{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_sha256": "6f6cbaed3ad44761cce968b2585ec18df748aee15d7797e88398596faa4272bb", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/03/11_01/bmtnabi_1854-03-11_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "73", "page_fin": "74", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.1", "titre_corps": "Der Stern des Nordens.", "titre_sommaire": "Der Stern des Nordens.", "signature_source": "B. 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Ferner\nist zu bemerken, dass die grössere Hälfte des zweiten\nActes stark aus dem Rahmen- der komischen Oper her-\naustritt und besonders im Finale alle Mittel der grossen\nOper, sowohl in scenischer als in musicalischer Beziehung\nin Anspruch nimmt.\nBeim Aufgehen des Vorhangs befinden wir uns mitten\nin dem Lagerleben des russischen Heeres, welches, wie\nnatürlich, stark idealisirt vor uns auftritt. Der Redowa,\nder den Act beginnt, spricht durch seine Instrumentirung\nden Satz aus: „Wer heut zu Tage neu sein will, muss\ndas Oberste zu unterst kehren\" und so führen denn\ndie Contrabässe die Melodie, und die Piccolllöten accom-\npagniren. Es folgen die trefflichen Soldatenlieder (aus dem\nFeldlager), in denen sich Fussvolk und Reiterei gegenseitig\nbecomplimentiren, indem ein Grenadier den Cuirassier mit\nden Worten ansingt, nach denen jedesmal eine Trompeten-\nFanfare ertönt:\nBeau cavalier au coeur d'acier!\n(mit dem Herzen von Stahl!), und der Reiter entgegnet:\nGrenadiers, fters Moscovites !\nDie Verse des letzteren werden vom Chor wiederholt und\nentwickeln sich zu einem Gesammtstücke, während dessen\nauch noch allerlei militärischer Luxus getrieben wird, als\nda sind: Evolutionen, Parademarsch u. dgl. Man rief\ncapo; ein sicherer Beweis, wie wenig die Selbstverherr-\nlichung der russischen Soldatesca das musicalische Gefühl\nder Pariser durch politische Antipathie störte. Auf uns\nmachte, wie schon erwähnt, der deutsche Gesang auf\nfranzösischen Text und in russischer Uniform\neinen merkwürdigen Eindruck. Den Gegensatz bildet ein\nChor der Verschworenen, welcher ebenfalls dem „Feldla-\nger\" entnommen ist.\nDie lange Scene im Zelte, wo der Czaar und der\nGünstling sich betrinken, gibt zuerst zu einem TerzcttVer-\nanlassung, in welchem Katharine, als Soldat und Schild-\nwache vor dem Zelte, so dreist ist, ihre Sopranstimrne in\nden brausenden Bariton des Czaaren:\nJoyeuse orgie! vive folie!\nund den näselnden Tenor des Danilowicz zu mischen\neine Kühnheit, welche ihr sicher schlecht bekommen würde,\nwenn jene Beiden sie so gut als das Publicum hören könn-\nten; aber bekanntlich müssen Theater-Ohren oft taub für\ndie Stimmen in ihrer Nähe sein, und das Publicum besteht\nglücklicher Weise nicht aus lauter Richard Wagner. Ernst-\nlich genommen hat es immer etwas Störendes, wenn die\nIllusion auf solche Art herausgefordert wird, während es\nauf der anderen Seite sehr schwer, ja, fast unmöglich ist,\ndie Gränze zu bestimmen, bis zu welcher ihre, durch einen\nstillschweigenden Vertrag zwischen dem Dichter oderCom-\nponisten und den Zuschauern gesicherte, Anwendung gehen\ndürfe.\nDie zwei hübschen Marketenderinnen treten mit einem\nDuett auf, welches wir die Blüthe raffinirter Piquanterie\nnennen möchten und das in dieser Gattung allerdings sehr\nwirkungsvoll ist - wie es denn auch da capo gerufen\nwurde; allein für eine echt komische Musik, deren Werth\nin dem Charakter der Melodie liegt, wie sie Cimarosa,\nMozart, Boieldieu, Rossini und ohne unseres alten Dit-\ntersdorf zu gedenken selbst Lortzing geschrieben\nhaben, können wir sie nicht erklären. Diese Lagerdirnen\nstellen allerlei soldatische Scenen vor, Streit und Gefecht,\nSpiel, Trunkenheit, und die komische Zeichnung in Tönen\nberuht auf der nachahmenden, plastischen oder onomato-\npoetischen Musik, wie wir sie aus dem Feuerschlagen im"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4114, "texte": "Terzett im Propheten kennen, welche aber hier nicht bloss\nin die Instrumente, sondern auch in die Singstimmen ge-\nlegt ist, die mit allerlei Schnarren und Schnurren ausge-\nstattet sind. Zum Erfolg des Stücks gehört eine gute\nTechnik im Gesang und ein sehr gewandtes Spiel, wie sie\nihm hier allerdings durch zwei talentvolle junge Mädchen\nzu Theil wurden.\nDie Scene schliesst mit einem grossen Quintett, un-\nstreitig dem besten neuen Musikstück in der ganzen Oper;\nes offenbart Meyerbeers Talent in ganzer lebensvoller Fri-\nsche und ist trefflich gearbeitet.\nDas Finale, mit der Scene eröffnet, in welcher der\nCzaar durch sein Erscheinen die Empörer niederschmettert\nder Glanzmoment seiner Rolle auch in musicalischer\nHinsicht —, ist, wie gesagt, nach grossartigem Maassstabe\nangelegt und mit Talent und grosser Kunst durchgelührt.\nDen Grundton gibt der hymne d. h. der Dessauer\nMarsch, dazu her, den das Orchester spielt. Mit ihm ver-\neinigen sich beim Erscheinen der treuen Regimenter die Mu-\nsikcorps derselben auf der Bühne, von der einen Seite Trom-\nmeln mit Piccolflöten und kleinen Clarinetten, von der ande-\nren eine vollständige Blechmusik, diese in jene in\nD-moll, und so wirken denn vier gewaltige Massen: Chor,\nOrchester und zwei Regiments-Musiken, in einem kunstvoll\ngeordneten Durcheinander und Miteinander, und erzeugen\neinen von jenen materiellen Effecten der neueren Musik,\nwie sie der Componist der Hugenotten und des Propheten\nallerdings zu schreiben versteht. Ob nun bei all dem Auf-\nwände von Mitteln das Ganze dennoch immer Musik bleibt\nund nicht Lärm macht, wie Berlioz in seiner Kritik behaup-\ntet, das wagen wir nicht zu unterschreiben. Wenn er\naber hinzusetzt, dass man hier „keine instrumentalen noch\nrhythmischen Brutalitäten fände, keine dicken Bündel von\nAccorden, die einem wie eine Kelle voll Mörtel ins Gesicht\ngeworfen würden\", so finden wir diese Bemerkungen aus\ndem Munde des Componisten des Requiems und der dra-\nmatischen Sinfonieen recht liebenswürdig naiv.\nDie Musikstücke des dritten Actes sind nicht alle\nvon gleichem Werth, und eines oder zwei könnten besser\nweg bleiben. Das Czaarenlied zu Anfang desselben ist\neinfach und melodiös, recht hübsch auch die Couplets, in\nwelchen Prescovia, die hier mit ihrem Manne, Katharinens\nBruder, wieder erscheint, ihre Reise von Finnland nach\nMoskau beschreibt. Auch diese wurden da capo gerufen.\nDie Hauptsache ist die Wahnsinns-Scene Katharinens,\nAndante in As-dur, von drei Violoncelli und Harfe vor-\nzugsweise begleitet, woran sich dann das Terzett zwischen\nder Singstimme und den zwei Flöten aus dem „Feldlager\"\nschliesst, eine ursprünglich für Jenny Lind geschriebene\nGlanzpartie.\nDass die Oper einen ausserordentlichen Erfolg gehabt\nhat, wirst Du durch die Zeitungen gehört haben. Es ist\nwirklich so; wie viel Anlheil die gewöhnlich hier in Bewe-\ngung gesetzten Mittel daran gehabt haben, ist schwer zu\nsagen. So viel ist indess gewiss, dass der bei Weitem\ngrösste Theil des zahlreichen und glänzenden Publicums\nsehr befriedigt war. Nur einige alte Habitues des Theaters\nhörte ich über den militärischen Spectakel murren. „Eh\nbien! nous voilä ä laparte sagte der Eine.\n„Dilcs plutut chez Franconi\", erwiderte der Andere am\nSchlüsse des zweiten Actes. Die Kritik unter allen Formen\nist natürlich nur voll Bewunderung, Berlioz und Fetis, der\nexpress desshalb hergekommen ist, an ihrer Spitze. Nur\nein Zusatz-Ariikelchen zu dem Bericht in der France Mu-\nskate wagt folgende verblümte Stichelei:\n„Welch ein Fortschritt in der musicalischen Intelli-\ngenz des Publicums! Meyerbeer's neue Oper hat man auf\nder Stelle verstanden. Kein Effect, keine Note ist den\nfünfzehnhundert Personen entschlüpft, welche so glücklich\nwaren, der ersten Vorstellung beizuwohnen, und, was noch\nwunderbarer ist, kein einziges Stück ist der Bewunderung\nder Kritik entgangen. Dieser kunstsinnige Enthusiasmus\nhat sogar den Text in seinen Schutz genommen. Ueber\ndie Erhabenheit der Partitur existirt nur eine rührende\nEinstimmigkeit; zu verwundern ist bloss, dass man nicht\nauch das Gedicht für das Meisterstück des berühmten Aka-\ndemikers erklärt.\"\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "74", "page_fin": "76", "image_debut": 2, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.2", "debut_caractere": 4116, "fin_caractere_exclue": 4816, "texte": "Wiener Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 9.)\nEntschuldigen Sie, geehrter Herr Professor, dass dies-\nmal aus einem einfachen Correspondenz-Artikel eine kleine\nAbhandlung geworden ist. Veranlassung dazu bot mir die\nAufführung der Ouvertüre und eines Chors aus dem\nTannhäuser im dritten Spirituel-Concerte. Ich\nkann mich eines Urtheils über dieses Detail-Werk entheben\nund mich einfach auf das oben Ausgesprochene beziehen.\nNur das Eine füge ich noch hinzu: dieses ist Tonmalerei\nim schlimmen Sinne des Wortes. Diese Musik verliert, ihres\nmateriellen Substrates entäussert, alle Berechtigung und\nist, obwohl sie den Inhalt des Drama's allerdings abspie-\ngelt, namentlich in der zweiten Hälfte geradezu widerwär-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5203, "texte": "tig. Wagner verachtet die absolute Musik; diese rächt sich\naber und verachtet ihn. Das jedoch, was Wagner in sei-\nnem Sinne der absoluten Musik entgegenstellt, verhält\nsich zu dieser ungefähr wie die allegorische Tendenz-Poesie\nzur echten Poesie. Was die Aufnahme der Wagner'schen\nMusik betrifft, so klatschten die Einen Beifall, Andere op-\nponirten, die grosse Mehrzahl schwieg. Dies ist auch völlig\nnatürlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Ta-\ngeskritik sprach sich, so viel mir davon zu Gesicht gekom-\nmen, mehr oder weniger entschieden gegen Wagner aus.\nIch zweifle, dass sich seine Opern hier behaupten würden,\nwomit jedoch nicht gesagt sein soll, dass sie nicht gegeben\nwerden sollten; vielmehr trägt Jedermann begreiflicher\nWeise das lebhafteste Verlangen danach. Nebst den Wag-\nner'schen Sachen wurden im dritten Spirituel-Concerte\nHiller's Ouvertüre zur Phädra und Beethoven's\ngöttliches Es-dur-Concert gegeben. Jene Ouvertüre ist eine\nsehr schöne Arbeit, deren volle Anerkennung bei Manchen\nnur durch den einen Umstand etwas beeinträchtigt wurde,\ndass sie allzu sehr die Spuren Mendelssohn's zeigt. (?) Bei\nallen Kennern war über den Werth dieser Composition nur\nEine Stimme; wie aber das grosse Publicum diese treff-\nliche Ouvertüre kalt vorübergehen lassen konnte, begreife\nich nicht. Vielleicht trug die fieberhafte Spannung dazu bei,\nmit welcher man der Frau Venus und der Welterlösung\nharrte, die im Hintergrunde lauschten. Die Ausführung\nsämmtlicher Werke war in diesem Concerte eine vorzüg-\nliche (nur die Räumlichkeit allerdings für die Wucht der\nWagner'schen Musik zu eng), und Herr Dachs spielte den\nCiavierpart des Beethoven'schen Concertes ganz vortrefflich.\nIn der Oper wurde neulich wieder einmal nach langer\nPause der Freischütz mit grösstentheils neuer Besetzung\ngegeben. Doch kann ich Ihnen über diese Vorstellung für\ndieses Mal um so weniger im Detail berichten, als ich ver-\nhindert war, am ersten Abende der Reprise beizuwohnen.\nSie soll im Ganzen zwar befriedigend gewesen sein, aber\nman weiss doch an sämmtlichen Darstellern: Fräul. La\nGrua (Agathe), Frau Marlow (Aennchen), Herr Drax-\nler (Caspar) und Herr Erl (Max), insbesondere an dem\nLetzteren, mancherlei auszusetzen. Vielleicht komme ich\nspäter noch einmal darauf zurück. Spontini's „Vestalin\"\nund Flotow's „Matrosen\", deren Inscenirung bereits im\nGange, die erstere sogar schon auf dem Reper-\ntoire angesagt war, sind wieder zurückgelegt worden.\nDieser Wankelmuth ist seltsam, aber noch seltsamer, was\nman sich als dessen Veranlassung erzählt. Diese soll näm-\nlich aber das ist wohl nur eine schnurrige Anekdote\neiner jener modernen Hexenmeister, ein schreibendes\nTischchen, gegeben haben, welches beiden Opern ein Fiasco\nprophezeite. Die solideren Gründe, welche angegeben wer-\nden: eine zu hohe Honorar-Forderung Flotow's und die\nUnpässlichkeit eines in der Spontinischen Oper beschäftig-\nten Mitgliedes, scheinen mir nicht recht stichhaltig; denn\ndie Honorar-Frage pflegt doch bei einer neuen Opern-Auf-\nführung gewiss nicht ganz zuletzt erwogen zu werden,\nund der Theaterzettel meldet Niemanden unpässlich als die\nTänzerin Fräul. Lanner, die in der Vestalin kaum unent-\nbehrlich sein wird. Was soll man also denken? Director\nCornet hat unlängst in unserem officiellen Regierungs-Or-\ngane eine Art Rechtfertigung seiner bisherigen Amtsthätig-\nkeit veranlasst, die aber nicht sonderlich geglückt ist. Es\nwird aufgezählt, wie viele neue Opern in dem verflossenen\nJahre gegeben, wie viele neu inscenirt wurden. Das Quan-\ntum entscheidet aber nicht. Dass man der Verpflichtung,\nso manches längst verschollene Meisterwerk einer früheren\nPeriode der Gegenwart wieder vorzuführen, noch nicht\nnachgekommen sei, wird mit der Verpflichtung gegen die\nAbonnenten (!) entschuldigt, alljährlich eine gewisse Anzahl\nneuer Opern zu bringen. Fürs Erste ist aber eine alte\nOper, welche man nie oder vor Jahrzehenden gehört, so\ngut wie eine neue; sodann ist schwer einzusehen, wie so\nzwischen den obigen beiden Verpflichtungen ein Wider-\nspruch bestehe, noch schwerer aber zuzugeben, dass\nbei aller Achtung für den „hohen Adel\" die Rücksicht\nfür einige Logen-Abonnenten ein grösseres Gewicht in der\nWagschale gäbe, als die für das gesammte Publicum und\nalle Kunstfreunde. Endlich sagt jener Bericht, es wäre bis-\nher noch kein Grund vorhanden, den Opernwerken Rieh.\nWagner's die Räume der k. k. Hof-Opern-Bühne zu er-\nschliessen. Das heisse ich von der Höhe des Olymps herab\ngesprochen! Seine Jupiter-Majestät möge sich aber nur er-\ninnern, dass er, wie ich zufälliger Weise zu genau weiss,\nselbst immer laut verkündet, er wolle Wagner auf jeder\nBühne zur Geltung bringen, die unter seine Leitung zu\nstehen komme. Man hat lange gesagt, dass der Einführung\nWagner's bei uns andere als reine Directions-Gründe im\nWrege ständen. Aber nachdem seine Opern schon einmal\nin Gratz und Pesth gegeben worden, seine Musik in unse-\nren Concertsälen erklingt, ist an jene Gründe für die Sprö-\ndigkeit der Hof Opern-Bühne doch schwer zu glauben. Und\nwarum sollte dies jener Artikel nicht haben andeuten\ndürfen? Dass Cornet sich einige Regie-Verdienste erwor-\nben, ist der einzige Punkt, in welchem man demselben bei-\nstimmen kann."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3323, "texte": "Einige Sensation erregt gegenwärtig ein Herr Stock-\nhausen, ein geborener Strassburger und Schüler Garcia's.\nIn Vieuxtemp's letztem Concerte lernte ihn das Publicum\ndurch den Vortrag einiger Mendelssohn'schen Lieder ken-\nnen und zeichnete ihn durch so lebhaften Beifall aus, dass\ner sich zu einem Cyklus eigener Concerte veranlasst fand,\nderen erstes eben heute Statt hatte. Er besitzt eine wohl-\n\\\ntönende, wenn auch etwas trockene Baritonstimme, eine\nvortreffliche Bildung und ist jedenfalls im Liederfache der\nausgezeichnetste Sänger, welchen wir seit Langem im Con-\ncertsaale gehört. Er sang dieses Mal zwei von den Schu-\nbert'schen Müllerliedern („Der Müller an den Bach\" und\n„Wohin?\"), dann Arien aus der diebischen Elster, aus\ndem Johann von Paris und mit Fräul. Marie Cruvelli,\neiner Schwester der berühmten Sophie Cruvelli, ein Duett\naus Semiramis. Für den dramatischen Vortrag nun bringt\ner zwar alle technische Fertigkeit und Kunstbildung mit,\naber nicht die nöthige Kraft des Organs, daher er denn\nseine schönsten Erfolge im Liede gewinnt. Die geehrten\nConcert-Sänger und Sängerinnen mögen es sich bei dieser\nGelegenheit ad notam nehmen, dass auch Schubert\nund nicht bloss im Erlkönig nebst einigen anderen Lie-\nder-Componisten sehr „dankbare\" Aufgaben stellen, die\nnur mit Einsicht und Empfindung gelös't zu werden brau-\nchen, um ihrer zündenden Wirkung gewiss zu sein*). Frl.\nMarie Cruvelli erfreut sich eines schönen, hellklingenden\nOrgans (Mezzo-Sopran), das aber nicht gleichmässig genug\nausgebildet ist; in der Tiefe namentlich trägt sie zu dick\nauf, und die Höhe muss sie forciren. Vieuxtemps, der auch\nnoch zuletzt in diesem Concerte spielte, reis't heute nach\nBerlin ab, nachdem er zuletzt noch auf mehreren Vorstadt-\nBühnen, zum Theil zu wohlthätigen Zwecken, gespielt. Er\nhat sich viele Lorbern und nicht wenig Geld verdient. Jetzt\nscheinen die Nacht-Concerte an die Reihe zu kommen.\nStockhausen beginnt damit, Leopold v. Meyer folgt\nnach, und vielleicht tritt auch Frau Jenny Lind-Gold-\nschmidt in diese Fussstapfen. Auch der Cellist Heinrich\nSeh mit, der aus dem Reussenlande zu uns gekommen,\ngab noch ein Concert. Doch vermag ich seinem Spiele nicht\ngrossen Geschmack abzugewinnen. Ein Sinfonie-Satz von\nGebel, welcher sein Concert einleitete, ist ziemlich langwei-\nlig. Doch muss ich bei dieser Gelegenheit abermals des\ntrefflichen Violinisten Herrn Ludwig Strauss gedenken,\nwelcher mit dem Concertgeber eine freilich absurde Com-\nposition von Lwoff vortrug, „Das Duell\" betitelt. Das nächst\nbedeutendste Kunst-Ereignissist aber jedenfalls die Auf-\nführung der neunten Sinfonie im dritten Vereins-Con-\ncerte. Von der Broschüre, von welcher schon vor einem\nhalben Jahre unter dem Titel „Allgemeine Bemer-\nkungen und Recensionen über Theater und M-\nusik\" zwei Hefte erschienen, ist nunmehr ein drittes Heft\nausgegeben worden. Doch ist sein Inhalt ziemlich uner-\nquicklich und durch breite Ausführung ermüdend, wenn-\ngleich immerhin die gute Gesinnung lobend anzuerkennen\nist. Man nennt mit völliger Bestimmtheit als Verfasser eine\ndurch Geburt hochgestellte Persönlichkeit, und in Anbe-\ntracht dessen, was sonst in diesen Kreisen in Kunst und\nWissenschaft geleistet wird, ist die Arbeit eine sehr ver-\n_l*_ .i I ' 1 TV\ndienstliche.\n*) Und das inuss in Wien erst noch gesagt werden?!\nDie Redact.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "76", "page_fin": "78", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.3", "titre_corps": "Aus Wiesbaden.", "titre_sommaire": "Aus Wiesbaden.", "signature_source": "Hf", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.4", "debut_caractere": 3325, "fin_caractere_exclue": 4989, "texte": "Aus Wiesbaden.\n\n[Quartett-Verein Ernst Frl. Siona Levy Cäci-\nlien-Yereins-Concert Der Violinist Remcnyi.]\nDen 27. Februar 1854.\nEs regt sich einmal wieder tüchtig in unserer musica-\nlischen Welt. Ohne dem Vorzuge und dem grossen Rufe\neines Künstlers, wie Ernst, der unsere Residenz auch mit\neinem flüchtigen Besuche beehrt hat, zu nahe zu treten,\nberichte ich Ihnen der Reihe nach und nenne als hervor-\nragenden Genuss die zweite Quartet t-Versam m lung\nder Herren Hagen u. s. w., in welcher wir Haydn, Op.\n54, in E-dur,Mozart, Nr. 6, in und Beethoven,\nOp. 59, in E-mollhörten. Mit jeder neuen Leistung wird\ndie Ausführung besser; ein vollkommenes Ganzes kann na-\ntürlich nur erst durch langjähriges Zusammenspiel erreicht\nwerden, aber es ist rühmenswerth, wie sehr sich unsere\nKünstler bereits der Lösung der Aufgabe nähern, die Grund-\nIdee des betreffenden Werkes, seinen Haupt-Charakter\ndurch eine einheitliche, getreue, richtig in einander greifende\nDarstellung wiederzugeben. Am meisten regle das Beetho-\nven'sche Quartett die Zuhörer, freilich nur eine kleine\nSchar, auf. Wie glücklich ist es, dass die drei grossen\nMeister mehr componirt als geflugschriftet haben!\nFreilich brauchten sie auch keine Programme, Commentare,\nmusicalischen und ästhetischen Glaubensbekenntnisse in die\nWelt zu schicken, um dem Publicum zum Verständnisse\nihrer Werke zu verhelfen; denn was sie wollten, das\nzeigte ihr Können, und ihre Ideen bedurften keiner phi-\nlosophischen Dolmetschung. Aber nur Geduld! Auch un-\nserer durch den Wortschwall der „Hopliten\" aus der\nPropaganda betäubten und durch das Flackerlicht der fal-\nschen Propheten geblendeten Generation beginnt es schon"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4961, "texte": "wie Schuppen von den Augen zu fallen, wie Sie längst\nprophezeit haben, und wir wollen uns Glück dazu wünschen.\nAm Tage nach dem Quartett-Abende fand die zweite\nAuflührung des „Tannhäuser\" unter Hagen's Leitung Statt.\nDie Besetzung war zum Theil neu. Herr Thelen als Land-\ngraf übertraf seine Vorgänger; Fräul. Köhler war keine\nVenus im Wagner'schen Sinne, sogar ihr Gesicht konnte\nden Ausdruck der Schaam nicht verläugnen, was ihr gar\nnicht zur Unehre gereicht; Herr Peretti (Tannhäuser)\nwar, wie immer, gut.\nAm 20.Februar hörten wir Emst, den echten Künst-\nler, den königlichen Beherrscher seines Instrumentes. Er\nführte uns die beiden Gattungen seiner musicalischen Er-\nzeugnisse, die ernste und die heitere, in schönen Tondich-\ntungen vor. Es ist uns immer, als spräche sein seelenvolles\nSpiel es aus, dass dem Erdenwaller keine ungetrübte Freude\nerblühen könne, als wäre es ein Commentar zu dem viel-\ngerühmten Motto: „Aus Freuden sehne ich mich nach\nSchmerzen\", oder richtiger zu dessen Original: „Lieber\ndurch Leiden möcht' ich mich schlagen, als so viel Freu-\nden des Lebens ertragen!\" Gleichviel, bei Ernst ist dieses\nWahrheit, ist es Natur, nicht überreizter Nerven-Affect; es\nscheint, als müssten wir ihm wünschen, das Leben freund-\nlicher anzuschauen, heiterer in die äussere Welt und in\nseine innere zu blicken. Er wurde enthusiastisch empfan-\ngen und mit immer steigendem Beifall mehrere Male geru-\nfen. Er spielte sein Allegro pathetique in Fis-moll mit Or-\nchester, ungarische Weisen, Albumblatt (Transscription)\nvon St. Heller, Notturno, Andante spianato und den Car-\nneval von Venedig.\nDas Allegro pathetique ist eine schöne Composition,\nin der viel Poesie und melodischer Reiz liegt; die Violin-\nPartie kann nur wohl Ernst allein so vollendet spielen, so-\nwohl was Innigkeit des Tones als technische Vollkommen-\nheit betrifft. Seine Auffassung der düsteren, den leiden-\nschaftlichen Vortrag so herausfordernden „ungarischen\nWeisen\" war herrlich und ergreifend; man dachte unwill-\nkürlich an den Schmerz so vieler Edlen dieses Volkes.\nFräulein Siona Lew, erste dramatische Künstlerin\nam Odeon in Paris, Ernst's Reisegefährtin, sprach\nd'Athalie von Racine, Les Im von\nGirardin, und im Conversations-Tone\nvon Alfred de Musset. Sie erinnert zwar oft an die Rachel,\naber schnaubt und wüthet wie ein weiblicher Ira Aldridge,\nder Schwarze, wodurch sich dann gar Manche was weis\nmachen lassen. Kann solche Uebertreibung Ausdruck irgend\neines Schönen sein? Das reine Gefühl wird durch solche\nzerrbildliche Declamation und Darstellung verletzt und wen-\ndet sich mit Unwillen davon ah; aher freilich das Frap-\npante und Stutzigmachende passt Cur unsere Zeit, man steht\nverblüfft und klatscht. Frl. Levy spricht ein schönes\nFranzösisch, hat die Lebendigkeit und gesellschaftliche Ge-\nwandtheit einer geschwätzigen Französin und ein angeneh-\nmes Aeusseres; das ist alles, was sie zum öffentlichen Auf-\ntreten berechtigt. Doch halt! ich hätte das Wichtigste bei-\nnahe vergessen: sie ist aus Paris!\nDas Orchester spielte zwei herrliche Ouvertüren, die\nMozart'sche zum Titus, die Weber'sche zur Euryanthe.\nWie schwach erschienen dem Zuhörer bei den wundervol-\nlen Melodieen der letzteren die Wagner'schen Nachbildun-\ngen im Tannhäuser! Leider muss ich aber noch erwähnen,\ndass das Theater in diesem Concerte von Ernst nicht ge-\nfüllt war, was in der That beschämend für unser Publicum\nist. Ihre Hoheiten der Herzog und die Frau Herzogin mit\nGefolge waren anwesend.\nEine Auffuhrung von Figaro's Hochzeit (Figaro,\nHerr Thelen Gräfin, Fräul. Stork Susanna, Fräui.\nKöhler Cherubin, Fräul. Mayer) verdient als wohl ab-\ngerundet Erwähnung.\nAm 21. Februar veranstaltete der Cäcilien-Ver-\nein, welcher gute Kräfte hat, sich einer tüchtigen Leitung\nerfreut und eine edle, wenngleich etwas einseitige, Richtung\nverfolgt, ein Concert, worauf am 23. dasjenige des unga-\nrischen Violin-Virtuosen Remenyi folgte, welcher sich\nnoch seit der vorjährigen Cur-Zeit hier aufhält.\nDas erstere, stark besuchte Concert brachte unter Herrn\nCapellmeister Hagen's Leitung die achte Sinfonie (F-durj\nvon Beethoven, die an dem sehr gemischten Publicum\nziemlich kalt vorüberging, was auf die Ausführung selber\neine beeinträchtigende und den Erfolg schwächende Rück-\nwirkung hatte; ferner den zweiten Psalm für zwei Chöre\nund Solostimmen von Mendelssohn, den ersten Satz\naus dem Hummel'sehen H-moll-Concert, von Frl. Rum-\nmel brav gespielt, den 95. Psalm von Mendelssohn,\nmehrere Vocal-Quartette von Gade und Schumann und\nChöre von Mendelssohn, nebst Mendelssohn'schen Lie-\ndern, gesungen von einer hiesigen Dame, die sehr anspra-\nchen, und zum Schlüsse die Ouvertüre „Im Hochland\", von\nNiels Gade, deren Romantik fesselnd ist. Die musicali-\nschen Malereien sind getreu, doch keineswegs neu, und ich\nmöchte den allgemeinen Erfolg dieser Composition sehr in\nFrage stellen; von durchgreifender, schlagender Wirkung\nist sie nicht. Die Chöre waren recht gut studirt, die Soli\nin guten Händen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1894, "texte": "Tags darauf fand das Concert des Violinisten Reme-\nnyi Statt. Auf starken Fittichen der Protection getragen,\nwar das Concert ein besuchtes. Herr Remenyi hat ein un-\nbestreitbares Talent und grosse, jedoch keineswegs bewun-\ndernswürdige Fertigkeit. Er beherrscht auch sein Instru-\nment, aber in nicht immer edler Weise. Gewiss nur We-\nnige des Auditoriums, am allerwenigsten der Concertgeber\nselbst, hatten den Abend früher Ernst gehört; erstere wä-\nren heute Abends weniger entzückt gewesen, und Herr\nRemenvi hätte Manches lernen können. Und einem Jün«;-\n«j o\nlinge steht's gewiss wohl an, von dem Gereifteren in der\nKunst etwas zu lernen; aber die neuere Schule lernt nicht,\nsie verneint und verlangt Unterwerfung. Herr Remenyi, der\nsich seit länger als einem halben Jahre hier aufhält, soll ein\nPflegebefohlener Liszt's sein. Ich wünschte ihm alles Erns-\ntes, er ginge bei Ernst in die Schule; vielleicht brächte\nihn der noch zeitig vom Ab- und Irrwege. Er spielte Beet-\nhoven's A-moll-Sonate mit einer Dilettantin von hier; Ihr\nPixis in Köln spielt sie viel ergreifender. Zuweilen vergisst\nsich Herr Remenyi so, dass er nicht rein spielt.\nDas Adagio, das wunderliebliche, kann schon ein mittel-\nmässiger Spieler mit sicherer Aussicht auf Beifall spielen (?),\ndenn es ist zu innig und einfach. Besser gefiel mir von ihm\ndie Seena Cantahile von Spohr. Dann trug er noch Ciac-\nconna von S. Bach vor, für Violine allein, eine Etüde, welche\neine gute Studie sein mag, aber nicht in den Concertsaal\npasst, und den unvermeidlichen Carneval. Das geworbene\nPublicum spendete ihm vielen Beifall; vielleicht nützten Wei-\nsungen eines Ernst, Joachim und Pixis ihm mehr. Eine an-\ndere sehr geschätzte Dame von hier sang mit gewohnter\nInnigkeit, tiefer Empfindung Schubert'sehe und Men-\ndel ssohn'sehe Lieder und eine Cavatine aus Lucrezia.\nEs bekundeten sich bei ihr die gründlichsten Gesangstudien.\n\nHf."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "78", "page_fin": "79", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.4", "titre_corps": "Die Musikschule zu Dessau.", "titre_sommaire": "Die Musikschule zu Dessau.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.6", "debut_caractere": 1896, "fin_caractere_exclue": 4892, "texte": "Die Musikschule zu Dessau.\nDiese Anstalt, von Friedrich Schneider ge-\ngründet und seit einigen Jahren von seinem Sohne Theo-\ndor Schneider neu organisirt, unterscheidet sich da-\ndurch von anderen Musikschulen, dass sie mit ihrem\nUnterrichtsplane nicht das ganze weite Gebiet der Ton-\nkunst umfasst, wobei das Resultat nur gar zu leicht\nals in omnibus aliquid, in toto nihil sich herausstellt,\nsondern ihre Aufgabe beschränkt und den Unterricht auf\ndiese concentrirt. Es fehlt freilich nicht an vortrefflichen\nLehrern für die praktische Ausbildung auf dem Piano-\nforte, der Orgel, allen Bogen- und Blas-Instrumenten,\nso wie im Gesang; allein dieser Unterricht wird nur\nvon dem Directcr der Anstalt planmässig geleitet und\nüberwacht, liegt aber sonst ausserhalb derselben und\nwird auch den betreffenden Lehrern von den Schülern\nbesonders honorirt. Die Haupt-Aufgabe ist der Unter-\nricht in der Compositions-Lehre durch Theorie\nund praktische Uebung im Schreiben, und in Bezug auf\ndie ausübende Kunst die Anleitung und Uebung im\nZusammenspiel und im Dirigiren,\nDer theoretische Cursus ist auf drei Jahre festge-\nstellt; der Unterricht wird nach Friedrich Schneider's\nGrundsätzen, mit Berücksichtigung desjenigen, was sich\naus neueren Systemen bewährt zeigt, ertheilt und um-\nfasst im ersten Jahre: Harmonie-Lehre, Modulation, Rhyth-\nmus, Stimmenführung; im zweiten Jahre: einfachen Con-\ntrapunkt, zwei-, drei- und vierstimmigen Satz, Melodie-\nbildung, Formenlehre; im dritten Jahre: Fortsetzung des\nContrapunktes in vier- und achtstimmigem Satz, Formen-\nund Compositions-Lehre, doppelten Contrapunkt, Fuge,\nPartitur- und Instrumentations-Studien, Directions-Kennt-\nnisse.\nDie Schüler bilden drei Gassen; alle Arbeiten\nderselben werden von dem Director nachgesehen. Da-\nneben besteht aber auch die Einrichtung, dass die Aus-\narbeitungen der Schüler der untersten Classe von denen\nder zweiten, und die Aufgaben dieser von den Schülern\nder obersten Classe nachgesehen werden, eine An-\nordnung, welche auf praktische Weise den Blick für das\ngrammatisch Richtige und Correcte schärft und zugleich\nin pädagogischer Hinsicht den Ehrgeiz auf eine zweck-\nmässige Weise anspornt.\nDie Uebungen im Zusammenspiel von mehrstimmiger\nKammermusik, Solo-Vorträgen mit Quartett- oder Or-\nchester-Begleitung u. s. w. finden wöchentlich Statt; eben\nso die Gesang-Uebungen. An den letzteren activen oder\npassiven Antheil zu nehmen, ist jeder Schüler verbunden,\nso wie auch alle, sie mögen dabei beschäftigt sein\noder nicht, bei den Uebungen im Zusammenspiel zugegen\nsein müssen. Die Direction bei beiden Uebungen wechselt\nnach der Bestimmung des Vorstehers der Anstalt unter\nden Schülern der obersten Classe ab. Den für jede Ge-\nsammt-Ausführung ernannten Dirigenten oder Vorspielern\nliegt es ob, die gehörigen Proben zu derselben zu halten\nund darüber Bericht zu erstatten. Die Gesang-Uebungen\nbezwecken ausser der praktischen Uebung im Männerge-\nsang auch die Bekanntschaft mit den Compositionen für\ndiese Musikgattung."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1079, "texte": "Der Anfang desLehrcurses findet jährlich zu Ostern\nStatt; dieses Jahr am 24. April. Das Honorar beträgt\n48 Thaler jährlich und 2 Thaler für Anschaffung von\nMusicalien.\nAn Gelegenheiten und Mitteln zur musicalischen Aus-\nbildung fehlt es ausserhalb der Anstalt keineswegs, viel-\nmehr dürfte sich kaum irgendwo anders eine ähnliche\nMenge derselben und eine ähnliche Liberalität für ihre\nBenutzung finden. Dahin gehören die Proben der herzog-\nlichen Capelle (im Sommer dreimal wöchentlich), die zwölf\nAbonnements-Concerte im Winter mit den dazu gehörigen\nProben, die regelmässigen Kirchenmusiken an Sonn- und\nFesttagen in der IJauptkirche, die Vorstellungen des flof-\ntheaters, die Uebungen der Sing-Akaclemie und die grös-\nseren Aufführungen der vereinigten Sing Akademie und\nHofcapelle.\nMit Genehmigung Sr. Hoheit des Herzogs ist den\nbefähigten Schülern thätige Mitwirkung in der Hofcapelle\ngestattet; allen steht der Besuch der Abonnements-\nConcerte, der Proben der Capelle und der\nOpern-Proben frei, eben so der Zutritt zu den all-\nwöchentlichen Versammlungen der Sing-Akademie."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "79", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.5", "titre_corps": "Aus Gotha.", "titre_sommaire": "Aus Gotha.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.7", "debut_caractere": 1081, "fin_caractere_exclue": 5100, "texte": "Aus Gotha.\nDen 19. Februar 1854.\nDie hiesigen Musik-Zustände sind glücklicher Weise gegenwär-\ntig auch bei uns in einem merklichen Fortschritte begriffen. Wie\nviel oder wie wenig hierbei auf Rechnung des Zeitgeistes oder ein-\nzelner um die Sache verdienter Männer zu setzen sei, lasse ich un-\nberührt. Gewiss ist, dass einige zufällige Umstände, wie die wie-\nderholten Garten-Concerte der Capellen der Stadt-Musici Fischer\naus Weimar und Harras aus Arnstadt im Laufe des vorigen Som-\nmers, die Sympathieen für Instrumental-Musik geweckt haben, wo-\ndurch es auch dem Ersteren möglich wurde, sechs Abonnements-\noder Sinfonie-Concerte hier zu Stande zu bringen. Abonnements-\nConcerte! so etwas war dem jüngeren Geschlcchte Gotha's etwas\nganz Neues. Welche Hoffnungen knüpfen sich an diesen Namen!\nMan denkt dabei unwillkürlich an das Gewandhaus in Leipzig,\nan das Casino in Köln, an die Sinfonie-Soireen in Berlin. Das ge-\nwählte Local war der Saal im Schiesshause. Allen Respect vor\ndem Orchester des Herrn Fischer, es ist unstreitig die beste Stadt-\nmusik-Capelle in Thüringen. Da wir unsere herzogliche Capelle\nnur während der Theater-Saison hören und niemals in Sinfonie-\nLeistungen, so ist die Organisation eines städtischen Orchesters für\nGotha ein dringendes Bcdürfniss, welches hoffentlich durch die Be-\nsetzung der Stelle des Stadt-Musicus mit einem tüchtigen Manne,\ndem Herrn Harras aus Arnstadt, befriedigt werden wird.\nDie Fischer'sclien Concerte sollten der Ankündigung nach in\ndie Monate October, November und December fallen, d. h. in die\nZeit der Ebbe unserer Musikzeit. Hr. Fischer hat aber darin nicht\nW ort gehalten, was eine ernste Rüge verdient. Ob ferner etwaige\nAbonnementsverhältnisse ihn zu so grossen Concessionen an die\ngrosse Menge nöthigten, wie er sie durch Aufführungen von Tanz-\nmusik und Potpourris neben Bccthovenschen Sinfonieen und clas-\nsischen Ouvertüren gemacht hat, wissen wir nicht; wir waren nur\nfroh, dass dergleichen Zuthat gewöhnlich in den zweiten Theil ge-\nworfen wurde, bei welchem man sich dann entfernen konnte. Im\nDirigiren ist Hrn. Fischer mehr Ruhe zu wünschen. Von Solisten\nerwähnen wir rühmlich Hrn. Kammcr-Musicus Weissenborn,\nwelcher Mendelssohn's Violinconcert mit grossem Beifal'\nvortrug.\nIn einem Concert des älteren Gesang v e rein s wurde\nR o b. Schumann's „Pilgerfahrt der Rose\" unter Wan d ers-\nieh's Leitung am Ciavier aufgeführt. Es ist möglich, dass das\nWerk mit vollständiger Orchesterbegleitung mehr macht ; der Ein-\ndruck der Aufführung mit dem Pianoforte liess ziemlich lau, wie-\nwohl es trefflich einstudirt war. Allgemeiner sprach das Finale aus\nder Oper Lorelei von Mendelssohn an, das für uns auch\nneu war.\nSeit Januar haben wir wie gewöhnlich Oper, Schauspiel und\nCapelle. Der Freischütz, Bclisar, Norma, die Regimentstochter, die\nHugenotten, und neu für uns die Vestalin, sind über die Scenc\ngegangen. Auch Lortzing's Undine mit glänzender Ausstattung. Das\nOpern-Personal ist gut: erste Sängerinnen die Damen Bochkolz-\nFalco 11 i, Westerstrand, Remond Tenöre die Herren\nReer und Hiltl Bässe die Herren Abt und Kilmcr.\nZu den Quartett-Unterhaltungen der Herren Prä-\nm er, M u 11 d t, T öpl e r und Rös 1 e r haben sich diesmal über\n70 Abonnenten eingefunden, für Gotha eine ganz artige Zahl, welche\neine wachsende Thcilnahme an echter Musik bekundet. Auch En-\nsemblcstücke mit Pianoforte sind nicht ausgeschlossen: Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, Onslow, Veit, Hummel (Septctt) bildeten das\nRepertoire.\nVor einigen Wochen spielten die Gebrüder Wieni a w s k i\nzwei Mal im Theater mit bedeutendem Erfolg; besonders hat der\nYiolinspicler gefallen.\nCapellmeister Drouet ist auf seinen Wunsch seiner Functionen\nentbunden und Hr. Conccrtmeister Lampert vorläufig an dessen\nStelle getreten. Schliesslich erwähne ich noch, dass in den letz-\nten Jahren mehrere herrschaftliche Familien ihren Aufenthalt hier\ngenommen haben, von denen besonders der Herzog von Augusten-\nburg und der Fürst Hatzfeldt zur Förderung der Kunst-Interessen\nerfreulich beitragen.\n12."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "79", "page_fin": "80", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.6", "titre_corps": "Aus Danzig.", "titre_sommaire": "Aus Danzig.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.7", "debut_caractere": 5102, "fin_caractere_exclue": 6451, "texte": "Aus Danzig.\nAm 25. Januar d. J. starb zu Danzig der k. Ilof-Instrumenten-\nmacher Friedrich Wiszniewski jun. Nicht bloss in Danzig\nund der nächsten Umgegend wurden die Instrumente des Man-\nnes gesucht und geschätzt, auch aus weiter Ferne und selbst aus\nnamhaften Städten, denen es an anerkannt tüchtigen Meistern kei-\nneswegs fehlte, ergingen zahlreiche Bestellungen an ihn, so dass\nderen Befriedigung seine Zeit vollständigst in Anspruch nahm, da-\nher äusserst selten in seiner Werkstätte ein neues Instrument fertig\noder auch nur der Vollendung nahe angetroffen wurde, welches\nnicht schon seinen Käufer gefunden hatte. Beweis genug für den\nehrenvollen Platz, den Wiszniewski neben den ersten Meistern sei-\nnes Faches einnehmen durfte. Nicht minder als seine Geschicklich-\nkeit darf auch sein Berufseifer als Muster aufgestellt werden. Wisz-\nniewski scheute weder Kosten, noch Zeit, noch Mühe, um eine ge-\nnaue Kenntniss der neuesten Erfindungen in seiner Kunst zu er-\nlangen und dieselben sorgfältig zu prüfen; eben so gewissenhaft\nwar er in Beschaffung der Materialien. Auf seine Arbeitsamkeit\nkonnte in vollster Wahrheit Schillers Spruch angewandt werden:\n„Hört der Bursch die Vesper schlagen, Meister muss sich immer\nplagen.44 Kein Instrument ging aus seiner Werkstatt hervor, an\nwelches er nicht die letzte Iland gelegt hätte; und dabei ging er"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 789, "texte": "mit einer unübertroffenen Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu Werke,\nvergass Alles um sich her und verliess nicht selten erst in später\nNacht die Arbeit.\nEine in den letzten Lebensjahren sich zeigende Kränklichkeit\nachtete er Anfangs leider zu wenig. Sie nöthigte ihn endlich, die\nHeilquellen zu Karlsbad zu besuchen. Einige Wochen nach der\nzweiten Rückkehr von Karlsbad (im Jahre 1853) wurde er inmitten\neiner fröhlichen Gesellschaft von einem Schlaganfälle getroffen, der\nsich nach kurzer Zeit wiederholte und seinem thätigen Leben ein\nEnde machte. Er war zu Instcrburg in Ostpreussen am 17. Mai\n1802 geboren. Seiner Werkstätte wird von jetzt an unter derselben\nFirma sein Schwager vorstehen, welcher schon seit siebcnzchn Jah-\nren als Werkgenosse das volle Vertrauen des Verstorbenen genoss."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-11-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-11_01#c007", "volume": "bmtnabi_1854-03-11_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "80", "page_fin": "80", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.8", "debut_caractere": 791, "fin_caractere_exclue": 7293, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Vor mehreren Tagen gab Herr Gazzera ein Concert\nim Saale des Hotel Disch, worin er einige Compositioncn von sich\n(ein paar Ouvertüren lind einige Piecen für Gesang und für Solo-\nVioline) aufführte und auch als Violinspielcr auftrat. Wenn wir\nauch Manches auf die sichtbare Befangenheit des Conccrtgebers\nrechnen wollen, so müssen wir ihm doch den Rath geben, von der\nVirtuosen-Laufbahn völlig abzustehen. In den Compositioncn zeigten\nsich Spuren von melodischem Talente Form und Ausführung\nsind aber noch nicht geschult und correct genug. Jedenfalls würde\nHerr Gazzera in Italien mehr Glück machen als in Deutschland\nund specicl in Köln, wo es freilich etwas sagen will, neben Vio-\nlinisten wie Ilartmann und Pixis als Solist aufzutreten.\nII i 11 e r ist von Paris über F r a n k fu r t hieher zurückgekehrt;\nwir haben also in diesem Monate die noch rückständigen zwei\nAbonnements-Concerte zu erwarten.— Conccrtmeister Hartmann\nwird seine jährliche Soiree auch nächstens geben; das Programm\nzieren das schöne Quintett für Violine u. s. w. aus Mendels-\nsohn's nachgelassenen Werken, das Duo appassionato für Violine\nund Ciavier von F. Hiller, ein Solo-Vortrag von Hart mann,\nLieder-Vorträge von E. Koch und eine freie Phantasie auf\ndem Piano durch F. Hill er. Gewiss schöne Aussichten auf einen\ng3nussreichen Abend!\nlieber das Auftreten von Jenny Lind in Berlin schreibt\n11 eilstab unter Anderem: „Casta diva! Eine zehnjährige Verjün-\ngung kam über die Hörer. Das waren die ersten Töne, die uns\nvon der Sängerin erklangen, als sie die Bühne hier zum ersten\nMale betrat. Soll der Beurtheiler den 15. Dec. des Jahres 1844\nnachschlagen und suchen, mit welchen Worten er damals seiner\nEmpfindung Ausdruck gegeben? Er hat es gethan, und findet sie\nso unvollkommen wie heute, um das wiederzugeben, was die in-\nnerste Schönheit, Hoheit, das Wunder, die Heiligung in diesem\nGesänge bildet! Was wäre auch die Kunst, wenn sie aus ihren\nreinsten Höhen so in das Gebiet der irdischen Vcrstandszerlegung\nherabgezogen, durch ein daguerreotypirendes Schriftthum verkör-\npert werden könnte! Es ist ihre Natur, dass sie dem Ausdruck\num so unergreifbarer bleibt, je allmächtiger der Eindruck ist,\nden sie übt! Bescheiden wir uns denn. Keine Feder wird den\nMondscheinduft dieser Töne, diese Hingebung in Dulden und\nSchmerz, dieses getröstete Aufblicken zur keuschen Göttin wieder-\ngeben, womit die Sängerin das Adagio durchhaucht, so wenig wie\ndie in edler Selbsterhebung der Seele aufflammende Gluth im Al-\nlegro, diesen neugewonnenen Sieg, der im Glanz der Töne wie in\nHoheit der Gestalt und Mienen wiederstrahlt. Die zweite Auf-\ngabe war die Arie der Susanna. Die durch Schüchternheit ge-\nheiligte Liebe, der Duft einer Moosrosc in lauer Sommernacht, hier\nund dort ein Ausbrechen seligen Entzückens, wie ein silberner\nMondstrahl, der leuchtend durch das Biätterdunkel bricht. Sucht\nnach Gleichnissen, wie ihr wollt! Den Weg werden sie andeuten,\ndas Ziel wird keins erreichen.\n„Dieser erste Theil gehörte der Kunst in ihrer vollen bewuss-\nten Entfaltung als solche, in ihrem Festkleide, mit allem Glanz, der\nsie umgibt. Der zweite führte uns in ihr stilles Natur-Heiligthum\nzurück, wo die höchste Vollendung in der demüthigen Hülle der\nreinsten Einfachheit wohnt. Er begann mit einem Volksliede —-\ndas heisst die Worte von Maria Weber:\n„„Mein Schatz, der ist auf der Wanderschaft hin,\nIch weiss aber nicht, was ich so traurig bin!'\"4\n„Es wurde lauter Beifall gezollt! Aber erging Niemandem\nvon Herzen! Man meinte nur, das müsse so sein! Müsse? Wenn\nAlles in stiller stummer Rührung, mit feuchtem Auge sass und\nlauschte ? 0, glaubt mir, die erste Secunde, die athembeklemmende\nStille, in der der letzte Ton* verschwebte, das war der echte Bei-\nfall! Bei dem nächsten Liede: „Sonne hat sich müd gelau-\nfen\", von Taubert, war es eben so lind doch ganz anders. Dort\neine heilige Wehmuth, hier eine heilige Seligkeit. Dort ein in stum-\nmer Trauer brechendes Herz, hier ein in holdestem Mutterglück\nüberschwellendes. Ein Muttcr-Gottes-Dienst in der Hülle\nkindlichen Spiels! Es ist vergeblich, mit dem Gänse-\nkiel in die reinen Höhen dieses Luftbildchens nachfliegen zu wol-\nlen; er arbeitet stumpf fort auf dem Papier, und die rauhe Stahl-\nfeder gar bleibt eben so ungeschickt hangen. Was will ich klagen?\nMüsste doch der Maler Griffel und Palette verzweifelnd wegwer-\nfen, wenn er die ganze Galerie lieblicher, holdseliger Bildnisse und\nheiterer, schalkhafter, träumerisch seltsamer Genrebildchen nach-\nzeichnen und malen sollte, die uns die Sängerin mit Tönen und\nMienen, mit jeder Strophe neue, wechselnde, aufstellte! Können\nwir s dem Publicum verargen, dass es zwei Mal durch diesen Kunst-\nsaal wandeln wollte, sein Dacapo-llecht geltend machte, und dies-\nmal durchsetzte? Auf den Flügeln eines sonnigen Frühlings-\nlicdes, dem Wechsel- und Wettgesang heller Mädchenstimme und\nmuntrer Vogelkehle (Zwiegesang von Mangold) schwebte die Sän-\ngerin drängte sie der unwiderstehliche Trieb und Drang des\nWandervogels? der Heimat zu. Sie führte uns nach Norwe-\ngen, in die weiten Bergthälcr voll frischen Waldduftes, wo die\nMorgensonne die Höhen röthet, der Hirt den Frühruf ertönen lässt\nund das Echo weckt, das der Fels dem Felsen zuwirft! Et-\nwas genauer, aber kühler berichte ich davon, wenn ich erzähle,\ndass die Sängerin sich selbst an den Flügel, den bisher Hr. Ca-\npellmeister Taubert inne gehabt, setzte, um uns mit einigen Accor-\nden in die heimatliche Gebirgswelt zu locken. Dann Hess sie die\nStimme ertönen, in dem hell jubelnden Ruf, den eine richtige\nmusicalische Theorie nicht sowohl als den der untreffbaren grossen\nSeptime, sondern als den des kecksten aber unfehlbaren\nnorwegischen Waghalssprunges von einer Felsenspitze zur anderen\nzu bezeichnen hätte. Es waren uns wohlbekannte Töne! Schon oft\nwar dieser die Brust frisch erhebende Morgenruf uns erklungen;\noft, aber nicht genug! Oft hat er die Stimme des Echo's erweckt,\nzu wunderbarem, süssem Nachhall; oft, aber nie genug! Und\nso geschah es wieder! Das letzte Echo erstarb im leisesten, fern-\nsten Hauch, Alles lauschte ihm nach da plötzlich kehrte der\nSchall zurück, in tausendfacher Verstärkung, oder war es der Bei-\nfallsjubel, der den Saal erschütterte ? Ich weiss es nicht. Aber das\nConccrt war zu Ende, im Saal. In der Brust trug es Jeder mit\nsich fort, und wird es noch lange, wird es unvcrgesslich in sich\ntragen, mit all seinen holden und schmerzlichen Tönen, seinen\nsüssen Lockungen und heiligen Erhebungen.\""}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "73", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.1", "texte": "Der Stern des Nordens.\nKomische Oper von Scribe und Meyerbeer.\n\n(Schluss. S. Nr. 8 und 9.)\nDer zweite Act ist der bedeutendste in musicali-\nscher Hinsicht; er versetzt uns aber auch am meisten in\ndas „Feldlager\" zurück, und wenigstens für uns\nDeutsche haben z. B. die Soldatenlieder und der Des-\nsauer Marsch, die in Schlesien gar wohl angebracht\nsind, in Russland an der finnländischen Gränze keine\nrechte Wahrheit mehr, was zum Theil den Eindruck stört,\nden sie als Musikstücke an und für sich machen. Ferner\nist zu bemerken, dass die grössere Hälfte des zweiten\nActes stark aus dem Rahmen- der komischen Oper her-\naustritt und besonders im Finale alle Mittel der grossen\nOper, sowohl in scenischer als in musicalischer Beziehung\nin Anspruch nimmt.\nBeim Aufgehen des Vorhangs befinden wir uns mitten\nin dem Lagerleben des russischen Heeres, welches, wie\nnatürlich, stark idealisirt vor uns auftritt. Der Redowa,\nder den Act beginnt, spricht durch seine Instrumentirung\nden Satz aus: „Wer heut zu Tage neu sein will, muss\ndas Oberste zu unterst kehren\" und so führen denn\ndie Contrabässe die Melodie, und die Piccolllöten accom-\npagniren. Es folgen die trefflichen Soldatenlieder (aus dem\nFeldlager), in denen sich Fussvolk und Reiterei gegenseitig\nbecomplimentiren, indem ein Grenadier den Cuirassier mit\nden Worten ansingt, nach denen jedesmal eine Trompeten-\nFanfare ertönt:\nBeau cavalier au coeur d'acier!\n(mit dem Herzen von Stahl!), und der Reiter entgegnet:\nGrenadiers, fters Moscovites !\nDie Verse des letzteren werden vom Chor wiederholt und\nentwickeln sich zu einem Gesammtstücke, während dessen\nauch noch allerlei militärischer Luxus getrieben wird, als\nda sind: Evolutionen, Parademarsch u. dgl. Man rief\ncapo; ein sicherer Beweis, wie wenig die Selbstverherr-\nlichung der russischen Soldatesca das musicalische Gefühl\nder Pariser durch politische Antipathie störte. Auf uns\nmachte, wie schon erwähnt, der deutsche Gesang auf\nfranzösischen Text und in russischer Uniform\neinen merkwürdigen Eindruck. Den Gegensatz bildet ein\nChor der Verschworenen, welcher ebenfalls dem „Feldla-\nger\" entnommen ist.\nDie lange Scene im Zelte, wo der Czaar und der\nGünstling sich betrinken, gibt zuerst zu einem TerzcttVer-\nanlassung, in welchem Katharine, als Soldat und Schild-\nwache vor dem Zelte, so dreist ist, ihre Sopranstimrne in\nden brausenden Bariton des Czaaren:\nJoyeuse orgie! vive folie!\nund den näselnden Tenor des Danilowicz zu mischen\neine Kühnheit, welche ihr sicher schlecht bekommen würde,\nwenn jene Beiden sie so gut als das Publicum hören könn-\nten; aber bekanntlich müssen Theater-Ohren oft taub für\ndie Stimmen in ihrer Nähe sein, und das Publicum besteht\nglücklicher Weise nicht aus lauter Richard Wagner. Ernst-\nlich genommen hat es immer etwas Störendes, wenn die\nIllusion auf solche Art herausgefordert wird, während es\nauf der anderen Seite sehr schwer, ja, fast unmöglich ist,\ndie Gränze zu bestimmen, bis zu welcher ihre, durch einen\nstillschweigenden Vertrag zwischen dem Dichter oderCom-\nponisten und den Zuschauern gesicherte, Anwendung gehen\ndürfe.\nDie zwei hübschen Marketenderinnen treten mit einem\nDuett auf, welches wir die Blüthe raffinirter Piquanterie\nnennen möchten und das in dieser Gattung allerdings sehr\nwirkungsvoll ist - wie es denn auch da capo gerufen\nwurde; allein für eine echt komische Musik, deren Werth\nin dem Charakter der Melodie liegt, wie sie Cimarosa,\nMozart, Boieldieu, Rossini und ohne unseres alten Dit-\ntersdorf zu gedenken selbst Lortzing geschrieben\nhaben, können wir sie nicht erklären. Diese Lagerdirnen\nstellen allerlei soldatische Scenen vor, Streit und Gefecht,\nSpiel, Trunkenheit, und die komische Zeichnung in Tönen\nberuht auf der nachahmenden, plastischen oder onomato-\npoetischen Musik, wie wir sie aus dem Feuerschlagen im"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "74", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.2", "texte": "Terzett im Propheten kennen, welche aber hier nicht bloss\nin die Instrumente, sondern auch in die Singstimmen ge-\nlegt ist, die mit allerlei Schnarren und Schnurren ausge-\nstattet sind. Zum Erfolg des Stücks gehört eine gute\nTechnik im Gesang und ein sehr gewandtes Spiel, wie sie\nihm hier allerdings durch zwei talentvolle junge Mädchen\nzu Theil wurden.\nDie Scene schliesst mit einem grossen Quintett, un-\nstreitig dem besten neuen Musikstück in der ganzen Oper;\nes offenbart Meyerbeers Talent in ganzer lebensvoller Fri-\nsche und ist trefflich gearbeitet.\nDas Finale, mit der Scene eröffnet, in welcher der\nCzaar durch sein Erscheinen die Empörer niederschmettert\nder Glanzmoment seiner Rolle auch in musicalischer\nHinsicht —, ist, wie gesagt, nach grossartigem Maassstabe\nangelegt und mit Talent und grosser Kunst durchgelührt.\nDen Grundton gibt der hymne d. h. der Dessauer\nMarsch, dazu her, den das Orchester spielt. Mit ihm ver-\neinigen sich beim Erscheinen der treuen Regimenter die Mu-\nsikcorps derselben auf der Bühne, von der einen Seite Trom-\nmeln mit Piccolflöten und kleinen Clarinetten, von der ande-\nren eine vollständige Blechmusik, diese in jene in\nD-moll, und so wirken denn vier gewaltige Massen: Chor,\nOrchester und zwei Regiments-Musiken, in einem kunstvoll\ngeordneten Durcheinander und Miteinander, und erzeugen\neinen von jenen materiellen Effecten der neueren Musik,\nwie sie der Componist der Hugenotten und des Propheten\nallerdings zu schreiben versteht. Ob nun bei all dem Auf-\nwände von Mitteln das Ganze dennoch immer Musik bleibt\nund nicht Lärm macht, wie Berlioz in seiner Kritik behaup-\ntet, das wagen wir nicht zu unterschreiben. Wenn er\naber hinzusetzt, dass man hier „keine instrumentalen noch\nrhythmischen Brutalitäten fände, keine dicken Bündel von\nAccorden, die einem wie eine Kelle voll Mörtel ins Gesicht\ngeworfen würden\", so finden wir diese Bemerkungen aus\ndem Munde des Componisten des Requiems und der dra-\nmatischen Sinfonieen recht liebenswürdig naiv.\nDie Musikstücke des dritten Actes sind nicht alle\nvon gleichem Werth, und eines oder zwei könnten besser\nweg bleiben. Das Czaarenlied zu Anfang desselben ist\neinfach und melodiös, recht hübsch auch die Couplets, in\nwelchen Prescovia, die hier mit ihrem Manne, Katharinens\nBruder, wieder erscheint, ihre Reise von Finnland nach\nMoskau beschreibt. Auch diese wurden da capo gerufen.\nDie Hauptsache ist die Wahnsinns-Scene Katharinens,\nAndante in As-dur, von drei Violoncelli und Harfe vor-\nzugsweise begleitet, woran sich dann das Terzett zwischen\nder Singstimme und den zwei Flöten aus dem „Feldlager\"\nschliesst, eine ursprünglich für Jenny Lind geschriebene\nGlanzpartie.\nDass die Oper einen ausserordentlichen Erfolg gehabt\nhat, wirst Du durch die Zeitungen gehört haben. Es ist\nwirklich so; wie viel Anlheil die gewöhnlich hier in Bewe-\ngung gesetzten Mittel daran gehabt haben, ist schwer zu\nsagen. So viel ist indess gewiss, dass der bei Weitem\ngrösste Theil des zahlreichen und glänzenden Publicums\nsehr befriedigt war. Nur einige alte Habitues des Theaters\nhörte ich über den militärischen Spectakel murren. „Eh\nbien! nous voilä ä laparte sagte der Eine.\n„Dilcs plutut chez Franconi\", erwiderte der Andere am\nSchlüsse des zweiten Actes. Die Kritik unter allen Formen\nist natürlich nur voll Bewunderung, Berlioz und Fetis, der\nexpress desshalb hergekommen ist, an ihrer Spitze. Nur\nein Zusatz-Ariikelchen zu dem Bericht in der France Mu-\nskate wagt folgende verblümte Stichelei:\n„Welch ein Fortschritt in der musicalischen Intelli-\ngenz des Publicums! Meyerbeer's neue Oper hat man auf\nder Stelle verstanden. Kein Effect, keine Note ist den\nfünfzehnhundert Personen entschlüpft, welche so glücklich\nwaren, der ersten Vorstellung beizuwohnen, und, was noch\nwunderbarer ist, kein einziges Stück ist der Bewunderung\nder Kritik entgangen. Dieser kunstsinnige Enthusiasmus\nhat sogar den Text in seinen Schutz genommen. Ueber\ndie Erhabenheit der Partitur existirt nur eine rührende\nEinstimmigkeit; zu verwundern ist bloss, dass man nicht\nauch das Gedicht für das Meisterstück des berühmten Aka-\ndemikers erklärt.\"\n\nB. P.\n\nWiener Briefe.\n\n(Schluss. S. Nr. 9.)\nEntschuldigen Sie, geehrter Herr Professor, dass dies-\nmal aus einem einfachen Correspondenz-Artikel eine kleine\nAbhandlung geworden ist. Veranlassung dazu bot mir die\nAufführung der Ouvertüre und eines Chors aus dem\nTannhäuser im dritten Spirituel-Concerte. Ich\nkann mich eines Urtheils über dieses Detail-Werk entheben\nund mich einfach auf das oben Ausgesprochene beziehen.\nNur das Eine füge ich noch hinzu: dieses ist Tonmalerei\nim schlimmen Sinne des Wortes. Diese Musik verliert, ihres\nmateriellen Substrates entäussert, alle Berechtigung und\nist, obwohl sie den Inhalt des Drama's allerdings abspie-\ngelt, namentlich in der zweiten Hälfte geradezu widerwär-"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "75", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.3", "texte": "tig. Wagner verachtet die absolute Musik; diese rächt sich\naber und verachtet ihn. Das jedoch, was Wagner in sei-\nnem Sinne der absoluten Musik entgegenstellt, verhält\nsich zu dieser ungefähr wie die allegorische Tendenz-Poesie\nzur echten Poesie. Was die Aufnahme der Wagner'schen\nMusik betrifft, so klatschten die Einen Beifall, Andere op-\nponirten, die grosse Mehrzahl schwieg. Dies ist auch völlig\nnatürlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung. Die Ta-\ngeskritik sprach sich, so viel mir davon zu Gesicht gekom-\nmen, mehr oder weniger entschieden gegen Wagner aus.\nIch zweifle, dass sich seine Opern hier behaupten würden,\nwomit jedoch nicht gesagt sein soll, dass sie nicht gegeben\nwerden sollten; vielmehr trägt Jedermann begreiflicher\nWeise das lebhafteste Verlangen danach. Nebst den Wag-\nner'schen Sachen wurden im dritten Spirituel-Concerte\nHiller's Ouvertüre zur Phädra und Beethoven's\ngöttliches Es-dur-Concert gegeben. Jene Ouvertüre ist eine\nsehr schöne Arbeit, deren volle Anerkennung bei Manchen\nnur durch den einen Umstand etwas beeinträchtigt wurde,\ndass sie allzu sehr die Spuren Mendelssohn's zeigt. (?) Bei\nallen Kennern war über den Werth dieser Composition nur\nEine Stimme; wie aber das grosse Publicum diese treff-\nliche Ouvertüre kalt vorübergehen lassen konnte, begreife\nich nicht. Vielleicht trug die fieberhafte Spannung dazu bei,\nmit welcher man der Frau Venus und der Welterlösung\nharrte, die im Hintergrunde lauschten. Die Ausführung\nsämmtlicher Werke war in diesem Concerte eine vorzüg-\nliche (nur die Räumlichkeit allerdings für die Wucht der\nWagner'schen Musik zu eng), und Herr Dachs spielte den\nCiavierpart des Beethoven'schen Concertes ganz vortrefflich.\nIn der Oper wurde neulich wieder einmal nach langer\nPause der Freischütz mit grösstentheils neuer Besetzung\ngegeben. Doch kann ich Ihnen über diese Vorstellung für\ndieses Mal um so weniger im Detail berichten, als ich ver-\nhindert war, am ersten Abende der Reprise beizuwohnen.\nSie soll im Ganzen zwar befriedigend gewesen sein, aber\nman weiss doch an sämmtlichen Darstellern: Fräul. La\nGrua (Agathe), Frau Marlow (Aennchen), Herr Drax-\nler (Caspar) und Herr Erl (Max), insbesondere an dem\nLetzteren, mancherlei auszusetzen. Vielleicht komme ich\nspäter noch einmal darauf zurück. Spontini's „Vestalin\"\nund Flotow's „Matrosen\", deren Inscenirung bereits im\nGange, die erstere sogar schon auf dem Reper-\ntoire angesagt war, sind wieder zurückgelegt worden.\nDieser Wankelmuth ist seltsam, aber noch seltsamer, was\nman sich als dessen Veranlassung erzählt. Diese soll näm-\nlich aber das ist wohl nur eine schnurrige Anekdote\neiner jener modernen Hexenmeister, ein schreibendes\nTischchen, gegeben haben, welches beiden Opern ein Fiasco\nprophezeite. Die solideren Gründe, welche angegeben wer-\nden: eine zu hohe Honorar-Forderung Flotow's und die\nUnpässlichkeit eines in der Spontinischen Oper beschäftig-\nten Mitgliedes, scheinen mir nicht recht stichhaltig; denn\ndie Honorar-Frage pflegt doch bei einer neuen Opern-Auf-\nführung gewiss nicht ganz zuletzt erwogen zu werden,\nund der Theaterzettel meldet Niemanden unpässlich als die\nTänzerin Fräul. Lanner, die in der Vestalin kaum unent-\nbehrlich sein wird. Was soll man also denken? Director\nCornet hat unlängst in unserem officiellen Regierungs-Or-\ngane eine Art Rechtfertigung seiner bisherigen Amtsthätig-\nkeit veranlasst, die aber nicht sonderlich geglückt ist. Es\nwird aufgezählt, wie viele neue Opern in dem verflossenen\nJahre gegeben, wie viele neu inscenirt wurden. Das Quan-\ntum entscheidet aber nicht. Dass man der Verpflichtung,\nso manches längst verschollene Meisterwerk einer früheren\nPeriode der Gegenwart wieder vorzuführen, noch nicht\nnachgekommen sei, wird mit der Verpflichtung gegen die\nAbonnenten (!) entschuldigt, alljährlich eine gewisse Anzahl\nneuer Opern zu bringen. Fürs Erste ist aber eine alte\nOper, welche man nie oder vor Jahrzehenden gehört, so\ngut wie eine neue; sodann ist schwer einzusehen, wie so\nzwischen den obigen beiden Verpflichtungen ein Wider-\nspruch bestehe, noch schwerer aber zuzugeben, dass\nbei aller Achtung für den „hohen Adel\" die Rücksicht\nfür einige Logen-Abonnenten ein grösseres Gewicht in der\nWagschale gäbe, als die für das gesammte Publicum und\nalle Kunstfreunde. Endlich sagt jener Bericht, es wäre bis-\nher noch kein Grund vorhanden, den Opernwerken Rieh.\nWagner's die Räume der k. k. Hof-Opern-Bühne zu er-\nschliessen. Das heisse ich von der Höhe des Olymps herab\ngesprochen! Seine Jupiter-Majestät möge sich aber nur er-\ninnern, dass er, wie ich zufälliger Weise zu genau weiss,\nselbst immer laut verkündet, er wolle Wagner auf jeder\nBühne zur Geltung bringen, die unter seine Leitung zu\nstehen komme. Man hat lange gesagt, dass der Einführung\nWagner's bei uns andere als reine Directions-Gründe im\nWrege ständen. Aber nachdem seine Opern schon einmal\nin Gratz und Pesth gegeben worden, seine Musik in unse-\nren Concertsälen erklingt, ist an jene Gründe für die Sprö-\ndigkeit der Hof Opern-Bühne doch schwer zu glauben. Und\nwarum sollte dies jener Artikel nicht haben andeuten\ndürfen? Dass Cornet sich einige Regie-Verdienste erwor-\nben, ist der einzige Punkt, in welchem man demselben bei-\nstimmen kann."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "76", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.4", "texte": "Einige Sensation erregt gegenwärtig ein Herr Stock-\nhausen, ein geborener Strassburger und Schüler Garcia's.\nIn Vieuxtemp's letztem Concerte lernte ihn das Publicum\ndurch den Vortrag einiger Mendelssohn'schen Lieder ken-\nnen und zeichnete ihn durch so lebhaften Beifall aus, dass\ner sich zu einem Cyklus eigener Concerte veranlasst fand,\nderen erstes eben heute Statt hatte. Er besitzt eine wohl-\n\\\ntönende, wenn auch etwas trockene Baritonstimme, eine\nvortreffliche Bildung und ist jedenfalls im Liederfache der\nausgezeichnetste Sänger, welchen wir seit Langem im Con-\ncertsaale gehört. Er sang dieses Mal zwei von den Schu-\nbert'schen Müllerliedern („Der Müller an den Bach\" und\n„Wohin?\"), dann Arien aus der diebischen Elster, aus\ndem Johann von Paris und mit Fräul. Marie Cruvelli,\neiner Schwester der berühmten Sophie Cruvelli, ein Duett\naus Semiramis. Für den dramatischen Vortrag nun bringt\ner zwar alle technische Fertigkeit und Kunstbildung mit,\naber nicht die nöthige Kraft des Organs, daher er denn\nseine schönsten Erfolge im Liede gewinnt. Die geehrten\nConcert-Sänger und Sängerinnen mögen es sich bei dieser\nGelegenheit ad notam nehmen, dass auch Schubert\nund nicht bloss im Erlkönig nebst einigen anderen Lie-\nder-Componisten sehr „dankbare\" Aufgaben stellen, die\nnur mit Einsicht und Empfindung gelös't zu werden brau-\nchen, um ihrer zündenden Wirkung gewiss zu sein*). Frl.\nMarie Cruvelli erfreut sich eines schönen, hellklingenden\nOrgans (Mezzo-Sopran), das aber nicht gleichmässig genug\nausgebildet ist; in der Tiefe namentlich trägt sie zu dick\nauf, und die Höhe muss sie forciren. Vieuxtemps, der auch\nnoch zuletzt in diesem Concerte spielte, reis't heute nach\nBerlin ab, nachdem er zuletzt noch auf mehreren Vorstadt-\nBühnen, zum Theil zu wohlthätigen Zwecken, gespielt. Er\nhat sich viele Lorbern und nicht wenig Geld verdient. Jetzt\nscheinen die Nacht-Concerte an die Reihe zu kommen.\nStockhausen beginnt damit, Leopold v. Meyer folgt\nnach, und vielleicht tritt auch Frau Jenny Lind-Gold-\nschmidt in diese Fussstapfen. Auch der Cellist Heinrich\nSeh mit, der aus dem Reussenlande zu uns gekommen,\ngab noch ein Concert. Doch vermag ich seinem Spiele nicht\ngrossen Geschmack abzugewinnen. Ein Sinfonie-Satz von\nGebel, welcher sein Concert einleitete, ist ziemlich langwei-\nlig. Doch muss ich bei dieser Gelegenheit abermals des\ntrefflichen Violinisten Herrn Ludwig Strauss gedenken,\nwelcher mit dem Concertgeber eine freilich absurde Com-\nposition von Lwoff vortrug, „Das Duell\" betitelt. Das nächst\nbedeutendste Kunst-Ereignissist aber jedenfalls die Auf-\nführung der neunten Sinfonie im dritten Vereins-Con-\ncerte. Von der Broschüre, von welcher schon vor einem\nhalben Jahre unter dem Titel „Allgemeine Bemer-\nkungen und Recensionen über Theater und M-\nusik\" zwei Hefte erschienen, ist nunmehr ein drittes Heft\nausgegeben worden. Doch ist sein Inhalt ziemlich uner-\nquicklich und durch breite Ausführung ermüdend, wenn-\ngleich immerhin die gute Gesinnung lobend anzuerkennen\nist. Man nennt mit völliger Bestimmtheit als Verfasser eine\ndurch Geburt hochgestellte Persönlichkeit, und in Anbe-\ntracht dessen, was sonst in diesen Kreisen in Kunst und\nWissenschaft geleistet wird, ist die Arbeit eine sehr ver-\n_l*_ .i I ' 1 TV\ndienstliche.\n*) Und das inuss in Wien erst noch gesagt werden?!\nDie Redact.\n\nB.\n\nAus Wiesbaden.\n\n[Quartett-Verein Ernst Frl. Siona Levy Cäci-\nlien-Yereins-Concert Der Violinist Remcnyi.]\nDen 27. Februar 1854.\nEs regt sich einmal wieder tüchtig in unserer musica-\nlischen Welt. Ohne dem Vorzuge und dem grossen Rufe\neines Künstlers, wie Ernst, der unsere Residenz auch mit\neinem flüchtigen Besuche beehrt hat, zu nahe zu treten,\nberichte ich Ihnen der Reihe nach und nenne als hervor-\nragenden Genuss die zweite Quartet t-Versam m lung\nder Herren Hagen u. s. w., in welcher wir Haydn, Op.\n54, in E-dur,Mozart, Nr. 6, in und Beethoven,\nOp. 59, in E-mollhörten. Mit jeder neuen Leistung wird\ndie Ausführung besser; ein vollkommenes Ganzes kann na-\ntürlich nur erst durch langjähriges Zusammenspiel erreicht\nwerden, aber es ist rühmenswerth, wie sehr sich unsere\nKünstler bereits der Lösung der Aufgabe nähern, die Grund-\nIdee des betreffenden Werkes, seinen Haupt-Charakter\ndurch eine einheitliche, getreue, richtig in einander greifende\nDarstellung wiederzugeben. Am meisten regle das Beetho-\nven'sche Quartett die Zuhörer, freilich nur eine kleine\nSchar, auf. Wie glücklich ist es, dass die drei grossen\nMeister mehr componirt als geflugschriftet haben!\nFreilich brauchten sie auch keine Programme, Commentare,\nmusicalischen und ästhetischen Glaubensbekenntnisse in die\nWelt zu schicken, um dem Publicum zum Verständnisse\nihrer Werke zu verhelfen; denn was sie wollten, das\nzeigte ihr Können, und ihre Ideen bedurften keiner phi-\nlosophischen Dolmetschung. Aber nur Geduld! Auch un-\nserer durch den Wortschwall der „Hopliten\" aus der\nPropaganda betäubten und durch das Flackerlicht der fal-\nschen Propheten geblendeten Generation beginnt es schon"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "77", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.5", "texte": "wie Schuppen von den Augen zu fallen, wie Sie längst\nprophezeit haben, und wir wollen uns Glück dazu wünschen.\nAm Tage nach dem Quartett-Abende fand die zweite\nAuflührung des „Tannhäuser\" unter Hagen's Leitung Statt.\nDie Besetzung war zum Theil neu. Herr Thelen als Land-\ngraf übertraf seine Vorgänger; Fräul. Köhler war keine\nVenus im Wagner'schen Sinne, sogar ihr Gesicht konnte\nden Ausdruck der Schaam nicht verläugnen, was ihr gar\nnicht zur Unehre gereicht; Herr Peretti (Tannhäuser)\nwar, wie immer, gut.\nAm 20.Februar hörten wir Emst, den echten Künst-\nler, den königlichen Beherrscher seines Instrumentes. Er\nführte uns die beiden Gattungen seiner musicalischen Er-\nzeugnisse, die ernste und die heitere, in schönen Tondich-\ntungen vor. Es ist uns immer, als spräche sein seelenvolles\nSpiel es aus, dass dem Erdenwaller keine ungetrübte Freude\nerblühen könne, als wäre es ein Commentar zu dem viel-\ngerühmten Motto: „Aus Freuden sehne ich mich nach\nSchmerzen\", oder richtiger zu dessen Original: „Lieber\ndurch Leiden möcht' ich mich schlagen, als so viel Freu-\nden des Lebens ertragen!\" Gleichviel, bei Ernst ist dieses\nWahrheit, ist es Natur, nicht überreizter Nerven-Affect; es\nscheint, als müssten wir ihm wünschen, das Leben freund-\nlicher anzuschauen, heiterer in die äussere Welt und in\nseine innere zu blicken. Er wurde enthusiastisch empfan-\ngen und mit immer steigendem Beifall mehrere Male geru-\nfen. Er spielte sein Allegro pathetique in Fis-moll mit Or-\nchester, ungarische Weisen, Albumblatt (Transscription)\nvon St. Heller, Notturno, Andante spianato und den Car-\nneval von Venedig.\nDas Allegro pathetique ist eine schöne Composition,\nin der viel Poesie und melodischer Reiz liegt; die Violin-\nPartie kann nur wohl Ernst allein so vollendet spielen, so-\nwohl was Innigkeit des Tones als technische Vollkommen-\nheit betrifft. Seine Auffassung der düsteren, den leiden-\nschaftlichen Vortrag so herausfordernden „ungarischen\nWeisen\" war herrlich und ergreifend; man dachte unwill-\nkürlich an den Schmerz so vieler Edlen dieses Volkes.\nFräulein Siona Lew, erste dramatische Künstlerin\nam Odeon in Paris, Ernst's Reisegefährtin, sprach\nd'Athalie von Racine, Les Im von\nGirardin, und im Conversations-Tone\nvon Alfred de Musset. Sie erinnert zwar oft an die Rachel,\naber schnaubt und wüthet wie ein weiblicher Ira Aldridge,\nder Schwarze, wodurch sich dann gar Manche was weis\nmachen lassen. Kann solche Uebertreibung Ausdruck irgend\neines Schönen sein? Das reine Gefühl wird durch solche\nzerrbildliche Declamation und Darstellung verletzt und wen-\ndet sich mit Unwillen davon ah; aher freilich das Frap-\npante und Stutzigmachende passt Cur unsere Zeit, man steht\nverblüfft und klatscht. Frl. Levy spricht ein schönes\nFranzösisch, hat die Lebendigkeit und gesellschaftliche Ge-\nwandtheit einer geschwätzigen Französin und ein angeneh-\nmes Aeusseres; das ist alles, was sie zum öffentlichen Auf-\ntreten berechtigt. Doch halt! ich hätte das Wichtigste bei-\nnahe vergessen: sie ist aus Paris!\nDas Orchester spielte zwei herrliche Ouvertüren, die\nMozart'sche zum Titus, die Weber'sche zur Euryanthe.\nWie schwach erschienen dem Zuhörer bei den wundervol-\nlen Melodieen der letzteren die Wagner'schen Nachbildun-\ngen im Tannhäuser! Leider muss ich aber noch erwähnen,\ndass das Theater in diesem Concerte von Ernst nicht ge-\nfüllt war, was in der That beschämend für unser Publicum\nist. Ihre Hoheiten der Herzog und die Frau Herzogin mit\nGefolge waren anwesend.\nEine Auffuhrung von Figaro's Hochzeit (Figaro,\nHerr Thelen Gräfin, Fräul. Stork Susanna, Fräui.\nKöhler Cherubin, Fräul. Mayer) verdient als wohl ab-\ngerundet Erwähnung.\nAm 21. Februar veranstaltete der Cäcilien-Ver-\nein, welcher gute Kräfte hat, sich einer tüchtigen Leitung\nerfreut und eine edle, wenngleich etwas einseitige, Richtung\nverfolgt, ein Concert, worauf am 23. dasjenige des unga-\nrischen Violin-Virtuosen Remenyi folgte, welcher sich\nnoch seit der vorjährigen Cur-Zeit hier aufhält.\nDas erstere, stark besuchte Concert brachte unter Herrn\nCapellmeister Hagen's Leitung die achte Sinfonie (F-durj\nvon Beethoven, die an dem sehr gemischten Publicum\nziemlich kalt vorüberging, was auf die Ausführung selber\neine beeinträchtigende und den Erfolg schwächende Rück-\nwirkung hatte; ferner den zweiten Psalm für zwei Chöre\nund Solostimmen von Mendelssohn, den ersten Satz\naus dem Hummel'sehen H-moll-Concert, von Frl. Rum-\nmel brav gespielt, den 95. Psalm von Mendelssohn,\nmehrere Vocal-Quartette von Gade und Schumann und\nChöre von Mendelssohn, nebst Mendelssohn'schen Lie-\ndern, gesungen von einer hiesigen Dame, die sehr anspra-\nchen, und zum Schlüsse die Ouvertüre „Im Hochland\", von\nNiels Gade, deren Romantik fesselnd ist. Die musicali-\nschen Malereien sind getreu, doch keineswegs neu, und ich\nmöchte den allgemeinen Erfolg dieser Composition sehr in\nFrage stellen; von durchgreifender, schlagender Wirkung\nist sie nicht. Die Chöre waren recht gut studirt, die Soli\nin guten Händen."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "78", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.6", "texte": "Tags darauf fand das Concert des Violinisten Reme-\nnyi Statt. Auf starken Fittichen der Protection getragen,\nwar das Concert ein besuchtes. Herr Remenyi hat ein un-\nbestreitbares Talent und grosse, jedoch keineswegs bewun-\ndernswürdige Fertigkeit. Er beherrscht auch sein Instru-\nment, aber in nicht immer edler Weise. Gewiss nur We-\nnige des Auditoriums, am allerwenigsten der Concertgeber\nselbst, hatten den Abend früher Ernst gehört; erstere wä-\nren heute Abends weniger entzückt gewesen, und Herr\nRemenvi hätte Manches lernen können. Und einem Jün«;-\n«j o\nlinge steht's gewiss wohl an, von dem Gereifteren in der\nKunst etwas zu lernen; aber die neuere Schule lernt nicht,\nsie verneint und verlangt Unterwerfung. Herr Remenyi, der\nsich seit länger als einem halben Jahre hier aufhält, soll ein\nPflegebefohlener Liszt's sein. Ich wünschte ihm alles Erns-\ntes, er ginge bei Ernst in die Schule; vielleicht brächte\nihn der noch zeitig vom Ab- und Irrwege. Er spielte Beet-\nhoven's A-moll-Sonate mit einer Dilettantin von hier; Ihr\nPixis in Köln spielt sie viel ergreifender. Zuweilen vergisst\nsich Herr Remenyi so, dass er nicht rein spielt.\nDas Adagio, das wunderliebliche, kann schon ein mittel-\nmässiger Spieler mit sicherer Aussicht auf Beifall spielen (?),\ndenn es ist zu innig und einfach. Besser gefiel mir von ihm\ndie Seena Cantahile von Spohr. Dann trug er noch Ciac-\nconna von S. Bach vor, für Violine allein, eine Etüde, welche\neine gute Studie sein mag, aber nicht in den Concertsaal\npasst, und den unvermeidlichen Carneval. Das geworbene\nPublicum spendete ihm vielen Beifall; vielleicht nützten Wei-\nsungen eines Ernst, Joachim und Pixis ihm mehr. Eine an-\ndere sehr geschätzte Dame von hier sang mit gewohnter\nInnigkeit, tiefer Empfindung Schubert'sehe und Men-\ndel ssohn'sehe Lieder und eine Cavatine aus Lucrezia.\nEs bekundeten sich bei ihr die gründlichsten Gesangstudien.\n\nHf.\n\nDie Musikschule zu Dessau.\nDiese Anstalt, von Friedrich Schneider ge-\ngründet und seit einigen Jahren von seinem Sohne Theo-\ndor Schneider neu organisirt, unterscheidet sich da-\ndurch von anderen Musikschulen, dass sie mit ihrem\nUnterrichtsplane nicht das ganze weite Gebiet der Ton-\nkunst umfasst, wobei das Resultat nur gar zu leicht\nals in omnibus aliquid, in toto nihil sich herausstellt,\nsondern ihre Aufgabe beschränkt und den Unterricht auf\ndiese concentrirt. Es fehlt freilich nicht an vortrefflichen\nLehrern für die praktische Ausbildung auf dem Piano-\nforte, der Orgel, allen Bogen- und Blas-Instrumenten,\nso wie im Gesang; allein dieser Unterricht wird nur\nvon dem Directcr der Anstalt planmässig geleitet und\nüberwacht, liegt aber sonst ausserhalb derselben und\nwird auch den betreffenden Lehrern von den Schülern\nbesonders honorirt. Die Haupt-Aufgabe ist der Unter-\nricht in der Compositions-Lehre durch Theorie\nund praktische Uebung im Schreiben, und in Bezug auf\ndie ausübende Kunst die Anleitung und Uebung im\nZusammenspiel und im Dirigiren,\nDer theoretische Cursus ist auf drei Jahre festge-\nstellt; der Unterricht wird nach Friedrich Schneider's\nGrundsätzen, mit Berücksichtigung desjenigen, was sich\naus neueren Systemen bewährt zeigt, ertheilt und um-\nfasst im ersten Jahre: Harmonie-Lehre, Modulation, Rhyth-\nmus, Stimmenführung; im zweiten Jahre: einfachen Con-\ntrapunkt, zwei-, drei- und vierstimmigen Satz, Melodie-\nbildung, Formenlehre; im dritten Jahre: Fortsetzung des\nContrapunktes in vier- und achtstimmigem Satz, Formen-\nund Compositions-Lehre, doppelten Contrapunkt, Fuge,\nPartitur- und Instrumentations-Studien, Directions-Kennt-\nnisse.\nDie Schüler bilden drei Gassen; alle Arbeiten\nderselben werden von dem Director nachgesehen. Da-\nneben besteht aber auch die Einrichtung, dass die Aus-\narbeitungen der Schüler der untersten Classe von denen\nder zweiten, und die Aufgaben dieser von den Schülern\nder obersten Classe nachgesehen werden, eine An-\nordnung, welche auf praktische Weise den Blick für das\ngrammatisch Richtige und Correcte schärft und zugleich\nin pädagogischer Hinsicht den Ehrgeiz auf eine zweck-\nmässige Weise anspornt.\nDie Uebungen im Zusammenspiel von mehrstimmiger\nKammermusik, Solo-Vorträgen mit Quartett- oder Or-\nchester-Begleitung u. s. w. finden wöchentlich Statt; eben\nso die Gesang-Uebungen. An den letzteren activen oder\npassiven Antheil zu nehmen, ist jeder Schüler verbunden,\nso wie auch alle, sie mögen dabei beschäftigt sein\noder nicht, bei den Uebungen im Zusammenspiel zugegen\nsein müssen. Die Direction bei beiden Uebungen wechselt\nnach der Bestimmung des Vorstehers der Anstalt unter\nden Schülern der obersten Classe ab. Den für jede Ge-\nsammt-Ausführung ernannten Dirigenten oder Vorspielern\nliegt es ob, die gehörigen Proben zu derselben zu halten\nund darüber Bericht zu erstatten. Die Gesang-Uebungen\nbezwecken ausser der praktischen Uebung im Männerge-\nsang auch die Bekanntschaft mit den Compositionen für\ndiese Musikgattung."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "79", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.7", "texte": "Der Anfang desLehrcurses findet jährlich zu Ostern\nStatt; dieses Jahr am 24. April. Das Honorar beträgt\n48 Thaler jährlich und 2 Thaler für Anschaffung von\nMusicalien.\nAn Gelegenheiten und Mitteln zur musicalischen Aus-\nbildung fehlt es ausserhalb der Anstalt keineswegs, viel-\nmehr dürfte sich kaum irgendwo anders eine ähnliche\nMenge derselben und eine ähnliche Liberalität für ihre\nBenutzung finden. Dahin gehören die Proben der herzog-\nlichen Capelle (im Sommer dreimal wöchentlich), die zwölf\nAbonnements-Concerte im Winter mit den dazu gehörigen\nProben, die regelmässigen Kirchenmusiken an Sonn- und\nFesttagen in der IJauptkirche, die Vorstellungen des flof-\ntheaters, die Uebungen der Sing-Akaclemie und die grös-\nseren Aufführungen der vereinigten Sing Akademie und\nHofcapelle.\nMit Genehmigung Sr. Hoheit des Herzogs ist den\nbefähigten Schülern thätige Mitwirkung in der Hofcapelle\ngestattet; allen steht der Besuch der Abonnements-\nConcerte, der Proben der Capelle und der\nOpern-Proben frei, eben so der Zutritt zu den all-\nwöchentlichen Versammlungen der Sing-Akademie.\n\nAus Gotha.\nDen 19. Februar 1854.\nDie hiesigen Musik-Zustände sind glücklicher Weise gegenwär-\ntig auch bei uns in einem merklichen Fortschritte begriffen. Wie\nviel oder wie wenig hierbei auf Rechnung des Zeitgeistes oder ein-\nzelner um die Sache verdienter Männer zu setzen sei, lasse ich un-\nberührt. Gewiss ist, dass einige zufällige Umstände, wie die wie-\nderholten Garten-Concerte der Capellen der Stadt-Musici Fischer\naus Weimar und Harras aus Arnstadt im Laufe des vorigen Som-\nmers, die Sympathieen für Instrumental-Musik geweckt haben, wo-\ndurch es auch dem Ersteren möglich wurde, sechs Abonnements-\noder Sinfonie-Concerte hier zu Stande zu bringen. Abonnements-\nConcerte! so etwas war dem jüngeren Geschlcchte Gotha's etwas\nganz Neues. Welche Hoffnungen knüpfen sich an diesen Namen!\nMan denkt dabei unwillkürlich an das Gewandhaus in Leipzig,\nan das Casino in Köln, an die Sinfonie-Soireen in Berlin. Das ge-\nwählte Local war der Saal im Schiesshause. Allen Respect vor\ndem Orchester des Herrn Fischer, es ist unstreitig die beste Stadt-\nmusik-Capelle in Thüringen. Da wir unsere herzogliche Capelle\nnur während der Theater-Saison hören und niemals in Sinfonie-\nLeistungen, so ist die Organisation eines städtischen Orchesters für\nGotha ein dringendes Bcdürfniss, welches hoffentlich durch die Be-\nsetzung der Stelle des Stadt-Musicus mit einem tüchtigen Manne,\ndem Herrn Harras aus Arnstadt, befriedigt werden wird.\nDie Fischer'sclien Concerte sollten der Ankündigung nach in\ndie Monate October, November und December fallen, d. h. in die\nZeit der Ebbe unserer Musikzeit. Hr. Fischer hat aber darin nicht\nW ort gehalten, was eine ernste Rüge verdient. Ob ferner etwaige\nAbonnementsverhältnisse ihn zu so grossen Concessionen an die\ngrosse Menge nöthigten, wie er sie durch Aufführungen von Tanz-\nmusik und Potpourris neben Bccthovenschen Sinfonieen und clas-\nsischen Ouvertüren gemacht hat, wissen wir nicht; wir waren nur\nfroh, dass dergleichen Zuthat gewöhnlich in den zweiten Theil ge-\nworfen wurde, bei welchem man sich dann entfernen konnte. Im\nDirigiren ist Hrn. Fischer mehr Ruhe zu wünschen. Von Solisten\nerwähnen wir rühmlich Hrn. Kammcr-Musicus Weissenborn,\nwelcher Mendelssohn's Violinconcert mit grossem Beifal'\nvortrug.\nIn einem Concert des älteren Gesang v e rein s wurde\nR o b. Schumann's „Pilgerfahrt der Rose\" unter Wan d ers-\nieh's Leitung am Ciavier aufgeführt. Es ist möglich, dass das\nWerk mit vollständiger Orchesterbegleitung mehr macht ; der Ein-\ndruck der Aufführung mit dem Pianoforte liess ziemlich lau, wie-\nwohl es trefflich einstudirt war. Allgemeiner sprach das Finale aus\nder Oper Lorelei von Mendelssohn an, das für uns auch\nneu war.\nSeit Januar haben wir wie gewöhnlich Oper, Schauspiel und\nCapelle. Der Freischütz, Bclisar, Norma, die Regimentstochter, die\nHugenotten, und neu für uns die Vestalin, sind über die Scenc\ngegangen. Auch Lortzing's Undine mit glänzender Ausstattung. Das\nOpern-Personal ist gut: erste Sängerinnen die Damen Bochkolz-\nFalco 11 i, Westerstrand, Remond Tenöre die Herren\nReer und Hiltl Bässe die Herren Abt und Kilmcr.\nZu den Quartett-Unterhaltungen der Herren Prä-\nm er, M u 11 d t, T öpl e r und Rös 1 e r haben sich diesmal über\n70 Abonnenten eingefunden, für Gotha eine ganz artige Zahl, welche\neine wachsende Thcilnahme an echter Musik bekundet. Auch En-\nsemblcstücke mit Pianoforte sind nicht ausgeschlossen: Haydn, Mo-\nzart, Beethoven, Onslow, Veit, Hummel (Septctt) bildeten das\nRepertoire.\nVor einigen Wochen spielten die Gebrüder Wieni a w s k i\nzwei Mal im Theater mit bedeutendem Erfolg; besonders hat der\nYiolinspicler gefallen.\nCapellmeister Drouet ist auf seinen Wunsch seiner Functionen\nentbunden und Hr. Conccrtmeister Lampert vorläufig an dessen\nStelle getreten. Schliesslich erwähne ich noch, dass in den letz-\nten Jahren mehrere herrschaftliche Familien ihren Aufenthalt hier\ngenommen haben, von denen besonders der Herzog von Augusten-\nburg und der Fürst Hatzfeldt zur Förderung der Kunst-Interessen\nerfreulich beitragen.\n12.\n\nAus Danzig.\nAm 25. Januar d. J. starb zu Danzig der k. Ilof-Instrumenten-\nmacher Friedrich Wiszniewski jun. Nicht bloss in Danzig\nund der nächsten Umgegend wurden die Instrumente des Man-\nnes gesucht und geschätzt, auch aus weiter Ferne und selbst aus\nnamhaften Städten, denen es an anerkannt tüchtigen Meistern kei-\nneswegs fehlte, ergingen zahlreiche Bestellungen an ihn, so dass\nderen Befriedigung seine Zeit vollständigst in Anspruch nahm, da-\nher äusserst selten in seiner Werkstätte ein neues Instrument fertig\noder auch nur der Vollendung nahe angetroffen wurde, welches\nnicht schon seinen Käufer gefunden hatte. Beweis genug für den\nehrenvollen Platz, den Wiszniewski neben den ersten Meistern sei-\nnes Faches einnehmen durfte. Nicht minder als seine Geschicklich-\nkeit darf auch sein Berufseifer als Muster aufgestellt werden. Wisz-\nniewski scheute weder Kosten, noch Zeit, noch Mühe, um eine ge-\nnaue Kenntniss der neuesten Erfindungen in seiner Kunst zu er-\nlangen und dieselben sorgfältig zu prüfen; eben so gewissenhaft\nwar er in Beschaffung der Materialien. Auf seine Arbeitsamkeit\nkonnte in vollster Wahrheit Schillers Spruch angewandt werden:\n„Hört der Bursch die Vesper schlagen, Meister muss sich immer\nplagen.44 Kein Instrument ging aus seiner Werkstatt hervor, an\nwelches er nicht die letzte Iland gelegt hätte; und dabei ging er"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "80", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540311-01.1.8", "texte": "mit einer unübertroffenen Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu Werke,\nvergass Alles um sich her und verliess nicht selten erst in später\nNacht die Arbeit.\nEine in den letzten Lebensjahren sich zeigende Kränklichkeit\nachtete er Anfangs leider zu wenig. Sie nöthigte ihn endlich, die\nHeilquellen zu Karlsbad zu besuchen. Einige Wochen nach der\nzweiten Rückkehr von Karlsbad (im Jahre 1853) wurde er inmitten\neiner fröhlichen Gesellschaft von einem Schlaganfälle getroffen, der\nsich nach kurzer Zeit wiederholte und seinem thätigen Leben ein\nEnde machte. Er war zu Instcrburg in Ostpreussen am 17. Mai\n1802 geboren. Seiner Werkstätte wird von jetzt an unter derselben\nFirma sein Schwager vorstehen, welcher schon seit siebcnzchn Jah-\nren als Werkgenosse das volle Vertrauen des Verstorbenen genoss.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Vor mehreren Tagen gab Herr Gazzera ein Concert\nim Saale des Hotel Disch, worin er einige Compositioncn von sich\n(ein paar Ouvertüren lind einige Piecen für Gesang und für Solo-\nVioline) aufführte und auch als Violinspielcr auftrat. Wenn wir\nauch Manches auf die sichtbare Befangenheit des Conccrtgebers\nrechnen wollen, so müssen wir ihm doch den Rath geben, von der\nVirtuosen-Laufbahn völlig abzustehen. In den Compositioncn zeigten\nsich Spuren von melodischem Talente Form und Ausführung\nsind aber noch nicht geschult und correct genug. Jedenfalls würde\nHerr Gazzera in Italien mehr Glück machen als in Deutschland\nund specicl in Köln, wo es freilich etwas sagen will, neben Vio-\nlinisten wie Ilartmann und Pixis als Solist aufzutreten.\nII i 11 e r ist von Paris über F r a n k fu r t hieher zurückgekehrt;\nwir haben also in diesem Monate die noch rückständigen zwei\nAbonnements-Concerte zu erwarten.— Conccrtmeister Hartmann\nwird seine jährliche Soiree auch nächstens geben; das Programm\nzieren das schöne Quintett für Violine u. s. w. aus Mendels-\nsohn's nachgelassenen Werken, das Duo appassionato für Violine\nund Ciavier von F. Hiller, ein Solo-Vortrag von Hart mann,\nLieder-Vorträge von E. Koch und eine freie Phantasie auf\ndem Piano durch F. Hill er. Gewiss schöne Aussichten auf einen\ng3nussreichen Abend!\nlieber das Auftreten von Jenny Lind in Berlin schreibt\n11 eilstab unter Anderem: „Casta diva! Eine zehnjährige Verjün-\ngung kam über die Hörer. Das waren die ersten Töne, die uns\nvon der Sängerin erklangen, als sie die Bühne hier zum ersten\nMale betrat. Soll der Beurtheiler den 15. Dec. des Jahres 1844\nnachschlagen und suchen, mit welchen Worten er damals seiner\nEmpfindung Ausdruck gegeben? Er hat es gethan, und findet sie\nso unvollkommen wie heute, um das wiederzugeben, was die in-\nnerste Schönheit, Hoheit, das Wunder, die Heiligung in diesem\nGesänge bildet! Was wäre auch die Kunst, wenn sie aus ihren\nreinsten Höhen so in das Gebiet der irdischen Vcrstandszerlegung\nherabgezogen, durch ein daguerreotypirendes Schriftthum verkör-\npert werden könnte! Es ist ihre Natur, dass sie dem Ausdruck\num so unergreifbarer bleibt, je allmächtiger der Eindruck ist,\nden sie übt! Bescheiden wir uns denn. Keine Feder wird den\nMondscheinduft dieser Töne, diese Hingebung in Dulden und\nSchmerz, dieses getröstete Aufblicken zur keuschen Göttin wieder-\ngeben, womit die Sängerin das Adagio durchhaucht, so wenig wie\ndie in edler Selbsterhebung der Seele aufflammende Gluth im Al-\nlegro, diesen neugewonnenen Sieg, der im Glanz der Töne wie in\nHoheit der Gestalt und Mienen wiederstrahlt. Die zweite Auf-\ngabe war die Arie der Susanna. Die durch Schüchternheit ge-\nheiligte Liebe, der Duft einer Moosrosc in lauer Sommernacht, hier\nund dort ein Ausbrechen seligen Entzückens, wie ein silberner\nMondstrahl, der leuchtend durch das Biätterdunkel bricht. Sucht\nnach Gleichnissen, wie ihr wollt! Den Weg werden sie andeuten,\ndas Ziel wird keins erreichen.\n„Dieser erste Theil gehörte der Kunst in ihrer vollen bewuss-\nten Entfaltung als solche, in ihrem Festkleide, mit allem Glanz, der\nsie umgibt. Der zweite führte uns in ihr stilles Natur-Heiligthum\nzurück, wo die höchste Vollendung in der demüthigen Hülle der\nreinsten Einfachheit wohnt. Er begann mit einem Volksliede —-\ndas heisst die Worte von Maria Weber:\n„„Mein Schatz, der ist auf der Wanderschaft hin,\nIch weiss aber nicht, was ich so traurig bin!'\"4\n„Es wurde lauter Beifall gezollt! Aber erging Niemandem\nvon Herzen! Man meinte nur, das müsse so sein! Müsse? Wenn\nAlles in stiller stummer Rührung, mit feuchtem Auge sass und\nlauschte ? 0, glaubt mir, die erste Secunde, die athembeklemmende\nStille, in der der letzte Ton* verschwebte, das war der echte Bei-\nfall! Bei dem nächsten Liede: „Sonne hat sich müd gelau-\nfen\", von Taubert, war es eben so lind doch ganz anders. Dort\neine heilige Wehmuth, hier eine heilige Seligkeit. Dort ein in stum-\nmer Trauer brechendes Herz, hier ein in holdestem Mutterglück\nüberschwellendes. Ein Muttcr-Gottes-Dienst in der Hülle\nkindlichen Spiels! Es ist vergeblich, mit dem Gänse-\nkiel in die reinen Höhen dieses Luftbildchens nachfliegen zu wol-\nlen; er arbeitet stumpf fort auf dem Papier, und die rauhe Stahl-\nfeder gar bleibt eben so ungeschickt hangen. Was will ich klagen?\nMüsste doch der Maler Griffel und Palette verzweifelnd wegwer-\nfen, wenn er die ganze Galerie lieblicher, holdseliger Bildnisse und\nheiterer, schalkhafter, träumerisch seltsamer Genrebildchen nach-\nzeichnen und malen sollte, die uns die Sängerin mit Tönen und\nMienen, mit jeder Strophe neue, wechselnde, aufstellte! Können\nwir s dem Publicum verargen, dass es zwei Mal durch diesen Kunst-\nsaal wandeln wollte, sein Dacapo-llecht geltend machte, und dies-\nmal durchsetzte? Auf den Flügeln eines sonnigen Frühlings-\nlicdes, dem Wechsel- und Wettgesang heller Mädchenstimme und\nmuntrer Vogelkehle (Zwiegesang von Mangold) schwebte die Sän-\ngerin drängte sie der unwiderstehliche Trieb und Drang des\nWandervogels? der Heimat zu. Sie führte uns nach Norwe-\ngen, in die weiten Bergthälcr voll frischen Waldduftes, wo die\nMorgensonne die Höhen röthet, der Hirt den Frühruf ertönen lässt\nund das Echo weckt, das der Fels dem Felsen zuwirft! Et-\nwas genauer, aber kühler berichte ich davon, wenn ich erzähle,\ndass die Sängerin sich selbst an den Flügel, den bisher Hr. Ca-\npellmeister Taubert inne gehabt, setzte, um uns mit einigen Accor-\nden in die heimatliche Gebirgswelt zu locken. Dann Hess sie die\nStimme ertönen, in dem hell jubelnden Ruf, den eine richtige\nmusicalische Theorie nicht sowohl als den der untreffbaren grossen\nSeptime, sondern als den des kecksten aber unfehlbaren\nnorwegischen Waghalssprunges von einer Felsenspitze zur anderen\nzu bezeichnen hätte. Es waren uns wohlbekannte Töne! Schon oft\nwar dieser die Brust frisch erhebende Morgenruf uns erklungen;\noft, aber nicht genug! Oft hat er die Stimme des Echo's erweckt,\nzu wunderbarem, süssem Nachhall; oft, aber nie genug! Und\nso geschah es wieder! Das letzte Echo erstarb im leisesten, fern-\nsten Hauch, Alles lauschte ihm nach da plötzlich kehrte der\nSchall zurück, in tausendfacher Verstärkung, oder war es der Bei-\nfallsjubel, der den Saal erschütterte ? Ich weiss es nicht. Aber das\nConccrt war zu Ende, im Saal. In der Brust trug es Jeder mit\nsich fort, und wird es noch lange, wird es unvcrgesslich in sich\ntragen, mit all seinen holden und schmerzlichen Tönen, seinen\nsüssen Lockungen und heiligen Erhebungen.\""}]}