{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-01-21-01", "volume": "bmtnabi_1854-01-21_01", "ocr_sha256": "09256ba2c48c74feef8da21e1dc3f58395d0242d73e72c2a44b4c1126cfc2a6b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/01/21_01/bmtnabi_1854-01-21_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-01-21-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-01-21_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "17", "page_fin": "21", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.2.1", "titre_corps": "Friedrich Schneider.", "titre_sommaire": "Friedrich Schneider.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3989, "texte": "Friedrich Schneider.\n\n(Schluss. S. Nr. 2.)\nDen dritten Theil des Weltgerichtes besprach Rochlitz\nmündlich mit dem Componisten, wie aus einem kleinen\nBriefe in der vorhandenen Correspondenz zu ersehen ist.\nAuch war die Nummernfolge der einzelnen Musikstücke in\ndem Manuscripte eine andere, da sie bei jedem Theile wie-\nder mit Nr. 1 begann; mit Nr. 6 im zweiten Theile meint\nRochlitz oben offenbar die Fuge Nr. 14 u. s. w. u. s. w.\nBei den ersten Proben am Ciavier waren Schicht und Roch-\nlitz zugegen, und erst nach den günstigen Urtheilen dieser\nMänner wagte der bescheidene Tondichter mit seinem\nWerke in die Oeffentlichkeit zu treten, und mit welch\neinem Wrerke! während in unseren Tagen oft ganz un-\nbedeutende Erzeugnisse mit einer Anspruchsfülle und Selbst-\ngenügsamkeit in die Welt geschickt werden, die sich nicht\nbloss mit der Veröffentlichung begnügt, sondern uns noch\ndurch Programme und ästhetische Abhandlungen belehren\nwill, wie wir den tiefen Inhalt jener Erzeugnisse eines sich\nselbst vergötternden Talentes zu begreifen und zu beur-\ntheilen hätten.\nDas Weltgericht wurde zum ersten Male im Jahre\n1820 zu Leipzig aufgeführt und erlangte bald eine\nTheilnahme und Anerkennung in ganz Deutschland, wie\nsie lange kein Werk in solcher Einstimmigkeit und in sol-\nchem Maasse gefunden hatte. Es verdankte diesen grossen\nErfolg einzig und allein sich selbst; weder schreibende und\nschreiende Propagandisten, noch wandernde Missionen tra-\nten dafür auf, aber dennoch war in den nächst folgenden\nJahren kaum ein Musikfest ohne Schneider's Weltgericht\ndenkbar. Die Verschmelzung des dramatischen und des\nbisherigen oratorischen Stils, der Reichthum an Melodieen,\nwelche, wenn auch nicht genial erfunden, doch einem sel-\ntenen Talente für Gesang-Composition entströmt waren\nund durch Einfachheit und natürlichen Fluss auf der Stelle\nfür sich einnahmen, die Einführung der vier Engelstimmen\nals Vocal-Solo-Quartett und des Posaunen-Quartetts im\nOrchester, die durchweg selbstständige, mit den zartesten\nMelodieen einzelner Soli verzierte Instrumental-Begleitung,\ndie grosse Klarheit der Harmonie bei aller Neuheit und\nFülle der Instrumentirung, endlich die hohe Meisterschaft\nin der polyphonen Schreibart, welche es dem Tondichter mög-\nlich machte, unvereinbarliche Mächte, wie die strenge Form\nder Fuge und die frei schaffende Phantasie, zum Bündnisse\nzu zwingen das waren im Allgemeinen die Vorzüge,\nwelche das neue Oratorium zu einer Berühmtheit trugen,\nwie sie seit den Zeiten von Haydn's „Schöpfung\" und\n„Jahreszeiten\" nicht da gewesen war.\nEs ist unmöglich, alle die Orte aufzuzählen, an wel-\nchen das Werk schon in den nächsten Jahren aufgeführt\nwurde; es brach sich nicht langsam, sondern mit Einem\nMale Bahn. Nach der ersten leipziger Aufführung waren\nnoch im Jahre 1820 die Aufführung auf dem Musikfeste\nzu Quedlinburg unter Spohr's Leitung, dann im Jahre\n1821 die zu Köln, welches damals an den Pfingst-Feier-\ntagen zum ersten Male das Niederrheinische Musikfest in\nseinen Mauern feierte und Schneider's Weltgericht zur\nFest-Einweihung wählte, und die zu Dessau am 24. Oc-\ntober die hervorragendsten. Die letztere leitete der Com-\nponist selbst, der seit einem halben Jahre bereits die dor-\ntige Capellmeister-Stelle bekleidete und die Einnahme des\nAbends sie betrug 600 Thlr. zur Gründung eines\nPensions-Fonds für die Witwen der Capell-Mitglieder be-\nstimmt hatte. Uebrigens gab es wohl keine einzige Stadt\nin Deutschland, welche nur einen Gesang-Verein besass, in\nwelcher nicht in dem nächsten Jahrzehend das Weltgericht\nwenigstens am Ciavier gegeben worden wäre, während an\nvielen Orten aussergewöhnliche Kräfte zu glänzenden Auf-\nführungen vereinigt wurden, von denen Schneider die zu\nBerlin, Magdeburg, Altenburg, Luckau, Halle, Braun-\nschweig, Erfurt, Bernburg, Kothen, Rathenau u. s. w. selbst\ndirigirte.\nDie Composition des Weltgerichts wurde für Schnei-\nder nicht nur die bedeutendste Stufe zu seiner Berühmt-\nheit als Tondichter, sondern auch zu einer höchst ehren-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5047, "texte": "vollen, einflussreichen und für die Kunst wirksamen Stel-\nlung im Leben. Und merkwürdiger Weise führte nicht\nbloss der innere Werth des Werkes diese Veränderung in\nseiner Berufsstellung herbei, sondern es knüpfte sich auch\nan eine Aufführung desselben die verhängnissvolle äussere\nVeranlassung dazu. Es war dies die eben erwähnte Auf-\nführung zu Quedlinburg. Dorthin strömte eine Menge von\nKünstlern zusammen, um das neue Werk zu hören, unter\nihnen auch der herzoglich dessau'sche Musik-Director Rei-\nnecke. Auch Schneider war unter den Zuhörern, da, wie\nschon gesagt, Spohr dirigirte. Auf dieser Reise kam Rei-\nnecke durch einen unglücklichen Sturz mit dem Wagen\nums Leben, und der Herzog von Dessau berief Schneider\nals Capellmeister und Organist an der Schlosskirche nach\nDessau. Rochlitz schreibt ihm bei dieser Gelegenheit unter\nAnderem (am 24. December 1820):\n„Nun Glück auf denn, mein lieber Freund! Ich denke\nnicht mehr daran, wie viel wir verlieren, sondern daran,\nwie viel Sie gewinnen, und so freue ich mich unverküm-\nmert und von ganzem theilnehmendem Herzen. Der ganze\nGang dieser Angelegenheit ist so einfach und dabei so\nausserordentlich, dass ich darin eine recht offenkundige\nLeitung der Vorsehung sehe. So werden Sie es auch neh-\nmen und eben darum desto mehr innerlich gesichert und\ndesto glücklicher sein.\"\nAm 1. März 1821 kam Schneider zum Antritte sei-\nner neuen Stellung nach Dessau und wurde von dem Hofe\nund den Künstlern und Kunstfreunden aufs freundlichste\nund ehrenvollste empfangen.\nEr fand in Dessau einen Boden, der für alles, was\nKunst iieisst, vortrefflich vorbereitet war. Hier hatte der\nGeist eines der edelsten und hochgebildetsten deutschen\nFürsten, des Herzogs Leopold Friedrich Franz, in\neiner beinahe sechszigjährigen Regierung gewaltet. Ihm\nwar nichts fremd, was die höchsten Interessen der Mensch-\nheit berührt, und während er das materielle Wohl seines\nLandes durch geordnete Verwaltung, Anlage von Kunst-\nstrassen, Verbesserungen des Landbaues u. s. w. zu einem\nbeneidenswerthen Zustande erhob, vergass er nie und nir-\ngends die Förderung von allem, was jene unsichtbaren\nGüter des Lebens schafft, die nur durch Wissenschaft und\nKunst errungen werden können, und wirkte in dieser Hin-\nsicht weit über die engen Gränzen seines Erbes hinaus.\nBereichert mit den Eindrücken, welche mehrfache Reisen\ndurch Italien, die Schweiz, Frankreich, Holland und Gross-\nbritannien ihm gegeben, verwirklichte er in seiner Heimat\nin den gegebenen Verhältnissen die Ideen des Nützlichen,\nGuten und Schönen, welche Kopf und Herz bei ihm ein-\nnahmen. Wras er für Gartenkunst, Architektur und bildende\nKunst gethan, ist weltbekannt; wir erwähnen für unseren\nZweck nur noch im Besonderen die Gründung der Capelle\nund des Theaters. Sein hochherziger Sinn war auf seinen\nEnkel Leopold übergegangen, welcher seit seinem Re-\ngierungs-Antritte im Jahre 1817 alle die vom Grossvater\ngepflanzten Keime mit edler Pietät und eigener Vorliebe\nfür die Kunst gepflegt hat.\nHier also, an einem für Kunst jeglicher Art empfäng-\nlichen Orte, fand Schneider einen Wirkungskreis, in wel-\nchem er es sich zur Aufgabe machte, die musicalische Bil-\ndung in allen Kreisen zu fördern und auf eine hohe Stufe\nzu bringen. Ergründete am l.Mai 1821 die Sing-Aka-\ndemie und am 15. October desselben Jahres die Lie-\ndertafel, letztere mit dem geistvollen Dichter Wilhelm\nMüller zusammen, eine Verbindung, welcher der deutsche\nMännergesang manch schönes Gedicht und manch treffliches\nLied zu verdanken hat. Er richtete Abonnements-Con-\ncerte ein, deren Ertrag dem Witwen-Fonds der Capelle\nzu Gut kam, zu welchem die erste Aufführung des Welt-\ngerichts in Dessau den Grund gelegt hatte. Die Einführung\nregelmässiger Musik-Auflührungen in der Schlosskirche, so\nwie eines Choralbuches zu dem neuen Landes-Gesangbuche\nwar sein Werk, und durch die Gründung des musicali-\nschen Instituts (im Jahre 1831) dehnte er seine Wirk-\nsamkeit weit über die Gränzen seines Berufes aus.\nDiese Musikschule erwarb sich sehr bald einen grossen\nRuf; Schneider leitete sie fünfzehn Jahre lang mit Eifer\nund Liebe, und wirkte durch Lehre und praktische Anlei-\ntung namentlich zur Verbreitung gründlicher musicalischer\nKenntnisse und zur Grundlegung einer gediegenen Ge-\nschmacksrichtung in erfolgreicher Weise auf seine Schüler.\nEs haben dort 125 Zöglinge ihre Bildung erhalten, unter\nihnen Gathy, Flügel, Otten, Dürner, Markull,\nF. Derckum, Uhlig, R.Franz, Willmers, Salo-\nman und viele andere tüchtige Musiker. Im Jahre 1852\nist die Anstalt durch Theodor Schneider, den jüng-\nsten Sohn des Verewigten, wieder ins Leben gerufen wor-\nden und erfreut sich einer wachsenden Blüthe.\nUnter dieser Lehr-Thätigkeit litt seine Berufs-Thätigkeit\nnicht im Geringsten; er leitete die Aufführungen der Oper\nund die wöchentlichen Orchester-Proben auf solche Weise,\ndass die dessau'sche Capelle, deren Elemente stets gut ge-\nwesen waren, sehr bald den Ruf eines der besten deut-\nschen Orchester erlangte. Mit grossem Vergnügen erinnere\nich mich eines Sommertages im Jahre 1844, der mir einen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4935, "texte": "glänzenden Beweis von der vollen Berechtigung der her-\nzoglichen Capelle zu diesem Rufe gab. Eine Reise nach\nBerlin führte mich über Dessau, wo ich jedoch nur Einen\nTag bleiben konnte, den ich mir an der zugemessenen Zeit\nabstahl, um Schneider zu besuchen. Das Gespräch wandte\nsich bald auf den Vortrag von Orchesterwerken. Schneider\nbrach auf einmal ab und sagte sinnend vor sich hin: „Wie\nfangen wir es aber an?\"\nWas denn? fiel ich ein.\n„ Ich möchte gern, dass Sie meine Capelle einmal wie-\nder hörten es ist aber heule leider nicht der gewöhn-\nliche Probetag, und ich bin nicht sicher, alle Mitglieder zu-\nsammen läuten zu können.\"\nDas wäre ja auch mein sehnlichster Wunsch! rief ich\naus: ich wagte nur nicht, ihn auszusprechen.\nKurz wir gingen nach Tisch ins Theater, und siehe!\ndas Orchester war so freundlich gewesen, vollzählig zu\nerscheinen.\n„Was wollen Sie hören?\" fragte mich Schneider.\nAm liebsten die J-c?wr-Sinfonie von Beethoven.\nEr wandte sich zum Capelldiener: „Legen Sie die sie-\nbente Sinfonie auf!\" und zog mich dann mit sich fort\nin eine Loge: „Hier hören wir am besten.\" Das Orchester\nwar auf der Bühne. Und nun hegann dasselbe ohne Diri-\ngenten ex improvisodie Aufführung des Werkes und voll-\nzog sie in einer so vollendeten, bis auf die feinsten Schät-\nzungen des Vortrags und der Tempo-Bewegung so siche-\nren und so geistvoll studirten Ausführung, dass ich einen\nähnlichen Genuss vor und nach nur selten gehabt habe.\nO ja! Friedrich Schneider war ein Dirigent, der\n„sich augenscheinlich überflüssig zu machen\" verstand,\nwürde also dadurch vor den Augen der neuen Erfinder des\nOrchester-Directions-Princips vielleicht Gnade gefunden ha-\nben! In der That, wer Schneider, Spohr und Mendelssohn\num nur diese drei von allen denen zu nennen, welche\nvor der kunsthistorischen Epoche des karlsruher Musik-\nfestes grosse Aufführungen geleitet haben wer diese\nMänner hat einstudiren, probiren und dirigiren sehen, dem\nmüssen die Redensarten der Wortführer der neuesten ro-\nmantischen Fortschritts-Schule von „unverwüstlichen Tact-\nschlägern\", von „der Function der Dirigenten als Wind-\nmühle\", von „dem notwendigen Fortschritt im Stil der\nAusführung\" u. s. w. als leeres Stroh erscheinen, das mit\ngoldpapiernen Dreschflegeln gedroschen wird.\nSchneider wurde von seinen Zeitgenossen so allgemein\nals ausgezeichneter Dirigent anerkannt, dass er, ausserhalb\nDessau, sechsundsechszigMusikfeste und grosse\nAufführungen dirigirte. Von seinen eigenen Werken\nführte er dabei auf: das Weltgericht in 12 bis 15\nStädten, namentlich in den oben bereits genannten;\ndie Sündfluth in Köln (1824) und Leipzig; das\nverlorene Paradies in Leipzig und Magdeburg; -\nA bsal on in Wittenberg, Halle, Coblenz, Bernburg;\nChristus der Meister in Nürnberg, Leipzig, Erfurt;\nPharao in Nordhausen und Erfurt; Christus\ndas Kind in Nürnberg; Gideon in Halberstadt, Leip-\nzig, Magdeburg; das befreite Jerusalem in Berlin;\nOster-Cantate in Magdeburg. Die Musikfeste in\nZerbst, Halberstadt, Magdeburg, Brandenburg, Kothen\n(Mendelssohn's Paulus), Hamburg (Messias), das Lutherfest\nin Wittenberg, ferner die Sängerfeste in Dresden, Molls-\ndorf in Thüringen, Meissen, Gotha (zweimal, einmal bei An-\nwesenheit der Königin Victoria von England), Arnstadt, Lü-\nbeck, Eisenach, Ballenstedt, die Liedertafel-Vereins-Feste zu\nKothen, Barby, Halle, Magdeburg, Leipzig, Berlin, Zerbst\nu. s. w. sahen ihn an ihrer Spitze und huldigten sowohl\ndurch die Berufung zum Dirigenten als durch unzählige\nEhrenbezeigungen während und nach den Aufführungen\nseinem Namen.\nEin solches Verdienst, wie Schneider sich als Compo-\nnist, als Lehrer und theoretischer Schriftsteller, als Capell-\nmeister und Dirigent um die Tonkunst erwarb, konnte von\nganz Deutschland und vom Auslande nicht unbeachtet blei-\nben; es bedurfte der Posaunen und Lärm-Trompeten eben\nso wenig als der klügelnden Nachweisungen seines\nWerthes; es beruhte auf Thaten, nicht auf Worten.\nVon allen Seiten strömten ihm die ehrenvollsten Zeichen\nder Anerkennung zu. Schon im Jahre 1825 ernannte ihn\nsein Herzog zum Hof-Capellmeister. Der Orden Albrecht's\ndes Bären, der Ernestinische Haus-Orden, der Rothe Adler-\nOrden 111. Classe, der Danebrog zierten seine Brust. Die\nUniversität Halle ernannte ihn 1830 zum Doctor der Mu-\nsik, Leipzig zum Doctor der Philosophie. Er war Mitglied\nder k. Preussischen Akademie der Künste in Berlin, der k.\nschwedischen Musik-Akademie zu Stockholm, des Conser-\nvatoriums zu Paris, des Elsasser Vereins, der oberlausitzer\nGesellschaft der Wissenschaften, der schweizerischen Musik-\nGesellschaft, der niederländischen Gesellschaft zur Beförde-\nrung der Tonkunst, der Gesellschaft der Musikfreunde im\nösterreichischen Kaiserstaate, des Mozarteums in Salzburg,\nder Akademie in Wien und vieler Musik-Vereine und Lie-\ndertafeln, z. B. in Ofen, Pesth, München, Berlin, Meissen,\nHalberstadt, Coblenz, Würzburg, Magdeburg, Erfurt, Köln\nu. s. w. Dem Männergesang-Verein in Köln übersandte er"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4993, "texte": "noch kurz vor seinem Tode als Dank für die Ernennung\nzum Ehren-Mitgliede seine Statuette.\nAuch an Familienfesten wurden ihm oft Ueberraschun-\ngen von seinen Freunden und ehrende Huldigungen von\nseinen Verehrern zu Theil, wie z. B. bei seiner fünfund-\nzwanzigjährigen Dienstfeier den 20. Juni 1832, dem fünf-\nundzwanzigjährigen Dienst-Jubiläum als Capellmeister in\nDessau am I. März 1846, der fünfundzwanzigjährigen\nJubelfeier der ersten Aufführung des Weltgerichts, im Jahre\n1845, endlich an seinem letzten Geburtstage, den 3. Jan.\n1853, wo ihm ein Fackelzug und eine Abendmusik ge-\nbracht und von der Capelle und den Gesang-Vereinen ein\nsilberner Tactstock überreicht wurde.\nSein Leben war eine rastlose Thätigkeit; aber ein Glück\nfür ihn war es, dass diese Thätigkeit, trotz eines mannig-\nfach bewegten äusseren Lebens, an einer festen Stellung\neinen Halt fand und sich auf eine ganz bestimmte, wenn\nauch sehr ausgebreitete, Wirksamkeit concentriren konnte.\nDadurch hauptsächlich und dann durch die Fruchtbarkeit\nssines Conceptions-Vermögens, gepaart mit einer unerhör-\nten Fertigkeit im Handwerk, ist es zu erklären, dass er bei\nder Masse von Beschäftigungen, bei der ausserordentlichen\nBerufs-Pünktlichkeit, die sich auch auf die langweiligsten und\nverdriesslichsten Schreiber- und Ordner-Geschäfte erstreckte,\nbei den vielen Ansprüchen an ihn von aussen her, bei den zahl-\nreichen Reisen und seiner Empfänglichkeit für das gesellige\nLeben noch Zeit und Begeisterung für eine fabelhaft reiche\nschöpferische musicalische Thätigkeit gefunden hat.\nAusser den theoretischen Unterrichtswerken: Elemen-\ntarbuch der Harmonie und Tonsetzkunst (in mehreren Auf-\nlagen) Vorschule der Musik Handbuch des Orga-\nnisten (drei Theile) Elementar-Uebungen für Gesang\nfür Pianoforte-Spiel Solfeggien sind 105 Werke\nvon ihm erschienen, darunter drei Oratorien (Weltgericht\nAbsalon Gethsemane), mehrere Messen, Psalmen,\nkirchliche Gesänge, Compositionen für gemischten Chor und\nfür Männergesang, neun Ouvertüren für grosses Orchester,\ndrei Streich-Quartette, viele Ciavier- und Orgelstücke, und\nverschiedene Ciavier-Auszüge von Oratorien anderer Meister.\nWenn diese Angaben allein schon von einer merkwür-\ndigen Thätigkeit Zeugniss geben, so muss man vollends er-\nstaunen, wenn man erfährt, welch eine Menge von unge-\ndruckten Compositionen sich in seinem Nachlasse vorge-\nfunden haben. Es sind folgende:\nOpern. Der Wahrsager— Claudine Albin's Ent-\nzauberung Der Zitherschläger Andromeda Der\nkleine Scheerenschleifer Schwanhilde (unvollendet).\nOratorien. Die Höllenfahrt Die Todtenfeier\nDie Sündfluth Das verlorene Paradies Jesus' Geburt\nChristus der Meister Pharao Christus das Kind\nGideon Das befreite Jerusalem Salomo's Tem-\npelbau Christus der Erlöser Bonifacius (unvollendet,\nder erste und die Hälfte des zweiten Theiles sind ferti«:\nvorhanden). Schneider hat also im Ganzen sechszehn grosse\nOratorien geschrieben.\nKirchenmusik. Vierzehn Messen und\n36 Psalmen, Hymnen, Cantaten, mit und ohne Begleitung\n(darunter mehrere Hymnen für Singchöre kleinerer Kirchen),\n16 Motetten und Lieder geistlichen Inhalts ohne Begleitung.\nWeltliche Gesänge. Eine grosse Anzahl Lieder für\neine Singstimme mit Pianoforte-Begleitung, sechs Gelegen-\nheits-Cantaten (ein Festspiel zur Vermählung des Herzogs\nvon Altenburg mit der Prinzessin Agnes von Anhalt war seine\nletzte grössere Composition), an 500 mehrstimmige Lieder,\ngrösstentheils für Männergesang.\nInstrumentalwerke. 23 Sinfonieen, 10 Ouver-\ntüren, 10 Streich-Quartette, mehrere Quartette und Trio's\nfür Pianoforte und Streich-Instrumente.\nSeine letzte Composition war ein Quartett für Män-\nnerstimmen, sehr ernsten Inhalts, in Choralform; die letzte\nOper, die er dirigirte, Beethoven's Fidelio.\nSeine sonst kräftige Gesundheit wurde in den letzten\nJahren durch ein Leberleiden angegriffen, in Folge dessen\nund an Entkräftung er am 23. November 1853, Abends\n7 '/2 Uhr verschied in demselben Augenblicke, als im\nAbonnements-Concerte die Jagd-Ouverture, seine erste\nComposition in Dessau, gespielt wurde. Von nah und fern\nbewies man der Witwe und der Familie die allgemeinste\nTheilnahme. Sein Begräbniss am 26. November war ein\nfeierliches und würdiges. Ein Musikchor eröffnete den Zug,\nzwei Mitglieder der Capelle trugen die Orden des Verewig-\nten, der Staatswagen des Herzogs, die Geistlichkeit und das\nI!ofmarschall-Amt, die Mitglieder der Capelle und des Hof-\ntheaters, die Sing-Akademie, die Liedertafel, das Seminar,\nder Kirchen-Chor, der Stadtrath, Deputationen aus Berlin,\nHalle, Magdeburg u. s. w. folgten unter dem Geläute al-\nler Glocken der Stadt. Auf einem vom Herzoge selbst an-\ngewiesenen ausgezeichneten Platze wurde der Sarg unter\nGesang, nach Weihe und Predigt, ins Grab gesenkt. Vom\n23. bis 27. blieb das Theater geschlossen. Mittwoch den\n30. November fand eine Gedächtnissfeier in der Schloss-\nkirche durch die Aufführung von Mozart's Statt.\nWir schliessen diesem Abriss des Lebens des grossen\ndeutschen Tonkünstlers den Nachruf an, der ihm in der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2317, "texte": "Anhaltischen Zeitung aus der Mitte seiner näheren Umge-\nbung in Dessau erklang und der ihn als Menschen kurz,\naber wahr schildert. „Es sei uns nur vergönnt,\" heisst\nes darin—, „mit wenig Worten zu sagen, wie Dessau ne-\nben dem weltberühmten Künstler den Menschen gekannt\nhat und in ehrenvollem Gedächtnisse halten wird. Dem ge-\nsellschaftlichen Schliff und Firniss hatte seine ureigene Na-\ntur keinen erborgten Schimmer zu danken; er glänzte durch\ndie heilige Liebe zur Kunst, durch sein rastloses, freies,\nschöpferisches Walten in ihrem Gebiete, durch einen vorur-\nteilslosen, hellen, vielfach gebildeten Geist, durch die feinste\nEmpfänglichkeit für alles Schöne, Gute und Grosse; ihn zier-\nten die Mannes-Tugenden der gemeinnützigen Thätigkeit,\nder Geschäfts-Pünktlichkeit, der Charakterfestigkeit, der Ge-\nrechtigkeit; seine Bescheidenheit machte, dass man seine\nKünstlergrösse liebend bewunderte. In seinen Worten gab\nes Maass und Gewicht unmaskirt erschien er im Masken-\nspiel des Lebens. Mit der bereitesten Anerkennung huldigte\ner fremdem Verdienste. Er war streng, nie hart sein\nZorn galt dem Fehlen in der Kunst, nicht dem fehlenden\nKünstler. Herzgewinnend war seine Freundlichkeit, wenn sie\nden gewöhnlichen Ernst seines Wesens wie der Stern das\nGewölk durchbrach. Jeden, der seines Umgangs genoss, er-\nfüllte er mit reinster Hochachtung, inniger Verehrung und\ntreuer Anhänglichkeit. Als ernster, eifriger Hoherpriester sei-\nner Kunst warb er Tausende für ihren beseligenden Dienst,\nförderte Verständniss und Genuss; und wenn die Kunst das\nLeben verschönert und erhöht, so verdanken wir es ihm, dass\nsie auf das unsrige wirkte.\"\nVon seinen Söhnen verlor Schneider den talentvollen\nViolinspieler und Tenoristen Hermann, der am 6. April\n1853 nach fünfjährigen Leiden an einem Halsübel starb, ein\ngrosser, tief empfundener Schmerz für den Vater, dessen Kräfte\nvon diesem Zeitpunkte an sichtbar abnahmen. Bernhard S.,\nfrüher Musik-Director in Magdeburg, lebt jetzt als Musikleh-\nrer in Petersburg, Reinhold ist Inspector einer Zucker-\nfabrik, Theodor herzoglicher Kammer-Musicus in Dessau.\nSchneider hat, wie dies das Loos der deutschen Com-\nponisten gewöhnlich ist, Ruhm, aber kein Vermögen hinter-\nlassen, und die trauernde Witwe steht mit vier unversorg-\nter. Töchtern und zwei Enkeln an seinem Grabe.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-01-21-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-01-21_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "21", "page_fin": "22", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.5", "debut_caractere": 2319, "fin_caractere_exclue": 5191, "texte": "Berliner Briefe.\n\n[Cavallini E. Naumann über den Sieg-Rheinischen\nVerein in Brühl Mozart-Feier Flotow's Rübezahl.]\nDen 13. Januar 1854.\nDie Weihnachtszeit bringt in der Regel einige Ruhe\nin die musicalischen Aufführungen. Der Dom-Chor hat\nauch diesmal die Ausstellung von Transparent-Gemälden\nmit Gesang-Begleitung unterstützt und in dieser Vereini-\ngung dieselbe romantische Wirkung hervorgebracht, über\nderen Reiz ich Ihnen schon in früheren Jahren berichtet\nhabe. Concerte haben nicht Statt gefunden, eine kleine\nConcert-Aufführung im Opernhause ausgenommen, die für\nden italienischen Clarinettisten Signor Cav all in i veranstal-\ntet wurde. Der Künstler spielte leider nur einmal und vor\nleerem Hause, fand aber stürmischen Beifall. Er gehört zu\nden vorzüglichsten Virtuosen auf seinem Instrumente, nicht\nnur hinsichtlich der Fertigkeit, sondern namentlich in dem\nVortrag der Cantilene, der unsere meisten Sänger beschämt.\nMan kann hinsichtlich der gleichmässigen Schönheit des To-\nnes und der natürlichen, unabsichtlichen Weise der Nuan-\ncirung viel von ihm lernen. Von Interesse wird es viel-\nleicht für Sie sein, auf einen längeren Aufsatz aufmerksam\ngemacht zu werden, den E. Naumann in der Spener'-\nschen Zeitung über die musicalischen Leistungen des Sieg-\nRheinischen Lehrer-Vereins geschrieben hat. Indem er für\ndie Ausführung der alt-italiänischen Kirchen-Musik volle\nFreiheit im Vortrage, namentlich auch in Bezug auf das\nTempo, verlangt, gilt ihm die Auffassung des erwähnten\nVereins als die richtigste; dem Dom-Chor vindicirt er den\nPreis der technischen Vollendung, während die Sixtina nur\neinzelne Traditionen voraus habe. Uns scheint indess diese\nArt des Vortrags auf alle im Stil der Marcellus-Messe streng\npolyphon geschriebenen Compositionen schon darum nicht\nanwendbar, weil unserer Ansicht nach das innere Wesen\nderselben in der Darstellung des über alle Individualität\nerhabenen Unendlichen besteht; die subjective Accentuation\nvon Einzelheiten erreicht nicht die Höhe des katholi-\nschen Geistes. Anders ist es mit dem Vortrag von Wer-\nken, wie die Improperien von Palestrina oder das Miserere\nvon Allegri, in denen der Geist der alt-italiänischen Kir-\nchen-Musik in freierer Form zur Erscheinung kommt. Noch\nandere Compositionen stehen in der Mitte zwischen den\ngenannten; und die Vortragsweise wird davon abhangen,\nwie viel Theil sie an dem strengeren oder dem freieren\nStil haben. Uebrigens lässt sich aus dem Aufsatze von Nau-\nmann nicht mit Bestimmtheit entnehmen, in welcher Weise\nMusik-Director Töpl er sein Princip anwendet, und es ver-\nsteht sich daher von selbst, dass unsere Einwendungen\nmehr diesem Aufsatze, als den Leistungen des Sieg-Rhei-\nnischen Lehrer-Vereins gelten.\nDie königliche Oper hat inzwischen die dreihundertste\nAufführung des Don Juan gehabt, die im Ganzen nicht\nsehr erfreulich war. Am meisten befriedigten Frau Bötti-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3584, "texte": "eher (Elvira), wenngleich vorzugsweise nur durch den\nschönen Klang der Stimme, und Herr Krause (Leporello),\nder freilich kein geborener Komiker ist, aber wenigstens\nmit dem Verstände und nicht ohne Geschmack das Wesen\nseiner Rolle erfasst. Frl. Wagner überschreitet in der\nDonna Anna ihre Mittel bei Weitem; an dem Uebrigen\nist gleichfalls Vieles auszusetzen, selbst, wenn man will,\nan der Capelle, die Mozart's Musik nicht zart und durch-\nsichtig genug spielt. Sehr hübsch war die vorangehende\nMozart-Feier, deren Glanzpunkt die aus sämmtlichen Opern\nMozart's vorgeführten Gruppen bildeten. Vorgestern\nist der Rübezahl von Flotow zum ersten Male gege-\nben worden. Ein ernstes musicalisches Interesse wird man\ndaran nicht nehmen; Flotow gehört zu den Componisten,\ndie mit Absicht und Willen für das grosse Publicum schrei-\nben; er bereitet die Musik so zu, dass sie auch den Un-\nmusicalischen geniessbar werden soll. Dieselben Mittel, mit\ndenen ihm dieses früher gelungen ist, wendet er auch jetzt\nwieder an; ob sie aufs Neue anschlagen, wird von dem all-\ngemeinen und dem musicalischen Bildungs-Zustande der\neinzelnen Städte abhangen. In Berlin scheint nicht mehr\nder günstigste Boden für ihn zu sein. Wir haben im Prin-\neip nichts gegen diese Art von Musik; denn auch sie kann\nder Kunst nützen, indem sie die Kreise, die sich für Musik\ninteressiren, erweitert; aber es kommt zugleich darauf an,\ndass diese Popularisirung der Musik dem edlen Geiste der\nKunst nichts entzieht, dass sie nichts Positives gegen die\nidealen Principien derselben unternimmt. Gegen den Man-\ngel an Ernst würden wir in Flotow's Musik ebenfalls nichts\nUnbedingtes einwenden; denn es braucht nicht Einer Alles\nzu leisten. Aber er müsste dann wirklich das Graziöse und\nAnmuthige erreicht haben, und dies können wir von Flo-\ntow nicht rühmen. Seine Popularität beruht nicht nur\ndarin, dass er dem Publicum keine strengere musicalische\nBildung, keinen Ernst der Stimmung zumuthet, sondern er\nlässt sich auch zu der derb materiellen Weise des Volkes\nherab und hört eben darum auf, graziös zu sein. Der Text\nzum Rübezahl (von Putlitz) ist, vom dramatischen Stand-\npunkte betrachtet, sehr schlecht. Auf unwahrscheinlichen\nVoraussetzungen baut sich eine Verwicklung auf, die von\nallen Seiten mit mühseliger Qual unterhalten wird, um drei\nActe auszufüllen und verschiedene vom Componisten wahr-\nscheinlich vorher festgestellte Situationen herbeizuführen.\nDies ist denn auch die beste Seite des Textes, dass er,\n\"ausserlieh betrachtet, zu verschiedenen sich bestimmt son-\ndernden Charakteren, zu brauchbaren Ensemble-Stoffen,\nzu Ballet und Decoraiion Veranlassung gibt. Drei ernste\nund drei komische (oder der heiteren Oper angehörige)\nPersonen, Chöre von Soldaten, Schmugglern und Landleute\nbilden die Basis des Stückes. Da gibt es denn nicht nur\nSoldaten-Chöre, sondern auch Soldaten-Ballets, und dem\npreussischen Patriotismus wird nicht wenig gehuldigt.\nRübezahl erscheint nicht wirklich, sondern der Aberglaube\ndes Volkes wird nur zu verschiedenen Täuschungen be-\nnutzt. Es gibt Scenen zwischen ausgewechselten Liebha-\nbern, ein Quartett am Kamin während des Feuerns u. dgl.\nDieses Letztere ist eine Nachahmung der weissen Dame,\ndie sich auch in der Ballade vom Rübezahl und einem\nDuett zwischen den Liebenden im Dunkeln copirt findet.\nDie schottische weisse Dame ist aber eine echte Aristo-\nkratin im Vergleich zu dem schlesischen Berggeiste, der\nsich unseres Wissens übrigens meistens nur mit gewöhn-\nlichen Leuten abgegeben hat und sich mithin auch über\nerlittenes Unrecht vielleicht nicht beklagen darf.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-01-21-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-01-21_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "22", "page_fin": "24", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.2.3", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.6", "debut_caractere": 3586, "fin_caractere_exclue": 5045, "texte": "Wiener Briefe.\n\n[Richard Wagner „Eine Sommernacht\", komische\nOper von Ambroise Thomas Fidelio Erstes Spi-\nrituel-Concert Yieuxtemps' Concerte und\nQuartett-Productionen.]\nDen 13. Januar 1854.\nLassen Sie mich diesmal, geehrter Herr Professor,\nIhnen vor Allem in meinem und aller jener Namen, wel-\nchen das Interesse der wahren Kunst am Herzen liegt, für\nIhren vortrefflichen, inhaltsvollen Artikel vom 7. d. Mts.\ndanken, welchen Sie auch uns, den Bewohnern des Donau-\nstrandes, als Neujahrs-Gruss von den Ufern des schönen\nRheines zusandten. Sie waren so fein und nannten, obwohl\ndas Ziel Ihrer scharftreffenden Worte in einer ganz be-\nstimmten Richtung lag, keine Namen ausser in dem\nstillen Versteck der Randglosse; verzeihen Sie, dass ich\nplumper bin und hier unmittelbar an den Mann anknüpfe,\nwelcher eben der Haupt-Commandant in jener Festung ist,\ndie Sie neulich mit so siegreichem Erfolg blokirten. Also\nRichard Wagner fängt an, in Wien populär zu werden!\nDenn kann es ein untrüglicheres Zeichen von der Popula-\nrität eines Componisten geben, als wenn seine Musik in\nden Gasthäusern gespielt wird, und dieses ist eigent-\nlich schon seit Längerem nach einer kleinen Pause aber\njust wieder neuerdings mit jener Wagner's bei uns der\nFall. Strauss junior nämlich, der Sohn des weltberühmten\nBall-Königs, hatte sich schon im verflossenen Sommer ver-\nschiedener Wagner'scher Opern-Fragmente bemächtigt und\ndieselben, eingestreut zwischen Walzer, Quadrilles und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5248, "texte": "Potpourris, jenem amusement-begehrlichen Publicum vor-\ngetragen, welches sich an Belustigungs-Orten zu versam-\nmeln pflegt. Solche Ehre widerfuhr dem Pilger-Chor, dem\nSängerkrieg aus dem Tannhäuser (natürlich im Orchester-\nArrangement mit Hinweglassung des Chors) und einem\nEntre-Act aus dem Lohengrin; nunmehr ist noch dieTann-\nhäuser-Ouverture hinzugekommen, und wir hatten also\nzum ersten Male Gelegenheit, diese Arbeit in der orchestra-\nlen Ausführung kennen zu lernen. So lebhaft es mich auch\ngelüstete, Ihnen schon jetzt meine Meinung über dieses von\ngewisser Seite her so lebhaft gepriesene Opus mitzuthei-\nlen, so will ich doch nicht den Verdacht erregen, dass ich\nnach einer ganz unvollkommenen Aufführung urtheilte, ob-\nwohl die Strauss'sche nur theilweise wesentlich mangelhaft\nwar, und behalte mir ein ausführlicheres Wort über das-\nselbe, so wie über die ganze Totalität des Mannes, wie mir\ndieselbe bisher erscheint, bis nach dem dritten Spirituel-\nConcerte vor, welches nebst Anderem auch eben diese\nOuvertüre bringt.\nIn der Oper haben wir gestern eine Novität zu hören\nbekommen, nämlich den Sommernachtstraum von Ambroise\nThomas. Aber, weiss Gott, dieselbe wäre besser daheim-\ngeblieben; denn was sie uns nützen soll, ist nicht abzu-\nsehen. Etwas besser ist sie zwar, als Balfe's Keolanthe,\nschon darum, weil sie weniger Unsinn in ihrem geräumigen\nSchoosse birgt; aber was will das heissen? Was will es\nferner bedeuten, dass sie einige hübsche, namentlich fein\ngearbeitete Einzelheiten besitzt, wie den Eingangs-Chor\nund das Terzett im ersten Acte, die Introduction des zwei-\nten Actes und etwa noch eine Arietta der Elisabeth im\ndritten Acte, wenn doch das Ganze aller Tiefe, deren es\nder Charakter einer „komischen Oper\" wahrlich nicht ent-\nhebt, aller Originalität, alles echten, kernigen Lebens ent-\nbehrt und statt wahren Humors nur die gewöhnlichsten,\nabgebrauchtesten musicalischen Spässe, statt wahrer Em-\npfindung nur sentimentale Phrasen und endlose Fiorituren\nbringt? Das Libretto hat die bekannte Anekdote von\nShakespeare's Zusammentreffen mit der Königin Elisabeth\nzum Gegenstande. Dass in dieser Anekdote kein dramatisches\nElement enthalten ist, sollte Jeder auf den ersten Blick er-\nkennen. Den Herren Rosier und de Leuven, und in zweiter\nInstanz dem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften und\nKünste, Herrn Ambroise Thomas, war dies nicht gegeben.\nDass nun in dieser episodischen Handlung bei dem Charak-\nter der Opern-Libretto's Shakespeare und Elisabeth schon\nnur ganz verwaschene Gestalten sind, versteht sich von\nselbst, und wenn Sir John Falstaff etwas markiger heraus-\ntritt, so verdankt er dieses seinem dicken Bauche, seiner\ninnigen, in der That durch innere und äussere Verwandt-\nschaft begründeten Allianz mit dem Contrabass und seiner\nan sich schon viel leichter wenigstens in allgemeinen\nZügen • zu charakterisirenden Individualität. Von Shake-\nspeare aber erfahren wir nichts, als dass er gelegentlich\ngern getrunken und manchmal auch seine empfindsamen\nStunden gehabt, was ziemlich allgemein menschlich sein\ndürfte; und die gewaltige, historisch bedeutende Beherr-\nscherin von Grossbritannien verwandelte Herr Thomas in\neine wahre Rouladen-Königin. Es wird Shakespeare als\nein entsetzliches Verbrechen angerechnet, dass er etwa ein-\nmal in die menschliche Schwäche eines kleinen Räusch-\nleins verfallen, und er muss darob ein zerknirschtes Aus-\nsehen annehmen, als ob er sich gegen alle sieben Ilauptsün-\nden zugleich vergangen hätte. Sind diese Gestalten schon bloss\nschattenhafte Erscheinungen, so können Fräulein Olivia\nund der edle, todtstecherisch gesinnte Lord Latimer vollends\nnur durch das Vergrösserungsglas wahrgenommen werden,\nindem sie geisterartig auf dünnen Spinnenbeinen einherzu-\nschreiten scheinen. Da überdies die Oper den Anforderun-\ngen des Amüsements so wenig als denen der Kritik zu\ngenügen vermag, so ist keine Aussicht, dieselbe auch nur\nkurze Zeit auf den Brettern zu erhalten, und sie hat auch\nbei der ersten Vorstellung, trotz der wenigstens in den\nHaupt-Partieen (Hr. Ander und Frl. Wildauer) gelungenen\nAusführung, nicht den mindesten Erfolg gehabt. (Hr. Staudigl\nals Falstaff war etwas unbelebt, Hr. Kreuzer aber und Frl.\nTietjens in den zuletzt genannten Rollen erhielten sich in\nUebereinstimmung mit dem Dichter und Componisten.) Legt\nsie denn zu den übrigen Todten! Wahrlich, Hr. Cornet ist ein\nguter Todtengräber, nur mit dem Unterschiede, dass er die\nTodten ausgräbt und sie von Anderen wieder einsargen lässt.\nDass die La Grua nur theilweisen Erfolg als Fidelio\nhatte, werden Sie bereits auf anderem Wege erfahren ha-\nben. Nach der unübertrefflichen Leistung der Frau Köster\nist es jeder Künstlerin schwer geworden, in dieser erhabe-\nnen Rolle durchzudringen.\nAuch das erste Spirituel-Concert hätten wir bereits\nhinter uns. Das Programm desselben lautete: Seb. Bach's\nTrauer-Cantate: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit\", Mo-\nzart's „Ave verum corpus\"und Beethoven's Pastoral-Sin-\nfonie. Die Bach'sche Cantate wurde mit der Hauptmann'-\nschen Instrumentation gegeben, welche aber doch zu üppig\nund grell gehalten sein dürfte. Sie ist reich an contrapunk-\ntischen Erfindungen und hat wohl auch einzelne Momente\nvon wahrhaft poetischer Schönheit, wie namentlich das"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3456, "texte": "Bass-Solo: „Bestelle dein Haus\" u. s. w., und den darauf\nfolgenden Chor:\nEs ist der alte Bund! Du musst sterben!\nJa, komm, Herr Jesu, komm!\nDie Mischung dieser beiden ganz verschieden charakterisir-\nten Verse, deren ersterer vom männlichen, der letztere vom\nweiblichen Chor vorgetragen wird, ist bewunderungswür-\ndig, so wie das Motiv des letzteren von jener eigenthümli-\nchen, rührenden Naivetät, welche nur Bach eigen ist; aber\nim Ganzen wird das Kunstwerk doch völlig erdrückt von\ndem damaligen, zum Theil äusserst steifen Formalismus\nund bringt keine reine Wirkung hervor. Frei von diesen\nSchlacken der Tradition, dem Cultus der Anatomie, erhebt\nsich das kleine Mozart'sche Kirchenstück in seiner himm-\nlischen Schönheit, seinem keuschen Zauber, lieber den hö-\nheren oder geringeren Werth der Pastoral-Sinfonie ist\nschon viel gestritten worden, doch dürfte wohl ziemlich\nallgemein zugegeben werden, dass sie sich mit ihren beiden\nriesigen Vorgängern, der Eroicaund nicht messen\nkann, was freilich schon in der Natur des ganz verschiede-\nnen Stoffes begründet ist, wie für mich wenigstens über-\nhaupt die fünfte, die sechste und selbst die so hoch gefeierte\nsiebente nur Durchgangs-Punkte zu der wieder in ganz\nreiner Vollendung strahlenden achten und endlich zu der\neine völlig neue Welt eröffnenden neunten Sinfonie sind.\nIndessen sind die Gewitter-Scene, das Scherzo (besonders\ndessen Trio) und das nur vielleicht etwas zu breit ausge-\nsponnene Andante jedenfalls Meisterstücke ersten Banges,\nund auch dem ersten und letzten Satze fehlt es keineswegs\nan reizenden Detail-Schönheiten. Die Ausführung war dies-\nmal eine vorzügliche; besonders gilt dies von dem Mozart'-\nschen Ave verum,das zur Wiederholung verlangt wurde,\nvon der Gewitter-Scene und allen übrigen Sätzen der Sin-\nfonie, mit Ausnahme des ersten Satzes, der durch das em-\npfindlich zu schnell genommene Tempo wesentlich litt.\nMeisterlich war der Vortrag des Hrn. Staudigl in dem\nBass-Solo und des Frl. Bury in dem Alt-Solo der Cantate,\nwas durch stürmischen Applaus anerkannt wurde.\nVieuxtemps' Concerte und Quartett-Productionen neh-\nmen noch immer ihren Fortgang. In einem der ersteren\nspielte er in höchster Vollendung Beethoven's Concert, aber\nleider auch den unvermeidlichen und unleidlichen Carneval.\nAuch in den Quartetten leistet er höchst Vorzügliches,\nwenn diese auch natürlich in der Gesammtwirkung das\nHellmesberger'sche und Müller'sche Quartett nicht erreichen\nkönnen. Der Besuch derselben ist ziemlich schwach, denn\nunser musicalischer Magen ist auf eine solche Ueberfüllung\nmit dieser Kostgattung noch nicht eingerichtet. Zudem be-\nginnt der zweite Hellmesberger'sche Quartett-Cvklus be-\nreits am 29. Januar, also früher, als ich Ihnen zuletzt\nmeldete. Doch muss ich Sie bitten, die Namen der übrigen\nmitwirkenden Herren schon darum nochmals abdrucken zu\nlassen, weil dieselben in meinem letzten Berichte, wahr-\nscheinlich in Folge etwas flüchtiger Handschrift, sämmtlich\nverdruckt erschienen und vielmehr lauten: Dobihal, Graft'\nund Borzaga. Auch darf ich das ganz besonders excellente\nSpiel des Letzteren nicht unerwähnt lassen, welcher längst\nals der tüchtigste Cello-Spieler Wiens anerkannt ist. In der\nWelt der Solo-Concerte wird wohl jetzt ein Tempo mode-\nrato eintreten, da Prinz Fasching die Geister und Leiber\nunserer lieben Wiener und Wienerinnen in den nächsten\nWochen zu sehr in Anspruch nehmen und mehr Gehör\nfinden wird, als Prinzessin Violine und Flöte.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-01-21-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-01-21_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-01-21_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "24", "page_fin": "24", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "A. D. 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Dass sich aber Hr.\nJoachim, wie sein gestriges G-moll-Concert uns wenigstens bewies,\nals Componist auf keinem fruchtbringenden Wege befindet, müssen\nwir um so mehr beklagen, da seine Genialität unläugbar auch aus\nden Windungen dieses Irrgartens erklingt. Die Polypen-Arme der\n„Zukunfts-Musik\" haben ihn umklammert, ihn, der, ein wahrhaft\ndeutscher Künstler, vielleicht vor Vielen berufen wräre, die schöne\nKlarheit seiner ausübenden Künstlerschaft in sein schöpferisches\nWirken überzutragen. Die zweite Nummer seiner gestrigen Con-\ncertleistung bewegte sich zwar in denselben Excentricitäten der Ro-\nmantik (er spielte eine neue Violin-Phantasie von R. Schumann),\njedenfalls aber mit prägnantem Ausdruck des vorwaltenden melo-\ndischen und rhythmischen Elementes, ein Grund, auf den die nach\ndemselben ausbrechende enthusiastische Beifalls-Bezeugung des\nPublicums sich überwiegender stützte, als auf seine eigene Com-\nPosition."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "17", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.1", "texte": "Friedrich Schneider.\n\n(Schluss. S. Nr. 2.)\nDen dritten Theil des Weltgerichtes besprach Rochlitz\nmündlich mit dem Componisten, wie aus einem kleinen\nBriefe in der vorhandenen Correspondenz zu ersehen ist.\nAuch war die Nummernfolge der einzelnen Musikstücke in\ndem Manuscripte eine andere, da sie bei jedem Theile wie-\nder mit Nr. 1 begann; mit Nr. 6 im zweiten Theile meint\nRochlitz oben offenbar die Fuge Nr. 14 u. s. w. u. s. w.\nBei den ersten Proben am Ciavier waren Schicht und Roch-\nlitz zugegen, und erst nach den günstigen Urtheilen dieser\nMänner wagte der bescheidene Tondichter mit seinem\nWerke in die Oeffentlichkeit zu treten, und mit welch\neinem Wrerke! während in unseren Tagen oft ganz un-\nbedeutende Erzeugnisse mit einer Anspruchsfülle und Selbst-\ngenügsamkeit in die Welt geschickt werden, die sich nicht\nbloss mit der Veröffentlichung begnügt, sondern uns noch\ndurch Programme und ästhetische Abhandlungen belehren\nwill, wie wir den tiefen Inhalt jener Erzeugnisse eines sich\nselbst vergötternden Talentes zu begreifen und zu beur-\ntheilen hätten.\nDas Weltgericht wurde zum ersten Male im Jahre\n1820 zu Leipzig aufgeführt und erlangte bald eine\nTheilnahme und Anerkennung in ganz Deutschland, wie\nsie lange kein Werk in solcher Einstimmigkeit und in sol-\nchem Maasse gefunden hatte. Es verdankte diesen grossen\nErfolg einzig und allein sich selbst; weder schreibende und\nschreiende Propagandisten, noch wandernde Missionen tra-\nten dafür auf, aber dennoch war in den nächst folgenden\nJahren kaum ein Musikfest ohne Schneider's Weltgericht\ndenkbar. Die Verschmelzung des dramatischen und des\nbisherigen oratorischen Stils, der Reichthum an Melodieen,\nwelche, wenn auch nicht genial erfunden, doch einem sel-\ntenen Talente für Gesang-Composition entströmt waren\nund durch Einfachheit und natürlichen Fluss auf der Stelle\nfür sich einnahmen, die Einführung der vier Engelstimmen\nals Vocal-Solo-Quartett und des Posaunen-Quartetts im\nOrchester, die durchweg selbstständige, mit den zartesten\nMelodieen einzelner Soli verzierte Instrumental-Begleitung,\ndie grosse Klarheit der Harmonie bei aller Neuheit und\nFülle der Instrumentirung, endlich die hohe Meisterschaft\nin der polyphonen Schreibart, welche es dem Tondichter mög-\nlich machte, unvereinbarliche Mächte, wie die strenge Form\nder Fuge und die frei schaffende Phantasie, zum Bündnisse\nzu zwingen das waren im Allgemeinen die Vorzüge,\nwelche das neue Oratorium zu einer Berühmtheit trugen,\nwie sie seit den Zeiten von Haydn's „Schöpfung\" und\n„Jahreszeiten\" nicht da gewesen war.\nEs ist unmöglich, alle die Orte aufzuzählen, an wel-\nchen das Werk schon in den nächsten Jahren aufgeführt\nwurde; es brach sich nicht langsam, sondern mit Einem\nMale Bahn. Nach der ersten leipziger Aufführung waren\nnoch im Jahre 1820 die Aufführung auf dem Musikfeste\nzu Quedlinburg unter Spohr's Leitung, dann im Jahre\n1821 die zu Köln, welches damals an den Pfingst-Feier-\ntagen zum ersten Male das Niederrheinische Musikfest in\nseinen Mauern feierte und Schneider's Weltgericht zur\nFest-Einweihung wählte, und die zu Dessau am 24. Oc-\ntober die hervorragendsten. Die letztere leitete der Com-\nponist selbst, der seit einem halben Jahre bereits die dor-\ntige Capellmeister-Stelle bekleidete und die Einnahme des\nAbends sie betrug 600 Thlr. zur Gründung eines\nPensions-Fonds für die Witwen der Capell-Mitglieder be-\nstimmt hatte. Uebrigens gab es wohl keine einzige Stadt\nin Deutschland, welche nur einen Gesang-Verein besass, in\nwelcher nicht in dem nächsten Jahrzehend das Weltgericht\nwenigstens am Ciavier gegeben worden wäre, während an\nvielen Orten aussergewöhnliche Kräfte zu glänzenden Auf-\nführungen vereinigt wurden, von denen Schneider die zu\nBerlin, Magdeburg, Altenburg, Luckau, Halle, Braun-\nschweig, Erfurt, Bernburg, Kothen, Rathenau u. s. w. selbst\ndirigirte.\nDie Composition des Weltgerichts wurde für Schnei-\nder nicht nur die bedeutendste Stufe zu seiner Berühmt-\nheit als Tondichter, sondern auch zu einer höchst ehren-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "18", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.2", "texte": "vollen, einflussreichen und für die Kunst wirksamen Stel-\nlung im Leben. Und merkwürdiger Weise führte nicht\nbloss der innere Werth des Werkes diese Veränderung in\nseiner Berufsstellung herbei, sondern es knüpfte sich auch\nan eine Aufführung desselben die verhängnissvolle äussere\nVeranlassung dazu. Es war dies die eben erwähnte Auf-\nführung zu Quedlinburg. Dorthin strömte eine Menge von\nKünstlern zusammen, um das neue Werk zu hören, unter\nihnen auch der herzoglich dessau'sche Musik-Director Rei-\nnecke. Auch Schneider war unter den Zuhörern, da, wie\nschon gesagt, Spohr dirigirte. Auf dieser Reise kam Rei-\nnecke durch einen unglücklichen Sturz mit dem Wagen\nums Leben, und der Herzog von Dessau berief Schneider\nals Capellmeister und Organist an der Schlosskirche nach\nDessau. Rochlitz schreibt ihm bei dieser Gelegenheit unter\nAnderem (am 24. December 1820):\n„Nun Glück auf denn, mein lieber Freund! Ich denke\nnicht mehr daran, wie viel wir verlieren, sondern daran,\nwie viel Sie gewinnen, und so freue ich mich unverküm-\nmert und von ganzem theilnehmendem Herzen. Der ganze\nGang dieser Angelegenheit ist so einfach und dabei so\nausserordentlich, dass ich darin eine recht offenkundige\nLeitung der Vorsehung sehe. So werden Sie es auch neh-\nmen und eben darum desto mehr innerlich gesichert und\ndesto glücklicher sein.\"\nAm 1. März 1821 kam Schneider zum Antritte sei-\nner neuen Stellung nach Dessau und wurde von dem Hofe\nund den Künstlern und Kunstfreunden aufs freundlichste\nund ehrenvollste empfangen.\nEr fand in Dessau einen Boden, der für alles, was\nKunst iieisst, vortrefflich vorbereitet war. Hier hatte der\nGeist eines der edelsten und hochgebildetsten deutschen\nFürsten, des Herzogs Leopold Friedrich Franz, in\neiner beinahe sechszigjährigen Regierung gewaltet. Ihm\nwar nichts fremd, was die höchsten Interessen der Mensch-\nheit berührt, und während er das materielle Wohl seines\nLandes durch geordnete Verwaltung, Anlage von Kunst-\nstrassen, Verbesserungen des Landbaues u. s. w. zu einem\nbeneidenswerthen Zustande erhob, vergass er nie und nir-\ngends die Förderung von allem, was jene unsichtbaren\nGüter des Lebens schafft, die nur durch Wissenschaft und\nKunst errungen werden können, und wirkte in dieser Hin-\nsicht weit über die engen Gränzen seines Erbes hinaus.\nBereichert mit den Eindrücken, welche mehrfache Reisen\ndurch Italien, die Schweiz, Frankreich, Holland und Gross-\nbritannien ihm gegeben, verwirklichte er in seiner Heimat\nin den gegebenen Verhältnissen die Ideen des Nützlichen,\nGuten und Schönen, welche Kopf und Herz bei ihm ein-\nnahmen. Wras er für Gartenkunst, Architektur und bildende\nKunst gethan, ist weltbekannt; wir erwähnen für unseren\nZweck nur noch im Besonderen die Gründung der Capelle\nund des Theaters. Sein hochherziger Sinn war auf seinen\nEnkel Leopold übergegangen, welcher seit seinem Re-\ngierungs-Antritte im Jahre 1817 alle die vom Grossvater\ngepflanzten Keime mit edler Pietät und eigener Vorliebe\nfür die Kunst gepflegt hat.\nHier also, an einem für Kunst jeglicher Art empfäng-\nlichen Orte, fand Schneider einen Wirkungskreis, in wel-\nchem er es sich zur Aufgabe machte, die musicalische Bil-\ndung in allen Kreisen zu fördern und auf eine hohe Stufe\nzu bringen. Ergründete am l.Mai 1821 die Sing-Aka-\ndemie und am 15. October desselben Jahres die Lie-\ndertafel, letztere mit dem geistvollen Dichter Wilhelm\nMüller zusammen, eine Verbindung, welcher der deutsche\nMännergesang manch schönes Gedicht und manch treffliches\nLied zu verdanken hat. Er richtete Abonnements-Con-\ncerte ein, deren Ertrag dem Witwen-Fonds der Capelle\nzu Gut kam, zu welchem die erste Aufführung des Welt-\ngerichts in Dessau den Grund gelegt hatte. Die Einführung\nregelmässiger Musik-Auflührungen in der Schlosskirche, so\nwie eines Choralbuches zu dem neuen Landes-Gesangbuche\nwar sein Werk, und durch die Gründung des musicali-\nschen Instituts (im Jahre 1831) dehnte er seine Wirk-\nsamkeit weit über die Gränzen seines Berufes aus.\nDiese Musikschule erwarb sich sehr bald einen grossen\nRuf; Schneider leitete sie fünfzehn Jahre lang mit Eifer\nund Liebe, und wirkte durch Lehre und praktische Anlei-\ntung namentlich zur Verbreitung gründlicher musicalischer\nKenntnisse und zur Grundlegung einer gediegenen Ge-\nschmacksrichtung in erfolgreicher Weise auf seine Schüler.\nEs haben dort 125 Zöglinge ihre Bildung erhalten, unter\nihnen Gathy, Flügel, Otten, Dürner, Markull,\nF. Derckum, Uhlig, R.Franz, Willmers, Salo-\nman und viele andere tüchtige Musiker. Im Jahre 1852\nist die Anstalt durch Theodor Schneider, den jüng-\nsten Sohn des Verewigten, wieder ins Leben gerufen wor-\nden und erfreut sich einer wachsenden Blüthe.\nUnter dieser Lehr-Thätigkeit litt seine Berufs-Thätigkeit\nnicht im Geringsten; er leitete die Aufführungen der Oper\nund die wöchentlichen Orchester-Proben auf solche Weise,\ndass die dessau'sche Capelle, deren Elemente stets gut ge-\nwesen waren, sehr bald den Ruf eines der besten deut-\nschen Orchester erlangte. Mit grossem Vergnügen erinnere\nich mich eines Sommertages im Jahre 1844, der mir einen"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "19", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.3", "texte": "glänzenden Beweis von der vollen Berechtigung der her-\nzoglichen Capelle zu diesem Rufe gab. Eine Reise nach\nBerlin führte mich über Dessau, wo ich jedoch nur Einen\nTag bleiben konnte, den ich mir an der zugemessenen Zeit\nabstahl, um Schneider zu besuchen. Das Gespräch wandte\nsich bald auf den Vortrag von Orchesterwerken. Schneider\nbrach auf einmal ab und sagte sinnend vor sich hin: „Wie\nfangen wir es aber an?\"\nWas denn? fiel ich ein.\n„ Ich möchte gern, dass Sie meine Capelle einmal wie-\nder hörten es ist aber heule leider nicht der gewöhn-\nliche Probetag, und ich bin nicht sicher, alle Mitglieder zu-\nsammen läuten zu können.\"\nDas wäre ja auch mein sehnlichster Wunsch! rief ich\naus: ich wagte nur nicht, ihn auszusprechen.\nKurz wir gingen nach Tisch ins Theater, und siehe!\ndas Orchester war so freundlich gewesen, vollzählig zu\nerscheinen.\n„Was wollen Sie hören?\" fragte mich Schneider.\nAm liebsten die J-c?wr-Sinfonie von Beethoven.\nEr wandte sich zum Capelldiener: „Legen Sie die sie-\nbente Sinfonie auf!\" und zog mich dann mit sich fort\nin eine Loge: „Hier hören wir am besten.\" Das Orchester\nwar auf der Bühne. Und nun hegann dasselbe ohne Diri-\ngenten ex improvisodie Aufführung des Werkes und voll-\nzog sie in einer so vollendeten, bis auf die feinsten Schät-\nzungen des Vortrags und der Tempo-Bewegung so siche-\nren und so geistvoll studirten Ausführung, dass ich einen\nähnlichen Genuss vor und nach nur selten gehabt habe.\nO ja! Friedrich Schneider war ein Dirigent, der\n„sich augenscheinlich überflüssig zu machen\" verstand,\nwürde also dadurch vor den Augen der neuen Erfinder des\nOrchester-Directions-Princips vielleicht Gnade gefunden ha-\nben! In der That, wer Schneider, Spohr und Mendelssohn\num nur diese drei von allen denen zu nennen, welche\nvor der kunsthistorischen Epoche des karlsruher Musik-\nfestes grosse Aufführungen geleitet haben wer diese\nMänner hat einstudiren, probiren und dirigiren sehen, dem\nmüssen die Redensarten der Wortführer der neuesten ro-\nmantischen Fortschritts-Schule von „unverwüstlichen Tact-\nschlägern\", von „der Function der Dirigenten als Wind-\nmühle\", von „dem notwendigen Fortschritt im Stil der\nAusführung\" u. s. w. als leeres Stroh erscheinen, das mit\ngoldpapiernen Dreschflegeln gedroschen wird.\nSchneider wurde von seinen Zeitgenossen so allgemein\nals ausgezeichneter Dirigent anerkannt, dass er, ausserhalb\nDessau, sechsundsechszigMusikfeste und grosse\nAufführungen dirigirte. Von seinen eigenen Werken\nführte er dabei auf: das Weltgericht in 12 bis 15\nStädten, namentlich in den oben bereits genannten;\ndie Sündfluth in Köln (1824) und Leipzig; das\nverlorene Paradies in Leipzig und Magdeburg; -\nA bsal on in Wittenberg, Halle, Coblenz, Bernburg;\nChristus der Meister in Nürnberg, Leipzig, Erfurt;\nPharao in Nordhausen und Erfurt; Christus\ndas Kind in Nürnberg; Gideon in Halberstadt, Leip-\nzig, Magdeburg; das befreite Jerusalem in Berlin;\nOster-Cantate in Magdeburg. Die Musikfeste in\nZerbst, Halberstadt, Magdeburg, Brandenburg, Kothen\n(Mendelssohn's Paulus), Hamburg (Messias), das Lutherfest\nin Wittenberg, ferner die Sängerfeste in Dresden, Molls-\ndorf in Thüringen, Meissen, Gotha (zweimal, einmal bei An-\nwesenheit der Königin Victoria von England), Arnstadt, Lü-\nbeck, Eisenach, Ballenstedt, die Liedertafel-Vereins-Feste zu\nKothen, Barby, Halle, Magdeburg, Leipzig, Berlin, Zerbst\nu. s. w. sahen ihn an ihrer Spitze und huldigten sowohl\ndurch die Berufung zum Dirigenten als durch unzählige\nEhrenbezeigungen während und nach den Aufführungen\nseinem Namen.\nEin solches Verdienst, wie Schneider sich als Compo-\nnist, als Lehrer und theoretischer Schriftsteller, als Capell-\nmeister und Dirigent um die Tonkunst erwarb, konnte von\nganz Deutschland und vom Auslande nicht unbeachtet blei-\nben; es bedurfte der Posaunen und Lärm-Trompeten eben\nso wenig als der klügelnden Nachweisungen seines\nWerthes; es beruhte auf Thaten, nicht auf Worten.\nVon allen Seiten strömten ihm die ehrenvollsten Zeichen\nder Anerkennung zu. Schon im Jahre 1825 ernannte ihn\nsein Herzog zum Hof-Capellmeister. Der Orden Albrecht's\ndes Bären, der Ernestinische Haus-Orden, der Rothe Adler-\nOrden 111. Classe, der Danebrog zierten seine Brust. Die\nUniversität Halle ernannte ihn 1830 zum Doctor der Mu-\nsik, Leipzig zum Doctor der Philosophie. Er war Mitglied\nder k. Preussischen Akademie der Künste in Berlin, der k.\nschwedischen Musik-Akademie zu Stockholm, des Conser-\nvatoriums zu Paris, des Elsasser Vereins, der oberlausitzer\nGesellschaft der Wissenschaften, der schweizerischen Musik-\nGesellschaft, der niederländischen Gesellschaft zur Beförde-\nrung der Tonkunst, der Gesellschaft der Musikfreunde im\nösterreichischen Kaiserstaate, des Mozarteums in Salzburg,\nder Akademie in Wien und vieler Musik-Vereine und Lie-\ndertafeln, z. B. in Ofen, Pesth, München, Berlin, Meissen,\nHalberstadt, Coblenz, Würzburg, Magdeburg, Erfurt, Köln\nu. s. w. Dem Männergesang-Verein in Köln übersandte er"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "20", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.4", "texte": "noch kurz vor seinem Tode als Dank für die Ernennung\nzum Ehren-Mitgliede seine Statuette.\nAuch an Familienfesten wurden ihm oft Ueberraschun-\ngen von seinen Freunden und ehrende Huldigungen von\nseinen Verehrern zu Theil, wie z. B. bei seiner fünfund-\nzwanzigjährigen Dienstfeier den 20. Juni 1832, dem fünf-\nundzwanzigjährigen Dienst-Jubiläum als Capellmeister in\nDessau am I. März 1846, der fünfundzwanzigjährigen\nJubelfeier der ersten Aufführung des Weltgerichts, im Jahre\n1845, endlich an seinem letzten Geburtstage, den 3. Jan.\n1853, wo ihm ein Fackelzug und eine Abendmusik ge-\nbracht und von der Capelle und den Gesang-Vereinen ein\nsilberner Tactstock überreicht wurde.\nSein Leben war eine rastlose Thätigkeit; aber ein Glück\nfür ihn war es, dass diese Thätigkeit, trotz eines mannig-\nfach bewegten äusseren Lebens, an einer festen Stellung\neinen Halt fand und sich auf eine ganz bestimmte, wenn\nauch sehr ausgebreitete, Wirksamkeit concentriren konnte.\nDadurch hauptsächlich und dann durch die Fruchtbarkeit\nssines Conceptions-Vermögens, gepaart mit einer unerhör-\nten Fertigkeit im Handwerk, ist es zu erklären, dass er bei\nder Masse von Beschäftigungen, bei der ausserordentlichen\nBerufs-Pünktlichkeit, die sich auch auf die langweiligsten und\nverdriesslichsten Schreiber- und Ordner-Geschäfte erstreckte,\nbei den vielen Ansprüchen an ihn von aussen her, bei den zahl-\nreichen Reisen und seiner Empfänglichkeit für das gesellige\nLeben noch Zeit und Begeisterung für eine fabelhaft reiche\nschöpferische musicalische Thätigkeit gefunden hat.\nAusser den theoretischen Unterrichtswerken: Elemen-\ntarbuch der Harmonie und Tonsetzkunst (in mehreren Auf-\nlagen) Vorschule der Musik Handbuch des Orga-\nnisten (drei Theile) Elementar-Uebungen für Gesang\nfür Pianoforte-Spiel Solfeggien sind 105 Werke\nvon ihm erschienen, darunter drei Oratorien (Weltgericht\nAbsalon Gethsemane), mehrere Messen, Psalmen,\nkirchliche Gesänge, Compositionen für gemischten Chor und\nfür Männergesang, neun Ouvertüren für grosses Orchester,\ndrei Streich-Quartette, viele Ciavier- und Orgelstücke, und\nverschiedene Ciavier-Auszüge von Oratorien anderer Meister.\nWenn diese Angaben allein schon von einer merkwür-\ndigen Thätigkeit Zeugniss geben, so muss man vollends er-\nstaunen, wenn man erfährt, welch eine Menge von unge-\ndruckten Compositionen sich in seinem Nachlasse vorge-\nfunden haben. Es sind folgende:\nOpern. Der Wahrsager— Claudine Albin's Ent-\nzauberung Der Zitherschläger Andromeda Der\nkleine Scheerenschleifer Schwanhilde (unvollendet).\nOratorien. Die Höllenfahrt Die Todtenfeier\nDie Sündfluth Das verlorene Paradies Jesus' Geburt\nChristus der Meister Pharao Christus das Kind\nGideon Das befreite Jerusalem Salomo's Tem-\npelbau Christus der Erlöser Bonifacius (unvollendet,\nder erste und die Hälfte des zweiten Theiles sind ferti«:\nvorhanden). Schneider hat also im Ganzen sechszehn grosse\nOratorien geschrieben.\nKirchenmusik. Vierzehn Messen und\n36 Psalmen, Hymnen, Cantaten, mit und ohne Begleitung\n(darunter mehrere Hymnen für Singchöre kleinerer Kirchen),\n16 Motetten und Lieder geistlichen Inhalts ohne Begleitung.\nWeltliche Gesänge. Eine grosse Anzahl Lieder für\neine Singstimme mit Pianoforte-Begleitung, sechs Gelegen-\nheits-Cantaten (ein Festspiel zur Vermählung des Herzogs\nvon Altenburg mit der Prinzessin Agnes von Anhalt war seine\nletzte grössere Composition), an 500 mehrstimmige Lieder,\ngrösstentheils für Männergesang.\nInstrumentalwerke. 23 Sinfonieen, 10 Ouver-\ntüren, 10 Streich-Quartette, mehrere Quartette und Trio's\nfür Pianoforte und Streich-Instrumente.\nSeine letzte Composition war ein Quartett für Män-\nnerstimmen, sehr ernsten Inhalts, in Choralform; die letzte\nOper, die er dirigirte, Beethoven's Fidelio.\nSeine sonst kräftige Gesundheit wurde in den letzten\nJahren durch ein Leberleiden angegriffen, in Folge dessen\nund an Entkräftung er am 23. November 1853, Abends\n7 '/2 Uhr verschied in demselben Augenblicke, als im\nAbonnements-Concerte die Jagd-Ouverture, seine erste\nComposition in Dessau, gespielt wurde. Von nah und fern\nbewies man der Witwe und der Familie die allgemeinste\nTheilnahme. Sein Begräbniss am 26. November war ein\nfeierliches und würdiges. Ein Musikchor eröffnete den Zug,\nzwei Mitglieder der Capelle trugen die Orden des Verewig-\nten, der Staatswagen des Herzogs, die Geistlichkeit und das\nI!ofmarschall-Amt, die Mitglieder der Capelle und des Hof-\ntheaters, die Sing-Akademie, die Liedertafel, das Seminar,\nder Kirchen-Chor, der Stadtrath, Deputationen aus Berlin,\nHalle, Magdeburg u. s. w. folgten unter dem Geläute al-\nler Glocken der Stadt. Auf einem vom Herzoge selbst an-\ngewiesenen ausgezeichneten Platze wurde der Sarg unter\nGesang, nach Weihe und Predigt, ins Grab gesenkt. Vom\n23. bis 27. blieb das Theater geschlossen. Mittwoch den\n30. November fand eine Gedächtnissfeier in der Schloss-\nkirche durch die Aufführung von Mozart's Statt.\nWir schliessen diesem Abriss des Lebens des grossen\ndeutschen Tonkünstlers den Nachruf an, der ihm in der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "21", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.5", "texte": "Anhaltischen Zeitung aus der Mitte seiner näheren Umge-\nbung in Dessau erklang und der ihn als Menschen kurz,\naber wahr schildert. „Es sei uns nur vergönnt,\" heisst\nes darin—, „mit wenig Worten zu sagen, wie Dessau ne-\nben dem weltberühmten Künstler den Menschen gekannt\nhat und in ehrenvollem Gedächtnisse halten wird. Dem ge-\nsellschaftlichen Schliff und Firniss hatte seine ureigene Na-\ntur keinen erborgten Schimmer zu danken; er glänzte durch\ndie heilige Liebe zur Kunst, durch sein rastloses, freies,\nschöpferisches Walten in ihrem Gebiete, durch einen vorur-\nteilslosen, hellen, vielfach gebildeten Geist, durch die feinste\nEmpfänglichkeit für alles Schöne, Gute und Grosse; ihn zier-\nten die Mannes-Tugenden der gemeinnützigen Thätigkeit,\nder Geschäfts-Pünktlichkeit, der Charakterfestigkeit, der Ge-\nrechtigkeit; seine Bescheidenheit machte, dass man seine\nKünstlergrösse liebend bewunderte. In seinen Worten gab\nes Maass und Gewicht unmaskirt erschien er im Masken-\nspiel des Lebens. Mit der bereitesten Anerkennung huldigte\ner fremdem Verdienste. Er war streng, nie hart sein\nZorn galt dem Fehlen in der Kunst, nicht dem fehlenden\nKünstler. Herzgewinnend war seine Freundlichkeit, wenn sie\nden gewöhnlichen Ernst seines Wesens wie der Stern das\nGewölk durchbrach. Jeden, der seines Umgangs genoss, er-\nfüllte er mit reinster Hochachtung, inniger Verehrung und\ntreuer Anhänglichkeit. Als ernster, eifriger Hoherpriester sei-\nner Kunst warb er Tausende für ihren beseligenden Dienst,\nförderte Verständniss und Genuss; und wenn die Kunst das\nLeben verschönert und erhöht, so verdanken wir es ihm, dass\nsie auf das unsrige wirkte.\"\nVon seinen Söhnen verlor Schneider den talentvollen\nViolinspieler und Tenoristen Hermann, der am 6. April\n1853 nach fünfjährigen Leiden an einem Halsübel starb, ein\ngrosser, tief empfundener Schmerz für den Vater, dessen Kräfte\nvon diesem Zeitpunkte an sichtbar abnahmen. Bernhard S.,\nfrüher Musik-Director in Magdeburg, lebt jetzt als Musikleh-\nrer in Petersburg, Reinhold ist Inspector einer Zucker-\nfabrik, Theodor herzoglicher Kammer-Musicus in Dessau.\nSchneider hat, wie dies das Loos der deutschen Com-\nponisten gewöhnlich ist, Ruhm, aber kein Vermögen hinter-\nlassen, und die trauernde Witwe steht mit vier unversorg-\nter. Töchtern und zwei Enkeln an seinem Grabe.\n\nL. B.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Cavallini E. Naumann über den Sieg-Rheinischen\nVerein in Brühl Mozart-Feier Flotow's Rübezahl.]\nDen 13. Januar 1854.\nDie Weihnachtszeit bringt in der Regel einige Ruhe\nin die musicalischen Aufführungen. Der Dom-Chor hat\nauch diesmal die Ausstellung von Transparent-Gemälden\nmit Gesang-Begleitung unterstützt und in dieser Vereini-\ngung dieselbe romantische Wirkung hervorgebracht, über\nderen Reiz ich Ihnen schon in früheren Jahren berichtet\nhabe. Concerte haben nicht Statt gefunden, eine kleine\nConcert-Aufführung im Opernhause ausgenommen, die für\nden italienischen Clarinettisten Signor Cav all in i veranstal-\ntet wurde. Der Künstler spielte leider nur einmal und vor\nleerem Hause, fand aber stürmischen Beifall. Er gehört zu\nden vorzüglichsten Virtuosen auf seinem Instrumente, nicht\nnur hinsichtlich der Fertigkeit, sondern namentlich in dem\nVortrag der Cantilene, der unsere meisten Sänger beschämt.\nMan kann hinsichtlich der gleichmässigen Schönheit des To-\nnes und der natürlichen, unabsichtlichen Weise der Nuan-\ncirung viel von ihm lernen. Von Interesse wird es viel-\nleicht für Sie sein, auf einen längeren Aufsatz aufmerksam\ngemacht zu werden, den E. Naumann in der Spener'-\nschen Zeitung über die musicalischen Leistungen des Sieg-\nRheinischen Lehrer-Vereins geschrieben hat. Indem er für\ndie Ausführung der alt-italiänischen Kirchen-Musik volle\nFreiheit im Vortrage, namentlich auch in Bezug auf das\nTempo, verlangt, gilt ihm die Auffassung des erwähnten\nVereins als die richtigste; dem Dom-Chor vindicirt er den\nPreis der technischen Vollendung, während die Sixtina nur\neinzelne Traditionen voraus habe. Uns scheint indess diese\nArt des Vortrags auf alle im Stil der Marcellus-Messe streng\npolyphon geschriebenen Compositionen schon darum nicht\nanwendbar, weil unserer Ansicht nach das innere Wesen\nderselben in der Darstellung des über alle Individualität\nerhabenen Unendlichen besteht; die subjective Accentuation\nvon Einzelheiten erreicht nicht die Höhe des katholi-\nschen Geistes. Anders ist es mit dem Vortrag von Wer-\nken, wie die Improperien von Palestrina oder das Miserere\nvon Allegri, in denen der Geist der alt-italiänischen Kir-\nchen-Musik in freierer Form zur Erscheinung kommt. Noch\nandere Compositionen stehen in der Mitte zwischen den\ngenannten; und die Vortragsweise wird davon abhangen,\nwie viel Theil sie an dem strengeren oder dem freieren\nStil haben. Uebrigens lässt sich aus dem Aufsatze von Nau-\nmann nicht mit Bestimmtheit entnehmen, in welcher Weise\nMusik-Director Töpl er sein Princip anwendet, und es ver-\nsteht sich daher von selbst, dass unsere Einwendungen\nmehr diesem Aufsatze, als den Leistungen des Sieg-Rhei-\nnischen Lehrer-Vereins gelten.\nDie königliche Oper hat inzwischen die dreihundertste\nAufführung des Don Juan gehabt, die im Ganzen nicht\nsehr erfreulich war. Am meisten befriedigten Frau Bötti-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "22", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.6", "texte": "eher (Elvira), wenngleich vorzugsweise nur durch den\nschönen Klang der Stimme, und Herr Krause (Leporello),\nder freilich kein geborener Komiker ist, aber wenigstens\nmit dem Verstände und nicht ohne Geschmack das Wesen\nseiner Rolle erfasst. Frl. Wagner überschreitet in der\nDonna Anna ihre Mittel bei Weitem; an dem Uebrigen\nist gleichfalls Vieles auszusetzen, selbst, wenn man will,\nan der Capelle, die Mozart's Musik nicht zart und durch-\nsichtig genug spielt. Sehr hübsch war die vorangehende\nMozart-Feier, deren Glanzpunkt die aus sämmtlichen Opern\nMozart's vorgeführten Gruppen bildeten. Vorgestern\nist der Rübezahl von Flotow zum ersten Male gege-\nben worden. Ein ernstes musicalisches Interesse wird man\ndaran nicht nehmen; Flotow gehört zu den Componisten,\ndie mit Absicht und Willen für das grosse Publicum schrei-\nben; er bereitet die Musik so zu, dass sie auch den Un-\nmusicalischen geniessbar werden soll. Dieselben Mittel, mit\ndenen ihm dieses früher gelungen ist, wendet er auch jetzt\nwieder an; ob sie aufs Neue anschlagen, wird von dem all-\ngemeinen und dem musicalischen Bildungs-Zustande der\neinzelnen Städte abhangen. In Berlin scheint nicht mehr\nder günstigste Boden für ihn zu sein. Wir haben im Prin-\neip nichts gegen diese Art von Musik; denn auch sie kann\nder Kunst nützen, indem sie die Kreise, die sich für Musik\ninteressiren, erweitert; aber es kommt zugleich darauf an,\ndass diese Popularisirung der Musik dem edlen Geiste der\nKunst nichts entzieht, dass sie nichts Positives gegen die\nidealen Principien derselben unternimmt. Gegen den Man-\ngel an Ernst würden wir in Flotow's Musik ebenfalls nichts\nUnbedingtes einwenden; denn es braucht nicht Einer Alles\nzu leisten. Aber er müsste dann wirklich das Graziöse und\nAnmuthige erreicht haben, und dies können wir von Flo-\ntow nicht rühmen. Seine Popularität beruht nicht nur\ndarin, dass er dem Publicum keine strengere musicalische\nBildung, keinen Ernst der Stimmung zumuthet, sondern er\nlässt sich auch zu der derb materiellen Weise des Volkes\nherab und hört eben darum auf, graziös zu sein. Der Text\nzum Rübezahl (von Putlitz) ist, vom dramatischen Stand-\npunkte betrachtet, sehr schlecht. Auf unwahrscheinlichen\nVoraussetzungen baut sich eine Verwicklung auf, die von\nallen Seiten mit mühseliger Qual unterhalten wird, um drei\nActe auszufüllen und verschiedene vom Componisten wahr-\nscheinlich vorher festgestellte Situationen herbeizuführen.\nDies ist denn auch die beste Seite des Textes, dass er,\n\"ausserlieh betrachtet, zu verschiedenen sich bestimmt son-\ndernden Charakteren, zu brauchbaren Ensemble-Stoffen,\nzu Ballet und Decoraiion Veranlassung gibt. Drei ernste\nund drei komische (oder der heiteren Oper angehörige)\nPersonen, Chöre von Soldaten, Schmugglern und Landleute\nbilden die Basis des Stückes. Da gibt es denn nicht nur\nSoldaten-Chöre, sondern auch Soldaten-Ballets, und dem\npreussischen Patriotismus wird nicht wenig gehuldigt.\nRübezahl erscheint nicht wirklich, sondern der Aberglaube\ndes Volkes wird nur zu verschiedenen Täuschungen be-\nnutzt. Es gibt Scenen zwischen ausgewechselten Liebha-\nbern, ein Quartett am Kamin während des Feuerns u. dgl.\nDieses Letztere ist eine Nachahmung der weissen Dame,\ndie sich auch in der Ballade vom Rübezahl und einem\nDuett zwischen den Liebenden im Dunkeln copirt findet.\nDie schottische weisse Dame ist aber eine echte Aristo-\nkratin im Vergleich zu dem schlesischen Berggeiste, der\nsich unseres Wissens übrigens meistens nur mit gewöhn-\nlichen Leuten abgegeben hat und sich mithin auch über\nerlittenes Unrecht vielleicht nicht beklagen darf.\n\nG. E.\n\nWiener Briefe.\n\n[Richard Wagner „Eine Sommernacht\", komische\nOper von Ambroise Thomas Fidelio Erstes Spi-\nrituel-Concert Yieuxtemps' Concerte und\nQuartett-Productionen.]\nDen 13. Januar 1854.\nLassen Sie mich diesmal, geehrter Herr Professor,\nIhnen vor Allem in meinem und aller jener Namen, wel-\nchen das Interesse der wahren Kunst am Herzen liegt, für\nIhren vortrefflichen, inhaltsvollen Artikel vom 7. d. Mts.\ndanken, welchen Sie auch uns, den Bewohnern des Donau-\nstrandes, als Neujahrs-Gruss von den Ufern des schönen\nRheines zusandten. Sie waren so fein und nannten, obwohl\ndas Ziel Ihrer scharftreffenden Worte in einer ganz be-\nstimmten Richtung lag, keine Namen ausser in dem\nstillen Versteck der Randglosse; verzeihen Sie, dass ich\nplumper bin und hier unmittelbar an den Mann anknüpfe,\nwelcher eben der Haupt-Commandant in jener Festung ist,\ndie Sie neulich mit so siegreichem Erfolg blokirten. Also\nRichard Wagner fängt an, in Wien populär zu werden!\nDenn kann es ein untrüglicheres Zeichen von der Popula-\nrität eines Componisten geben, als wenn seine Musik in\nden Gasthäusern gespielt wird, und dieses ist eigent-\nlich schon seit Längerem nach einer kleinen Pause aber\njust wieder neuerdings mit jener Wagner's bei uns der\nFall. Strauss junior nämlich, der Sohn des weltberühmten\nBall-Königs, hatte sich schon im verflossenen Sommer ver-\nschiedener Wagner'scher Opern-Fragmente bemächtigt und\ndieselben, eingestreut zwischen Walzer, Quadrilles und"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "23", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.7", "texte": "Potpourris, jenem amusement-begehrlichen Publicum vor-\ngetragen, welches sich an Belustigungs-Orten zu versam-\nmeln pflegt. Solche Ehre widerfuhr dem Pilger-Chor, dem\nSängerkrieg aus dem Tannhäuser (natürlich im Orchester-\nArrangement mit Hinweglassung des Chors) und einem\nEntre-Act aus dem Lohengrin; nunmehr ist noch dieTann-\nhäuser-Ouverture hinzugekommen, und wir hatten also\nzum ersten Male Gelegenheit, diese Arbeit in der orchestra-\nlen Ausführung kennen zu lernen. So lebhaft es mich auch\ngelüstete, Ihnen schon jetzt meine Meinung über dieses von\ngewisser Seite her so lebhaft gepriesene Opus mitzuthei-\nlen, so will ich doch nicht den Verdacht erregen, dass ich\nnach einer ganz unvollkommenen Aufführung urtheilte, ob-\nwohl die Strauss'sche nur theilweise wesentlich mangelhaft\nwar, und behalte mir ein ausführlicheres Wort über das-\nselbe, so wie über die ganze Totalität des Mannes, wie mir\ndieselbe bisher erscheint, bis nach dem dritten Spirituel-\nConcerte vor, welches nebst Anderem auch eben diese\nOuvertüre bringt.\nIn der Oper haben wir gestern eine Novität zu hören\nbekommen, nämlich den Sommernachtstraum von Ambroise\nThomas. Aber, weiss Gott, dieselbe wäre besser daheim-\ngeblieben; denn was sie uns nützen soll, ist nicht abzu-\nsehen. Etwas besser ist sie zwar, als Balfe's Keolanthe,\nschon darum, weil sie weniger Unsinn in ihrem geräumigen\nSchoosse birgt; aber was will das heissen? Was will es\nferner bedeuten, dass sie einige hübsche, namentlich fein\ngearbeitete Einzelheiten besitzt, wie den Eingangs-Chor\nund das Terzett im ersten Acte, die Introduction des zwei-\nten Actes und etwa noch eine Arietta der Elisabeth im\ndritten Acte, wenn doch das Ganze aller Tiefe, deren es\nder Charakter einer „komischen Oper\" wahrlich nicht ent-\nhebt, aller Originalität, alles echten, kernigen Lebens ent-\nbehrt und statt wahren Humors nur die gewöhnlichsten,\nabgebrauchtesten musicalischen Spässe, statt wahrer Em-\npfindung nur sentimentale Phrasen und endlose Fiorituren\nbringt? Das Libretto hat die bekannte Anekdote von\nShakespeare's Zusammentreffen mit der Königin Elisabeth\nzum Gegenstande. Dass in dieser Anekdote kein dramatisches\nElement enthalten ist, sollte Jeder auf den ersten Blick er-\nkennen. Den Herren Rosier und de Leuven, und in zweiter\nInstanz dem Mitgliede der Akademie der Wissenschaften und\nKünste, Herrn Ambroise Thomas, war dies nicht gegeben.\nDass nun in dieser episodischen Handlung bei dem Charak-\nter der Opern-Libretto's Shakespeare und Elisabeth schon\nnur ganz verwaschene Gestalten sind, versteht sich von\nselbst, und wenn Sir John Falstaff etwas markiger heraus-\ntritt, so verdankt er dieses seinem dicken Bauche, seiner\ninnigen, in der That durch innere und äussere Verwandt-\nschaft begründeten Allianz mit dem Contrabass und seiner\nan sich schon viel leichter wenigstens in allgemeinen\nZügen • zu charakterisirenden Individualität. Von Shake-\nspeare aber erfahren wir nichts, als dass er gelegentlich\ngern getrunken und manchmal auch seine empfindsamen\nStunden gehabt, was ziemlich allgemein menschlich sein\ndürfte; und die gewaltige, historisch bedeutende Beherr-\nscherin von Grossbritannien verwandelte Herr Thomas in\neine wahre Rouladen-Königin. Es wird Shakespeare als\nein entsetzliches Verbrechen angerechnet, dass er etwa ein-\nmal in die menschliche Schwäche eines kleinen Räusch-\nleins verfallen, und er muss darob ein zerknirschtes Aus-\nsehen annehmen, als ob er sich gegen alle sieben Ilauptsün-\nden zugleich vergangen hätte. Sind diese Gestalten schon bloss\nschattenhafte Erscheinungen, so können Fräulein Olivia\nund der edle, todtstecherisch gesinnte Lord Latimer vollends\nnur durch das Vergrösserungsglas wahrgenommen werden,\nindem sie geisterartig auf dünnen Spinnenbeinen einherzu-\nschreiten scheinen. Da überdies die Oper den Anforderun-\ngen des Amüsements so wenig als denen der Kritik zu\ngenügen vermag, so ist keine Aussicht, dieselbe auch nur\nkurze Zeit auf den Brettern zu erhalten, und sie hat auch\nbei der ersten Vorstellung, trotz der wenigstens in den\nHaupt-Partieen (Hr. Ander und Frl. Wildauer) gelungenen\nAusführung, nicht den mindesten Erfolg gehabt. (Hr. Staudigl\nals Falstaff war etwas unbelebt, Hr. Kreuzer aber und Frl.\nTietjens in den zuletzt genannten Rollen erhielten sich in\nUebereinstimmung mit dem Dichter und Componisten.) Legt\nsie denn zu den übrigen Todten! Wahrlich, Hr. Cornet ist ein\nguter Todtengräber, nur mit dem Unterschiede, dass er die\nTodten ausgräbt und sie von Anderen wieder einsargen lässt.\nDass die La Grua nur theilweisen Erfolg als Fidelio\nhatte, werden Sie bereits auf anderem Wege erfahren ha-\nben. Nach der unübertrefflichen Leistung der Frau Köster\nist es jeder Künstlerin schwer geworden, in dieser erhabe-\nnen Rolle durchzudringen.\nAuch das erste Spirituel-Concert hätten wir bereits\nhinter uns. Das Programm desselben lautete: Seb. Bach's\nTrauer-Cantate: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit\", Mo-\nzart's „Ave verum corpus\"und Beethoven's Pastoral-Sin-\nfonie. Die Bach'sche Cantate wurde mit der Hauptmann'-\nschen Instrumentation gegeben, welche aber doch zu üppig\nund grell gehalten sein dürfte. Sie ist reich an contrapunk-\ntischen Erfindungen und hat wohl auch einzelne Momente\nvon wahrhaft poetischer Schönheit, wie namentlich das"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "24", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540121-01.1.8", "texte": "Bass-Solo: „Bestelle dein Haus\" u. s. w., und den darauf\nfolgenden Chor:\nEs ist der alte Bund! Du musst sterben!\nJa, komm, Herr Jesu, komm!\nDie Mischung dieser beiden ganz verschieden charakterisir-\nten Verse, deren ersterer vom männlichen, der letztere vom\nweiblichen Chor vorgetragen wird, ist bewunderungswür-\ndig, so wie das Motiv des letzteren von jener eigenthümli-\nchen, rührenden Naivetät, welche nur Bach eigen ist; aber\nim Ganzen wird das Kunstwerk doch völlig erdrückt von\ndem damaligen, zum Theil äusserst steifen Formalismus\nund bringt keine reine Wirkung hervor. Frei von diesen\nSchlacken der Tradition, dem Cultus der Anatomie, erhebt\nsich das kleine Mozart'sche Kirchenstück in seiner himm-\nlischen Schönheit, seinem keuschen Zauber, lieber den hö-\nheren oder geringeren Werth der Pastoral-Sinfonie ist\nschon viel gestritten worden, doch dürfte wohl ziemlich\nallgemein zugegeben werden, dass sie sich mit ihren beiden\nriesigen Vorgängern, der Eroicaund nicht messen\nkann, was freilich schon in der Natur des ganz verschiede-\nnen Stoffes begründet ist, wie für mich wenigstens über-\nhaupt die fünfte, die sechste und selbst die so hoch gefeierte\nsiebente nur Durchgangs-Punkte zu der wieder in ganz\nreiner Vollendung strahlenden achten und endlich zu der\neine völlig neue Welt eröffnenden neunten Sinfonie sind.\nIndessen sind die Gewitter-Scene, das Scherzo (besonders\ndessen Trio) und das nur vielleicht etwas zu breit ausge-\nsponnene Andante jedenfalls Meisterstücke ersten Banges,\nund auch dem ersten und letzten Satze fehlt es keineswegs\nan reizenden Detail-Schönheiten. Die Ausführung war dies-\nmal eine vorzügliche; besonders gilt dies von dem Mozart'-\nschen Ave verum,das zur Wiederholung verlangt wurde,\nvon der Gewitter-Scene und allen übrigen Sätzen der Sin-\nfonie, mit Ausnahme des ersten Satzes, der durch das em-\npfindlich zu schnell genommene Tempo wesentlich litt.\nMeisterlich war der Vortrag des Hrn. Staudigl in dem\nBass-Solo und des Frl. Bury in dem Alt-Solo der Cantate,\nwas durch stürmischen Applaus anerkannt wurde.\nVieuxtemps' Concerte und Quartett-Productionen neh-\nmen noch immer ihren Fortgang. In einem der ersteren\nspielte er in höchster Vollendung Beethoven's Concert, aber\nleider auch den unvermeidlichen und unleidlichen Carneval.\nAuch in den Quartetten leistet er höchst Vorzügliches,\nwenn diese auch natürlich in der Gesammtwirkung das\nHellmesberger'sche und Müller'sche Quartett nicht erreichen\nkönnen. Der Besuch derselben ist ziemlich schwach, denn\nunser musicalischer Magen ist auf eine solche Ueberfüllung\nmit dieser Kostgattung noch nicht eingerichtet. Zudem be-\nginnt der zweite Hellmesberger'sche Quartett-Cvklus be-\nreits am 29. Januar, also früher, als ich Ihnen zuletzt\nmeldete. Doch muss ich Sie bitten, die Namen der übrigen\nmitwirkenden Herren schon darum nochmals abdrucken zu\nlassen, weil dieselben in meinem letzten Berichte, wahr-\nscheinlich in Folge etwas flüchtiger Handschrift, sämmtlich\nverdruckt erschienen und vielmehr lauten: Dobihal, Graft'\nund Borzaga. Auch darf ich das ganz besonders excellente\nSpiel des Letzteren nicht unerwähnt lassen, welcher längst\nals der tüchtigste Cello-Spieler Wiens anerkannt ist. In der\nWelt der Solo-Concerte wird wohl jetzt ein Tempo mode-\nrato eintreten, da Prinz Fasching die Geister und Leiber\nunserer lieben Wiener und Wienerinnen in den nächsten\nWochen zu sehr in Anspruch nehmen und mehr Gehör\nfinden wird, als Prinzessin Violine und Flöte.\n\nB.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\n(A. D. Z.)\nIjeipzig-, 13. Januar. Zwölftes Gewandhaus-Concert.\nEin ehemaliges Mitglied unserer Capelle, Hr. Joseph Joachim,\ngegenwärtig Concertmeister in Hannover, wurde vom Publicum\nfreundlichst empfangen. Wie hoch der Künstler in der unübertreff-\nlichen Bewältigung seines Instrumentes hinsichtlich der Technik\nwie des Vortrags anzuschlagen sei, hat Leipzig mit der gesammten\nKunstkennerschaft Deutschlands bereits früher als gestern aner-\nkannt. Wir können uns daher in dieser Beziehung mit der histori-\nschen Notiznahme seines Auftretens begnügen. Dass sich aber Hr.\nJoachim, wie sein gestriges G-moll-Concert uns wenigstens bewies,\nals Componist auf keinem fruchtbringenden Wege befindet, müssen\nwir um so mehr beklagen, da seine Genialität unläugbar auch aus\nden Windungen dieses Irrgartens erklingt. Die Polypen-Arme der\n„Zukunfts-Musik\" haben ihn umklammert, ihn, der, ein wahrhaft\ndeutscher Künstler, vielleicht vor Vielen berufen wräre, die schöne\nKlarheit seiner ausübenden Künstlerschaft in sein schöpferisches\nWirken überzutragen. Die zweite Nummer seiner gestrigen Con-\ncertleistung bewegte sich zwar in denselben Excentricitäten der Ro-\nmantik (er spielte eine neue Violin-Phantasie von R. Schumann),\njedenfalls aber mit prägnantem Ausdruck des vorwaltenden melo-\ndischen und rhythmischen Elementes, ein Grund, auf den die nach\ndemselben ausbrechende enthusiastische Beifalls-Bezeugung des\nPublicums sich überwiegender stützte, als auf seine eigene Com-\nPosition."}]}