{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_sha256": "5183364272848c179ca8ac12294982fd2bb81cd3e56ce6b19f749e5f9b45cb75", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/03/18_01/bmtnabi_1854-03-18_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-18_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "81", "page_fin": "86", "image_debut": 1, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.2.1", "titre_corps": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "titre_sommaire": "Joh. Seb. Bach’s Werke.", "signature_source": "E. K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4084, "texte": "Joh. Seb. Bach’s Werke.\n\nDie Arbeiten der Bach-Gesellschaft schreiten rüstig\nvorwärts, und die Theilnahme wächst für das edle Unter-\nnehmen, das weit über sein Vaterland hinaus des Kern-\nMenschen unter den Tonmeistern grosses Leben und Wir-\nken verewigen soll. An uns, den Jüngeren und Empfan-\ngenden, ist es nun, diesen Werken Wirkung zu geben,\ndass sie wiederklingen und ferner die Frucht bringen, dazu\nder Meister sie gepflanzt hat. Künstler und allerlei Volk\ntrete herzu, den köstlichen Schrein zu öffnen und aus sei-\nnen Edelsteinen zu wählen, was jedem ziemlich ist. Ihn zu-\ngänglich zu machen, ist kein Mittel, als ernstes Erleben\nund Wiederbeleben; die Mühe der Uebung trägt goldene\nFrucht. Es liegen uns jetzt drei Bände dieser Gesammt-\nAusgabe vor. (Ueber den Inhalt des ersten ist der Bericht\nin Nr. 96 und 98 der früher von uns herausgegebenen\nRheinischen Musik-Zeitung, Jahrg. 11., 1852, zu verglei-\nchen. Die Redaction.)\nDer zweite Band, Anfang 1853 erschienen, enthält\nwiederum zehn Kirchen-Cantaten, Nr. 11—20,\nXVI und 327 Seiten. Sie sind, wie die des ersten, nur\nBruchtheile aus den vollständigen zwei oder mehreren Kir-\nchen-Jahrgängen, deren Fülle allein schon in Erstaunen\nsetzt, wenn man gar nicht der übrigen Werke (Ciavier-,\nOrgel-, Geigen-Sonaten, Suiten etc.) gedenkt. Und in dieser\nüberwältigenden Menge seiner Thaten ist kaum eine der\nanderen ähnlich. Denn auch wer sich in den alten Sebastian\ngänzlich hineingelebt hat, so dass er die geliebten Züge\nwieder kennt, wo er ihnen begegnet in den tiefhallenden\nSchlüssen, den brausenden Tiefen jener Tonwandlungen so\nfern und nah, erschütternd und lieblich ja, selbst wer\nsich an einzelnen Herbigkeiten Sebastianischen Eigensinns\nden Kopf zerstösst und an den unerbittlichen Consequen-\nzen strenger Durchführung nur den arbeitenden Schul-\nmeister zu erkennen befähigt ist, den genialen Schöpfer aber\nnicht begreift —: Alle müssen doch übereinstimmen, den\nReichthum seiner Kunst zu bewundern, die alle Regionen\ndes Tonlebens erschöpft, in allen heimisch, selbstständig,\nfrisch und neu waltet, in den wichtigsten Grundzügen die\nneue Zeit in sich trägt und die Quelle alles Besten ist, was\ndie späteren Tage erworben. So ist es wirklich; die so ge-\nnannten Romantiker sind aus den überströmenden Quellen\nseiner Enharmonik ernährt, die sein strahlsinniger Geist aus\nder gleichschwebenden Temperatur entwickelte; diese Tem-\nperatur wiederum, wie sie nach Zerlösung der Kirchentöne\nnothwendig geworden, ist seine Erfindung, wie auch der\nFingersatz und die Virtuosität seine Erfindung ist, soweit\nman eines Einzelnen Kerngedanken im Zeitgewande Erfin-\ndung nennen darf. An dergleichen muss man die junge\nWelt erinnern, die sich klüger hält als den Alten vom\nBerge, oder die ohne ihn meint auf den Gipfel der Kunst\ngelangen zu können.\nAber auch dem Volke sind seine Werke gegeben. Es\nist ein böses Vorurtheil, von faulen Halbkünstlern erfunden,\nals sei der alte Bach nur für die Gelehrten. Die so spre-\nchen, haben ihn nicht ergriffen, oder nie versucht, dem\nVolke zu geben, was des Volkes ist. Bach's Zeitgenossen,\ndie freudigen Hörer seines Wortes, waren nicht gelehrter\nals wir, aber sie standen mit Einfalt und Hingebung in der\nKirche, und er wagte, ihnen zu geben, woran sie empor-\nklimmen möchten zu höherem Verständniss. Diese Canta-\nten, wie sie noch heute am selben Orte wie vor hundert\nJahren ein Schüler-Chor vorzutragen pflegt, waren damals\nbestimmt, vor und nach der Predigt vernommen zu wer-\nden; eine Erhöhung der Liturgie im evangelischen Geiste,\ndie auch uns zu Gute kommen wird, je mehr sich das er-\nwachende Bedürfniss nach lebendiger Sonntagsfeier verbrei-\ntet und vertieft. Zwar sind sie nicht in dem Sinne rein\nkirchlich, wie die schönen alten Lieder vor dem dreissig-\njährigen Kriege; aber der rhythmische Choral, wo er sich\nBahn bricht, wird nicht dem alten Bach oder dem künst-\nlerischen Gesänge Eintrag thun, sondern vielmehr eine\nbrünstige Liebe entzünden, Gott in tausend Zungen zu prei-\nsen und ihm zu lobsingen „mit Cymbeln und Pfeifen\"!\nUnd in dem grossen Welt-Chor des Evangeliums haben"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4974, "texte": "Eccard und Bach jeder seine Stelle, die ihm von Gott an-\ngewiesen, mit Ehren erfüllt, und werden es fürderhin thun,\nwie Er es will.\nVon den Cantaten des 11. Bandes sind drei festliche: auf\nOstern, Himmelfahrt und Michaelis; die übrigen auf Jubi-\nlate, Sexagesima, Neujahr (Beschneidung), zwei Trinitatis-\nund zwei Epiphanias-Sonntage. Die Tonarten sind durch-\nweg die modernen, nur das „Herr, Gott, Dich loben wir!\"\nentfaltet die ersten vier Zeilen des alten ambrosianischen\nGesanges mit Anklängen an den äolischen Kirchen-Ton\n(zum Beschneidungsfeste, Cant. 16). Auffallend ist, neben\nder übrigen Mannigfaltigkeit der Gestaltung, dass hier in\ndrei Cantaten die Anfangs- und Schluss-Tonart nicht die-\nselbe ist, indem die 12., 13., 14. Cantate alle drei in\nB-dur schliessen, nachdem sie in\nbegonnen. Dieses ist gegen die Gewohnheit sowohl der\nZeit als Sebastian's. Ein innerer Grund dazu scheint dieser\nzu sein, dass dem düsteren Eingange ein freudig erhobener\nSchluss antworte; doch bleibt es unerklärt, warum nicht\ndie gewöhnliche Weise des Kirchenschlusses, im Dwr-Drei-\nklang jeder vorhandenen Tonart zu schliessen, gebraucht\nist. In grösseren Gebilden, wie im Messias und in der Mat-\nthäus-Passion, kann solcher Zwiespalt nicht verletzen; in\nkleinerem Räume ist er fühlbar, selbst den ungelehrten\nHörer überraschend.\nDie eilfte Cantate, auf das Himmelfahrtsfest, hat\neinen fröhlich prächtigen Eingang und einen gewaltigen\nSchluss-Chor, beide mit grossem Reichthume von Instru-\nmenten ausgestattet, welche in mannigfaltigen Strömungen\nzwischen den Singstimmen hindurchwallen. Nach ein\npaar sinnvoll rührenden Recitativen tritt eine Alt-Arie ein,\nvon welcher die Redaction (S. XIII des Vorwortes) be-\nmerkt, es sei das Agnus Deider e ihr gleich;\ndas ist mit der Beschränkung zu verstehen, dass das Grund-\nThema, Ritornell und Continuo gleich ist, während der Ge-\nsang wesentlich andere hier schönere Figurationen\nbietet. In ähnlicher Weise hat Bach öfter einzelne Sätze\nverschiedentlich gebraucht, doch niemals wörtlich abgeschrie-\nben; so in diesem Hefte Cant. 17, S. \"203, wo das Fugen-\nThema dem der G-dur-Messe (Ciavier-Auszug v. Gleich\nauf S. 31) buchstäblich gleich, aber die Ausführung we-\nsentlich verschieden ist, worüber Winterfeld Evg. K.-Ges.\n3, 422, nähere Auskunft gibt. So auch das der\nG-dur-Messe, welches Winterfeld Th. 3, Beisp. 156, mit\ndeutschem Texte gibt, beidemal wesentlich verschieden, die\ndeutsche Art schöner. Von eigentümlich schlagender\nWirkung ist der strenge Canon in dieser Can-\ntate, S. 33, zu den Wrorten: „Dieser Jesus, welcher von\neuch ist aufgenommen gen Himmel etc.\" Hierauf, nach\ndem Vortrage des Evangeliums, singt eine Sopranstimme\nzärtliche Töne zu den Worten: „Jesu, Deine Gnadenblicke\nkann ich doch beständig sehn.\" Merkwürdig ist, in der\nOrthographie hier einem Fehler zu begegnen, den viele\nneuere Partituren auch bieten: das grosse findet sich\nmehrmals in der Zeile des Grundbasses, wo es mindestens\nden Contrabässen unspielbar ist, z. B. S. 4.\nDie zwölfte Cantate beginnt schauerlich düster mit\neiner Sinfonie und darauf folgendem chromatisch bewegtem\nChor: „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Noth\nsind der Christen täglich Brod\", mit fernen Anklängen an\ndie Modulation des Crucifixusin der e. Durch\nähnliche Dornen und Spitzen windet sich der Altgesang S.\n71: „ Kreuz und Krone sind verbunden\", bis endlich\nder Bass warm, entschlossen auftritt: „Ich folge Christo\nnach!\" in einem melodisch anmuthenden Gesänge mit frei\nfugirter Geigen-Begleitung. Stachelig und sonderlich (S.\n76) beginnt der Tenor: „Sei getreu! alle Pein wird doch\nnur ein Kleines sein!\" in zerissenen Melismen ohne Frie-\nden, gleichwie ein Halbgläubiger aber die Posaune sagt\nihm, was ihm fehlt; sie bläs't, in hellen Tönen darüber-\nschwebend, den Cantusfirmus: „Jesu, meine Freude!\"\nDiesem antwortet der Schluss-Chor: „Was Gott thut, das\nist wohl gethan!\" wo ebenfalls über der Melodie der Sing-\nstimme sich eine freie Oberstimme im Posaunen-Ton em-\nporschwingt. Eine ähnliche Wendung S. 288 ist noch\nwirksamer, als diese.\nWeniger anmuthend ist die dreizehnte Cantate,\ndie viel Schwieriges und Mühevolles bietet; nur die Alt-\nArie mit dem Cantus firmus:„Freu dich sehr, o meine\nSeele!\" (S. 87) scheint lieblich durch das Düster.\nGanz abscheulich klingt der chromatische Anfangs-Chor\nder vierzehnten Cantate, wenn man ihn flüchtig an-\nblickt; nur ein sehr geübter Chor und sehr tüchtiger Diri-\ngent wird ihn nach Würden geniessbar darstellen. Den\nzweiten Satz dieser Cantate bildet eine der grössten und\nkühnsten Sopran-Arien zu den Wrorten: „Unsere Stärke\nist zu schwach!\" in verwandtem Tone folgt der Bass:\n„Gott, bei Deinem starken Schützen,\" der Schluss-\nChoral ist herbe, dem ersten Chor anklingend, zagend, zö-\ngernd, mühevoll.\nFrische Lebensluft weht durch die Oster-Cantate\n(15, S. 135); wie Geruch des Lebens zum Leben schwingt\nsich's auf: „Denn Du wirst meine Seele nicht in der Hölle\nlassen.\" Diese Cantate ist zweitheilig, wie ausserdem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4985, "texte": "noch in diesem Hefte die 17. und 20.; wahrscheinlich vor\nund nach der Predigt zu singen, und daher jeder Theil\nselbstständig schliessend. Im zweiten Theile waltet die rüh-\nrend pietistische Weise über, die sich an die sonderbaren\ndaktylischen Verse, deren poetischer Werth gering ist, ziem-\nlich enge declamirend anschliesst, doch selbst das Unpoeti-\nsche zu verklären weiss.\nDie (16.) Neujahrs - Cantate hat zu Anfang einen\nfigurirtenSatz zum Cantus firmu„Herr, Gott, Dich loben\nwir!\" der in hoher Einfachheit gewaltig ist. Kräftiger Jubel\nerklingt im zweiten Chor: „Lasst uns jauchzen!\" wo die\ntonischen EfTectkünste, mit wenigen Stimmen Vielstimmig-\nkeit zu erzeugen, zu bewundern sind. Wundervoll zärtlich\nist die Tenor-Arie: „Geliebter Jesu allein etc.\" (S. 194),\nin der Weise der Orgel-Trio's und jenes unvergleichlichen\nSatzes, den Winterfeld (Ev. K.-G. 3, S. 210 der Beisp.)\nmittheilt, streng dreistimmig ausgeführt.\nEin glänzend heiteres Licht ruht über dem Eingangs-\nChor dersiebenzehntenCantate: „Wer Dank opfert,\nder preiset mich!\" dessen Fugenthum oben erwähnt ist.\nEin Sopran-Gesang folgt von wundersamer Schönheit,\ntiefer Gluth und doch allerschärfster Kunstgestalt (S. 214),\nindem die beiden Geigen canonisch alla Quinta begleiten;\ndas Wundersame ist nur, dass der Nichtkünstler das kaum\nmerkt und von dem Kunstwerke doch gefangen wird. —•\nDen zweiten Theil beginnt ein Tenor voll zärtlichen Ent-\nzückens ; er erzählt von dem dankbaren Samariter, der ge-\nsund geworden, preiset Christi Güte in einer Arie und lei-\ntet so den einfach warmen Schluss-Choral ein, der die Me-\nlodie: „Nun lob mein Seel den Herrn!\" in der ältesten\nGestalt des Tripel-Rhythmus singt zu den Worten: „Wie\nsich ein Vater erbarmet\". —• Sonderbar, dass hier auch\nin der Harmonieführung sich leise Anklänge an Eccard und\ndie alte Zeit finden.\nDie achtzehnte Cantate bietet viel Sonderbares.\nEin höchst widriger Text wird von Solostimmen mit zwi-\nschenstimmigem Chor wunderlich herbe zerarbeitet (S.\n238 247) erst im Sopran-Solo: „Mein Seelenschatz\nist Gottes Wort\" (S. 248), athmet man wieder auf zu\nseelengesunder Stimmung, worauf der Schluss-Choral die\nMelodie: „Durch Adam's Fall\", in ernstem Tone wehmü-\nthig erhoben singt. Die einleitende Instrumental-Sinfonie ist\ninteressant durch die Zusammenstellung von vier Violen\nmit zwei Flöten; letztere stehen im französischen Violin-\nschlüssel, wonach die unterste Linie bedeutet, wie die\nVorrede S. XV erläutert; es fehlt dort die nähere Bestim-\nmung, dass die Flöten in B stehen, was sonst unerhört\nist, hier aber aus der Partitur erhellt.\nRecht ritterlich fährt daher der fugirte Chor Cantate\nneunzehn (Michaelisfest), in welchem der Kampf zwischen\nEngeln und Teufeln schwebend in Tonbildern vorüberzieht;\nkühne und gewaltige Töne, leider an matte daktylische\nReimereien geknüpft. Der Sopran folgt mit einem fröh-\nlichen, lieblichen Triumph-Liede. Voll unruhiger Sehnsucht\nruft eine Tenorstimme den Engeln entgegen: „Bleibt, ihr\nEngel, bleibt bei mir!\" wozu die Posaune in der Höhe\n(wie S. 76) den Choral singt: „Herzlich lieb hab' ich Dich,\no Herr!\" Dasselbige Wort bekräftiget der Schluss-\nChor: „Lass Dein' Engel mit mir fahren\", in der Melodie\n„Wie nach einer Wasserquelle\", wiederum mit obschwe-\nbendem Posaunenholl, wie S. 78.\nDie letzte (20.) Cantate zum 1. Trinit.-Sonntag\nist wiederum zweitheilig über den Choral: „O Ewigkeit,\ndu Donnerwort!\" dessen Canlns firmus der Anfangs-Chor\nin zwei Strophen würdig auslegt, umwunden von einem\nDoppel-Chor von Geigern und Bläsern, je dreistimmig in\ngeistreicher Wendung Figuren und Melismen wechselseitig\nentlehnend und vertauschend. Eine Alt-Arie von sehr bissi-\ngem Charakter (S. 314), ein Tenor-Gesang von vieler Vir-\ntuosität (S. 304) und ein paar Recitative zu höchst wider-\nwärtigem höllischem Texte (S. 308) haben nichts Anmu-\nthendes, kaum noch Kirchliches an sich; desto edler klingt\ndazwischen der männliche Gesang: „Gott ist gerecht in sei-\nnen Werken.\" Der zweite Theil wird ebenfalls durch eine\nBass-Arie eröffnet von kühnem Klange mit glänzender,\ngleichsam siegprangender Begleitung: „Wacht auf, ver-\nlorne Schafe!\" (319.) Die weibliche Stimme, welche\nhierauf der Eitelkeit dieser Welt absagt (323), scheint sich\nallerdings etwas ungern davon zu trennen und stellt diesen\nUnwillen sehr dramatisch dar; recht warm und liebevoll\ndagegen und gleichwie ängstlich warnend singen dann Alt\nund Tenor zusammen, vom einsamen Contrabass begleitet:\n„ 0 Menschenkind, hör' auf geschwind, die Sünd' und Welt\nzu lieben!\" Beide Theile schliesst der einfach parallel-\nstimmige Choral, wie ihn bereits Becker in seinen 371\nvierstimmigen Chorälen Nr. 26 mitgetheilt hat.\nDer Druck und die Ausstattung sind, wie das vorige\nMal, des vaterländischen Unternehmens würdig, ein schönes\nDenkmal technischer Sorgfalt, im Verhältniss des Preises\nglänzend schön zu nennen. Folgende Druckfehler (Stich-\nfehler vielmehr) sind uns bei erster Lesung aufgefallen:\nZu lesen: Seite3B, Zeile 1, Tact 4, Fl. 1: d statt h."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5000, "texte": "Zu lesen: S. 78, Z. 1 und 2 in der Oboenstimme\nfehlen die Fermaten.\nZu lesen: S. 139, Z. 4, T. 2, Continuo zweite Note\n(g) muss mit 6 beziffert werden.\nZu lesen: S. 178 muss die erste Note der Alt-Sing-\nstimme ff)% sein statt V 4.\n(Zu lesen: S. 182, S. 1, T. 2 müssten die letzten\nzwei Sechszehntel der Hornstimme lauten f d, statt g e\nmüssten, sagen wir, denn freilich kann ein gewöhnlicher\nHornist jene zwei Töne nicht blasen; ein Virtuos jedoch,\nder die ganze Tonleiter besitzt, würde auch dieses heraus-\nbringen.— g e kann ertragen werden, ist jedoch sehr hart.)\nDer dritte Band des vaterländischen Unternehmens,\nLeipzig, 1853,341 S., beweis't ferner, wie rüstig die Arbeit\nfortschreitet, und verpflichtet zum Danke gegen die Leiten-\nden, vorzüglich den leipziger Musik-Director Hauptmann,\nder die Ehre hat, heute an derselben Kirche zu wirken,\nwo vor hundert Jahren der alte Magus auf der Orgelbank\nsass. Dort werden noch bis auf diesen Tag allsonnabendlich\nNachmittags Bach'sche und andere gleichgesinnte Chöre ge-\nsungen, dergleichen man fast in solcher Sauberkeit wenig\nzu hören kriegt; eine Tradition aus des alten Sebastos\n{ZEBAZTOZ = Au guslus,der Herrliche) Zeit, die wie\nein frisch erhaltenes gothisches Bauwerk uns mit den Vä-\ntern verbindet, dass wir inne werden: „Ein Tag sagt's\ndem andern.\"\nSolche Tradition hat auch bis auf Forkel's Zeit im\ninstrumentalen Gebiete Statt gefunden; denn Forkel war\neiner der letzten der Glücklichen, die noch vom Lebens-\nAthem des Grössten unter den Geschiedenen angeweht sind.\nVon Forkel war Griepenkerl der ältere ein Schüler; da\ndieser kürzlich gestorben, so ist zu fürchten, dass die per-\nsönliche Tradition zu Ende gegangen— ein böser Um-\nstand gerade für die tönende Kunst, die gar sehr an per-\nsönliches Erlebniss gebunden ist. Hätten wir z. B. noch\nmehr zuverlässige Traditionen über Mozart, so würden\nnicht die Ouvertüren zum Don Juan und zur Zauberflöte\nso sinnlos kindisch in galoppirendem Schwindsucht-Tempo\nabgesprudelt werden, wie es heute auf den meisten Hof-\nbühnen geschieht wo dann die Tonseele des wunderba-\nren Sängers verdunkelt wird und nichts erhellt als der weisse\nStab des Directors.\nStatt dieser mündlichen Tradition, deren wir für S.\nBach wohl bald entbehren müssen, tritt nun die Schrift\n♦ 7\nein, und es ist mit wahrem Danke zu erkennen, wie um-\nsichtig und treu dieselbe aus den Urschriften hergestellt\nwird. Der dritte Band enthält bloss Clavier-\nsachen, darunter manche Edelsteine, geschliffene und un-\ngeschliffene, auch einzelne Kiesel, an denen harte Köpfe\nzerscheitern mögen, die nicht wissen, was es heute und da-\nmals an der Zeit ist. Denn auch bei Sebastian dem Herr-\nlichen gibt es Zeitliches und Ewiges, wie bei allen Menschen\nnur dass das Ewige ihn durchwaltet und überwiegt,\ndaher auch sein Zeitliches einen Zug in die Verewigung\nhinein thut will sagen, mitten aus dem so genannten\nZopfstil schaut das abgründlich tiefe Wesen hervor, das\nkeiner Zeit und allen Zeiten gehört.\nEs liegen vor in diesem ersten Bande der Ciavierwerke :\n1)15 Inventionen; 2) 15 Sinfonieen; 3) eine grosse Cla-\nvier-Uebung, enthaltend 6 Partiten, ein Concert, eine Zahl\nChoral-Vorspiele, eine Aria mit 30 Veränderungen; 4)\nToccata in Fis-moll;5) Toccata in 6) in\nmoll. Von diesen Stücken ist ein ziemlicher Theil schon\nbekannt, nämlich die Inventionen und Sinfonieen und Cho-\nral-Vorspiele und Variationen, über die Hälfte dieses Ban-\ndes; doch ist die erneute Auflage durch kritische Sorgfalt\nwesentlich hervorragend über den früheren, wo nur einzelne\nSätze aus Peters' Verlag (z. B. die Choral-Vorspiele) schon\nfrüher untadelig vorlagen. Aus den urschriftlich mitge-\nteilten Vorreden Bach's erhellt, dass die Ciaviersachen\ntheils künstlerisch, theils pädagogisch gemeint sind: bald\ngibt er eine „Clavir-Uebung in italiänischem Gusto\", oder\n„nach französischer Art, vor ein Clavi-Cymbel mit zweven\nManualen, denen Liebhabern zur Gemüths-Ergölzung ver-\nfertiget\"; bald stellt er auf „eine Auffrichtige Anlei-\ntung, wormit denen Liebhabern des Klavires, besonders\naber denen Lehrbegierigen, eine deutliche Art gezeiget wird,\nnicht alleine 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern\nauch mit dreyen obligaten Partieen richtig und wohl zu ver-\nfahren, anbey auch zugleich gute nicht alleine\nzu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen,\nam allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu er-\nlangen, und darneben einen starken Vorschmack von der\nComposition zu überkommen, etc.\"\nViele heutige Leser werden sich in diesem Hefte nicht\nwohnlich fühlen. „Das wunderliche Klopfen und Tupfen\n(loccata von toccare,Klopfen, Hämmern) das steife Imi-\ntiren, Fugiren, Schematisiren es ist nicht auszuhalten,\nnichts fürs Herz und Gemüth\" etc., hört man sagen auch\nvon den Besseren unter den Zeitsinnigen. Freilich kommt's\nauf Arbeiten und Lernen an, und an sinnlich ergreifender\nSchönheit mögen wohl die Voca 1i e n des alten Bach\nnäher wirkend erscheinen; desto mehr ist aber hier den\nwahren Künstlern zu rathen, dass sie sich mit wahrer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5120, "texte": "Liebe heranbegeben und das Verständlichere mit wahrem\nAusdruck vortragen lernen, um den Kreis der Freunde\necht deutscher Musik bis in das breite Volk hinein zu er-\nweitern. Und das ist möglich, auch an Orgel und Ciavier;\nLiszt hat's gewagt, auch Mortier de Fontaine, der\nbesser Bach als Beethoven spielt, und H i 11 e r u. A. Möchten\ndiese technischen Heroen nur immer mit echter Demuth an\ndie Sache gehen, wo sie den süssen Pöbel classisch erleuchten\nwollen, und nicht, wie Liszt einmal gethan, die allerlangweilig-\nste didaktische Fuge, die, welche auf die chromatische Phan-\ntasie folgt, einem Publicum aufspielen, das diese Fuge an-\nglotzt, wie die Kuh das neue Thor, weil es sie absolut\nnicht begreift, und zum Zeichen seiner Regbarkeit wohl\nden Liszt, aber nicht den Bach applaudirt. Ja, könnte\nman das verfluchte Applaudiren ausrotten! das neronische\nKunstgift, das alle unsere Bühnen gründlich zu verderben\nanfängt um ja nicht hinter Paris zurückzustehen!\nKönnte man den Künstlern den Nagel aus dem Kopfe und\ndie Demuth hinein treiben! wir wären geborgen, das Volk\nwürde lebendig fühlen und wirken, der alte Bach würde\nseine Stelle einnehmen als Erzvater aller neueren Kunst.\nFromme Wünsche! sie werden doch erfüllt, wenn auch\nlangsam. Was die Bach'sche Kunst Eigentümliches hat,\nist ihre Objectivität, und die bricht sich durch, trotz\nWagner, Liszt und Berlioz und dem tollgewordenen Hau-\nfen derer, die nach neuen Gestalten lechzen, damit, um mit\nder leipziger Literaten-Coterie zu reden, „damit die Kunst\neine Wahrheit werde!\" Sie ist's gewesen und wird\nes sein, trotz aller hirnverbrannten, denkseligen, specula-\ntionswüthigen Hegeliter, die nun einmal auf eine kurze\nStunde den Markt gewonnen haben mit ihrem Geschrei.\nDie Kunst ist Wahrheit, aber nur die objective, gesunde,\ngeradgewachsene, dazu es Muth und Herz verlangt, sie zu\nergreifen.\nVom Einzelnen zu reden, es kommen viele fremde,\nheute ungewohnte Namen der Tonsätze vor, die sich doch\naus dem Zusammenhange erklären, wenn man es nicht ab-\nsieht auf grammatisch feinsinnige Definitionen, sondern auf\nLebensworte. So sprechen sich die Inventiones selber\naus als zweistimmige Uebungssätzchen, scheinbar nur zur\nSchule bestimmt, aber in der That weit über sie hinaus\ndeutend. Die Sinfonieen sind dreistimmige, meist fugirte\nSätze, einige auch freier singend, wie die unübertrefflich\nschöne, tiefklagende in F-moll (Sinf. 9, S. 30); wer, auch\nleichtgesinnter Art, diese ernstlich studirt und treulich\nspielt, wird es inne werden, ob das Rococo sei oder tiefe\nLebensschönheit. Partita bedeutet ein Stück in meh-\nreren Theilen, gewöhnlich Präludium, Allemande, Sara-\nbande, Courante, Menuet und Gigue enthaltend, also ganz\ngleichbedeutend mit „Suite\". Dieser Art ist eigenthüm-\nlich, dass sie der Anfang grösserer Instrumental-Formen\nund somit fast ein Vorbild der späteren Sonaten-Form ist,\nvon der sie sich jedoch wesentlich unterscheidet in der\nZahl und Ausdehnung der Einzelsätze (welche bei der\nBeethoven'schen Sonate beschränkter und in einzelnen For-\nmen abgerundeter ist) und in der Gleichheit der Ton-\nart; denn Mozart und Beethoven lieben es, den Einzel-\nsätzen verschiedene Tonarten zu geben. Toccata\nbedeutet Uebungsstück, Hämmerung, Hammerarbeit; also\nmöchte man sagen ein bedenklich Vorspiel der mo-\ndernen Meister Hämmerlinge aus der berüchtigten Stadt\nPianopolis? Nein, Freund! so ist's nicht gemeint. Der\nalte Bach kannte noch keine „Etüden\" im Lisztischen\nGenre, wo die Morgen-Toilette der Finger vor das Publi-\ncum gebracht wird mit der Anmaassung, Ehre zu werben\ndurch Verrenkung, und kolossale Applause und berlinische\nFlausen einzucassiren für mechanische Affensprünge;\njene Bach'schen Toccaten = Etüden, wie hier die Toccata\nin Fis-moll,S. 311 (oder die Ouvertüre S. 154, mit\njener Toccate im Inhalt verwandt) sind Studien der\nSeele, nicht der Finger.\nInteressant ist es auch, die financi-ellen Uebersichten,\nwelche jedem Jahrgange beigegeben sind, zu vergleichen.\nDer erste Jahrgang, ausgegeben im April 1852, zeigte\n1415 Thlr. an eingezahlten Beiträgen, 2204 Thlr. Aus-\ngaben, also Vorschuss der Cassirer 789 Thlr.; die Zahl\nder Exemplare der erstjährigen Mitglieder ist 303, darun-\nter 88 von fürstlichen Personen, 74 von ausserdeutschen.\nDer zweite Jahrgang, ausgegeben im März 1853,\nzeigt folgende Bilanz: 3010 Thlr. an eingezahlten Beiträ-\ngen, 3206 Thlr. an Ausgaben, Vorschuss der Cassirer\n196 Thlr.; Zahl der Exemplare 485, darunter 88 fürst-\nliche, 119 ausserdeutsche. Der dritte nun ausgege-\nbene Jahrgang zeigt die Bilanz: an eingezahlten Beiträgen\n2210 Thlr., Ausgabe 2805 Thlr., Vorschuss der Cassirer\n595 Thlr.; Zahl der Exemplare 411, darunter 97 lürst-\nliche, 134 ausserdeutsche. Da nun die Zahl der fürstlichen\nBeiträge und der ausserdeutschen gestiegen, die Gesammt-\nzahl aller Beiträge aber abgenommen hat gegen voriges\nJahr, so ist vorauszusetzen, dass den deutschen Bürger die\nZeit der Theurung eine Weile zurückgehalten, denPränume-\nrations-Preis zu zahlen. Hoffen wir, dass mit abnehmender\nTheurung der Bach wieder mehr gesucht werde und der theure\nMann nicht zu theuer sei lür das nachgeborene Geschlecht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 181, "texte": "Von Druckfehlern habe ich bei erster flüchtiger Durch-\nlesung nur Einen gefunden; nämlich S. 152, System 8\n(Zeile 4), Tact 2, Note 4 des Basses ist zu lesen nicht\nsondern Es.\n\nE. K."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-18_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "86", "page_fin": "87", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.2.2", "titre_corps": "Aus Stettin.", "titre_sommaire": "Aus Stettin.", "signature_source": "O. G", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.6", "debut_caractere": 183, "fin_caractere_exclue": 7426, "texte": "Aus Stettin.\n\nDen 10. März 1854.\nSeit einigen Wochen ist auch hier der „Tannhäuser\" mit\nungewöhnlichem Aufwände an Geld und Menschen dem Publicum\nvorgeführt worden. Da die Musik hinlänglich beurtheilt ist, so wäre\nes überflüssig, näher darauf einzugehen; eine wesentliche Meinungs-\nverschiedenheit scheint überdies bei denen kaum denkbar, die, frei\nan die Sache herantretend, Kunstleistungen nicht vom Standpunkte\ndes Gefallens oder Missfallens allein beurtheilen, sondern nach den\nGesetzen, die sich als nothwendige Bedingung jedes Kunstwerkes\neinmal nicht abläugnen lassen. Wichtiger als die Oper selbst\nist fast das Verhalten des Publicums zu derselben. Einige Resul-\ntate genauer in dieser Beziehung angestellter Beobachtungen mögen\nhier mitgetheilt werden, da Erscheinungen, wie die hier hervor-\ntretenden, gewiss nicht von bloss localer Natur sind.\nDie Vorstellungen sind bis jetzt stark besucht, die Theilnahme\nlebhaft; die gewöhnliche Behauptung, dass das Neue und Tiefe\nstets schwer Eingang finde, würde also hiedurch wenn es näm-\nlich vorhanden sein sollte widerlegt. Es möchte jedoch gewagt\nsein, ein Gefallen im gewöhnlichen Sinne anzunehmen, auch abge-\nsehen von den ungewohnt schwachen Aeusserurgen des Beifalls.\nSchon die Thatsache, dass in unserer Stadt ein neues Werk, ohne\nerst das bisher übliche Zulässigkeits-Attest in Berlin erlangt zu ha-\nben, mit sehr bedeutenden Kosten in Scene gesetzt wird, muss\nauffallen; noch auffallender ist es, dass viele nicht eigentlich musi-\ncalisch zu nennende Personen sich entschliessen, die Oper eines\nihnen noch unbekannten Componisten, gerade weil sie ihnen an-\nfänglich nicht zusagt, mehrfach zu hören, um sicher urtheilen zu\nkönnen; eine an sich ehrenwerthe Rücksicht, die aber sonst selten\nbeobachtet wird. Der Grund ist, wie sich von selbst versteht, in\nder durch die Presse erregten Aufmerksamkeit zu suchen. Die\nWirkung des Versuches, auf dem Wege der Theorie und der Vor-\nkritik der zu erwartenden Kunst-Schöpfungen das Publicum lür\ndiese zu gewinnen, ist in der That Erstaunen erregend, wenn man\nerwägt, dass der Anstoss dazu von dem Dichter und Componisten\ndurch eigene Schriftstellerei gegeben ist. Selbst diejenigen, welche\nsich oppositionel verhalten, können sich nur selten davon lossagen,\ndiese Belehrungen zur Basis ihres Urthcils anzunehmen. So wird\nbei dem Streite über die Vorzüge oder Mängel eines vorausge-\nsetzten Neuen die Existenz desselben kaum einerweiteren\nPrüfung unterzogen.\nEs ist eben so leicht zu behaupten, Musik sei originel, wie das\nGegentheil. Allein bei dem grössten Thcile dieser Oper ist eigent-\nlich die Möglichkeit des wesentlich Neuen fast ausgeschlossen, da\nbei genauem, oft etwas aufdringlichem Anschlüsse der Töne an\nden Text der innere Zusammenhang derselben sich meist nur auf\nwenige Tacte erstreckt. Diese Zerstückelung des musicalischen Ma-\nterials muss unvermeidlich immer auf dieselben Erscheinungen zu-\nrückführen und macht die Anwendung der Begriffe neu und alt\neigentlich unzulässig. Die Formlosigkeit, wie gewöhnlich mit dem\nAusdrucke Mangel an Melodie bezeichnet, wird zwar erkannt; da\njedoch der Verfasser die Vorsicht gebraucht hat, Opern-Melodie für\netwas Veraltetes zu erklären, so glaubt man diesen Mangel als\neinen beabsichtigten Vorzug hinnehmen zu müssen. Die oppo-\nsitionelle Presse hat, wie so häufig, nur das günstige Vorurtheil\nerregt, dass so heftig Angegriffenes jedenfalls bedeutend sein müsse.\nPersonen, welche sonst an Musik die Anforderung stellen, dass sie\nsich ihrer ohne eigene Anstrengung gewisser Maassen mit Gewalt\nbemächtige, wenden den äussersten Grad von Aufmerksamkeit an,\num in einem allerdings zweifelhaften Falle selbst zu urtheilen; da-\ndurch ist ihr Interesse schon gesichert, nur dass es nicht ein aus\nder Sache unmittelbar selbst fliessendes ist, sondern von ihnen in\ndieselbe hinein getragen wird. Die vorläufige Kenntniss der Ouver-\ntüre hatte günstige Erwartungen erregt; sie selbst verliert jedoch\nnach dem Anhören des Ganzen, da sie nichts Sclbstständiges bie-\ntet und die Sitte, durch Verwendung musicalischer Motive gewisser\nMaassen einen Index des Folgenden zu geben, hier bis zur voll-\nständigen Einführung des „Potpourri aus der Oper\" in die Oper\nselbst gesteigert ist. Die Vereinigung von Dichter und Componisten\nin Einer Person konnte ferner, wie billig, nicht verfehlen, die Auf-\nmerksamkeit zu erregen. Im Allgemeinen ist jedoch der Vortheil\ndieses Verhältnisses mehr als zweifelhaft; auch stellt sich das Ur-\ntheil in Betreff des Textes entschieden ungünstiger; sogar ein kaum\nzu vermeidender Humor findet Eingang, ohne Anstoss zu erregen.\nDa indess, wie bisher, Musik und Decorationen auch im Tannhäu-\nser vorzugsweise beachtet werden, so könnte das Uebrige als un-\nschädliche Nebensache erscheinen, wenn nicht vom Componisten\nselbst der höchste Wrerth darauf gelegt würde.\nDer Text ist vielfach von denen gelobt, welche die Musik ta-\ndeln, und umgekehrt. Sollte der Wunsch, das, was man in einer\nHinsicht verwerfen muss, in einer ferner liegenden gelten zu lassen,\nnicht darauf Einfiuss gehabt haben? Auch bei der Gewohnheit, an\neinen Opern-Text keineswegs den Maassstab dramatischer Kritik\nzu legen, und von dem aufrichtigen Wunsche beseelt, ein weit ver-\nbreitetes Interesse, welches vorläufige Kenntniss der Musik nicht\nerklären konnte, durch dramatische Darstellung gerechtfertigt zu\nfinden, erstaunt man doch über die grosse Menge des theils unab-\nsichtlich Komischen, theils in Verlegenheit Setzenden. Einzelnes er-\nweckt sogar die Erinnerung an jugendliche Freuden vor Marionet-\nten-Theatern. Der Kampf sinnlicher und geistiger Liebe ein\netwas veralteter Dualismus tritt sonderbarer Weise nur als ein\nWechsel von Unannehmlichkeiten hervor, da die durch jedes Genre\ndem Helden gebotenen Vortheile schon vor dem Beginnen des\nStückes mit Ausnahme eines einzigen Duetts aufgehört ha-\nben. Dass Tannhäuser sich aus Gesundheits-Rücksichten von der\n\\ enus gleich im Anfange des Stückes zurückzieht, wird aus mora-\nlischen Gründen sehr gebilligt, nur wäre es nicht nöthig, hierüber\nso deutlich zu sein („und übergross ist mir dein Lieben, wenn\nstets ein Gott\" u. s. w., oder: „dein übergrosser Reiz ist's, den\nich meide\"). Befremdend ist es, dass er sich dafür bedankt, nach\nGöttern ihre Gunst erhalten zu haben, da ja ein Beweis ihres her-\nabgekommenen Zustandes damit gegeben ist. Die Heine'sche Auf-\nfassung in dem bekannten Gedichte, wo diese Erinnerung vorzüg-\nlich einen Scheidungsgrund abgibt, scheint menschlicher und natür-\nlicher. Begreiflich aber ist es, wenn Venus den Helden der\nseine Gluth in einer Arie ausströmt, deren keineswegs sinnlich rei-\nzende, sondern eher etwas hölzerne Melodie, vielleicht seine innere\nVerlegenheit ausdrückend, an die Musik-Beilagen zu Taschenbü-\nchern erinnert endlich entlässt; denn da er für gut findet, sein\ngesteigertes Verlangen dadurch auszudrücken, dass er das Ganze\njedesmal einen halben Ton höher singt, so droht ferneres Zögern\nder Stimme des Geliebten gefährlich zu werden.\nSchwer zu fassen ist die Scene, in welcher ein Hirt einen Ge-\nsang von der unnatürlichsten Natürlichkeit anhebt. Der Versuch,\nden gänzlichen Mangel an Accompagnement dadurch zu erklären,\ndass Hirten sich in der That keines Orchesters bei ihren Liedern"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3181, "texte": "zu erfreuen pflegen, muss als gar zu scherzhaft abgewiesen werden.\nLcbrigens sind noch eine Menge Verkehrtheiten aus der Verwech-\nselung der wirklichen Natur mit der pappenen auf dem Theater\nhervorgegangen. Der zweite Act gefällt in Betreff des Stoffes\nnoch mit Recht am meisten und bietet wenig äusserliche Erschei-\nnungen dar, die verletzen könnten. Nur wird einem bei der Thron-\nrede des Landgrafen die Zeit etwas lang, und bei der humoristi-\nschen Verthcilung von Loosen für den Sänger-Wettkampf können\nsich die Darstellenden selbst nicht des Lachens enthalten. Der\nSchluss in der Art des bekannten: „ich sterbe, du stirbst, er sterbe\nden Tod des Verräthers\", gehört wohl nicht allein der Zukunft,\nsondern auch der Vergangenheit an. Der dritte Act erregt in\nder That das meiste Bedenken. Wie kommt es, dass die Heldin,\nnachdem sie unter den gleich Recruten einherschreitenden Pilgern\n(warum zuerst „ältere\" und zuletzt „jüngere\"?) wie Bürgers Le-\nnore gesucht und nicht gefunden hat, sich übereilt und einen Mo-\nment zu früh sich entfernt, wodurch zum Bedauern aller Theilnch-\nmenden eine freundlichere Lösung der Verhältnisse unmöglich\nwird ? Ihr überraschend schnelles Sterben haben zwar die Andeu-\ntungen ihres bescheidenen Verehrers über ihren zerrütteten Ge-\nsundheits-Zustand zu motiviren versucht; wenn sie aber ganz kurz\nnach ihrem Verschwinden völlig todt auf einer Bahre erscheint,\nunter Umständen, die eine andere Absicht als die, sie zu begraben,\nkaum annehmen lassen, so ist diese A erletzung gesundheits-policei-\nlicher Rücksichten auch durch ein barbarisches Jahrhundert nicht\nwohl zu rechtfertigen. Solche Sachen lässt man sich in der komi-\nschen Oper gefallen: mit der Absicht, ernsthaft zu ergreifen, sind\nsie unvereinbarlich.\nDie Ausführung war, die grossen Schwierigkeiten in Anschlag\ngebracht, gut zu nennen. Sonderbar, dass selbst die Executirenden\nin der Regel mit einer gewissen Hochachtung davon sprechen,\nwenn ihnen Musik recht sauer gemacht wird. Daran scheint der\nfalsche schluss schuld zu sein: das Schwierige ist neu und tief,\nweil in der Regel das Neue und Tiefe schwierig ist. Hier sind die\nSchwierigkeiten meist ganz äusserlich, vorzüglich veranlasst durch\nunglückliche Behandlung der menschlichen Stimme, und für die\nInstrumente durch häufige Anwendung entlegener Tonarten und\nder chromatischen Scala.\nWenn der Umstand, dass man nach vielfachen Proben und\nmehrfacher Aufführung noch nicht vor den gröbsten Verletzungen\ndes physischen Sinnes bewahrt bleibt, durch unzureichende Kräfte\nerklärt wird, so ist dagegen zu erinnern, dass dieselben Kräfte sich\nschon oft ausreichend erwiesen haben, und es fragt sich, wodurch\nso grosse Anforderungen gerechtfertigt werden. Unter allen Um-\nständen jedoch steht das Resultat des Ganzen in keinem Verhält-\nnisse zu den bedeutenden Kosten und Mühen, und zwar, wie es\nscheint, trotz der grossen Theilnahme, nicht einmal in pecuniärer\nBeziehung. Uebrigens müssen wir immerhin denen, welche dem\n\\ ernehmen nach durch eine bedeutende Subscription zur Deckung\nder Kosten der Theater-Direction die Aufführung ermöglicht ha-\nben, dankbar sein, da sie uns dadurch zu einem eigenen Urtheile\nverholfen haben.\n\nO. G."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-18_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "87", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.2.3", "titre_corps": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.7", "debut_caractere": 3183, "fin_caractere_exclue": 6849, "texte": "Siebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 14. März.\nDas Concert wurde mit Gade's Sinfonie Nr. IV. in B-dur,\nOp. 20, eröffnet, die wir hier zum ersten Male hörten. Sie wurde\nrecht gut ausgeführt und geliel, ohne gerade hinzureissen, machte\nalso diejenige Wirkung, welche ihrem Charakter gemäss ist, der\nmehr anmuthig und reizend ist, als grossartig und ergreifend. Von\neigentümlichem Stil, wie man ihn hauptsächlich in den Motiven\nund grösstenteils auch in Behandlung derselben in den früheren\nWerken Gade's finden wollte und in mancher Hinsicht auch wirk-\nlich findet, kann hier nicht mehr die Rede sein; der Componist\nerscheint als ein Jünger jener deutschen Schule, die sich in Men-\ndelssohns duftiger, aber doch durchsichtiger Romantik, verbunden\nmit schmucker Glätte und zierlicher Reinlichkeit, gipfelt. Unter den\nInstrumentalstücken dieser Gattung ist dieser /?-dwr-Sinfonie ein\nEhrenplatz zuzuerkennen, sowohl was glückliche Erfindung der\nMotive als Oekonomie der Form und Instrumentation betrifft; in\nBezug auf die letztere beweis't auch sie wieder, dass Gade für das\nInstrumentale ein sehr feines Ohr hat. Die Kürze des Werkes,\ntrotz seiner vier Sätze, ist dem Charakter ganz angemessen. Die\nPerle des Ganzen dürfte wohl das Scherzo, die relativ schwächste\nPartie das Finale sein, trotz dem oder vielleicht gerade weil es\neinen höheren Aufschwung nehmen will.\nEin Ave verum von C. Gounod für Tenor-Solo, Chor und Or-\nchester, Manuscript, das Solo von Herrn E. Koch vortrefflich vor-\ngetragen, erwarb sich Beifall. Es ist keine bedeutende Arbeit, aber\nes herrscht darin der gelungene Ausdruck einer religiösen Empfin-\ndung, und der Stil zeugt von der ehrenwerthen Gesinnung des\nnoch jungen Componisten. Gounod hat durch seine Oper „Sappho\"\nund durch die Chöre zu Ponsard's Drama „Ulysses\" in Paris sei-\nnen Ruf gegründet. Gegenwärtig wird von ihm eine neue Oper,\nLa Norme sanglante, einstudirt.\nHierauf spielte Ed. Franck sein Concert für Pianoforte und\nOrchester in D-moll, Op. 13, in seiner bekannten gewissenhaften und\nherrlich abgerundeten Vortragsweise. Wir hörten dieses Concert\nhier zum ersten Male; wenn die neueren Compositionen des Mei-\nsters auch allerdings mehr Originalität, grossartigere Conception\nund Einheit des jedesmaligen Charakters offenbaren, so macht die-\nses Concert, w elches sich in Form und Stil der guten älteren Schule\nanschliesst, durch ansprechende Motive, Klarheit und das wohlge-\ntroffene Verhältniss des Solo-Instrumentes zum Orchester doch auch\neinen sehr guten Eindruck und fand grossen Beifall.\nDie schöne Ouvertüre zu Don Carlos von Ferd. Ries schloss\ndie erste Abtheilung.\nDie zweite wurde durch die Ouvertüre und eine Auswahl\nvon Gesangstücken aus der Oper Idomeneo von Mozart\nausgefüllt. Der Zusammenstellung fehlte es an Zusammenhang, auch\nhatte man vernachlässigt, dem Zuhörer, wenn auch nicht durch\neinen verbindenden Text, doch wenigstens durch die Angabe der\nHandlung in wenigen Zeilen zwischen den gedruckten Versen auf\ndem Programm zu Hülfe zu kommen. Nun wurden noch obenein\nIdomeneo und der Oberpriester von Einer Person, für die dann\nnatürlich in dem Recitativ mit dem letzteren ein zweiter Repräsen-\ntant des Königs eintreten musste, gesungen, und so konnte das\nPublicum aus dem Gang und Sinn der Handlung nicht klug wer-\nden; und da auch die Ausführung im Ganzen nicht die Kraft und\ndas Feuer zeigte, welches Opern-Chöre verlangen (nur der liebliche\nChor: „Ruhig sind Meer und Winde\", wurde sehr schön vorgetra-\ngen), und die weiblichen Solostimmen der Aufgabe keineswegs ge-\nwachsen waren, so war der Eindruck, trotz der Schönheiten der\nMozart'schen Musik, doch nur ein matter."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-18_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "87", "page_fin": "88", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.2.4", "titre_corps": "Deutsche Tonhalle.", "titre_sommaire": "Deutsche Tonhalle.", "signature_source": "Der Vereins-Vorstand", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.7", "debut_caractere": 6851, "fin_caractere_exclue": 7215, "texte": "Deutsche Tonhalle.\n\nDer Verein setzt hiermit einen Preis von zwölf Ducaten auf die\nnicht sehr gedehnte und leicht ausführbare Composition nachstehen-\nder drei Gesänge für vier Männerstimmen mit Orgel zum Ge-\nbrauch der Kirche während des Abendmahls.\nDie Bewerbungen wollen uns, unter Rücksichtnahme auf die\nVereins-Satzungen, im Monat August d. J. frei zugeschickt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1825, "texte": "werden, jede mit einem deutschen Spruche versehen und begleitet\nvon einem versiegelten Zettel, welcher den Namen und Wohnort\ndes Verfassers enthält und aussen, nebst demselben Spruche, einen\nTondichter benennt, welchen der Einsender als Preisrichter wählt.\nDer Erfolg dieses Preis-Ausschreibens wird seiner Zeit bekannt\ngemacht.\nWir erinnern zugleich, dass mit dem nächsten Maimonat auch\ndie Bewerbungszeit wegen des Preises tür einen Quintettsatz endet.\nMannheim, im Lenzmonat 1854.\n1.\nHerr, Du woll'st uns vorbereiten\nZu Deines Mahles Seligkeiten!\nSei mitten unter uns, o Gott!\nLasse, Leben zu empfangen,\nNach Dir nur unser Herz verlangen,\nUnd sprich uns los von Sünd' und Tod!\nWir sind, Herr Jesu, Dein:\nDein lass uns immer sein:\nAmen, Amen:\nAnbetung Dir!\nEinst feiern wir\nDas grosse Abendmahl bei Dir.\n2.\n(Nicht durchcomponiren.)\nNehmet hin und esst sein Brod!\nJesus Christus ward gegeben\nFür die Sünder in den Tod.\nNehmt und trinkt, es ist sein Leben!\nSeht, wie er die Menschen liebt,\nDa er selbst für sie sich gibt.\nDie mit ganzer Zuversicht\nDeines Heils, o Herr, sich freuen,\nLasse stets in Deinem Licht\nWandeln und sich stets Dir weihen;\nLass ihr Herz vom Stolze rein,\nVoll von Deiner Demuth sein!\nJesu, da Du hast Dein Blut\nFür der Menschen Heil gegeben,\nStärke uns mit Kraft und Muth,\nDass wir Dir getreu nur leben,\nUnd zu Deinen Segenshöh'n\nAuf dem Pfad der Liebe gehn!\n3.\nAch, lass, o Herr, empfinden\nMich Deine Gotteskraft,\nDie Kraft, die uns von Sünden:\nErreltungshülfe schafft.\nErneure meinen Sinn,\nüass ich mit reinem Geiste\nDich ehr' und alles leiste,\nWas ich Dir schuldig bin.\nDu bist ein Geist, der lehret*\nWie man recht leben soll;\nSolch Beten wird erhöret,\nSolch Singen klinget wohl.\nEs steiget himmelan\nDas heisse Flehn der Frommen,\nBis Du zu Hülf gekommen,\nDer Allen helfen kann.\n\nDer Vereins-Vorstand."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-18-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-18_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-03-18_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "88", "page_fin": "88", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.8", "debut_caractere": 1827, "fin_caractere_exclue": 4699, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas diesjährige nieder rheinische Musikfest wird in\nAachen gefeiert werden; zur Direction soll Lindpaintner ein-\ngeladen worden sein, welcher atich beim letzten dortigen Feste im\nJahre 1851 dirigirte.\nAm 8. d. Mts. hat H. Vieuxtemps sein erstes Concert in\nBerlin gegeben.\nDer berühmte Sänger Rubini ist am 2. März in seinem Ge-\nburtsorte Romano bei Bergamo gestorben. Er ist 60 Jahre alt\ngeworden. Von seinem grossen Reichthume machte er den edelsten\nGebrauch; die ganze Umgegend verliert an ihm einen Verschöne-\nrer und die Armen einen hülfreichen Freund.\nl*aris. In voriger Woche ist hier auf dem Theater der komi-\nschen Oper die weisse Dame von Boieldieu zum 7641.\nMale auf dieser Bühne gegeben worden, und zwar binnen nur\n28 Jahren, denn die erste Vorstellung fand am 10. December 1825\nStatt. Dieses dürfte in der That ein beispielloser Erfolg sein! Und\ndabei erscheint ihre Musik dem Publicum von 1854 noch eben so\njung und frisch und bewundernswerth, wie den Zuhörern von 1825\nIst es Absicht oder nur ein Spiel des Zufalls, eine Ironie des\nSchicksals, dass diese Oper mit ihren einfach schönen, stets neuen,\ngefühlvollen, überall wahren und klar entwickelten Melodieen und\nihrer reizenden Instrumentation gerade jetzt dort wieder neu in\nScene gesetzt ist, wo sie fast einen Tag um den anderen mit\nMeyerbeers „Stern des Nordens\" abwechselt? Wahrlich, es ist\nnichts interessanter, als jetzt dieses Theater regelmässig eine Woche\nlang zu besuchen, um den Fortschritt der Opern-Musik in seiner\nwahren Bedeutung kennen zu lernen. Der Tenorist Puget war\ndarin vortrefflich; seit Roger ist der George Brown nicht in so\nguten Händen gewesen. Frl. Andrea Favel war eine anmuthige,\npoetische weisse Dame, und bessere Gaveston und Dikson, als Her-\nrn an-Leon und Sainte-Foy dürfte es schwerlich irgendwo ge-\nben. Der Chor war leider schlecht und schläfrig vielleicht in\nFolge der grossen Anstrengungen für die andere Oper des Tages.\nIn Italien gibt es doch noch grossartige Mäcene der Kunst! Der\nComponist Salvatore Pappalardo aus Catania in Sieilien hat dem\nFürsten Biscari sein Op. 23, ein Quintett für zwei Violinen,\nzwei Violen und Violoncello, gewidmet und schreibt in der Wid-\nmung unter Anderem: „Dieses Werk ist die Frucht langer Stu-\ndien; in vielen Quintetten sieht man zwar fünf Spieler, aber man\nhört nur vier. Wem könnte ich dieses mein liebstes Kind besser\nwidmen, als Ihnen? Sie haben mir in meiner Jugend den dornen-\nvollen Weg des Studiums erleichtert, indem Sie mir die Benutzung\nIhrer classischen Bibliothek, namentlich der Sammlungen sämmt-\nlicher Werke von Haydn, Mozart und Beethoven, verstatteten; wras\nwürde sonst in Catania aus mir geworden sein? Genehmigen Sie\ndaher u. s. w. u. s. w.\" Der Fürst übersandte dem Componisten\nnebst einem verbindlichen Danksagungsschreiben zweihundert Stück\nDucaten!\n(Gaz. Mus. di Napoli.)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "81", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.1", "texte": "Joh. Seb. Bach’s Werke.\n\nDie Arbeiten der Bach-Gesellschaft schreiten rüstig\nvorwärts, und die Theilnahme wächst für das edle Unter-\nnehmen, das weit über sein Vaterland hinaus des Kern-\nMenschen unter den Tonmeistern grosses Leben und Wir-\nken verewigen soll. An uns, den Jüngeren und Empfan-\ngenden, ist es nun, diesen Werken Wirkung zu geben,\ndass sie wiederklingen und ferner die Frucht bringen, dazu\nder Meister sie gepflanzt hat. Künstler und allerlei Volk\ntrete herzu, den köstlichen Schrein zu öffnen und aus sei-\nnen Edelsteinen zu wählen, was jedem ziemlich ist. Ihn zu-\ngänglich zu machen, ist kein Mittel, als ernstes Erleben\nund Wiederbeleben; die Mühe der Uebung trägt goldene\nFrucht. Es liegen uns jetzt drei Bände dieser Gesammt-\nAusgabe vor. (Ueber den Inhalt des ersten ist der Bericht\nin Nr. 96 und 98 der früher von uns herausgegebenen\nRheinischen Musik-Zeitung, Jahrg. 11., 1852, zu verglei-\nchen. Die Redaction.)\nDer zweite Band, Anfang 1853 erschienen, enthält\nwiederum zehn Kirchen-Cantaten, Nr. 11—20,\nXVI und 327 Seiten. Sie sind, wie die des ersten, nur\nBruchtheile aus den vollständigen zwei oder mehreren Kir-\nchen-Jahrgängen, deren Fülle allein schon in Erstaunen\nsetzt, wenn man gar nicht der übrigen Werke (Ciavier-,\nOrgel-, Geigen-Sonaten, Suiten etc.) gedenkt. Und in dieser\nüberwältigenden Menge seiner Thaten ist kaum eine der\nanderen ähnlich. Denn auch wer sich in den alten Sebastian\ngänzlich hineingelebt hat, so dass er die geliebten Züge\nwieder kennt, wo er ihnen begegnet in den tiefhallenden\nSchlüssen, den brausenden Tiefen jener Tonwandlungen so\nfern und nah, erschütternd und lieblich ja, selbst wer\nsich an einzelnen Herbigkeiten Sebastianischen Eigensinns\nden Kopf zerstösst und an den unerbittlichen Consequen-\nzen strenger Durchführung nur den arbeitenden Schul-\nmeister zu erkennen befähigt ist, den genialen Schöpfer aber\nnicht begreift —: Alle müssen doch übereinstimmen, den\nReichthum seiner Kunst zu bewundern, die alle Regionen\ndes Tonlebens erschöpft, in allen heimisch, selbstständig,\nfrisch und neu waltet, in den wichtigsten Grundzügen die\nneue Zeit in sich trägt und die Quelle alles Besten ist, was\ndie späteren Tage erworben. So ist es wirklich; die so ge-\nnannten Romantiker sind aus den überströmenden Quellen\nseiner Enharmonik ernährt, die sein strahlsinniger Geist aus\nder gleichschwebenden Temperatur entwickelte; diese Tem-\nperatur wiederum, wie sie nach Zerlösung der Kirchentöne\nnothwendig geworden, ist seine Erfindung, wie auch der\nFingersatz und die Virtuosität seine Erfindung ist, soweit\nman eines Einzelnen Kerngedanken im Zeitgewande Erfin-\ndung nennen darf. An dergleichen muss man die junge\nWelt erinnern, die sich klüger hält als den Alten vom\nBerge, oder die ohne ihn meint auf den Gipfel der Kunst\ngelangen zu können.\nAber auch dem Volke sind seine Werke gegeben. Es\nist ein böses Vorurtheil, von faulen Halbkünstlern erfunden,\nals sei der alte Bach nur für die Gelehrten. Die so spre-\nchen, haben ihn nicht ergriffen, oder nie versucht, dem\nVolke zu geben, was des Volkes ist. Bach's Zeitgenossen,\ndie freudigen Hörer seines Wortes, waren nicht gelehrter\nals wir, aber sie standen mit Einfalt und Hingebung in der\nKirche, und er wagte, ihnen zu geben, woran sie empor-\nklimmen möchten zu höherem Verständniss. Diese Canta-\nten, wie sie noch heute am selben Orte wie vor hundert\nJahren ein Schüler-Chor vorzutragen pflegt, waren damals\nbestimmt, vor und nach der Predigt vernommen zu wer-\nden; eine Erhöhung der Liturgie im evangelischen Geiste,\ndie auch uns zu Gute kommen wird, je mehr sich das er-\nwachende Bedürfniss nach lebendiger Sonntagsfeier verbrei-\ntet und vertieft. Zwar sind sie nicht in dem Sinne rein\nkirchlich, wie die schönen alten Lieder vor dem dreissig-\njährigen Kriege; aber der rhythmische Choral, wo er sich\nBahn bricht, wird nicht dem alten Bach oder dem künst-\nlerischen Gesänge Eintrag thun, sondern vielmehr eine\nbrünstige Liebe entzünden, Gott in tausend Zungen zu prei-\nsen und ihm zu lobsingen „mit Cymbeln und Pfeifen\"!\nUnd in dem grossen Welt-Chor des Evangeliums haben"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "82", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.2", "texte": "Eccard und Bach jeder seine Stelle, die ihm von Gott an-\ngewiesen, mit Ehren erfüllt, und werden es fürderhin thun,\nwie Er es will.\nVon den Cantaten des 11. Bandes sind drei festliche: auf\nOstern, Himmelfahrt und Michaelis; die übrigen auf Jubi-\nlate, Sexagesima, Neujahr (Beschneidung), zwei Trinitatis-\nund zwei Epiphanias-Sonntage. Die Tonarten sind durch-\nweg die modernen, nur das „Herr, Gott, Dich loben wir!\"\nentfaltet die ersten vier Zeilen des alten ambrosianischen\nGesanges mit Anklängen an den äolischen Kirchen-Ton\n(zum Beschneidungsfeste, Cant. 16). Auffallend ist, neben\nder übrigen Mannigfaltigkeit der Gestaltung, dass hier in\ndrei Cantaten die Anfangs- und Schluss-Tonart nicht die-\nselbe ist, indem die 12., 13., 14. Cantate alle drei in\nB-dur schliessen, nachdem sie in\nbegonnen. Dieses ist gegen die Gewohnheit sowohl der\nZeit als Sebastian's. Ein innerer Grund dazu scheint dieser\nzu sein, dass dem düsteren Eingange ein freudig erhobener\nSchluss antworte; doch bleibt es unerklärt, warum nicht\ndie gewöhnliche Weise des Kirchenschlusses, im Dwr-Drei-\nklang jeder vorhandenen Tonart zu schliessen, gebraucht\nist. In grösseren Gebilden, wie im Messias und in der Mat-\nthäus-Passion, kann solcher Zwiespalt nicht verletzen; in\nkleinerem Räume ist er fühlbar, selbst den ungelehrten\nHörer überraschend.\nDie eilfte Cantate, auf das Himmelfahrtsfest, hat\neinen fröhlich prächtigen Eingang und einen gewaltigen\nSchluss-Chor, beide mit grossem Reichthume von Instru-\nmenten ausgestattet, welche in mannigfaltigen Strömungen\nzwischen den Singstimmen hindurchwallen. Nach ein\npaar sinnvoll rührenden Recitativen tritt eine Alt-Arie ein,\nvon welcher die Redaction (S. XIII des Vorwortes) be-\nmerkt, es sei das Agnus Deider e ihr gleich;\ndas ist mit der Beschränkung zu verstehen, dass das Grund-\nThema, Ritornell und Continuo gleich ist, während der Ge-\nsang wesentlich andere hier schönere Figurationen\nbietet. In ähnlicher Weise hat Bach öfter einzelne Sätze\nverschiedentlich gebraucht, doch niemals wörtlich abgeschrie-\nben; so in diesem Hefte Cant. 17, S. \"203, wo das Fugen-\nThema dem der G-dur-Messe (Ciavier-Auszug v. Gleich\nauf S. 31) buchstäblich gleich, aber die Ausführung we-\nsentlich verschieden ist, worüber Winterfeld Evg. K.-Ges.\n3, 422, nähere Auskunft gibt. So auch das der\nG-dur-Messe, welches Winterfeld Th. 3, Beisp. 156, mit\ndeutschem Texte gibt, beidemal wesentlich verschieden, die\ndeutsche Art schöner. Von eigentümlich schlagender\nWirkung ist der strenge Canon in dieser Can-\ntate, S. 33, zu den Wrorten: „Dieser Jesus, welcher von\neuch ist aufgenommen gen Himmel etc.\" Hierauf, nach\ndem Vortrage des Evangeliums, singt eine Sopranstimme\nzärtliche Töne zu den Worten: „Jesu, Deine Gnadenblicke\nkann ich doch beständig sehn.\" Merkwürdig ist, in der\nOrthographie hier einem Fehler zu begegnen, den viele\nneuere Partituren auch bieten: das grosse findet sich\nmehrmals in der Zeile des Grundbasses, wo es mindestens\nden Contrabässen unspielbar ist, z. B. S. 4.\nDie zwölfte Cantate beginnt schauerlich düster mit\neiner Sinfonie und darauf folgendem chromatisch bewegtem\nChor: „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Noth\nsind der Christen täglich Brod\", mit fernen Anklängen an\ndie Modulation des Crucifixusin der e. Durch\nähnliche Dornen und Spitzen windet sich der Altgesang S.\n71: „ Kreuz und Krone sind verbunden\", bis endlich\nder Bass warm, entschlossen auftritt: „Ich folge Christo\nnach!\" in einem melodisch anmuthenden Gesänge mit frei\nfugirter Geigen-Begleitung. Stachelig und sonderlich (S.\n76) beginnt der Tenor: „Sei getreu! alle Pein wird doch\nnur ein Kleines sein!\" in zerissenen Melismen ohne Frie-\nden, gleichwie ein Halbgläubiger aber die Posaune sagt\nihm, was ihm fehlt; sie bläs't, in hellen Tönen darüber-\nschwebend, den Cantusfirmus: „Jesu, meine Freude!\"\nDiesem antwortet der Schluss-Chor: „Was Gott thut, das\nist wohl gethan!\" wo ebenfalls über der Melodie der Sing-\nstimme sich eine freie Oberstimme im Posaunen-Ton em-\nporschwingt. Eine ähnliche Wendung S. 288 ist noch\nwirksamer, als diese.\nWeniger anmuthend ist die dreizehnte Cantate,\ndie viel Schwieriges und Mühevolles bietet; nur die Alt-\nArie mit dem Cantus firmus:„Freu dich sehr, o meine\nSeele!\" (S. 87) scheint lieblich durch das Düster.\nGanz abscheulich klingt der chromatische Anfangs-Chor\nder vierzehnten Cantate, wenn man ihn flüchtig an-\nblickt; nur ein sehr geübter Chor und sehr tüchtiger Diri-\ngent wird ihn nach Würden geniessbar darstellen. Den\nzweiten Satz dieser Cantate bildet eine der grössten und\nkühnsten Sopran-Arien zu den Wrorten: „Unsere Stärke\nist zu schwach!\" in verwandtem Tone folgt der Bass:\n„Gott, bei Deinem starken Schützen,\" der Schluss-\nChoral ist herbe, dem ersten Chor anklingend, zagend, zö-\ngernd, mühevoll.\nFrische Lebensluft weht durch die Oster-Cantate\n(15, S. 135); wie Geruch des Lebens zum Leben schwingt\nsich's auf: „Denn Du wirst meine Seele nicht in der Hölle\nlassen.\" Diese Cantate ist zweitheilig, wie ausserdem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "83", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.3", "texte": "noch in diesem Hefte die 17. und 20.; wahrscheinlich vor\nund nach der Predigt zu singen, und daher jeder Theil\nselbstständig schliessend. Im zweiten Theile waltet die rüh-\nrend pietistische Weise über, die sich an die sonderbaren\ndaktylischen Verse, deren poetischer Werth gering ist, ziem-\nlich enge declamirend anschliesst, doch selbst das Unpoeti-\nsche zu verklären weiss.\nDie (16.) Neujahrs - Cantate hat zu Anfang einen\nfigurirtenSatz zum Cantus firmu„Herr, Gott, Dich loben\nwir!\" der in hoher Einfachheit gewaltig ist. Kräftiger Jubel\nerklingt im zweiten Chor: „Lasst uns jauchzen!\" wo die\ntonischen EfTectkünste, mit wenigen Stimmen Vielstimmig-\nkeit zu erzeugen, zu bewundern sind. Wundervoll zärtlich\nist die Tenor-Arie: „Geliebter Jesu allein etc.\" (S. 194),\nin der Weise der Orgel-Trio's und jenes unvergleichlichen\nSatzes, den Winterfeld (Ev. K.-G. 3, S. 210 der Beisp.)\nmittheilt, streng dreistimmig ausgeführt.\nEin glänzend heiteres Licht ruht über dem Eingangs-\nChor dersiebenzehntenCantate: „Wer Dank opfert,\nder preiset mich!\" dessen Fugenthum oben erwähnt ist.\nEin Sopran-Gesang folgt von wundersamer Schönheit,\ntiefer Gluth und doch allerschärfster Kunstgestalt (S. 214),\nindem die beiden Geigen canonisch alla Quinta begleiten;\ndas Wundersame ist nur, dass der Nichtkünstler das kaum\nmerkt und von dem Kunstwerke doch gefangen wird. —•\nDen zweiten Theil beginnt ein Tenor voll zärtlichen Ent-\nzückens ; er erzählt von dem dankbaren Samariter, der ge-\nsund geworden, preiset Christi Güte in einer Arie und lei-\ntet so den einfach warmen Schluss-Choral ein, der die Me-\nlodie: „Nun lob mein Seel den Herrn!\" in der ältesten\nGestalt des Tripel-Rhythmus singt zu den Worten: „Wie\nsich ein Vater erbarmet\". —• Sonderbar, dass hier auch\nin der Harmonieführung sich leise Anklänge an Eccard und\ndie alte Zeit finden.\nDie achtzehnte Cantate bietet viel Sonderbares.\nEin höchst widriger Text wird von Solostimmen mit zwi-\nschenstimmigem Chor wunderlich herbe zerarbeitet (S.\n238 247) erst im Sopran-Solo: „Mein Seelenschatz\nist Gottes Wort\" (S. 248), athmet man wieder auf zu\nseelengesunder Stimmung, worauf der Schluss-Choral die\nMelodie: „Durch Adam's Fall\", in ernstem Tone wehmü-\nthig erhoben singt. Die einleitende Instrumental-Sinfonie ist\ninteressant durch die Zusammenstellung von vier Violen\nmit zwei Flöten; letztere stehen im französischen Violin-\nschlüssel, wonach die unterste Linie bedeutet, wie die\nVorrede S. XV erläutert; es fehlt dort die nähere Bestim-\nmung, dass die Flöten in B stehen, was sonst unerhört\nist, hier aber aus der Partitur erhellt.\nRecht ritterlich fährt daher der fugirte Chor Cantate\nneunzehn (Michaelisfest), in welchem der Kampf zwischen\nEngeln und Teufeln schwebend in Tonbildern vorüberzieht;\nkühne und gewaltige Töne, leider an matte daktylische\nReimereien geknüpft. Der Sopran folgt mit einem fröh-\nlichen, lieblichen Triumph-Liede. Voll unruhiger Sehnsucht\nruft eine Tenorstimme den Engeln entgegen: „Bleibt, ihr\nEngel, bleibt bei mir!\" wozu die Posaune in der Höhe\n(wie S. 76) den Choral singt: „Herzlich lieb hab' ich Dich,\no Herr!\" Dasselbige Wort bekräftiget der Schluss-\nChor: „Lass Dein' Engel mit mir fahren\", in der Melodie\n„Wie nach einer Wasserquelle\", wiederum mit obschwe-\nbendem Posaunenholl, wie S. 78.\nDie letzte (20.) Cantate zum 1. Trinit.-Sonntag\nist wiederum zweitheilig über den Choral: „O Ewigkeit,\ndu Donnerwort!\" dessen Canlns firmus der Anfangs-Chor\nin zwei Strophen würdig auslegt, umwunden von einem\nDoppel-Chor von Geigern und Bläsern, je dreistimmig in\ngeistreicher Wendung Figuren und Melismen wechselseitig\nentlehnend und vertauschend. Eine Alt-Arie von sehr bissi-\ngem Charakter (S. 314), ein Tenor-Gesang von vieler Vir-\ntuosität (S. 304) und ein paar Recitative zu höchst wider-\nwärtigem höllischem Texte (S. 308) haben nichts Anmu-\nthendes, kaum noch Kirchliches an sich; desto edler klingt\ndazwischen der männliche Gesang: „Gott ist gerecht in sei-\nnen Werken.\" Der zweite Theil wird ebenfalls durch eine\nBass-Arie eröffnet von kühnem Klange mit glänzender,\ngleichsam siegprangender Begleitung: „Wacht auf, ver-\nlorne Schafe!\" (319.) Die weibliche Stimme, welche\nhierauf der Eitelkeit dieser Welt absagt (323), scheint sich\nallerdings etwas ungern davon zu trennen und stellt diesen\nUnwillen sehr dramatisch dar; recht warm und liebevoll\ndagegen und gleichwie ängstlich warnend singen dann Alt\nund Tenor zusammen, vom einsamen Contrabass begleitet:\n„ 0 Menschenkind, hör' auf geschwind, die Sünd' und Welt\nzu lieben!\" Beide Theile schliesst der einfach parallel-\nstimmige Choral, wie ihn bereits Becker in seinen 371\nvierstimmigen Chorälen Nr. 26 mitgetheilt hat.\nDer Druck und die Ausstattung sind, wie das vorige\nMal, des vaterländischen Unternehmens würdig, ein schönes\nDenkmal technischer Sorgfalt, im Verhältniss des Preises\nglänzend schön zu nennen. Folgende Druckfehler (Stich-\nfehler vielmehr) sind uns bei erster Lesung aufgefallen:\nZu lesen: Seite3B, Zeile 1, Tact 4, Fl. 1: d statt h."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "84", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.4", "texte": "Zu lesen: S. 78, Z. 1 und 2 in der Oboenstimme\nfehlen die Fermaten.\nZu lesen: S. 139, Z. 4, T. 2, Continuo zweite Note\n(g) muss mit 6 beziffert werden.\nZu lesen: S. 178 muss die erste Note der Alt-Sing-\nstimme ff)% sein statt V 4.\n(Zu lesen: S. 182, S. 1, T. 2 müssten die letzten\nzwei Sechszehntel der Hornstimme lauten f d, statt g e\nmüssten, sagen wir, denn freilich kann ein gewöhnlicher\nHornist jene zwei Töne nicht blasen; ein Virtuos jedoch,\nder die ganze Tonleiter besitzt, würde auch dieses heraus-\nbringen.— g e kann ertragen werden, ist jedoch sehr hart.)\nDer dritte Band des vaterländischen Unternehmens,\nLeipzig, 1853,341 S., beweis't ferner, wie rüstig die Arbeit\nfortschreitet, und verpflichtet zum Danke gegen die Leiten-\nden, vorzüglich den leipziger Musik-Director Hauptmann,\nder die Ehre hat, heute an derselben Kirche zu wirken,\nwo vor hundert Jahren der alte Magus auf der Orgelbank\nsass. Dort werden noch bis auf diesen Tag allsonnabendlich\nNachmittags Bach'sche und andere gleichgesinnte Chöre ge-\nsungen, dergleichen man fast in solcher Sauberkeit wenig\nzu hören kriegt; eine Tradition aus des alten Sebastos\n{ZEBAZTOZ = Au guslus,der Herrliche) Zeit, die wie\nein frisch erhaltenes gothisches Bauwerk uns mit den Vä-\ntern verbindet, dass wir inne werden: „Ein Tag sagt's\ndem andern.\"\nSolche Tradition hat auch bis auf Forkel's Zeit im\ninstrumentalen Gebiete Statt gefunden; denn Forkel war\neiner der letzten der Glücklichen, die noch vom Lebens-\nAthem des Grössten unter den Geschiedenen angeweht sind.\nVon Forkel war Griepenkerl der ältere ein Schüler; da\ndieser kürzlich gestorben, so ist zu fürchten, dass die per-\nsönliche Tradition zu Ende gegangen— ein böser Um-\nstand gerade für die tönende Kunst, die gar sehr an per-\nsönliches Erlebniss gebunden ist. Hätten wir z. B. noch\nmehr zuverlässige Traditionen über Mozart, so würden\nnicht die Ouvertüren zum Don Juan und zur Zauberflöte\nso sinnlos kindisch in galoppirendem Schwindsucht-Tempo\nabgesprudelt werden, wie es heute auf den meisten Hof-\nbühnen geschieht wo dann die Tonseele des wunderba-\nren Sängers verdunkelt wird und nichts erhellt als der weisse\nStab des Directors.\nStatt dieser mündlichen Tradition, deren wir für S.\nBach wohl bald entbehren müssen, tritt nun die Schrift\n♦ 7\nein, und es ist mit wahrem Danke zu erkennen, wie um-\nsichtig und treu dieselbe aus den Urschriften hergestellt\nwird. Der dritte Band enthält bloss Clavier-\nsachen, darunter manche Edelsteine, geschliffene und un-\ngeschliffene, auch einzelne Kiesel, an denen harte Köpfe\nzerscheitern mögen, die nicht wissen, was es heute und da-\nmals an der Zeit ist. Denn auch bei Sebastian dem Herr-\nlichen gibt es Zeitliches und Ewiges, wie bei allen Menschen\nnur dass das Ewige ihn durchwaltet und überwiegt,\ndaher auch sein Zeitliches einen Zug in die Verewigung\nhinein thut will sagen, mitten aus dem so genannten\nZopfstil schaut das abgründlich tiefe Wesen hervor, das\nkeiner Zeit und allen Zeiten gehört.\nEs liegen vor in diesem ersten Bande der Ciavierwerke :\n1)15 Inventionen; 2) 15 Sinfonieen; 3) eine grosse Cla-\nvier-Uebung, enthaltend 6 Partiten, ein Concert, eine Zahl\nChoral-Vorspiele, eine Aria mit 30 Veränderungen; 4)\nToccata in Fis-moll;5) Toccata in 6) in\nmoll. Von diesen Stücken ist ein ziemlicher Theil schon\nbekannt, nämlich die Inventionen und Sinfonieen und Cho-\nral-Vorspiele und Variationen, über die Hälfte dieses Ban-\ndes; doch ist die erneute Auflage durch kritische Sorgfalt\nwesentlich hervorragend über den früheren, wo nur einzelne\nSätze aus Peters' Verlag (z. B. die Choral-Vorspiele) schon\nfrüher untadelig vorlagen. Aus den urschriftlich mitge-\nteilten Vorreden Bach's erhellt, dass die Ciaviersachen\ntheils künstlerisch, theils pädagogisch gemeint sind: bald\ngibt er eine „Clavir-Uebung in italiänischem Gusto\", oder\n„nach französischer Art, vor ein Clavi-Cymbel mit zweven\nManualen, denen Liebhabern zur Gemüths-Ergölzung ver-\nfertiget\"; bald stellt er auf „eine Auffrichtige Anlei-\ntung, wormit denen Liebhabern des Klavires, besonders\naber denen Lehrbegierigen, eine deutliche Art gezeiget wird,\nnicht alleine 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern\nauch mit dreyen obligaten Partieen richtig und wohl zu ver-\nfahren, anbey auch zugleich gute nicht alleine\nzu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen,\nam allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu er-\nlangen, und darneben einen starken Vorschmack von der\nComposition zu überkommen, etc.\"\nViele heutige Leser werden sich in diesem Hefte nicht\nwohnlich fühlen. „Das wunderliche Klopfen und Tupfen\n(loccata von toccare,Klopfen, Hämmern) das steife Imi-\ntiren, Fugiren, Schematisiren es ist nicht auszuhalten,\nnichts fürs Herz und Gemüth\" etc., hört man sagen auch\nvon den Besseren unter den Zeitsinnigen. Freilich kommt's\nauf Arbeiten und Lernen an, und an sinnlich ergreifender\nSchönheit mögen wohl die Voca 1i e n des alten Bach\nnäher wirkend erscheinen; desto mehr ist aber hier den\nwahren Künstlern zu rathen, dass sie sich mit wahrer"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "85", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.5", "texte": "Liebe heranbegeben und das Verständlichere mit wahrem\nAusdruck vortragen lernen, um den Kreis der Freunde\necht deutscher Musik bis in das breite Volk hinein zu er-\nweitern. Und das ist möglich, auch an Orgel und Ciavier;\nLiszt hat's gewagt, auch Mortier de Fontaine, der\nbesser Bach als Beethoven spielt, und H i 11 e r u. A. Möchten\ndiese technischen Heroen nur immer mit echter Demuth an\ndie Sache gehen, wo sie den süssen Pöbel classisch erleuchten\nwollen, und nicht, wie Liszt einmal gethan, die allerlangweilig-\nste didaktische Fuge, die, welche auf die chromatische Phan-\ntasie folgt, einem Publicum aufspielen, das diese Fuge an-\nglotzt, wie die Kuh das neue Thor, weil es sie absolut\nnicht begreift, und zum Zeichen seiner Regbarkeit wohl\nden Liszt, aber nicht den Bach applaudirt. Ja, könnte\nman das verfluchte Applaudiren ausrotten! das neronische\nKunstgift, das alle unsere Bühnen gründlich zu verderben\nanfängt um ja nicht hinter Paris zurückzustehen!\nKönnte man den Künstlern den Nagel aus dem Kopfe und\ndie Demuth hinein treiben! wir wären geborgen, das Volk\nwürde lebendig fühlen und wirken, der alte Bach würde\nseine Stelle einnehmen als Erzvater aller neueren Kunst.\nFromme Wünsche! sie werden doch erfüllt, wenn auch\nlangsam. Was die Bach'sche Kunst Eigentümliches hat,\nist ihre Objectivität, und die bricht sich durch, trotz\nWagner, Liszt und Berlioz und dem tollgewordenen Hau-\nfen derer, die nach neuen Gestalten lechzen, damit, um mit\nder leipziger Literaten-Coterie zu reden, „damit die Kunst\neine Wahrheit werde!\" Sie ist's gewesen und wird\nes sein, trotz aller hirnverbrannten, denkseligen, specula-\ntionswüthigen Hegeliter, die nun einmal auf eine kurze\nStunde den Markt gewonnen haben mit ihrem Geschrei.\nDie Kunst ist Wahrheit, aber nur die objective, gesunde,\ngeradgewachsene, dazu es Muth und Herz verlangt, sie zu\nergreifen.\nVom Einzelnen zu reden, es kommen viele fremde,\nheute ungewohnte Namen der Tonsätze vor, die sich doch\naus dem Zusammenhange erklären, wenn man es nicht ab-\nsieht auf grammatisch feinsinnige Definitionen, sondern auf\nLebensworte. So sprechen sich die Inventiones selber\naus als zweistimmige Uebungssätzchen, scheinbar nur zur\nSchule bestimmt, aber in der That weit über sie hinaus\ndeutend. Die Sinfonieen sind dreistimmige, meist fugirte\nSätze, einige auch freier singend, wie die unübertrefflich\nschöne, tiefklagende in F-moll (Sinf. 9, S. 30); wer, auch\nleichtgesinnter Art, diese ernstlich studirt und treulich\nspielt, wird es inne werden, ob das Rococo sei oder tiefe\nLebensschönheit. Partita bedeutet ein Stück in meh-\nreren Theilen, gewöhnlich Präludium, Allemande, Sara-\nbande, Courante, Menuet und Gigue enthaltend, also ganz\ngleichbedeutend mit „Suite\". Dieser Art ist eigenthüm-\nlich, dass sie der Anfang grösserer Instrumental-Formen\nund somit fast ein Vorbild der späteren Sonaten-Form ist,\nvon der sie sich jedoch wesentlich unterscheidet in der\nZahl und Ausdehnung der Einzelsätze (welche bei der\nBeethoven'schen Sonate beschränkter und in einzelnen For-\nmen abgerundeter ist) und in der Gleichheit der Ton-\nart; denn Mozart und Beethoven lieben es, den Einzel-\nsätzen verschiedene Tonarten zu geben. Toccata\nbedeutet Uebungsstück, Hämmerung, Hammerarbeit; also\nmöchte man sagen ein bedenklich Vorspiel der mo-\ndernen Meister Hämmerlinge aus der berüchtigten Stadt\nPianopolis? Nein, Freund! so ist's nicht gemeint. Der\nalte Bach kannte noch keine „Etüden\" im Lisztischen\nGenre, wo die Morgen-Toilette der Finger vor das Publi-\ncum gebracht wird mit der Anmaassung, Ehre zu werben\ndurch Verrenkung, und kolossale Applause und berlinische\nFlausen einzucassiren für mechanische Affensprünge;\njene Bach'schen Toccaten = Etüden, wie hier die Toccata\nin Fis-moll,S. 311 (oder die Ouvertüre S. 154, mit\njener Toccate im Inhalt verwandt) sind Studien der\nSeele, nicht der Finger.\nInteressant ist es auch, die financi-ellen Uebersichten,\nwelche jedem Jahrgange beigegeben sind, zu vergleichen.\nDer erste Jahrgang, ausgegeben im April 1852, zeigte\n1415 Thlr. an eingezahlten Beiträgen, 2204 Thlr. Aus-\ngaben, also Vorschuss der Cassirer 789 Thlr.; die Zahl\nder Exemplare der erstjährigen Mitglieder ist 303, darun-\nter 88 von fürstlichen Personen, 74 von ausserdeutschen.\nDer zweite Jahrgang, ausgegeben im März 1853,\nzeigt folgende Bilanz: 3010 Thlr. an eingezahlten Beiträ-\ngen, 3206 Thlr. an Ausgaben, Vorschuss der Cassirer\n196 Thlr.; Zahl der Exemplare 485, darunter 88 fürst-\nliche, 119 ausserdeutsche. Der dritte nun ausgege-\nbene Jahrgang zeigt die Bilanz: an eingezahlten Beiträgen\n2210 Thlr., Ausgabe 2805 Thlr., Vorschuss der Cassirer\n595 Thlr.; Zahl der Exemplare 411, darunter 97 lürst-\nliche, 134 ausserdeutsche. Da nun die Zahl der fürstlichen\nBeiträge und der ausserdeutschen gestiegen, die Gesammt-\nzahl aller Beiträge aber abgenommen hat gegen voriges\nJahr, so ist vorauszusetzen, dass den deutschen Bürger die\nZeit der Theurung eine Weile zurückgehalten, denPränume-\nrations-Preis zu zahlen. Hoffen wir, dass mit abnehmender\nTheurung der Bach wieder mehr gesucht werde und der theure\nMann nicht zu theuer sei lür das nachgeborene Geschlecht."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "86", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.6", "texte": "Von Druckfehlern habe ich bei erster flüchtiger Durch-\nlesung nur Einen gefunden; nämlich S. 152, System 8\n(Zeile 4), Tact 2, Note 4 des Basses ist zu lesen nicht\nsondern Es.\n\nE. K.\n\nAus Stettin.\n\nDen 10. März 1854.\nSeit einigen Wochen ist auch hier der „Tannhäuser\" mit\nungewöhnlichem Aufwände an Geld und Menschen dem Publicum\nvorgeführt worden. Da die Musik hinlänglich beurtheilt ist, so wäre\nes überflüssig, näher darauf einzugehen; eine wesentliche Meinungs-\nverschiedenheit scheint überdies bei denen kaum denkbar, die, frei\nan die Sache herantretend, Kunstleistungen nicht vom Standpunkte\ndes Gefallens oder Missfallens allein beurtheilen, sondern nach den\nGesetzen, die sich als nothwendige Bedingung jedes Kunstwerkes\neinmal nicht abläugnen lassen. Wichtiger als die Oper selbst\nist fast das Verhalten des Publicums zu derselben. Einige Resul-\ntate genauer in dieser Beziehung angestellter Beobachtungen mögen\nhier mitgetheilt werden, da Erscheinungen, wie die hier hervor-\ntretenden, gewiss nicht von bloss localer Natur sind.\nDie Vorstellungen sind bis jetzt stark besucht, die Theilnahme\nlebhaft; die gewöhnliche Behauptung, dass das Neue und Tiefe\nstets schwer Eingang finde, würde also hiedurch wenn es näm-\nlich vorhanden sein sollte widerlegt. Es möchte jedoch gewagt\nsein, ein Gefallen im gewöhnlichen Sinne anzunehmen, auch abge-\nsehen von den ungewohnt schwachen Aeusserurgen des Beifalls.\nSchon die Thatsache, dass in unserer Stadt ein neues Werk, ohne\nerst das bisher übliche Zulässigkeits-Attest in Berlin erlangt zu ha-\nben, mit sehr bedeutenden Kosten in Scene gesetzt wird, muss\nauffallen; noch auffallender ist es, dass viele nicht eigentlich musi-\ncalisch zu nennende Personen sich entschliessen, die Oper eines\nihnen noch unbekannten Componisten, gerade weil sie ihnen an-\nfänglich nicht zusagt, mehrfach zu hören, um sicher urtheilen zu\nkönnen; eine an sich ehrenwerthe Rücksicht, die aber sonst selten\nbeobachtet wird. Der Grund ist, wie sich von selbst versteht, in\nder durch die Presse erregten Aufmerksamkeit zu suchen. Die\nWirkung des Versuches, auf dem Wege der Theorie und der Vor-\nkritik der zu erwartenden Kunst-Schöpfungen das Publicum lür\ndiese zu gewinnen, ist in der That Erstaunen erregend, wenn man\nerwägt, dass der Anstoss dazu von dem Dichter und Componisten\ndurch eigene Schriftstellerei gegeben ist. Selbst diejenigen, welche\nsich oppositionel verhalten, können sich nur selten davon lossagen,\ndiese Belehrungen zur Basis ihres Urthcils anzunehmen. So wird\nbei dem Streite über die Vorzüge oder Mängel eines vorausge-\nsetzten Neuen die Existenz desselben kaum einerweiteren\nPrüfung unterzogen.\nEs ist eben so leicht zu behaupten, Musik sei originel, wie das\nGegentheil. Allein bei dem grössten Thcile dieser Oper ist eigent-\nlich die Möglichkeit des wesentlich Neuen fast ausgeschlossen, da\nbei genauem, oft etwas aufdringlichem Anschlüsse der Töne an\nden Text der innere Zusammenhang derselben sich meist nur auf\nwenige Tacte erstreckt. Diese Zerstückelung des musicalischen Ma-\nterials muss unvermeidlich immer auf dieselben Erscheinungen zu-\nrückführen und macht die Anwendung der Begriffe neu und alt\neigentlich unzulässig. Die Formlosigkeit, wie gewöhnlich mit dem\nAusdrucke Mangel an Melodie bezeichnet, wird zwar erkannt; da\njedoch der Verfasser die Vorsicht gebraucht hat, Opern-Melodie für\netwas Veraltetes zu erklären, so glaubt man diesen Mangel als\neinen beabsichtigten Vorzug hinnehmen zu müssen. Die oppo-\nsitionelle Presse hat, wie so häufig, nur das günstige Vorurtheil\nerregt, dass so heftig Angegriffenes jedenfalls bedeutend sein müsse.\nPersonen, welche sonst an Musik die Anforderung stellen, dass sie\nsich ihrer ohne eigene Anstrengung gewisser Maassen mit Gewalt\nbemächtige, wenden den äussersten Grad von Aufmerksamkeit an,\num in einem allerdings zweifelhaften Falle selbst zu urtheilen; da-\ndurch ist ihr Interesse schon gesichert, nur dass es nicht ein aus\nder Sache unmittelbar selbst fliessendes ist, sondern von ihnen in\ndieselbe hinein getragen wird. Die vorläufige Kenntniss der Ouver-\ntüre hatte günstige Erwartungen erregt; sie selbst verliert jedoch\nnach dem Anhören des Ganzen, da sie nichts Sclbstständiges bie-\ntet und die Sitte, durch Verwendung musicalischer Motive gewisser\nMaassen einen Index des Folgenden zu geben, hier bis zur voll-\nständigen Einführung des „Potpourri aus der Oper\" in die Oper\nselbst gesteigert ist. Die Vereinigung von Dichter und Componisten\nin Einer Person konnte ferner, wie billig, nicht verfehlen, die Auf-\nmerksamkeit zu erregen. Im Allgemeinen ist jedoch der Vortheil\ndieses Verhältnisses mehr als zweifelhaft; auch stellt sich das Ur-\ntheil in Betreff des Textes entschieden ungünstiger; sogar ein kaum\nzu vermeidender Humor findet Eingang, ohne Anstoss zu erregen.\nDa indess, wie bisher, Musik und Decorationen auch im Tannhäu-\nser vorzugsweise beachtet werden, so könnte das Uebrige als un-\nschädliche Nebensache erscheinen, wenn nicht vom Componisten\nselbst der höchste Wrerth darauf gelegt würde.\nDer Text ist vielfach von denen gelobt, welche die Musik ta-\ndeln, und umgekehrt. Sollte der Wunsch, das, was man in einer\nHinsicht verwerfen muss, in einer ferner liegenden gelten zu lassen,\nnicht darauf Einfiuss gehabt haben? Auch bei der Gewohnheit, an\neinen Opern-Text keineswegs den Maassstab dramatischer Kritik\nzu legen, und von dem aufrichtigen Wunsche beseelt, ein weit ver-\nbreitetes Interesse, welches vorläufige Kenntniss der Musik nicht\nerklären konnte, durch dramatische Darstellung gerechtfertigt zu\nfinden, erstaunt man doch über die grosse Menge des theils unab-\nsichtlich Komischen, theils in Verlegenheit Setzenden. Einzelnes er-\nweckt sogar die Erinnerung an jugendliche Freuden vor Marionet-\nten-Theatern. Der Kampf sinnlicher und geistiger Liebe ein\netwas veralteter Dualismus tritt sonderbarer Weise nur als ein\nWechsel von Unannehmlichkeiten hervor, da die durch jedes Genre\ndem Helden gebotenen Vortheile schon vor dem Beginnen des\nStückes mit Ausnahme eines einzigen Duetts aufgehört ha-\nben. Dass Tannhäuser sich aus Gesundheits-Rücksichten von der\n\\ enus gleich im Anfange des Stückes zurückzieht, wird aus mora-\nlischen Gründen sehr gebilligt, nur wäre es nicht nöthig, hierüber\nso deutlich zu sein („und übergross ist mir dein Lieben, wenn\nstets ein Gott\" u. s. w., oder: „dein übergrosser Reiz ist's, den\nich meide\"). Befremdend ist es, dass er sich dafür bedankt, nach\nGöttern ihre Gunst erhalten zu haben, da ja ein Beweis ihres her-\nabgekommenen Zustandes damit gegeben ist. Die Heine'sche Auf-\nfassung in dem bekannten Gedichte, wo diese Erinnerung vorzüg-\nlich einen Scheidungsgrund abgibt, scheint menschlicher und natür-\nlicher. Begreiflich aber ist es, wenn Venus den Helden der\nseine Gluth in einer Arie ausströmt, deren keineswegs sinnlich rei-\nzende, sondern eher etwas hölzerne Melodie, vielleicht seine innere\nVerlegenheit ausdrückend, an die Musik-Beilagen zu Taschenbü-\nchern erinnert endlich entlässt; denn da er für gut findet, sein\ngesteigertes Verlangen dadurch auszudrücken, dass er das Ganze\njedesmal einen halben Ton höher singt, so droht ferneres Zögern\nder Stimme des Geliebten gefährlich zu werden.\nSchwer zu fassen ist die Scene, in welcher ein Hirt einen Ge-\nsang von der unnatürlichsten Natürlichkeit anhebt. Der Versuch,\nden gänzlichen Mangel an Accompagnement dadurch zu erklären,\ndass Hirten sich in der That keines Orchesters bei ihren Liedern"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "87", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.7", "texte": "zu erfreuen pflegen, muss als gar zu scherzhaft abgewiesen werden.\nLcbrigens sind noch eine Menge Verkehrtheiten aus der Verwech-\nselung der wirklichen Natur mit der pappenen auf dem Theater\nhervorgegangen. Der zweite Act gefällt in Betreff des Stoffes\nnoch mit Recht am meisten und bietet wenig äusserliche Erschei-\nnungen dar, die verletzen könnten. Nur wird einem bei der Thron-\nrede des Landgrafen die Zeit etwas lang, und bei der humoristi-\nschen Verthcilung von Loosen für den Sänger-Wettkampf können\nsich die Darstellenden selbst nicht des Lachens enthalten. Der\nSchluss in der Art des bekannten: „ich sterbe, du stirbst, er sterbe\nden Tod des Verräthers\", gehört wohl nicht allein der Zukunft,\nsondern auch der Vergangenheit an. Der dritte Act erregt in\nder That das meiste Bedenken. Wie kommt es, dass die Heldin,\nnachdem sie unter den gleich Recruten einherschreitenden Pilgern\n(warum zuerst „ältere\" und zuletzt „jüngere\"?) wie Bürgers Le-\nnore gesucht und nicht gefunden hat, sich übereilt und einen Mo-\nment zu früh sich entfernt, wodurch zum Bedauern aller Theilnch-\nmenden eine freundlichere Lösung der Verhältnisse unmöglich\nwird ? Ihr überraschend schnelles Sterben haben zwar die Andeu-\ntungen ihres bescheidenen Verehrers über ihren zerrütteten Ge-\nsundheits-Zustand zu motiviren versucht; wenn sie aber ganz kurz\nnach ihrem Verschwinden völlig todt auf einer Bahre erscheint,\nunter Umständen, die eine andere Absicht als die, sie zu begraben,\nkaum annehmen lassen, so ist diese A erletzung gesundheits-policei-\nlicher Rücksichten auch durch ein barbarisches Jahrhundert nicht\nwohl zu rechtfertigen. Solche Sachen lässt man sich in der komi-\nschen Oper gefallen: mit der Absicht, ernsthaft zu ergreifen, sind\nsie unvereinbarlich.\nDie Ausführung war, die grossen Schwierigkeiten in Anschlag\ngebracht, gut zu nennen. Sonderbar, dass selbst die Executirenden\nin der Regel mit einer gewissen Hochachtung davon sprechen,\nwenn ihnen Musik recht sauer gemacht wird. Daran scheint der\nfalsche schluss schuld zu sein: das Schwierige ist neu und tief,\nweil in der Regel das Neue und Tiefe schwierig ist. Hier sind die\nSchwierigkeiten meist ganz äusserlich, vorzüglich veranlasst durch\nunglückliche Behandlung der menschlichen Stimme, und für die\nInstrumente durch häufige Anwendung entlegener Tonarten und\nder chromatischen Scala.\nWenn der Umstand, dass man nach vielfachen Proben und\nmehrfacher Aufführung noch nicht vor den gröbsten Verletzungen\ndes physischen Sinnes bewahrt bleibt, durch unzureichende Kräfte\nerklärt wird, so ist dagegen zu erinnern, dass dieselben Kräfte sich\nschon oft ausreichend erwiesen haben, und es fragt sich, wodurch\nso grosse Anforderungen gerechtfertigt werden. Unter allen Um-\nständen jedoch steht das Resultat des Ganzen in keinem Verhält-\nnisse zu den bedeutenden Kosten und Mühen, und zwar, wie es\nscheint, trotz der grossen Theilnahme, nicht einmal in pecuniärer\nBeziehung. Uebrigens müssen wir immerhin denen, welche dem\n\\ ernehmen nach durch eine bedeutende Subscription zur Deckung\nder Kosten der Theater-Direction die Aufführung ermöglicht ha-\nben, dankbar sein, da sie uns dadurch zu einem eigenen Urtheile\nverholfen haben.\n\nO. G.\n\nSiebentes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 14. März.\nDas Concert wurde mit Gade's Sinfonie Nr. IV. in B-dur,\nOp. 20, eröffnet, die wir hier zum ersten Male hörten. Sie wurde\nrecht gut ausgeführt und geliel, ohne gerade hinzureissen, machte\nalso diejenige Wirkung, welche ihrem Charakter gemäss ist, der\nmehr anmuthig und reizend ist, als grossartig und ergreifend. Von\neigentümlichem Stil, wie man ihn hauptsächlich in den Motiven\nund grösstenteils auch in Behandlung derselben in den früheren\nWerken Gade's finden wollte und in mancher Hinsicht auch wirk-\nlich findet, kann hier nicht mehr die Rede sein; der Componist\nerscheint als ein Jünger jener deutschen Schule, die sich in Men-\ndelssohns duftiger, aber doch durchsichtiger Romantik, verbunden\nmit schmucker Glätte und zierlicher Reinlichkeit, gipfelt. Unter den\nInstrumentalstücken dieser Gattung ist dieser /?-dwr-Sinfonie ein\nEhrenplatz zuzuerkennen, sowohl was glückliche Erfindung der\nMotive als Oekonomie der Form und Instrumentation betrifft; in\nBezug auf die letztere beweis't auch sie wieder, dass Gade für das\nInstrumentale ein sehr feines Ohr hat. Die Kürze des Werkes,\ntrotz seiner vier Sätze, ist dem Charakter ganz angemessen. Die\nPerle des Ganzen dürfte wohl das Scherzo, die relativ schwächste\nPartie das Finale sein, trotz dem oder vielleicht gerade weil es\neinen höheren Aufschwung nehmen will.\nEin Ave verum von C. Gounod für Tenor-Solo, Chor und Or-\nchester, Manuscript, das Solo von Herrn E. Koch vortrefflich vor-\ngetragen, erwarb sich Beifall. Es ist keine bedeutende Arbeit, aber\nes herrscht darin der gelungene Ausdruck einer religiösen Empfin-\ndung, und der Stil zeugt von der ehrenwerthen Gesinnung des\nnoch jungen Componisten. Gounod hat durch seine Oper „Sappho\"\nund durch die Chöre zu Ponsard's Drama „Ulysses\" in Paris sei-\nnen Ruf gegründet. Gegenwärtig wird von ihm eine neue Oper,\nLa Norme sanglante, einstudirt.\nHierauf spielte Ed. Franck sein Concert für Pianoforte und\nOrchester in D-moll, Op. 13, in seiner bekannten gewissenhaften und\nherrlich abgerundeten Vortragsweise. Wir hörten dieses Concert\nhier zum ersten Male; wenn die neueren Compositionen des Mei-\nsters auch allerdings mehr Originalität, grossartigere Conception\nund Einheit des jedesmaligen Charakters offenbaren, so macht die-\nses Concert, w elches sich in Form und Stil der guten älteren Schule\nanschliesst, durch ansprechende Motive, Klarheit und das wohlge-\ntroffene Verhältniss des Solo-Instrumentes zum Orchester doch auch\neinen sehr guten Eindruck und fand grossen Beifall.\nDie schöne Ouvertüre zu Don Carlos von Ferd. Ries schloss\ndie erste Abtheilung.\nDie zweite wurde durch die Ouvertüre und eine Auswahl\nvon Gesangstücken aus der Oper Idomeneo von Mozart\nausgefüllt. Der Zusammenstellung fehlte es an Zusammenhang, auch\nhatte man vernachlässigt, dem Zuhörer, wenn auch nicht durch\neinen verbindenden Text, doch wenigstens durch die Angabe der\nHandlung in wenigen Zeilen zwischen den gedruckten Versen auf\ndem Programm zu Hülfe zu kommen. Nun wurden noch obenein\nIdomeneo und der Oberpriester von Einer Person, für die dann\nnatürlich in dem Recitativ mit dem letzteren ein zweiter Repräsen-\ntant des Königs eintreten musste, gesungen, und so konnte das\nPublicum aus dem Gang und Sinn der Handlung nicht klug wer-\nden; und da auch die Ausführung im Ganzen nicht die Kraft und\ndas Feuer zeigte, welches Opern-Chöre verlangen (nur der liebliche\nChor: „Ruhig sind Meer und Winde\", wurde sehr schön vorgetra-\ngen), und die weiblichen Solostimmen der Aufgabe keineswegs ge-\nwachsen waren, so war der Eindruck, trotz der Schönheiten der\nMozart'schen Musik, doch nur ein matter.\n\nDeutsche Tonhalle.\n\nDer Verein setzt hiermit einen Preis von zwölf Ducaten auf die\nnicht sehr gedehnte und leicht ausführbare Composition nachstehen-\nder drei Gesänge für vier Männerstimmen mit Orgel zum Ge-\nbrauch der Kirche während des Abendmahls.\nDie Bewerbungen wollen uns, unter Rücksichtnahme auf die\nVereins-Satzungen, im Monat August d. J. frei zugeschickt"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "88", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540318-01.1.8", "texte": "werden, jede mit einem deutschen Spruche versehen und begleitet\nvon einem versiegelten Zettel, welcher den Namen und Wohnort\ndes Verfassers enthält und aussen, nebst demselben Spruche, einen\nTondichter benennt, welchen der Einsender als Preisrichter wählt.\nDer Erfolg dieses Preis-Ausschreibens wird seiner Zeit bekannt\ngemacht.\nWir erinnern zugleich, dass mit dem nächsten Maimonat auch\ndie Bewerbungszeit wegen des Preises tür einen Quintettsatz endet.\nMannheim, im Lenzmonat 1854.\n1.\nHerr, Du woll'st uns vorbereiten\nZu Deines Mahles Seligkeiten!\nSei mitten unter uns, o Gott!\nLasse, Leben zu empfangen,\nNach Dir nur unser Herz verlangen,\nUnd sprich uns los von Sünd' und Tod!\nWir sind, Herr Jesu, Dein:\nDein lass uns immer sein:\nAmen, Amen:\nAnbetung Dir!\nEinst feiern wir\nDas grosse Abendmahl bei Dir.\n2.\n(Nicht durchcomponiren.)\nNehmet hin und esst sein Brod!\nJesus Christus ward gegeben\nFür die Sünder in den Tod.\nNehmt und trinkt, es ist sein Leben!\nSeht, wie er die Menschen liebt,\nDa er selbst für sie sich gibt.\nDie mit ganzer Zuversicht\nDeines Heils, o Herr, sich freuen,\nLasse stets in Deinem Licht\nWandeln und sich stets Dir weihen;\nLass ihr Herz vom Stolze rein,\nVoll von Deiner Demuth sein!\nJesu, da Du hast Dein Blut\nFür der Menschen Heil gegeben,\nStärke uns mit Kraft und Muth,\nDass wir Dir getreu nur leben,\nUnd zu Deinen Segenshöh'n\nAuf dem Pfad der Liebe gehn!\n3.\nAch, lass, o Herr, empfinden\nMich Deine Gotteskraft,\nDie Kraft, die uns von Sünden:\nErreltungshülfe schafft.\nErneure meinen Sinn,\nüass ich mit reinem Geiste\nDich ehr' und alles leiste,\nWas ich Dir schuldig bin.\nDu bist ein Geist, der lehret*\nWie man recht leben soll;\nSolch Beten wird erhöret,\nSolch Singen klinget wohl.\nEs steiget himmelan\nDas heisse Flehn der Frommen,\nBis Du zu Hülf gekommen,\nDer Allen helfen kann.\n\nDer Vereins-Vorstand.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nDas diesjährige nieder rheinische Musikfest wird in\nAachen gefeiert werden; zur Direction soll Lindpaintner ein-\ngeladen worden sein, welcher atich beim letzten dortigen Feste im\nJahre 1851 dirigirte.\nAm 8. d. Mts. hat H. Vieuxtemps sein erstes Concert in\nBerlin gegeben.\nDer berühmte Sänger Rubini ist am 2. März in seinem Ge-\nburtsorte Romano bei Bergamo gestorben. Er ist 60 Jahre alt\ngeworden. Von seinem grossen Reichthume machte er den edelsten\nGebrauch; die ganze Umgegend verliert an ihm einen Verschöne-\nrer und die Armen einen hülfreichen Freund.\nl*aris. In voriger Woche ist hier auf dem Theater der komi-\nschen Oper die weisse Dame von Boieldieu zum 7641.\nMale auf dieser Bühne gegeben worden, und zwar binnen nur\n28 Jahren, denn die erste Vorstellung fand am 10. December 1825\nStatt. Dieses dürfte in der That ein beispielloser Erfolg sein! Und\ndabei erscheint ihre Musik dem Publicum von 1854 noch eben so\njung und frisch und bewundernswerth, wie den Zuhörern von 1825\nIst es Absicht oder nur ein Spiel des Zufalls, eine Ironie des\nSchicksals, dass diese Oper mit ihren einfach schönen, stets neuen,\ngefühlvollen, überall wahren und klar entwickelten Melodieen und\nihrer reizenden Instrumentation gerade jetzt dort wieder neu in\nScene gesetzt ist, wo sie fast einen Tag um den anderen mit\nMeyerbeers „Stern des Nordens\" abwechselt? Wahrlich, es ist\nnichts interessanter, als jetzt dieses Theater regelmässig eine Woche\nlang zu besuchen, um den Fortschritt der Opern-Musik in seiner\nwahren Bedeutung kennen zu lernen. Der Tenorist Puget war\ndarin vortrefflich; seit Roger ist der George Brown nicht in so\nguten Händen gewesen. Frl. Andrea Favel war eine anmuthige,\npoetische weisse Dame, und bessere Gaveston und Dikson, als Her-\nrn an-Leon und Sainte-Foy dürfte es schwerlich irgendwo ge-\nben. Der Chor war leider schlecht und schläfrig vielleicht in\nFolge der grossen Anstrengungen für die andere Oper des Tages.\nIn Italien gibt es doch noch grossartige Mäcene der Kunst! Der\nComponist Salvatore Pappalardo aus Catania in Sieilien hat dem\nFürsten Biscari sein Op. 23, ein Quintett für zwei Violinen,\nzwei Violen und Violoncello, gewidmet und schreibt in der Wid-\nmung unter Anderem: „Dieses Werk ist die Frucht langer Stu-\ndien; in vielen Quintetten sieht man zwar fünf Spieler, aber man\nhört nur vier. Wem könnte ich dieses mein liebstes Kind besser\nwidmen, als Ihnen? Sie haben mir in meiner Jugend den dornen-\nvollen Weg des Studiums erleichtert, indem Sie mir die Benutzung\nIhrer classischen Bibliothek, namentlich der Sammlungen sämmt-\nlicher Werke von Haydn, Mozart und Beethoven, verstatteten; wras\nwürde sonst in Catania aus mir geworden sein? Genehmigen Sie\ndaher u. s. w. u. s. w.\" Der Fürst übersandte dem Componisten\nnebst einem verbindlichen Danksagungsschreiben zweihundert Stück\nDucaten!\n(Gaz. Mus. di Napoli.)"}]}