{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-02-11-01", "volume": "bmtnabi_1854-02-11_01", "ocr_sha256": "2bb1c0861a206943e7bbc23859084b5d94c59d736e0dece134f714fd4cd02bcf", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/02/11_01/bmtnabi_1854-02-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "41", "page_fin": "44", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.2.1", "titre_corps": "Lohengrin, Oper von Richard Wagner.", "titre_sommaire": "Lohengrin, Oper von Richard Wagner.", "signature_source": "L. 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Um so\nwichtiger für die Sache ist die Uebereinstimmung von\nPersonen, welche, unabhängig von einander, in ihren Un-\ntersuchungen zu demselben Resultate gelangen.\nGleich von vorn herein wird bemerkt, dass die strenge\nDurchführung von einem der Haupt-Principe Wagner's für\ndramatische Musik, nämlich dass sie die Handlung in fort-\ndauernder Bewegung begleiten und desshalb die übliche\nForm der Musikstücke in der Oper aufgehoben werden\nmüsse, unmöglich sei und dass sie, wenn je denkbar, bis\nzur Verzweiflung peinigend sein würde. „Die in der Natur\nder Kunst begründeten Gesetze lassen sich übertreten, ge-\nradezu aufheben kann sie Niemand. So ist es auch Wagner\nergangen; an mehreren Stellen des Lohengrin ist er wie\ninstinetmässig gezwungen worden, Halt zu machen, ohne\nDass es das absolut dramatische Interesse so verlangt, und\ndann hat auch der musicalische Ausdruck eine abgeschlos-\nsene Form gewonnen*).\" Dieses wird besonders durch\ndie Ensemble-Stücke bewiesen, bei denen sich die Gesetze\nder Kunst mit Notwendigkeit geltend machen; daher auch\nim Lohengrin äusserlich abgerundete Sätze, die man ohne\nBeschwer aus dem Ganzen herauslösen kann**), wie\nz. B. das Gebet im ersten Acte. Charakteristisch ist es\nauch, dass Wagner in den Ensemble-Sätzen und Chören\ndie Worte wiederholt, aus einander zieht, versetzt, wie es\nihm für die musicalische Structur passt, was nach seinem\nPrincip eine rein äusserliche Concession gegen das Opern-\nhafte, d. h. Undramatische, ist***).\nIn den in der That musicalischen Sätzen findet der\nVerfasser kluge Berechnung gewisser Effecte und geschickte\nHandhabung gewisser Mittel, aber keineswegs hervorragende\nErfindung, nicht einmal unbedingte Selbstständigkeit****).\nDas Vorbild Weber's, besonders in der Euryanthe *****),\ndie Manier Meyerbeer's in der Behandlung der Männerchöre,\nwie auch der Einfluss Mendelssohn's und Marschner's\ndarauf, werden im Lohengrin eben so von dem Verfasser\nnachgewiesen, wie dies von uns sogar bis auf einzelne Mo-\ntive im Tannhäuser geschehen ist. Das Gebet im ersten\nActe ist „merkwürdiger Weise ganz mendelssohnisch, im\nAusdruck der Frömmigkeit, in der Führung der Melodie,\nin den harmonischen Wendungen und Uebergängen —• mit\n\n*) Indcss müssen wir doch auf unsere Schluss-Betrachtung auch\nin dieser Beziehung verweisen: „Dass Wagner einige Befähi-\nIzum Dichter mit dem Talente der Composition verbin-\nit allerdings wahr; wenn er sich aber für einen Dichter\nSinne des Wortes hält, so kann man dazu\nnur lächeln und wenn man erwägt, dass nach sei-\nSysteme der Dichter der erste und der Componist nur\nweite Schöpfer des dramatischen Kunstwerkes sein\n, dass also in letzter Consequenz wenn der Dich-\nichts geleistet hat, der Componist auch nichts leisten\n, so wird uns für die Zukunft des Componist en\ner ebenfalls bange.\" Art. XI. über Tannhäuser.\n*) Im Tannhäuser an vielen Nummern nachgewiesen a. a. 0.\nArt. 11. S. 1009, 111. S. 1018, IV. S. 1035 ff., V. S. 1041 und\n1043, VII. S. 1066.\n**) Eben so im Tannhäuser. S. Art. V. S. 1043.\n***) Art. IV. S. 1036: „Ein Sextett, wobei denn auch die Textes-\nworte gerade so wie in der allen Oper behandelt werden und\nsich Dehnungen und Wiederholungen gefallen lassen müssen.\"\nFerner Art. V. S. 1041, Art. AT. S. 1057.\n****) Art. X. S. 1116, XI. S. 1145, V. S. 1043, wo auch ausser den\nobigen noch Spontini genannt wird, dem Wagner ebenfalls\nviel verdankt. Vgl. ferner, was bei Gelegenheit der Musik im\nVenusberg S. 987 über die Familien-Aehnlichkeit derselben\nmit Preciosa, Euryanthe und Freischütz gesagt ist.\n*****) Art. IV. S. 1034, VII. 1066."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5222, "texte": "Ausnahme einiger Härten —, in der Art, wie Tenor und\nBass unisono die Melodie übernehmen, in der Verlängerung\ndes Schlusses, kurz so, dass man hier fast von der Schablone\nsprechen könnte. Es schadet der Wirkung nicht; aber wie\nkommt Wagner dazu*)?\"\nDer Verfasser kommt dann auf dasjenige musicalische\nElement, welches eigentlich erst den echten Wagner offen-\nbaren soll, auf die dramatische Charakteristik. Es wird, um\ndieser zu geuügen, „eine fortlaufende Rolle von einzelnen\nMotiven gesponnen, die sich zwar eines von dem anderen\nunterscheiden, aber ohne dem Gesetze einer höheren Orga-\nnisation unterworfen zu sein; es entsteht eine Darstellungs-\nweise, welche Recitativ und Cantilene mit einander zu ver-\n» f\nbinden sucht, bald das eine Element, bald das andere vor-\nwiegen lässt, ohne eines vollständig seiner Natur gemäss\nzu entwickeln. Allerdings wird die Charakteristik und das\nVerständniss derselben dadurch scheinbar erleichtert, weil\nes hierbei nur darauf ankommt, für ein Einzelnes den Aus-\ndruck zu finden und aufzufassen, was freilich leichter ist,\nals das Einzelne als integrirenden Theil eines künstlerischen\nGanzen darzustellen und zu begreifen. Uebrigens ist dieses\nkeineswegs neu**). Die Seena, welche einer Arie u. s. w.\nvorhergeht, eine weitere Ausbildung des instrumentirten\nRecitativs, ist aus demselben Princip hervorgegangen***)\nu. s. w.\" worauf mit Recht auf Weber, Marschner,\nSpohr, Meyerbeer (warum nicht auch auf Gluck, Mozart,\nSpontini?) verwiesen wird.\nVortrefflich führt der Verfasser nun aus, dass dies kein\nFortschritt, sondern nur eine Uebertreibung****) ist,\nindem er das Wesen der Musik, ihre Macht und ihre darin\nliegende Beschränkung aus einander setzt. „Es ist eine\nVersündigung an dem innersten Wesen der Musik, wenn\nman fordert, dass sie aufgeben soll, wonach sie ihrer Natur\nnach streben muss, die ausführliche reiche Darstellung\nder Empfindung in ihrem Bleiben und Beharren, für\nwelche sie, eben weil sie eine Kunst ist, auch eine nach\nGesetzen, die nur aus ihrem Wesen entspringen, be-\ngränzte und gegliederte Form sich mit Notwendigkeit bil-\ndet. Die Aufgabe, welche Wagner in dem grösseren\nTheile der Oper der Musik zugewiesen hat, in seinem\nSinne dramatisch zu charakterisiren, kann gar nicht genü-\ngend gelös't werden*).\"\nDer Verfasser kommt, nachdem er die lückenhafte und\nschiefe Charakteristik und die auf die Spitze getriebene\nDeclamation durch Beispiele erläutert hat, auf die so ge-\nnannten charakteristischen Motive, welche Wag-\nner, um eine handgreifliche Verständlichkeit zu geben,\nfür Personen und Situationen erfunden hat. Er findet\nnatürlich eben so wie wir die Sache nicht neu, und\nsieht nur in der Uebertreibung derselben, in ihrer Ausbil-\ndung zum System, das, was Wagner dabei eigenthümlich\nist**). „Für den Zuhörer wird das förmlich eine neue\nMnemotechnik, wo er sich Melodieen merkt, statt der\nWörter, und er muss immer Acht geben, dass ihm nicht\nein Motiv entgeht, womit er nachher operiren soll. Dieses\nganze Manöver ist nichts als eine äusserliche Declaration\ndurch ein Vehikel, welches mit dem Wesen der Musik nichts\nzu schaffen hat; die Verwendung stereotyper Motive\nist ein ganz mechanisches Verfahren u. s. w.\"\nIn Hinsicht auf Melodie zeigt Wagner im Lohengrin\nnach der Ansicht des Verfassers „ keine grosse und nament-\nlich keine freie Erfindung***)\"; das Bestreben, charakteri-\nstisch zu sein, lässt keinen ruhigen Fluss und keine harmo-\nnische Ausbildung zu. Die lyrischen Stellen der Elsa zeich-\nnen sich noch am meisten aus, aber sie sind zu weichlich,\nwie z. B. der chromatische Jammer****) bei den Worten:\n„Mein Auge ist zugefallen\". Ortrud's Partie ist, wo\nsie leidenschaftlich wird, fast überall unedel. W irklich schöne\nZüge sind meist vorübergehend, wie z. B. der Beginn des\nLiebes-Duetts; die falsche Vorstellung vom Charakteristi-\nschen lässt kein Festhalten und Fortführen zu. Dagegen\nsind Melodieen, die vollständig verschroben sind, damit sie\nnur etwas zu bedeuten scheinen, und daher ganz unsang-\nbar werden, nicht selten.\n\n*) Vergl. Art. VI, S. 1057.\n**) Art. 111. S. 1018, über das Wagner'sche Rccitativ.\n**A) Dass Wagner im Tannhäuser noch eine förmliche Seena\ngeschrieben, ist a. a. 0. Art. V. S. 1041 gezeigt worden.\n****) „Auch in diesem Puncte, wie in so manchen anderen, ist bei\nWagner nichts neu, als die Uebertreibung dessen,\nwas seine Vorgänger mit Maass und Ziel angewendet haben.\"\nVI. S. 1060.\n*) Vergl. die ganzen Artikel X. und XI., welche dasselbe Thema\nbehandeln. ,\n**) Vergl. Art. VI. S. 1059, wo wir nach Anführung mehrerer\nBeispiele von Aehnlichem aus älteren Opern hinzufügen : „Es\nist dies eine Uebertreibung, welche im Loh engr in sogar\nbis zu der Grille geht, jeder Person des Drama's ein beson-\nderes Motiv als Pass mit auf die Reise zu geben, durclmden\nsie sich bei ihrem jedesmaligen Auftreten alsogleich vorÄem\nPublicum legitimiren könne.44 S. 1060.\n***) Art. IX. S. 1097. „Hier, wie an so vielen anderen m\nwird es klar, dass es Wagner an eigentlich schöpfe*\nKraft der musicalischen Erfindung fehlt und dass, wem\nlodie bei ihm zum Vorschein kommt, sie auf nichts m\nAnspruch machen kann, als auf Neuheit und Origin«\n****) Vergl. a. a. 0. S. 985, 1010 und S. 1098 über\ntischen Mundverzerrungen\" der Yenus."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5000, "texte": "Merkwürdig ist dem Verfasser auch der Mangel an\nErfindung im Rhythmischen. In den Wirkungen durch\ndie Harmonie, in welcher Wagner mehr Eigenthümliches\nerzielt, als durch Melodie und Rhythmus, sucht er indess\nauch vergeblich nach wahrhaft neuen Schöpfungen oder\nauch nur genialen Blitzen; es zeigt sich auch hier nur die\nUebertreibung in Anwendung des schon Dagewesenen,\nwelche freilich überraschende Wirkungen hervorbringt. Aber\nnur überraschen, ist keine Kunst. Es werden die harmoni-\nschen Ohrfeigen, die man jeden Augenblick bekommt\n„mitunter hagelt es ordentlich Püffe\" —, das Naturwidrige,\ndas schroffe Zusammenstellen nur entfernt oder gar nicht\nverwandter Accorde, das wir im Tannhäuser mit dem Zu-\nsammenprallen zweier Locomotiven verglichen haben, ver-\ndienter Maassen gewürdigt.\nWenn dann heisst es weiter der vorherrschen-\nden Ueberladung mit harmonischen Effecten andere Male\ndie grösste Einfachheit entgegen tritt, so ist auch das nur\nein eben so äusserlicher Effect durch den Contrast. Es\nwird dieses an Lohengrin's Auftreten im ersten Acte und\nan dem Thürmerlied im zweiten Acte nachgewiesen. „Die\nprätentiös auf wenige Töne beschränkte, in ihren Wendun-\ngen einförmige Melodie Lohengrin's hat etwas entschieden\nNachtwächtorhaftes, das durch die wenigen Accorde einer\nzwitterhaften Harmonie nur noch auffallender wird; es fehlt\ni 7\nnur, dass er, wie in der Sage, sein Horn nimmt und tutet.\"\n„Wenn die Thürmer das Morgenlied blasen, so wech-\nselt dieses 28 Tacte lang mit Tonica und Dominante, und\ndann müssen wir uns noch 28 Tacte lang mit dem ge-\nbrochenen D-dur-Accordim Orchester unterhalten. Das\nist nicht einfach, sondern langweilig und wenn es dann\nauf einmal aus dem vollen D-duin das volle recht\neigentlich hineinplumpt, so ist dieses Sturzbad eine schlechte\nEntschädigung für die lange Dürre.\"\nFür die instrumentale Charakteristik gesteht der\nVerfasser dem Componisten des Lohengrin zu, dass dieses\nder Theil der Technik sei, den er mit der grössten Vir-\ntuosität ausübe; allein er beruft sich mit Recht darauf, dass\nBiese wie jede andere Virtuosität erst durch den künstleri-\nschen Geist, dem sie dient, ihren Werth erhält. Den Satz,\nden wir früher bei Gelegenheit einer Charakteristik Spon-\ntini's, dann eben so in Bezug auf Meyerbeer und Wagner's\nÜTannhäuser wiederholt ausgesprochen haben, dass die An-\nwendung der Instrumental-Massen an sich nicht unkünst-\nlerisch sei, und es dabei nur auf den Zweck und die künst-\n»•ische Behandlung ankomme, erkennt der Verfasser, wie\nebenfalls an. Aber „ es muss ein Ver-\nhältniss sein zwischen den Mitteln und dem Zwecke. Wenn\nein Künstler die Mittel seiner Kunst missbraucht, um tri-\nviale, an sich werthlose Dinge damit aufzuputzen und das\nPublicum durch raffinirten Sinnenkitzel zu verlühren, sie\nlür künstlerisch bedeutend zu halten, so ist er nicht bloss\nein Betrüger, sondern er handelt, vom Standpunkte der\nkünstlerischen Sittlichkeit betrachtet, nicht besser, als wer\nsein Geld in Luxus verthut, anstatt seine Schulden zu be-\nzahlen. \"\nWagner gebraucht im Lohengrin regelmässig drei\nFlöten, zwei Oboen und englisches Horn, zwei Clarinetten\nund Bass-Clarinette, drei Fagotts, drei Trompeten (ausserdem\nauf der Bühne auch noch acht bis zwölf), vier Hörner, drei\nPosaunen und Bass-Tuba. Diese Blas-Instrumente überwie-\ngen, und sie bestimmen den Haupt-Charakter der instru-\nmentalen Wirkung. Um ihnen gegenüber sich geltend zu\nmachen, werden dann auch die Saiten-Instrumente eigen-\ntümlich behandelt bald übald vielfach getheilt,\noder mit Dämpfern, die Geigen meist nur in den höchsten\nLagen, mit vorherrschendem Tremolo, so dass einem manch-\nmal zu Muthe ist, als bekomme das ganze Orchester das\nDelirium tremens.Dass dabei einzelne schöne Effecte ge-\nwonnen, wird nicht geläugnet; allein Einzelheiten der Art\nkönnen nicht für die „ Desorganisation des Orchesters\" ent-\nschädigen, welche in der Verschwendung und der unnatür-\nlich gekünstelten, nur auf Nervenreiz und Aufregung be-\nrechneten Verwendung der Mittel beruht.\nDer Verfasser findet den Beweis für alles dieses gleich\nin der Ouvertüre oder der Instrumental-Einleitung zum\nLohengrin, welche die wunderwirkende Darniederkunft des\nheiligen Grals im Geleite der Engelschar, die Vision eines\nverzückten Schwärmers darstellen soll, und charakterisirt\ndabei gelegentlich Wagner's polyphonische Schreibart sehr\nrichtig als eine solche, welche eigentlich keine Poly-\nphonie ist*).\nUeberhaupt findet sich in der instrumentalen Charak-\nteristik wiederum dieselbe äusserliche Decorations-Arbeit,\nwie man sie nach anderen Richtungen bei Wagner sieht.\nDie Stereotypie der Motive wiederholt sich gewisser Maas-\nsen in einer Stereotypie der Instrumentation. Höchst er-\ngötzlich ergeht sich der Verfasser in der Schilderung der\nvier Stabs-Trompeter des Königs und ihrer einen und der-\nselben Fanfare in C-dur,welche sie blasen, so oft der Kö-\nnig oder sein Heerrufer kommt oder etwas sagt. Auch\nuns und unsere musicalischen Nachbarn im Theater zu\n\n*) Vergl. a. a. 0. Art. IV. S. 1036."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3732, "texte": "Wiesbaden versetzten Sr. Majestät Blechpfeifer, welche aus-\nschliesslich für acht Tacte C-angestellt sind, jedesmal\nhei ihrem Erscheinen in die heiterste Stimmung.\nSehr treffend heisst es über die Morgenscene im zwei-\nten Acte: „Es ist eine poetische Reminiscenz, dass man\nsich in der frischen Morgenfrühe, wenn die Thürmer von\nihren vom ersten Sonnenstrahl getroffenen Zinnen sich grüs-\nsend zublasen, eigentümlich angeregt fühlt; aber es ist\nein Missverständniss, wenn man glaubt, diese Stimmung\ndadurch reproduciren zu können, dass man auf der Bühne\nvom Thurm herab ein triviales Trompeterstück blasen lässt,\nwie es in Wirklichkeit geblasen werden mag. Denn die\npoetische Stimmung beruhte auf einem Zusammenwirken\nder verschiedenartigsten Umstände, von denen auf der Bühne\nnichts bleibt, als die Trompeten und die Trivialität*). In\ndergleichen Zügen verräth sich der Dilettant, der allen-\nfalls eine poetische Stimmung beobachten kann, aber sie nicht\ndurch seine Darstellung wieder hervorzurufen vermag**).\"\nDie rein decorative Musik zu bloss scenischen Arran-\n\\\ngements (oder, wie wir an einem anderen Orte gesagt ha-\nben, die Musik zur Hebung der Verdienste des Regisseurs)\nwird mit Fug und Recht vom Verfasser noch schärfer mit-\ngenommen, als es von uns geschehen ist. Sie ist aber auch\nim Tannhäuser noch lange nicht so bis zur fratzenhaften\nManier ausgebildet, als im Lohengrin, z. B. in der Scene\naul dem Burghof am Morgen und im dritten Acte bei dem\nEinzüge der vier Heerhaufen der Brabanter. Diese letztere\nParade ist vom Verlasser mit ihren acht Trompeten, je\nzwei in Es,in D,in F, in Fund zuletzt den unvermeid-\nlichen vier königlichen in C treu gezeichnet, und wir kön-\nnen ihm nur beistimmen, wenn er sagt, dass man dabei in\neiner Kunstreiter-Bude zu sitzen glaube, und wenn er aus-\nruft: „Was für eine Kunst ist das, welche solche Mittel\nin Anspruch nimmt, um eine Exercirplatz-Illusion zur\nUnterhaltung der Strudel- und Prudelvvitze zu realisiren?\"\nDas Endergebniss der Betrachtungen des Verfassers\nist, dass, wenn Wagner gleich geschickter ist in der Hand-\nhabung der musicalischen als der poetischen Technik, doch\nvon einem Stil seiner Musik nicht die Rede sein kann.\nEs fehlt ihm dazu die Eigenthümlichkeit der Productions-\nkraft, ferner die Fähigkeit, den künstlerischen Stoff in sei-\nner Tiefe zu erfassen und so zu gestalten, dass das Sub-\njective und Objective im Kunstwerke sich durchdringe, end-\nlich die Einsicht in die Form und Technik und die Meister-\nschaft in der Behandlung derselben zu einem künstlerischen\nZwecke. Seine künstlerische Eigenthümlichkeit besteht we-\nsentlich darin, dass eine Anzahl heterogener Bildungs-Ele-\nmente unserer Zeit bei ihm in bedenkliche Confusion ge-\nrathen sind. Seine Manier kann eine Zeit lang täuschen\nund blenden, weil sie den Fehlern und Schwächen ihrer\nZeit entgegen kommt.\nDie Schlussworte unserer Kritik des Tannhäuser wa-\nren: „In einem Geschöpfe der Zeit überhaupt können\nwir unmöglich den Schöpfer einer neuen Aera der Kunst\ninsbesondere entdecken. Wagner aber ist nicht einmal ein\nProduct der Gährung unserer Zeit, sondern nur eine Ma-\nnifestation derselben auf dem Gebiete der Tonkunst.\"\n\n\") Der Verfasser berührt nur an dieser oben angezogenen Stelle\neine Wagner'sche Lehre, welche diesen zu einer Menge von\nMissgriffen in seinen beiden Opern verleitet hat; es ist dieses\ndas von ihm falsch verstandene Princip von der Wahrheit\nder musicalisch-dramatischen Darstellung. Wir haben an sehr\nvielen Stellen im Tannhäuser die lächerlichen Consequenzcn\ndieser Lehre, welche auf Verwechselung von Natur- und\nKunstwahrheit beruht, nachgewiesen.\n\") „Dies gibt dem Ganzen das Gepräge einer dilettantischen,\nkeineswegs aber genialen Arbeit.\" A. a. 0. S. 1010.\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-11_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "44", "page_fin": "46", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. 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Ein Theil der Schuld mag aber auch an der Sinfonie\nselbst liegen, die, so vortrefflich sie auch in formeller Be-\nziehung ist, doch des Markes der Gedanken entbehrt; es\nliegt etwas Mattes, Abgeschwächtes darin, und der Auf-\nwand an äusseren Mitteln, dem wir hier und da begegnen,\nkann diesen Mangel nicht ersetzen. Ohne entschiedene Con-\ncentration der Empfindung dünkt uns ein wahres Kunst-is\nwerk nicht möglich, und diese scheint der neuesten Sinfonie,.\nSchumann's zu fehlen. Am meisten befriedigt das Trio zumn\nScherzo, das namentlich in seinem Uebergange zum Finale11\nsich anziehend und anmuthig gestaltet; nächstdem die zarten\nund dultig gehaltene Romanze und die Introduction. Dioei\nunmittelbare Verbindung der vier Sätze zu einem Ganzer*0\nist, theoretisch betrachtet, nicht nothwendig, vom prakti-\nschen Standpunkte aus aber nicht rathsam. Der äussere"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5131, "texte": "Erfolg, der dem Trio des Scherzo nicht gefehlt haben\nwürde, ging jetzt verloren und etwas sind doch auch\ndiese Kleinigkeiten werth.\nHerr Louis Ehlert, dessen Frühlings-Sinfonie vor\netwa drei Jahren in Leipzig und Berlin zur Aufführung kam,\nveranstaltete im Saale der Sing-Akademie ein eigenes Con-\ncert, in dem er eine „Ouvertüre zu Hafis\" und eine neue\nSinfonie (C-dur) zur Aufführung brachte. Uns scheint, dass\nder talentvolle Künstler Fortschritte gemacht hat. Er hat\nsich den Sinn für feine, zarte und gewählte Arbeit, der ihn\nschon früher auszeichnete, bewahrt, ist aber natürlicher\nund energischer geworden. Namentlich trat dies im vierten\nSatze der Sinfonie hervor, während der dritte (Andante)\nsich von der gekünstelten und geschraubten früheren Ma-\nnier noch nicht ganz frei gemacht hat. Fesselnd war auch\nder zweite Satz, ein zart und elegisch gehaltenes Scherzo;\nder erste ist weniger hervortretend. Die Ouvertüre ent-\nspricht den Vorstellungen, die wir von Hafis haben, in ge-\nringem Grade; sie ist nicht keck und sinnlich genug; abge-\nsehen davon ist sie ein frisches und zierliches Werk. Die\nHaupt-Themen sind meist, obschon immer sich eine modern-\nromantische Natur in ihnen ausspricht, durch innere Aus-\nprägung, durch Charakter-Bestimmtheit hervortretend; die\nEntwicklung beweis't den geschickten Techniker, der so-\nwohl auf dem Gebiete der Modulation als der Instrumen-\ntation den Reiz der Mannigfaltigkeit hervorzubringen weiss.\nHöchst interessant wurde das Concert des Herrn\nEhlert noch dadurch, dass Frau v.Bock (Schröder-De-\nvrient), die in Berlin seit etwa sechs Jahren nicht öffent-\nlich gehört wurde, Lieder von Schumann und Schubert\nvortrug. Der Jubel der Zuhörer war stürmisch, und die\nnoch nicht erloschene Glorie dieser Künstlerin, die, wenn\nsie z. B. Schubert's „Rastlose Liebe\" singt, durch die\neigentümliche geistige Weihe in Ton und Vortrag sieg-\nreich vor allen Nebenbuhlerinnen bestehen würde, bildet\ndas Tagesgespräch in Berlin. Nicht für jedes Lied besitzt\nsie jetzt noch die physischen Mittel; aber z. B. in dem eben\ngenannten leistet sie das Vollendete und zieht uns in eine\nganz andere Sphäre, als wir es von den heutigen Sängern,\nselbst von den besten, gewohnt sind.\nAm Sonntag darauf sang sie in einer Matinee des Herrn\nSteifensand, über die ich weiter unten noch einige\nWorte hinzufügen werde, ebenfalls Lieder von Schubert\nund Schumann, darunter den Erlkönig. Für den nächsten\nSonntag aber hat sie ihre Mitwirkung in einem Concerte\nzugesagt, bei dem fast unser ganzes Opern-Personal thätig\nist; für den Vortrag einzelner Lieder hat sich neben der\nSchröder-Devrient Frl. Wagner verpflichtet. Ein Wett-\nkampf, wie er hier bevorsteht, wird unzweifelhaft dem wohl-\nthätigen Zwecke einen glänzenden materiellen Ertrag her-\nbeiführen.\nIn der eben erwähnten Matinee des Herrn Steifen-\nsand, die vor einem eingeladenen Auditorium Statt fand,\nhörten wir ausser dem Quintett von Schubert (für\nPiano und Saiten-Instrumente) die neunte Sinfonie in Liszt's\nArrangement für zwei Pianofortes. An der Ausführung der\nSoli waren unsere besten Kräfte thätig; der Chor war nur\nklein, aber von sehr tüchtigen Sängern besetzt und unter\nLeitung des zweiten Directors der Sing-Akademie, Herrn\nBlumner. Es stellte sich klar heraus, dass die Wirkung\ndes Chors in dieser Combination, schon der hörbaren An-\nstrengung wegen, noch weniger günstig ist, als mit Or-\nchester; dennoch war aber die Aufführung wenn auch\nvielleicht nur als Experiment für den Musiker sehr in-\nteressant. Die Herren Steifensand und Kroll, die beide\nzu unseren tüchtigsten Pianisten gehören, und namentlich\ndurch ihr ernstes, rein künstlerisches Streben sich vor der\ngrossen Masse der blossen Virtuosen vortheilhaft auszeich-\nnen, lös'ten die schwierige Aufgabe vortrefflich.\nBis jetzt hat fast mein ganzer Brief von Sinfonieen ge-\nhandelt; dennoch bin ich mit diesem Capitel für diesmal\nnoch nicht fertig. Seit der vorigen Woche existirt nämlich\nein neuer Cyklus von Sinfonie-Concerten, die im Mäder'-\nschen Saale zu dem Abonnements-Preise von einem Thaler\nfür sechs Concerte Statt finden. Herr Lieb ig, der sich\nlängst durch die Aufführung von Sinfonieen in Garten-Con-\ncerten einen wohlbegründeten Ruf erworben, ist mit sei-\nnem für diesen Zweck verstärkten Orchester der Unter-\nnehmer derselben. Dass ein Bedürfniss danach vorhanden\nwar, beweis't der glänzende Erfolg; denn in kurzer Zeit\nwaren alle Plätze verkauft. Freuen wir uns daher, dass\ndie Ausführung, wenngleich an Fülle und Schönheit des\nKlanges der k. Capelle nachstehend, auf durchaus soliden\nGrundlagen ruht und auch in der Feinheit der Nuancirun-\ngen nach dem Besten strebt; hoffen wir aber auch, dass\ndieses Orchester weniger spröde gegen neuere Werke sein\nmöge, als die Capelle es ist.\nDie zweite Soiree des Domchors brachte zwei Stücke\nvoj Palestrina, ein herrliches Adoramus von- Corsi (aus\n4 in Ende des siebenzehnten Jahrhunderts) und einen wohl-\nklingenden, aber unbedeutenden Männersatz von Mastio-\nletti, einem sonst wenig bekannten Componisten; ausser-\ndem Stücke von Mendelssohn und Bortnianskv und einen\nPsalm von dem verstorbenen Nicolai, der sich durch grosse"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1157, "texte": "Sangbarkeit und natürliche Frische auszeichnet, aber ohne\nindividuelles, charakteristisches Gepräge ist. Herr Emil\nNaumann spielte Bach'sche Fugen mit Correctheit und\nKlarheit, Herr Grünwald die Chaconne; nur etwas mehr\nGrösse und Kraft im Tone wäre beiden Künstlern für Bach\nzu wünschen. Der Frauen-Verein zum Besten der\nGustav-Adolf-Stiftung führte in seinem zweiten glänzen-\nden Concerte den Orpheus von Gluck mit Chören und Or-\nchester vor. Der erste, namentlich aber der zweite Act\nwirken auch heute noch überwältigend; die grosse Scene\nzwischen Orpheus und den Höllengeistern, in der die bei-\nden grossen Principien, das der dramatischen Wahrheit\nund das der lyrischen Schönheit, sich in scharfer Ausprä-\ngung gegenüber treten, gehört zu den unvergänglichsten\nSchätzen der Musik. Fräul. Wagner sang den Orpheus\nmit eben so grossartigem Wohlklange als ergreifender Auf-\nfassung; in dieser Leistung erscheint sie als Künstlerin\nersten Ranges. Für eines der nächsten Gustav-Adolf-Con-\ncerte wird Jenny Lind erwartet. Auch Vieuxtemps\nund Wilhelmine Clauss werden in Kurzem eintreffen.\nEs steht uns also ein musicalisch reichhaltiger Carneval\nbevor.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-11_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "46", "page_fin": "47", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.2.3", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.6", "debut_caractere": 1159, "fin_caractere_exclue": 5067, "texte": "Wiener Briefe.\n\n[Oper und Ballet Verschiedenes Meyerbeer's\nMusik zu Struensee Concerte.]\nDen 31. Januar 1854.\nDie Marlow geht, die Marlow bleibt die Marlow\ngeht. Die letzte Version ist die neueste und definitive. Die\nStuttgarter Direction ging nicht darauf ein, dass Frau Mar-\nlow sich mit der Bezahlung eines Reugeldes von 6000\nFl. von ihrer unvorsichtig eingegangenen Verpflichtung los-\nkaufen wollte, und sie thut recht daran; denn sie gewinnt\nmit dem Besitze dieser trefflichen Künstlerin mehr als mit\ndem Geschenke von 6000 Fl., und nur ungern sehen wir\nsie scheiden. In Folge dessen wird aber Frl. Liebhardt\nnicht nach Pesth gehen, sondern auf weitere fünf Jahre\nmit 6000 Fl. engagirt; nur ist sie freilich, obwohl eine\nschätzbare und in mancher Partie recht angenehme Sän-\ngerin, kein ausreichender Ersatz für die Marlow. Das\nHaupt-Zugpflaster, welches Herr Cornet unserem Publicum\ngegenwärtig setzt, ist Frl. Adele Plunkett. Man will wissen,\ndass Herr Saint Leon dieses Fräulein mit Absicht zur Ri-\nvalin seiner eigenen Frau herangebildet habe, und dass das-\nselbe dereinst in sehr intimen Beziehungen zu General Ca-\nvaignac gestanden, ja, dass sie es gewesen sei, die den alten\nrepublicanischen Haudegen am 2, December verhinderte,\ndas Schlachtross zu besteigen. Das Letztere klingt ziemlich\nunwahrscheinlich, und wenn man die feine Gestalt an sich\nvorüberschweben sieht, so würde man an Alles eher den-\nken, als an die Politik und an den General Cavaignac; aber\ndie Sache wird hier in hohen Kreisen mit grosser Bestimmt-\nheit erzählt. Adele Plunkett ist eine graziöse Tänzerin, die\nein niedliches Figürchen besitzt, mit dem sie so viel Coquet-\nterie treibt, als nur einer Tänzerin möglich und erlaubt ist.\nSie debutirte bisher als Lia in Auber's verlorenem Sohne,\ndieser liederlichen Oper mit ihrer Haiduken-Musik, und ge-\nmeinschaftlich mit Herrn Saint Leon in einem von diesem\ncomponirten, aber ultra-dummenßallet, „Die Teufelsgeige\"\nbenannt. Ihr zu Ehren wird auch nächster Tage das neue\nBallet „ Paquerette\" in Scene gehen. Wenn man in neuerer\nZeit das Ballet zuweilen besucht, so muss man sich in der\nThat verwundern über die reissenden Fortschritte, welche\nauf diesem Gebiete nach einer gewissen Richtung hin ge-\nmacht werden, und wie man sich auch hier immer mehr\ndem pariser Schnitt nähert. Gewisse kühne Pas und ver-\nführerische Positionen, die sonst nur eine gewagte Aus-\nnahme bildeten und immer noch ein leises Gemurmel her-\nvorriefen, sind jetzt vielmehr die Hauptpfeiler des Gebäudes;\nja, es scheint der ganze übrige Plunder nur um dieser\nWürze willen da zu sein, und es ist erbaulich, zu sehen,\nwie in diesem Bestreben eine Koryphäe der anderen den\nRang abzulaufen sich bemüht, und ganz gewiss der Sieg\nderjenigen verbleibt, welche hierin bei möglichster Grazie\ndie meiste Kühnheit entwickelt. Doch einer hübschen Sün-\nderin wird immer leicht verziehen, und seit den Tagen der\nSennora Pepita de Oliva und Petra Camara sind eigentlich\nauf diesem Gebiete alle Wege gebahnt. Es ist zwar längst\nkein Geheimniss, dass das moderne Ballet überhaupt nicht\nviel mehr ist, als ein fortgesetzter Versuch, sich von der\nallzu starren Verhüllung der Sinnlichkeit zu emancipiren,\nwelche unserem öffentlichen Leben durch Gesetz und Sitte\nauferlegt ist; aber auch hier wäre ein offener Durchbruch\nnach irgend einer Seite wohlthätiger, als diese geheime\nAgitation mit ihren unlauteren künstlichen Mitteln. In der\nOper haben wir nächstens eine neue Inscenirung des We-\nber'schen „Freischütz\" und der Nicolai'schen „Lustigen\nWeiber von Windsor\" zu gewärtigen. Auch von einer\nWiederaufnahme der bei uns längst in Vergessenheit gera-\ntenen Euryanthe war die Rede, doch wurde dieses Unter-\nnehmen von wegen des neuen Ballets und der neuen Flo-\ntow'schen Oper einstweilen vertagt. Diese neue Fiotow'sche\nOper wird aber nicht, wie ursprünglich bestimmt, der\n„Rübezahl\" sein denn der Vorgang Berlins schreckte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5127, "texte": "ab —, sondern dessen „Matrosen\", denn der Erfolg in\nHamburg ermunterte dazu. Gern und öfter gehört wird in\nneuerer Zeit auch Boieldieu's „Weisse Frau\", und wenn\ndiese Oper auch heut zu Tage nicht mehr sein kann, was\nsie einstens war, so besitzt sie doch unstreitig viele liebens-\nwürdige und schätzenswerthe Seiten; besonders ist die\ngrosse Scene im zweiten Acte in ihrer Art ein Meister-\nstück. Auch ist die Ausführung der Oper eine sehr gute,\nund muss namentlich Herr Ander als George Brown mit\nbesonderer Auszeichnung genannt werden.\nUnter den hiesigen Musikern geht seit Längerem das\nGerücht, dass endlich einmal bei uns eine ordentliche Mu-\nsik-Zeitung gegründet werden solle. Ist es doch eine wahre\nSchmach, dass Wien eigentlich gar kein musicalisches Or-\ngan besitzt, während im übrigen Deutschland selbst ver-\nhältnissmässig kleine Städte, wie Ihr Köln, Leipzig u. a.,\nderen zwei, ja, drei haben. Die einzige Glöggl'sche Musik-\nZeitung ist ohne allen Credit und wird wenig oder gar\nnicht gelesen. Eben so kläglich ist es mit unseren Musi-\ncalien-Leih-Anstalten bestellt, deren keine auch nur annä-\nhernd ist, was sie sein soll. Die Mainzer'sche hat gar kein,\ndie Glöggrsche ein viel zu geringes Lager, und in der\nAscher'schen findet man von allen neueren Werken nichts\nals den Schund. Ganz mysteriös klingt ein Gerücht, dem\nzufolge sich eine Gesellschaft hier bilden wolle mit dem\nZwecke, Berlioz'sche Werke zur Aufführung zu bringen.\nWünschenswerth wäre es freilich in hohem Grade, diese\nmoderne musicalische Sphynx näher betrachten zu können;\naber man fragt sich vergeblich, wie und durch wen das\ngeschehen solle, wenn nicht Berlioz selbst eingeladen wird.\nMan muss daher an dem Zustandekommen eines solchen\nUnternehmens in Wien noch sehr stark zweifeln.\nVon Concerten ist diesmal allein das zweite Spirituel-\nConcert hervorzuheben, welches Meverbeer's Musik zum\n' «J\n„Struensee\" brachte. Die Ouvertüre zu dieser Tragödie\nwar mir von je her unausstehlich und ist mir durch die\ndiesmalige Aufführung um nichts lieber geworden. Sie ist\nein Gebräu von einem halben Dutzend Motive ohne alle\ninnere Wahrheit und Consequenz, und könnte einem erst\neiniger Maassen erträglich werden, wenn sie der ganzen\nübrigen Musik nachfolgte, in der man die einzelnen Facto-\nren kennen lernt, aus welchen das Ganze mechanisch zu-\nsammengefügt ist. Zwar ist nicht zu läugnen, dass in den\nanderen Theilen manches Schöne und viel Geistreiches\nenthalten ist, wie namentlich der Schlacht-Chor und einige\nspätere Nummern; aber zu einer echten, tiefen Stimmung\nkommt man doch in dem ganzen Werke kaum Ein Mal;\ndenn die stets bemerkbare Absichtlichkeit des äusserlichen\nPointirens lässt eine solche nicht aufkommen. Was ist da\nfür ein Aufwand mit Harfe, Piccolo, Trompete und Trom-\nmel gemacht, und wie kindisch nimmt sich das doch aus!\nZudem leidet die Tragödie selbst, welcher die Musik zum\nEmbleme dient, an der entsetzlichsten Prosa, und es ist\nausgemacht, dass sich Meyerbeer in diese Arbeit nicht ein-\ngelassen haben würde, wenn es nicht die Illustration eines\nbrüderlichen Werkes gegolten, und wenn es nicht nament-\nlich eine Ball- und eine JDorfschenk-Scene zu schildern ge-\ngeben hätte, zu welcher Art Schilderei Meyerbeer aller-\ndings das raffinirteste Zeug in seiner Gewalt hat, um damit\nimmer eine gewisse äussere Wirkung zu erzielen. Der Ein-\ndruck auf die Zuhörerschaft war aber dessen ungeachtet kein\nsonderlich begeisterter, die mit sehr grossen Schwierigkei-\nten verbundene Ausführung hingegen eine vortreffliche.\nNur die Zartheit der Piano's und Pianissimo's liess auch dies-\nmal, wie leider immer, zu wünschen übrig. Zu dem Gan-\nzen wurde von Herrn Jürgen, k. k. Hof-Schauspieler, ein\nverbindender Text von J. G. Seidl gesprochen.\nDer zweite Quartett-Cyklus der Herren Hellmesberger,\nDurst, Heiseler und Schlesinger hat also bereits am ver-\nflossenen Sonntage begonnen. Ihr Programm setzt sich\ndiesmal folgender Maassen zusammen: Ilaydn 3, Mozart\n2, Beethoven 5, Mendelssohn 4, Spohr 2 Werke, Hummel\nund Hof-Capellmeister Assmayer jeder ein Werk. Sie sehen,\nnur mit Vorsicht und Maass betritt man bei uns den Pfad\nder Neuerung. Auffallend ist es, dass man in diesem Jahre\nOnslow ganz übergangen hat. Ich werde Ihnen, was diesen\nzweiten Cyklus betrifft, nur über die interessanteren und\nbedeutenderen Abende im Detail berichten. Ein Violon-\ncellist aus Moskau, Herr Heinrich Schmidt, gab dieser Tage\nauch ein Concert, doch ist wenig mehr darüber zu sagen,\nals dass er eine gut ausgebildete Technik besitzt. Am in-\nteressantesten war in diesem Concerte der Vortrag des\nSchubert'schen „Doppelgängers\" und des „Atlas\" von\ndem Bassisten Staudigl! Vermag er die Aufgabe auch\nnicht in ganz wohlthuender Weise zu lösen, so ist es doch\nschon staunenswerth, dass er sie sich überhaupt zu stellen\nwagen darf. Indem ich eben im Begriffe bin, dieses Schrei-\nben zu schliessen, erhalte ich die Nachricht, dass Frau\nGoldschmidt, ci-devant Frl. Jenny Lind, hieher zu kommen\ngedenkt, um einen Cyklus von Concerten zu geben. Das\nist eine erfreuliche Nachricht. Mein nächster Brief wird\nwohl hauptsächlich von Richard Wagner zu handeln haben.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-02-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "48", "page_fin": "48", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4567, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« Die dreizehnjährige Violinspielerin Louise Singelee\nund ihre Gelährtin, die Sängerin Frl. Seme eis, sind noch zwei-\nmal im Theater und in einem eigenen Concerte mit Beifall aufge-\ntreten. Möge sich die junge Violinistin nur an Musikstücke halten,\nderen Vortrage sie vollkommen gewachsen ist, und nicht jetzt schon\nin das Gebiet von Künsteleien übergreifen, welche, ohne musicali-\nschen Gehalt, höchstens durch vollendete Technik und eine geniale\nVirtuosität für einen Augenblick interessant gemacht werden können.\nIm Theater haben die Wiederholungen von Nicolai's „Lusti-\ngen Weibern\" besser gefallen, als die erste Vorstellung derselben.\nAuch Shakespeare's „Sommernachtstraum\" ist mit der Men-\ndels söhn'sehen Musik ein paar-Mal, freilich nur vor massig be-\nsetztem Hause, ganz gut gegeben worden. Demnächst wird Ralfe's\nZigeunerin und Meyerbeer's Prophet in Scene gehen.\nBonn* Unsere Concert-Dircction bereitet eine Aufführung des\nM esßias von Händel vor. Der mit ziemlicher Consequenz ver-\nfolgte Versuch einer Propaganda (ür Schumann's romantische Can-\ntaten-Musik hat nur theilweise Anklang gefunden.\nNach pariser Blättern schreibt Liszt an einer grossen Oper\n„Faust\"; das Gedicht soll „von einer sehr hoch gestellten Person\nherrühren, welche nicht genannt sein will\". Die erste Vorstellung\nsoll bereits im März Statt finden. (?)\nI*estli. Frau Ernst-Kaiser ist wieder hier und trat als\nFides unter lebhaftem Applaus wieder auf. Für das National-Theater\nstudirt sie die Hauptrolle in einer neuen Oper von Karl Dopp-\nler: „Der Sohn der WTildniss\". Frl. Bury verlässt uns leider im\nFebruar (sie wird nächstens in Köln eintreffen); am 21. Januar\nentzückte sie uns noch durch Gesang und Spiel in Flotow's Indra\nals Zigaretta.\nIn Florenz entdeckte ein Musiker in einem Arbeiter, der an\nden Ufern des Arno Sand grub und ihn in der Stadt zum Ver-\nkaufe bot, eine Baritonstimme, welche Bossini tür die schönste er-\nklärt haben soll, die er noch gehört. Ein Impresario hat sich den\njungen Mann, wie das in Italien Sitte ist, auf vier Jahre gekauft.\nI\"aris9 5. Febr. Die Cruvelli füllt fortwährend das Opern-\nhaus, und der Beifall des Publicums steigt täglich. Dalle Aste\nist als Podesta in der Gazza ladra mit Erfolg, wenn auch nicht mit\nGlanz aufgetreten. Die Kritik meint, er habe mit grosser Befangen-\nheit gesungen, und es würde zu gewagt sein, ihn nach dieser ersten\nLeistung zu beurtheilen. Dagegen ist die mit so vielem Pomp der\nBeclame angekündigte Enkelin des Kara Georg, Frau Petro-\nwitsch-Walter, als Lucrezia Borgia gründlich durchgefallen.\nEs war ein wahres Fest lür das Parterre, in welchem fortwährend\neine ungeheure Heiterkeit herrschte, während das Publicum in den\nLogen und Sperrsitzen sich wendete und drehte, um nicht gegen\ndie Etiquette zu Verstössen. Die Mitspieler vermochten nicht ohne\nLächeln zu singen; auf einer Fermate verweilte die serbische Kunst-\nheldin mit den wunderlichsten Läufen, Sprüngen, Trillern und al-\nlerhand Phantastereien so lange, dass Mario Zeit hatte, fünf Minu-\nten um sie herum zu spaziren. Es war ein Hauptspass!\nEin anderer Spass ist Herrn Scribe passirt, der bekanntlich\nden neuen Text zu Mcyerbecr's „Feldlager\" oder „Stern des Nor-\ndens\" gemacht hat. Zur Zeit der Abfassung hielt der berühmte\nDichter es den damaligen Verhältnissen angemessen, der russischen\nPolitik Lorbern zu streuen. Die Abreise des Herrn v. Kisseleff hat\ndie Sache geändert, und die Censur-Commission weigert sich, bei\nder jetzigen Stimmung der Bevölkerung auf dem Theater Vice 1a\nRussie! singen zu lassen. Ich habe als Ausweg vorgeschlagen, den\nlext des fraglichen Chors in Vive la patrie! zu verwandeln und\nihn durchweg von türkischer Musik begleiten zu lassen.\nB. P.\nIn Marseille hat die Einsturz-Scenc des Palastes im „Prophc-\ntenik ein bedauernswerthes Opfer gefordert. Das Kleid einer jungen\nvierzehnjährigen Tänzerin wurde von den Flammen, die aus den\nSpalten des Fussbodens hervordrangen, ergriffen; alle Rettungs-Ver-\nsuche waren vergebens sie starb an den schrecklichen Brand-\nwunden. Daselbst hat auch ein Pianist und Componist, Namens\nMontuoro, ein Oratorium, „Die Christnacht\", mit Beifall auf-\ngeführt in Frankreich ein seltener Fall!\n\\ew-York. Der „Prophet\" zieht fortwährend die Menge\nnach dem Theater Niblo; ausserdem die zweite Reihe von Jul-\nlicn's Conccrten, in denen besonders der Wuille\nAufsehen erregt. Eine deutsche Opern-Gesellschaft hat sich gebil-\ndet, um in den Städten im Innern zu wohlfeilen Eintrittspreisen\nVorstellungen zu geben; man prophezeit ihr keine glänzenden\nGeschäfte."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "41", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.1", "texte": "Lohengrin, Oper von Richard Wagner.\n\n(Schluss. S. Nr. 5.)\nDer zweite Abschnitt des Aufsatzes behandelt die\nMusik des Lohengrin, dessen Textbuch der erste bespro-\nchen hatte. In der Beurtheilung der Wagner'schen Musik\nfinden wir noch mehr, als in der Würdigung Wagner's als\nDichter*), bei dem Herrn Verfasser diejenigen Ansichten\nwieder, welche wir in unserer Kritik des Tannhäuser im\n111. Jahrgang der Rheinischen Musik-Zeitung, Nr. 126\nu. s. w., ausgesprochen und durch viele Beispiele belegt\nhaben. Diese unsere Kritik hat der Verfasser offenbar nicht\ngekannt; denn Prof. Jahn ist nicht der Mann, der aus\nSchriftsteller-Eitelkeit seine Vorgänger ignorirt. Um so\nwichtiger für die Sache ist die Uebereinstimmung von\nPersonen, welche, unabhängig von einander, in ihren Un-\ntersuchungen zu demselben Resultate gelangen.\nGleich von vorn herein wird bemerkt, dass die strenge\nDurchführung von einem der Haupt-Principe Wagner's für\ndramatische Musik, nämlich dass sie die Handlung in fort-\ndauernder Bewegung begleiten und desshalb die übliche\nForm der Musikstücke in der Oper aufgehoben werden\nmüsse, unmöglich sei und dass sie, wenn je denkbar, bis\nzur Verzweiflung peinigend sein würde. „Die in der Natur\nder Kunst begründeten Gesetze lassen sich übertreten, ge-\nradezu aufheben kann sie Niemand. So ist es auch Wagner\nergangen; an mehreren Stellen des Lohengrin ist er wie\ninstinetmässig gezwungen worden, Halt zu machen, ohne\nDass es das absolut dramatische Interesse so verlangt, und\ndann hat auch der musicalische Ausdruck eine abgeschlos-\nsene Form gewonnen*).\" Dieses wird besonders durch\ndie Ensemble-Stücke bewiesen, bei denen sich die Gesetze\nder Kunst mit Notwendigkeit geltend machen; daher auch\nim Lohengrin äusserlich abgerundete Sätze, die man ohne\nBeschwer aus dem Ganzen herauslösen kann**), wie\nz. B. das Gebet im ersten Acte. Charakteristisch ist es\nauch, dass Wagner in den Ensemble-Sätzen und Chören\ndie Worte wiederholt, aus einander zieht, versetzt, wie es\nihm für die musicalische Structur passt, was nach seinem\nPrincip eine rein äusserliche Concession gegen das Opern-\nhafte, d. h. Undramatische, ist***).\nIn den in der That musicalischen Sätzen findet der\nVerfasser kluge Berechnung gewisser Effecte und geschickte\nHandhabung gewisser Mittel, aber keineswegs hervorragende\nErfindung, nicht einmal unbedingte Selbstständigkeit****).\nDas Vorbild Weber's, besonders in der Euryanthe *****),\ndie Manier Meyerbeer's in der Behandlung der Männerchöre,\nwie auch der Einfluss Mendelssohn's und Marschner's\ndarauf, werden im Lohengrin eben so von dem Verfasser\nnachgewiesen, wie dies von uns sogar bis auf einzelne Mo-\ntive im Tannhäuser geschehen ist. Das Gebet im ersten\nActe ist „merkwürdiger Weise ganz mendelssohnisch, im\nAusdruck der Frömmigkeit, in der Führung der Melodie,\nin den harmonischen Wendungen und Uebergängen —• mit\n\n*) Indcss müssen wir doch auf unsere Schluss-Betrachtung auch\nin dieser Beziehung verweisen: „Dass Wagner einige Befähi-\nIzum Dichter mit dem Talente der Composition verbin-\nit allerdings wahr; wenn er sich aber für einen Dichter\nSinne des Wortes hält, so kann man dazu\nnur lächeln und wenn man erwägt, dass nach sei-\nSysteme der Dichter der erste und der Componist nur\nweite Schöpfer des dramatischen Kunstwerkes sein\n, dass also in letzter Consequenz wenn der Dich-\nichts geleistet hat, der Componist auch nichts leisten\n, so wird uns für die Zukunft des Componist en\ner ebenfalls bange.\" Art. XI. über Tannhäuser.\n*) Im Tannhäuser an vielen Nummern nachgewiesen a. a. 0.\nArt. 11. S. 1009, 111. S. 1018, IV. S. 1035 ff., V. S. 1041 und\n1043, VII. S. 1066.\n**) Eben so im Tannhäuser. S. Art. V. S. 1043.\n***) Art. IV. S. 1036: „Ein Sextett, wobei denn auch die Textes-\nworte gerade so wie in der allen Oper behandelt werden und\nsich Dehnungen und Wiederholungen gefallen lassen müssen.\"\nFerner Art. V. S. 1041, Art. AT. S. 1057.\n****) Art. X. S. 1116, XI. S. 1145, V. S. 1043, wo auch ausser den\nobigen noch Spontini genannt wird, dem Wagner ebenfalls\nviel verdankt. Vgl. ferner, was bei Gelegenheit der Musik im\nVenusberg S. 987 über die Familien-Aehnlichkeit derselben\nmit Preciosa, Euryanthe und Freischütz gesagt ist.\n*****) Art. IV. S. 1034, VII. 1066."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "42", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.2", "texte": "Ausnahme einiger Härten —, in der Art, wie Tenor und\nBass unisono die Melodie übernehmen, in der Verlängerung\ndes Schlusses, kurz so, dass man hier fast von der Schablone\nsprechen könnte. Es schadet der Wirkung nicht; aber wie\nkommt Wagner dazu*)?\"\nDer Verfasser kommt dann auf dasjenige musicalische\nElement, welches eigentlich erst den echten Wagner offen-\nbaren soll, auf die dramatische Charakteristik. Es wird, um\ndieser zu geuügen, „eine fortlaufende Rolle von einzelnen\nMotiven gesponnen, die sich zwar eines von dem anderen\nunterscheiden, aber ohne dem Gesetze einer höheren Orga-\nnisation unterworfen zu sein; es entsteht eine Darstellungs-\nweise, welche Recitativ und Cantilene mit einander zu ver-\n» f\nbinden sucht, bald das eine Element, bald das andere vor-\nwiegen lässt, ohne eines vollständig seiner Natur gemäss\nzu entwickeln. Allerdings wird die Charakteristik und das\nVerständniss derselben dadurch scheinbar erleichtert, weil\nes hierbei nur darauf ankommt, für ein Einzelnes den Aus-\ndruck zu finden und aufzufassen, was freilich leichter ist,\nals das Einzelne als integrirenden Theil eines künstlerischen\nGanzen darzustellen und zu begreifen. Uebrigens ist dieses\nkeineswegs neu**). Die Seena, welche einer Arie u. s. w.\nvorhergeht, eine weitere Ausbildung des instrumentirten\nRecitativs, ist aus demselben Princip hervorgegangen***)\nu. s. w.\" worauf mit Recht auf Weber, Marschner,\nSpohr, Meyerbeer (warum nicht auch auf Gluck, Mozart,\nSpontini?) verwiesen wird.\nVortrefflich führt der Verfasser nun aus, dass dies kein\nFortschritt, sondern nur eine Uebertreibung****) ist,\nindem er das Wesen der Musik, ihre Macht und ihre darin\nliegende Beschränkung aus einander setzt. „Es ist eine\nVersündigung an dem innersten Wesen der Musik, wenn\nman fordert, dass sie aufgeben soll, wonach sie ihrer Natur\nnach streben muss, die ausführliche reiche Darstellung\nder Empfindung in ihrem Bleiben und Beharren, für\nwelche sie, eben weil sie eine Kunst ist, auch eine nach\nGesetzen, die nur aus ihrem Wesen entspringen, be-\ngränzte und gegliederte Form sich mit Notwendigkeit bil-\ndet. Die Aufgabe, welche Wagner in dem grösseren\nTheile der Oper der Musik zugewiesen hat, in seinem\nSinne dramatisch zu charakterisiren, kann gar nicht genü-\ngend gelös't werden*).\"\nDer Verfasser kommt, nachdem er die lückenhafte und\nschiefe Charakteristik und die auf die Spitze getriebene\nDeclamation durch Beispiele erläutert hat, auf die so ge-\nnannten charakteristischen Motive, welche Wag-\nner, um eine handgreifliche Verständlichkeit zu geben,\nfür Personen und Situationen erfunden hat. Er findet\nnatürlich eben so wie wir die Sache nicht neu, und\nsieht nur in der Uebertreibung derselben, in ihrer Ausbil-\ndung zum System, das, was Wagner dabei eigenthümlich\nist**). „Für den Zuhörer wird das förmlich eine neue\nMnemotechnik, wo er sich Melodieen merkt, statt der\nWörter, und er muss immer Acht geben, dass ihm nicht\nein Motiv entgeht, womit er nachher operiren soll. Dieses\nganze Manöver ist nichts als eine äusserliche Declaration\ndurch ein Vehikel, welches mit dem Wesen der Musik nichts\nzu schaffen hat; die Verwendung stereotyper Motive\nist ein ganz mechanisches Verfahren u. s. w.\"\nIn Hinsicht auf Melodie zeigt Wagner im Lohengrin\nnach der Ansicht des Verfassers „ keine grosse und nament-\nlich keine freie Erfindung***)\"; das Bestreben, charakteri-\nstisch zu sein, lässt keinen ruhigen Fluss und keine harmo-\nnische Ausbildung zu. Die lyrischen Stellen der Elsa zeich-\nnen sich noch am meisten aus, aber sie sind zu weichlich,\nwie z. B. der chromatische Jammer****) bei den Worten:\n„Mein Auge ist zugefallen\". Ortrud's Partie ist, wo\nsie leidenschaftlich wird, fast überall unedel. W irklich schöne\nZüge sind meist vorübergehend, wie z. B. der Beginn des\nLiebes-Duetts; die falsche Vorstellung vom Charakteristi-\nschen lässt kein Festhalten und Fortführen zu. Dagegen\nsind Melodieen, die vollständig verschroben sind, damit sie\nnur etwas zu bedeuten scheinen, und daher ganz unsang-\nbar werden, nicht selten.\n\n*) Vergl. Art. VI, S. 1057.\n**) Art. 111. S. 1018, über das Wagner'sche Rccitativ.\n**A) Dass Wagner im Tannhäuser noch eine förmliche Seena\ngeschrieben, ist a. a. 0. Art. V. S. 1041 gezeigt worden.\n****) „Auch in diesem Puncte, wie in so manchen anderen, ist bei\nWagner nichts neu, als die Uebertreibung dessen,\nwas seine Vorgänger mit Maass und Ziel angewendet haben.\"\nVI. S. 1060.\n*) Vergl. die ganzen Artikel X. und XI., welche dasselbe Thema\nbehandeln. ,\n**) Vergl. Art. VI. S. 1059, wo wir nach Anführung mehrerer\nBeispiele von Aehnlichem aus älteren Opern hinzufügen : „Es\nist dies eine Uebertreibung, welche im Loh engr in sogar\nbis zu der Grille geht, jeder Person des Drama's ein beson-\nderes Motiv als Pass mit auf die Reise zu geben, durclmden\nsie sich bei ihrem jedesmaligen Auftreten alsogleich vorÄem\nPublicum legitimiren könne.44 S. 1060.\n***) Art. IX. S. 1097. „Hier, wie an so vielen anderen m\nwird es klar, dass es Wagner an eigentlich schöpfe*\nKraft der musicalischen Erfindung fehlt und dass, wem\nlodie bei ihm zum Vorschein kommt, sie auf nichts m\nAnspruch machen kann, als auf Neuheit und Origin«\n****) Vergl. a. a. 0. S. 985, 1010 und S. 1098 über\ntischen Mundverzerrungen\" der Yenus."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "43", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.3", "texte": "Merkwürdig ist dem Verfasser auch der Mangel an\nErfindung im Rhythmischen. In den Wirkungen durch\ndie Harmonie, in welcher Wagner mehr Eigenthümliches\nerzielt, als durch Melodie und Rhythmus, sucht er indess\nauch vergeblich nach wahrhaft neuen Schöpfungen oder\nauch nur genialen Blitzen; es zeigt sich auch hier nur die\nUebertreibung in Anwendung des schon Dagewesenen,\nwelche freilich überraschende Wirkungen hervorbringt. Aber\nnur überraschen, ist keine Kunst. Es werden die harmoni-\nschen Ohrfeigen, die man jeden Augenblick bekommt\n„mitunter hagelt es ordentlich Püffe\" —, das Naturwidrige,\ndas schroffe Zusammenstellen nur entfernt oder gar nicht\nverwandter Accorde, das wir im Tannhäuser mit dem Zu-\nsammenprallen zweier Locomotiven verglichen haben, ver-\ndienter Maassen gewürdigt.\nWenn dann heisst es weiter der vorherrschen-\nden Ueberladung mit harmonischen Effecten andere Male\ndie grösste Einfachheit entgegen tritt, so ist auch das nur\nein eben so äusserlicher Effect durch den Contrast. Es\nwird dieses an Lohengrin's Auftreten im ersten Acte und\nan dem Thürmerlied im zweiten Acte nachgewiesen. „Die\nprätentiös auf wenige Töne beschränkte, in ihren Wendun-\ngen einförmige Melodie Lohengrin's hat etwas entschieden\nNachtwächtorhaftes, das durch die wenigen Accorde einer\nzwitterhaften Harmonie nur noch auffallender wird; es fehlt\ni 7\nnur, dass er, wie in der Sage, sein Horn nimmt und tutet.\"\n„Wenn die Thürmer das Morgenlied blasen, so wech-\nselt dieses 28 Tacte lang mit Tonica und Dominante, und\ndann müssen wir uns noch 28 Tacte lang mit dem ge-\nbrochenen D-dur-Accordim Orchester unterhalten. Das\nist nicht einfach, sondern langweilig und wenn es dann\nauf einmal aus dem vollen D-duin das volle recht\neigentlich hineinplumpt, so ist dieses Sturzbad eine schlechte\nEntschädigung für die lange Dürre.\"\nFür die instrumentale Charakteristik gesteht der\nVerfasser dem Componisten des Lohengrin zu, dass dieses\nder Theil der Technik sei, den er mit der grössten Vir-\ntuosität ausübe; allein er beruft sich mit Recht darauf, dass\nBiese wie jede andere Virtuosität erst durch den künstleri-\nschen Geist, dem sie dient, ihren Werth erhält. Den Satz,\nden wir früher bei Gelegenheit einer Charakteristik Spon-\ntini's, dann eben so in Bezug auf Meyerbeer und Wagner's\nÜTannhäuser wiederholt ausgesprochen haben, dass die An-\nwendung der Instrumental-Massen an sich nicht unkünst-\nlerisch sei, und es dabei nur auf den Zweck und die künst-\n»•ische Behandlung ankomme, erkennt der Verfasser, wie\nebenfalls an. Aber „ es muss ein Ver-\nhältniss sein zwischen den Mitteln und dem Zwecke. Wenn\nein Künstler die Mittel seiner Kunst missbraucht, um tri-\nviale, an sich werthlose Dinge damit aufzuputzen und das\nPublicum durch raffinirten Sinnenkitzel zu verlühren, sie\nlür künstlerisch bedeutend zu halten, so ist er nicht bloss\nein Betrüger, sondern er handelt, vom Standpunkte der\nkünstlerischen Sittlichkeit betrachtet, nicht besser, als wer\nsein Geld in Luxus verthut, anstatt seine Schulden zu be-\nzahlen. \"\nWagner gebraucht im Lohengrin regelmässig drei\nFlöten, zwei Oboen und englisches Horn, zwei Clarinetten\nund Bass-Clarinette, drei Fagotts, drei Trompeten (ausserdem\nauf der Bühne auch noch acht bis zwölf), vier Hörner, drei\nPosaunen und Bass-Tuba. Diese Blas-Instrumente überwie-\ngen, und sie bestimmen den Haupt-Charakter der instru-\nmentalen Wirkung. Um ihnen gegenüber sich geltend zu\nmachen, werden dann auch die Saiten-Instrumente eigen-\ntümlich behandelt bald übald vielfach getheilt,\noder mit Dämpfern, die Geigen meist nur in den höchsten\nLagen, mit vorherrschendem Tremolo, so dass einem manch-\nmal zu Muthe ist, als bekomme das ganze Orchester das\nDelirium tremens.Dass dabei einzelne schöne Effecte ge-\nwonnen, wird nicht geläugnet; allein Einzelheiten der Art\nkönnen nicht für die „ Desorganisation des Orchesters\" ent-\nschädigen, welche in der Verschwendung und der unnatür-\nlich gekünstelten, nur auf Nervenreiz und Aufregung be-\nrechneten Verwendung der Mittel beruht.\nDer Verfasser findet den Beweis für alles dieses gleich\nin der Ouvertüre oder der Instrumental-Einleitung zum\nLohengrin, welche die wunderwirkende Darniederkunft des\nheiligen Grals im Geleite der Engelschar, die Vision eines\nverzückten Schwärmers darstellen soll, und charakterisirt\ndabei gelegentlich Wagner's polyphonische Schreibart sehr\nrichtig als eine solche, welche eigentlich keine Poly-\nphonie ist*).\nUeberhaupt findet sich in der instrumentalen Charak-\nteristik wiederum dieselbe äusserliche Decorations-Arbeit,\nwie man sie nach anderen Richtungen bei Wagner sieht.\nDie Stereotypie der Motive wiederholt sich gewisser Maas-\nsen in einer Stereotypie der Instrumentation. Höchst er-\ngötzlich ergeht sich der Verfasser in der Schilderung der\nvier Stabs-Trompeter des Königs und ihrer einen und der-\nselben Fanfare in C-dur,welche sie blasen, so oft der Kö-\nnig oder sein Heerrufer kommt oder etwas sagt. Auch\nuns und unsere musicalischen Nachbarn im Theater zu\n\n*) Vergl. a. a. 0. Art. IV. S. 1036."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "44", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.4", "texte": "Wiesbaden versetzten Sr. Majestät Blechpfeifer, welche aus-\nschliesslich für acht Tacte C-angestellt sind, jedesmal\nhei ihrem Erscheinen in die heiterste Stimmung.\nSehr treffend heisst es über die Morgenscene im zwei-\nten Acte: „Es ist eine poetische Reminiscenz, dass man\nsich in der frischen Morgenfrühe, wenn die Thürmer von\nihren vom ersten Sonnenstrahl getroffenen Zinnen sich grüs-\nsend zublasen, eigentümlich angeregt fühlt; aber es ist\nein Missverständniss, wenn man glaubt, diese Stimmung\ndadurch reproduciren zu können, dass man auf der Bühne\nvom Thurm herab ein triviales Trompeterstück blasen lässt,\nwie es in Wirklichkeit geblasen werden mag. Denn die\npoetische Stimmung beruhte auf einem Zusammenwirken\nder verschiedenartigsten Umstände, von denen auf der Bühne\nnichts bleibt, als die Trompeten und die Trivialität*). In\ndergleichen Zügen verräth sich der Dilettant, der allen-\nfalls eine poetische Stimmung beobachten kann, aber sie nicht\ndurch seine Darstellung wieder hervorzurufen vermag**).\"\nDie rein decorative Musik zu bloss scenischen Arran-\n\\\ngements (oder, wie wir an einem anderen Orte gesagt ha-\nben, die Musik zur Hebung der Verdienste des Regisseurs)\nwird mit Fug und Recht vom Verfasser noch schärfer mit-\ngenommen, als es von uns geschehen ist. Sie ist aber auch\nim Tannhäuser noch lange nicht so bis zur fratzenhaften\nManier ausgebildet, als im Lohengrin, z. B. in der Scene\naul dem Burghof am Morgen und im dritten Acte bei dem\nEinzüge der vier Heerhaufen der Brabanter. Diese letztere\nParade ist vom Verlasser mit ihren acht Trompeten, je\nzwei in Es,in D,in F, in Fund zuletzt den unvermeid-\nlichen vier königlichen in C treu gezeichnet, und wir kön-\nnen ihm nur beistimmen, wenn er sagt, dass man dabei in\neiner Kunstreiter-Bude zu sitzen glaube, und wenn er aus-\nruft: „Was für eine Kunst ist das, welche solche Mittel\nin Anspruch nimmt, um eine Exercirplatz-Illusion zur\nUnterhaltung der Strudel- und Prudelvvitze zu realisiren?\"\nDas Endergebniss der Betrachtungen des Verfassers\nist, dass, wenn Wagner gleich geschickter ist in der Hand-\nhabung der musicalischen als der poetischen Technik, doch\nvon einem Stil seiner Musik nicht die Rede sein kann.\nEs fehlt ihm dazu die Eigenthümlichkeit der Productions-\nkraft, ferner die Fähigkeit, den künstlerischen Stoff in sei-\nner Tiefe zu erfassen und so zu gestalten, dass das Sub-\njective und Objective im Kunstwerke sich durchdringe, end-\nlich die Einsicht in die Form und Technik und die Meister-\nschaft in der Behandlung derselben zu einem künstlerischen\nZwecke. Seine künstlerische Eigenthümlichkeit besteht we-\nsentlich darin, dass eine Anzahl heterogener Bildungs-Ele-\nmente unserer Zeit bei ihm in bedenkliche Confusion ge-\nrathen sind. Seine Manier kann eine Zeit lang täuschen\nund blenden, weil sie den Fehlern und Schwächen ihrer\nZeit entgegen kommt.\nDie Schlussworte unserer Kritik des Tannhäuser wa-\nren: „In einem Geschöpfe der Zeit überhaupt können\nwir unmöglich den Schöpfer einer neuen Aera der Kunst\ninsbesondere entdecken. Wagner aber ist nicht einmal ein\nProduct der Gährung unserer Zeit, sondern nur eine Ma-\nnifestation derselben auf dem Gebiete der Tonkunst.\"\n\n\") Der Verfasser berührt nur an dieser oben angezogenen Stelle\neine Wagner'sche Lehre, welche diesen zu einer Menge von\nMissgriffen in seinen beiden Opern verleitet hat; es ist dieses\ndas von ihm falsch verstandene Princip von der Wahrheit\nder musicalisch-dramatischen Darstellung. Wir haben an sehr\nvielen Stellen im Tannhäuser die lächerlichen Consequenzcn\ndieser Lehre, welche auf Verwechselung von Natur- und\nKunstwahrheit beruht, nachgewiesen.\n\") „Dies gibt dem Ganzen das Gepräge einer dilettantischen,\nkeineswegs aber genialen Arbeit.\" A. a. 0. S. 1010.\n\nL. B.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Schumanns vierte Sinfonie Louis Ehlert Frau\nv. Bock Steifensand Licbig's Concertc\nD o m - C h o r.j\nDen 27. Januar 1854.\nSeit längerer Zeit hat sich die k. Capelle einmal wie-\nder entschlossen, ein neueres Werk zur Aufführung zu\nbringen, und zwar die vierte Sinfonie von Rob. Schu-\nm a n n. Der Erfolg ist kein sehr glücklicher gewesen : die\nAufnahme von Seiten des Publicums war sehr lau. Theil-\nweise ist dies nun zwar bei jedem neuen Werke zu fürch-\nten ; der abwehrende, zurückhaltende Ton ist Mode gewor-\nden. Ein Theil der Schuld mag aber auch an der Sinfonie\nselbst liegen, die, so vortrefflich sie auch in formeller Be-\nziehung ist, doch des Markes der Gedanken entbehrt; es\nliegt etwas Mattes, Abgeschwächtes darin, und der Auf-\nwand an äusseren Mitteln, dem wir hier und da begegnen,\nkann diesen Mangel nicht ersetzen. Ohne entschiedene Con-\ncentration der Empfindung dünkt uns ein wahres Kunst-is\nwerk nicht möglich, und diese scheint der neuesten Sinfonie,.\nSchumann's zu fehlen. Am meisten befriedigt das Trio zumn\nScherzo, das namentlich in seinem Uebergange zum Finale11\nsich anziehend und anmuthig gestaltet; nächstdem die zarten\nund dultig gehaltene Romanze und die Introduction. Dioei\nunmittelbare Verbindung der vier Sätze zu einem Ganzer*0\nist, theoretisch betrachtet, nicht nothwendig, vom prakti-\nschen Standpunkte aus aber nicht rathsam. Der äussere"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "45", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.5", "texte": "Erfolg, der dem Trio des Scherzo nicht gefehlt haben\nwürde, ging jetzt verloren und etwas sind doch auch\ndiese Kleinigkeiten werth.\nHerr Louis Ehlert, dessen Frühlings-Sinfonie vor\netwa drei Jahren in Leipzig und Berlin zur Aufführung kam,\nveranstaltete im Saale der Sing-Akademie ein eigenes Con-\ncert, in dem er eine „Ouvertüre zu Hafis\" und eine neue\nSinfonie (C-dur) zur Aufführung brachte. Uns scheint, dass\nder talentvolle Künstler Fortschritte gemacht hat. Er hat\nsich den Sinn für feine, zarte und gewählte Arbeit, der ihn\nschon früher auszeichnete, bewahrt, ist aber natürlicher\nund energischer geworden. Namentlich trat dies im vierten\nSatze der Sinfonie hervor, während der dritte (Andante)\nsich von der gekünstelten und geschraubten früheren Ma-\nnier noch nicht ganz frei gemacht hat. Fesselnd war auch\nder zweite Satz, ein zart und elegisch gehaltenes Scherzo;\nder erste ist weniger hervortretend. Die Ouvertüre ent-\nspricht den Vorstellungen, die wir von Hafis haben, in ge-\nringem Grade; sie ist nicht keck und sinnlich genug; abge-\nsehen davon ist sie ein frisches und zierliches Werk. Die\nHaupt-Themen sind meist, obschon immer sich eine modern-\nromantische Natur in ihnen ausspricht, durch innere Aus-\nprägung, durch Charakter-Bestimmtheit hervortretend; die\nEntwicklung beweis't den geschickten Techniker, der so-\nwohl auf dem Gebiete der Modulation als der Instrumen-\ntation den Reiz der Mannigfaltigkeit hervorzubringen weiss.\nHöchst interessant wurde das Concert des Herrn\nEhlert noch dadurch, dass Frau v.Bock (Schröder-De-\nvrient), die in Berlin seit etwa sechs Jahren nicht öffent-\nlich gehört wurde, Lieder von Schumann und Schubert\nvortrug. Der Jubel der Zuhörer war stürmisch, und die\nnoch nicht erloschene Glorie dieser Künstlerin, die, wenn\nsie z. B. Schubert's „Rastlose Liebe\" singt, durch die\neigentümliche geistige Weihe in Ton und Vortrag sieg-\nreich vor allen Nebenbuhlerinnen bestehen würde, bildet\ndas Tagesgespräch in Berlin. Nicht für jedes Lied besitzt\nsie jetzt noch die physischen Mittel; aber z. B. in dem eben\ngenannten leistet sie das Vollendete und zieht uns in eine\nganz andere Sphäre, als wir es von den heutigen Sängern,\nselbst von den besten, gewohnt sind.\nAm Sonntag darauf sang sie in einer Matinee des Herrn\nSteifensand, über die ich weiter unten noch einige\nWorte hinzufügen werde, ebenfalls Lieder von Schubert\nund Schumann, darunter den Erlkönig. Für den nächsten\nSonntag aber hat sie ihre Mitwirkung in einem Concerte\nzugesagt, bei dem fast unser ganzes Opern-Personal thätig\nist; für den Vortrag einzelner Lieder hat sich neben der\nSchröder-Devrient Frl. Wagner verpflichtet. Ein Wett-\nkampf, wie er hier bevorsteht, wird unzweifelhaft dem wohl-\nthätigen Zwecke einen glänzenden materiellen Ertrag her-\nbeiführen.\nIn der eben erwähnten Matinee des Herrn Steifen-\nsand, die vor einem eingeladenen Auditorium Statt fand,\nhörten wir ausser dem Quintett von Schubert (für\nPiano und Saiten-Instrumente) die neunte Sinfonie in Liszt's\nArrangement für zwei Pianofortes. An der Ausführung der\nSoli waren unsere besten Kräfte thätig; der Chor war nur\nklein, aber von sehr tüchtigen Sängern besetzt und unter\nLeitung des zweiten Directors der Sing-Akademie, Herrn\nBlumner. Es stellte sich klar heraus, dass die Wirkung\ndes Chors in dieser Combination, schon der hörbaren An-\nstrengung wegen, noch weniger günstig ist, als mit Or-\nchester; dennoch war aber die Aufführung wenn auch\nvielleicht nur als Experiment für den Musiker sehr in-\nteressant. Die Herren Steifensand und Kroll, die beide\nzu unseren tüchtigsten Pianisten gehören, und namentlich\ndurch ihr ernstes, rein künstlerisches Streben sich vor der\ngrossen Masse der blossen Virtuosen vortheilhaft auszeich-\nnen, lös'ten die schwierige Aufgabe vortrefflich.\nBis jetzt hat fast mein ganzer Brief von Sinfonieen ge-\nhandelt; dennoch bin ich mit diesem Capitel für diesmal\nnoch nicht fertig. Seit der vorigen Woche existirt nämlich\nein neuer Cyklus von Sinfonie-Concerten, die im Mäder'-\nschen Saale zu dem Abonnements-Preise von einem Thaler\nfür sechs Concerte Statt finden. Herr Lieb ig, der sich\nlängst durch die Aufführung von Sinfonieen in Garten-Con-\ncerten einen wohlbegründeten Ruf erworben, ist mit sei-\nnem für diesen Zweck verstärkten Orchester der Unter-\nnehmer derselben. Dass ein Bedürfniss danach vorhanden\nwar, beweis't der glänzende Erfolg; denn in kurzer Zeit\nwaren alle Plätze verkauft. Freuen wir uns daher, dass\ndie Ausführung, wenngleich an Fülle und Schönheit des\nKlanges der k. Capelle nachstehend, auf durchaus soliden\nGrundlagen ruht und auch in der Feinheit der Nuancirun-\ngen nach dem Besten strebt; hoffen wir aber auch, dass\ndieses Orchester weniger spröde gegen neuere Werke sein\nmöge, als die Capelle es ist.\nDie zweite Soiree des Domchors brachte zwei Stücke\nvoj Palestrina, ein herrliches Adoramus von- Corsi (aus\n4 in Ende des siebenzehnten Jahrhunderts) und einen wohl-\nklingenden, aber unbedeutenden Männersatz von Mastio-\nletti, einem sonst wenig bekannten Componisten; ausser-\ndem Stücke von Mendelssohn und Bortnianskv und einen\nPsalm von dem verstorbenen Nicolai, der sich durch grosse"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "46", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.6", "texte": "Sangbarkeit und natürliche Frische auszeichnet, aber ohne\nindividuelles, charakteristisches Gepräge ist. Herr Emil\nNaumann spielte Bach'sche Fugen mit Correctheit und\nKlarheit, Herr Grünwald die Chaconne; nur etwas mehr\nGrösse und Kraft im Tone wäre beiden Künstlern für Bach\nzu wünschen. Der Frauen-Verein zum Besten der\nGustav-Adolf-Stiftung führte in seinem zweiten glänzen-\nden Concerte den Orpheus von Gluck mit Chören und Or-\nchester vor. Der erste, namentlich aber der zweite Act\nwirken auch heute noch überwältigend; die grosse Scene\nzwischen Orpheus und den Höllengeistern, in der die bei-\nden grossen Principien, das der dramatischen Wahrheit\nund das der lyrischen Schönheit, sich in scharfer Ausprä-\ngung gegenüber treten, gehört zu den unvergänglichsten\nSchätzen der Musik. Fräul. Wagner sang den Orpheus\nmit eben so grossartigem Wohlklange als ergreifender Auf-\nfassung; in dieser Leistung erscheint sie als Künstlerin\nersten Ranges. Für eines der nächsten Gustav-Adolf-Con-\ncerte wird Jenny Lind erwartet. Auch Vieuxtemps\nund Wilhelmine Clauss werden in Kurzem eintreffen.\nEs steht uns also ein musicalisch reichhaltiger Carneval\nbevor.\n\nG. E.\n\nWiener Briefe.\n\n[Oper und Ballet Verschiedenes Meyerbeer's\nMusik zu Struensee Concerte.]\nDen 31. Januar 1854.\nDie Marlow geht, die Marlow bleibt die Marlow\ngeht. Die letzte Version ist die neueste und definitive. Die\nStuttgarter Direction ging nicht darauf ein, dass Frau Mar-\nlow sich mit der Bezahlung eines Reugeldes von 6000\nFl. von ihrer unvorsichtig eingegangenen Verpflichtung los-\nkaufen wollte, und sie thut recht daran; denn sie gewinnt\nmit dem Besitze dieser trefflichen Künstlerin mehr als mit\ndem Geschenke von 6000 Fl., und nur ungern sehen wir\nsie scheiden. In Folge dessen wird aber Frl. Liebhardt\nnicht nach Pesth gehen, sondern auf weitere fünf Jahre\nmit 6000 Fl. engagirt; nur ist sie freilich, obwohl eine\nschätzbare und in mancher Partie recht angenehme Sän-\ngerin, kein ausreichender Ersatz für die Marlow. Das\nHaupt-Zugpflaster, welches Herr Cornet unserem Publicum\ngegenwärtig setzt, ist Frl. Adele Plunkett. Man will wissen,\ndass Herr Saint Leon dieses Fräulein mit Absicht zur Ri-\nvalin seiner eigenen Frau herangebildet habe, und dass das-\nselbe dereinst in sehr intimen Beziehungen zu General Ca-\nvaignac gestanden, ja, dass sie es gewesen sei, die den alten\nrepublicanischen Haudegen am 2, December verhinderte,\ndas Schlachtross zu besteigen. Das Letztere klingt ziemlich\nunwahrscheinlich, und wenn man die feine Gestalt an sich\nvorüberschweben sieht, so würde man an Alles eher den-\nken, als an die Politik und an den General Cavaignac; aber\ndie Sache wird hier in hohen Kreisen mit grosser Bestimmt-\nheit erzählt. Adele Plunkett ist eine graziöse Tänzerin, die\nein niedliches Figürchen besitzt, mit dem sie so viel Coquet-\nterie treibt, als nur einer Tänzerin möglich und erlaubt ist.\nSie debutirte bisher als Lia in Auber's verlorenem Sohne,\ndieser liederlichen Oper mit ihrer Haiduken-Musik, und ge-\nmeinschaftlich mit Herrn Saint Leon in einem von diesem\ncomponirten, aber ultra-dummenßallet, „Die Teufelsgeige\"\nbenannt. Ihr zu Ehren wird auch nächster Tage das neue\nBallet „ Paquerette\" in Scene gehen. Wenn man in neuerer\nZeit das Ballet zuweilen besucht, so muss man sich in der\nThat verwundern über die reissenden Fortschritte, welche\nauf diesem Gebiete nach einer gewissen Richtung hin ge-\nmacht werden, und wie man sich auch hier immer mehr\ndem pariser Schnitt nähert. Gewisse kühne Pas und ver-\nführerische Positionen, die sonst nur eine gewagte Aus-\nnahme bildeten und immer noch ein leises Gemurmel her-\nvorriefen, sind jetzt vielmehr die Hauptpfeiler des Gebäudes;\nja, es scheint der ganze übrige Plunder nur um dieser\nWürze willen da zu sein, und es ist erbaulich, zu sehen,\nwie in diesem Bestreben eine Koryphäe der anderen den\nRang abzulaufen sich bemüht, und ganz gewiss der Sieg\nderjenigen verbleibt, welche hierin bei möglichster Grazie\ndie meiste Kühnheit entwickelt. Doch einer hübschen Sün-\nderin wird immer leicht verziehen, und seit den Tagen der\nSennora Pepita de Oliva und Petra Camara sind eigentlich\nauf diesem Gebiete alle Wege gebahnt. Es ist zwar längst\nkein Geheimniss, dass das moderne Ballet überhaupt nicht\nviel mehr ist, als ein fortgesetzter Versuch, sich von der\nallzu starren Verhüllung der Sinnlichkeit zu emancipiren,\nwelche unserem öffentlichen Leben durch Gesetz und Sitte\nauferlegt ist; aber auch hier wäre ein offener Durchbruch\nnach irgend einer Seite wohlthätiger, als diese geheime\nAgitation mit ihren unlauteren künstlichen Mitteln. In der\nOper haben wir nächstens eine neue Inscenirung des We-\nber'schen „Freischütz\" und der Nicolai'schen „Lustigen\nWeiber von Windsor\" zu gewärtigen. Auch von einer\nWiederaufnahme der bei uns längst in Vergessenheit gera-\ntenen Euryanthe war die Rede, doch wurde dieses Unter-\nnehmen von wegen des neuen Ballets und der neuen Flo-\ntow'schen Oper einstweilen vertagt. Diese neue Fiotow'sche\nOper wird aber nicht, wie ursprünglich bestimmt, der\n„Rübezahl\" sein denn der Vorgang Berlins schreckte"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "47", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.7", "texte": "ab —, sondern dessen „Matrosen\", denn der Erfolg in\nHamburg ermunterte dazu. Gern und öfter gehört wird in\nneuerer Zeit auch Boieldieu's „Weisse Frau\", und wenn\ndiese Oper auch heut zu Tage nicht mehr sein kann, was\nsie einstens war, so besitzt sie doch unstreitig viele liebens-\nwürdige und schätzenswerthe Seiten; besonders ist die\ngrosse Scene im zweiten Acte in ihrer Art ein Meister-\nstück. Auch ist die Ausführung der Oper eine sehr gute,\nund muss namentlich Herr Ander als George Brown mit\nbesonderer Auszeichnung genannt werden.\nUnter den hiesigen Musikern geht seit Längerem das\nGerücht, dass endlich einmal bei uns eine ordentliche Mu-\nsik-Zeitung gegründet werden solle. Ist es doch eine wahre\nSchmach, dass Wien eigentlich gar kein musicalisches Or-\ngan besitzt, während im übrigen Deutschland selbst ver-\nhältnissmässig kleine Städte, wie Ihr Köln, Leipzig u. a.,\nderen zwei, ja, drei haben. Die einzige Glöggl'sche Musik-\nZeitung ist ohne allen Credit und wird wenig oder gar\nnicht gelesen. Eben so kläglich ist es mit unseren Musi-\ncalien-Leih-Anstalten bestellt, deren keine auch nur annä-\nhernd ist, was sie sein soll. Die Mainzer'sche hat gar kein,\ndie Glöggrsche ein viel zu geringes Lager, und in der\nAscher'schen findet man von allen neueren Werken nichts\nals den Schund. Ganz mysteriös klingt ein Gerücht, dem\nzufolge sich eine Gesellschaft hier bilden wolle mit dem\nZwecke, Berlioz'sche Werke zur Aufführung zu bringen.\nWünschenswerth wäre es freilich in hohem Grade, diese\nmoderne musicalische Sphynx näher betrachten zu können;\naber man fragt sich vergeblich, wie und durch wen das\ngeschehen solle, wenn nicht Berlioz selbst eingeladen wird.\nMan muss daher an dem Zustandekommen eines solchen\nUnternehmens in Wien noch sehr stark zweifeln.\nVon Concerten ist diesmal allein das zweite Spirituel-\nConcert hervorzuheben, welches Meverbeer's Musik zum\n' «J\n„Struensee\" brachte. Die Ouvertüre zu dieser Tragödie\nwar mir von je her unausstehlich und ist mir durch die\ndiesmalige Aufführung um nichts lieber geworden. Sie ist\nein Gebräu von einem halben Dutzend Motive ohne alle\ninnere Wahrheit und Consequenz, und könnte einem erst\neiniger Maassen erträglich werden, wenn sie der ganzen\nübrigen Musik nachfolgte, in der man die einzelnen Facto-\nren kennen lernt, aus welchen das Ganze mechanisch zu-\nsammengefügt ist. Zwar ist nicht zu läugnen, dass in den\nanderen Theilen manches Schöne und viel Geistreiches\nenthalten ist, wie namentlich der Schlacht-Chor und einige\nspätere Nummern; aber zu einer echten, tiefen Stimmung\nkommt man doch in dem ganzen Werke kaum Ein Mal;\ndenn die stets bemerkbare Absichtlichkeit des äusserlichen\nPointirens lässt eine solche nicht aufkommen. Was ist da\nfür ein Aufwand mit Harfe, Piccolo, Trompete und Trom-\nmel gemacht, und wie kindisch nimmt sich das doch aus!\nZudem leidet die Tragödie selbst, welcher die Musik zum\nEmbleme dient, an der entsetzlichsten Prosa, und es ist\nausgemacht, dass sich Meyerbeer in diese Arbeit nicht ein-\ngelassen haben würde, wenn es nicht die Illustration eines\nbrüderlichen Werkes gegolten, und wenn es nicht nament-\nlich eine Ball- und eine JDorfschenk-Scene zu schildern ge-\ngeben hätte, zu welcher Art Schilderei Meyerbeer aller-\ndings das raffinirteste Zeug in seiner Gewalt hat, um damit\nimmer eine gewisse äussere Wirkung zu erzielen. Der Ein-\ndruck auf die Zuhörerschaft war aber dessen ungeachtet kein\nsonderlich begeisterter, die mit sehr grossen Schwierigkei-\nten verbundene Ausführung hingegen eine vortreffliche.\nNur die Zartheit der Piano's und Pianissimo's liess auch dies-\nmal, wie leider immer, zu wünschen übrig. Zu dem Gan-\nzen wurde von Herrn Jürgen, k. k. Hof-Schauspieler, ein\nverbindender Text von J. G. Seidl gesprochen.\nDer zweite Quartett-Cyklus der Herren Hellmesberger,\nDurst, Heiseler und Schlesinger hat also bereits am ver-\nflossenen Sonntage begonnen. Ihr Programm setzt sich\ndiesmal folgender Maassen zusammen: Ilaydn 3, Mozart\n2, Beethoven 5, Mendelssohn 4, Spohr 2 Werke, Hummel\nund Hof-Capellmeister Assmayer jeder ein Werk. Sie sehen,\nnur mit Vorsicht und Maass betritt man bei uns den Pfad\nder Neuerung. Auffallend ist es, dass man in diesem Jahre\nOnslow ganz übergangen hat. Ich werde Ihnen, was diesen\nzweiten Cyklus betrifft, nur über die interessanteren und\nbedeutenderen Abende im Detail berichten. Ein Violon-\ncellist aus Moskau, Herr Heinrich Schmidt, gab dieser Tage\nauch ein Concert, doch ist wenig mehr darüber zu sagen,\nals dass er eine gut ausgebildete Technik besitzt. Am in-\nteressantesten war in diesem Concerte der Vortrag des\nSchubert'schen „Doppelgängers\" und des „Atlas\" von\ndem Bassisten Staudigl! Vermag er die Aufgabe auch\nnicht in ganz wohlthuender Weise zu lösen, so ist es doch\nschon staunenswerth, dass er sie sich überhaupt zu stellen\nwagen darf. Indem ich eben im Begriffe bin, dieses Schrei-\nben zu schliessen, erhalte ich die Nachricht, dass Frau\nGoldschmidt, ci-devant Frl. Jenny Lind, hieher zu kommen\ngedenkt, um einen Cyklus von Concerten zu geben. Das\nist eine erfreuliche Nachricht. Mein nächster Brief wird\nwohl hauptsächlich von Richard Wagner zu handeln haben.\n\nB."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "48", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540211-01.1.8", "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln« Die dreizehnjährige Violinspielerin Louise Singelee\nund ihre Gelährtin, die Sängerin Frl. Seme eis, sind noch zwei-\nmal im Theater und in einem eigenen Concerte mit Beifall aufge-\ntreten. Möge sich die junge Violinistin nur an Musikstücke halten,\nderen Vortrage sie vollkommen gewachsen ist, und nicht jetzt schon\nin das Gebiet von Künsteleien übergreifen, welche, ohne musicali-\nschen Gehalt, höchstens durch vollendete Technik und eine geniale\nVirtuosität für einen Augenblick interessant gemacht werden können.\nIm Theater haben die Wiederholungen von Nicolai's „Lusti-\ngen Weibern\" besser gefallen, als die erste Vorstellung derselben.\nAuch Shakespeare's „Sommernachtstraum\" ist mit der Men-\ndels söhn'sehen Musik ein paar-Mal, freilich nur vor massig be-\nsetztem Hause, ganz gut gegeben worden. Demnächst wird Ralfe's\nZigeunerin und Meyerbeer's Prophet in Scene gehen.\nBonn* Unsere Concert-Dircction bereitet eine Aufführung des\nM esßias von Händel vor. Der mit ziemlicher Consequenz ver-\nfolgte Versuch einer Propaganda (ür Schumann's romantische Can-\ntaten-Musik hat nur theilweise Anklang gefunden.\nNach pariser Blättern schreibt Liszt an einer grossen Oper\n„Faust\"; das Gedicht soll „von einer sehr hoch gestellten Person\nherrühren, welche nicht genannt sein will\". Die erste Vorstellung\nsoll bereits im März Statt finden. (?)\nI*estli. Frau Ernst-Kaiser ist wieder hier und trat als\nFides unter lebhaftem Applaus wieder auf. Für das National-Theater\nstudirt sie die Hauptrolle in einer neuen Oper von Karl Dopp-\nler: „Der Sohn der WTildniss\". Frl. Bury verlässt uns leider im\nFebruar (sie wird nächstens in Köln eintreffen); am 21. Januar\nentzückte sie uns noch durch Gesang und Spiel in Flotow's Indra\nals Zigaretta.\nIn Florenz entdeckte ein Musiker in einem Arbeiter, der an\nden Ufern des Arno Sand grub und ihn in der Stadt zum Ver-\nkaufe bot, eine Baritonstimme, welche Bossini tür die schönste er-\nklärt haben soll, die er noch gehört. Ein Impresario hat sich den\njungen Mann, wie das in Italien Sitte ist, auf vier Jahre gekauft.\nI\"aris9 5. Febr. Die Cruvelli füllt fortwährend das Opern-\nhaus, und der Beifall des Publicums steigt täglich. Dalle Aste\nist als Podesta in der Gazza ladra mit Erfolg, wenn auch nicht mit\nGlanz aufgetreten. Die Kritik meint, er habe mit grosser Befangen-\nheit gesungen, und es würde zu gewagt sein, ihn nach dieser ersten\nLeistung zu beurtheilen. Dagegen ist die mit so vielem Pomp der\nBeclame angekündigte Enkelin des Kara Georg, Frau Petro-\nwitsch-Walter, als Lucrezia Borgia gründlich durchgefallen.\nEs war ein wahres Fest lür das Parterre, in welchem fortwährend\neine ungeheure Heiterkeit herrschte, während das Publicum in den\nLogen und Sperrsitzen sich wendete und drehte, um nicht gegen\ndie Etiquette zu Verstössen. Die Mitspieler vermochten nicht ohne\nLächeln zu singen; auf einer Fermate verweilte die serbische Kunst-\nheldin mit den wunderlichsten Läufen, Sprüngen, Trillern und al-\nlerhand Phantastereien so lange, dass Mario Zeit hatte, fünf Minu-\nten um sie herum zu spaziren. Es war ein Hauptspass!\nEin anderer Spass ist Herrn Scribe passirt, der bekanntlich\nden neuen Text zu Mcyerbecr's „Feldlager\" oder „Stern des Nor-\ndens\" gemacht hat. Zur Zeit der Abfassung hielt der berühmte\nDichter es den damaligen Verhältnissen angemessen, der russischen\nPolitik Lorbern zu streuen. Die Abreise des Herrn v. Kisseleff hat\ndie Sache geändert, und die Censur-Commission weigert sich, bei\nder jetzigen Stimmung der Bevölkerung auf dem Theater Vice 1a\nRussie! singen zu lassen. Ich habe als Ausweg vorgeschlagen, den\nlext des fraglichen Chors in Vive la patrie! zu verwandeln und\nihn durchweg von türkischer Musik begleiten zu lassen.\nB. P.\nIn Marseille hat die Einsturz-Scenc des Palastes im „Prophc-\ntenik ein bedauernswerthes Opfer gefordert. Das Kleid einer jungen\nvierzehnjährigen Tänzerin wurde von den Flammen, die aus den\nSpalten des Fussbodens hervordrangen, ergriffen; alle Rettungs-Ver-\nsuche waren vergebens sie starb an den schrecklichen Brand-\nwunden. Daselbst hat auch ein Pianist und Componist, Namens\nMontuoro, ein Oratorium, „Die Christnacht\", mit Beifall auf-\ngeführt in Frankreich ein seltener Fall!\n\\ew-York. Der „Prophet\" zieht fortwährend die Menge\nnach dem Theater Niblo; ausserdem die zweite Reihe von Jul-\nlicn's Conccrten, in denen besonders der Wuille\nAufsehen erregt. Eine deutsche Opern-Gesellschaft hat sich gebil-\ndet, um in den Städten im Innern zu wohlfeilen Eintrittspreisen\nVorstellungen zu geben; man prophezeit ihr keine glänzenden\nGeschäfte."}]}