{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-02-25-01", "volume": "bmtnabi_1854-02-25_01", "ocr_sha256": "9a91ecdec17d59aa5910aee4bb9c98d31e2d9e8c7c167e4db33215f79ddb1870", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/02/25_01/bmtnabi_1854-02-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-25_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "57", "page_fin": "61", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.2.1", "titre_corps": "Richard Wagner", "titre_sommaire": "Richard Wagner", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4100, "texte": "Richard Wagner\n*).\nDer Erfinder des „Kunstwerkes der Zukunft\" hat seit\netwa zehn Jahren durch theoretische Abhandlungen, durch\neigen ersonnene Kunstwerke, wie durch Persönlichkeit\nund Schicksal sich einen Namen erworben. Weil er es liebt,\nden Philistern an die Perrücke zu greifen und zugleich alle\nGegensinner Philister zu schelten, so hat die zeitsinnige\nBettelmanns-Kritik aus Furcht vor übler Nachrede ihn flugs\nzum Propheten geadelt. Und weil es sich vordem ereignet\nhaben soll, dass mancher grosse Mann von den Zeitgenos-\nsen misskannt und von den Gelehrten „der Gegenwart\"\nmissachtet ist .... man behauptet, dergleichen sei einem\ngewissen Sebastian Bach und L. v. Beethoven auch ge-\nschehen . . . ~ so hat eine Clique von geistreichen Specu-\nlanten, aus Furcht, zu spät zu kommen oder gar sich zu\nblamiren, eiligst in dasselbige Horn mitgeblasen, welches\ndie allerneueste Kunstweisheit erhoben hat, um das phi-\nliströse Jericho der „Vergangenheit\" niederzuposaunen.\nDie Grossen lernen dankbar aus der Geschichte, die\nKleinen entrinnen ihr furchtsam; und das nennen sie den\nFortschritt zur Freiheit. Der demokratische Vorsteher\ni /\neiner neuzeitlichen Musik-Zeitung hat sich seit Jahren güt-\nlich getban in jener Phrase: „Mit der Vergangenheit bre-\nchen\" wie denn er und die Seinigen von Erbrechungs-\nPhrasen ihr täglich Brod ziehen —. „Die Kunst der Zu-\nkunft\" es ist zwar eine undeutsche Uebertragung\neines französischen Modewortes, es lautet aber nun einmal\nhübscher, meint der leipziger Geschmack, wie denn auch\ndiese Brüder Leipziger anstatt: „Heut ist schön Wetter,\"\nweit lieber im Klopstock'schen Stile sagen: „Das Wetter\nder Gegenwart ist absolut untadelig.\"\nWas sind sie, diese Künstler der Gegenwart, denen\nnichts als Vergangenheit fehlt? Was deutet ihre Zukunft,\ndenen alle Vergangenheit moderig und alle Gegenwart nie-\nderträchtig ist? Was sind und was wollen sie?\nRichard Wagner will belehren über eine neue, höhere\nArt der Kunst, will die bisherige in ihrer Unzulänglichkeit\nerweisen und zugleich durch eigenes Wirken schaffend und\nleitend die besseren Kunstwerke in die Welt bringen. Alle\ndiese Tendenzen denn Tendenzen sind es bisher nur\ngewesen —, sie mögen an sich löblich sein, aber sie machen\nkeinen Künstler.\nDie Künstler nach altem Schlage (die Perrückenstöcke\nder Vergangenheit) verfuhren bekanntlich so, dass sie erst\nlernten, dann schufen; dabei hielten sie insgemein den Gang\ninne, den alte Zucht und fromme Sitte der Jugend auf-\nlegt: sie waren bescheiden und fürchteten den Lehrer, und\nkein falsches Mitleid hüpfte über Jugend-Thorheiten hinweg,\nstatt sie zu strafen. Solche spartanische Zucht wirkte, dass\nSebastian Bach, wie Mozart und Beethoven eine arbeitsame\nJugend durchlebten. Und alle diese Heroen der „Vergan-\ngenheit\" traten auf mit keuscher Bescheidenheit, nicht\nlästernd oder preisend, was ausser ihnen war, sondern ein-\nfältiger Hingebung voll und still einsam arbeitend, ob es\ndoch gelinge, dass das Werk den Meister lobe. Alle aber\nbegannen damit, die Vergangenheit zu ehren, nicht aber\nihrer Väter Zopf anzuspucken. Sebastian Bach, der denn\ndoch mindestens so viel Originalität besass, wie Richard\nWagner und alle seine Schildknappen zusammen Se-\nbastian war bis zu den Mannesjahren ein treuer Knecht\nseiner Schule, ein Nachahmer der Vorzeit; erst als\nMann hat er Gegenwart und Zukunft ergriffen mit\nstärkerem Arme gewiss, als unsere\nUnsere Herren der „Gegenwart und Zukunft\" be-\nginnen dagegen mit Kritik und enden mit Verzweiflung.\nKritisches Rasaunen über die elend verkommene Welt,\ndidaktische Altklugheit und magistrale Katechisationen über\ndas, was die Welt sein und nicht sein soll, Aechtung und\nBannung über das feindselig neidische Geschmt.sse, das ihre\nKatechisationen nicht hören mag! Und was ist es, was\nsie ächten und bannen, auf dass die Musik „eine Wr ah r-\n\n*) Dieser Aufsatz ist uns von dem Verfasser, einem der ehren-\nwerthestcn und tüchtigsten Veteranen der musicalischen Kri-\ntik, zur Benutzung mitgetheilt; mit Dank für die Zusendung\nräumen wir ihm mit Vergnügen sofort den ihm in einem\nKunstblatte gebührenden Platz ein. D. Red."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4948, "texte": "lieit werde\" ?! Zuerst sei gebannt die „monumentale\nKunst\", mit R. Wagner zu reden; das will sagen: die bis-\nherige Tonübung war befangen in bestimmten plastischen\nFormen, die sich monumental, gleichwie rundfeste Bildsäu\nlen, einprägen und, in Partituren aufbewahrt, auf die Nach-\nwelt vererben konnten. Das Kunstwerk der Zukunft ver-\nschmäht diese papiernen llepositorien des Geistes; es will\nseine charakteristische Kunst der Bewegung, jene star-\nren Monumente sollen in Fluss gerathen, die althergebrach-\nten melodischen Formen mit ihrer langweiligen rhythmischen\nArchitektur müssen fallen; das Quinten-Verbot ist ohnehin\nein Zopf, die Harmonie ist nichts für sich, sie darf nichts\nsein als ein Gewand für die (d. h. Richard Wagner's) Idee\ndie Sonderkunst muss untergehen, die Allkunst soll\nentstehen.\nDas wäre nun alles recht schön, wenn s nur schön\nwäre. Darum, dass es todte Formalisten gegeben hat, alle\nForm wegwerfen? Weil es, mit Wagner zu reden, eine\nabstracte, leere Musik, ein <so genanntes „ leeres Musiker-\nthum\" leider gibt die Musik selber todt machen? Ist\ndas die Meinung?\nVielleicht nicht. Hat doch R. Wragner selbst reine\nInstrumentalien geschrieben, Violin-Quartette, Ouver-\ntüren u. s. w., und, um das leere Musikerthum voll zu\nmachen, diese abgerissenen Instrumentalien ohne darauf\nfolgende Oper, also ohne jene Allkunst der Zukunft, in\nKarlsruhe und Ballenstädt aufführen lassen! Sind doch in\nKarlsruhe einzelne Stücklein aus allerlei Componisten nach\neinander in höchst unkünstlerischer Folge vorgebracht\nalso auch hier leeres Musikerthum?! Dazu verlan-\ngen alle seine Werke für jede Partie tüchtige Virtuosen,\neingeschulte Musicanten wiederum das verhasste Mu-\nsikerthum?! Auch im Theoretischen eben so. Wer\nBeethoven's Coriolan mit einem Commentar erläutert, wie\nkürzlich R. Wagner gethan, treibt der Allkunst oder\nSonderkunst ?\nSehen wir die beiden Begriffe näher an nach dem\nSinne der Schule. Die Sonderkunst, als z. B. die für sich\nwirkende sonderlich schöne Malerei, Bildkunst, Tonkunst\netc., soll aufhören, dem neuen Begriffe der neuen Welt\nentspreche dieses Sonderliche nicht mehr; alles Sondere\nmuss dem Allgemeinen sich ergeben, aufgelöst im All, sind\nalle Sonderheiten dienende zu sein bestimmt, während\nsie bisher in der zöpfischen Kunst der Vergangenheit herr-\nschende waren.\nWas heisst nun jene Phrase ? Im besten Sinne genom-\nmen, knn sie nur bedeuten: das leere Handwerkerthum,\ndie todte Technik ist zu bekämpfen. Richtig. Und das ha-\nben die wahren Künstler aller Zeiten immer gewollt, nur\nfreilich unvollkommen erreicht, wie das in allen mensch-\nlichen Dingen so geht. Damit es z. B. kein leeres Hand-\nwerkerthum gebe, sondern in jedem grösseren Kunstwerke\nlauter bewusst wirkende Seelen, dazu wird eben nur er-\nfordert, dass alle Mitwirkenden wahre Künstler seien!\nSchaffet diese, wenn ihr könnt, und schimpfet nicht auf\nAndere, wenn ihr nicht könnt! Damit die Kunst „eine\nWahrheit werde\", wie der leipziger Terminus lautet,\nist's freilich auch nothwendig, dass nur Verliebte die Lie-\nbesrollen spielen, nur wahre Helden im Heldenharnisch\nstolzieren, nur Jünglinge, nicht Weiber, in Tenor-Arien\nauftreten!! weiterhin: damit die Kunst eine Wahr-\nheit werde, muss das verlogene Coteriewesen aufhören,\nmuss das Klatschen, Bravorufen, Freibillettisiren u. dgl. Un-\nkunst policeilich verboten werden; endlich: damit die\nKunst eine Wahrheit werde, strebe Alles nach Schön-\nheit, nicht nach Mode, Beifall und Geschwätz. Demnach\nist auch das heutige Ballet zu vertilgen, diese Sammlung\nverrückter Affensprünge und Kräuselschwünge und Bein-\nVerrenkungen !\nDie ältere Oper enthält manches Unverständige, weil\nin ihr, wie in aller Kunst, nicht der lineale, rechtwinkelige\nVerstand, sondern die ideal schwebende Schönheit das\nPrincip ist. In diesem Streben ist das Entzücken begründet,\ndas Hörer und Schauer ergreift, wo Philister nichts\nsieht, als Zopf und Tactstock. Ganz wie in der Oper, so\nwird auch in anderen Künsten der leere Verstand über-\nschritten um der Schönheit willen; so das doppelte Licht\nin der Ruvsdael'schen Landschaft, deren Schönheit Göthe\nj 7\nso tief ergriffen; so die antiken Reiterstückchen auf Gem-\nmen und Cameen, wo der Zügel fehlt, welcher in der\nprosaischen Wirklichkeit Reiter und Pferd verbindet, im\nKunstwerke aber unausführbar, daher unschön und lästig\nsein würde. - Schon Schiller in der Vorrede zu seiner\nBraut von Messina warnt vor dem Uebergewichte des pro-\nsaischen Ulusions-Prineips, als dem Tode aller wah-\nren Kunstschönheit.\nUebrigens ist das Streben, im Kunstwerke die mög-\nlichste Einheit sowohl zwischen Stoff und Form, als zwi-\nschen Wirkenden und Geniessenden herzustellen, an sich\nein wohlberechtigtes; ja, es ist offenbar das verschwiegene\nhöchste Ziel, dem alle Begeisterten nachzuringen, sich an-\nzunähern streben, freilich mit dem stillen Geständnisse,\ndass die volle Einheit hier so wenig wie sonst auf Er-\nden erscheine. Irgendwo ist der Versuch gemacht mit Seb."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5063, "texte": "Bach's Matthäus-Passion, diese als Allkunstwerk\nerscheinen zu lassen, indem man zu den Chorälen, wie zum\nCantusfnnus im Anfangs-Chor die Gemeinde mit ein-\ntreten Hess. Das ist vielleicht einmal gelungen bei einer\nlange vorbereiteten, in sich bereits künstlerischen Gemeinde.\nSoll dergleichen aber zur Regel werden, so muss man\nzuvor auch sorgen, dass alle Wirkenden vom obersten\nDirector bis zum niedersten Querpfeifer wahre Christen\nsind, die sowohl das Evangelium glauben, als Sebastian\nBach verstehen. Dieses in unserer Zeit zu erringen, ist\nein hohes Ziel, dessen Verwirklichung aber andere Kräfte\nfordert als kritische. Das griechische Heidenthum war hier\nleichter daran, und darum leichter zufrieden. In der Dar-\nstellung Sophokleischer Dramen wirkte, so weit wir wis-\nsen, Alles in einander; die Tonkunst, die Bild-, Bau-, Ma-\nler- und Decorationskunst griffen dergestalt ein, dass sie\nalle dem Hauptzwecke der poetischen Darstellung tragi-\nscher Ideen dienten. Aber da ward auch nirgend der ro-\nhen Illusion nachgestrebt; die perspectivische Malerei\n(die bei R. Wagner's Tannhäuser eine sehr grosse Rolle\nspielt) war unvollkommen, kaum im Entstehen; die Ton-\nkunst ein unschuldiges Kind, ohne Quinten, Terzen und\nSeptimen, am allerwenigsten mit solchem Bombast von\nPosaunen und Virtuosen und Nonen-Accorden aufgefüttert,\nwie zum Tannhäuser unentbehrlich sind; die Dichtung selbst\neinfach, arm an äusserlichen Thatsachen, freilich reich genug\nan innerem dramatischem Drange Beides umgekehrt bei\ndem dramatischen „Allkünstler der Jetztzeit\".\nWelche Kräfte sind nöthig, um das Kunstwerk der\nZukunft ins Leben zu rufen, das sich obendrein rühmt, ein\necht volksthümliches werden zu wollen! Volks-\nthümlich, und doch nur bei ungeheuren Mitteln, auf\nreich dotirten Residenz-Bühnen ausführbar ?! Ich denke,\nder alte Mozart mit seinen sehr bescheidenen Mitteln ist\nauch ein wenig volksthümlich geworden, da seine Melo-\ndieen, obwohl durch keine Kritik des Autors und seiner\nCoterieen belobräuchert, sich unvermerkt in den Mund des\nVolkes gestohlen und heute noch nicht ausgerissen sind,\ntrotz aller Bemühungen der wüthenden wilden Jagd von\nLeipzig.\nVielleicht jedoch sind die positiven Leistungen R.\nWagner's besser, als seine kritischen ? Ist sein Ta n n h ä u-\nser die Wahrheit des Kunstwerkes, wie er und die Seini-\ngen wollen ? Wir geben zu, dass die theatralische Wirkung\neine schlagende ist; die in sich wunderliche und nicht sehr\nreiche Handlung ist in gehöriges Licht gestellt, sie wirkt,\nweil ihre Entwicklung poetisch richtig durchgeführt, die\nSprache im Ganzen rein und tadellos ist. Sie würde klarer\nwirken ohne Musik, vielleicht objectiver, vielleicht ärmer.\nDie beigegebenen Töne verwirren das an sich klare\nBild und hier ist der unzweifelhaft wunde Fleck, wel-\nchen das Gericht der Zeiten finden wird, wie ihn schon\njetzt alle Unbefangenen wohl erkennen.\nDarum, dass gewisse Regeln des Generalbasses, ein-\nseitig angewandt, zur Philisterei führen, sollen nun alle über\nden Haufen geworfen werden? Das wäre, als wenn man\num Heise's verkehrte Regeln die deutsche Grammatik auf-\nheben wollte. Das volksthümliche Gehör wird eben so-\nwohl verletzt, wo es immerfort herumgehetzt wird zwischen\nunaufgelös'ten Septimen-Accorden, wo das tiefbegründete\nQuinten-Verbot in frechem Spotte zertrümmert, wo die\nwundervolle Architektonik des geraden (bei Mozart und\nBeethoven kerngesunden) Rhythmus zerbröckelt und\nvernichtet wird; dieses alles, sage ich, fühlt das unschul-\ndige, unvergiftete Volk so gut, wie die Gelehrten. Wenn\nnun freilich die „Gelehrten der Vergangenheit\" vor R.\nWagner's Zorne keineswegs sicher sind, so mögen wir\ndarauf nur erwidern, dass wir recht gut wissen, wie es zu\nallen Zeiten verkehrte Gelehrte gegeben hat, und dass in\nR. Wagner's Schriften Beweise genug davon vorliegen.\nVerkehrt ist die Gelehrsamkeit, die sich besser achtet\nals das Volk! Muss man das dem Demokraten erst sa-\ngen? Solche Gelehrte, die nur auf das blöde Volk schim-\npfen und sich aller Orten besser dünken sind zu allen\nZeiten den Vernünftigen verdächtig gewesen. Wie alle echte\nWeisheit mit der Demuth beginnt, das ist bei den Zeitwei-\nsen eine verschollene Wahrheit geworden, der „Vergan-\ngenheit\" Erbtheil.\nDass brillante Einzelheiten vorkommen, mag zuge-\nstanden werden. Die Tannhäuser-Ouverture hat ein vier-\ntactiges Thema zu Anfang, das melodisches Leben in sich\nträgt. Dieses Thema wird jedoch in unendlicher Länge der-\ngestalt variirt, dass begabte Hörer überdrüssig werden,\nmindestens sehnsüchtig nach „wahrhaft Neuem\" —• was\ndenn leider nicht erscheint; denn jene viertactige Melodie,\ndie in allem infernalischen Blechgeflimmer durch die ganze\nOper wandelt, ist das einzige plastische oder „monumen-\ntale\" Stück des Ganzen. Nirgend später ein Anhaltspunkt\ndes Gedächtnisses, ein Ausruhen des Gemüthes in lebender\nSchönheit.\nAber dies ist's ja, was R. Wagner's Theorie bekämpft.\n„Nicht fürs Gedächtniss, sondern fürs Schauen will ich ar-\nbeiten!\" heisst es wiederholt. Vollkommen zeitgemäss, wie\nein gut Theil unzufriedener Schulmeister ebenfalls raison-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5074, "texte": "nirt; „Wozu der todte Gedächtnisskram? Anschauung,\nBewusstsein ist die Losung der Zeit!\" Den Armen ist\ndie älteste Wahrheit verloren gegangen, die das altdeutsche\nWort Min na so lieblich in Einem darstellt; denn Minne\nheisst zugleich Liebe, Sinn, Erinnnerung (ver-innern!),\nGedächtniss; wie auch das altgriechische Wort tivaouczi\neine ähnliche Fülle des Inhalts bietet. Wolltet ihr doch die\nwahre Tiefe des Wortes erkennen, ihr würdet in\nLiebe und Glauben das verlorene Leben wiederfinden und all\neuer Spott vergehen in Thränen der Wonne und Sehnsucht!\nDennoch ist auch fürs Gedächtniss gesorgt, aber\nfreilich nicht auf künstlerische Weise, sondern nur gröb-\nlicher Illusion zu Liebe wird z. B. im Fliegenden Hol-\nländer, der ersten Knospe des neuen Welt-Genius, jeder-\nzeit die auftretende Person des Dämons angekündigt mit\neiner erschrecklichen Posaunen-Figur; sobald die grosse\nTute erschallt, weiss Jedermann: „Nun wird's was geben!\"\nDiese Kunst der Charakteristik, die Wagner's Coterie\nals seine Erfindung wohlgefällig preis't, ist nicht neu, nur\nbei Mozart anders, nämlich innerlich gebraucht. Niemand,\nfürchte ich, wird jemals den Don Juan mit einem Nacht-\nwächter verwechseln, obwohl ihm nirgend ein besonderes\nTutenhorn gewidmet ist. Seine ehernen, überkräfligen Ge-\nsänge sind an sehr deutlich gezeichneten Melodie-Anfängen\nund Schlüssen so schön gezeichnet, dass man den Helden\nhört, auch ohne ihn zu sehen, und sogar ohne Deco-\nration und Blechgeschnatter seiner Heldengestalt gewiss\nwird. Feiner noch ist die Charakteristik (die doch\nden feinen Kritikern der Jetztzeit [Neuzeit, Gegenwart] nicht\nentgangen sein wird?) die Charakteristik, durch welche\nMozart, ebenfalls innerlich, die Seelen-Verwandtschaft\nDon Juan's mit Donna Anna malt, worauf E. T. A. Hoff-\nmann seine tiefsinnige Entdeckung der wahren Idee jener\nOper gegründet hat.\nAber was hilft's! Wir Anderen, die wir zweifeln, sind\nnun einmal nicht urtheilsfähig; so docirt die leipziger Neue\nMusicalische, social-demokratisch geleitet durch die Coterie\nder letzten aus den versprengten Hegel'schen Husaren\nderen dialektische Argumentation denn auch in alt-hegel'-\nschem Tone darauf hinausgeht,, jeden Widersprecher zu\ndämpfen mit dem Worte: „Ihr versteht uns nicht!\" wie\nnoch kürzlich von dorther gesagt ist: „Wer den Tannhäu-\nser einmal gehört und danach urtheilt, ist ein Böotier;\nwer ihn aber gar nach der Partitur stud ir t, ist ein\nOchse, mindestens ein Philister.\" Solchen Argumenten\ngegenüber bekennen wir uns gern als unverständig.\nAn derselben Quelle vernimmt man allwöchentlich das\nabgeleierte Sprüchlein: „Alles Grosse tritt in die Welt mit\nKampf und muss Verfolgung dulden!\" Schaamlos genug\nberufen sie sich auf Jesus Christus. Also: weil ein Held\ngekreuziget ist, darum sind alle Gekreuzigten Helden? Ein\nhübsches Argument das! Einst war es der Trost eines sehr\nbekannten Agitators, der, weil Alexander der Grosse zu-\nweilen betrunken gewesen, sich häufig betrank, ohne frei-\nlich ein Alexander zu werden. Wir setzen einen tief-\nsinnigen Spruch des Kirchenvaters Augustinus entgegen,\nden wohl heute manche Verständige nicht mehr verstehen:\n„ Non poena, sed causa facit martyrem.\"\nBeethoven, Mozart und Bach sind trotz aller Cote-\nrieen und literarischen Verdummungs-Institute dennoch be-\nrühmte Leute geworden, und zwar durch die Liebe\ndes Volkes. Wi d ersinn ig waren Anfangs die Cote-\nrieen, die kranke Gelehrsamkeit; desselbigen Gleichen ist\nauch Göthe durch seinen Götz von Berlichingen bekannt\ngeworden, ehe die Kritik von ihm wusste. Bei R. Wagner\nist's bloss umgekehrt; kranke, blasirte Gelehrten-Coterieen\nhaben ihn gepriesen, ins Volk ist er nicht gedrungen; das\nsagen alle Zeugnisse, ausser den durch Liszt und Brendel\ngehänselten Zeitschriften.\nWir bleiben bei unserem Satze, den die Erfahrung der\nGeschichte bestätigt: sittlich ringende Zeiten, wie die un-\nsere ist, sind nicht künstlerisch gestaltende. Was hilft Läug-\nnen? Alle Journal-Scribenten von Leipzig bis Paris werden\nuns nicht überzeugen, dass Meyer Beer und Wagner und\nBerlioz wahrhaft Neues geschaffen und dass ihre Schöpfun-\ngen wahrhaft ins Volk gedrungen sind. Macht den Ver-\nsuch! Lasst R. Wagner in einer ungelehrten Provincial-\nstadt auftreten mit allem, was er hat, und lasst ihn seine\nsämmtlichen Werke zu Gehör bringen mit allem, was .er\nfordert aber wohlgemerkt, lasst während dieser Kunst-\nPeriode allen „Gelehrten der Neuzeit\" das Maul verbinden,\ndie Claque und Frei-Billette schwinden und auf vier Wo-\nchen die Journale so stillschweigen, wie sie es zu Mozart's\nund Bach's Zeiten thaten; ihr sollt sehen, ob das Volk\nobjectiv urtheilt oder die Gelehrten.\nAuf das Urtheil der Nachwelt berufen wir uns nicht.\nDieses nimmt Jeder für sich in Anspruch. Zudem ist's trüg-\nlich, wie alle Schulmeister-Phrasen. Haben wir uns nicht\nseit der Jugend vorsagen lassen: „ Gebet Acht, kein Tyrann\nentrinnt dem Urtheile der Nachwelt!\" Und doch hat nie-\nmals, dass wir wissen, ein Tyrann sich sonderlich um die\nNachwelt gekümmert; auch hat zuweilen die alte Tante\nNachwelt sich gröblich geirrt, wie z. B. über Cromwell"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1028, "texte": "verschiedentliche nachweltliche Tanten verschiedentlich frau-\nbasert haben, bis ihnen durch Macaulay heimgeleuchtet ist.\nZugeben müssen wir, dass in R. Wagner eine gewisse\npersönliche Kraft liegt, die viele Schwache natürlich elek-\ntrisirt; „und hat er Glück, so hat er auch Vasallen\".\nDamit ist nur bewiesen, dass er Persönlichkeit besitzt, nicht\nSchöpferkraft.\nEinstweilen gehe er seinen Gang; je rascher, desto\neher ist's zu Ende, wie mit dem Tischrücken. Uns aber, die\nwir zweifeln an dem neuen Propheten, weil wir ihn\nverstehen, uns rufe man nicht entgegen: „Wer will gegen\nden Strom schwimmen und das Feuer ausblasen, den wird's\nersäulen und verbrennen!\" Denn ob wir gleich wohl wis-\nsen, dass es bequemer ist für schwache Leute, mit dem\nStrome zu schwimmen, und die Furcht vor radicalen Schei-\nterhaufen dieser Tage nicht ganz ungegründet sein mag:\nlass rauschen und glühen, was des Lebens werth ist! ru-\nfen wir entgegen, und am Ende der Tage,\nWenn der Funke sprüht,\nWenn die Asche glüht,\nEilen wir den alten Göttern zu."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-25-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-25_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "61", "page_fin": "64", "image_debut": 5, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.2.2", "titre_corps": "Der Stern des Nordens.", "titre_sommaire": "Der Stern des Nordens.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.5", "debut_caractere": 1030, "fin_caractere_exclue": 4863, "texte": "Der Stern des Nordens.\nKomische Oper von Scribe und Meyerbeer.\nParis, den 18. Februar 1854.\nEine neue Oper von Meyer beer ist ein Meteor, ein\nStern in der Nacht, und vollends ein Stern des Nor-\ndens! was Wunder, wenn die Augen der ganzen ele-\nganten Welt von Paris und die Fernröhre der sämmtlichen\nmusicalischen Kritik nur auf diesen Stern gerichtet sind?\nEr ist aufgegangen am Horizont der komischen Oper\nwieder ein Grund mehr zur allgemeinen Verwunderung!\nDer Meister ist von dem Throne, auf den ihn der Teufel\nund die Hugenotten und der Prophet gehoben, herabgestie-\ngen, hat sich populär gemacht und die Hallen betreten, wo\ndie Gretry, Mehul, Boieldieu mit den Parisern gemüthlich\nund bürgerlich zu verkehren pflegten. Hat er wirklich den\nKothurn, d. h. den dramatischen Siebenmeilenstiefel, aus-\ngezogen? Wie wird sein majestätischer Schritt sich in dem\nSokkus, d. h. im Neglige und in Pantoffeln, ausnehmen?\nHat er sein ganzes Gefolge in der That draussen gelassen\nund will hier bloss durch sich selbst gelten? Alle diese\nFragen machten die Neugier mehr als je rege, und wenn\ndie Einen meinten, er habe sich alles vornehmen Prunkes\nentäussert, und von einer wunderbaren Transformation\noder gar Revolution seines Wesens sprachen, so behaupte-\nten die Anderen noch bestimmter, er werde sich nur von\nv , /\nzwei Regimentern auf die komische Bühne begleiten lassen\nund den übrigen Apparat von Maschinerie und Decoration\nverschmähen. Dazu kam noch die Besorgniss, dass, weil\njene Regimenter russische Uniform trügen, wir bei dem\njetzigen Stande der Dinge ganz und gar um die Freude\nkommen möchten, den Stern glänzen zu sehen.\nDiese Besorgniss war nicht ungegründet; die Com-\nmission für die Theater-Censur hatte allerdings Bedenken\ngetragen, die Aufführung zu gestatten; allein der Kaiser\nhat auch hier seine Einsicht und seinen Charakter bewährt,\nil a tranche la question,und der Moniteur verkündete zwei\nTage vor der Aufführung sogar die Gründe seiner Entschei-\ndung, in denen sich Napoleon 111. zwar beiläufig, aber sehr\ndeutlich gegen Richard Wagner's System über das Drama\nder Zukunft ausspricht. „EineOper\", sagt der Kaiser, „ist\nkein Gelegenheitsstück, sondern ein musical isc h e s\nKunstwerk, und es hiesse dem Gedichte eine gar zu\ngrosse Wichtigkeit beilegen, wenn man desshalb\nihre Aufführung verbieten wollte.\"\nUnd wahrhaftig, der Kaiser hat Recht, besonders in\nspecie bei dem Text oder Prätext, dem Vorwurf oder Vor-\nwand zu einer Oper, den Scribe diesmal geliefert hat. Wie\nHerr von Puttlitz in Berlin die weisse Dame in einen Rü-\nbezahl umgetauft haben soll, so hat Scribe ein Stückchen\nCzaar und Zimmermann, ein wenig Preciosa, ein\ngut Theil Mädchen von Marienburg und sogar ein Biss-\nchen Schweizerfamilie genommen,- um seinen Stern des\nNordens zu schaffen, und Meyerbeer hat ihm dazu noch\nein paar Zelte aus dem Feldlager in Schlesien geliehen,\nunter deren Dach er ruhig arbeiten und draussen Flöte\nblasen hören konnte.\nDer Held der Oper ist Peter der Grosse. Beim Auf-\ngange des Vorhangs finden wir ihn als Zimmermann unter\nseinen Mitgesellen, aber diesmal nicht in Saardam, sondern\nin Wiborg in Finnland. Freilich ist Wiborg erst nach der\nSchlacht bei Pultawa von den Russen erobert worden, als\ndas Käthchen von Marienburg schon Peter's Gattin war;\naber wer wird in einer Oper Chronologie verlangen ? Dass\nder Czaar hier gerade so wie in Saardam vor zehn Jahren\nMichaeloff heisst, nur dass er seinen Vornamen der fran-\nzösischen Aussprache zu Liebe mit einem 5 versehen hat,\nferner, dass er sich in das feindliche Finnland als Zimmer-\nmann begeben das könnte allerdings naseweise Fragen\nder Zuschauer veranlassen, wenn sie nicht erführen, dass\nPeter, oder vielmehr Peters, verliebt ist, was ja so viel\nWunderliches in der Welt erklärt. In Wiborg nämlich hat\nsich ein junges Mädchen, Katharina Savronska, niederge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5230, "texte": "lassen, welche dort Branntwein verkauft und den Leuten\ndie Wahrheit sagt, d. h. als Wahrsagerin sie über die Zu-\nkunft täuscht. Du erräthst, dass dieses Mädchen in unserer\nneuen Oper die Rolle der Katharina von Marienburg spielt.\nAber Marienburg können wir nicht brauchen; Marienburg\nliefert uns keine abergläubischen Kosaken, welche wir haben\nmüssen, wie Du gleich sehen wirst. Unsere Katharina\nstammt also aus der Ukraine und ist die Tochter einer Zau-\nberin, oder Wahrsagerin, oder Hexe, welche in der Nacht\nvor ihrem Tode ihr feierlich prophezeite: „Katharina! Jeder\nhat seinen Stern. Dein Stern strahlt im Norden über\nalle anderen dein Schicksal wird wunderbar sein\nes wird ein Mann erscheinen, der da hoch, sehr hoch steht\ner wird dich zu seiner Höhe erheben!\" Wahrschein-\nlich ist Katharina desshalb nach dem Tode ihrer Mutter\nnach Finnland gezogen. Wir brauchen aber auch einen\nFlötenspieler wegen derScene aus dem „Feldlager\", welche\nwir durchaus anbringen wollen. Im Feldlager haben wir\nFriedrich den Grossen als solchen aber der Anachro-\nnismus wäre doch zu arg. Geben wir der Katharina einen\nBruder Georg; mit diesem zieht sie nach Wiborg, und wer\nwill uns widerlegen, wenn wir behaupten, dass er ganz\nvortrefflich Flöte blase, trotzdem, dass er ein Schreiner und\nZimmermann ist? Unser eigentlicher Held Peters bleibt\naber in Wiborg hangen, weil er durch seine jähzornige\nNatur einen Anfall von Blut-Andrang gehabt hat, bei dem\nihn seine Reisegefährten verlassen (!), Katharina aber sorg-\nsam gepflegt hat. Aus Dankbarkeit bleibt er da, verdingt\nsich als Zimmergeselle und nimmt bei Georg Unterricht\nauf der Flöte. Ja, wir werden im letzten Acte sehen, dass\ner es zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht hat, und\ndass der Czaar, wenn er nicht sonst eine so gute Stellung\nhätte, wohl flöten gehen könnte, wobei jedoch Scribe ge-\nwiss nicht an eine politische Anspielung gedacht hat.\nNachdem uns das alles erzählt worden, sind wir über\ndie Lage im Klaren und freuen uns, dass ein Pastelenbäcker\nauf dem wiborger Werft erscheint, weil wir in ihm auf der\nStelle auch eine historische Person erkennen, welche in der\nGeschichte Mentschikoff heisst, von Scribe aber aus Scheu\nvor irgend einem Ultimatum Danilowitsch getauft worden\nist. Die Gesellen singen, trinken und essen Pasteten, doch\nPeters nicht: seine Katharina hat es ihm untersagt; denn\nsie hat neben seiner Liebe zu ihr auch eine sehr lebhafte\nNeigung zum Trünke bei ihm entdeckt. Die Arbeiter brin-\ngen Finnland und Karl dem Zwölften ein Hoch; der Paste-\ntenbäcker aber ruft: „Ich trinke auf denCzaaren Peter I.!tf\nSie fahren auf ihn los, Peters tritt ihm schützend zur Seite;\nglücklicher Weise hemmt die Glocke, welche zur Arbeit\nläutet, den ungleichen Kampf.\nGeorg, Katharinens Bruder, erscheint zu rechter Zeit,\num Peters über deren Ausbleiben zu trösten; sie ist für\nden Bruder auf Brautwerbung gegangen und tritt auch\nbald mit der frohen Nachricht auf, dass der Vater der jun-\ngen Schenkwirths-Tochter Prascovia seine Einwilligung zur\nHochzeit gibt. Peters hat sich eben vorher durch Georg,\nder ihn, wie Kaspar den Max, auf das Wohl der Geliebten\nzu trinken auffordert, verführen lassen, sein Gelübde zu\nvergessen, und muss dafür von Katharina harte Vorwürfe\nhören, die er aber, aufgeregt, wie er einmal ist, nicht still-\nschweigend hinnimmt; ja, er erklärt am Ende rund heraus,\ndass er Wiborg verlassen und sie nie wiedersehen wolle.\nErst bei dieser Drohung lässt Katharina, die ihn bisher stets\nnur geschulmeistert hat, ihre Liebe zu ihm durchblicken.\nPrascovia stürzt herein; die Russen sind eingerückt,\nihre Kosaken sind schon am Plündern! Peters ergreift seine\nAxt und spricht den Entschluss aus, die Geliebte zu schützen.\nAber Katharina erkennt in den heranrückenden Feinden\nihre Landsleute aus der Ukraine, zwingt Peters, sich zu\nentfernen, und geht mit ihrem furchtsamen Bruder und sei-\nner Braut in ihr Haus, zu dessen Thür mehrere Stufen\nhinaufführen. Ein wilder Haufe von Tataren, Baschkiren,\nKaimucken, Kosaken wälzt sich heran, und nachdem sie\nKatharinen Zeit gelassen, sich anders zu drapiren, stürmen\nsie gegen die Treppe an. Aber siehe! auf der obersten Stufe\nerscheint sie als Zauberin gekleidet, bedroht die Verwe-\ngenen mit Bann und Tod. Sie weichen ehrfurchtsvoll zu-\nrück, worauf sich Katharina herablässt, ihnen ein heimat-\nliches Lied zu singen, wozu sie Chorus machen und sich\nzurückziehen, nachdem die Zauberin einem von ihnen noch\nein glückliches Loos aus seiner Hand prophezeit hat.\nKaum ist diese Gefahr vorüber, so kommt ein zweites\nUnglück. Der russische General verlangt auf der Stelle zwölf\nRecruten, und Georg soll dabei sein; wahrscheinlich hat\nder Russe das musicalische Talent desselben entdeckt. Für\neinen Bräutigam, noch dazu am Tage der Hochzeit, ist das\nein hartes Geschick, wiewohl das Publicum schon daran\ngewohnt ist, da diese pikante Situation seit Maurer und\nSchlosser alle Augenblicke auf den pariser Bühnen vor-\nkommt. Katharina weiss wiederum Rath. „Ich schaffe dir\nauf vierzehn Tage einen Stellvertreter!\" ruft sie aus und\nverschwindet. Am Schlüsse des Actes zieht die Hochzeit\nin die Kirche, und im Hintergrunde schiffen sich die Sol-\ndaten mit Georg's Stellvertreter ein es ist Katharina\nin Männerkleidern."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5191, "texte": "Im zweiten Acte haben wir ein russisches Lager an\nder finnischen Gränze vor uns, das vortrefflich gruppirt\nund scenirt ist. Der junge Recrut ist unter den Soldaten.\nEin Corporal der Garde-Grenadiere fixirt ihn es ist der\nKosak Gritzenko, dem Katharina diese erhöhte Rangstufe\nprophezeit hat, und den der Dichter und der Componist zum\nRepräsentanten russischer Dummheit und der derben, dick\naufgetragenen Komik in der Oper gemacht haben. Er ist\nvon der Aehnlichkeit des Burschen mit der Zauberin be-\ntroffen; dieser lös't ihm aber das Räthsel durch das Ge-\nständniss, dass er der Bruder Katharina's sei. Dadurch\nmacht sich eine gewisse Annäherung zwischen Beiden, und\nder Corporal, dem man wichtige Papiere, welche eine Mi-\nlitär-Verschwörung betreffen, anvertraut hat wahrschein-\nlich seiner Dummheit wegen —, übergibt diese dem jungen\nRecruten zum Aufbewahren.\nAuf einmal kriegerischer Lärm und grosse Musterung\nder Truppen. Es wird Abend. Der Commandant des Lagers\ntritt mit zwei Officieren in ein Zelt. Der Eine herrscht ihm\nzu: „Für jeden Anderen als Euch bin ich der Capitän\nPeters.\" Es ist der Czaar, und in dem Zweiten erkennen\nwir den Pastetenbäcker, gegenwärtigen Lieutenant Dani-\nlowitsch. Der Czaar ist vor der Verschwörung gewarnt;\ner weiss, dass man die Schweden herbeigerufen, um das\nLager zu überfallen. Er hat desshalb zwei zuverlässige Re-\ngimenter hieher beordert, denen er vorausgeeilt ist. Trotz\ndes gefahrvollen Augenblickes fordert er Danilowitsch auf,\nmit ihm um die Wette zu trinken, und lässt auch zwei\nhübsche Marketenderinnen kommen, um sich mit ihnen\ndie Zeit zu vertreiben. Mittlerweile stellt Gritzenko\nzwei Schildwachen vor das Zelt, und dieser Dienst hat\nzufällig auch den jungen Recruten getroffen. Da steht nun\ndie arme Katharina auf dem Posten, und da sie aus weib-\nlicher Neugier ins Zelt schaut, erkennt sie ihren Peters von\nWiborg in der Uniform des Hauptmanns. Aber, o weh,\nwie wenig haben ihre Lehren gefruchtet! Zwar fängt er\ndamit an, auf die Gesundheit seiner unvergesslichen Katha-\nrina zu trinken, aber ein Glas folgt dem anderen, eine Fla-\nsche der anderen kurz: der Czaar betrinkt oder, rich-\ntiger gesagt, besäuft sich und umarmt taumelnd die beiden\nhübschen Mädchen um die Wette. In dem Augenblicke\nkommt die Ablösung; aber Katharina, von Eifersucht fest-\ngebannt, will nicht von der Stelle, widersetzt sich und gibt\ndem Corporal eine Ohrfeige. Sie wird in das Zelt gebracht\nund ruft vergebens: „Peters! sieh mich an! erkenne mich!''\nPeters sieht und hört nichts; er lallt nur: „Schiesst\nden Kerl todt!\" und Katharina wird abgeführt.\nKaum ist sie fort, so fällt ein dämmerndes Licht in\nsein umnebeltes Gehirn ihre Stimme, ihre Züge treten\nvor seine Seele er bebt, ermannt sich, wird wieder Herr\nseiner selbst und jagt eine Ordonnanz nach, den Recruten\nauf der Stelle zurück zu bringen. Vergebens. Katharina ist\nzwar nicht erschossen, aber sie ist entsprungen, hat sich in\nden Fluss gestürzt, eine Kugel ist ihr nachgesendet worden,\nsie ist in den Wellen verschwunden. Da in der Oper Alles\nsehr schnell geht, so hat sie noch Zeit gehabt, einen Brief\nan Peters zu schreiben; sie schickt ihm darin seinen Ring\nzurück, und dennoch, um sein Glück zu begründen, fügt\nsie die Papiere bei, welche die Verschwörer entlarven\ner solle damit zum Czaaren eilen. Das Zelt öffnet sich ganz,\ndie meuterische Truppe erwartet das Zeichen zum Aus-\nbruch des Complottes dieses soll die Regiments-Musik\ndurch den „ heiligen Marsch\" (la marche sacreej geben\ner ertönt aber Peter der Grosse tritt unter die verwe-\ngene Rotte: „Ich bin der Czaar! Stosst zu!\" Sie fallen ihm\nzu Füssen; auf den Anhöhen im Hintergrunde erscheinen\nin demselben Augenblicke die zwei treuen Regimenter, und\ndieses Gemälde schliesst den zweiten Act. Bei der allgemei-\nnen Ueberraschung war mir persönlich eine ganz besondere\nvorbehalten; der heilige Marsch der Russen erklang, und\nich erkannte in ihm mit Freudenthränen unsere anhaltische\nNational-Hymne, den alten Dessauer!\nIm dritten Acte sind wir in Petersburg oder Moskau,\ndarauf kommt nichts an, kurz, im Palaste des Czaaren. Er\nist untröstlich, alle seine Nachforschungen nach Katharina\nsind umsonst gewesen. Sein Günstling Danilowitsch war\naber glücklicher er hat ihre Spur gefunden, und es ist\nihm gelungen, sie mit einer alten Frau, welche die Unglück-\nliche verwundet aus dem Flusse gezogen, gepflegt und ver-\nborgen hatte, nach dem kaiserlichen Schlosse bringen zu\nlassen. Aber er wagt nicht, dem Czaaren Kunde davon zu\ngeben; denn Katharina ist wahnsinnig geworden.\nUm wenigstens in den Erinnerungen jener Zeit und\nseiner Liebe zu leben, hat sich Peter in dem Park seines\nSchlosses ein treues Abbild der Gegend in Finnland mit\nKatharina's Haus und dessen Umgebungen hinzaubern las-\nsen. Finnische Gärtner und Landleute hat er dahin versetzt,\nund da alle Finnländer, welche zufällig in die Residenz\nkommen, auf Befehl des Kaisers in den Palast gebracht\nwerden müssen, so findet sich auch Georg mit Prascovia,\nseiner jungen Frau, dort ein, da es ihm endlich eingefalk\nist, seine Schwester im Dienste abzulösen. Es folgen.md\nsoden, welche das komische Element geltend macheijanche\nwie z. B. das Wiedererscheinen des dummen fe Wen-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1874, "texte": "die Verwechslung Georg's mit dem entsprungenen Recru-\nten durch ihn u. s. w. Sie erreichen ihren Zweck nur man-\ngelhaft und halten die Entwicklung der Haupthandlung zu\nsehr auf.\nDiese wird endlich auf folgende Art herbeigeführt. Der\nCzaar hört den Gesang einer weiblichen Stimme. „Was\nist das ?\" fährt er Danilowitsch an: „ das ist Katharina's\nStimme!\" Der Günstling sieht sein Geheimniss verrathen,\ner gesteht Alles und verbirgt seinem Herrn auch nicht den\ntraurigen Zustand Katharina's. „0,\" ruft der Czaar von\nHoffnung entflammt aus, „ich werde sie heilen!\" —Alles\nmuss sich zurückziehen, und er trifft seine Anordnungen.\nKatharina erscheint und singt träumerisch eine Melodie,\nwelche Peters oft auf der Flöte geblasen hat. Da erklingt\ndieselbe Weise in der Ferne und mit den bekannten Flöten-\ntönen das Theater öffnet sich und zeigt uns die finn-\nländische Landschaft im Park. Die neue Emmeline sieht mit\nErstaunen ihr Haus, ihre Berge vor sich, Landleute in der\nsonntäglichen' Tracht der Heimat nähern sich ihr, Georg\nund seine junge Frau sind unter ihnen, der Pastetenbäcker\nsteht wieder vor ihr und redet sie mit wohlbekannter Stimme\nan. Sie weiss nicht, ob das ein Traum sei - doch sie er-\nkennt Georg und bittet ihn, die Melodie noch einmal zu\nblasen, die sie eben gehört. Er thut es; die zweite Flöte\nantwortet aus dem Gebüsch, Katharina's Stimme fällt darin\nein, und während des Gesanges leuchtet ihr Auge immer\nheller, wird ihre Besinnung immer klarer. Da stürzt der\nCzaar hervor und auf sie zu; sie erkennt in ihm den Ge-\nliebten und fällt in Ohnmacht. Der ganze Hof erscheint;\n/\nEdelfrauen hängen ihr den Kaisermantel um, Peter setzt\nihr die Krone aufs Haupt. Sie erholt sich, betrachtet ihr\nKleid, fühlt mit der Hand nach dem Diadem, und mit dem\nRufe: „0 meine Mutter! deine Weissagung geht in Er-\nfüllung!\" sinkt sie in die Arme des Czaaren.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-02-25-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-02-25_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-02-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "64", "page_fin": "64", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.8", "debut_caractere": 1876, "fin_caractere_exclue": 3463, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die fünfte Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch brachte ein Quartett von G. Onslow, Op. 21, Nr. 2, und\nOp. 18, Nr. 4, in C-mollvon Beethoven, beide sehr fein ausge-\nführt der erste Satz des Beethoven'schen kann aber mehr Breite\nund Leidenschaftlichkeit im Vortrag vertragen und ein Sextett\nfür Pianoforte, zwei Violinen, zwei Bratschen und Violoncell von\nEd. Franck, eine gute, sehr beifällig aufgenommene Composition,\nvon welcher uns der letzte Satz am meisten, das Andante jedoch\nansprach.\ngen 11 \"\n. I •• £ einem wiener Briefe vom 8. d. Mts. entnehmen wir, dass\nen ll<lvx\"()nc(,r|t, der Gesellschaft der Musikfreunde F. Hiller's\nSie fahren • e zur „Phädra\" mit grossem Erfolg aufgeführt worden\nist. Nachdem die Richtung Wagner's und die Manöver seiner Apostel«\nwelche „die musicalische Epilepsis als die höchste Kunstform aus-\nrufen44, scharf genug gezeichnet wird, heisst es weiter: „Bei diesen\ntrostlosen Anschauungen war es wirklich herzstärkend, dem Werke\neines tüchtigen Meisters zu begegnen, das, in edlem, dem Charakter\nder Tragödie entsprechendem Stile gehalten, das vollkommen aus-\ndrückt, was es sich zur Kunstaufgabe gestellt, die Tragödie Ra-\ncine's musicalisch einzuführen. Die herrliche Instrumentation, die\ndüstere, tief gehaltene Clarinette des Haupt-Thema's im schönen\nWechsel des Mittclsatzes in Es, der feurige, durch das spannende\nVor-Adagio noch mehr gehobene Schluss u. s. w. alle diese Ein-\nzelheiten wurden freudig gewürdigt und anerkannt und erregten den\nlauten Wunsch nach Vorführung anderer Werke desselben Meisters.46"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "57", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.1", "texte": "Richard Wagner\n*).\nDer Erfinder des „Kunstwerkes der Zukunft\" hat seit\netwa zehn Jahren durch theoretische Abhandlungen, durch\neigen ersonnene Kunstwerke, wie durch Persönlichkeit\nund Schicksal sich einen Namen erworben. Weil er es liebt,\nden Philistern an die Perrücke zu greifen und zugleich alle\nGegensinner Philister zu schelten, so hat die zeitsinnige\nBettelmanns-Kritik aus Furcht vor übler Nachrede ihn flugs\nzum Propheten geadelt. Und weil es sich vordem ereignet\nhaben soll, dass mancher grosse Mann von den Zeitgenos-\nsen misskannt und von den Gelehrten „der Gegenwart\"\nmissachtet ist .... man behauptet, dergleichen sei einem\ngewissen Sebastian Bach und L. v. Beethoven auch ge-\nschehen . . . ~ so hat eine Clique von geistreichen Specu-\nlanten, aus Furcht, zu spät zu kommen oder gar sich zu\nblamiren, eiligst in dasselbige Horn mitgeblasen, welches\ndie allerneueste Kunstweisheit erhoben hat, um das phi-\nliströse Jericho der „Vergangenheit\" niederzuposaunen.\nDie Grossen lernen dankbar aus der Geschichte, die\nKleinen entrinnen ihr furchtsam; und das nennen sie den\nFortschritt zur Freiheit. Der demokratische Vorsteher\ni /\neiner neuzeitlichen Musik-Zeitung hat sich seit Jahren güt-\nlich getban in jener Phrase: „Mit der Vergangenheit bre-\nchen\" wie denn er und die Seinigen von Erbrechungs-\nPhrasen ihr täglich Brod ziehen —. „Die Kunst der Zu-\nkunft\" es ist zwar eine undeutsche Uebertragung\neines französischen Modewortes, es lautet aber nun einmal\nhübscher, meint der leipziger Geschmack, wie denn auch\ndiese Brüder Leipziger anstatt: „Heut ist schön Wetter,\"\nweit lieber im Klopstock'schen Stile sagen: „Das Wetter\nder Gegenwart ist absolut untadelig.\"\nWas sind sie, diese Künstler der Gegenwart, denen\nnichts als Vergangenheit fehlt? Was deutet ihre Zukunft,\ndenen alle Vergangenheit moderig und alle Gegenwart nie-\nderträchtig ist? Was sind und was wollen sie?\nRichard Wagner will belehren über eine neue, höhere\nArt der Kunst, will die bisherige in ihrer Unzulänglichkeit\nerweisen und zugleich durch eigenes Wirken schaffend und\nleitend die besseren Kunstwerke in die Welt bringen. Alle\ndiese Tendenzen denn Tendenzen sind es bisher nur\ngewesen —, sie mögen an sich löblich sein, aber sie machen\nkeinen Künstler.\nDie Künstler nach altem Schlage (die Perrückenstöcke\nder Vergangenheit) verfuhren bekanntlich so, dass sie erst\nlernten, dann schufen; dabei hielten sie insgemein den Gang\ninne, den alte Zucht und fromme Sitte der Jugend auf-\nlegt: sie waren bescheiden und fürchteten den Lehrer, und\nkein falsches Mitleid hüpfte über Jugend-Thorheiten hinweg,\nstatt sie zu strafen. Solche spartanische Zucht wirkte, dass\nSebastian Bach, wie Mozart und Beethoven eine arbeitsame\nJugend durchlebten. Und alle diese Heroen der „Vergan-\ngenheit\" traten auf mit keuscher Bescheidenheit, nicht\nlästernd oder preisend, was ausser ihnen war, sondern ein-\nfältiger Hingebung voll und still einsam arbeitend, ob es\ndoch gelinge, dass das Werk den Meister lobe. Alle aber\nbegannen damit, die Vergangenheit zu ehren, nicht aber\nihrer Väter Zopf anzuspucken. Sebastian Bach, der denn\ndoch mindestens so viel Originalität besass, wie Richard\nWagner und alle seine Schildknappen zusammen Se-\nbastian war bis zu den Mannesjahren ein treuer Knecht\nseiner Schule, ein Nachahmer der Vorzeit; erst als\nMann hat er Gegenwart und Zukunft ergriffen mit\nstärkerem Arme gewiss, als unsere\nUnsere Herren der „Gegenwart und Zukunft\" be-\nginnen dagegen mit Kritik und enden mit Verzweiflung.\nKritisches Rasaunen über die elend verkommene Welt,\ndidaktische Altklugheit und magistrale Katechisationen über\ndas, was die Welt sein und nicht sein soll, Aechtung und\nBannung über das feindselig neidische Geschmt.sse, das ihre\nKatechisationen nicht hören mag! Und was ist es, was\nsie ächten und bannen, auf dass die Musik „eine Wr ah r-\n\n*) Dieser Aufsatz ist uns von dem Verfasser, einem der ehren-\nwerthestcn und tüchtigsten Veteranen der musicalischen Kri-\ntik, zur Benutzung mitgetheilt; mit Dank für die Zusendung\nräumen wir ihm mit Vergnügen sofort den ihm in einem\nKunstblatte gebührenden Platz ein. D. Red."}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "58", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.2", "texte": "lieit werde\" ?! Zuerst sei gebannt die „monumentale\nKunst\", mit R. Wagner zu reden; das will sagen: die bis-\nherige Tonübung war befangen in bestimmten plastischen\nFormen, die sich monumental, gleichwie rundfeste Bildsäu\nlen, einprägen und, in Partituren aufbewahrt, auf die Nach-\nwelt vererben konnten. Das Kunstwerk der Zukunft ver-\nschmäht diese papiernen llepositorien des Geistes; es will\nseine charakteristische Kunst der Bewegung, jene star-\nren Monumente sollen in Fluss gerathen, die althergebrach-\nten melodischen Formen mit ihrer langweiligen rhythmischen\nArchitektur müssen fallen; das Quinten-Verbot ist ohnehin\nein Zopf, die Harmonie ist nichts für sich, sie darf nichts\nsein als ein Gewand für die (d. h. Richard Wagner's) Idee\ndie Sonderkunst muss untergehen, die Allkunst soll\nentstehen.\nDas wäre nun alles recht schön, wenn s nur schön\nwäre. Darum, dass es todte Formalisten gegeben hat, alle\nForm wegwerfen? Weil es, mit Wagner zu reden, eine\nabstracte, leere Musik, ein <so genanntes „ leeres Musiker-\nthum\" leider gibt die Musik selber todt machen? Ist\ndas die Meinung?\nVielleicht nicht. Hat doch R. Wragner selbst reine\nInstrumentalien geschrieben, Violin-Quartette, Ouver-\ntüren u. s. w., und, um das leere Musikerthum voll zu\nmachen, diese abgerissenen Instrumentalien ohne darauf\nfolgende Oper, also ohne jene Allkunst der Zukunft, in\nKarlsruhe und Ballenstädt aufführen lassen! Sind doch in\nKarlsruhe einzelne Stücklein aus allerlei Componisten nach\neinander in höchst unkünstlerischer Folge vorgebracht\nalso auch hier leeres Musikerthum?! Dazu verlan-\ngen alle seine Werke für jede Partie tüchtige Virtuosen,\neingeschulte Musicanten wiederum das verhasste Mu-\nsikerthum?! Auch im Theoretischen eben so. Wer\nBeethoven's Coriolan mit einem Commentar erläutert, wie\nkürzlich R. Wagner gethan, treibt der Allkunst oder\nSonderkunst ?\nSehen wir die beiden Begriffe näher an nach dem\nSinne der Schule. Die Sonderkunst, als z. B. die für sich\nwirkende sonderlich schöne Malerei, Bildkunst, Tonkunst\netc., soll aufhören, dem neuen Begriffe der neuen Welt\nentspreche dieses Sonderliche nicht mehr; alles Sondere\nmuss dem Allgemeinen sich ergeben, aufgelöst im All, sind\nalle Sonderheiten dienende zu sein bestimmt, während\nsie bisher in der zöpfischen Kunst der Vergangenheit herr-\nschende waren.\nWas heisst nun jene Phrase ? Im besten Sinne genom-\nmen, knn sie nur bedeuten: das leere Handwerkerthum,\ndie todte Technik ist zu bekämpfen. Richtig. Und das ha-\nben die wahren Künstler aller Zeiten immer gewollt, nur\nfreilich unvollkommen erreicht, wie das in allen mensch-\nlichen Dingen so geht. Damit es z. B. kein leeres Hand-\nwerkerthum gebe, sondern in jedem grösseren Kunstwerke\nlauter bewusst wirkende Seelen, dazu wird eben nur er-\nfordert, dass alle Mitwirkenden wahre Künstler seien!\nSchaffet diese, wenn ihr könnt, und schimpfet nicht auf\nAndere, wenn ihr nicht könnt! Damit die Kunst „eine\nWahrheit werde\", wie der leipziger Terminus lautet,\nist's freilich auch nothwendig, dass nur Verliebte die Lie-\nbesrollen spielen, nur wahre Helden im Heldenharnisch\nstolzieren, nur Jünglinge, nicht Weiber, in Tenor-Arien\nauftreten!! weiterhin: damit die Kunst eine Wahr-\nheit werde, muss das verlogene Coteriewesen aufhören,\nmuss das Klatschen, Bravorufen, Freibillettisiren u. dgl. Un-\nkunst policeilich verboten werden; endlich: damit die\nKunst eine Wahrheit werde, strebe Alles nach Schön-\nheit, nicht nach Mode, Beifall und Geschwätz. Demnach\nist auch das heutige Ballet zu vertilgen, diese Sammlung\nverrückter Affensprünge und Kräuselschwünge und Bein-\nVerrenkungen !\nDie ältere Oper enthält manches Unverständige, weil\nin ihr, wie in aller Kunst, nicht der lineale, rechtwinkelige\nVerstand, sondern die ideal schwebende Schönheit das\nPrincip ist. In diesem Streben ist das Entzücken begründet,\ndas Hörer und Schauer ergreift, wo Philister nichts\nsieht, als Zopf und Tactstock. Ganz wie in der Oper, so\nwird auch in anderen Künsten der leere Verstand über-\nschritten um der Schönheit willen; so das doppelte Licht\nin der Ruvsdael'schen Landschaft, deren Schönheit Göthe\nj 7\nso tief ergriffen; so die antiken Reiterstückchen auf Gem-\nmen und Cameen, wo der Zügel fehlt, welcher in der\nprosaischen Wirklichkeit Reiter und Pferd verbindet, im\nKunstwerke aber unausführbar, daher unschön und lästig\nsein würde. - Schon Schiller in der Vorrede zu seiner\nBraut von Messina warnt vor dem Uebergewichte des pro-\nsaischen Ulusions-Prineips, als dem Tode aller wah-\nren Kunstschönheit.\nUebrigens ist das Streben, im Kunstwerke die mög-\nlichste Einheit sowohl zwischen Stoff und Form, als zwi-\nschen Wirkenden und Geniessenden herzustellen, an sich\nein wohlberechtigtes; ja, es ist offenbar das verschwiegene\nhöchste Ziel, dem alle Begeisterten nachzuringen, sich an-\nzunähern streben, freilich mit dem stillen Geständnisse,\ndass die volle Einheit hier so wenig wie sonst auf Er-\nden erscheine. Irgendwo ist der Versuch gemacht mit Seb."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "59", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.3", "texte": "Bach's Matthäus-Passion, diese als Allkunstwerk\nerscheinen zu lassen, indem man zu den Chorälen, wie zum\nCantusfnnus im Anfangs-Chor die Gemeinde mit ein-\ntreten Hess. Das ist vielleicht einmal gelungen bei einer\nlange vorbereiteten, in sich bereits künstlerischen Gemeinde.\nSoll dergleichen aber zur Regel werden, so muss man\nzuvor auch sorgen, dass alle Wirkenden vom obersten\nDirector bis zum niedersten Querpfeifer wahre Christen\nsind, die sowohl das Evangelium glauben, als Sebastian\nBach verstehen. Dieses in unserer Zeit zu erringen, ist\nein hohes Ziel, dessen Verwirklichung aber andere Kräfte\nfordert als kritische. Das griechische Heidenthum war hier\nleichter daran, und darum leichter zufrieden. In der Dar-\nstellung Sophokleischer Dramen wirkte, so weit wir wis-\nsen, Alles in einander; die Tonkunst, die Bild-, Bau-, Ma-\nler- und Decorationskunst griffen dergestalt ein, dass sie\nalle dem Hauptzwecke der poetischen Darstellung tragi-\nscher Ideen dienten. Aber da ward auch nirgend der ro-\nhen Illusion nachgestrebt; die perspectivische Malerei\n(die bei R. Wagner's Tannhäuser eine sehr grosse Rolle\nspielt) war unvollkommen, kaum im Entstehen; die Ton-\nkunst ein unschuldiges Kind, ohne Quinten, Terzen und\nSeptimen, am allerwenigsten mit solchem Bombast von\nPosaunen und Virtuosen und Nonen-Accorden aufgefüttert,\nwie zum Tannhäuser unentbehrlich sind; die Dichtung selbst\neinfach, arm an äusserlichen Thatsachen, freilich reich genug\nan innerem dramatischem Drange Beides umgekehrt bei\ndem dramatischen „Allkünstler der Jetztzeit\".\nWelche Kräfte sind nöthig, um das Kunstwerk der\nZukunft ins Leben zu rufen, das sich obendrein rühmt, ein\necht volksthümliches werden zu wollen! Volks-\nthümlich, und doch nur bei ungeheuren Mitteln, auf\nreich dotirten Residenz-Bühnen ausführbar ?! Ich denke,\nder alte Mozart mit seinen sehr bescheidenen Mitteln ist\nauch ein wenig volksthümlich geworden, da seine Melo-\ndieen, obwohl durch keine Kritik des Autors und seiner\nCoterieen belobräuchert, sich unvermerkt in den Mund des\nVolkes gestohlen und heute noch nicht ausgerissen sind,\ntrotz aller Bemühungen der wüthenden wilden Jagd von\nLeipzig.\nVielleicht jedoch sind die positiven Leistungen R.\nWagner's besser, als seine kritischen ? Ist sein Ta n n h ä u-\nser die Wahrheit des Kunstwerkes, wie er und die Seini-\ngen wollen ? Wir geben zu, dass die theatralische Wirkung\neine schlagende ist; die in sich wunderliche und nicht sehr\nreiche Handlung ist in gehöriges Licht gestellt, sie wirkt,\nweil ihre Entwicklung poetisch richtig durchgeführt, die\nSprache im Ganzen rein und tadellos ist. Sie würde klarer\nwirken ohne Musik, vielleicht objectiver, vielleicht ärmer.\nDie beigegebenen Töne verwirren das an sich klare\nBild und hier ist der unzweifelhaft wunde Fleck, wel-\nchen das Gericht der Zeiten finden wird, wie ihn schon\njetzt alle Unbefangenen wohl erkennen.\nDarum, dass gewisse Regeln des Generalbasses, ein-\nseitig angewandt, zur Philisterei führen, sollen nun alle über\nden Haufen geworfen werden? Das wäre, als wenn man\num Heise's verkehrte Regeln die deutsche Grammatik auf-\nheben wollte. Das volksthümliche Gehör wird eben so-\nwohl verletzt, wo es immerfort herumgehetzt wird zwischen\nunaufgelös'ten Septimen-Accorden, wo das tiefbegründete\nQuinten-Verbot in frechem Spotte zertrümmert, wo die\nwundervolle Architektonik des geraden (bei Mozart und\nBeethoven kerngesunden) Rhythmus zerbröckelt und\nvernichtet wird; dieses alles, sage ich, fühlt das unschul-\ndige, unvergiftete Volk so gut, wie die Gelehrten. Wenn\nnun freilich die „Gelehrten der Vergangenheit\" vor R.\nWagner's Zorne keineswegs sicher sind, so mögen wir\ndarauf nur erwidern, dass wir recht gut wissen, wie es zu\nallen Zeiten verkehrte Gelehrte gegeben hat, und dass in\nR. Wagner's Schriften Beweise genug davon vorliegen.\nVerkehrt ist die Gelehrsamkeit, die sich besser achtet\nals das Volk! Muss man das dem Demokraten erst sa-\ngen? Solche Gelehrte, die nur auf das blöde Volk schim-\npfen und sich aller Orten besser dünken sind zu allen\nZeiten den Vernünftigen verdächtig gewesen. Wie alle echte\nWeisheit mit der Demuth beginnt, das ist bei den Zeitwei-\nsen eine verschollene Wahrheit geworden, der „Vergan-\ngenheit\" Erbtheil.\nDass brillante Einzelheiten vorkommen, mag zuge-\nstanden werden. Die Tannhäuser-Ouverture hat ein vier-\ntactiges Thema zu Anfang, das melodisches Leben in sich\nträgt. Dieses Thema wird jedoch in unendlicher Länge der-\ngestalt variirt, dass begabte Hörer überdrüssig werden,\nmindestens sehnsüchtig nach „wahrhaft Neuem\" —• was\ndenn leider nicht erscheint; denn jene viertactige Melodie,\ndie in allem infernalischen Blechgeflimmer durch die ganze\nOper wandelt, ist das einzige plastische oder „monumen-\ntale\" Stück des Ganzen. Nirgend später ein Anhaltspunkt\ndes Gedächtnisses, ein Ausruhen des Gemüthes in lebender\nSchönheit.\nAber dies ist's ja, was R. Wagner's Theorie bekämpft.\n„Nicht fürs Gedächtniss, sondern fürs Schauen will ich ar-\nbeiten!\" heisst es wiederholt. Vollkommen zeitgemäss, wie\nein gut Theil unzufriedener Schulmeister ebenfalls raison-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "60", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.4", "texte": "nirt; „Wozu der todte Gedächtnisskram? Anschauung,\nBewusstsein ist die Losung der Zeit!\" Den Armen ist\ndie älteste Wahrheit verloren gegangen, die das altdeutsche\nWort Min na so lieblich in Einem darstellt; denn Minne\nheisst zugleich Liebe, Sinn, Erinnnerung (ver-innern!),\nGedächtniss; wie auch das altgriechische Wort tivaouczi\neine ähnliche Fülle des Inhalts bietet. Wolltet ihr doch die\nwahre Tiefe des Wortes erkennen, ihr würdet in\nLiebe und Glauben das verlorene Leben wiederfinden und all\neuer Spott vergehen in Thränen der Wonne und Sehnsucht!\nDennoch ist auch fürs Gedächtniss gesorgt, aber\nfreilich nicht auf künstlerische Weise, sondern nur gröb-\nlicher Illusion zu Liebe wird z. B. im Fliegenden Hol-\nländer, der ersten Knospe des neuen Welt-Genius, jeder-\nzeit die auftretende Person des Dämons angekündigt mit\neiner erschrecklichen Posaunen-Figur; sobald die grosse\nTute erschallt, weiss Jedermann: „Nun wird's was geben!\"\nDiese Kunst der Charakteristik, die Wagner's Coterie\nals seine Erfindung wohlgefällig preis't, ist nicht neu, nur\nbei Mozart anders, nämlich innerlich gebraucht. Niemand,\nfürchte ich, wird jemals den Don Juan mit einem Nacht-\nwächter verwechseln, obwohl ihm nirgend ein besonderes\nTutenhorn gewidmet ist. Seine ehernen, überkräfligen Ge-\nsänge sind an sehr deutlich gezeichneten Melodie-Anfängen\nund Schlüssen so schön gezeichnet, dass man den Helden\nhört, auch ohne ihn zu sehen, und sogar ohne Deco-\nration und Blechgeschnatter seiner Heldengestalt gewiss\nwird. Feiner noch ist die Charakteristik (die doch\nden feinen Kritikern der Jetztzeit [Neuzeit, Gegenwart] nicht\nentgangen sein wird?) die Charakteristik, durch welche\nMozart, ebenfalls innerlich, die Seelen-Verwandtschaft\nDon Juan's mit Donna Anna malt, worauf E. T. A. Hoff-\nmann seine tiefsinnige Entdeckung der wahren Idee jener\nOper gegründet hat.\nAber was hilft's! Wir Anderen, die wir zweifeln, sind\nnun einmal nicht urtheilsfähig; so docirt die leipziger Neue\nMusicalische, social-demokratisch geleitet durch die Coterie\nder letzten aus den versprengten Hegel'schen Husaren\nderen dialektische Argumentation denn auch in alt-hegel'-\nschem Tone darauf hinausgeht,, jeden Widersprecher zu\ndämpfen mit dem Worte: „Ihr versteht uns nicht!\" wie\nnoch kürzlich von dorther gesagt ist: „Wer den Tannhäu-\nser einmal gehört und danach urtheilt, ist ein Böotier;\nwer ihn aber gar nach der Partitur stud ir t, ist ein\nOchse, mindestens ein Philister.\" Solchen Argumenten\ngegenüber bekennen wir uns gern als unverständig.\nAn derselben Quelle vernimmt man allwöchentlich das\nabgeleierte Sprüchlein: „Alles Grosse tritt in die Welt mit\nKampf und muss Verfolgung dulden!\" Schaamlos genug\nberufen sie sich auf Jesus Christus. Also: weil ein Held\ngekreuziget ist, darum sind alle Gekreuzigten Helden? Ein\nhübsches Argument das! Einst war es der Trost eines sehr\nbekannten Agitators, der, weil Alexander der Grosse zu-\nweilen betrunken gewesen, sich häufig betrank, ohne frei-\nlich ein Alexander zu werden. Wir setzen einen tief-\nsinnigen Spruch des Kirchenvaters Augustinus entgegen,\nden wohl heute manche Verständige nicht mehr verstehen:\n„ Non poena, sed causa facit martyrem.\"\nBeethoven, Mozart und Bach sind trotz aller Cote-\nrieen und literarischen Verdummungs-Institute dennoch be-\nrühmte Leute geworden, und zwar durch die Liebe\ndes Volkes. Wi d ersinn ig waren Anfangs die Cote-\nrieen, die kranke Gelehrsamkeit; desselbigen Gleichen ist\nauch Göthe durch seinen Götz von Berlichingen bekannt\ngeworden, ehe die Kritik von ihm wusste. Bei R. Wagner\nist's bloss umgekehrt; kranke, blasirte Gelehrten-Coterieen\nhaben ihn gepriesen, ins Volk ist er nicht gedrungen; das\nsagen alle Zeugnisse, ausser den durch Liszt und Brendel\ngehänselten Zeitschriften.\nWir bleiben bei unserem Satze, den die Erfahrung der\nGeschichte bestätigt: sittlich ringende Zeiten, wie die un-\nsere ist, sind nicht künstlerisch gestaltende. Was hilft Läug-\nnen? Alle Journal-Scribenten von Leipzig bis Paris werden\nuns nicht überzeugen, dass Meyer Beer und Wagner und\nBerlioz wahrhaft Neues geschaffen und dass ihre Schöpfun-\ngen wahrhaft ins Volk gedrungen sind. Macht den Ver-\nsuch! Lasst R. Wagner in einer ungelehrten Provincial-\nstadt auftreten mit allem, was er hat, und lasst ihn seine\nsämmtlichen Werke zu Gehör bringen mit allem, was .er\nfordert aber wohlgemerkt, lasst während dieser Kunst-\nPeriode allen „Gelehrten der Neuzeit\" das Maul verbinden,\ndie Claque und Frei-Billette schwinden und auf vier Wo-\nchen die Journale so stillschweigen, wie sie es zu Mozart's\nund Bach's Zeiten thaten; ihr sollt sehen, ob das Volk\nobjectiv urtheilt oder die Gelehrten.\nAuf das Urtheil der Nachwelt berufen wir uns nicht.\nDieses nimmt Jeder für sich in Anspruch. Zudem ist's trüg-\nlich, wie alle Schulmeister-Phrasen. Haben wir uns nicht\nseit der Jugend vorsagen lassen: „ Gebet Acht, kein Tyrann\nentrinnt dem Urtheile der Nachwelt!\" Und doch hat nie-\nmals, dass wir wissen, ein Tyrann sich sonderlich um die\nNachwelt gekümmert; auch hat zuweilen die alte Tante\nNachwelt sich gröblich geirrt, wie z. B. über Cromwell"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "61", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.5", "texte": "verschiedentliche nachweltliche Tanten verschiedentlich frau-\nbasert haben, bis ihnen durch Macaulay heimgeleuchtet ist.\nZugeben müssen wir, dass in R. Wagner eine gewisse\npersönliche Kraft liegt, die viele Schwache natürlich elek-\ntrisirt; „und hat er Glück, so hat er auch Vasallen\".\nDamit ist nur bewiesen, dass er Persönlichkeit besitzt, nicht\nSchöpferkraft.\nEinstweilen gehe er seinen Gang; je rascher, desto\neher ist's zu Ende, wie mit dem Tischrücken. Uns aber, die\nwir zweifeln an dem neuen Propheten, weil wir ihn\nverstehen, uns rufe man nicht entgegen: „Wer will gegen\nden Strom schwimmen und das Feuer ausblasen, den wird's\nersäulen und verbrennen!\" Denn ob wir gleich wohl wis-\nsen, dass es bequemer ist für schwache Leute, mit dem\nStrome zu schwimmen, und die Furcht vor radicalen Schei-\nterhaufen dieser Tage nicht ganz ungegründet sein mag:\nlass rauschen und glühen, was des Lebens werth ist! ru-\nfen wir entgegen, und am Ende der Tage,\nWenn der Funke sprüht,\nWenn die Asche glüht,\nEilen wir den alten Göttern zu.\n\nDer Stern des Nordens.\nKomische Oper von Scribe und Meyerbeer.\nParis, den 18. Februar 1854.\nEine neue Oper von Meyer beer ist ein Meteor, ein\nStern in der Nacht, und vollends ein Stern des Nor-\ndens! was Wunder, wenn die Augen der ganzen ele-\nganten Welt von Paris und die Fernröhre der sämmtlichen\nmusicalischen Kritik nur auf diesen Stern gerichtet sind?\nEr ist aufgegangen am Horizont der komischen Oper\nwieder ein Grund mehr zur allgemeinen Verwunderung!\nDer Meister ist von dem Throne, auf den ihn der Teufel\nund die Hugenotten und der Prophet gehoben, herabgestie-\ngen, hat sich populär gemacht und die Hallen betreten, wo\ndie Gretry, Mehul, Boieldieu mit den Parisern gemüthlich\nund bürgerlich zu verkehren pflegten. Hat er wirklich den\nKothurn, d. h. den dramatischen Siebenmeilenstiefel, aus-\ngezogen? Wie wird sein majestätischer Schritt sich in dem\nSokkus, d. h. im Neglige und in Pantoffeln, ausnehmen?\nHat er sein ganzes Gefolge in der That draussen gelassen\nund will hier bloss durch sich selbst gelten? Alle diese\nFragen machten die Neugier mehr als je rege, und wenn\ndie Einen meinten, er habe sich alles vornehmen Prunkes\nentäussert, und von einer wunderbaren Transformation\noder gar Revolution seines Wesens sprachen, so behaupte-\nten die Anderen noch bestimmter, er werde sich nur von\nv , /\nzwei Regimentern auf die komische Bühne begleiten lassen\nund den übrigen Apparat von Maschinerie und Decoration\nverschmähen. Dazu kam noch die Besorgniss, dass, weil\njene Regimenter russische Uniform trügen, wir bei dem\njetzigen Stande der Dinge ganz und gar um die Freude\nkommen möchten, den Stern glänzen zu sehen.\nDiese Besorgniss war nicht ungegründet; die Com-\nmission für die Theater-Censur hatte allerdings Bedenken\ngetragen, die Aufführung zu gestatten; allein der Kaiser\nhat auch hier seine Einsicht und seinen Charakter bewährt,\nil a tranche la question,und der Moniteur verkündete zwei\nTage vor der Aufführung sogar die Gründe seiner Entschei-\ndung, in denen sich Napoleon 111. zwar beiläufig, aber sehr\ndeutlich gegen Richard Wagner's System über das Drama\nder Zukunft ausspricht. „EineOper\", sagt der Kaiser, „ist\nkein Gelegenheitsstück, sondern ein musical isc h e s\nKunstwerk, und es hiesse dem Gedichte eine gar zu\ngrosse Wichtigkeit beilegen, wenn man desshalb\nihre Aufführung verbieten wollte.\"\nUnd wahrhaftig, der Kaiser hat Recht, besonders in\nspecie bei dem Text oder Prätext, dem Vorwurf oder Vor-\nwand zu einer Oper, den Scribe diesmal geliefert hat. Wie\nHerr von Puttlitz in Berlin die weisse Dame in einen Rü-\nbezahl umgetauft haben soll, so hat Scribe ein Stückchen\nCzaar und Zimmermann, ein wenig Preciosa, ein\ngut Theil Mädchen von Marienburg und sogar ein Biss-\nchen Schweizerfamilie genommen,- um seinen Stern des\nNordens zu schaffen, und Meyerbeer hat ihm dazu noch\nein paar Zelte aus dem Feldlager in Schlesien geliehen,\nunter deren Dach er ruhig arbeiten und draussen Flöte\nblasen hören konnte.\nDer Held der Oper ist Peter der Grosse. Beim Auf-\ngange des Vorhangs finden wir ihn als Zimmermann unter\nseinen Mitgesellen, aber diesmal nicht in Saardam, sondern\nin Wiborg in Finnland. Freilich ist Wiborg erst nach der\nSchlacht bei Pultawa von den Russen erobert worden, als\ndas Käthchen von Marienburg schon Peter's Gattin war;\naber wer wird in einer Oper Chronologie verlangen ? Dass\nder Czaar hier gerade so wie in Saardam vor zehn Jahren\nMichaeloff heisst, nur dass er seinen Vornamen der fran-\nzösischen Aussprache zu Liebe mit einem 5 versehen hat,\nferner, dass er sich in das feindliche Finnland als Zimmer-\nmann begeben das könnte allerdings naseweise Fragen\nder Zuschauer veranlassen, wenn sie nicht erführen, dass\nPeter, oder vielmehr Peters, verliebt ist, was ja so viel\nWunderliches in der Welt erklärt. In Wiborg nämlich hat\nsich ein junges Mädchen, Katharina Savronska, niederge-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "62", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.6", "texte": "lassen, welche dort Branntwein verkauft und den Leuten\ndie Wahrheit sagt, d. h. als Wahrsagerin sie über die Zu-\nkunft täuscht. Du erräthst, dass dieses Mädchen in unserer\nneuen Oper die Rolle der Katharina von Marienburg spielt.\nAber Marienburg können wir nicht brauchen; Marienburg\nliefert uns keine abergläubischen Kosaken, welche wir haben\nmüssen, wie Du gleich sehen wirst. Unsere Katharina\nstammt also aus der Ukraine und ist die Tochter einer Zau-\nberin, oder Wahrsagerin, oder Hexe, welche in der Nacht\nvor ihrem Tode ihr feierlich prophezeite: „Katharina! Jeder\nhat seinen Stern. Dein Stern strahlt im Norden über\nalle anderen dein Schicksal wird wunderbar sein\nes wird ein Mann erscheinen, der da hoch, sehr hoch steht\ner wird dich zu seiner Höhe erheben!\" Wahrschein-\nlich ist Katharina desshalb nach dem Tode ihrer Mutter\nnach Finnland gezogen. Wir brauchen aber auch einen\nFlötenspieler wegen derScene aus dem „Feldlager\", welche\nwir durchaus anbringen wollen. Im Feldlager haben wir\nFriedrich den Grossen als solchen aber der Anachro-\nnismus wäre doch zu arg. Geben wir der Katharina einen\nBruder Georg; mit diesem zieht sie nach Wiborg, und wer\nwill uns widerlegen, wenn wir behaupten, dass er ganz\nvortrefflich Flöte blase, trotzdem, dass er ein Schreiner und\nZimmermann ist? Unser eigentlicher Held Peters bleibt\naber in Wiborg hangen, weil er durch seine jähzornige\nNatur einen Anfall von Blut-Andrang gehabt hat, bei dem\nihn seine Reisegefährten verlassen (!), Katharina aber sorg-\nsam gepflegt hat. Aus Dankbarkeit bleibt er da, verdingt\nsich als Zimmergeselle und nimmt bei Georg Unterricht\nauf der Flöte. Ja, wir werden im letzten Acte sehen, dass\ner es zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht hat, und\ndass der Czaar, wenn er nicht sonst eine so gute Stellung\nhätte, wohl flöten gehen könnte, wobei jedoch Scribe ge-\nwiss nicht an eine politische Anspielung gedacht hat.\nNachdem uns das alles erzählt worden, sind wir über\ndie Lage im Klaren und freuen uns, dass ein Pastelenbäcker\nauf dem wiborger Werft erscheint, weil wir in ihm auf der\nStelle auch eine historische Person erkennen, welche in der\nGeschichte Mentschikoff heisst, von Scribe aber aus Scheu\nvor irgend einem Ultimatum Danilowitsch getauft worden\nist. Die Gesellen singen, trinken und essen Pasteten, doch\nPeters nicht: seine Katharina hat es ihm untersagt; denn\nsie hat neben seiner Liebe zu ihr auch eine sehr lebhafte\nNeigung zum Trünke bei ihm entdeckt. Die Arbeiter brin-\ngen Finnland und Karl dem Zwölften ein Hoch; der Paste-\ntenbäcker aber ruft: „Ich trinke auf denCzaaren Peter I.!tf\nSie fahren auf ihn los, Peters tritt ihm schützend zur Seite;\nglücklicher Weise hemmt die Glocke, welche zur Arbeit\nläutet, den ungleichen Kampf.\nGeorg, Katharinens Bruder, erscheint zu rechter Zeit,\num Peters über deren Ausbleiben zu trösten; sie ist für\nden Bruder auf Brautwerbung gegangen und tritt auch\nbald mit der frohen Nachricht auf, dass der Vater der jun-\ngen Schenkwirths-Tochter Prascovia seine Einwilligung zur\nHochzeit gibt. Peters hat sich eben vorher durch Georg,\nder ihn, wie Kaspar den Max, auf das Wohl der Geliebten\nzu trinken auffordert, verführen lassen, sein Gelübde zu\nvergessen, und muss dafür von Katharina harte Vorwürfe\nhören, die er aber, aufgeregt, wie er einmal ist, nicht still-\nschweigend hinnimmt; ja, er erklärt am Ende rund heraus,\ndass er Wiborg verlassen und sie nie wiedersehen wolle.\nErst bei dieser Drohung lässt Katharina, die ihn bisher stets\nnur geschulmeistert hat, ihre Liebe zu ihm durchblicken.\nPrascovia stürzt herein; die Russen sind eingerückt,\nihre Kosaken sind schon am Plündern! Peters ergreift seine\nAxt und spricht den Entschluss aus, die Geliebte zu schützen.\nAber Katharina erkennt in den heranrückenden Feinden\nihre Landsleute aus der Ukraine, zwingt Peters, sich zu\nentfernen, und geht mit ihrem furchtsamen Bruder und sei-\nner Braut in ihr Haus, zu dessen Thür mehrere Stufen\nhinaufführen. Ein wilder Haufe von Tataren, Baschkiren,\nKaimucken, Kosaken wälzt sich heran, und nachdem sie\nKatharinen Zeit gelassen, sich anders zu drapiren, stürmen\nsie gegen die Treppe an. Aber siehe! auf der obersten Stufe\nerscheint sie als Zauberin gekleidet, bedroht die Verwe-\ngenen mit Bann und Tod. Sie weichen ehrfurchtsvoll zu-\nrück, worauf sich Katharina herablässt, ihnen ein heimat-\nliches Lied zu singen, wozu sie Chorus machen und sich\nzurückziehen, nachdem die Zauberin einem von ihnen noch\nein glückliches Loos aus seiner Hand prophezeit hat.\nKaum ist diese Gefahr vorüber, so kommt ein zweites\nUnglück. Der russische General verlangt auf der Stelle zwölf\nRecruten, und Georg soll dabei sein; wahrscheinlich hat\nder Russe das musicalische Talent desselben entdeckt. Für\neinen Bräutigam, noch dazu am Tage der Hochzeit, ist das\nein hartes Geschick, wiewohl das Publicum schon daran\ngewohnt ist, da diese pikante Situation seit Maurer und\nSchlosser alle Augenblicke auf den pariser Bühnen vor-\nkommt. Katharina weiss wiederum Rath. „Ich schaffe dir\nauf vierzehn Tage einen Stellvertreter!\" ruft sie aus und\nverschwindet. Am Schlüsse des Actes zieht die Hochzeit\nin die Kirche, und im Hintergrunde schiffen sich die Sol-\ndaten mit Georg's Stellvertreter ein es ist Katharina\nin Männerkleidern."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "63", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.7", "texte": "Im zweiten Acte haben wir ein russisches Lager an\nder finnischen Gränze vor uns, das vortrefflich gruppirt\nund scenirt ist. Der junge Recrut ist unter den Soldaten.\nEin Corporal der Garde-Grenadiere fixirt ihn es ist der\nKosak Gritzenko, dem Katharina diese erhöhte Rangstufe\nprophezeit hat, und den der Dichter und der Componist zum\nRepräsentanten russischer Dummheit und der derben, dick\naufgetragenen Komik in der Oper gemacht haben. Er ist\nvon der Aehnlichkeit des Burschen mit der Zauberin be-\ntroffen; dieser lös't ihm aber das Räthsel durch das Ge-\nständniss, dass er der Bruder Katharina's sei. Dadurch\nmacht sich eine gewisse Annäherung zwischen Beiden, und\nder Corporal, dem man wichtige Papiere, welche eine Mi-\nlitär-Verschwörung betreffen, anvertraut hat wahrschein-\nlich seiner Dummheit wegen —, übergibt diese dem jungen\nRecruten zum Aufbewahren.\nAuf einmal kriegerischer Lärm und grosse Musterung\nder Truppen. Es wird Abend. Der Commandant des Lagers\ntritt mit zwei Officieren in ein Zelt. Der Eine herrscht ihm\nzu: „Für jeden Anderen als Euch bin ich der Capitän\nPeters.\" Es ist der Czaar, und in dem Zweiten erkennen\nwir den Pastetenbäcker, gegenwärtigen Lieutenant Dani-\nlowitsch. Der Czaar ist vor der Verschwörung gewarnt;\ner weiss, dass man die Schweden herbeigerufen, um das\nLager zu überfallen. Er hat desshalb zwei zuverlässige Re-\ngimenter hieher beordert, denen er vorausgeeilt ist. Trotz\ndes gefahrvollen Augenblickes fordert er Danilowitsch auf,\nmit ihm um die Wette zu trinken, und lässt auch zwei\nhübsche Marketenderinnen kommen, um sich mit ihnen\ndie Zeit zu vertreiben. Mittlerweile stellt Gritzenko\nzwei Schildwachen vor das Zelt, und dieser Dienst hat\nzufällig auch den jungen Recruten getroffen. Da steht nun\ndie arme Katharina auf dem Posten, und da sie aus weib-\nlicher Neugier ins Zelt schaut, erkennt sie ihren Peters von\nWiborg in der Uniform des Hauptmanns. Aber, o weh,\nwie wenig haben ihre Lehren gefruchtet! Zwar fängt er\ndamit an, auf die Gesundheit seiner unvergesslichen Katha-\nrina zu trinken, aber ein Glas folgt dem anderen, eine Fla-\nsche der anderen kurz: der Czaar betrinkt oder, rich-\ntiger gesagt, besäuft sich und umarmt taumelnd die beiden\nhübschen Mädchen um die Wette. In dem Augenblicke\nkommt die Ablösung; aber Katharina, von Eifersucht fest-\ngebannt, will nicht von der Stelle, widersetzt sich und gibt\ndem Corporal eine Ohrfeige. Sie wird in das Zelt gebracht\nund ruft vergebens: „Peters! sieh mich an! erkenne mich!''\nPeters sieht und hört nichts; er lallt nur: „Schiesst\nden Kerl todt!\" und Katharina wird abgeführt.\nKaum ist sie fort, so fällt ein dämmerndes Licht in\nsein umnebeltes Gehirn ihre Stimme, ihre Züge treten\nvor seine Seele er bebt, ermannt sich, wird wieder Herr\nseiner selbst und jagt eine Ordonnanz nach, den Recruten\nauf der Stelle zurück zu bringen. Vergebens. Katharina ist\nzwar nicht erschossen, aber sie ist entsprungen, hat sich in\nden Fluss gestürzt, eine Kugel ist ihr nachgesendet worden,\nsie ist in den Wellen verschwunden. Da in der Oper Alles\nsehr schnell geht, so hat sie noch Zeit gehabt, einen Brief\nan Peters zu schreiben; sie schickt ihm darin seinen Ring\nzurück, und dennoch, um sein Glück zu begründen, fügt\nsie die Papiere bei, welche die Verschwörer entlarven\ner solle damit zum Czaaren eilen. Das Zelt öffnet sich ganz,\ndie meuterische Truppe erwartet das Zeichen zum Aus-\nbruch des Complottes dieses soll die Regiments-Musik\ndurch den „ heiligen Marsch\" (la marche sacreej geben\ner ertönt aber Peter der Grosse tritt unter die verwe-\ngene Rotte: „Ich bin der Czaar! Stosst zu!\" Sie fallen ihm\nzu Füssen; auf den Anhöhen im Hintergrunde erscheinen\nin demselben Augenblicke die zwei treuen Regimenter, und\ndieses Gemälde schliesst den zweiten Act. Bei der allgemei-\nnen Ueberraschung war mir persönlich eine ganz besondere\nvorbehalten; der heilige Marsch der Russen erklang, und\nich erkannte in ihm mit Freudenthränen unsere anhaltische\nNational-Hymne, den alten Dessauer!\nIm dritten Acte sind wir in Petersburg oder Moskau,\ndarauf kommt nichts an, kurz, im Palaste des Czaaren. Er\nist untröstlich, alle seine Nachforschungen nach Katharina\nsind umsonst gewesen. Sein Günstling Danilowitsch war\naber glücklicher er hat ihre Spur gefunden, und es ist\nihm gelungen, sie mit einer alten Frau, welche die Unglück-\nliche verwundet aus dem Flusse gezogen, gepflegt und ver-\nborgen hatte, nach dem kaiserlichen Schlosse bringen zu\nlassen. Aber er wagt nicht, dem Czaaren Kunde davon zu\ngeben; denn Katharina ist wahnsinnig geworden.\nUm wenigstens in den Erinnerungen jener Zeit und\nseiner Liebe zu leben, hat sich Peter in dem Park seines\nSchlosses ein treues Abbild der Gegend in Finnland mit\nKatharina's Haus und dessen Umgebungen hinzaubern las-\nsen. Finnische Gärtner und Landleute hat er dahin versetzt,\nund da alle Finnländer, welche zufällig in die Residenz\nkommen, auf Befehl des Kaisers in den Palast gebracht\nwerden müssen, so findet sich auch Georg mit Prascovia,\nseiner jungen Frau, dort ein, da es ihm endlich eingefalk\nist, seine Schwester im Dienste abzulösen. Es folgen.md\nsoden, welche das komische Element geltend macheijanche\nwie z. B. das Wiedererscheinen des dummen fe Wen-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "64", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540225-01.1.8", "texte": "die Verwechslung Georg's mit dem entsprungenen Recru-\nten durch ihn u. s. w. Sie erreichen ihren Zweck nur man-\ngelhaft und halten die Entwicklung der Haupthandlung zu\nsehr auf.\nDiese wird endlich auf folgende Art herbeigeführt. Der\nCzaar hört den Gesang einer weiblichen Stimme. „Was\nist das ?\" fährt er Danilowitsch an: „ das ist Katharina's\nStimme!\" Der Günstling sieht sein Geheimniss verrathen,\ner gesteht Alles und verbirgt seinem Herrn auch nicht den\ntraurigen Zustand Katharina's. „0,\" ruft der Czaar von\nHoffnung entflammt aus, „ich werde sie heilen!\" —Alles\nmuss sich zurückziehen, und er trifft seine Anordnungen.\nKatharina erscheint und singt träumerisch eine Melodie,\nwelche Peters oft auf der Flöte geblasen hat. Da erklingt\ndieselbe Weise in der Ferne und mit den bekannten Flöten-\ntönen das Theater öffnet sich und zeigt uns die finn-\nländische Landschaft im Park. Die neue Emmeline sieht mit\nErstaunen ihr Haus, ihre Berge vor sich, Landleute in der\nsonntäglichen' Tracht der Heimat nähern sich ihr, Georg\nund seine junge Frau sind unter ihnen, der Pastetenbäcker\nsteht wieder vor ihr und redet sie mit wohlbekannter Stimme\nan. Sie weiss nicht, ob das ein Traum sei - doch sie er-\nkennt Georg und bittet ihn, die Melodie noch einmal zu\nblasen, die sie eben gehört. Er thut es; die zweite Flöte\nantwortet aus dem Gebüsch, Katharina's Stimme fällt darin\nein, und während des Gesanges leuchtet ihr Auge immer\nheller, wird ihre Besinnung immer klarer. Da stürzt der\nCzaar hervor und auf sie zu; sie erkennt in ihm den Ge-\nliebten und fällt in Ohnmacht. Der ganze Hof erscheint;\n/\nEdelfrauen hängen ihr den Kaisermantel um, Peter setzt\nihr die Krone aufs Haupt. Sie erholt sich, betrachtet ihr\nKleid, fühlt mit der Hand nach dem Diadem, und mit dem\nRufe: „0 meine Mutter! deine Weissagung geht in Er-\nfüllung!\" sinkt sie in die Arme des Czaaren.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Die fünfte Soiree für Kammermusik im Hotel\nDisch brachte ein Quartett von G. Onslow, Op. 21, Nr. 2, und\nOp. 18, Nr. 4, in C-mollvon Beethoven, beide sehr fein ausge-\nführt der erste Satz des Beethoven'schen kann aber mehr Breite\nund Leidenschaftlichkeit im Vortrag vertragen und ein Sextett\nfür Pianoforte, zwei Violinen, zwei Bratschen und Violoncell von\nEd. Franck, eine gute, sehr beifällig aufgenommene Composition,\nvon welcher uns der letzte Satz am meisten, das Andante jedoch\nansprach.\ngen 11 \"\n. I •• £ einem wiener Briefe vom 8. d. Mts. entnehmen wir, dass\nen ll<lvx\"()nc(,r|t, der Gesellschaft der Musikfreunde F. Hiller's\nSie fahren • e zur „Phädra\" mit grossem Erfolg aufgeführt worden\nist. Nachdem die Richtung Wagner's und die Manöver seiner Apostel«\nwelche „die musicalische Epilepsis als die höchste Kunstform aus-\nrufen44, scharf genug gezeichnet wird, heisst es weiter: „Bei diesen\ntrostlosen Anschauungen war es wirklich herzstärkend, dem Werke\neines tüchtigen Meisters zu begegnen, das, in edlem, dem Charakter\nder Tragödie entsprechendem Stile gehalten, das vollkommen aus-\ndrückt, was es sich zur Kunstaufgabe gestellt, die Tragödie Ra-\ncine's musicalisch einzuführen. Die herrliche Instrumentation, die\ndüstere, tief gehaltene Clarinette des Haupt-Thema's im schönen\nWechsel des Mittclsatzes in Es, der feurige, durch das spannende\nVor-Adagio noch mehr gehobene Schluss u. s. w. alle diese Ein-\nzelheiten wurden freudig gewürdigt und anerkannt und erregten den\nlauten Wunsch nach Vorführung anderer Werke desselben Meisters.46"}]}