{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_sha256": "9a81d93a42d75a25613bc4666207adae9063a4e847a63a856b3f94df77892e25", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/04/29_01/bmtnabi_1854-04-29_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "129", "page_fin": "130", "image_debut": 1, "image_fin": 2, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.1", "titre_corps": "Zur Geschichte des Stabat Mater von Rossini.", "titre_sommaire": "Zur Geschichte des Stabat Mater von Rossini.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3879, "texte": "Zur Geschichte des Stabat Mater von Rossini.\nIm Jahre 1832 machte Rossini eine Reise in Spanien.\nDer bekannte Banquier Aguado in Madrid, der mit ihm in\nden freundschaftlichsten Verhältnissen stand, sagte ihm\neines Tages: „Lieber Rossini, du könntest mir einen gros-\nsen Gefallen thun. Der Abt Varela, ein Geistlicher, der\nhier in Madrid eine sehr einllussreiche Stellung hat, möchte\ngar zu gern eine Kirchenmusik von deiner Composition\nhaben. Willst du nicht ein Sta schreiben ? Er ist\nder Mann, deine Arbeit anständig zu belohnen; du brauchst\nihm nur das Werk zu widmen und die Aufführung des-\nselben in einem Kloster zu erlauben.\"\nRossini reis'te nach Paris zurück und sandte zwei Mo-\nnate darauf dem Abte Varela ein Aguado\nüberschickte ihm im Namen desselben eine goldene Dose\nvon fünftausend Francs an Werth.\nFast zehn Jahre später, im Jahre 1841, kündigte ein\npariser Musik-Verleger (Aulagnier) die Herausgabe eines\nStabat Mater von Rossini an, dessen Manuscript er als\nEigenthum von den Vollstreckern des Testamentes des\nPater Varela in Madrid an sich gebracht habe. Die That-\nsache war richtig, und der Verleger handelte in gutem\nGlauben; allein es entstand die Frage, ob die Widmung\neines Musikstückes neben dem Rechte des Besitzes des Ori-\nginal-Manuscriptes, welches nicht zu bestreiten sein dürfte,\nauch ein Recht zur Herausgabe und zur Aufführung gebe.\nRossini fuhr bei der Kunde von der beabsichtigten\nVeröffentlichung seines Werkes gar gewaltig auf. Was ihn\nvor Allem beunruhigte, war das Bewusstsein, dass jene\nPartitur nur zur Hälfte aus seinem Geiste und seiner Feder\ngeflossen war; er hatte nur sechs Nummern derselben\ncomponirt, alles Uebrige war von T a do 1 i ni, dem damali-\ngen Chor-Director der italiänischen Oper in Paris! Die\nOrchester-Begleitung erklärte er ebenfalls für schwach und\nviel zu einfach; ja, es mochte die Instrumental-Bearbeitung\ngrösstentheils oder vielleicht ganz und gar ebenfalls von\nTadelini herrühren.\nRossini war also wüthend und schrieb auf der Stelle\nan seinen Verleger Troupenas in Paris, dass er das miss-\ngestaltete Werk, das man auf seinen Namen herausgeben\nwollte, gänzlich umarbeite, und bevollmächtigte ihn, durch\nalle gesetzlichen Mittel die Herausgabe und die Aufführung\ndes alten Stabat Mater zu verhindern, welches er vor Jah-\nren dem Pater Varela gewidmet habe. Sein Brief ist in\nmehrfacher Hinsicht interessant:\n„Lieber Freund! Ich habe Ihren Brief vom 16. d.\nerhalten und will sogleich daran gehen, mein\nzu metronomisiren, wie Sie es wünschen. In einem letzten\nSchreiben an mich beruft sich Herr Aulagnier auf die Ab-\nschrift in seinem Besitze und droht mir mit einem Pro-\ncesse; er behauptet, dass das Geschenk, welches ich von\ndem ehrwürdigen spanischen Pater erhalten, so gut wie ein\nKauf-Contract sei, der ihm abgetreten worden. Das macht\nmir viel Spass. Er droht auch, jenes in einem\nMonster-Concerte aufführen zu lassen. Sollte so etwas ins\nWerk gehen wollen, so gebe ich Ihnen hiermit ausdrück-\nliche und unbeschränkte Vollmacht, durch die Gerichte und\ndie Policei die Aufführung eines Werkes zu hindern, in\nwelchem nur sechs Nummern von meiner Composition sind.\n„Mit derselben Post erhallen Sie noch drei Stücke, die\nich in Partitur gesetzt habe; es fehlt nun nur noch der\nSchluss-Chor, den ich Ihnen in nächster Woche schicken\nwerde. Machen Sie aber nicht zu viel Aufhebens\nin den Zeitungen (Tächez\ndans les journaux)über den Werth meines denn\nwir müssen uns hüten, dass man uns beide nicht mit dem\nRücken ansieht*). Sie müssen übrigens wissen, dass\nich dem Herrn Aulagnier in meiner Antwort geschrieben\nhabe, dass ich nie einen Verkaufs-Contract mit dem spani-\nschen Pater abgeschlossen, sondern ihm das bloss\ngewidmet habe, und dass die meisten Nummern gar\nnicht von mir sind, und dass ich gesonnen bin, jeden Ver-\n\n*) Viel kräftiger im Original: „car il faut eviter que Von se /*....\nde vous et de moi.\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4309, "texte": "leger in Frankreich oder im Auslande, der Spitzbüberei\ntreiben wollte, bis in den Tod zu verfolgen.\n„Bologna, den 24. September 1841.\n„Giacomo Rossini.\"*)\nDer Componist schloss zu gleicher Zeit einen Contract\nab, durch welchen er das Slaba lür 0000 Francs\nan Troupenas & Comp, verkaufte.\nIndess wurde der andere Verleger klagbar, und der\nProcess kam in Gang.\nEs galt jetzt, die Composition zunächst in kleinen,\naber einflussreichen Kreisen hören zu lassen. Das geschah;\ndas Gerücht verbreitete die Nachricht von dem Vorhanden-\nsein einer kirchlichen Composition von Rossini, und der\nProcess, von dem die Zeitungen aller Gattungen wieder-\nhallten, trug nicht wenig dazu bei, die Erwartung zu\nspannen.\nDennoch vergingen wieder zwei Monate, ohne dass\neine Aufführung zu Stande kam, bis sich die Speculation\nder Sache bemächtigte. Die Gebrüder Escudier, Heraus-\ngeber der France Musicale und Musik-Verleger, kauften\ndem Herrn Troupenas das Recht der Aufführung des\nMater in Paris während dreier Monate für 8000 Frcs. ab.\nDie Directoren der komischen und der italiänischen\nOper wollten sich jedoch auf keine Genossenschaft Behufs\nder Aufführung einlassen und verweigerten ihre Häuser.\nEs blieb nichts Anderes übrig, als dem Impresario der Ita-\nliäner, Herrn Dormov, das Haus abzumiethen und sich zur\nAufwendung sämmtlicher Kosten, welche sich auf 8000\nFrcs. beliefen, zu entschliessen.\nVon den ausführenden Künstlern interessirte sich vor-\nzüglich Tamburini dafür; er brachte die Damen Giulia Grisi\ns\nund Albertazzi und den Tenor Mario dahin, dass sie mit\nihm die Soli übernahmen.\nZu den Proben wurde Niemand zugelassen, aber Chor\nund Orchester wurden durch dieselben für das Werk ein-\ngenommen, und ganz Paris sah der Aufführung wie einem\nEreignisse entgegen.\nAm 7. Januar 1842 fand sie Statt in der\ntadour, Nachmittags um 2 Uhr. Der Erfolg, bei gedrängt\nvollem Hause, war ausserordentlich; der Name Rossini's\nwurde mehrere Male gerufen, das das Quar-\ntett ohne Begleitung: Quando corpus morietur, und das\nPro peccatiswurden zweimal verlangt.\nDie italiänische Oper hatte bis dahin schlechte Ge-\nschäfte gemacht; das Stabat konnte die Direction retten.\nDormoy beschwor die Herren Escudier, iiiin ihr Auffüh-\nrungsrecht abzutreten, mochte auch wohl mit Entziehung\ndes Saales für die Folge drohen kurz, er zahlte 28,000\nFrcs., und der Handel war mit einem reinen Gewinne von\n12,000 Frcs. für die Gebrüder Escudier geschlossen.\nDas Werk wurde in der Saison vierzehnmal aufge-\nführt und brachte über 150,000 Frcs. ein.\nMittlerweile entschied sich auch der Process. Der Klä-\nger wurde mit seinen Ansprüchen abgewiesen und der\nVerleger Troupenas als einziger und rechtmässiger Besitzer\nder Partitur Rossini's anerkannt.\nDafür aber begann nun der noch lebhaftere Streit in\nden kritischen Blättern; die Angreifer Hessen keine gute\nNote an dem Werke, nannten den Stil opern-, ja, vaude-\nvillemässig die Vertheidiger fuhren über jene als dumpfe\nPuritaner, als Pedanten her, welche keine Ahnung von\ngöttlicher Melodie hätten et adhuc sub judice lis est.\nEs ist nicht unser Zweck, diesen Streit wieder aufzu-\nnehmen, auch ist das wenigstens für Deutschland\nkaum nöthig. Wir wollten nur an einem Beispiele zeigen,\nwie interessant zuweilen das Schicksal geistiger Producte\nist, und zugleich unsere Leser einen Blick in das musica-\nlisch-mercantile Getreibe auf dem grossen Markte zu Paris\nthun lassen. Rossini betrügt mit der grössten Gemüths-\nruhe den Abt Varela in Spanien durch unechte Waare und\nlässt sich die echte vorausgesetzt, dass sein Gewissen\nihn bewogen habe, jede Spur von Tadolini in seinem Werke\nwirklich zu vertilgen mit 6000 Frcs. bezahlen,\nwährend er mit Behagen eine Prise aus der Fünftausend-\nfrankendose des ehrwürdigen Paters nimmt, der glücklicher\nWeise unter der Zeit gestorben ist. Dessen Erben versil-\nbern die Waare wieder als echt, wodurch dieselbe zum\ndritten Male bezahlt wird; am Ende aber gewinnt Trou-\npenas, ausser dem späteren Ertrag aus dem Verlage des\nWerkes, für den Augenblick 2000, Escudier 12,000,\nDormoy 100,000 Frcs. und Aulagnier hat das Ver-\ngnügen, zuzusehen und die Handschrift eines unechten\nWerkes von Rossini durch eine namhafte Kaufsumme und\ntüchtige Zahlung von Gerichtskosten an sich gebracht zu\nhaben.\n\n*) Das Original in der France Musicale, Paris, 16 Avril 1854,\nNr. 16. v"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "130", "page_fin": "131", "image_debut": 2, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.2", "titre_corps": "Zur Frage über den katholischen Kirchengesang.", "titre_sommaire": "Zur Frage über den katholischen Kirchengesang.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.2", "debut_caractere": 4311, "fin_caractere_exclue": 4577, "texte": "Zur Frage über den katholischen Kirchengesang.\nUnsere Zeit hat bekanntlich die Frage ins Leben ge-\nrufen, ob die neuere Kirchenmusik mit ihrem dramatischen\nCharakter dem Gottesdienste der katholischen Kirche ange-\nmessen sei, oder nicht vielmehr eine Rückkehr zu dem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4740, "texte": "einfachen Choralgesangc und der geistlichen Musik der alten\nItaliäner, Franzosen und Niederländer nothwendig und der\nBestimmung des musicalischen Elementes, als eines wesent-\nlichen Theiles des Cultus, einzig würdig sei. In Italien\nselbst scheint diese Frage bis jetzt die katholischen Gemein-\nden, und namentlich die Geistlichkeit, weniger zu bewegen,\nals dies im westlichen Deutschland und in Frankreich und\nBelgien der Fall ist; wir lesen im Gegentheil von kirch-\nlichen Compositionen lebender italiänischer Meister (z. B.\neinem Requiem von de Liguoro, welches zu Neapel und\nneuerdings in Paris aufgeführt worden ist und ein gewisses\nAufsehen erregt hat), welche ganz und gar der neueren\nSchule, namentlich auch in Bezug auf glänzende Instrumen-\ntirung, huldigen.\nIn Frankreich dagegen hat dieselbe Frage eine rege\nund durch die Einwirkung verschiedener hoher Prälaten\nbereits weit verbreitete und tiefer eingreifende Theilnahme\nerregt, und J. d'Ortigues, ein Musik-Gelehrter von Ruf,\nhat so eben ein Buch herausgegeben, welches die volle\nAufmerksamkeit eines jeden verdient, der diesen für die\nKirchenmusik so wichtigen Streit mit Ernst verfolgt. Es\nführt den Titel:\nDictionnaire liturgique,\nplain-chant et de musique d'eglise au moyen-äge\net dam les temps modernes.\nDer Grundgedanke und die Haupt-Tendenz dieses Wer-\nkes spricht sich in dem vorgedruckten Motto aus:\ntimini vos ad fontem Sancti Gregorii, quia manifeste cor-\nrupistis cantilenam ecclesiasticam.\"(Kehret zur Quelle des\nheiligen Gregorius zurück, dieweil ihr offenbar den kirch-\nlichen Gesang verdorben habt.)\nSeit mehr als zehn Jahren hat sich der Verfasser mit\nStudien und Nachforschungen, theils theoretischen, theils\nhistorischen und bibliographischen, über seinen Gegenstand\nbeschäftigt, eine Menge alter Messbücher und Liturgieen\nauf- und durchgestöbert, ältere, selten gewordene Werke\nüber gregorianischen Gesang u. s. w., namentlich franzö-\nsische, z. B. von dem gelehrten Benedictiner Jumillac, vom\nAbbe Lebeuf, von Gabriel Nivers u. A., nicht nur gelesen,\nsondern der Hauptsache nach ausgezogen und diese Aus-\nzüge seinem Buche einverleibt und das alles mit einer\nGeduld und Beharrlichkeit, wie man sie mit einer solchen\nEinsicht und Wissenschaft vereinigt nur sehr selten bei\nden Schriftstellern unserer Tage antrifft. Zu bedauern ist\nnur, dass derselbe die Arbeiten der Deutschen, z. B. Win-\nterfeld's, auf diesem Felde nicht gekannt zu haben scheint.\nHerr von Ortigues ist seinen eigenen Weg gegangen,\nund eben desshalb unterscheidet sich sein musicalisches\nLexikon ganz und gar von den bisher vorhandenen ähn-\nlichen Werken, welche den ganzen musicalischen Stoff en-\ncyklopädisch behandeln. Ortigues hat sich beschränkt, und\nentfernt sich eben dadurch gar sehr von dem modernen\nliterarischen Geiste seiner Landsleute, welcher in der Regel\nAlles umfassen und Alles popularisiren will. Was daher von\nallgemein musicalischen Artikeln in dem Werke vorkommt,\nist nicht von besonderer Bedeutung; von desto grösserer\nWichtigkeit aber die Bearbeitung aller in die Specialität\nder Kirchenmusik einschlagenden Rubriken.\nEs enthält nicht nur eine vollständige Theorie des\ngregorianischen Choralgesanges, sondern aller musicalischen\nSysteme des Mittelalters. Ferner nimmt die Auseinander-\nsetzung und historische Entstehung der liturgischen Ge-\nbräuche einen grossen Raum ein, und die Artikel: An-\nliennes, Chantre, Enfans de choe etc. beweisen,\nmit welchem Eifer uni welcher Ausdauer der Verfasser\ndie Kirchen-Archive der Kathedralen von Paris, Rouen,\nRheims, Orleans, Tours, Angers, Lyon u. s. w. durchforscht\nhat. Durch das ganze Werk zieht sich der Grundgedanke,\nden wesentlichen Unterschied ins Licht zu stellen, der zwi-\nschen der modernen Kirchenmusik und dem eigentlichen\ngeistlichen Gesänge existirt, und der Verfasser gehört zu\ndenjenigen, welche der neueren Musik geradezu die\nFähigkeit absprechen, das religiöse Gefühl in seiner ganzen\nErhabenheit auszudrücken. Er entwickelt seine Ansichten\ndarüber zwar überall, besonders aber in den Artikeln\nlosophie de la Musiqueund Tonwo er dieses Thema\nmit vieler Klarheit und Wärme behandelt.\nWenn wir selbst auch durchaus anderer Meinung sind,\nso erkennen wir doch gern die Arbeit des Herrn von Or-\ntigues als einen trefflichen Beitrag zur Geschichte des Kir-\nchengesanges in Frankreich an und als eine wichtige Samm-\nlung von Materialien und Ideen zur Aufklärung der ge-\ndachten Streitfrage, deren Entscheidung übrigens wohl nie-\nmals zu Stande kommen dürfte, da das religiöse Gefühl,\nund noch mehr die Anregung und Nahrung desselben durch\näussere sinnliche Eindrücke, stets Sache der Subjectivität\nbleiben wird, die sich weder durch hierarchische Maassregeln\nnoch durch philosophische Raisonnements ertödten lässt."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "131", "page_fin": "133", "image_debut": 3, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.3", "titre_corps": "Aus Breslau.", "titre_sommaire": "Aus Breslau.", "signature_source": "L. B", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.3", "debut_caractere": 4742, "fin_caractere_exclue": 4884, "texte": "Aus Breslau.\n\nDen 15. April 1854.\nWenn lange bestehende, in fest begränzter Thätigkeit\nsich bewegende Institute kaum Stoff für die Besprechung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3917, "texte": "interessanter Neuigkeiten darbieten, überhaupt aber natur-\ngemäss ganz ausserhalb aller Beachtung derer liegen, welche\ndie Werke älterer Meister zur abgelhanen Musik zählen\nund ihre Belebung für eine ganz nutzlose Beschäftigung\nhalten, so erklärt sich der Mangel jeder Erwähnung der\nhiesigen Sing-Akademie in den Berichten über die musica-\nlischen Bestrebungen unserer Stadt und Provinz von selbst.\nAuswärtigen Freunden und Gleiches erstrebenden Kunst-\ngenüssen bin ich jedoch ein Lebenszeichen des genannten\nInstituts schuldig, und stelle als solches beim Abschlüsse\ndes Winter-Semesters die im verflossenen Jahre von Ostern\n1853 bis daher veranstalteten Aufführungen des mich um-\ngebenden Kreises übersichtlich zusammen. Sie werden ohne\nalle weiteren Bemerkungen so dessen Absicht, als Thätigkeit\nbekunden.\nS\n1. Am 18. Juni 1853. Zum Stiftungsfeste der\nSing-Akademie:\na.Cantate von J. S. Bach: „Ach Gott, wie man-\nches Herzeleid\".\nb.Anthem von Händel: „Kommt her, lasst uns\nsingen unserm Gott\".\nc. Doppelchor von J. S. Bach: „Nun ist das Heil\nund die Kraft\" etc.\nHierzu das Programm mit einer Einleitung versehen.\n2. Am 21. October 1853. Trauerfeier der Sing-\nAkademie:\na. Yersette von J. Fr. Reichardt: Trauer um\ndie Trauernden.\nb. Cantate von J. S. Bach: „Liebster Gott, wann\nwerd' ich sterben\".\nc. Cantate von J. S. Bac h: „ Gottes Zeit ist die\nallerbeste Zeit\".\nD.Mozart, Requiem und\n3. Am 19.November 1853. In der Aula Leopoldina:\nPaulus, Oratorium von Mendelssohn-Bartholdy.\n4. Am 17.December 1853. Weihnachts-Feier\nim Musiksaale der Universität :\na.Choräle:\n*\n1) Wachet auf, ruft uns die Stimme. Ori-\nginal-rhythmisch, von Mich. Prätorius.\n2) Den die Hirten lobten sehre, von Mich.\nPrätorius. Der Mus. Sion. entnommen. In drei\nBearbeitungen: 1. 4 Soprane, Soli und Chor;\n2. 2 Soprane, Alt- und Tenor-Soli; 3. Chor und\nTenor-Solo.\nb.Der Messias von Händel. 1. Theil. (Nach der\nOriginal-Partitur mit Orgel.)\n5. Am 11. März 1854. (Wegen Hindernisse durch\nKrankheitsfälle musste diese für den 25. Februar festge-\nsetzte Aufführung bis zu dem genannten Tage verschoben\nwerden.) Im Musiksaale der Universität:\nErste Abtheilung:\na. Ouvertüre zu Idomeneo von Mozart.\nb. Sopran-Arie mit obligatem Pianoforte von Mo-\nzart (Non temer, amalo\nc. Phantasie von L. van Beethoven für das\nFortepiano, Orchester und Chor.\nZweite Abtheilung:\nII David de penitente von Mozart. (Das einlei-\ntende Programm besonders abgedruckt.)\n6. Am 1. April 1854. In der Aula Leopoldina:\nDie Jahreszeiten von J. Havdn.\n«i\n7. Am 14. April 1854. Charfreitags-Feier im\nMusiksaale der Universität:\nDer Tod Jesu von Graun.\nDer aus den Koryphäen der Sing-Akademie gebildete\nMusicalische Cirkel für Hausmusik hat in diesem Winter\nnur zwei Soireen veranstaltet:\n1. Am 24. Januar 1854.\nErste Abtheilung. Nachtlied von Mendelssohn -(vier-\nstimmig); Mondliedchen von Taubert (zweistimmig); Minne-\nlied von Mendelssohn (vierstimmig); Auftrag von Abt (ein-\nstimmig) ; Des Finken Gruss von Taubert (zweistimmig);\nGruss von Mendelssohn (vierstimmig); Das Wirthshaus [aus\nSchubert's Winterreise] (einstimmig); Duett aus Iphigenie\nin Tauris von Gluck (Orest und Pylades); Frühlingslied\nvon Mendelssohn (vierstimmig). (NB. Die Lieder von Men-\ndelssohn nach der Bearbeitung von J. Stern.)\nZweite Abtheilung, Die Heimkehr aus der Fremde.\nOper von Mendelssohn.\n2. Am 1 7. März 1854.\nErste Abtheilung. Andenken von Mendelssohn (vier-\nstimmig); Wiegenlied („Sonn' hat sich müd' gelaufen\")\nvon Taubert (einstimmig); Lob des Frühlings von Mendels-\nsohn (vierstimmig); Terzett zu von Mo-\nzart (Mandina amabile); Hirtenlied von Mendelssohn (vier-\nstimmig); Arie aus Die Entführung von Mozart („0 wie\nängstlich, o wie feurig); Die Waldvöglein von Mendelssohn\n(vierstimmig); Terzett von Beethoven\ntremate\").\nZweite Abtheilung. Aus Olympia von Spontini (Act 2,\nScene 1, 2 und 3); aus Iphigenie in Aulis von Gluck (Act\n2, Scene 1, 2, 3 bis inclusive „Du Gott der Ehe, hör\")."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 913, "texte": "Meine Gönner und Freunde können auf meine sich\ngleichbleibende Thätigkeit rechnen, so lange meine Kräfte\ndazu ausreichen.\nJoh. The od. Mosewius.\nNachschrift der Redaction.\nBravo! Facta loquuntur! Sie sagen: „Ihre\nFreunde\", hochverehrter Herr Doctor? Gut; erlauben Sie\nuns aber, den Kreis derselben weiter zu ziehen, als Ihre\nBescheidenheit es thut; denn alle Freunde der classischen\nMusik, alle Künstler und Kunstgönner, welche noch an\n„die alten Götter\" glauben, sind Ihre Freunde und rech-\nnen mit Zuversicht auf die fort und fort segensreich wir-\nkende Thätigkeit des trefflichen Erläuterers der Matthäus-\nPassion. Und seien Sie überzeugt, es gibt dieser Altgläubi-\ngen in deutschen Landen, Gott sei Dank! noch die Menge.\nLassen wir die breitmäuligen Gesellen in den literarischen\nSümpfen unserer Zeit sich nur ausquaken. Wohl dem, den\ndiese Propheten nicht verkündigen und den die Ignoranten\nignoriren!\n\nL. B."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "133", "page_fin": "134", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.4", "titre_corps": "Dorn's Nibelungen", "titre_sommaire": "Dorn's Nibelungen", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.5", "debut_caractere": 915, "fin_caractere_exclue": 4748, "texte": "Dorn's Nibelungen\n*)■\nErlauben Sie mir, verehrtester Herr Redacteur, einige\nfragmentarische Bemerkungen über Dorn's neueste Oper,\nwenngleich Ihr geschätzter Herr Correspondent von hier\nIhnen ohne Zweifel auch schon darüber berichtet haben wird.\nDen ganzen Inhalt der Nibelungen in ein Opern-Ge-\ndicht zusammen zu drängen, ist jedenfalls ein verfehlter\nGedanke. Selbst für eine Tragödieist der Stoff viel zu\nreich, geschweige denn für eine Oper, wesshalb denn auch\nbis jetzt keine einzige dramatische Bearbeitung desselben\nin unserer Literatur durchgedrungen ist. An Versuchen hat\nes nicht gefehlt: von F. Rudolf Hermann in drei Ab-\ntheilungen: Der Nibelungenhort Siegfried Chriem-\nhildens Rache, Leipzig, 1819; von Jo h. Wi 1 h. Müller:\nChriemhildens Rache, ebenfalls in drei Theilen, Heidelberg,\n1822; Die Nibelungen von Raupach (1829), und\nganz neuerlich von Reinold Reimer: Chriemhildens\nRache, Trauerspiel in Jamben, Hamburg, 1854.\nDie meisten Bearbeiter haben richtig eingesehen, dass\ndas tragische Element, welches für die Bühne passt, eigent-\nlich nur im zweiten Theile des Heldengedichtes liegt, in\ndem Untergange der Burgunder. Ein Drama, welches den\nganzen Inhalt geben will, zerfällt durch Siegfried's Ermor-\ndung nothwendig wenigstens in zwei Hälften und spaltet\noffenbar die Theilnahme des Zuschauers, oder lässt es viel-\nmehr zu gar keiner rechten Theilnahme für einen oder zwei\nHaupt-Charaktere, wie sie die Tragödie verlangt, kommen.\nAn diesem Radicalfehler leidet denn auch das Gedicht von\nGerber zu Dorn's \\Musik, und Held Siegfried erscheint\ndarin gar zu philistermässig; abgesehen davon, ist es mit\nGeschick gemacht und bietet musicalische Situationen dar,\nvielleicht hier und da einige, denen man zu deutlich an-\nsieht, dass sie auf Musikstücke bestimmter Form berech-\nnet sind.\nOb Richard Wagner der Mann dazu sein wird,\nden ungeheuren Stoff dramatisch zu bewältigen, müssen\nwir abwarten. Ich zweifle daran. Denn ein Nibelungen-\nDrama fordert Handlung, und diese zu schaffen, scheint\nnach den Proben im Tannhäuser und Lohengrin eben nicht\nseine Sache zu sein. Seine Trilogie, „Der Ring der Nibe-\nlungen\", soll dem Vernehmen nach ein Vorspiel, „Das\nRheingold\", und drei musicalische Dramen: 1) Die Wal-\nküre, 2) Der junge Siegfried, 3) Siegfried's Tod, enthalten.\nChriemhildens Rache wird dann wahrscheinlich noch ein-\nmal drei Opern liefern, so dass die vollständige Aufführung\neine Woche, eine Wagner-Woche, erfordert, wozu ich\ndem Publicum der Zukunft viel Glück und viel Geduld\nwünsche.\nDoch zur Musik. Dorn hat ihr vor Allem den deut-\nschen Charakter zu bewahren gewusst, und zwar in einer\nEinheit, welche von dem Eklekticismus Meyerbeer's vor-\ntheilhaft absticht und vielleicht nur in mehreren Stellen der\nPartie des Hagen von Tronegg an die Manier dieses Com-\nponisten erinnert. Wenn ich aber von deutschem Charakter\nder Musik spreche, so schliesst dieses auch eine gewisse\nSeite dieses Charakters nicht aus, die so genannte gemüth-\nliche, vielleicht richtiger gesagt: philisterhafte, von welcher\nWeber und auch Marschner sich fern halten, die aber\ndurch das deutsche Gesangtreiben in den letzten Jahrzehen-\nden mehr hervorgetreten ist, als es die höhere Tonkunst\nvertragen kann. Wenn man nun auch nicht sagen kann,\ndass Dorn's Musik in den grossen Scenen und den Ge-\nsammtstücken überall die Adlerschwingen entfalte, welche\nder Stoff verlangt, um sich auf die Höhe des altdeutschen\nHeldengedichtes zu heben, und dass die lyrischen Stellen,\n\n*) Wegen der Theilnahme, welche ein bedeutendes Opernwerk\neines deutschen Componisten überall erregen muss, und des\nbesonderen Interesses, welches am Rheine, wo Dorn's Wirk-\nsamkeit in gutem Andenken ist, für ihn herrscht, nehmen wir\nmit Vergnügen auch noch den obigen Bericht auf, der nicht\nvon unserem gewöhnlichen Herrn Correspondenten herrührt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3185, "texte": "obwohl bei sehr ansprechenden Meiodieen, überall den zar-\nten Duft musicalischer Poesie athmeten, so entwickelt die\nMusik dennoch eine im Ganzen grossartige Auffassung des\nGegenstandes und führt diese mit Selbstständigkeit durch, so\ndass mit Recht von einem würdigen Stil, in welchem das\nGanze gehalten ist, die Rede sein kann. Diese Auffassung\nwird aber nicht auf Kosten der musicalischen Form durch-\ngeführt, und wenngleich der Natur des Stoffes und der ge-\nwaltigen Fülle von Handlung gemäss keine Gelegenheit da\nwar, sich in rein musicalischen Gedanken des Breiten zu\nergehen, so zeigt trotzdem die technische Behandlung eine\nso sichere Handhabung der Form, eine so fliessende Schreib-\nart in melodischer Hinsicht, eine so zweckmässige und oft\ninteressante Instrumentirung, ohne barock zu werden, und\ndurch alles dieses eine künstlerische Abrundung, welche\nnicht anders als wohlthuend und befriedigend auf den Zu-\nhörer wirken kann.\nUm so mehr aber fällt es auf, wenn ein so gewandtes\nTalent, wie Dorn es hier wiederum bewährt hat, sich in\nharmonischer Hinsicht öfter auf die Abwege der schreien-\nden Dissonanzen und grausenerregenden Vorhalte verirrt.\nSo etwas gibt einem ein Gefühl, als wenn auf ebenem\nWege das Hinterrad des Wagens an einen Prellstein stösst\nund alle Passagiere in die Höhe fliegen. Das Schlimmste\ndabei für den Componisten ist das, dass jeder Laie augen-\nblicklich fühlt, dass solche Absonderlichkeiten nicht aus dem\nQuell der Erfindung strömen, sondern mit Absichtlichkeit\nhervorgesucht sind. Dies und dann im Orchester das zu-\nweilen allzu dreiste Blech sind, wie es scheint, Folgen der\nAnsteckung der neuesten Kunstschule, deren Spuren wir\nin dem rühmenswerthen Werke lieber weg wünschten.\nEin grosser Vorzug ist die Steigerung; denn wenn\nauch der dritte Act gegen den zweiten etwas abfällt, so\nerheben sich doch der vierte und fünfte wieder zu hoher\nund erschütternder Wirkung. Dabei wird uns nicht zuge-\nmuthet, wie bei manchen anderen berühmten Opern, die\nersten drei Acte geduldig, in Hoffnung auf den vierten, hin-\nzunehmen, sondern gleich der erste hat eine schöne Einlei-\ntung und ein ausdrucksvolles Finale, welche beide einige\nweniger gelungene Nummern glänzend einrahmen, und der\nzweite Act ist vortrefflich und besonders in seiner ganzen\nzweiten Hälfte schwungvoll und originel. Lobenswerth ist\nauch die Schreibart für den Gesang, in welcher Beziehung\nsich die Nibelungen sehr vortheilhaft vor den Wagner'schen\nOpern auszeichnen. Nur an die Sängerin der Chriemhild\nsind etwas übermässige Forderungen gestellt; vielleicht\nmochte das aber auch nur so scheinen, indem bei aller\nVortrefflichkeit der Ausführung durch Frau Herrenburger-\nV #\nTuczek diese Partie doch ihre physische Kraft übersteigt.\nJohanna Wagner als Brunhild war gross und be-\nwundarnswerth.\nDie Ausstattung war höchst würdig und glänzend\neinige neue Decorationen, z. B. Island, der Rosengarten bei\nWorms, der Odenwald, waren von sehr malerischer Wir-\nkung. Die Oper ist viermal bei vollbesetztem Hause gege-\nben worden und hat bei dem Publicum einen entschiede-\nnen Erfolg gehabt. Sicher wird sie nach der Rückkehr der\nWagner von ihrer Urlaubsreise wieder auf die Bühne\nkommen.\n***."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "134", "page_fin": "135", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.5", "titre_corps": "Londoner Briefe.", "titre_sommaire": "Londoner Briefe.", "signature_source": "C. 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Frau Köster in Berlin, für\nsein Unternehmen gewonnen, bei welchem auch Karl For-\nmes sich wiederum betheiligt hat, was unserem Theater-\nPublicum eine um so erfreulichere Nachricht war, als das\nGerücht ging, Formes werde in dieser Saison bloss in Ora-\ntorien und Concerten singen.\nEinstweilen hat Drurylane bereits mit der italiänischen\nOper eröffnet. Norma und Lucrezia sind mit grossem\nBeifall gegeben worden; namentlich hatte die letztgenannte\nOper das Haus ganz und gar gefüllt. Signora Caradori\nhat sich in beiden Rollen als treffliche Prima Donna bewährt;\nsie sang besonders die Lucrezia von Anfang bis zu Ende\nsehr gut, an einzelnen Stellen, z. B. in dem Duett, wo sie\nGennaro das Gegengift gibt, und in der Schlussscene, be-\nwundernswerth und mit tragischer Kraft. Als Orsini trat\neine Demoiselle Vestvalie auf, welche, ehe sie noch den\nMund öffnete, einen sehr guten Eindruck auf das Publicum\nmachte. Sie ist von Geburt eine Polin (wenn nicht vielleicht\neine Westfalin?), war in Italien Schülerin von Mercadante,\nsang zu Neapel und Florenz in Concerten und betrat im\nvorigen Jahre zum ersten Male die Bühne auf der Scala in\nMailand. Jung und schön und im Besitz einer, wenn auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 830, "texte": "nicht sehr voll und kräftig tönenden, doch sehr angeneh-\nmen und lieblichen Altstimme, wird sie sicher ihren Weg\nmachen, dessen Beginn ihre Gönner schon gestern mit Blu-\nmen bestreuten.\nAls Alfonso trat ein einheimischer Bariton, Herr Ha-\nmilton Braham, ein Sohn des berühmten englischen Te-\nnoristen Braham, für welchen Weber die grosse, in den\nOberon eingelegte kriegerische Arie schrieb, zum ersten\nMale auf und wurde wohlwollend aufgenommen. Am we-\nnigsten genügte der Tenor Pavesi als Gennaro, doch that\ner sein Bestes. Die ganze Vorstellung hatte einen ausser-\nordentlichen Erfolg, die Caradori und das sämmtliche Per-\nsonal wurden am Schlüsse gerufen. Form es tritt am Don-\nnerstag den 27. d. Mts. im Freischütz auf. Als Musik-\nDirectoren sind die Herren Lindpaintner und An-\nschütz bei der Unternehmung beschäftigt.\n\nC. A."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c006", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c006", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "135", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.6", "titre_corps": "Ein Hofconcert in Konstantinopel.", "titre_sommaire": "Ein Hofconcert in Konstantinopel.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.7", "debut_caractere": 832, "fin_caractere_exclue": 5899, "texte": "Ein Hofconcert in Konstantinopel.\nDa man sich in politischer Hinsicht jetzt so viel mit dieser\nStadt, deren Beherrschern und Bewohnern beschäftigt, so dürften\neinige musicalische Nachrichten daraus nicht unwillkommen sein.\nEs war im Juni 1848, als Vieuxtemps Konstantinopel besuchte\nund eines Tages mit der Einladung überrascht wurde, beim Sultan\nden nächsten Morgen um 10 Uhr zu spielen. —■ Um 8 Uhr früh\nfanden sich schon zwei Khavasse zur Begleitung ein, welche Herrn\nund Frau Vieuxtemps von Bujukdere abholten, um sie übers Meer\nnach Tshesme, in den Palast Rifaat Pascha's zu führen, dem als\nMinister der auswärtigen Angelegenheiten die Einführung der\nFremden beim Sultan oblag. Dort empfing sie Rifaat Pascha mit\nder Nachricht, dass durch die Ankunft eines Couriers das Concert\num einige Stunden verzögert würde. Vieuxtemps wohnte nun dem\nConseil des Ministers bei, der keine Indiscretion seinerseits zu be-\nfürchten hatte, da die Staatsgeschäfte auf Türkisch verhandelt wurden;\naber mit 20 Sheriffen und eben so viel Tassen Kaffee musste er\nnähere Bekanntschaft machen. Frau Vieuxtemps wurde unterdessen\nin den Harem geführt, wo sich Frau, Schwestern, Mutter und\nSclavinnen des Pascha's in höchster Neugier versammelt hatten; die\nhübsche, aber geschmacklos und unbequem angezogene Gemahlin\nversicherte derselben, nur zwei Europäerinnen in ihrem Leben (sie\nwar zwölf Jahre alt) gesehen zu haben, welche beide Gesandtinnen\nwaren. Alle wollten erfahren, wie es denn in der übrigen Welt\naussehe, und meinten, es wäre doch ein Scandal, dass dort so viele\nFrauen ohne Schleier herumgingen. Ihre Neugierde verschonte kein\nKleidungsstück der Fremden, während sie dafür ihre Schätze,\nschwerfällige silberne Ketten und wiener Shawls zeigten, welche\nfür viel moderner als türkische galten. Endlich nahm man Abschied,\nund Rifaat Pascha liess den Künstlern ein Diner serviren, wobei\nFische, Reiss und Bocks-Coteletten die Hauptrolle spieiien, deren\nZubereitung jedoch dem europäischen Geschmack sehr wenig zu-\nsagte. Hierauf wurde ein reichverziertes Boot bemannt, welches die\nganze Gesellschaft über den Bosporus nach dem neuen Palaste\nTshiraghan brachte. Allein der Sultan hatte in Folge der Depe-\nschen seinen Ministerrath zur Conferenz zusammenberufen, und\nabermals sollten Pfeifen, Kaffee und Bocks-Cotelctte den Reisenden\ndie Zeit verkürzen. Als diese (durch Erfahrung gewitzigt) höflichst\ndankten, befahl der Sultan, selbe im Serail herumzuführen und be-\nsonders den Flügel des Palastes zu zeigen, in welchem unter Do-\nnizetti's Leitung das Conservatoire sich befand. Daselbst waren\netwa scchszig türkische Knaben und Jünglinge mit ihren Professo-\nren, meist Italiänern und Griechen; sie werden daselbst anfallen\nInstrumenten und in dem Gesänge unterwiesen. Sie legten Beweise\nihrer Kenntniss auf der Violine und dem Cello ab und sangen\neinen Act aus der Sonnambula mit italienischem Texte, wobei be-\nsonders ein kleines, untersetztes Türklein, etwa 14 Jahre alt, als\nAmina sich durch den näselnden Vortrag der Schluss-Arie: Deh\nm'abbraccia, hervorthat. Besondere Sorgfalt ist auf die Blechmusik\nverwandt, für welche der Sultan zuweilen selbst einen Marsch com-\nponirt, welchen Donizctti (der Bruder des berühmten Componisten)\nsodann instrumentirt und aufführen lässt. Vieuxtemps hatte die\nNoten zu einem Marsche mitgebracht, welchen er Nachts zuvor\ncomponirt hatte und dem Sultan widmen wollte; der Dirigent legte\nsie auf, und er wurde fehlerfrei vom Blatte gespielt. Endlich\nwar die Confcrenz aus, und man führte die Künstler durch endlose\nGänge und Säle, welche die reizendsten Aussichtspunkte auf das\nvom Monde erhellte Scutari gegenüber boten (es war inzwischen\nNacht geworden), in den hell erleuchteten Thronsaal, wo der Kai-\nser mit etwa zwanzig Grosswürdenträgern um das Ciavier (ein\nwiener Mügel) standen. Abdul Medschid ist ein schöner junger\nMann mit sprechenden grossen, schwarzen Augen und etwas fati-\nguirten Zügen; besonders freundlich und herablassend entschuldigte\ner sich in gebrochenem Französisch, so lange auf sich haben war-\nten zu lassen. Eine Fanlaisie capriceliess ihn sehr kalt; beim\nmolo von Beriot stand er aber entzückt auf. um seinen Beifall zu\nbezeugen, der durch ein Duo über Sonnambula noch gesteigert\nwurde. Für das Cantabile nach unserer Weise hat der Türke kei-\nnen Sinn; nur Schnelligkeit und Lärm wirken auf seine musicali-\nschen Nerven. Nach Vortrag der drei Stücke machte der Sultan\nviel Artigkeits-Bezeugungen, und der Dolmetscher musste auf sei-\nnen Befehl die Anrede eines anwesenden Mufti's, der wahrschein-\nlich eine Art Hofpoet war, übersetzen. Sie lautete: „0 Fremdling!\nIn unseren heiligen Büchern spricht man mit Verehrung von\n„„Tarakurisch\"\"; er lebte vor 3000 Jahren und war der grösste\nMeister auf der Violine. Ich sehe aber jetzt, dass er höchstens\nDein Schüler gewesen sein kann!\" Mit diesem orientalischen\nComplimente war das Concert geschlossen, und da es Mitternacht\nwar, also zu spät, um nach Bujukdere zurückzurudern, so ging die\nGesellschaft nach Pera in ein Hotel, wo sie müde und sehr hun-\ngerig anlangte."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-04-29-01-c007", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-04-29_01#c007", "volume": "bmtnabi_1854-04-29_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "135", "page_fin": "136", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.2.7", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.7", "debut_caractere": 5901, "fin_caractere_exclue": 7068, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöSh. (Schluss. S. Nr. 16.) Neben dieser natürlichen Bega-\nbung hat Ander aber auch durch die künstlerische Ausbildung\nseiner Stimme eine Höhe als Sänger erreicht, auf welcher ihm un-\nter allen lebenden Künstlern nur Roger an die Seite zu stellen\nsein dürfte; ja, in Einem wesentlichen Punkte stellen wir ihn un-\nbedingt über den französischen Sänger, nämlich darin, dass er das\nMaass des Schönen nie überschreitet. Den dramatischen Ausdruck\nim Grellen, im Extremen zu suchen, davon ist Ander weit ent-\nfernt; er erreicht ihn vollkommen durch die sympathische Fär-\nbung seines Tones, durch die Steigerung der Klangfülle bis zu er-\nschütternden Schwingungen, durch den Schmelz des Tones in den\nweichen Stimmungen und durch ein vortreffliches Spiel. Was er\nnamentlich im vierten Acte der Martha als Lyoncl und im zweiten\nder Lucia als Edgardo leistete, trug in Gesang und Spiel den\nStempel der hinreissenden Wahrheit der Leidenschaft, und der\nletzte Act der Lucia, wie auch die Schlussscene in Stradella zeig-\nten hinwiederum das Vollendete in der Auffassung und dem Wie-\ndergeben des lyrischen Geistes der italiänischen Musik. Durch die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 6390, "texte": "richtige Zeichnung, durch die hohe Feinheit des geistigen Verständ-\nnisses entschädigt er vollkommen für einen geringeren Grad von\nNaturkraft, welche bei anderen Tenoristen, deren Stimme mehr\neine Bariton-Farbe hat, grösser sein mag. Die Aufgabe, das innere\nLeben, das der Dichter und Componist in ihr Werk gelegt haben,\nzur Erscheinung zu bringen, lös't Ander auf eine Weise, wie es\nnur eine geniale Natur vermag. Bei ihm zeigt jeder Ton, jede Be-\nwegung und jede Buhe den wahren Künstler-Adel.\nIn der Lucia stand ihm Beck als Asthon auf das würdigste\nzur Seite. Nach Karl Formes haben wir keinen Sänger gehört,\ndessen Stimme so voll wie tönendes Erz durch die Räume hallte,\nwie Bcck's überaus kräftiger und dabei auch in der Weichheit so\nklangvoller Bariton. In dem Sextett war es vor Allem diese herr-\nliche Stimme, welche dem Ganzen die wahre Resonanz gab. Ausser-\ndem haben wir ihn, seitdem wir in Nr. 15 über seinen Don Juan,\nund Orovist berichtet, noch als Beiisar, als Alfonso in der Lucre-\nzia und als Jäger im Nachtlager von Granada gesehen, und stim-\nmen vollkommen in den Beifall des Publicums ein, der ihn jedes-\nmal durch mehrfachen Hervorruf und stürmisch verlangten Trom-\npetentusch ehrte. Im Nachtlager zeigte Beck namentlich, wie weit\ner es bereits in der Kunst gebracht hat, sein gewaltiges Material\nzu beherrschen und dem zarten Ausdruck fügsam zu machen.\nFräulein Köhler vom Hoftheater zu Wiesbaden hat sich\nin mehreren Rollen (Martha, Lucia, Lucrezia u. s. w.) als eine für\nTheater zweiten Ranges sehr brauchbare, correcte Sängerin von\nguter Schule und vieler Bühnen-Uebung bewährt.\nZu der Nachricht aus Paris (in der vorigen Nummer) über den\nTod des Grafen de Sayve ist nachzutragen, dass dieser rühmlich\nbekannte Kunstgönner und Componist im Jahre 1847 allerdings\nhier in Köln war bei dem Musikfeste, welches sein vertrauter\nFreund Onslowr zum Theil dirigirtc. Damals wurde auch eine\nSinfonie von de Sayve in D-moll in der hiesigen musicalischen\nGesellschaft mit Beifall aufgeführt.\nl)e Sayve wrar 1791 geboren und starb am 8. April dieses\nJahres in Paris. Beurtheilungen seiner Quartette und Quintette für\nStreich-Instrumente (er selbst spielte gut Violoncell) findet man in\nder Revue Musicale von 1831 vom 5. März, welche Fetis damals\nin Paris herausgab; ferner in der Nummer vom 21. April 1832\neine anerkennende Analyse seiner ersten Sinfonie in C-moll.\nBraianscliweig-, 24. April. Das geistliche Concert, welches\ndie S ing- Akademie unter Abt's Leitung alljährlich am Char-\nfreitage veranstaltet, brachte Haydn's „Tenebrae factae sunt\", „Des\nStaubes eitle Sorgen\", so wie Beethoven's herrliche C-Jm-Messe\nin sehr gelungener Ausführung. Eine interessante Zugabe ward uns\ndurch die berühmte Kirchen-Arie von Stradella, welche Frau So-\nphie Förster, erst vor Kurzem in die Oeffentlichkeit getretene\nConcertsängerin aus Berlin, in vollendeter Weise vortrug. Wir lern-\nten in Frau Förster eine Sängerin ersten Ranges kennen; Stimme\nund Methode sind gleich vortrefflich, vorzüglich schön ihr Triller.\nDem Vernehmen nach ist derselben die erste Sopran-Solo-Partie\nbei dem bevorstehenden Rheinischen Musikfeste in Aachen durch\nLindpaintncr übertragen. Gegenwärtig gastirt hier Fräul. Jenny\nNey mit ausserordentlichem Erfolge; ihre Donna Anna und\nLucrezia Borgia, namentlich aber Julia in der Vestalin, wa-\nren meisterhafte Kunstleistungen. Am Abende ihrer Ankunft sangen\nihr die ersten Mitglieder des Theaters in Quartetten Willkommen,\nund vor ihrer Abreise am 23. d. Mts. nach Frankfurt brachte ihr\ndie Liedertafel eine Abendmusik. Einer unserer Kunst-Ve-\n/\nteranen, der seit längerer Zeit pensionirte Hof-Capellmeister Wie-\ndebein, ist in diesen Tagen gestorben.\nI®rag> 19. April. Man kann sich kaum eine Vorstellung von\nder Menge von Conccrten machen, die sich gegen Ende dieses\nWinters auch hier gerade so wie in den grossen Residenzen ge-\nhäuft haben; wir haben Fälle gehabt, wo wir deren fünf bis sechs\nan Einem Tage erlebten! Wenn Sie aber daraus schliessen wollten?\nDass der wahre Sinn für Musik in einer erfreulichen Entwicklung\nwäre, so würden Sie sehr irren; im Gegentheil, je grösser die Theil-\nnähme der Masse, je mehr Rückschritt im Geschmack, und wenn\nes so fortgeht, so wird das Publicum bald sich nur durch WTalzer\nund Polkas mit türkischer Musik anziehen lassen. Das verführt\ndann, leider Gottes! auch so manche Künstler, die einmal auf das\nPublicum angewiesen sind, zu traurigen Zugeständnissen, wrelche\nsie dieser Richtung machen. Bei solchen Verhältnissen war es dop-\npelt erfreulich, in dem Conccrte, welches Herr Adolf Köckert\nnach seiner Rückkehr von Amsterdam am 7. d. Mts. hier gab, so-\nwohl einen Künstler zu hören, welcher mit Muth und Beharrlich-\nkeit der edleren Richtung huldigt, als ein zahlreiches Publicum zu\nfinden, welches diese Gesinnung und die trefflichen Leistungen des\nKünstlers durch lauten Beifall zu belohnen wusste. Herr Köckert,\nden wir nach einer Abwesenheit von drei Jahren zum ersten Male\nwieder öffentlich hörten, ist ein Virtuose bedeutenden Ranges ge-\nworden; seine glänzende Technik wird durch jugendliches Feuer\nder Auffassung und Vortragsweise gehoben, und dieses dagegen\ndurch Solidität der Methode und Geschmack in die Gränzen künst-\nlerischer Mässigung gedämmt. Wer die Schwierigkeiten zu ermes-\nsen vermag, welche die vollkommene Bewältigung eines grossen\nMolique'sehen Concertcs dem Virtuosen bietet, wird Herrn\nKöckerns Verdienst nicht gering anschlagen, der in der gedie-\ngenen Durchführung dieses anstrengenden Werkes wreder an\nFülle und Sicherheit des Tones, noch an Geläufigkeit der Technik\neinen Abgang eintreten liess und neben der glänzenden Virtuosität\nauch Zartheit des Tones und Grazie des Bogens (besonders in den\nEchostcllen) entwickelte. Ausserdem spielte der Concertgebcr\nPrume's „Melancholie\" und eine Lucia-Phantasie eigener\nComposition mit ungemein schwierigen Variationen, und fand nach\nallen diesen Piecen die lebhafteste Anerkennung.\nDer Opern-Componist Halevy beschäftigt sich jetzt viel mit\nSchriftstellern. Kürzlich sind mehrere Aufsätze von ihm in musi-\ncalischen Zeitschriften und in der Revue de Paris gedruckt worden,\nferner eine Einleitung oder Vorrede zu dem Dictionnaire de Mu-\nsique der Gebrüder Escudier; und neuerdings erscheint im Moniteur\neine Novelle, Le Baron de Stora, aus seiner Feder. Sein Stil ist\nsehr gebildet und rund, dabei durchaus nicht schwülstig und\naffectirt."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "129", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.1", "texte": "Zur Geschichte des Stabat Mater von Rossini.\nIm Jahre 1832 machte Rossini eine Reise in Spanien.\nDer bekannte Banquier Aguado in Madrid, der mit ihm in\nden freundschaftlichsten Verhältnissen stand, sagte ihm\neines Tages: „Lieber Rossini, du könntest mir einen gros-\nsen Gefallen thun. Der Abt Varela, ein Geistlicher, der\nhier in Madrid eine sehr einllussreiche Stellung hat, möchte\ngar zu gern eine Kirchenmusik von deiner Composition\nhaben. Willst du nicht ein Sta schreiben ? Er ist\nder Mann, deine Arbeit anständig zu belohnen; du brauchst\nihm nur das Werk zu widmen und die Aufführung des-\nselben in einem Kloster zu erlauben.\"\nRossini reis'te nach Paris zurück und sandte zwei Mo-\nnate darauf dem Abte Varela ein Aguado\nüberschickte ihm im Namen desselben eine goldene Dose\nvon fünftausend Francs an Werth.\nFast zehn Jahre später, im Jahre 1841, kündigte ein\npariser Musik-Verleger (Aulagnier) die Herausgabe eines\nStabat Mater von Rossini an, dessen Manuscript er als\nEigenthum von den Vollstreckern des Testamentes des\nPater Varela in Madrid an sich gebracht habe. Die That-\nsache war richtig, und der Verleger handelte in gutem\nGlauben; allein es entstand die Frage, ob die Widmung\neines Musikstückes neben dem Rechte des Besitzes des Ori-\nginal-Manuscriptes, welches nicht zu bestreiten sein dürfte,\nauch ein Recht zur Herausgabe und zur Aufführung gebe.\nRossini fuhr bei der Kunde von der beabsichtigten\nVeröffentlichung seines Werkes gar gewaltig auf. Was ihn\nvor Allem beunruhigte, war das Bewusstsein, dass jene\nPartitur nur zur Hälfte aus seinem Geiste und seiner Feder\ngeflossen war; er hatte nur sechs Nummern derselben\ncomponirt, alles Uebrige war von T a do 1 i ni, dem damali-\ngen Chor-Director der italiänischen Oper in Paris! Die\nOrchester-Begleitung erklärte er ebenfalls für schwach und\nviel zu einfach; ja, es mochte die Instrumental-Bearbeitung\ngrösstentheils oder vielleicht ganz und gar ebenfalls von\nTadelini herrühren.\nRossini war also wüthend und schrieb auf der Stelle\nan seinen Verleger Troupenas in Paris, dass er das miss-\ngestaltete Werk, das man auf seinen Namen herausgeben\nwollte, gänzlich umarbeite, und bevollmächtigte ihn, durch\nalle gesetzlichen Mittel die Herausgabe und die Aufführung\ndes alten Stabat Mater zu verhindern, welches er vor Jah-\nren dem Pater Varela gewidmet habe. Sein Brief ist in\nmehrfacher Hinsicht interessant:\n„Lieber Freund! Ich habe Ihren Brief vom 16. d.\nerhalten und will sogleich daran gehen, mein\nzu metronomisiren, wie Sie es wünschen. In einem letzten\nSchreiben an mich beruft sich Herr Aulagnier auf die Ab-\nschrift in seinem Besitze und droht mir mit einem Pro-\ncesse; er behauptet, dass das Geschenk, welches ich von\ndem ehrwürdigen spanischen Pater erhalten, so gut wie ein\nKauf-Contract sei, der ihm abgetreten worden. Das macht\nmir viel Spass. Er droht auch, jenes in einem\nMonster-Concerte aufführen zu lassen. Sollte so etwas ins\nWerk gehen wollen, so gebe ich Ihnen hiermit ausdrück-\nliche und unbeschränkte Vollmacht, durch die Gerichte und\ndie Policei die Aufführung eines Werkes zu hindern, in\nwelchem nur sechs Nummern von meiner Composition sind.\n„Mit derselben Post erhallen Sie noch drei Stücke, die\nich in Partitur gesetzt habe; es fehlt nun nur noch der\nSchluss-Chor, den ich Ihnen in nächster Woche schicken\nwerde. Machen Sie aber nicht zu viel Aufhebens\nin den Zeitungen (Tächez\ndans les journaux)über den Werth meines denn\nwir müssen uns hüten, dass man uns beide nicht mit dem\nRücken ansieht*). Sie müssen übrigens wissen, dass\nich dem Herrn Aulagnier in meiner Antwort geschrieben\nhabe, dass ich nie einen Verkaufs-Contract mit dem spani-\nschen Pater abgeschlossen, sondern ihm das bloss\ngewidmet habe, und dass die meisten Nummern gar\nnicht von mir sind, und dass ich gesonnen bin, jeden Ver-\n\n*) Viel kräftiger im Original: „car il faut eviter que Von se /*....\nde vous et de moi.\""}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "130", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.2", "texte": "leger in Frankreich oder im Auslande, der Spitzbüberei\ntreiben wollte, bis in den Tod zu verfolgen.\n„Bologna, den 24. September 1841.\n„Giacomo Rossini.\"*)\nDer Componist schloss zu gleicher Zeit einen Contract\nab, durch welchen er das Slaba lür 0000 Francs\nan Troupenas & Comp, verkaufte.\nIndess wurde der andere Verleger klagbar, und der\nProcess kam in Gang.\nEs galt jetzt, die Composition zunächst in kleinen,\naber einflussreichen Kreisen hören zu lassen. Das geschah;\ndas Gerücht verbreitete die Nachricht von dem Vorhanden-\nsein einer kirchlichen Composition von Rossini, und der\nProcess, von dem die Zeitungen aller Gattungen wieder-\nhallten, trug nicht wenig dazu bei, die Erwartung zu\nspannen.\nDennoch vergingen wieder zwei Monate, ohne dass\neine Aufführung zu Stande kam, bis sich die Speculation\nder Sache bemächtigte. Die Gebrüder Escudier, Heraus-\ngeber der France Musicale und Musik-Verleger, kauften\ndem Herrn Troupenas das Recht der Aufführung des\nMater in Paris während dreier Monate für 8000 Frcs. ab.\nDie Directoren der komischen und der italiänischen\nOper wollten sich jedoch auf keine Genossenschaft Behufs\nder Aufführung einlassen und verweigerten ihre Häuser.\nEs blieb nichts Anderes übrig, als dem Impresario der Ita-\nliäner, Herrn Dormov, das Haus abzumiethen und sich zur\nAufwendung sämmtlicher Kosten, welche sich auf 8000\nFrcs. beliefen, zu entschliessen.\nVon den ausführenden Künstlern interessirte sich vor-\nzüglich Tamburini dafür; er brachte die Damen Giulia Grisi\ns\nund Albertazzi und den Tenor Mario dahin, dass sie mit\nihm die Soli übernahmen.\nZu den Proben wurde Niemand zugelassen, aber Chor\nund Orchester wurden durch dieselben für das Werk ein-\ngenommen, und ganz Paris sah der Aufführung wie einem\nEreignisse entgegen.\nAm 7. Januar 1842 fand sie Statt in der\ntadour, Nachmittags um 2 Uhr. Der Erfolg, bei gedrängt\nvollem Hause, war ausserordentlich; der Name Rossini's\nwurde mehrere Male gerufen, das das Quar-\ntett ohne Begleitung: Quando corpus morietur, und das\nPro peccatiswurden zweimal verlangt.\nDie italiänische Oper hatte bis dahin schlechte Ge-\nschäfte gemacht; das Stabat konnte die Direction retten.\nDormoy beschwor die Herren Escudier, iiiin ihr Auffüh-\nrungsrecht abzutreten, mochte auch wohl mit Entziehung\ndes Saales für die Folge drohen kurz, er zahlte 28,000\nFrcs., und der Handel war mit einem reinen Gewinne von\n12,000 Frcs. für die Gebrüder Escudier geschlossen.\nDas Werk wurde in der Saison vierzehnmal aufge-\nführt und brachte über 150,000 Frcs. ein.\nMittlerweile entschied sich auch der Process. Der Klä-\nger wurde mit seinen Ansprüchen abgewiesen und der\nVerleger Troupenas als einziger und rechtmässiger Besitzer\nder Partitur Rossini's anerkannt.\nDafür aber begann nun der noch lebhaftere Streit in\nden kritischen Blättern; die Angreifer Hessen keine gute\nNote an dem Werke, nannten den Stil opern-, ja, vaude-\nvillemässig die Vertheidiger fuhren über jene als dumpfe\nPuritaner, als Pedanten her, welche keine Ahnung von\ngöttlicher Melodie hätten et adhuc sub judice lis est.\nEs ist nicht unser Zweck, diesen Streit wieder aufzu-\nnehmen, auch ist das wenigstens für Deutschland\nkaum nöthig. Wir wollten nur an einem Beispiele zeigen,\nwie interessant zuweilen das Schicksal geistiger Producte\nist, und zugleich unsere Leser einen Blick in das musica-\nlisch-mercantile Getreibe auf dem grossen Markte zu Paris\nthun lassen. Rossini betrügt mit der grössten Gemüths-\nruhe den Abt Varela in Spanien durch unechte Waare und\nlässt sich die echte vorausgesetzt, dass sein Gewissen\nihn bewogen habe, jede Spur von Tadolini in seinem Werke\nwirklich zu vertilgen mit 6000 Frcs. bezahlen,\nwährend er mit Behagen eine Prise aus der Fünftausend-\nfrankendose des ehrwürdigen Paters nimmt, der glücklicher\nWeise unter der Zeit gestorben ist. Dessen Erben versil-\nbern die Waare wieder als echt, wodurch dieselbe zum\ndritten Male bezahlt wird; am Ende aber gewinnt Trou-\npenas, ausser dem späteren Ertrag aus dem Verlage des\nWerkes, für den Augenblick 2000, Escudier 12,000,\nDormoy 100,000 Frcs. und Aulagnier hat das Ver-\ngnügen, zuzusehen und die Handschrift eines unechten\nWerkes von Rossini durch eine namhafte Kaufsumme und\ntüchtige Zahlung von Gerichtskosten an sich gebracht zu\nhaben.\n\n*) Das Original in der France Musicale, Paris, 16 Avril 1854,\nNr. 16. v\n\nZur Frage über den katholischen Kirchengesang.\nUnsere Zeit hat bekanntlich die Frage ins Leben ge-\nrufen, ob die neuere Kirchenmusik mit ihrem dramatischen\nCharakter dem Gottesdienste der katholischen Kirche ange-\nmessen sei, oder nicht vielmehr eine Rückkehr zu dem"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "131", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.3", "texte": "einfachen Choralgesangc und der geistlichen Musik der alten\nItaliäner, Franzosen und Niederländer nothwendig und der\nBestimmung des musicalischen Elementes, als eines wesent-\nlichen Theiles des Cultus, einzig würdig sei. In Italien\nselbst scheint diese Frage bis jetzt die katholischen Gemein-\nden, und namentlich die Geistlichkeit, weniger zu bewegen,\nals dies im westlichen Deutschland und in Frankreich und\nBelgien der Fall ist; wir lesen im Gegentheil von kirch-\nlichen Compositionen lebender italiänischer Meister (z. B.\neinem Requiem von de Liguoro, welches zu Neapel und\nneuerdings in Paris aufgeführt worden ist und ein gewisses\nAufsehen erregt hat), welche ganz und gar der neueren\nSchule, namentlich auch in Bezug auf glänzende Instrumen-\ntirung, huldigen.\nIn Frankreich dagegen hat dieselbe Frage eine rege\nund durch die Einwirkung verschiedener hoher Prälaten\nbereits weit verbreitete und tiefer eingreifende Theilnahme\nerregt, und J. d'Ortigues, ein Musik-Gelehrter von Ruf,\nhat so eben ein Buch herausgegeben, welches die volle\nAufmerksamkeit eines jeden verdient, der diesen für die\nKirchenmusik so wichtigen Streit mit Ernst verfolgt. Es\nführt den Titel:\nDictionnaire liturgique,\nplain-chant et de musique d'eglise au moyen-äge\net dam les temps modernes.\nDer Grundgedanke und die Haupt-Tendenz dieses Wer-\nkes spricht sich in dem vorgedruckten Motto aus:\ntimini vos ad fontem Sancti Gregorii, quia manifeste cor-\nrupistis cantilenam ecclesiasticam.\"(Kehret zur Quelle des\nheiligen Gregorius zurück, dieweil ihr offenbar den kirch-\nlichen Gesang verdorben habt.)\nSeit mehr als zehn Jahren hat sich der Verfasser mit\nStudien und Nachforschungen, theils theoretischen, theils\nhistorischen und bibliographischen, über seinen Gegenstand\nbeschäftigt, eine Menge alter Messbücher und Liturgieen\nauf- und durchgestöbert, ältere, selten gewordene Werke\nüber gregorianischen Gesang u. s. w., namentlich franzö-\nsische, z. B. von dem gelehrten Benedictiner Jumillac, vom\nAbbe Lebeuf, von Gabriel Nivers u. A., nicht nur gelesen,\nsondern der Hauptsache nach ausgezogen und diese Aus-\nzüge seinem Buche einverleibt und das alles mit einer\nGeduld und Beharrlichkeit, wie man sie mit einer solchen\nEinsicht und Wissenschaft vereinigt nur sehr selten bei\nden Schriftstellern unserer Tage antrifft. Zu bedauern ist\nnur, dass derselbe die Arbeiten der Deutschen, z. B. Win-\nterfeld's, auf diesem Felde nicht gekannt zu haben scheint.\nHerr von Ortigues ist seinen eigenen Weg gegangen,\nund eben desshalb unterscheidet sich sein musicalisches\nLexikon ganz und gar von den bisher vorhandenen ähn-\nlichen Werken, welche den ganzen musicalischen Stoff en-\ncyklopädisch behandeln. Ortigues hat sich beschränkt, und\nentfernt sich eben dadurch gar sehr von dem modernen\nliterarischen Geiste seiner Landsleute, welcher in der Regel\nAlles umfassen und Alles popularisiren will. Was daher von\nallgemein musicalischen Artikeln in dem Werke vorkommt,\nist nicht von besonderer Bedeutung; von desto grösserer\nWichtigkeit aber die Bearbeitung aller in die Specialität\nder Kirchenmusik einschlagenden Rubriken.\nEs enthält nicht nur eine vollständige Theorie des\ngregorianischen Choralgesanges, sondern aller musicalischen\nSysteme des Mittelalters. Ferner nimmt die Auseinander-\nsetzung und historische Entstehung der liturgischen Ge-\nbräuche einen grossen Raum ein, und die Artikel: An-\nliennes, Chantre, Enfans de choe etc. beweisen,\nmit welchem Eifer uni welcher Ausdauer der Verfasser\ndie Kirchen-Archive der Kathedralen von Paris, Rouen,\nRheims, Orleans, Tours, Angers, Lyon u. s. w. durchforscht\nhat. Durch das ganze Werk zieht sich der Grundgedanke,\nden wesentlichen Unterschied ins Licht zu stellen, der zwi-\nschen der modernen Kirchenmusik und dem eigentlichen\ngeistlichen Gesänge existirt, und der Verfasser gehört zu\ndenjenigen, welche der neueren Musik geradezu die\nFähigkeit absprechen, das religiöse Gefühl in seiner ganzen\nErhabenheit auszudrücken. Er entwickelt seine Ansichten\ndarüber zwar überall, besonders aber in den Artikeln\nlosophie de la Musiqueund Tonwo er dieses Thema\nmit vieler Klarheit und Wärme behandelt.\nWenn wir selbst auch durchaus anderer Meinung sind,\nso erkennen wir doch gern die Arbeit des Herrn von Or-\ntigues als einen trefflichen Beitrag zur Geschichte des Kir-\nchengesanges in Frankreich an und als eine wichtige Samm-\nlung von Materialien und Ideen zur Aufklärung der ge-\ndachten Streitfrage, deren Entscheidung übrigens wohl nie-\nmals zu Stande kommen dürfte, da das religiöse Gefühl,\nund noch mehr die Anregung und Nahrung desselben durch\näussere sinnliche Eindrücke, stets Sache der Subjectivität\nbleiben wird, die sich weder durch hierarchische Maassregeln\nnoch durch philosophische Raisonnements ertödten lässt.\n\nAus Breslau.\n\nDen 15. April 1854.\nWenn lange bestehende, in fest begränzter Thätigkeit\nsich bewegende Institute kaum Stoff für die Besprechung"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "132", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.4", "texte": "interessanter Neuigkeiten darbieten, überhaupt aber natur-\ngemäss ganz ausserhalb aller Beachtung derer liegen, welche\ndie Werke älterer Meister zur abgelhanen Musik zählen\nund ihre Belebung für eine ganz nutzlose Beschäftigung\nhalten, so erklärt sich der Mangel jeder Erwähnung der\nhiesigen Sing-Akademie in den Berichten über die musica-\nlischen Bestrebungen unserer Stadt und Provinz von selbst.\nAuswärtigen Freunden und Gleiches erstrebenden Kunst-\ngenüssen bin ich jedoch ein Lebenszeichen des genannten\nInstituts schuldig, und stelle als solches beim Abschlüsse\ndes Winter-Semesters die im verflossenen Jahre von Ostern\n1853 bis daher veranstalteten Aufführungen des mich um-\ngebenden Kreises übersichtlich zusammen. Sie werden ohne\nalle weiteren Bemerkungen so dessen Absicht, als Thätigkeit\nbekunden.\nS\n1. Am 18. Juni 1853. Zum Stiftungsfeste der\nSing-Akademie:\na.Cantate von J. S. Bach: „Ach Gott, wie man-\nches Herzeleid\".\nb.Anthem von Händel: „Kommt her, lasst uns\nsingen unserm Gott\".\nc. Doppelchor von J. S. Bach: „Nun ist das Heil\nund die Kraft\" etc.\nHierzu das Programm mit einer Einleitung versehen.\n2. Am 21. October 1853. Trauerfeier der Sing-\nAkademie:\na. Yersette von J. Fr. Reichardt: Trauer um\ndie Trauernden.\nb. Cantate von J. S. Bach: „Liebster Gott, wann\nwerd' ich sterben\".\nc. Cantate von J. S. Bac h: „ Gottes Zeit ist die\nallerbeste Zeit\".\nD.Mozart, Requiem und\n3. Am 19.November 1853. In der Aula Leopoldina:\nPaulus, Oratorium von Mendelssohn-Bartholdy.\n4. Am 17.December 1853. Weihnachts-Feier\nim Musiksaale der Universität :\na.Choräle:\n*\n1) Wachet auf, ruft uns die Stimme. Ori-\nginal-rhythmisch, von Mich. Prätorius.\n2) Den die Hirten lobten sehre, von Mich.\nPrätorius. Der Mus. Sion. entnommen. In drei\nBearbeitungen: 1. 4 Soprane, Soli und Chor;\n2. 2 Soprane, Alt- und Tenor-Soli; 3. Chor und\nTenor-Solo.\nb.Der Messias von Händel. 1. Theil. (Nach der\nOriginal-Partitur mit Orgel.)\n5. Am 11. März 1854. (Wegen Hindernisse durch\nKrankheitsfälle musste diese für den 25. Februar festge-\nsetzte Aufführung bis zu dem genannten Tage verschoben\nwerden.) Im Musiksaale der Universität:\nErste Abtheilung:\na. Ouvertüre zu Idomeneo von Mozart.\nb. Sopran-Arie mit obligatem Pianoforte von Mo-\nzart (Non temer, amalo\nc. Phantasie von L. van Beethoven für das\nFortepiano, Orchester und Chor.\nZweite Abtheilung:\nII David de penitente von Mozart. (Das einlei-\ntende Programm besonders abgedruckt.)\n6. Am 1. April 1854. In der Aula Leopoldina:\nDie Jahreszeiten von J. Havdn.\n«i\n7. Am 14. April 1854. Charfreitags-Feier im\nMusiksaale der Universität:\nDer Tod Jesu von Graun.\nDer aus den Koryphäen der Sing-Akademie gebildete\nMusicalische Cirkel für Hausmusik hat in diesem Winter\nnur zwei Soireen veranstaltet:\n1. Am 24. Januar 1854.\nErste Abtheilung. Nachtlied von Mendelssohn -(vier-\nstimmig); Mondliedchen von Taubert (zweistimmig); Minne-\nlied von Mendelssohn (vierstimmig); Auftrag von Abt (ein-\nstimmig) ; Des Finken Gruss von Taubert (zweistimmig);\nGruss von Mendelssohn (vierstimmig); Das Wirthshaus [aus\nSchubert's Winterreise] (einstimmig); Duett aus Iphigenie\nin Tauris von Gluck (Orest und Pylades); Frühlingslied\nvon Mendelssohn (vierstimmig). (NB. Die Lieder von Men-\ndelssohn nach der Bearbeitung von J. Stern.)\nZweite Abtheilung, Die Heimkehr aus der Fremde.\nOper von Mendelssohn.\n2. Am 1 7. März 1854.\nErste Abtheilung. Andenken von Mendelssohn (vier-\nstimmig); Wiegenlied („Sonn' hat sich müd' gelaufen\")\nvon Taubert (einstimmig); Lob des Frühlings von Mendels-\nsohn (vierstimmig); Terzett zu von Mo-\nzart (Mandina amabile); Hirtenlied von Mendelssohn (vier-\nstimmig); Arie aus Die Entführung von Mozart („0 wie\nängstlich, o wie feurig); Die Waldvöglein von Mendelssohn\n(vierstimmig); Terzett von Beethoven\ntremate\").\nZweite Abtheilung. Aus Olympia von Spontini (Act 2,\nScene 1, 2 und 3); aus Iphigenie in Aulis von Gluck (Act\n2, Scene 1, 2, 3 bis inclusive „Du Gott der Ehe, hör\")."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "133", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.5", "texte": "Meine Gönner und Freunde können auf meine sich\ngleichbleibende Thätigkeit rechnen, so lange meine Kräfte\ndazu ausreichen.\nJoh. The od. Mosewius.\nNachschrift der Redaction.\nBravo! Facta loquuntur! Sie sagen: „Ihre\nFreunde\", hochverehrter Herr Doctor? Gut; erlauben Sie\nuns aber, den Kreis derselben weiter zu ziehen, als Ihre\nBescheidenheit es thut; denn alle Freunde der classischen\nMusik, alle Künstler und Kunstgönner, welche noch an\n„die alten Götter\" glauben, sind Ihre Freunde und rech-\nnen mit Zuversicht auf die fort und fort segensreich wir-\nkende Thätigkeit des trefflichen Erläuterers der Matthäus-\nPassion. Und seien Sie überzeugt, es gibt dieser Altgläubi-\ngen in deutschen Landen, Gott sei Dank! noch die Menge.\nLassen wir die breitmäuligen Gesellen in den literarischen\nSümpfen unserer Zeit sich nur ausquaken. Wohl dem, den\ndiese Propheten nicht verkündigen und den die Ignoranten\nignoriren!\n\nL. B.\n\nDorn's Nibelungen\n*)■\nErlauben Sie mir, verehrtester Herr Redacteur, einige\nfragmentarische Bemerkungen über Dorn's neueste Oper,\nwenngleich Ihr geschätzter Herr Correspondent von hier\nIhnen ohne Zweifel auch schon darüber berichtet haben wird.\nDen ganzen Inhalt der Nibelungen in ein Opern-Ge-\ndicht zusammen zu drängen, ist jedenfalls ein verfehlter\nGedanke. Selbst für eine Tragödieist der Stoff viel zu\nreich, geschweige denn für eine Oper, wesshalb denn auch\nbis jetzt keine einzige dramatische Bearbeitung desselben\nin unserer Literatur durchgedrungen ist. An Versuchen hat\nes nicht gefehlt: von F. Rudolf Hermann in drei Ab-\ntheilungen: Der Nibelungenhort Siegfried Chriem-\nhildens Rache, Leipzig, 1819; von Jo h. Wi 1 h. Müller:\nChriemhildens Rache, ebenfalls in drei Theilen, Heidelberg,\n1822; Die Nibelungen von Raupach (1829), und\nganz neuerlich von Reinold Reimer: Chriemhildens\nRache, Trauerspiel in Jamben, Hamburg, 1854.\nDie meisten Bearbeiter haben richtig eingesehen, dass\ndas tragische Element, welches für die Bühne passt, eigent-\nlich nur im zweiten Theile des Heldengedichtes liegt, in\ndem Untergange der Burgunder. Ein Drama, welches den\nganzen Inhalt geben will, zerfällt durch Siegfried's Ermor-\ndung nothwendig wenigstens in zwei Hälften und spaltet\noffenbar die Theilnahme des Zuschauers, oder lässt es viel-\nmehr zu gar keiner rechten Theilnahme für einen oder zwei\nHaupt-Charaktere, wie sie die Tragödie verlangt, kommen.\nAn diesem Radicalfehler leidet denn auch das Gedicht von\nGerber zu Dorn's \\Musik, und Held Siegfried erscheint\ndarin gar zu philistermässig; abgesehen davon, ist es mit\nGeschick gemacht und bietet musicalische Situationen dar,\nvielleicht hier und da einige, denen man zu deutlich an-\nsieht, dass sie auf Musikstücke bestimmter Form berech-\nnet sind.\nOb Richard Wagner der Mann dazu sein wird,\nden ungeheuren Stoff dramatisch zu bewältigen, müssen\nwir abwarten. Ich zweifle daran. Denn ein Nibelungen-\nDrama fordert Handlung, und diese zu schaffen, scheint\nnach den Proben im Tannhäuser und Lohengrin eben nicht\nseine Sache zu sein. Seine Trilogie, „Der Ring der Nibe-\nlungen\", soll dem Vernehmen nach ein Vorspiel, „Das\nRheingold\", und drei musicalische Dramen: 1) Die Wal-\nküre, 2) Der junge Siegfried, 3) Siegfried's Tod, enthalten.\nChriemhildens Rache wird dann wahrscheinlich noch ein-\nmal drei Opern liefern, so dass die vollständige Aufführung\neine Woche, eine Wagner-Woche, erfordert, wozu ich\ndem Publicum der Zukunft viel Glück und viel Geduld\nwünsche.\nDoch zur Musik. Dorn hat ihr vor Allem den deut-\nschen Charakter zu bewahren gewusst, und zwar in einer\nEinheit, welche von dem Eklekticismus Meyerbeer's vor-\ntheilhaft absticht und vielleicht nur in mehreren Stellen der\nPartie des Hagen von Tronegg an die Manier dieses Com-\nponisten erinnert. Wenn ich aber von deutschem Charakter\nder Musik spreche, so schliesst dieses auch eine gewisse\nSeite dieses Charakters nicht aus, die so genannte gemüth-\nliche, vielleicht richtiger gesagt: philisterhafte, von welcher\nWeber und auch Marschner sich fern halten, die aber\ndurch das deutsche Gesangtreiben in den letzten Jahrzehen-\nden mehr hervorgetreten ist, als es die höhere Tonkunst\nvertragen kann. Wenn man nun auch nicht sagen kann,\ndass Dorn's Musik in den grossen Scenen und den Ge-\nsammtstücken überall die Adlerschwingen entfalte, welche\nder Stoff verlangt, um sich auf die Höhe des altdeutschen\nHeldengedichtes zu heben, und dass die lyrischen Stellen,\n\n*) Wegen der Theilnahme, welche ein bedeutendes Opernwerk\neines deutschen Componisten überall erregen muss, und des\nbesonderen Interesses, welches am Rheine, wo Dorn's Wirk-\nsamkeit in gutem Andenken ist, für ihn herrscht, nehmen wir\nmit Vergnügen auch noch den obigen Bericht auf, der nicht\nvon unserem gewöhnlichen Herrn Correspondenten herrührt.\nDie Redaction."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "134", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.6", "texte": "obwohl bei sehr ansprechenden Meiodieen, überall den zar-\nten Duft musicalischer Poesie athmeten, so entwickelt die\nMusik dennoch eine im Ganzen grossartige Auffassung des\nGegenstandes und führt diese mit Selbstständigkeit durch, so\ndass mit Recht von einem würdigen Stil, in welchem das\nGanze gehalten ist, die Rede sein kann. Diese Auffassung\nwird aber nicht auf Kosten der musicalischen Form durch-\ngeführt, und wenngleich der Natur des Stoffes und der ge-\nwaltigen Fülle von Handlung gemäss keine Gelegenheit da\nwar, sich in rein musicalischen Gedanken des Breiten zu\nergehen, so zeigt trotzdem die technische Behandlung eine\nso sichere Handhabung der Form, eine so fliessende Schreib-\nart in melodischer Hinsicht, eine so zweckmässige und oft\ninteressante Instrumentirung, ohne barock zu werden, und\ndurch alles dieses eine künstlerische Abrundung, welche\nnicht anders als wohlthuend und befriedigend auf den Zu-\nhörer wirken kann.\nUm so mehr aber fällt es auf, wenn ein so gewandtes\nTalent, wie Dorn es hier wiederum bewährt hat, sich in\nharmonischer Hinsicht öfter auf die Abwege der schreien-\nden Dissonanzen und grausenerregenden Vorhalte verirrt.\nSo etwas gibt einem ein Gefühl, als wenn auf ebenem\nWege das Hinterrad des Wagens an einen Prellstein stösst\nund alle Passagiere in die Höhe fliegen. Das Schlimmste\ndabei für den Componisten ist das, dass jeder Laie augen-\nblicklich fühlt, dass solche Absonderlichkeiten nicht aus dem\nQuell der Erfindung strömen, sondern mit Absichtlichkeit\nhervorgesucht sind. Dies und dann im Orchester das zu-\nweilen allzu dreiste Blech sind, wie es scheint, Folgen der\nAnsteckung der neuesten Kunstschule, deren Spuren wir\nin dem rühmenswerthen Werke lieber weg wünschten.\nEin grosser Vorzug ist die Steigerung; denn wenn\nauch der dritte Act gegen den zweiten etwas abfällt, so\nerheben sich doch der vierte und fünfte wieder zu hoher\nund erschütternder Wirkung. Dabei wird uns nicht zuge-\nmuthet, wie bei manchen anderen berühmten Opern, die\nersten drei Acte geduldig, in Hoffnung auf den vierten, hin-\nzunehmen, sondern gleich der erste hat eine schöne Einlei-\ntung und ein ausdrucksvolles Finale, welche beide einige\nweniger gelungene Nummern glänzend einrahmen, und der\nzweite Act ist vortrefflich und besonders in seiner ganzen\nzweiten Hälfte schwungvoll und originel. Lobenswerth ist\nauch die Schreibart für den Gesang, in welcher Beziehung\nsich die Nibelungen sehr vortheilhaft vor den Wagner'schen\nOpern auszeichnen. Nur an die Sängerin der Chriemhild\nsind etwas übermässige Forderungen gestellt; vielleicht\nmochte das aber auch nur so scheinen, indem bei aller\nVortrefflichkeit der Ausführung durch Frau Herrenburger-\nV #\nTuczek diese Partie doch ihre physische Kraft übersteigt.\nJohanna Wagner als Brunhild war gross und be-\nwundarnswerth.\nDie Ausstattung war höchst würdig und glänzend\neinige neue Decorationen, z. B. Island, der Rosengarten bei\nWorms, der Odenwald, waren von sehr malerischer Wir-\nkung. Die Oper ist viermal bei vollbesetztem Hause gege-\nben worden und hat bei dem Publicum einen entschiede-\nnen Erfolg gehabt. Sicher wird sie nach der Rückkehr der\nWagner von ihrer Urlaubsreise wieder auf die Bühne\nkommen.\n***.\n\nLondoner Briefe.\n\nDen 25. A pri 1 1854.\nHerrSeager-Oswaldhat imDrurylane-Thea-\nter ein grosses Unternehmen ins Leben gerufen, welches\nmit der Oper des Herrn Gye in Coventgarden wetteifern\nwird. Er hat nämlich eine italiänische und eine deutsche\nGesellschaft cngagirt und wird abwechselnd deutsche und\nitaliänische Opern geben. Um das Personal der deutschen,\nbesonders in Betreff des Chors, welchen er bis auf 84 Mit-\n✓\nGlieder bringen will, zu vervollständigen, reis't er jetzt in\nDeutschland. Auch hat er mehrere Berühmtheiten der\ndeutschen Opernbühne, z. B. Frau Köster in Berlin, für\nsein Unternehmen gewonnen, bei welchem auch Karl For-\nmes sich wiederum betheiligt hat, was unserem Theater-\nPublicum eine um so erfreulichere Nachricht war, als das\nGerücht ging, Formes werde in dieser Saison bloss in Ora-\ntorien und Concerten singen.\nEinstweilen hat Drurylane bereits mit der italiänischen\nOper eröffnet. Norma und Lucrezia sind mit grossem\nBeifall gegeben worden; namentlich hatte die letztgenannte\nOper das Haus ganz und gar gefüllt. Signora Caradori\nhat sich in beiden Rollen als treffliche Prima Donna bewährt;\nsie sang besonders die Lucrezia von Anfang bis zu Ende\nsehr gut, an einzelnen Stellen, z. B. in dem Duett, wo sie\nGennaro das Gegengift gibt, und in der Schlussscene, be-\nwundernswerth und mit tragischer Kraft. Als Orsini trat\neine Demoiselle Vestvalie auf, welche, ehe sie noch den\nMund öffnete, einen sehr guten Eindruck auf das Publicum\nmachte. Sie ist von Geburt eine Polin (wenn nicht vielleicht\neine Westfalin?), war in Italien Schülerin von Mercadante,\nsang zu Neapel und Florenz in Concerten und betrat im\nvorigen Jahre zum ersten Male die Bühne auf der Scala in\nMailand. Jung und schön und im Besitz einer, wenn auch"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "135", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.7", "texte": "nicht sehr voll und kräftig tönenden, doch sehr angeneh-\nmen und lieblichen Altstimme, wird sie sicher ihren Weg\nmachen, dessen Beginn ihre Gönner schon gestern mit Blu-\nmen bestreuten.\nAls Alfonso trat ein einheimischer Bariton, Herr Ha-\nmilton Braham, ein Sohn des berühmten englischen Te-\nnoristen Braham, für welchen Weber die grosse, in den\nOberon eingelegte kriegerische Arie schrieb, zum ersten\nMale auf und wurde wohlwollend aufgenommen. Am we-\nnigsten genügte der Tenor Pavesi als Gennaro, doch that\ner sein Bestes. Die ganze Vorstellung hatte einen ausser-\nordentlichen Erfolg, die Caradori und das sämmtliche Per-\nsonal wurden am Schlüsse gerufen. Form es tritt am Don-\nnerstag den 27. d. Mts. im Freischütz auf. Als Musik-\nDirectoren sind die Herren Lindpaintner und An-\nschütz bei der Unternehmung beschäftigt.\n\nC. A.\n\nEin Hofconcert in Konstantinopel.\nDa man sich in politischer Hinsicht jetzt so viel mit dieser\nStadt, deren Beherrschern und Bewohnern beschäftigt, so dürften\neinige musicalische Nachrichten daraus nicht unwillkommen sein.\nEs war im Juni 1848, als Vieuxtemps Konstantinopel besuchte\nund eines Tages mit der Einladung überrascht wurde, beim Sultan\nden nächsten Morgen um 10 Uhr zu spielen. —■ Um 8 Uhr früh\nfanden sich schon zwei Khavasse zur Begleitung ein, welche Herrn\nund Frau Vieuxtemps von Bujukdere abholten, um sie übers Meer\nnach Tshesme, in den Palast Rifaat Pascha's zu führen, dem als\nMinister der auswärtigen Angelegenheiten die Einführung der\nFremden beim Sultan oblag. Dort empfing sie Rifaat Pascha mit\nder Nachricht, dass durch die Ankunft eines Couriers das Concert\num einige Stunden verzögert würde. Vieuxtemps wohnte nun dem\nConseil des Ministers bei, der keine Indiscretion seinerseits zu be-\nfürchten hatte, da die Staatsgeschäfte auf Türkisch verhandelt wurden;\naber mit 20 Sheriffen und eben so viel Tassen Kaffee musste er\nnähere Bekanntschaft machen. Frau Vieuxtemps wurde unterdessen\nin den Harem geführt, wo sich Frau, Schwestern, Mutter und\nSclavinnen des Pascha's in höchster Neugier versammelt hatten; die\nhübsche, aber geschmacklos und unbequem angezogene Gemahlin\nversicherte derselben, nur zwei Europäerinnen in ihrem Leben (sie\nwar zwölf Jahre alt) gesehen zu haben, welche beide Gesandtinnen\nwaren. Alle wollten erfahren, wie es denn in der übrigen Welt\naussehe, und meinten, es wäre doch ein Scandal, dass dort so viele\nFrauen ohne Schleier herumgingen. Ihre Neugierde verschonte kein\nKleidungsstück der Fremden, während sie dafür ihre Schätze,\nschwerfällige silberne Ketten und wiener Shawls zeigten, welche\nfür viel moderner als türkische galten. Endlich nahm man Abschied,\nund Rifaat Pascha liess den Künstlern ein Diner serviren, wobei\nFische, Reiss und Bocks-Coteletten die Hauptrolle spieiien, deren\nZubereitung jedoch dem europäischen Geschmack sehr wenig zu-\nsagte. Hierauf wurde ein reichverziertes Boot bemannt, welches die\nganze Gesellschaft über den Bosporus nach dem neuen Palaste\nTshiraghan brachte. Allein der Sultan hatte in Folge der Depe-\nschen seinen Ministerrath zur Conferenz zusammenberufen, und\nabermals sollten Pfeifen, Kaffee und Bocks-Cotelctte den Reisenden\ndie Zeit verkürzen. Als diese (durch Erfahrung gewitzigt) höflichst\ndankten, befahl der Sultan, selbe im Serail herumzuführen und be-\nsonders den Flügel des Palastes zu zeigen, in welchem unter Do-\nnizetti's Leitung das Conservatoire sich befand. Daselbst waren\netwa scchszig türkische Knaben und Jünglinge mit ihren Professo-\nren, meist Italiänern und Griechen; sie werden daselbst anfallen\nInstrumenten und in dem Gesänge unterwiesen. Sie legten Beweise\nihrer Kenntniss auf der Violine und dem Cello ab und sangen\neinen Act aus der Sonnambula mit italienischem Texte, wobei be-\nsonders ein kleines, untersetztes Türklein, etwa 14 Jahre alt, als\nAmina sich durch den näselnden Vortrag der Schluss-Arie: Deh\nm'abbraccia, hervorthat. Besondere Sorgfalt ist auf die Blechmusik\nverwandt, für welche der Sultan zuweilen selbst einen Marsch com-\nponirt, welchen Donizctti (der Bruder des berühmten Componisten)\nsodann instrumentirt und aufführen lässt. Vieuxtemps hatte die\nNoten zu einem Marsche mitgebracht, welchen er Nachts zuvor\ncomponirt hatte und dem Sultan widmen wollte; der Dirigent legte\nsie auf, und er wurde fehlerfrei vom Blatte gespielt. Endlich\nwar die Confcrenz aus, und man führte die Künstler durch endlose\nGänge und Säle, welche die reizendsten Aussichtspunkte auf das\nvom Monde erhellte Scutari gegenüber boten (es war inzwischen\nNacht geworden), in den hell erleuchteten Thronsaal, wo der Kai-\nser mit etwa zwanzig Grosswürdenträgern um das Ciavier (ein\nwiener Mügel) standen. Abdul Medschid ist ein schöner junger\nMann mit sprechenden grossen, schwarzen Augen und etwas fati-\nguirten Zügen; besonders freundlich und herablassend entschuldigte\ner sich in gebrochenem Französisch, so lange auf sich haben war-\nten zu lassen. Eine Fanlaisie capriceliess ihn sehr kalt; beim\nmolo von Beriot stand er aber entzückt auf. um seinen Beifall zu\nbezeugen, der durch ein Duo über Sonnambula noch gesteigert\nwurde. Für das Cantabile nach unserer Weise hat der Türke kei-\nnen Sinn; nur Schnelligkeit und Lärm wirken auf seine musicali-\nschen Nerven. Nach Vortrag der drei Stücke machte der Sultan\nviel Artigkeits-Bezeugungen, und der Dolmetscher musste auf sei-\nnen Befehl die Anrede eines anwesenden Mufti's, der wahrschein-\nlich eine Art Hofpoet war, übersetzen. Sie lautete: „0 Fremdling!\nIn unseren heiligen Büchern spricht man mit Verehrung von\n„„Tarakurisch\"\"; er lebte vor 3000 Jahren und war der grösste\nMeister auf der Violine. Ich sehe aber jetzt, dass er höchstens\nDein Schüler gewesen sein kann!\" Mit diesem orientalischen\nComplimente war das Concert geschlossen, und da es Mitternacht\nwar, also zu spät, um nach Bujukdere zurückzurudern, so ging die\nGesellschaft nach Pera in ein Hotel, wo sie müde und sehr hun-\ngerig anlangte.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nKöSh. (Schluss. S. Nr. 16.) Neben dieser natürlichen Bega-\nbung hat Ander aber auch durch die künstlerische Ausbildung\nseiner Stimme eine Höhe als Sänger erreicht, auf welcher ihm un-\nter allen lebenden Künstlern nur Roger an die Seite zu stellen\nsein dürfte; ja, in Einem wesentlichen Punkte stellen wir ihn un-\nbedingt über den französischen Sänger, nämlich darin, dass er das\nMaass des Schönen nie überschreitet. Den dramatischen Ausdruck\nim Grellen, im Extremen zu suchen, davon ist Ander weit ent-\nfernt; er erreicht ihn vollkommen durch die sympathische Fär-\nbung seines Tones, durch die Steigerung der Klangfülle bis zu er-\nschütternden Schwingungen, durch den Schmelz des Tones in den\nweichen Stimmungen und durch ein vortreffliches Spiel. Was er\nnamentlich im vierten Acte der Martha als Lyoncl und im zweiten\nder Lucia als Edgardo leistete, trug in Gesang und Spiel den\nStempel der hinreissenden Wahrheit der Leidenschaft, und der\nletzte Act der Lucia, wie auch die Schlussscene in Stradella zeig-\nten hinwiederum das Vollendete in der Auffassung und dem Wie-\ndergeben des lyrischen Geistes der italiänischen Musik. Durch die"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "136", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540429-01.1.8", "texte": "richtige Zeichnung, durch die hohe Feinheit des geistigen Verständ-\nnisses entschädigt er vollkommen für einen geringeren Grad von\nNaturkraft, welche bei anderen Tenoristen, deren Stimme mehr\neine Bariton-Farbe hat, grösser sein mag. Die Aufgabe, das innere\nLeben, das der Dichter und Componist in ihr Werk gelegt haben,\nzur Erscheinung zu bringen, lös't Ander auf eine Weise, wie es\nnur eine geniale Natur vermag. Bei ihm zeigt jeder Ton, jede Be-\nwegung und jede Buhe den wahren Künstler-Adel.\nIn der Lucia stand ihm Beck als Asthon auf das würdigste\nzur Seite. Nach Karl Formes haben wir keinen Sänger gehört,\ndessen Stimme so voll wie tönendes Erz durch die Räume hallte,\nwie Bcck's überaus kräftiger und dabei auch in der Weichheit so\nklangvoller Bariton. In dem Sextett war es vor Allem diese herr-\nliche Stimme, welche dem Ganzen die wahre Resonanz gab. Ausser-\ndem haben wir ihn, seitdem wir in Nr. 15 über seinen Don Juan,\nund Orovist berichtet, noch als Beiisar, als Alfonso in der Lucre-\nzia und als Jäger im Nachtlager von Granada gesehen, und stim-\nmen vollkommen in den Beifall des Publicums ein, der ihn jedes-\nmal durch mehrfachen Hervorruf und stürmisch verlangten Trom-\npetentusch ehrte. Im Nachtlager zeigte Beck namentlich, wie weit\ner es bereits in der Kunst gebracht hat, sein gewaltiges Material\nzu beherrschen und dem zarten Ausdruck fügsam zu machen.\nFräulein Köhler vom Hoftheater zu Wiesbaden hat sich\nin mehreren Rollen (Martha, Lucia, Lucrezia u. s. w.) als eine für\nTheater zweiten Ranges sehr brauchbare, correcte Sängerin von\nguter Schule und vieler Bühnen-Uebung bewährt.\nZu der Nachricht aus Paris (in der vorigen Nummer) über den\nTod des Grafen de Sayve ist nachzutragen, dass dieser rühmlich\nbekannte Kunstgönner und Componist im Jahre 1847 allerdings\nhier in Köln war bei dem Musikfeste, welches sein vertrauter\nFreund Onslowr zum Theil dirigirtc. Damals wurde auch eine\nSinfonie von de Sayve in D-moll in der hiesigen musicalischen\nGesellschaft mit Beifall aufgeführt.\nl)e Sayve wrar 1791 geboren und starb am 8. April dieses\nJahres in Paris. Beurtheilungen seiner Quartette und Quintette für\nStreich-Instrumente (er selbst spielte gut Violoncell) findet man in\nder Revue Musicale von 1831 vom 5. März, welche Fetis damals\nin Paris herausgab; ferner in der Nummer vom 21. April 1832\neine anerkennende Analyse seiner ersten Sinfonie in C-moll.\nBraianscliweig-, 24. April. Das geistliche Concert, welches\ndie S ing- Akademie unter Abt's Leitung alljährlich am Char-\nfreitage veranstaltet, brachte Haydn's „Tenebrae factae sunt\", „Des\nStaubes eitle Sorgen\", so wie Beethoven's herrliche C-Jm-Messe\nin sehr gelungener Ausführung. Eine interessante Zugabe ward uns\ndurch die berühmte Kirchen-Arie von Stradella, welche Frau So-\nphie Förster, erst vor Kurzem in die Oeffentlichkeit getretene\nConcertsängerin aus Berlin, in vollendeter Weise vortrug. Wir lern-\nten in Frau Förster eine Sängerin ersten Ranges kennen; Stimme\nund Methode sind gleich vortrefflich, vorzüglich schön ihr Triller.\nDem Vernehmen nach ist derselben die erste Sopran-Solo-Partie\nbei dem bevorstehenden Rheinischen Musikfeste in Aachen durch\nLindpaintncr übertragen. Gegenwärtig gastirt hier Fräul. Jenny\nNey mit ausserordentlichem Erfolge; ihre Donna Anna und\nLucrezia Borgia, namentlich aber Julia in der Vestalin, wa-\nren meisterhafte Kunstleistungen. Am Abende ihrer Ankunft sangen\nihr die ersten Mitglieder des Theaters in Quartetten Willkommen,\nund vor ihrer Abreise am 23. d. Mts. nach Frankfurt brachte ihr\ndie Liedertafel eine Abendmusik. Einer unserer Kunst-Ve-\n/\nteranen, der seit längerer Zeit pensionirte Hof-Capellmeister Wie-\ndebein, ist in diesen Tagen gestorben.\nI®rag> 19. April. Man kann sich kaum eine Vorstellung von\nder Menge von Conccrten machen, die sich gegen Ende dieses\nWinters auch hier gerade so wie in den grossen Residenzen ge-\nhäuft haben; wir haben Fälle gehabt, wo wir deren fünf bis sechs\nan Einem Tage erlebten! Wenn Sie aber daraus schliessen wollten?\nDass der wahre Sinn für Musik in einer erfreulichen Entwicklung\nwäre, so würden Sie sehr irren; im Gegentheil, je grösser die Theil-\nnähme der Masse, je mehr Rückschritt im Geschmack, und wenn\nes so fortgeht, so wird das Publicum bald sich nur durch WTalzer\nund Polkas mit türkischer Musik anziehen lassen. Das verführt\ndann, leider Gottes! auch so manche Künstler, die einmal auf das\nPublicum angewiesen sind, zu traurigen Zugeständnissen, wrelche\nsie dieser Richtung machen. Bei solchen Verhältnissen war es dop-\npelt erfreulich, in dem Conccrte, welches Herr Adolf Köckert\nnach seiner Rückkehr von Amsterdam am 7. d. Mts. hier gab, so-\nwohl einen Künstler zu hören, welcher mit Muth und Beharrlich-\nkeit der edleren Richtung huldigt, als ein zahlreiches Publicum zu\nfinden, welches diese Gesinnung und die trefflichen Leistungen des\nKünstlers durch lauten Beifall zu belohnen wusste. Herr Köckert,\nden wir nach einer Abwesenheit von drei Jahren zum ersten Male\nwieder öffentlich hörten, ist ein Virtuose bedeutenden Ranges ge-\nworden; seine glänzende Technik wird durch jugendliches Feuer\nder Auffassung und Vortragsweise gehoben, und dieses dagegen\ndurch Solidität der Methode und Geschmack in die Gränzen künst-\nlerischer Mässigung gedämmt. Wer die Schwierigkeiten zu ermes-\nsen vermag, welche die vollkommene Bewältigung eines grossen\nMolique'sehen Concertcs dem Virtuosen bietet, wird Herrn\nKöckerns Verdienst nicht gering anschlagen, der in der gedie-\ngenen Durchführung dieses anstrengenden Werkes wreder an\nFülle und Sicherheit des Tones, noch an Geläufigkeit der Technik\neinen Abgang eintreten liess und neben der glänzenden Virtuosität\nauch Zartheit des Tones und Grazie des Bogens (besonders in den\nEchostcllen) entwickelte. Ausserdem spielte der Concertgebcr\nPrume's „Melancholie\" und eine Lucia-Phantasie eigener\nComposition mit ungemein schwierigen Variationen, und fand nach\nallen diesen Piecen die lebhafteste Anerkennung.\nDer Opern-Componist Halevy beschäftigt sich jetzt viel mit\nSchriftstellern. Kürzlich sind mehrere Aufsätze von ihm in musi-\ncalischen Zeitschriften und in der Revue de Paris gedruckt worden,\nferner eine Einleitung oder Vorrede zu dem Dictionnaire de Mu-\nsique der Gebrüder Escudier; und neuerdings erscheint im Moniteur\neine Novelle, Le Baron de Stora, aus seiner Feder. Sein Stil ist\nsehr gebildet und rund, dabei durchaus nicht schwülstig und\naffectirt."}]}