{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-04-15-01", "volume": "bmtnabi_1854-04-15_01", "ocr_sha256": "1fcf29eb959b4dc8ff85f7cac9f289d189d333190c052ff4d42510ebdc2d19f5", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/04/15_01/bmtnabi_1854-04-15_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-15-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-15_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-04-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "113", "page_fin": "116", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.2.1", "titre_corps": "Musicalische Zustände in den Vereinigten Staaten von Nordamerica.", "titre_sommaire": "Musicalische Zustände in den Vereinigten Staaten von Nordamerica.", "signature_source": "F", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3966, "texte": "Musicalische Zustände in den Vereinigten Staaten\nvon Nordamerica.\n\nII.\n(S. Nr. 14.)\nDie Möglichkeit für den Fremden, sich als Musiklehrer\nim Innern der Staaten niederzulassen und Vermögen zu\nerwerben, liegt in dem Mangel an einheimischen Künstlern\nin den westlichen Staaten und in den hohen Preisen, welche\nfür die Lehrstunden bezahlt werden. Wundern werden Sie\nSich vielleicht darüber, dass in America, wo Alles nur auf\nGelderwerb zielt, die Musiker des Landes die Gelegenheit\nnicht nutzen, selber die Städte des Binnenlandes auszu-\nbeuten, dass sie fast ohne Concurrenz, welcher doch hier\nAlles anheimfällt, den Ausländern die reiche Aernte über-\nlassen. Allein alle, die nur irgend etwas in einer Kunst\nleisten oder zu leisten glauben, drängen sich in die grossen\nStädte des Küstenlandes, namentlich in New-> York, Boston\nund Philadelphia, zusammen, und es ist damit hier gerade\nso, wie in Frankreich, wo eine Menge von Künstlern es\nvorzieht, lieber in Paris kümmerlich zu leben oder zu ver-\nhungern, als in der Provinz ein reichliches Auskommen zu\nsuchen.\nUnd dann fehlt es freilich an Musiklehrern überhaupt,\nd. h. an einiger Maassen tüchtigen, um dem Bedürfnisse zu\ngenügen, und die Americaner gestehen selbst ein/ dass im\nAllgemeinen der musicalische Unterricht von den Fremden\nabhängig ist. Vor 28 Jahren that die Stadt Boston die\nersten Schritte zur Förderung der Kunst durch die Grün-\ndung einer Akademie der Musik, welche seitdem den\nZweck, Musiker und Musiklehrer zu bilden, mit Eifer und\nGlück verfolgt hat. Dieses ist aber auch die einzige musi-\ni\ncalische Lehranstalt in den Vereinigten Staaten, welche\ndiesen Namen nach europäischen Begriffen verdient, und\nwelche wirklich etwas leistet. Seit 1838 ist in derselben\nStadt der Gesang-Unterricht auch in den Schulen eingeführt\nworden; aber leider hat dieses gute Beispiel noch wenig\nNachahmung gefunden.\nDie städtischen Behörden von Boston haben sich stets\nsehr bereitwillig zur Unterstützung der Sache gezeigt. Der\nGesang-Unterricht wird in neunzehn Schulen ertheilt, und\ndie Stadt verwendet zur Besoldung der Lehrer, Anschaf-\nfung der Hülfsmittel zum Unterrichte u. s. w. jährlich\n2500 Dollars. Es sind fünf Lehrer dafür angestellt; sie\nwerden vom Committee on Musigeprüft und ernannt, das\nGehalt eines jeden beträgt 125 Dollars jährlich. Sie sind\nverpflichtet, in jeder Schule wöchentlich je zwei Lectionen,\njede von dreissig Minuten, zu geben und eine echt\namericanische Bestimmung für ein Piano zur Begleitung\nselbst zu sorgen. Bis jetzt ist der formelle Nutzen dieser\nEinrichtung, die Weckung und Nährung des musicalischen\nSinnes, für bedeutender anzuschlagen, als der materielle\nErfolg. Die Jugend behält die Liebe oder wenigstens die\nLiebhaberei an der Kunst, auch wenn sie die Schulen ver-\nlassen hat, und so besitzt Boston jetzt drei grosse Ge-\nsang-Vereine, von denen zwei 300 Mitglieder ein jeder\nzählen, die sich aus den Schulen stets ergänzen.\nDass der Americaner an dergleichen Anfänge sanguini-\nsche Hoffnungen auf die Zukunft knüpft, kann man ihm\nnicht verargen, der da täglich sieht, wie in so vielen ande-\nren Hinsichten hier in fünf bis zehn Jahren sich Dinge voll-\nenden, wozu Europa halbe Jahrhunderte brauchte. Nur\nvergisst er, dass es mit dem geistigen Fortschritte eine an-\ndere Sache ist, als mit dem materiellen und industriellen!\nIn den Wunsch, der in der neuesten Nummer der new-\nyorker Musical Review, herausgegeben von den Gebrudern\nMason, ausgesprochen wird: „Wir hoffen es zu erleben,\ndass jeder Schullehrer verpflichtet werde, Musik-Unterricht\nzu geben, und dass keiner für anstellungsfähig erklärt wird,\nder nicht eben so gut Gesang als Arithmetik und Geogra-\nphie lehren kann; dass ferner in jeder Schule eine Orgel\nsei und auf jeder höheren Schule und Akademie ein Lehr-\nstuhl für Musik\" in diesen Wunsch stimmt gewiss\nJeder gern mit ein. Aber was sagen Sie zu Folgendem,\ndas ich Ihnen, um die hiesige Art und Weise zu charakte-\nrisiren, ebenfalls ausschreiben muss:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5079, "texte": "„Wenn in jeder Stadt, auf jedem Dorfe Musik in der\nSchule gelehrt wird, dann soll man bald die rühmenswer-\nthesten Erfolge sehen! Denn wir sind von der Natur mit\neben so guten Stimmen und mit eben so viel musicalischem\nSinne ausgestattet, als irgend ein anderes Volk. Es ist Un-\nsinn, anzunehmen, dass musicalische Bildung oder rnusica-\nlisches Talent von italiänischem Himmel oder deutschem\nSauerkraut und Lagerbier abhängig sei. Mit einer\nvolksmässigen und demokratischen musicalischen Erziehung,\ngefördert von der hebenden Kraft unserer freien Institutio-\nnen und der Thätigkeit des americanischen Geistes, werden\nwir am Ende alle Nationen auf der Welt eben so sehr an\nmusicalischer Bildung und Würdigung übertreffen, als wir\ndieses bereits an Reichthum natürlicher Hilfsquellen thun.\"\nNun, Glück auf die Fahrt, und vor allen Dingen hin-\nreichenden Proviant mitgenommen denn etwas lang\ndürfte sie doch bis zu jenem Ziele dauern, und „Sauer-\nkraut und Lagerbier\" sich dabei als ganz unentbehrlich\nzeigen!\nEine gewisse Eifersucht gegen die deutschen Musiker\nbricht an vielen Orten aus, und sie ist leider nicht nur\ndurch die Talente und Kenntnisse derselben, welche bei\nder Masse der Bevölkerung, so wie bei den wahren Kunst-\nfreunden die grösste Anerkennung finden, hervorgerufen,\nsondern auch durch das Leben und Treiben von Vielen\nunter ihnen, das ich bereits oben geschildert habe. Auch\nin den grösseren Städten des Küstenlandes kommt man-\nches vor, was vor strengerem Richterstuhle nicht bestehen\nkann, aber freilich durch den Geist des Landes und durch\ndie Notwendigkeit, Geld zu verdienen, entschuldigt wird.\nSo existirt z. B.Jn Boston ein deutscher Musik-Ver-\nein, welcher alle Sonnabende öffentliche Proben hält, wo-\nbei der geräumige Saal stets voll ist, und wo man auch\nwirklich gute Musik macht. Aber an ein aufmerksames\nPublicum ist nicht zu denken; auf 3300 Zuhörer kommen\n3000 Damen. Von diesen steht, wie ein etwas boshafter\nZeitungs-Artikel neulich sagte, die grosse Hälfte in zärt-\nlichem Verhältnisse mit den Orchester-Mitgliedern, „diesen\nglänzenden Geschöpfen mit den zierlichen Cravaten, flecken-\nlosen Westen und wunderbar weissen Händen, prächtigen\nBackenbärten, diesen Apollo-Gestalten, diesen Adepten der\nLiebe und Tonkunst\". Die andere Hälfte geht hin, um\ngute Freunde und Bekannte zu treffen und um sich den\nSpass anzusehen. Es ist eine angenehme Unterhaltungs-\nstunde, wo man anknüpft, fortspinnt und überhaupt sich\namusirt. Es gehört freilich eine grosse Resignation dazu,\num bei so fortwährendem Gedüster, Gewisper und Gekicher\nMendelssohn'sche Ouvertüren und Beethoven'sche Sinfo-\nnieen aufzuführen! Aber die Luft in America ist sehr an-\nsteckend hier zu Lande resignirt sich Alles und zu\nAllem, wenn's nur was einbringt.\nDass die eben erwähnten Aussendinge auch zum Be-\nsuche der Gesang-Vereine sowohl in Boston als in New-\nYork sehr viel beitragen, lässt sich nicht läugnen. Nament-\nlich in New-York sind die Bemühungen, Gesang-Vereine\naus wahrer Liebe zur Sache zusammen zu bringen, sehr\nlangsam im Fortschreiten und sehr oberflächlich in ihren\nErfolgen. Grosse Aufführungen von Cantaten und Orato-\nrien, wie in Deutschland und England, finden selten Statt\nund werden noch seltener anerkannt und richtig gewürdigt.\nDazu kommt, dass die Dilettanten eine grosse Scheu vor\ndem öffentlichen Auftreten haben; diese Scheu zu über-\nwinden, bemüht sich hier und da die Presse, aber meiner\nMeinung nach oft auf verkehrte Weise. Wenn z. B. ein\nmusicalischer Schriftsteller, dessen edles Streben offenbar\naus seinen Artikeln hervorgeht, unter Anderem ausruft:\n„Männer und Frauen ohne moralische Grundsätze, unfähig\nzu irgend einer religiösen Stimmung (!), welche im Theater\nund in der Oper Sonnabend-Nachts singen, sollen den Preis\ndes Herrn am Sonntag in der Kirche verkünden?\" —so\nist eine solche Herabsetzung der Künstler eine Herabwür-\ndigung der Kunst selbst, zumal bei einem americanischen\nPublicum, welches ohnehin von Sectirerei auf der einen\nund von Mangel an Kunstsinn auf der anderen Seite nur\nzu sehr in die Ansicht gedrängt wird, die Künstler als\nHanswürste zu betrachten, welche für Geld alle mögliche\nFaxen machen.\nDoch ich komme auf Erfreulicheres zurück, wovon\nich Sie besonders zu unterhalten mir vorgenommen hatte,\nnämlich auf die Lichtseite der musicalischen Zustände in\nden grossen Städten des Küstenlandes.\nDa ss unser Gold die höchsten Kunst-Berühmtheiten\nhieher zieht, und selbst die verwöhntesten Damen die See-\nkrankheit nicht scheuen, haben die Lind, die Sontag, die\nBosio, die Alboni, die Haves u. s. w. bewiesen. Das Vir-\n%)\ntuosenthum haben wir mit allen seinen Vorzügen und\nSchwächen, seiner künstlerischen Bedeutung und seinem\nmarktschreierischen Humbug sattsam kennen gelernt, und\nwer in dieser Beziehung hier noch dauernde und klingende\nAnerkennung finden will, muss wirklich ausgezeichnet sein.\nMit dem Imponiren durch äussere Mittel ist es vorbei. Un-\nversucht bleiben diese jedoch noch immer nicht. So er-\nblickte man diesen Winter an einem schönen Morgen An-\nschlagzettel an allen Ecken in New-York, auf denen nichts"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5130, "texte": "stand, als Gabrielle de Ja Molle,mit grossen rothen Buch-\nstaben. Diese Art von kolossaler Visitenkarte fiel auf, und\nin der That war der Name bald in Aller Munde, eben weil\nman nicht wusste, was er bedeuten sollte. Einige Tage\ndarauf wurde die Karte durch den Zusatz „Pianisle\" er-\ngänzt, und endlich erschienen noch die Zusätze: „Schülerin\nvon Marmontel, Thalberg, Liszt und Mendelssohn!\" Die\nDame ist eine gute Clavierspielerin; allein das ist dem neu-\nyorker Publicum nicht mehr genügend es will die besten\nKünstler haben. Alfred Ja eil und August Gockel,\nund von Violinisten 01 e Bull und der kleine Paul Julien\nhaben besser ihre Rechnung gefunden. Uebrigens wimmelt\nes stets von Concertgebern, welche Sie aber nicht interes-\nsiren können. Gockel hat mehrere Concerte mit Beifall\ngegeben, nur wirft ihm die Kritik mit Recht vor, „dass er\nden Zuhörern unglücklicher Weise eine traurige Folge von\neigenen Compositionen aufzwingt.\"\nDie Hauplträgerin der Orchester-Musik in NewAork\nist die philharmonische Gesellschaft, welche durch\nzahlreiche Mitglieder über bedeutende Geldmittel verfügt\nund deren Concerte Herr Eisfeld dirigirt. Das Orchester\nhat unter seiner Leitung ganz ausserordentliche Fortschritte\ngemacht, und man hört jetzt in diesen Concerten die Sin-\nfonieen und Ouvertüren der grossen deutschen Meister mit\neiner Präcision und Sicherheit ausführen, welche vor zehn\nJahren noch unmöglich gewesen wäre. Auch die Erzeug-\nnisse der Gegenwart werden nicht ganz zurückgesetzt;\ngleich das erste Concert brachte Hector Berlioz's\nOuvertüre zum König Lear und Spohr's Sinfonie „Die\nvier Jahreszeiten\". Für Berlioz suchte eine kleine Partei\ndas Publicum zu fanatisiren, was aber nicht gelang. Spohr's\nWerk hatte einen Succes d'cslime.\nDie philharmonische Gesellschaft gab ihre Concerte in\ndem ungeheuren Saale der Metro dies Gebäude\nwurde aber am 8. Januar binnen zwei Stunden ein Raub\nder Flammen. Bei dem furchtbaren Brande stand das Volk\nmüssig und verhehlte seine Freude über den Einsturz der\nMauern und Wände nicht im Geringsten. Woher diese Roh-\nheit? Galt der Volkshass der Kunst, oder dem Capital, oder\nder Versicherungs-Gesellschaft? Ich weiss es nicht. Nur\ndas ist gewiss, dass über die Entstehung des Feuers noch\nbis jetzt ein Geheimniss waltet. Die Concerte werden seit-\ndem im Tabernaclegegeben. Das letzte, am 4. März, hatte\nfolgendes Programm: Erster Theil: Sinfonie Nr 4 in B,\nOp. 20, von Niels W. Gade. Das Czaarenlied von A.\nLortzing, gesungen von Herrn Julius Schumann.\nConcerlino „Vergangenheit und Gegenwart'- für die Violine\nvon L. Spohr, Op. 110 Herr Joseph Burke.\nZweiter Theil: Ouvertüre zu Faust von L. Spohr. Ro-\nmanze und Ilondo vivace aus dem Clavier-Concerte in\nvon Chopin, Op. 1 1 Herr Richard II offmann. Arie\naus Paulus von Mendelssohn Herr J. Schumann.\nSinfonie in (7, Nr. 1, von Beethoven.\nUeber den gegenwärtigen Standpunkt und den Ton\nder hiesigen musicalischen Kritik werden Sie am besten ur-\ntheilen können, wenn ich Ihnen einen Auszug aus dem\nBerichte über dieses Concert in der Musical Review mit-\ntheile. Es heisst darin unter Anderem: „Die Ausführung\nder Orchesterstücke war ganz befriedigend. Die Sinfonie\ndes dänischen Componisten Gade ist voll von Schönheiten\nund geistvoller Erfindung; schade, dass jeder Satz so kurz\nist. In allen Compositionen, welche wir von ihm gehört ha-\nben, zeigt sich ein sehr gewandtes Talent für Form und\nInstrumentirung. Den grössten sinfonistischen Reiz des\nAbends brachte natürlich Beethoven, dessen einfach schönes\nWerk einen Genuss ohne allen Beigeschmack gab. Herr\nSchumann von Leipzig (?) trug das Czaarenlied gut vor mit\neiner kräftigen und wohlgebildeten Stimme, aber die Arie\ndes Paulus mit geringerem Erfolg. Er sang sie unrein und\nbrachte auch nicht immer den wahren Ausdruck zur Gel-\ntung. Wir rathen ihm, bei seinen Studien seine Gesichts-\nmuskeln besser zu beobachten, damit er vermeide, bei den\nhohen Noten Gesichter zu schneiden, als wenn der Geruch\nvon limburger Käse ihm in die Nase stiege. Spohr's „ »Ver-\ngangenheit und Gegenwart\"\" kann dem grossen Publicum\nnicht gefallen; das Stück ist theils zu gelehrt, theils zu iri-\nvial. Hoffmann bekundete durch den Vortrag von Chopin\neinen wahrhaft grossen Fortschritt in Reinlichkeit des Spiels\nund besonders in der Zartheit des Ausdruckes; wenn er\nauch noch nicht ganz das ätherische Element Chopin's er-\nreichte, so trug er ihn doch so reizend vor, dass eine Wie-\nderholung stürmisch verlangt wurde.\"\nFür das nächste Concert ist eine neue Sinfonie von\nFriedr. Schneider (in B)angekündigt, welche der ver-\newigte Meister express für die hiesige philharmonische Ge-\nsellschaft geschrieben, ihr gewidmet und kurz vor seinem\nTode zugesandt hat*).\n\n*) Wir erlauben uns, die americanische Presse zu ersuchen, bei\ndieser Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen, dass Fr.\nSchneider kein Vermögen hinterlassen, und dass sich in\nDessau ein Comite gebildet hat, um den Ertrag von Con-\nccrlen entgegen zu nehmen, welche zu dem Zwecke veran-\nstaltet werden, der Familie desselben das Eigenthum der land-\nlichen Besitzung zu sichern, auf welcher er seine letzten\nWerke geschrieben hat. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3388, "texte": "Die Gesellschaft hat im Publicum, besonders unter\n)\nden Patrioten, auch ihre Gegner, weil sie statutmässig nur\nCompositionen von bereits anerkanntem Rufe, also vorzüg-\nlich deutsche, aufführt Berlioz's Lcar-Ouverture war die\nerste Concession an die neu-romantische Schule —, und\nweil sie eben desshalb den americanischen Componisten\nnicht die Pforten ihres Heiligthumcs öffnet. Americanischen\nComponisten? werden Sie vielleicht mit Verwunderung\nausrufen. 0, wir haben deren bereits viele, welche nicht\nnur eine Menge von Liedern, Polkas und Walzern liefern,\nsondern auch Opern, Oratorien, Sinfonieen und Ouvertüren\nschreiben. Jullien, der bekanntlich mit seinem trefflichen\nOrchester hier eine Reihe von Concerten gegeben, hat diese\nStimmung zu benutzen verstanden und führte in einem be-\nsonderen Concerte Compositionen von den Herren Frv\nund Bristow auf. Beide, besonders der letztere, sind hier\nsehr geschätzte Musiker, allein sie hatten es bis dahin nicht\nzu einer öffentlichen Aufführung ihrer nur im Manuscript\nvorhandenen Orchester-Werke bringen können. Eine Ouver-\ntüre oder eine Sinfonie gar eine Oper „Leonora\", wie\nFry gethan in der Athmosphäre, die man zu New-York\nathmet, zu schreiben, dazu gehört Muth, und dieser ist je-\ndenfalls anzuerkennen. Von Genie kann bei beiden Compo-\nnisten nicht die Rede sein, aber Talent ist da.\nFry hat Ideen und Phantasie, aber er versieht weder\nseine Gedanken thematisch fortzuspinnen und durchzufüh-\nren, noch die Form gehörig zu handhaben. Dabei ist er\nauf dem falschen Wege der darstellenden, malenden Mu-\nsik; seine Sinfonie „Santa Clauss\" ist ein unglücklicher\nVersuch, ganz formlos, voll Reminiscenzen, ohne Einheit\nder Idee und des Stils. Diezweite, „Das gebrochene Ilerz\",\nzeigt einen Fortschritt und hat Einzelheiten, welche von\nschaffendem Talente zeugen. Bristow arbeitet gründlicher,\ner kennt und achtet die Gesetze der Form und instrumen-\ntirt eut; aber seine Erfindung ist matt.\nO 7 o\nDie C lassical Quartet Soirvon Eisfeld versam-\nmeln ein meist zahlreiches, stets elegantes und gebildetes\nPublicum. Man hört darin die Ouartette von Havdn, Mo-\n«J\nzart, Beethoven (auch die späteren, z. B. Nr. 10 in E\nin der letzten Versammlung am 12. März), Onslow u. s.\nw. Auch Ciavier-Musik ist nicht ausgeschlossen; ihre Aus-\nführung steht, indem das Piano meist von Dilettanten ge-\nspielt wird, zwar nicht auf derselben Höhe, lässt sich je-\ndoch ganz gut mit anhören. Zuweilen wird auch eine Arie\noder eine Ballade gesungen.\nIn Boston sind sogar zwei Quartett-Cirkel, welche\nebenfalls zahlreich besucht werden, der Mendelssohn-\nClub und die Quintett-Matineen unter Leitung des Violi-\nnisten Eckhardt.\nDie italiänische Oper in New-York, mit dem Un-\nternehmer Maretzek an der Spitze, ist nicht geradezu\nschlecht, kann aber doch den guten Geschmack keineswegs\nbefriedigen. Der Unternehmer hat diesen Winter, um das\newige Einerlei der Bellini und Donizelti zu unterbrechen,\nAuber's „Stumme\" und Meyerbeer's „Propheten\" auf die\nBühne gebracht. Die Aufführung der/Stummen war unter\naller Kritik, aber die Menge lief wegen der Ausstattung\nund des Ballettes hin. Der Prophet ging besser, hat aber\nnicht bedeutend gezogen. An deutsche Opern ist nicht zu\ndenken. Für grössere Gesang-Musik ist der Geschmack\nüberhaupt noch sehr im Argen. Oratorien werden selten\ngegeben und finden nur durch äussere begünstigende Ver-\nhältnisse ein Publicum.\n\nDr. F."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-15-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-15_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-04-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "116", "page_fin": "118", "image_debut": 4, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.2.2", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.4", "debut_caractere": 3390, "fin_caractere_exclue": 4949, "texte": "Wiener Briefe.\n\n[ltaliänische Oper Die Vestalin Veränderungen\nam Opern-Theater V iertes V er eins-Concer t Con-\ncerle der Frau Jenny Lind-Goldschmidt Schumann\nvon der gesunden Sinnlichkeit der Wiener nicht ver-\nabscheut Verein zur Unterstützung mittelloser\nTonkünstler Vermählungs-Festlichkeiten.]\nDen 9. April 1854.\n„0 Sonnenschein, o Sonnenschein, wie dringst du\nmir ins Herz hinein!\"— so sang neulich Jenny Lind und\nsprach damit die Stimmung aus, von welcher jetzt mehr\noder weniger jeder wohlorganisirte Mensch erfüllt ist. Die\nNatur erwacht zu neuem Leben, und wer sich ihr inner-\nlich nahe verknüpft fühlt, der zieht sich jetzt doppelt gern\nin sich selbst zurück, denn sie sprengt auch in ihm manche\nbisher verschlossene Knospe, und er (reut sich des Keimens\nund Blühens und stört es nicht gern. Darum bin ich auch\nconcert- und schreibemüde. Doch es gilt noch, zu sehen,\nwas die letzten Strahlen der winterlichen Sonne beleuchtet.\nSeit dem 1. April haben wir wieder itaüänische Oper.\nIch war noch nicht darin, freue mich aber schon im Vorn-\nf\nhinein auf die mir noch vom verllossenen Jahre her wohl\nerinnerliche, unvergleichliche Leistung der Medori als Norma.\nIm Uebrigen aber hört man bisher von der diesjährigen\nGesellschaft nicht das Rühmlichste. Die gestrige Vorstel-\nlung der Lucia di Lammermoor machte ein solches Fiasco,\ndass der erste Act ausgezischt, der zweite ausgelacht und\nder dritte vor einem leeren Hause abgesungen wurde. Die\nletzte That Cornel's war, wie ich Ihnen bereits geschrie-\nben, die Wiederaufnahme der „Vestalin\" von Spontini."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5307, "texte": "Wenn es seine Absicht war, wie man mit Bestimmtheit an-\na\nnehmen muss, die Oper durchfallen zu lassen, um sich die\noft ausgesprochene Mahnung an sie ein- für allemal vom\nHalse zu schaffen, so hat er dieselbe mit Hülfe einer derart\nin allen Theilen vernachlässigten und verpfuschten Auffüh-\nrung erreicht, wie ich mich einer solchen nicht leicht erin-\nnere. Zum Tadel des Einzelnen kommt man gar nicht, denn\ndie Leistung war aus Einem Gnss: das Orchester matt und\nfarblos, die Chöre schläfrig und distonirend, die Ausstattung\nerbärmlich. Herr Steger, der schon überhaupt nicht singen\nkann, sang den Licinius, Frau Herrmann-Czillag misshandelte\ndie Rolle der Oberpriesterin, Herr Beck, sonst wacker vor-\nwärts schreitend, sang den Lucullus [?] mit ganz modernem\nPathos. Am besten zog sich noch Frau Marlow aus der\nSchlinge, nur dass diese Julia ihrer ganzen Individualität zu\nheterogen ist, als dass ihr eine durchaus harmonische Lö-\nsung der Aufgabe möglich gewesen wäre. Kurz, die Oper\nwurde vollständig ruinirt; aber freilich muss man auch wis-\nsen, dass das Studium dieses Werkes mit drei Proben\nabgefertigt wurde, während man an Balfe's „ Keolanthe\"\nMonate lang kaute. Dennoch fühlte sich Director Cornet\ndurch den begreiflicher Weise sehr heftigen Tadel der hie-\nsigen Journale so indignirt, dass er zweien derselben für\ndie Zukunft die üblichen Freikarten entzog!! Diese neue\nErfindung, die Kritik für sich zu gewinnen, ist jedenfalls ori-\nginel. An der Opernbühne sind mehrere Veränderungen\nvorgefallen. Der Capellmeister Reuling wurde pensionirt\nund an seine Stelle ist Eckert, der bekanntlich jüngst die\nSontag auf ihrer Kunstreise in Nordamerica begleitete,\ngetreten. Welche Resultate hieraus entspringen werden,\nsteht zu erwarten. Frau Marlow ist bereits nach Stutt gart,\ndem Orte ihrer gegenwärtigen Bestimmung, abgereis't,\nStaudigl aber, der Nestor unserer Bühne, seit einem Mo-\nnate von derselben zurückgetreten.\nEinen grossen Scandal gab es mit unserem vierten\nYereins-Concert. Zur Aufführung in demselben war Men-\ndelssohns Paulus bestimmt. Man war auf dieses seit langen\nJahren nicht mehr gehörte Werk ungemein gespannt, das Stu-\ndium der Chöre war Monate lang vorbereitet, in den Proben\nging Alles vortrefflich da gefiel es plötzlich dem Director\nCornet, die Mitwirkung Erl's und Frl. Tietjens' nicht zu\ngestatten, weil dieselben am Abende des zur Aufführung\nbestimmten Tages in der Oper beschäftigt wären!! War\ndieses ein Act der Rache, oder wie soll man sonst ein sol-\nches geradezu unerhörtes Verfahren commentiren? Zu ver-\nwundern ist nur, dass man gar kein Auskunftsmittel dage-\ngen fand. Zwar wurden an der Stelle des Paulus ganz vor-\ntreffliche Werke geboten: Mozart's Sinfonie in D, Haydn's\nChor „Der Sturm\" aus dem Oratorium Tobias uud Men-\ndelssohn's J-<Jwr-Slnfonie, aber das war kein Ersatz für\njenes hochbedeutende, lang' ersehnte Werk. Sehr zu be-\ndauern ist es auch, dass der zweite Cyklus der Spirituel-\nConcerte nicht Statt findet, für welche höchst bedeutende\nWerke angesetzt waren, wie Händel's Messias, Einiges\nvon Lotti und Durantc, Schumann's Sinfonie in B u. A.\nWas die Leiter dieser Concerte zu solcher Sparsamkeit\neigentlich veranlasst haben mag, kann ich nicht recht ein-\nsehen ; doch gibt man als Hauptmotive die vorgerückte\nJahreszeit, das angeblich erschöpfte Interesse des Publi-\ncums, die Collision mit den Concerten der Lind und mit\nden letzten Quartett-Sitzungen, das Zusammentreffen mit\nden grossen Hochzeits-Feierlichkeiten der Residenz, und was\nweiss ich mehr! an. Mag sein, doch muss man das Factum\naufrichtig beklagen. Zu Wundern wäre es freilich nicht,\nwenn bei der Ueberfülle an Concerten, welche uns dieser\nWinter brachte, das Interesse selbst für die vorzüglichsten\nbereits ermattet wäre. Im Augenblicke aber hält es Jenny\nLind wacher als je. Bisher gab sie drei Concerte im k. k.\nGrossen Redoutensaale, und wer diesen Saal kennt, der\nweiss, was es bedeuten will, wenn ich sage: er war jedes\nMal bis in den letzten Winkel gefüllt. In dem ersten Con-\ncerte nun würde ich lügen, wenn ich behaupten wollte,\neinen wahrhaft wohlthuenden Eindruck von der gefeierten\nKünstlerin empfangen zu haben. Ihr Stimmfonds, obwohl\neigentlich nie glänzend und rein-schön, schien mir doch gar\nzu sehr herabgekommen, so dass dadurch die Wirkung je-\nder künstlerischen Intention beinahe paralysirt wurde, na-\nmentlich im getragenen Gesänge. Nur den Vortrag des\nTaubert'schen Liedes: „Ich muss nun einmal singen\", wel-\nches eigentlich kein Lied ist, muss ich ausnehmen. Hier,\nwo das Charakteristische, in genialer Aullassung ausgeprägt,\nvorwaltet, wo weniger die Stimme an sich als das in Be-\ntracht kommt, was aus ihr gemacht wird, und wo sie volle\nGelegenheit hat, die nur ihren Trillern und Läufern eigen-\ntümliche Poesie zu entfalten, hier waltete ein eigentüm-\nlicher, unabwehrbarer Zauber in ihrem Gesänge. Auch in\ndem zweiten Concerte wirkte sie zumeist durch den Vor-\ntrag eines „norwegischen Bergliedes,\" in dem , sie insbe-\nsondere durch den mehrmals wiederholten Hallohruf, in\nder Fassung eines grossen Septimsprunges, und durch die\nmerkwürdige Echo-Imitation berühmt ist. Sei es aber, dass\nihr Organ nur in den ersten Concerten weniger disponirt\nwar, oder dass man sich an die Eigentümlichkeit desselben\nimmer erst gewöhnen muss, in dem dritten Concerte fiel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4210, "texte": "mir eine Mangelhaftigkeit desselben gar nicht mehr auf, und\nin dem wunderbar schönen Vortrage der Arie: „Und ob\ndie Wolke sie verhülle\", aus dem Freischütz, gewährte sie\nmir den reinsten, ungetrübtesten Genuss. Die eigentüm-\nlichste Wirkung aber erreicht sie doch immer mit jener\nCompositions-Gattung, die an das Phantastische, Ungebun-\nden-Naturalistische oderMarottenarlige streift; denn in dem\nVortrage solcher Sachen, die bei jeder anderen Sängerin\nzur blossen Künstelei würden, die sich bei ihr aber zu wirk-\nlich poetischer Gestaltung krystallisiren, ist sie gerade ein-\nzig und unnachahmlich. Das einfache Lied will ihr jetzt\nnicht mehr so gelingen, ihre Stimme scheint sich in dem\nengen Räume nicht mehr genug zusammenhalten zu können.\nDoch muss ich den schönen, zarten Vortrag des Schumann'-\nschen Liedes „An den Sonnenschein\" und des Taubert'-\nschen Wiegenliedes ausnehmen, bei dem auch das Gedicht\nvon Reinick allerliebst ist. Herr Goldschmidt, ihrGatle,\nbewährt sich im Ganzen als ein recht tüchtiger Pianist,\nwenn auch ohne hervorstechende Eigentümlichkeit, der\nzugleich einer achtbaren Richtung zu huldigen scheint, denn\nsein Programm setzte sich bisher zumeist aus Mendelssohn,\nWeber, S. Bach, Chopin zusammen. Das Publicum freilich,\nganz durch seinen Cultus für die Gattin in Anspruch ge-\nnommen, schenkt ihm nur geringe Theilnahme, und die\nKritik vergleicht sein Verhältniss zu ihr nicht unpassend\nmit dem des Prinzen Albert zur Königin Victoria.\nStock hausen hat unter fortwährend gleicher Theil-\nnahme des Pubücums fünf Concerte gegeben. Die schönsten\nErfol se hatte er mit Schubert'schen und Schumann'schen Lie-\nO\ndern, welche beide Meister nie auf seinem Repertoire fehl-\nten und stets von Seiten des Pubücums ein begeislertes\nEntgegenkommen fanden. Der geehrte Verfasser jenes Ar-\ntikels, welcher in Nr. 13 Ihrer Zeitschrift unter dem Titel;\n„Ueber Musik-Literatur\", enthalten war, muss daher unsere\ngegenwärtigen Verhältnisse durchaus nicht kennen und da-\ndabei das Wien im Auge gehabt haben, wie es vor Jahren\nwohl gewesen, denn sonst hätte er unmöglich sagen kön-\nnen, „die gesunde Sinnlichkeit des Wieners verabscheue\nSchumann,\" da doch die Geschichte des vorjährigen und dies-\njährigen Winters den entschiedensten Gegenbeweis liefert *).\nHeute, als am Palmsonntage, und morgen wird von\nder Pensions-Gesellschaft der Tonkünstler-Witwen und\nWaisen, „umeinem lange gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen,\"\nHaydn's Schöpfung aufgeführt. Eben diese Gesellschaft hat,\nin Erwägung, dass nicht nur die Witwen und Waisen, son-\ndern gelegentlich auch die Musiker selbst unterstützungs-\nbedürftig sind, dieser Tage einen Aufruf zur Gründung eines\nVereins ergehen lassen, durch dessen Mittel vermögenslose\nund erwerbsunfähig gewordene Tonkünstler für den äusser-\nstenNothfall gedeckt werden sollen, ein löbliches Unter-\nnehmen, dem man das beste Gedeihen wünschen muss. Das\nAusmaass dieses Nothpfennigs soll auf jährlich 300 Fl. ge-\nbracht werden; der Jahresbeitrag der unterstützenden Mit-\nglieder ist auf mindestens G Fl. festgestellt, wozu die grün-\ndenden Mitglieder noch ein- für allemal 10 Fl. einzahlen.\nDie Kunst geht allmählich auf Ferien und zieht sich\nin den Kreis stillen Schaffens zurück. In dieser Woche, als\nder Oslerwoche, sind alle Theater geschlossen, Concerte\nfinden nicht Statt; in der nächsten aber werden die grossen\nVermählungs-Feierlichkeiten die ganze Stadt beschäftigen,\nzu welchen indess auch die Kunst in mannigfacher Gestalt\nihr Contingent stellen wird. So wird man unter Anderem\nder allerhöchsten Kaiserbraut ein Poeten- und ein Compo-\nnisten-Album überreichen, bei welcher Gelegenheit es in-\nteressant ist, zu erfahren, dass es in Wien über 100 Dich-\nter und 83 Componisten gibt. Welcher Segen!\n*/ Dass in dem angezogenen Artikel in Nr. 13 von der Vergan-\ngenheit in Wien die Hede ist, nicht von der Gegenwart, geht\nÜIIS dein Zusammenhang und den Beziehungen des ganzen\nArtikels deutlich hervor. Uebrlgens stimmt unser geehrter\nHerr Correspondent in Wien ja mit der Ansicht des \\ erfas-\nsers vollkommen überein, wenn er in seinem letzten Berichte\naus Wien (in Nr. 12, welchen übrigens selbstredend Herr K.\nnoch gar nicht gelesen haben konnte) sagt: „Jeizt wird aller\n\nB."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-15-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-15_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-04-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "118", "page_fin": "120", "image_debut": 6, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.2.3", "titre_corps": "Londoner Briefe.", "titre_sommaire": "Londoner Briefe.", "signature_source": "C. A", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.6", "debut_caractere": 4212, "fin_caractere_exclue": 5086, "texte": "Londoner Briefe.\n\nDen 8. April 1854.\nIm schwarzen Meere und in der Ostsee der schrille\nTon der Hochbootmanns-Pfeife, geladene Geschütze, kampf-\nlustige Matrosen hier in London Prima Donnen, die sich\nzum Debüt räuspern, Viriuosen, die ihre Instrumente stim-\nmen, Kritiker, die ihre Federn spitzen der Anfang der\nmusicalischen Saison. Wir fürchten, sie wird diesmal nicht\nglänzend werden. Der englische Philister pflegt zwar mit\neinem gewissen Stolze zu erzählen, dass man selbst zur\nZeit der grossen französischen Kriege in London sehr we-\nnig vom Kriege spürte, dass drüben über dem Canal mit\nenglischem Gelde gefochten wurde, die londoner Saisons\niedoch so regelrecht ihren Jahres-Cursus durchmachten,\no\n\nOrlen von Schumann gesprochen u s. w. Die Welt\" (das\nheisst doch wohl die wiener Welt) „gibt damit nur einen\nneuen Beweis ihrer Trägheit und Stumpfheit.\"\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5115, "texte": "wie ein ehrsamer Studiosus in Oxford. Wir sehen indessen\nschon heute, wo es von englischer Seite noch zu keinem\nSchusse gekommen ist, dass der Philister eine Albernheit\nbehauptet hat, die nicht einmal das Verdienst für sich in\nAnspruch nehmen kann, wahr zu sein. Allerdings wird\nman den Sommer über hier die alten Pilgerlahrten in den\nConcertsaal und in die italienische Oper nicht aufgeben;\ndie Salons der feinen Welt sind Janus-Tempel und werden\noffen bleiben, aber man merkt es schon heute, dass die\n„saisonable\" Lustigkeit sich eines deutlichen Anfluges ganz\nrichtig motivirter Düsterkeit nicht erwehren kann. Es tanzt\nsich nicht gut, wenn Vater, Bruder oder Bräutigam in die\nSchlacht gezogen ist. Und kommt es erst wirklich zu einem\nbedeutenden Schlagen, und erscheinen erst die Todtenlisten\nder gefallenen Officiere in der Zeitung, dann kleidet sich\ndie eng mit einander verschwägerte Aristokratie des Landes\ngar rasch in Trauer und zieht sich aus dem geschäftigen\nLärm der Saison in die Einsamkeit ihrer Stadt- und Land-\nhäuser zurück. Früher oder später muss es so kommen;\ndarum glauben wir den Künstlern, die in diesem Sommer\nherüberkommen, keine reiche Aernte prophezeien zu kön-\nnen. Möglich, dass wir uns irren. Ein Irrthum in dieser Be-\nziehung wäre erquicklich. Vernünftige Menschen müssen\nauf Alles gefasst sein, selbst aufs Beste. Einstweilen sind\ndie Aussichten trübe. Das hat alles der Mentschikoff gethan.\nNach dieser kassandrischen Weissagung wenden wir\nuns dem Berichte von Thatsachen zu. Die italiänische Oper\nin Coventgarden hat am 1. April begonnen. Rossini's Wil-\nhelm Teil, der nach vielen gescheiterten Versuchen erst seit\nder vorigen Saison Gnade vor den Ohren des englischen\nPublicums gefunden hat, war zur Eröffnungs-Oper auserko-\nren worden und hatte ein zahlreiches, wenn auch nicht\nenthusiastisches Publicum angezogen. Die ungebürlich kalte\nAufnahme fällt nicht den beschäftigten Künstlern, sondern\nder Stimmung des Hauses zur Last. Das zeigte sich am\ndeutlichsten beim Absingen der National-Hymne, deren ein-\nzelne Strophen mit unvergleichlich grösserer Wärme als\ndie glänzendsten Stellen der Oper aufgenommen wurden.\nUnd doch war die Besetzung des Teil beinahe dieselbe, wie\nim vorigen Jahre, wo er zum ersten Male in London volle\nHäuser machte. Wir vermissten bloss die Castellan und\nHerrn Formes, der zum ersten Male nach einer längeren\nReihe von Jahren dem Theater von Coventgarden untreu\ngeworden ist; dafür hat uns das feindliche Petersburg und\ndas neutrale Wien in Mlle. Maray eine liebenswürdige,\ntalentvolle Prima Donna gesandt, die noch zeitig genug von\nPetersburg abgereis't ist, um nicht als gute Prise irgend\neinem Admiralitäts-Gerichle zu verfallen, ihre Erscheinung,\nihr Spiel und ihre sanfte, schöne Stimme machten einen\nwohlthätigen Eindruck; ihr Debüt war ein glückliches, und\ndie gesammte Kritik weiss ihr nur den einen Vorwurf zu\nmachen, dass sie den Rossini gar zu oft ins Maray'sche über-\ntrug, was man aus gerechter Ehrfurcht für den Meister\nnicht dulden will. Da dieses jedoch der einzige und über-\neinstimmende Vorwurf unserer in musicalischen Dingen ziem-\nlich strengen Kritik ist, so wird ihn Mlle. Maray künftig\nleicht vermeiden können. Für jetzt ist sie die Heldin der\nOper; sie wird um diesen Ehrenposten bald mit älteren\nBerühmtheiten, der Grisi und Viardot, und mit dem gros-\nsen theuren Stern der französischen Oper, mit der Cruvelli,\nzu kämpfen haben.\nVon fremden Künstlern von bedeutendem Rufe sind\nbis jetzt nur wenige angekündigt, und doch ist es schon\nspät in derZeit; mit Gewissheit können wir, wie es scheint,\nnur auf den kölner Männergesang-Verein, dessen\nWiedererscheinen wir seinen grossen Erfolgen im vorigen\nJahre und Herrn Mitchells Unternehmungsgeist verdanken,\nauf Ernst und Wilhelmine Clauss rechnen.\nAn grossen Concert-Aufführungen hat es übrigens\nselbst im Winter nicht gefehlt. In wurden fast\nallwöchentlich Oratorien gegeben. Daneben hat sich die\nUnternehmung des Herrn Hu 11 ah, Dirigenten eines Ge-\nsang-Vereins, welcher in St. Martin zu mässigen Ein-\ntrittspreisen ebenfalls Oratorien aufführt, emporgeschwun-\ngen. Chor und Orchester sind daselbst zahlreich und im\nGanzen gut besetzt, und wenn man auch in den Solis keine\nBerühmtheiten hört, worauf freilich der Engländer sonst\ngrosse Stücke hält, so geht man doch hin, weil man sich\nda gemüthlicher und nicht in der mannigfach beengenden\naristokratischen Sphäre fühlt.\nDie beiden philharmonischen Gesellschaften,\ndie alte und die neue, sind mit ihren Concerten auch be-\nreits in vollem Gange. Die ältere brachte in ihrem letzten\n(am 3. April) Spohr's Sinfonie „Die Weihe der Töne\"\nzur Aufführung. Dieses Werk war dem Publicum nicht\nneu; es ist schon dreimal in früheren Jahren gegeben wor-\nden, hat aber niemals einen glänzenden Erfolg gehabt; die\nin allen Dingen sehr praktischen Engländer stossen sich\ngleich im Anfange an „das tiefe Schweigen der Natur vor\nErschaffung des Tones\", welches durch Töne ausgedrückt\nwerden soll; und erscheint ihnen einmal etwas abge-\nschmackt oder lächerlich, so lassen sie auch dem Besseren,\ndas nachfolgt, selten Gerechtigkeit widerfahren."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1105, "texte": "Ausserdem wurden von Orchestersachen in demselben\nConcerte noch aufgeführt Che rubini's Ouvertüre zu\nAnakreon, Beethoven's achte Sinfonie in und Men-\ndelssohns Ouvertüre „ Meeresstille und glückliche Fahrt\".\nNehmen Sie dazu noch, dass Halle das (r-dur-Concert\nfür Piano und Orchester von Beethoven vortrug, und\nzwar ganz vorzüglich brav und mit dem grössten Beifall\n(nur die Cadenz war etwas zu lang und nicht gehaltvoll\ngenug), so werden Sie gestehen, dass man für sein Geld\nhier genug zu geniessen bekommt. Formes sang Mo-\nzart's „In diesen heiligen Hallen\" und mit Miss Bircli\nein Duett aus Agnese von Paer. Letztere sang auch noch\neine Arie mit Recitativ aus Webers „Jehovah's Preis\",\nwelche mir ganz unbekannt war; es ist eine schwache\nComposition.\nDas Orchester der neuen philharmonischen Gesell-\nschaft dirigirt Lintpaintner in Auch\nda wurde am 5. April Beethoven's achte Sinfonie sehr\npräcis und geistvoll ausgeführt, ferner eine Ouvertüre von\nLintpaintner und Sterndale Ben ne 11' s Najaden.\nErnst spielte das Violin-Concert von Mendelssohn;\nForm es, die Caradori und die Sedlatzek sangen.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-15-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-15_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-04-15_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "120", "page_fin": "120", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.8", "debut_caractere": 1107, "fin_caractere_exclue": 5379, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Fräulein Jenny Ney hat drei Gastrollen gegeben:\nValentine, Donna Anna und Norma. Wenn eine seltene Naturgabe\nund eine vollendete Ausbildung derselben, wenn die Vereinigung\nvon Stimme und Technik, so dass sich jene zu nichts versagt, was\ndiese fordert, und diese durch gründlichste Schule aus jener ein\nwirkliches Kunst-Organ gemacht hat, die Bedingungen sind, welche\neine Sängerin auf die Höhe der Kunst stellen, so kann Jenny Ney\nauf den Buhm, gegenwärtig die erste Sängerin Deutschlands zu\nheissen, mit Becht Anspruch machen. Wir stellen allerdings Jo-\nhanna Wagner an Genialität und als Darstellerin im musicalischen\nDrama höher, aber als Sängerin wird sie an Umfang der natür-\nlichen Mittel und vollends an Virtuosität von der Ney übertroffen.\nDabei hat die letztere auch als Darstellerin seit ihrer Anstellung in\nDresden ausserordentlich gewonnen, und in den Hugenotten wie in\nder Norma waren Spiel und Gesang gleich bewundernswert^.\nHerr Beck trat mit ihr zugleich im Don Juan als Don Juan,\nin der Norma als Orovist auf, und bewährte in beiden Rollen das\nUrtheil, welches wir in der vorigen Nummer ausgesprochen haben.\nEndlich hörten wir einmal wieder einen Don Juan, der jeden Ton\nund jedes Wort der Partitur brachte und das mit Klang, einen\nDarsteller, der den Don Juan sang, nicht bloss sprach und spielte.\nWie wohlthuend wirkte das weiche Metall seiner Stimme, nament-\nlich in allen Ensemblestücken! Durch die gewissenhafteste Präcision\nim Vortrage trat einmal wieder die meisterhafte musicalische Cha-\nrakteristik Mozart s recht ans Licht. Von dem mitwirkenden Per-\nsonal unserer Bühne verdienten Herr Schmidt als Leporello und\nHerr Krön als Ottavio rühmende Anerkennung; die Elvira hin-\ngegen hat Fräulein Marschalk früher viel befriedigender gesun-\ngen es mochte sein, dass die erdrückende Grösse der Donna\nAnna sie befangen machte.\nAm 2 April ward in Gotha die neue Oper des Herzogs von\nSachsen-Coburg-Gotha „Santa Chiara\", unter Direction von Franz\nLiszt, mit grossem Beifall zu:n ersten Mal aufgeführt.\nOera, 3. April. In voriger Woche hatten wir einen seltenen\nKunstgenuss. Es wurde nämlich am 29. März „Die Schöpfung\" von\nHaydn durch den hiesigen musicalischen Verein unter Leitung des Mus.-\nDir. Tschirch ausgeführt. Die Solo-Partieen waren durch geschätzte\nauswärtige Künstler und Dilettanten würdig vertreten. Die durch\nVereinsglieder ausgeführten Chöre wurden mit Kraft, Sicherheit\nund Präcision zu Gehör gebracht. Wenn auch die Leistungen des\naus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzten Orchesters\nmitunter zu wünschen übrig liessen, so wusste doch der wackere\nDirigent das Ganze mit Energie und Umsicht zu leiten und den\ngünstigen Total-Eindruck bei dem sehr zahlreichen Auditorium zu\nerhalten. Der gedachte Verein hat das zweite Jahr seines regen\nWirkens beendigt und mit der Aufführung der „Schöpfung\" sich bei\nder hiesigen musicalischen Welt um so grösseres Verdienst erworben,\nje seltener uns derartige grössere classische Werke vorgeführt werden.\nAm 28. März starb in Zwickau der junge hoffnungsvolle\nComponist und Musiklehrer W. A. Metzler, im Alter von 22\nJahren.\nFräulein La Grua hat bei ihrer Contract-Erneuerung in Wien\ndie bescheidene Forderung von 20,000 Gulden C.-M. jährlicher\n(läge auf zehn Jahre, mit zweimonatlichem Urlaub und Pensions-\nBerechtigung gestellt aber nicht bewilligt erhalten.\nUeber Rubini's Begräbniss meldet die Zeitung von Bergamo\nfolgende Einzelheiten: „Der Sarg war mit schwarzem goldgesticktem\nSammt bedeckt, darüber her war die Uniform des General-Directors\nder kaiserlichen Gesangschulc gebreitet, zu welcher Würde der\nCzaar den Sänger ernannt hatte. Ferner sah man die Decoration\ndes Ernestinischen Ilausordcns von Sachsen, die grosse Verdienst-\nMedaille des russischen Andreas-Ordens mit Brillanten, die goldene\nVerdienst-Medaille vom Könige von Preussen, den Kranz von mas-\nsivem Golde mit Diamanten das prachtvolle Geschenk des Pe-\ntersburger Adels. Ueber der Thür der Kirche, wo die Exequien\ngefeiert wurden, las man die Inschrift: „„Die Armen segnen dein\nAndenken, weil du den ehrenvoll erworbenen Reichthum wie ein\nVater anwendetest, ihre Noth zu lindern.\"\"\nFräulein W. Claussist in Paris angekommen, von wo sie\nnach kurzem Aufenthalt nach London gehen wird."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "113", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.1", "texte": "Musicalische Zustände in den Vereinigten Staaten\nvon Nordamerica.\n\nII.\n(S. Nr. 14.)\nDie Möglichkeit für den Fremden, sich als Musiklehrer\nim Innern der Staaten niederzulassen und Vermögen zu\nerwerben, liegt in dem Mangel an einheimischen Künstlern\nin den westlichen Staaten und in den hohen Preisen, welche\nfür die Lehrstunden bezahlt werden. Wundern werden Sie\nSich vielleicht darüber, dass in America, wo Alles nur auf\nGelderwerb zielt, die Musiker des Landes die Gelegenheit\nnicht nutzen, selber die Städte des Binnenlandes auszu-\nbeuten, dass sie fast ohne Concurrenz, welcher doch hier\nAlles anheimfällt, den Ausländern die reiche Aernte über-\nlassen. Allein alle, die nur irgend etwas in einer Kunst\nleisten oder zu leisten glauben, drängen sich in die grossen\nStädte des Küstenlandes, namentlich in New-> York, Boston\nund Philadelphia, zusammen, und es ist damit hier gerade\nso, wie in Frankreich, wo eine Menge von Künstlern es\nvorzieht, lieber in Paris kümmerlich zu leben oder zu ver-\nhungern, als in der Provinz ein reichliches Auskommen zu\nsuchen.\nUnd dann fehlt es freilich an Musiklehrern überhaupt,\nd. h. an einiger Maassen tüchtigen, um dem Bedürfnisse zu\ngenügen, und die Americaner gestehen selbst ein/ dass im\nAllgemeinen der musicalische Unterricht von den Fremden\nabhängig ist. Vor 28 Jahren that die Stadt Boston die\nersten Schritte zur Förderung der Kunst durch die Grün-\ndung einer Akademie der Musik, welche seitdem den\nZweck, Musiker und Musiklehrer zu bilden, mit Eifer und\nGlück verfolgt hat. Dieses ist aber auch die einzige musi-\ni\ncalische Lehranstalt in den Vereinigten Staaten, welche\ndiesen Namen nach europäischen Begriffen verdient, und\nwelche wirklich etwas leistet. Seit 1838 ist in derselben\nStadt der Gesang-Unterricht auch in den Schulen eingeführt\nworden; aber leider hat dieses gute Beispiel noch wenig\nNachahmung gefunden.\nDie städtischen Behörden von Boston haben sich stets\nsehr bereitwillig zur Unterstützung der Sache gezeigt. Der\nGesang-Unterricht wird in neunzehn Schulen ertheilt, und\ndie Stadt verwendet zur Besoldung der Lehrer, Anschaf-\nfung der Hülfsmittel zum Unterrichte u. s. w. jährlich\n2500 Dollars. Es sind fünf Lehrer dafür angestellt; sie\nwerden vom Committee on Musigeprüft und ernannt, das\nGehalt eines jeden beträgt 125 Dollars jährlich. Sie sind\nverpflichtet, in jeder Schule wöchentlich je zwei Lectionen,\njede von dreissig Minuten, zu geben und eine echt\namericanische Bestimmung für ein Piano zur Begleitung\nselbst zu sorgen. Bis jetzt ist der formelle Nutzen dieser\nEinrichtung, die Weckung und Nährung des musicalischen\nSinnes, für bedeutender anzuschlagen, als der materielle\nErfolg. Die Jugend behält die Liebe oder wenigstens die\nLiebhaberei an der Kunst, auch wenn sie die Schulen ver-\nlassen hat, und so besitzt Boston jetzt drei grosse Ge-\nsang-Vereine, von denen zwei 300 Mitglieder ein jeder\nzählen, die sich aus den Schulen stets ergänzen.\nDass der Americaner an dergleichen Anfänge sanguini-\nsche Hoffnungen auf die Zukunft knüpft, kann man ihm\nnicht verargen, der da täglich sieht, wie in so vielen ande-\nren Hinsichten hier in fünf bis zehn Jahren sich Dinge voll-\nenden, wozu Europa halbe Jahrhunderte brauchte. Nur\nvergisst er, dass es mit dem geistigen Fortschritte eine an-\ndere Sache ist, als mit dem materiellen und industriellen!\nIn den Wunsch, der in der neuesten Nummer der new-\nyorker Musical Review, herausgegeben von den Gebrudern\nMason, ausgesprochen wird: „Wir hoffen es zu erleben,\ndass jeder Schullehrer verpflichtet werde, Musik-Unterricht\nzu geben, und dass keiner für anstellungsfähig erklärt wird,\nder nicht eben so gut Gesang als Arithmetik und Geogra-\nphie lehren kann; dass ferner in jeder Schule eine Orgel\nsei und auf jeder höheren Schule und Akademie ein Lehr-\nstuhl für Musik\" in diesen Wunsch stimmt gewiss\nJeder gern mit ein. Aber was sagen Sie zu Folgendem,\ndas ich Ihnen, um die hiesige Art und Weise zu charakte-\nrisiren, ebenfalls ausschreiben muss:"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "114", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.2", "texte": "„Wenn in jeder Stadt, auf jedem Dorfe Musik in der\nSchule gelehrt wird, dann soll man bald die rühmenswer-\nthesten Erfolge sehen! Denn wir sind von der Natur mit\neben so guten Stimmen und mit eben so viel musicalischem\nSinne ausgestattet, als irgend ein anderes Volk. Es ist Un-\nsinn, anzunehmen, dass musicalische Bildung oder rnusica-\nlisches Talent von italiänischem Himmel oder deutschem\nSauerkraut und Lagerbier abhängig sei. Mit einer\nvolksmässigen und demokratischen musicalischen Erziehung,\ngefördert von der hebenden Kraft unserer freien Institutio-\nnen und der Thätigkeit des americanischen Geistes, werden\nwir am Ende alle Nationen auf der Welt eben so sehr an\nmusicalischer Bildung und Würdigung übertreffen, als wir\ndieses bereits an Reichthum natürlicher Hilfsquellen thun.\"\nNun, Glück auf die Fahrt, und vor allen Dingen hin-\nreichenden Proviant mitgenommen denn etwas lang\ndürfte sie doch bis zu jenem Ziele dauern, und „Sauer-\nkraut und Lagerbier\" sich dabei als ganz unentbehrlich\nzeigen!\nEine gewisse Eifersucht gegen die deutschen Musiker\nbricht an vielen Orten aus, und sie ist leider nicht nur\ndurch die Talente und Kenntnisse derselben, welche bei\nder Masse der Bevölkerung, so wie bei den wahren Kunst-\nfreunden die grösste Anerkennung finden, hervorgerufen,\nsondern auch durch das Leben und Treiben von Vielen\nunter ihnen, das ich bereits oben geschildert habe. Auch\nin den grösseren Städten des Küstenlandes kommt man-\nches vor, was vor strengerem Richterstuhle nicht bestehen\nkann, aber freilich durch den Geist des Landes und durch\ndie Notwendigkeit, Geld zu verdienen, entschuldigt wird.\nSo existirt z. B.Jn Boston ein deutscher Musik-Ver-\nein, welcher alle Sonnabende öffentliche Proben hält, wo-\nbei der geräumige Saal stets voll ist, und wo man auch\nwirklich gute Musik macht. Aber an ein aufmerksames\nPublicum ist nicht zu denken; auf 3300 Zuhörer kommen\n3000 Damen. Von diesen steht, wie ein etwas boshafter\nZeitungs-Artikel neulich sagte, die grosse Hälfte in zärt-\nlichem Verhältnisse mit den Orchester-Mitgliedern, „diesen\nglänzenden Geschöpfen mit den zierlichen Cravaten, flecken-\nlosen Westen und wunderbar weissen Händen, prächtigen\nBackenbärten, diesen Apollo-Gestalten, diesen Adepten der\nLiebe und Tonkunst\". Die andere Hälfte geht hin, um\ngute Freunde und Bekannte zu treffen und um sich den\nSpass anzusehen. Es ist eine angenehme Unterhaltungs-\nstunde, wo man anknüpft, fortspinnt und überhaupt sich\namusirt. Es gehört freilich eine grosse Resignation dazu,\num bei so fortwährendem Gedüster, Gewisper und Gekicher\nMendelssohn'sche Ouvertüren und Beethoven'sche Sinfo-\nnieen aufzuführen! Aber die Luft in America ist sehr an-\nsteckend hier zu Lande resignirt sich Alles und zu\nAllem, wenn's nur was einbringt.\nDass die eben erwähnten Aussendinge auch zum Be-\nsuche der Gesang-Vereine sowohl in Boston als in New-\nYork sehr viel beitragen, lässt sich nicht läugnen. Nament-\nlich in New-York sind die Bemühungen, Gesang-Vereine\naus wahrer Liebe zur Sache zusammen zu bringen, sehr\nlangsam im Fortschreiten und sehr oberflächlich in ihren\nErfolgen. Grosse Aufführungen von Cantaten und Orato-\nrien, wie in Deutschland und England, finden selten Statt\nund werden noch seltener anerkannt und richtig gewürdigt.\nDazu kommt, dass die Dilettanten eine grosse Scheu vor\ndem öffentlichen Auftreten haben; diese Scheu zu über-\nwinden, bemüht sich hier und da die Presse, aber meiner\nMeinung nach oft auf verkehrte Weise. Wenn z. B. ein\nmusicalischer Schriftsteller, dessen edles Streben offenbar\naus seinen Artikeln hervorgeht, unter Anderem ausruft:\n„Männer und Frauen ohne moralische Grundsätze, unfähig\nzu irgend einer religiösen Stimmung (!), welche im Theater\nund in der Oper Sonnabend-Nachts singen, sollen den Preis\ndes Herrn am Sonntag in der Kirche verkünden?\" —so\nist eine solche Herabsetzung der Künstler eine Herabwür-\ndigung der Kunst selbst, zumal bei einem americanischen\nPublicum, welches ohnehin von Sectirerei auf der einen\nund von Mangel an Kunstsinn auf der anderen Seite nur\nzu sehr in die Ansicht gedrängt wird, die Künstler als\nHanswürste zu betrachten, welche für Geld alle mögliche\nFaxen machen.\nDoch ich komme auf Erfreulicheres zurück, wovon\nich Sie besonders zu unterhalten mir vorgenommen hatte,\nnämlich auf die Lichtseite der musicalischen Zustände in\nden grossen Städten des Küstenlandes.\nDa ss unser Gold die höchsten Kunst-Berühmtheiten\nhieher zieht, und selbst die verwöhntesten Damen die See-\nkrankheit nicht scheuen, haben die Lind, die Sontag, die\nBosio, die Alboni, die Haves u. s. w. bewiesen. Das Vir-\n%)\ntuosenthum haben wir mit allen seinen Vorzügen und\nSchwächen, seiner künstlerischen Bedeutung und seinem\nmarktschreierischen Humbug sattsam kennen gelernt, und\nwer in dieser Beziehung hier noch dauernde und klingende\nAnerkennung finden will, muss wirklich ausgezeichnet sein.\nMit dem Imponiren durch äussere Mittel ist es vorbei. Un-\nversucht bleiben diese jedoch noch immer nicht. So er-\nblickte man diesen Winter an einem schönen Morgen An-\nschlagzettel an allen Ecken in New-York, auf denen nichts"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "115", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.3", "texte": "stand, als Gabrielle de Ja Molle,mit grossen rothen Buch-\nstaben. Diese Art von kolossaler Visitenkarte fiel auf, und\nin der That war der Name bald in Aller Munde, eben weil\nman nicht wusste, was er bedeuten sollte. Einige Tage\ndarauf wurde die Karte durch den Zusatz „Pianisle\" er-\ngänzt, und endlich erschienen noch die Zusätze: „Schülerin\nvon Marmontel, Thalberg, Liszt und Mendelssohn!\" Die\nDame ist eine gute Clavierspielerin; allein das ist dem neu-\nyorker Publicum nicht mehr genügend es will die besten\nKünstler haben. Alfred Ja eil und August Gockel,\nund von Violinisten 01 e Bull und der kleine Paul Julien\nhaben besser ihre Rechnung gefunden. Uebrigens wimmelt\nes stets von Concertgebern, welche Sie aber nicht interes-\nsiren können. Gockel hat mehrere Concerte mit Beifall\ngegeben, nur wirft ihm die Kritik mit Recht vor, „dass er\nden Zuhörern unglücklicher Weise eine traurige Folge von\neigenen Compositionen aufzwingt.\"\nDie Hauplträgerin der Orchester-Musik in NewAork\nist die philharmonische Gesellschaft, welche durch\nzahlreiche Mitglieder über bedeutende Geldmittel verfügt\nund deren Concerte Herr Eisfeld dirigirt. Das Orchester\nhat unter seiner Leitung ganz ausserordentliche Fortschritte\ngemacht, und man hört jetzt in diesen Concerten die Sin-\nfonieen und Ouvertüren der grossen deutschen Meister mit\neiner Präcision und Sicherheit ausführen, welche vor zehn\nJahren noch unmöglich gewesen wäre. Auch die Erzeug-\nnisse der Gegenwart werden nicht ganz zurückgesetzt;\ngleich das erste Concert brachte Hector Berlioz's\nOuvertüre zum König Lear und Spohr's Sinfonie „Die\nvier Jahreszeiten\". Für Berlioz suchte eine kleine Partei\ndas Publicum zu fanatisiren, was aber nicht gelang. Spohr's\nWerk hatte einen Succes d'cslime.\nDie philharmonische Gesellschaft gab ihre Concerte in\ndem ungeheuren Saale der Metro dies Gebäude\nwurde aber am 8. Januar binnen zwei Stunden ein Raub\nder Flammen. Bei dem furchtbaren Brande stand das Volk\nmüssig und verhehlte seine Freude über den Einsturz der\nMauern und Wände nicht im Geringsten. Woher diese Roh-\nheit? Galt der Volkshass der Kunst, oder dem Capital, oder\nder Versicherungs-Gesellschaft? Ich weiss es nicht. Nur\ndas ist gewiss, dass über die Entstehung des Feuers noch\nbis jetzt ein Geheimniss waltet. Die Concerte werden seit-\ndem im Tabernaclegegeben. Das letzte, am 4. März, hatte\nfolgendes Programm: Erster Theil: Sinfonie Nr 4 in B,\nOp. 20, von Niels W. Gade. Das Czaarenlied von A.\nLortzing, gesungen von Herrn Julius Schumann.\nConcerlino „Vergangenheit und Gegenwart'- für die Violine\nvon L. Spohr, Op. 110 Herr Joseph Burke.\nZweiter Theil: Ouvertüre zu Faust von L. Spohr. Ro-\nmanze und Ilondo vivace aus dem Clavier-Concerte in\nvon Chopin, Op. 1 1 Herr Richard II offmann. Arie\naus Paulus von Mendelssohn Herr J. Schumann.\nSinfonie in (7, Nr. 1, von Beethoven.\nUeber den gegenwärtigen Standpunkt und den Ton\nder hiesigen musicalischen Kritik werden Sie am besten ur-\ntheilen können, wenn ich Ihnen einen Auszug aus dem\nBerichte über dieses Concert in der Musical Review mit-\ntheile. Es heisst darin unter Anderem: „Die Ausführung\nder Orchesterstücke war ganz befriedigend. Die Sinfonie\ndes dänischen Componisten Gade ist voll von Schönheiten\nund geistvoller Erfindung; schade, dass jeder Satz so kurz\nist. In allen Compositionen, welche wir von ihm gehört ha-\nben, zeigt sich ein sehr gewandtes Talent für Form und\nInstrumentirung. Den grössten sinfonistischen Reiz des\nAbends brachte natürlich Beethoven, dessen einfach schönes\nWerk einen Genuss ohne allen Beigeschmack gab. Herr\nSchumann von Leipzig (?) trug das Czaarenlied gut vor mit\neiner kräftigen und wohlgebildeten Stimme, aber die Arie\ndes Paulus mit geringerem Erfolg. Er sang sie unrein und\nbrachte auch nicht immer den wahren Ausdruck zur Gel-\ntung. Wir rathen ihm, bei seinen Studien seine Gesichts-\nmuskeln besser zu beobachten, damit er vermeide, bei den\nhohen Noten Gesichter zu schneiden, als wenn der Geruch\nvon limburger Käse ihm in die Nase stiege. Spohr's „ »Ver-\ngangenheit und Gegenwart\"\" kann dem grossen Publicum\nnicht gefallen; das Stück ist theils zu gelehrt, theils zu iri-\nvial. Hoffmann bekundete durch den Vortrag von Chopin\neinen wahrhaft grossen Fortschritt in Reinlichkeit des Spiels\nund besonders in der Zartheit des Ausdruckes; wenn er\nauch noch nicht ganz das ätherische Element Chopin's er-\nreichte, so trug er ihn doch so reizend vor, dass eine Wie-\nderholung stürmisch verlangt wurde.\"\nFür das nächste Concert ist eine neue Sinfonie von\nFriedr. Schneider (in B)angekündigt, welche der ver-\newigte Meister express für die hiesige philharmonische Ge-\nsellschaft geschrieben, ihr gewidmet und kurz vor seinem\nTode zugesandt hat*).\n\n*) Wir erlauben uns, die americanische Presse zu ersuchen, bei\ndieser Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen, dass Fr.\nSchneider kein Vermögen hinterlassen, und dass sich in\nDessau ein Comite gebildet hat, um den Ertrag von Con-\nccrlen entgegen zu nehmen, welche zu dem Zwecke veran-\nstaltet werden, der Familie desselben das Eigenthum der land-\nlichen Besitzung zu sichern, auf welcher er seine letzten\nWerke geschrieben hat. Die Redaction."}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "116", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.4", "texte": "Die Gesellschaft hat im Publicum, besonders unter\n)\nden Patrioten, auch ihre Gegner, weil sie statutmässig nur\nCompositionen von bereits anerkanntem Rufe, also vorzüg-\nlich deutsche, aufführt Berlioz's Lcar-Ouverture war die\nerste Concession an die neu-romantische Schule —, und\nweil sie eben desshalb den americanischen Componisten\nnicht die Pforten ihres Heiligthumcs öffnet. Americanischen\nComponisten? werden Sie vielleicht mit Verwunderung\nausrufen. 0, wir haben deren bereits viele, welche nicht\nnur eine Menge von Liedern, Polkas und Walzern liefern,\nsondern auch Opern, Oratorien, Sinfonieen und Ouvertüren\nschreiben. Jullien, der bekanntlich mit seinem trefflichen\nOrchester hier eine Reihe von Concerten gegeben, hat diese\nStimmung zu benutzen verstanden und führte in einem be-\nsonderen Concerte Compositionen von den Herren Frv\nund Bristow auf. Beide, besonders der letztere, sind hier\nsehr geschätzte Musiker, allein sie hatten es bis dahin nicht\nzu einer öffentlichen Aufführung ihrer nur im Manuscript\nvorhandenen Orchester-Werke bringen können. Eine Ouver-\ntüre oder eine Sinfonie gar eine Oper „Leonora\", wie\nFry gethan in der Athmosphäre, die man zu New-York\nathmet, zu schreiben, dazu gehört Muth, und dieser ist je-\ndenfalls anzuerkennen. Von Genie kann bei beiden Compo-\nnisten nicht die Rede sein, aber Talent ist da.\nFry hat Ideen und Phantasie, aber er versieht weder\nseine Gedanken thematisch fortzuspinnen und durchzufüh-\nren, noch die Form gehörig zu handhaben. Dabei ist er\nauf dem falschen Wege der darstellenden, malenden Mu-\nsik; seine Sinfonie „Santa Clauss\" ist ein unglücklicher\nVersuch, ganz formlos, voll Reminiscenzen, ohne Einheit\nder Idee und des Stils. Diezweite, „Das gebrochene Ilerz\",\nzeigt einen Fortschritt und hat Einzelheiten, welche von\nschaffendem Talente zeugen. Bristow arbeitet gründlicher,\ner kennt und achtet die Gesetze der Form und instrumen-\ntirt eut; aber seine Erfindung ist matt.\nO 7 o\nDie C lassical Quartet Soirvon Eisfeld versam-\nmeln ein meist zahlreiches, stets elegantes und gebildetes\nPublicum. Man hört darin die Ouartette von Havdn, Mo-\n«J\nzart, Beethoven (auch die späteren, z. B. Nr. 10 in E\nin der letzten Versammlung am 12. März), Onslow u. s.\nw. Auch Ciavier-Musik ist nicht ausgeschlossen; ihre Aus-\nführung steht, indem das Piano meist von Dilettanten ge-\nspielt wird, zwar nicht auf derselben Höhe, lässt sich je-\ndoch ganz gut mit anhören. Zuweilen wird auch eine Arie\noder eine Ballade gesungen.\nIn Boston sind sogar zwei Quartett-Cirkel, welche\nebenfalls zahlreich besucht werden, der Mendelssohn-\nClub und die Quintett-Matineen unter Leitung des Violi-\nnisten Eckhardt.\nDie italiänische Oper in New-York, mit dem Un-\nternehmer Maretzek an der Spitze, ist nicht geradezu\nschlecht, kann aber doch den guten Geschmack keineswegs\nbefriedigen. Der Unternehmer hat diesen Winter, um das\newige Einerlei der Bellini und Donizelti zu unterbrechen,\nAuber's „Stumme\" und Meyerbeer's „Propheten\" auf die\nBühne gebracht. Die Aufführung der/Stummen war unter\naller Kritik, aber die Menge lief wegen der Ausstattung\nund des Ballettes hin. Der Prophet ging besser, hat aber\nnicht bedeutend gezogen. An deutsche Opern ist nicht zu\ndenken. Für grössere Gesang-Musik ist der Geschmack\nüberhaupt noch sehr im Argen. Oratorien werden selten\ngegeben und finden nur durch äussere begünstigende Ver-\nhältnisse ein Publicum.\n\nDr. F.\n\nWiener Briefe.\n\n[ltaliänische Oper Die Vestalin Veränderungen\nam Opern-Theater V iertes V er eins-Concer t Con-\ncerle der Frau Jenny Lind-Goldschmidt Schumann\nvon der gesunden Sinnlichkeit der Wiener nicht ver-\nabscheut Verein zur Unterstützung mittelloser\nTonkünstler Vermählungs-Festlichkeiten.]\nDen 9. April 1854.\n„0 Sonnenschein, o Sonnenschein, wie dringst du\nmir ins Herz hinein!\"— so sang neulich Jenny Lind und\nsprach damit die Stimmung aus, von welcher jetzt mehr\noder weniger jeder wohlorganisirte Mensch erfüllt ist. Die\nNatur erwacht zu neuem Leben, und wer sich ihr inner-\nlich nahe verknüpft fühlt, der zieht sich jetzt doppelt gern\nin sich selbst zurück, denn sie sprengt auch in ihm manche\nbisher verschlossene Knospe, und er (reut sich des Keimens\nund Blühens und stört es nicht gern. Darum bin ich auch\nconcert- und schreibemüde. Doch es gilt noch, zu sehen,\nwas die letzten Strahlen der winterlichen Sonne beleuchtet.\nSeit dem 1. April haben wir wieder itaüänische Oper.\nIch war noch nicht darin, freue mich aber schon im Vorn-\nf\nhinein auf die mir noch vom verllossenen Jahre her wohl\nerinnerliche, unvergleichliche Leistung der Medori als Norma.\nIm Uebrigen aber hört man bisher von der diesjährigen\nGesellschaft nicht das Rühmlichste. Die gestrige Vorstel-\nlung der Lucia di Lammermoor machte ein solches Fiasco,\ndass der erste Act ausgezischt, der zweite ausgelacht und\nder dritte vor einem leeren Hause abgesungen wurde. Die\nletzte That Cornel's war, wie ich Ihnen bereits geschrie-\nben, die Wiederaufnahme der „Vestalin\" von Spontini."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "117", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.5", "texte": "Wenn es seine Absicht war, wie man mit Bestimmtheit an-\na\nnehmen muss, die Oper durchfallen zu lassen, um sich die\noft ausgesprochene Mahnung an sie ein- für allemal vom\nHalse zu schaffen, so hat er dieselbe mit Hülfe einer derart\nin allen Theilen vernachlässigten und verpfuschten Auffüh-\nrung erreicht, wie ich mich einer solchen nicht leicht erin-\nnere. Zum Tadel des Einzelnen kommt man gar nicht, denn\ndie Leistung war aus Einem Gnss: das Orchester matt und\nfarblos, die Chöre schläfrig und distonirend, die Ausstattung\nerbärmlich. Herr Steger, der schon überhaupt nicht singen\nkann, sang den Licinius, Frau Herrmann-Czillag misshandelte\ndie Rolle der Oberpriesterin, Herr Beck, sonst wacker vor-\nwärts schreitend, sang den Lucullus [?] mit ganz modernem\nPathos. Am besten zog sich noch Frau Marlow aus der\nSchlinge, nur dass diese Julia ihrer ganzen Individualität zu\nheterogen ist, als dass ihr eine durchaus harmonische Lö-\nsung der Aufgabe möglich gewesen wäre. Kurz, die Oper\nwurde vollständig ruinirt; aber freilich muss man auch wis-\nsen, dass das Studium dieses Werkes mit drei Proben\nabgefertigt wurde, während man an Balfe's „ Keolanthe\"\nMonate lang kaute. Dennoch fühlte sich Director Cornet\ndurch den begreiflicher Weise sehr heftigen Tadel der hie-\nsigen Journale so indignirt, dass er zweien derselben für\ndie Zukunft die üblichen Freikarten entzog!! Diese neue\nErfindung, die Kritik für sich zu gewinnen, ist jedenfalls ori-\nginel. An der Opernbühne sind mehrere Veränderungen\nvorgefallen. Der Capellmeister Reuling wurde pensionirt\nund an seine Stelle ist Eckert, der bekanntlich jüngst die\nSontag auf ihrer Kunstreise in Nordamerica begleitete,\ngetreten. Welche Resultate hieraus entspringen werden,\nsteht zu erwarten. Frau Marlow ist bereits nach Stutt gart,\ndem Orte ihrer gegenwärtigen Bestimmung, abgereis't,\nStaudigl aber, der Nestor unserer Bühne, seit einem Mo-\nnate von derselben zurückgetreten.\nEinen grossen Scandal gab es mit unserem vierten\nYereins-Concert. Zur Aufführung in demselben war Men-\ndelssohns Paulus bestimmt. Man war auf dieses seit langen\nJahren nicht mehr gehörte Werk ungemein gespannt, das Stu-\ndium der Chöre war Monate lang vorbereitet, in den Proben\nging Alles vortrefflich da gefiel es plötzlich dem Director\nCornet, die Mitwirkung Erl's und Frl. Tietjens' nicht zu\ngestatten, weil dieselben am Abende des zur Aufführung\nbestimmten Tages in der Oper beschäftigt wären!! War\ndieses ein Act der Rache, oder wie soll man sonst ein sol-\nches geradezu unerhörtes Verfahren commentiren? Zu ver-\nwundern ist nur, dass man gar kein Auskunftsmittel dage-\ngen fand. Zwar wurden an der Stelle des Paulus ganz vor-\ntreffliche Werke geboten: Mozart's Sinfonie in D, Haydn's\nChor „Der Sturm\" aus dem Oratorium Tobias uud Men-\ndelssohn's J-<Jwr-Slnfonie, aber das war kein Ersatz für\njenes hochbedeutende, lang' ersehnte Werk. Sehr zu be-\ndauern ist es auch, dass der zweite Cyklus der Spirituel-\nConcerte nicht Statt findet, für welche höchst bedeutende\nWerke angesetzt waren, wie Händel's Messias, Einiges\nvon Lotti und Durantc, Schumann's Sinfonie in B u. A.\nWas die Leiter dieser Concerte zu solcher Sparsamkeit\neigentlich veranlasst haben mag, kann ich nicht recht ein-\nsehen ; doch gibt man als Hauptmotive die vorgerückte\nJahreszeit, das angeblich erschöpfte Interesse des Publi-\ncums, die Collision mit den Concerten der Lind und mit\nden letzten Quartett-Sitzungen, das Zusammentreffen mit\nden grossen Hochzeits-Feierlichkeiten der Residenz, und was\nweiss ich mehr! an. Mag sein, doch muss man das Factum\naufrichtig beklagen. Zu Wundern wäre es freilich nicht,\nwenn bei der Ueberfülle an Concerten, welche uns dieser\nWinter brachte, das Interesse selbst für die vorzüglichsten\nbereits ermattet wäre. Im Augenblicke aber hält es Jenny\nLind wacher als je. Bisher gab sie drei Concerte im k. k.\nGrossen Redoutensaale, und wer diesen Saal kennt, der\nweiss, was es bedeuten will, wenn ich sage: er war jedes\nMal bis in den letzten Winkel gefüllt. In dem ersten Con-\ncerte nun würde ich lügen, wenn ich behaupten wollte,\neinen wahrhaft wohlthuenden Eindruck von der gefeierten\nKünstlerin empfangen zu haben. Ihr Stimmfonds, obwohl\neigentlich nie glänzend und rein-schön, schien mir doch gar\nzu sehr herabgekommen, so dass dadurch die Wirkung je-\nder künstlerischen Intention beinahe paralysirt wurde, na-\nmentlich im getragenen Gesänge. Nur den Vortrag des\nTaubert'schen Liedes: „Ich muss nun einmal singen\", wel-\nches eigentlich kein Lied ist, muss ich ausnehmen. Hier,\nwo das Charakteristische, in genialer Aullassung ausgeprägt,\nvorwaltet, wo weniger die Stimme an sich als das in Be-\ntracht kommt, was aus ihr gemacht wird, und wo sie volle\nGelegenheit hat, die nur ihren Trillern und Läufern eigen-\ntümliche Poesie zu entfalten, hier waltete ein eigentüm-\nlicher, unabwehrbarer Zauber in ihrem Gesänge. Auch in\ndem zweiten Concerte wirkte sie zumeist durch den Vor-\ntrag eines „norwegischen Bergliedes,\" in dem , sie insbe-\nsondere durch den mehrmals wiederholten Hallohruf, in\nder Fassung eines grossen Septimsprunges, und durch die\nmerkwürdige Echo-Imitation berühmt ist. Sei es aber, dass\nihr Organ nur in den ersten Concerten weniger disponirt\nwar, oder dass man sich an die Eigentümlichkeit desselben\nimmer erst gewöhnen muss, in dem dritten Concerte fiel"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "118", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.6", "texte": "mir eine Mangelhaftigkeit desselben gar nicht mehr auf, und\nin dem wunderbar schönen Vortrage der Arie: „Und ob\ndie Wolke sie verhülle\", aus dem Freischütz, gewährte sie\nmir den reinsten, ungetrübtesten Genuss. Die eigentüm-\nlichste Wirkung aber erreicht sie doch immer mit jener\nCompositions-Gattung, die an das Phantastische, Ungebun-\nden-Naturalistische oderMarottenarlige streift; denn in dem\nVortrage solcher Sachen, die bei jeder anderen Sängerin\nzur blossen Künstelei würden, die sich bei ihr aber zu wirk-\nlich poetischer Gestaltung krystallisiren, ist sie gerade ein-\nzig und unnachahmlich. Das einfache Lied will ihr jetzt\nnicht mehr so gelingen, ihre Stimme scheint sich in dem\nengen Räume nicht mehr genug zusammenhalten zu können.\nDoch muss ich den schönen, zarten Vortrag des Schumann'-\nschen Liedes „An den Sonnenschein\" und des Taubert'-\nschen Wiegenliedes ausnehmen, bei dem auch das Gedicht\nvon Reinick allerliebst ist. Herr Goldschmidt, ihrGatle,\nbewährt sich im Ganzen als ein recht tüchtiger Pianist,\nwenn auch ohne hervorstechende Eigentümlichkeit, der\nzugleich einer achtbaren Richtung zu huldigen scheint, denn\nsein Programm setzte sich bisher zumeist aus Mendelssohn,\nWeber, S. Bach, Chopin zusammen. Das Publicum freilich,\nganz durch seinen Cultus für die Gattin in Anspruch ge-\nnommen, schenkt ihm nur geringe Theilnahme, und die\nKritik vergleicht sein Verhältniss zu ihr nicht unpassend\nmit dem des Prinzen Albert zur Königin Victoria.\nStock hausen hat unter fortwährend gleicher Theil-\nnahme des Pubücums fünf Concerte gegeben. Die schönsten\nErfol se hatte er mit Schubert'schen und Schumann'schen Lie-\nO\ndern, welche beide Meister nie auf seinem Repertoire fehl-\nten und stets von Seiten des Pubücums ein begeislertes\nEntgegenkommen fanden. Der geehrte Verfasser jenes Ar-\ntikels, welcher in Nr. 13 Ihrer Zeitschrift unter dem Titel;\n„Ueber Musik-Literatur\", enthalten war, muss daher unsere\ngegenwärtigen Verhältnisse durchaus nicht kennen und da-\ndabei das Wien im Auge gehabt haben, wie es vor Jahren\nwohl gewesen, denn sonst hätte er unmöglich sagen kön-\nnen, „die gesunde Sinnlichkeit des Wieners verabscheue\nSchumann,\" da doch die Geschichte des vorjährigen und dies-\njährigen Winters den entschiedensten Gegenbeweis liefert *).\nHeute, als am Palmsonntage, und morgen wird von\nder Pensions-Gesellschaft der Tonkünstler-Witwen und\nWaisen, „umeinem lange gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen,\"\nHaydn's Schöpfung aufgeführt. Eben diese Gesellschaft hat,\nin Erwägung, dass nicht nur die Witwen und Waisen, son-\ndern gelegentlich auch die Musiker selbst unterstützungs-\nbedürftig sind, dieser Tage einen Aufruf zur Gründung eines\nVereins ergehen lassen, durch dessen Mittel vermögenslose\nund erwerbsunfähig gewordene Tonkünstler für den äusser-\nstenNothfall gedeckt werden sollen, ein löbliches Unter-\nnehmen, dem man das beste Gedeihen wünschen muss. Das\nAusmaass dieses Nothpfennigs soll auf jährlich 300 Fl. ge-\nbracht werden; der Jahresbeitrag der unterstützenden Mit-\nglieder ist auf mindestens G Fl. festgestellt, wozu die grün-\ndenden Mitglieder noch ein- für allemal 10 Fl. einzahlen.\nDie Kunst geht allmählich auf Ferien und zieht sich\nin den Kreis stillen Schaffens zurück. In dieser Woche, als\nder Oslerwoche, sind alle Theater geschlossen, Concerte\nfinden nicht Statt; in der nächsten aber werden die grossen\nVermählungs-Feierlichkeiten die ganze Stadt beschäftigen,\nzu welchen indess auch die Kunst in mannigfacher Gestalt\nihr Contingent stellen wird. So wird man unter Anderem\nder allerhöchsten Kaiserbraut ein Poeten- und ein Compo-\nnisten-Album überreichen, bei welcher Gelegenheit es in-\nteressant ist, zu erfahren, dass es in Wien über 100 Dich-\nter und 83 Componisten gibt. Welcher Segen!\n*/ Dass in dem angezogenen Artikel in Nr. 13 von der Vergan-\ngenheit in Wien die Hede ist, nicht von der Gegenwart, geht\nÜIIS dein Zusammenhang und den Beziehungen des ganzen\nArtikels deutlich hervor. Uebrlgens stimmt unser geehrter\nHerr Correspondent in Wien ja mit der Ansicht des \\ erfas-\nsers vollkommen überein, wenn er in seinem letzten Berichte\naus Wien (in Nr. 12, welchen übrigens selbstredend Herr K.\nnoch gar nicht gelesen haben konnte) sagt: „Jeizt wird aller\n\nB.\n\nLondoner Briefe.\n\nDen 8. April 1854.\nIm schwarzen Meere und in der Ostsee der schrille\nTon der Hochbootmanns-Pfeife, geladene Geschütze, kampf-\nlustige Matrosen hier in London Prima Donnen, die sich\nzum Debüt räuspern, Viriuosen, die ihre Instrumente stim-\nmen, Kritiker, die ihre Federn spitzen der Anfang der\nmusicalischen Saison. Wir fürchten, sie wird diesmal nicht\nglänzend werden. Der englische Philister pflegt zwar mit\neinem gewissen Stolze zu erzählen, dass man selbst zur\nZeit der grossen französischen Kriege in London sehr we-\nnig vom Kriege spürte, dass drüben über dem Canal mit\nenglischem Gelde gefochten wurde, die londoner Saisons\niedoch so regelrecht ihren Jahres-Cursus durchmachten,\no\n\nOrlen von Schumann gesprochen u s. w. Die Welt\" (das\nheisst doch wohl die wiener Welt) „gibt damit nur einen\nneuen Beweis ihrer Trägheit und Stumpfheit.\"\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "119", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.7", "texte": "wie ein ehrsamer Studiosus in Oxford. Wir sehen indessen\nschon heute, wo es von englischer Seite noch zu keinem\nSchusse gekommen ist, dass der Philister eine Albernheit\nbehauptet hat, die nicht einmal das Verdienst für sich in\nAnspruch nehmen kann, wahr zu sein. Allerdings wird\nman den Sommer über hier die alten Pilgerlahrten in den\nConcertsaal und in die italienische Oper nicht aufgeben;\ndie Salons der feinen Welt sind Janus-Tempel und werden\noffen bleiben, aber man merkt es schon heute, dass die\n„saisonable\" Lustigkeit sich eines deutlichen Anfluges ganz\nrichtig motivirter Düsterkeit nicht erwehren kann. Es tanzt\nsich nicht gut, wenn Vater, Bruder oder Bräutigam in die\nSchlacht gezogen ist. Und kommt es erst wirklich zu einem\nbedeutenden Schlagen, und erscheinen erst die Todtenlisten\nder gefallenen Officiere in der Zeitung, dann kleidet sich\ndie eng mit einander verschwägerte Aristokratie des Landes\ngar rasch in Trauer und zieht sich aus dem geschäftigen\nLärm der Saison in die Einsamkeit ihrer Stadt- und Land-\nhäuser zurück. Früher oder später muss es so kommen;\ndarum glauben wir den Künstlern, die in diesem Sommer\nherüberkommen, keine reiche Aernte prophezeien zu kön-\nnen. Möglich, dass wir uns irren. Ein Irrthum in dieser Be-\nziehung wäre erquicklich. Vernünftige Menschen müssen\nauf Alles gefasst sein, selbst aufs Beste. Einstweilen sind\ndie Aussichten trübe. Das hat alles der Mentschikoff gethan.\nNach dieser kassandrischen Weissagung wenden wir\nuns dem Berichte von Thatsachen zu. Die italiänische Oper\nin Coventgarden hat am 1. April begonnen. Rossini's Wil-\nhelm Teil, der nach vielen gescheiterten Versuchen erst seit\nder vorigen Saison Gnade vor den Ohren des englischen\nPublicums gefunden hat, war zur Eröffnungs-Oper auserko-\nren worden und hatte ein zahlreiches, wenn auch nicht\nenthusiastisches Publicum angezogen. Die ungebürlich kalte\nAufnahme fällt nicht den beschäftigten Künstlern, sondern\nder Stimmung des Hauses zur Last. Das zeigte sich am\ndeutlichsten beim Absingen der National-Hymne, deren ein-\nzelne Strophen mit unvergleichlich grösserer Wärme als\ndie glänzendsten Stellen der Oper aufgenommen wurden.\nUnd doch war die Besetzung des Teil beinahe dieselbe, wie\nim vorigen Jahre, wo er zum ersten Male in London volle\nHäuser machte. Wir vermissten bloss die Castellan und\nHerrn Formes, der zum ersten Male nach einer längeren\nReihe von Jahren dem Theater von Coventgarden untreu\ngeworden ist; dafür hat uns das feindliche Petersburg und\ndas neutrale Wien in Mlle. Maray eine liebenswürdige,\ntalentvolle Prima Donna gesandt, die noch zeitig genug von\nPetersburg abgereis't ist, um nicht als gute Prise irgend\neinem Admiralitäts-Gerichle zu verfallen, ihre Erscheinung,\nihr Spiel und ihre sanfte, schöne Stimme machten einen\nwohlthätigen Eindruck; ihr Debüt war ein glückliches, und\ndie gesammte Kritik weiss ihr nur den einen Vorwurf zu\nmachen, dass sie den Rossini gar zu oft ins Maray'sche über-\ntrug, was man aus gerechter Ehrfurcht für den Meister\nnicht dulden will. Da dieses jedoch der einzige und über-\neinstimmende Vorwurf unserer in musicalischen Dingen ziem-\nlich strengen Kritik ist, so wird ihn Mlle. Maray künftig\nleicht vermeiden können. Für jetzt ist sie die Heldin der\nOper; sie wird um diesen Ehrenposten bald mit älteren\nBerühmtheiten, der Grisi und Viardot, und mit dem gros-\nsen theuren Stern der französischen Oper, mit der Cruvelli,\nzu kämpfen haben.\nVon fremden Künstlern von bedeutendem Rufe sind\nbis jetzt nur wenige angekündigt, und doch ist es schon\nspät in derZeit; mit Gewissheit können wir, wie es scheint,\nnur auf den kölner Männergesang-Verein, dessen\nWiedererscheinen wir seinen grossen Erfolgen im vorigen\nJahre und Herrn Mitchells Unternehmungsgeist verdanken,\nauf Ernst und Wilhelmine Clauss rechnen.\nAn grossen Concert-Aufführungen hat es übrigens\nselbst im Winter nicht gefehlt. In wurden fast\nallwöchentlich Oratorien gegeben. Daneben hat sich die\nUnternehmung des Herrn Hu 11 ah, Dirigenten eines Ge-\nsang-Vereins, welcher in St. Martin zu mässigen Ein-\ntrittspreisen ebenfalls Oratorien aufführt, emporgeschwun-\ngen. Chor und Orchester sind daselbst zahlreich und im\nGanzen gut besetzt, und wenn man auch in den Solis keine\nBerühmtheiten hört, worauf freilich der Engländer sonst\ngrosse Stücke hält, so geht man doch hin, weil man sich\nda gemüthlicher und nicht in der mannigfach beengenden\naristokratischen Sphäre fühlt.\nDie beiden philharmonischen Gesellschaften,\ndie alte und die neue, sind mit ihren Concerten auch be-\nreits in vollem Gange. Die ältere brachte in ihrem letzten\n(am 3. April) Spohr's Sinfonie „Die Weihe der Töne\"\nzur Aufführung. Dieses Werk war dem Publicum nicht\nneu; es ist schon dreimal in früheren Jahren gegeben wor-\nden, hat aber niemals einen glänzenden Erfolg gehabt; die\nin allen Dingen sehr praktischen Engländer stossen sich\ngleich im Anfange an „das tiefe Schweigen der Natur vor\nErschaffung des Tones\", welches durch Töne ausgedrückt\nwerden soll; und erscheint ihnen einmal etwas abge-\nschmackt oder lächerlich, so lassen sie auch dem Besseren,\ndas nachfolgt, selten Gerechtigkeit widerfahren."}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "120", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540415-01.1.8", "texte": "Ausserdem wurden von Orchestersachen in demselben\nConcerte noch aufgeführt Che rubini's Ouvertüre zu\nAnakreon, Beethoven's achte Sinfonie in und Men-\ndelssohns Ouvertüre „ Meeresstille und glückliche Fahrt\".\nNehmen Sie dazu noch, dass Halle das (r-dur-Concert\nfür Piano und Orchester von Beethoven vortrug, und\nzwar ganz vorzüglich brav und mit dem grössten Beifall\n(nur die Cadenz war etwas zu lang und nicht gehaltvoll\ngenug), so werden Sie gestehen, dass man für sein Geld\nhier genug zu geniessen bekommt. Formes sang Mo-\nzart's „In diesen heiligen Hallen\" und mit Miss Bircli\nein Duett aus Agnese von Paer. Letztere sang auch noch\neine Arie mit Recitativ aus Webers „Jehovah's Preis\",\nwelche mir ganz unbekannt war; es ist eine schwache\nComposition.\nDas Orchester der neuen philharmonischen Gesell-\nschaft dirigirt Lintpaintner in Auch\nda wurde am 5. April Beethoven's achte Sinfonie sehr\npräcis und geistvoll ausgeführt, ferner eine Ouvertüre von\nLintpaintner und Sterndale Ben ne 11' s Najaden.\nErnst spielte das Violin-Concert von Mendelssohn;\nForm es, die Caradori und die Sedlatzek sangen.\n\nC. A.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöln. Fräulein Jenny Ney hat drei Gastrollen gegeben:\nValentine, Donna Anna und Norma. Wenn eine seltene Naturgabe\nund eine vollendete Ausbildung derselben, wenn die Vereinigung\nvon Stimme und Technik, so dass sich jene zu nichts versagt, was\ndiese fordert, und diese durch gründlichste Schule aus jener ein\nwirkliches Kunst-Organ gemacht hat, die Bedingungen sind, welche\neine Sängerin auf die Höhe der Kunst stellen, so kann Jenny Ney\nauf den Buhm, gegenwärtig die erste Sängerin Deutschlands zu\nheissen, mit Becht Anspruch machen. Wir stellen allerdings Jo-\nhanna Wagner an Genialität und als Darstellerin im musicalischen\nDrama höher, aber als Sängerin wird sie an Umfang der natür-\nlichen Mittel und vollends an Virtuosität von der Ney übertroffen.\nDabei hat die letztere auch als Darstellerin seit ihrer Anstellung in\nDresden ausserordentlich gewonnen, und in den Hugenotten wie in\nder Norma waren Spiel und Gesang gleich bewundernswert^.\nHerr Beck trat mit ihr zugleich im Don Juan als Don Juan,\nin der Norma als Orovist auf, und bewährte in beiden Rollen das\nUrtheil, welches wir in der vorigen Nummer ausgesprochen haben.\nEndlich hörten wir einmal wieder einen Don Juan, der jeden Ton\nund jedes Wort der Partitur brachte und das mit Klang, einen\nDarsteller, der den Don Juan sang, nicht bloss sprach und spielte.\nWie wohlthuend wirkte das weiche Metall seiner Stimme, nament-\nlich in allen Ensemblestücken! Durch die gewissenhafteste Präcision\nim Vortrage trat einmal wieder die meisterhafte musicalische Cha-\nrakteristik Mozart s recht ans Licht. Von dem mitwirkenden Per-\nsonal unserer Bühne verdienten Herr Schmidt als Leporello und\nHerr Krön als Ottavio rühmende Anerkennung; die Elvira hin-\ngegen hat Fräulein Marschalk früher viel befriedigender gesun-\ngen es mochte sein, dass die erdrückende Grösse der Donna\nAnna sie befangen machte.\nAm 2 April ward in Gotha die neue Oper des Herzogs von\nSachsen-Coburg-Gotha „Santa Chiara\", unter Direction von Franz\nLiszt, mit grossem Beifall zu:n ersten Mal aufgeführt.\nOera, 3. April. In voriger Woche hatten wir einen seltenen\nKunstgenuss. Es wurde nämlich am 29. März „Die Schöpfung\" von\nHaydn durch den hiesigen musicalischen Verein unter Leitung des Mus.-\nDir. Tschirch ausgeführt. Die Solo-Partieen waren durch geschätzte\nauswärtige Künstler und Dilettanten würdig vertreten. Die durch\nVereinsglieder ausgeführten Chöre wurden mit Kraft, Sicherheit\nund Präcision zu Gehör gebracht. Wenn auch die Leistungen des\naus sehr verschiedenen Elementen zusammengesetzten Orchesters\nmitunter zu wünschen übrig liessen, so wusste doch der wackere\nDirigent das Ganze mit Energie und Umsicht zu leiten und den\ngünstigen Total-Eindruck bei dem sehr zahlreichen Auditorium zu\nerhalten. Der gedachte Verein hat das zweite Jahr seines regen\nWirkens beendigt und mit der Aufführung der „Schöpfung\" sich bei\nder hiesigen musicalischen Welt um so grösseres Verdienst erworben,\nje seltener uns derartige grössere classische Werke vorgeführt werden.\nAm 28. März starb in Zwickau der junge hoffnungsvolle\nComponist und Musiklehrer W. A. Metzler, im Alter von 22\nJahren.\nFräulein La Grua hat bei ihrer Contract-Erneuerung in Wien\ndie bescheidene Forderung von 20,000 Gulden C.-M. jährlicher\n(läge auf zehn Jahre, mit zweimonatlichem Urlaub und Pensions-\nBerechtigung gestellt aber nicht bewilligt erhalten.\nUeber Rubini's Begräbniss meldet die Zeitung von Bergamo\nfolgende Einzelheiten: „Der Sarg war mit schwarzem goldgesticktem\nSammt bedeckt, darüber her war die Uniform des General-Directors\nder kaiserlichen Gesangschulc gebreitet, zu welcher Würde der\nCzaar den Sänger ernannt hatte. Ferner sah man die Decoration\ndes Ernestinischen Ilausordcns von Sachsen, die grosse Verdienst-\nMedaille des russischen Andreas-Ordens mit Brillanten, die goldene\nVerdienst-Medaille vom Könige von Preussen, den Kranz von mas-\nsivem Golde mit Diamanten das prachtvolle Geschenk des Pe-\ntersburger Adels. Ueber der Thür der Kirche, wo die Exequien\ngefeiert wurden, las man die Inschrift: „„Die Armen segnen dein\nAndenken, weil du den ehrenvoll erworbenen Reichthum wie ein\nVater anwendetest, ihre Noth zu lindern.\"\"\nFräulein W. Claussist in Paris angekommen, von wo sie\nnach kurzem Aufenthalt nach London gehen wird."}]}