{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-02-18-01", "volume": "bmtnabi_1854-02-18_01", "ocr_sha256": "799419ccc69dd366ebd96bf9d47baf583467ae750b18458a6416cf01b8f1a86a", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/02/18_01/bmtnabi_1854-02-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-02-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "49", "page_fin": "54", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.2.1", "titre_corps": "Desdemona.", "titre_sommaire": "Desdemona.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3427, "texte": "Desdemona.\nNovelle von August Hitzschold.\nVor einem der schönsten Paläste Neapels hielt eine\nstattliche Equipage. Ein junger, schmächtiger Mann kam\ndaher, blickte verwundert nach den Fenstern des Hauses\nund fragend auf den reich gekleideten Kutscher.\n„Freund,\" sprach er den letzteren an, „wohnt hier\nwirklich Maestro Rossini?\"\n„ Corpo di Bacco!\"antwortete der Diener. „Wie lange\nseid Ihr in Neapel, dass Ihr noch nicht die Wohnung des\nberühmten Maestro kennt?\"\nDer Fragende erröthete. „So ist dieses der Palast\nBarbaja ?\"\n„Freilich muss er das sein, Signor!\" entgegnete der\nkecke Bursche. „Ihrwisstja, der Maestro und der Impresario\nhaben Alles mit einander gemein, Haus und Tisch, Pferd'\nund Wagen, sogar\" er brummte etwas in den Bart,\nwas der junge Mann nicht verstand —. „Wenn Ihr aber\nden Maestro sehen wollt, Signor, so müsst Ihr ein wenig\neilen. Er fährt in zehn Minuten nach zur\nOpernprobe.\"\nDer junge Mann stieg rasch die Marmortreppen hinauf.\nEr gab seine Karte ab, und bald erschien ein Diener, der\nihn durch mehrere Zimmer, eines immer eleganter als das\nandere, führte. Endlich sprang die letzte Thür auf, und er\nstand vor einem schönen, munteren, wohlgenährten Manne,\nder vor einer grossen Schüssel voll Austern und einer Fla-\nsche Lacrimae Christi sass.\n„Es thut mir leid,\" sagte Rossini lächelnd, „dass ich\nEuch keine Austern mehr anbieten kann, Signor; aber wenn\nIhr morgen wiederkommt, sollt Ihr ein Schock ganz frisch\naus dem Meere haben.\"\nDer Besucher verneigte sich schüchtern und verlegen.\n„Uebrigens freut es mich, Euch kennen zu lernen,\nSignor Molino,\" fuhr Rossini fort, die Serviette zusam-\nmendrückend und die Flasche sorgfältig verschliessend; „ich\nhabe viel Gutes von Eurer Stimme gehört. Singt Ihr bis\nzum Si hinauf mit der Brust?\"\n„Wenn ich gut disponirt bin, sehr leicht,\" antwortete\nMolino : „ aber ich leide jetzt etwas.\"\n„Ja, das kommt von der deutschen Schneeluft und\nden langweiligen Nebeln da drüben,\" sagte lachend der\nMeister. „ Wenn Ihr gut seid, könnt Ihr hier bleiben. In\nItalien bleibt man so lange bei Stimme, bis einem die\nHaare erbleichen.\"\n„Ja, Italien ist herrlich!\" rief der Sänger aus.\n„Aber in Deutschland regnet es neben vielem Wasser\nauch Ducaten, und die klingen gut, nicht wahr, Molino?\"\nfragte Rossini.\n„Ja, dort bezahlt man den Künstler, aber bei uns\nehrt man ihn.\"\n„Und lässt ihn daneben auch nicht verhungern,\" be-\nmerkte Rossini „ wie Ihr an diesen Meer-Ungeheuern seht,\nd. h. Se. Majestät der König und mein Freund Barbaja be-\nkommen stets die ersten Austern im Jahre geliefert.\nWollt Ihr bei uns gastiren?\"\n„Nein, Signor, ich bin nach dem Süden auf Anordnung\nder Aerzte gekommen, um mich hier zu erholen. Meine\nBrust ist angegriffen.\"\n„Kein Wunder!\" rief Rossini aus: „wessen Brust\nsollte da drüben nicht angegriffen werden!\"\n„Wir haben nur zweimal in der Woche Oper,\" be-\nmerkte Molino.\n„ Ja, aber was für eine!\" rief Rossini aus. „Da müsste\neiner des Aeolus Lungen haben, um alles das Zeug her-\nauszublasen, was die barbarischen Componisten aushecken.\"\n„ Und doch will oft unser Publicum gerade am liebsten\ndas hören, was uns am schwersten fällt,\" sagte der Sänger.\n„Nicht wahr, von italiänischer Musik wollen sie noch\nnichts wissen?\" fragte Rossini, Hut und Handschuhe wie-\nder bei Seite legend. „Vor ihrem höllischen Don Juan,\nihrer langweiligen Schweizerfamilie, ihrem dumpfen Fidelio\nkann ein Salieri, ein Righini nicht aufkommen, von mir gar\nnicht zu reden.\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4730, "texte": "„Sie scherzen, Signor,\" fiel ihm Molino rasch ins\nWort: „gerade Ihren Wrerken, wenigstens dem Tancred,\nist ein höchst glänzender Erfolg überall in Deutschland zu\nTheil geworden. Und in Paris ...\"\n„Ich habe davon gehört,\" unterbrach ihn Rossini, „aber\nes scheinen nur die Damen zu sein, die an unserer Gesangs-\nOper Geschmack finden. Ein grosser Theil des Publicums\nscheint es mit den kritischen Pedanten zu halten und will\nsich lieber von der „ „ernsten\"\" Vestalin langweilen, als von\nder „ „leichten\"\" Italiänerin in Algier amüsiren lassen. A\npropos, Molino, Sie waren auch in Paris; haben Sie Spon-\ntini kennen gelernt?\"\n„Ich habe unter seinem Tactstabe gastirt,\" bemerkte\nder Sänger.\n„ Und was im Vertrauen gesagt, es bleibt unter uns\"\nsagte der Maestro, seine Hand auf Molino's Schulter\nlegend, „was äusserte er über meine Opern?\"\nDer Sänger schlug die Augen nieder und ward verlegen.\n„Sprechen Sie offen, icfi liebe die Wahrheit,\" bemerkte\nRossini: „ ich kann mir schon denken, was er meint.\"\n„Er hat Ihre Werke sämmtlich auf die Bühne der ita-\nliänischen Oper gebracht und dirigirt sie mit Eifer,\" sagte\nder Sänger ausweichend.\n„Aber mit Unlust, vielleicht mit Neid!\" rief Rossini aus.\n„Ja, wohl beneidet er Sie, Signor!\" fiel Molino ein:\n„sonst würde er Sie nicht mit Gluck vergleichen und von\nseiner Vestalin in Einem Athem mit Titus reden.\"\n„Und wie vergleicht er mich? sprechen Sie!\" rief leb-\nhaft der Maestro.\n„Nun denn, so wissen Sie, hochgeehrter Signor,\" sagte\nder Sänger, dass er Ihnen nicht mehr Gerechtigkeit wider-\nfahren lässt, als die deutschen Tages-Scribenten. Er behaup-\ntet, Sie gäben weniger, als Sie vermöchten, Sie zielten mit\nIhren Opern nur auf die Sinne, nicht auf Herz und Ver-\nstand, Sie . . .\"\n„Reden Sie aus!\" ermunterte den Zögernden der\nMaestro, sah nach der Uhr und setzte den Hut auf.\n„Spontini spricht Ihnen dramatisches Talent ab und\nnennt Sie einen blossen Lvriker ohne Tiefe und Wahrheit,\"\n•J\nflüsterte Molino, fürchte er, dieses demüthigende Urtheil\nmöchte noch das Ohr eines Dritten erreichen.\n„Ich danke Ihnen, Molino,\" sagte hierauf schnell Ros-\nsini und erfasste ihn beim Arm. „Jetzt aber kommen Sie\nmit zur Königin. Elisabeth; Sie werden in der Angelica\nColbran eine reizende Prima Donna kennen lernen.\"\nSie gingen und stiegen mit einander in den stattlichen\nWagen, dessen Schlag der Rutscher jetzt eben so verwun-\ndert schloss, als er vorher vom Sänger betrachtet wor-\nden war.\nRossini sprach von gewöhnlichen Dingen. Als sie sich\naber dem Theater Del Fondo näherten, bemerkte er: „Es\nist schade, dass Sie nicht im Winter kamen, ehe das Theater\nSan Carlo niederbrannte. Die Stimme der Colbran nahm\nsich dort noch einmal so herrlich aus.\"\n„ Ja, das war ein grosses Unglück, der Theater-Brand!\"\nrief der Sänger aus. „Signor Barbaja wird es lange nicht\nverschmerzen können.\"\n„0, desshalb seien Sie ruhig!\" bemerkte lächelnd der\nMaestro: „ der Impresario ist durch Subventionen mehr als\ngedeckt und hat übrigens einige San Carlos in der Tasche.\nAusserdem schreibe ich ihm eben zum Tröste eine neue\nOper, die Sie wahrscheinlich noch mitanhören werden.\"\n„Ich vernahm schon davon,\" sagte Molino, „es ist\neine komische, nicht wahr?\"\n„Sie meinen den Barbier von Sevilla,\" bemerkte Ros-\nsini: „nein, der ist für Rom bestimmt; die Römer wollen\neinmal lachen.\"\n„ Die Deutschen behaupten auch, Sie würden im Komischen\nnoch mehr leisten, als im Ernsten,\" bemerkte der Sänger.\n„Ach, was verstehen die vom Komischen!\" erwiderte\nRossini ärgerlich. „Die können ja gar nicht ordentlich lachen,\nso wenig als sich ihre Sänger auf der Bühne gehörig zu\nwenden und zu drehen verstehen. Nein, nein! für diese\nmelancholischen Fisch-Naturen ist eine Oper wie die, welche\nich jetzt schreibe. Es wird eine sehr ernste, hochtragische\nwerden, und\" setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu\n„Corpo di Christo! ich werde einmal eine Musik geben,\ndie auch Ihren Kritikern und Capellmeistern nicht frivol,\nsondern rührend und ergreifend erscheinen soll. Morgen\nbeginne ich den dritten Act; er soll ganz Spontinisch wer-\nden, wo möglich aber noch etwas besser. Wenigstens habe\nich zwei meiner schönsten Melodieen dafür aufgespart.\"\nSeine Augen leuchteten stolz; der Sänger machte unwill--\nkürlich eine Verneigung. Die Kutsche hielt, der Schlag\nwurde geöffnet, und bald rauschte die Ouvertüre los, welche\nder im Weinen lachende Meister seinen beiden Opern-Par-\ntituren, der tragischen Elisabeth und dem derb-komischen\nBarbier zugleich vorgesetzt hat.\n★ *\n*\nSechs Jahre waren vergangen, seitdem der Tenorist\nMaria Molino die Bekanntschaft seines berühmten Lands-\nmannes gemacht. Er hatte sich damals zwar nur einige\nWochen in Neapel aufgehalten, um dort seine von dem\nrauhen Klima des deutschen Nordens angegriffene Brust"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4982, "texte": "ausruhen und wieder erstarken zu lassen; aber er hatte in\ndieser Zeit durch den Umgang mit dem Meister und den\nBesuch der von ihm dirigirten Opern ausserordentlich ge-\nwonnen. Daher fand er, nach Deutschland zurückgekehrt,\nmannigfach glänzende Anerbieten zu Engagements, um so\nmehr, als seine treffliche, schmelzende Stimme von einer\nPersönlichkeit voll Anmuth und edlem Anstände gehoben\nwurde. Zuletzt hatte er sich von der Bühne einer grösse-\nren Residenz fesseln lassen, nicht aber angezogen von der\nbedeutenden Gage, noch von den Annehmlichkeiten des\nOrtes, sondern von den Reizen der ersten Sängerin.\nRossini war mit seiner Gattin nach längerem Zögern\nund mit Widerstreben nach Wien gegangen; denn er hegte\nstarke Antipathie gegen Deutschland, das Land, wo er nur\nhalbe Triumphe erlangen konnte. Er war nach Wien dem\nRufe gefolgt, seine Oper Zelmira dort in Scene zu setzen.\nBald jedoch gefiel er sich in der gemüthlichen, lebensvollen\nStadt recht wohl und ward von allen Seiten so mit Beifall\nüberschüttet, dass er die grosse Rang-Verschiedenheit zu\nvergessen anfing, welche nach der deutschen Kunstrichter-\nMeinung zwischen ihm und dem Manne Statt fand, der\neinige dreissig Jahre vorher dort seine unsterblichen Opern\nvon deutschem Geiste und theilvveise italiänischer Form\naufgeführt hatte. Man schien vor dem Meister von Pesaro\nden alten Mozart im eigenen Vaterlande vergessen zu wol-\nlen. Und so befand sich Rossini wohl.\nEines Tages sass er und schrieb; er corrigirte emsig\nan der Partitur der Zelmira, die er den guten Wienern so\nrecht mundgerecht und schmackhaft machen wollte. Da\nmeldete man den Sänger Molino bei ihm an. Rossini stand\nauf und eilte ihm entgegen. Aber entsetzt blieb er stehen,\nals er des jungen Mannes ansichtig wurde. Bleich, mit star-\nrem Auge, mit gefurchter Stirn und gebeugtem Körper sah\ner den Sänger vor sich stehen, als wären seit der Zeit, wo\ner den blühenden, jugendlichen Mann zum ersten Male ge-\nsehen, dreissig, statt sechs Jahre vorübergestrichen.\n„ Sie hätten mich wohl nicht wieder erkannt ?\" fragte\nmit matter Stimme, schwermüthig lächelnd Molino.\n„In der That, Sie machten meinem Gedächtnisse zu\nschaffen,\" war Rossini's Antwort: „Sie sehen sehr leidend\nund angegriffen aus. *\n„Ich bin auch krank, schwer krank,\" sagte der Sän-\nger. „Die Krankheit aber sitzt tief, sehr tief; man nennt\nihren Heerd das Gewissen.\"\n„Nichtmöglich das!\" sprach Rossini, ihn sanft zu sich\nauf das Sopha ziehend. „Kommen Sie, Landsmann, reden\nSie, vertrauen Sie Sich mir an, frei und vollständig.\"\n„0, hätten Sie Ihren Othello nie geschrieben!\" rief\nder Sänger aus, dessen Augen Thränen entrannen.\nDer Meister war erstaunt. Nach wiederholtem freund-\nI\nlichem, theilnahmevollem Zureden gab ihm endlich der arme\nSänger von seinem Schicksal Kunde.\n* *\n*\nCäc i 1 i e war die erste Sängerin an jenem Hoftheater,\nbei welchem Molino eine Anstellung angenommen hatte.\nJugend, Schönheit und gemeinsames Kunststreben von glei-\ncher Regsamkeit hatte Beide zu einander gezogen, bald\nnäher verbunden und zu Gunsten des Publicums\nzu trefflichem harmonischem Zusammenwirken, zu herrlichen\nSchöpfungen der Darstellung begeistert. Es war ein inniges,\nglückliches Verhältniss, welches allgemeineTheilnahme fand;\nnur den Director verstimmte es, wenn die Liebenden von\nVermählung sprachen, denn die Theater-Directoren haben\nnun einmal eine Antipathie gegen die Trauringe.\nDa erschien plötzlich am Hofe der ausserordentliche\nGesandte eines anderen deutschen, ferngelegenen Staates,\nEr war ein junger Mann von solcher Schönheit, dass er\ndadurch mehr als durch seine Mission, die bloss Zoll-Ange-\nlegenheiten betraf, Aufsehen erregte. Er fand sich jeden\nAbend in der Oper ein. Mancher Mann sah ihn nicht gern,\nweil mehr auf ihn als auf die Aufführenden die Augenglä-\nser der Damen gerichtet zu werden pflegten. Am unliebsten\njedoch war sein Erscheinen Molino, weil des Fremden\nAugengläser während der Vorstellung fast immer nur Cä-\ncilien folgten. Eines Abends kam Molino zu seiner Gelieb-\nten und fand zu seinem Erstaunen den Gesandten dort, der\nneben Cäcilien auf dem Sopha sass. Nach einer gezwunge-\nnen Unterhaltung von kurzer Dauer zog sich der Sänger\nwieder zurück.\nCäcilie, ein argloses, echt weibliches Gemüth, hatte\nkaum eine Ahnung von dem, was bei ihrem Zusammensein\nam Tage darauf die Stimmung des Geliebten trübte, und\nihr Streben war nur, die Wolken von seiner Stirn hinweg\nzu küssen. Aber es gelang ihr nicht, und erst die Bitte des\nSängers, den Gesandten nicht mehr zu empfangen, liess sie\neinen Blick in seine Seele thun. Dennoch gab sie darauf eine\nausweichende, unbestimmte Antwort und der Riss in\nMolino's Herzen wurde unheilbar.\nZwar bemerkte er, dass bald nach dieser Zeit der\nFremde die Loge seltener besuchte, auch schien er der\nSängerin weniger Aufmerksamkeit zu widmen; aber seine\nBesuche bei ihr fielen, so kurz sie immer sein mochten,\nnicht weg. Als Molino desshalb grollte und in dem Ver-\nhalten Jenes eine erkünstelte Kälte, eine verschleierte Lei-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5051, "texte": "denschaft erblicken wollte, weinte Cäcilie heftig und bot\numsonst alle Worte und alle Mittel der Liebe und Zärt-\nlichkeit auf, den Geliebten zu beruhigen. Vergebens; die\nfurchtbare Leidenschaft der Eifersucht hatte ihre Krallen in\ndie Brust des Unglücklichen geschlagen, der heissblutige\nSüdländer blieb einem Verdacht zur Beute, den selbst ein\nBrief des Gesandten, worin dieser ihm auf sein Ehrenwort\nversicherte, dass zwischen ihm und Cäcilien kein anderes\nals ein freundschaftliches Verhältniss obwalte, nicht zu be-\nschwören vermochte.\nEin Geheimniss hatte Cäcilie allerdings vor ihrem\nGeliebten: er wusste nicht, vv a s, aber dass sie etwas vor\nihm und aller Welt in ihrem Innern verschloss, was oft\nihre schönsten Stunden plötzlich trübte und sonderbarer\nWeise gerade nach ihren herrlichsten gemeinschal liichen\nTriumphen auf der Bühne die Freude daran ihr sichtbar\nverbitterte. In solchen Augenblicken war Molino's Bitten\nund Drängen um ihr ganzes, rückhaltloses Vertrauen stets\nvergebens gewesen. Wenn' auch nach heftigem Kampfe\nihre Lippen sich öffneten, ihm Geständnisse zu machen,\nimmer wieder brachten sie nur die Bitte hervor, ihrer zu\nschonen und nicht weiter in sie zu dringen, da ein heiliges\nGelübde sie binde.\nEs lag über der Vergangenheit des holden Geschöpfes\nein dichter Schleier. Wie anders, als dass giftige Zungen\nerfinderisch diese zu ihrem Nachtheil ausbeuteten, da ihnen\ndie Gegenwart keine Blosse bot! Molino hatte dergleichen\nverleumderische Gerüchte verachtet und lange nicht mehr\ndiese Saite bei Cäcilien berührt, weil er wusste, dass sie ei-\nnen Misston in ihrer Seele hervorrief. Merkwürdiger Weise\nschien sich auch in der letzten Zeit jenes Bewusstsein, das\ngerade in den Augenblicken des höchsten Glücks an ihrem\nHerzen genagt hatte, allmählich immer mehr zu verlieren.\nDas entging ihrem Geliebten nicht; er brachte es in einen\nunseligen Zusammenhang mit der Anwesenheit des Gesandten,\nund die Frage nach jenem Geheimnisse trat wieder auf seine\nLippen. Cäcilie schwieg sie bat nur um eine Frist von\nunbestimmter Dauer, binnen welcher sie noch schweigen\nmüsse; sie hoffe mehr als je, dass diese Frist nur kurz\nsein werde.\nGerade um diese Zeit wünschte der Hof die Auffüh-\nrung der neuesten Oper von Rossini, von deren Erfolg\nalle Blätter wiederhallten. Othello wurde einstudirt.\nDie Hauptrolle war natürlich Molino zugefallen und\nmachte auf ihn einen tiefen Eindruck. Statt ihn jedoch\nnachdenklich und besonnen zu stimmen, erregte sie ihn\nnoch mehr, verfinsterte den Horizont seines Verstandes und\ndrohte sein Herz zu vernichten. Zum Unglück fehlte ihm\nein Freu nd: er war in der Stadt noch so fremd, wie zu\nder Zeit, als er hingekommen. Das Verhängniss aber ver-\nfolgte ihn ausserdem eben so, wie den Helden jener Oper.\nAls Liebling des Publicums hatte er unter den übrigen\nSängern grösstenteils Italiänern —• nicht nur keine\nFreunde, sondern erbitterte Feinde, weil Neider. Sie schür-\nten das Feuer, das in seiner Seele brannte, und frohlock-\nten schon ob des Bruches, der zwischen dem Glücklichen und\nder „angebeteten, kalten Deutschen\", zu entstehen drohte.\nLeider wuchs in Molino's Seele das Misstrauen zum\npeinigenden Zweifel an der Geliebten, und sein Trachten\nging nur dahin, sich Beweise von ihrer Untreue zu schaffen.\nUnter der Maske der Verstellung Zärtlichkeit heu-\nchelnd, kam er eines Tages zu Cäcilien. Er meldete ihr,\ndass er im Begriffe stehe, einen zehnjährigen Contract mit\nder dortigen Bühne abzuschliessen, und dass man ihr eben-\nfalls ein dauerndes Engagement, auch für den Fall ihrer\nVerheirathung, zugestehen wolle: desshalb frage er sie,\nwann ihre Verbindung Statt finden könne. Mit unver-\nkennbarer Freude antwortete sie ihm: „wahrscheinlich\nsehr bald, doch könne sie die Zeit noch nicht bestimmen;\nsie erwarte noch Nachrichten.\" „Vom Gesandten?\"\nfuhr der Eifersüchtige auf. Das Mädchen schwieg und er-\nröthete tief. Da rief er mit fürchterlichem Blicke: „seiner\nGenehmigung bedürfe er nicht, und auf eine Ausstattung\nvon seiner Hand verzichte er!\" Er stürzte aus dem\nZimmer. Fassungslos flog sie ihm nach. Schon schwebte\ndie Entdeckung des Geheimnisses auf ihren Lippen, vier\nWorte reichten hin, den Geliebten zu beruhigen da trat\nihr der Gesandte entgegen, an dem Molino vorübergeeilt\nwar, ergriff die Hand der Verstörten und führte sie in ihr\nZimmer zurück.\nMit der Aufführung des „Othello\" sollte das Theater\ngeschlossen werden, mehrwöchentliche Bühnen-Ferien tra-\nten alsdann ein. Es war die Zeit, welche die Künst-\nler zu Gastreisen zu benutzen pllegen. Da er-\nhielt Molino einen Brief von Cäcilien, die er seit jenem\nTage nicht mehr besucht hatte, worin sie ihm mittheilte,\ndass sie verreisen und gleich nach ihrer Rückkehr die Frage\nbeantworten werde, ob und wann sie sich mit ihm vermäh-\nlen könne. Sie werde hoffentlich bald alle Hindernisse\nbeseitigt haben; das sei der Zweck ihrer Entfernung auf\nkurze Zeit. Ausserdem enthielt der Brief die zärtlichsten\nVersicherungen ihrer Liebe und Treue und die rührend-\nsten Beweise des tiefsten Schmerzes über das Misstrauert\ndes Geliebten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5087, "texte": "Aber in seiner Verblendnng achtete Molino nicht dar-\nauf: er war auf die Stufe der Leidenschaft gekommen, wo\ndie Eifersucht mit einer Art von fieberhafter Freude alles\naufgreift, was ihr den Schein der Berechtigung geben kann.\nIn dieser Stimmung eilte er auf das Policei-Amt und\nerfuhr, dass Cäcilie einen Pass nach***, der Heimat des\nGesandten, genommen hatte.\nSein Blut erstarrte; mit kalter Berechnung beschloss\ner, sich zu verstellen, bis der Augenblick gekommen, die\nFalsche zu entlarven. Er zeigte sich desshalb in den Pro-\nben überaus freundlich und artig gegen seine Desdemona,\nscherzte mit ihr und Spielte den übrigen Sängern gegen-\nüber den Sorglosen und Gleichgültigen. Seine Absicht war,\nder Welt die Schmach des Grundes seiner Eifersucht zu\nverbergen, die Treulose aber immer mehr zu umgarnen\nund sicher zu machen. Seine Partie sang und spielte er\nmeisterlich. Cäcilien aber ilösste er ein geheimes Grauen\nein: eine peinigende Beängstigung hatte sich ihrer bemäch-\ntigt, und als der Abend der Aufführung kam, fürchtete sie\nneben dem Hasse des Geliebten auch seine Rache.\nNach dem ersten Aufzuge wurden alle Sänger stür-\nmisch gerufen, die Musik zündete gewaltig. Den Glanzpunct\naber hatte Othello mit seiner grossen Arie zu Anfange der\nOper gebildet. Desdemona jedoch liess Manches zu wün-\nschen übrig: die innere Bewegung verhinderte die Sängerin,\nihre schönen Kräfte in gewohnter Harmonie zu entfalten. Der\nFluch des Vaters schien auf ihr zu lasten. Aber ener-\ngischer trat sie im folgenden Aufzuge hervor. Unvergleich-\nlich war Spiel und Gesang im Terzett: „Ah vieni, nel tuo\nsangue% dem Höhepunkte der nach der Katastrophe hin-\ndrängenden Handlung, obschon der Componist hier etwas\nBesseres hätte geben können, als die ermüdende Wieder-\nholung gewöhnlicher Melodieen im breiten Vier-Vierteltact\nund im etwas nüchternen C-dur. Aber die Sänger, nament-\nlich Molino und Cäcilie, verdeckten diese Schwächen, rissen\nOrchester und Dirigenten in heisser Leidenschaft mit sich\nfort, indem sie das Tempo wie unbewusst immer schneller\nund schneller nahmen, und ergriffen die Zuhörer auf das\nhöchste.\nDoch Desdemona hörte nicht das Rauschen des Bei-\nfalls, der dieser Nummer folgte, wusste nicht, ob und wie\nsie ihre Partie durchgeführt. Sie hatte nur für den Gelieb-\nten Auge und Ohr gehabt, nur mit Schaudern das wilde\nLeuchten seiner Augen, das Zittern seiner Hand, in wel-\ncher das Schwert blitzte, verfolgt und in namenloser Angst\nzu erkennen geglaubt, dass er nicht Desdemona, sondern\nCäcilien glühend hasse. Bei der Stelle, wo der Zweikampf\nmit Rodrigo beginnen sollte, hatte Molino sein Gesicht starr\nnach der Loge des Gesandten gerichtet, was dieser jedoch\nnicht bemerken konnte, weil sein Auge unverwandt an Des-\ndemona hing.\nCäcilie hatte, wie es Schauspielerinnen gewöhnlich\ngeht, keine Freundin unter ihren Genossinnen. Dennoch,\nvon den Eindrücken gesteigerter Furcht getrieben, welche\nzur Mittheilung drängen, eröffnete sie dem jungen Mäd-\nchen, welches ihre Vertraute im Stück spielte, alles, was\nheute ihr Herz bewegte und seine Schläge immer mehr\nund mehr beschleunigte. Da stieg plötzlich ein Entschluss\nin ihr auf, ein Gedanke, den sie schon oft gehegt, dessen\nVerwirklichung aber stets der Gesandte entgegen getreten\nwar. Seiner ausdrücklichen Einwilligung bedurfte es aber\nauch jetzt. Sie schickte schnell nach seiner Loge, um ihn\nauf die Bühne rufen zu lassen. Man meldete ihr, der Ge-\nsandte habe sich nach dem zweiten Aufzuge entfernt,\num eine Dame, die plötzlich unwohl geworden, nach Hause\nzu begleiten. Cäcilie war wie vernichtet.\nDer dritte Act begann. In dem Recitativ mit Emilie,\nder Vertrauten, sang Cäcilie so schwach und unsicher, dass\nJene fast irre ward. Als das Orchester die Romanze des\nGondoliers einleitete, flüsterte sie dem Mädchen zu: „Er\nsingt mir mein Sterbelied!\" und als bald darauf Molino\nhinter den Coulissen sichtbar ward, machte die Angster-\nfüllte auf seinen glühenden Blick aufmerksam.\nIndessen begann das Ritornel zu der berühmten Arie\nDesdemona's aus G-m oll.Als die Harfe die gebrochenen\nAccorde anschlug, die Flötenklänge sich melodisch bei-\nmischten, da kam auf einmal Muth und Kraft über das\ntiefgebeugte Mädchen. Sie erhob sich anmuthsvoll, ihre\no o\nAugen leuchteten hell und stolz auf, und sie begann das\nJssisa al pie d'un salice immenso nel dolore mit ihrer schö-\nnen metallreichen Stimme zwar schwach, aber ohne Zit-\ntern zu singen. Es war der Muth der Unschuld und der\nEntsagung, der sie durchdrang und erhob; ihre ganze\nErscheinung war die einer Verklärten.\nSo erschien sie auch Molino, der hinter der Coulisse\nstand und ihr regungslos, wie bezaubert, zuhörte. Als\nsie bei dem Uebergang nach B-dur den Ton anschwel-\nlen liess und die Triolen-Figur im nachhaltigen, glocken-\nreinen Forte, wie mit Zuversicht erfüllt, erklingen liess,\nda ward er so hingerissen von der Haltung und dem see-\nlenvollen Tone des schuldreinen Mädchens, dass er unwill-\nkürlich nach dem Dolche griff und fühlte, ob die Spitze\nauch wirklich stumpf sei und er nicht Gefahr laufe, un-\nwillkürlich Cäcilien zu verwunden. Aber Cäcilie nahm diese"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4477, "texte": "Bewegung wahr und deutete sie zu ihrem Verderben.\n„0 Gott!\" flüsterte sie Emilien zu „seine Waffe\nist scharf!\" Doch raffte sie sich zusammen und sang die\nfolgenden Verse ihres Schwanengesanges noch inbrünsti-\nger als den ersten, so dass die Zuhörer ganz hingerissen\nwaren und viele schöne Augen weinten. Auch Molino war\naufs tiefste ergriffen und fragte sich, ob Cäciiie nicht eben\nso schuldlos sein könne, als Desdemona. Da fiel sein Blick\nauf die Loge des Gesandten: er fand sie leer. „Rodrigo\nerwartet zu Hause meine Desdemona,\" sprach er zu sich,\nund Desdemona's Larghetto aus As-dur, wie seelenvoll\nauch gesungen, ging an seinem Ohr eindruckslos vorüber.\nEr trat heraus, die Fackel in der Hand, mit seinem dumpfen\nEccomi giunto inosservato. Die grelle Beleuchtung machte\nden Anblick seines geschwärzten Gesichtes noch unheim-\nlicher, während die wirkliche wilde Eifersucht seine sonst\nso schönen Züge verzerrte. Cäcilien überlief es eiskalt, als\ner an ihr Lager trat, und sie erhob sich, nach Fassung wie\nzum wirklichen Todesgange ringend. Die Steigerung der\nAffecte im Duett Nolle per tue funesla, war auf beiden Sei-\nten ausserordentlich, aber nur zu fürchterlich wahr. Bei\nOthello's Worten: Si compia la Vendetta, stand Cäciiie ge-\nfasst da, den Todesstoss erwartend; als er aber den Arm\nerhob, blieb sie das AM me! was sie noch zu singen hat,\nschuldig. Da rief der Mörder sein Mori infedel! der Dolch\nfuhr nieder, und die Geliebte lag zu seinen Füssen. Seine\nAugen funkelten wild, als der D-dur-Accord zum Zeichen\ndes Triumphes der Rache im Orchester aufbraus'te. Rasch\nging die letzte Scene vorüber, Othello's Demüthigung und\nReue. Der Vorhang fiel.\nAm anderen Tage las man in der Hofzeitung: „Die\nKunst hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Fräulein\nCäciiie ****, die uns noch gestern Abends als Desdemona\nentzückte, ist das Opfer einer furchtbaren Beängstigung\nund der Anstrengung, sie zu überwinden, geworden. Ein\nSchlag-Anfall hat sie in dem Augenblicke getroffen, als\nOthello den Dolch scheinbar in ihre Brust stiess.\"\nUnd so war es auch wirklich. Erst nach dem Sinken\ndes Vorhanges, beim ungestümen Rufe des Publicums nach\nDesdemona und Othello, stürzten die Sänger auf die re-\ngungslose, bleiche Desdemona zu sie war eine Leiche.\nMolino war dem Wahnsinn nahe. Nur mit Gewalt\nkonnte man ihn von der Entseelten hinwegreissen. Die\nfurchtbare Lage hatte für den Augenblick selbst seine Feinde\nihm zu Freunden gemacht; sie wichen auch die folgenden\nTage nicht von ihm.\nDie Kunstgenossen veranstalteten ein feierliches Be-\ngräbniss der Vollendeten. Dicht hinter dem Sarge sah man\nals ersten Leidtragenden einen grossen schönen Mann in\nTrauerkleidern, aber mit glänzenden Ordenszeichen geziert,\ngehen, der seine Thränen vergebens zu unterdrücken strebte.\nEs war der Gesandte von ***, Cäciliens Bruder.\nDer Tod hatte das Siegel des Geheimnisses gelös't.\nCäciiie war die Tochter des Grafen Z., des ersten Ministers\nam ***schen Hofe. Eine unwiderstehliche Liebe zur Kunst\nhatte sie zum Theater gezogen; der Vater gab nach lan-\ngem Widerstreben ihren heissen Wünschen nach, verpflich-\ntete sie aber durch einen Schwur, nie ihren Namen und\nihren Stand zu verrathen. Ihre Triumphe auf der Bühne\nund die Bitten seines einzigen Sohnes, des Gesandten, hat-\nten endlich seinen Ahnenstolz gebrochen am Tage nach\nCäciliens Tode erhielt der Gesandte seine Einwilligung zu\nihrer Verbindung mit Molino.\n* *\n*\nRossini hatte dem Sänger mit der grössten Aufmerk-\nsamkeit zugehört; seine Züge nahmen einen ihm sonst frem-\nden Ernst an und zeugten von warmer Theilnahme. Aber\nnach einer kurzen Pause erhob er sich und ging rasch im\nZimmer auf und ab. Sein Blick erhellte sich, und stolz\ntrat er vor den Sänger und sprach mit leuchtendem Auge:\n„Ich ehre und theile Ihren Schmerz. Mein Othello hat ein\nedles Herz gebrochen, das Glück Ihres Lebens zerstört;\naber er hat den Deutschen gezeigt, dass ich dem Menschen\nauch ins Herz hinein greifen kann, wenn ich will, und Spon-\ntini wird mir Ernst und Talent für Gebilde dramatischer\nTiefe und Wahrheit nicht länger absprechen dürfen.\"\nMaria Molino blieb längere Zeit in Wien. Rossini's\nFreundschaft und seinem Humor gelang es endlich, ihn dem\nStudium seiner Kunst zurückzugeben, in welchem er all-\nmählich wieder aufzuleben anfing. Aber in seinem Innern\nblieb des Schmerzes Stachel haften und zehrte an seinem\nblühenden Leben. Nie kehrte er nach jener Stadt zurück,\nwo er Cäcilien gefunden, und nie sang er die Partie des\nOthello wieder."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-18-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-18_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-02-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "54", "page_fin": "55", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.2.2", "titre_corps": "Iwan Müller.", "titre_sommaire": "Iwan Müller.", "signature_source": "C. 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Gedruckte Compositionen, als Quartette, Concerte etc.\nsind in nicht unbedeutender Zahl von ihm erschienen.\nSeine Clarinetten-Schule ist weltbekannt.\nDa alle musicalischen Werke und Zeitschriften das\nJahr seiner Geburt nur annähernd angeben, so wollen\nwir schliesslich bemerken, dass der verstorbene grosse\nKünstler uns den 3. December (alten Styls) 1786 als\nden Tag seiner Geburt angab. Er war bekanntlich we-\nnige Werst von Reval geboren.\nIwan Müller ist der Zweite, welcher von de-\nnen, deren Namen die musicalische Nachwelt stets mit\nAchtung nennen wird, seine ewige Ruhe zu Bückeburg\ngefunden hat. Bekanntlich entschlummerte daselbst 1795\nauch Johann Christoph Friedrich Bach, der neunte un-\nter den eilf Söhnen Sebastian Bach's.\nWir zweifeln nicht, dass Bückeburg, dessen Fürst\nund dessen Bewohner stets grosses Interesse für Kunst\nund Musik zeigten, recht bald durch ein, wenn auch\nkleines, Gedenkzeichen den Ruheplatz des bedeutenden\nKünstlers bezeichnen wird.\nMinden, 8. Februar 1854.\n\nC. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-18_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-02-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "55", "page_fin": "56", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.2.3", "titre_corps": "Aus Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Aus Wiesbaden.", "signature_source": "Hf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.7", "debut_caractere": 1625, "fin_caractere_exclue": 6137, "texte": "Aus Wiesbaden.\n\nDen 7.Februar 1854.\nIch sende Ihnen, meinem Versprechen gemäss, einen kurzen\nBericht über hiesiges musicalisches Leben. Die Oper brachte uns\nkürzlich zweimal Templer uud Jüdin von Marschner, den\nträger, Robert, die Stumme und die Hugenotten. Die Leistungen\nsind den hiesigen Verhältnissen angemessen. Das Orchester und\nsein neuer Dirigent, Herr Capellmeister Hagen, sind in jeder Be-\nziehung tüchtig. Frl. Stork, hier sehr gern gesehen, hat in Stuttgart\nweniger gefallen, soll sich dadurch aber nicht von ernsteren Stu-\ndien abhalten lassen. Es entbehrt ihr Gesanges-Ausdruck, wie ihr\nSpiel allerdings oft dos Prägnanten, Grossen und Ergreifenden.\nWie eine Partie, so sind bei ihr~alle in Ton und Farbe. Sie\nliebt den deutschen Gesang und hat Furcht vor der Coloratur. Aber\nin eben dieser Scheu vor der italienischen Gesanges-Bildung liegt\nauch der Grund, dass ihre Stimme weniger biegsam erscheint; auch\nsollte sie die Auffassung ihrer Rollen mehr durchdringen und uns\nnicht immer Ein und dasselbe Bild der gewöhnlichen Menschen-\nNatur vorführen. Frl. Röhl er, eine die eben genannte Richtung\nfleissig pflegende Sängerin, hat eine gute Schule und viel Bühnen-\nübung; sie ist da ganz wie zu Hause. Aber es ist in ihren Lei-\nstungen eine Monotonie, die für den durch den Gegenstand Er-\nregteren unleidlich ist. Sie ist gern gesehen; aber sie sollte ihre\nRollen mit mehr Wärme durchdringen und nicht den Erfolg allein\nin der brillanten Ausführung suchen. Der Frl. Wiese ist fleissiges\nStudium Noth. Der Tenor, Herr Peretti, ist eine Perle für die\nhiesige Oper; mit ihm verlöre sie ihren Glanzpunkt. Er fasst\nnicht nur seinen Part mit Wahrheit und richtigem Gefühl auf, er\ngibt ihn wieder mit eigenthümlicher Lebendigkeit und Frische.\nSeine Stimme ist meist wohlthuend, oft ergreifend, und lässt die\nZuhörer nie kalt und theilnahmlos. Möge er noch lange die\nZierde der hiesigen Oper bleiben! Herr Minetti hat einen\nschönen Bariton und erfasst mit nicht minderer Wärme seine\nRolle; nur fehlt ihm des Ersteren natürliche Anlage zur Darstellung.\nDoch ist er sehr beliebt und war kürzlich der Veranstalter eines\nConcertes, dessen Programm jedoch fast nur Lieder enthielt. Herr\nThelen von Köln besitzt eine schöne Bassstimme, hat Anlage\nzur Darstellung, die aber noch sehr im Argen liegt und des fleissig-\nsten Studiums bedarf. Nur dann können wir ihm eine schöne Zu-\nkunft versprechen. Ein Hr. Röhr, lyrischer Tenor, wäre lieber in\nBerlin geblieben, und wir glauben nicht daran, wenn er in dem\n„Templer\" singt: „Es wird besser gehn!\" Schwerlich: denn er\nhat keine Stimme, weiss nicht zu singen, noch zu spielen.\n„Die Welt ist rund und muss sich drehn!\" sagt er uns, und wir\nfreuen uns dessen; auch Jahrcs-Contracte laufen ab. Die Chöre\nsind schwach und ermangeln sehr oft der Präcision; es sind zu\nwenig klangvolle Stimmen darunter.\nDen 30 Januar fand zum Vortheil des Orchesterfonds für Wit-\nwen und Waisen ein Concert Statt, welches unter Anderem Beet-\nhoven's 4-dM/-Sinfonie brachte. Sie wurde unter Leitung des Herrn\nCapellmeisters Hagen wacker executirt und verfehlte ihre Wirkung\nnicht. Im letzten Satze dünkte uns das Tempo etwas z u rasch;\ndie Blech-Instrumente waren zu stark, und so ging die erste Figur\nder Violinen ganz verloren. Herr Georg Aloys Schmitt von\nFrankfurt spielte das D-moll-Concert von Mendelssohn für Piano-\nforte und Orchester sehr sauber und ärntete verdienten Beifall,\nnicht minder für sein von ihm componirtes „Staccato\" und Pauer's\n„Cascade\", zwei elegante Salon-Pieccn. Ausser der Ouvertüre zu\nRuy Blas von Mendelssohn, die mit vielem Feuer und grosser\nPräcision ausgeführt wurde, verdient das Uebrige keine Erwähnung.\nHerrn Hagen verdanken die wenigen wahren Kunstfreunde da-\ngegen noch einen grossen Genuss, indem er ouart ett-Soirccn\nins\" Leben gerufen und dabei, ganz auf das eigene Interesse ver-\nzichtend, nur das der Kunst im Auge gehabt hat. Von sechs be-\nabsichtigten Soireen fand am 1. Februar die erste Statt. Sie\nbrachte uns Haydn's Op. 11, Nr. 2, Mozarl's Op. 10, Nr. 2\n(D-moll), Becthoven's Op. 18, Nr. 1, ausgeführt von den Herren\nConcertmeister Frisch, Concertmeister lischcr, Capellmcistcr Ha-\ngen und Herrn Grimm. Das gewählte Publicum nahm die Be-\nstrebungen des Herrn Hagen beifällig auf und verliess befriedigt\nden Saal. Das Ensemble liess zwar noch Manches zu wünschen\nübrig; jedoch ging das dritte Quartett schon ein Bedeu-\ntendes besser. Herr Fischer hat auf der Violine eine.l vollen,\nmarkigen, breiten Ton, der den Zuhörer an der rechten Stelle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1035, "texte": "Fasst; Herr Frisch hat einen zarteren und weicheren Ton, als sein\nRival, Herr Fischer; Herr Grimm ist hier anerkannt als ein tüch-\ntiger Cellist, und Herr Hagen befestigte durch eigene Sicherheit\nund Kenntniss die Zuversicht des Gelingens. Die Musikfreunde\nWiesbadens sehen mit Spannung den nächsten Soireen entgegen.\nEs scheint, dass Herrn Hagen's Leitung bei den hiesigen Ver-\nhältnissen mit der Zeit eine recht durchgreifende und Erfolg ha-\nbende, wenn auch weniger eclatante Thätigkeit entwickeln wird*\nSehr zu wünschen!\nNoch hatUn wir am 6. Februar ein Conccrt, von einer drei- oder\ndreizehnjährigen Pianistin veranstaltet das Alter spielt ja dabei\ndie grösste Rolle. Die so und sovieljährige Pianistin spielte so, dass\nJeder meinte, es gehöre viel Muth dazu, mit solchen Leistungen\nunter die Gasflammen zu treten, und dass sie noch so viele Som-\nmer üben möge, als sie Winter alt ist, um dann ein neues Debüt\nmit anderem Erfolge gekrönt zu sehen als dem, den dankbar\nsich bewegende Hände zu zollen sich verpflichtet fühlten.\n\nHf."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-18_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-02-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "56", "page_fin": "56", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.8", "debut_caractere": 1037, "fin_caractere_exclue": 5804, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHLöln* Am 15. d. Mts. gaben die Herren Karl Reinecke\nund Karl R einthaler ein Concert im grossen Casinosaale, des-\nsen Ertrag zum Besten des Dömbaues bestimmt war. Die erste\nAbtheilung eröffnete eine präcise und feurige Ausführung der\nOuvertüre zu Ruy Blas von Mendelssohn. Reinecke spielte die\nRomanze und das Rondo aus dem Concerte in E von Chopin\nmit schöner Auffassung und vollendetem Vortrage sowohl im Tech-\nnischen als im Ausdrucksvollen. Darauf hörten wir zwei Lieder\nvon ihm für Sopran mit Pianoforte und Violine, „Waldesgruss\"\nund „Frühlingsblumen\" reizende Composilioncn; aber neben\neiner Violine zu singen, ist eine schwierige Aufgabe besonders\nneben einer Hartmann'schen. Hierauf folgte eine Sinfonie, eben-\nfalls von K. Rein ecke. Es ist dies eine Composition, welche das\ngrosse Talent Reinccke's in Erfindung, Ausarbeitung und Instru-\nmentirung in vollem Maasse bekundet, zugleich aber auch den Ab-\nweg von ferne zeigt, vor welchem er sich zu bewahren hat, näm-\nlich vor dem Verfallen in Robert Schumann's Manier, wie sie sich\nbesonders in dessen letzten Werken zeigt. Der erste Satz dieser\nSinfonie ist so reich an wahren Schönheiten, an melodischen Ge-\ndanken und Figuren, wie sie nur dem echten musicalischen Genius\nentquellen, eben so an reizender Instrumentirung, dass man bedau-\nert, durch die vorherrschende eigentümlich rhythmische Form\nnicht zum ruhigen Genüsse alles dieses Schönen kommen zu können.\nIm Adagio und dem Mcnuetto finden wir dagegen nichts, was den\nEindruck dieser beiden vortrefflichen Sätze irgend störte. Der letzte\nSatz scheint uns in der Erfindung den drei anderen nicht ganz\nebenbürtig, doch lässt sich nach einmaligem Anhören immer nur\nvon dem flüchtigen Eindrucke des Augenblicks sprechen. Da die\nSinfonie dem Vernehmen nach bereits einen Verleger gefunden,\nso werden wir hoffentlich bald Gelegenheit haben, ausführlicher\ndarauf zurück zu kommen. Das Publicum nahm das Ganze, wie\njeden einzelnen Satz, mit lautem Beifalle auf.\nIn der zweiten Abtheilung machten wir die sehr erfreuliche\nBekanntschaft mit einem neuen Talente, welches wir jetzt ebenfalls\nzu denen zählen, die sich Köln zum Aufenthalte gewählt haben.\nEs ist dieses Herr Karl Reinthaler, früher in Berlin und\nRom, seit dem vergangenen Herbste Gesanglehrer an der Rheini-\nschen Musikschule. Er führte uns die Hauptnummern aus dem\nersten Theile seines Oratoriums „Jephta\" vor, welches er in\nItalien geschrieben, lind debutirte damit hier auf eine glänzende\nWeise. Denn selten haben wir das Publicum des Casinosaales so\nlebhaft theilnehmend und so ohne Rückhalt Beifall spendend ge-\nsehen. Wir stimmen von Herzen in das Urlheil desselben ein; na-\nmentlich sind es die drei grossen Chöre: Nr. 1, „Stehe auf, Herr,\nerhebe dich wider den Grimm deiner Feinde!\" Nr. 4, „Du allein\nbist König von Israel!44 mit dazwischen geflochtenen Solosätzen für\nBass, und Nr. 12, „Auf, Heer des Herrn, zum Siege!\" das den\nSchluss-Chor des ersten Theiles bildet, welche durch schöne Erfin-\ndung der Motive, grosse und breite Durchführung, Fluss und Guss\nin Stoff und Form, und glänzende Instrumentirung unsere Bewun-\nderung erregt haben und zu deren Composition wir Herrn Rein-\nthaler Glück wünschen. Weniger hat uns einiges Andere angespro-\nchen, wie z. B. die Sopran-Arie, zu welcher schon der Text: „Da\nIsrael aus Aegypten zog,44 aus inneren und äusseren Gründen nicht\ngut gewählt erscheint. Durch den Vortrag derselben lernten wir in\nFrl. Hartmann, der Tochter unseres Concertmeisters, eine recht\nhübsche, klare Sopranstimme kennen, deren Ausbildung der Rhei-\nnischen Musikschule sicher zur Ehre gereichen wird. Wir freuen\nuns, bei dieser Gelegenheit berichten zu können, dass die Dif-\nferenzen zwischen Herrn E. Koch und der Direction des Con-\nservatoriums gehoben sind und Herr Koch der Anstalt erhalten\nbleibt.\nDen Schluss des Concertes bildete die Phantasie von Beet-\nhoven für Pianoforte und Orchester, Soli und Chor, Op. 80 (die\nPianoforte-Stimme von Reinecke gespielt), welche wie immer ihren\nZauber auf die Zuhörer ausübte, hier aber noch ziemlich unbe-\nkannt war und um so mehr entzückte,\nIm Theater ist Balfe's Zigeunerin vollständig durch-\ngefallen, der Prophet mit grosser Pracht in Scene gesetzt worden.\n*** Barmen* Herr Karl Rei necke ist von den hiesigen\nmusicalischen Körperschaften, dem städtischen Singverein, der Con-\ncert-Gescllschaft und der Liedertafel, einstimmig zum Musik-Di-\nrector*er wählt worden. Eine Deputation hat ihn von dieser ehren-\nvollen Wahl in Kenntniss gesetzt, und dem Vernehmen nach hat\ner sie angenommen. So haben wir denn die Gewissheit, dass das\nrege musicalische Leben, welches H. Schornstein durch seine\nWirksamkeit hier geschaffen hat, nicht untergehen, sondern immer\nschönere Blüthen treiben wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "49", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.1", "texte": "Desdemona.\nNovelle von August Hitzschold.\nVor einem der schönsten Paläste Neapels hielt eine\nstattliche Equipage. Ein junger, schmächtiger Mann kam\ndaher, blickte verwundert nach den Fenstern des Hauses\nund fragend auf den reich gekleideten Kutscher.\n„Freund,\" sprach er den letzteren an, „wohnt hier\nwirklich Maestro Rossini?\"\n„ Corpo di Bacco!\"antwortete der Diener. „Wie lange\nseid Ihr in Neapel, dass Ihr noch nicht die Wohnung des\nberühmten Maestro kennt?\"\nDer Fragende erröthete. „So ist dieses der Palast\nBarbaja ?\"\n„Freilich muss er das sein, Signor!\" entgegnete der\nkecke Bursche. „Ihrwisstja, der Maestro und der Impresario\nhaben Alles mit einander gemein, Haus und Tisch, Pferd'\nund Wagen, sogar\" er brummte etwas in den Bart,\nwas der junge Mann nicht verstand —. „Wenn Ihr aber\nden Maestro sehen wollt, Signor, so müsst Ihr ein wenig\neilen. Er fährt in zehn Minuten nach zur\nOpernprobe.\"\nDer junge Mann stieg rasch die Marmortreppen hinauf.\nEr gab seine Karte ab, und bald erschien ein Diener, der\nihn durch mehrere Zimmer, eines immer eleganter als das\nandere, führte. Endlich sprang die letzte Thür auf, und er\nstand vor einem schönen, munteren, wohlgenährten Manne,\nder vor einer grossen Schüssel voll Austern und einer Fla-\nsche Lacrimae Christi sass.\n„Es thut mir leid,\" sagte Rossini lächelnd, „dass ich\nEuch keine Austern mehr anbieten kann, Signor; aber wenn\nIhr morgen wiederkommt, sollt Ihr ein Schock ganz frisch\naus dem Meere haben.\"\nDer Besucher verneigte sich schüchtern und verlegen.\n„Uebrigens freut es mich, Euch kennen zu lernen,\nSignor Molino,\" fuhr Rossini fort, die Serviette zusam-\nmendrückend und die Flasche sorgfältig verschliessend; „ich\nhabe viel Gutes von Eurer Stimme gehört. Singt Ihr bis\nzum Si hinauf mit der Brust?\"\n„Wenn ich gut disponirt bin, sehr leicht,\" antwortete\nMolino : „ aber ich leide jetzt etwas.\"\n„Ja, das kommt von der deutschen Schneeluft und\nden langweiligen Nebeln da drüben,\" sagte lachend der\nMeister. „ Wenn Ihr gut seid, könnt Ihr hier bleiben. In\nItalien bleibt man so lange bei Stimme, bis einem die\nHaare erbleichen.\"\n„Ja, Italien ist herrlich!\" rief der Sänger aus.\n„Aber in Deutschland regnet es neben vielem Wasser\nauch Ducaten, und die klingen gut, nicht wahr, Molino?\"\nfragte Rossini.\n„Ja, dort bezahlt man den Künstler, aber bei uns\nehrt man ihn.\"\n„Und lässt ihn daneben auch nicht verhungern,\" be-\nmerkte Rossini „ wie Ihr an diesen Meer-Ungeheuern seht,\nd. h. Se. Majestät der König und mein Freund Barbaja be-\nkommen stets die ersten Austern im Jahre geliefert.\nWollt Ihr bei uns gastiren?\"\n„Nein, Signor, ich bin nach dem Süden auf Anordnung\nder Aerzte gekommen, um mich hier zu erholen. Meine\nBrust ist angegriffen.\"\n„Kein Wunder!\" rief Rossini aus: „wessen Brust\nsollte da drüben nicht angegriffen werden!\"\n„Wir haben nur zweimal in der Woche Oper,\" be-\nmerkte Molino.\n„ Ja, aber was für eine!\" rief Rossini aus. „Da müsste\neiner des Aeolus Lungen haben, um alles das Zeug her-\nauszublasen, was die barbarischen Componisten aushecken.\"\n„ Und doch will oft unser Publicum gerade am liebsten\ndas hören, was uns am schwersten fällt,\" sagte der Sänger.\n„Nicht wahr, von italiänischer Musik wollen sie noch\nnichts wissen?\" fragte Rossini, Hut und Handschuhe wie-\nder bei Seite legend. „Vor ihrem höllischen Don Juan,\nihrer langweiligen Schweizerfamilie, ihrem dumpfen Fidelio\nkann ein Salieri, ein Righini nicht aufkommen, von mir gar\nnicht zu reden.\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "50", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.2", "texte": "„Sie scherzen, Signor,\" fiel ihm Molino rasch ins\nWort: „gerade Ihren Wrerken, wenigstens dem Tancred,\nist ein höchst glänzender Erfolg überall in Deutschland zu\nTheil geworden. Und in Paris ...\"\n„Ich habe davon gehört,\" unterbrach ihn Rossini, „aber\nes scheinen nur die Damen zu sein, die an unserer Gesangs-\nOper Geschmack finden. Ein grosser Theil des Publicums\nscheint es mit den kritischen Pedanten zu halten und will\nsich lieber von der „ „ernsten\"\" Vestalin langweilen, als von\nder „ „leichten\"\" Italiänerin in Algier amüsiren lassen. A\npropos, Molino, Sie waren auch in Paris; haben Sie Spon-\ntini kennen gelernt?\"\n„Ich habe unter seinem Tactstabe gastirt,\" bemerkte\nder Sänger.\n„ Und was im Vertrauen gesagt, es bleibt unter uns\"\nsagte der Maestro, seine Hand auf Molino's Schulter\nlegend, „was äusserte er über meine Opern?\"\nDer Sänger schlug die Augen nieder und ward verlegen.\n„Sprechen Sie offen, icfi liebe die Wahrheit,\" bemerkte\nRossini: „ ich kann mir schon denken, was er meint.\"\n„Er hat Ihre Werke sämmtlich auf die Bühne der ita-\nliänischen Oper gebracht und dirigirt sie mit Eifer,\" sagte\nder Sänger ausweichend.\n„Aber mit Unlust, vielleicht mit Neid!\" rief Rossini aus.\n„Ja, wohl beneidet er Sie, Signor!\" fiel Molino ein:\n„sonst würde er Sie nicht mit Gluck vergleichen und von\nseiner Vestalin in Einem Athem mit Titus reden.\"\n„Und wie vergleicht er mich? sprechen Sie!\" rief leb-\nhaft der Maestro.\n„Nun denn, so wissen Sie, hochgeehrter Signor,\" sagte\nder Sänger, dass er Ihnen nicht mehr Gerechtigkeit wider-\nfahren lässt, als die deutschen Tages-Scribenten. Er behaup-\ntet, Sie gäben weniger, als Sie vermöchten, Sie zielten mit\nIhren Opern nur auf die Sinne, nicht auf Herz und Ver-\nstand, Sie . . .\"\n„Reden Sie aus!\" ermunterte den Zögernden der\nMaestro, sah nach der Uhr und setzte den Hut auf.\n„Spontini spricht Ihnen dramatisches Talent ab und\nnennt Sie einen blossen Lvriker ohne Tiefe und Wahrheit,\"\n•J\nflüsterte Molino, fürchte er, dieses demüthigende Urtheil\nmöchte noch das Ohr eines Dritten erreichen.\n„Ich danke Ihnen, Molino,\" sagte hierauf schnell Ros-\nsini und erfasste ihn beim Arm. „Jetzt aber kommen Sie\nmit zur Königin. Elisabeth; Sie werden in der Angelica\nColbran eine reizende Prima Donna kennen lernen.\"\nSie gingen und stiegen mit einander in den stattlichen\nWagen, dessen Schlag der Rutscher jetzt eben so verwun-\ndert schloss, als er vorher vom Sänger betrachtet wor-\nden war.\nRossini sprach von gewöhnlichen Dingen. Als sie sich\naber dem Theater Del Fondo näherten, bemerkte er: „Es\nist schade, dass Sie nicht im Winter kamen, ehe das Theater\nSan Carlo niederbrannte. Die Stimme der Colbran nahm\nsich dort noch einmal so herrlich aus.\"\n„ Ja, das war ein grosses Unglück, der Theater-Brand!\"\nrief der Sänger aus. „Signor Barbaja wird es lange nicht\nverschmerzen können.\"\n„0, desshalb seien Sie ruhig!\" bemerkte lächelnd der\nMaestro: „ der Impresario ist durch Subventionen mehr als\ngedeckt und hat übrigens einige San Carlos in der Tasche.\nAusserdem schreibe ich ihm eben zum Tröste eine neue\nOper, die Sie wahrscheinlich noch mitanhören werden.\"\n„Ich vernahm schon davon,\" sagte Molino, „es ist\neine komische, nicht wahr?\"\n„Sie meinen den Barbier von Sevilla,\" bemerkte Ros-\nsini: „nein, der ist für Rom bestimmt; die Römer wollen\neinmal lachen.\"\n„ Die Deutschen behaupten auch, Sie würden im Komischen\nnoch mehr leisten, als im Ernsten,\" bemerkte der Sänger.\n„Ach, was verstehen die vom Komischen!\" erwiderte\nRossini ärgerlich. „Die können ja gar nicht ordentlich lachen,\nso wenig als sich ihre Sänger auf der Bühne gehörig zu\nwenden und zu drehen verstehen. Nein, nein! für diese\nmelancholischen Fisch-Naturen ist eine Oper wie die, welche\nich jetzt schreibe. Es wird eine sehr ernste, hochtragische\nwerden, und\" setzte er nach kurzem Nachdenken hinzu\n„Corpo di Christo! ich werde einmal eine Musik geben,\ndie auch Ihren Kritikern und Capellmeistern nicht frivol,\nsondern rührend und ergreifend erscheinen soll. Morgen\nbeginne ich den dritten Act; er soll ganz Spontinisch wer-\nden, wo möglich aber noch etwas besser. Wenigstens habe\nich zwei meiner schönsten Melodieen dafür aufgespart.\"\nSeine Augen leuchteten stolz; der Sänger machte unwill--\nkürlich eine Verneigung. Die Kutsche hielt, der Schlag\nwurde geöffnet, und bald rauschte die Ouvertüre los, welche\nder im Weinen lachende Meister seinen beiden Opern-Par-\ntituren, der tragischen Elisabeth und dem derb-komischen\nBarbier zugleich vorgesetzt hat.\n★ *\n*\nSechs Jahre waren vergangen, seitdem der Tenorist\nMaria Molino die Bekanntschaft seines berühmten Lands-\nmannes gemacht. Er hatte sich damals zwar nur einige\nWochen in Neapel aufgehalten, um dort seine von dem\nrauhen Klima des deutschen Nordens angegriffene Brust"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "51", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.3", "texte": "ausruhen und wieder erstarken zu lassen; aber er hatte in\ndieser Zeit durch den Umgang mit dem Meister und den\nBesuch der von ihm dirigirten Opern ausserordentlich ge-\nwonnen. Daher fand er, nach Deutschland zurückgekehrt,\nmannigfach glänzende Anerbieten zu Engagements, um so\nmehr, als seine treffliche, schmelzende Stimme von einer\nPersönlichkeit voll Anmuth und edlem Anstände gehoben\nwurde. Zuletzt hatte er sich von der Bühne einer grösse-\nren Residenz fesseln lassen, nicht aber angezogen von der\nbedeutenden Gage, noch von den Annehmlichkeiten des\nOrtes, sondern von den Reizen der ersten Sängerin.\nRossini war mit seiner Gattin nach längerem Zögern\nund mit Widerstreben nach Wien gegangen; denn er hegte\nstarke Antipathie gegen Deutschland, das Land, wo er nur\nhalbe Triumphe erlangen konnte. Er war nach Wien dem\nRufe gefolgt, seine Oper Zelmira dort in Scene zu setzen.\nBald jedoch gefiel er sich in der gemüthlichen, lebensvollen\nStadt recht wohl und ward von allen Seiten so mit Beifall\nüberschüttet, dass er die grosse Rang-Verschiedenheit zu\nvergessen anfing, welche nach der deutschen Kunstrichter-\nMeinung zwischen ihm und dem Manne Statt fand, der\neinige dreissig Jahre vorher dort seine unsterblichen Opern\nvon deutschem Geiste und theilvveise italiänischer Form\naufgeführt hatte. Man schien vor dem Meister von Pesaro\nden alten Mozart im eigenen Vaterlande vergessen zu wol-\nlen. Und so befand sich Rossini wohl.\nEines Tages sass er und schrieb; er corrigirte emsig\nan der Partitur der Zelmira, die er den guten Wienern so\nrecht mundgerecht und schmackhaft machen wollte. Da\nmeldete man den Sänger Molino bei ihm an. Rossini stand\nauf und eilte ihm entgegen. Aber entsetzt blieb er stehen,\nals er des jungen Mannes ansichtig wurde. Bleich, mit star-\nrem Auge, mit gefurchter Stirn und gebeugtem Körper sah\ner den Sänger vor sich stehen, als wären seit der Zeit, wo\ner den blühenden, jugendlichen Mann zum ersten Male ge-\nsehen, dreissig, statt sechs Jahre vorübergestrichen.\n„ Sie hätten mich wohl nicht wieder erkannt ?\" fragte\nmit matter Stimme, schwermüthig lächelnd Molino.\n„In der That, Sie machten meinem Gedächtnisse zu\nschaffen,\" war Rossini's Antwort: „Sie sehen sehr leidend\nund angegriffen aus. *\n„Ich bin auch krank, schwer krank,\" sagte der Sän-\nger. „Die Krankheit aber sitzt tief, sehr tief; man nennt\nihren Heerd das Gewissen.\"\n„Nichtmöglich das!\" sprach Rossini, ihn sanft zu sich\nauf das Sopha ziehend. „Kommen Sie, Landsmann, reden\nSie, vertrauen Sie Sich mir an, frei und vollständig.\"\n„0, hätten Sie Ihren Othello nie geschrieben!\" rief\nder Sänger aus, dessen Augen Thränen entrannen.\nDer Meister war erstaunt. Nach wiederholtem freund-\nI\nlichem, theilnahmevollem Zureden gab ihm endlich der arme\nSänger von seinem Schicksal Kunde.\n* *\n*\nCäc i 1 i e war die erste Sängerin an jenem Hoftheater,\nbei welchem Molino eine Anstellung angenommen hatte.\nJugend, Schönheit und gemeinsames Kunststreben von glei-\ncher Regsamkeit hatte Beide zu einander gezogen, bald\nnäher verbunden und zu Gunsten des Publicums\nzu trefflichem harmonischem Zusammenwirken, zu herrlichen\nSchöpfungen der Darstellung begeistert. Es war ein inniges,\nglückliches Verhältniss, welches allgemeineTheilnahme fand;\nnur den Director verstimmte es, wenn die Liebenden von\nVermählung sprachen, denn die Theater-Directoren haben\nnun einmal eine Antipathie gegen die Trauringe.\nDa erschien plötzlich am Hofe der ausserordentliche\nGesandte eines anderen deutschen, ferngelegenen Staates,\nEr war ein junger Mann von solcher Schönheit, dass er\ndadurch mehr als durch seine Mission, die bloss Zoll-Ange-\nlegenheiten betraf, Aufsehen erregte. Er fand sich jeden\nAbend in der Oper ein. Mancher Mann sah ihn nicht gern,\nweil mehr auf ihn als auf die Aufführenden die Augenglä-\nser der Damen gerichtet zu werden pflegten. Am unliebsten\njedoch war sein Erscheinen Molino, weil des Fremden\nAugengläser während der Vorstellung fast immer nur Cä-\ncilien folgten. Eines Abends kam Molino zu seiner Gelieb-\nten und fand zu seinem Erstaunen den Gesandten dort, der\nneben Cäcilien auf dem Sopha sass. Nach einer gezwunge-\nnen Unterhaltung von kurzer Dauer zog sich der Sänger\nwieder zurück.\nCäcilie, ein argloses, echt weibliches Gemüth, hatte\nkaum eine Ahnung von dem, was bei ihrem Zusammensein\nam Tage darauf die Stimmung des Geliebten trübte, und\nihr Streben war nur, die Wolken von seiner Stirn hinweg\nzu küssen. Aber es gelang ihr nicht, und erst die Bitte des\nSängers, den Gesandten nicht mehr zu empfangen, liess sie\neinen Blick in seine Seele thun. Dennoch gab sie darauf eine\nausweichende, unbestimmte Antwort und der Riss in\nMolino's Herzen wurde unheilbar.\nZwar bemerkte er, dass bald nach dieser Zeit der\nFremde die Loge seltener besuchte, auch schien er der\nSängerin weniger Aufmerksamkeit zu widmen; aber seine\nBesuche bei ihr fielen, so kurz sie immer sein mochten,\nnicht weg. Als Molino desshalb grollte und in dem Ver-\nhalten Jenes eine erkünstelte Kälte, eine verschleierte Lei-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "52", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.4", "texte": "denschaft erblicken wollte, weinte Cäcilie heftig und bot\numsonst alle Worte und alle Mittel der Liebe und Zärt-\nlichkeit auf, den Geliebten zu beruhigen. Vergebens; die\nfurchtbare Leidenschaft der Eifersucht hatte ihre Krallen in\ndie Brust des Unglücklichen geschlagen, der heissblutige\nSüdländer blieb einem Verdacht zur Beute, den selbst ein\nBrief des Gesandten, worin dieser ihm auf sein Ehrenwort\nversicherte, dass zwischen ihm und Cäcilien kein anderes\nals ein freundschaftliches Verhältniss obwalte, nicht zu be-\nschwören vermochte.\nEin Geheimniss hatte Cäcilie allerdings vor ihrem\nGeliebten: er wusste nicht, vv a s, aber dass sie etwas vor\nihm und aller Welt in ihrem Innern verschloss, was oft\nihre schönsten Stunden plötzlich trübte und sonderbarer\nWeise gerade nach ihren herrlichsten gemeinschal liichen\nTriumphen auf der Bühne die Freude daran ihr sichtbar\nverbitterte. In solchen Augenblicken war Molino's Bitten\nund Drängen um ihr ganzes, rückhaltloses Vertrauen stets\nvergebens gewesen. Wenn' auch nach heftigem Kampfe\nihre Lippen sich öffneten, ihm Geständnisse zu machen,\nimmer wieder brachten sie nur die Bitte hervor, ihrer zu\nschonen und nicht weiter in sie zu dringen, da ein heiliges\nGelübde sie binde.\nEs lag über der Vergangenheit des holden Geschöpfes\nein dichter Schleier. Wie anders, als dass giftige Zungen\nerfinderisch diese zu ihrem Nachtheil ausbeuteten, da ihnen\ndie Gegenwart keine Blosse bot! Molino hatte dergleichen\nverleumderische Gerüchte verachtet und lange nicht mehr\ndiese Saite bei Cäcilien berührt, weil er wusste, dass sie ei-\nnen Misston in ihrer Seele hervorrief. Merkwürdiger Weise\nschien sich auch in der letzten Zeit jenes Bewusstsein, das\ngerade in den Augenblicken des höchsten Glücks an ihrem\nHerzen genagt hatte, allmählich immer mehr zu verlieren.\nDas entging ihrem Geliebten nicht; er brachte es in einen\nunseligen Zusammenhang mit der Anwesenheit des Gesandten,\nund die Frage nach jenem Geheimnisse trat wieder auf seine\nLippen. Cäcilie schwieg sie bat nur um eine Frist von\nunbestimmter Dauer, binnen welcher sie noch schweigen\nmüsse; sie hoffe mehr als je, dass diese Frist nur kurz\nsein werde.\nGerade um diese Zeit wünschte der Hof die Auffüh-\nrung der neuesten Oper von Rossini, von deren Erfolg\nalle Blätter wiederhallten. Othello wurde einstudirt.\nDie Hauptrolle war natürlich Molino zugefallen und\nmachte auf ihn einen tiefen Eindruck. Statt ihn jedoch\nnachdenklich und besonnen zu stimmen, erregte sie ihn\nnoch mehr, verfinsterte den Horizont seines Verstandes und\ndrohte sein Herz zu vernichten. Zum Unglück fehlte ihm\nein Freu nd: er war in der Stadt noch so fremd, wie zu\nder Zeit, als er hingekommen. Das Verhängniss aber ver-\nfolgte ihn ausserdem eben so, wie den Helden jener Oper.\nAls Liebling des Publicums hatte er unter den übrigen\nSängern grösstenteils Italiänern —• nicht nur keine\nFreunde, sondern erbitterte Feinde, weil Neider. Sie schür-\nten das Feuer, das in seiner Seele brannte, und frohlock-\nten schon ob des Bruches, der zwischen dem Glücklichen und\nder „angebeteten, kalten Deutschen\", zu entstehen drohte.\nLeider wuchs in Molino's Seele das Misstrauen zum\npeinigenden Zweifel an der Geliebten, und sein Trachten\nging nur dahin, sich Beweise von ihrer Untreue zu schaffen.\nUnter der Maske der Verstellung Zärtlichkeit heu-\nchelnd, kam er eines Tages zu Cäcilien. Er meldete ihr,\ndass er im Begriffe stehe, einen zehnjährigen Contract mit\nder dortigen Bühne abzuschliessen, und dass man ihr eben-\nfalls ein dauerndes Engagement, auch für den Fall ihrer\nVerheirathung, zugestehen wolle: desshalb frage er sie,\nwann ihre Verbindung Statt finden könne. Mit unver-\nkennbarer Freude antwortete sie ihm: „wahrscheinlich\nsehr bald, doch könne sie die Zeit noch nicht bestimmen;\nsie erwarte noch Nachrichten.\" „Vom Gesandten?\"\nfuhr der Eifersüchtige auf. Das Mädchen schwieg und er-\nröthete tief. Da rief er mit fürchterlichem Blicke: „seiner\nGenehmigung bedürfe er nicht, und auf eine Ausstattung\nvon seiner Hand verzichte er!\" Er stürzte aus dem\nZimmer. Fassungslos flog sie ihm nach. Schon schwebte\ndie Entdeckung des Geheimnisses auf ihren Lippen, vier\nWorte reichten hin, den Geliebten zu beruhigen da trat\nihr der Gesandte entgegen, an dem Molino vorübergeeilt\nwar, ergriff die Hand der Verstörten und führte sie in ihr\nZimmer zurück.\nMit der Aufführung des „Othello\" sollte das Theater\ngeschlossen werden, mehrwöchentliche Bühnen-Ferien tra-\nten alsdann ein. Es war die Zeit, welche die Künst-\nler zu Gastreisen zu benutzen pllegen. Da er-\nhielt Molino einen Brief von Cäcilien, die er seit jenem\nTage nicht mehr besucht hatte, worin sie ihm mittheilte,\ndass sie verreisen und gleich nach ihrer Rückkehr die Frage\nbeantworten werde, ob und wann sie sich mit ihm vermäh-\nlen könne. Sie werde hoffentlich bald alle Hindernisse\nbeseitigt haben; das sei der Zweck ihrer Entfernung auf\nkurze Zeit. Ausserdem enthielt der Brief die zärtlichsten\nVersicherungen ihrer Liebe und Treue und die rührend-\nsten Beweise des tiefsten Schmerzes über das Misstrauert\ndes Geliebten."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "53", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.5", "texte": "Aber in seiner Verblendnng achtete Molino nicht dar-\nauf: er war auf die Stufe der Leidenschaft gekommen, wo\ndie Eifersucht mit einer Art von fieberhafter Freude alles\naufgreift, was ihr den Schein der Berechtigung geben kann.\nIn dieser Stimmung eilte er auf das Policei-Amt und\nerfuhr, dass Cäcilie einen Pass nach***, der Heimat des\nGesandten, genommen hatte.\nSein Blut erstarrte; mit kalter Berechnung beschloss\ner, sich zu verstellen, bis der Augenblick gekommen, die\nFalsche zu entlarven. Er zeigte sich desshalb in den Pro-\nben überaus freundlich und artig gegen seine Desdemona,\nscherzte mit ihr und Spielte den übrigen Sängern gegen-\nüber den Sorglosen und Gleichgültigen. Seine Absicht war,\nder Welt die Schmach des Grundes seiner Eifersucht zu\nverbergen, die Treulose aber immer mehr zu umgarnen\nund sicher zu machen. Seine Partie sang und spielte er\nmeisterlich. Cäcilien aber ilösste er ein geheimes Grauen\nein: eine peinigende Beängstigung hatte sich ihrer bemäch-\ntigt, und als der Abend der Aufführung kam, fürchtete sie\nneben dem Hasse des Geliebten auch seine Rache.\nNach dem ersten Aufzuge wurden alle Sänger stür-\nmisch gerufen, die Musik zündete gewaltig. Den Glanzpunct\naber hatte Othello mit seiner grossen Arie zu Anfange der\nOper gebildet. Desdemona jedoch liess Manches zu wün-\nschen übrig: die innere Bewegung verhinderte die Sängerin,\nihre schönen Kräfte in gewohnter Harmonie zu entfalten. Der\nFluch des Vaters schien auf ihr zu lasten. Aber ener-\ngischer trat sie im folgenden Aufzuge hervor. Unvergleich-\nlich war Spiel und Gesang im Terzett: „Ah vieni, nel tuo\nsangue% dem Höhepunkte der nach der Katastrophe hin-\ndrängenden Handlung, obschon der Componist hier etwas\nBesseres hätte geben können, als die ermüdende Wieder-\nholung gewöhnlicher Melodieen im breiten Vier-Vierteltact\nund im etwas nüchternen C-dur. Aber die Sänger, nament-\nlich Molino und Cäcilie, verdeckten diese Schwächen, rissen\nOrchester und Dirigenten in heisser Leidenschaft mit sich\nfort, indem sie das Tempo wie unbewusst immer schneller\nund schneller nahmen, und ergriffen die Zuhörer auf das\nhöchste.\nDoch Desdemona hörte nicht das Rauschen des Bei-\nfalls, der dieser Nummer folgte, wusste nicht, ob und wie\nsie ihre Partie durchgeführt. Sie hatte nur für den Gelieb-\nten Auge und Ohr gehabt, nur mit Schaudern das wilde\nLeuchten seiner Augen, das Zittern seiner Hand, in wel-\ncher das Schwert blitzte, verfolgt und in namenloser Angst\nzu erkennen geglaubt, dass er nicht Desdemona, sondern\nCäcilien glühend hasse. Bei der Stelle, wo der Zweikampf\nmit Rodrigo beginnen sollte, hatte Molino sein Gesicht starr\nnach der Loge des Gesandten gerichtet, was dieser jedoch\nnicht bemerken konnte, weil sein Auge unverwandt an Des-\ndemona hing.\nCäcilie hatte, wie es Schauspielerinnen gewöhnlich\ngeht, keine Freundin unter ihren Genossinnen. Dennoch,\nvon den Eindrücken gesteigerter Furcht getrieben, welche\nzur Mittheilung drängen, eröffnete sie dem jungen Mäd-\nchen, welches ihre Vertraute im Stück spielte, alles, was\nheute ihr Herz bewegte und seine Schläge immer mehr\nund mehr beschleunigte. Da stieg plötzlich ein Entschluss\nin ihr auf, ein Gedanke, den sie schon oft gehegt, dessen\nVerwirklichung aber stets der Gesandte entgegen getreten\nwar. Seiner ausdrücklichen Einwilligung bedurfte es aber\nauch jetzt. Sie schickte schnell nach seiner Loge, um ihn\nauf die Bühne rufen zu lassen. Man meldete ihr, der Ge-\nsandte habe sich nach dem zweiten Aufzuge entfernt,\num eine Dame, die plötzlich unwohl geworden, nach Hause\nzu begleiten. Cäcilie war wie vernichtet.\nDer dritte Act begann. In dem Recitativ mit Emilie,\nder Vertrauten, sang Cäcilie so schwach und unsicher, dass\nJene fast irre ward. Als das Orchester die Romanze des\nGondoliers einleitete, flüsterte sie dem Mädchen zu: „Er\nsingt mir mein Sterbelied!\" und als bald darauf Molino\nhinter den Coulissen sichtbar ward, machte die Angster-\nfüllte auf seinen glühenden Blick aufmerksam.\nIndessen begann das Ritornel zu der berühmten Arie\nDesdemona's aus G-m oll.Als die Harfe die gebrochenen\nAccorde anschlug, die Flötenklänge sich melodisch bei-\nmischten, da kam auf einmal Muth und Kraft über das\ntiefgebeugte Mädchen. Sie erhob sich anmuthsvoll, ihre\no o\nAugen leuchteten hell und stolz auf, und sie begann das\nJssisa al pie d'un salice immenso nel dolore mit ihrer schö-\nnen metallreichen Stimme zwar schwach, aber ohne Zit-\ntern zu singen. Es war der Muth der Unschuld und der\nEntsagung, der sie durchdrang und erhob; ihre ganze\nErscheinung war die einer Verklärten.\nSo erschien sie auch Molino, der hinter der Coulisse\nstand und ihr regungslos, wie bezaubert, zuhörte. Als\nsie bei dem Uebergang nach B-dur den Ton anschwel-\nlen liess und die Triolen-Figur im nachhaltigen, glocken-\nreinen Forte, wie mit Zuversicht erfüllt, erklingen liess,\nda ward er so hingerissen von der Haltung und dem see-\nlenvollen Tone des schuldreinen Mädchens, dass er unwill-\nkürlich nach dem Dolche griff und fühlte, ob die Spitze\nauch wirklich stumpf sei und er nicht Gefahr laufe, un-\nwillkürlich Cäcilien zu verwunden. Aber Cäcilie nahm diese"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "54", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.6", "texte": "Bewegung wahr und deutete sie zu ihrem Verderben.\n„0 Gott!\" flüsterte sie Emilien zu „seine Waffe\nist scharf!\" Doch raffte sie sich zusammen und sang die\nfolgenden Verse ihres Schwanengesanges noch inbrünsti-\nger als den ersten, so dass die Zuhörer ganz hingerissen\nwaren und viele schöne Augen weinten. Auch Molino war\naufs tiefste ergriffen und fragte sich, ob Cäciiie nicht eben\nso schuldlos sein könne, als Desdemona. Da fiel sein Blick\nauf die Loge des Gesandten: er fand sie leer. „Rodrigo\nerwartet zu Hause meine Desdemona,\" sprach er zu sich,\nund Desdemona's Larghetto aus As-dur, wie seelenvoll\nauch gesungen, ging an seinem Ohr eindruckslos vorüber.\nEr trat heraus, die Fackel in der Hand, mit seinem dumpfen\nEccomi giunto inosservato. Die grelle Beleuchtung machte\nden Anblick seines geschwärzten Gesichtes noch unheim-\nlicher, während die wirkliche wilde Eifersucht seine sonst\nso schönen Züge verzerrte. Cäcilien überlief es eiskalt, als\ner an ihr Lager trat, und sie erhob sich, nach Fassung wie\nzum wirklichen Todesgange ringend. Die Steigerung der\nAffecte im Duett Nolle per tue funesla, war auf beiden Sei-\nten ausserordentlich, aber nur zu fürchterlich wahr. Bei\nOthello's Worten: Si compia la Vendetta, stand Cäciiie ge-\nfasst da, den Todesstoss erwartend; als er aber den Arm\nerhob, blieb sie das AM me! was sie noch zu singen hat,\nschuldig. Da rief der Mörder sein Mori infedel! der Dolch\nfuhr nieder, und die Geliebte lag zu seinen Füssen. Seine\nAugen funkelten wild, als der D-dur-Accord zum Zeichen\ndes Triumphes der Rache im Orchester aufbraus'te. Rasch\nging die letzte Scene vorüber, Othello's Demüthigung und\nReue. Der Vorhang fiel.\nAm anderen Tage las man in der Hofzeitung: „Die\nKunst hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Fräulein\nCäciiie ****, die uns noch gestern Abends als Desdemona\nentzückte, ist das Opfer einer furchtbaren Beängstigung\nund der Anstrengung, sie zu überwinden, geworden. Ein\nSchlag-Anfall hat sie in dem Augenblicke getroffen, als\nOthello den Dolch scheinbar in ihre Brust stiess.\"\nUnd so war es auch wirklich. Erst nach dem Sinken\ndes Vorhanges, beim ungestümen Rufe des Publicums nach\nDesdemona und Othello, stürzten die Sänger auf die re-\ngungslose, bleiche Desdemona zu sie war eine Leiche.\nMolino war dem Wahnsinn nahe. Nur mit Gewalt\nkonnte man ihn von der Entseelten hinwegreissen. Die\nfurchtbare Lage hatte für den Augenblick selbst seine Feinde\nihm zu Freunden gemacht; sie wichen auch die folgenden\nTage nicht von ihm.\nDie Kunstgenossen veranstalteten ein feierliches Be-\ngräbniss der Vollendeten. Dicht hinter dem Sarge sah man\nals ersten Leidtragenden einen grossen schönen Mann in\nTrauerkleidern, aber mit glänzenden Ordenszeichen geziert,\ngehen, der seine Thränen vergebens zu unterdrücken strebte.\nEs war der Gesandte von ***, Cäciliens Bruder.\nDer Tod hatte das Siegel des Geheimnisses gelös't.\nCäciiie war die Tochter des Grafen Z., des ersten Ministers\nam ***schen Hofe. Eine unwiderstehliche Liebe zur Kunst\nhatte sie zum Theater gezogen; der Vater gab nach lan-\ngem Widerstreben ihren heissen Wünschen nach, verpflich-\ntete sie aber durch einen Schwur, nie ihren Namen und\nihren Stand zu verrathen. Ihre Triumphe auf der Bühne\nund die Bitten seines einzigen Sohnes, des Gesandten, hat-\nten endlich seinen Ahnenstolz gebrochen am Tage nach\nCäciliens Tode erhielt der Gesandte seine Einwilligung zu\nihrer Verbindung mit Molino.\n* *\n*\nRossini hatte dem Sänger mit der grössten Aufmerk-\nsamkeit zugehört; seine Züge nahmen einen ihm sonst frem-\nden Ernst an und zeugten von warmer Theilnahme. Aber\nnach einer kurzen Pause erhob er sich und ging rasch im\nZimmer auf und ab. Sein Blick erhellte sich, und stolz\ntrat er vor den Sänger und sprach mit leuchtendem Auge:\n„Ich ehre und theile Ihren Schmerz. Mein Othello hat ein\nedles Herz gebrochen, das Glück Ihres Lebens zerstört;\naber er hat den Deutschen gezeigt, dass ich dem Menschen\nauch ins Herz hinein greifen kann, wenn ich will, und Spon-\ntini wird mir Ernst und Talent für Gebilde dramatischer\nTiefe und Wahrheit nicht länger absprechen dürfen.\"\nMaria Molino blieb längere Zeit in Wien. Rossini's\nFreundschaft und seinem Humor gelang es endlich, ihn dem\nStudium seiner Kunst zurückzugeben, in welchem er all-\nmählich wieder aufzuleben anfing. Aber in seinem Innern\nblieb des Schmerzes Stachel haften und zehrte an seinem\nblühenden Leben. Nie kehrte er nach jener Stadt zurück,\nwo er Cäcilien gefunden, und nie sang er die Partie des\nOthello wieder.\n\nIwan Müller.\n(Nekrolog.)\n\nDieser Künstler, einer der grössten Clarinett-Vir-\ntuosen, seit einem Jahre in unserem benachbarten Resi-\ndenz-Städtchen Bückeburg lebend, verschied daselbst\nnach kurzem Krankenlager am 4. Februar, und gestern\nfrüh wurde seine irdische Hülle zur ewigen Ruhe bestattet."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "55", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.7", "texte": "Im Jahre 1820 war er zum Professor am Con-\nservatorium in Paris ernannt, später hat er mehrere Mal\nseinen Aufenthalt geändert.\nUm die Vervollkommnung der Clarinette hat er sich\nhochverdient gemacht. Er erfand eine Clarinette mit 13\nKlappen, auf der sich bequem aus allen Tonarten spie-\nlen lässt; ferner die Alt-Clarinette; er verbesserte die\nKlappen durch angesetzte kleine elastische Ballen zur\nVermeidung des Geräusches beim Niederfallen derselben,\nund den Schnabel durch ein metallenes Band mit Stell-\nschrauben zur Befestigung des Blattes etc. Sein Spiel\nzeichnete sich durch grösste Fertigkeit, Eleganz und Feuer\naus. Gedruckte Compositionen, als Quartette, Concerte etc.\nsind in nicht unbedeutender Zahl von ihm erschienen.\nSeine Clarinetten-Schule ist weltbekannt.\nDa alle musicalischen Werke und Zeitschriften das\nJahr seiner Geburt nur annähernd angeben, so wollen\nwir schliesslich bemerken, dass der verstorbene grosse\nKünstler uns den 3. December (alten Styls) 1786 als\nden Tag seiner Geburt angab. Er war bekanntlich we-\nnige Werst von Reval geboren.\nIwan Müller ist der Zweite, welcher von de-\nnen, deren Namen die musicalische Nachwelt stets mit\nAchtung nennen wird, seine ewige Ruhe zu Bückeburg\ngefunden hat. Bekanntlich entschlummerte daselbst 1795\nauch Johann Christoph Friedrich Bach, der neunte un-\nter den eilf Söhnen Sebastian Bach's.\nWir zweifeln nicht, dass Bückeburg, dessen Fürst\nund dessen Bewohner stets grosses Interesse für Kunst\nund Musik zeigten, recht bald durch ein, wenn auch\nkleines, Gedenkzeichen den Ruheplatz des bedeutenden\nKünstlers bezeichnen wird.\nMinden, 8. Februar 1854.\n\nC. B.\n\nAus Wiesbaden.\n\nDen 7.Februar 1854.\nIch sende Ihnen, meinem Versprechen gemäss, einen kurzen\nBericht über hiesiges musicalisches Leben. Die Oper brachte uns\nkürzlich zweimal Templer uud Jüdin von Marschner, den\nträger, Robert, die Stumme und die Hugenotten. Die Leistungen\nsind den hiesigen Verhältnissen angemessen. Das Orchester und\nsein neuer Dirigent, Herr Capellmeister Hagen, sind in jeder Be-\nziehung tüchtig. Frl. Stork, hier sehr gern gesehen, hat in Stuttgart\nweniger gefallen, soll sich dadurch aber nicht von ernsteren Stu-\ndien abhalten lassen. Es entbehrt ihr Gesanges-Ausdruck, wie ihr\nSpiel allerdings oft dos Prägnanten, Grossen und Ergreifenden.\nWie eine Partie, so sind bei ihr~alle in Ton und Farbe. Sie\nliebt den deutschen Gesang und hat Furcht vor der Coloratur. Aber\nin eben dieser Scheu vor der italienischen Gesanges-Bildung liegt\nauch der Grund, dass ihre Stimme weniger biegsam erscheint; auch\nsollte sie die Auffassung ihrer Rollen mehr durchdringen und uns\nnicht immer Ein und dasselbe Bild der gewöhnlichen Menschen-\nNatur vorführen. Frl. Röhl er, eine die eben genannte Richtung\nfleissig pflegende Sängerin, hat eine gute Schule und viel Bühnen-\nübung; sie ist da ganz wie zu Hause. Aber es ist in ihren Lei-\nstungen eine Monotonie, die für den durch den Gegenstand Er-\nregteren unleidlich ist. Sie ist gern gesehen; aber sie sollte ihre\nRollen mit mehr Wärme durchdringen und nicht den Erfolg allein\nin der brillanten Ausführung suchen. Der Frl. Wiese ist fleissiges\nStudium Noth. Der Tenor, Herr Peretti, ist eine Perle für die\nhiesige Oper; mit ihm verlöre sie ihren Glanzpunkt. Er fasst\nnicht nur seinen Part mit Wahrheit und richtigem Gefühl auf, er\ngibt ihn wieder mit eigenthümlicher Lebendigkeit und Frische.\nSeine Stimme ist meist wohlthuend, oft ergreifend, und lässt die\nZuhörer nie kalt und theilnahmlos. Möge er noch lange die\nZierde der hiesigen Oper bleiben! Herr Minetti hat einen\nschönen Bariton und erfasst mit nicht minderer Wärme seine\nRolle; nur fehlt ihm des Ersteren natürliche Anlage zur Darstellung.\nDoch ist er sehr beliebt und war kürzlich der Veranstalter eines\nConcertes, dessen Programm jedoch fast nur Lieder enthielt. Herr\nThelen von Köln besitzt eine schöne Bassstimme, hat Anlage\nzur Darstellung, die aber noch sehr im Argen liegt und des fleissig-\nsten Studiums bedarf. Nur dann können wir ihm eine schöne Zu-\nkunft versprechen. Ein Hr. Röhr, lyrischer Tenor, wäre lieber in\nBerlin geblieben, und wir glauben nicht daran, wenn er in dem\n„Templer\" singt: „Es wird besser gehn!\" Schwerlich: denn er\nhat keine Stimme, weiss nicht zu singen, noch zu spielen.\n„Die Welt ist rund und muss sich drehn!\" sagt er uns, und wir\nfreuen uns dessen; auch Jahrcs-Contracte laufen ab. Die Chöre\nsind schwach und ermangeln sehr oft der Präcision; es sind zu\nwenig klangvolle Stimmen darunter.\nDen 30 Januar fand zum Vortheil des Orchesterfonds für Wit-\nwen und Waisen ein Concert Statt, welches unter Anderem Beet-\nhoven's 4-dM/-Sinfonie brachte. Sie wurde unter Leitung des Herrn\nCapellmeisters Hagen wacker executirt und verfehlte ihre Wirkung\nnicht. Im letzten Satze dünkte uns das Tempo etwas z u rasch;\ndie Blech-Instrumente waren zu stark, und so ging die erste Figur\nder Violinen ganz verloren. Herr Georg Aloys Schmitt von\nFrankfurt spielte das D-moll-Concert von Mendelssohn für Piano-\nforte und Orchester sehr sauber und ärntete verdienten Beifall,\nnicht minder für sein von ihm componirtes „Staccato\" und Pauer's\n„Cascade\", zwei elegante Salon-Pieccn. Ausser der Ouvertüre zu\nRuy Blas von Mendelssohn, die mit vielem Feuer und grosser\nPräcision ausgeführt wurde, verdient das Uebrige keine Erwähnung.\nHerrn Hagen verdanken die wenigen wahren Kunstfreunde da-\ngegen noch einen grossen Genuss, indem er ouart ett-Soirccn\nins\" Leben gerufen und dabei, ganz auf das eigene Interesse ver-\nzichtend, nur das der Kunst im Auge gehabt hat. Von sechs be-\nabsichtigten Soireen fand am 1. Februar die erste Statt. Sie\nbrachte uns Haydn's Op. 11, Nr. 2, Mozarl's Op. 10, Nr. 2\n(D-moll), Becthoven's Op. 18, Nr. 1, ausgeführt von den Herren\nConcertmeister Frisch, Concertmeister lischcr, Capellmcistcr Ha-\ngen und Herrn Grimm. Das gewählte Publicum nahm die Be-\nstrebungen des Herrn Hagen beifällig auf und verliess befriedigt\nden Saal. Das Ensemble liess zwar noch Manches zu wünschen\nübrig; jedoch ging das dritte Quartett schon ein Bedeu-\ntendes besser. Herr Fischer hat auf der Violine eine.l vollen,\nmarkigen, breiten Ton, der den Zuhörer an der rechten Stelle"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "56", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540218-01.1.8", "texte": "Fasst; Herr Frisch hat einen zarteren und weicheren Ton, als sein\nRival, Herr Fischer; Herr Grimm ist hier anerkannt als ein tüch-\ntiger Cellist, und Herr Hagen befestigte durch eigene Sicherheit\nund Kenntniss die Zuversicht des Gelingens. Die Musikfreunde\nWiesbadens sehen mit Spannung den nächsten Soireen entgegen.\nEs scheint, dass Herrn Hagen's Leitung bei den hiesigen Ver-\nhältnissen mit der Zeit eine recht durchgreifende und Erfolg ha-\nbende, wenn auch weniger eclatante Thätigkeit entwickeln wird*\nSehr zu wünschen!\nNoch hatUn wir am 6. Februar ein Conccrt, von einer drei- oder\ndreizehnjährigen Pianistin veranstaltet das Alter spielt ja dabei\ndie grösste Rolle. Die so und sovieljährige Pianistin spielte so, dass\nJeder meinte, es gehöre viel Muth dazu, mit solchen Leistungen\nunter die Gasflammen zu treten, und dass sie noch so viele Som-\nmer üben möge, als sie Winter alt ist, um dann ein neues Debüt\nmit anderem Erfolge gekrönt zu sehen als dem, den dankbar\nsich bewegende Hände zu zollen sich verpflichtet fühlten.\n\nHf.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHLöln* Am 15. d. Mts. gaben die Herren Karl Reinecke\nund Karl R einthaler ein Concert im grossen Casinosaale, des-\nsen Ertrag zum Besten des Dömbaues bestimmt war. Die erste\nAbtheilung eröffnete eine präcise und feurige Ausführung der\nOuvertüre zu Ruy Blas von Mendelssohn. Reinecke spielte die\nRomanze und das Rondo aus dem Concerte in E von Chopin\nmit schöner Auffassung und vollendetem Vortrage sowohl im Tech-\nnischen als im Ausdrucksvollen. Darauf hörten wir zwei Lieder\nvon ihm für Sopran mit Pianoforte und Violine, „Waldesgruss\"\nund „Frühlingsblumen\" reizende Composilioncn; aber neben\neiner Violine zu singen, ist eine schwierige Aufgabe besonders\nneben einer Hartmann'schen. Hierauf folgte eine Sinfonie, eben-\nfalls von K. Rein ecke. Es ist dies eine Composition, welche das\ngrosse Talent Reinccke's in Erfindung, Ausarbeitung und Instru-\nmentirung in vollem Maasse bekundet, zugleich aber auch den Ab-\nweg von ferne zeigt, vor welchem er sich zu bewahren hat, näm-\nlich vor dem Verfallen in Robert Schumann's Manier, wie sie sich\nbesonders in dessen letzten Werken zeigt. Der erste Satz dieser\nSinfonie ist so reich an wahren Schönheiten, an melodischen Ge-\ndanken und Figuren, wie sie nur dem echten musicalischen Genius\nentquellen, eben so an reizender Instrumentirung, dass man bedau-\nert, durch die vorherrschende eigentümlich rhythmische Form\nnicht zum ruhigen Genüsse alles dieses Schönen kommen zu können.\nIm Adagio und dem Mcnuetto finden wir dagegen nichts, was den\nEindruck dieser beiden vortrefflichen Sätze irgend störte. Der letzte\nSatz scheint uns in der Erfindung den drei anderen nicht ganz\nebenbürtig, doch lässt sich nach einmaligem Anhören immer nur\nvon dem flüchtigen Eindrucke des Augenblicks sprechen. Da die\nSinfonie dem Vernehmen nach bereits einen Verleger gefunden,\nso werden wir hoffentlich bald Gelegenheit haben, ausführlicher\ndarauf zurück zu kommen. Das Publicum nahm das Ganze, wie\njeden einzelnen Satz, mit lautem Beifalle auf.\nIn der zweiten Abtheilung machten wir die sehr erfreuliche\nBekanntschaft mit einem neuen Talente, welches wir jetzt ebenfalls\nzu denen zählen, die sich Köln zum Aufenthalte gewählt haben.\nEs ist dieses Herr Karl Reinthaler, früher in Berlin und\nRom, seit dem vergangenen Herbste Gesanglehrer an der Rheini-\nschen Musikschule. Er führte uns die Hauptnummern aus dem\nersten Theile seines Oratoriums „Jephta\" vor, welches er in\nItalien geschrieben, lind debutirte damit hier auf eine glänzende\nWeise. Denn selten haben wir das Publicum des Casinosaales so\nlebhaft theilnehmend und so ohne Rückhalt Beifall spendend ge-\nsehen. Wir stimmen von Herzen in das Urlheil desselben ein; na-\nmentlich sind es die drei grossen Chöre: Nr. 1, „Stehe auf, Herr,\nerhebe dich wider den Grimm deiner Feinde!\" Nr. 4, „Du allein\nbist König von Israel!44 mit dazwischen geflochtenen Solosätzen für\nBass, und Nr. 12, „Auf, Heer des Herrn, zum Siege!\" das den\nSchluss-Chor des ersten Theiles bildet, welche durch schöne Erfin-\ndung der Motive, grosse und breite Durchführung, Fluss und Guss\nin Stoff und Form, und glänzende Instrumentirung unsere Bewun-\nderung erregt haben und zu deren Composition wir Herrn Rein-\nthaler Glück wünschen. Weniger hat uns einiges Andere angespro-\nchen, wie z. B. die Sopran-Arie, zu welcher schon der Text: „Da\nIsrael aus Aegypten zog,44 aus inneren und äusseren Gründen nicht\ngut gewählt erscheint. Durch den Vortrag derselben lernten wir in\nFrl. Hartmann, der Tochter unseres Concertmeisters, eine recht\nhübsche, klare Sopranstimme kennen, deren Ausbildung der Rhei-\nnischen Musikschule sicher zur Ehre gereichen wird. Wir freuen\nuns, bei dieser Gelegenheit berichten zu können, dass die Dif-\nferenzen zwischen Herrn E. Koch und der Direction des Con-\nservatoriums gehoben sind und Herr Koch der Anstalt erhalten\nbleibt.\nDen Schluss des Concertes bildete die Phantasie von Beet-\nhoven für Pianoforte und Orchester, Soli und Chor, Op. 80 (die\nPianoforte-Stimme von Reinecke gespielt), welche wie immer ihren\nZauber auf die Zuhörer ausübte, hier aber noch ziemlich unbe-\nkannt war und um so mehr entzückte,\nIm Theater ist Balfe's Zigeunerin vollständig durch-\ngefallen, der Prophet mit grosser Pracht in Scene gesetzt worden.\n*** Barmen* Herr Karl Rei necke ist von den hiesigen\nmusicalischen Körperschaften, dem städtischen Singverein, der Con-\ncert-Gescllschaft und der Liedertafel, einstimmig zum Musik-Di-\nrector*er wählt worden. Eine Deputation hat ihn von dieser ehren-\nvollen Wahl in Kenntniss gesetzt, und dem Vernehmen nach hat\ner sie angenommen. So haben wir denn die Gewissheit, dass das\nrege musicalische Leben, welches H. Schornstein durch seine\nWirksamkeit hier geschaffen hat, nicht untergehen, sondern immer\nschönere Blüthen treiben wird."}]}