{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-04-01-01", "volume": "bmtnabi_1854-04-01_01", "ocr_sha256": "a74739d6832d8552b73496d397c97ddcfc6ded177029884dfe85f6dee880045f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/04/01_01/bmtnabi_1854-04-01_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-01-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-01_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "97", "page_fin": "101", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.2.1", "titre_corps": "Ueber Musik-Literatur.", "titre_sommaire": "Ueber Musik-Literatur.", "signature_source": "K", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4016, "texte": "Ueber Musik-Literatur.\n\nSeit einigen Jahren haben sich in Deutschland Stim-\nmen erhoben, welche die Centralisation auch in Bezug auf\ndie Tonkunst bei uns schmerzlich vermisst und allerlei gut-\ngemeinte Vorschläge gemacht haben, wie diesem vermein-\nten Uebelstande abzuhelfen sei. Sogar praktische Versuche,\nwie der leipziger Gesammt-Tonkünstler-Verein im Jahre\n1848, tauchten auf, aber eben so schnell wieder unter.\nHübsche statistische Nachweisungen gab 11. W. Riehl im\nJahre 1852 in der augsb. Alig. Zeitung, wenngleich\nihn seine Quellen zuweilen irre geführt haben. Doch ver-\ndienen seine damaligen Aufsätze Berücksichtigung, da man\nähnliche Ansichten auch neuerdings bei Gelegenheit der\nAgitation lür Richard Wagner gern wieder geltend machen\nmöchte.\nDer Kern jener Behauptungen ist in dem Ergebniss\nausgesprochen: „Es gibt keine concentrirte Mu-\nsik-Literatur in Deutschland, keine allgemein\nanerkannte Autorität centralisirt die wissen-\nschaftlichen Ergebnisse der Tonkunst.\" —Da-\nvon müssen wir ein gut Theil zugestehen. Der undeutsche\nParticularismus zeigt sich also auch in der Musik ? Gewiss!\nwenngleich weder in seinen Quellen noch in seinen Fol-\ngerungen so gefährlich, wie ein Künstler befürchten möchte.\n„Es fehlt ein rechter Capital-Meister!\" Das\nist's! und damit ist genug geantwortet. Warum fehlt er?\nWarum macht Schumann so gut wie Mendelssohn (?) und\nandere ehrenwerthe Componisten nur „topographisch\"\nFurore? Wir thun die Gegenfrage: Warum hatten Mozart\nund Beethoven ein grösseres Gebiet ihres Wirkens? Gebt\nuns den weltbezwingenden Genius: das Volk wird ihn\nehren, wo er erscheint. Ist es denn so auffallend, dass\nin der Musik-Literatur die Concentration fehlt, die auch in\nder Architektur vermisst wird? Und höher hinauf: wo ist\ndenn ein Standard-book unserer politischen, unserer histo-\nrischen Literatur? Ich kenne keines und meine denn doch,\nhier hätten wir eher nach einem solchen zu fragen. Ist\neinmal dem Deutschen alle Concentration zuwider, was\nWunder, wenn die Musik ein gleiches Schicksal getroffen?\nLässt der Deutsche sich nicht gern imponiren durch aka-\ndemisch gestempelte Haupthähne und Bannerträger, so\nmag er es für ein Glück rechnen, dass ihm kein Berlioz\ngegeben ist.\nIch glaube aber, weder die Quellen noch die Folgerun-\ngen sind richtig, d. h.: die Quellen sagen nicht, und die\nFolgerungen beweisen nicht, was sie sollen. Ilaben wir\nkeine „d eu tsche Musik\" in den Schöpfungen der Gegen-\nwart, so ist das nur ein anderes Zeugniss für das, was wir\nbereits wissen, nämlich für die schlafen gegangene Produc-\ntionskraft aller Orten. Was hilft's, die undankbare Welt\nanklagen sie wird darum nicht dankbarer! Vor sechszig\nJahren, da der deutsche Geist im Flöhepunkte der Schöpfer-\nkraft stand, da war jedes Gedicht, jede neue Oper ein Er-\neigniss, das alle feurigen und zarten Seelen durchzitterte,\nund zwar ohne Verabredung, ohne Zeitungslärm, ohne lite-\nrarisch concentralificirte,enkomiastische Hymnologieen. Wenn\nnun heute bei Schumann, Mendelssohn, Gade und Wagner\nnicht dasselbe geschieht, wer trägt die Schuld? Schu-\nmann hat, wie witzig bemerkt worden, sein bestimmtes\n„Stromgebiet des Ruhmes\", ein ziemlich enges, wie sein\nGenius auch enge ist; denn nicht aus obstinatem Eigensinn\nloben die Einen und weigern die Anderen, sondern aus\nder ganz organisch psychologischen Ursache, dass er nur\nWenigen singt, was in ihrem Herzen klingt. Diese Weni-\ngen sind die scharfsinnigsten und geistreichsten aller Deut-\nschen (wie sie sich selber gern nennen Andere würden\nsagen: die rationalistisch-witzig-geschwätzigsten); denn be-\nkanntlich ist der Thüringer und Obersachse ein\ndisputax; ich glaube, die Frau, die den heiligen Petrus\nvon der Himmelsthür wegdisputirt, ist eine Thüringerin ge-\nwesen. Diese sonderliche Gabe ist neuerlich recht zu Tage\ngekommen; sie spiegelt sich ab in allen Zügen, von den\neitelen Gelüsten des obotritischen Pleiss-Atheners bis zur\ndresdener Revolution. Für solche mehr sinnige als sinnliche\nKaffeetrinker ist nun Robert Schumann ganz wie gemacht;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5415, "texte": "was Wunder, wenn ihn die gesunde Sinnlichkeit des Wie-\nners verabscheut?\nRiehl äusserte, dass jetzt weniger Orchester- und\nQuartett-Werke, überhaupt grosse Sachen von grossen\nBuchhandlungen unternommen werden, als vor fünfzig\nJahren*). Das ist unrichtig; jeder Katalog zeigt es. Von\nMozart's besten Werken hat lange keine Partitur existirt,\ndie Ilaydn'schen Quartette sind lange nach seinem Tode\nzuerst in gedruckten Partituren erschienen, dagegen seit\nzehn Jahren von Schumann und Meyerbeer und Mendels-\nsohn die meisten grösseren Werke in gedruckten Ciavier-\nAuszügen, Partituren und Einzelstimmen veröffentlicht sind,\nanderer geringerer Namen gar nicht zu gedenken, deren\nOpera leider jede Messe überschwemmen. Dass „keine\nGesammt-Ausgabe von Mozart\" existire, ist eine\nübertriebene Klage; denn Breitkopf und Härtel haben so-\nwohl die Opern als die Oratorien, Motetten, Sinfonieen,\nQuartetten und Clavier-Compositionen sämmtlich im Ver-\nlag. Sollte wirklich etwas an> der Gesammt-Ausgabe fehlen,\nso wäre das kein grösserer Mangel, als dass in Göthe's\nsämmtlichen Werken die grösseren Abhandlungen über\nMorphologie und Farbenlehre fehlen. Ob es aber der Lite-\nratur überhaupt förderlich sei, wenn wir recht viele Ge-\nsammt-Ausgaben besitzen, das wird die Nachwelt entschei-\nden. Mir wenigstens scheinen die Gesammt-Ausgaben von\nBörne's und Gutzkow's Werken eines der vielen Lei-\nden der Zeit, gleich Hebbel's und Geibel's Gedichten, und\nich zweifle sehr, ob dergleichen schreib- und druckseliger\nUeberlluss dem ganzen Volksleben so viel nachhaltigen Se-\ngen bringt, oder auch nur so tief eindringt, wie manches\nfliegende Blatt. Gleich den Liedern Luther's, die wie\nEichenblätter aus dem Walde über die Ebene saus'ten, so\nheimeln sich noch heute gar schöne neue Lieder ein und\nwirken tiefer als Gesammt-Ausgaben von Poeten, die gar\nnichts „Gesammles\" auszugeben haben. Würden z. B.\nSpeyer's Lieder in einer Gesammt-Ausgabe ihm und dem\nVolke, oder seinem Ruhme und der Kunst förderlicher sein,\nals seine lieblichen Flugblätter? Ich zweifle. Wir le-\nben nun einmal im wandernden Zeitalter, daher die Wan-\nderblätter mitziehen durch Dick und Dünn, und der beste\nGehalt der Literatur sich in Zeitschriften verflüchtigt; ich\nsage nicht, dass dieser Zustand durchaus gedeihlich sei,\naber er ist da, ist anzuerkennen, und wir machen ihn nicht\nbesser mit Klagen nach Maassgabe statistischer Schablonen.\nSollen wir uns aber vollends gar nach Autoritäten zu-\nrücksehnen, wie sie Riehl in dem gedachten Aufsatze z. B.\nin Mattheson aufstellt, was freilich seinen Beruf für der-\ngleichen Erörterungen geradezu fraglich macht? „Matthe-\nson, der Aesthetiker, der Fürst aller musicalischen\nSchriftsteller!\" heisst es da. Das ist mehr, als einer\nverdauen kann, der den Mattheson kennt; denn dieser\nseltene Vogel ist keineswegs unter die Fürsten zu rechnen,\nsondern war die lustige Person eines halben Jahrhunderts,\nein äusserüch glänzender angesehener Mann voll abgründ-\nlicher Eitelkeit, der die eine Hälfte seines Lebens in Opern-\nCompositionen und diplomatischen Geschäften, die andere\nin barbarischer Polemik, jenes Zeitalters würdig, erfüllt hat.\nWenige Züge werden dieses deutlich machen. Seine erste\nästhetisch-musicalische Schrift, 1713 erschienen, war von\nrein localem Interesse. Eine zweite von 1727 heisst: „ Der\nneue göttingischeEphorus\", und ist eine Streitschrift gegen\nden göttinger Musik-Professor Meyer. Nach einer derben\nEntgegnung folgte eine derbere Replik; der Streit spann\nsich fort und erreichte seinen Gipfelpunkt in Mattheson's\n„Musicalischem Patrioten\". Die ganze Reihe seiner\nästhetischen Schriften namhaft zu machen, würde zu nichts\nführen; keine einzige gibt das Recht, ihn einen ästhetischen\nFürsten zu nennen, da er vielmehr ein kleiner Trabant,\nein Tirailleur war voll Talent, Hochmuth und Galle. Der Gegen-\nstand aller jener Schriften war der Kampf gegen den Cho-\nral und für die moderne Temperatur und theatralische Auf-\nfassung des Kirchlichen, wie denn insbesondere eine Ab-\nhandlung Mattheson's die Aufschrift führt: „\nmundus exercethislrionem\", um zu zeigen, dass das Thea-\ntralische, wie überall, so auch in der Kirche seine Stelle\nhaben müsse. Keine seiner Schriften ist systematisch, oder\npositiv, oder im grossen Sinne wissenschaftlich; wer sie\n\n*) Nebenbei gefragt: Welcher französische Buchhändler hat denn\nin der Stadt der Centralität und des Ruhmes eine Gesammt-\nAusgabe von Mehul, Isouard, Goudinel, d'Aleyrac, Gluck,\nBoieldieu u. A. bisher gewagt? Sind die Deutschen\nhier zu schelten? Die erste Gesammt-Ausgabe von Voltaire\nist nicht in Frankreich erschienen, sondern in Berlin. Ucber-\nhaupt gibt es wenige grössere Verlags-Untcrnehrnungen in\nFrankreich, die ein einzelner Privat-Buchhändler auf sich\nnähme, ohne Zuschuss der „Providence visiblewie\nsie ihre irdische Regierung zu nennen belieben. So alle\nWerke des Conservatoire, so die neue grosse Ausgabe der\nKirchenväter. Der Titel sagt: Paris, imprimerie royale, im-\nprimerie de VAcademie fr. u. s. w. Solche Bachhändler, wie\nCotta, Brockhaus, Breitkopf und Reimer haben die\nFranzosen nicht; der letzte der französischen gehört ins\nalte Regime: Treuttcl und Würz, die deutsche Firma\nin Strassburg. Kein französischer Buchhändler seit sechszig\nJahren hat ein Werk allein auf sich genommen, wie Grimm's\nGrammatik, Ritter's Geographie, Gruber's Encyklopädie. Son-\nderbare Wirkung der Cenlralisation für Statistiker be-\nachtenswerth!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5219, "texte": "heute läse, würde sie nur als Rarität oder nr.it Ekel be-\ntrachten können. Mattheson's Verdienste sind rein augen-\nblickliche, persönliche gewesen; und wenn wir ihm zu Ehren\nrechnen, dass der 83jährige Greis seiner Vaterstadt 40,000\nMark vermachte zur Erbauung einer Orgel, die noch jetzt\n(in der hamburger Michaeliskirche) seinen Namen verkün-\ndet, so wollen wir darüber nicht vergessen, dass dieses\neitelste aller Menschenkinder sich einbildete, ja, es öffent-\nlich aussprach und drucken liess, Händel wäre nichts ge-\nworden ohne ihn; denn er, Mattheson!! habe ihn erst\ngelehrt, was Melodie sei!\nIrrthümlich wird auch behauptet, dass eben dieser de-\ncentrale Zustand der deutschen Musik-Literatur einzig in\nseiner Art wäre. Zwar ist der Franzose gewohnt, alles,\nwas Paris vorbetet, nachzuschwatzen; aber dennoch ist die\nAutorität Berlioz', schon ehe er die berühmte Ohrfeige\nvor der versammelten Akademie bekam, längst erschüttert,\nselbst im Heimatlande des Ruhmes; und Fetis ist seit\ndem vergeblichen Experimente, durch nepotistische Enko-\nmiastik eine namhafte Schule zu begründen, in so ärger-\nliche Plagiat-Processe verwickelt, dass er selbst dem auto-\nritätssüchtigen Franzosen keinen Anker mehr bietet. Sein\nStern sank, als ihm von deutscher Wissenschaft nachge-\nwiesen ward, dass er nichts wisse und sein berühmter Erst-\ngeborener Lern mens noch weniger; den Franzosen ward\ndiese betrübende Nachricht kund durch die brüsseler\nzette Musicale,genannt Diapason.So ist denn der Pariser\nallerdings seit einiger Zeit in Verlegenheit um eine dau-\nernde musicalische Autorität, und muss sich begnügen, in\nden Concerten des Conservatoire gute deutsche Musik zu\nhören, die letzte Autorität, der er noch heute glaubt.\nRecht innig müssen auch wir beklagen, dass der hohe\nGenius des greisen Sebastian Bach an die Knechtesarbeit\ngebunden war, sein letztes Werk selber in Kupfer zu\nstechen und dabei zu erblinden. Dalür aber klagen wir\nnicht jene Zeit an, sondern erkennen darin nur die tragische\nMitgift des echten Genius in allen Zeiten, das irdische Ge-\ngengewicht gegen die überirdischen Wonnen, die den Hoch-\nbegabten vor allen Menschen zufallen. Wer Beethoven's\nTaubheit bedauert, thut recht und menschlich daran; aber\ner vergesse nicht, dass dem tauben Meister himmlische\nHarmonieen geklungen, wie sie kein Hörender ge-\nahnt. Ganz verkehrt ist es aber, solche Ungerechtig-\nkeit der Zeit, die in jedem „Künstlers Erdenwallen\" sich\nereignen muss, ausschliesslich dem deutschen Volke\nnachzusagen, wie denn Niemand bereitwilliger ist, auf den\nDeutschen zu schimpfen, als eben der Deutsche; auch F u 1-\nton, der Erfinder der Dampfschiffe, ist in der glücklichen\nRepublik.America am Lebensende verarmt und Hungers\ngestorben, Goldsmith in England (vor hundert Jahren)\ndessgleichen. Dieses ist weder die Schuld des Künstlers\nnoch der Menschheit, sondern die Folge des tragischen\nConflictes, den das wahrhaft Neue jederzeit in der alten\nPhilisterwelt durchleben muss; die vorhandene Welt wird\ndurch den Genius erst geweckt zu neuen Anschauungen,\ndarum kann sie, von neuem Lichte geblendet, ihn nicht so-\ngleich erkennen. Könnte sie das, so wäre sie selbst der Ge-\nnius und keine Genie's mehr nöthig; die schon jetzt küm-\nmerlich gesäet sind, würden dann gänzlich aussterben.\nDiese Wahrheit ist bereits so trivial geworden, dass\n• • «\nauch leere Köpfe sie benutzen, um ihr Misslingen bei der\nWelt mit einer hungernden Märtyrerkrone zu umkränzen,\nauch wenn sie gar nichts tragisch Neues in die Welt ge-\nbracht. Richard Wagner donnert aus der Schweiz\nseine Philippiken gegen die Philisterwelt, die er seit den\ndresdener Barricaden noch gründlicher hasst, als zuvor. Er\nist nicht ohne Begabung, seine Jugendwerke zeigen einen\nstürmischen, vordringenden Geist, aber ein Schöpferisch-\nNeues eben so wenig, als Rob. Schumann's Reflexions-\nPoesie. Wagner's ästhetische Schriften sind durchaus nega-\ntiv, kaum in höherem Sinne polemisch zu nennen; ein lang-\ngedehntes Lamento über die „niederträchtigen deutschen\nBühnen-Zustände, auf denen nun einmal unmöglich etwas\nGutes gedeihen könne,\" etc. So recht. „Wenn der Schwan\nnicht schwimmen kann, hat's Wasser Schuld!\" —Sonder-\nbar! Warum hat Shakespeare niemals über das armselige\nBrettergerüst seines Zeitalters geschimpft, sondern nur\nsimple Gedichte geschrieben, aber so stark, dass das Gerüst\nknackte? Die moderne Krankheit, die Flöte zu schelten,\nwo man nicht pfeifen kann, war zu Shakespeare's und Seb.\nBach's Zeiten noch nicht erfunden. Sonderbar, dass wir aus\njenen Zeiten doch so gewaltige Kunstwerke besitzen. Jene\neinfältigen Dichter trieben weiter nichts, als ihr Handwerk,\nund hatten nicht Zeit, darüber zu schreiben; ungeachtet\ndies nun leider so war, und trotz des Mangels al-\nler centralen Autoritäten (in der dramatischen und\nmusicalischen Literatur) wurden nicht bloss ihre Namen,\nsondern sogar ihre Werke berühmt. Unsere geistreichen\n„Bruder Leipzigers\" dagegen, die sich unter Fr. Bren-\nde l's Schirm verschworen haben, eine centrale Autorität\nper fas et nefas zu begründen, und die eben heute lür die-\nsen löblichen Zweck entsetzlich agitiren und rasaunen\nwas haben sie denn nun ausgewirkt? Kein Mensch erkennt\nihre Autorität an, und die Ritter vom Geiste der Zukunft"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5231, "texte": "(Rieh. Wagner, Fr. Brendel u. A.) zehren an ihrem eige-\nnen Ruhme so lange, bis das Capital alle geworden, und\nman auf ihren Gräbern die Ciceronische Inschrift lesen wird:\nnosti (Hortensium) .... quendam, nec ineo judicio\nstultum, et suo omnium longe sapientissimum.\nDieses darf man in Leipzig das sich selber für die\nCentrai-Sonne deutscher Musik und Literatur hält kaum\nöffentlich sagen, ohne gesteinigt zu werden.\nWie wir aus dem einzigen Shakespeare ein Jahrhun-\ndert erkennen, wie aus Schiller's und Göthe's Werken eine\ngenügende Anschauung des deutschen Lebens und Bil-\ndungskreises ihrer Zeit entnommen werden kann, so müs-\nsen wir auch Herrn Riehl gegenüber die Behauptung fest-\nhalten, dass es für die Anschauung „eines abgerundeten\nBildes\" vollkommen genügt, die Werke von Händel, Bach,\nMozart, Haydn und Beethoven dem Publicum vorzuführen;\nwas darüber ist, möge den individuellen Bedürfnissen enge-\nrer Kreise überlassen bleiben, die historische Uebersicht\naber dem Künstler, dem Fach-Menschen. Dass wir doch\nnicht von unseren encjklopädischen Grillen lassen können!\nIst es denn wirklich nothwendig, dass einer, um ein gebil-\ndeter Deutscher zu sein, ausser Göthe und Schiller auch\nnoch Opitz, Haller, Klopstock, Lessing, Geliert, Garve,\nSpindler und Kotzebue kenne? So fordern dann die anti-\nquarischen Germanisten mit noch weit grösserem Rechte,\ndass ein wohlgeborener Deutscher mindestens den Ulfilas,\nOtfried, Walter, Wolfram, Gottfried, Fischart und Hans\nSachs durchackert habe! Es fehlt uns offenbar noch ein\nNachtrag zum Maturitäts-Prüfungs-Gesetze, worin jene For-\nderungen in Bezug auf Musik und Literatur gründlich for-\nmalisirt werden; dann kommen aber die Maler und Archi-\ntekten und fordern auch ihr Theil mit Grazie\nF. L. Jahn stellte im Jahre 1817, da sein Büchlein\nüber „Deutsches Volksthum\" zuerst erschien, einen Kata-\nlog auf von Büchern, „die noch müssten geschrieben wer-\nden\". Dieselbe Grille hatten die Literar-Historiker des vo-\nrigen Jahrhunderts; da mussten alle Fächer, deren Fach-\nwerk aus der herkömmlichen altclassischen Literatur be-\nkannt war, absolut ausgefüllt werden. Elias Schlegel\nentdeckte, dass es unserer Literatur gar bedenklich an einem\nkomischen Epos fehle und siehe da, als die Unent-\nbehrlichkeit eines solchen genugsam demonstrirt war, flugs\nfand sich der Braunschweiger Z a c h a r i ä, um diesem drin-\ngenden Bedürfnisse abzuhelfen. Die Literatur war gerettet;\nder „Phaeton\" ward zehn Jahre lang gelesen und dann\n- vergessen. So wird es allen Büchern ergehen, die\nvon dem Einen bestellt, vom Anderen gemacht werden;\nerst wird einem „dringenden Bedürfnisse abgeholfen\", und\ndann kommt's in die Repositorien.\nEs ist wahr, „Dilettanten schreiben, und Künstler le-\nsen's nicht\"; dieser Uebelstand ist nirgends verbreiteter, als\nin der Musik-Literatur. Die Ursache liegt wohl da, wo die\nallgemeine politische und philosophische Schreiberei ihren\nGrund hat. Zu allen übrigen Dingen muss man specifische\nKenntniss des Technischen mit saurem Schweiss erwerben,\nund Niemand wird sich erkühnen, über Jurisprudenz und\nArchitektur zu schreiben, der nichts davon versteht; der\nStoff ist zu mächtig, er ist überwiegend. Dagegen über\nStaat, Geist, Ton, Gedanken meint Jeder, wie er geht und\nsteht, ein Urtheil zu haben Hegel's alte Klage! aber ein\nUebelstand, der ganz natürlich entsteht, wo von stoff- und\nkörperlosen Dingen, die aller Menschen Eigenthum sind, die\nRede ist. Dass es auch hier besonderer Lehre und Erleb-\nnisse bedarf, will der natürlichen Einfalt nicht einleuchten.\nDessen ungeachtet ist die stille, tiefe Wirkung der Musik,\nwie des Christenthums und aller geheim geistigen Gebiete\neine unglaublich gewaltige, trotz der ungenügenden Litera-\ntur. Auch ist sie nicht allen Historikern gänzlich verbor-\ngen geblieben. Droysen hat in seinem trefflichen Ge-\nschichtswerke über die Freiheitskriege allerdings die Ent-\nwicklungsstufen der Musik als wesentlich mitwirkende Mo-\nmente der gesammten Geistes-Entwicklung sehr glücklich\ndargestellt.\nUnseren unleidlichen Musik-Zuständen abzuhelfen, ist\nschwerlich ein literarisches Hausmittel *) geeignet, sondern\ndie lebendige Uebung und mögliche Verbreitung guter\nKunstwerke. Dass l ier die Gewissenlosigkeit der Directoren\ndie Hauptschuld trägt, mehr noch das jämmerliche Getreibe\nder Virtuosen, ist schmerzlich bekannt. Abhelfen kann hier,\nausser der stillen Wirkung der Zeit, die das Schlechte\nlangsam, doch sicher ausscheidet (wer kennt denn heute\neine Oper von Mattheson? über Händel, seinen „ S c h ü-\nler\" I! sind die alle vergessen!) helfen kann nichts,\nals gründliche, liebevolle Lehre. Und desshalb haben wir\noft schon den Wunsch ausgesprochen, es möge nur ein\nkleiner Theil von dem Ueberflusse, der auf unzüchtige und\n\n*) Natürlich, dass wir auch die eigentlich literarische\nWirkung nicht verschmähen; nur wollen wir sie nicht par\nordonnance, nicht mit der Plumpkeule gefordert. Auch möch-\nten wir rathen, die wirklich schon vorhandenen Standard-\nbooks sorgfaltig zu studiren; nächst den tiefsinnigen Winter-\nfeld'sehen (nicht Gabrieli ist sein Hauptwerk, sondern der\n„Evangelische Ki rche ng esang'*) auch die besseren von\nA. B. Marx, zu dessen wackerer Compositions-Lehre\nnächstens die Musik-Wissenschaft kommen wird."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 448, "texte": "unkünstlerische Bailetsprünge vergeudet wird, zur Errich-\ntung einer Hochschule der Tonkunst angewandt\nwerden, die das Technische auf Wissenschaft und Geschichte\ngründete, die Wissenschaft aber wahrhaft ins Technische,\nd. h. ins Leben einführte. Dann würde manchen Klagen\nzu helfen sein, die nöthige Centralisation sich von selbst\nfinden, nicht auf gut Französisch das Geistesleben zu läh-\nmen, sondern um es zu erkräftigen zu fruchtbarer That.\n\nK."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-01-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-01_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "101", "page_fin": "103", "image_debut": 5, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.2.2", "titre_corps": "Pariser Briefe.", "titre_sommaire": "Pariser Briefe.", "signature_source": "B. 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Wenn das hier gelingen soll, so muss dabei\nauch für Abwechselung, für eine gewisse Mannigfaltigkeit\ngesorgt werden, und desshalb ist es den Unternehmern zu\nverzeihen, wenn sie mitunter noch einzelne Stücke aus\neinem Werke von mehreren Sätzen geben, was indess nach\nund nach immer seltener und nur noch bei Clavier-Musik\ngeschieht. Im Ganzen sind die Programme gut gewählt,\nkeineswegs monoton, und könnten manchen ähnlichen Cir-\nkeln in Deutschland zum Muster dienen.\nIn Alard's dritter Sitzung z. B. hörten wir Beethoven's\nClavier-Trio in D, Op. 70, Franz Schubert's Violin-Quar-\ntett in A-moll, F. Hiller's Trio-Serenade für Ciavier u. s. w.\nin sechs kleinen allerliebsten Sätzen, und Beethoven's Vio-\nlin-Trio in G-dur. Der vortreffliche Vortrag der Clavier-\nsachen durch Hiller selbst verlieh dieser Sitzung noch ein\nganz besonderes Interesse. Die nächste brachte ein Clavier-\nTrio in A von Havdn, das Violin-Quartett in D-moll von\n«J\nMozart, die A-dur-SomiQ für Piano und Violoncello von\nBeethoven und dessen Streich-Quintett in C-dur\nBei Maurin hörten wir in der zweiten Versammlung\nC. M. von Weber's Clavier-Quartett, das Adagio und Finale\naus der F-moll-Sonate, Op. 57, das neunte Violin-Quar-\ntett in C von Beethoven und dann das grosse dreizehnte\nin B-dur in sechs Sätzen. In der dritten Sitzung Beetho-\nven's Clavier-Trio mEs-dur,Op. 70, Mozart's Violin-Quin-\ntett in B-dur,Beethoven's Sonate für Piano und Violon-\ncell, Op. 102, und dessen grosses Quartett in Cis-moll,\nOp. 131. In der letzten das Clavier-Quartett in von\nMozart, das Violin-Quartett in Nr. 1 7, von Beethoven,\ndessen Sonate, Op. 31, und dessen Quartett in E-mail,\nNr. 8.—Man sieht, dass der Maurin'sche Cirkel (Pianistin\nDemoiselle Mattmann, Cellist Herr Chevillard) das Höchste\nanstrebt, nämlich das Publicum empfänglich für die letzten\nBeethoven'schen Compositionen zu machen, und in der\nThat nimmt die Theilnahme mit jeder Sitzung zu. Es findet\nsich dort eine Auswahl von Musikfreunden ein, für welche\ndiese Sitzungen, welche gegenwärtig wohl einzig in ihrer\nArt in Europa sein dürften, wahre musicalische Feste sind.\nWrie würde sich Baillot wundern, der ehemalige erste Be-\ngründer von Quartett-Unterhaltungen in Paris, wenn er\nplötzlich erwachte und so ein Opus 131 oder 132 von\nBeethoven vor einem athemlos stillen Publicum aufführen\nhörte! Aber würde er auch in Hinsicht auf Fülle und\nMacht des Tones seine und Kreutzens und Rode's Schule\nüberholt oder überhaupt nur wieder finden?\nUnter den übrigen zahlreichen Auditionen von Kam-\nmermusik ist die Soiree von Ferdinand Hiller hervor-\nzuheben, in welcher sich am 21. vorigen Monats eine ein-\ngeladene Gesellschaft von allem, was Paris an bedeutenden\nKünstlern und Kunstfreunden zählt, Rendezvous gegeben\nhatte. Der berühmte Meister führte nur eigene Compo-\nsitionen vor, und zwar zum grössten Theil neue, welche\nsämmtlich, jedoch die oben schon erwähnte Trio-Serenade\nund die Duetten für Piano und Violine vorzugsweise, mit\ngrossem Beifall aufgenommen wurden. Er schloss mit einer\nfreien Phantasie, und in dieser Kunstleistung hat er hier in\nParis, und ich glaub? auch in Deutschland, keinen Neben-\nbuhler. Wie unendlich Vieles in unserer heutigen Musik\nist nicht gemacht! wie riecht es nach der Lampe und nach\nder Schule! Am Schreibtische gibt es hunderterlei Hülfs-\nmittel und Richtscheite und Schablonen aber am Flü-\ngel, wo es heisst: Hic Rhodus, hic sedta! da zeigt es sich,\nob Musik, ob musicalische Anschauung der Welt, oder\nUebersetzung des Angeschauten und Erlebten in Musik\ndem Künstler gegeben ist. Aber freilich gehört das seltene\nTalent der sicheren Orientirung in den harmonischen, auch\nnoch so verstrickendsten Windungen dazu und die eben so\nseltene Fähigkeit, dass die Mechanik der Finger jedem, wenn\nauch kühnen, Gedanken in der Ausführung gehorsam sei.\nVon der italiänischen Oper kann man nichts Anderes\nsagen, als: „Das liebe heil'ge römische Reich, wie hält's"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5202, "texte": "nur noch zusammen?\" Der Grundsatz des Obristen Ra-\ngani, des jetzigen Directors, keinen Sänger anzustellen, oder,\nwenn auch angestellt, zum Auftreten kommen zu lassen,\nder nicht ein Patent dreissigjähriger Dienstzeit aufzuweisen\nhat, trägt seine Früchte. Die Frauenstimmen haben, wie\nder Moselwein, wenn er alt wird, das Bouquet verloren,\nund an dem Metall der Männerstimmen nagt der Rost.\nDas Publicum dieses Hauses ist auch alt, es frischt sich\nnicht auf durch Vermischung mit dem jüngeren Geschlechte.\nDer letzte Rest von Leidenschaft, der ihm noch geblieben,\nist für Fermaten und Variationen ad libitum; für die Aus-\nsicht auf eine Cadenz am Ende des Abends lässt es sich\ngeduldig bis dahin langweilen. Und die Helden und Heldin-\nnen mit den verwelkten Lorbern da droben auf den Bret-\ntern, wie verfahren sie mit der Musik! Es ist ein Scandal,\nwie jedes Ensemblestück misshandelt wird. Die diesjährige\nAufführung des Don Juan zeigte das wieder einmal\nrecht grell.\nTamburini macht durch, seine musicalische Bildung und\ndie lange Theater-Routine seinen Don Juan dennoch höch-\nstens nur erträglich; denn von Stimme kann eigentlich nicht\nmehr die Rede sein, und es istspasshaft, zu lesen, wie sich\ndie Kritik windet und dreht, um nicht die Wahrheit zu\nsagen. Die Frezzolini hat nicht eine Spur mehr von der\nKraft und dem Feuer, welches eine Donna Anna verlangt,\nund ihre Freunde entschuldigen sie mit nichts Geringerem,\nals mit ■— Mozart's übertriebenen Forderungen, der diese\nRolle nur für einen weiblichen Titanen geschrieben habe.\nDie drei Bässe, Dalle Aste (Leporello), Susini (Comthur),\nFortini (Masetto), können nicht genügen. Leporello ist un-\nsicher und hat es noch bei Weitem nicht zu der Festigkeit\nund Freiheit gebracht, welche seine Partie verlangt; Ma-\nsetto schien den Charakter mit Zerlinchen getauscht zu\nhaben: der störrische Bauer sang stets sehr weichlich und\nglatt, wie ein Stutzer mit weisser Halsbinde und Glace-\nHandschuhen. Und Zerlinchen? In Deutschland würde man\nbei dem Hereinhüpfen einer so kolossalen Maschine, wie\ndie Alboni, über diese Travestie gelacht haben; hier ist\nman artiger und rief die Arie: in welcher\ndie berühmte Sängerin eine ellenlange Cadenz zum Schluss\nmachte, da capo! Dass sie das As im Cabinette (im ersten\nFinale) gar nicht brachte, was thut das? Zwar beruht auf\ndiesem 'J one der plötzliche Wechsel der Tonart, des Tempo,\nder Handlung aber, mein Gott! man kann ja keinen\nApplaus damit erzielen; was soll eine Alboni also mit die-\nser Mozart'schen Grille? Und nun vollends die Ensem-\nbles! Gleich bei dem Terzett in der Sterbescene des Com-\nthurs konnte man wissen, was man für diese zu erwarten\nhatte. Wäre es überhaupt möglich, den Don Juan unter\ndie Erde zu bringen, man könnte keine besseren Todten-\ngräber finden, als die jetzigen Italiäner in Paris.\nIn der grossen Oper war die Wieder-Aufnahme der\n„Vestalin\" ein jedenfalls bedeutendes Ereigniss. Dem\nbei Weitem grössten Theile des jetzigen Geschlechtes ist\ndas Werk unbekannt; einige Bruchstücke, welche dieCon-\nservatoire-Concerte dann und wann zu Gehör brachten,\ndienten höchstens dazu, an die Wahrheit der Tradition zu\nerinnern, dass vor vierzig bis fünfzig Jahren einmal ein\ngrosser Componist, Namens Spontini, in Paris den ersten\nRang unter den Tonkünstlern eingenommen habe. Was ich\nim Voraus befürchtet hatte, ist eingetroffen: das Heute muss\nsich vor dem Ehemals schämen. Das Orchester, der Chor\nund ein Theil der Sänger und vor Allem das Publicum\nkonnten sich nicht zurecht finden in dieser dramatischen\nMusik grossartigen Stils, und ich sage nicht zu viel, wenn\nich behaupte, dass ohne Sophie Cruvelli das Meisterwerk\nwahrscheinlich keine weiteren Wiederholungen erlebt haben\nwürde. Das zeigt deutlicher als alles kritische Raisonnement,\nwie sehr das Opern-Publicum durch die Spectakel- und\nDecorations-Oper der neueren Componisten verdorben und\nwie sehr die Künstler eben dadurch demoralisirt worden\nsind, indem sie, theilnahm- und empfindungslos für jenen\nerhabenen Stil, trotz aller Fortschritte der Technik nicht\nim Stande sind, ihn richtig aufzufassen und wiederzugeben.\nUnd das Publicum? Es offenbarte die Folgen seiner musi-\ncalischen Erziehung durch Auber, Halevy und vor Allen\ndurch Meyerbeer. An Uebertreibung und Ausschweifung\naller Art gewohnt, hat es den Sinn für wahrhaft drama-\ntische Musik verloren; Spontini's Stil ist ihm zu einfach,\nSpontini's Orchester (Hört! hört!) ist ihm zu farblos, zu\nmatt! Du wirst mir vielleicht vorwerfen, dass ich mir selbst\nwiderspreche, da ich im Anfange meines Briefes geäussert\nhabe, der Sinn für gehaltvolle Musik habe hier zugenom-\nmen. Allein das Concert-Publicum und das Theater-Publi-\ncum sind nicht ein und dasselbe; meine obige Bemerkung\nbezieht sich auf das erstere, und dieses bildet in dem gros-\nsen Opernhause nur einen sehr kleinen Theil der Zuhörer-\nschaft. Wäre die Vestalin eine neue Oper (sie war es übri-\ngens für die grösste Zahl der Zuhörer), so könnte man über\nihre Aufnahme bei der ersten Vorstellung von nichts An-\nderem sprechen, als von einem nur der\nzweite Act erregte eine Art von Enthusiasmus aber\nselbst diesem merkte der erfahrene Beobachter an, dass\ndas Publicum eigentlich seiner Sache nicht ganz gewiss"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4906, "texte": "War, dass es sich von seinem Urtheile keine Rechenschaft\nzu geben wusste\nMenge kalt. Man erzählt mir, dass sich das Verständniss in\nden beiden folgenden Vorstellungen, in denen ich nicht war,\nmehr Bahn gebrochen, dass sich die Masse allmählich von\nihrer Verwunderung erholt und diese sich grösstenteils in\nBewunderung umgewandelt habe. Nun, wir werden es er-\nleben, ob etwas Wahres daran ist. Gefüllt ist das Haus\nallerdings auch in den folgenden Aufführungen gewesen;\nob aber Spontini oder die Cruvelii mehr gezogen hat,\ndürfte nicht schwer zu entscheiden sein.\nZu einiger Entschuldigung des Publicums dient freilich\ndie höchst mangelhafte Ausführung. Das Orchester und sein\nHaupt, Herr Girard, trugen die grösste Schuld daran; von\nrichtiger Auffassung, vom Eindringen in den Geist der Spon-\ntini'schen Musik war nicht entfernt die Rede. Die Tempi\nwurden meist vergriffen, entweder zu langsam oder zu\nschnell genommen, kurz, es fehlte an allem Verständniss\nder Composition. Das Orchester spielte wie in halbem\nSchlafe; da war keine Tiefe des Getühls bei den Stellen,\nwo einzelne Instrumente neben der Gesangstimme so be-\ndeutungsvolle Momente haben, und überhaupt kein Glanz,\nkein Feuer, keine Leidenschaft, Alles fahl und blass, ohne\nnuancirtes Colorit, mit Einem Worte: schlecht.\nWährend es unten vor den Brettern so schlimm aus-\nsah, waren oben auf denselben eigentlich auch nur zwei\nPersonen der schwierigen Aufgabe ganz gewachsen, näm-\nlich Sophie Cruvelii (Julie) und Bonnehee (Cinna).\nOb Roger den Licinius nicht zur vollen Geltung bringen\nkonnte oder wollte, mag ich nicht entscheiden; auffallend\nwar es jedenfalls, dass er sich lange weigerte, die Partie\nzu übernehmen, und sich erst auf die Bitte von Spontini's\nWitwe, geb. Erard, deren Brief an ihn sogar in öffentlichen\nBlättern abgedruckt worden ist, dazu entschloss. Dass er\neinzelne schöne Momente hatte, ist bei einem Künstler wie\ner ganz natürlich; aus dem Ganzen leuchtete aber nicht\nein lebendiges Interesse für die Rolle hervor. Allerdings\nliegt ihm auch die Partie etwas tief. Der Ober-Vestalin\n(Dlle. Poinsot) fehlte es an Ton in der Tiefe und an Kraft\nüberhaupt; der Oberpriester (Obin) war gut, aber keines-\nwegs ausgezeichnet. Die Chöre liessen viel zu wünschen\nübrig; der Tanz im ersten Acte war viel zu lang, und statt\nder charakteristischen Ballet-Musik Spontini's, zu welcher\nfreilich nur ein ebenfalls charakteristischer antiker Tanz,\nnicht aber die, wenn auch noch so reizenden, Pas der De-\nmoiselle Priora passen, hatte man gar eine dem Werke\nganz fremde Tanzmusik eingeschoben!\nSo blieb denn hauptsächlich nur die Cruvelii vollkom-\nmen ebenbürtig dem Andenken Spontini's. Schwerlich ist\nje eine schönere Julia in diesem Drama der Liebe und Lei-\ndenschaft erschienen, als sie; schön war sie im ersten Acte\nmit dem schon halb gebrochenen, der Hoffnung abgestor-\nbenen Herzen (ich begreife die Kritik einiger hiesigen Blät-\nter nicht, welclie ihre Erscheinung im Anfange zu nieder-\ngedrückt und zu gebeugt finden, und ihr rathen, etwas\n„heiterer\" und muthiger zu sein!) wunderschön im\nzweiten Acte in ihren antiken Stellungen am Altare, von\ndem Schimmer des heiligen Feuers beleuchtet, hinreissend\nschön in der Erwartung des Geliebten, in dem furchtbaren\nWachsen der Leidenschaft und in dem Entzücken des Hin-\ngebens, und gross und alle Sympathieen zu ihr hinziehend\nin dem Abschied vom Leben und dem Opfer für den Ge-\nliebten. Sophie Cruvelii ist nicht eine dramatische Sängerin,\nsie ist eine tragische Schauspielerin, welche sich den Ge-\nsang dienstbar gemacht hat, um jedes Pathos, was die\nmenschliche Seele bewegt, in der zum Höchsten idealisir-\nten Sprache, in der Sprache der Musik, auszudrücken.\nWarum aber bleibt sie nicht immer auf dieser Höhe\nder Kunst? Warum steigt sie in einzelnen Augenblicken\nbis zum Missbrauch ihrer schönen Mittel davon herab und\nbis zur Vernachlässigung aller Achtung vor dem bestimmt\nausgesprochenen Willen des Componisten? Je grösser ihr\nTalent und ihre Kraft ist, desto unverzeihlicher sind solche\nSünden gegen den Geist des Tondichters. Wie ist es mög-\nlich, dass eine Künstlerin, deren Auffassung und Darstellung\nund Gesang im Ganzen zur Begeisterung für sie hinreissen,\nan einzelnen Stellen der widerlichen Manier italiänischer\nParadesänger fröhnen kann? Was soll das übermässige\nAushalten eines Tones als Fermate, wo keine Fermate ist?\nWie ist der Zusatz von hohen Tönen, z. B. des dreigestri-\nchenen c, und dagegen an anderer Stelle (im Duett mit Li-\ncinius) das Weglassen des b, das ja doch tiefer liegt, zu\nrechtfertigen? Und klingt am Schlüsse der Preghiera in\nFis-moll, bei deren seelenvollem Vortrage nur wenige Au-\ngen trocken blieben, auf die Worte „Je vais mourir\" die\nCadenz mit Läufer und Triller nicht wie ein teuflisches\nHohngelächter, das am Triumphe der Eitelkeit seine Freude\nhat? Warum bleibt die wundervoll begabte Künstlerin\nnicht deutsch?\nDen 22. März 1854.\n\nB. P."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-01-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-01_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.2.3", "titre_corps": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "titre_sommaire": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln im Casinosaale.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2853, "texte": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 28. März.\nDen Anfang machte eine Concert - Ouve rture von Max\nBruch, dem jungen Stipendiaten der Mozart-Stiftung in Frankfurt,\nein Werk, welches sowohl die Entscheidung des Vorstandes dieser\nStiftung rechtfertigt, als die Fortschritte erfreulich bekundet, w elche\nder talentvolle, kaum sechszehnjährige Componist unter der Leitung\nseines gegenwärtigen Lehrers F. Hiller gemacht hat.\nFräulein Agnes Büry, ein uns wohl bekannter und stets will-\nkommener Gast, trug die erste Arie der Königin der Nacht aus\nder Zauberflöte vor. Für das Andante hat die Stimme nicht ganz\ndie nöthige Fülle und Weichheit, das Allegro zeigte die bedeutende\nHöhe eines echten Soprans und eine grosse technische Fertigkeit\nin schönem Glänze. Ausserdem sang sie noch eine Arie von He-\nrold aus der Oper „Der Zweikampf\" eine etwas flache Compo-\nsition, in welcher das Violin-Solo in der Einleitung, vom Conccrt-\nmeistcr Hartmann vortrefflich gespielt, noch das Beste ist, und be-\nwährte auch hier ihre schätzcnswerthcn Eigenschaften.\nF. II iiier liess uns eine neue Composition, ein Pater noster\nfür zwei Chöre ohne Instrumental-Begleitung, hören, welches mit\nreiner und fester Intonation sehr ausdrucksvoll gesungen wurde und\ndurch seinen einfachen melodiösen Stil mit Recht allgemeinen Bei-\nfall erhielt.\nEine glänzende und indem Mittelsatzc sehr zart und duftig ge-\nhaltene Ausführung der grossartigen Ouvertüre zur Euryanthe von\nWeber beschloss die erste Abtheilung.\nDie zweite nahm die neunte Sinfonie von Beethoven\nein, welche in Köln zur Freude aller Kunstfreunde einen stehen-\nden Platz auf dem Concerl-Repcrtoire hat. Das Orchester bewährte\nunter Hiller's Leitung besonders in den drei ersten Sätzen eine\nMeisterschaft, die um so höher zu schätzen ist, als dasselbe der\nzusammenhaltenden äusseren Bedingungen entbehrt, welche die\nVerschmelzung von besoldeten Capellen zu einem Ganzen anders-\nwo begünstigen. Die Chöre haben wir indess hier schon frischer\nund schwunghafter gehört, namentlich im Sopran. Im Solo-Quartett\nwaren die Kräfte, was das Material der Stimmen betrifft, zu un-\ngleich, doch entschädigte dafür die Reinheit und Präcision. Im\nGanzen war auch dieses Concert wiederum ein Beweis, dass die\nvereinigten musicalischen Kräfte Kölns selbst mit wenigen Proben\nstets im Stande sind, das Riesenwerk Beethoven's so aufzuführen,\nwie man es wohl nirgendwo anders jetzt besser hören kann. Leider\nmussten wegen Beschränktheit des Raumes auch dieses Mal von\nden herbeigeströmten auswärtigen Kunstfreunden, wiewohl 80 Frem-\ndenkarten ausgegeben wurden, wieder viele zurückgewiesen werden.\nDem Vernehmen nach wird die Concert-Gesellschaft noch ein\nConcert am Palmsonntage hoffentlich auf dem Gürzenich-Saale\nveranstalten, in welchem Mozart's Requiem und Beethoven's\nEroica zur Aufführung kommen sollen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-01-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-01_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-04-01_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "104", "page_fin": "104", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.8", "debut_caractere": 2855, "fin_caractere_exclue": 6335, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHloßiit* Das fünfte Abonnements-Concert begann mit einer be-\nfriedigenden Ausführung der Ouvertüre zu Anakreon von Cheru-\nbini; Beethoven's Leonoren-Arie in E-dur folgte, nicht mit\nbesonderem Erfolg vorgetragen, dann der „Frühling\" aus Haydn's\nJahreszeiten, zwar correct und präcis, aber im Ganzen etwas matt.\nDagegen wurde die C-</wr-Sinfonie von F. Schubert genau und\nauch mit Leben und Feuer ausgeführt.\nDas sechste Concert wurde mit der Ouvertüre zur Zauber-\nflöte, welche recht gut gelang, eröffnet. Dann trug F. Hill er\nsein treffliches Concertstück aus Fis-moll vor. Es folgte eine gute\nAusführung von Hiller's „Gesang der Geister über den Wassern\"\nfür Chor und Orchester. Hierauf spielte er einige kleine reizende\nStücke von seiner Composition und schloss mit einer freien, höchst\ngeistvollen Phantasie, in welche er Beethoven'sche Motive (des Fi-\nnales der neunten Sinfonie und des letzten Satzes der Eroica) und\nAnklänge aus der Cis-mo/Z-Sonate verwebte. Die zweite Abtheilung\ndes Concertes füllte Hiller's Sinfonie „Im Freien\" aus, wdche\ndas Orchester unter Leitung des Componisten mit Liebe und Hin-\ngebung spielte. Die Schwesterstadt Bonn brachte dem berühmten\nMeister, den Sie mit Stolz den Ihrigen nennen, die aufrichtigsten\nHuldigungen dar; Hiller's Aufnahme war von Seiten des Publicums\neine enthusiastische, in welche das Orchester mit freudigem Tusch\nwiederholt einstimmte. Gn.\nMamburg-. Fräulein Therese Milanollo ist aus Mecklen-\nburg, wo sie in den letzten Wochen eine Reihe von Concerten ge-\ngeben, die eben so reich an Besuch wie an Beifall waren, hieher\nzurückgekehrt, nicht um für den jungen Henry Schradiek eine\nAufführung zu veranstalten, wozu im Augenblicke die Zeit\nund Gelegenheit fehlt, da die Künstlerin nach Hannover ab-\nreisen muss, sondern um ihren jungen Schützling gleich mit sich\nnach Brüssel zu führen. Fräul. Milanollo bestreitet nämlich die\nAusbildung des achtjährigen Knaben, in dem sie ein ausserordent-\nliches Talent für Musik überhaupt und besonders für die Geige er-\nkennt, auf eigene Kosten. Sic wird ihn in Brüssel dem Con-\nservatorium anvertrauen, wo er nicht bloss den Unterricht eines\nFetis, Leonhard und anderer Meister erhalten, sondern zugleich\nauch eine Schule durchlaufen soll, die ihn in den Besitz der nöthi-\ngen Elementar-Kenntnisse setzt. Das Opfer, welches Fräul. Mila-\nnollo bringt, indem sie so die ganze Erziehung des Knaben zu\neiner künstlerischen Wirksamkeit auf sich nimmt, ist von einer Be-\ndeutung, die Niemand unterschätzen wird. Als wir ihr unsere\nFreude und dabei auch unser Erstaunen über diesen edelherzigen\nEntschluss zu erkennen gaben, erwiderte sie mit der liebenswürdig-\nsten Bescheidenheit, dass sie nur thue, was an ihr selbst gethan\nworden sei. Ihre eigene Anfängerschaft habe ebenfalls des wohl-\nwollenden Entgegenkommens der Künstler und Kunstfreunde be-\ndurft. Sie zahle somit eine Schuld ihres Herzens ab, und zu beson-\nderer Freude gereiche es ihr, dass der kleine Schradiek gerade ein\nKind Hamburgs sei, welcher Stadt sie sich zur dankbarsten Erin-\nnerung verpflichtet fühle. Fräul. Wilhelm ine Clauss gab\nam 16. März ihr viertes hiesiges Concert (im Stadt-Theater), Herr\nLouis Lacombe das dritte (im kleinen Saale der Tonhalle).\nFräul. Clauss trat am 18. in Lübeck auf, wo Herr Lacombe eben-\nfalls spielte, und wird sich sodann auch in Bremen hören lassen.\nAon Bremen kehrt sie nach Paris zurück, und Anfang des April\nwird sie zu Concerten in London erwartet."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "97", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.1", "texte": "Ueber Musik-Literatur.\n\nSeit einigen Jahren haben sich in Deutschland Stim-\nmen erhoben, welche die Centralisation auch in Bezug auf\ndie Tonkunst bei uns schmerzlich vermisst und allerlei gut-\ngemeinte Vorschläge gemacht haben, wie diesem vermein-\nten Uebelstande abzuhelfen sei. Sogar praktische Versuche,\nwie der leipziger Gesammt-Tonkünstler-Verein im Jahre\n1848, tauchten auf, aber eben so schnell wieder unter.\nHübsche statistische Nachweisungen gab 11. W. Riehl im\nJahre 1852 in der augsb. Alig. Zeitung, wenngleich\nihn seine Quellen zuweilen irre geführt haben. Doch ver-\ndienen seine damaligen Aufsätze Berücksichtigung, da man\nähnliche Ansichten auch neuerdings bei Gelegenheit der\nAgitation lür Richard Wagner gern wieder geltend machen\nmöchte.\nDer Kern jener Behauptungen ist in dem Ergebniss\nausgesprochen: „Es gibt keine concentrirte Mu-\nsik-Literatur in Deutschland, keine allgemein\nanerkannte Autorität centralisirt die wissen-\nschaftlichen Ergebnisse der Tonkunst.\" —Da-\nvon müssen wir ein gut Theil zugestehen. Der undeutsche\nParticularismus zeigt sich also auch in der Musik ? Gewiss!\nwenngleich weder in seinen Quellen noch in seinen Fol-\ngerungen so gefährlich, wie ein Künstler befürchten möchte.\n„Es fehlt ein rechter Capital-Meister!\" Das\nist's! und damit ist genug geantwortet. Warum fehlt er?\nWarum macht Schumann so gut wie Mendelssohn (?) und\nandere ehrenwerthe Componisten nur „topographisch\"\nFurore? Wir thun die Gegenfrage: Warum hatten Mozart\nund Beethoven ein grösseres Gebiet ihres Wirkens? Gebt\nuns den weltbezwingenden Genius: das Volk wird ihn\nehren, wo er erscheint. Ist es denn so auffallend, dass\nin der Musik-Literatur die Concentration fehlt, die auch in\nder Architektur vermisst wird? Und höher hinauf: wo ist\ndenn ein Standard-book unserer politischen, unserer histo-\nrischen Literatur? Ich kenne keines und meine denn doch,\nhier hätten wir eher nach einem solchen zu fragen. Ist\neinmal dem Deutschen alle Concentration zuwider, was\nWunder, wenn die Musik ein gleiches Schicksal getroffen?\nLässt der Deutsche sich nicht gern imponiren durch aka-\ndemisch gestempelte Haupthähne und Bannerträger, so\nmag er es für ein Glück rechnen, dass ihm kein Berlioz\ngegeben ist.\nIch glaube aber, weder die Quellen noch die Folgerun-\ngen sind richtig, d. h.: die Quellen sagen nicht, und die\nFolgerungen beweisen nicht, was sie sollen. Ilaben wir\nkeine „d eu tsche Musik\" in den Schöpfungen der Gegen-\nwart, so ist das nur ein anderes Zeugniss für das, was wir\nbereits wissen, nämlich für die schlafen gegangene Produc-\ntionskraft aller Orten. Was hilft's, die undankbare Welt\nanklagen sie wird darum nicht dankbarer! Vor sechszig\nJahren, da der deutsche Geist im Flöhepunkte der Schöpfer-\nkraft stand, da war jedes Gedicht, jede neue Oper ein Er-\neigniss, das alle feurigen und zarten Seelen durchzitterte,\nund zwar ohne Verabredung, ohne Zeitungslärm, ohne lite-\nrarisch concentralificirte,enkomiastische Hymnologieen. Wenn\nnun heute bei Schumann, Mendelssohn, Gade und Wagner\nnicht dasselbe geschieht, wer trägt die Schuld? Schu-\nmann hat, wie witzig bemerkt worden, sein bestimmtes\n„Stromgebiet des Ruhmes\", ein ziemlich enges, wie sein\nGenius auch enge ist; denn nicht aus obstinatem Eigensinn\nloben die Einen und weigern die Anderen, sondern aus\nder ganz organisch psychologischen Ursache, dass er nur\nWenigen singt, was in ihrem Herzen klingt. Diese Weni-\ngen sind die scharfsinnigsten und geistreichsten aller Deut-\nschen (wie sie sich selber gern nennen Andere würden\nsagen: die rationalistisch-witzig-geschwätzigsten); denn be-\nkanntlich ist der Thüringer und Obersachse ein\ndisputax; ich glaube, die Frau, die den heiligen Petrus\nvon der Himmelsthür wegdisputirt, ist eine Thüringerin ge-\nwesen. Diese sonderliche Gabe ist neuerlich recht zu Tage\ngekommen; sie spiegelt sich ab in allen Zügen, von den\neitelen Gelüsten des obotritischen Pleiss-Atheners bis zur\ndresdener Revolution. Für solche mehr sinnige als sinnliche\nKaffeetrinker ist nun Robert Schumann ganz wie gemacht;"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "98", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.2", "texte": "was Wunder, wenn ihn die gesunde Sinnlichkeit des Wie-\nners verabscheut?\nRiehl äusserte, dass jetzt weniger Orchester- und\nQuartett-Werke, überhaupt grosse Sachen von grossen\nBuchhandlungen unternommen werden, als vor fünfzig\nJahren*). Das ist unrichtig; jeder Katalog zeigt es. Von\nMozart's besten Werken hat lange keine Partitur existirt,\ndie Ilaydn'schen Quartette sind lange nach seinem Tode\nzuerst in gedruckten Partituren erschienen, dagegen seit\nzehn Jahren von Schumann und Meyerbeer und Mendels-\nsohn die meisten grösseren Werke in gedruckten Ciavier-\nAuszügen, Partituren und Einzelstimmen veröffentlicht sind,\nanderer geringerer Namen gar nicht zu gedenken, deren\nOpera leider jede Messe überschwemmen. Dass „keine\nGesammt-Ausgabe von Mozart\" existire, ist eine\nübertriebene Klage; denn Breitkopf und Härtel haben so-\nwohl die Opern als die Oratorien, Motetten, Sinfonieen,\nQuartetten und Clavier-Compositionen sämmtlich im Ver-\nlag. Sollte wirklich etwas an> der Gesammt-Ausgabe fehlen,\nso wäre das kein grösserer Mangel, als dass in Göthe's\nsämmtlichen Werken die grösseren Abhandlungen über\nMorphologie und Farbenlehre fehlen. Ob es aber der Lite-\nratur überhaupt förderlich sei, wenn wir recht viele Ge-\nsammt-Ausgaben besitzen, das wird die Nachwelt entschei-\nden. Mir wenigstens scheinen die Gesammt-Ausgaben von\nBörne's und Gutzkow's Werken eines der vielen Lei-\nden der Zeit, gleich Hebbel's und Geibel's Gedichten, und\nich zweifle sehr, ob dergleichen schreib- und druckseliger\nUeberlluss dem ganzen Volksleben so viel nachhaltigen Se-\ngen bringt, oder auch nur so tief eindringt, wie manches\nfliegende Blatt. Gleich den Liedern Luther's, die wie\nEichenblätter aus dem Walde über die Ebene saus'ten, so\nheimeln sich noch heute gar schöne neue Lieder ein und\nwirken tiefer als Gesammt-Ausgaben von Poeten, die gar\nnichts „Gesammles\" auszugeben haben. Würden z. B.\nSpeyer's Lieder in einer Gesammt-Ausgabe ihm und dem\nVolke, oder seinem Ruhme und der Kunst förderlicher sein,\nals seine lieblichen Flugblätter? Ich zweifle. Wir le-\nben nun einmal im wandernden Zeitalter, daher die Wan-\nderblätter mitziehen durch Dick und Dünn, und der beste\nGehalt der Literatur sich in Zeitschriften verflüchtigt; ich\nsage nicht, dass dieser Zustand durchaus gedeihlich sei,\naber er ist da, ist anzuerkennen, und wir machen ihn nicht\nbesser mit Klagen nach Maassgabe statistischer Schablonen.\nSollen wir uns aber vollends gar nach Autoritäten zu-\nrücksehnen, wie sie Riehl in dem gedachten Aufsatze z. B.\nin Mattheson aufstellt, was freilich seinen Beruf für der-\ngleichen Erörterungen geradezu fraglich macht? „Matthe-\nson, der Aesthetiker, der Fürst aller musicalischen\nSchriftsteller!\" heisst es da. Das ist mehr, als einer\nverdauen kann, der den Mattheson kennt; denn dieser\nseltene Vogel ist keineswegs unter die Fürsten zu rechnen,\nsondern war die lustige Person eines halben Jahrhunderts,\nein äusserüch glänzender angesehener Mann voll abgründ-\nlicher Eitelkeit, der die eine Hälfte seines Lebens in Opern-\nCompositionen und diplomatischen Geschäften, die andere\nin barbarischer Polemik, jenes Zeitalters würdig, erfüllt hat.\nWenige Züge werden dieses deutlich machen. Seine erste\nästhetisch-musicalische Schrift, 1713 erschienen, war von\nrein localem Interesse. Eine zweite von 1727 heisst: „ Der\nneue göttingischeEphorus\", und ist eine Streitschrift gegen\nden göttinger Musik-Professor Meyer. Nach einer derben\nEntgegnung folgte eine derbere Replik; der Streit spann\nsich fort und erreichte seinen Gipfelpunkt in Mattheson's\n„Musicalischem Patrioten\". Die ganze Reihe seiner\nästhetischen Schriften namhaft zu machen, würde zu nichts\nführen; keine einzige gibt das Recht, ihn einen ästhetischen\nFürsten zu nennen, da er vielmehr ein kleiner Trabant,\nein Tirailleur war voll Talent, Hochmuth und Galle. Der Gegen-\nstand aller jener Schriften war der Kampf gegen den Cho-\nral und für die moderne Temperatur und theatralische Auf-\nfassung des Kirchlichen, wie denn insbesondere eine Ab-\nhandlung Mattheson's die Aufschrift führt: „\nmundus exercethislrionem\", um zu zeigen, dass das Thea-\ntralische, wie überall, so auch in der Kirche seine Stelle\nhaben müsse. Keine seiner Schriften ist systematisch, oder\npositiv, oder im grossen Sinne wissenschaftlich; wer sie\n\n*) Nebenbei gefragt: Welcher französische Buchhändler hat denn\nin der Stadt der Centralität und des Ruhmes eine Gesammt-\nAusgabe von Mehul, Isouard, Goudinel, d'Aleyrac, Gluck,\nBoieldieu u. A. bisher gewagt? Sind die Deutschen\nhier zu schelten? Die erste Gesammt-Ausgabe von Voltaire\nist nicht in Frankreich erschienen, sondern in Berlin. Ucber-\nhaupt gibt es wenige grössere Verlags-Untcrnehrnungen in\nFrankreich, die ein einzelner Privat-Buchhändler auf sich\nnähme, ohne Zuschuss der „Providence visiblewie\nsie ihre irdische Regierung zu nennen belieben. So alle\nWerke des Conservatoire, so die neue grosse Ausgabe der\nKirchenväter. Der Titel sagt: Paris, imprimerie royale, im-\nprimerie de VAcademie fr. u. s. w. Solche Bachhändler, wie\nCotta, Brockhaus, Breitkopf und Reimer haben die\nFranzosen nicht; der letzte der französischen gehört ins\nalte Regime: Treuttcl und Würz, die deutsche Firma\nin Strassburg. Kein französischer Buchhändler seit sechszig\nJahren hat ein Werk allein auf sich genommen, wie Grimm's\nGrammatik, Ritter's Geographie, Gruber's Encyklopädie. Son-\nderbare Wirkung der Cenlralisation für Statistiker be-\nachtenswerth!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "99", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.3", "texte": "heute läse, würde sie nur als Rarität oder nr.it Ekel be-\ntrachten können. Mattheson's Verdienste sind rein augen-\nblickliche, persönliche gewesen; und wenn wir ihm zu Ehren\nrechnen, dass der 83jährige Greis seiner Vaterstadt 40,000\nMark vermachte zur Erbauung einer Orgel, die noch jetzt\n(in der hamburger Michaeliskirche) seinen Namen verkün-\ndet, so wollen wir darüber nicht vergessen, dass dieses\neitelste aller Menschenkinder sich einbildete, ja, es öffent-\nlich aussprach und drucken liess, Händel wäre nichts ge-\nworden ohne ihn; denn er, Mattheson!! habe ihn erst\ngelehrt, was Melodie sei!\nIrrthümlich wird auch behauptet, dass eben dieser de-\ncentrale Zustand der deutschen Musik-Literatur einzig in\nseiner Art wäre. Zwar ist der Franzose gewohnt, alles,\nwas Paris vorbetet, nachzuschwatzen; aber dennoch ist die\nAutorität Berlioz', schon ehe er die berühmte Ohrfeige\nvor der versammelten Akademie bekam, längst erschüttert,\nselbst im Heimatlande des Ruhmes; und Fetis ist seit\ndem vergeblichen Experimente, durch nepotistische Enko-\nmiastik eine namhafte Schule zu begründen, in so ärger-\nliche Plagiat-Processe verwickelt, dass er selbst dem auto-\nritätssüchtigen Franzosen keinen Anker mehr bietet. Sein\nStern sank, als ihm von deutscher Wissenschaft nachge-\nwiesen ward, dass er nichts wisse und sein berühmter Erst-\ngeborener Lern mens noch weniger; den Franzosen ward\ndiese betrübende Nachricht kund durch die brüsseler\nzette Musicale,genannt Diapason.So ist denn der Pariser\nallerdings seit einiger Zeit in Verlegenheit um eine dau-\nernde musicalische Autorität, und muss sich begnügen, in\nden Concerten des Conservatoire gute deutsche Musik zu\nhören, die letzte Autorität, der er noch heute glaubt.\nRecht innig müssen auch wir beklagen, dass der hohe\nGenius des greisen Sebastian Bach an die Knechtesarbeit\ngebunden war, sein letztes Werk selber in Kupfer zu\nstechen und dabei zu erblinden. Dalür aber klagen wir\nnicht jene Zeit an, sondern erkennen darin nur die tragische\nMitgift des echten Genius in allen Zeiten, das irdische Ge-\ngengewicht gegen die überirdischen Wonnen, die den Hoch-\nbegabten vor allen Menschen zufallen. Wer Beethoven's\nTaubheit bedauert, thut recht und menschlich daran; aber\ner vergesse nicht, dass dem tauben Meister himmlische\nHarmonieen geklungen, wie sie kein Hörender ge-\nahnt. Ganz verkehrt ist es aber, solche Ungerechtig-\nkeit der Zeit, die in jedem „Künstlers Erdenwallen\" sich\nereignen muss, ausschliesslich dem deutschen Volke\nnachzusagen, wie denn Niemand bereitwilliger ist, auf den\nDeutschen zu schimpfen, als eben der Deutsche; auch F u 1-\nton, der Erfinder der Dampfschiffe, ist in der glücklichen\nRepublik.America am Lebensende verarmt und Hungers\ngestorben, Goldsmith in England (vor hundert Jahren)\ndessgleichen. Dieses ist weder die Schuld des Künstlers\nnoch der Menschheit, sondern die Folge des tragischen\nConflictes, den das wahrhaft Neue jederzeit in der alten\nPhilisterwelt durchleben muss; die vorhandene Welt wird\ndurch den Genius erst geweckt zu neuen Anschauungen,\ndarum kann sie, von neuem Lichte geblendet, ihn nicht so-\ngleich erkennen. Könnte sie das, so wäre sie selbst der Ge-\nnius und keine Genie's mehr nöthig; die schon jetzt küm-\nmerlich gesäet sind, würden dann gänzlich aussterben.\nDiese Wahrheit ist bereits so trivial geworden, dass\n• • «\nauch leere Köpfe sie benutzen, um ihr Misslingen bei der\nWelt mit einer hungernden Märtyrerkrone zu umkränzen,\nauch wenn sie gar nichts tragisch Neues in die Welt ge-\nbracht. Richard Wagner donnert aus der Schweiz\nseine Philippiken gegen die Philisterwelt, die er seit den\ndresdener Barricaden noch gründlicher hasst, als zuvor. Er\nist nicht ohne Begabung, seine Jugendwerke zeigen einen\nstürmischen, vordringenden Geist, aber ein Schöpferisch-\nNeues eben so wenig, als Rob. Schumann's Reflexions-\nPoesie. Wagner's ästhetische Schriften sind durchaus nega-\ntiv, kaum in höherem Sinne polemisch zu nennen; ein lang-\ngedehntes Lamento über die „niederträchtigen deutschen\nBühnen-Zustände, auf denen nun einmal unmöglich etwas\nGutes gedeihen könne,\" etc. So recht. „Wenn der Schwan\nnicht schwimmen kann, hat's Wasser Schuld!\" —Sonder-\nbar! Warum hat Shakespeare niemals über das armselige\nBrettergerüst seines Zeitalters geschimpft, sondern nur\nsimple Gedichte geschrieben, aber so stark, dass das Gerüst\nknackte? Die moderne Krankheit, die Flöte zu schelten,\nwo man nicht pfeifen kann, war zu Shakespeare's und Seb.\nBach's Zeiten noch nicht erfunden. Sonderbar, dass wir aus\njenen Zeiten doch so gewaltige Kunstwerke besitzen. Jene\neinfältigen Dichter trieben weiter nichts, als ihr Handwerk,\nund hatten nicht Zeit, darüber zu schreiben; ungeachtet\ndies nun leider so war, und trotz des Mangels al-\nler centralen Autoritäten (in der dramatischen und\nmusicalischen Literatur) wurden nicht bloss ihre Namen,\nsondern sogar ihre Werke berühmt. Unsere geistreichen\n„Bruder Leipzigers\" dagegen, die sich unter Fr. Bren-\nde l's Schirm verschworen haben, eine centrale Autorität\nper fas et nefas zu begründen, und die eben heute lür die-\nsen löblichen Zweck entsetzlich agitiren und rasaunen\nwas haben sie denn nun ausgewirkt? Kein Mensch erkennt\nihre Autorität an, und die Ritter vom Geiste der Zukunft"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "100", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.4", "texte": "(Rieh. Wagner, Fr. Brendel u. A.) zehren an ihrem eige-\nnen Ruhme so lange, bis das Capital alle geworden, und\nman auf ihren Gräbern die Ciceronische Inschrift lesen wird:\nnosti (Hortensium) .... quendam, nec ineo judicio\nstultum, et suo omnium longe sapientissimum.\nDieses darf man in Leipzig das sich selber für die\nCentrai-Sonne deutscher Musik und Literatur hält kaum\nöffentlich sagen, ohne gesteinigt zu werden.\nWie wir aus dem einzigen Shakespeare ein Jahrhun-\ndert erkennen, wie aus Schiller's und Göthe's Werken eine\ngenügende Anschauung des deutschen Lebens und Bil-\ndungskreises ihrer Zeit entnommen werden kann, so müs-\nsen wir auch Herrn Riehl gegenüber die Behauptung fest-\nhalten, dass es für die Anschauung „eines abgerundeten\nBildes\" vollkommen genügt, die Werke von Händel, Bach,\nMozart, Haydn und Beethoven dem Publicum vorzuführen;\nwas darüber ist, möge den individuellen Bedürfnissen enge-\nrer Kreise überlassen bleiben, die historische Uebersicht\naber dem Künstler, dem Fach-Menschen. Dass wir doch\nnicht von unseren encjklopädischen Grillen lassen können!\nIst es denn wirklich nothwendig, dass einer, um ein gebil-\ndeter Deutscher zu sein, ausser Göthe und Schiller auch\nnoch Opitz, Haller, Klopstock, Lessing, Geliert, Garve,\nSpindler und Kotzebue kenne? So fordern dann die anti-\nquarischen Germanisten mit noch weit grösserem Rechte,\ndass ein wohlgeborener Deutscher mindestens den Ulfilas,\nOtfried, Walter, Wolfram, Gottfried, Fischart und Hans\nSachs durchackert habe! Es fehlt uns offenbar noch ein\nNachtrag zum Maturitäts-Prüfungs-Gesetze, worin jene For-\nderungen in Bezug auf Musik und Literatur gründlich for-\nmalisirt werden; dann kommen aber die Maler und Archi-\ntekten und fordern auch ihr Theil mit Grazie\nF. L. Jahn stellte im Jahre 1817, da sein Büchlein\nüber „Deutsches Volksthum\" zuerst erschien, einen Kata-\nlog auf von Büchern, „die noch müssten geschrieben wer-\nden\". Dieselbe Grille hatten die Literar-Historiker des vo-\nrigen Jahrhunderts; da mussten alle Fächer, deren Fach-\nwerk aus der herkömmlichen altclassischen Literatur be-\nkannt war, absolut ausgefüllt werden. Elias Schlegel\nentdeckte, dass es unserer Literatur gar bedenklich an einem\nkomischen Epos fehle und siehe da, als die Unent-\nbehrlichkeit eines solchen genugsam demonstrirt war, flugs\nfand sich der Braunschweiger Z a c h a r i ä, um diesem drin-\ngenden Bedürfnisse abzuhelfen. Die Literatur war gerettet;\nder „Phaeton\" ward zehn Jahre lang gelesen und dann\n- vergessen. So wird es allen Büchern ergehen, die\nvon dem Einen bestellt, vom Anderen gemacht werden;\nerst wird einem „dringenden Bedürfnisse abgeholfen\", und\ndann kommt's in die Repositorien.\nEs ist wahr, „Dilettanten schreiben, und Künstler le-\nsen's nicht\"; dieser Uebelstand ist nirgends verbreiteter, als\nin der Musik-Literatur. Die Ursache liegt wohl da, wo die\nallgemeine politische und philosophische Schreiberei ihren\nGrund hat. Zu allen übrigen Dingen muss man specifische\nKenntniss des Technischen mit saurem Schweiss erwerben,\nund Niemand wird sich erkühnen, über Jurisprudenz und\nArchitektur zu schreiben, der nichts davon versteht; der\nStoff ist zu mächtig, er ist überwiegend. Dagegen über\nStaat, Geist, Ton, Gedanken meint Jeder, wie er geht und\nsteht, ein Urtheil zu haben Hegel's alte Klage! aber ein\nUebelstand, der ganz natürlich entsteht, wo von stoff- und\nkörperlosen Dingen, die aller Menschen Eigenthum sind, die\nRede ist. Dass es auch hier besonderer Lehre und Erleb-\nnisse bedarf, will der natürlichen Einfalt nicht einleuchten.\nDessen ungeachtet ist die stille, tiefe Wirkung der Musik,\nwie des Christenthums und aller geheim geistigen Gebiete\neine unglaublich gewaltige, trotz der ungenügenden Litera-\ntur. Auch ist sie nicht allen Historikern gänzlich verbor-\ngen geblieben. Droysen hat in seinem trefflichen Ge-\nschichtswerke über die Freiheitskriege allerdings die Ent-\nwicklungsstufen der Musik als wesentlich mitwirkende Mo-\nmente der gesammten Geistes-Entwicklung sehr glücklich\ndargestellt.\nUnseren unleidlichen Musik-Zuständen abzuhelfen, ist\nschwerlich ein literarisches Hausmittel *) geeignet, sondern\ndie lebendige Uebung und mögliche Verbreitung guter\nKunstwerke. Dass l ier die Gewissenlosigkeit der Directoren\ndie Hauptschuld trägt, mehr noch das jämmerliche Getreibe\nder Virtuosen, ist schmerzlich bekannt. Abhelfen kann hier,\nausser der stillen Wirkung der Zeit, die das Schlechte\nlangsam, doch sicher ausscheidet (wer kennt denn heute\neine Oper von Mattheson? über Händel, seinen „ S c h ü-\nler\" I! sind die alle vergessen!) helfen kann nichts,\nals gründliche, liebevolle Lehre. Und desshalb haben wir\noft schon den Wunsch ausgesprochen, es möge nur ein\nkleiner Theil von dem Ueberflusse, der auf unzüchtige und\n\n*) Natürlich, dass wir auch die eigentlich literarische\nWirkung nicht verschmähen; nur wollen wir sie nicht par\nordonnance, nicht mit der Plumpkeule gefordert. Auch möch-\nten wir rathen, die wirklich schon vorhandenen Standard-\nbooks sorgfaltig zu studiren; nächst den tiefsinnigen Winter-\nfeld'sehen (nicht Gabrieli ist sein Hauptwerk, sondern der\n„Evangelische Ki rche ng esang'*) auch die besseren von\nA. B. Marx, zu dessen wackerer Compositions-Lehre\nnächstens die Musik-Wissenschaft kommen wird."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "101", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.5", "texte": "unkünstlerische Bailetsprünge vergeudet wird, zur Errich-\ntung einer Hochschule der Tonkunst angewandt\nwerden, die das Technische auf Wissenschaft und Geschichte\ngründete, die Wissenschaft aber wahrhaft ins Technische,\nd. h. ins Leben einführte. Dann würde manchen Klagen\nzu helfen sein, die nöthige Centralisation sich von selbst\nfinden, nicht auf gut Französisch das Geistesleben zu läh-\nmen, sondern um es zu erkräftigen zu fruchtbarer That.\n\nK.\n\nPariser Briefe.\n\n(Scliluss. S. Nr. 12.)\nUnter den Versammlungen für Kammermusik\nnehmen die von A 1 ar d und Mau ri n den ersten Rang ein.\nAusser dem trefflichen Zusaminenspiel und der Virtuosität\nder einzelnen Künstler ist auch der feine Tact zu loben,\nmit welchem beide Quartett-Cirkel die Vorführung von\nCompositionen ihrer eigenen Mitglieder oder deren guter\nFreunde ausschliessen und dagegen in der Auswahl der\nvorzutragenden Stücke einen Grundsatz befolgen, dem man\noffenbar ansieht, dass sein Hauptzweck ist, das Publicum\nallmählich zu immer richtigerer Würdigung der classischen\nMusik und zu einer ernsten Vorliebe für dieselbe empor-\nzubringen. Wenn das hier gelingen soll, so muss dabei\nauch für Abwechselung, für eine gewisse Mannigfaltigkeit\ngesorgt werden, und desshalb ist es den Unternehmern zu\nverzeihen, wenn sie mitunter noch einzelne Stücke aus\neinem Werke von mehreren Sätzen geben, was indess nach\nund nach immer seltener und nur noch bei Clavier-Musik\ngeschieht. Im Ganzen sind die Programme gut gewählt,\nkeineswegs monoton, und könnten manchen ähnlichen Cir-\nkeln in Deutschland zum Muster dienen.\nIn Alard's dritter Sitzung z. B. hörten wir Beethoven's\nClavier-Trio in D, Op. 70, Franz Schubert's Violin-Quar-\ntett in A-moll, F. Hiller's Trio-Serenade für Ciavier u. s. w.\nin sechs kleinen allerliebsten Sätzen, und Beethoven's Vio-\nlin-Trio in G-dur. Der vortreffliche Vortrag der Clavier-\nsachen durch Hiller selbst verlieh dieser Sitzung noch ein\nganz besonderes Interesse. Die nächste brachte ein Clavier-\nTrio in A von Havdn, das Violin-Quartett in D-moll von\n«J\nMozart, die A-dur-SomiQ für Piano und Violoncello von\nBeethoven und dessen Streich-Quintett in C-dur\nBei Maurin hörten wir in der zweiten Versammlung\nC. M. von Weber's Clavier-Quartett, das Adagio und Finale\naus der F-moll-Sonate, Op. 57, das neunte Violin-Quar-\ntett in C von Beethoven und dann das grosse dreizehnte\nin B-dur in sechs Sätzen. In der dritten Sitzung Beetho-\nven's Clavier-Trio mEs-dur,Op. 70, Mozart's Violin-Quin-\ntett in B-dur,Beethoven's Sonate für Piano und Violon-\ncell, Op. 102, und dessen grosses Quartett in Cis-moll,\nOp. 131. In der letzten das Clavier-Quartett in von\nMozart, das Violin-Quartett in Nr. 1 7, von Beethoven,\ndessen Sonate, Op. 31, und dessen Quartett in E-mail,\nNr. 8.—Man sieht, dass der Maurin'sche Cirkel (Pianistin\nDemoiselle Mattmann, Cellist Herr Chevillard) das Höchste\nanstrebt, nämlich das Publicum empfänglich für die letzten\nBeethoven'schen Compositionen zu machen, und in der\nThat nimmt die Theilnahme mit jeder Sitzung zu. Es findet\nsich dort eine Auswahl von Musikfreunden ein, für welche\ndiese Sitzungen, welche gegenwärtig wohl einzig in ihrer\nArt in Europa sein dürften, wahre musicalische Feste sind.\nWrie würde sich Baillot wundern, der ehemalige erste Be-\ngründer von Quartett-Unterhaltungen in Paris, wenn er\nplötzlich erwachte und so ein Opus 131 oder 132 von\nBeethoven vor einem athemlos stillen Publicum aufführen\nhörte! Aber würde er auch in Hinsicht auf Fülle und\nMacht des Tones seine und Kreutzens und Rode's Schule\nüberholt oder überhaupt nur wieder finden?\nUnter den übrigen zahlreichen Auditionen von Kam-\nmermusik ist die Soiree von Ferdinand Hiller hervor-\nzuheben, in welcher sich am 21. vorigen Monats eine ein-\ngeladene Gesellschaft von allem, was Paris an bedeutenden\nKünstlern und Kunstfreunden zählt, Rendezvous gegeben\nhatte. Der berühmte Meister führte nur eigene Compo-\nsitionen vor, und zwar zum grössten Theil neue, welche\nsämmtlich, jedoch die oben schon erwähnte Trio-Serenade\nund die Duetten für Piano und Violine vorzugsweise, mit\ngrossem Beifall aufgenommen wurden. Er schloss mit einer\nfreien Phantasie, und in dieser Kunstleistung hat er hier in\nParis, und ich glaub? auch in Deutschland, keinen Neben-\nbuhler. Wie unendlich Vieles in unserer heutigen Musik\nist nicht gemacht! wie riecht es nach der Lampe und nach\nder Schule! Am Schreibtische gibt es hunderterlei Hülfs-\nmittel und Richtscheite und Schablonen aber am Flü-\ngel, wo es heisst: Hic Rhodus, hic sedta! da zeigt es sich,\nob Musik, ob musicalische Anschauung der Welt, oder\nUebersetzung des Angeschauten und Erlebten in Musik\ndem Künstler gegeben ist. Aber freilich gehört das seltene\nTalent der sicheren Orientirung in den harmonischen, auch\nnoch so verstrickendsten Windungen dazu und die eben so\nseltene Fähigkeit, dass die Mechanik der Finger jedem, wenn\nauch kühnen, Gedanken in der Ausführung gehorsam sei.\nVon der italiänischen Oper kann man nichts Anderes\nsagen, als: „Das liebe heil'ge römische Reich, wie hält's"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "102", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.6", "texte": "nur noch zusammen?\" Der Grundsatz des Obristen Ra-\ngani, des jetzigen Directors, keinen Sänger anzustellen, oder,\nwenn auch angestellt, zum Auftreten kommen zu lassen,\nder nicht ein Patent dreissigjähriger Dienstzeit aufzuweisen\nhat, trägt seine Früchte. Die Frauenstimmen haben, wie\nder Moselwein, wenn er alt wird, das Bouquet verloren,\nund an dem Metall der Männerstimmen nagt der Rost.\nDas Publicum dieses Hauses ist auch alt, es frischt sich\nnicht auf durch Vermischung mit dem jüngeren Geschlechte.\nDer letzte Rest von Leidenschaft, der ihm noch geblieben,\nist für Fermaten und Variationen ad libitum; für die Aus-\nsicht auf eine Cadenz am Ende des Abends lässt es sich\ngeduldig bis dahin langweilen. Und die Helden und Heldin-\nnen mit den verwelkten Lorbern da droben auf den Bret-\ntern, wie verfahren sie mit der Musik! Es ist ein Scandal,\nwie jedes Ensemblestück misshandelt wird. Die diesjährige\nAufführung des Don Juan zeigte das wieder einmal\nrecht grell.\nTamburini macht durch, seine musicalische Bildung und\ndie lange Theater-Routine seinen Don Juan dennoch höch-\nstens nur erträglich; denn von Stimme kann eigentlich nicht\nmehr die Rede sein, und es istspasshaft, zu lesen, wie sich\ndie Kritik windet und dreht, um nicht die Wahrheit zu\nsagen. Die Frezzolini hat nicht eine Spur mehr von der\nKraft und dem Feuer, welches eine Donna Anna verlangt,\nund ihre Freunde entschuldigen sie mit nichts Geringerem,\nals mit ■— Mozart's übertriebenen Forderungen, der diese\nRolle nur für einen weiblichen Titanen geschrieben habe.\nDie drei Bässe, Dalle Aste (Leporello), Susini (Comthur),\nFortini (Masetto), können nicht genügen. Leporello ist un-\nsicher und hat es noch bei Weitem nicht zu der Festigkeit\nund Freiheit gebracht, welche seine Partie verlangt; Ma-\nsetto schien den Charakter mit Zerlinchen getauscht zu\nhaben: der störrische Bauer sang stets sehr weichlich und\nglatt, wie ein Stutzer mit weisser Halsbinde und Glace-\nHandschuhen. Und Zerlinchen? In Deutschland würde man\nbei dem Hereinhüpfen einer so kolossalen Maschine, wie\ndie Alboni, über diese Travestie gelacht haben; hier ist\nman artiger und rief die Arie: in welcher\ndie berühmte Sängerin eine ellenlange Cadenz zum Schluss\nmachte, da capo! Dass sie das As im Cabinette (im ersten\nFinale) gar nicht brachte, was thut das? Zwar beruht auf\ndiesem 'J one der plötzliche Wechsel der Tonart, des Tempo,\nder Handlung aber, mein Gott! man kann ja keinen\nApplaus damit erzielen; was soll eine Alboni also mit die-\nser Mozart'schen Grille? Und nun vollends die Ensem-\nbles! Gleich bei dem Terzett in der Sterbescene des Com-\nthurs konnte man wissen, was man für diese zu erwarten\nhatte. Wäre es überhaupt möglich, den Don Juan unter\ndie Erde zu bringen, man könnte keine besseren Todten-\ngräber finden, als die jetzigen Italiäner in Paris.\nIn der grossen Oper war die Wieder-Aufnahme der\n„Vestalin\" ein jedenfalls bedeutendes Ereigniss. Dem\nbei Weitem grössten Theile des jetzigen Geschlechtes ist\ndas Werk unbekannt; einige Bruchstücke, welche dieCon-\nservatoire-Concerte dann und wann zu Gehör brachten,\ndienten höchstens dazu, an die Wahrheit der Tradition zu\nerinnern, dass vor vierzig bis fünfzig Jahren einmal ein\ngrosser Componist, Namens Spontini, in Paris den ersten\nRang unter den Tonkünstlern eingenommen habe. Was ich\nim Voraus befürchtet hatte, ist eingetroffen: das Heute muss\nsich vor dem Ehemals schämen. Das Orchester, der Chor\nund ein Theil der Sänger und vor Allem das Publicum\nkonnten sich nicht zurecht finden in dieser dramatischen\nMusik grossartigen Stils, und ich sage nicht zu viel, wenn\nich behaupte, dass ohne Sophie Cruvelli das Meisterwerk\nwahrscheinlich keine weiteren Wiederholungen erlebt haben\nwürde. Das zeigt deutlicher als alles kritische Raisonnement,\nwie sehr das Opern-Publicum durch die Spectakel- und\nDecorations-Oper der neueren Componisten verdorben und\nwie sehr die Künstler eben dadurch demoralisirt worden\nsind, indem sie, theilnahm- und empfindungslos für jenen\nerhabenen Stil, trotz aller Fortschritte der Technik nicht\nim Stande sind, ihn richtig aufzufassen und wiederzugeben.\nUnd das Publicum? Es offenbarte die Folgen seiner musi-\ncalischen Erziehung durch Auber, Halevy und vor Allen\ndurch Meyerbeer. An Uebertreibung und Ausschweifung\naller Art gewohnt, hat es den Sinn für wahrhaft drama-\ntische Musik verloren; Spontini's Stil ist ihm zu einfach,\nSpontini's Orchester (Hört! hört!) ist ihm zu farblos, zu\nmatt! Du wirst mir vielleicht vorwerfen, dass ich mir selbst\nwiderspreche, da ich im Anfange meines Briefes geäussert\nhabe, der Sinn für gehaltvolle Musik habe hier zugenom-\nmen. Allein das Concert-Publicum und das Theater-Publi-\ncum sind nicht ein und dasselbe; meine obige Bemerkung\nbezieht sich auf das erstere, und dieses bildet in dem gros-\nsen Opernhause nur einen sehr kleinen Theil der Zuhörer-\nschaft. Wäre die Vestalin eine neue Oper (sie war es übri-\ngens für die grösste Zahl der Zuhörer), so könnte man über\nihre Aufnahme bei der ersten Vorstellung von nichts An-\nderem sprechen, als von einem nur der\nzweite Act erregte eine Art von Enthusiasmus aber\nselbst diesem merkte der erfahrene Beobachter an, dass\ndas Publicum eigentlich seiner Sache nicht ganz gewiss"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "103", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.7", "texte": "War, dass es sich von seinem Urtheile keine Rechenschaft\nzu geben wusste\nMenge kalt. Man erzählt mir, dass sich das Verständniss in\nden beiden folgenden Vorstellungen, in denen ich nicht war,\nmehr Bahn gebrochen, dass sich die Masse allmählich von\nihrer Verwunderung erholt und diese sich grösstenteils in\nBewunderung umgewandelt habe. Nun, wir werden es er-\nleben, ob etwas Wahres daran ist. Gefüllt ist das Haus\nallerdings auch in den folgenden Aufführungen gewesen;\nob aber Spontini oder die Cruvelii mehr gezogen hat,\ndürfte nicht schwer zu entscheiden sein.\nZu einiger Entschuldigung des Publicums dient freilich\ndie höchst mangelhafte Ausführung. Das Orchester und sein\nHaupt, Herr Girard, trugen die grösste Schuld daran; von\nrichtiger Auffassung, vom Eindringen in den Geist der Spon-\ntini'schen Musik war nicht entfernt die Rede. Die Tempi\nwurden meist vergriffen, entweder zu langsam oder zu\nschnell genommen, kurz, es fehlte an allem Verständniss\nder Composition. Das Orchester spielte wie in halbem\nSchlafe; da war keine Tiefe des Getühls bei den Stellen,\nwo einzelne Instrumente neben der Gesangstimme so be-\ndeutungsvolle Momente haben, und überhaupt kein Glanz,\nkein Feuer, keine Leidenschaft, Alles fahl und blass, ohne\nnuancirtes Colorit, mit Einem Worte: schlecht.\nWährend es unten vor den Brettern so schlimm aus-\nsah, waren oben auf denselben eigentlich auch nur zwei\nPersonen der schwierigen Aufgabe ganz gewachsen, näm-\nlich Sophie Cruvelii (Julie) und Bonnehee (Cinna).\nOb Roger den Licinius nicht zur vollen Geltung bringen\nkonnte oder wollte, mag ich nicht entscheiden; auffallend\nwar es jedenfalls, dass er sich lange weigerte, die Partie\nzu übernehmen, und sich erst auf die Bitte von Spontini's\nWitwe, geb. Erard, deren Brief an ihn sogar in öffentlichen\nBlättern abgedruckt worden ist, dazu entschloss. Dass er\neinzelne schöne Momente hatte, ist bei einem Künstler wie\ner ganz natürlich; aus dem Ganzen leuchtete aber nicht\nein lebendiges Interesse für die Rolle hervor. Allerdings\nliegt ihm auch die Partie etwas tief. Der Ober-Vestalin\n(Dlle. Poinsot) fehlte es an Ton in der Tiefe und an Kraft\nüberhaupt; der Oberpriester (Obin) war gut, aber keines-\nwegs ausgezeichnet. Die Chöre liessen viel zu wünschen\nübrig; der Tanz im ersten Acte war viel zu lang, und statt\nder charakteristischen Ballet-Musik Spontini's, zu welcher\nfreilich nur ein ebenfalls charakteristischer antiker Tanz,\nnicht aber die, wenn auch noch so reizenden, Pas der De-\nmoiselle Priora passen, hatte man gar eine dem Werke\nganz fremde Tanzmusik eingeschoben!\nSo blieb denn hauptsächlich nur die Cruvelii vollkom-\nmen ebenbürtig dem Andenken Spontini's. Schwerlich ist\nje eine schönere Julia in diesem Drama der Liebe und Lei-\ndenschaft erschienen, als sie; schön war sie im ersten Acte\nmit dem schon halb gebrochenen, der Hoffnung abgestor-\nbenen Herzen (ich begreife die Kritik einiger hiesigen Blät-\nter nicht, welclie ihre Erscheinung im Anfange zu nieder-\ngedrückt und zu gebeugt finden, und ihr rathen, etwas\n„heiterer\" und muthiger zu sein!) wunderschön im\nzweiten Acte in ihren antiken Stellungen am Altare, von\ndem Schimmer des heiligen Feuers beleuchtet, hinreissend\nschön in der Erwartung des Geliebten, in dem furchtbaren\nWachsen der Leidenschaft und in dem Entzücken des Hin-\ngebens, und gross und alle Sympathieen zu ihr hinziehend\nin dem Abschied vom Leben und dem Opfer für den Ge-\nliebten. Sophie Cruvelii ist nicht eine dramatische Sängerin,\nsie ist eine tragische Schauspielerin, welche sich den Ge-\nsang dienstbar gemacht hat, um jedes Pathos, was die\nmenschliche Seele bewegt, in der zum Höchsten idealisir-\nten Sprache, in der Sprache der Musik, auszudrücken.\nWarum aber bleibt sie nicht immer auf dieser Höhe\nder Kunst? Warum steigt sie in einzelnen Augenblicken\nbis zum Missbrauch ihrer schönen Mittel davon herab und\nbis zur Vernachlässigung aller Achtung vor dem bestimmt\nausgesprochenen Willen des Componisten? Je grösser ihr\nTalent und ihre Kraft ist, desto unverzeihlicher sind solche\nSünden gegen den Geist des Tondichters. Wie ist es mög-\nlich, dass eine Künstlerin, deren Auffassung und Darstellung\nund Gesang im Ganzen zur Begeisterung für sie hinreissen,\nan einzelnen Stellen der widerlichen Manier italiänischer\nParadesänger fröhnen kann? Was soll das übermässige\nAushalten eines Tones als Fermate, wo keine Fermate ist?\nWie ist der Zusatz von hohen Tönen, z. B. des dreigestri-\nchenen c, und dagegen an anderer Stelle (im Duett mit Li-\ncinius) das Weglassen des b, das ja doch tiefer liegt, zu\nrechtfertigen? Und klingt am Schlüsse der Preghiera in\nFis-moll, bei deren seelenvollem Vortrage nur wenige Au-\ngen trocken blieben, auf die Worte „Je vais mourir\" die\nCadenz mit Läufer und Triller nicht wie ein teuflisches\nHohngelächter, das am Triumphe der Eitelkeit seine Freude\nhat? Warum bleibt die wundervoll begabte Künstlerin\nnicht deutsch?\nDen 22. März 1854.\n\nB. P."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "104", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540401-01.1.8", "texte": "Achtes Gesellschafts-Concert in Köln\nim Casinosaale.\nDinstag, den 28. März.\nDen Anfang machte eine Concert - Ouve rture von Max\nBruch, dem jungen Stipendiaten der Mozart-Stiftung in Frankfurt,\nein Werk, welches sowohl die Entscheidung des Vorstandes dieser\nStiftung rechtfertigt, als die Fortschritte erfreulich bekundet, w elche\nder talentvolle, kaum sechszehnjährige Componist unter der Leitung\nseines gegenwärtigen Lehrers F. Hiller gemacht hat.\nFräulein Agnes Büry, ein uns wohl bekannter und stets will-\nkommener Gast, trug die erste Arie der Königin der Nacht aus\nder Zauberflöte vor. Für das Andante hat die Stimme nicht ganz\ndie nöthige Fülle und Weichheit, das Allegro zeigte die bedeutende\nHöhe eines echten Soprans und eine grosse technische Fertigkeit\nin schönem Glänze. Ausserdem sang sie noch eine Arie von He-\nrold aus der Oper „Der Zweikampf\" eine etwas flache Compo-\nsition, in welcher das Violin-Solo in der Einleitung, vom Conccrt-\nmeistcr Hartmann vortrefflich gespielt, noch das Beste ist, und be-\nwährte auch hier ihre schätzcnswerthcn Eigenschaften.\nF. II iiier liess uns eine neue Composition, ein Pater noster\nfür zwei Chöre ohne Instrumental-Begleitung, hören, welches mit\nreiner und fester Intonation sehr ausdrucksvoll gesungen wurde und\ndurch seinen einfachen melodiösen Stil mit Recht allgemeinen Bei-\nfall erhielt.\nEine glänzende und indem Mittelsatzc sehr zart und duftig ge-\nhaltene Ausführung der grossartigen Ouvertüre zur Euryanthe von\nWeber beschloss die erste Abtheilung.\nDie zweite nahm die neunte Sinfonie von Beethoven\nein, welche in Köln zur Freude aller Kunstfreunde einen stehen-\nden Platz auf dem Concerl-Repcrtoire hat. Das Orchester bewährte\nunter Hiller's Leitung besonders in den drei ersten Sätzen eine\nMeisterschaft, die um so höher zu schätzen ist, als dasselbe der\nzusammenhaltenden äusseren Bedingungen entbehrt, welche die\nVerschmelzung von besoldeten Capellen zu einem Ganzen anders-\nwo begünstigen. Die Chöre haben wir indess hier schon frischer\nund schwunghafter gehört, namentlich im Sopran. Im Solo-Quartett\nwaren die Kräfte, was das Material der Stimmen betrifft, zu un-\ngleich, doch entschädigte dafür die Reinheit und Präcision. Im\nGanzen war auch dieses Concert wiederum ein Beweis, dass die\nvereinigten musicalischen Kräfte Kölns selbst mit wenigen Proben\nstets im Stande sind, das Riesenwerk Beethoven's so aufzuführen,\nwie man es wohl nirgendwo anders jetzt besser hören kann. Leider\nmussten wegen Beschränktheit des Raumes auch dieses Mal von\nden herbeigeströmten auswärtigen Kunstfreunden, wiewohl 80 Frem-\ndenkarten ausgegeben wurden, wieder viele zurückgewiesen werden.\nDem Vernehmen nach wird die Concert-Gesellschaft noch ein\nConcert am Palmsonntage hoffentlich auf dem Gürzenich-Saale\nveranstalten, in welchem Mozart's Requiem und Beethoven's\nEroica zur Aufführung kommen sollen.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nHloßiit* Das fünfte Abonnements-Concert begann mit einer be-\nfriedigenden Ausführung der Ouvertüre zu Anakreon von Cheru-\nbini; Beethoven's Leonoren-Arie in E-dur folgte, nicht mit\nbesonderem Erfolg vorgetragen, dann der „Frühling\" aus Haydn's\nJahreszeiten, zwar correct und präcis, aber im Ganzen etwas matt.\nDagegen wurde die C-</wr-Sinfonie von F. Schubert genau und\nauch mit Leben und Feuer ausgeführt.\nDas sechste Concert wurde mit der Ouvertüre zur Zauber-\nflöte, welche recht gut gelang, eröffnet. Dann trug F. Hill er\nsein treffliches Concertstück aus Fis-moll vor. Es folgte eine gute\nAusführung von Hiller's „Gesang der Geister über den Wassern\"\nfür Chor und Orchester. Hierauf spielte er einige kleine reizende\nStücke von seiner Composition und schloss mit einer freien, höchst\ngeistvollen Phantasie, in welche er Beethoven'sche Motive (des Fi-\nnales der neunten Sinfonie und des letzten Satzes der Eroica) und\nAnklänge aus der Cis-mo/Z-Sonate verwebte. Die zweite Abtheilung\ndes Concertes füllte Hiller's Sinfonie „Im Freien\" aus, wdche\ndas Orchester unter Leitung des Componisten mit Liebe und Hin-\ngebung spielte. Die Schwesterstadt Bonn brachte dem berühmten\nMeister, den Sie mit Stolz den Ihrigen nennen, die aufrichtigsten\nHuldigungen dar; Hiller's Aufnahme war von Seiten des Publicums\neine enthusiastische, in welche das Orchester mit freudigem Tusch\nwiederholt einstimmte. Gn.\nMamburg-. Fräulein Therese Milanollo ist aus Mecklen-\nburg, wo sie in den letzten Wochen eine Reihe von Concerten ge-\ngeben, die eben so reich an Besuch wie an Beifall waren, hieher\nzurückgekehrt, nicht um für den jungen Henry Schradiek eine\nAufführung zu veranstalten, wozu im Augenblicke die Zeit\nund Gelegenheit fehlt, da die Künstlerin nach Hannover ab-\nreisen muss, sondern um ihren jungen Schützling gleich mit sich\nnach Brüssel zu führen. Fräul. Milanollo bestreitet nämlich die\nAusbildung des achtjährigen Knaben, in dem sie ein ausserordent-\nliches Talent für Musik überhaupt und besonders für die Geige er-\nkennt, auf eigene Kosten. Sic wird ihn in Brüssel dem Con-\nservatorium anvertrauen, wo er nicht bloss den Unterricht eines\nFetis, Leonhard und anderer Meister erhalten, sondern zugleich\nauch eine Schule durchlaufen soll, die ihn in den Besitz der nöthi-\ngen Elementar-Kenntnisse setzt. Das Opfer, welches Fräul. Mila-\nnollo bringt, indem sie so die ganze Erziehung des Knaben zu\neiner künstlerischen Wirksamkeit auf sich nimmt, ist von einer Be-\ndeutung, die Niemand unterschätzen wird. Als wir ihr unsere\nFreude und dabei auch unser Erstaunen über diesen edelherzigen\nEntschluss zu erkennen gaben, erwiderte sie mit der liebenswürdig-\nsten Bescheidenheit, dass sie nur thue, was an ihr selbst gethan\nworden sei. Ihre eigene Anfängerschaft habe ebenfalls des wohl-\nwollenden Entgegenkommens der Künstler und Kunstfreunde be-\ndurft. Sie zahle somit eine Schuld ihres Herzens ab, und zu beson-\nderer Freude gereiche es ihr, dass der kleine Schradiek gerade ein\nKind Hamburgs sei, welcher Stadt sie sich zur dankbarsten Erin-\nnerung verpflichtet fühle. Fräul. Wilhelm ine Clauss gab\nam 16. März ihr viertes hiesiges Concert (im Stadt-Theater), Herr\nLouis Lacombe das dritte (im kleinen Saale der Tonhalle).\nFräul. Clauss trat am 18. in Lübeck auf, wo Herr Lacombe eben-\nfalls spielte, und wird sich sodann auch in Bremen hören lassen.\nAon Bremen kehrt sie nach Paris zurück, und Anfang des April\nwird sie zu Concerten in London erwartet."}]}