{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_sha256": "7804858279b6a0cf432501632553235e7ee3ed3764a5261556d8ef8fbb04593e", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/04/22_01/bmtnabi_1854-04-22_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-22_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "121", "page_fin": "123", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.2.1", "titre_corps": "Heutige Kunstznstände.", "titre_sommaire": "Heutige Kunstznstände.", "signature_source": "DIXI", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4064, "texte": "Heutige Kunstznstände.\n\nWir gedenken lebender Schönheit auch heute noch,\nobwohl uns Waffengetöse umschwirrt und bedroht; denn\nes ist deutsche Art, in dem wildesten Tosen des äusseren\nLebens der ersten Liebe nicht zu vergessen; und deutschen\nHelden war es von Alters her nicht fremd, Leier und\nSchwert mitsammen zu hegen, wie ja lange vor Th. Kör-\nner thaten die unnahbaren Helden Volker, der starke\nvidelaere bei den Nibelungen, und Morand, der Hörend-\nGehörte im meergewaltigen Gudrunlied. Freilich sind so\nvereinte Heldenthümer in mehreren Gebieten mehr sa-\ngenhaft als wirklich; denn Geist- und Weltsinn ist selten\nin Einem Hirn und Kerzen, dessgleichen Wissenschaft und\nKunst, Sitte und Schönheit, Kritik und Schöpferkraft. Ihre\nHöhepunkte in Einem Menschen vereint haben wir in\nden letzten Jahrhunderten, wo alle Arbeit tausendfach ge-\ntheiit ist, nirgend gesehen. Gleicher Maassen steht es mit\nden Zeit- und Menschenaltern; das eine ist überwiegend\nschöpferisch gestaltend, ein anderes kritisch zerspaltend,\njenes spendend, dieses sammelnd und seit der grosse\nSpalt in die abendländische Christenheit gefahren, steht diese\nTrennung entschiedener da, unweigerlicher als jemals.\nNäher angesehen, war es wohl auch zu Homer's und Pla-\nto's Zeiten eben so, dass die wahre Genialität, sei es dich-\ntende oder denkende, nur in Einem bestehen konnte, eben\nweil aller Genius einseitig leidenschaftliches Naturwollen ist.\nDiese altbekannte Wahrheit ist zuweilen unbequem,\ndarum wird sie geläugnet. Obwohl wir eingestandener und\nbewiesener Maassen heute in einer kritischen, nicht\nkünstlerischen Sternenstunde uns befinden, so wirkt\ndoch das Künstler-Völkchen unablässig in Arbeit neuer\nGestaltung. Ob diese aber wirklich neu sei, das ist\nnun eben die kritische Frage. Ein wahrer Dichter hät-\nten wir ihn, wir würden ihn schon erkennen! Der wahre\nDichter ist doch wohl ein solcher, der den alten, ewigen\nInhalt erneuert, das Herz in neue Schwebung setzt, und\ndieses thut ohne Absicht, wie er auch ohne Absicht ergreift\nund ergriffen wird; denn wahre Dichtung ist gleich einer\nNaturgewalt, die in geheimnissvollen Schlägen wirkt, unbe-\nwusst und unwiderstehlich.\nSolche Dichter haben wir heule nicht, was auch die\nzeitsinnige Kritik sage. Gutzkow, Geibel und Hebbel, Schu-\nmann, Berlioz und Wagner, Hubner, Lessing und Kaulbach\nwas haben die dreimal drei denn Lebenskräftiges, Dau-\nerndes, Ewigschönes gebracht, was in dem einfältigen Volke\nwurzelte ohne zeitgemässe Lehrmeister - Vorbereitung?\nKeine Spur ihres Lebens ist im Volksleben abgedruckt,\nund ehe ein Strahl wie aus Schiller's, Mozart's, Raphael's\nund Di'irer's Werken in die Volksseele fällt, hat's Zeit\nweil jetzt eben die Zeit zu allem Anderen Zeit hat, nur\nnicht zur schöpferischen Schönheit.\nDamit ist nicht geläugnet, dass selbst in dürren Tagen\nein Reis aufspriesse voll Hoffnung. Wie in der Zeit des\ndunkelsten Rationalismus einzelne Strahlen helleren Lichtes\nvon den Bergen her leuchteten Bengel und Oetinger\nlebten um 17 70! —, so mag es auch unserer Zeit gege-\nben sein, dass neben dem tollen Chor der Sänger „ auf der\nZinne\" sich einzelne verborgene finden, die das Feuer\nder Geweihten übertragen in kommende Zeitalter, zu neuer\nEmpfängniss vorbereitend. Dieser Art mögen Hiller, G.\nSchmidt, Löwe, Fr. Schubert, gleichwie Fouque und Arnim\ngeachtet werden als Hüter des verborgenen Lebens, denen\ndie treue Hut nicht vergessen sein wird, wenn der Tag\nkommt, dass die Aernte der Zeit geschieht.\nNun aber treten die Gleissner der Schul-Phraseologie\nentgegen, die sich das Wort darauf gegeben, dass niemand\nein Dichter sei, den ihre Phrase nicht gestempelt, und die\nsich alle mitsammen verschworen, nichts durchschlüpfen zu\nlassen, was nicht in der Lobräucherungs-Central-Commis-\nsion geaicht ist. Zwar wehren sie sich mit Hand und Fuss\ngegen den Verdacht der Coterie, und finden es eine gar\nunwürdige Verdächtigung, wenn ihnen das Camaradenwe-\nsen öffentlich nachgewiesen wird. Aber all ihr gegenstim-\nmiges Gezische wird die Wahrheit nicht entkräften, dass\nsie insgesammt Front machen gegen Andersmei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5107, "texte": "Iren de; und der sicherste Beweis für eine Partei ist doch\nwohl der Zorn der Gegenpartei. Vor vier Jahren ward\nabseiten der Reaction einmal der ernste Spass versucht,\neinen Preis auszusetzen von 100 Louisd'or, wenn Jemand\neinen Social-Demokraten nachwiese, der überall, bei\nFreund und Feind, Achtung erworben hätte\ngleich Ernst August von Hannover, der bekanntlich kein\nSocial-Demokrat war. Die Socialisten schimpften „Verdäch-\ntigung!\" aber Niemand meldete sich, jenen Preis in Em-\npfang zu nehmen. In gleicher Weise fordere ich hiedurch\nöffentlich mit gleicher Preis-Auslobung die Brendel'sche\nNeue Musicalische Zeitschrift auf, mir einen Musiker der Zu-\nkunft nachzuweisen, der überall, bei Freund und Feind,\nAchtung erworben gleich Seb. Bach oder Beethoven. Dass\nRichard Wagner bis jetzt nur gilt, wo er auf den Schild\nder Partei erhoben, das bezeugt mindestens die N. M. Z.\ndadurch, dass sie auf alle Nicht-Anerkennenden den Bann\nder Geistlosigkeit schleudert. Aehnlich thaten vor Zeiten\ndie Alexandriner, die Byzantiner, die fruchtbringenden Ge-\nsellschaften des siebenzehnten Jahrhunderts, und zum\nSchluss der närrischste unter allen Kunstweisen, Matthe-\nson den freilich Riehl einen Fürsten der Aesthetik\nnennt. Alle diese Parteien und Parteimänner haben trotz\nalles Polterns und Coterirens doch keinen Dichter zuwege\ngebracht, der Gegenwart und Zukunft beherrscht, gewusst\nund in sich getragen hatte, weil sie eben insgesammt,\nwie Sanct Brendel und Wagner, die Vergangenheit ver-\nachteten.\nRichard Wagner ist ein Cornplex von Schumann und\nMeyerbeer, jedoch ohne den Tiefsinn jenes, den Leichtsinn\ndieses Meisters, denen er eben nur die Aeusserlichkeiten\nabgeguckt hat, um in Steigerung aller bisherigen Kunst-\nmittel ein ödes Erstaunen zuwege zu bringen. Man\nkann zugeben, dass die Grund-Idee der Zukunfts-Musiker\nnicht eben grundfalsch ist, nämlich die, dass dem Unsinn\nder modernen Oper entgegen zu wirken sei, dass die Mo-\nzart-Rossini'sche Periode an dramatischer Bedeutung weit\nhinter der Gluck'schen stehe, dass endlich die gesunde Oper\ngesunden Text, vernünftige Dichtung enthalten müsse, um\nwahren, ewigen Kunstwerth zu besitzen. Daraus aber folgt\nkeineswegs, dass nun alle Mozart'schen Opern in ihrer lyri-\nschen Plastik verwerflich seien; noch weniger, dass alle\nDramatik nun eben in diese poetisch-recitativisch-opernhafte\nKunstform müsse ergossen werden; am allerwenigsten aber\nfolgt daraus, dass Richard Wagner auch nur einen Theil\n• • \"\nvon dem wirklich ausgeiüljrt habe, was seine so genannt\ntheoretischen Schriften jahrelang pomphaft verkünden.\nWenn wir also zugestehen, dass die Mozart-wienerische,\ndie Rossini-italische, die Auber-parisische Schule den höch-\nsten absoluten Kunstwerth noch nicht erreicht haben, so\nist damit keineswegs gesagt, dass wir durch Entbehrung\nihrer Vorzüge, d.h. durch hlosse Verneinung aller\nEinzelschönheit, nun sogleich das wahre Kunstwerk\nerschaffen könnten. Dass aber dieses dennoch der Glaube\nder Zukunfts-Schwärmer ist, erkennen wir an ihrer voll-\nkommen negativen Thätigkeit; denn bisher haben\nsie sich nur verneinend verhalten. Es fehlt ihnen die ge-\nmüthlich tiefe Formenschönheit der Mozart'schen, die sinn-\nlich kräftige der Rossini'schen, die geistreich spielende Art\nder parisischen Weise. Was haben sie (R. Wagner, Brahms,\nSchäfTer etc.) dafür gegeben, wo ist ihre Bejahung?\nDie tiefste Melodieen-Armuth, überhaupt schon ein\nZeugniss unserer Zeit, ist in der Zukunfts-Coterie fast schon\nein Lob geworden; mindestens sind die speculativen Phra-\nsen von „äusserlicher sinnlicher Formschönheit\", die „zu\nden überwundenen Standpunkten\" gehöre, oft genug vom\nleipziger Comptoir aus verkündet worden, um verstan-\nden zu werden. Wenn aber Brendel und die Seinen klagen\nund gross Lamento erheben über häufige „Missverständ-\nnisse\", so fragen wir dagegen, warum denn eben diesen\nLeipzigern alle Tage passirt, missverstanden zu werden\nworüber doch niemals Herder, Göthe und Schiller geklagt\nhaben! Und es gibt heute eben so wohl Leute, die Deutsch\nverstehen, wie damals.\nIst R. Wagner's Dichtung etwas werth, so wird sie\nauch allein, ohne Musik, wirken; aus der Addition mehre-\nrer Sonderkünste wird doch durch keine Rechen-Exempel\neine Allkunst. Ist R. Wagner's Musik in sich lebendig\nschön, so muss sie verständlich sein auch ohne Textbuch\nund Bühnengrund, wie das z. B. bei der Tannhäuser-Ouver-\nture allerdings der Fall ist. Die. so genannte Allkunst oder\nGesammtkunst ist eine Chimäre, ein krankes Product kran-\nker Speculation; diesen Ausdruck nehmen wir nicht zu-\nrück, ehe uns bewiesen wird, dass bei einem unbefange-\nnen Publicum, d. h. einem solchen, das weder durch jour-\nnalistische Verdummungs-Institute, noch durch Abgesandte\nder Partei zugeritten und nicht durch Bühnenpracht ge-\nblendet ist und keine musicalischen Zeitungen lies't\ndass solchem einfältigen Volke von selbst, ohne höhere\nInstruction, der Tannhäuser oder Lohengrin wahres, blei-\nbendes Wohlgefallen erweckt habe.\nZu allem dem kommt die Vorneigung R. Wagner's\nund der Seinen zu allem Ungeheuerlichen, Schneidenden,\nBlutigen, Grässlichen, Kolossalen in Inhalt und Form,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3057, "texte": "in der dramatischen, wie in der musicalischen Behandlung.\nDie so genannte alte Schule hielt an dem Satze fest, dass\nalles Scheussliche und Sinnlich-Widrige dem Ivunstleben\nfern sei, nicht aus Weichlichkeit, sondern aus der wohl-\nerwogenen Kunsterfahrung aller Zeiten, dass das pure sinn-\nliche Mitleid, die thierische Mitleidenschaft keinen Keim der\nVerewigung in sich trage, so wenig als die Kotzebue'-\nsche Thränendrüsen-Literatur. Wie sehr auch die hochmü-\nthigen Speculanten der Zukunft den Kotzebue verachten,\nsie stehen doch mitten in ihm, in all seinem spiessbür-\ngerlichen Illusions-Getreibe, in all seiner platten\nWirklichkeit des Schrecklichen und Schmutzigen. Und wie\nsehr sie die Tendenz-Philosophen zu verachten vorgeben,\nsie stehen wiederum mitten in dem allerprosaisch-schul-\nmeisterlichsten Tendenzwesen, wenn sie an ihren Künstlern\npreisen nicht was sie leisten, sondern was sie\nstreben.\nUnd was ist's denn, dieses Leisten uud Streben der\n'\n„Neuzeit\"?*) Freiligrath rede statt meiner:\n„Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten\" etc.\nDas ist's! Widrige Bilder von Schmerz, zwischen Mitleid\nund Ekel jämmerlich hangend aber kein edler\nSchmerz, kein freiöv näd-og,nicht Götterleid, Götter-\nzorn, Götterliebe, sondern thierisch Mitleid, Wuth und\nBrunst. Sprach der alte Horatius, der Urzopf unserer\nSchulweisheit (A.poet. 183):\nNe tarnen intus\nDigna geri promes in scenam, multaque tolles\nEx oculis, quae mox narret facundia 'praesens.\nNe pueros coram populo Medea trucidet,\nNene humana palam coquat\nso ist dagegen den Gegenwarts-Denkern der Zukunft nichts\nerwünschter, als der Fanatismus der Hugenotten, die cyni-\nsche Liederlichkeit Robert des Teufels und Lucretia Bor-\ngia's, die Kaltfieberschauer des fliegenden Holländers, der\ntrockene Wahnsinn und die bestialische Gluth aller derer\nDichterlinge, die Farbe lür Schönheit verkaufen. Und\nwo ihnen einmal derb die Wahrheit gesagt wird, da schim-\npfen sie und sprechen: „Nun höret den Schimpfer!\"\noder schreiben Vorreden, in denen sie sich d 'gegen ver-\nwahren, harmonische Kunststücke zu machen, weil „alle\nHarmonie doch nichts weiter sei, als die Räume, wo die\nTöne zufällig zusammentreffen!\" oder überbieten alle\nvergangene Kunst und Unkunst mit ekelhaften offenen\nWrunden, womit noch kürzlich ein bekannter »Maler auf\n\\r\neiner bekannten Kunst-Ausstellung paradirte oder setzen\nsich mit krampfhaften Witzen über die jammervolle Phi-\nlisterwelt, d. h. alle diejenigen, die nicht in ihr Nashorn\nblasen, bis sich dann endlich ein verlorenes Seelchen findet\nund singt mit Aristophanes am Ende der „Wolken\" :\nrittmied', o> y.Lvovanvoi\\\n*) Ein demokratisches Lieblingswort, wie „Jetztzeit\" — welche\nbeide in Klang und Sinn zeigen, wie weit diese Cotcrieen-\nsprache von Schönheit entfernt ist — wenn's nur tendenzisch\nriecht!! —\n**) „W as hinter die Scene gehört, bringe nicht auf die Bühne,\nund halte dem Anblick fern, was bald ein beredter Zeuge\nberichte. Medea schlachte nicht ihre Söhne, der gottlose\nAtreus koche nicht Menschengeweide vor den Augen der\nZuschauer!44 .\n\nDIXI."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-22_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "123", "page_fin": "125", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.3", "debut_caractere": 3059, "fin_caractere_exclue": 4767, "texte": "Berliner Briefe.\n\n[Die Nibelungen, Oper von Dorn.]\nDen 16. April 1854.\nDie reiche Concert-Saison, die Anfangs Februar be-\ngann und erst in den letzten Wochen aufgehört hat, in der\nvor Alien die Namen Lind, Clauss, Vieuxtemps und Wie-\nniawski glänzten, werde ich Ihnen in einem meiner näch-\nsten Briefe schildern; der jetzige soll sich mit den Nibe-\nlungen von Heinrich Dorn (Text von Gerber) be-\nschäftigen. Es war ein gewagtes Unternehmen, diesen\nStoff zu einer Oper zu bearbeiten; vielleicht an sich selbst\nund unter den günstigsten Bedingungen schwer fügsam lür\ndie universelle Lebens-Anschauung der heutigen Zeit, da\nes fraglich ist, ob das allgemein Menschliche darin einen\nganz reinen Ausdruck gewonnen hat; jedenfalls aber ge-\nhörte ein Componist dazu, der sich in seiner musicalischen\nRichtung eben so weit von dem Gewohnten entfernt, als\ndieses bei dem Gedichte selbst der Fall ist. Der Text-Dich-\nter hat einen, nach dem gewöhnlichen Maassstabe betrach-\ntet, recht guten Operntext gemacht, fliessend in der dra-\nmatischen Entwicklung und in der Sprache, welche letztere\nfür die Composition günstig ist, ohne darum in einer ge-\nradezu unangenehmen Weise in das Phrasenhafte zu ver-\nfallen. In der Anlage des Ganzen ist es vielleicht zu miss-\nbilligen, dass der dritte Act nicht mit dem Tode Siegfriede\nschliesst; jedenfalls wäre dieser Schluss effectvoller gewe-\nsen, und der Inhalt des vierten und fünften Actes hätte\nsich recht gut in einen Act zusammendrängen lassen; auch\nwäre dann Platz gefunden, um bei der für die Entwicklung\ndes Gedichtes wichtigen Beraubung Chriemhildens durch\nHagen länger zu verweilen. Von grösserer Bedeutung ist\nes indess, dass der ideelle Gehalt des Gedichtes und sein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5331, "texte": "grossartiger Geist allzu sehr verschwindet, indem z. B.\nSiegfried und Brunhilde in ihrer übermenschlichen Ilelden-\ngrösse fast gar nicht hervortreten, und der trotzige Hagen\nin das Sentimentale hineingezogen wird; indem ferner durch\ndas ganze Stück hindurch das Bestreben sichtbar wird,\ndem Gesc. Macke des grossen Publicums durch Einflech-\ntung von Liedern, Quartetten u. s. w„ die durchaus keinen\npoetischen Geist haben, sondern auch schon im Texte etwa\nim Stile der Liedertafel-Gesänge gehalten sind, entgegen\nzu kommen. Wir rechnen dahin z. B. das Lied, das Vol-\nker im zweiten Acte singt, den Männergesang, mit dem die\nBurgunder am Hofe des Königs Etzel erscheinen. Aehnliche\nPartieen, z. B. in der Euryanthe und den Hugenotten, ent-\nfernen sich weit mehr von diesem Tone, der uns ganz und\ngar in unsere häuslichen und gemüthlichen Musik-Unter-\nhaltungen versetzt, obschon der Stoff dieser Opern noch\nviel weniger von dem heute Ueblichen sich entfernt, als der\nder Nibelungen. Das ist ein grosser Missgriff, der, wenn\nman sich auf den Standpunkt der Aufgabe stellt, deren Lö-\nsung Dichter und Componist unternommen haben, ein\nstrengeres Urtheil vollständig rechtfertigt. Gehen wir\nzur Musik über. Sie schliesst sich im Ganzen der deutsch-\nromantischen Schule an, wie sie von Weber, Marschner,\nReissiger, Lachner, Kreutzer u. A. ausgebildet ist; der ita-\nliänische und französische Geschmack wird selten sichtbar,\nnur Meyerbeer hat für Manches, namentlich für die Partie\ndes Hagen, als Vorbild gedient. Die Melodik erinnert häufig\nan Weber; in gewissen lyrischen Stellen herrscht, wie\nschon bemerkt, der moderne deutsche Liederton vor. Die\nmusicalische Selbstständigkeit Dorn's bewegt sich mithin\ninnerhalb der Gränzen einer vielfach ausgebildeten musica-\nlischen Richtung, ist in diesem Gebiete aber oft recht her-\nvortretend, namentlich in kürzeren dramatischen Abschnit-\nten, wo sie sich in eff'ectvollen harmonischen Wendungen\nund in geschickter Instrumentation zeigt. Der musicalische\nGrundton ist kein ungewöhnlicher, aber das Einzelne ist\nolt interessant, ausdrucksvoll und iiiessend abgerundet und\ngibt zahlreiche Beweise von dem sehr bedeutenden techni-\nschen Geschick, das Dorn besitzt, von der Leichtigkeit sei-\nner Schreibweise, die darum aber keineswegs unbedeutend\nund leichtfertig wird. In dieser Hinsicht können wir Dorn\nzu den talentvollsten und durchgebildetsten Musikern der\nGegenwart zählen, und schon darum musste er, wie es der\nErfolg bewährt hat, im Stande sein, ein Werk zu liefern,\ndas dem Theater-Publicum einen recht guten Eindruck\nmachen könnte. Denn das grosse Publicum kümmert sich\nwenig um die idealen Gesichtspunkte, von denen ich im\nAnfange dieses Berichtes ausging; die Meisten kennen das\nGedicht wahrscheinlich gar nicht, es erscheint ihnen in gar\nkemer anderen Gestalt, als in der des Opern-Textes; so\nnehmen sie denn das ganze Werk, wie es sich eben gibt,\nund finden mit Recht viel Ansprechendes und Wirkungs-\nvolles darin. Was die musicalische Form des Ganzen\nbetrifft, so nähert es sich vielfach der von Wagner vor-\nzugsweise vertretenen Richtung, ohne ihr ganz und gar zu\nfolgen. Da die Handlung als die Hauptsache erscheint, so\nbleibt der Musik nur wenig Raum, sich selbstständig zu\nbreiterer Gestaltung zu entwickeln. Das reine Recitativ\nwird ebenfalls in der Regel vermieden, und den Haupt-Be-\nstandtheil bildet somit die freiere Scenenform, aus der bald\nkürzere, bald längere Cantilenen hervortauchen, die sich\nmitunter dem Stil der grossen Oper nähern und dann theil-\nweise recht gelungen sind, in vielen Fällen aber die Be-\nschaffenheit haben, dass sie an anderer Stelle eine reinere\nWirkung hervorbringen würden. Man muss dem Compo-\nnisten nachrühmen, dass er die Form geschickt gehandhabt\nhat und die vielen kleinen Stücke in fliessender Weise aus\neinander hervorgehen und auf einander folgen lässt; er weiss\noft mit vieler Kunst den Eindruck zu steigern; nur, am\nletzten Ziele angelangt, verfällt er oft in Melodieen, die,\nwährend sie dem grossen Publicum am fasslichsten und\nwohlgefälligsten sein mögen, für uns den Eindruck durch\nihre Oberflächlichkeit schwächen. Der Anfang des ersten\nActes ist recht gelungen; dann folgt eine längere Scene\nzwischen Günther, Siegfried und Hagen, die nicht auf der\nHöhe des Gedichtes steht. Brunhild tritt, nachdem sie be-\nsiegt ist, mit einem dramatisch wirkungsvollen Recitativ\nauf; dann folgt ein Arioso des Königs Günther, das wir zu\nden misslungensten Partieen der Oper zählen. Das Finale\ndes ersten Actes ist in seiner ersten Hälfte sehr gut, na-\nmentlich ist hier das Orchester höchst ausdrucksvoll und\ncharakteristisch behandelt. Der zweite Act ist neben dem\nvierten der beste; zwar enthält der Anfang desselben man-\nches, was wir nicht billigen können (z. B. das Lied des\nVolker); von da an aber erhebt sich die Musik zu höherem\nSchwung. Der Streit zwischen Chriemhild und Brunhild\nund dessen weitere Entwicklung bis zur offenen Feind-\nschafts-Erklärung bildet den Inhalt des Actes. Einzelnes,\nz. B. ein Ensemble: „Nun, so sei es denn entschieden\",\nragt als vorzüglich hervor. Im dritten Acte erfolgt die Er-\nmordung Siegfried's und zugleich unmittelbar darauf die\nAnkunft der Gesandten Etzel's; die Musik ist ungleich, und\nneben dem vielen Gelungenen begreifen wir z. B. nicht,\nwie das Lied, mit dem Siegfried im Odenwalde auftritt,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1307, "texte": "gleichsam so spiessbürgerlich gehalten werden konnte; wenn\nSiegfried auch eine einfache deutsche Helden-Natur ist, wir\ndürfen uns doch nicht den gutmüthigen deutschen Philister\ndabei denken. Der vierte Act enthält viel Treffliches; na-\nmentlich glauben wir den Schluss desselben auszeichnen\nzu müssen. Den meisten Beifall beim Publicum findet das\nQuartett, mit dem die Burgunder auftreten, das in der Re-\ngel da capoverlangt wird. Der fünfte Act ist kurz und\nschliesst die Oper nicht ohne Wirkung. Die Nibelungen\ndauern fast vier Stunden; wir tadeln es nicht, denn schwer-\nlich lässt sich der Stoff auf ein kürzeres Maass zurücklüh-\nren. Die Ausstattung ist höchst glänzend, die Aufführung\nrecht gut. Fräul. Wagner gibt die Brunhild mit drama-\ntischer Kraft, Frau Herrenburg-T uezek weiss die\nSchwierigkeiten, die ihr die von Natur nicht gerade zusa-\ngende Partie der Chriemhild bietet, mit gewohntem Ge-\nschick zu überwinden; die Herren Salomon (Siegiried),\nBost (Hagen) und Form es (Volker) leisten Tüchtiges, na-\nmentlich der Letztgenannte, dessen frische Stimme in effect-\nvoller Weise zur Geltung kommt. Wegen der Urlaubs-\nreise des Fräul. Wagner verschwinden die Nibelungen zu-\nnächst vom Repertoire, auf dem sie aber aller Wahrschein-\nlichkeit nach im nächsten Winter wieder erscheinen werden.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-22_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "125", "page_fin": "126", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.2.3", "titre_corps": "Das Orchestrium.", "titre_sommaire": "Das Orchestrium.", "signature_source": "D", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.5", "debut_caractere": 1309, "fin_caractere_exclue": 4920, "texte": "Das Orchestrium.\n\nUnter den vielen Erfindungen von neuen musicalischen\nInstrumenten oder Combinationen von bereits vorhandenen\nakustischen Mitteln zu einem neu zusammengestellten Gan-\nzen nimmt das Instrument, welches die Herren Orgelbauer\nMerklin u. Schütze in Brüssel erfunden und mit dem\nNamen Orchestrium bezeichnet haben, eine so bedeutende\nStelle ein, dass ich mir nicht versagen kann, auch in\nDeutschland durch Ihre geschätzte Zeitung die Aufmerk-\nsamkeit auf dieses Instrument zu richten, um so mehr, da\ndie Erfinder Deutsche sind und also auch in vaterländischer\nHinsicht Theilnahme verdienen.\nHerr Joseph Merklin ist der Sohn eines Orgelbauers\naus Freiburg in Baden. Er kam vor etwa zwölf Jahren\nnach Belgien und fand bald ein dankbares Feld für sein\nTalent und seine Thätigkeit. Im Jahre 1842 liess er sich\nin Brüssel nieder und erhielt von der Regierung mehrere\nAufträge zu Orgelbauten, welche er zu stets grösserer\nZufriedenheit ausführte. Im Jahre 1845 erhielt er für die\nOrgel, welche er zur National-Ausstellung gebaut hatte,\nden ersten Preis. Er verband sich darauf mit seinem Schwa-\nger, Herrn Schütze, und ihre Werkstatt wurde die renorn-\nmirteste in Belgien. Es sind aus ihr bereits 33 Orgeln her-\nvorgegangen; die bedeutendste ist die grosse Orgel in der\nSt. Bartholomäuskirche zu Lüttich, ein Werk von vierzig\nStimmen, mit drei Manualen und freiem Pedal.\nDa die Herren Merklin u. Comp, auch so genannte\nHarmoniums oder Melodiums, deren Erfindung im Grunde\nnur eine Erweiterung der Physharmonica (oder Aeoline)\nwar, fabricirten, so führte ihre doppelte Beschäftigung sie\nzum Nachdenken darüber, ob es nicht möglich sei, die Vor-\nzüge und Eigenthümlichkeiten des Orgeltones mit denen\ndes Harmoniums zu vereinigen, und es gelang ihnen, ein\nInstrument zu combiniren, welches in der That diese Ver-\nSchmelzung verwirklicht. Dieses ist das Orchestrium, das in\nseiner Art für so neu und eigentümlich von den Commis-\nsionen der Sachverständigen verschiedener Regierungen an-\nerkannt worden ist, dass die Erbauer ein Patent auf ihre\nErfindung in Belgien, Frankreich und Holland erhalten ha-\nben. Ohne eine Indiscretion zu begehen, können wir uns\ndesshalb in Bezug auf die Einrichtung nur aul Allgemeines\nbeschränken.\nDer Ton entsteht durch die Schwingung von Metall-\nzungen, denen der Wind durch ein neues System von Ge-\nbläse zugeführt wird. Dieses System beruht einestheils aul\neiner eigenen Construction des Hauptgebläses mit seinen\nWindladen, Regulator und Canälen, anderenteils auf der\ngleichzeitigen Anwendung eines zweiten Gebläses. Beide\nVorrichtungen können getrennt und verbunden angewendet\nwerden; verbunden wird die eine von dem Spieler selbst\n(ohne Schwierigkeit) in Bewegung gesetzt, die andere von\neinem Gehülfen oder irgend einem äusseren Mechanismus.\nWährend man durch die eine sehr schöne und volle Orgel-\ntöne erhält, kann man durch die andere die trefflichsten\nNuancen des Ausdrucks im An- und Abschwellen, im\ncendo und Decrescendo nicht nur einer ganzen Stimme, son-\ndern auch jeder einzelnen Note hervorbringen.\nDie Register sind auf verschiedene Claviere disponirt.\nDas vollständigste Orchestrium hat dreissig Register, zwei\nManuale und ein Pedal; die Instrumente werden aber auch\nmit 24, 22, 18 Registern und beziehungsweise nur mit\nEinem Manual und Pedal, oder auch ohne Pedal gemacht.\nDie Pedalstimmen sind im oberen Theile des Instrumentes\nangebracht, was für den Klang der Bässe höchst vor-\ntheilhaft ist.\nEin Orchestrium von neun bis zehn vollständigen Stim-\nmen (28 Register) ist stark genug für eine Kirche oder\neinen Saal, welche tausend Menschen fassen, und hat vor"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2257, "texte": "der Orgel die Wohlfeilheit des Preises und die willkürliche\nModification des Ausdrucks voraus. An der Annehmlichkeit,\nWeichheit und dem Wohlklang des Tones ändert der\nMaassstab d?r Grösse gar nichts, und die kleineren Instru-\nmente für Salon und Zimmer leisten in jeder Hinsicht\nausgenommen in der Kraft des Völlen Werkes ganz\ndasselbe, wie die grösseren. Die Erfinder bauen sechs nach\nden Dimensionen verschiedene Classen von Orchestriums;\nder Preis eines Instrumentes erster Classe (28 —3O Re-\ngister) ist 3500 Frcs., während eines der sechsten Classe\nnur 1400, mit Kasten von Eichenholz sogar nur 1200\nFrcs. kostet. An Raum nehmen die mittleren Instrumente\nnicht mehr in Anspruch, als ein Pianino.\nDer Ton ist in der That ganz vorzüglich, bei weitem\nvoller und orgelarliger, als bei allen Arten von Melodiuins,\ndie man bisher gekannt. Alle Orgel-Compositionen lassen\nsich auf diesem Instrumente mit der vollsten Wirkung im\nConcertsaale spielen, ja, mit theilweise grösserer Wirkung,\nals auf der Orgel selbst, weil dem Spieler auf dem Or-\nchestrium ganz andere Mittel des Ausdrucks zu Gebote\nstehen, als dem Organisten. Es ist desshalb kleinen Kir-\nchen, Betsälen, Seminarien und Schulen gar sehr zu em-\npfehlen.\nAber nicht nur die Werke ernsterer und kirchlicher\nGattung nehmen sich vortrefflich darauf aus, sondern auch\njede Art von Kammer- und Concert-Musik lässt sich mit\ngrossem Erlolg vortragen, sobald der Spieler die Eigen-\nthüpnlichkeiten des Instrumentes vollkommen kennen gelernt\nhat und der künstlerischen Behandlung desselben mächtig\nist. Dieses zu werden, erfordert bei einem Ciavier- oder\nOrgelspieler nur eine kurze Uebung; trug doch neulich in\neinem Concerte für die Blinden-Anstalt in Brüssel ein ta-\nlentvoller blinder Pianist, welcher sich kaum acht Tage\nlang auf dem Orchestrium eingespielt hatte, ein Concert-\nstück mit grosser Fertigkeit und rauschendem Beifalle vor.\nEine treffliche Wirkung macht das Orchestrium auch mit\nBegleitung von Saiten-Instrumenten, mit deren Ton es sich\nbei weitem schöner und weicher verschmilzt, als das Piano-\nforte. Der eigentliche Werth der Erfindung wird sich da-\nher erst dann recht offenbaren, wenn besondere Compo-\nsitionen für dasselbe, sowohl Solo- als Ensemblestücke, ge-\nschrieben werden.\n\nD."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-22_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "126", "page_fin": "127", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.2.4", "titre_corps": "Ueber Herrn Xaver Gleichanf in Frankfurt a. M.", "titre_sommaire": "Ueber Herrn Xaver Gleichanf in Frankfurt a. 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Er ist kein Vir-\ntuose auf irgend einem Instrumente; kein Componist; allein\ndennoch ein Tonkünstler, wie wir leider wenige haben.\nSeiner echten, begeisterten Liebe zur Musik haben wir es\nzu verdanken, dass er eine Menge grösserer und kleinerer\nclassischer Tonwerke durch meisterhafte vierhändige Bear-\nbeitung den zahllosen Clavierspielern zugänglich gemacht\nhat. Unbedenklich spreche ich aus, dass er von den vielen»\ndie sich mit Vierhändig-Bearbeiten von Tonstücken befasst\nhaben, der Beste sei; denn ich bin bereit in den vierhändi-\ngen Bearbeitungen von Czerni, Mockwitz, Klage u. s. w. die\ngrössten Nachlässigkeiten nachzuweisen. Besonders sind\nviele der vierhändigen Bearbeitungen der Haydn'schen Sym-\nphonieen von Karl Klage (Magdeburg, in der Heinrichs-\nhofen'schen Musicaiien-Handlung) so kläglich gemacht, dass\nman glauben muss, der Bearbeiter habe nicht einmal eine\nPartitur seiner Schlachtopfer zu Rathe gezogen. Besser\nbehandelt sind mehrere Mozart'sche Werke durch Herrn\nJulius Andre, und die neunte Symphonie von Beethoven\ndurch Herrn Professor Bagge in Wien. Herr Gleichauf,\nder ein tieferes Verständniss der Tonsetzkunst, so wie der\nTonwerke in ästhetischer Beziehung besitzt, geht von dem\nGrundsatz aus: das Original möglichst treu wiederzuge-\nben, ohne durch Ueberfüllung der Verständlichkeit Eintrag\nzu thun, oder unverhältnissmässige Schwierigkeiten zu bie-\nten, und spart keine Mühe, um oft durch langes Nachden-\nken auszumitteln, auf welche Art diese oder jene schwere\nStelle wohl am besten vierhändig wiedergegeben werden\nkönne. Auf diese Weise gelang es ihm, die äusserst schwie-\nrigen Werke von Beethoven, wie z. B. seine letzten grossen\nQuartette, seine Clavierconcerte u. s. w. vortrefflich vier-\nhändig wiederzugeben. Lassen Sie mich nun einen kurzen\nBlick auf sein Leben und Wirken werfen.\nHerr X. Gleichauf ist 1801 zu Hölingen im badischen\nSchwarzwald geboren. Nachdem er frühzeitig daselbst eini-\ngen dürftigen Unterricht im Singen und Ciavierspiel genos-\nsen, daneben aber auch grosse Neigung und viel Talent zur\nMalerei gezeigt hatte, ohne sich noch für die eine oder für\ndie andere Kunst zu entscheiden, kam er 1819 nach\nFrankfurt a. M., um bei Schelble, einem nahen Verwandten,\nernstere Studien in der Musik zu beginnen. Als Schüler\nund mehrjähriger Hausgenosse hatte er nun volle Gelegen-\nheit, das echt künstlerische Treiben dieses seltenen Mannes,\ndessen Geist bei dem von ihm dort gestifteten Cäcilienver-\nein auch jetzt noch nicht ganz erloschen ist, in der Nähe\nzu beobachten, welches seinem eigenen Geschmacke die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3658, "texte": "Richtung gab: das ewig Schöne in der Kunst zu erstre-\nben und sich anzueignen. Im Jahr 1829 liess sich Herr\nGleichauf' in Frankfurt nieder, wo er als Musiklehrer bis\nauf heute seine Existenz hat. Seine freien Stunden henutzte\ner theils, für seine besonders an Bach'schen Werken sehr\nreiche Bibliothek Partituren zu schreiben, theils Ciavieraus-\nzüge aus classischen Compositionen, besonders Gesang-\nSachen, zu machen. Diese sind: Tod Jesu von Graun;\nHändeln Messias, Salomon, lOOster Psalm. Vonl. S. Bach:\n2 Messen und die Cantate: „Eine feste Burg.\"\nVierhändig von ihm sind erschienen: von Bach: vier\nstarke Hefte Orgel-Compositionen. Von Beethoven:\nOp. 19, Clavier-Concert in B-dur. Op. 29, Streichquintett\nin C-dur. Op. 6 1, Violin-Concert. Op. 66, Messe in\nOp. 73, Clavier-Concert in Es-dur.Op. 74 und 95, zwei\nStreichquartette in Es-dur und Zwei Sextette in\nEs-dur. Trio für Blas-Instrumente in Von Che-\nrubini: Ouvertüre zu der Oper VonMehul:\nSymphonie Nr. 1, G-moll.Von Mendelssohn: Op. 4, So-\nnate für Ciavier und Violine in F-moll. Op. 18, Streich-\nquartett in A-dur.Oratorium Paulus. Von Mozart: Trio\nfür Streichinstrumente, in Es-durZwei Sonaten für Ciavier\nund Violine in A-dur und EsAdagio und Fuge für\nStreichinstrumente in C-moll.Sonate für zwei Claviere in\nD-dur. Fünf Ciavier-Trios, Clavier-Quintett in\nZehn Streichquartette, Ouvertüre der Oper:\nrapita. Symphonie in A-dur.Von Haydn: 15 Streich-\nquartette. (Diese Sammlung wird fortgesetzt.)\nAn Verleger sind überlassen , aber noch nicht er-\nschienen:\nVon Beethoven: Concert für Ciavier, Violine und Vio-\nloncello, Op. 56. Concert für Ciavier in Op. 58.\nZwei Streichquartette in B-dur und Op, 130\nund 131. Von Mehul: Symphonie Nr. 2 in\nVon Mozart: Serenade in G Von Haydn: zwei\nSymphonieen in B-dur und G-dur Von Schubert: Streich-\nquartett in A-moll.Op. 29.\nFolgende gehaltvolle Werke liegen noch von ihm vier-\nhändig bearbeitet in seinem Pulte, und sind an Verleger,\ndie ich hiermit darauf aufmerksam machen will,\nabzugeben.\nVon I. S. Bach: Suite für ganzes Orchester, in D-dur.\nVon Beethoven: 2 Sonaten für Pianoforte und Violon-\ncello, in F-dur und G-moll, Op. 5. Septuor für Saiten-\n|Und Blasinstrumente in Es-dur,Op. 20. Sonate für\n■ianoforte und Violoncello, in A-dur, Op. 69. Sym-\nphonie in D-moll (ohne das Finale). Op. 125. Streich-\nQuartett in Es-dur,Op. 127. Musik zum Ballet: Die\nGeschöpfe des Prometheus. Ausser der Ouvertüre\nenthält dieses Werk 16 Nummern. Von Cherubini:\nOuvertüre und Zwischenacte zur Medea. Drei Streich-\nquartette: in Es-dur, C-dur und D-moll.\nVon Mozart: Symphonie in (Keine der be-\nkannten.) Clarinet-Concert in A-dur. Zwei Clavier-\nConcerte, in D-moll und G-dur. Concert für zwei Cla-\nviere, in Es-dur. Von Haydn: mehrere Streichquartette.\nOuvertüre zu den Jahreszeiten. Chor: Des Staubes\neitle Sorgen. Von Schubert: Streichquartett in D-moll.\nEin sehr gutes Geschäft für einen Verleger wäre ge-\nwiss die Herausgabe des Ballets von Beethoven, in vierhän-\ndiger Bearbeitung von Gleichauf; denn die Musik ist unge-\nmein klar, freundlich und nicht schwer auszuführen. Das\nWerk scheint keines Verlegers Eigenthum zu sein, und\nkann also von jedem übernommen werden.\nIch schliesse hier die Notizen über Herrn Gleichauf\nmit dem Wunsche, dass sich die Herren Verleger im Inter-\nesse unserer Kunst mit Bestellungen an ihn wenden möch-\nten ; denn sie könnten einer raschen, eben so geschickten wie\ngewissenhaften Ausführung ihrer Aufträge versichert sein.\nEs gibt ja für den Zweck noch so viel Schönes, wie z. B.\nnoch wenig bekannte Symphonieen von Haydn, Clavier-Con-\nzerte von Mozart, viele Quartette und andere Werke von\nSpohr u. s. w.\n\nSchnyder von Wartensee."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-22-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-22_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-04-22_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "127", "page_fin": "128", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.2.5", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.7", "debut_caractere": 3660, "fin_caractere_exclue": 5079, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMösn. Aloys Ander von Wien hat seine Urlaubsreise an-\ngetreten und seine. Gastspiele diesmal bei uns in Köln begonnen,\nmit einem Erfolge, wie wir ihn bei unserem, besonders dieses Jahr\nsehr schwer in Begeisterung zu setzenden Publicum noch kaum\ngesehen haben. Die rauschendsten Beifalls-Aeusserungen, Hervor-\nruf, Kränze, Blumen, das alles wurde ihm zu Theil; aber was will\ndas sagen gegen die athcmlose Stille, mit welcher das volle Haus\nseinen Tönen lauscht, gegen den lauteren Schlag des Herzens in\nder Brust des Zuhörers, gegen die Thräne, die in dem Auge glänzt?\nAnder entfaltet durch den wunderbaren Ton seiner Stimme und\ndie meisterhafte Behandlung und charakteristische Färbung dessel-\nben einen Reichthum des tiefsten Gefühls, das eines Menschen\nBrust bewegen kann; es erklingt aus ihm ein wahrhaft herzinniger\nGesang, welcher der volle Ausdruck der poetischen Empfindung,\ndes inneren Gemüthslebens durch die idealisirte Sprache der Musik\nist, die dabei ihren schönsten Triumph durch ihr edelstes Werk-\nzeug, durch die menschliche Stimme, feiert. Wir haben den gros-\nsen Künstler bis jetzt nur als Lvonel in der Martha und als Stra-\ndella gehört; wenn wir ihn also bewundern, so gehört diese Be-\nwunderung wahrlich ganz und gar ihm, der wir gestehen es\noffen mit dieser Flotow schen Musik eine Wirkung erzielt hat,\nwelche wir nie geahnt hätten. Wenn der alte Quintilian vom Bed-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5805, "texte": "ner sagt: „Das Ilcrz nur macht beredt!\" so tritt diese Wahrheit\nhei der idealisirten Rede, bei dem Gesänge, noch schlagender zu\nTage. Der Componist kann seinen Melodieen nur die Form, den\nLeib geben ; die Seele, die innere Lebcnsglulh haucht ihnen erst\nder Sänger ein, und der muss sie, wie Prometheus den göttlichen\nFunken, vom Himmel holen; denn alle Kunst der Erde kann sie\nnicht erzeugen. Es ist die hohe Begabung der Natur, die fürstliche\nGeburt, das gehcimnissvolle Walten des Genius in einer bestimm-\nten Individualität, wovor wir uns zunächst bei einem solchen\nKünstler, wie Ander, beugen müssen. (Schluss folgt.)\nJohanna Wagner hat in Berlin in Lachner's Catharina\nCornaro zuletzt gesungen und dann ihren Urlaub angetreten. Sie\nwird zunächst in Bremen erwartet. Es heisst, man habe ihr fa-\nbelhaft glänzende Anerbietungcn aus Rio-Janeiro gemacht.\nF. Guhr, Musik-Dircctor in Schlesien (Miliisch), ein Bruder\ndes ehemaligen Capellmeisters in Frankfurt am Main, ist am 6.\nMärz gestorben.\nIn der diesjährigen Theaterzeit der Scahi in Mailand fanden\n57 Vorstellungen von Opern und 71 von Balletten Statt, zu wel-\nchen neun Opern (darunter vier neue) und fünf Ballette (darunter\nzwei neue) den Stoff lieferten. Unter den neuen Opern erlebte\ncouvito di Baldassarc,Musik von Buzzi, zehn VoiStellungen, die\nMaschera von Dominicctti drei, die von Pedrotti\nzwei, und die vierte fiel ganz durch. Die höchste Zahl von neun-\nzehn Wiederholungen erreichte Verdi's Rigoleito und von sieben-\nzehn dessen Macbeth, Rossini's Scmiramis drei, Moses und Cc-\nnerentola je eine ■— ein ziemlich treues Barometer des gog(ii\\t<ü-\ntigen Geschmacks. Die ersten Sängerinnen waren Clara Novello,\nG a e t a h i n a B r a m b i 11 a und B o s a 1 i a C a r i b o 1 d i.\nIn Florenz hat die Oper I Bcccanali von Romani, welcher\ndurch seine beiden komischen Opern, und\ngrossen Erfolg gehabt hatte, nur massigen Beifall erhalten.\nDer Pianist Ferdinand Croze hat in Neapel im Theater\ndel Fundo mit aussergewöhnlichem Bcifalie gespielt.\nStephen Heller hat vom Kaiser von Brasilien die Decora-\ntion des Rosen-Ordens erhalten.\n** IParis. Die unendliche Reihe von Concerten will trotz des\nschönen Wetters noch nicht abbrechen. Die Ankündigungen be-\ndrohen uns noch mit den Matineen (von 3—5 Uhr der schönsten\nFrühlingssonnen-Zeit) der Pianisten W. Krüger, Jul. Schul-\nhoff, Fumaga 11 i, Joseph ine Marlin, der Violoncellisten Sc-\nligmann und Jacqua rt und einiger Violinisten und Gesangs-\nkünstler. Auch das achtjährige Wunderkind, die Pianistin Marie\nGaltier, ist wieder da.\nIn voriger Woche ist hier ein ausgezeichneter Kunst-Dilettant\nund zugleich Schriftsteller, der Graf de Sayvc, am Schlagflusse\ngestorben. Schon als Kind trieb er am liebsten Musik; in seinem\nachtzehnten Jahre nahm er Dienste in der Armee und machte die\nFeldzüge von 1812—1814 mit. Nach dem Frieden nahm er den\nAbschied und zog sich von der Oeffcntlichkeit zurück, um seinen\nNeigungen, zur Wissenschaft und Kunst zu leben. Im Jahre 1822\nerschien ein treffliches Reisewerk von ihm über Italien und Sici-\nlien, später ein ähnliches, doch mehr historisches, über Polen. Auch\nin Deutschland und Belgien machte er häufige Reisen. Ausserdem\nwar er auch Maler und vor Allem Musiker. Seine Landschaften\nzogen auf den pariser Ausstellungen öfters die Blicke der Kenner\nauf sich: als Componist war er ein Schüler von Reicha und Hum-\nmel und hat Trios, Quartelte und Quintette für Streich-Instrumente\nund zwei Sinfoniecn für grosses Orchester geschrieben. Seine zweite\nSinfonie wurde im Jahre 1848 in Paris in der philharmonischen\nGesellschaft und bald darauf in Brüssel in einem der Conservatoirc-\nConcerle mit Beifall aufgenommen. [Nach französischen Blättern\nsoll sie auch in Köln aufgeführt worden sein und gefallen haben\nim Jahre 1848 oder 1849 —; uns ist jedoch nichts darüber be-\nkannt geworden. Die Redact.]\nJ. II assen Ii u t hat eine Sin fo nie in drei Sätzen mit Solis\n%\nund Chören, betitelt „Die Juden in Babylon'4, geschrieben, welche\ndieser Tage im Hcrz'schcn Saale aufgeführt werden wird. Fräulein\nVeith wird darin singen. Die folgenden Vorstellungen der\nVcstalin waren besser, als die erste; das Orchester hat endlich\neingesehen, was es für eine Musik vor sich habe. Sophie Cru-\nvelli wird ihren Urlaub antreten lind nach London gehen.\nWieder ein deutscher Pianist, Paul Dollingcn! er wird ein\nConcert geben.\nDie italiänische Opern-Gesellschaft hat in der Charwoche drei-\nmal das S tabat Mater von Rossini gegeben. Mario, die Alboni\nund Frezzolini haben darin gesungen, abwechselnd mit ihnen\nFräul. Veith und Fräul. Ernesta Grisi.\nSponlini's Vcstalin dauert den Parisern nicht lange genug; die\nDircction hat desshalb bei den letzten Vorstellungen noch das\nBallet Jovita in den Kauf gegeben, und zwar mit der Rosati.\nHerr Mitchel hat die Dircction des französischen\nTheaters in St. James aufgegeben. Dagegen wird die französi-\nsche Opern- Gesellschaft des Thedtre Lyrique in Paris unter\nder Dircction des Herrn Sevestc 36 Vorstellungen auf dem St*\nJtfmes-Thcater vom 1. Juni an sehen.\nu\nDie Sängerin d e La gr an g c hat in Petersburg ausseror-\ndentliches Glück gemacht. Zu ihrer Bencficc-Vorstellung hat sie\nvom Kaiser eine Brustnadel von 15,000 Frcs. und von mehreren\nAdeligen ein Armband von 10,000 Frcs. an Werth erhalten, und\nist für den nächsten Winter wiederum mit 100,000 Frcs. Gehalt\nund Bewilligung eines Benefices angestellt. Die Medori (gegen-\nwärtig in Wien) hat dagegen einen neuen Contract geweigert.\nDie deutsche Sänger-Gesellschaft in Boston mit dem\nUnternehmer Bandt an der Spitze, hat daselbst fünfzehn Concerte,\ndas letzte am 26. März, gegeben und geht jetzt nach Philadel-\nphia, Baltimore und dem Wrestlande, um zum nächsten Winter\nwieder nach Boston zurückzukehren. (Zur Nachricht für etwaige\nSpeculationen deutscher Liedertafel-Vereine!)"}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "121", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.1", "texte": "Heutige Kunstznstände.\n\nWir gedenken lebender Schönheit auch heute noch,\nobwohl uns Waffengetöse umschwirrt und bedroht; denn\nes ist deutsche Art, in dem wildesten Tosen des äusseren\nLebens der ersten Liebe nicht zu vergessen; und deutschen\nHelden war es von Alters her nicht fremd, Leier und\nSchwert mitsammen zu hegen, wie ja lange vor Th. Kör-\nner thaten die unnahbaren Helden Volker, der starke\nvidelaere bei den Nibelungen, und Morand, der Hörend-\nGehörte im meergewaltigen Gudrunlied. Freilich sind so\nvereinte Heldenthümer in mehreren Gebieten mehr sa-\ngenhaft als wirklich; denn Geist- und Weltsinn ist selten\nin Einem Hirn und Kerzen, dessgleichen Wissenschaft und\nKunst, Sitte und Schönheit, Kritik und Schöpferkraft. Ihre\nHöhepunkte in Einem Menschen vereint haben wir in\nden letzten Jahrhunderten, wo alle Arbeit tausendfach ge-\ntheiit ist, nirgend gesehen. Gleicher Maassen steht es mit\nden Zeit- und Menschenaltern; das eine ist überwiegend\nschöpferisch gestaltend, ein anderes kritisch zerspaltend,\njenes spendend, dieses sammelnd und seit der grosse\nSpalt in die abendländische Christenheit gefahren, steht diese\nTrennung entschiedener da, unweigerlicher als jemals.\nNäher angesehen, war es wohl auch zu Homer's und Pla-\nto's Zeiten eben so, dass die wahre Genialität, sei es dich-\ntende oder denkende, nur in Einem bestehen konnte, eben\nweil aller Genius einseitig leidenschaftliches Naturwollen ist.\nDiese altbekannte Wahrheit ist zuweilen unbequem,\ndarum wird sie geläugnet. Obwohl wir eingestandener und\nbewiesener Maassen heute in einer kritischen, nicht\nkünstlerischen Sternenstunde uns befinden, so wirkt\ndoch das Künstler-Völkchen unablässig in Arbeit neuer\nGestaltung. Ob diese aber wirklich neu sei, das ist\nnun eben die kritische Frage. Ein wahrer Dichter hät-\nten wir ihn, wir würden ihn schon erkennen! Der wahre\nDichter ist doch wohl ein solcher, der den alten, ewigen\nInhalt erneuert, das Herz in neue Schwebung setzt, und\ndieses thut ohne Absicht, wie er auch ohne Absicht ergreift\nund ergriffen wird; denn wahre Dichtung ist gleich einer\nNaturgewalt, die in geheimnissvollen Schlägen wirkt, unbe-\nwusst und unwiderstehlich.\nSolche Dichter haben wir heule nicht, was auch die\nzeitsinnige Kritik sage. Gutzkow, Geibel und Hebbel, Schu-\nmann, Berlioz und Wagner, Hubner, Lessing und Kaulbach\nwas haben die dreimal drei denn Lebenskräftiges, Dau-\nerndes, Ewigschönes gebracht, was in dem einfältigen Volke\nwurzelte ohne zeitgemässe Lehrmeister - Vorbereitung?\nKeine Spur ihres Lebens ist im Volksleben abgedruckt,\nund ehe ein Strahl wie aus Schiller's, Mozart's, Raphael's\nund Di'irer's Werken in die Volksseele fällt, hat's Zeit\nweil jetzt eben die Zeit zu allem Anderen Zeit hat, nur\nnicht zur schöpferischen Schönheit.\nDamit ist nicht geläugnet, dass selbst in dürren Tagen\nein Reis aufspriesse voll Hoffnung. Wie in der Zeit des\ndunkelsten Rationalismus einzelne Strahlen helleren Lichtes\nvon den Bergen her leuchteten Bengel und Oetinger\nlebten um 17 70! —, so mag es auch unserer Zeit gege-\nben sein, dass neben dem tollen Chor der Sänger „ auf der\nZinne\" sich einzelne verborgene finden, die das Feuer\nder Geweihten übertragen in kommende Zeitalter, zu neuer\nEmpfängniss vorbereitend. Dieser Art mögen Hiller, G.\nSchmidt, Löwe, Fr. Schubert, gleichwie Fouque und Arnim\ngeachtet werden als Hüter des verborgenen Lebens, denen\ndie treue Hut nicht vergessen sein wird, wenn der Tag\nkommt, dass die Aernte der Zeit geschieht.\nNun aber treten die Gleissner der Schul-Phraseologie\nentgegen, die sich das Wort darauf gegeben, dass niemand\nein Dichter sei, den ihre Phrase nicht gestempelt, und die\nsich alle mitsammen verschworen, nichts durchschlüpfen zu\nlassen, was nicht in der Lobräucherungs-Central-Commis-\nsion geaicht ist. Zwar wehren sie sich mit Hand und Fuss\ngegen den Verdacht der Coterie, und finden es eine gar\nunwürdige Verdächtigung, wenn ihnen das Camaradenwe-\nsen öffentlich nachgewiesen wird. Aber all ihr gegenstim-\nmiges Gezische wird die Wahrheit nicht entkräften, dass\nsie insgesammt Front machen gegen Andersmei-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "122", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.2", "texte": "Iren de; und der sicherste Beweis für eine Partei ist doch\nwohl der Zorn der Gegenpartei. Vor vier Jahren ward\nabseiten der Reaction einmal der ernste Spass versucht,\neinen Preis auszusetzen von 100 Louisd'or, wenn Jemand\neinen Social-Demokraten nachwiese, der überall, bei\nFreund und Feind, Achtung erworben hätte\ngleich Ernst August von Hannover, der bekanntlich kein\nSocial-Demokrat war. Die Socialisten schimpften „Verdäch-\ntigung!\" aber Niemand meldete sich, jenen Preis in Em-\npfang zu nehmen. In gleicher Weise fordere ich hiedurch\nöffentlich mit gleicher Preis-Auslobung die Brendel'sche\nNeue Musicalische Zeitschrift auf, mir einen Musiker der Zu-\nkunft nachzuweisen, der überall, bei Freund und Feind,\nAchtung erworben gleich Seb. Bach oder Beethoven. Dass\nRichard Wagner bis jetzt nur gilt, wo er auf den Schild\nder Partei erhoben, das bezeugt mindestens die N. M. Z.\ndadurch, dass sie auf alle Nicht-Anerkennenden den Bann\nder Geistlosigkeit schleudert. Aehnlich thaten vor Zeiten\ndie Alexandriner, die Byzantiner, die fruchtbringenden Ge-\nsellschaften des siebenzehnten Jahrhunderts, und zum\nSchluss der närrischste unter allen Kunstweisen, Matthe-\nson den freilich Riehl einen Fürsten der Aesthetik\nnennt. Alle diese Parteien und Parteimänner haben trotz\nalles Polterns und Coterirens doch keinen Dichter zuwege\ngebracht, der Gegenwart und Zukunft beherrscht, gewusst\nund in sich getragen hatte, weil sie eben insgesammt,\nwie Sanct Brendel und Wagner, die Vergangenheit ver-\nachteten.\nRichard Wagner ist ein Cornplex von Schumann und\nMeyerbeer, jedoch ohne den Tiefsinn jenes, den Leichtsinn\ndieses Meisters, denen er eben nur die Aeusserlichkeiten\nabgeguckt hat, um in Steigerung aller bisherigen Kunst-\nmittel ein ödes Erstaunen zuwege zu bringen. Man\nkann zugeben, dass die Grund-Idee der Zukunfts-Musiker\nnicht eben grundfalsch ist, nämlich die, dass dem Unsinn\nder modernen Oper entgegen zu wirken sei, dass die Mo-\nzart-Rossini'sche Periode an dramatischer Bedeutung weit\nhinter der Gluck'schen stehe, dass endlich die gesunde Oper\ngesunden Text, vernünftige Dichtung enthalten müsse, um\nwahren, ewigen Kunstwerth zu besitzen. Daraus aber folgt\nkeineswegs, dass nun alle Mozart'schen Opern in ihrer lyri-\nschen Plastik verwerflich seien; noch weniger, dass alle\nDramatik nun eben in diese poetisch-recitativisch-opernhafte\nKunstform müsse ergossen werden; am allerwenigsten aber\nfolgt daraus, dass Richard Wagner auch nur einen Theil\n• • \"\nvon dem wirklich ausgeiüljrt habe, was seine so genannt\ntheoretischen Schriften jahrelang pomphaft verkünden.\nWenn wir also zugestehen, dass die Mozart-wienerische,\ndie Rossini-italische, die Auber-parisische Schule den höch-\nsten absoluten Kunstwerth noch nicht erreicht haben, so\nist damit keineswegs gesagt, dass wir durch Entbehrung\nihrer Vorzüge, d.h. durch hlosse Verneinung aller\nEinzelschönheit, nun sogleich das wahre Kunstwerk\nerschaffen könnten. Dass aber dieses dennoch der Glaube\nder Zukunfts-Schwärmer ist, erkennen wir an ihrer voll-\nkommen negativen Thätigkeit; denn bisher haben\nsie sich nur verneinend verhalten. Es fehlt ihnen die ge-\nmüthlich tiefe Formenschönheit der Mozart'schen, die sinn-\nlich kräftige der Rossini'schen, die geistreich spielende Art\nder parisischen Weise. Was haben sie (R. Wagner, Brahms,\nSchäfTer etc.) dafür gegeben, wo ist ihre Bejahung?\nDie tiefste Melodieen-Armuth, überhaupt schon ein\nZeugniss unserer Zeit, ist in der Zukunfts-Coterie fast schon\nein Lob geworden; mindestens sind die speculativen Phra-\nsen von „äusserlicher sinnlicher Formschönheit\", die „zu\nden überwundenen Standpunkten\" gehöre, oft genug vom\nleipziger Comptoir aus verkündet worden, um verstan-\nden zu werden. Wenn aber Brendel und die Seinen klagen\nund gross Lamento erheben über häufige „Missverständ-\nnisse\", so fragen wir dagegen, warum denn eben diesen\nLeipzigern alle Tage passirt, missverstanden zu werden\nworüber doch niemals Herder, Göthe und Schiller geklagt\nhaben! Und es gibt heute eben so wohl Leute, die Deutsch\nverstehen, wie damals.\nIst R. Wagner's Dichtung etwas werth, so wird sie\nauch allein, ohne Musik, wirken; aus der Addition mehre-\nrer Sonderkünste wird doch durch keine Rechen-Exempel\neine Allkunst. Ist R. Wagner's Musik in sich lebendig\nschön, so muss sie verständlich sein auch ohne Textbuch\nund Bühnengrund, wie das z. B. bei der Tannhäuser-Ouver-\nture allerdings der Fall ist. Die. so genannte Allkunst oder\nGesammtkunst ist eine Chimäre, ein krankes Product kran-\nker Speculation; diesen Ausdruck nehmen wir nicht zu-\nrück, ehe uns bewiesen wird, dass bei einem unbefange-\nnen Publicum, d. h. einem solchen, das weder durch jour-\nnalistische Verdummungs-Institute, noch durch Abgesandte\nder Partei zugeritten und nicht durch Bühnenpracht ge-\nblendet ist und keine musicalischen Zeitungen lies't\ndass solchem einfältigen Volke von selbst, ohne höhere\nInstruction, der Tannhäuser oder Lohengrin wahres, blei-\nbendes Wohlgefallen erweckt habe.\nZu allem dem kommt die Vorneigung R. Wagner's\nund der Seinen zu allem Ungeheuerlichen, Schneidenden,\nBlutigen, Grässlichen, Kolossalen in Inhalt und Form,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "123", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.3", "texte": "in der dramatischen, wie in der musicalischen Behandlung.\nDie so genannte alte Schule hielt an dem Satze fest, dass\nalles Scheussliche und Sinnlich-Widrige dem Ivunstleben\nfern sei, nicht aus Weichlichkeit, sondern aus der wohl-\nerwogenen Kunsterfahrung aller Zeiten, dass das pure sinn-\nliche Mitleid, die thierische Mitleidenschaft keinen Keim der\nVerewigung in sich trage, so wenig als die Kotzebue'-\nsche Thränendrüsen-Literatur. Wie sehr auch die hochmü-\nthigen Speculanten der Zukunft den Kotzebue verachten,\nsie stehen doch mitten in ihm, in all seinem spiessbür-\ngerlichen Illusions-Getreibe, in all seiner platten\nWirklichkeit des Schrecklichen und Schmutzigen. Und wie\nsehr sie die Tendenz-Philosophen zu verachten vorgeben,\nsie stehen wiederum mitten in dem allerprosaisch-schul-\nmeisterlichsten Tendenzwesen, wenn sie an ihren Künstlern\npreisen nicht was sie leisten, sondern was sie\nstreben.\nUnd was ist's denn, dieses Leisten uud Streben der\n'\n„Neuzeit\"?*) Freiligrath rede statt meiner:\n„Die Kugel mitten in der Brust, die Stirne breit gespalten\" etc.\nDas ist's! Widrige Bilder von Schmerz, zwischen Mitleid\nund Ekel jämmerlich hangend aber kein edler\nSchmerz, kein freiöv näd-og,nicht Götterleid, Götter-\nzorn, Götterliebe, sondern thierisch Mitleid, Wuth und\nBrunst. Sprach der alte Horatius, der Urzopf unserer\nSchulweisheit (A.poet. 183):\nNe tarnen intus\nDigna geri promes in scenam, multaque tolles\nEx oculis, quae mox narret facundia 'praesens.\nNe pueros coram populo Medea trucidet,\nNene humana palam coquat\nso ist dagegen den Gegenwarts-Denkern der Zukunft nichts\nerwünschter, als der Fanatismus der Hugenotten, die cyni-\nsche Liederlichkeit Robert des Teufels und Lucretia Bor-\ngia's, die Kaltfieberschauer des fliegenden Holländers, der\ntrockene Wahnsinn und die bestialische Gluth aller derer\nDichterlinge, die Farbe lür Schönheit verkaufen. Und\nwo ihnen einmal derb die Wahrheit gesagt wird, da schim-\npfen sie und sprechen: „Nun höret den Schimpfer!\"\noder schreiben Vorreden, in denen sie sich d 'gegen ver-\nwahren, harmonische Kunststücke zu machen, weil „alle\nHarmonie doch nichts weiter sei, als die Räume, wo die\nTöne zufällig zusammentreffen!\" oder überbieten alle\nvergangene Kunst und Unkunst mit ekelhaften offenen\nWrunden, womit noch kürzlich ein bekannter »Maler auf\n\\r\neiner bekannten Kunst-Ausstellung paradirte oder setzen\nsich mit krampfhaften Witzen über die jammervolle Phi-\nlisterwelt, d. h. alle diejenigen, die nicht in ihr Nashorn\nblasen, bis sich dann endlich ein verlorenes Seelchen findet\nund singt mit Aristophanes am Ende der „Wolken\" :\nrittmied', o> y.Lvovanvoi\\\n*) Ein demokratisches Lieblingswort, wie „Jetztzeit\" — welche\nbeide in Klang und Sinn zeigen, wie weit diese Cotcrieen-\nsprache von Schönheit entfernt ist — wenn's nur tendenzisch\nriecht!! —\n**) „W as hinter die Scene gehört, bringe nicht auf die Bühne,\nund halte dem Anblick fern, was bald ein beredter Zeuge\nberichte. Medea schlachte nicht ihre Söhne, der gottlose\nAtreus koche nicht Menschengeweide vor den Augen der\nZuschauer!44 .\n\nDIXI.\n\nBerliner Briefe.\n\n[Die Nibelungen, Oper von Dorn.]\nDen 16. April 1854.\nDie reiche Concert-Saison, die Anfangs Februar be-\ngann und erst in den letzten Wochen aufgehört hat, in der\nvor Alien die Namen Lind, Clauss, Vieuxtemps und Wie-\nniawski glänzten, werde ich Ihnen in einem meiner näch-\nsten Briefe schildern; der jetzige soll sich mit den Nibe-\nlungen von Heinrich Dorn (Text von Gerber) be-\nschäftigen. Es war ein gewagtes Unternehmen, diesen\nStoff zu einer Oper zu bearbeiten; vielleicht an sich selbst\nund unter den günstigsten Bedingungen schwer fügsam lür\ndie universelle Lebens-Anschauung der heutigen Zeit, da\nes fraglich ist, ob das allgemein Menschliche darin einen\nganz reinen Ausdruck gewonnen hat; jedenfalls aber ge-\nhörte ein Componist dazu, der sich in seiner musicalischen\nRichtung eben so weit von dem Gewohnten entfernt, als\ndieses bei dem Gedichte selbst der Fall ist. Der Text-Dich-\nter hat einen, nach dem gewöhnlichen Maassstabe betrach-\ntet, recht guten Operntext gemacht, fliessend in der dra-\nmatischen Entwicklung und in der Sprache, welche letztere\nfür die Composition günstig ist, ohne darum in einer ge-\nradezu unangenehmen Weise in das Phrasenhafte zu ver-\nfallen. In der Anlage des Ganzen ist es vielleicht zu miss-\nbilligen, dass der dritte Act nicht mit dem Tode Siegfriede\nschliesst; jedenfalls wäre dieser Schluss effectvoller gewe-\nsen, und der Inhalt des vierten und fünften Actes hätte\nsich recht gut in einen Act zusammendrängen lassen; auch\nwäre dann Platz gefunden, um bei der für die Entwicklung\ndes Gedichtes wichtigen Beraubung Chriemhildens durch\nHagen länger zu verweilen. Von grösserer Bedeutung ist\nes indess, dass der ideelle Gehalt des Gedichtes und sein"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "124", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.4", "texte": "grossartiger Geist allzu sehr verschwindet, indem z. B.\nSiegfried und Brunhilde in ihrer übermenschlichen Ilelden-\ngrösse fast gar nicht hervortreten, und der trotzige Hagen\nin das Sentimentale hineingezogen wird; indem ferner durch\ndas ganze Stück hindurch das Bestreben sichtbar wird,\ndem Gesc. Macke des grossen Publicums durch Einflech-\ntung von Liedern, Quartetten u. s. w„ die durchaus keinen\npoetischen Geist haben, sondern auch schon im Texte etwa\nim Stile der Liedertafel-Gesänge gehalten sind, entgegen\nzu kommen. Wir rechnen dahin z. B. das Lied, das Vol-\nker im zweiten Acte singt, den Männergesang, mit dem die\nBurgunder am Hofe des Königs Etzel erscheinen. Aehnliche\nPartieen, z. B. in der Euryanthe und den Hugenotten, ent-\nfernen sich weit mehr von diesem Tone, der uns ganz und\ngar in unsere häuslichen und gemüthlichen Musik-Unter-\nhaltungen versetzt, obschon der Stoff dieser Opern noch\nviel weniger von dem heute Ueblichen sich entfernt, als der\nder Nibelungen. Das ist ein grosser Missgriff, der, wenn\nman sich auf den Standpunkt der Aufgabe stellt, deren Lö-\nsung Dichter und Componist unternommen haben, ein\nstrengeres Urtheil vollständig rechtfertigt. Gehen wir\nzur Musik über. Sie schliesst sich im Ganzen der deutsch-\nromantischen Schule an, wie sie von Weber, Marschner,\nReissiger, Lachner, Kreutzer u. A. ausgebildet ist; der ita-\nliänische und französische Geschmack wird selten sichtbar,\nnur Meyerbeer hat für Manches, namentlich für die Partie\ndes Hagen, als Vorbild gedient. Die Melodik erinnert häufig\nan Weber; in gewissen lyrischen Stellen herrscht, wie\nschon bemerkt, der moderne deutsche Liederton vor. Die\nmusicalische Selbstständigkeit Dorn's bewegt sich mithin\ninnerhalb der Gränzen einer vielfach ausgebildeten musica-\nlischen Richtung, ist in diesem Gebiete aber oft recht her-\nvortretend, namentlich in kürzeren dramatischen Abschnit-\nten, wo sie sich in eff'ectvollen harmonischen Wendungen\nund in geschickter Instrumentation zeigt. Der musicalische\nGrundton ist kein ungewöhnlicher, aber das Einzelne ist\nolt interessant, ausdrucksvoll und iiiessend abgerundet und\ngibt zahlreiche Beweise von dem sehr bedeutenden techni-\nschen Geschick, das Dorn besitzt, von der Leichtigkeit sei-\nner Schreibweise, die darum aber keineswegs unbedeutend\nund leichtfertig wird. In dieser Hinsicht können wir Dorn\nzu den talentvollsten und durchgebildetsten Musikern der\nGegenwart zählen, und schon darum musste er, wie es der\nErfolg bewährt hat, im Stande sein, ein Werk zu liefern,\ndas dem Theater-Publicum einen recht guten Eindruck\nmachen könnte. Denn das grosse Publicum kümmert sich\nwenig um die idealen Gesichtspunkte, von denen ich im\nAnfange dieses Berichtes ausging; die Meisten kennen das\nGedicht wahrscheinlich gar nicht, es erscheint ihnen in gar\nkemer anderen Gestalt, als in der des Opern-Textes; so\nnehmen sie denn das ganze Werk, wie es sich eben gibt,\nund finden mit Recht viel Ansprechendes und Wirkungs-\nvolles darin. Was die musicalische Form des Ganzen\nbetrifft, so nähert es sich vielfach der von Wagner vor-\nzugsweise vertretenen Richtung, ohne ihr ganz und gar zu\nfolgen. Da die Handlung als die Hauptsache erscheint, so\nbleibt der Musik nur wenig Raum, sich selbstständig zu\nbreiterer Gestaltung zu entwickeln. Das reine Recitativ\nwird ebenfalls in der Regel vermieden, und den Haupt-Be-\nstandtheil bildet somit die freiere Scenenform, aus der bald\nkürzere, bald längere Cantilenen hervortauchen, die sich\nmitunter dem Stil der grossen Oper nähern und dann theil-\nweise recht gelungen sind, in vielen Fällen aber die Be-\nschaffenheit haben, dass sie an anderer Stelle eine reinere\nWirkung hervorbringen würden. Man muss dem Compo-\nnisten nachrühmen, dass er die Form geschickt gehandhabt\nhat und die vielen kleinen Stücke in fliessender Weise aus\neinander hervorgehen und auf einander folgen lässt; er weiss\noft mit vieler Kunst den Eindruck zu steigern; nur, am\nletzten Ziele angelangt, verfällt er oft in Melodieen, die,\nwährend sie dem grossen Publicum am fasslichsten und\nwohlgefälligsten sein mögen, für uns den Eindruck durch\nihre Oberflächlichkeit schwächen. Der Anfang des ersten\nActes ist recht gelungen; dann folgt eine längere Scene\nzwischen Günther, Siegfried und Hagen, die nicht auf der\nHöhe des Gedichtes steht. Brunhild tritt, nachdem sie be-\nsiegt ist, mit einem dramatisch wirkungsvollen Recitativ\nauf; dann folgt ein Arioso des Königs Günther, das wir zu\nden misslungensten Partieen der Oper zählen. Das Finale\ndes ersten Actes ist in seiner ersten Hälfte sehr gut, na-\nmentlich ist hier das Orchester höchst ausdrucksvoll und\ncharakteristisch behandelt. Der zweite Act ist neben dem\nvierten der beste; zwar enthält der Anfang desselben man-\nches, was wir nicht billigen können (z. B. das Lied des\nVolker); von da an aber erhebt sich die Musik zu höherem\nSchwung. Der Streit zwischen Chriemhild und Brunhild\nund dessen weitere Entwicklung bis zur offenen Feind-\nschafts-Erklärung bildet den Inhalt des Actes. Einzelnes,\nz. B. ein Ensemble: „Nun, so sei es denn entschieden\",\nragt als vorzüglich hervor. Im dritten Acte erfolgt die Er-\nmordung Siegfried's und zugleich unmittelbar darauf die\nAnkunft der Gesandten Etzel's; die Musik ist ungleich, und\nneben dem vielen Gelungenen begreifen wir z. B. nicht,\nwie das Lied, mit dem Siegfried im Odenwalde auftritt,"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "125", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.5", "texte": "gleichsam so spiessbürgerlich gehalten werden konnte; wenn\nSiegfried auch eine einfache deutsche Helden-Natur ist, wir\ndürfen uns doch nicht den gutmüthigen deutschen Philister\ndabei denken. Der vierte Act enthält viel Treffliches; na-\nmentlich glauben wir den Schluss desselben auszeichnen\nzu müssen. Den meisten Beifall beim Publicum findet das\nQuartett, mit dem die Burgunder auftreten, das in der Re-\ngel da capoverlangt wird. Der fünfte Act ist kurz und\nschliesst die Oper nicht ohne Wirkung. Die Nibelungen\ndauern fast vier Stunden; wir tadeln es nicht, denn schwer-\nlich lässt sich der Stoff auf ein kürzeres Maass zurücklüh-\nren. Die Ausstattung ist höchst glänzend, die Aufführung\nrecht gut. Fräul. Wagner gibt die Brunhild mit drama-\ntischer Kraft, Frau Herrenburg-T uezek weiss die\nSchwierigkeiten, die ihr die von Natur nicht gerade zusa-\ngende Partie der Chriemhild bietet, mit gewohntem Ge-\nschick zu überwinden; die Herren Salomon (Siegiried),\nBost (Hagen) und Form es (Volker) leisten Tüchtiges, na-\nmentlich der Letztgenannte, dessen frische Stimme in effect-\nvoller Weise zur Geltung kommt. Wegen der Urlaubs-\nreise des Fräul. Wagner verschwinden die Nibelungen zu-\nnächst vom Repertoire, auf dem sie aber aller Wahrschein-\nlichkeit nach im nächsten Winter wieder erscheinen werden.\n\nG. E.\n\nDas Orchestrium.\n\nUnter den vielen Erfindungen von neuen musicalischen\nInstrumenten oder Combinationen von bereits vorhandenen\nakustischen Mitteln zu einem neu zusammengestellten Gan-\nzen nimmt das Instrument, welches die Herren Orgelbauer\nMerklin u. Schütze in Brüssel erfunden und mit dem\nNamen Orchestrium bezeichnet haben, eine so bedeutende\nStelle ein, dass ich mir nicht versagen kann, auch in\nDeutschland durch Ihre geschätzte Zeitung die Aufmerk-\nsamkeit auf dieses Instrument zu richten, um so mehr, da\ndie Erfinder Deutsche sind und also auch in vaterländischer\nHinsicht Theilnahme verdienen.\nHerr Joseph Merklin ist der Sohn eines Orgelbauers\naus Freiburg in Baden. Er kam vor etwa zwölf Jahren\nnach Belgien und fand bald ein dankbares Feld für sein\nTalent und seine Thätigkeit. Im Jahre 1842 liess er sich\nin Brüssel nieder und erhielt von der Regierung mehrere\nAufträge zu Orgelbauten, welche er zu stets grösserer\nZufriedenheit ausführte. Im Jahre 1845 erhielt er für die\nOrgel, welche er zur National-Ausstellung gebaut hatte,\nden ersten Preis. Er verband sich darauf mit seinem Schwa-\nger, Herrn Schütze, und ihre Werkstatt wurde die renorn-\nmirteste in Belgien. Es sind aus ihr bereits 33 Orgeln her-\nvorgegangen; die bedeutendste ist die grosse Orgel in der\nSt. Bartholomäuskirche zu Lüttich, ein Werk von vierzig\nStimmen, mit drei Manualen und freiem Pedal.\nDa die Herren Merklin u. Comp, auch so genannte\nHarmoniums oder Melodiums, deren Erfindung im Grunde\nnur eine Erweiterung der Physharmonica (oder Aeoline)\nwar, fabricirten, so führte ihre doppelte Beschäftigung sie\nzum Nachdenken darüber, ob es nicht möglich sei, die Vor-\nzüge und Eigenthümlichkeiten des Orgeltones mit denen\ndes Harmoniums zu vereinigen, und es gelang ihnen, ein\nInstrument zu combiniren, welches in der That diese Ver-\nSchmelzung verwirklicht. Dieses ist das Orchestrium, das in\nseiner Art für so neu und eigentümlich von den Commis-\nsionen der Sachverständigen verschiedener Regierungen an-\nerkannt worden ist, dass die Erbauer ein Patent auf ihre\nErfindung in Belgien, Frankreich und Holland erhalten ha-\nben. Ohne eine Indiscretion zu begehen, können wir uns\ndesshalb in Bezug auf die Einrichtung nur aul Allgemeines\nbeschränken.\nDer Ton entsteht durch die Schwingung von Metall-\nzungen, denen der Wind durch ein neues System von Ge-\nbläse zugeführt wird. Dieses System beruht einestheils aul\neiner eigenen Construction des Hauptgebläses mit seinen\nWindladen, Regulator und Canälen, anderenteils auf der\ngleichzeitigen Anwendung eines zweiten Gebläses. Beide\nVorrichtungen können getrennt und verbunden angewendet\nwerden; verbunden wird die eine von dem Spieler selbst\n(ohne Schwierigkeit) in Bewegung gesetzt, die andere von\neinem Gehülfen oder irgend einem äusseren Mechanismus.\nWährend man durch die eine sehr schöne und volle Orgel-\ntöne erhält, kann man durch die andere die trefflichsten\nNuancen des Ausdrucks im An- und Abschwellen, im\ncendo und Decrescendo nicht nur einer ganzen Stimme, son-\ndern auch jeder einzelnen Note hervorbringen.\nDie Register sind auf verschiedene Claviere disponirt.\nDas vollständigste Orchestrium hat dreissig Register, zwei\nManuale und ein Pedal; die Instrumente werden aber auch\nmit 24, 22, 18 Registern und beziehungsweise nur mit\nEinem Manual und Pedal, oder auch ohne Pedal gemacht.\nDie Pedalstimmen sind im oberen Theile des Instrumentes\nangebracht, was für den Klang der Bässe höchst vor-\ntheilhaft ist.\nEin Orchestrium von neun bis zehn vollständigen Stim-\nmen (28 Register) ist stark genug für eine Kirche oder\neinen Saal, welche tausend Menschen fassen, und hat vor"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "126", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.6", "texte": "der Orgel die Wohlfeilheit des Preises und die willkürliche\nModification des Ausdrucks voraus. An der Annehmlichkeit,\nWeichheit und dem Wohlklang des Tones ändert der\nMaassstab d?r Grösse gar nichts, und die kleineren Instru-\nmente für Salon und Zimmer leisten in jeder Hinsicht\nausgenommen in der Kraft des Völlen Werkes ganz\ndasselbe, wie die grösseren. Die Erfinder bauen sechs nach\nden Dimensionen verschiedene Classen von Orchestriums;\nder Preis eines Instrumentes erster Classe (28 —3O Re-\ngister) ist 3500 Frcs., während eines der sechsten Classe\nnur 1400, mit Kasten von Eichenholz sogar nur 1200\nFrcs. kostet. An Raum nehmen die mittleren Instrumente\nnicht mehr in Anspruch, als ein Pianino.\nDer Ton ist in der That ganz vorzüglich, bei weitem\nvoller und orgelarliger, als bei allen Arten von Melodiuins,\ndie man bisher gekannt. Alle Orgel-Compositionen lassen\nsich auf diesem Instrumente mit der vollsten Wirkung im\nConcertsaale spielen, ja, mit theilweise grösserer Wirkung,\nals auf der Orgel selbst, weil dem Spieler auf dem Or-\nchestrium ganz andere Mittel des Ausdrucks zu Gebote\nstehen, als dem Organisten. Es ist desshalb kleinen Kir-\nchen, Betsälen, Seminarien und Schulen gar sehr zu em-\npfehlen.\nAber nicht nur die Werke ernsterer und kirchlicher\nGattung nehmen sich vortrefflich darauf aus, sondern auch\njede Art von Kammer- und Concert-Musik lässt sich mit\ngrossem Erlolg vortragen, sobald der Spieler die Eigen-\nthüpnlichkeiten des Instrumentes vollkommen kennen gelernt\nhat und der künstlerischen Behandlung desselben mächtig\nist. Dieses zu werden, erfordert bei einem Ciavier- oder\nOrgelspieler nur eine kurze Uebung; trug doch neulich in\neinem Concerte für die Blinden-Anstalt in Brüssel ein ta-\nlentvoller blinder Pianist, welcher sich kaum acht Tage\nlang auf dem Orchestrium eingespielt hatte, ein Concert-\nstück mit grosser Fertigkeit und rauschendem Beifalle vor.\nEine treffliche Wirkung macht das Orchestrium auch mit\nBegleitung von Saiten-Instrumenten, mit deren Ton es sich\nbei weitem schöner und weicher verschmilzt, als das Piano-\nforte. Der eigentliche Werth der Erfindung wird sich da-\nher erst dann recht offenbaren, wenn besondere Compo-\nsitionen für dasselbe, sowohl Solo- als Ensemblestücke, ge-\nschrieben werden.\n\nD.\n\nUeber Herrn Xaver Gleichanf in Frankfurt a. M.\n\nWer in einer Kunst oder Wissenschaft auch in einem\nuntergeordneten Fache sein ganzes Leben hindurch treu,\ngewissenhaft und fleissig zur Förderung derselben gewirkt\nhat, verdient Dank, Anerkennung und Ehre. Diese sollen\nhiermit Herrn Xaver Gleichauf werden. Er ist kein Vir-\ntuose auf irgend einem Instrumente; kein Componist; allein\ndennoch ein Tonkünstler, wie wir leider wenige haben.\nSeiner echten, begeisterten Liebe zur Musik haben wir es\nzu verdanken, dass er eine Menge grösserer und kleinerer\nclassischer Tonwerke durch meisterhafte vierhändige Bear-\nbeitung den zahllosen Clavierspielern zugänglich gemacht\nhat. Unbedenklich spreche ich aus, dass er von den vielen»\ndie sich mit Vierhändig-Bearbeiten von Tonstücken befasst\nhaben, der Beste sei; denn ich bin bereit in den vierhändi-\ngen Bearbeitungen von Czerni, Mockwitz, Klage u. s. w. die\ngrössten Nachlässigkeiten nachzuweisen. Besonders sind\nviele der vierhändigen Bearbeitungen der Haydn'schen Sym-\nphonieen von Karl Klage (Magdeburg, in der Heinrichs-\nhofen'schen Musicaiien-Handlung) so kläglich gemacht, dass\nman glauben muss, der Bearbeiter habe nicht einmal eine\nPartitur seiner Schlachtopfer zu Rathe gezogen. Besser\nbehandelt sind mehrere Mozart'sche Werke durch Herrn\nJulius Andre, und die neunte Symphonie von Beethoven\ndurch Herrn Professor Bagge in Wien. Herr Gleichauf,\nder ein tieferes Verständniss der Tonsetzkunst, so wie der\nTonwerke in ästhetischer Beziehung besitzt, geht von dem\nGrundsatz aus: das Original möglichst treu wiederzuge-\nben, ohne durch Ueberfüllung der Verständlichkeit Eintrag\nzu thun, oder unverhältnissmässige Schwierigkeiten zu bie-\nten, und spart keine Mühe, um oft durch langes Nachden-\nken auszumitteln, auf welche Art diese oder jene schwere\nStelle wohl am besten vierhändig wiedergegeben werden\nkönne. Auf diese Weise gelang es ihm, die äusserst schwie-\nrigen Werke von Beethoven, wie z. B. seine letzten grossen\nQuartette, seine Clavierconcerte u. s. w. vortrefflich vier-\nhändig wiederzugeben. Lassen Sie mich nun einen kurzen\nBlick auf sein Leben und Wirken werfen.\nHerr X. Gleichauf ist 1801 zu Hölingen im badischen\nSchwarzwald geboren. Nachdem er frühzeitig daselbst eini-\ngen dürftigen Unterricht im Singen und Ciavierspiel genos-\nsen, daneben aber auch grosse Neigung und viel Talent zur\nMalerei gezeigt hatte, ohne sich noch für die eine oder für\ndie andere Kunst zu entscheiden, kam er 1819 nach\nFrankfurt a. M., um bei Schelble, einem nahen Verwandten,\nernstere Studien in der Musik zu beginnen. Als Schüler\nund mehrjähriger Hausgenosse hatte er nun volle Gelegen-\nheit, das echt künstlerische Treiben dieses seltenen Mannes,\ndessen Geist bei dem von ihm dort gestifteten Cäcilienver-\nein auch jetzt noch nicht ganz erloschen ist, in der Nähe\nzu beobachten, welches seinem eigenen Geschmacke die"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "127", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.7", "texte": "Richtung gab: das ewig Schöne in der Kunst zu erstre-\nben und sich anzueignen. Im Jahr 1829 liess sich Herr\nGleichauf' in Frankfurt nieder, wo er als Musiklehrer bis\nauf heute seine Existenz hat. Seine freien Stunden henutzte\ner theils, für seine besonders an Bach'schen Werken sehr\nreiche Bibliothek Partituren zu schreiben, theils Ciavieraus-\nzüge aus classischen Compositionen, besonders Gesang-\nSachen, zu machen. Diese sind: Tod Jesu von Graun;\nHändeln Messias, Salomon, lOOster Psalm. Vonl. S. Bach:\n2 Messen und die Cantate: „Eine feste Burg.\"\nVierhändig von ihm sind erschienen: von Bach: vier\nstarke Hefte Orgel-Compositionen. Von Beethoven:\nOp. 19, Clavier-Concert in B-dur. Op. 29, Streichquintett\nin C-dur. Op. 6 1, Violin-Concert. Op. 66, Messe in\nOp. 73, Clavier-Concert in Es-dur.Op. 74 und 95, zwei\nStreichquartette in Es-dur und Zwei Sextette in\nEs-dur. Trio für Blas-Instrumente in Von Che-\nrubini: Ouvertüre zu der Oper VonMehul:\nSymphonie Nr. 1, G-moll.Von Mendelssohn: Op. 4, So-\nnate für Ciavier und Violine in F-moll. Op. 18, Streich-\nquartett in A-dur.Oratorium Paulus. Von Mozart: Trio\nfür Streichinstrumente, in Es-durZwei Sonaten für Ciavier\nund Violine in A-dur und EsAdagio und Fuge für\nStreichinstrumente in C-moll.Sonate für zwei Claviere in\nD-dur. Fünf Ciavier-Trios, Clavier-Quintett in\nZehn Streichquartette, Ouvertüre der Oper:\nrapita. Symphonie in A-dur.Von Haydn: 15 Streich-\nquartette. (Diese Sammlung wird fortgesetzt.)\nAn Verleger sind überlassen , aber noch nicht er-\nschienen:\nVon Beethoven: Concert für Ciavier, Violine und Vio-\nloncello, Op. 56. Concert für Ciavier in Op. 58.\nZwei Streichquartette in B-dur und Op, 130\nund 131. Von Mehul: Symphonie Nr. 2 in\nVon Mozart: Serenade in G Von Haydn: zwei\nSymphonieen in B-dur und G-dur Von Schubert: Streich-\nquartett in A-moll.Op. 29.\nFolgende gehaltvolle Werke liegen noch von ihm vier-\nhändig bearbeitet in seinem Pulte, und sind an Verleger,\ndie ich hiermit darauf aufmerksam machen will,\nabzugeben.\nVon I. S. Bach: Suite für ganzes Orchester, in D-dur.\nVon Beethoven: 2 Sonaten für Pianoforte und Violon-\ncello, in F-dur und G-moll, Op. 5. Septuor für Saiten-\n|Und Blasinstrumente in Es-dur,Op. 20. Sonate für\n■ianoforte und Violoncello, in A-dur, Op. 69. Sym-\nphonie in D-moll (ohne das Finale). Op. 125. Streich-\nQuartett in Es-dur,Op. 127. Musik zum Ballet: Die\nGeschöpfe des Prometheus. Ausser der Ouvertüre\nenthält dieses Werk 16 Nummern. Von Cherubini:\nOuvertüre und Zwischenacte zur Medea. Drei Streich-\nquartette: in Es-dur, C-dur und D-moll.\nVon Mozart: Symphonie in (Keine der be-\nkannten.) Clarinet-Concert in A-dur. Zwei Clavier-\nConcerte, in D-moll und G-dur. Concert für zwei Cla-\nviere, in Es-dur. Von Haydn: mehrere Streichquartette.\nOuvertüre zu den Jahreszeiten. Chor: Des Staubes\neitle Sorgen. Von Schubert: Streichquartett in D-moll.\nEin sehr gutes Geschäft für einen Verleger wäre ge-\nwiss die Herausgabe des Ballets von Beethoven, in vierhän-\ndiger Bearbeitung von Gleichauf; denn die Musik ist unge-\nmein klar, freundlich und nicht schwer auszuführen. Das\nWerk scheint keines Verlegers Eigenthum zu sein, und\nkann also von jedem übernommen werden.\nIch schliesse hier die Notizen über Herrn Gleichauf\nmit dem Wunsche, dass sich die Herren Verleger im Inter-\nesse unserer Kunst mit Bestellungen an ihn wenden möch-\nten ; denn sie könnten einer raschen, eben so geschickten wie\ngewissenhaften Ausführung ihrer Aufträge versichert sein.\nEs gibt ja für den Zweck noch so viel Schönes, wie z. B.\nnoch wenig bekannte Symphonieen von Haydn, Clavier-Con-\nzerte von Mozart, viele Quartette und andere Werke von\nSpohr u. s. w.\n\nSchnyder von Wartensee.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nMösn. Aloys Ander von Wien hat seine Urlaubsreise an-\ngetreten und seine. Gastspiele diesmal bei uns in Köln begonnen,\nmit einem Erfolge, wie wir ihn bei unserem, besonders dieses Jahr\nsehr schwer in Begeisterung zu setzenden Publicum noch kaum\ngesehen haben. Die rauschendsten Beifalls-Aeusserungen, Hervor-\nruf, Kränze, Blumen, das alles wurde ihm zu Theil; aber was will\ndas sagen gegen die athcmlose Stille, mit welcher das volle Haus\nseinen Tönen lauscht, gegen den lauteren Schlag des Herzens in\nder Brust des Zuhörers, gegen die Thräne, die in dem Auge glänzt?\nAnder entfaltet durch den wunderbaren Ton seiner Stimme und\ndie meisterhafte Behandlung und charakteristische Färbung dessel-\nben einen Reichthum des tiefsten Gefühls, das eines Menschen\nBrust bewegen kann; es erklingt aus ihm ein wahrhaft herzinniger\nGesang, welcher der volle Ausdruck der poetischen Empfindung,\ndes inneren Gemüthslebens durch die idealisirte Sprache der Musik\nist, die dabei ihren schönsten Triumph durch ihr edelstes Werk-\nzeug, durch die menschliche Stimme, feiert. Wir haben den gros-\nsen Künstler bis jetzt nur als Lvonel in der Martha und als Stra-\ndella gehört; wenn wir ihn also bewundern, so gehört diese Be-\nwunderung wahrlich ganz und gar ihm, der wir gestehen es\noffen mit dieser Flotow schen Musik eine Wirkung erzielt hat,\nwelche wir nie geahnt hätten. Wenn der alte Quintilian vom Bed-"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "128", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540422-01.1.8", "texte": "ner sagt: „Das Ilcrz nur macht beredt!\" so tritt diese Wahrheit\nhei der idealisirten Rede, bei dem Gesänge, noch schlagender zu\nTage. Der Componist kann seinen Melodieen nur die Form, den\nLeib geben ; die Seele, die innere Lebcnsglulh haucht ihnen erst\nder Sänger ein, und der muss sie, wie Prometheus den göttlichen\nFunken, vom Himmel holen; denn alle Kunst der Erde kann sie\nnicht erzeugen. Es ist die hohe Begabung der Natur, die fürstliche\nGeburt, das gehcimnissvolle Walten des Genius in einer bestimm-\nten Individualität, wovor wir uns zunächst bei einem solchen\nKünstler, wie Ander, beugen müssen. (Schluss folgt.)\nJohanna Wagner hat in Berlin in Lachner's Catharina\nCornaro zuletzt gesungen und dann ihren Urlaub angetreten. Sie\nwird zunächst in Bremen erwartet. Es heisst, man habe ihr fa-\nbelhaft glänzende Anerbietungcn aus Rio-Janeiro gemacht.\nF. Guhr, Musik-Dircctor in Schlesien (Miliisch), ein Bruder\ndes ehemaligen Capellmeisters in Frankfurt am Main, ist am 6.\nMärz gestorben.\nIn der diesjährigen Theaterzeit der Scahi in Mailand fanden\n57 Vorstellungen von Opern und 71 von Balletten Statt, zu wel-\nchen neun Opern (darunter vier neue) und fünf Ballette (darunter\nzwei neue) den Stoff lieferten. Unter den neuen Opern erlebte\ncouvito di Baldassarc,Musik von Buzzi, zehn VoiStellungen, die\nMaschera von Dominicctti drei, die von Pedrotti\nzwei, und die vierte fiel ganz durch. Die höchste Zahl von neun-\nzehn Wiederholungen erreichte Verdi's Rigoleito und von sieben-\nzehn dessen Macbeth, Rossini's Scmiramis drei, Moses und Cc-\nnerentola je eine ■— ein ziemlich treues Barometer des gog(ii\\t<ü-\ntigen Geschmacks. Die ersten Sängerinnen waren Clara Novello,\nG a e t a h i n a B r a m b i 11 a und B o s a 1 i a C a r i b o 1 d i.\nIn Florenz hat die Oper I Bcccanali von Romani, welcher\ndurch seine beiden komischen Opern, und\ngrossen Erfolg gehabt hatte, nur massigen Beifall erhalten.\nDer Pianist Ferdinand Croze hat in Neapel im Theater\ndel Fundo mit aussergewöhnlichem Bcifalie gespielt.\nStephen Heller hat vom Kaiser von Brasilien die Decora-\ntion des Rosen-Ordens erhalten.\n** IParis. Die unendliche Reihe von Concerten will trotz des\nschönen Wetters noch nicht abbrechen. Die Ankündigungen be-\ndrohen uns noch mit den Matineen (von 3—5 Uhr der schönsten\nFrühlingssonnen-Zeit) der Pianisten W. Krüger, Jul. Schul-\nhoff, Fumaga 11 i, Joseph ine Marlin, der Violoncellisten Sc-\nligmann und Jacqua rt und einiger Violinisten und Gesangs-\nkünstler. Auch das achtjährige Wunderkind, die Pianistin Marie\nGaltier, ist wieder da.\nIn voriger Woche ist hier ein ausgezeichneter Kunst-Dilettant\nund zugleich Schriftsteller, der Graf de Sayvc, am Schlagflusse\ngestorben. Schon als Kind trieb er am liebsten Musik; in seinem\nachtzehnten Jahre nahm er Dienste in der Armee und machte die\nFeldzüge von 1812—1814 mit. Nach dem Frieden nahm er den\nAbschied und zog sich von der Oeffcntlichkeit zurück, um seinen\nNeigungen, zur Wissenschaft und Kunst zu leben. Im Jahre 1822\nerschien ein treffliches Reisewerk von ihm über Italien und Sici-\nlien, später ein ähnliches, doch mehr historisches, über Polen. Auch\nin Deutschland und Belgien machte er häufige Reisen. Ausserdem\nwar er auch Maler und vor Allem Musiker. Seine Landschaften\nzogen auf den pariser Ausstellungen öfters die Blicke der Kenner\nauf sich: als Componist war er ein Schüler von Reicha und Hum-\nmel und hat Trios, Quartelte und Quintette für Streich-Instrumente\nund zwei Sinfoniecn für grosses Orchester geschrieben. Seine zweite\nSinfonie wurde im Jahre 1848 in Paris in der philharmonischen\nGesellschaft und bald darauf in Brüssel in einem der Conservatoirc-\nConcerle mit Beifall aufgenommen. [Nach französischen Blättern\nsoll sie auch in Köln aufgeführt worden sein und gefallen haben\nim Jahre 1848 oder 1849 —; uns ist jedoch nichts darüber be-\nkannt geworden. Die Redact.]\nJ. II assen Ii u t hat eine Sin fo nie in drei Sätzen mit Solis\n%\nund Chören, betitelt „Die Juden in Babylon'4, geschrieben, welche\ndieser Tage im Hcrz'schcn Saale aufgeführt werden wird. Fräulein\nVeith wird darin singen. Die folgenden Vorstellungen der\nVcstalin waren besser, als die erste; das Orchester hat endlich\neingesehen, was es für eine Musik vor sich habe. Sophie Cru-\nvelli wird ihren Urlaub antreten lind nach London gehen.\nWieder ein deutscher Pianist, Paul Dollingcn! er wird ein\nConcert geben.\nDie italiänische Opern-Gesellschaft hat in der Charwoche drei-\nmal das S tabat Mater von Rossini gegeben. Mario, die Alboni\nund Frezzolini haben darin gesungen, abwechselnd mit ihnen\nFräul. Veith und Fräul. Ernesta Grisi.\nSponlini's Vcstalin dauert den Parisern nicht lange genug; die\nDircction hat desshalb bei den letzten Vorstellungen noch das\nBallet Jovita in den Kauf gegeben, und zwar mit der Rosati.\nHerr Mitchel hat die Dircction des französischen\nTheaters in St. James aufgegeben. Dagegen wird die französi-\nsche Opern- Gesellschaft des Thedtre Lyrique in Paris unter\nder Dircction des Herrn Sevestc 36 Vorstellungen auf dem St*\nJtfmes-Thcater vom 1. Juni an sehen.\nu\nDie Sängerin d e La gr an g c hat in Petersburg ausseror-\ndentliches Glück gemacht. Zu ihrer Bencficc-Vorstellung hat sie\nvom Kaiser eine Brustnadel von 15,000 Frcs. und von mehreren\nAdeligen ein Armband von 10,000 Frcs. an Werth erhalten, und\nist für den nächsten Winter wiederum mit 100,000 Frcs. Gehalt\nund Bewilligung eines Benefices angestellt. Die Medori (gegen-\nwärtig in Wien) hat dagegen einen neuen Contract geweigert.\nDie deutsche Sänger-Gesellschaft in Boston mit dem\nUnternehmer Bandt an der Spitze, hat daselbst fünfzehn Concerte,\ndas letzte am 26. März, gegeben und geht jetzt nach Philadel-\nphia, Baltimore und dem Wrestlande, um zum nächsten Winter\nwieder nach Boston zurückzukehren. (Zur Nachricht für etwaige\nSpeculationen deutscher Liedertafel-Vereine!)"}]}