jeder sie\nalle sich aneignen und so als echter Volksmann das leben-\ndige Bild des ganzen Volkes darstellen kann.\"\nDie Thatsache muss einen natürlichen Grund haben.\nDieser Grund muss erstens ein mu s ic a 1 isc h e r (tonischer)\nsein, wenn er wirklich innerer Grund, schöpferische Ursache\nsein soll. Diejenigen sind also fehl gegangen, welche das\nMoll aus trüben Stimmungen und düsteren Gelühlen der\nVölker haben herleiten wollen. Jener Grund muss zwei-\ntens ein einfacher sein, damit er dem einfachen Volks-\nleben entspreche. Es ist mithin ein Irrthum, musicalische\nFormen und Kräfte, welche in dem ursprünglichen Volks-\nleben noch gar nicht wirksam sind, zur Erklärung herbei\nzu ziehen.\nDiesen Grund findet nun der Verfasser in der Beschaf-\nfenheit und Fähigkeit der sprachlich-tonischen Organe des\nMenschen, indem der Gesang ursprünglich nichts Anderes\nist, als die in das Tonreich des menschlichen Organismus\ngesteigerte Sprache. Sonach stellt er als Ergebniss seiner\nUntersuchung den Satz auf:\n„Die sprachlich-tonischen Organe des Men-\nschen sind der natürliche Grund des Toncharak-\nters der Volkslieder, mithin auch der in ihnen vor-\nherrschenden weichen Tonbewegung; der weiche\nTon ist die Grundform dieser Organe und dadurch\ndas sprachlich-melodische Princip.\"\nDieser Gedanke, der auf der Beachtung des natürlichen\nTonfalles der menschlichen Sprache begründet ist, ist neu,\nanziehend und für die Entwicklung der Musik folgenreich.\nZugleich rettet er den singenden Völkern jeglichen Stam-\nmes ihren gesunden und herzhaften Charakter, während sie\nbisher von den meisten Schriftstellern über nationalen Ge-\nsang und nationale Poesie zu trübseligen Empfindlern ge-\nmacht wurden, indem man das musicalische Gefühl, wel-\nches das durch den Gegensatz vom Dur in die harmo-\nnische Entwicklung der Tonkunst eingetretene und aus-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4991, "texte": "gebildete Moll gegenwärtig in uns anregt, auf die\nEmpfindung der Völker im Naturzustande übertrug.\nEs wäre sehr zu wünschen, dass der Verfasser seine\nSätze mehr ausführte, dem Gedankengang eine weitere\nEntwicklung und dabei auch dem Ausdruck hier und da\nmehr Schärfe gäbe.\nDie zweite Abhandlung: „Ueber das Orato-\nrium\", einige und vierzig Seiten, ist zwar umfangreicher,\nenthält aber dennoch ebenfalls mehr Andeutungen als voll-\nständige Ausfuhrungen der Ansichten des Verfassers. Diese\nsind, wenn auch nicht überall neu, doch höchst anregend\nund sowohl in Bezug auf den Ausgangspunkt als auf das\nEndresultat die Bedeutung des christlichen Elementes\nin der Musik beherzigenswert!). Das letzte Ziel des\nVerfassers bei dieser Reihe von Bemerkungen über das\nOratorium ist nicht die Ergründung des Wesens und\nder Form desselben, sondern die Beantwortung der Frage,\nwie weit und in welcher Art die Tonkunst\nbeim Gottesdienste zulässig sei. Da er vorzugs-\nweise den protestantischen Gottesdienst im Auge hat\n(ein näheres Eingehen auf den katholischen, bei welchem\nja eben die Musik als ausgebildete Kunst einen wesentlichen\nBestandteil ausmacht, dürfte bei einer ausführlicheren Be-\narbeitung, wozu der Verfasser Hoffnung macht, durchaus\nnothwendig sein, wenngleich auch jetzt schon die Anwen-\ndung der ausgesprochenen Grundsätze auf jeden christlichen\nGottesdienst sich ergibt) so sind ihm die Erläuterun-\ngen des Oratoriums nur die Brücke, über welche er zu\ndem Ufer gelangt, dessen zweckmässigen Anbau er eigent-\nlich lehren will.\nDass wir alle auf schwankendem Boden stehen, wenn\nwir Inhalt und Form des musicalischen Bestandteiles des\nGottesdienstes bestimmen sollen, wird dem Verfasser Jeder\neinräumen. Er fühlte lebhaft, dass bei dem Bisherigen we-\nder der rechte Gottesdienst, noch die rechte Kunst gedeihen\nkönne. Ersuchte desshalb aus dem Grundgedanken\ndes Gottesdienstes, welcher ihm „das religiöse Le-\nben der Gläubigen\" oder, etwas mystischer ausgedrückt,\n„das Jedem nahe Abbild des himmlischen Gottesreiches\"\nist, die Berechtigung der Tonkunst als eines notwendigen\nGliedes des gottesdienstlichen Ganzen herzuleiten. Der\nhistorische Ausgangspunkt für seine Betrachtung ist der\nGottesdienst der morgenländischen Kirche.\nLrn zu seinem Ziele zu gelangen, musste er nachwei-\nsen, dass weder Oratorium noch Passionsmusik geeignet\nsind, die Kirche mit der Kunst zu vermählen.\nDass uns über das Oratorium das rechte Bewusstsein\nfehle, setzt er voraus. „Das Verhältniss,8 sagt er, „in\nwelchem wir mit unserem Leben zu dieser Kunstweise\nstehen, ist uns nicht klar; wir wissen nicht genau, ob für\nunser heutiges Schaffen diese Form noch Gültigkeit habe,\nund welche; wir können nicht einmal mit Bestimmtheit sa-\ngen, welche musicalische Form — welcher Stil — dem\nOratorium ausschliesslich, d. i. begrifflich, eigne.8\nIn der Auseinandersetzung, wie der erste christliche\nGottesdienst der gemeinsame Ausgang unseres Gottesdien-\nstes und unserer Kunst gewesen, wie im Mittelalter Pas-\nsionsspiel und daraus später Passionsmusik und Oratorium\nentstanden, wie dann der Drang, die dramatische Bewe-\ngung im Tonreiche abzubilden, die Oper gebar und diese\nneue Kunstart gerade der Kirchenmusik den härtesten Schlag\nversetzte, bis durch Händel „zum zweiten Male das Ora-\nI\ntorium entstand8 u. s. w., in diesem allem folgt der Ver-\nfasser meist seinen Vorgängern auf diesem Gebiet der Ge-\nschichte der Musik, namentlich den Werken Winterfeld's.\nDiese historischen Betrachtungen mussten natürlich auch\nauf Bach führen.\nIn Bach's Passionen erkennt der Verfasser allerdings\ndas von wunderbarer Kraft und Tiefe unterstützte Stre-\nben, den Inhalt des gesammten Gottesdienstes durch\ndie Tonkunst zu einem selbstständigen Kunstwerke zu ver-\nklären; aber diese Passions-Oratorien sind nach seiner\nMeinung nicht ein Gottesdienst für sich, wie man wohl ge-\nsagt hat, sondern immer nur ein idealer Gottesdienst,\nd. i. nur das Bild eines Gottesdienstes, welches nicht in\nhöherer Treue aus der Seele (?) des Gottesdienstes heraus ge-\nschaffen. Denn dazu „erscheinen ihm die Mittel, welche\nBach angewandt, unzulänglich und zugleich übertrieben;\nunzulänglich, weil sie nur in einzelnen herrlichen Nummern\nden gottesdienstlichen Ton treffen8 (diese Behaup-\nsung dürfte doch sehr subjectiv sein); „übertrieben, weil\nsie den evangelischen Text geschichtlich-drama-\ntisch ausgebreitet haben. Daher die Wahrnehmung, dass\nwir jetzt in Bach's Passionsmusik nur ein Oratorium, nur\nein Stück heiliger Geschichte erblicken.8\nUebcr die Würdigung Bach's in der Neuzeit spricht\nder Verfasser folgende Ansicht aus, die wir gern unter-\nschreiben: „Wir geben uns heute, in dem Bestreben, ein\naltes Unrecht zu sühnen durch vollkommene Gerechtigkeit,\nihm hin, hoffend, hier die Offenbarung der tiefsten Geheim-\nnisse musicalischer Kunst zu finden; seine Kunstweise wird\nuns eine vertraute Sprache, immer inhaltreicher und schö-\nner, je weiter wir hineinkommen, bis die schwindelnde\nTiefe seines Tonsatzes uns in solchem Maasse entzückt,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4986, "texte": "blendet und befangen macht, dass uns die Tonsätze ande-\nrer, selbst grosser Meister leer und leicht erscheinen. So\nkommen wir zwar mit Bach aufs Reine, aber auf Kosten\nanderer Künstler, und wir schätzen ihn ebenfalls\nfalsch, indem wir ihn überschätzen. Scheuen\n' f\nwir jedoch den mühsamen, aber auch sicheren geschicht-\nlichen Weg nicht und gelangen vom Anschauen des Mu-\nsiklebens im 16. Jahrhundert her an unseren Meister, so\nbemerken wir an ihm vieles, was dem reinen Tonleben\nder Alten geradezu widerspricht — und es ist wieder\nkeine Harmonie da. Und so bleibt in Bach's Werken im-\nmer etwas zurück, was nicht rein aufgeht in eine fassbare\nKunst; diese Unfertigkeit mitten in der Vollkommenheit\nund in dem königlichen Bewusstsein: „ „Dies ist mein!\"u\nwird seine ausschliesslichen Verehrer immer mehr oder\nminder als Partei erscheinen lassen. Sein Wiederaufleben\nt\nin neuerer Zeit bringt der Tonkunst sicherlich Gewinn;\naber er wird immer nur Einzelnen zugänglich bleiben, denn\nes macht uns Mühe, wir bedürfen vieles Wissens, müssen\nuns verschiedener Umstände erinnern, wenn wir mit seiner\nKunstweise vertraut werden wollen. Bei Händel sind der-\ngleichen Vorarbeiten in viel geringerem Maasse nöthig; er\nist viel klarer, sein Ausdruck allgemeingültiger.\"\nHiernach kehrt der Verfasser zur Betrachtung des\nOratoriums zurück und wird dabei nach und nach immer\nselbstständiger. Alle Oratorien-Componisten empfingen\nnicht eine aus kleinen Anfängen hervorgewachsene Form,\nwelche die Fähigkeit, weiter aufzustreben und sich zu voll-\nenden, besessen, so dass ein lebendiges Fortwachsen sich\nnachweisen liesse, sondern sie hatten die scenische Darstel-\nlung als das Vollkommnere im Auge, mussten aber diese\nirgend welcher Hindernisse wegen aufgeben und in die\noratorische Form als Ersatzmittel sich zurückziehen.\nDie Passionsmusik hat eine Geschichte, wenn auch\nkeineswegs eine glänzende; das Oratorium hat keine,\nes fängt mit jedem neuen Componisten, mit jedem neuen\nOratorium von vorn an. Daher sein Schwanken, daher\ndie bunte Vielheit seiner Form, daher eine bloss negative\nGattungseinheit.\nWie nun der Verfasser nach Ausspruch dieses treffen-\nden Gedankens weiterhin aus einander setzt, dass wir im\nOratorium als Gattung eine Entwicklung nicht bemerken,\ndass aber die einzelnen Musikformen, besonders das Instru-\nmentale und hauptsächlich der Chor, durch dasselbe bis zu\nungewohnter Grösse weiter geführt, entwickelt und ver-\nvollkommnet worden, wie er die Widersprüche Winter-\nfeld's in Bezug auf das Epische und Dramatische des Ora-\ntoriums nachweis't und dann die Dramatik desselben als\neine blosse Idealdramatik charakterisirt, deren Haltpunkt\nausserhalb des Tonwerkes nur in der Gedanken-Ver-\nknüpfung und in der Phantasie des Zuhörers liegt, weil\ndem Oratorium die Kraft fehlt, der Reihe seiner Bilder\ndie ursprüngliche ureigene Lebendigkeit zu ver-\nleihen, die dem rein Dramatischen eigen ist, die Kraft, f\nPersönlichkeiten zu bilden und in deren folgerich-\ntigem Sichausleben eine zusammenhangende Handlung\nzu entwickeln — das müssen wir den Kunstfreunden in\ndem Büchlein selbst nachzulesen überlassen.\nSehr schön und wahr sagt der Verfasser am Schlüsse\ndieser Betrachtung: „In die Hand des Componisten\nist daher Alles gegeben, von ihm hängt der Werth eines\nOratoriums, die Möglichkeit, es als Ganzes erfassen zu kön-\nnen, in einer Weise ab, wie bei keinem anderen\npoetisch-musicalischen Kunstwerke. Hieraus\nerklärt sich die besondere Hochachtung, deren wir den\nComponisten eines bedeutenden Oratoriums für würdig\nachten; ist ihm gelungen, einen erhabenen Inhalt zu be-\nwältigen, so ist dies das beste Zeugniss der Kraft und Tiefe\nseines Innern, und mit Ehrfurcht nahen wir uns dem Denk-\nmale seines hohen Geistes.\"\nDie rechte, die vollendete Form eines Kunstwerkes\nist aber in der Musik, wie überall, die, welche klar und\nunmittelbar verständlich ist, d. h. den Inhalt so offenbart,\ndass er mit der ihm inwohnenden Gewalt wirken kann. Im\nOratorium hat es aber der gewaltige Inhalt nicht zu einer\nentsprechenden Form gebracht; alles Grosse, was die Kunst\nim Oratorium geschaffen, hat seinen Grund im Geiste,\nnicht in der Form. Da die grössten Meister das Orato-\nrium nicht zu einem Ganzen zu gestalten, sondern nur ein-\nzelne musicalische Formen, namentlich den Chor, in ihm\nzu entwickeln und zu vervollkommnen vermochten, da sich\nein besonderer, bestimmter oratorischer Stil auf dem ein-\ngeschlagenen Wege gar nicht bilden konnte, so ist d i e\noratorische Form für ihren Inhalt unzuläng-\nlich und muss aufgegeben werden.\nDies alles führt von selbst auf die geforderte Kunst-\nform, welche wenigstens nach einer Seite hin keine andere\nals die dramatische sein kann.\nDiese Form, welche demnach ihre vollste Berechtigung\nin der musicalischen Kunst hat, als Darstellung einer sinn-\nlich-wirklich gegenwärtigen IIandlung, muss\nvon der kirchlichen fern gehalten werden. Das Ora-\ntorium hat Geistliches und Weltliches, d. i. das Gottes-\ndienstliche und das Geschichtliche vermischt; Bei-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3596, "texte": "des ist von der Kunst der Gegenwart aus einander zu\nhalten.\nBis dahin wird Jeder in der Hauptsache mit dem Ver-\nfasser einverstanden sein. Nun bleibt aber die wichtigste\nFrage übrig: Wenn wir über die dramatische Form einig\nsind (abgesehen von den heutigen Streitpunkten über Ein-\nzelnes), wie soll die kirchliche beschaffen sein? welchen\nInhalt soll sie darstellen, und auf welche Weise soll sie\ndiesem Inhalt entsprechen?\nIn dem Vorwort des Schriftchens verlangt der Ver-\nfasser von der Tonkunst, wenn sie ein nothwendiges Glied\nin dem gottesdienstlichen Ganzen sein soll:\n1) dass sie einen Inhalt habe, der als durchaus\nberechtigter Theil des Gottesdienstes erscheint;\n2) dass dieser Inhalt nicht schon durch etwas Ande-\nres ausgesprochen wird, was im Gottesdienste vorkommt,\nals Evangelium, Gemeindegesang u. s. w.;\n3) dass derselbe durch das gesprochene Wort nicht\nentsprechend dargestellt werden kann, sondern aus sich\nselbst den musicalischen, und zwar kunstvollen, Vortrag\nbedingt.\nEinen Inhalt der Kirchenmusik, welcher allen diesen\nBedingungen entspricht, findet er nun in den Worten\nder Propheten, und die allein passende Form für die\nDarstellung desselben ist ihm der mehrstimmige Chor.\nSeine Schlussfolge ist ungefähr diese wie schon\noben erwähnt, vom rein protestantischen Standpunkte aus:\nDer Gottesdienst ist das religiöse Leben, darin der\ngöttliche und der menschliche Geist verbunden sind. Diese\nVerbindung hat sich geoffenbart vollkommen in Christus, vor\nihm in den Propheten, nach ihm in der Gemeinde.\nSoll die Ordnung und Art des himmlischen Reiches\ngottesdienstlich dargestellt, d. h. gegenwärtig gemacht\nwerden, so sind wir an die Benutzung der Kräfte dieser\nWelt gewiesen. Es entstehen drei Formen der Darstellung,\nwelche der dreilachen Offenbarung des religiösen Lebens\nentsprechen: für Christus und sein Evangelium das ge-\nsprochen e W o r t; für die Gemeinde das einstim-\nmige Lied (die gemeinsame Empfindung Aller, die ge-\ngenwärtige Kundgebung von dem Eindruck des eben\nempfangenen Evangeliums); für die Stimmen der Prophe-\nten, als der „Schar der alten Väter\", für den Sehnsuchts-\nruf einer Menge, den Ausdruck einer Gesammtheit, die sich\ndem aufgehenden Lichte zuwendet, der mehrstimmige\nChor. Hier ist der kunstvolle Tonsatz, die Musik als Dar-\nstellerin des Gemüthes, des inneren Dranges und Verlan-\ngens an ihrer Stelle, sie macht das Vergangene, das Ge-\nschichtliche, jene Morgenröthe des Heils, gegenwärtig,\nsie wird reine gottesdienstliche Darstellung, weil die Welt,\nwelche wir in ihren Tönen vernehmen, so nimmer durch\netwas Anderes angeschaut werden kann.\nDieser Inhalt, nämlich die prophetischen Worte und\nderen Gestaltung, ruft die musicalische Kunst in ihrer Tiefe\nauf und zeichnet ihr zugleich eine bestimmte Form vor,\nwelche dann, im Gegensatz der dramatischen, die wirklich\nkirchliche ist.\nSo hat denn die Musik einen wesentlichen Theil des\nGottesdienstes allein zur Darstellung zu bringen, und\nwenigstens im Princip ist auch die Meinung des Ver-\nfassers richtig, dass sie auch bei kunstvollem Tonsatz Je-\ndem verständlich und fasslich bleiben wird, weil sie einen\nAllen verständlichen Inhalt gewonnen hat.\nDas Gesagte wird hinreichen, die Aufmerksamkeit al-\nler denkenden Musiker und aller derer, denen die erhebende\nBetheiligung der Tonkunst an dem Gottesdienst am Herzen\nauf die Schrift des Hrn. Chrvsander hinzulenken und\nO ' «J\ndie Tragweite seines Gedankens nicht bloss für die Einfüh-\nrung der Tonkunst in den protestantischen, sondern auch\nfür die Reform des musicalischen Theiles des christlichen\nGottesdienstes jeder Confession zu ermessen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c002", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "212", "page_fin": "213", "image_debut": 4, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.2", "titre_corps": "H. Berlioz’s Vertheidigung in Bezug auf Weber’s Freischütz.", "titre_sommaire": "H. Berlioz’s Vertheidigung in Bezug auf Weber’s Freischütz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.4", "debut_caractere": 3598, "fin_caractere_exclue": 5331, "texte": "H. Berlioz’s Vertheidigung in Bezug auf\nWeber’s Freischütz.\nDas Nachspiel der pariser Freischütz-Komödie, welches unser\nCorrespondent erwartete (s. Nr. 25, S. 195), ist bereits erschienen.\n11. Berlioz hat nach seiner Rückkehr aus Deutschland folgenden\nBrief in dem Journal des Debats drucken lassen, w elchen wir, um\ndem Audiatur et altera pars sein Recht widerfahren zu lassen, hier\nin Uebersetzung wiedergeben;\n„Der Process des Grafen Tvskiewicz wegen der Aufführung\ndes Freischütz hat in Deutschland Aufsehen erregt, und ich habe\ndavon eben so gut wie alle Welt gehört. Allein ich wusste vor\nmeiner Rückkunft nach Paris nicht, auf welche Weise ich darein\nverwickelt worden bin. Als ich im Journ. d. Debats die Replik des\nHrn. Anwalts Celliez las und mich als Anstifter der Verstümme-\nlungen des Weber'schcn Meisterwerkes angeklagt sah, schwankte\nich einen Augenblick zw ischen Zorn und Heiterkeit. Wie sollte ich\naber am Ende nicht lachen über eine Anklage der Art gegen\nmich, der ich mein Glaubensbekenntniss über solche Dinge so oft\nund so mannigfach öffentlich abgelegt habe? Indem ich mich jedoch\ngegen einen solchen Verdacht völlig geschützt glaubte und auch die\ngrosse Gleichgültigkeit des Publicums für solche Fragen kannte, würde\nich mich nicht gegen die Zumuthung dieser musicalischen Misse-\nthat vertheidigt haben. Aber ich sehe, dass die Niederrheinische\nMusik-Zeitung derselben Glauben schenkt und mich desshalb\nangreift und misshandelt. Nun denn, die Wahrheit ist folgende:\nDie Striche, Auslassungen und Verstümmelungen sind in Webers\nPartitur zu einer Zeit gemacht worden, wo ich gar nicht ein-\nmal in Frankreich war; ich erhielt erst lange Zeit nachher\ndurch eine Vorstellung des also verhunzten Meisterwerkes Kunde"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1467, "texte": "und war damals wenigstens eben so erstaunt darüber, als jetzt\ndarüber, dass ich daran schuld sein soll. Nur ein einziges Mal,\nspäterhin, als der Freischütz, zum Vorspiel eines neuen Ballets be-\nstimmt, dazu zu lang schien, wurde ich ersucht, nach dem Thea-\nter der grossen Oper zu kommen. Es handelte sich darum, meine\nRecitative zu verkürzen. Den Verwüstungen gegenüber, die man\nschon in Weber s Partitur angerichtet hatte, hätte die Prätention,\nmeine Recitative vollständig beizubehalten, lächerlich, wenn nicht mehr\nals das, geschienen. Ich liess also Alles zu und sagte, ich würde\nmich schämen, besser behandelt zu werden als der Meister. Aber\ndie Sache war schon ausgemacht; man hatte mich nur rufen las-\nsen, um die Löthungen zwischen den abgerissenen Stücken des\nDialogs anzudeuten, eine blosse Höflichkeit, denn die grosse\nOper besitzt selbst dergleichen Löther und Zusammenschweisser von\neiner seltenen Geschicklichkeit, welche sie der maasslosen Uebung in\ndiesen Operationen verdanken. Ich bin also an dem Attentat gegen\nWebers Partitur eben so unschuldig als die Herren Redactoren der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung und die Herren Celliez und Tys-\nkiewiez selbst. Wie gross auch die Unwahrscheinlichkeit der ent-\ngegengesetzten Meinung sei, so liegt mir doch daran, dass sie sich\nnicht bei den Kunstfreunden im Allgemeinen und besonders in\nDeutschland festsetzt, und ich bitte Sic dcsshalb, meiner Verwah-\nrung eine Stelle zu gönnen, u. s. w. IL Berlioz.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c003", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "213", "page_fin": "214", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.3", "titre_corps": "Aus Düsseldorf.", "titre_sommaire": "Aus Düsseldorf.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.5", "debut_caractere": 1469, "fin_caractere_exclue": 7724, "texte": "Aus Düsseldorf.\nSeit unserem letzten Berichte in Nr. 20 dieser Blätter ist in\nunseren musicalischen Zuständen eine Krise eingetreten, welche zu\neiner gänzlichen Umgestaltung zu führen scheint.\nSchumanns Directions-Unfähigkeit zeigte sich in der Aufführung\nder Hauptmann sehen Messe und im ersten unserer diesjährigen\nAbonnements-Concerte, wie wir mittheilten, in so grellen Farben,\ndass die Concert-Direction sich genöthigt sah, Schumann vorzu-\nschlagen, er möge seine praktische Thätigkeit auf die Direction sei-\nner eigenen Werke beschränken. Obgleich man diesen Vorschlag\ndurch die schonendsten Andeutungen zu motiviren suchte, so ist\nes doch kaum zu bezweifeln, dass Schumann bei der gereizten\nWeise, in welcher er ihn aufnahm, im nächsten Frühjahre seinen\nVertrag kündigen und, wenn man den Aeusserungen seiner nahen\nFreunde glauben darf, das undankbare Düsseldorf auf immer ver-\nlassen wird. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, den ge-\nnialen Tondichter, den wir als solchen hochverehren, nicht mehr\nden Unsrigen zu nennen; wir werden den bezaubernden Tönen\nseiner Gatlm nicht länger entzückt lauschen können und doch\nmüssen wir es als eine glückliche Wendung der Dinge betrachten,\nwenn wir Schumann am Directions-Pulte nicht wieder erblicken.\nWährend Schumann auf einer Kunstreise in Holland war, wurde\ner durch Tausch vertreten. Tausch übernahm die Direction der\ndrei letzten Concerte und wird die der vier folgenden erhalten,\nwenn, wie wir im wahren Interesse von Schumann wünschen und\nhoffen, die Bemühungen seiner verblendeten Freunde, ihm den\nverlorenen Boden wieder zu gewinnen, ohne Erfolg bleiben.\nIm ersten Concerte unter neuer Leitung hörten wir die Ouver-\ntüre zu Anakreon von Cherubini, die Arie „Ich grausam\" ans Mo-\nzart's Don Juan, Mendelssohns Musik zum Sommernachts-Traum\nmit verbindendem Gedichte von v.Vinke und die C-mo//-Sinfonie von\nBeethoven. Tausch bewies von Neuem, dass er alle Eigenschaften\nvereinigt, um bei geeigneter Uebung ein ausgezeichneter Dirigent\nzu werden. Bei seiner Sicherheit und Ruhe schien das Orchester\nfrei aufzuatmen, sich der eigenen Kraft wieder bewusst zu wer-\nden, und so führte es Ouvertüre und Sinfonie mit einer Frische\nund Wärme auf, die ihm und dem Dirigenten zur Ehre gereicht\nund unserem für grössere Tonwerke anscheinend erkalteten Publi-\ncum lebhafte Zeichen des Beifalls entriss. Weniger gelungen waren\ndie übrigen Nummern des Programms. Fräulein Karl von Berlin,\nan unserer Bühne engagirt, besitzt eine schöne, frische Stimme und\nTalent für Auffassung und Darstellung, ist indess in Benutzung\nihrer Mittel noch Anfängerin und hatte sich desshalb in der Arie\naus Don Juan eine offenbar zu hohe Aufgabe gestellt. Wir em-\npfehlen der begabten jungen Künstlerin, namentlich für den Con-\ncert-Vortrag Compositionen zu wählen, denen sie vollkommen ge-\nwachsen ist, und vor Allem sich an Passagen und Triller nicht\neher zu wagen, als bis sie dieselben leicht und sicher auszuführen\ngelernt hat. Die originelle und reizende Musik zum Sominernachts-\nTraum wurde in den rein instrumentalen Sätzen sehr gut ausge-\nführt; Fräulein Karl bewegte sich indess in der Sopran-Partie,\nworin sie einige Stellen durch Unsicherheit und unreine Intonation\ngänzlich verfehlte, so schwerfällig, dass sie, im Verein mit den\nDamen des Chors, welche ihrem Beispiel treulich folgten, uns aus\ndem Conccrtsaale in das duftige, anmuthige Reich der leichten El-\nfen nicht zu zaubern vermochte. Im Orchester traten die feinen\nSchattirungen meist trefflich hervor; Tausch wusste es so zu be-\nherrschen, dass es endlich wieder einmal zart und discret accom-\npagnirte. So brachte denn das Conccrt des Gelungenen in so rei-\nchem, ungewohntem Maasse, dass das Publicum mit dem Gefühle\ngrosser Befriedigung den Saal verliess.\nIm folgenden Concerte hörten wir Handels Samson. Obgleich\ndas Werk keine grossen Schwierigkeiten enthält, so bestätigte sich\ndoch die Befürchtung, dass unsere Chorkräfte dafür nicht ausreichen\nwürden. Das gegenseitige Verhältniss der Stimmen ist darin ein\nsehr unglückliches; Sopran, Alt undßass sind stark, der Tenor da-\ngegen so schwach besetzt, dass man ihn häufig nicht zu hören\nvermag. Ehe für ihn neue Kräfte gewonnen sind, muss allein an\ndiesem Umstände jede genügende Wirkung des Chors scheitern.\nAber auch nicht eher sollte man umfangreichere Werke öffentlich\naufführen, als bis in den übrigen Stimmen, namentlich im Sopran, die\nSicherheit wieder gewonnen ist, ohne welche ein Gelingen ins Ge-\nbiet der Unmöglichkeit gehört. Unsicherheit, unbestimmte, oft nur\nvon einzelnen Stimmen eingeleitete Einsätze, mühsames Hinauf-\nschleppen der Töne in die höheren Lagen, unreine Intonation herr-\nschen vor, und während sich in leichteren Sätzen die Stimmen in\nübertriebener Weise breit machen, verschwinden sie, wo Rhythmus\nund Stimmführung schwieriger sind, fast gänzlich unter der Beglei-\ntung des Orchesters. Die Aufführung des Samson brachte leider\neine lange Reihe aller dieser Fehler. Die Soli waren dagegen gut,\nzum Theil ausgezeichnet besetzt. Herr N. sang den Samson, und\nwenn ihn auch eine Indisposition verhinderte, die Partie mit der\nerforderlichen Kraft durchzuführen, so erkannte man doch in jeder\nNummer den gebildeten Sänger. Die Partie der Dalila wurde von\neiner unserer Dilettantinnen mit vollem, ausgiebigem Sopran sicher\nund kräftig vorgetragen, während für die der Micah Frau Finndorf\nvon Crefeld gewonnen war. Die Künstlerin besitzt einen mächtigen,\nbreiten Contre-Alt, welcher ihr bei vollständiger Durchbildung und\ngrösserer Wärme der Auffassung eine bedeutende Zukunft ver-\nspricht. Einstweilen machen sich noch manche Schwächen in ihrem\nGesänge bemerkbar. Frau Finndorf führt die Deutlichkeit der Aus-\nsprache nur theilweise durch; eine Art von Druck auf jeder ein-\nzelnen länger gehaltenen Note schadet dem Zusammenhang, der\nBindung der melodischen Phrase, und wenn sie auch durch ihr\nimponirendes Material bei ihrem hiesigen Auftreten einen günstigen\nEindruck hervorrief, so schadet doch eine nasale Färbung des To-\nnes der dramatischen Wirkung ihres Gesanges und gibt demselben\neinen monotonen Charakter. Für die Partie des Manoah war in\nHerrn DuMont-Fier, den wir erst in diesem Concerte kennen lern-\nten, ein trefflicher Darsteller gewonnen. Mit ausgezeichneter Stimme"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2305, "texte": "von echtem Klanggepräge des liefen Basses und seltenem Umfange\nverbindet er grosse technische Gewandtheit und Sicherheit. Der\nVortrag ist voll Leben und Kraft, und die bedeutendsten Stellen\nseiner Partie, namentlich die Klage über Samsons Tod: „Doch ist\nauch er auf ewig uns entrissen /\" waren von ergreifender Wirkung.\nWir können indess nicht verhehlen, dass wir uns mit dem Tone\ndes Herrn DuMont-Fier nicht völlig befreunden können, weil er\nuns in etwa hohl erscheint. Dieses und eine leicht zu beseitigende\nAngewöhnung beeinträchtigen die im Uebrigen künstlerische Voll-\nendung seines Gesanges. Während nämlich Herr DuMont-Fier\nmeist mit schönem Ton-Ansatz singt, weicht er davon auffallender\nWeise häufig ab, indem er den Ton eine Terz, ja, Quarte tiefer\nansetzt und von da zu der vorgeschriebenen Tonstufe hinaufzieht.\nDieses Ziehen fand z. B. in dem letzten Rccitativ des Manoah:\n„Kommt, kommt und stillet eure Klagen nun, denn Samson s\nFall war eines Samson werth; er blieb im Tode Sieger.\n> * >\nGepriesen sei der Herr, der ihm den Sieg verlieh!\"\n> x \\\nan den unterstrichenen Stellen Statt, während die übrigen vollkom-\nmen schön ausgeführt wurden. Wir können nicht unterlassen,\nHerrn DuMont-Fier auf diese Abweichung von corrcctcm Ansatz\naufmerksam zu machen.\nDie Aufführung des Werkes, in welchem der grösste Theil der\nWirkung von den Chören abhängig ist, hinterliess im Ganzen, trotz\ndes vielen Ausgezeichneten in den Solis, einen höchst unbefriedi-\ngenden Eindruck. Die Ursachen des Verfalls unserer Vocalkräftc\nwiesen wir in unseren früheren Berichten nach; sie fallen nicht\nTausch zur Last, der es gewiss dahin bringen wird, den Gesang-\nVerein wieder zu heben. Wir geben ihm indess zu bedenken, dass\nes nicht das Werk von Wichen und Monaten, sondern von\nJahren sein wird, alle Schäden auszuwetzen. Wir rathen Tausch\nwiederholt an, die Musikstücke für öffentliche Aufführung nach den\nvorhandenen Mitteln und ihrem Bildungsgrade zu wählen und sich\nkeine anderen von irgend einer Seite octroyiren zu lassen. Auffüh-\nrungen, wie die besprochene, haben doppelt traurige Folgen: sie\nverscheuchen die tüchtigen Chorkräfte vom Orchester und unter-\ngraben den Sinn für ernste Musik im Publicum, das die Lange-\nweile dem Werke, statt der mangelhaften Aufführung zuzuschrei-\nben pflegt.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c004", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "214", "page_fin": "215", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.4", "titre_corps": "Aus Bern.", "titre_sommaire": "Aus Bern.", "signature_source": "L", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.6", "debut_caractere": 2307, "fin_caractere_exclue": 7328, "texte": "Aus Bern.\n\nIm Deccmber 1853.\nEs ist schon einige Zeit her, dass ich Ihnen für Ihr vielgelese-\nnes Blatt einen Bericht schickte über das musicalische Leben und\nStreben hier in der Hauptstadt des neuen Schweizerbundes. Lassen\nSie mich heute an jenes anknüpfen.\nUnsere Verhältnisse, unsere moderaten natürlichen Anlagen des\nOhrs und der Kehle, unsere durch praktische Thätigkciten be-\nschränkte Zeit das ist alles noch ungefähr dasselbe. Noch immer\nspürt man ferner den Einfluss des deutschländischcn Elementes\ndurch die ziemlich zahlreiche Immigration besonders im Lehrer-\nfach (Universität, Gymnasien). Wenn früher in Zeiten des Patriciats\ndie ambulante Oper zur Wintersaison fast nur das französische\nVaudeville „pfeifen\" durfte, so hat jetzt doch ein viel ernsterer Ge-\nschmack Platz gegriffen. So auch in der reinen Musik, in unse-\nrem Conccrtwesen. Abgesehen von dem Uebelstande, den al-\nles vorherrschende Dilettantenthum (ausser etwa in Böhmen, wo\neben alle Dilettanten Musiker sind) mit sich bringt, der alle unbe-\nzahlten, unobligaten Liebhaber-Vereine begleitet: dass das Gute\nund Grosse immer nur mittelmässig geboten wird, dass mit den\nMängeln der Execution stets ein Theil der Wirkung des gewählten\nWcrthvollcn verloren geht abgesehen hiervon, ist die gegenwär-\ntige musicalische Situation hier in Bern so schlimm nicht. Und\ndas ist hauptsächlich auch, hier wie anderwärts, einzelnen Persön-\nlichkeiten zu verdanken. Ohne Aufregung geht, wenigstens in der\nKunst, nichts, und es bedarf in dem regelmässigen Getreibe des\nUhrwerks einer Unruhe. Der nie ermüdende Eifer eines Man-\nnes, den ich Ihnen schon früher genannt habe, hält hier besonders\ndas Interesse wach, erweckt neue Beziehungen, ruft selbst die un-\nentbehrlichen Gegensätze hervor.\nEs ist der Musik-Director Julius Edele aus Würtemberg.\nSeine Compositioncn, durch ihre Solidität, ihren guten Stil, ihre\ntiefeingehende Instrumenten-Kcnntniss ausgezeichnet, fangen an»\nauch in Deutschland bekannt zu werden. Von seinem Melodrama:\nDie Kraniche des Ibykus, seinen Liedern ohne Worte etc. wissen\nSie. Aber unähnlich Anderen, die immer nur ihre und ihre\nMusik dem Publicum darreichen, geht Edele's Streben in Bern da-\nhin, die älteren gediegenen Schätze der Tonkunst in Cours zu\nbringen. Dafür hat er vorigen Winter eil en eigenen Verein gestif-\ntet, der die besten und wärmsten Kräfte des musicalischen Publi-\ncums bald in sich schloss, dessen Ziel hauptsächlich Aufführung\nalter classischer Musikstücke ist. So hörte man vorigen Winter\nSachen von J. S. Bach, der jetzt vielleicht hier und da aus alter-\nthümelnder Moderiehtung wieder aufkommt, dessen hoher Ernst\naber, dessen strenge Wissenschaft bei Tiefe der Empfindung gar\nwohl unseren Heutigen als mahnender Finger gegen eitle Vcrir-\nrung vorgehalten werden darf. Edele gab Psalmen von Marccllo,\ndem Bach verwandten Geiste; Gesang von Stradclla, Lotti, Pa-\nlestrina und Ph. Em. Bach. Doch ausschliesslich wird in dem Ver-\neine dieses ältere, elassisch par excellence genannte Gebiet durch-\naus nicht cultivirt. Wie die Antike zu den Cinquecentisten, so ver-\nhalten sich jene zu Ilaydn, Mozart, Beethoven. Um letzteren\nnamentlich, um die Eröffnung seines Verständnisses, die erwei-\nterte Kenntniss seiner Werke ist es Edele zu thun. Er weiss\nwohl, wenn man einmal Beethoven hat, hat man Alles: das Haupt\ndes Janus, den Blick vorwärts in das Gute alles Neueren, den Rich-\nter des prätentiösen Neuesten und die Einsicht rückwärts in\ndas geistige Wesen der Früheren. Mit Beethoven wie mit Dante\nwird man heimisch in Himmel und Hölle wo bleibt man dann\nnoch Fremdling?\nDieses innige Interesse an Beethoven, in den sich Edele ganz\nhineingelebt hat, brachte nun diesen Musiker zu einem Gedanken,\ndem er in seinem ersten Vcreins-Concert dieses Winters vor eini-\ngen Tagen Fleisch und Bein gab. Er führte eine Clavier-\nsonate Becthoven's als Instrumentalstück aus und\nauf. Er wählte dazu jene herrliche F-?/ioZ/-Sonate Op. 2, eines der\nfrüheren Werke Becthoven's, aber von seinem eigensten gewaltigen\nGeist erfüllt. Neben anderen ansprechenden und Beifall hervorru-\nfenden Nummern dieses Concertes war es doch besonders diese,\ndie lauten, nicht endenwollcnden Applaus erweckte. Und es war in\nder That, als höre man Beethoven selbst in seiner Handhabung\nder verschiedenen Instrumente, mit seiner Vertheilung von deren\nRollen, mit seinen vielen und feinen Nuancirungen derselben.\nUnd doch war es auch wieder dieselbe Sonate, nichts von ihr\nund nichts zu ihr gethan, nichts Fremdartiges dabei, dasselbe Ge-\nsicht des Kindes aber vollendet in den Zügen des Erwachsenen.\nEs war dieselbe Sonate aber hier hörte man sie im hohen,\nweiten Saal, diesen erfüllend, hörte sie mit Hunderten von entzück-\nten Ohren gemeinschaftlich. Wirklich war es ein merkwürdiger\nReiz. Jemand von Fach meinte nachher, es sei ihm jetzt, als habe\nBeethoven ein Decimctto (fünf Saiten- und fünf Blas-Instrumente\nwendete E. an) componirt, und die F-mo/Z-Sonate sei ihr Arran-\ngement fürs Clavicr. Ein starkes Compliment für Edeile, aber doch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5529, "texte": "lli seinem Grunde nicht unwahr und nicht so ungeheuerlich, wie\nes etwa einem Autoritäts-Fanatiker, einem enragirten Beethovianer\nvorkommen mag, „der auf des Meisters Worte schwört.\" Die\nStimme eines solchen glaubte ich gestern in einem bedeutenden\nSchweizerblatte, dem „Bund\", zu erkennen, wo aus Veranlassung\neiner kurz vorher laut gewordenen anerkennenden Aeusserung über\ndiese Arbeit Edele's eine abweisende Kritik gegen dieselbe geführt\nwird. Diese Kritik ist mit so viel sachkennerischer Scheinbarkeit\ngehandhabt, dass es schon der Mühe werth erscheint, in Ihrem\nOrgane den Punkt weiter zu besprechen. Der Verfasser derselben\ntadelt nämlich nicht sowohl Edele's Arbeit selbst, als diese Art\nüberhaupt, Claviersachen instrumentalisch zu „arrangiren\". Schon\ndieser Ausdruck ist schief; denn Arrangiren lässt sich von einem\nsolchen Uebertragen in eine reichere höhere Form nicht wohl sa-\ngen. Arrangiren ist mit Rcduciren, Zusammenziehen immer prak-\ntisch gleichbedeutend. Der kurze Sinn jener Kritik heisst: Wollte\nBeethoven etwas für Instrumente schreiben, so that er es selbst; wo\ner es nicht that, sondern für Clavicr schrieb, war das auch nur\nfürs Ciavier. Und zu beweisen glaubt der Verfasser diese Behaup-\ntung mit der Frage: „Oder tragen Becthoven's Clavier-Compositio-\nnen nicht den Stempel der Subjectivität, während seine Orchester-\nwerke objcctiv gehalten sind?\" Hier liegt nun einfach ein Irrthum\nüber die Natur des Instrumentes zu Grunde. Das Clavicr\nist kein subjcctives Instrument, wie die Flöte etc., sondern eben\nein objectivcs; es ist Orchester-Surrogat. In dieser Beziehung\nist eine grossartige Clavier-Composition nichts Anderes als die Skizze\nder Gedanken, die der Musiker rasch ins Clavicr niederlegt, wie\nder Maler sein später und meist durch seine Schüler aus-\ngeführtes chromatisches Wandgemälde mit schwarzer und weisser\nKreide auf grau Papier. Zur Ausführung eines ganzen Orchester-\nStückes braucht der Musiker natürlich mehr Zeit als zum Nieder-\nschreiben seiner Composition fürs Ciavier. Bei der Ehre, die sich\ndas Ciavier mehr und mehr mit Reeht erwarb, erhielt es auch mehr\nund mehr die besondere Berücksichtigung der Componisten, be-\nsonders wenn sie selber tüchtige Clavierspieler waren, wie Beetho-\nven; und sicher sind an ihn wie an andere oft Forderungen von\naussen gestellt worden, Dieses und Jenes fürs Ciavier zu schreiben.\nSollte nun da der Künstler allemal erst den Gedanken, der ihn\nbewegte, in einer weitläufigen Instrumental-Arbeit ausführen und\ndann erst sein Clavicr-Arrangement nach derselben machen? Wi-\ndersinnig. Er machte seine Skizze, sorgfältig, trefflich, so dass sie\nfür sich als Skizze vollendet ist, und gab sie hin, ohne später sich\nan die instrumentale Ausführung derselben zu machen, wo andere\nGedanken ihn beherrschten, denen er dann, oft auch wieder äus-\nserlich bestimmt durch Zeit und Müsse, durch günstige Verhältnisse\nüberhaupt, seine liebste Form, die reiche, fertige des Instrumen-\ntal-Werkes gab. Denn jeder so grosse Musiker, wie Beethoven, ist\nwesentlich Instrumcntal-Componist, wie der grosse Maler sich stets\nzur monumentalen, zur Wandmalerei hingezogen fühlt. Wenn der\nVerfasser der Kritik dann noch sagt: „Solches Arrangiren kommt\nmir vor, als wolle man eine Arie für mehr als Eine Stimme\nBetzen, einen Monolog von vielen Personen sprechen lassen, ei-\nnen meisterhaften Kupferstich coloriren\" so ist da noch zu\nerwidern: dass Arie und Monolog ihrer Natur nach Solo's sind,\ndas Ciavierstück aber seiner Natur nach (wie oben bemerkt) mehr-\nstimmig ist, zwar von einem Spieler gespielt, aber von mehreren\nzusammenwirkenden Geistern innerlich getragen, die der Compo-\nnist wirksam werden lässt. Dazuhin ist die Arie wieder kein sol-\nches Solo; denn wir wissen eben von den besten, dass der ei-\nnen Menschenstimme der Tondichter oft eine bedeutende mehr-\nstimmige Geister-Umgebung in der Instrumental-Musik beifügt. Der\nmeisterhafte Kupferstich aber das ist der schwächste Vergleich\nist nichts Primitives. Er ist ja selbst eine Arrangirung\nSchwarz in Weiss eines meist grösseren Gemäldes. Umgekehrt ist\naber Edele's Arbeit und diese Art überhaupt; sie ist vielmehr die\nAusführung als Gemälde der geistreichen primitiven Skizze. Mag\nes sein, dass Wenige sich zu solcher Arbeit hingeneigt fühlen, die\nbedeutende Tüchtigkeit und bescheidene Resignation zugleich er-\nfordert. Wer mit solchem Geschick daran geht, wieEdelc, der mag\nwohl auf diesem Wege fortfahren. Denn haben Sic Sich nicht\nauch schon gesehnt, den Kreis der nur etwa zwölf grösseren In-\nstrumental-Werke Beethoven s noch erweitert zu sehen ? Würden\nSie den Meister nicht jubelnd begrüssen, der zu den neun Sinfo-\nnieen Becthoven's noch ein halb Dutzend andere gleichen Geistes\nfügte ? Sechs wenigstens aber seiner grossen Clavier-Sonaten werden\nsich sicher zu dieser Erweiterung des herrlichsten Kreises eignen.\nWie klein ist verhältnissmässig die Zahl empfänglicher Ohren und\nHerzen, der es durch äusserliche Verhältnisse vergönnt wird, diese\nCla vier stücke zuhören, verglichen mit der Zahl derer vom con-\ncertbesuchenden Volke in grösseren und kleineren Städten, dem\nBeethoven allmählich bekannt und ein gefeierter Liebling bereits\ngeworden ist!\nEdele soll, wie ich höre, bereits mehrere andere Sonaten Beet-\nhovcn's in ähnlicher Weise zu verarbeiten angefangen haben. Es\ndäucht mich der Mühe werth zu sein, dass auch das deutsche mu-\nsicalische Publicum dieser Thätigkeit eines Landsmannes Aufmerk-\nsamkeit schenke, deren Bedeutung ich in diesen Zeilen zu ent-\nwickeln versucht habe *).\n\nL."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c005", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "215", "page_fin": "216", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.5", "titre_corps": "Erstes Concert des Männergesang-Vereins in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Erstes Concert des Männergesang-Vereins in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.7", "debut_caractere": 5531, "fin_caractere_exclue": 7327, "texte": "Erstes Concert des Männergesang-Vereins\nin Köln\nim Casinosaale.\nMontag, den 26. December.\nUnser Männergesang-Verein hat für den Winter wiederum ein\nAbonnement auf drei Concerte eröffnet, und nie ist die Theil-\nnahme des Publicums so zahlreich gewesen, als dieses Jahr. Der\ngrosse Saal des Casino war erdrückend voll am 26.; sowohl der\nuntere Raum als die Galerie konnten, buchstäblich genommen, keine\nZuhörer mehr fassen.\n\n*) Der geehrte Herr Correspondent scheint, wiewohl er in einer\nNachschrift einräumt, dass der Gedanke von dergleichen Be-\narbeitungen nicht neu sei, und auf Ritter Seyfried's Ueber-\ntragung der Mozart'schen C-mo/Z-Fantasic und Sonate ver-\nweist, die mancherlei Arbeiten ähnlicher Art, die aus Beet-\nhoven'schen Ciaviersachen gemacht sind, nicht zu kennen, wie\nz. B. aus demselben Op. 2 das Largo der 11. und das Ada-\ngio der 111. Sonate für Orchester von Seyfried, aus Op.\n12 das Andante und Rondo der 11. und das Adagio der 111.\nSonate, die Sonate pathetique als Noneito, ferner für gr. Or-\nchester von Dörfeldt und neuerdings von Schindelmeis-\nser, aus Op. 14 das Scherzo der I. Sonate für Orchester von\nBalde necker, Op. 17 die Sonate in F-dur mit Horn für\nzwölf Instrumente von Ebers, u. s. w. u. s. w. Was seine\nMeinung über Ciaviermusik und namentlich Bcethovcn'sche\nbetrifft, so können wir sie nicht theilen jedenfalls ist es eine\neinseitige Ansicht, das Pianoforte nur alsein „Orchester-Surro-\ngat\" zu betr jede Composition für dasselbe als eine\nSkizze zu bezeichnen. Der Herr Verfasser frage sich nur\nselbst, was für Zerrbilder entstehen würden, wenn man die\nspäteren grossen Clavier-Sonaten Beethovens, z. B. Op. 53\nin C, Op. 57 in F-moll, Op. 101 in A-dur> Op. 106 in B-dur,\n109 111 für andere Instrumente oder gar für Orchester be-\narbeiten wollte! D i e 11 ed."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3075, "texte": "Der Verein brachte mehrere neue Compositioncn, welche zum\n1 heil ihm gewidmet waren, zu Gehör, was eben so, wie die Mit-\nwirkung von Frl. Sophie Schloss und den Herren Jakob Of-\nfenbach und Ed. Franck, dem Coiicertc einen besonderen Reiz\ngab. An die Spitze jener Compositioncn müssen wir F. Hiller's\n„Abendgruss44 stellen; dann möchten wir C. Reineckc's „Früh-\nling ohn Ende44 (das vom schwäbischen Sängerbünde gekrönte\nPreislied), Fr. Silcher's „Grablied zur See44 und Kücken's „Am\nNeckar, am Rhein!44 folgen lassen. Was den Vortrag betrifft, so\nbewährte der Verein unter seinem tüchtigen Dirigenten, Herrn\nMusik-Director F. Weber, im Ganzen seinen Ruhm. Aber gerade\ndieser Ruhm verpflichtet ihn eben so sehr zur gewissenhaftesten,\nsorgfältigsten Pflege desselben, als er das Publicum und die Kritik\nzu den höchsten Anforderungen gewöhnt hat. Wenn es eine Ehre\nist, dem kölner Männergesang-Vereine anzugehören, so ist es dop-\npelte Pflicht, diese Ehre nicht bloss in den Titel der Mitgliedschaft\nzu setzen, sondern sie durch das eifrigste Streben im Dienste des\nGanzen zu wahren und zu erhöhen. Auch der beste Sänger\nkann störend in ein Ganzes eingreifen, wenn er nicht\ndie Schattirungen des Vortrags nach der Auffassung des Dirigenten\nkennen gelernt und mit allen Anderen zusammen studirt hat. Wir\nwerden schwerlich irren, wenn wir es allein der unvorberei-\nteten Mitwirkung mehrerer Sänger zuschreiben, dass die Präcision\n(z. B. in dem Kücken'schen Liede), die scharf markirten Einsätze\n(in der Klein'schen Motette), das Wachsen des Cres-\ncendo in der „Nachthelle44 von F. Schubert (in welcher das Solo\nvom Tenor sehr schön vorgetragen wurde) nicht mit derselben\nVollendung wie sonst hervortraten.\nFrl. Sophie Schloss trug „Mein Herz ist im Hochland44 von\nHill er, „Du bist mein44 von Mar sehn er, und zwei Compo-\nsitioncn von J. Offenbach mit jener schönen, überall gleichen\nStimme und jenem seelenvollen Ausdrucke, der nur durch die voll-\nkommenste Tonbildung zu erreichen ist, vor. Das erste Lied von\nOffenbach, „Lebe wohl!44 hat eine ansprechende Melodie, welche\nnur zuletzt durch Zierathen entstellt wird; das zweite, „Kathrein,\nwas willst du mehr?44 nicht etwa ein humoristisches, sondern sehr\nsentimentales Lied, soll „im Volkstone gehalten44 sein eine Leier-\nkasten-Melodie ist aber desshalb noch lange keine Volks-Melodie\nim edleren Sinne. Nur der treffliche Vortrag machte sie einiger\nMaassen geniessbar.\nHerr Jakob Offenbach spielte eine „Concert-Phantasie über\nThemata aus Wilhelm Teil und dem Barbier von Sevilla für Vio-\nloncello44 von seiner Composition. Wir haben die ausserordentliche\nTechnik dieses berühmten Virtuosen und die feinen, ja, überfeinen\nNuancen seines Spieles bewundert und gestchen, dass er vortrefflich\nHorn, Clarinette, Flöte und Flagcolet bläs't, auch Violine spielt,\naber bedauern, dass wir kein Violoncell gehört haben. Etwas Tri-\nvialeres als die so genannte Composition der so genannten „Phan-\ntasie44 ist uns selbst in diesem trivialen Salon-Genre lange nicht\nvorgekommen. Herr Offenbach ärntete lebhaften Beifall und wurde\ngerufen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1853-12-31-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1853-12-31_01#c006", "volume": "bmtnabi_1853-12-31_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "216", "page_fin": "216", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.2.6", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.8", "debut_caractere": 3077, "fin_caractere_exclue": 3949, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln, 30. Dec. Gestern wurde im Stadt-Theater der Tann-\nhäuser zum Besten der Armen gegeben. Es war die achte Vor-\nstellung; die siebente vor etwa acht Tagen war leer; die gestrige\nhatte trotz des Zweckes und der Mitwirkung des Männergesang-\nVereins bei den Chören (hinter der Scene) das Haus bei Weitem\nnicht ganz gefüllt.\nTherese Milanollo hat am 17. Deeember ihr erstes Con-\ncert in Frankfurt gegeben. Sie geht nach Petersburg. Die Ge-\nbrüder Wieniawski haben in München gespielt.\nIn Detmold ist Bcrlioz Sinfonie „Romeo und Julie\" bei\nHofe aufgeführt worden; die fürstlichen Personen haben beim Ge-\nsänge mitgewirkt. Der Capellmcister Kiel dirigirte.\nIn London ist man mit der Restauration des Theaters der\nKönigin beschäftigt, was vermuthen lässt, dass die Benutzung des-\nselben in der bevorstehenden Opernzeit wieder Statt finden wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "209", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.1", "texte": "Ueber die Moll-Tonart in den Volksgesängen und\nüber das Oratorium.\nDiesen Titel führen zwei Abhandlungen von\nFriedrich Chrysander, welche in Schwerin bei\nOertzen und Schöpke 1853, 8., erschienen sind. Sie ver-\ndienen die Beachtung jedes denkenden Musikers. Wir ler-\nnen in dem Verfasser einen Mann kennen, dem es bei tüch-\ntiger musicalischer und wissenschaftlicher Bildung mit sei-\nnem Streben Ernst um die Sache ist, für welche er auf-\ntritt. Weit entfernt von der Manier so mancher Aestheti-\nker der Gegenwart, welche durch breites Geschwätz und\neine geschraubte Sprache die Armuth an Gedanken verhül-\nlen und von der Philosophie nichts gelernt haben, als For-\nmeln und Redensarten, mit denen sie den Halbgebildeten\nblenden und verblüffen, stellt er seine Meinung in nackten\nThesen hin und entwickelt seine Gedanken in so gedräng-\nter Kürze, dass man ein seltener Fall heut zu Tage\nihm diese Kürze fast zum Vorwurf machen könnte, weil sie\nhier und da der richtigen und klaren Auffassung des In-\nhalts Eintrag thun dürfte und dem Leser fast zu Vieles\nzu ergänzender Ausführung überlässt.\nDie erste Abhandlung enthält auf nicht mehr als 11\nSeiten 21 Sätze, welche die Ansicht des Verfassers über\ndas Vorherrschen der Möll-Tonarten in den Volksgesängen\ndarlegen. Er sieht Dur und Moll desshalb als den bedeut-\nsamsten Gegensatz an, weil er hauptsächlich und seinem\nUrsprünge nach ein melodischer Gegensatz ist, und geht\nzum Beweise dieser Ansicht auf die Anfänge des Gesanges\nund unserer Musik überhaupt, auf die Entstehung und Ent-\nwicklung der kirchlichen Tonweisen und die Rein-\nheit des ursprünglichen christlichen Volksgesanges von al-\nler äusseren Instrumental-Zuthat zurück und findet in den\nurchristlichen Gesängen den verklärten Volksgesang, so wie\nüberhaupt den triebkräftigen Keim der neuen Tonkunst.\nZu gleicher Zeit wird die Thatsache festgestellt, dass das\nMoll in den Gesängen aller Völker vorherrscht, die noch\nin den Ursprüngen leben, d. h. „in einem Zustande, in\nwelchem nicht nur Alle verstehen, was Jeder denkt, fühlt,\nspricht und thut, sondern in welchem auch alle Thätigkei-\nten und Künste noch auf der Stufe stehen, dass Jeder sie\nalle sich aneignen und so als echter Volksmann das leben-\ndige Bild des ganzen Volkes darstellen kann.\"\nDie Thatsache muss einen natürlichen Grund haben.\nDieser Grund muss erstens ein mu s ic a 1 isc h e r (tonischer)\nsein, wenn er wirklich innerer Grund, schöpferische Ursache\nsein soll. Diejenigen sind also fehl gegangen, welche das\nMoll aus trüben Stimmungen und düsteren Gelühlen der\nVölker haben herleiten wollen. Jener Grund muss zwei-\ntens ein einfacher sein, damit er dem einfachen Volks-\nleben entspreche. Es ist mithin ein Irrthum, musicalische\nFormen und Kräfte, welche in dem ursprünglichen Volks-\nleben noch gar nicht wirksam sind, zur Erklärung herbei\nzu ziehen.\nDiesen Grund findet nun der Verfasser in der Beschaf-\nfenheit und Fähigkeit der sprachlich-tonischen Organe des\nMenschen, indem der Gesang ursprünglich nichts Anderes\nist, als die in das Tonreich des menschlichen Organismus\ngesteigerte Sprache. Sonach stellt er als Ergebniss seiner\nUntersuchung den Satz auf:\n„Die sprachlich-tonischen Organe des Men-\nschen sind der natürliche Grund des Toncharak-\nters der Volkslieder, mithin auch der in ihnen vor-\nherrschenden weichen Tonbewegung; der weiche\nTon ist die Grundform dieser Organe und dadurch\ndas sprachlich-melodische Princip.\"\nDieser Gedanke, der auf der Beachtung des natürlichen\nTonfalles der menschlichen Sprache begründet ist, ist neu,\nanziehend und für die Entwicklung der Musik folgenreich.\nZugleich rettet er den singenden Völkern jeglichen Stam-\nmes ihren gesunden und herzhaften Charakter, während sie\nbisher von den meisten Schriftstellern über nationalen Ge-\nsang und nationale Poesie zu trübseligen Empfindlern ge-\nmacht wurden, indem man das musicalische Gefühl, wel-\nches das durch den Gegensatz vom Dur in die harmo-\nnische Entwicklung der Tonkunst eingetretene und aus-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "210", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.2", "texte": "gebildete Moll gegenwärtig in uns anregt, auf die\nEmpfindung der Völker im Naturzustande übertrug.\nEs wäre sehr zu wünschen, dass der Verfasser seine\nSätze mehr ausführte, dem Gedankengang eine weitere\nEntwicklung und dabei auch dem Ausdruck hier und da\nmehr Schärfe gäbe.\nDie zweite Abhandlung: „Ueber das Orato-\nrium\", einige und vierzig Seiten, ist zwar umfangreicher,\nenthält aber dennoch ebenfalls mehr Andeutungen als voll-\nständige Ausfuhrungen der Ansichten des Verfassers. Diese\nsind, wenn auch nicht überall neu, doch höchst anregend\nund sowohl in Bezug auf den Ausgangspunkt als auf das\nEndresultat die Bedeutung des christlichen Elementes\nin der Musik beherzigenswert!). Das letzte Ziel des\nVerfassers bei dieser Reihe von Bemerkungen über das\nOratorium ist nicht die Ergründung des Wesens und\nder Form desselben, sondern die Beantwortung der Frage,\nwie weit und in welcher Art die Tonkunst\nbeim Gottesdienste zulässig sei. Da er vorzugs-\nweise den protestantischen Gottesdienst im Auge hat\n(ein näheres Eingehen auf den katholischen, bei welchem\nja eben die Musik als ausgebildete Kunst einen wesentlichen\nBestandteil ausmacht, dürfte bei einer ausführlicheren Be-\narbeitung, wozu der Verfasser Hoffnung macht, durchaus\nnothwendig sein, wenngleich auch jetzt schon die Anwen-\ndung der ausgesprochenen Grundsätze auf jeden christlichen\nGottesdienst sich ergibt) so sind ihm die Erläuterun-\ngen des Oratoriums nur die Brücke, über welche er zu\ndem Ufer gelangt, dessen zweckmässigen Anbau er eigent-\nlich lehren will.\nDass wir alle auf schwankendem Boden stehen, wenn\nwir Inhalt und Form des musicalischen Bestandteiles des\nGottesdienstes bestimmen sollen, wird dem Verfasser Jeder\neinräumen. Er fühlte lebhaft, dass bei dem Bisherigen we-\nder der rechte Gottesdienst, noch die rechte Kunst gedeihen\nkönne. Ersuchte desshalb aus dem Grundgedanken\ndes Gottesdienstes, welcher ihm „das religiöse Le-\nben der Gläubigen\" oder, etwas mystischer ausgedrückt,\n„das Jedem nahe Abbild des himmlischen Gottesreiches\"\nist, die Berechtigung der Tonkunst als eines notwendigen\nGliedes des gottesdienstlichen Ganzen herzuleiten. Der\nhistorische Ausgangspunkt für seine Betrachtung ist der\nGottesdienst der morgenländischen Kirche.\nLrn zu seinem Ziele zu gelangen, musste er nachwei-\nsen, dass weder Oratorium noch Passionsmusik geeignet\nsind, die Kirche mit der Kunst zu vermählen.\nDass uns über das Oratorium das rechte Bewusstsein\nfehle, setzt er voraus. „Das Verhältniss,8 sagt er, „in\nwelchem wir mit unserem Leben zu dieser Kunstweise\nstehen, ist uns nicht klar; wir wissen nicht genau, ob für\nunser heutiges Schaffen diese Form noch Gültigkeit habe,\nund welche; wir können nicht einmal mit Bestimmtheit sa-\ngen, welche musicalische Form — welcher Stil — dem\nOratorium ausschliesslich, d. i. begrifflich, eigne.8\nIn der Auseinandersetzung, wie der erste christliche\nGottesdienst der gemeinsame Ausgang unseres Gottesdien-\nstes und unserer Kunst gewesen, wie im Mittelalter Pas-\nsionsspiel und daraus später Passionsmusik und Oratorium\nentstanden, wie dann der Drang, die dramatische Bewe-\ngung im Tonreiche abzubilden, die Oper gebar und diese\nneue Kunstart gerade der Kirchenmusik den härtesten Schlag\nversetzte, bis durch Händel „zum zweiten Male das Ora-\nI\ntorium entstand8 u. s. w., in diesem allem folgt der Ver-\nfasser meist seinen Vorgängern auf diesem Gebiet der Ge-\nschichte der Musik, namentlich den Werken Winterfeld's.\nDiese historischen Betrachtungen mussten natürlich auch\nauf Bach führen.\nIn Bach's Passionen erkennt der Verfasser allerdings\ndas von wunderbarer Kraft und Tiefe unterstützte Stre-\nben, den Inhalt des gesammten Gottesdienstes durch\ndie Tonkunst zu einem selbstständigen Kunstwerke zu ver-\nklären; aber diese Passions-Oratorien sind nach seiner\nMeinung nicht ein Gottesdienst für sich, wie man wohl ge-\nsagt hat, sondern immer nur ein idealer Gottesdienst,\nd. i. nur das Bild eines Gottesdienstes, welches nicht in\nhöherer Treue aus der Seele (?) des Gottesdienstes heraus ge-\nschaffen. Denn dazu „erscheinen ihm die Mittel, welche\nBach angewandt, unzulänglich und zugleich übertrieben;\nunzulänglich, weil sie nur in einzelnen herrlichen Nummern\nden gottesdienstlichen Ton treffen8 (diese Behaup-\nsung dürfte doch sehr subjectiv sein); „übertrieben, weil\nsie den evangelischen Text geschichtlich-drama-\ntisch ausgebreitet haben. Daher die Wahrnehmung, dass\nwir jetzt in Bach's Passionsmusik nur ein Oratorium, nur\nein Stück heiliger Geschichte erblicken.8\nUebcr die Würdigung Bach's in der Neuzeit spricht\nder Verfasser folgende Ansicht aus, die wir gern unter-\nschreiben: „Wir geben uns heute, in dem Bestreben, ein\naltes Unrecht zu sühnen durch vollkommene Gerechtigkeit,\nihm hin, hoffend, hier die Offenbarung der tiefsten Geheim-\nnisse musicalischer Kunst zu finden; seine Kunstweise wird\nuns eine vertraute Sprache, immer inhaltreicher und schö-\nner, je weiter wir hineinkommen, bis die schwindelnde\nTiefe seines Tonsatzes uns in solchem Maasse entzückt,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "211", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.3", "texte": "blendet und befangen macht, dass uns die Tonsätze ande-\nrer, selbst grosser Meister leer und leicht erscheinen. So\nkommen wir zwar mit Bach aufs Reine, aber auf Kosten\nanderer Künstler, und wir schätzen ihn ebenfalls\nfalsch, indem wir ihn überschätzen. Scheuen\n' f\nwir jedoch den mühsamen, aber auch sicheren geschicht-\nlichen Weg nicht und gelangen vom Anschauen des Mu-\nsiklebens im 16. Jahrhundert her an unseren Meister, so\nbemerken wir an ihm vieles, was dem reinen Tonleben\nder Alten geradezu widerspricht — und es ist wieder\nkeine Harmonie da. Und so bleibt in Bach's Werken im-\nmer etwas zurück, was nicht rein aufgeht in eine fassbare\nKunst; diese Unfertigkeit mitten in der Vollkommenheit\nund in dem königlichen Bewusstsein: „ „Dies ist mein!\"u\nwird seine ausschliesslichen Verehrer immer mehr oder\nminder als Partei erscheinen lassen. Sein Wiederaufleben\nt\nin neuerer Zeit bringt der Tonkunst sicherlich Gewinn;\naber er wird immer nur Einzelnen zugänglich bleiben, denn\nes macht uns Mühe, wir bedürfen vieles Wissens, müssen\nuns verschiedener Umstände erinnern, wenn wir mit seiner\nKunstweise vertraut werden wollen. Bei Händel sind der-\ngleichen Vorarbeiten in viel geringerem Maasse nöthig; er\nist viel klarer, sein Ausdruck allgemeingültiger.\"\nHiernach kehrt der Verfasser zur Betrachtung des\nOratoriums zurück und wird dabei nach und nach immer\nselbstständiger. Alle Oratorien-Componisten empfingen\nnicht eine aus kleinen Anfängen hervorgewachsene Form,\nwelche die Fähigkeit, weiter aufzustreben und sich zu voll-\nenden, besessen, so dass ein lebendiges Fortwachsen sich\nnachweisen liesse, sondern sie hatten die scenische Darstel-\nlung als das Vollkommnere im Auge, mussten aber diese\nirgend welcher Hindernisse wegen aufgeben und in die\noratorische Form als Ersatzmittel sich zurückziehen.\nDie Passionsmusik hat eine Geschichte, wenn auch\nkeineswegs eine glänzende; das Oratorium hat keine,\nes fängt mit jedem neuen Componisten, mit jedem neuen\nOratorium von vorn an. Daher sein Schwanken, daher\ndie bunte Vielheit seiner Form, daher eine bloss negative\nGattungseinheit.\nWie nun der Verfasser nach Ausspruch dieses treffen-\nden Gedankens weiterhin aus einander setzt, dass wir im\nOratorium als Gattung eine Entwicklung nicht bemerken,\ndass aber die einzelnen Musikformen, besonders das Instru-\nmentale und hauptsächlich der Chor, durch dasselbe bis zu\nungewohnter Grösse weiter geführt, entwickelt und ver-\nvollkommnet worden, wie er die Widersprüche Winter-\nfeld's in Bezug auf das Epische und Dramatische des Ora-\ntoriums nachweis't und dann die Dramatik desselben als\neine blosse Idealdramatik charakterisirt, deren Haltpunkt\nausserhalb des Tonwerkes nur in der Gedanken-Ver-\nknüpfung und in der Phantasie des Zuhörers liegt, weil\ndem Oratorium die Kraft fehlt, der Reihe seiner Bilder\ndie ursprüngliche ureigene Lebendigkeit zu ver-\nleihen, die dem rein Dramatischen eigen ist, die Kraft, f\nPersönlichkeiten zu bilden und in deren folgerich-\ntigem Sichausleben eine zusammenhangende Handlung\nzu entwickeln — das müssen wir den Kunstfreunden in\ndem Büchlein selbst nachzulesen überlassen.\nSehr schön und wahr sagt der Verfasser am Schlüsse\ndieser Betrachtung: „In die Hand des Componisten\nist daher Alles gegeben, von ihm hängt der Werth eines\nOratoriums, die Möglichkeit, es als Ganzes erfassen zu kön-\nnen, in einer Weise ab, wie bei keinem anderen\npoetisch-musicalischen Kunstwerke. Hieraus\nerklärt sich die besondere Hochachtung, deren wir den\nComponisten eines bedeutenden Oratoriums für würdig\nachten; ist ihm gelungen, einen erhabenen Inhalt zu be-\nwältigen, so ist dies das beste Zeugniss der Kraft und Tiefe\nseines Innern, und mit Ehrfurcht nahen wir uns dem Denk-\nmale seines hohen Geistes.\"\nDie rechte, die vollendete Form eines Kunstwerkes\nist aber in der Musik, wie überall, die, welche klar und\nunmittelbar verständlich ist, d. h. den Inhalt so offenbart,\ndass er mit der ihm inwohnenden Gewalt wirken kann. Im\nOratorium hat es aber der gewaltige Inhalt nicht zu einer\nentsprechenden Form gebracht; alles Grosse, was die Kunst\nim Oratorium geschaffen, hat seinen Grund im Geiste,\nnicht in der Form. Da die grössten Meister das Orato-\nrium nicht zu einem Ganzen zu gestalten, sondern nur ein-\nzelne musicalische Formen, namentlich den Chor, in ihm\nzu entwickeln und zu vervollkommnen vermochten, da sich\nein besonderer, bestimmter oratorischer Stil auf dem ein-\ngeschlagenen Wege gar nicht bilden konnte, so ist d i e\noratorische Form für ihren Inhalt unzuläng-\nlich und muss aufgegeben werden.\nDies alles führt von selbst auf die geforderte Kunst-\nform, welche wenigstens nach einer Seite hin keine andere\nals die dramatische sein kann.\nDiese Form, welche demnach ihre vollste Berechtigung\nin der musicalischen Kunst hat, als Darstellung einer sinn-\nlich-wirklich gegenwärtigen IIandlung, muss\nvon der kirchlichen fern gehalten werden. Das Ora-\ntorium hat Geistliches und Weltliches, d. i. das Gottes-\ndienstliche und das Geschichtliche vermischt; Bei-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "212", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.4", "texte": "des ist von der Kunst der Gegenwart aus einander zu\nhalten.\nBis dahin wird Jeder in der Hauptsache mit dem Ver-\nfasser einverstanden sein. Nun bleibt aber die wichtigste\nFrage übrig: Wenn wir über die dramatische Form einig\nsind (abgesehen von den heutigen Streitpunkten über Ein-\nzelnes), wie soll die kirchliche beschaffen sein? welchen\nInhalt soll sie darstellen, und auf welche Weise soll sie\ndiesem Inhalt entsprechen?\nIn dem Vorwort des Schriftchens verlangt der Ver-\nfasser von der Tonkunst, wenn sie ein nothwendiges Glied\nin dem gottesdienstlichen Ganzen sein soll:\n1) dass sie einen Inhalt habe, der als durchaus\nberechtigter Theil des Gottesdienstes erscheint;\n2) dass dieser Inhalt nicht schon durch etwas Ande-\nres ausgesprochen wird, was im Gottesdienste vorkommt,\nals Evangelium, Gemeindegesang u. s. w.;\n3) dass derselbe durch das gesprochene Wort nicht\nentsprechend dargestellt werden kann, sondern aus sich\nselbst den musicalischen, und zwar kunstvollen, Vortrag\nbedingt.\nEinen Inhalt der Kirchenmusik, welcher allen diesen\nBedingungen entspricht, findet er nun in den Worten\nder Propheten, und die allein passende Form für die\nDarstellung desselben ist ihm der mehrstimmige Chor.\nSeine Schlussfolge ist ungefähr diese wie schon\noben erwähnt, vom rein protestantischen Standpunkte aus:\nDer Gottesdienst ist das religiöse Leben, darin der\ngöttliche und der menschliche Geist verbunden sind. Diese\nVerbindung hat sich geoffenbart vollkommen in Christus, vor\nihm in den Propheten, nach ihm in der Gemeinde.\nSoll die Ordnung und Art des himmlischen Reiches\ngottesdienstlich dargestellt, d. h. gegenwärtig gemacht\nwerden, so sind wir an die Benutzung der Kräfte dieser\nWelt gewiesen. Es entstehen drei Formen der Darstellung,\nwelche der dreilachen Offenbarung des religiösen Lebens\nentsprechen: für Christus und sein Evangelium das ge-\nsprochen e W o r t; für die Gemeinde das einstim-\nmige Lied (die gemeinsame Empfindung Aller, die ge-\ngenwärtige Kundgebung von dem Eindruck des eben\nempfangenen Evangeliums); für die Stimmen der Prophe-\nten, als der „Schar der alten Väter\", für den Sehnsuchts-\nruf einer Menge, den Ausdruck einer Gesammtheit, die sich\ndem aufgehenden Lichte zuwendet, der mehrstimmige\nChor. Hier ist der kunstvolle Tonsatz, die Musik als Dar-\nstellerin des Gemüthes, des inneren Dranges und Verlan-\ngens an ihrer Stelle, sie macht das Vergangene, das Ge-\nschichtliche, jene Morgenröthe des Heils, gegenwärtig,\nsie wird reine gottesdienstliche Darstellung, weil die Welt,\nwelche wir in ihren Tönen vernehmen, so nimmer durch\netwas Anderes angeschaut werden kann.\nDieser Inhalt, nämlich die prophetischen Worte und\nderen Gestaltung, ruft die musicalische Kunst in ihrer Tiefe\nauf und zeichnet ihr zugleich eine bestimmte Form vor,\nwelche dann, im Gegensatz der dramatischen, die wirklich\nkirchliche ist.\nSo hat denn die Musik einen wesentlichen Theil des\nGottesdienstes allein zur Darstellung zu bringen, und\nwenigstens im Princip ist auch die Meinung des Ver-\nfassers richtig, dass sie auch bei kunstvollem Tonsatz Je-\ndem verständlich und fasslich bleiben wird, weil sie einen\nAllen verständlichen Inhalt gewonnen hat.\nDas Gesagte wird hinreichen, die Aufmerksamkeit al-\nler denkenden Musiker und aller derer, denen die erhebende\nBetheiligung der Tonkunst an dem Gottesdienst am Herzen\nauf die Schrift des Hrn. Chrvsander hinzulenken und\nO ' «J\ndie Tragweite seines Gedankens nicht bloss für die Einfüh-\nrung der Tonkunst in den protestantischen, sondern auch\nfür die Reform des musicalischen Theiles des christlichen\nGottesdienstes jeder Confession zu ermessen.\n\nH. Berlioz’s Vertheidigung in Bezug auf\nWeber’s Freischütz.\nDas Nachspiel der pariser Freischütz-Komödie, welches unser\nCorrespondent erwartete (s. Nr. 25, S. 195), ist bereits erschienen.\n11. Berlioz hat nach seiner Rückkehr aus Deutschland folgenden\nBrief in dem Journal des Debats drucken lassen, w elchen wir, um\ndem Audiatur et altera pars sein Recht widerfahren zu lassen, hier\nin Uebersetzung wiedergeben;\n„Der Process des Grafen Tvskiewicz wegen der Aufführung\ndes Freischütz hat in Deutschland Aufsehen erregt, und ich habe\ndavon eben so gut wie alle Welt gehört. Allein ich wusste vor\nmeiner Rückkunft nach Paris nicht, auf welche Weise ich darein\nverwickelt worden bin. Als ich im Journ. d. Debats die Replik des\nHrn. Anwalts Celliez las und mich als Anstifter der Verstümme-\nlungen des Weber'schcn Meisterwerkes angeklagt sah, schwankte\nich einen Augenblick zw ischen Zorn und Heiterkeit. Wie sollte ich\naber am Ende nicht lachen über eine Anklage der Art gegen\nmich, der ich mein Glaubensbekenntniss über solche Dinge so oft\nund so mannigfach öffentlich abgelegt habe? Indem ich mich jedoch\ngegen einen solchen Verdacht völlig geschützt glaubte und auch die\ngrosse Gleichgültigkeit des Publicums für solche Fragen kannte, würde\nich mich nicht gegen die Zumuthung dieser musicalischen Misse-\nthat vertheidigt haben. Aber ich sehe, dass die Niederrheinische\nMusik-Zeitung derselben Glauben schenkt und mich desshalb\nangreift und misshandelt. Nun denn, die Wahrheit ist folgende:\nDie Striche, Auslassungen und Verstümmelungen sind in Webers\nPartitur zu einer Zeit gemacht worden, wo ich gar nicht ein-\nmal in Frankreich war; ich erhielt erst lange Zeit nachher\ndurch eine Vorstellung des also verhunzten Meisterwerkes Kunde"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "213", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.5", "texte": "und war damals wenigstens eben so erstaunt darüber, als jetzt\ndarüber, dass ich daran schuld sein soll. Nur ein einziges Mal,\nspäterhin, als der Freischütz, zum Vorspiel eines neuen Ballets be-\nstimmt, dazu zu lang schien, wurde ich ersucht, nach dem Thea-\nter der grossen Oper zu kommen. Es handelte sich darum, meine\nRecitative zu verkürzen. Den Verwüstungen gegenüber, die man\nschon in Weber s Partitur angerichtet hatte, hätte die Prätention,\nmeine Recitative vollständig beizubehalten, lächerlich, wenn nicht mehr\nals das, geschienen. Ich liess also Alles zu und sagte, ich würde\nmich schämen, besser behandelt zu werden als der Meister. Aber\ndie Sache war schon ausgemacht; man hatte mich nur rufen las-\nsen, um die Löthungen zwischen den abgerissenen Stücken des\nDialogs anzudeuten, eine blosse Höflichkeit, denn die grosse\nOper besitzt selbst dergleichen Löther und Zusammenschweisser von\neiner seltenen Geschicklichkeit, welche sie der maasslosen Uebung in\ndiesen Operationen verdanken. Ich bin also an dem Attentat gegen\nWebers Partitur eben so unschuldig als die Herren Redactoren der\nNiederrheinischen Musik-Zeitung und die Herren Celliez und Tys-\nkiewiez selbst. Wie gross auch die Unwahrscheinlichkeit der ent-\ngegengesetzten Meinung sei, so liegt mir doch daran, dass sie sich\nnicht bei den Kunstfreunden im Allgemeinen und besonders in\nDeutschland festsetzt, und ich bitte Sic dcsshalb, meiner Verwah-\nrung eine Stelle zu gönnen, u. s. w. IL Berlioz.\"\n\nAus Düsseldorf.\nSeit unserem letzten Berichte in Nr. 20 dieser Blätter ist in\nunseren musicalischen Zuständen eine Krise eingetreten, welche zu\neiner gänzlichen Umgestaltung zu führen scheint.\nSchumanns Directions-Unfähigkeit zeigte sich in der Aufführung\nder Hauptmann sehen Messe und im ersten unserer diesjährigen\nAbonnements-Concerte, wie wir mittheilten, in so grellen Farben,\ndass die Concert-Direction sich genöthigt sah, Schumann vorzu-\nschlagen, er möge seine praktische Thätigkeit auf die Direction sei-\nner eigenen Werke beschränken. Obgleich man diesen Vorschlag\ndurch die schonendsten Andeutungen zu motiviren suchte, so ist\nes doch kaum zu bezweifeln, dass Schumann bei der gereizten\nWeise, in welcher er ihn aufnahm, im nächsten Frühjahre seinen\nVertrag kündigen und, wenn man den Aeusserungen seiner nahen\nFreunde glauben darf, das undankbare Düsseldorf auf immer ver-\nlassen wird. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, den ge-\nnialen Tondichter, den wir als solchen hochverehren, nicht mehr\nden Unsrigen zu nennen; wir werden den bezaubernden Tönen\nseiner Gatlm nicht länger entzückt lauschen können und doch\nmüssen wir es als eine glückliche Wendung der Dinge betrachten,\nwenn wir Schumann am Directions-Pulte nicht wieder erblicken.\nWährend Schumann auf einer Kunstreise in Holland war, wurde\ner durch Tausch vertreten. Tausch übernahm die Direction der\ndrei letzten Concerte und wird die der vier folgenden erhalten,\nwenn, wie wir im wahren Interesse von Schumann wünschen und\nhoffen, die Bemühungen seiner verblendeten Freunde, ihm den\nverlorenen Boden wieder zu gewinnen, ohne Erfolg bleiben.\nIm ersten Concerte unter neuer Leitung hörten wir die Ouver-\ntüre zu Anakreon von Cherubini, die Arie „Ich grausam\" ans Mo-\nzart's Don Juan, Mendelssohns Musik zum Sommernachts-Traum\nmit verbindendem Gedichte von v.Vinke und die C-mo//-Sinfonie von\nBeethoven. Tausch bewies von Neuem, dass er alle Eigenschaften\nvereinigt, um bei geeigneter Uebung ein ausgezeichneter Dirigent\nzu werden. Bei seiner Sicherheit und Ruhe schien das Orchester\nfrei aufzuatmen, sich der eigenen Kraft wieder bewusst zu wer-\nden, und so führte es Ouvertüre und Sinfonie mit einer Frische\nund Wärme auf, die ihm und dem Dirigenten zur Ehre gereicht\nund unserem für grössere Tonwerke anscheinend erkalteten Publi-\ncum lebhafte Zeichen des Beifalls entriss. Weniger gelungen waren\ndie übrigen Nummern des Programms. Fräulein Karl von Berlin,\nan unserer Bühne engagirt, besitzt eine schöne, frische Stimme und\nTalent für Auffassung und Darstellung, ist indess in Benutzung\nihrer Mittel noch Anfängerin und hatte sich desshalb in der Arie\naus Don Juan eine offenbar zu hohe Aufgabe gestellt. Wir em-\npfehlen der begabten jungen Künstlerin, namentlich für den Con-\ncert-Vortrag Compositionen zu wählen, denen sie vollkommen ge-\nwachsen ist, und vor Allem sich an Passagen und Triller nicht\neher zu wagen, als bis sie dieselben leicht und sicher auszuführen\ngelernt hat. Die originelle und reizende Musik zum Sominernachts-\nTraum wurde in den rein instrumentalen Sätzen sehr gut ausge-\nführt; Fräulein Karl bewegte sich indess in der Sopran-Partie,\nworin sie einige Stellen durch Unsicherheit und unreine Intonation\ngänzlich verfehlte, so schwerfällig, dass sie, im Verein mit den\nDamen des Chors, welche ihrem Beispiel treulich folgten, uns aus\ndem Conccrtsaale in das duftige, anmuthige Reich der leichten El-\nfen nicht zu zaubern vermochte. Im Orchester traten die feinen\nSchattirungen meist trefflich hervor; Tausch wusste es so zu be-\nherrschen, dass es endlich wieder einmal zart und discret accom-\npagnirte. So brachte denn das Conccrt des Gelungenen in so rei-\nchem, ungewohntem Maasse, dass das Publicum mit dem Gefühle\ngrosser Befriedigung den Saal verliess.\nIm folgenden Concerte hörten wir Handels Samson. Obgleich\ndas Werk keine grossen Schwierigkeiten enthält, so bestätigte sich\ndoch die Befürchtung, dass unsere Chorkräfte dafür nicht ausreichen\nwürden. Das gegenseitige Verhältniss der Stimmen ist darin ein\nsehr unglückliches; Sopran, Alt undßass sind stark, der Tenor da-\ngegen so schwach besetzt, dass man ihn häufig nicht zu hören\nvermag. Ehe für ihn neue Kräfte gewonnen sind, muss allein an\ndiesem Umstände jede genügende Wirkung des Chors scheitern.\nAber auch nicht eher sollte man umfangreichere Werke öffentlich\naufführen, als bis in den übrigen Stimmen, namentlich im Sopran, die\nSicherheit wieder gewonnen ist, ohne welche ein Gelingen ins Ge-\nbiet der Unmöglichkeit gehört. Unsicherheit, unbestimmte, oft nur\nvon einzelnen Stimmen eingeleitete Einsätze, mühsames Hinauf-\nschleppen der Töne in die höheren Lagen, unreine Intonation herr-\nschen vor, und während sich in leichteren Sätzen die Stimmen in\nübertriebener Weise breit machen, verschwinden sie, wo Rhythmus\nund Stimmführung schwieriger sind, fast gänzlich unter der Beglei-\ntung des Orchesters. Die Aufführung des Samson brachte leider\neine lange Reihe aller dieser Fehler. Die Soli waren dagegen gut,\nzum Theil ausgezeichnet besetzt. Herr N. sang den Samson, und\nwenn ihn auch eine Indisposition verhinderte, die Partie mit der\nerforderlichen Kraft durchzuführen, so erkannte man doch in jeder\nNummer den gebildeten Sänger. Die Partie der Dalila wurde von\neiner unserer Dilettantinnen mit vollem, ausgiebigem Sopran sicher\nund kräftig vorgetragen, während für die der Micah Frau Finndorf\nvon Crefeld gewonnen war. Die Künstlerin besitzt einen mächtigen,\nbreiten Contre-Alt, welcher ihr bei vollständiger Durchbildung und\ngrösserer Wärme der Auffassung eine bedeutende Zukunft ver-\nspricht. Einstweilen machen sich noch manche Schwächen in ihrem\nGesänge bemerkbar. Frau Finndorf führt die Deutlichkeit der Aus-\nsprache nur theilweise durch; eine Art von Druck auf jeder ein-\nzelnen länger gehaltenen Note schadet dem Zusammenhang, der\nBindung der melodischen Phrase, und wenn sie auch durch ihr\nimponirendes Material bei ihrem hiesigen Auftreten einen günstigen\nEindruck hervorrief, so schadet doch eine nasale Färbung des To-\nnes der dramatischen Wirkung ihres Gesanges und gibt demselben\neinen monotonen Charakter. Für die Partie des Manoah war in\nHerrn DuMont-Fier, den wir erst in diesem Concerte kennen lern-\nten, ein trefflicher Darsteller gewonnen. Mit ausgezeichneter Stimme"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "214", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.6", "texte": "von echtem Klanggepräge des liefen Basses und seltenem Umfange\nverbindet er grosse technische Gewandtheit und Sicherheit. Der\nVortrag ist voll Leben und Kraft, und die bedeutendsten Stellen\nseiner Partie, namentlich die Klage über Samsons Tod: „Doch ist\nauch er auf ewig uns entrissen /\" waren von ergreifender Wirkung.\nWir können indess nicht verhehlen, dass wir uns mit dem Tone\ndes Herrn DuMont-Fier nicht völlig befreunden können, weil er\nuns in etwa hohl erscheint. Dieses und eine leicht zu beseitigende\nAngewöhnung beeinträchtigen die im Uebrigen künstlerische Voll-\nendung seines Gesanges. Während nämlich Herr DuMont-Fier\nmeist mit schönem Ton-Ansatz singt, weicht er davon auffallender\nWeise häufig ab, indem er den Ton eine Terz, ja, Quarte tiefer\nansetzt und von da zu der vorgeschriebenen Tonstufe hinaufzieht.\nDieses Ziehen fand z. B. in dem letzten Rccitativ des Manoah:\n„Kommt, kommt und stillet eure Klagen nun, denn Samson s\nFall war eines Samson werth; er blieb im Tode Sieger.\n> * >\nGepriesen sei der Herr, der ihm den Sieg verlieh!\"\n> x \\\nan den unterstrichenen Stellen Statt, während die übrigen vollkom-\nmen schön ausgeführt wurden. Wir können nicht unterlassen,\nHerrn DuMont-Fier auf diese Abweichung von corrcctcm Ansatz\naufmerksam zu machen.\nDie Aufführung des Werkes, in welchem der grösste Theil der\nWirkung von den Chören abhängig ist, hinterliess im Ganzen, trotz\ndes vielen Ausgezeichneten in den Solis, einen höchst unbefriedi-\ngenden Eindruck. Die Ursachen des Verfalls unserer Vocalkräftc\nwiesen wir in unseren früheren Berichten nach; sie fallen nicht\nTausch zur Last, der es gewiss dahin bringen wird, den Gesang-\nVerein wieder zu heben. Wir geben ihm indess zu bedenken, dass\nes nicht das Werk von Wichen und Monaten, sondern von\nJahren sein wird, alle Schäden auszuwetzen. Wir rathen Tausch\nwiederholt an, die Musikstücke für öffentliche Aufführung nach den\nvorhandenen Mitteln und ihrem Bildungsgrade zu wählen und sich\nkeine anderen von irgend einer Seite octroyiren zu lassen. Auffüh-\nrungen, wie die besprochene, haben doppelt traurige Folgen: sie\nverscheuchen die tüchtigen Chorkräfte vom Orchester und unter-\ngraben den Sinn für ernste Musik im Publicum, das die Lange-\nweile dem Werke, statt der mangelhaften Aufführung zuzuschrei-\nben pflegt.\n(Schluss folgt.)\n\nAus Bern.\n\nIm Deccmber 1853.\nEs ist schon einige Zeit her, dass ich Ihnen für Ihr vielgelese-\nnes Blatt einen Bericht schickte über das musicalische Leben und\nStreben hier in der Hauptstadt des neuen Schweizerbundes. Lassen\nSie mich heute an jenes anknüpfen.\nUnsere Verhältnisse, unsere moderaten natürlichen Anlagen des\nOhrs und der Kehle, unsere durch praktische Thätigkciten be-\nschränkte Zeit das ist alles noch ungefähr dasselbe. Noch immer\nspürt man ferner den Einfluss des deutschländischcn Elementes\ndurch die ziemlich zahlreiche Immigration besonders im Lehrer-\nfach (Universität, Gymnasien). Wenn früher in Zeiten des Patriciats\ndie ambulante Oper zur Wintersaison fast nur das französische\nVaudeville „pfeifen\" durfte, so hat jetzt doch ein viel ernsterer Ge-\nschmack Platz gegriffen. So auch in der reinen Musik, in unse-\nrem Conccrtwesen. Abgesehen von dem Uebelstande, den al-\nles vorherrschende Dilettantenthum (ausser etwa in Böhmen, wo\neben alle Dilettanten Musiker sind) mit sich bringt, der alle unbe-\nzahlten, unobligaten Liebhaber-Vereine begleitet: dass das Gute\nund Grosse immer nur mittelmässig geboten wird, dass mit den\nMängeln der Execution stets ein Theil der Wirkung des gewählten\nWcrthvollcn verloren geht abgesehen hiervon, ist die gegenwär-\ntige musicalische Situation hier in Bern so schlimm nicht. Und\ndas ist hauptsächlich auch, hier wie anderwärts, einzelnen Persön-\nlichkeiten zu verdanken. Ohne Aufregung geht, wenigstens in der\nKunst, nichts, und es bedarf in dem regelmässigen Getreibe des\nUhrwerks einer Unruhe. Der nie ermüdende Eifer eines Man-\nnes, den ich Ihnen schon früher genannt habe, hält hier besonders\ndas Interesse wach, erweckt neue Beziehungen, ruft selbst die un-\nentbehrlichen Gegensätze hervor.\nEs ist der Musik-Director Julius Edele aus Würtemberg.\nSeine Compositioncn, durch ihre Solidität, ihren guten Stil, ihre\ntiefeingehende Instrumenten-Kcnntniss ausgezeichnet, fangen an»\nauch in Deutschland bekannt zu werden. Von seinem Melodrama:\nDie Kraniche des Ibykus, seinen Liedern ohne Worte etc. wissen\nSie. Aber unähnlich Anderen, die immer nur ihre und ihre\nMusik dem Publicum darreichen, geht Edele's Streben in Bern da-\nhin, die älteren gediegenen Schätze der Tonkunst in Cours zu\nbringen. Dafür hat er vorigen Winter eil en eigenen Verein gestif-\ntet, der die besten und wärmsten Kräfte des musicalischen Publi-\ncums bald in sich schloss, dessen Ziel hauptsächlich Aufführung\nalter classischer Musikstücke ist. So hörte man vorigen Winter\nSachen von J. S. Bach, der jetzt vielleicht hier und da aus alter-\nthümelnder Moderiehtung wieder aufkommt, dessen hoher Ernst\naber, dessen strenge Wissenschaft bei Tiefe der Empfindung gar\nwohl unseren Heutigen als mahnender Finger gegen eitle Vcrir-\nrung vorgehalten werden darf. Edele gab Psalmen von Marccllo,\ndem Bach verwandten Geiste; Gesang von Stradclla, Lotti, Pa-\nlestrina und Ph. Em. Bach. Doch ausschliesslich wird in dem Ver-\neine dieses ältere, elassisch par excellence genannte Gebiet durch-\naus nicht cultivirt. Wie die Antike zu den Cinquecentisten, so ver-\nhalten sich jene zu Ilaydn, Mozart, Beethoven. Um letzteren\nnamentlich, um die Eröffnung seines Verständnisses, die erwei-\nterte Kenntniss seiner Werke ist es Edele zu thun. Er weiss\nwohl, wenn man einmal Beethoven hat, hat man Alles: das Haupt\ndes Janus, den Blick vorwärts in das Gute alles Neueren, den Rich-\nter des prätentiösen Neuesten und die Einsicht rückwärts in\ndas geistige Wesen der Früheren. Mit Beethoven wie mit Dante\nwird man heimisch in Himmel und Hölle wo bleibt man dann\nnoch Fremdling?\nDieses innige Interesse an Beethoven, in den sich Edele ganz\nhineingelebt hat, brachte nun diesen Musiker zu einem Gedanken,\ndem er in seinem ersten Vcreins-Concert dieses Winters vor eini-\ngen Tagen Fleisch und Bein gab. Er führte eine Clavier-\nsonate Becthoven's als Instrumentalstück aus und\nauf. Er wählte dazu jene herrliche F-?/ioZ/-Sonate Op. 2, eines der\nfrüheren Werke Becthoven's, aber von seinem eigensten gewaltigen\nGeist erfüllt. Neben anderen ansprechenden und Beifall hervorru-\nfenden Nummern dieses Concertes war es doch besonders diese,\ndie lauten, nicht endenwollcnden Applaus erweckte. Und es war in\nder That, als höre man Beethoven selbst in seiner Handhabung\nder verschiedenen Instrumente, mit seiner Vertheilung von deren\nRollen, mit seinen vielen und feinen Nuancirungen derselben.\nUnd doch war es auch wieder dieselbe Sonate, nichts von ihr\nund nichts zu ihr gethan, nichts Fremdartiges dabei, dasselbe Ge-\nsicht des Kindes aber vollendet in den Zügen des Erwachsenen.\nEs war dieselbe Sonate aber hier hörte man sie im hohen,\nweiten Saal, diesen erfüllend, hörte sie mit Hunderten von entzück-\nten Ohren gemeinschaftlich. Wirklich war es ein merkwürdiger\nReiz. Jemand von Fach meinte nachher, es sei ihm jetzt, als habe\nBeethoven ein Decimctto (fünf Saiten- und fünf Blas-Instrumente\nwendete E. an) componirt, und die F-mo/Z-Sonate sei ihr Arran-\ngement fürs Clavicr. Ein starkes Compliment für Edeile, aber doch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "215", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.7", "texte": "lli seinem Grunde nicht unwahr und nicht so ungeheuerlich, wie\nes etwa einem Autoritäts-Fanatiker, einem enragirten Beethovianer\nvorkommen mag, „der auf des Meisters Worte schwört.\" Die\nStimme eines solchen glaubte ich gestern in einem bedeutenden\nSchweizerblatte, dem „Bund\", zu erkennen, wo aus Veranlassung\neiner kurz vorher laut gewordenen anerkennenden Aeusserung über\ndiese Arbeit Edele's eine abweisende Kritik gegen dieselbe geführt\nwird. Diese Kritik ist mit so viel sachkennerischer Scheinbarkeit\ngehandhabt, dass es schon der Mühe werth erscheint, in Ihrem\nOrgane den Punkt weiter zu besprechen. Der Verfasser derselben\ntadelt nämlich nicht sowohl Edele's Arbeit selbst, als diese Art\nüberhaupt, Claviersachen instrumentalisch zu „arrangiren\". Schon\ndieser Ausdruck ist schief; denn Arrangiren lässt sich von einem\nsolchen Uebertragen in eine reichere höhere Form nicht wohl sa-\ngen. Arrangiren ist mit Rcduciren, Zusammenziehen immer prak-\ntisch gleichbedeutend. Der kurze Sinn jener Kritik heisst: Wollte\nBeethoven etwas für Instrumente schreiben, so that er es selbst; wo\ner es nicht that, sondern für Clavicr schrieb, war das auch nur\nfürs Ciavier. Und zu beweisen glaubt der Verfasser diese Behaup-\ntung mit der Frage: „Oder tragen Becthoven's Clavier-Compositio-\nnen nicht den Stempel der Subjectivität, während seine Orchester-\nwerke objcctiv gehalten sind?\" Hier liegt nun einfach ein Irrthum\nüber die Natur des Instrumentes zu Grunde. Das Clavicr\nist kein subjcctives Instrument, wie die Flöte etc., sondern eben\nein objectivcs; es ist Orchester-Surrogat. In dieser Beziehung\nist eine grossartige Clavier-Composition nichts Anderes als die Skizze\nder Gedanken, die der Musiker rasch ins Clavicr niederlegt, wie\nder Maler sein später und meist durch seine Schüler aus-\ngeführtes chromatisches Wandgemälde mit schwarzer und weisser\nKreide auf grau Papier. Zur Ausführung eines ganzen Orchester-\nStückes braucht der Musiker natürlich mehr Zeit als zum Nieder-\nschreiben seiner Composition fürs Ciavier. Bei der Ehre, die sich\ndas Ciavier mehr und mehr mit Reeht erwarb, erhielt es auch mehr\nund mehr die besondere Berücksichtigung der Componisten, be-\nsonders wenn sie selber tüchtige Clavierspieler waren, wie Beetho-\nven; und sicher sind an ihn wie an andere oft Forderungen von\naussen gestellt worden, Dieses und Jenes fürs Ciavier zu schreiben.\nSollte nun da der Künstler allemal erst den Gedanken, der ihn\nbewegte, in einer weitläufigen Instrumental-Arbeit ausführen und\ndann erst sein Clavicr-Arrangement nach derselben machen? Wi-\ndersinnig. Er machte seine Skizze, sorgfältig, trefflich, so dass sie\nfür sich als Skizze vollendet ist, und gab sie hin, ohne später sich\nan die instrumentale Ausführung derselben zu machen, wo andere\nGedanken ihn beherrschten, denen er dann, oft auch wieder äus-\nserlich bestimmt durch Zeit und Müsse, durch günstige Verhältnisse\nüberhaupt, seine liebste Form, die reiche, fertige des Instrumen-\ntal-Werkes gab. Denn jeder so grosse Musiker, wie Beethoven, ist\nwesentlich Instrumcntal-Componist, wie der grosse Maler sich stets\nzur monumentalen, zur Wandmalerei hingezogen fühlt. Wenn der\nVerfasser der Kritik dann noch sagt: „Solches Arrangiren kommt\nmir vor, als wolle man eine Arie für mehr als Eine Stimme\nBetzen, einen Monolog von vielen Personen sprechen lassen, ei-\nnen meisterhaften Kupferstich coloriren\" so ist da noch zu\nerwidern: dass Arie und Monolog ihrer Natur nach Solo's sind,\ndas Ciavierstück aber seiner Natur nach (wie oben bemerkt) mehr-\nstimmig ist, zwar von einem Spieler gespielt, aber von mehreren\nzusammenwirkenden Geistern innerlich getragen, die der Compo-\nnist wirksam werden lässt. Dazuhin ist die Arie wieder kein sol-\nches Solo; denn wir wissen eben von den besten, dass der ei-\nnen Menschenstimme der Tondichter oft eine bedeutende mehr-\nstimmige Geister-Umgebung in der Instrumental-Musik beifügt. Der\nmeisterhafte Kupferstich aber das ist der schwächste Vergleich\nist nichts Primitives. Er ist ja selbst eine Arrangirung\nSchwarz in Weiss eines meist grösseren Gemäldes. Umgekehrt ist\naber Edele's Arbeit und diese Art überhaupt; sie ist vielmehr die\nAusführung als Gemälde der geistreichen primitiven Skizze. Mag\nes sein, dass Wenige sich zu solcher Arbeit hingeneigt fühlen, die\nbedeutende Tüchtigkeit und bescheidene Resignation zugleich er-\nfordert. Wer mit solchem Geschick daran geht, wieEdelc, der mag\nwohl auf diesem Wege fortfahren. Denn haben Sic Sich nicht\nauch schon gesehnt, den Kreis der nur etwa zwölf grösseren In-\nstrumental-Werke Beethoven s noch erweitert zu sehen ? Würden\nSie den Meister nicht jubelnd begrüssen, der zu den neun Sinfo-\nnieen Becthoven's noch ein halb Dutzend andere gleichen Geistes\nfügte ? Sechs wenigstens aber seiner grossen Clavier-Sonaten werden\nsich sicher zu dieser Erweiterung des herrlichsten Kreises eignen.\nWie klein ist verhältnissmässig die Zahl empfänglicher Ohren und\nHerzen, der es durch äusserliche Verhältnisse vergönnt wird, diese\nCla vier stücke zuhören, verglichen mit der Zahl derer vom con-\ncertbesuchenden Volke in grösseren und kleineren Städten, dem\nBeethoven allmählich bekannt und ein gefeierter Liebling bereits\ngeworden ist!\nEdele soll, wie ich höre, bereits mehrere andere Sonaten Beet-\nhovcn's in ähnlicher Weise zu verarbeiten angefangen haben. Es\ndäucht mich der Mühe werth zu sein, dass auch das deutsche mu-\nsicalische Publicum dieser Thätigkeit eines Landsmannes Aufmerk-\nsamkeit schenke, deren Bedeutung ich in diesen Zeilen zu ent-\nwickeln versucht habe *).\n\nL.\n\nErstes Concert des Männergesang-Vereins\nin Köln\nim Casinosaale.\nMontag, den 26. December.\nUnser Männergesang-Verein hat für den Winter wiederum ein\nAbonnement auf drei Concerte eröffnet, und nie ist die Theil-\nnahme des Publicums so zahlreich gewesen, als dieses Jahr. Der\ngrosse Saal des Casino war erdrückend voll am 26.; sowohl der\nuntere Raum als die Galerie konnten, buchstäblich genommen, keine\nZuhörer mehr fassen.\n\n*) Der geehrte Herr Correspondent scheint, wiewohl er in einer\nNachschrift einräumt, dass der Gedanke von dergleichen Be-\narbeitungen nicht neu sei, und auf Ritter Seyfried's Ueber-\ntragung der Mozart'schen C-mo/Z-Fantasic und Sonate ver-\nweist, die mancherlei Arbeiten ähnlicher Art, die aus Beet-\nhoven'schen Ciaviersachen gemacht sind, nicht zu kennen, wie\nz. B. aus demselben Op. 2 das Largo der 11. und das Ada-\ngio der 111. Sonate für Orchester von Seyfried, aus Op.\n12 das Andante und Rondo der 11. und das Adagio der 111.\nSonate, die Sonate pathetique als Noneito, ferner für gr. Or-\nchester von Dörfeldt und neuerdings von Schindelmeis-\nser, aus Op. 14 das Scherzo der I. Sonate für Orchester von\nBalde necker, Op. 17 die Sonate in F-dur mit Horn für\nzwölf Instrumente von Ebers, u. s. w. u. s. w. Was seine\nMeinung über Ciaviermusik und namentlich Bcethovcn'sche\nbetrifft, so können wir sie nicht theilen jedenfalls ist es eine\neinseitige Ansicht, das Pianoforte nur alsein „Orchester-Surro-\ngat\" zu betr jede Composition für dasselbe als eine\nSkizze zu bezeichnen. Der Herr Verfasser frage sich nur\nselbst, was für Zerrbilder entstehen würden, wenn man die\nspäteren grossen Clavier-Sonaten Beethovens, z. B. Op. 53\nin C, Op. 57 in F-moll, Op. 101 in A-dur> Op. 106 in B-dur,\n109 111 für andere Instrumente oder gar für Orchester be-\narbeiten wollte! D i e 11 ed."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "216", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18531231-01.1.8", "texte": "Der Verein brachte mehrere neue Compositioncn, welche zum\n1 heil ihm gewidmet waren, zu Gehör, was eben so, wie die Mit-\nwirkung von Frl. Sophie Schloss und den Herren Jakob Of-\nfenbach und Ed. Franck, dem Coiicertc einen besonderen Reiz\ngab. An die Spitze jener Compositioncn müssen wir F. Hiller's\n„Abendgruss44 stellen; dann möchten wir C. Reineckc's „Früh-\nling ohn Ende44 (das vom schwäbischen Sängerbünde gekrönte\nPreislied), Fr. Silcher's „Grablied zur See44 und Kücken's „Am\nNeckar, am Rhein!44 folgen lassen. Was den Vortrag betrifft, so\nbewährte der Verein unter seinem tüchtigen Dirigenten, Herrn\nMusik-Director F. Weber, im Ganzen seinen Ruhm. Aber gerade\ndieser Ruhm verpflichtet ihn eben so sehr zur gewissenhaftesten,\nsorgfältigsten Pflege desselben, als er das Publicum und die Kritik\nzu den höchsten Anforderungen gewöhnt hat. Wenn es eine Ehre\nist, dem kölner Männergesang-Vereine anzugehören, so ist es dop-\npelte Pflicht, diese Ehre nicht bloss in den Titel der Mitgliedschaft\nzu setzen, sondern sie durch das eifrigste Streben im Dienste des\nGanzen zu wahren und zu erhöhen. Auch der beste Sänger\nkann störend in ein Ganzes eingreifen, wenn er nicht\ndie Schattirungen des Vortrags nach der Auffassung des Dirigenten\nkennen gelernt und mit allen Anderen zusammen studirt hat. Wir\nwerden schwerlich irren, wenn wir es allein der unvorberei-\nteten Mitwirkung mehrerer Sänger zuschreiben, dass die Präcision\n(z. B. in dem Kücken'schen Liede), die scharf markirten Einsätze\n(in der Klein'schen Motette), das Wachsen des Cres-\ncendo in der „Nachthelle44 von F. Schubert (in welcher das Solo\nvom Tenor sehr schön vorgetragen wurde) nicht mit derselben\nVollendung wie sonst hervortraten.\nFrl. Sophie Schloss trug „Mein Herz ist im Hochland44 von\nHill er, „Du bist mein44 von Mar sehn er, und zwei Compo-\nsitioncn von J. Offenbach mit jener schönen, überall gleichen\nStimme und jenem seelenvollen Ausdrucke, der nur durch die voll-\nkommenste Tonbildung zu erreichen ist, vor. Das erste Lied von\nOffenbach, „Lebe wohl!44 hat eine ansprechende Melodie, welche\nnur zuletzt durch Zierathen entstellt wird; das zweite, „Kathrein,\nwas willst du mehr?44 nicht etwa ein humoristisches, sondern sehr\nsentimentales Lied, soll „im Volkstone gehalten44 sein eine Leier-\nkasten-Melodie ist aber desshalb noch lange keine Volks-Melodie\nim edleren Sinne. Nur der treffliche Vortrag machte sie einiger\nMaassen geniessbar.\nHerr Jakob Offenbach spielte eine „Concert-Phantasie über\nThemata aus Wilhelm Teil und dem Barbier von Sevilla für Vio-\nloncello44 von seiner Composition. Wir haben die ausserordentliche\nTechnik dieses berühmten Virtuosen und die feinen, ja, überfeinen\nNuancen seines Spieles bewundert und gestchen, dass er vortrefflich\nHorn, Clarinette, Flöte und Flagcolet bläs't, auch Violine spielt,\naber bedauern, dass wir kein Violoncell gehört haben. Etwas Tri-\nvialeres als die so genannte Composition der so genannten „Phan-\ntasie44 ist uns selbst in diesem trivialen Salon-Genre lange nicht\nvorgekommen. Herr Offenbach ärntete lebhaften Beifall und wurde\ngerufen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln, 30. Dec. Gestern wurde im Stadt-Theater der Tann-\nhäuser zum Besten der Armen gegeben. Es war die achte Vor-\nstellung; die siebente vor etwa acht Tagen war leer; die gestrige\nhatte trotz des Zweckes und der Mitwirkung des Männergesang-\nVereins bei den Chören (hinter der Scene) das Haus bei Weitem\nnicht ganz gefüllt.\nTherese Milanollo hat am 17. Deeember ihr erstes Con-\ncert in Frankfurt gegeben. Sie geht nach Petersburg. Die Ge-\nbrüder Wieniawski haben in München gespielt.\nIn Detmold ist Bcrlioz Sinfonie „Romeo und Julie\" bei\nHofe aufgeführt worden; die fürstlichen Personen haben beim Ge-\nsänge mitgewirkt. Der Capellmcister Kiel dirigirte.\nIn London ist man mit der Restauration des Theaters der\nKönigin beschäftigt, was vermuthen lässt, dass die Benutzung des-\nselben in der bevorstehenden Opernzeit wieder Statt finden wird."}]}