{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-03-04-01", "volume": "bmtnabi_1854-03-04_01", "ocr_sha256": "caeb053f5d337cfd398696dbed823418fda6ef6661e65f8781276a62ade8e2af", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/03/04_01/bmtnabi_1854-03-04_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-04-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-04_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-03-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "65", "page_fin": "67", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.2.1", "titre_corps": "Johannes Brahms.", "titre_sommaire": "Johannes Brahms.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4098, "texte": "Johannes Brahms.\nUnsere Zeit, die sich in so manchen Dingen überstürzt,\nsei es im Fortschritt oder im Rückgang, scheint in Bezug\nauf das ästhetische Urtheil über Musik alle Ruhe und Be-\nsonnenheit verloren zu haben. Wenn nun auch die Kritik\nweder im Stande ist, ein Genie zu schaffen, noch den Durch-\nbruch eines wirklichen Genie's zu hindern, so lasst sich\ndoch ihr Einfluss auf die Entwicklung des künstlerischen\nTalentes nicht läugnen. Es ist daher sehr zu bedauern,\nwenn sie ihr Wesen und die eigentliche Bedeutung ihres\nNamens, der auf ein Sichten und Sondern durch den Ver-\nstand hinweis't, so arg verkennt, dass sie die Stellung über\nden Schulen und Parteien, die allein ihrer würdig ist, ganz\nund gar aufgibt und sich zur Bannerträgerin extremer Prin-\ncipe macht. Eine solche Richtung eines Theiles der Vertre-\nter der Kunstkritik macht es der unabhängigen Journalistik,\nd. h. derjenigen, welche weder irgend welchen äusseren\nEinllüssen, noch dem Schwur auf die Worte eines Partei-\nhauptes, oder der Autorität eines bedeutenden Vorkämpfers,\noder dem Bündlerwesen einer Propaganda Einwirkung ver-\n.stattet, zur Pflicht, diejenigen Erscheinungen am Horizonte\nder musicalischen Welt, welche als neu entdeckte Wunder-\nsterne angekündigt werden, schärfer als gewöhnlich zu\nbeobachten und das Ergebniss dieser Beobachtungen ge-\nwissenhaft zu verzeichnen.\nEs ist bekannt, dass Schumann's Ausspruch über Jo-\nhannes Brahms, aufgenommen und erweitert durch die leip-\nziger Neue Zeitschrift für Musik und diejenigen, welche mit\nderselben zusammenhangen, von diesem jungen Compo-\nnisten so ungewöhnliche Erwartungen erregt hat, dass die\nNeugierde auf gedruckte Werke desselben nicht nur sehr\nverzeihlich, sondern im höchsten Grade gerechtfertigt er-\nscheint. Ein solches Werk, und zwar das erste desselben,\nliegt nun vor uns und fordert mithin zu einer ausführlichen\nBesprechung auf. Sein Titel ist:\nJohannes Brahms,Sonate für das Pianoforte.\nJoseph Joachim zugeeignet. Op. 1. Leipzig, bei\nBreitkopf & Härtel. Preis 1 Thlr. 15 Sgr.\nWenn uns ein Erstlingswerk zur Beurtheilung vor-\nliegt, so fragen wir in gewöhnlichen Fällen immer erst\nnach der Gesinnung, dann nach der Kraft des Componisten\nin Bezug auf melodische Erfindung, und endlich nach sei-\nner Begabung und Geschicklichkeit für thematische Arbeit.\nUm in diesem Falle nicht ungerecht zu sein, wollen wir für\nden Augenblick vergessen, dass Schumann durch seinen über-\nschwänglichenArtikel „Neueßahnen\" in der „NeuenZeit-\nschrift für Musik\" Erwartungen von dem Componisten rege\ngemacht, die erfüllt sehen zu wollen, unklug wäre. Nie-\nmals ist einem jugendlichen Componisten sein Eintritt in\ndie musicalische Welt so schwer gemacht worden, wie\nJohannes Brahms, gegen den sich von einer Seite entwe-\nder ein Vorurtheil geltend machte in Folge jenes beregten\nArtikels, dessen Verfasser selber noch so unzählig viele\nWidersacher hat, von dem aber auf der anderen Seite\nvon den Verehrern Schumann's zu viel erwartet wurde.\nDoch zur Sache. Eine gute Gesinnung ist vorhanden, d. h.\nder junge Componist geht unbekümmert den Weg, den\ner für gut hält, und verachtet es, dem ungebildeten Ge-\nschmack des grossen Haufens irgendwie zu huldigen oder\nzu schmeicheln; aber eine andere Frage ist es, ob\nder Weg, den Herr Brahms für den guten hält, der wirk-\nlich richtige ist, und das möchten wir allerdings allein\naus dem Grunde verneinen, weil Herr Brahms den Sinn\nfür einfache Schönheit fast ganz verloren zu haben\nund nicht geneigt zu sein scheint, die Berechtigung an-\nzuerkennen, welche das menschliche Ohr an die Musik zu\nmachen hat, und offenbar so zu sagen die Keuschheit sei-\nnes musicalischen Sinnes verloren hat; es würde ihm sonst\nnicht möglich sein, dem Hörer solchen Ohrenzwang anzu-\nthun, wie es in dieser Sonate geschieht. Erfindungsgabe\nist auch vorhanden, aber sie offenbart sich nicht in uimc-\no\nwohnlichem Grade, vielmehr sind wir keinem einzigen\nwahrhaft originellen melodischen Gedanken\nbegegnet, dagegen aber manchem oft Dagewesenen und\nvielen eclatanten Reminiscenzen. Dass übrigens manche\ninteressante und auch wohl neue harmonische Wen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3742, "texte": "Dung vorkommt, läugnen wir nicht; das ist aber heut zu\nTage nichts Seltenes mehr, und wir wüssten kaum einen\njungen talentvollen Tonsetzer von heute, der nicht in die-\nser Beziehung gewandt und bedeutend wäre. Die Technik,\ndie Kunst, thematisch zu arbeiten, ist bei Brahms noch sehr\nwenig ausgebildet; wir begegnen zwar Imitationen, contra-\npunktischen Figurirungen und was sonst dahin gehört, aber\nalles dieses wird noch nicht künstlerisch verwandt,\nman hört, dass um der Verarbeitung willen gearbeitet wird,\nund z. B. der zweite Theil vom ersten Satze (beiläufig ge-\nsagt, die Klippe aller jungen Componisten) klingt so chao-\ntisch, dass man fast meinen könnte, die Vorarbeiten aus\ndem Skizzenbuche seien hier mit launenhafter Willkür bunt\nneben einander hingestellt; von einer natürlichen Entwick-\nlung, von einer kunstgerechten Steigerung ist nicht die\nRede. Man sieht also, wenn man aus dem, was wir Herrn\nBrahms zuerkennen und absprechen mussten, ein Resultat\nzieht, dass derselbe zu der Zahl derjenigen jungen Talente\ngehört, welche wohl zu HölTnungen berechtigen, sie aber\nnur dann erfüllen werden, wenn sie vor Allem erkennen\nlernen, dass sie noch unendlich viel aus den Werken der\ngrossen Meister lernen und dass sie erst wieder zur edlen\nEinfachheit zurückkehren müssen*).\n, *\nGehen wir jetzt zu einer kurzen Analyse der Sonate\nüber. Sie beginnt mit einem kräftigen Motiv, an dem nichts\nauszusetzen wäre, wenn es nicht allzu stark an die letzte\ngrosse B-dur-Somtevon Beethoven erinnerte. Man sehe:\nDer rasche Eintritt desselben Motivs in erinnert wie-\nderum an die C-rfur-Sonate von Beethoven. Wir würden\nhierauf kein besonderes Gewicht legen, wenn nicht eben\ndiese Beethoven'schen Ideen so überaus genial und ori-\nginel wären, dass ihm Keiner mit Aehnlichem nachgehinkt\nkommen darf, ohne sich von vorn herein als blossen Nach-\nahmer hinzustellen.\nEine kurze Verarbeitung des Motivs folgt (wobei uns\ndie blosse Wiederholung der vier Tacte in C-dur auf der\nzweiten Stufe, als höchst armselig, sehr missfällt) und leitet\nin ein kurzes Gesangs-Motiv:\nwelches aber, wie man sieht, zu nichts Rechtem kommt\nund schon im sechsten Tacte in den Sand verrinnt; und\nsiehe da, augenblicklich macht es einem neuen Thema,\nebenfalls in A-moll,Platz, welches, obgleich auch\nnichts weniger als originel, doch recht hübsch klingt, in\nseiner Wirkung aber durch das erste eben angedeutete\nThema beeinträchtigt wird. Uebrigens möge es hier auch\neinen Platz finden:\nDas erste Thema in A-moll klingt wieder an: ein\nC /\"i\nneues, sehr überflüssiges Motiv, welches auch nie wieder\nauftritt (ausgenommen in der späteren Wiederholung des\nersten Theiles), springt plötzlich hervor und führt zur\nin A-moll, gebildet aus dem zweiten Thema in A-moll.\nDieser Abschluss in A-moll ist verfehlt und überhaupt\nästhetisch zu verwerfen. Wir verweisen auf einen gediege-\nnen Aufsatz über Brahms in den Grenzboten, wo dasselbe\nbehauptet und näher motivirt wird.\nVon der chaotischen Verwirrung der Durchführung im\nzweiten Theile haben wir schon oben gesprochen; es ist\nAlles so wüst und hirnverwirrend, dass man sich ganz be-\ntäubt fühlt. Der Gedanke, das Haupt-Thema als Septime\nvon f wieder anzubringen, ist nicht übel, doch hätte er an-\nders eingeführt werden sollen, das eis hätte als des auftre-\nten müssen und so zum c schreiten. Wenn aber, wie hier\nim zwölften Tacte, vor Eintritt des Haupt-Thema's eine acht-\ntactige Periode in D-dur beginnt, wenn man dann durch\n\n*) Von einer Meisterschaft, von Originalität oder gar von etwas\nnie Dagewesenem zu reden, ist thöricht, ist Blasphemie gegen\nunsere classischen Meister und schreiendes Unrecht gegen die-\njenigen jungen Talente, welche durch manches treffliche\nWerk schon ganz andere Hoffnungen erweckten und erfüllten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2846, "texte": "einen viertactigen verminderten Septimen-Accord auf\nnach der Dominante von f geführt wird, in sechs Tacten\nnach G-dur,dann in zwei Tacten nach wieder in\nzwei Tacten nach Des-dur, wieder in zwei Tacten nach D-\ndur gezerrt wird, um dann nach wenigen Tacten durch\ndenDominant-Accord auf d zum zweiten Thema in C-moll\ngeführt zu werden, so müssen wir gestehen, einem solchen\nFluge nicht folgen zu können. Da, wo die Meister es für\nnöthig erachten, nach der stärker modulirenden Durchfüh-\nrung wiederum einige Ruhe in der Modulation eintreten\nÖ °\nzu lassen, d a fangt Herr Brahms erst recht toll an. Aber\njenes war Zopf und Haarbeutel! Heut zu Tage weiss die\nJugend es besser und lächelt eben so mitleidig über jene\nMeister, wie über unsere Kritik. Was uns übrigens in die-\nsem Satze noch befremdet, ist, dass Herr Brahms sich häu-\nfig einer ganz schaalen Clavier-Passage:\nals Begleitungs-Figur bedient; das passt schlecht zu der\nPrätention, mit der die Sonate im Uebrigen auftritt. Das\nAndante beginnt mit dem altdeutschen Volkslieder „Ver-\nstohlen geht der Mond auf\", und bringt dann einige Va-\nriationen, die eben nicht viel bedeuten, doch aber das Ge-\nniessbarste von der ganzen Sonate sind. Was sollen aber\nsolche Querstände?\nWas soll das achtmal wiederkehrende Erlahmen auf dem\nvierten Achtel (welches wir hier mit einem NB. bezeichne-\nten)? Was soll die abscheuliche Septimen-Accord-Folge im\nCoda? Doch wir wollen den Leser nicht mit der Analyse\nder noch folgenden Sätze langweilen, sie haben in ihrer\nTotalität dieselben Mängel, wie der erste Satz; doch er-\nwähnen wir gern noch, dass das Trio im Scherzo sehr\nschön beginnt, freilich aber auch stark an denselben Satz\nin Schumann's erstem Trio erinnert.\nAuch in dem Finale tritt ein markiges, hübsches Thema in\nÄ-moll auf, welches aber eben so wenig auf Originalität\nAnspruch machen darf, da es an Gade und an Mendels-\nsohn erinnert.\nSo scheiden wir denn von dem Werke nicht ohne alle\nHoffnung für die Zukunft des jungen Componisten, aber\nnoch weniger mit grosser Zuversicht darauf. Wir wünsch-\nten aufrichtig, ihm durch die Strenge unserer Kritik genützt\nzu haben; möge er erkennen, welche Abwege er schon\nbetreten und wie die schleunigste Rückkehr zum\nWahren und Echten ihm vor Allem noth thut. Es ist\nnicht allein in den schaalen Salonstücken unserer moder-\nnen Componisten, sondern auch in seiner Sonate Flitter und\nTand zu finden; denn es ist nicht viel besser, ob man an-\nstatt wahrer Musik ein Conglomerat von halb fertig ge-\nwordenen Melodieen, wüsten Harmonie-Folgen und unmo-\ntivirten Modulations-Gängen auftischt, oder leeres Passa-\ngenwerk und Virtuosenfutter. Das Letztere klingt doch\nzuweilen noch gut, das ist aber bei dieser Sonate nicht ein-\nmal der Fall, wenngleich sie, wie schon oben ausgespro-\nchen, um der Gesinnung willen allerdings nicht mit je-\nnen zu vergleichen ist."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-04-01-c008", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-04_01#c008", "volume": "bmtnabi_1854-03-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "67", "page_fin": "69", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.2.2", "titre_corps": "Der Stern des Nordens.", "titre_sommaire": "Der Stern des Nordens.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.3", "debut_caractere": 2848, "fin_caractere_exclue": 3581, "texte": "Der Stern des Nordens.\nKomische Oper von Scribe und Meyerbeer.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 8.)\nMan sieht, Scribe hat seine merkwürdige Manier, die\nGeschichte in eine Komödie zu verwandeln; so viel ist aber\ngewiss, dass seine Geschichte in der Komödie niemals so\nlangweilig ist, als wenn in der wirklichen Geschichte Ko-\nmödie gespielt wird. Seine Phantasie hat sich eine eigene\nFolge der Ereignisse, eine eigene Geographie, Nationalitä-\nten, Gebräuche und Sitten, historische Charaktere u. s. w.\nzu seinem Privatgebrauche erdacht; was soll man mit ihm\ndarüber rechten? C'est connu,sagt der Pariser, und damit\nist die Sache abgemacht. Ist die Handlung lebhaft, spannt\nsie, amusirt sie vor allen Dingen, so ist das Publicum der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5021, "texte": "komischen Oper zufrieden und vcrgisst die schönen Zeiten\ndieser Bühne, wo man den Inhalt des Textes aus dem Le-\nben und dem Gemüthe schöpfte, die Geschichte dem Drama\nund der grossen Oper überliess, und die Musik mit der\nHandlung an Einfachheit wetteiferte. Sicher ist, dass Napo-\nleon's oben angeführter Ausspruch nicht nur in politischer,\nsondern auch in ästhetischer Hinsicht Scribe's neueste Poesie\nsehr wohl trifft; es ist ihr durchaus keine Wichtigkeit bei-\nzulegen.\nUebrigens findet der Dichter eine grosse Entschuldi-\ngung in den Umständen; denn man mag sagen, was\nman will der „Stern des Nordens\" ist einzig und al-\nlein desshalb zum Aufgang gekommen, um lünf bis sechs\nMusikstücke dem Grabe der Vergessenheit zu entreissen,\nin welches sie ohne Zweifel gesunken wären, wenn sie im\n„Feldlager in Schlesien\", oder richtiger in der Bibliothek\nder berliner Hofbühne, liegen geblieben wären. Ueber Pa-\nris aber in die Welt geschickt, werden sie in dieser ganz\nanders glänzen und obenein dem berühmten Componisten\nden ganz eigenthümlichen Genuss verschaffen, die franzö-\nsische Kritik zu belächeln, welche aus den vor zehn bis\nzwölf Jahren componirten Stücken eine neue Entwicklung\nseines Genie's lür die leichtere Gattung der Musik zu er-\nweisen trachtet.\nIch finde, dass sich in dieser Oper im Ganzen Meyer-\nbeer's Eigenschaften als Componist, wie wir sie seit der\nErscheinung von Robert der Teufel kennen, nur wiederholt\noffenbaren. Neben dem Reize der Mannigfaltigkeit, Frische\nund Eigentümlichkeit der musicalischen Gedanken, der\nFeinheit der Reflexion und ihrer oft glücklichen Resultate\nin allerlei Combinationen, der geschickten Benutzung der\nInstrumental-Mittel nicht bloss zu Pracht und Glanz, son-\ndern auch zum Ausdruck der Empfindung und des Ge-\nfühls, stossen wir auch oft auf Coquetterie und raffinirten\nFarbenschmuck, der die Blosse der Erfindung verdeckt, auf\nCombinationen, deren Kühnheit zwar neu, aber wunderlich\nist und ans Lächerliche streift (wie z. B. die Zusammen-\nstellung der Contrabässe und der Piccolollöten in der ersten\nNummer des zweiten Actes), auf Verschwendung der zu\nGebot stehenden Mittel, anstatt wirksamer, aber im Ver-\nhältnisse zur Natur der komischen Oper stehender Ver-\nwendung derselben.\nEs würde eben so anmaassend von dem Kritiker sein,\nnach der ersten Anhörung über alles das ein bestimmtes\nUrtheil fällen zu wollen, als es von dem Leser wäre, Be-\nlege dafür zu fordern. Es kann natürlich nur vom ersten\nEindruck die Rede und das Folgende nicht viel mehr sein,\ni\nals eine Aufzählung der Musikstücke, eine Inhalts-Angabe\nder Partitur. Was kann es auch helfen, von vorn herein,\nwie 11. Berlioz im Feuilleton der zu erklären, dass\nihm sehr bald die „Epitheta der Bewunderung ausgehen\nwürden\" ? wiewohl er trotzdem im Laufe seines Artikels\nnoch einige bescheidene Ausdrücke findet, wie „unwider-\nstehlich gigantisch - grandios monumental\nkaiserlich schön\" (imperialement beawomit die Steige-\nrung, wie fein und politisch! aufhört).\nDie Oper enthält eine Ouvertüre und neunzehn Num-\nmern ; die Ouvertüre und fünf Nummern der Gesangstücke\nsind dem „Feldlager in Schlesien\" entnommen (es dürften\nleicht die schönsten in der ganzen Oper sein), alles Uebrige\nist neu. Die meisten Stücke, mit Ausnahme des Finale im\nzweiten Acte, sind kurz; eigentlich so genannte grosse\nArien, dramatische Duette und Gesammt-Gesangstücke sind\nnicht darin, doch ist dem Chor, zwar nicht in dramatischer,\naber wohl in musicalischer Hinsicht auch eine Rolle gegeben.\nDie Ouvertüre lässt uns schon einige Tacte aus dem\nDessauer Marsch und mehrere Anklänge an Motive aus\nder Oper vernehmen; sie hat ein paar schöne Melodieen,\nwelche theils von den Bässen und Violoncells, theils von\nden Flöten und Oboen mit Begleitung der Harfen geführt\nwerden. Der Schiuss ist pompös und wird durch die un-\nvorhergesehene Mitwirkung der Militär-Musik hinter dem\nVorhange effectvoll.\nDer Chor beim Aufzuge der Gardine, wo uns die Scene\neinen bunt belebten Hafen in Finnland zeigt, bildet einen\nhübschen Anfang, ohne auf besondere Bedeutung Anspruch\nzu machen; allein er ist heiter und hat denselben Reiz, den\nder Componist auch in den Introductions-Chor des Prophe-\nten zu legen gewusst hat. Menczikoff-Danilowicz bietet\nseine Pasteten in artigen Couplets aus, in deren Begleitung\nman sogleich wieder die feine Detail-Zuthat von lieblichen\nPhrasen der Blas-Instrumente erkennt, in welcher Mever-\nbeer Meister ist. Danilowicz ist übrigens der Haupt-Solo-\nTenor in der Oper, und da er nur eine untergeordnete\nRolle spielt, so können die Tenoristen dieses Mal auf keine\nneuen Lorbern durch Meverbeer rechnen.\n«J\nDer folgende grössere Chor in -moll und\n„A Ici Finlande, buvons!\"\nden ein kurzes Gebet ohne Orchester-Begleitung, wozu nur\ndie Glocke des Schrffswerftes läutet, unterbricht, ist ein\nvorzügliches Musikstück, in welchem namentlich die Rück-\nführung zum Haupt-Motiv mit dem Wiedereintritt des Or-\nchesters sehr gelungen ist. Ob dieser Chor eine „originel\nlocale Farbe\" habe, wie ein hiesiges Blatt sagt, kann ich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3532, "texte": "nicht beurtheilen, da ich weder in Finnland gewesen bin,\nnoch jemals finnische Nationallieder gehört habe.\nKatharina (Mlle. Duprez, Tochter des berühmten Sän-\ngers) tritt mit pikanten Couplets auf, in denen auch die\nNachahmung der Männerstimme nicht verschmäht wird.\nBald darauf aber wird sie ernst, denkt an ihre Mutter und\nan die Prophezeiung derselben von dem Stern im Norden.\nHierbei tritt eine sanfte Melodie ein, welche jedes Mal wie-\nderkehrt, wenn Katharina sich an ihre Mutter erinnert; es\nist die Nordstern-Melodie, welche sich durch die ganze\nOper zieht. Das scheint ä laßichard Wagner zu sein, der\nbekanntlich, namentlich im Lohengrin, jeder Person ein\nMotiv als Pass mit auf die Scene gibt. Allein die Meyer-\nbeer'sche Anwendung ist bei Weitem feiner und durchaus\nnicht so materiel, indem seine Melodie nicht einer wirklich\nauf der Bühne erscheinenden Person das Schild: „Ich bin\nZettel, der Leinweber\", vor die Brust hängt, sondern\netwas Geistiges, die Erinnerung an eine Abgeschiedene,\ngleichsam eine Stimme aus einer anderen Welt versinnlicht.\nUebrigens hat Meverbeer schon im Robert, noch mehr in\nden Hugenotten, auch im Propheten Aehnliches gethan,\nehe an Wagner zu denken war, der auch in diesem Punkte,\nwie in allen anderen, nur wieder übertreibt und auf die\n*\nSpitze stellt, was seit Mozart schon oft, aber mit Maass\nund Ziel, angewendet worden ist.\nPrescovia (Mlle. Lefebvre), Georg's Braut, singt uns\neine Arie in A-moll:\n„Ah! que jai peur!\"\ndie zuletzt zu einem Quartett wird (mit Katharina, Peters\nund Georg) und recht frisch und belebt klingt. Auch die\nViolin-Melodie im Orchester gegen den Schluss des Stückes\nist sehr ansprechend. Weniger haben uns die Couplets des\nGritzenko (Herman-Leon) an der Spitze der trefflich costu-\nmirten Kosakenhorde gefallen; die charakteristische Wild-\nheit ist zu sehr gemacht. Dagegen gefiel das Zigeunerlied\nKatharinens, als sie diese Horde zahm macht, ausserordent-\nlich; es ist aus dem „Feldlager*. Es folgen zwei Duette,\ndas erste zwischen Katharina und Peters (Bataille), das an-\ndere zwischen Katharina und Prescovia. Katharina erscheint\nin beiden, wie auch in den Couplets, mit denen sie auftritt,\nhöchst lebendig und munter, oft voll köstlicher Laune, be-\nsonders in dem Duett mit der Braut, das mit einem Polo-\nnaisen-Rhythmus schliesst, in welchem diese klagt und jam-\nmert, während jene scherzt und lacht. Man kann nicht sa-\ngen, dass diese Duette, besonders das erste, sehr originel\nsind; aber sie treffen den Charakter der komischen Musik-\ngattung und lassen die Fabricate der letzten Jahre aus den\nWerkstätten der Herren Adam, Thomas u. s. w. hei Wei-\ntem hinter sich. Sie erfordern eine sehr bedeutende tech-\nnische Fertigkeit der Sängerinnen; besonders gelungen für\ndieses Genre ist die Verflechtung der glänzendsten Colora-\ntur in die Stretta des ersten Duetts. Beim zweiten Duett\nist die Instrumentirunng sehr beachtenswerth.\nIm Finale des ersten Actes geht es bunt her. Da ha-\nben wir einen Doppel-Chor der Soldaten und Dorf-Musi-\ncanten, Couplets, in denen die Stimme der Braut in lerchen-\nhaften Coloraturen über dem Chor dahinwirbelt, ein rei-\nzendes Hochzeitslied der jungen Mädchen, eine rauschende\nStretta und ein Gebet für das Brautpaar, über welches die\nStimme Katharinens dahinschwebt, die sich als Soldat ein-\nschifft, ihrem Wohnorte Lebewohl sagt und den Segen des\nHimmels auf die Neuvermählten herabfleht. Sowohl die\nChöre als die Soli, besonders Katharinens Abschied, sind\nreich an melodischen und harmonischen Schönheiten.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-04-01-c009", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-04_01#c009", "volume": "bmtnabi_1854-03-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "69", "page_fin": "71", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.2.3", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.5", "debut_caractere": 3534, "fin_caractere_exclue": 4970, "texte": "Wiener Briefe.\n[Richard Wagner Drittes Spirituel-Concert— Oper\nDer Bariton Stockha,usen Vieuxtemps\nJenny Li n d.J\nDen 27. Februar 1854.\nMeinem neulich ausgesprochenen Vorsatze getreu, wird\nsich mein diesmaliges Schreiben fast ausschliesslich mit\nRichard Wagner beschäftigen. Sie haben mir zwar\ntüchtig vorgearbeitet, und nach dem, was Ihre Zeitschrift\nschon einstmals und erst jüngst wieder in Nr. 5 und 6\nüber diesen Mann und sein Wirken enthielt, ist es eigent-\nlich schwer, etwas absolut Neues hierüber zu sagen. Sie\nhaben nachgewiesen was sich freilich lür jede in Sachen\nder Poesie irgend competente Kritik von selbst versteht —,\ndass Wagner zwar Opern-Libretto's geschrieben, die un-\ngleich besser sind, als die gewöhnlich fabricirten, die ihn\naber nichts desto weniger auch noch nicht von fern in die\nReihe wirklicher, bedeutender Poeten stellen, und dass aul\nder anderen Seite seine Musik meist geringfügig, gehaltlos,\nunkünstlerisch und widerwärtig ist. Das macht ja aber\neigentlich des Pudels Kern aus; was will man mehr? Doch\ngestatten Sie auch mir noch ein Wort in dieser Angelegen-\nheit; immerhin spiegeln sich ja die Objecte in jedem Indi-\nviduum auf eigene Art. Es ist in der That last unmöglich,\nin einer Beurtheilung Wagner s als schallenden Künstlers\njene objective Ruhe einzuhalten, welche dem Kritiker zu-\nkommt. Wer die Welt auf eine solche Weise herausgefor-\ndert, wer sich an Vergangenheit und Gegenwart mit solch"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5193, "texte": "empörender Insolenz versündigt und in einem dreibändigen\nWerke neben manchem Wahren lind Geistreichen eine\nsolche Fülle des strotzendsten Unsinns in die Welt hinaus-\ngeschickt hat, wer in demselben Werke fast auf jeder Seite\nbewiesen, dass er von dem wahren Wesen der Kunst, und\nzwar jeder Kunst, nur ganz nebelhaft verschwommene, ver-\nkehrte, ja, nichtige Begriffe hat, wer sich, wie er, durch\nzwei dicke Bände in dem raffinirtesten dialektischen Krims-\nkrams zu ergehen vermag: dem traut man von vorn herein\nnicht leicht jene Unmittelbarkeit der Anschauung und Em-\npfindung zu, welche die erste Bedingung des schaffenden\nKünstlers ist, gegen den ist man begreiflicher Weise a priori\ngereizt und unvortheilhaft eingenommen. Dennoch vermag\nl\nder sittliche Mensch auch diese der reinen Beurtheilung\nentgegenstehende Schranke in sich zu vernichten, und er\nwird, wenn er an den Künstler herantritt, den Schriftsteller,\nwenigstens für den Augenblick, so völlig ignoriren, als ob\ner seinen Namen nie vernommen. Wagner's gesammte\nkünstlerische Thätigkeit ist nun, meiner Meinung nach, we-\nder als ein Product einer Begeisterung, noch auch blosser\nVerstandes-Abstraction, sondern als eine That des Fanatis-\nmus zu betrachten. Liszt selbst behauptet dieses in seinen\nbekannten Worten *), scheint aber nicht zu ahnen, wie we-\nnig dieses zu Gunsten seines Schützlings spricht; denn die\nGemüths-Affection, welche wir mit diesem Namen bezeich-\nnen, ist eine unreine und hat von je her' in der Kunst, so\nwie in der Religion und im Leben die traurigsten und oft\nauch, wenigstens äusserlich betrachtet, lächerlichsten Er-\nscheinungen hervorgerufen. Aber etwas Respectabeles hat\nder Fanatismus immer an sich, indem er eine Macht ist,\nwelche im Innern des Menschen selbst mit Natur-Noth-\nwendigkeit waltet, und der es nur, um eine wahrhafte,\nsich allgemeine Anerkennung gebieterisch erzwingende zu\nsein, an dem Erlülltsein von einem realen Objecte fehlt.\nBisher,nun glaube ich, Wagner wenigstens die Gerechtig-\nkeit widerfahren lassen zu müssen, dass seine theoretische\nsowohl als praktische Thätigkeit ein Resultat dieser Macht\nist und nicht aus Heuchelei oder blosser Abstraction und\nBerechnung des Verstandes hervorgeht, der nicht leicht jene\nzähe Ausdauer besitzt, um einen Kampf mit der Welt zu\nertragen. Hierin liegt auch nach meiner Meinung der we-\nsentlichste Unterschied zwischen Wagner und Meyerbeer;\ndieser steht mit seinem Ich meist ganz ausser seinem Werke,\njener ist ganz in demselben befangen; der Eine ist im un-\nkünstlerischen Sinne ganz objectiv, der Andere ganz sub-\njectiv, nur gilt Meyerbeer in Folge seiner grösseren Bega-\nbung und gründlicheren tnusicalischen Bildung doch immer-\nhin mehr, und wenn Wagner vielleicht grösseren An-\nspruch hat auf unsere sittliche Achtung, so Meyerbeer auf\nunsere intellectuelle. Die Ausgangspuncte Beider sind aber,\ntrotz der Verschiedenartigkeit der Motive und trotz der\nheftigen, an sich wohlbegründeten Polemik Wagner's gegen\nMeverbeer, ziemlich nahe verwandt.\nIn Wagner lös't sich alle Kunst in ihre elementaren\nBestandteile auf; diese sollen für sich allein bedeuten und\nhervorbringen, was nur durch deren kunstvolle Mischung\nund Yerschlingung erringbar ist. Darum jene Stoffe,\nwelche sich ganz in das mystisch-sagenhafte Gewand hüllen,\nohne (am allerwenigsten im Lohengrin) ein Reinmensch-\nliches aus sich zu entringen, darum jene sogenannte „blü-\nhende Diction\", jenes beständige Nebeln und Schwebein\nim Allerheiligsten, Allerzartesten und Allerunaussprech-\nlichsten, kurz, jene Atmosphäre einer Landschaft, in welcher\nes nie weder Tag noch Nacht ist, sondern die immerfort\nin den sieben Farben des Regenbogens schillert, der ewig-\nlich über ihr ausgespannt ist, und auf dem die lieben En-\ngelein sitzen, harfenspielend und Thränen der Rührung\nvergiessend. Ein derartiges Gewebe ist aber eben so\nwenig eine Bereicherung der Poesie, als Redwitz's Ama-\nranth. Und so wie es nun in Wagner's Poesie aussieht,\nso auch in seiner Musik. An sich bedeutenden Gedanken,\ndie ein Gesicht haben, wird man hier nicht leicht\nbegegnen. Dagegen sollen das rohe Fortissimo und Pianis-\nsimo, das (insbesondere gern chromatische) brausende An-\nschwellen und dämmernde Verhallen, das Tremoliren der\nViolinen und ihr Sordinengesumme, das Bringen dieser\nFigur durch die Flöte und jener Melodie durch die Po-\nsaune; alles dies soll schon an sich ungeheure Bedeutung\nhaben, hierin soll Kraft und Schwung, Zauber und Poesie\nliegen. Und doch sind alles dies, wie Sie schon neulich\nsehr richtig bemerkten, nur Farben, welche umsonst ver-\ngeudet werden, wenn ihnen nicht eine tüchtige, inhalts-\nschwere Zeichnung zu Grunde liegt. Gewisse Wirkungen\nwerden hierdurch freilich erreicht, aber von sehr zweifel-\nhaftem Werth; auch das Vermögen, gewisse Stimmungen\nzu erzeugen, kann man Wagner nicht ganz absprechen,\naber auch hier fragt es sich erst, welche. Es liegt eine\nungeheure Ironie darin, dass Wagner mit solcher Entrü-\nstung gegen Meverbeer und Rossini zu Felde zieht, und\ndoch ist seine Verwandtschaft mit dem ersteren unläugbar,\nund den Chor aus dem Tannhäuser, welchen wir neulich\n\n*) „Wagner wird innerlich ganz von der brennenden Wunde des\nKunst-Fanatismus verzehrt.\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4509, "texte": "hier hörten, könnte ganz gut Rossini geschrieben haben.\nWagner lebt in dem Wahne, die Kunst zu erheben und\nzu läutern, und es gibt keine plumpmateriellere, sinnlichere\nMusik als die seine; man könnte sie oft wollüstig nennen.\nSo wie sich aber der dumpfe Wollustschauer gar sehr von\nder frischen, reinen Sinnlichkeit unterscheidet, so vermag\nauch jener nicht den Gegensatz rein um sich zu erwecken,\nder sein Richter sein, der ihn vernichten oder in ein Hö-\nheres auflösen könnte, und so haben wir es statt mit dem\nZarten und Lieblichen, mit dem Süsslichen und Schwäch-\nlichen, statt mit dem Tragischen und Erschütternden, mit\ndem Rhetorisch-Pathetischen und Schwülstigen zu thun.\nIn dem, was Wagner gegen das moderne Opernwesen\nvorbringt, hat er vielfach Recht, und wenn er hierin auch\nnur ausgesprochen, was alle Einsichtsvollen längst dachten,\nso ist doch der Muth anzuerkennen, womit er dies gethan.\nAuch würde es, um seine Reform-Gedanken zu würdigen,\ngar nichts entscheiden, ob seine eigenen Productionen\ntüchtig sind oder nicht. Aber leider ist er auch mit seiner\nTheorie vielfach auf dem Holzwege, und seine Grundsätze\nmögen nur allzu oft, vielleicht ihm selbst unbewusst, aus\ndem Gefühle seiner individuellen Unzulänglichkeit entsprin-\ngen. Seine Phantasmagorie einer Verschmelzung aller\nKünste in dem, was er sich unter dem Kunstwerke der\nZukunft vorzustellen scheint, beruht abermals auf einer\ngänzlichen Verkennung des Wesens aller Künste. Nim-\nmermehr werden die Werke wahrer Poeten und grosser\nbildender Künstler in dem Rahmen desselben Raum finden;\ndenn sie müssten einander auffressen, ihre Vereinigung\nin Einem Brennpunkte würde die Aufnahmsfähigkeit des\nmenschlichen Organismus übersteigen, oder jede einzelne\nin ihrem Gehalte so sehr abgeschwächt wer-\nden, dass sie eben aufhören würde, eine solche zu sein.\nIn wie fern aber Wagner nur den mannigfachen, immer\ndeutlicher erkannten Missbräuchen, Schwächen und Un-\nvollkommenheiten des Opernwesens und seiner Verfiachung\nentgegentritt, in wie fern er einer Annäherung und inni-\ngeren Verschmelzung der sich berührenden Künste\ndas Wort redet, in so fern stimmen wir ihm gewiss bei;\ndenn dass eine solche nach vielen Seiten hin ein Bedürfniss\nist und auch hin und wieder erstrebt wird, unterliegt kei-\nnem Zweifel. Man vernimmt leider so selten ein reines,\nd. h. Bloss aus Betrachtung der Sache entspringendes Ur-\ntheil, namentlich in der Journalistik, dass bei jedem, der\nein solches abgibt, immer erst gefragt wird: was trägt er\nfür einen Rock und was für einen Hut, was ist sein Stand\nund Gewerbe, zu welcher Partei gehört er; darnach\nwird sein Urtheil commentirt. Ich kann nun meinerseits,\nwenigstens bei Ihnen und Ihren geehrten Lesern, nicht in\nden Verdacht gerathen, dass ich Wagner'n opponirte aus\nblinder, einseitiger Vergötterung des Alten, aus Feindselig-\nkeit oder Stumpfheit gegen das Neue. Sie kennen meine\nhohe Verehrung für Robert Schumann, für Karl Löwe und\nich schmeichle mir mit der Befähigung, auch in dem un-\ngestempelten Neuen das nach irgend einer Seite\nwahrhaft Bedeutende zu erkennen und ihm meine lebhaf-\nteste Sympathie entgegen zu tragen. Aber natürlich werde\nich desshalb nicht das Neue preisen, weil es ein Neues und\nAbsonderliches ist. Es ist schlimm genug, dass man Er-\nscheinungen, welche in irgend Einem äusseren oder\ninneren Momente zusammentreffen, so gerne gleich als\nvöllig analoge hinstellt. Wie oft werden nicht Wagner,\nBerlioz und Schumann in Einem Athem genannt, als ob\nes sich um völlig gleiche Potenzen handelte, und wie\ngrundverschieden sind sie doch der Art und dem Grade\nnach! Es fehlt freilich nicht an ähnlichen Beispielen in der\nLiteratur, und es gab eine Zeit, wo man einen wahrhaft\nbedeutenden und tiefsinnigen Dichter der Gegenwart, Heb-\nbel nämlich, mit Grabbe zusammenwerfen zu können\nmeinte, während in dem ganzen Organismus beider doch\nhöchstens Eine Ader ist, welche derselben Quelle ent-\nspringt. Man könnte sich, wenn diese Anschauung Wagner's\ndie richtige ist, wundern, dass ein Mann, wie Liszt, dessen\ndurch und durch geniale Natur ich selbst von jeher immer\nlebhaft bewundert, der unstreitig für das Echte, Grosse\nund Schöne in der Kunst ein tiefes Gefühl besitzt, sich für\neine so zwitterhafte, innerlich hohle Natur zu begeistern\nvermag. Aber Liszt ist selbst, obwohl nach manchen Sei-\nten hin ein Phänomen und mit den reichsten, seltensten\nKräften ausgestattet, eine unreine Natur und trinkt leicht\nkünstlich erzeugten Champagner für echten, wenn er\nnur moussirt.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-04-01-c010", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-04_01#c010", "volume": "bmtnabi_1854-03-04_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "71", "page_fin": "72", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.7", "debut_caractere": 4511, "fin_caractere_exclue": 5280, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHölii. Das Theater hat an den Carnevalstagen ein glänzen-\ndes Programm zur Ausführung gebracht: Sonntag der Prophet,\nMontagTannhäuser, Dinstag Sornmernac-htstraum, Mittwoch\nder Prophet, Donnerstag Don Juan. Das Haus war an allen Ta-\ngen besetzt, am Mittwoch überfüllt, lieber die Aufführungen des Pro-\npheten herrscht nur Eine Stimme, welche sowohl die Darstellungen der\nHaupt-Partieen, des Johann (Herr Kahle) und der Fides (Frau\nSchmidt-Kellberg) und das musicalische Ensemble, als auch\ndie Piegie des Herrn Röder, der auch in Decoration und Costu-\nmes grossen Aufwand gemacht hat, mit Recht preis't. Frau\nSchmidt erregt mit jeder Wiederholung der Oper (sie ist bereits\nsechsmal, die ersten fünfmal zu erhöhten Preisen gegeben) grosse-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5012, "texte": "Ren Beifall; ihre umfangreiche Stimme, welche bei einer glänzen-\nden Höhe auch die erforderliche vollklingende Tiefe hat, ist ganz\nlür diese kolossale Partie geeignet. Herr Kahle leistet in der That\nAusgezeichnete«; die Frische seines Tenors ist wahrhaft unverwüst-\nlich, er singt bis zum letzten Moment mit einer Zuversicht auf seine\nMittel, die sich stets rechtfertigt, und was wir ihm noch zu be-\nsonderem Lobe nachsagen müssen niemals verdrossen, sondern\nimmer mit sichtbarer Freude an seiner Aufgabe. Das zeigt den\nKünstler! besonders wenn man bedenkt, wie stark Herr Kahle\nhier beschäftigt ist. Wir dürften wenige Tenoristen haben, die am\nDonnerstag und Sonntag den Propheten, am Montag den Tann-\nhäuser und am Mittwoch wieder den Propheten zu singen im\nStande sind!\nDie Gesellschaft Humorrhoidaria gab am Dinstag in den\nMittagsstunden eine carnevalistische Vorstellung zum Vorlheil der\nArmen im Stollwerck'schen Theater, welche die Fahrt des Männer-\ngesang-Vereins nach London und die Anwesenheit einer englischen\nFamilie beim kölnischen Carneval zum Gegenstande hatte. Die mu-\nsicalische Partie derselben war meist recht gelungen. Wenn das\nStreben der jungen Gesellschaft, alles aus sich selbst zu erzeugen,\nan und für sich lobenswerth ist, so sollte dies doch - wenigstens\nbei öffentlichen Auftührungen die Zuratheziehung einer bühnen-\nkundigen Hand nicht ausscbliessen, wodurch manche Längen u. s. w.\nvermieden werden dürften.\n** HSOEI». Am 13. Februat- wurde hier im vierten Abonne-\nmcnts-Concerte Händcl's Messias unter der Direction unseres\ntüchtigen Musik-Directors, des Herrn von Wasielewski, aufge-\niührt, und zwar ganz, so dass wir einen Genuss, der drei volle\nStunden lang dauerte, hatlen. Was sagen Sie dazu? Ist das nicht\nclassisch? Das unsterbliche Werk hatte seine Anziehungskraft be-\nwährt, der Saal war so gefüllt, wie noch in keinem Concerte die-\nses Winters, und über die Ausführung sprach sich allgemeine Zu-\nfriedenheit aus. Dennoch wäre jedenfalls eine Verkürzung, wozu in\nIhrer Zeitung vor einiger Zeit eine Anleitung gegeben wurde, sehr\nwünschenswerth gewesen; jedoch ein Mitglied des Concert-\\or-\nstandes, dessen Aeusserungen gewöhnlich das Gellert'sche „Ach ja,\nHerr Amtmann, ja!\" hervorrufen sollen, erklärte sich, wie man\nsa<;t. dagegen, und aus den angegebenen Gründen blieb dasselbe\nin der Mehrheit oder vielmehr in der Einstimmigkeit. So bekamen\nwir denn den echten ganzen Händel. „Wie? • höic ich Sie\nsagen „auch den Mozart herausgeworfen, und mit Orgolbcglei-\ntung?\" Doch nicht! das soll zwar im Plane gewesen sein:\nd.e historisch-ästhetische Ansicht ist aber an musicalischen und\ntechnischen Bedenken, die ich nicht weiter ausführen will, ge-\nscheitert. « n*\n*** irrankrnrt a. M. In unserem letzten Muscuins-\nConcerte am 17. Februar erlaubte sich der Dirigent Herr Mes-\nser ein Verfahren, welches wir der öffentlichen Büge nicht ent-\nziehen zu dürfen glauben. Er führte die bekannte schöne Sinfonie\nvon Haydn in Es:\nauf, aber anstatt des dazu gehörigen geistreichen und humoristi-\nsehen Finalc's:\ngab er uns das allerdings auch treffliche, aber zu der genannten\nSinfonie weder historisch noch ästhetisch passende Finale aus der\nwelche mit dem Paukenwirbel anfängt! Was sa-\ngen Sie dazu? Springt man so mit Haydn um? und obenein in\neiner Kunstanstalt wie das frankfurter Museum, welche auf einen\ngewissen Rang Anspruch macht? Wo sind die Berechtigungen\nirgend eines Dirigenten, selbst des grössten Componisten unserer\nZeit, was Herr Messer doch nicht ist, zu solch einem Acte der\nW7illkür ? Weiss Herr Messer nicht, dass bei Haydn, wie bei Mo-\nzart und Beethoven alle vier Sätze einer Sinfonie organisch mit\neinander verbunden sind und von Einer Stimmung ausgehen? Wir\nhoffen, dass hinfort im Museum mit mehr Pietät und Achtung vor\nden Werken unserer classischen Meister werde verfahren werden,\nund dass man uns nicht anstatt eines fein gewebten Teppichs, der\nEin grosses Gemälde darstellt, einen aus verschiedenen, wenn auch\nschönen Lappen zusammengenähten Mantel vor die Augen hän-\ngen werde.\nParis. Am 21. Februar hat F. Hill er hier eine Soiree für\nEingeladene in Erard's Salons veranstaltet, in welcher er nur eigene\nCompositionen gespielt hat, unter andern die Trio-Serenade mit\nAlard und Franchomme, eine Duo-Serenade für Piano und Violon-\ncell, das Duo appassionato für Piano und Violine u. s. w. Am\n23. hat er ein Concert zum Besten der deutschen Hülfsgesell-\nschaft im Pleyel'schcn Saale organisirt, in welchem er mit Alard\neine Mozart'sche und mit Franchomme eine Beethoven'sche Sonate\nvortrug, und zuletzt eine freie Phantasie gab. Die Prinzessin Mar-\ncelline Czartoriska (Pianistin) und die Sängerin Frau Nissen-\nSaloman wirkten mit.\nDie Cruvelli macht fortwährend volle Häuser in den Huge-\nnotten. Fräul. Wertheimbcr ist ebenfalls bei der grossen Oper\nangestellt und hat bereits die Fides im Propheten zweimal gesun-\ngen. Durch eine Unpässlichkeit der Fräul. Düprez sind die Vor-\nstellungen von dem „Stern des Nordens4' auf einige Tage unter-\nbrochen worden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "65", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.1", "texte": "Johannes Brahms.\nUnsere Zeit, die sich in so manchen Dingen überstürzt,\nsei es im Fortschritt oder im Rückgang, scheint in Bezug\nauf das ästhetische Urtheil über Musik alle Ruhe und Be-\nsonnenheit verloren zu haben. Wenn nun auch die Kritik\nweder im Stande ist, ein Genie zu schaffen, noch den Durch-\nbruch eines wirklichen Genie's zu hindern, so lasst sich\ndoch ihr Einfluss auf die Entwicklung des künstlerischen\nTalentes nicht läugnen. Es ist daher sehr zu bedauern,\nwenn sie ihr Wesen und die eigentliche Bedeutung ihres\nNamens, der auf ein Sichten und Sondern durch den Ver-\nstand hinweis't, so arg verkennt, dass sie die Stellung über\nden Schulen und Parteien, die allein ihrer würdig ist, ganz\nund gar aufgibt und sich zur Bannerträgerin extremer Prin-\ncipe macht. Eine solche Richtung eines Theiles der Vertre-\nter der Kunstkritik macht es der unabhängigen Journalistik,\nd. h. derjenigen, welche weder irgend welchen äusseren\nEinllüssen, noch dem Schwur auf die Worte eines Partei-\nhauptes, oder der Autorität eines bedeutenden Vorkämpfers,\noder dem Bündlerwesen einer Propaganda Einwirkung ver-\n.stattet, zur Pflicht, diejenigen Erscheinungen am Horizonte\nder musicalischen Welt, welche als neu entdeckte Wunder-\nsterne angekündigt werden, schärfer als gewöhnlich zu\nbeobachten und das Ergebniss dieser Beobachtungen ge-\nwissenhaft zu verzeichnen.\nEs ist bekannt, dass Schumann's Ausspruch über Jo-\nhannes Brahms, aufgenommen und erweitert durch die leip-\nziger Neue Zeitschrift für Musik und diejenigen, welche mit\nderselben zusammenhangen, von diesem jungen Compo-\nnisten so ungewöhnliche Erwartungen erregt hat, dass die\nNeugierde auf gedruckte Werke desselben nicht nur sehr\nverzeihlich, sondern im höchsten Grade gerechtfertigt er-\nscheint. Ein solches Werk, und zwar das erste desselben,\nliegt nun vor uns und fordert mithin zu einer ausführlichen\nBesprechung auf. Sein Titel ist:\nJohannes Brahms,Sonate für das Pianoforte.\nJoseph Joachim zugeeignet. Op. 1. Leipzig, bei\nBreitkopf & Härtel. Preis 1 Thlr. 15 Sgr.\nWenn uns ein Erstlingswerk zur Beurtheilung vor-\nliegt, so fragen wir in gewöhnlichen Fällen immer erst\nnach der Gesinnung, dann nach der Kraft des Componisten\nin Bezug auf melodische Erfindung, und endlich nach sei-\nner Begabung und Geschicklichkeit für thematische Arbeit.\nUm in diesem Falle nicht ungerecht zu sein, wollen wir für\nden Augenblick vergessen, dass Schumann durch seinen über-\nschwänglichenArtikel „Neueßahnen\" in der „NeuenZeit-\nschrift für Musik\" Erwartungen von dem Componisten rege\ngemacht, die erfüllt sehen zu wollen, unklug wäre. Nie-\nmals ist einem jugendlichen Componisten sein Eintritt in\ndie musicalische Welt so schwer gemacht worden, wie\nJohannes Brahms, gegen den sich von einer Seite entwe-\nder ein Vorurtheil geltend machte in Folge jenes beregten\nArtikels, dessen Verfasser selber noch so unzählig viele\nWidersacher hat, von dem aber auf der anderen Seite\nvon den Verehrern Schumann's zu viel erwartet wurde.\nDoch zur Sache. Eine gute Gesinnung ist vorhanden, d. h.\nder junge Componist geht unbekümmert den Weg, den\ner für gut hält, und verachtet es, dem ungebildeten Ge-\nschmack des grossen Haufens irgendwie zu huldigen oder\nzu schmeicheln; aber eine andere Frage ist es, ob\nder Weg, den Herr Brahms für den guten hält, der wirk-\nlich richtige ist, und das möchten wir allerdings allein\naus dem Grunde verneinen, weil Herr Brahms den Sinn\nfür einfache Schönheit fast ganz verloren zu haben\nund nicht geneigt zu sein scheint, die Berechtigung an-\nzuerkennen, welche das menschliche Ohr an die Musik zu\nmachen hat, und offenbar so zu sagen die Keuschheit sei-\nnes musicalischen Sinnes verloren hat; es würde ihm sonst\nnicht möglich sein, dem Hörer solchen Ohrenzwang anzu-\nthun, wie es in dieser Sonate geschieht. Erfindungsgabe\nist auch vorhanden, aber sie offenbart sich nicht in uimc-\no\nwohnlichem Grade, vielmehr sind wir keinem einzigen\nwahrhaft originellen melodischen Gedanken\nbegegnet, dagegen aber manchem oft Dagewesenen und\nvielen eclatanten Reminiscenzen. Dass übrigens manche\ninteressante und auch wohl neue harmonische Wen-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "66", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.2", "texte": "Dung vorkommt, läugnen wir nicht; das ist aber heut zu\nTage nichts Seltenes mehr, und wir wüssten kaum einen\njungen talentvollen Tonsetzer von heute, der nicht in die-\nser Beziehung gewandt und bedeutend wäre. Die Technik,\ndie Kunst, thematisch zu arbeiten, ist bei Brahms noch sehr\nwenig ausgebildet; wir begegnen zwar Imitationen, contra-\npunktischen Figurirungen und was sonst dahin gehört, aber\nalles dieses wird noch nicht künstlerisch verwandt,\nman hört, dass um der Verarbeitung willen gearbeitet wird,\nund z. B. der zweite Theil vom ersten Satze (beiläufig ge-\nsagt, die Klippe aller jungen Componisten) klingt so chao-\ntisch, dass man fast meinen könnte, die Vorarbeiten aus\ndem Skizzenbuche seien hier mit launenhafter Willkür bunt\nneben einander hingestellt; von einer natürlichen Entwick-\nlung, von einer kunstgerechten Steigerung ist nicht die\nRede. Man sieht also, wenn man aus dem, was wir Herrn\nBrahms zuerkennen und absprechen mussten, ein Resultat\nzieht, dass derselbe zu der Zahl derjenigen jungen Talente\ngehört, welche wohl zu HölTnungen berechtigen, sie aber\nnur dann erfüllen werden, wenn sie vor Allem erkennen\nlernen, dass sie noch unendlich viel aus den Werken der\ngrossen Meister lernen und dass sie erst wieder zur edlen\nEinfachheit zurückkehren müssen*).\n, *\nGehen wir jetzt zu einer kurzen Analyse der Sonate\nüber. Sie beginnt mit einem kräftigen Motiv, an dem nichts\nauszusetzen wäre, wenn es nicht allzu stark an die letzte\ngrosse B-dur-Somtevon Beethoven erinnerte. Man sehe:\nDer rasche Eintritt desselben Motivs in erinnert wie-\nderum an die C-rfur-Sonate von Beethoven. Wir würden\nhierauf kein besonderes Gewicht legen, wenn nicht eben\ndiese Beethoven'schen Ideen so überaus genial und ori-\nginel wären, dass ihm Keiner mit Aehnlichem nachgehinkt\nkommen darf, ohne sich von vorn herein als blossen Nach-\nahmer hinzustellen.\nEine kurze Verarbeitung des Motivs folgt (wobei uns\ndie blosse Wiederholung der vier Tacte in C-dur auf der\nzweiten Stufe, als höchst armselig, sehr missfällt) und leitet\nin ein kurzes Gesangs-Motiv:\nwelches aber, wie man sieht, zu nichts Rechtem kommt\nund schon im sechsten Tacte in den Sand verrinnt; und\nsiehe da, augenblicklich macht es einem neuen Thema,\nebenfalls in A-moll,Platz, welches, obgleich auch\nnichts weniger als originel, doch recht hübsch klingt, in\nseiner Wirkung aber durch das erste eben angedeutete\nThema beeinträchtigt wird. Uebrigens möge es hier auch\neinen Platz finden:\nDas erste Thema in A-moll klingt wieder an: ein\nC /\"i\nneues, sehr überflüssiges Motiv, welches auch nie wieder\nauftritt (ausgenommen in der späteren Wiederholung des\nersten Theiles), springt plötzlich hervor und führt zur\nin A-moll, gebildet aus dem zweiten Thema in A-moll.\nDieser Abschluss in A-moll ist verfehlt und überhaupt\nästhetisch zu verwerfen. Wir verweisen auf einen gediege-\nnen Aufsatz über Brahms in den Grenzboten, wo dasselbe\nbehauptet und näher motivirt wird.\nVon der chaotischen Verwirrung der Durchführung im\nzweiten Theile haben wir schon oben gesprochen; es ist\nAlles so wüst und hirnverwirrend, dass man sich ganz be-\ntäubt fühlt. Der Gedanke, das Haupt-Thema als Septime\nvon f wieder anzubringen, ist nicht übel, doch hätte er an-\nders eingeführt werden sollen, das eis hätte als des auftre-\nten müssen und so zum c schreiten. Wenn aber, wie hier\nim zwölften Tacte, vor Eintritt des Haupt-Thema's eine acht-\ntactige Periode in D-dur beginnt, wenn man dann durch\n\n*) Von einer Meisterschaft, von Originalität oder gar von etwas\nnie Dagewesenem zu reden, ist thöricht, ist Blasphemie gegen\nunsere classischen Meister und schreiendes Unrecht gegen die-\njenigen jungen Talente, welche durch manches treffliche\nWerk schon ganz andere Hoffnungen erweckten und erfüllten."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "67", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.3", "texte": "einen viertactigen verminderten Septimen-Accord auf\nnach der Dominante von f geführt wird, in sechs Tacten\nnach G-dur,dann in zwei Tacten nach wieder in\nzwei Tacten nach Des-dur, wieder in zwei Tacten nach D-\ndur gezerrt wird, um dann nach wenigen Tacten durch\ndenDominant-Accord auf d zum zweiten Thema in C-moll\ngeführt zu werden, so müssen wir gestehen, einem solchen\nFluge nicht folgen zu können. Da, wo die Meister es für\nnöthig erachten, nach der stärker modulirenden Durchfüh-\nrung wiederum einige Ruhe in der Modulation eintreten\nÖ °\nzu lassen, d a fangt Herr Brahms erst recht toll an. Aber\njenes war Zopf und Haarbeutel! Heut zu Tage weiss die\nJugend es besser und lächelt eben so mitleidig über jene\nMeister, wie über unsere Kritik. Was uns übrigens in die-\nsem Satze noch befremdet, ist, dass Herr Brahms sich häu-\nfig einer ganz schaalen Clavier-Passage:\nals Begleitungs-Figur bedient; das passt schlecht zu der\nPrätention, mit der die Sonate im Uebrigen auftritt. Das\nAndante beginnt mit dem altdeutschen Volkslieder „Ver-\nstohlen geht der Mond auf\", und bringt dann einige Va-\nriationen, die eben nicht viel bedeuten, doch aber das Ge-\nniessbarste von der ganzen Sonate sind. Was sollen aber\nsolche Querstände?\nWas soll das achtmal wiederkehrende Erlahmen auf dem\nvierten Achtel (welches wir hier mit einem NB. bezeichne-\nten)? Was soll die abscheuliche Septimen-Accord-Folge im\nCoda? Doch wir wollen den Leser nicht mit der Analyse\nder noch folgenden Sätze langweilen, sie haben in ihrer\nTotalität dieselben Mängel, wie der erste Satz; doch er-\nwähnen wir gern noch, dass das Trio im Scherzo sehr\nschön beginnt, freilich aber auch stark an denselben Satz\nin Schumann's erstem Trio erinnert.\nAuch in dem Finale tritt ein markiges, hübsches Thema in\nÄ-moll auf, welches aber eben so wenig auf Originalität\nAnspruch machen darf, da es an Gade und an Mendels-\nsohn erinnert.\nSo scheiden wir denn von dem Werke nicht ohne alle\nHoffnung für die Zukunft des jungen Componisten, aber\nnoch weniger mit grosser Zuversicht darauf. Wir wünsch-\nten aufrichtig, ihm durch die Strenge unserer Kritik genützt\nzu haben; möge er erkennen, welche Abwege er schon\nbetreten und wie die schleunigste Rückkehr zum\nWahren und Echten ihm vor Allem noth thut. Es ist\nnicht allein in den schaalen Salonstücken unserer moder-\nnen Componisten, sondern auch in seiner Sonate Flitter und\nTand zu finden; denn es ist nicht viel besser, ob man an-\nstatt wahrer Musik ein Conglomerat von halb fertig ge-\nwordenen Melodieen, wüsten Harmonie-Folgen und unmo-\ntivirten Modulations-Gängen auftischt, oder leeres Passa-\ngenwerk und Virtuosenfutter. Das Letztere klingt doch\nzuweilen noch gut, das ist aber bei dieser Sonate nicht ein-\nmal der Fall, wenngleich sie, wie schon oben ausgespro-\nchen, um der Gesinnung willen allerdings nicht mit je-\nnen zu vergleichen ist.\n\nDer Stern des Nordens.\nKomische Oper von Scribe und Meyerbeer.\n(Fortsetzung, statt Schluss. S. Nr. 8.)\nMan sieht, Scribe hat seine merkwürdige Manier, die\nGeschichte in eine Komödie zu verwandeln; so viel ist aber\ngewiss, dass seine Geschichte in der Komödie niemals so\nlangweilig ist, als wenn in der wirklichen Geschichte Ko-\nmödie gespielt wird. Seine Phantasie hat sich eine eigene\nFolge der Ereignisse, eine eigene Geographie, Nationalitä-\nten, Gebräuche und Sitten, historische Charaktere u. s. w.\nzu seinem Privatgebrauche erdacht; was soll man mit ihm\ndarüber rechten? C'est connu,sagt der Pariser, und damit\nist die Sache abgemacht. Ist die Handlung lebhaft, spannt\nsie, amusirt sie vor allen Dingen, so ist das Publicum der"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "68", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.4", "texte": "komischen Oper zufrieden und vcrgisst die schönen Zeiten\ndieser Bühne, wo man den Inhalt des Textes aus dem Le-\nben und dem Gemüthe schöpfte, die Geschichte dem Drama\nund der grossen Oper überliess, und die Musik mit der\nHandlung an Einfachheit wetteiferte. Sicher ist, dass Napo-\nleon's oben angeführter Ausspruch nicht nur in politischer,\nsondern auch in ästhetischer Hinsicht Scribe's neueste Poesie\nsehr wohl trifft; es ist ihr durchaus keine Wichtigkeit bei-\nzulegen.\nUebrigens findet der Dichter eine grosse Entschuldi-\ngung in den Umständen; denn man mag sagen, was\nman will der „Stern des Nordens\" ist einzig und al-\nlein desshalb zum Aufgang gekommen, um lünf bis sechs\nMusikstücke dem Grabe der Vergessenheit zu entreissen,\nin welches sie ohne Zweifel gesunken wären, wenn sie im\n„Feldlager in Schlesien\", oder richtiger in der Bibliothek\nder berliner Hofbühne, liegen geblieben wären. Ueber Pa-\nris aber in die Welt geschickt, werden sie in dieser ganz\nanders glänzen und obenein dem berühmten Componisten\nden ganz eigenthümlichen Genuss verschaffen, die franzö-\nsische Kritik zu belächeln, welche aus den vor zehn bis\nzwölf Jahren componirten Stücken eine neue Entwicklung\nseines Genie's lür die leichtere Gattung der Musik zu er-\nweisen trachtet.\nIch finde, dass sich in dieser Oper im Ganzen Meyer-\nbeer's Eigenschaften als Componist, wie wir sie seit der\nErscheinung von Robert der Teufel kennen, nur wiederholt\noffenbaren. Neben dem Reize der Mannigfaltigkeit, Frische\nund Eigentümlichkeit der musicalischen Gedanken, der\nFeinheit der Reflexion und ihrer oft glücklichen Resultate\nin allerlei Combinationen, der geschickten Benutzung der\nInstrumental-Mittel nicht bloss zu Pracht und Glanz, son-\ndern auch zum Ausdruck der Empfindung und des Ge-\nfühls, stossen wir auch oft auf Coquetterie und raffinirten\nFarbenschmuck, der die Blosse der Erfindung verdeckt, auf\nCombinationen, deren Kühnheit zwar neu, aber wunderlich\nist und ans Lächerliche streift (wie z. B. die Zusammen-\nstellung der Contrabässe und der Piccolollöten in der ersten\nNummer des zweiten Actes), auf Verschwendung der zu\nGebot stehenden Mittel, anstatt wirksamer, aber im Ver-\nhältnisse zur Natur der komischen Oper stehender Ver-\nwendung derselben.\nEs würde eben so anmaassend von dem Kritiker sein,\nnach der ersten Anhörung über alles das ein bestimmtes\nUrtheil fällen zu wollen, als es von dem Leser wäre, Be-\nlege dafür zu fordern. Es kann natürlich nur vom ersten\nEindruck die Rede und das Folgende nicht viel mehr sein,\ni\nals eine Aufzählung der Musikstücke, eine Inhalts-Angabe\nder Partitur. Was kann es auch helfen, von vorn herein,\nwie 11. Berlioz im Feuilleton der zu erklären, dass\nihm sehr bald die „Epitheta der Bewunderung ausgehen\nwürden\" ? wiewohl er trotzdem im Laufe seines Artikels\nnoch einige bescheidene Ausdrücke findet, wie „unwider-\nstehlich gigantisch - grandios monumental\nkaiserlich schön\" (imperialement beawomit die Steige-\nrung, wie fein und politisch! aufhört).\nDie Oper enthält eine Ouvertüre und neunzehn Num-\nmern ; die Ouvertüre und fünf Nummern der Gesangstücke\nsind dem „Feldlager in Schlesien\" entnommen (es dürften\nleicht die schönsten in der ganzen Oper sein), alles Uebrige\nist neu. Die meisten Stücke, mit Ausnahme des Finale im\nzweiten Acte, sind kurz; eigentlich so genannte grosse\nArien, dramatische Duette und Gesammt-Gesangstücke sind\nnicht darin, doch ist dem Chor, zwar nicht in dramatischer,\naber wohl in musicalischer Hinsicht auch eine Rolle gegeben.\nDie Ouvertüre lässt uns schon einige Tacte aus dem\nDessauer Marsch und mehrere Anklänge an Motive aus\nder Oper vernehmen; sie hat ein paar schöne Melodieen,\nwelche theils von den Bässen und Violoncells, theils von\nden Flöten und Oboen mit Begleitung der Harfen geführt\nwerden. Der Schiuss ist pompös und wird durch die un-\nvorhergesehene Mitwirkung der Militär-Musik hinter dem\nVorhange effectvoll.\nDer Chor beim Aufzuge der Gardine, wo uns die Scene\neinen bunt belebten Hafen in Finnland zeigt, bildet einen\nhübschen Anfang, ohne auf besondere Bedeutung Anspruch\nzu machen; allein er ist heiter und hat denselben Reiz, den\nder Componist auch in den Introductions-Chor des Prophe-\nten zu legen gewusst hat. Menczikoff-Danilowicz bietet\nseine Pasteten in artigen Couplets aus, in deren Begleitung\nman sogleich wieder die feine Detail-Zuthat von lieblichen\nPhrasen der Blas-Instrumente erkennt, in welcher Mever-\nbeer Meister ist. Danilowicz ist übrigens der Haupt-Solo-\nTenor in der Oper, und da er nur eine untergeordnete\nRolle spielt, so können die Tenoristen dieses Mal auf keine\nneuen Lorbern durch Meverbeer rechnen.\n«J\nDer folgende grössere Chor in -moll und\n„A Ici Finlande, buvons!\"\nden ein kurzes Gebet ohne Orchester-Begleitung, wozu nur\ndie Glocke des Schrffswerftes läutet, unterbricht, ist ein\nvorzügliches Musikstück, in welchem namentlich die Rück-\nführung zum Haupt-Motiv mit dem Wiedereintritt des Or-\nchesters sehr gelungen ist. Ob dieser Chor eine „originel\nlocale Farbe\" habe, wie ein hiesiges Blatt sagt, kann ich"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "69", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.5", "texte": "nicht beurtheilen, da ich weder in Finnland gewesen bin,\nnoch jemals finnische Nationallieder gehört habe.\nKatharina (Mlle. Duprez, Tochter des berühmten Sän-\ngers) tritt mit pikanten Couplets auf, in denen auch die\nNachahmung der Männerstimme nicht verschmäht wird.\nBald darauf aber wird sie ernst, denkt an ihre Mutter und\nan die Prophezeiung derselben von dem Stern im Norden.\nHierbei tritt eine sanfte Melodie ein, welche jedes Mal wie-\nderkehrt, wenn Katharina sich an ihre Mutter erinnert; es\nist die Nordstern-Melodie, welche sich durch die ganze\nOper zieht. Das scheint ä laßichard Wagner zu sein, der\nbekanntlich, namentlich im Lohengrin, jeder Person ein\nMotiv als Pass mit auf die Scene gibt. Allein die Meyer-\nbeer'sche Anwendung ist bei Weitem feiner und durchaus\nnicht so materiel, indem seine Melodie nicht einer wirklich\nauf der Bühne erscheinenden Person das Schild: „Ich bin\nZettel, der Leinweber\", vor die Brust hängt, sondern\netwas Geistiges, die Erinnerung an eine Abgeschiedene,\ngleichsam eine Stimme aus einer anderen Welt versinnlicht.\nUebrigens hat Meverbeer schon im Robert, noch mehr in\nden Hugenotten, auch im Propheten Aehnliches gethan,\nehe an Wagner zu denken war, der auch in diesem Punkte,\nwie in allen anderen, nur wieder übertreibt und auf die\n*\nSpitze stellt, was seit Mozart schon oft, aber mit Maass\nund Ziel, angewendet worden ist.\nPrescovia (Mlle. Lefebvre), Georg's Braut, singt uns\neine Arie in A-moll:\n„Ah! que jai peur!\"\ndie zuletzt zu einem Quartett wird (mit Katharina, Peters\nund Georg) und recht frisch und belebt klingt. Auch die\nViolin-Melodie im Orchester gegen den Schluss des Stückes\nist sehr ansprechend. Weniger haben uns die Couplets des\nGritzenko (Herman-Leon) an der Spitze der trefflich costu-\nmirten Kosakenhorde gefallen; die charakteristische Wild-\nheit ist zu sehr gemacht. Dagegen gefiel das Zigeunerlied\nKatharinens, als sie diese Horde zahm macht, ausserordent-\nlich; es ist aus dem „Feldlager*. Es folgen zwei Duette,\ndas erste zwischen Katharina und Peters (Bataille), das an-\ndere zwischen Katharina und Prescovia. Katharina erscheint\nin beiden, wie auch in den Couplets, mit denen sie auftritt,\nhöchst lebendig und munter, oft voll köstlicher Laune, be-\nsonders in dem Duett mit der Braut, das mit einem Polo-\nnaisen-Rhythmus schliesst, in welchem diese klagt und jam-\nmert, während jene scherzt und lacht. Man kann nicht sa-\ngen, dass diese Duette, besonders das erste, sehr originel\nsind; aber sie treffen den Charakter der komischen Musik-\ngattung und lassen die Fabricate der letzten Jahre aus den\nWerkstätten der Herren Adam, Thomas u. s. w. hei Wei-\ntem hinter sich. Sie erfordern eine sehr bedeutende tech-\nnische Fertigkeit der Sängerinnen; besonders gelungen für\ndieses Genre ist die Verflechtung der glänzendsten Colora-\ntur in die Stretta des ersten Duetts. Beim zweiten Duett\nist die Instrumentirunng sehr beachtenswerth.\nIm Finale des ersten Actes geht es bunt her. Da ha-\nben wir einen Doppel-Chor der Soldaten und Dorf-Musi-\ncanten, Couplets, in denen die Stimme der Braut in lerchen-\nhaften Coloraturen über dem Chor dahinwirbelt, ein rei-\nzendes Hochzeitslied der jungen Mädchen, eine rauschende\nStretta und ein Gebet für das Brautpaar, über welches die\nStimme Katharinens dahinschwebt, die sich als Soldat ein-\nschifft, ihrem Wohnorte Lebewohl sagt und den Segen des\nHimmels auf die Neuvermählten herabfleht. Sowohl die\nChöre als die Soli, besonders Katharinens Abschied, sind\nreich an melodischen und harmonischen Schönheiten.\n(Schluss folgt.)\n\nWiener Briefe.\n[Richard Wagner Drittes Spirituel-Concert— Oper\nDer Bariton Stockha,usen Vieuxtemps\nJenny Li n d.J\nDen 27. Februar 1854.\nMeinem neulich ausgesprochenen Vorsatze getreu, wird\nsich mein diesmaliges Schreiben fast ausschliesslich mit\nRichard Wagner beschäftigen. Sie haben mir zwar\ntüchtig vorgearbeitet, und nach dem, was Ihre Zeitschrift\nschon einstmals und erst jüngst wieder in Nr. 5 und 6\nüber diesen Mann und sein Wirken enthielt, ist es eigent-\nlich schwer, etwas absolut Neues hierüber zu sagen. Sie\nhaben nachgewiesen was sich freilich lür jede in Sachen\nder Poesie irgend competente Kritik von selbst versteht —,\ndass Wagner zwar Opern-Libretto's geschrieben, die un-\ngleich besser sind, als die gewöhnlich fabricirten, die ihn\naber nichts desto weniger auch noch nicht von fern in die\nReihe wirklicher, bedeutender Poeten stellen, und dass aul\nder anderen Seite seine Musik meist geringfügig, gehaltlos,\nunkünstlerisch und widerwärtig ist. Das macht ja aber\neigentlich des Pudels Kern aus; was will man mehr? Doch\ngestatten Sie auch mir noch ein Wort in dieser Angelegen-\nheit; immerhin spiegeln sich ja die Objecte in jedem Indi-\nviduum auf eigene Art. Es ist in der That last unmöglich,\nin einer Beurtheilung Wagner s als schallenden Künstlers\njene objective Ruhe einzuhalten, welche dem Kritiker zu-\nkommt. Wer die Welt auf eine solche Weise herausgefor-\ndert, wer sich an Vergangenheit und Gegenwart mit solch"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "70", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.6", "texte": "empörender Insolenz versündigt und in einem dreibändigen\nWerke neben manchem Wahren lind Geistreichen eine\nsolche Fülle des strotzendsten Unsinns in die Welt hinaus-\ngeschickt hat, wer in demselben Werke fast auf jeder Seite\nbewiesen, dass er von dem wahren Wesen der Kunst, und\nzwar jeder Kunst, nur ganz nebelhaft verschwommene, ver-\nkehrte, ja, nichtige Begriffe hat, wer sich, wie er, durch\nzwei dicke Bände in dem raffinirtesten dialektischen Krims-\nkrams zu ergehen vermag: dem traut man von vorn herein\nnicht leicht jene Unmittelbarkeit der Anschauung und Em-\npfindung zu, welche die erste Bedingung des schaffenden\nKünstlers ist, gegen den ist man begreiflicher Weise a priori\ngereizt und unvortheilhaft eingenommen. Dennoch vermag\nl\nder sittliche Mensch auch diese der reinen Beurtheilung\nentgegenstehende Schranke in sich zu vernichten, und er\nwird, wenn er an den Künstler herantritt, den Schriftsteller,\nwenigstens für den Augenblick, so völlig ignoriren, als ob\ner seinen Namen nie vernommen. Wagner's gesammte\nkünstlerische Thätigkeit ist nun, meiner Meinung nach, we-\nder als ein Product einer Begeisterung, noch auch blosser\nVerstandes-Abstraction, sondern als eine That des Fanatis-\nmus zu betrachten. Liszt selbst behauptet dieses in seinen\nbekannten Worten *), scheint aber nicht zu ahnen, wie we-\nnig dieses zu Gunsten seines Schützlings spricht; denn die\nGemüths-Affection, welche wir mit diesem Namen bezeich-\nnen, ist eine unreine und hat von je her' in der Kunst, so\nwie in der Religion und im Leben die traurigsten und oft\nauch, wenigstens äusserlich betrachtet, lächerlichsten Er-\nscheinungen hervorgerufen. Aber etwas Respectabeles hat\nder Fanatismus immer an sich, indem er eine Macht ist,\nwelche im Innern des Menschen selbst mit Natur-Noth-\nwendigkeit waltet, und der es nur, um eine wahrhafte,\nsich allgemeine Anerkennung gebieterisch erzwingende zu\nsein, an dem Erlülltsein von einem realen Objecte fehlt.\nBisher,nun glaube ich, Wagner wenigstens die Gerechtig-\nkeit widerfahren lassen zu müssen, dass seine theoretische\nsowohl als praktische Thätigkeit ein Resultat dieser Macht\nist und nicht aus Heuchelei oder blosser Abstraction und\nBerechnung des Verstandes hervorgeht, der nicht leicht jene\nzähe Ausdauer besitzt, um einen Kampf mit der Welt zu\nertragen. Hierin liegt auch nach meiner Meinung der we-\nsentlichste Unterschied zwischen Wagner und Meyerbeer;\ndieser steht mit seinem Ich meist ganz ausser seinem Werke,\njener ist ganz in demselben befangen; der Eine ist im un-\nkünstlerischen Sinne ganz objectiv, der Andere ganz sub-\njectiv, nur gilt Meyerbeer in Folge seiner grösseren Bega-\nbung und gründlicheren tnusicalischen Bildung doch immer-\nhin mehr, und wenn Wagner vielleicht grösseren An-\nspruch hat auf unsere sittliche Achtung, so Meyerbeer auf\nunsere intellectuelle. Die Ausgangspuncte Beider sind aber,\ntrotz der Verschiedenartigkeit der Motive und trotz der\nheftigen, an sich wohlbegründeten Polemik Wagner's gegen\nMeverbeer, ziemlich nahe verwandt.\nIn Wagner lös't sich alle Kunst in ihre elementaren\nBestandteile auf; diese sollen für sich allein bedeuten und\nhervorbringen, was nur durch deren kunstvolle Mischung\nund Yerschlingung erringbar ist. Darum jene Stoffe,\nwelche sich ganz in das mystisch-sagenhafte Gewand hüllen,\nohne (am allerwenigsten im Lohengrin) ein Reinmensch-\nliches aus sich zu entringen, darum jene sogenannte „blü-\nhende Diction\", jenes beständige Nebeln und Schwebein\nim Allerheiligsten, Allerzartesten und Allerunaussprech-\nlichsten, kurz, jene Atmosphäre einer Landschaft, in welcher\nes nie weder Tag noch Nacht ist, sondern die immerfort\nin den sieben Farben des Regenbogens schillert, der ewig-\nlich über ihr ausgespannt ist, und auf dem die lieben En-\ngelein sitzen, harfenspielend und Thränen der Rührung\nvergiessend. Ein derartiges Gewebe ist aber eben so\nwenig eine Bereicherung der Poesie, als Redwitz's Ama-\nranth. Und so wie es nun in Wagner's Poesie aussieht,\nso auch in seiner Musik. An sich bedeutenden Gedanken,\ndie ein Gesicht haben, wird man hier nicht leicht\nbegegnen. Dagegen sollen das rohe Fortissimo und Pianis-\nsimo, das (insbesondere gern chromatische) brausende An-\nschwellen und dämmernde Verhallen, das Tremoliren der\nViolinen und ihr Sordinengesumme, das Bringen dieser\nFigur durch die Flöte und jener Melodie durch die Po-\nsaune; alles dies soll schon an sich ungeheure Bedeutung\nhaben, hierin soll Kraft und Schwung, Zauber und Poesie\nliegen. Und doch sind alles dies, wie Sie schon neulich\nsehr richtig bemerkten, nur Farben, welche umsonst ver-\ngeudet werden, wenn ihnen nicht eine tüchtige, inhalts-\nschwere Zeichnung zu Grunde liegt. Gewisse Wirkungen\nwerden hierdurch freilich erreicht, aber von sehr zweifel-\nhaftem Werth; auch das Vermögen, gewisse Stimmungen\nzu erzeugen, kann man Wagner nicht ganz absprechen,\naber auch hier fragt es sich erst, welche. Es liegt eine\nungeheure Ironie darin, dass Wagner mit solcher Entrü-\nstung gegen Meverbeer und Rossini zu Felde zieht, und\ndoch ist seine Verwandtschaft mit dem ersteren unläugbar,\nund den Chor aus dem Tannhäuser, welchen wir neulich\n\n*) „Wagner wird innerlich ganz von der brennenden Wunde des\nKunst-Fanatismus verzehrt.\""}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "71", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.7", "texte": "hier hörten, könnte ganz gut Rossini geschrieben haben.\nWagner lebt in dem Wahne, die Kunst zu erheben und\nzu läutern, und es gibt keine plumpmateriellere, sinnlichere\nMusik als die seine; man könnte sie oft wollüstig nennen.\nSo wie sich aber der dumpfe Wollustschauer gar sehr von\nder frischen, reinen Sinnlichkeit unterscheidet, so vermag\nauch jener nicht den Gegensatz rein um sich zu erwecken,\nder sein Richter sein, der ihn vernichten oder in ein Hö-\nheres auflösen könnte, und so haben wir es statt mit dem\nZarten und Lieblichen, mit dem Süsslichen und Schwäch-\nlichen, statt mit dem Tragischen und Erschütternden, mit\ndem Rhetorisch-Pathetischen und Schwülstigen zu thun.\nIn dem, was Wagner gegen das moderne Opernwesen\nvorbringt, hat er vielfach Recht, und wenn er hierin auch\nnur ausgesprochen, was alle Einsichtsvollen längst dachten,\nso ist doch der Muth anzuerkennen, womit er dies gethan.\nAuch würde es, um seine Reform-Gedanken zu würdigen,\ngar nichts entscheiden, ob seine eigenen Productionen\ntüchtig sind oder nicht. Aber leider ist er auch mit seiner\nTheorie vielfach auf dem Holzwege, und seine Grundsätze\nmögen nur allzu oft, vielleicht ihm selbst unbewusst, aus\ndem Gefühle seiner individuellen Unzulänglichkeit entsprin-\ngen. Seine Phantasmagorie einer Verschmelzung aller\nKünste in dem, was er sich unter dem Kunstwerke der\nZukunft vorzustellen scheint, beruht abermals auf einer\ngänzlichen Verkennung des Wesens aller Künste. Nim-\nmermehr werden die Werke wahrer Poeten und grosser\nbildender Künstler in dem Rahmen desselben Raum finden;\ndenn sie müssten einander auffressen, ihre Vereinigung\nin Einem Brennpunkte würde die Aufnahmsfähigkeit des\nmenschlichen Organismus übersteigen, oder jede einzelne\nin ihrem Gehalte so sehr abgeschwächt wer-\nden, dass sie eben aufhören würde, eine solche zu sein.\nIn wie fern aber Wagner nur den mannigfachen, immer\ndeutlicher erkannten Missbräuchen, Schwächen und Un-\nvollkommenheiten des Opernwesens und seiner Verfiachung\nentgegentritt, in wie fern er einer Annäherung und inni-\ngeren Verschmelzung der sich berührenden Künste\ndas Wort redet, in so fern stimmen wir ihm gewiss bei;\ndenn dass eine solche nach vielen Seiten hin ein Bedürfniss\nist und auch hin und wieder erstrebt wird, unterliegt kei-\nnem Zweifel. Man vernimmt leider so selten ein reines,\nd. h. Bloss aus Betrachtung der Sache entspringendes Ur-\ntheil, namentlich in der Journalistik, dass bei jedem, der\nein solches abgibt, immer erst gefragt wird: was trägt er\nfür einen Rock und was für einen Hut, was ist sein Stand\nund Gewerbe, zu welcher Partei gehört er; darnach\nwird sein Urtheil commentirt. Ich kann nun meinerseits,\nwenigstens bei Ihnen und Ihren geehrten Lesern, nicht in\nden Verdacht gerathen, dass ich Wagner'n opponirte aus\nblinder, einseitiger Vergötterung des Alten, aus Feindselig-\nkeit oder Stumpfheit gegen das Neue. Sie kennen meine\nhohe Verehrung für Robert Schumann, für Karl Löwe und\nich schmeichle mir mit der Befähigung, auch in dem un-\ngestempelten Neuen das nach irgend einer Seite\nwahrhaft Bedeutende zu erkennen und ihm meine lebhaf-\nteste Sympathie entgegen zu tragen. Aber natürlich werde\nich desshalb nicht das Neue preisen, weil es ein Neues und\nAbsonderliches ist. Es ist schlimm genug, dass man Er-\nscheinungen, welche in irgend Einem äusseren oder\ninneren Momente zusammentreffen, so gerne gleich als\nvöllig analoge hinstellt. Wie oft werden nicht Wagner,\nBerlioz und Schumann in Einem Athem genannt, als ob\nes sich um völlig gleiche Potenzen handelte, und wie\ngrundverschieden sind sie doch der Art und dem Grade\nnach! Es fehlt freilich nicht an ähnlichen Beispielen in der\nLiteratur, und es gab eine Zeit, wo man einen wahrhaft\nbedeutenden und tiefsinnigen Dichter der Gegenwart, Heb-\nbel nämlich, mit Grabbe zusammenwerfen zu können\nmeinte, während in dem ganzen Organismus beider doch\nhöchstens Eine Ader ist, welche derselben Quelle ent-\nspringt. Man könnte sich, wenn diese Anschauung Wagner's\ndie richtige ist, wundern, dass ein Mann, wie Liszt, dessen\ndurch und durch geniale Natur ich selbst von jeher immer\nlebhaft bewundert, der unstreitig für das Echte, Grosse\nund Schöne in der Kunst ein tiefes Gefühl besitzt, sich für\neine so zwitterhafte, innerlich hohle Natur zu begeistern\nvermag. Aber Liszt ist selbst, obwohl nach manchen Sei-\nten hin ein Phänomen und mit den reichsten, seltensten\nKräften ausgestattet, eine unreine Natur und trinkt leicht\nkünstlich erzeugten Champagner für echten, wenn er\nnur moussirt.\n(Schluss folgt.)\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHölii. Das Theater hat an den Carnevalstagen ein glänzen-\ndes Programm zur Ausführung gebracht: Sonntag der Prophet,\nMontagTannhäuser, Dinstag Sornmernac-htstraum, Mittwoch\nder Prophet, Donnerstag Don Juan. Das Haus war an allen Ta-\ngen besetzt, am Mittwoch überfüllt, lieber die Aufführungen des Pro-\npheten herrscht nur Eine Stimme, welche sowohl die Darstellungen der\nHaupt-Partieen, des Johann (Herr Kahle) und der Fides (Frau\nSchmidt-Kellberg) und das musicalische Ensemble, als auch\ndie Piegie des Herrn Röder, der auch in Decoration und Costu-\nmes grossen Aufwand gemacht hat, mit Recht preis't. Frau\nSchmidt erregt mit jeder Wiederholung der Oper (sie ist bereits\nsechsmal, die ersten fünfmal zu erhöhten Preisen gegeben) grosse-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "72", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540304-01.1.8", "texte": "Ren Beifall; ihre umfangreiche Stimme, welche bei einer glänzen-\nden Höhe auch die erforderliche vollklingende Tiefe hat, ist ganz\nlür diese kolossale Partie geeignet. Herr Kahle leistet in der That\nAusgezeichnete«; die Frische seines Tenors ist wahrhaft unverwüst-\nlich, er singt bis zum letzten Moment mit einer Zuversicht auf seine\nMittel, die sich stets rechtfertigt, und was wir ihm noch zu be-\nsonderem Lobe nachsagen müssen niemals verdrossen, sondern\nimmer mit sichtbarer Freude an seiner Aufgabe. Das zeigt den\nKünstler! besonders wenn man bedenkt, wie stark Herr Kahle\nhier beschäftigt ist. Wir dürften wenige Tenoristen haben, die am\nDonnerstag und Sonntag den Propheten, am Montag den Tann-\nhäuser und am Mittwoch wieder den Propheten zu singen im\nStande sind!\nDie Gesellschaft Humorrhoidaria gab am Dinstag in den\nMittagsstunden eine carnevalistische Vorstellung zum Vorlheil der\nArmen im Stollwerck'schen Theater, welche die Fahrt des Männer-\ngesang-Vereins nach London und die Anwesenheit einer englischen\nFamilie beim kölnischen Carneval zum Gegenstande hatte. Die mu-\nsicalische Partie derselben war meist recht gelungen. Wenn das\nStreben der jungen Gesellschaft, alles aus sich selbst zu erzeugen,\nan und für sich lobenswerth ist, so sollte dies doch - wenigstens\nbei öffentlichen Auftührungen die Zuratheziehung einer bühnen-\nkundigen Hand nicht ausscbliessen, wodurch manche Längen u. s. w.\nvermieden werden dürften.\n** HSOEI». Am 13. Februat- wurde hier im vierten Abonne-\nmcnts-Concerte Händcl's Messias unter der Direction unseres\ntüchtigen Musik-Directors, des Herrn von Wasielewski, aufge-\niührt, und zwar ganz, so dass wir einen Genuss, der drei volle\nStunden lang dauerte, hatlen. Was sagen Sie dazu? Ist das nicht\nclassisch? Das unsterbliche Werk hatte seine Anziehungskraft be-\nwährt, der Saal war so gefüllt, wie noch in keinem Concerte die-\nses Winters, und über die Ausführung sprach sich allgemeine Zu-\nfriedenheit aus. Dennoch wäre jedenfalls eine Verkürzung, wozu in\nIhrer Zeitung vor einiger Zeit eine Anleitung gegeben wurde, sehr\nwünschenswerth gewesen; jedoch ein Mitglied des Concert-\\or-\nstandes, dessen Aeusserungen gewöhnlich das Gellert'sche „Ach ja,\nHerr Amtmann, ja!\" hervorrufen sollen, erklärte sich, wie man\nsa<;t. dagegen, und aus den angegebenen Gründen blieb dasselbe\nin der Mehrheit oder vielmehr in der Einstimmigkeit. So bekamen\nwir denn den echten ganzen Händel. „Wie? • höic ich Sie\nsagen „auch den Mozart herausgeworfen, und mit Orgolbcglei-\ntung?\" Doch nicht! das soll zwar im Plane gewesen sein:\nd.e historisch-ästhetische Ansicht ist aber an musicalischen und\ntechnischen Bedenken, die ich nicht weiter ausführen will, ge-\nscheitert. « n*\n*** irrankrnrt a. M. In unserem letzten Muscuins-\nConcerte am 17. Februar erlaubte sich der Dirigent Herr Mes-\nser ein Verfahren, welches wir der öffentlichen Büge nicht ent-\nziehen zu dürfen glauben. Er führte die bekannte schöne Sinfonie\nvon Haydn in Es:\nauf, aber anstatt des dazu gehörigen geistreichen und humoristi-\nsehen Finalc's:\ngab er uns das allerdings auch treffliche, aber zu der genannten\nSinfonie weder historisch noch ästhetisch passende Finale aus der\nwelche mit dem Paukenwirbel anfängt! Was sa-\ngen Sie dazu? Springt man so mit Haydn um? und obenein in\neiner Kunstanstalt wie das frankfurter Museum, welche auf einen\ngewissen Rang Anspruch macht? Wo sind die Berechtigungen\nirgend eines Dirigenten, selbst des grössten Componisten unserer\nZeit, was Herr Messer doch nicht ist, zu solch einem Acte der\nW7illkür ? Weiss Herr Messer nicht, dass bei Haydn, wie bei Mo-\nzart und Beethoven alle vier Sätze einer Sinfonie organisch mit\neinander verbunden sind und von Einer Stimmung ausgehen? Wir\nhoffen, dass hinfort im Museum mit mehr Pietät und Achtung vor\nden Werken unserer classischen Meister werde verfahren werden,\nund dass man uns nicht anstatt eines fein gewebten Teppichs, der\nEin grosses Gemälde darstellt, einen aus verschiedenen, wenn auch\nschönen Lappen zusammengenähten Mantel vor die Augen hän-\ngen werde.\nParis. Am 21. Februar hat F. Hill er hier eine Soiree für\nEingeladene in Erard's Salons veranstaltet, in welcher er nur eigene\nCompositionen gespielt hat, unter andern die Trio-Serenade mit\nAlard und Franchomme, eine Duo-Serenade für Piano und Violon-\ncell, das Duo appassionato für Piano und Violine u. s. w. Am\n23. hat er ein Concert zum Besten der deutschen Hülfsgesell-\nschaft im Pleyel'schcn Saale organisirt, in welchem er mit Alard\neine Mozart'sche und mit Franchomme eine Beethoven'sche Sonate\nvortrug, und zuletzt eine freie Phantasie gab. Die Prinzessin Mar-\ncelline Czartoriska (Pianistin) und die Sängerin Frau Nissen-\nSaloman wirkten mit.\nDie Cruvelli macht fortwährend volle Häuser in den Huge-\nnotten. Fräul. Wertheimbcr ist ebenfalls bei der grossen Oper\nangestellt und hat bereits die Fides im Propheten zweimal gesun-\ngen. Durch eine Unpässlichkeit der Fräul. Düprez sind die Vor-\nstellungen von dem „Stern des Nordens4' auf einige Tage unter-\nbrochen worden."}]}