{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-03-25-01", "volume": "bmtnabi_1854-03-25_01", "ocr_sha256": "476235e5f2dce67dea2a8bdc67b2219bb6fa271c06e552ab6658c6508c9d5bd7", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/03/25_01/bmtnabi_1854-03-25_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-25-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-25_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-03-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "89", "page_fin": "91", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.2.1", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4109, "texte": "Pariser Briefe.\nWenn man die Springfluten der Virluosen-Concerte\nin vorigen Jahren in Paris erlebt und sich glücklich aus\nihnen gerettet hat, so gewährt einem in diesem Jahre die\nSicherheit vor ähnlicher Gefahr ein recht behagliches Ge-\nfühl. Im ganzen Februar und halben März nur neunzehn\noder zwanzig dergleichen Auditions oder Seances indivi-\nduelles, also wöchentlich nicht viel mehr als drei, wäh-\nrend wir sonst täglich zwischen dreien bis vieren zu\nwählen hatten. Und auch diese wenigen waren meistens\nauf Salon-Soireen beschränkt, und die Eigenthümer der\ngrossen Concertsäle machen diesmal sehr schlechte Zinsen.\nSonst strömten die Künstler ersten Ranges, die europäi-\nschen Berühmtheiten hieher zusammen; jetzt findest Du\nauf allen Concert-Zetteln des ganzen Winters kaum einen\nvon jenen Namen, deren Klang von der Newa bis zur Seine\nund Themse wiederhallt. Die Sache ist indess ganz natür-\nlich, und nicht die politischen Verhältnisse, sondern die\nmusicalischen und financiellen sind daran schuld.\nDer Sinn für gehaltvolle Musik hat in den hiesi-\ngen höheren Kreisen offenbar erfreulich zugenommen, und\ndie ausschliessliche Bewunderung der ausführenden Technik\ntritt, wenn auch langsam, doch allmählich immer mehr vor\nder Theilnahme an dem Inhalt der Composition zurück.\nDie Zeit, wo ein Virtuosen-Stern erster Grösse nur an\nunserem Horizont aufzutauchen brauchte, um ganz Paris\nauf die Beine zu bringen, wo man sich drängte, vor der\nSaalpforte einen Kometenschweif zu bilden, der sich durch\nmehrere Strassen zog, sie ist vorbei und kein Künst-\nler, mag er heissen, wie er wolle, darf noch daran denken,\nin Paris einen goldenen Regen einzustreichen. Nicht bloss\ndie musicalischen Seiltänzer und Hexenmeister machen\nnichts mehr, auch für die edelste Richtung der Virtuosität\nfangen die Sympathieen zu schwinden an, auf welche sie\nsonst rechnen konnte, und das ist freilich die schlimme\nSeite der sonst gewiss freudig zu begrüssenden Umwand-\nlung. Ein sichtbares Beispiel davon war das Concert unse-\nrer liebenswürdigen Landsmännin Wilhelmine Clauss, kurz\nvor Jahresschluss. Ich habe damals darüber geschwiegen,\nweil ich weiss, dass man in Deutschland doch immer noch\ndarauf, wie es aus Paris herschallt, etwas gibt; jetzt aber,\nwo sie in Köln, Berlin, Hamburg u. s. w. die glänzendste\nAufnahme gefunden hat, muss ich als treuer Schilderer der\nhiesigen musicalischen Zustände sagen, dass ihr Concert\nleer war. Wilhelmine Clauss kam von London, wo sie\nsechs Monate lang geglänzt hatte, hieher zurück; man\nwusste, dass sie nach Deutschland, ja, nach Russland gehen\nwollte ihr Concert war also das Abschieds-Concert\neiner Künstlerin, die man in Jahren nicht mehr hören sollte,\neiner Künstlerin, welche hier vor den Augen und unter\ndem Schutze des Publicums die hohe Stufe allmählich er-\nstiegen hatte, welche sie jetzt einnimmt, einer Virtuosin,\nwelche den Parisern die ersten vollen Blüthen ihres Ta-\nlentes dargebracht hatte und jetzt unter den Gefeiertsten\nhoch gefeiert wurde • : dennoch blieben diejenigen, welche\nihre ersten Schritte auf dem glatten Boden der öffentlichen\nBühne gefördert und unterstützt und jeden folgenden mit\nEnthusiasmus verfolgt hatten, zu Hause! Was soll also\nein Künstler, der bereits einen Ruf hat, in Paris? Es war\nfür diese Saison die Rede von Yieuxtemps, Ernst, Joachim,\nServais, Schulhof, Dreyschock, Meyer, ja, sogar von Liszt\naber Keiner ist gekommen; denn sie brauchen Paris\nnicht mehr, um sich einen Namen machen zu lassen, und\nsind zu gute Rechner, um hier Zeit und Geld zu ver-\nschwenden.\nEs gibt aber auch einen äusseren Grund für die ver-\nringerte Theilnahme an den Künstler-Concertcn: das sind\ndie Rücksichten auf die localen musicalischen Zustände,\nund in dieser Hinsicht ist Paris eben so kleinstädtisch, wie\ndie kleinste Stadt in Deutschland. Es gibt eine Unzahl von\nKünstlern, welche hier festen Fuss gefasst haben, theils\nals geborene, theils als naturalisirte oder adoptirte Franzo-\nsen, unter ihnen allein über hundert Pianisten. Das sind\n„unsere Leute\", die dürfen wir nicht fallen lassen, für die\nmüssen wir, Jeder in seinem Kreise, unsere Freunde in-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4959, "texte": "teressiren, wir müssen ihnen eine Einnahme verschaffen!\nAuf welche Weise? Ei nun, durch ein alljährliches Con-\ncert, durch eine allwinterliche Soiree. Ich will nun freilich\nnicht behaupten, dass der Ertrag dieser „einheimischen\"\nConcerte stets reichlich ausfalle; allein zu Stande kommen\nsie immer, wenn auch Hunderte von Frei-Billetten dabei\neine Rolle spielen, und da jeder von den Künstlern seinen\nKreis in der höheren Gesellschaft hat, zu dessen geselligem\nGlänze er das Seinige das Jahr hindurch beiträgt, so fühlt\nman in diesem auch die Verpflichtung, sein Concert zu be-\nsuchen. Was dann nach Bestreitung dieser Art von Steuer\nauf dem Ausgabe-Budget der vornehmen Welt für Kunst\nnoch übrig bleibt, das raffen die Wohlthätigkeits-Concerte\nhinweg, die zu einer wahren Plage geworden sind.\nSo ist es denn ganz natürlich, dass die fremden Künst-\nler Paris meiden und nur diejenigen von ihnen uns heim-\nsuchen, deren Ruf noch nicht gemacht ist. Diese hoffen\ndie hiesige Presse als Locomotive ihres Ruhmes zu benutzen,\nund das gelingt ihnen auch, .wenn sie nur\nDen und den zn sprechen und zu kennen.\nDen alle nur mit Ehrfurcht nennen\nDabei mit allem guten Muth,\nLeidlichem Geld u. s. w.\nIn diesem Augenblicke ragt unter dieser Classe ein\njunger Pianist, ein Wunderknabe von zwölf Jahren, Theo-\ndor Ritter geheissen, hervor, eines jener musicalischen\nPhänomene, bei denen das besondere Kunst-Talent der all-\ngemeinen Entwicklung der intellectucll -n und physischen\nKräfte vorauseilt. Dem Namen nach ein Deutscher, jedoch\nein Schüler von Xavier Boisselot, lässt er oder vielmehr\nsein Vater ein gewisses Dunkel über seinen persönlichen\nVerhältnissen schweben, was übrigens auch zu den Reiz-\nmitteln der Reclame gehört. Schiller's Vers:\nMan wusste nicht, woher er kam\nist immer interessant, und ist auch die Fortsetzung desselben:\nUnd schnell war seine Spur verloren,\nSobald der Knabe Abschied nahm\ngar oft zur Wahrheit geworden, so rechnet man darauf,\ndass das Publicum ein schlechtes Gedächtniss hat. Theodor\nRitter ist wirklich urplötzlich hier aufgetaucht. Das ge-\nwöhnliche Vorspiel in den Zeitungen ging seinem Concerte\n(am 23. Februar) kaum vierzehn Tage vorher, und den-\nnoch vereinigte der Saal fast alles, was Paris an künstleri-\nschen Notabilitäten hat. Er spielte zwei Stücke von Chopin,\ndas Andante aus dem Terzett im Teil, arrangirt von Pru-\ndent, Preludium, Fuge, Gavotte und Musette von S. Bach\nund die Cavatine der Elvira aus Ernani, von ihm selbst für\ndas Piano übertragen. Die öffentlichen Blätter sprechen von\nkünstlerischer Prädestination, von Erneuerung der Wunder\nvon Liszt und Thalberg, vergleichen ihn mit Chopin u. s. w.\nDas Wahre an der Sache ist, dass der Knabe ein ausser-\ngewohnliches Talent besitzt, welches bereits alle techni-\nschen Schwierigkeiten überwunden hat, und dass sich eine\necht künstlerische Natur in dem Vortrage der Chopin'schen\nund Bach'schen Compositionen offenbarte. Möge diese ihn\nvor den Abwegen der falschen Virtuosität bewahren! Dass\nsein erster Compositions-Versuch eine Transscription ist,\nund noch dazu einer Verdischen Melodie, deutet freilich\nschon darauf hin, wie nahe ihm die Gefahr ist.\nDie Orchester- und Kammermusik findet im Gegen-\nsatz zu den Yirtuosen-Concerten zahlreiche Theilnahme.\nDie Concert-Gesellschaft des Conservatoires ab\nJove principium! und zwar diesmal in doppelter Beziehung,\nda ihr drittes Concert mit der Jupiter-Sinfonie von Mozart\nbegann bewährte durch den Vortrag dieser und einer\nHaydn'schen Sinfonie die Meisterschaft ihres Orchesters.\nAber das Finale des ersten Actes von Weber's Oberon,\nzum ersten Male aufgeführt, liess das Publicum auffallend\nkalt; es konnte sich eben so wenig zu der Poesie erheben,\ndie darin waltet, wie die Damen Miolan und Decroix, welche\ndie wundervollen Melodieen der morgenländischen Nacht\ngerade so zwitscherten, wie ihre Partieen in\nsieur Pantalon.\nDie zweite Gesellschaft für Orchester-Aufführungen,\ndie Sainte Cecilc, unter Seghers' Direction, fährt als Ne-\nbenbuhlerin der älteren Schwester auf gutem Wege fort,\nden Geschmack der Pariser an classischen Werken zu bil-\nden, und holt desshalb sehr häufig aus dem vollen Schrein\nder deutschen Musik Partituren hervor, welche der hie-\nsigen Welt unbekannt sind und mithin neben ihrem inne-\nren Werthe noch den Reiz der Neuheit für das Publicum\nhaben. Charakteristisch ist es, dass bei den echten Parisern\neben so, wie es bei uns echte Berliner u. s. w. gibt\ndas Publicum des Conservatoires ein halb germanisches und\ndas der heiligen Cäcilie ein franco-belgisches heisst. So\nhörten wir in dem zweiten Concerte J. Haydn's „Sturm\"\nfür Chor und Orchester und das zweite Finale aus We-\nber's Euryanthe hier zum ersten Male. Dazu die Ouver-\ntüre aus derselben Oper und Beethoven's\nwelcher eine sehr gute, fein studirte Ausführung zu Theil\nwurde. Eine Neuigkeit aus der Gegenwart war eine „ Se-\nrenade\" für Streich-Instrumente von Theodor Gouvv,\n«i 7\nein Gemälde voll Reiz und Colorit, welches mit Recht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4109, "texte": "gefiel. Gouvy's Richtung ist eine durchaus deutsche und\ngesinnungsvolle.\nIm dritten Concerte war die vollständige Aufführung\nder Musik zur Preciosa von Weber ein Ereigniss für\ndie hiesige musicalische Welt. Eine kurze, aber ge-\nschickt gemachte Uebersicht der Handlung des Drama s\nwar im Programm gedruckt, und der Text der Gesänge\nhalte an dem Herrn Saint-Chaffrey, einem Dilettanten,\neinen guten Uebersetzer gefunden. Der Erfolg war bei der\nlobenswerthen Ausführung ein glänzender. Die Ouvertüre\nwurde gleich mit lebhaftem Beifall aufgenommen, eben so\nder erste Chor („Heil Preciosa A Preciosa qui rayonne\"\netc.) und die reizende Tanzmusik. Aber vollends der Chor:\n„Im Wald - Äux boisu wie schlug er durch! Mit\neiner wahren Begeisterung verlangte man dessen Wieder-\nholung. Frau Nissen-Saloman sang darauf die Ro-\nmanze: „Einsam bin ich nicht alleine—\nimage\" mit schöner, vollklingender Stimme und edlem\nAusdruck. Auch die folgenden Chöre: „Der Tag erwacht\nLe ciel se dore\", und: „ Es blinken die goldenen Sterne\nC'cst l'heure oü les etoiles sprachen sehr\nan, und zum Schlüsse wurde der Anfangs-Chor wiederholt.\nIch gestehe, dass ich mich von der ganzen Aufführung die-\nser Musik wunderbar erregt fühlte. Wie klangen die Er-\ninnerungen aus meiner Kindheit und aus der Heimat bei\ndiesen Tönen in meinem Herzen wieder! Was wir so oft\ngehört, so oft unter den Zweigen der Buchen und Eichen\nselbst mitgesungen, das klang mir jetzt nach langen Jahren\nvon der Bühne eines pariser Concertsaales entgegen, und\ndie fremden Laute zu den deutschen Tönen regten das\nHeimweh nur noch stärker in mir auf. Es ist eine eigene\nSache um den Eindruck deutscher Musik auf den Deutschen\nim Auslande. Bei Beethoven möchte man durch die ganze\nWelt stürmen und allen Freuden und allen Schmerzen des\nLebens die Brust öffnen; bei Weber erstickt die Sehnsucht\nnach der Heimat, nach den deutschen Wäldern und Bergen\nund Strömen und nach den deutschen Herzen jedes andere\nGelühl.\nDie Aufnahme sowohl von Seiten des Publicums als\nder Kritik ehrt beide und war gerade in der „Nord-\nstern \"-Woche noch von besonderer Bedeutung. Man\nfeierte in Weber den zugleich grossen und einfachen Com-\nponisten, man pries seine reiche und stets frische Phanta-\nsie, den Frühlingshauch seiner Melodieen, seine wundervolle\nInstrumentirung. „Da ist Alles an seiner Stelle\" sagt\nz. B. die France Musicale, der man wahrhaftig keine Vor-\nliebe lür uns Deutsche nachsagen kann —, „Alles ertönt\nin wunderbarer Harmonie. Weber missbraucht nichts; er\nist nüchtern und natürlich, er läuft nicht dem Absonder-\nlichen, dem Ungeheuerlichen nach, er macht nicht bei jeder\nGelegenheit Lärm, er weiss immer, was er sagen will, und\ndas Genie lässt ihn nie im Stich, dieses dann auch aul eine\nWeise zu sagen, die unser Ohr fesselt, niemals betäubt\noder ermüdet. Bei ihm ist Poesie, ist Ideal; er ist der wahre\nTondichter. Wie glücklich fühlt man sich, nach so vieler\nZerfahrenheit, so viel Lärm, so viel unnützen Zeuges, das\nman alle Tage hört, sich einmal wieder auf einer grünen\nOase an dem lebendigen Quell der Poesie ausruhen zu\nkönnen!\"\nFrau Nissen-Saloman sang ausserdem in demsel-\nben Concerte noch die grosse Scene aus dem „Faust\" von\nSpohr mit Beifall, den ich auch theile, wenngleich ich ihr\netwas mehr Leidenschaft und dramatisches Feuer wünschte.\nIhre eigene Soiree war schwach besucht; der Vortrag einer\nArie von Händel und schwedischer Lieder wurde jedoch\nals vorzüglich anerkannt. Eine Ouvertüre von Saloman,\nfür Piano zu vier Händen eingerichtet, machte nicht viel\nEindruck.\nDass Herr Seghers die Nebenbuhlerschaft mit der\nConservatoire-Gesellschaft bis zur Nachäfiung auch des be-\nrühmten Kunststückes, Quartett-Musik von einem ganzen\nOrchester von Streich-Instrumenten spielen zu lassen, treibt,\nkönnen wir nur missbilligen; auch blieb die erste Leistung\ndieser Art ein Allegrettoaus einem Mendelssohn'schen\nQuartette, von sämmtlichen Geigen und Bässen gespielt\ndurch die theilweise Unreinheit der Intonation der ersten\nViolinen in der Höhe unter derjenigen technischen Vollen-\ndung, welche dergleichen Allotria allein erträglich macht.\n(Schluss folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-25-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-25_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-03-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "91", "page_fin": "94", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.3", "debut_caractere": 4111, "fin_caractere_exclue": 4700, "texte": "Wiener Briefe.\n\n[Beethoven's neunte Sinfonie und das dritte Vereins-\nConcert Flotow's „Matrosen\", der „Freischütz\", die\n„Vestalin\" Der Bariton ist Julius Stock hausen\nund Robert Schumann Concerte.]\n„Die Richtung seines Geistes konnte nicht nach D-molt\ngehen.\" Lenz über Beethoven.\n„Und das muss in Wien erst noch gesagt werden?\"\nDie Redact. der Niederrh. Musik-Zeit.\nDen 19. März 1854.\nDer Italiäner sagt sprüchwörtlich:\npoi morire.\" Ich wüsste nun für meinen Theil keinen\nAugenblick, in welchem mich der Tod mehr bereit finden\nkönnte, ihm in das dunkle Schattenreich zu folgen, als un-\nI»"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5031, "texte": "mittelbar nach Anhörung der neunten Sinfonie; denn so\nfühlt man sich gesättigt von dem Vollgehalt des Lebens,\ndass man sich unwillkürlich fragt: Wozu soll es noch län-\nger? Sagt doch ein Dichter irgendwo, dies sei des Lebens\nSchlimmstes, dass dem höchsten Momente ein eerinserer\nO O\nfolge. Ja, es ist ein einziges Werk, unergründlich wie die\nW'elt selbst, ein Denkmal des menschlichen Geistes für die\nJahrtausende, und man schaudert vor dem Gedanken, dass\nes überhaupt je aus ihr verschwinden, dass eine Epoche\nkommen könnte, in welcher die Menschen es nicht mehr\nverstehen würden. Wie in einem Brennpunkte laufen in\ndiesem Werke alle Radien des Beethoven'schen Geistes\nzusammen, und in ihm verschlingen sich die Anfangs- und\nEndpunkte alles Seins zu einem Ringe, in welchem die\nganze Schöpfung Raum findet. Was für Göthe der Faust,\nwas für die Poesie überhaupt der Lear, das ist für Beetho-\nven und für die Musik überhaupt das Wunderwerk der\nneunten Sinfonie; ja, die Wirkung ist eine noch bezwin-\ngendere, weil es der Tonkunst, als nicht an das Co 11-\ncrete gebunden, allein gegeben ist, im geschlossenen\nKunstwerke die Gegensätze auch in der äusseren Er-\nscheinung vollständig aufzulösen. Ich habe nun, um mich\nzur neulichen Aufführung dieser Sinfonie im dritten Ver-\neins-Concerte vorzubereiten, alles recapitulirt, was ich je\nüber sie gelesen und gehört, und kann mich über zweierlei\nnicht genug wundern: einmal, wie man sie je hat unver-\nständlich finden können, und dann, wb man so häufig dem\nPhantom nachhangen konnte, die Entstehungs-Geschichte\ndes Werkes auf subjective Stimmungen und Zustände zu-\nrückführen zu wollen. Mir sind alle derlei schwächliche\nAuffassungen von Kunstwerken zuwider, indem sie nur in\nden seltensten Fällen statthaft sind, und ich finde dieses\nWerk in so objectivem Geiste concipirt, wie irgend eines.\nEin Geist, wie der Beethoven's, lühlt sich, wenn er im\nBanne seines Genius steht, gar nicht als Einzelgeist, und\nwenn uns sein Werk auch nur als der Wiederklang eines\nmächtigen Subjectes erscheint, so heisst dieses doch nichts\nAnderes, als dass eben dieses Subject ein umfassender Com-\nplex objectiver Weltkräfte war, dass also hier das Ich und\ndas All fast gar nicht mehr getrennt werden können. Man ist\nso weit gegangen, die neunte Sinfonie eine Sinfonie der\nVerzweiflung zu nennen. Noch unbegreiflicher. Ich finde\ngerade in keinem Werke Beethoven's, als in diesem und in\ndenen seiner letzten Periode überhaupt, so sehr als letztes\nResultat die höchste Befriedigung, reinste Verklärung, nir-\ngend eine solche Fülle der tiefsten, aus dem in sich ruhen-\nden Geiste entspringenden Melodieen. Oder soll das Finale\nder Sinfonie, namentlich der Jubelchor der Schluss-Stretta,\nein Ausdruck der Verzweiflung sein? Aber eben weil die\nBefriedigung eine wahre ist, so sind auch die Gegensätze\ndesto greller gezeichnet, treten desto schneidender hervor;\ndieses alles, so wie die scheinbare Regellosigkeit ist eben\nnichts als eine natürliche Folge der unendlich gesteigerten\nkünstlerischen Kraft und Freiheit. Wenn ich aber vollends\ndie häufig beliebte, besonders durch die Wagner'sche Schule\nin Schwung gekommene, ganz sinnlose und abgeschmackte\nPhrase hören muss, wie Beethoven sein Leben lang und in\nspecie in der neunten Sinfonie nach „der Melodie\" und\nnach dem erlösenden Worte gerungen und beide endlich\nim Finale dieser Sinfonie gefunden habe, so gestehe ich\nIhnen, dass ich nicht nur im figürlichen, sondern im leib-\nlichen Sinne des Wortes alle Zustände bekomme. Unsinn\nund kein Ende! Wenn es bloss auf die Melodie ankäme,\nso sind nicht nur in diesem, sondern in gar vielen Werken\nBeethoven's unendlich schönere und bedeutungsvollere zu\nfinden, so dass er das erlösende Wort ganz gut dem Herrn\nRichard Wagner und allen jenen hätte überlassen können,\ndie ohne dasselbe in der Musik nichts Rechtes erreichbar\nglauben. Wundern sollte es mich, wenn noch Niemandem\ndie Aehnlichkeit jenes Motives im ersten Satze, welches\nso lautet:\nmit einer Stelle im Andante der Pastoral-Sinfonie aufgefal-\nlen sein sollte. Von der grauenerregendsten Wirkung und\njedenfalls die Spitze des ersten Satzes ist jener furchtbare\nOrgelpunkt auf D,welchen die Pauke 38 Tacte lang in\nunausgesetztem Wirbel aushält. Hier hat man, und zwar\nphysisch selbst, ein Gefühl, als ob man den Riesenbau der\nWelt in seinen Fugen krachen hörte, und unmittelbar aus\ndiesem Gräuel treten wieder im holdesten Vereine die drei\nhimmlischen Motive des Mittelsatzes hervor. Nach dem, wie\nich glaube, zu langen Scherzo lühlte man sich schon ganz\nabgespannt, und ich zweifelte, noch länger folgen zu kön-\nnen. Aber wie ein stärkendes Bad wirkt das wunderbare\nAdagio und erfrischt dem Wanderer wieder alle Sinne. In\ndem Finale ist es dann vor Allem bewunderungswürdig,\nwie hier der einfachste Stoff durch immer neue Umbildung\nsich stets reicher und mächtiger entfaltet, immer fesselnd\nbleibt; und da man eine weitere Steigerung schon nicht\nmehr für möglich hält, da bricht erst im Saus und Braus\nmit Pauke, grosser Trommel, Triangel und Cinelli der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5296, "texte": "Schluss-Jubelchor hervor. Kurz, ein Gränzstein des mensch-\nlichen Schaffens nach Einer Seite hin ist diese Sinfonie, und\nwürde der Mensch in seinem Denken und Handeln bloss\ndurch Reflexion bestimmt und nicht vielmehr durch die\nstets regen, lebenspendenden Kräfte der Natur, ich glaube,\nes liesse Jeder nunmehr das Componiren bleiben, mit Aus-\nnahme der allerletzten Lumpe im Reiche Apollo's. Die Auf-\nführung des Riesenwerkes war freilich eine wesentlich man-\ngelhafte, und wer das Werk vor acht oder neun Jahren\nseitdem wurde es hier nicht wieder gegeben unter\nNicolai's Direction gehört, dem waren die Gebrechen nur\nallzu klar. Aber freilich, damals wurden zwölf, diesmal\nvier Proben abgehalten! In Anbetracht dieses nicht der\nDirection zur Last fallenden Umstandes und der unermess-\nlichen Schwierigkeit, war die Leistung noch immer eine\nrecht anerkennenswerthe, und es ist schon lobenswerth,\ndass man überhaupt daran dachte, das so lange nicht ge-\nhörte Werk dem Publicum wieder in Erinnerung zu brin-\ngen. Den meisten Anstoss gab, wie immer, der Vocal-Satz\ndes Finale, der Chor sowohl als das Solo-Quartett, und ich\nkann namentlich nicht begreifen, was Herrn Holzel auf den\nbarbarischen Einfall brachte, die Melodie im Eingange in\nso ganz kurz abgehacktem Staccato vorzutragen. In dem\nersten Satze war das Tempo etwas zu schleppend, und im\nAdagio fehlte es an Weichheit und an der Abrundung der\neinzelnen Glieder, die fast unkenntlich in einander schwam-\nmen. Nebst Beethoven's Sinfonie wurden in diesem Con-\ncerte, ihr vorangehend, noch Mendelssohn's schöne Ouver-\ntüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" und ein kraft-\nvoller, wie aus Granitblöcken geformter Chor aus Händel's\n„Samson\", zwar nicht zu vollständiger, aber doch zu weit\ngrösserer Befriedigung gegeben.\nEs ist nunmehr ein Salto mortale zu machen, wobei\njedoch weniger für den Reiter, als für den neuen Pegasus\nzu besorgen steht, er werde dabei Schaden leiden. Herr\nDirector Cornet - scheint es nämlich darauf abgesehen zu\nhaben, dass sich sämmtliche Correspondenten von Nord,\nOst und West blamiren sollen, und wir werden uns hüten,\nihm je wieder irgend etwas zu glauben. Denn obgleich in\nder vom 11. März datirten Nummer Ihrer Zeitschrift zu\nlesen stand, dass Flotow's Matrosen hier nicht gegeben\nwürden, und ich ein Recht hatte, Ihnen dieses zu schrei-\nben, ist diese Oper nichts desto weniger an demselben Tage\nin Wien in Scene gegangen, und von ihr habe ich zu re-\nden Aber Friedrich Flotow's Geist sei unbesorgt, der meine\nwill ihm wohl. Albrechtsberger sagte einmal, ihm komme\ngar kein Gedanke, als der sich zum doppelten Contrapunkt\neigne; nun denn: warum soll man mitFlotow hadern, dass\nihm keine Gedanken kommen, als die sich zu Quadrillen\nund Polka's eignen? Das hat die Natur alles so wunderbar\neingerichtet, und ist das Schneckenhaus nur ein wirkliches\nSchneckenhaus, so hat es auch sein Recht in der Schöpfung.\nUnd man kann nicht läugnen, es sind in dieser älteren Oper\nFlotow's recht niedliche, frische Motive aufgestapelt, auch\nhat sie Fluss; und wenn es freilich nicht an Reminiscenzen\naus Martha und Indra fehlt, so sind dieses eigentlich in die-\nsen späteren Opern Reminiscenzen. Es ist wahr, nach dem\nzweiten Acte fühlt man, um mit Friedrich Schiller zu reden,\nkein sehr brennendes Verlangen mehr, „des befriedigten\nGeistes nicht düstere Wege zu spähen\", bei dem dritten,\nwelcher den Separat-Titel führen könnte: „Meeres-Unruhe\nund unglückliche Fahrt\", langweilt man sich ein wenig,\nund nach dem vierten hat man, obgleich sich noch ein recht\nnetter Einfall bemerkbar macht, immerhin genug; aber Alles\nin Allem genommen, hat man sich doch leidlich amusirt,\nund wer wird so thöricht sein, von Flotow mehr zu ver-\nlangen! Dieses schien auch die Meinung des Publicums zu\nsein. Unendlich lieber ist sie mir, diese Oper in ihrer\nschlichten Einfalt, als die gespreizte Indra, die mehr geben\nwollte und doch weniger gab, oder als die trockenen, dür-\nren Compositionen Balfe's, und ich sehe schon im Geiste\ndie neueste „Matrosen-Quadrille\", an der sicherlich schon\nvon einer kundigen Feder gearbeitet wird. Was das Libretto\nbetrifft, so könnte es aus der Zeit der Puppenspiele her-\nrühren und wetteifert mit diesen an edler Simplicität. Sie\nwissen Alles, wenn ich Ihnen das folgende Recept mittheile:\nEin schönes Mädchen, zwei Bewerber; der eine Seemann,\nanständiger Mensch, geliebt, aber arm; der andere Pachter,\ntölpischer Lümmel, verabscheut, aber reich; ein Vater, der\ndas Mädel in Gottes Namen dem Seemanne geben will, wenn\ner nach Jahr und Tag wenigstens eben so viel Geld hat,\nals der Pachter; ein gewaltiger Meeressturm, welcher den\nSeemann in nicht geringe Nöthen bringt, aus denen er aber\ngerettet heimkehrt, den wohlbekannten Vetter aus Indien\nbeerbt und schliesslich das Mädel kriegt. Fiat mixtura et\nexeunt Flotow's Matrosen Richard Wagner hätte hier-\naus keine Oper gemacht, und dieses nehme ich ihm nicht\nübel. Nicht verschweigen kann ich es, dass mich die ganze\nOper hindurch eine wahre Herzensangst quälte; denn schon\nwar der vierte Act herangerückt, und noch immer hatten\nwir kein einziges Mal das uns gewiss allen durch Gewohn-\nheit theuer gewordene Glockengeläute vernommen; da er-\ntönte es aber plötzlich silberhell: bim bam, bim bam. Die\nallgemeine Rührung ergriff auch mich, und in meinem Her-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4459, "texte": "zen jubelte es laut: „Sie haben sich, sie haben sich! Amen,\nAmen! Hallelujah!\" Um die Darstellung machte sich ausser\nFräul. La Grua, Herren Ander und Beck besonders Herr\nHolzel verdient, welcher die Figur des tölpischen Pachters\nmit drastischer Komik zeichnete. Ueber die Aufführung\ndes „Freischütz\" berichte ich Ihnen nur, dass der rein mu-\nsicalische Theil in der Darstellung sehr befriedigend war,\naber nicht der poetische. Fräul. La Grua fehlt es für die\nAgathe an wahrer Naivetät und ungekünstelter Einfachheit,\nFrau Marlow für das Aennchen an Jugendlichkeit der Er-\nscheinung, Herrn Draxler für den Caspar an dämonischer\nGewalt, Herrn Erl für den Max an Lebendigkeit. Doch habe\nich mich an der geistvollen, liebenswürdigen Musik recht\ninnerlich erquickt. Aber nicht nur mit den Matrosen hat\nuns Cornet zum Besten gehabt, auch mit der Vestalin, die\nnun abermals auf dem Repertoire angesetzt ist, so seltsam\nes auch erscheint, eine solche Oper acht Tage vor dem\nSchlüsse der deutschen Oper zu bringen.\nEin sehr interessantes Concert sein drittes gab\nneulich der schnell zu grosser Beliebtheit emporgestiegene\nBaritonist Julius Stockhausen, welches auch noch das\nNebenverdienst hatte, eine solche Fülle reizender Mädchen-\nGestalten zu versammeln, wie man es in den kunstgeweih-\nten Hallen nicht gewohnt ist. Wie ich Ihnen schon neulich\nschrieb, so ist es keineswegs der Zauber eines besonders\nwohllautenden Organs, durch welchen er wirkt, als vielmehr\ndie schöne Innerlichkeit seines Vortrages, verbunden mit\ntrefflicher Bildung der an sich nur geringen Mittel.\nEr sang ausser einer Arie aus Sacchini's „Oedip\", die\nbesser weggeblieben wäre, vier Schubert'sche Lieder: Die\nliebe Farbe, Die böse Farbe, Am Meere, Liebesbotschaft,\nund zwei der schönsten Lieder von R. Schumann: Mond-\nnacht und Frühlingsnacht. Ueberaus reizend trug er beson-\nders die beiden ersten Schubert'schen und die Schumann'-\nschen Lieder vor, welche letztere eine so zündende Wir-\nkung hervorbrachten, dass sie beide wiederholt werden\nmussten. Ja, das muss noch in Wien gesagt werden, dass\nman mit Schubert'schen Liedern— ein halbes Dutzend aus-\ngenommen, von denen man es gelten lässt —, so wie mit\nder Mehrzahl der Schumann'schen und der Löwe'schen Ge-\nsänge auch im Concertsaale tiefe Wirkungen zu erzielen\nvermag, wenn man sie nur zu singen versteht. Nicht dem\nPublicum braucht es gesagt zu werden, das seine Empfäng-\nlichkeit dafür bei jeder Gelegenheit beweis't, wohl aber den\ngesinnungs- und poesielosen Sängern. Wagte doch erst\nneulich ein europa-berühmter Sänger mir ins Gesicht\nzu behaupten, von den vielen Hundert Liedern Schubert's\nseien nur einige wenige zum Vortrag im Concertsaale ge-\neignet! Und zeugt es nicht von einer wahrhaft entsetzlichen\nBarbarei, dass die eben genannten Lieder Schumann's die\nersten waren, welche man hier öffentlich gehört, jetzt erst\ngehört, wo der herrliche Meister, welcher der Wrelt einen\nsolchen Schatz der kostbarsten Perlen und Edelsteine ge-\nschenkt, einem furchtbar dunklen Verhängnisse anheimge-\nfallen zu sein scheint? Jetzt wird aller Orten von Schumann\ngesprochen, in allen Musicaiien-Handlur.gen wird nach sei-\nnen Liedern gefragt, sein Ruhm ertönt von allen Lippen.\nDie Welt gibt aber damit nur einen neuen, freilich nur zu\noft schon gelieferten Beweis ihrer verächtlichen Trägheit\nund Stumpfheit.\nWenn ich diesmal das letzte, in mancher Hinsicht aus-\ngezeichnete Concert unseres Männergesang-Vereins, in wel-\nchem namentlich Mendelssohn's zauberhaft schöne „Was-\nserfahrt\", Kunze's „Hymne an Odin\" und C. L. Fischer's\n„Meeresstille und glückliche Fahrt\" zur Aufführung kamen,\nein interessantes Concert der geschätzten Sängerin Fräul.\nBury, und die dritte Quartett-Sitzung (resp. Cyklus) der\nHerren Professoren Hellmesberger, Durst, Heyssler und\nSchlesinger, in welcher Beethoven's Cis-moll-Quartelt noch\nauf das gleiche Unverständniss sliess, nur so ganz flüchtig\nberühre, so geschieht dieses nur, weil Zeit und Raum es\nnicht anders gestatten wollen. Die ganz inhaltlosen Concerte\ndes Herrn Leopold v. Meyer und des Fräul. Neruda würde\nich auch unter minder drängenden Verhältnissen keiner Be-\nachtung werth halten. Eben desshalb muss ich auch für\nheute über die inzwischen erfolgte Aufführung der Vestalin,\nwelche vom Publicum etwas kühl aufgenommen wurde,\nund über das vierte Vereins-Concert, über welches ich Ihnen\nmerkwürdige Dinge zu sagen haben werde, schweigen,\nund verspare diesen Stoff auf mein nächstes Schreiben.\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-25-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-25_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-03-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "94", "page_fin": "95", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.2.3", "titre_corps": "Ein Brief von Rossini.", "titre_sommaire": "Ein Brief von Rossini.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.6", "debut_caractere": 4461, "fin_caractere_exclue": 5044, "texte": "Ein Brief von Rossini.\nDer um die ungarische Musik verdiente Malleser-\nRitter Stephan Graf Fäy hat an llossini einen Brief ge-\nschrieben, in welchem er denselben ersucht, für Un-\ngarn eine Oper, ein Ballet, oder zum mindesten eine\nKirchen-Musik (gleich dem „Slabal maier\") zu schreiben.\nDer unsterbliche Meister antwortete in einem lateinischen\nSchreiben, welches das „Divatcsamot\" in ungarischer\nUebersetzung mittheilt, welche die „Pesther Post\" in Fol-\ngendem wiedergibt:\n„Edelster Graf und Herr! Es freut mich überaus, aus\nDeinem Briefe zu erfahren, dass Du ein leidenschaftlicher"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2861, "texte": "Musikfreund bist und das Fortepiano mit ausgezeichneter\nFertigkeit spielest. Nicht minder freut es mich, aus Deinen\nZeilen wahrzunehmen, dass Du besondere Vorliebe für\nclassische Musik hegst. Ich, unter den Ciassikern der letzte,\nfolge der Natur und halte mich feierlichst und heilig an\ndiesen einmal eingeschlagenen Weg, und desshalb gab ich\ndie komische Musik auf und wendete mich der tragischen\nund Kirchen-Musik zu. Eben so früh, als ich, ein kaum\nherangereifter Jüngling, zu componiren angefangen, eben\nso früh und früher, als es Jemand geahnt hätte, habe ich\ndie Feder niedergelegt. Es ist nun einmal so! Wer früh\nbeginnt, muss auch, den Gesetzen der Natur gemäss, früh\nenden. Uebrigens zog ich auch die Zeit in Betracht, in der\nWunder, um nicht zu sagen: Schrecknisse, auf der Kunst\nlasten, die das Ziel der besten Studien verwirren. Jeder\nEinsichtsvolle muss es daher sehr leicht begreiflich finden,\ndass ich bloss darum verstummte, theils um der modernen\nKunst-Verwilderung nicht fröhnen zu müssen, theils um\nmit gutem Beispiele voran zu gehen. So würde die Kunst,\nin ihre eigenen Gränzen zurückgewiesen, der Menschheit\nzum Nutzen gereichen und würde nicht durch ausserge-\nwöhnliche Anstrengungen in Versuchung gerathen, Unmög-\nliches leisten zu wollen, indem sie durch solches Vorgehen\nden wahren ästhetischen Sinn mit Koth bewirft, ja, sogar\nder Frivolität Vorschub leistet. Demnach gehört das, was\nDu mir von dem Kaiser der Franzosen erzählst, in das\nReich der Märchen, und das, was Du von mir so angele-\ngentlich verlangst, wird ebenfalls nie in Erfüllung gehen;\ndenn die musicalische Technik bewegt sich ausserhalb ihrer\nSphäre, und ausserdem bin ich nicht gelaunt, jenen zu\nschmeicheln, welche die Fruchtbarkeit der Kunst und ihre\nsie bestimmenden Regeln verwirren. Lebe wohl, Freund\nder Musik und der Musiker, und sei überzeugt, dass jeder\nEhrgeiz mir fremd ist, und dass ich die Stadien im Musik-\ngebiete sehr genau zu bemessen und die Zeit zu berechnen\nweiss, wann eine Veränderung eintreten wird. Dein, edel-\nster Graf und Herr, verpflichteter und bereitwilliger Diener\n„Joachim Rossini.\n„Florenz, den 14. Februar 1854.\n„Nachschrift. Das Componiren hat seine Zeit, und\ndas Studium hat auch seine Zeit. Es gibt Perioden, wo wir\nmehr empfinden als sehen, und dann sollen wir schreiben.\nJetzt ist die Zeit gekommen, wo wir mehr sehen als em-\npfinden, und somit ist das Studium nothwendiger. Betrachte\ndie Zeitverhältnisse, und Du wirst leicht einsehen, dass ich\nrecht thue. Uebrigens stehe ich mit Wort und Beispiel\nwem immer zu Diensten. Stets bin ich freudig Jedermann\nmit aufrichtigem Ratlie beigestanden. Ungarn hatte ich von\nje her überaus lieb, denn der Tokayerwein fehlte wo mög-\nlich nie auf meiner Tafel; jetzt aber hege ich aus zwei-\nfachem Grunde Liebe für dasselbe, namentlich weil auch\nDu, mein Allerliebenswürdigster, dort wohnst.\""}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-03-25-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-03-25_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-03-25_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "95", "page_fin": "96", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.7", "debut_caractere": 2863, "fin_caractere_exclue": 5944, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Auf seiner Reise nach London hat uns Ernst in\nvoriger Woche besucht. Da seine Zeit so beschränkt war, dass er\nnur Einen Tag hier verweilte, so hatte nur ein kleiner Kreis von\nZuhörern das Glück, sein ausgezeichnetes Spiel in einem Abend-\nCirkel bei Herrn Capellmeister Miller zu bewundern. Auch FräuJ.\nSiona Levy war so freundlich, zwei Vorträge zu halten, durch\nwelche wir ein sehr achtungswerthes dramatisches Talent kennen\nlernten, und namentlich von dem schönen Organ und der melodi-\nschen Aussprache des Französischen ganz eingenommen wurden.\nDer Mozart-Verein hielt am 17. d. Mts. eine halböffent-\nliche Versammlung, in welcher wir eine Aufführung der Oper\nHans Heiling von Marschner mit Clavier-Begleitung hörten.\nDer Dirigent desselben, Herr K. Hein ecke, hat denVerein, wel-\ncher zwar nicht sehr zahlreiche, aber recht frische Kräfte besitzt,\nauf eine erfreuliche Höhe gebracht. Die Chöre gingen genau, und\nes war Leben und Feuer darin; namentlich hat uns das letzte Fi-\nnale ganz vorzüglich befriedigt. Freilich hat der Verein an Herrn\nM. DuMont, der die Partie des Heiling übernommen hatte, einen\nSänger, welcher an- Wohllaut, Umfang und Biegsamkeit der Stimme\nund vortrefflichem Vortrag in technischer und dramatischer Hin-\nsicht nicht viele seines Gleichen findet.\nAm 21. d. Mts. gab Herr Concertmeister Hartmann eine\nzahlreich besuchte Soiree im Hotel Disch. Wir hörten eine durch\nZusammenspiel und Feinheit des Vortrages ausgezeichnete Auffüh-\nrung des Quintetts von Mendelssohn (nachgelassenes Werk),\ndessen zweiter und dritter Satz ganz besonders entzückten, das Duo\nappcissionato für Piano und Violine von lii 11 er, vorgetragen von\ndem Componisten und dem Concertgeber, und ein Solo für die\nVioline von Spohr (Adagio aus dem Qualuor brillant). Dazwischen\nsang Herr E. Koch ein Lied von Dorn und zwei von R. Schu-\nmann mit schönem, vollem Tone und vollendetem Vortrage, und\nHiller zeigte zum Schluss in einer freien Phantasie, in welche er\nAnklänge an die Schumann'schen Lieder verwebte, seine Meister-\nschaft in harmonischen Combinationen.\nIm Stadttheater wird Hans Heiling von Marschner vorbe-\nreitet. Es ist sehr erfreulich, dass diese vortreffliche Oper, deren\nMusik mit zu dem Besten gehört, was deutsche dramatische Com-\nponisten geliefert haben, wieder auf das Repertoire kommt. Gegen-\nwärtig nimmt das recitirende Drama durch Emil Devrient's\nGastspiel Alles in Anspruch. Rühmliche Erwähnung verdient die\nLeistung des Fräul. Marschalk als Rosine im Barbier; auch\nHerr Wack zeigte als Figaro, dass er zu singen versteht. In die-\nsen Tagen wird die Opern-Gesellschaft des Herrn Röder drei Vor-\nstellungen, darunter Tannhäuser und Prophet, in Coblenz geben.\nAm 25. März wird Dorn's Oper „Die Nibelungen\" auf der\nHofbühne zu Berlin in Sccne gehen.\nDer Violinist Sivori hat in Genua in dem Concertc, welches\ndie Stadt dem Könige und der Königin von Sardinien gegeben, ge-\nspielt und von Sr. Majestät den Orden des heiligen Mauritius und\nLazarus erhalten. Er ist gegenwärtig in Marseille und will von\nda nach Spanien gehen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1467, "texte": "In Zürich sollen sich fünf Lieder von Conrad in\nKreutzer lür vierstimmigen Männergesang, bisher ungedruckt, im\nOriginal-Manuscript vorgefunden haben.\nIn Brüssel ist die komische Oper Georgette, Musik von dem\njungen belgischen Componisten Gevaert, mit Beifall gegeben\nworden. Die Pianistin Rosa Kastner gibt daselbst sehr besuchte\nConcerte.\nl*aris. Am 17. d. Mts. fand die erste Vorstellung der neu in\nScene gesetzten „Vestalin\" von Spon t i n i Statt. Sophia Cru-\nvelli feierte besonders im zweiten Acte ihren Triumph. In der\nOpera comique wechseln „Der Stern des Nordens44 und „Die weisse\nDame\" ab und machen beide volle Häuser. Ein Hotel garni und\nein Magazin de Noiiveautes prangen bereits mit dem Schilde: „A\nl'Etoile du Nord.\" Das Ministerium hat eine Commission zur\nRevision des Reglements des Conseroatoire de Musique et de\nDeclamation ernannt.\nIn dem Concert von H. Herz wird die deutsche Sängerin Frau\nStcinmüller auftreten. Die italiänische Oper wird bis zum 15.\nMai spielen.\nBei dem Musikfeste zu Bordeaux am 11. März ist Beetho-\nven's siebente Sinfonie inA-dur und Berlioz's Carneval Romain\naufgeführt worden.\nV\nMan wird sich des Conflictes erinnern, den Johanna Wag-\nner 1852 in London zwischen Lumley und Gye, den Unterneh-\nmern der beiden grossen Theater, erregte. Lumley forderte darauf\nvon Gye eine Entschädigung von 750,000 Frcs.; er ist jetzt mit\nseiner Klage abgewiesen worden. Dass der Rechtsgang in London\nschnell sei, kann man eben nicht sagen'"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "89", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.1", "texte": "Pariser Briefe.\nWenn man die Springfluten der Virluosen-Concerte\nin vorigen Jahren in Paris erlebt und sich glücklich aus\nihnen gerettet hat, so gewährt einem in diesem Jahre die\nSicherheit vor ähnlicher Gefahr ein recht behagliches Ge-\nfühl. Im ganzen Februar und halben März nur neunzehn\noder zwanzig dergleichen Auditions oder Seances indivi-\nduelles, also wöchentlich nicht viel mehr als drei, wäh-\nrend wir sonst täglich zwischen dreien bis vieren zu\nwählen hatten. Und auch diese wenigen waren meistens\nauf Salon-Soireen beschränkt, und die Eigenthümer der\ngrossen Concertsäle machen diesmal sehr schlechte Zinsen.\nSonst strömten die Künstler ersten Ranges, die europäi-\nschen Berühmtheiten hieher zusammen; jetzt findest Du\nauf allen Concert-Zetteln des ganzen Winters kaum einen\nvon jenen Namen, deren Klang von der Newa bis zur Seine\nund Themse wiederhallt. Die Sache ist indess ganz natür-\nlich, und nicht die politischen Verhältnisse, sondern die\nmusicalischen und financiellen sind daran schuld.\nDer Sinn für gehaltvolle Musik hat in den hiesi-\ngen höheren Kreisen offenbar erfreulich zugenommen, und\ndie ausschliessliche Bewunderung der ausführenden Technik\ntritt, wenn auch langsam, doch allmählich immer mehr vor\nder Theilnahme an dem Inhalt der Composition zurück.\nDie Zeit, wo ein Virtuosen-Stern erster Grösse nur an\nunserem Horizont aufzutauchen brauchte, um ganz Paris\nauf die Beine zu bringen, wo man sich drängte, vor der\nSaalpforte einen Kometenschweif zu bilden, der sich durch\nmehrere Strassen zog, sie ist vorbei und kein Künst-\nler, mag er heissen, wie er wolle, darf noch daran denken,\nin Paris einen goldenen Regen einzustreichen. Nicht bloss\ndie musicalischen Seiltänzer und Hexenmeister machen\nnichts mehr, auch für die edelste Richtung der Virtuosität\nfangen die Sympathieen zu schwinden an, auf welche sie\nsonst rechnen konnte, und das ist freilich die schlimme\nSeite der sonst gewiss freudig zu begrüssenden Umwand-\nlung. Ein sichtbares Beispiel davon war das Concert unse-\nrer liebenswürdigen Landsmännin Wilhelmine Clauss, kurz\nvor Jahresschluss. Ich habe damals darüber geschwiegen,\nweil ich weiss, dass man in Deutschland doch immer noch\ndarauf, wie es aus Paris herschallt, etwas gibt; jetzt aber,\nwo sie in Köln, Berlin, Hamburg u. s. w. die glänzendste\nAufnahme gefunden hat, muss ich als treuer Schilderer der\nhiesigen musicalischen Zustände sagen, dass ihr Concert\nleer war. Wilhelmine Clauss kam von London, wo sie\nsechs Monate lang geglänzt hatte, hieher zurück; man\nwusste, dass sie nach Deutschland, ja, nach Russland gehen\nwollte ihr Concert war also das Abschieds-Concert\neiner Künstlerin, die man in Jahren nicht mehr hören sollte,\neiner Künstlerin, welche hier vor den Augen und unter\ndem Schutze des Publicums die hohe Stufe allmählich er-\nstiegen hatte, welche sie jetzt einnimmt, einer Virtuosin,\nwelche den Parisern die ersten vollen Blüthen ihres Ta-\nlentes dargebracht hatte und jetzt unter den Gefeiertsten\nhoch gefeiert wurde • : dennoch blieben diejenigen, welche\nihre ersten Schritte auf dem glatten Boden der öffentlichen\nBühne gefördert und unterstützt und jeden folgenden mit\nEnthusiasmus verfolgt hatten, zu Hause! Was soll also\nein Künstler, der bereits einen Ruf hat, in Paris? Es war\nfür diese Saison die Rede von Yieuxtemps, Ernst, Joachim,\nServais, Schulhof, Dreyschock, Meyer, ja, sogar von Liszt\naber Keiner ist gekommen; denn sie brauchen Paris\nnicht mehr, um sich einen Namen machen zu lassen, und\nsind zu gute Rechner, um hier Zeit und Geld zu ver-\nschwenden.\nEs gibt aber auch einen äusseren Grund für die ver-\nringerte Theilnahme an den Künstler-Concertcn: das sind\ndie Rücksichten auf die localen musicalischen Zustände,\nund in dieser Hinsicht ist Paris eben so kleinstädtisch, wie\ndie kleinste Stadt in Deutschland. Es gibt eine Unzahl von\nKünstlern, welche hier festen Fuss gefasst haben, theils\nals geborene, theils als naturalisirte oder adoptirte Franzo-\nsen, unter ihnen allein über hundert Pianisten. Das sind\n„unsere Leute\", die dürfen wir nicht fallen lassen, für die\nmüssen wir, Jeder in seinem Kreise, unsere Freunde in-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "90", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.2", "texte": "teressiren, wir müssen ihnen eine Einnahme verschaffen!\nAuf welche Weise? Ei nun, durch ein alljährliches Con-\ncert, durch eine allwinterliche Soiree. Ich will nun freilich\nnicht behaupten, dass der Ertrag dieser „einheimischen\"\nConcerte stets reichlich ausfalle; allein zu Stande kommen\nsie immer, wenn auch Hunderte von Frei-Billetten dabei\neine Rolle spielen, und da jeder von den Künstlern seinen\nKreis in der höheren Gesellschaft hat, zu dessen geselligem\nGlänze er das Seinige das Jahr hindurch beiträgt, so fühlt\nman in diesem auch die Verpflichtung, sein Concert zu be-\nsuchen. Was dann nach Bestreitung dieser Art von Steuer\nauf dem Ausgabe-Budget der vornehmen Welt für Kunst\nnoch übrig bleibt, das raffen die Wohlthätigkeits-Concerte\nhinweg, die zu einer wahren Plage geworden sind.\nSo ist es denn ganz natürlich, dass die fremden Künst-\nler Paris meiden und nur diejenigen von ihnen uns heim-\nsuchen, deren Ruf noch nicht gemacht ist. Diese hoffen\ndie hiesige Presse als Locomotive ihres Ruhmes zu benutzen,\nund das gelingt ihnen auch, .wenn sie nur\nDen und den zn sprechen und zu kennen.\nDen alle nur mit Ehrfurcht nennen\nDabei mit allem guten Muth,\nLeidlichem Geld u. s. w.\nIn diesem Augenblicke ragt unter dieser Classe ein\njunger Pianist, ein Wunderknabe von zwölf Jahren, Theo-\ndor Ritter geheissen, hervor, eines jener musicalischen\nPhänomene, bei denen das besondere Kunst-Talent der all-\ngemeinen Entwicklung der intellectucll -n und physischen\nKräfte vorauseilt. Dem Namen nach ein Deutscher, jedoch\nein Schüler von Xavier Boisselot, lässt er oder vielmehr\nsein Vater ein gewisses Dunkel über seinen persönlichen\nVerhältnissen schweben, was übrigens auch zu den Reiz-\nmitteln der Reclame gehört. Schiller's Vers:\nMan wusste nicht, woher er kam\nist immer interessant, und ist auch die Fortsetzung desselben:\nUnd schnell war seine Spur verloren,\nSobald der Knabe Abschied nahm\ngar oft zur Wahrheit geworden, so rechnet man darauf,\ndass das Publicum ein schlechtes Gedächtniss hat. Theodor\nRitter ist wirklich urplötzlich hier aufgetaucht. Das ge-\nwöhnliche Vorspiel in den Zeitungen ging seinem Concerte\n(am 23. Februar) kaum vierzehn Tage vorher, und den-\nnoch vereinigte der Saal fast alles, was Paris an künstleri-\nschen Notabilitäten hat. Er spielte zwei Stücke von Chopin,\ndas Andante aus dem Terzett im Teil, arrangirt von Pru-\ndent, Preludium, Fuge, Gavotte und Musette von S. Bach\nund die Cavatine der Elvira aus Ernani, von ihm selbst für\ndas Piano übertragen. Die öffentlichen Blätter sprechen von\nkünstlerischer Prädestination, von Erneuerung der Wunder\nvon Liszt und Thalberg, vergleichen ihn mit Chopin u. s. w.\nDas Wahre an der Sache ist, dass der Knabe ein ausser-\ngewohnliches Talent besitzt, welches bereits alle techni-\nschen Schwierigkeiten überwunden hat, und dass sich eine\necht künstlerische Natur in dem Vortrage der Chopin'schen\nund Bach'schen Compositionen offenbarte. Möge diese ihn\nvor den Abwegen der falschen Virtuosität bewahren! Dass\nsein erster Compositions-Versuch eine Transscription ist,\nund noch dazu einer Verdischen Melodie, deutet freilich\nschon darauf hin, wie nahe ihm die Gefahr ist.\nDie Orchester- und Kammermusik findet im Gegen-\nsatz zu den Yirtuosen-Concerten zahlreiche Theilnahme.\nDie Concert-Gesellschaft des Conservatoires ab\nJove principium! und zwar diesmal in doppelter Beziehung,\nda ihr drittes Concert mit der Jupiter-Sinfonie von Mozart\nbegann bewährte durch den Vortrag dieser und einer\nHaydn'schen Sinfonie die Meisterschaft ihres Orchesters.\nAber das Finale des ersten Actes von Weber's Oberon,\nzum ersten Male aufgeführt, liess das Publicum auffallend\nkalt; es konnte sich eben so wenig zu der Poesie erheben,\ndie darin waltet, wie die Damen Miolan und Decroix, welche\ndie wundervollen Melodieen der morgenländischen Nacht\ngerade so zwitscherten, wie ihre Partieen in\nsieur Pantalon.\nDie zweite Gesellschaft für Orchester-Aufführungen,\ndie Sainte Cecilc, unter Seghers' Direction, fährt als Ne-\nbenbuhlerin der älteren Schwester auf gutem Wege fort,\nden Geschmack der Pariser an classischen Werken zu bil-\nden, und holt desshalb sehr häufig aus dem vollen Schrein\nder deutschen Musik Partituren hervor, welche der hie-\nsigen Welt unbekannt sind und mithin neben ihrem inne-\nren Werthe noch den Reiz der Neuheit für das Publicum\nhaben. Charakteristisch ist es, dass bei den echten Parisern\neben so, wie es bei uns echte Berliner u. s. w. gibt\ndas Publicum des Conservatoires ein halb germanisches und\ndas der heiligen Cäcilie ein franco-belgisches heisst. So\nhörten wir in dem zweiten Concerte J. Haydn's „Sturm\"\nfür Chor und Orchester und das zweite Finale aus We-\nber's Euryanthe hier zum ersten Male. Dazu die Ouver-\ntüre aus derselben Oper und Beethoven's\nwelcher eine sehr gute, fein studirte Ausführung zu Theil\nwurde. Eine Neuigkeit aus der Gegenwart war eine „ Se-\nrenade\" für Streich-Instrumente von Theodor Gouvv,\n«i 7\nein Gemälde voll Reiz und Colorit, welches mit Recht"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "91", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.3", "texte": "gefiel. Gouvy's Richtung ist eine durchaus deutsche und\ngesinnungsvolle.\nIm dritten Concerte war die vollständige Aufführung\nder Musik zur Preciosa von Weber ein Ereigniss für\ndie hiesige musicalische Welt. Eine kurze, aber ge-\nschickt gemachte Uebersicht der Handlung des Drama s\nwar im Programm gedruckt, und der Text der Gesänge\nhalte an dem Herrn Saint-Chaffrey, einem Dilettanten,\neinen guten Uebersetzer gefunden. Der Erfolg war bei der\nlobenswerthen Ausführung ein glänzender. Die Ouvertüre\nwurde gleich mit lebhaftem Beifall aufgenommen, eben so\nder erste Chor („Heil Preciosa A Preciosa qui rayonne\"\netc.) und die reizende Tanzmusik. Aber vollends der Chor:\n„Im Wald - Äux boisu wie schlug er durch! Mit\neiner wahren Begeisterung verlangte man dessen Wieder-\nholung. Frau Nissen-Saloman sang darauf die Ro-\nmanze: „Einsam bin ich nicht alleine—\nimage\" mit schöner, vollklingender Stimme und edlem\nAusdruck. Auch die folgenden Chöre: „Der Tag erwacht\nLe ciel se dore\", und: „ Es blinken die goldenen Sterne\nC'cst l'heure oü les etoiles sprachen sehr\nan, und zum Schlüsse wurde der Anfangs-Chor wiederholt.\nIch gestehe, dass ich mich von der ganzen Aufführung die-\nser Musik wunderbar erregt fühlte. Wie klangen die Er-\ninnerungen aus meiner Kindheit und aus der Heimat bei\ndiesen Tönen in meinem Herzen wieder! Was wir so oft\ngehört, so oft unter den Zweigen der Buchen und Eichen\nselbst mitgesungen, das klang mir jetzt nach langen Jahren\nvon der Bühne eines pariser Concertsaales entgegen, und\ndie fremden Laute zu den deutschen Tönen regten das\nHeimweh nur noch stärker in mir auf. Es ist eine eigene\nSache um den Eindruck deutscher Musik auf den Deutschen\nim Auslande. Bei Beethoven möchte man durch die ganze\nWelt stürmen und allen Freuden und allen Schmerzen des\nLebens die Brust öffnen; bei Weber erstickt die Sehnsucht\nnach der Heimat, nach den deutschen Wäldern und Bergen\nund Strömen und nach den deutschen Herzen jedes andere\nGelühl.\nDie Aufnahme sowohl von Seiten des Publicums als\nder Kritik ehrt beide und war gerade in der „Nord-\nstern \"-Woche noch von besonderer Bedeutung. Man\nfeierte in Weber den zugleich grossen und einfachen Com-\nponisten, man pries seine reiche und stets frische Phanta-\nsie, den Frühlingshauch seiner Melodieen, seine wundervolle\nInstrumentirung. „Da ist Alles an seiner Stelle\" sagt\nz. B. die France Musicale, der man wahrhaftig keine Vor-\nliebe lür uns Deutsche nachsagen kann —, „Alles ertönt\nin wunderbarer Harmonie. Weber missbraucht nichts; er\nist nüchtern und natürlich, er läuft nicht dem Absonder-\nlichen, dem Ungeheuerlichen nach, er macht nicht bei jeder\nGelegenheit Lärm, er weiss immer, was er sagen will, und\ndas Genie lässt ihn nie im Stich, dieses dann auch aul eine\nWeise zu sagen, die unser Ohr fesselt, niemals betäubt\noder ermüdet. Bei ihm ist Poesie, ist Ideal; er ist der wahre\nTondichter. Wie glücklich fühlt man sich, nach so vieler\nZerfahrenheit, so viel Lärm, so viel unnützen Zeuges, das\nman alle Tage hört, sich einmal wieder auf einer grünen\nOase an dem lebendigen Quell der Poesie ausruhen zu\nkönnen!\"\nFrau Nissen-Saloman sang ausserdem in demsel-\nben Concerte noch die grosse Scene aus dem „Faust\" von\nSpohr mit Beifall, den ich auch theile, wenngleich ich ihr\netwas mehr Leidenschaft und dramatisches Feuer wünschte.\nIhre eigene Soiree war schwach besucht; der Vortrag einer\nArie von Händel und schwedischer Lieder wurde jedoch\nals vorzüglich anerkannt. Eine Ouvertüre von Saloman,\nfür Piano zu vier Händen eingerichtet, machte nicht viel\nEindruck.\nDass Herr Seghers die Nebenbuhlerschaft mit der\nConservatoire-Gesellschaft bis zur Nachäfiung auch des be-\nrühmten Kunststückes, Quartett-Musik von einem ganzen\nOrchester von Streich-Instrumenten spielen zu lassen, treibt,\nkönnen wir nur missbilligen; auch blieb die erste Leistung\ndieser Art ein Allegrettoaus einem Mendelssohn'schen\nQuartette, von sämmtlichen Geigen und Bässen gespielt\ndurch die theilweise Unreinheit der Intonation der ersten\nViolinen in der Höhe unter derjenigen technischen Vollen-\ndung, welche dergleichen Allotria allein erträglich macht.\n(Schluss folgt.)\n\nWiener Briefe.\n\n[Beethoven's neunte Sinfonie und das dritte Vereins-\nConcert Flotow's „Matrosen\", der „Freischütz\", die\n„Vestalin\" Der Bariton ist Julius Stock hausen\nund Robert Schumann Concerte.]\n„Die Richtung seines Geistes konnte nicht nach D-molt\ngehen.\" Lenz über Beethoven.\n„Und das muss in Wien erst noch gesagt werden?\"\nDie Redact. der Niederrh. Musik-Zeit.\nDen 19. März 1854.\nDer Italiäner sagt sprüchwörtlich:\npoi morire.\" Ich wüsste nun für meinen Theil keinen\nAugenblick, in welchem mich der Tod mehr bereit finden\nkönnte, ihm in das dunkle Schattenreich zu folgen, als un-\nI»"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "92", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.4", "texte": "mittelbar nach Anhörung der neunten Sinfonie; denn so\nfühlt man sich gesättigt von dem Vollgehalt des Lebens,\ndass man sich unwillkürlich fragt: Wozu soll es noch län-\nger? Sagt doch ein Dichter irgendwo, dies sei des Lebens\nSchlimmstes, dass dem höchsten Momente ein eerinserer\nO O\nfolge. Ja, es ist ein einziges Werk, unergründlich wie die\nW'elt selbst, ein Denkmal des menschlichen Geistes für die\nJahrtausende, und man schaudert vor dem Gedanken, dass\nes überhaupt je aus ihr verschwinden, dass eine Epoche\nkommen könnte, in welcher die Menschen es nicht mehr\nverstehen würden. Wie in einem Brennpunkte laufen in\ndiesem Werke alle Radien des Beethoven'schen Geistes\nzusammen, und in ihm verschlingen sich die Anfangs- und\nEndpunkte alles Seins zu einem Ringe, in welchem die\nganze Schöpfung Raum findet. Was für Göthe der Faust,\nwas für die Poesie überhaupt der Lear, das ist für Beetho-\nven und für die Musik überhaupt das Wunderwerk der\nneunten Sinfonie; ja, die Wirkung ist eine noch bezwin-\ngendere, weil es der Tonkunst, als nicht an das Co 11-\ncrete gebunden, allein gegeben ist, im geschlossenen\nKunstwerke die Gegensätze auch in der äusseren Er-\nscheinung vollständig aufzulösen. Ich habe nun, um mich\nzur neulichen Aufführung dieser Sinfonie im dritten Ver-\neins-Concerte vorzubereiten, alles recapitulirt, was ich je\nüber sie gelesen und gehört, und kann mich über zweierlei\nnicht genug wundern: einmal, wie man sie je hat unver-\nständlich finden können, und dann, wb man so häufig dem\nPhantom nachhangen konnte, die Entstehungs-Geschichte\ndes Werkes auf subjective Stimmungen und Zustände zu-\nrückführen zu wollen. Mir sind alle derlei schwächliche\nAuffassungen von Kunstwerken zuwider, indem sie nur in\nden seltensten Fällen statthaft sind, und ich finde dieses\nWerk in so objectivem Geiste concipirt, wie irgend eines.\nEin Geist, wie der Beethoven's, lühlt sich, wenn er im\nBanne seines Genius steht, gar nicht als Einzelgeist, und\nwenn uns sein Werk auch nur als der Wiederklang eines\nmächtigen Subjectes erscheint, so heisst dieses doch nichts\nAnderes, als dass eben dieses Subject ein umfassender Com-\nplex objectiver Weltkräfte war, dass also hier das Ich und\ndas All fast gar nicht mehr getrennt werden können. Man ist\nso weit gegangen, die neunte Sinfonie eine Sinfonie der\nVerzweiflung zu nennen. Noch unbegreiflicher. Ich finde\ngerade in keinem Werke Beethoven's, als in diesem und in\ndenen seiner letzten Periode überhaupt, so sehr als letztes\nResultat die höchste Befriedigung, reinste Verklärung, nir-\ngend eine solche Fülle der tiefsten, aus dem in sich ruhen-\nden Geiste entspringenden Melodieen. Oder soll das Finale\nder Sinfonie, namentlich der Jubelchor der Schluss-Stretta,\nein Ausdruck der Verzweiflung sein? Aber eben weil die\nBefriedigung eine wahre ist, so sind auch die Gegensätze\ndesto greller gezeichnet, treten desto schneidender hervor;\ndieses alles, so wie die scheinbare Regellosigkeit ist eben\nnichts als eine natürliche Folge der unendlich gesteigerten\nkünstlerischen Kraft und Freiheit. Wenn ich aber vollends\ndie häufig beliebte, besonders durch die Wagner'sche Schule\nin Schwung gekommene, ganz sinnlose und abgeschmackte\nPhrase hören muss, wie Beethoven sein Leben lang und in\nspecie in der neunten Sinfonie nach „der Melodie\" und\nnach dem erlösenden Worte gerungen und beide endlich\nim Finale dieser Sinfonie gefunden habe, so gestehe ich\nIhnen, dass ich nicht nur im figürlichen, sondern im leib-\nlichen Sinne des Wortes alle Zustände bekomme. Unsinn\nund kein Ende! Wenn es bloss auf die Melodie ankäme,\nso sind nicht nur in diesem, sondern in gar vielen Werken\nBeethoven's unendlich schönere und bedeutungsvollere zu\nfinden, so dass er das erlösende Wort ganz gut dem Herrn\nRichard Wagner und allen jenen hätte überlassen können,\ndie ohne dasselbe in der Musik nichts Rechtes erreichbar\nglauben. Wundern sollte es mich, wenn noch Niemandem\ndie Aehnlichkeit jenes Motives im ersten Satze, welches\nso lautet:\nmit einer Stelle im Andante der Pastoral-Sinfonie aufgefal-\nlen sein sollte. Von der grauenerregendsten Wirkung und\njedenfalls die Spitze des ersten Satzes ist jener furchtbare\nOrgelpunkt auf D,welchen die Pauke 38 Tacte lang in\nunausgesetztem Wirbel aushält. Hier hat man, und zwar\nphysisch selbst, ein Gefühl, als ob man den Riesenbau der\nWelt in seinen Fugen krachen hörte, und unmittelbar aus\ndiesem Gräuel treten wieder im holdesten Vereine die drei\nhimmlischen Motive des Mittelsatzes hervor. Nach dem, wie\nich glaube, zu langen Scherzo lühlte man sich schon ganz\nabgespannt, und ich zweifelte, noch länger folgen zu kön-\nnen. Aber wie ein stärkendes Bad wirkt das wunderbare\nAdagio und erfrischt dem Wanderer wieder alle Sinne. In\ndem Finale ist es dann vor Allem bewunderungswürdig,\nwie hier der einfachste Stoff durch immer neue Umbildung\nsich stets reicher und mächtiger entfaltet, immer fesselnd\nbleibt; und da man eine weitere Steigerung schon nicht\nmehr für möglich hält, da bricht erst im Saus und Braus\nmit Pauke, grosser Trommel, Triangel und Cinelli der"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "93", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.5", "texte": "Schluss-Jubelchor hervor. Kurz, ein Gränzstein des mensch-\nlichen Schaffens nach Einer Seite hin ist diese Sinfonie, und\nwürde der Mensch in seinem Denken und Handeln bloss\ndurch Reflexion bestimmt und nicht vielmehr durch die\nstets regen, lebenspendenden Kräfte der Natur, ich glaube,\nes liesse Jeder nunmehr das Componiren bleiben, mit Aus-\nnahme der allerletzten Lumpe im Reiche Apollo's. Die Auf-\nführung des Riesenwerkes war freilich eine wesentlich man-\ngelhafte, und wer das Werk vor acht oder neun Jahren\nseitdem wurde es hier nicht wieder gegeben unter\nNicolai's Direction gehört, dem waren die Gebrechen nur\nallzu klar. Aber freilich, damals wurden zwölf, diesmal\nvier Proben abgehalten! In Anbetracht dieses nicht der\nDirection zur Last fallenden Umstandes und der unermess-\nlichen Schwierigkeit, war die Leistung noch immer eine\nrecht anerkennenswerthe, und es ist schon lobenswerth,\ndass man überhaupt daran dachte, das so lange nicht ge-\nhörte Werk dem Publicum wieder in Erinnerung zu brin-\ngen. Den meisten Anstoss gab, wie immer, der Vocal-Satz\ndes Finale, der Chor sowohl als das Solo-Quartett, und ich\nkann namentlich nicht begreifen, was Herrn Holzel auf den\nbarbarischen Einfall brachte, die Melodie im Eingange in\nso ganz kurz abgehacktem Staccato vorzutragen. In dem\nersten Satze war das Tempo etwas zu schleppend, und im\nAdagio fehlte es an Weichheit und an der Abrundung der\neinzelnen Glieder, die fast unkenntlich in einander schwam-\nmen. Nebst Beethoven's Sinfonie wurden in diesem Con-\ncerte, ihr vorangehend, noch Mendelssohn's schöne Ouver-\ntüre „Meeresstille und glückliche Fahrt\" und ein kraft-\nvoller, wie aus Granitblöcken geformter Chor aus Händel's\n„Samson\", zwar nicht zu vollständiger, aber doch zu weit\ngrösserer Befriedigung gegeben.\nEs ist nunmehr ein Salto mortale zu machen, wobei\njedoch weniger für den Reiter, als für den neuen Pegasus\nzu besorgen steht, er werde dabei Schaden leiden. Herr\nDirector Cornet - scheint es nämlich darauf abgesehen zu\nhaben, dass sich sämmtliche Correspondenten von Nord,\nOst und West blamiren sollen, und wir werden uns hüten,\nihm je wieder irgend etwas zu glauben. Denn obgleich in\nder vom 11. März datirten Nummer Ihrer Zeitschrift zu\nlesen stand, dass Flotow's Matrosen hier nicht gegeben\nwürden, und ich ein Recht hatte, Ihnen dieses zu schrei-\nben, ist diese Oper nichts desto weniger an demselben Tage\nin Wien in Scene gegangen, und von ihr habe ich zu re-\nden Aber Friedrich Flotow's Geist sei unbesorgt, der meine\nwill ihm wohl. Albrechtsberger sagte einmal, ihm komme\ngar kein Gedanke, als der sich zum doppelten Contrapunkt\neigne; nun denn: warum soll man mitFlotow hadern, dass\nihm keine Gedanken kommen, als die sich zu Quadrillen\nund Polka's eignen? Das hat die Natur alles so wunderbar\neingerichtet, und ist das Schneckenhaus nur ein wirkliches\nSchneckenhaus, so hat es auch sein Recht in der Schöpfung.\nUnd man kann nicht läugnen, es sind in dieser älteren Oper\nFlotow's recht niedliche, frische Motive aufgestapelt, auch\nhat sie Fluss; und wenn es freilich nicht an Reminiscenzen\naus Martha und Indra fehlt, so sind dieses eigentlich in die-\nsen späteren Opern Reminiscenzen. Es ist wahr, nach dem\nzweiten Acte fühlt man, um mit Friedrich Schiller zu reden,\nkein sehr brennendes Verlangen mehr, „des befriedigten\nGeistes nicht düstere Wege zu spähen\", bei dem dritten,\nwelcher den Separat-Titel führen könnte: „Meeres-Unruhe\nund unglückliche Fahrt\", langweilt man sich ein wenig,\nund nach dem vierten hat man, obgleich sich noch ein recht\nnetter Einfall bemerkbar macht, immerhin genug; aber Alles\nin Allem genommen, hat man sich doch leidlich amusirt,\nund wer wird so thöricht sein, von Flotow mehr zu ver-\nlangen! Dieses schien auch die Meinung des Publicums zu\nsein. Unendlich lieber ist sie mir, diese Oper in ihrer\nschlichten Einfalt, als die gespreizte Indra, die mehr geben\nwollte und doch weniger gab, oder als die trockenen, dür-\nren Compositionen Balfe's, und ich sehe schon im Geiste\ndie neueste „Matrosen-Quadrille\", an der sicherlich schon\nvon einer kundigen Feder gearbeitet wird. Was das Libretto\nbetrifft, so könnte es aus der Zeit der Puppenspiele her-\nrühren und wetteifert mit diesen an edler Simplicität. Sie\nwissen Alles, wenn ich Ihnen das folgende Recept mittheile:\nEin schönes Mädchen, zwei Bewerber; der eine Seemann,\nanständiger Mensch, geliebt, aber arm; der andere Pachter,\ntölpischer Lümmel, verabscheut, aber reich; ein Vater, der\ndas Mädel in Gottes Namen dem Seemanne geben will, wenn\ner nach Jahr und Tag wenigstens eben so viel Geld hat,\nals der Pachter; ein gewaltiger Meeressturm, welcher den\nSeemann in nicht geringe Nöthen bringt, aus denen er aber\ngerettet heimkehrt, den wohlbekannten Vetter aus Indien\nbeerbt und schliesslich das Mädel kriegt. Fiat mixtura et\nexeunt Flotow's Matrosen Richard Wagner hätte hier-\naus keine Oper gemacht, und dieses nehme ich ihm nicht\nübel. Nicht verschweigen kann ich es, dass mich die ganze\nOper hindurch eine wahre Herzensangst quälte; denn schon\nwar der vierte Act herangerückt, und noch immer hatten\nwir kein einziges Mal das uns gewiss allen durch Gewohn-\nheit theuer gewordene Glockengeläute vernommen; da er-\ntönte es aber plötzlich silberhell: bim bam, bim bam. Die\nallgemeine Rührung ergriff auch mich, und in meinem Her-"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "94", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.6", "texte": "zen jubelte es laut: „Sie haben sich, sie haben sich! Amen,\nAmen! Hallelujah!\" Um die Darstellung machte sich ausser\nFräul. La Grua, Herren Ander und Beck besonders Herr\nHolzel verdient, welcher die Figur des tölpischen Pachters\nmit drastischer Komik zeichnete. Ueber die Aufführung\ndes „Freischütz\" berichte ich Ihnen nur, dass der rein mu-\nsicalische Theil in der Darstellung sehr befriedigend war,\naber nicht der poetische. Fräul. La Grua fehlt es für die\nAgathe an wahrer Naivetät und ungekünstelter Einfachheit,\nFrau Marlow für das Aennchen an Jugendlichkeit der Er-\nscheinung, Herrn Draxler für den Caspar an dämonischer\nGewalt, Herrn Erl für den Max an Lebendigkeit. Doch habe\nich mich an der geistvollen, liebenswürdigen Musik recht\ninnerlich erquickt. Aber nicht nur mit den Matrosen hat\nuns Cornet zum Besten gehabt, auch mit der Vestalin, die\nnun abermals auf dem Repertoire angesetzt ist, so seltsam\nes auch erscheint, eine solche Oper acht Tage vor dem\nSchlüsse der deutschen Oper zu bringen.\nEin sehr interessantes Concert sein drittes gab\nneulich der schnell zu grosser Beliebtheit emporgestiegene\nBaritonist Julius Stockhausen, welches auch noch das\nNebenverdienst hatte, eine solche Fülle reizender Mädchen-\nGestalten zu versammeln, wie man es in den kunstgeweih-\nten Hallen nicht gewohnt ist. Wie ich Ihnen schon neulich\nschrieb, so ist es keineswegs der Zauber eines besonders\nwohllautenden Organs, durch welchen er wirkt, als vielmehr\ndie schöne Innerlichkeit seines Vortrages, verbunden mit\ntrefflicher Bildung der an sich nur geringen Mittel.\nEr sang ausser einer Arie aus Sacchini's „Oedip\", die\nbesser weggeblieben wäre, vier Schubert'sche Lieder: Die\nliebe Farbe, Die böse Farbe, Am Meere, Liebesbotschaft,\nund zwei der schönsten Lieder von R. Schumann: Mond-\nnacht und Frühlingsnacht. Ueberaus reizend trug er beson-\nders die beiden ersten Schubert'schen und die Schumann'-\nschen Lieder vor, welche letztere eine so zündende Wir-\nkung hervorbrachten, dass sie beide wiederholt werden\nmussten. Ja, das muss noch in Wien gesagt werden, dass\nman mit Schubert'schen Liedern— ein halbes Dutzend aus-\ngenommen, von denen man es gelten lässt —, so wie mit\nder Mehrzahl der Schumann'schen und der Löwe'schen Ge-\nsänge auch im Concertsaale tiefe Wirkungen zu erzielen\nvermag, wenn man sie nur zu singen versteht. Nicht dem\nPublicum braucht es gesagt zu werden, das seine Empfäng-\nlichkeit dafür bei jeder Gelegenheit beweis't, wohl aber den\ngesinnungs- und poesielosen Sängern. Wagte doch erst\nneulich ein europa-berühmter Sänger mir ins Gesicht\nzu behaupten, von den vielen Hundert Liedern Schubert's\nseien nur einige wenige zum Vortrag im Concertsaale ge-\neignet! Und zeugt es nicht von einer wahrhaft entsetzlichen\nBarbarei, dass die eben genannten Lieder Schumann's die\nersten waren, welche man hier öffentlich gehört, jetzt erst\ngehört, wo der herrliche Meister, welcher der Wrelt einen\nsolchen Schatz der kostbarsten Perlen und Edelsteine ge-\nschenkt, einem furchtbar dunklen Verhängnisse anheimge-\nfallen zu sein scheint? Jetzt wird aller Orten von Schumann\ngesprochen, in allen Musicaiien-Handlur.gen wird nach sei-\nnen Liedern gefragt, sein Ruhm ertönt von allen Lippen.\nDie Welt gibt aber damit nur einen neuen, freilich nur zu\noft schon gelieferten Beweis ihrer verächtlichen Trägheit\nund Stumpfheit.\nWenn ich diesmal das letzte, in mancher Hinsicht aus-\ngezeichnete Concert unseres Männergesang-Vereins, in wel-\nchem namentlich Mendelssohn's zauberhaft schöne „Was-\nserfahrt\", Kunze's „Hymne an Odin\" und C. L. Fischer's\n„Meeresstille und glückliche Fahrt\" zur Aufführung kamen,\nein interessantes Concert der geschätzten Sängerin Fräul.\nBury, und die dritte Quartett-Sitzung (resp. Cyklus) der\nHerren Professoren Hellmesberger, Durst, Heyssler und\nSchlesinger, in welcher Beethoven's Cis-moll-Quartelt noch\nauf das gleiche Unverständniss sliess, nur so ganz flüchtig\nberühre, so geschieht dieses nur, weil Zeit und Raum es\nnicht anders gestatten wollen. Die ganz inhaltlosen Concerte\ndes Herrn Leopold v. Meyer und des Fräul. Neruda würde\nich auch unter minder drängenden Verhältnissen keiner Be-\nachtung werth halten. Eben desshalb muss ich auch für\nheute über die inzwischen erfolgte Aufführung der Vestalin,\nwelche vom Publicum etwas kühl aufgenommen wurde,\nund über das vierte Vereins-Concert, über welches ich Ihnen\nmerkwürdige Dinge zu sagen haben werde, schweigen,\nund verspare diesen Stoff auf mein nächstes Schreiben.\n\nB.\n\nEin Brief von Rossini.\nDer um die ungarische Musik verdiente Malleser-\nRitter Stephan Graf Fäy hat an llossini einen Brief ge-\nschrieben, in welchem er denselben ersucht, für Un-\ngarn eine Oper, ein Ballet, oder zum mindesten eine\nKirchen-Musik (gleich dem „Slabal maier\") zu schreiben.\nDer unsterbliche Meister antwortete in einem lateinischen\nSchreiben, welches das „Divatcsamot\" in ungarischer\nUebersetzung mittheilt, welche die „Pesther Post\" in Fol-\ngendem wiedergibt:\n„Edelster Graf und Herr! Es freut mich überaus, aus\nDeinem Briefe zu erfahren, dass Du ein leidenschaftlicher"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "95", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.7", "texte": "Musikfreund bist und das Fortepiano mit ausgezeichneter\nFertigkeit spielest. Nicht minder freut es mich, aus Deinen\nZeilen wahrzunehmen, dass Du besondere Vorliebe für\nclassische Musik hegst. Ich, unter den Ciassikern der letzte,\nfolge der Natur und halte mich feierlichst und heilig an\ndiesen einmal eingeschlagenen Weg, und desshalb gab ich\ndie komische Musik auf und wendete mich der tragischen\nund Kirchen-Musik zu. Eben so früh, als ich, ein kaum\nherangereifter Jüngling, zu componiren angefangen, eben\nso früh und früher, als es Jemand geahnt hätte, habe ich\ndie Feder niedergelegt. Es ist nun einmal so! Wer früh\nbeginnt, muss auch, den Gesetzen der Natur gemäss, früh\nenden. Uebrigens zog ich auch die Zeit in Betracht, in der\nWunder, um nicht zu sagen: Schrecknisse, auf der Kunst\nlasten, die das Ziel der besten Studien verwirren. Jeder\nEinsichtsvolle muss es daher sehr leicht begreiflich finden,\ndass ich bloss darum verstummte, theils um der modernen\nKunst-Verwilderung nicht fröhnen zu müssen, theils um\nmit gutem Beispiele voran zu gehen. So würde die Kunst,\nin ihre eigenen Gränzen zurückgewiesen, der Menschheit\nzum Nutzen gereichen und würde nicht durch ausserge-\nwöhnliche Anstrengungen in Versuchung gerathen, Unmög-\nliches leisten zu wollen, indem sie durch solches Vorgehen\nden wahren ästhetischen Sinn mit Koth bewirft, ja, sogar\nder Frivolität Vorschub leistet. Demnach gehört das, was\nDu mir von dem Kaiser der Franzosen erzählst, in das\nReich der Märchen, und das, was Du von mir so angele-\ngentlich verlangst, wird ebenfalls nie in Erfüllung gehen;\ndenn die musicalische Technik bewegt sich ausserhalb ihrer\nSphäre, und ausserdem bin ich nicht gelaunt, jenen zu\nschmeicheln, welche die Fruchtbarkeit der Kunst und ihre\nsie bestimmenden Regeln verwirren. Lebe wohl, Freund\nder Musik und der Musiker, und sei überzeugt, dass jeder\nEhrgeiz mir fremd ist, und dass ich die Stadien im Musik-\ngebiete sehr genau zu bemessen und die Zeit zu berechnen\nweiss, wann eine Veränderung eintreten wird. Dein, edel-\nster Graf und Herr, verpflichteter und bereitwilliger Diener\n„Joachim Rossini.\n„Florenz, den 14. Februar 1854.\n„Nachschrift. Das Componiren hat seine Zeit, und\ndas Studium hat auch seine Zeit. Es gibt Perioden, wo wir\nmehr empfinden als sehen, und dann sollen wir schreiben.\nJetzt ist die Zeit gekommen, wo wir mehr sehen als em-\npfinden, und somit ist das Studium nothwendiger. Betrachte\ndie Zeitverhältnisse, und Du wirst leicht einsehen, dass ich\nrecht thue. Uebrigens stehe ich mit Wort und Beispiel\nwem immer zu Diensten. Stets bin ich freudig Jedermann\nmit aufrichtigem Ratlie beigestanden. Ungarn hatte ich von\nje her überaus lieb, denn der Tokayerwein fehlte wo mög-\nlich nie auf meiner Tafel; jetzt aber hege ich aus zwei-\nfachem Grunde Liebe für dasselbe, namentlich weil auch\nDu, mein Allerliebenswürdigster, dort wohnst.\"\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMölii. Auf seiner Reise nach London hat uns Ernst in\nvoriger Woche besucht. Da seine Zeit so beschränkt war, dass er\nnur Einen Tag hier verweilte, so hatte nur ein kleiner Kreis von\nZuhörern das Glück, sein ausgezeichnetes Spiel in einem Abend-\nCirkel bei Herrn Capellmeister Miller zu bewundern. Auch FräuJ.\nSiona Levy war so freundlich, zwei Vorträge zu halten, durch\nwelche wir ein sehr achtungswerthes dramatisches Talent kennen\nlernten, und namentlich von dem schönen Organ und der melodi-\nschen Aussprache des Französischen ganz eingenommen wurden.\nDer Mozart-Verein hielt am 17. d. Mts. eine halböffent-\nliche Versammlung, in welcher wir eine Aufführung der Oper\nHans Heiling von Marschner mit Clavier-Begleitung hörten.\nDer Dirigent desselben, Herr K. Hein ecke, hat denVerein, wel-\ncher zwar nicht sehr zahlreiche, aber recht frische Kräfte besitzt,\nauf eine erfreuliche Höhe gebracht. Die Chöre gingen genau, und\nes war Leben und Feuer darin; namentlich hat uns das letzte Fi-\nnale ganz vorzüglich befriedigt. Freilich hat der Verein an Herrn\nM. DuMont, der die Partie des Heiling übernommen hatte, einen\nSänger, welcher an- Wohllaut, Umfang und Biegsamkeit der Stimme\nund vortrefflichem Vortrag in technischer und dramatischer Hin-\nsicht nicht viele seines Gleichen findet.\nAm 21. d. Mts. gab Herr Concertmeister Hartmann eine\nzahlreich besuchte Soiree im Hotel Disch. Wir hörten eine durch\nZusammenspiel und Feinheit des Vortrages ausgezeichnete Auffüh-\nrung des Quintetts von Mendelssohn (nachgelassenes Werk),\ndessen zweiter und dritter Satz ganz besonders entzückten, das Duo\nappcissionato für Piano und Violine von lii 11 er, vorgetragen von\ndem Componisten und dem Concertgeber, und ein Solo für die\nVioline von Spohr (Adagio aus dem Qualuor brillant). Dazwischen\nsang Herr E. Koch ein Lied von Dorn und zwei von R. Schu-\nmann mit schönem, vollem Tone und vollendetem Vortrage, und\nHiller zeigte zum Schluss in einer freien Phantasie, in welche er\nAnklänge an die Schumann'schen Lieder verwebte, seine Meister-\nschaft in harmonischen Combinationen.\nIm Stadttheater wird Hans Heiling von Marschner vorbe-\nreitet. Es ist sehr erfreulich, dass diese vortreffliche Oper, deren\nMusik mit zu dem Besten gehört, was deutsche dramatische Com-\nponisten geliefert haben, wieder auf das Repertoire kommt. Gegen-\nwärtig nimmt das recitirende Drama durch Emil Devrient's\nGastspiel Alles in Anspruch. Rühmliche Erwähnung verdient die\nLeistung des Fräul. Marschalk als Rosine im Barbier; auch\nHerr Wack zeigte als Figaro, dass er zu singen versteht. In die-\nsen Tagen wird die Opern-Gesellschaft des Herrn Röder drei Vor-\nstellungen, darunter Tannhäuser und Prophet, in Coblenz geben.\nAm 25. März wird Dorn's Oper „Die Nibelungen\" auf der\nHofbühne zu Berlin in Sccne gehen.\nDer Violinist Sivori hat in Genua in dem Concertc, welches\ndie Stadt dem Könige und der Königin von Sardinien gegeben, ge-\nspielt und von Sr. Majestät den Orden des heiligen Mauritius und\nLazarus erhalten. Er ist gegenwärtig in Marseille und will von\nda nach Spanien gehen."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "96", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540325-01.1.8", "texte": "In Zürich sollen sich fünf Lieder von Conrad in\nKreutzer lür vierstimmigen Männergesang, bisher ungedruckt, im\nOriginal-Manuscript vorgefunden haben.\nIn Brüssel ist die komische Oper Georgette, Musik von dem\njungen belgischen Componisten Gevaert, mit Beifall gegeben\nworden. Die Pianistin Rosa Kastner gibt daselbst sehr besuchte\nConcerte.\nl*aris. Am 17. d. Mts. fand die erste Vorstellung der neu in\nScene gesetzten „Vestalin\" von Spon t i n i Statt. Sophia Cru-\nvelli feierte besonders im zweiten Acte ihren Triumph. In der\nOpera comique wechseln „Der Stern des Nordens44 und „Die weisse\nDame\" ab und machen beide volle Häuser. Ein Hotel garni und\nein Magazin de Noiiveautes prangen bereits mit dem Schilde: „A\nl'Etoile du Nord.\" Das Ministerium hat eine Commission zur\nRevision des Reglements des Conseroatoire de Musique et de\nDeclamation ernannt.\nIn dem Concert von H. Herz wird die deutsche Sängerin Frau\nStcinmüller auftreten. Die italiänische Oper wird bis zum 15.\nMai spielen.\nBei dem Musikfeste zu Bordeaux am 11. März ist Beetho-\nven's siebente Sinfonie inA-dur und Berlioz's Carneval Romain\naufgeführt worden.\nV\nMan wird sich des Conflictes erinnern, den Johanna Wag-\nner 1852 in London zwischen Lumley und Gye, den Unterneh-\nmern der beiden grossen Theater, erregte. Lumley forderte darauf\nvon Gye eine Entschädigung von 750,000 Frcs.; er ist jetzt mit\nseiner Klage abgewiesen worden. Dass der Rechtsgang in London\nschnell sei, kann man eben nicht sagen'"}]}