{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-05-20-01", "volume": "bmtnabi_1854-05-20_01", "ocr_sha256": "1cbef74fada6604378c4c6fb5bf98fc33dee55204681e13902818597602b61fe", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/05/20_01/bmtnabi_1854-05-20_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-20-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-20_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-05-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "153", "page_fin": "155", "image_debut": 1, "image_fin": 3, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.2.1", "titre_corps": "Die Geigerin von Florenz.", "titre_sommaire": "Die Geigerin von Florenz.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3909, "texte": "Die Geigerin von Florenz.\nNovellette.\n1.\nIn einer abgelegenen Vorstadt des schönen Florenz\nstand ein Häuschen, klein und unscheinbar, wie es von de-\nnen bewohnt wird, die in Begleitung der täglichen Sorge\nihre irdische Laufbahn wandern, denen das Leben nichts\ngebracht hat und nichts bringt, sondern die ihm Alles ab-\ngewinnen, oft mühselig abzwingen müssen. In der Nach-\nbarschaft dieses Häuschens standen viele andere derselben\nArt, denn: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.\"\nIn allen Städten findet man dieselbe Erscheinung. Hier\ngrosse Plätze, breite Strassen mit Palästen, in den entfern-\nteren Gegenden der Stadt schmale Gassen mit kleinen\nHütten. Wozu sollten diese Gassen auch breiter sein? Die\nBewohner jener Paläste fahren in geräumigen Carrossen,\nund dazu brauchen sie Platz; die Bewohner jener Hütten\ngehen zu Fuss und drängen sich leicht auf engem Räume\nan einander vorüber.\nJenes Häuschen in Florenz stand also in einem Stadt-\ntheile, wo das Geräusch der Wagen niemals die Ruhe störte,\nwo das Getöse des frisch bewegten grossen Lebens nicht\nhindrang. Und doch war jene Gegend nicht ohne den der\nNatur das schönste Leben gebenden Ton, ja, sie war an\nTöne gewohnt, schöner, als die rasselnden Wagen sie dem\nharten Strassenpdaster abzugewinnen vermögen. Und diese\nTöne hatten ihren Ursprung in dem anfangs erwähnten\nHäuschen. Allabendlich erscholl in ihm ein Geigenspiel, wie\nman es nicht häufig hörte. Bald sprach sich in getragenen,\nschmelzenden Tönen alle die sehnsüchtige, wehmüthige\nEmpfindung aus, welcher der Mensch hat sie gleich einen\nAnflug des Schmerzes so gern nachhängt, bald riefen\ndie raschen, sprudelnden Läufe und Melodieen zur Lust,\nzur Heiterkeit. Bald war es eine Geige, die man hörte, bald\nwaren es zwei, die ihre lieblichen Töne kunstvoll in einan-\nder verschlangen. Das Häuschen war ein Anziehungs-Punkt\nfür die ganze Nachbarschaft geworden. Allabendlich ver-\nsammelten sich die Leute, die des Tages Last und Hitze\ngetragen hatten, vor der Thür desselben, und in den man-\nnigfaltigsten Gruppen lauschten sie den lieblichen Tönen.\nVielleicht wurden diese tiefer empfunden, als jetzt manche\nBravour-Musik im Concertsaale.\nDoch schon seit geraumer Zeit hatte dieses aufgehört;\ndenn seit mehreren Tagen schwiegen die anlockenden Töne.\nDie Nachbarn wussten recht wohl, warum sie schwiegen;\nwollen wir es auch erfahren, treten wir ein in das\nHäuschen.\nEs ist ein Frühlings-Abend des Jahres 1575. Die\nSonne sinkt, und bald wird sie lür die Bewohner dieser\nGegend ihren Tageslauf beschlossen haben. Ein schmaler\nGang führt durch das Häuschen nach einer Hinterthüre, die\nsich auf ein kleines Gärtchen öffnet.\nEs ist etwas Eigenes um so ein Gärtchen hinter einer\nHütte der Armuth. Mit wenigen Schritten ist sein Raum\nnach allen Seiten hin ausgemessen. Aber der enge Raum\nist gut benutzt. Hier auf einem kleinen Beete Gemüse lür\ndie Rüche, dort einige Sträucher mit Beeren, ein Obstbaum\nzwei hätten nicht Platz überschattet das Ganze.\nAuf einem schmalen Streifchen stehen noch einige Blumen,\nder Luxus, den sich auch die Armuth gestattet, und der\neinzige, der ihr zugänglich ist. Ein Plätzchen zum Sitzen\nfehlt nicht, und einige Stangen mit Rankengewächsen bil-\nden eine kunstlose Laube. Die französische und die englische\nGartenkunst streiten sich nicht um den Vorrang in solch\neinem Gärtchen, keine Fremden reisen meilenweit, um es\nzu sehen, aber das selbstgezogene Gemüse mundet den Be-\nwohnern trefflicher, als Anderen theuer bezahlte Gerichte,\nder Geruch und die Farbe ihrer einfachen Blumen erfreut\nsie mehr, als Andere die Pracht tropischer Fremdlinge, und\nsehnsüchtige Kinder-Augen beobachten alltäglich das fort-\nschreitende Reifen der Beeren an den Sträüchern, der\nFrüchte auf dem Baume. So bietet auch ein solches Gärt-\nchen Genuss, wenngleich einen bescheidenen.\nAber in dem Gärtchen, in das wir treten, gibt es keine\nKinder-Augen, keine Freude an Blumen und selbstgezoge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4944, "texte": "ner Frucht. Auf einer Bank, den Kopf an einen Zaun ge-\nstützt, sitzt ein junger Mann, zu seinen Füssen auf einem\nSchemel ein junges Weib, das die Hände in ihrem Schoosse\ngefaltet hat und ihm bekümmert in das Auge schaut.\nDer junge Mann ist bleich, entsetzlich bleich; seine\nWangen sind eingefallen, sein schwarzes Haar hängt etwas\nwirr über die blassen Schläfe, er sieht matt aus, recht matt.\nNur sein Auge ist das nicht. In ihm glänzt ein dunkles\nFeuer, zwar unheimlich, fast halb erloschen, aber es ist\ndoch noch Feuer. Dieses Auge muss in schönem Glänze\naufleuchten können, wenn Begeisterung, wenn Liebe den\nMann erfüllt, es muss verzehrende Blitze schleudern kön-\nnen, wenn es vom Zorne belebt wird.\nDas junge Weib ist schön, bildschön. Sie hat etwas\nJungfräuliches, fast Kindliches in ihrem Wesen, und wer\nden Blick voll zärtlicher Besorgniss nicht gesehen hat, mit\ndem sie an dem jungen Manne hing, möchte darauf schwö-\nren, dass noch nie das süsse Geheimniss der Liebe sich in\nihrem Busen geregt.\nMit weicher Stimme sprach sie jetzt: „sei heiter, Gio-\nvanni! Wenn du dich dem Trübsinn hingibst, ohne ihm\nWiderstand zu leisten, wird deine Krankheit immer schlim-\nmer. Die trübe Stimmung wirkt auf den Körper zurück,\nsagt der Arzt. \"\nGiovanni fuhr mit der Hand über die Stirn und ent-\ngegnete düster: „Der Trübsinn besiegt mich, ich vermag\nschon längst nicht mehr, ihm Widerstand zu leisten. Und\nkann es anders sein? Da sitze ich, kraftlos, gebrochen in\nder Blüthe meiner Jahre, ohne Hoffnung für die Zukunft,\nund zu meinen Füssen sehe ich den reinsten Engel, den je\ndie Erde trug, und den ich frevelnd leichtsinnig in mein\nerbärmliches Leben hineingezogen habe.\"\n„Giovanni,\" sagte die Frau mit rührender Bitte, „nicht\ndiese entsetzlichen Worte, du zerreissest mir das Herz!\"\n„Entsetzlich ist es, was ich sage,\" erwiderte er, „aber\nwahr, nur zu wahr! Lebtest du nicht glücklich in dem\nHause deiner Eltern, ein harmlos fröhliches Mädchen, unbe-\nrührt von dem Schmutz des Lebens, ohne Ahnung davon,\nwas Schmerz heisst? Warum musste ich dich lieben?\"\nEinen Augenblick schwieg der Redende, dann fuhr er hef-\ntiger fort, indem ein glühender Blick die Knieende traf:\n»Doch nein, nein, Carlina, dass ich dich liebte, kann ich\nmir nicht zum Verbrechen anrechnen! Dich sehen und nicht\nlieben, nicht verehren, nicht anbeten wäre eine Sünde\ngewesen.\"\n„ Schone dich!\" flehte Carlina, „du regst dich ent-\nsetzlich auf.\"\n„Was ist an mir noch zu schonen,\" rief er mit bitte-\nrem Tone: „ich bin die sichere Beute des Todes. Nein,\nCarlina, lieben musste ich dich, das wirst du mir vergeben,\nund selbst der strenge Richter dort oben wird es mir nicht\nals Schuld anrechnen. Aber dass ich meine Blicke nicht\nbehütete und mit ihnen deine reine Seele vergiftete, dass\nich meine Zunge nicht wahrte und dir gestand, wie tief\ndein Bild in meinem Herzen wohnte, dass ich dich um Ge-\ngenliebe anflehte und den Sturm der Leidenschaft in deinen\nungetrübten Frieden warf, das ist ein Verbrechen, und ich\nwerde es büssen müssen!\"\n„ Wozu diese finstere Selbstqual, mein theurer Giovanni,\"\nsagte zärtlich Carlina. „Ich liebte dich auch, als ich dich\nsah, und ich besann mich keinen Augenblick, es dir zu ge-\nstehen, als du mich darum fragtest. Ist das Unrecht? Mein\nGewissen ist ruhig darüber. Und wäre es Unrecht bin\nich so schuldig, wie du.\"\n„ Nein, nein,\" rief der Kranke leidenschaftlich: „ die Schuld\nist nicht gleich. Du warst unwissend und arglos, du wuss-\ntest nicht, was du thatest. Ich kannte die Welt, ich wusste,\ndass ich arm war, dass ich erst um eine Stellung im Leben\nkämpfen und ringen musste, ehe ich ein Weib an mein\nSchicksal knüpfen durfte, dass ich, arm und unbedeutend,\nwie ich noch war, dir kein Glück bieten konnte. Meine\nPflicht war es, dich zu meiden, meine Liebe zu unter-\ndrücken, sie in meinem Busen zu verschliessen und an ihr\nzu verbluten, wenn es sein musste nimmer durfte ich\ndich an mich ketten. 0, ich empfand das nur zu lebhaft,\ndieses Pflichtgefühl band mir lange die Zunge, eine innere\nStimme rief mir fortwährend zu: du darfst nicht! Aber die\nLiebe war zu mächtig, ich unterlag.\"\nCarlina erhob sich, setzte sich neben ihn, schlang ihren\nArm um seinen Nacken und sagte mit Thränen die\nnicht vom Schmerze allein erpresst wurden : „und ich\nsoll dir zürnen, weil du mich zu sehr liebtest? Wohl war\nich arglos und fröhlich, wie Kinder sind, aber glücklich\nwar ich nicht. Was Glück ist, lernte ich erst, als ich in\ndein Auge sah, als du sagtest: ich liebe dich, als mein Herz\nan dem deinigen schlug. Du hast mich glücklich gemacht,\nmein Giovanni, unendlich glücklich, und darüber machst du\ndir Vorwürfe?\"\n„ Ich habe dich entführt aus dem Hause deiner Eltern,\"\nerwiderte Giovanni mit dumpfer Stimme: „dießecht hatten,\nals sie ihre Tochter einem armen, unbekannten Musiker\nnicht geben wollten, die meiner mit Abscheu und deiner\nmit Zorn gedenken; ich habe dich herausgerissen aus der\nBehaglichkeit des Lebens und in diese arme Hütte geführt,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2762, "texte": "wo du Entbehrungen dulden musstest, und jetzt bin ich\nkrank und elend geworden, unfähig zu erwerben, und\nschon steht die Noth vor unserer Thür und wird dich bald\nerfassen mit ihren eisigen, eklen Fingern. Der Fluch deiner\nEltern, den sie auf mein Haupt geschleudert haben mögen,\nist in Erfüllung gegangen, aber er trifft dich mit und\ndoch sagst du, ich habe dich glücklich gemacht?\"\nCarlina hatte den Arm von ihm weggezogen und den\nBlick zu Boden gesenkt. Die Thränen, die jetzt in ihren\nAugen perlten, waren nur vom Schmerz hervorgerufen.\nDie Erinnerung an ihre Eltern, an ihre Flucht aus deren\nHause fiel ihr schwer auf die Seele. Wohl hatte sie in ein-\nsamen Augenblicken mit beklommener Brust an Vater und\nMutter gedacht, und ihr Gewissen war mit Vorwürfen nicht\nsparsam gewesen. Aber die Liebe in dem Busen eines jun-\ngen Weibes ist mächtiger als alles Andere; sie hatte immer\nGründe gefunden, sich zu rechtfertigen, und sorgfältig vor\nihrem Gatten verborgen, was sie insgeheim zuweilen quälte.\nAuch jetzt besiegte sie rasch ihre Thränen, und mit den\nzärtlichsten W orten, wie sie nur die Liebe findet und lehrt,\nsuchte sie ihn zu beruhigen. Es gelang ihr nur halb. So\nlange die geringen Ersparnisse Giovanni's vorgehalten hat-\nten, war dieser in Hoffnung auf baldige Genesung und die\ndamit gegebene Möglichkeit zu erwerben, zuversichtlicher\ngewesen. Seine geliebte Carlina war auch seine gelehrige\nSchülerin und, mit seltenem Talente begabt, hatte sie es\nin der Kunst, die Geige zu spielen, zu einer bedeutenden\nFertigkeit gebracht. Ihr Ton war so rein, so voll, ihr Spiel,\nihr Vortrag so durchgeistigt, so voll Ausdruck und Seele,\ndass Giovanni mit Entzücken ihre Fortschritte beachtete\nund im Anfange seiner Krankheit war es ihr Spiel ge-\nwesen, das ihn erheiterte und sein Siechthum leichter tra-\ngen liess. Aber was sollte jetzt geschehen ? Seine Krank-\nheit gab noch keine Hoffnung zur Genesung, und sie wa-\nren auf dem Punkte angelangt, wo die ersten Bedürfnisse\ndes Lebens mangelten. Carlina, schon lange ahnend, dass\nes bald dahin kommen müsse, hatte ihm schon mehrmals\nden Vorschlag gemacht, sie wolle mit ihrer Geige hinaus-\nziehen und öffentlich spielen, aber nie hatte er eingewilligt.\nDas junge, schöne, unerfahrene Weib, die ausser ihrem\nelterlichen Hause und seiner bescheidenen Wohnung nichts\nvon der Welt kannte, sollte er hinausgehen, sich Preis ge-\nben lassen den begehrlichen Blicken der Männer und deren\nAnfechtungen ein kalter Schauer, das entsetzliche Re-\ngen der Eifersucht war ihn jedesmal überkommen, so oft\ndie arglose Carlina diesen Gedanken geäussert, und er hatte\nihn entschieden zurückgewiesen. Doch jetzt waren sie auf\ndem Punkte der zwingenden Noth angelangt wird er\nihn noch lange zurückweisen können?\n(Fortsetzung folgt.)"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-20-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-20_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-05-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "155", "page_fin": "158", "image_debut": 3, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.2.2", "titre_corps": "Für Studirende von Beethoven's Glavier-Musik,", "titre_sommaire": "Für Studirende von Beethoven's Glavier-Musik,", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.3", "debut_caractere": 2764, "fin_caractere_exclue": 5325, "texte": "Für Studirende\nvon\nBeethoven's Glavier-Musik,\nist der Titel eines längeren Aufsatzes, den A. Schindler\n1849 als Manuscript für seine Freunde drucken liess. Der\nVerfasser hat uns gestattet, den folgenden interessanten\nAbschnitt dieses Aufsatzes durch Wiederabdruck auch dem\ngrösseren Publicum mitzutheilen.\n„Beethoven als Ciavierspieler bekannte sich zur Clemen-\nti'schen Schule, davon ausser einem kleinen Hefte für An-\nlänger, Methode pour le Pianofortbetitelt, kein grösseres\ntheoretisches Werk existirt, ein praktisches jedoch Cle-\nmenti selbst in seinem Gradus der Musik-\nWeit vorgelegt hat. Es steht indess bei den meisten Fach-\nmännern die Ueberzeugung fest, dass Clementi's unmittel-\nbarer Schüler, John Cramer, benanntes Werk in seinen\n84 Etüden weit übertroffen hat, aus deren Inhalt die\nIlaupt-Eigenthümlichkeiten dieser Schule, nicht minder\nsämmtliche Vortrags-Regeln sicherer und bestimmter sich\nabstrahiren lassen, als aus dem\n\n*) Im Jahre 1842 sah ich den würdigen Cramer sehr viel in\nParis, theils in seiner Wohnung, theils am Piano meiner\nSchülerin, Bertha Hansemann. Oft war dieses sein immer\nbleibendes Werk der Gegenstand unserer Conversation. Er\nbeklagte sich, dass die Clavierlehrer immer noch nicht den\nrechten Schlüssel hierzu gefunden, indem sie selbes nur als\nblosse Finger-Uebungen behandelten. Das ist aber seine Schuld.\nEr hätte wissen sollen, dass es des gewöhnlichen Musikers\nSache nicht ist zu denken, zu forschen. Darum hätte Cramer\nZweck und Behandlung jeder Nummer mit Worten erklären\nmüssen, wie es später Moscheies in seinen 24 Etüden wohl-\nweislich gethan. Beethoven hat zum Behufc des Vortrags-\nStudiums für seinen Neffen die ersten Hefte der Cramer'sehen\nEtüden benutzt. Bei den vorzugsweise lehrreich scheinenden\nNummern hat er nebst Zweck und Behandlung im Allgemei-\nnen auch noch die (prosodischen) Kürzen und Längen der\nHaupt- und Neben-Noten, rhythmische und melodische (nicht\ngrammatische) Accente angemerkt, u. s. w. Das alles habe\nich mir gleichfalls acl notamgenommen und durch alle vier\nHefte noch genauer ausgeführt, womit Cramer ganz einver-\nstanden war. Diese wenigen, aber sicheren Weg zeigenden\nAnmerkungen Bcethoven's gelten als sichtbarer Beweis, wie\neine von ihm verfasste Clavierschule ausgesehen haben würde,\ndaran er um das Jahr 1820 zu gehen Lust hatte. Auch Herr\nDr. Gerhard von Breuning gibt S. 22 und 23 in Wegeler's\nNachtrag zu dessen biographischen Notizen über Beethoven\ndavon Zeugniss, indem er des Meisters eigene, direct an ihn\ngerichtete Worte anführt: „Ich hatte Lust, selbst eine Ciavier-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5240, "texte": "Diese Schule bezeichnet Geist und Seele als Haupt-In-\ngredienzien des Vortrages, während in der Unzahl der\nnachgefolgten nur die Mechanik als oberster Zweck hinge-\nstellt wird. Wie hoch unser Beethoven Clementi's Ciavier-\nMusik erhoben, bemerkte ich schon S. 19 7 meines Buches,\nals ich auf des Letzteren Sonate: „Didone abbandonata.\nSeena Iragica\",aufmerksam zu machen Gelegenheit nahm.\nHier kommt nun mit Kurzem zu erwähnen, wie es mit\ndem Aesthetischen in Beethoven's Spiel ausgesehen bis um\ndas Jahr 1803, da Clementi, der „Schöpfer des neueren\nCiavierspiels und Vater der Ciavierspieler\", längere Zeit in\nWien verlebte. Das letzte Mal besuchte der greise Meister\n1827 (wenige Monate nach Beethoven's Tode), aus Italien\nkommend, die Kaisersladt und verweilte den Sommer über\nin dem nahen Baden. Dort suchte ich ihn fleissig auf, um\nmich über seine Werke belehren zu lassen. Dass Beetho-\nven's anbei oft gedacht worden, auch des anfänglich zwi-\nschen ihnen bestandenen Misstrauens, dessen Ferdinand\nRies in seinen Notizen ebenfalls erwähnt, war unfehlbar.\nSein Ciavierspiel schilderte Clementi in folgenden Worten:\n„Es war nur wenig ausgebildet, nicht selten ungestüm\n(brusque),wie er selbst, immer jedoch voll Geist.\"\nIn diesem Zustande fand es noch 1805 Cherubini,\nals er nach Wien gekommen, um seine Faniska dort zu\nschreiben, die er zum Frühling 1806 zur Aufführung\nbrachte. Er sowohl, wie seine Frau wussten mir 1841\nin Paris manches Drollige über Beethoven zu sagen. Ma-\ndame Cherubini bewahrte noch ihr wiener Tagebuch, aus\ndem sie mir viel Denkwürdiges über ihr Zusammensein mit\nBeethoven, über seine Persönlichkeit, Musik und über die\nersten Vorstellungen seiner Oper Leonore (Fidelio), denen\nsie beide im Theater an der Wien beigewohnt, mitgetheilt\nhat. Es verdient bemerkt zu werden, dass Madame mit ju-\ngendlicher Lebhaftigkeit das nicht immer zu lobende Be-\nnehmen des deutschen Meisters gegen die scharfe Kritik\nihres Gemahls zu vertheidigen sich bemüht, und sich nicht\ngescheut hat, ihre immer noch wache Sympathie für Beet-\nhoven auszusprechen. Ueber Beethoven's Ciavierspiel äusserte\nsich Cherubini dahin, er habe bei seinem fast ein volles\nJahr umfassenden Aufenthalte in Wien die Aufmerksamkeit\nBeethoven's öfters auf die Clementi'sche Schule gelenkt,\nund habe dieser derlei Winke immer dankend angenommen\nmit dem Versprechen, beim nächsten Vortrage werde er\nihn hoffentlich zufriedener sehen. In ähnlicher Weise sprach\nsich auch Cramer, der vor Clementi in Wien gewesen,\nüber Beethoven aus. Indess soll die Harmonie zwischen\nBeiden nicht immer die reinste gewesen sein *). Ich muss\nes sehr bedauern, nicht vor Abfassung meiner Ausgabe das\nGlück genossen zu haben, mit Cherubini und Cramer per-\nsönlich zu verkehren. Obwohl Ersterer kein zärtlicher\nFreund von seinem deutschen Zeitgenossen gewesen, wo-\nmit er gar nicht hinterm Berge hielt, hörte ich doch man-\nches Specielle aus Beider Munde, was in jeder Hinsicht als\nBelehrung gelten musste.\nSicher ist es, dass Clementi's Rathschläge und Cheru-\nbini's Winke tiefen Eindruck auf Beethoven gemacht, und\nsein ferneres Streben zeigte, wie er es zu würdigen ge-\nwusst. Dass dieses aber erst in den ersten Jahren seiner\ndritten Lebens-Periode möglichst fruchtbringend geworden,\näusserte ich bereits S. 228 des musicalischen Theiles mei-\nnes Buches, und hat vielleicht die gewaltige Tonfülle seines\nenglischen Flügels, den ihm Clementi, Cramer und Ries\nverehrt hatten, nicht wenig hierzu beigetragen. Das zuneh-\nmende Ohren-Uebel war jedoch auch hierbei ein nicht zu\nbeseitigendes Hinderniss, welches der vollendeten Schönheit\nseiner Vorträge Eintrag gethan hat, daher in diesem Punkte\nimmer zu wünschen übrig blieb. Es konnte sich demnach\nseine unmittelhare Belehrung über seine Werke weniger\nauf deren feinere Schattirung, wohl aber auf ihren Inhalt,\nauf Umriss und Hervortreten einzelner Formen, resp. Sätze,\nund auf das jeder bedeutenden Stelle angemessene Tempo\nausbreiten.\nVon Clementi hatte Beethoven gehört, wie dieser nach\nlangem Umhersuchen und Forschen nach positiven Regeln\nzum Vortrage endlich in seiner Gesangskunst die Mittel\nund Wege gefunden. Als selbst gebildeter Sänger versuchte\ner die Prosodie der Sprache und die Regeln der Wort-\nund Gesang-Declamation in die Instrumental-Musik hinüber\nzu tragen. Dadurch gelangte er dahin, dass sein Vortrag\nselbst Gesang ward, und in gewissen Werken, wo es galt\nbesondere Seelen-Zustände darzustellen, z. B. in seiner Di-\ndone abbandonala,zur verständlichen Rede sich gestaltet\nhat. Mir zeigte Clementi die unerlässliche Nothwendigkeit\nzum ausdrucksvollen Vortrage, bei jeder Melodie zu wissen,\nwelches von den verschiedenen Versmaassen, deren sich die\nMusik bedient, der Melodie unterlegt werden könne, ob\ndas jambische, das trochäische u. s. w., wegen Verlegung\n\nschule zu schreiben; doch land ich nicht Zeit dazu; ich hatte\naber etwas ganz Abweichendes geschrieben.\"\n*) Der Grund war kein anderer, als dass einige Freunde Beel-\nhoven's ihn ernstlich angingen, mehrere Werke, noch im Ma-\nnuscript, von Crarner öffentlich vortragen zu lassen. Dies er-\nregte Beethoveivs Eifersucht und gegenseitige Spannung. Doch\nverminderte dieser Zwischenfall keineswegs Beethoven's Hoch-\nachtung für Cramer's Person und Kunst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5069, "texte": "der Haupt-Accente und der Cäsur, von welcher auch im\nVortrage der Instrumental-Musik, vornehmlich im freien\nVortrage, Kenntniss genommen werden müsse. (Siehe §.\n177 in Schilling's Aesthetik der Tonkunst.) Clementi ver-\ndanke ich die gründliche Kenntniss des rhythmischen\nund melodischen Accents und seiner musicalisch-rhe-\ntorischen und ästhetischen Bedeutung, in directer Beziehung\nauf den Sinn des hier vorstehenden Satzes. Keine der vie-\nlen gedruckten Schulen spricht davon. Er machte mich\naufmerksam, dass im Vortrage, besonders des vierstimmi-\ngen Satzes, die die Melodie führende Note, sie stecke in\nwelcher Stimme immer, hervortreten müsse; eben so, dass\nin Passagen und Gängen das Skelett der Melodie, die oft-\nmals in Melismen und Verzierungen tief verborgen liege,\nmit dem in Bass-Figuren verborgenen und sie tragenden\nTone hervorzuheben sei, sonst würde die Passage zum\nleeren Geklinge; ferner noch, dass in Passagen und Gän-\ngen die Längen und Kürzen hörbar nuancirt werden müs-\nsen, wären sie auch nicht geschrieben. (Siehe Cramer's 84\nEtüden.)\nClementi schärfte mir ferner nachdrücklichst die Dop-\npel-Bedeutung des physischen (oder materiellen) und\npsychischen Anschlags ein. Unter letzterem versteht\ner die im Geiste berechnete Tonfülle, bevor noch der Fin-\nger die Taste berührt. Der psychische Anschlag findet vor-\nzugsweise seine Anwendung im und Da\nwird er die Bedingung, die beabsichtigte Wirkung erreichen\nzu können. Dies ist zugleich der einzige Weg zur Ton-\nbildung, dessen bisher auch noch keine der Schulen er-\nwähnt hat. Der grosse Sänger auf den Tasten, der das sel-\ntene Glück genoss, die letzte Entwicklungs-Phase unserer\nheutigen Musik zu durchleben und immer thätig mitzuwir-\nken, verglich diese Doppel-Bedeutung mit dem physischen\nund ästhetischen Athemholen, was die gute Gesangschule\nzwar lehrt, von sehr wenigen Sängern aber gekannt ist.\nDabei erinnerte sich Clementi, dass er seiner Zeit auch mit\nBeethoven über den Punkt des Anschlages gesprochen\nhabe; dem war so, denn dieser hat die Belehrung treu be-\nwahrt und thunlichst weiter verbreitet. Beigehend wäre\nnoch zu bemerken, wie Clementi bei seiner letzten Anwe-\nsenheit zu Wien sich in bündiger Weise verwahrt hat ge-\ngen die Art und Weise des Clavierspiels, womit man ihn\ndaselbst regalirte. Er wollte es nicht auf seine Rechnung\ngesetzt wissen.\nMit der Lehre der rhythmischen Gliederung, der Ac-\ncentuation und des Anschlages verhält es sich überhaupt\nwie mit der Lehre der Perspective und Optik. Es können\ndiese in einer Stande Zeit gelehrt werden; es gehören\naber Jahre unablässigen Studiums dazu, bis sie in ihren\nunzähligen Beziehungen zur Natur und Kunst wahrhaft\nkünstlerisch in Anwendung gebracht werden können. Wird\nmit dieser Lehre nicht schon in der Zeit des ersten Unter-\nrichtes begonnen, so wird späterhin nichts oder nur sehr\nwenig damit erreicht werden. Auch müssen dem Lehrer die\nmancherlei Kunstgriffe bekannt sein, vermittels deren diese\nLehre beim Schüler sicheren Eingang findet. Theorie und\nPraxis müssen sich dabei mit dem Individuum in Eins ver-\nwachsen. Wer den Muth hätte, zu behaupten, dass\n\"/100 der Ciavierspielenden von diesen ersten Erfordernis-\nsen des Vortrages keine oder zu wenig Kenntniss besitzen,\nwürde durchaus kein Wagniss begehen, aber eine klägliche\nSeite des Musiktreibens blossstellen. Und dies war das\nSchicksal des Pianoforte zu allen Zeiten. Verdeckt wohl\nheut zu Tage Einer und der Andere seine Unwissenheit\nin moderner Musik, die bloss auf mechanische Fertigkeit\nberechnet ist, so wird diese alsbald dem Kenner sich offen-\nbaren, sobald er mit classischer Musik hintritt. Diese ist\nder Probirstein von dem Gehalte der Bildung, wie die\nGluck'sche und Mozart'sche Gesang-Musik gegenüber der\nmodernen italiänischen immerhin der Probirstein sein wird\nfür den Sänger, der auf höhere Bildung Anspruch machen\nwill. Grund ist die darin herrschende Bestimmtheit\ndes Ausdruckes, die an den Sänger so hohe Anfor-\nderungen stellt.\nAls nicht uninteressante und Gedanken anregende Pa-\nrenthese führe ich hier an, wie Clementi bei unseren Zu-\nsammenkünften in Baden sich wiederholt in wehmüthigen\nWorten über die Fruchtlosigkeit aller seiner Bemühungen\num ein schönes, edles Clavierspiel ausgelassen hat. Weiss\nGott, in unserem Deutschland ist kaum eine merkliche Spur\ndavon zurückgeblieben! Wohl hatte er guten Grund dazu;\ndenn fand sein und seiner Jünger Bestreben schon an dem\nlangfingerigen Bravour-Spieler Woelffl (der auch ein\nHauptgegner Beethoven's gewesen) einen gefährlichen An-\ntipoden, der es verstand, die Sinnlichkeit der Zuhörer zu\nerregen und von Edlerem abzuziehen, so ward bald darauf\ndurch Hummel und Moscheies eine Bichtung einge-\nschlagen, die bei der bereits allgemeineren Verbreitung des\nCiavierspiels zum sicheren Verderben führen konnte. Die\nEreignisse im dritten und vierten Jahrzehend haben uns\nsattsam bewiesen, bis wohin die Abweichung von der wah-\nren Schönheit getrieben werden könne. Unter allen da ge-\nwesenen Koryphäen des Ciavierspiels waren es Chopin\nund Thalberg allein, die einem Ideale nachstrebten, die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4819, "texte": "Gesetze der Aesthetik kannten und fortan bemüht waren,\nselbe in ihren Vorträgen zur Geltung zu bringen. Kalk-\nbrenner verliess frühzeitig diese ehrenwerthe Bahn und\nbeförderte die neueste Mode, die ihm dafür Küche und\nKeller reichlich gefüllt hat. Sein Ton blieb jedoch unver-\nändert stark und männlich. Moscheies bemühte sich in\nseinen späteren Jahren, seinem Spiele Würde und inneren\nGehalt zu geben. Er ahnte etwas Höheres, eine Objectivität\nin der Musik, wie es seine „JE und\nandere Compositionen zeigen. Freilich entnahm er das Ob-\nject der Darstellung aus der Sinnen weit, nicht aus der In-\nnerlichkeit des Seelenlebens. Seine Antecedentien, sein\nFlitterstaat, in den er seine Künstler-Jugend eingehüllt,\nliessen späterhin die bessere Erkenntniss nicht mehr zum\nDurchbruch kommen. Er rang vergeblich, das Grossartige\nin Thalberg's Spiel nachzuahmen; sein Spiel blieb klein\nund erhob sich nicht zur poetischen Darstellung. Und den-\nnoch scheute er sich nicht, in Beethoven's Clavier-Werken\nals Autorität aufzutreten, selbe sogar zu metronomisiren,\nnachdem er des Schöpfers Hand nicht ein einziges Mal auf\nden Tasten gesehen hatte, auch mit keinem Worte von\nihm darüber belehrt worden war. Ueber diese Heldenthat\nward bereits am anderen Orte berichtet und der verdiente\nLohn zugemessen.\nUeber L i s z t' s positive oder negative Wichtigkeit für\ndie Tonkunst, resp. für das Piano, dürften nachstehende\nWorte aus Göthe's Einleitung in die Propyläen Anstoss\nzur Diseussion geben: „ Der echte gesetzgebende Künstler\nstrebt nach Kunst-Wahrheit, der gesetzlose, der einem\nblinden Triebe folgt, nach Natur-Wirklichkeit; durch jenen\nwird die Kunst zum höchsten Gipfel, durch diesen auf ihre\nniedrigste Stufe gebracht.\" Ob Liszt mehr denn Einer\nsich der inneren Notwendigkeit einer objectiven Auffassung\nverschiedener Werke Beethoven's bewusst ist keine\nIrage. Wer könnte seine ausgezeichneten Fälligkeiten ver-\nkennen? Allein Ueberschwänglichkeit an Subjectivität, Man-\ngel an Selbstbeherrschung, unzureichende ästhetische Bil-\ndung waren (und verbleiben vielleicht fortan) die positiven\nund negativen Quellen, aus denen die widrigen Zerrbilder,\noder, wenn man will, Convenienz-Musik-Darstellungen, her-\nvorgegangen, die er auf Rechnung des Deethoven'schen\nGenius zu stellen beliebte. Die Kunstgeschichte dürfte\neinstens die Erscheinung dieses sehr überschätzten Künst-\nlers nicht unpassend mit dem Leuchten einer Sternschnup-\npe vergleichen. Nicht der Feind, sondern der alte Freund\nspricht hier wieder, der der geistigen Entwicklung des\nKindes nahe gestanden und Theilnahme dem jungen Ta-\nlente auf mannigfache Weise bewiesen hat.\nNur äusserst selten geben Natur und Schicksal Alles,\num damit einen grossen Menschen zu bilden. Das erfuhr\nauch Liszt. Indem ihm die Natur einen klugen, wissen-\nschaftlich und kunstgebildeten Mann zum Vater und Füh-\nrer gegeben, konnte unter dessen Auspizien die einstige\nkünstlerische Grösse des Sohnes mit ziemlicher Sicherheit\nerwartet werden. Das Schicksal fügte es jedoch anders.\nAuf dem Scheidewege der Erkenntniss zwischen Wahrheit\nund Schein angekommen, sieht sich der Jüngling allen Ein-\nflüssen von Wind und Wetter der fashionablen pariser Sa-\nlons Preis gegeben; denn der Tod raffte ihm den Vater\nund Führer auf jener gefährlichen Bahn von der Seite.\nAls der schon berühmte Künstler im öctober 1841 mich\nzu Aachen aufsuchte, lag ihm mein Urtheil über sein Thun\nbereits im Drucke vor. Was ich darin offen auszusprechen\nAnstand nahm, hörte Herr Liszt bei dieser Gelegenheit\naus meinem Munde. Er bat mich, ihm drei Jahre Zeit zu\ngönnen, um einen anderen, ehrenvolleren Weg zum Par-\nnass betreten zu können. Ich gab ihm vier Jahre Zeit\nhierzu, hoffend, ein längerer Aufenthalt in Norddeutschland\nwerde ihn auf diesem neuen Wege erhalten und bestärken.\nBis jetzt hat diese Hoffnung nichts gerechtfertigt. Die wei-\nmar'sche Hofluft, in der Herr Liszt sich grossentheils be-\nwegt, war seinen guten Vorsätzen bis nun nicht gedeihlich.\nDemnach dürfte die gewünschte Metamorphose wohl nim-\nmermehr zu erwarten stehen, zumal auch Lebensalter und\nverhärtete Gewohnheit hindernd entgegenwirken.\nIch habe mich bei dieser Persönlichkeit darum länger\naufgehalten, weil fast die gesammte Musik-Welt schon vor\n25 Jahren bis vor Kurzem noch sich in grossen Erwartun-\ngen dabei vereinigt hatte. Nur Einer schüttelte den Kopf\nob der unvernünftigen Idolatrie, mit der die grosse Menge\nden „ wunderthätigen\" Knaben verfolgte; denn er kannte\naus eigener Erfahrung das allen Schoosskindern in ihrer\nEntwicklung und Erziehung Hemmende, ja, Gefährliche.\nEs war Beethoven. Aber auch darum noch verweilte ich\nbei dieser Persönlichkeit, weil dieser Blick auf den Bil-\ndungsgang eines bekannten grossen Talentes strebsamen\nKunstjüngern Stoff bietet, für sich eine lehrreiche Moral\ndaraus abstrahiren zu können."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-20-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-20_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-05-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "159", "image_debut": 7, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.2.3", "titre_corps": "Aüs Wesel.", "titre_sommaire": "Aüs Wesel.", "signature_source": "ff", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3158, "texte": "Aüs Wesel.\nff.\nDen 14. Mai 1854.\nDer Winter und mit ihm die Concert-Saison liegt hin-\nter uns. Die Capellmeister schliessen Partitur und Tact-\nstock weg, die Orchester-Diener holen die ausgetheilten\nStimmen und rückständigen Beiträge ein, die Cassirer\nschliessen ihre Bilanz über Einnahme und Ausgabe, und die\nReferenten über Auf- und Ausführung der Statt gefunde-\nnen Concerte ab. Was nun unser Wesel betrifft, so\nhat der erstgenannte Rechnungs-Ableger des hiesigen Mu-\nsik-Vereins, was die Einnahme angeht, keine sehr grosse\nArbeit; denn es ist bei unserem Publicum wohl Sinn,\naber kein Geld für Musik vorhanden, so dass die Einnah-\nmen der Concerte nie die Ausgaben decken und letztere\ndaher die Vereins-Casse stark in Anspruch nehmen. Damit\nist natürlich dem Gedeihen des Vereins in mancher Be-\nziehung ein Hemmschuh angelegt; die Anschaffung neuer\nMusicalien muss eine sehr beschränkte bleiben, und von\nGewinnung berühmter Solo-Kräfte für einzelne Concert-\nAbende kann vollends nicht die Rede sein. Um so an-\ngenehmer ist es aber für den Referenten berichten zu\nkönnen, dass trotzdem unser Verein in dem regen Eifer\nseines Dirigenten, Herrn Lange, den thatkräftigen Be-\nmühungen seines Vorstandes und der Liebe zur Kunst\n*\nvon Seiten seiner Mitglieder eine sichere Bürgschaft seines\nBestehens hat, wie er denn auch sichtbar aufblüht und er-\nfreuliche Beweise seines Studiums classischer Tonwerke\nin regelmässigen Concert-Aufführungen ablegt. Eine ge-\ndrängte Aufzählung der in den vier Jahren seines Beste-\nhens, in den jährlichen (sechs) Abonnements-Concerten,\naufgeführten grösseren Orchester- und Gesangs-Werke\nmöge dazu als Beleg dienen.\nVon Orchester-Werken wurden aufgeführt: Beet-\nhoven's C-moll-und D-duund Mendelssohn's\nA-dur-Sinfonie; Ouvertüren von Mozart und\nMendelssohn. Von Gesangs-Werken: „Der Mes-\nsias\", „Die Jahreszeiten\", Mozart's Requiem,\nSchumann's „Der Rose Pilgerfahrt\" und „Kö-\nnigssohn\", Mendelssohn's „Elias\", „Paulus\",\nSinfonie-Cantate, Der 42. Psalm, Walpurgis-\nnacht, 3 geistliche Lieder mit Alt-Solo, Finale\nzur Loreley, Hymne für Sopran-Solo und Chor,\nLauda Sion, Hiller's „Gesang der Geister über\nden Wassern\" und „0, weint um sie\", Finale\naus dem „Freischütz\", Radziwill's Musik zu\n„Faust\", Hymne von Spohr und von C. M. v. We-\nber; ausserdem viele Cantaten, Chor- und Solo-Lieder\nvon Mendelssohn, Hiller, Schumann, Feska u. A. m.\nDer Raum, der uns in diesen Blättern zugemessen wer-\nden kann, erlaubt nicht, näher auf die Ausführung in den\neinzelnen Concerten einzugehen. Wir wollen nur bemer-\nken, dass, so weit wir den Auflührungen beigewohnt haben,\ndie Präcision und Sicherheit der Chöre dem Dirigenten\nund dem Fleisse der Mitwirkenden stets Ehre gemacht hat,\nund auch die Soli den Anforderungen vollkommen genüg-\nten, die man in einer Provincialstadt machen kann.\nSchliesslich erwähnen wir noch, dass auch in Kam-\nmermusik in diesem Jahre ein recht erfreulicher Anfang\ngemacht worden ist, indem in mehreren, von Herrn Lange\nveranstalteten Soireen Quintette, Quartette und Trios von\nBeethoven, Haydn, Mozart, Onslow und Schumann, wenn\nauch vor einem nicht gerade zahlreich versammelten Publi-\ncum, aufgeführt wurden."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-20-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-20_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-05-20_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "159", "page_fin": "160", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.7", "debut_caractere": 3160, "fin_caractere_exclue": 5354, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliölii. Die Rheinische Musikschule, die mit Ostern in das\nfünfte Jahr ihrer Wirksamkeit getreten, und die mit Genugthuung\nauf die Erfolge ihrer bisherigen Thätigkeit und auf die wachsende\nZahl ihrer Schüler und den wachsenden Umfang ihrer Unterrichts-\nfächer blicken kann, hat im Laufe des verflossenen Winters von\nSeilen der hiesigen Königlichen Regierung eine Anerkennung er-\nhalten, welche mit Freuden begriisst werden muss, um so mehr,\nwenn sie für die Zukunft eine thätigere Theilnahme von Seiten des\nStaates für das verdienstliche, aus Privatmitteln erhaltene Institut\nerwarten lässt. Es ist nämlich das Lehrer-Collegium der Schule als\nPrüfungs-Commission für alle diejenigen bestellt worden, welche\nim Regierungs-Bezirke Köln Musik-Unterricht gewerbweise zu er-\ntheilen beabsichtigen. Zugleich ist die Aussicht eröffnet worden,\ndass demnächst auf die ganze Provinz die genannte Commission in\ngleicher Wreise ihre Prüfungen ausdehnen solle.\nHerrn Karl Reinecke, der in diesen Tagen nach Barmen\nübersiedelt, wurde im Saale des Casino ein Abschiedsessen gege-\nben, bei welchem seine zahlreichen Freunde ihm ihr Bedauern\nüber sein Scheiden und die besten Wünsche für sein ferneres\nWohl aussprachen.\nKomi. Unser Beethoven-Verein hat durch die Veränderung\nseines Locales eine wesentliche Verbesserung erfahren. Es finden\nnämlich seine wöchentlichen Versammlungen seit Kurzem in dem\ngrossen Saale der Lese-Gesellschaft Statt, welcher mit anerkennens-\nwerther Bereitwilligkeit zu diesem Zwecke hergegeben wird. Dieser\nUmstand ist vorteilhaft für alle Theile, sowohl für die Productio-\nnen des Orchesters als auch für die besuchenden Mitglieder des\nVereins. Bei dem guten Geiste, von dem die Leiter dieses Instituts\nbeseelt sind, was wir hier namentlich auf die Wahl der aufzufüh-\nrenden Werke beziehen, lässt sich nicht bezweifeln, dass das In-\nteresse für diesen Verein stets noch in der Steigerung begriffen\nist, obwohl die Mitglieder-Zahl bereits eine ansehnliche Höhe er-\nreicht hat. Aber auch die technische Direction durch unseren Mu-\nsik-Director Herrn von Wasielewski trägt wesentlich da2u bei,\ndass das wirklich geleistet wird, was durch den Mitbegründer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4455, "texte": "und ehemaligen Dirigenten des Vereins, Herrn Professor Bisch off,\nin so schöner Weise vorgezeichnet ward. Durch seine amtliche\nThätigkeit ist Herr von Wasielewski verhindert worden, sich häu-\nfiger als Virtuose auf seinem Instrumente, der Violine, zu produ-\nciren; um so mehr freuten wir uns, dass derselbe uns in einer der\nletzten Versammlungen des Beethoven-Vereins durch den wahrhaft\nkünstlerischen Vortrag eines David'schen Concertes erfreute. So\nsehr wir auch in den wiederholten, reichlich gezollten Beifall des\nzahlreich versammelten Auditoriums einstimmen, so müssen wir\ngestehen, dass wir dennoch die allgemeine, bedeutende und gründ-\nliche musicalische Bildung des Herrn von Wasielewski, die ihn\nganz besonders befähigt, einen Dirigenten-Posten nach allen Rich-\ntungen hin würdig auszufüllen, höher achten.\nHerr Aloys Ander hat in Darmstadt den günstigsten Erfolg\nmit seinem Gastspiele gehabt. Ausser den lebhaftesten Beifalls-Be-\nzeugungen Seitens des Publicums, die sich in Hervorrufen, in Wer-\nfen von Blumen und Kränzen kund thaten, erhielt Herr Ander\nvom Grossherzoge eigenhändig die goldene Verdienst-Medaille mit\ndem Bande für Kunst und Wissenschaft und von der Frau Gross-\nherzogin eine prachtvolle BrillantnadeL\nMessasa, 8. Mai. Am 3. Mai feierte die Th. Schneid er-\nsehe Musikschule ihr zweijähriges Stiftungsfest. Zur Einleitung\nund Eröffnung des Festes hatte ein Schüler der Musikschule, Ferd.\nDiedicke, einige ernste Worte zum Gedächtniss des grossen\nTodten Friedrich Schneider gesprochen. WTir haben nicht\nnöthig, Weiteres über die Schule selbst und deren Einrichtung zu\nberichten, und können dies bei denjenigen, welche Interesse da-\nfür haben, als bekannt voraussetzen: doch ist es uns eine ange-\nnehme Pflicht, den Bestrebungen des Herrn Th. Schneider die\nAnerkennung öffentlich auszusprechen. Möge er durch reichliche\nErfolge dafür belohnt werden! Eine Prüfung, die erste, welche\nam 20. v. Mts. Statt fand, hat uns schon einen erfreulichen Beweis\nfür die Wirksamkeit des Instituts gegeben. Es kamen bei dieser\nPrüfung Compositions-Versuche der Schüler zum Vortrag, und dann\nwurde das Instrumental-Zusammenspiel geübt. Im Allgemeinen kön-\nnen wir über die hier gezeigten Leistungen der Schüler nur Ver-\nbindliches sagen, wenn auch bisweilen, so besonders im Vortrage\neines Ilaydn'schen Triosatzes, der Schüler etwas zum Vorschein\nkam. Dagegen wurden wieder einige Stücke, so z. B. ein Trio von\nBeethoven, mit erstaunlicher Präcision executirt. Von Compo-\nsitions-Versuchen der Schüler kamen ein Quartettsatz von Fr.\nBartels, ein Lied für eine Singstimme mit Begleitung des Piano-\nforte von Ferd. Diedicke und ein Quarteitsatz von L. Grütz-\nmacher zur Aufführung.\nIn Hamburg hat ein Tenorist, Herr Friedrich Young,\ngastirt und sehr gefallen. Seine jugendliche, schöne Stimme wird\ngerühmt. Die Engagemenis-Anträge der dortigen Direction hat er\naber nicht angenommen. Dagegen hat Herr Eppich einen neuen1\nVertrag mit Hamburg abgeschlossen, der ihm 3500 Thlr. Gehalt,\n4 Thlr. Spiel-Honorar, sechsmal monatlich garantirt, ein mit 200\nThlrn. garantirtes Benefiz und einen Urlaub von einem Monate zu-\nsichert. Man sieht, eine gute Tenorstimme ist ein recht angenehmes\nCapital. Hamburg scheint überhaupt ein Eldorado für Sänger und\nSängerinnen zu sein. Auch Fräulein Liebhardt von der k. k.\nOper in Wien hat in Hamburg gastirt und grossen Beifall geärntet.\nWie gross dieser Beifall gewesen, mag aus dem Umstände hervor-\ngehen, dass ein hamburger Kunstfreund sich erboten hat, 12,000\nGulden Conventional-Slrafe für Fräulein Liebhardt zu zahlen, wenn\ndiese ihren Vertrag in Wien brechen und sich in Hamburg enga-\ngiren lassen wollte. So berichtet die Theater-Chronik. Ob's wahr\nist, wissen wir nicht.\nRossini wird im Juni nach Paris gehen.\nAm Mittwoch ist in Paris eine neue Oper von Scribe und\nVictor Masse gegeben worden, die den Titel führt: „Die Braut des\nTeufels\" (La fiancee du Dicible).\nDie Stadt Bordeaux hat die Summe von 600,000 Francs zu\neinigen Reparatur-Arbeiten ihres Theaters eines der schönsten\nin Europa votirt. Am 30. April, Abends IIV 2 Uhr, schloss die\nletzte Vorstellung und am folgenden Tage waren die Arbeiter\nschon am Werke.\nNach den übereinstimmenden Berichten der englischen Blätter\nund den directera Nachrichten aus London erfreut sich der Kölner\nMänne rge sang-Verein in London auch in diesem Jahre der\nfreundlichsten Aufnahme, eines zahlreichen Besuches und des leb-\nhaftesten Beifalles Seitens des Publicums."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "153", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.1", "texte": "Die Geigerin von Florenz.\nNovellette.\n1.\nIn einer abgelegenen Vorstadt des schönen Florenz\nstand ein Häuschen, klein und unscheinbar, wie es von de-\nnen bewohnt wird, die in Begleitung der täglichen Sorge\nihre irdische Laufbahn wandern, denen das Leben nichts\ngebracht hat und nichts bringt, sondern die ihm Alles ab-\ngewinnen, oft mühselig abzwingen müssen. In der Nach-\nbarschaft dieses Häuschens standen viele andere derselben\nArt, denn: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.\"\nIn allen Städten findet man dieselbe Erscheinung. Hier\ngrosse Plätze, breite Strassen mit Palästen, in den entfern-\nteren Gegenden der Stadt schmale Gassen mit kleinen\nHütten. Wozu sollten diese Gassen auch breiter sein? Die\nBewohner jener Paläste fahren in geräumigen Carrossen,\nund dazu brauchen sie Platz; die Bewohner jener Hütten\ngehen zu Fuss und drängen sich leicht auf engem Räume\nan einander vorüber.\nJenes Häuschen in Florenz stand also in einem Stadt-\ntheile, wo das Geräusch der Wagen niemals die Ruhe störte,\nwo das Getöse des frisch bewegten grossen Lebens nicht\nhindrang. Und doch war jene Gegend nicht ohne den der\nNatur das schönste Leben gebenden Ton, ja, sie war an\nTöne gewohnt, schöner, als die rasselnden Wagen sie dem\nharten Strassenpdaster abzugewinnen vermögen. Und diese\nTöne hatten ihren Ursprung in dem anfangs erwähnten\nHäuschen. Allabendlich erscholl in ihm ein Geigenspiel, wie\nman es nicht häufig hörte. Bald sprach sich in getragenen,\nschmelzenden Tönen alle die sehnsüchtige, wehmüthige\nEmpfindung aus, welcher der Mensch hat sie gleich einen\nAnflug des Schmerzes so gern nachhängt, bald riefen\ndie raschen, sprudelnden Läufe und Melodieen zur Lust,\nzur Heiterkeit. Bald war es eine Geige, die man hörte, bald\nwaren es zwei, die ihre lieblichen Töne kunstvoll in einan-\nder verschlangen. Das Häuschen war ein Anziehungs-Punkt\nfür die ganze Nachbarschaft geworden. Allabendlich ver-\nsammelten sich die Leute, die des Tages Last und Hitze\ngetragen hatten, vor der Thür desselben, und in den man-\nnigfaltigsten Gruppen lauschten sie den lieblichen Tönen.\nVielleicht wurden diese tiefer empfunden, als jetzt manche\nBravour-Musik im Concertsaale.\nDoch schon seit geraumer Zeit hatte dieses aufgehört;\ndenn seit mehreren Tagen schwiegen die anlockenden Töne.\nDie Nachbarn wussten recht wohl, warum sie schwiegen;\nwollen wir es auch erfahren, treten wir ein in das\nHäuschen.\nEs ist ein Frühlings-Abend des Jahres 1575. Die\nSonne sinkt, und bald wird sie lür die Bewohner dieser\nGegend ihren Tageslauf beschlossen haben. Ein schmaler\nGang führt durch das Häuschen nach einer Hinterthüre, die\nsich auf ein kleines Gärtchen öffnet.\nEs ist etwas Eigenes um so ein Gärtchen hinter einer\nHütte der Armuth. Mit wenigen Schritten ist sein Raum\nnach allen Seiten hin ausgemessen. Aber der enge Raum\nist gut benutzt. Hier auf einem kleinen Beete Gemüse lür\ndie Rüche, dort einige Sträucher mit Beeren, ein Obstbaum\nzwei hätten nicht Platz überschattet das Ganze.\nAuf einem schmalen Streifchen stehen noch einige Blumen,\nder Luxus, den sich auch die Armuth gestattet, und der\neinzige, der ihr zugänglich ist. Ein Plätzchen zum Sitzen\nfehlt nicht, und einige Stangen mit Rankengewächsen bil-\nden eine kunstlose Laube. Die französische und die englische\nGartenkunst streiten sich nicht um den Vorrang in solch\neinem Gärtchen, keine Fremden reisen meilenweit, um es\nzu sehen, aber das selbstgezogene Gemüse mundet den Be-\nwohnern trefflicher, als Anderen theuer bezahlte Gerichte,\nder Geruch und die Farbe ihrer einfachen Blumen erfreut\nsie mehr, als Andere die Pracht tropischer Fremdlinge, und\nsehnsüchtige Kinder-Augen beobachten alltäglich das fort-\nschreitende Reifen der Beeren an den Sträüchern, der\nFrüchte auf dem Baume. So bietet auch ein solches Gärt-\nchen Genuss, wenngleich einen bescheidenen.\nAber in dem Gärtchen, in das wir treten, gibt es keine\nKinder-Augen, keine Freude an Blumen und selbstgezoge-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "154", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.2", "texte": "ner Frucht. Auf einer Bank, den Kopf an einen Zaun ge-\nstützt, sitzt ein junger Mann, zu seinen Füssen auf einem\nSchemel ein junges Weib, das die Hände in ihrem Schoosse\ngefaltet hat und ihm bekümmert in das Auge schaut.\nDer junge Mann ist bleich, entsetzlich bleich; seine\nWangen sind eingefallen, sein schwarzes Haar hängt etwas\nwirr über die blassen Schläfe, er sieht matt aus, recht matt.\nNur sein Auge ist das nicht. In ihm glänzt ein dunkles\nFeuer, zwar unheimlich, fast halb erloschen, aber es ist\ndoch noch Feuer. Dieses Auge muss in schönem Glänze\naufleuchten können, wenn Begeisterung, wenn Liebe den\nMann erfüllt, es muss verzehrende Blitze schleudern kön-\nnen, wenn es vom Zorne belebt wird.\nDas junge Weib ist schön, bildschön. Sie hat etwas\nJungfräuliches, fast Kindliches in ihrem Wesen, und wer\nden Blick voll zärtlicher Besorgniss nicht gesehen hat, mit\ndem sie an dem jungen Manne hing, möchte darauf schwö-\nren, dass noch nie das süsse Geheimniss der Liebe sich in\nihrem Busen geregt.\nMit weicher Stimme sprach sie jetzt: „sei heiter, Gio-\nvanni! Wenn du dich dem Trübsinn hingibst, ohne ihm\nWiderstand zu leisten, wird deine Krankheit immer schlim-\nmer. Die trübe Stimmung wirkt auf den Körper zurück,\nsagt der Arzt. \"\nGiovanni fuhr mit der Hand über die Stirn und ent-\ngegnete düster: „Der Trübsinn besiegt mich, ich vermag\nschon längst nicht mehr, ihm Widerstand zu leisten. Und\nkann es anders sein? Da sitze ich, kraftlos, gebrochen in\nder Blüthe meiner Jahre, ohne Hoffnung für die Zukunft,\nund zu meinen Füssen sehe ich den reinsten Engel, den je\ndie Erde trug, und den ich frevelnd leichtsinnig in mein\nerbärmliches Leben hineingezogen habe.\"\n„Giovanni,\" sagte die Frau mit rührender Bitte, „nicht\ndiese entsetzlichen Worte, du zerreissest mir das Herz!\"\n„Entsetzlich ist es, was ich sage,\" erwiderte er, „aber\nwahr, nur zu wahr! Lebtest du nicht glücklich in dem\nHause deiner Eltern, ein harmlos fröhliches Mädchen, unbe-\nrührt von dem Schmutz des Lebens, ohne Ahnung davon,\nwas Schmerz heisst? Warum musste ich dich lieben?\"\nEinen Augenblick schwieg der Redende, dann fuhr er hef-\ntiger fort, indem ein glühender Blick die Knieende traf:\n»Doch nein, nein, Carlina, dass ich dich liebte, kann ich\nmir nicht zum Verbrechen anrechnen! Dich sehen und nicht\nlieben, nicht verehren, nicht anbeten wäre eine Sünde\ngewesen.\"\n„ Schone dich!\" flehte Carlina, „du regst dich ent-\nsetzlich auf.\"\n„Was ist an mir noch zu schonen,\" rief er mit bitte-\nrem Tone: „ich bin die sichere Beute des Todes. Nein,\nCarlina, lieben musste ich dich, das wirst du mir vergeben,\nund selbst der strenge Richter dort oben wird es mir nicht\nals Schuld anrechnen. Aber dass ich meine Blicke nicht\nbehütete und mit ihnen deine reine Seele vergiftete, dass\nich meine Zunge nicht wahrte und dir gestand, wie tief\ndein Bild in meinem Herzen wohnte, dass ich dich um Ge-\ngenliebe anflehte und den Sturm der Leidenschaft in deinen\nungetrübten Frieden warf, das ist ein Verbrechen, und ich\nwerde es büssen müssen!\"\n„ Wozu diese finstere Selbstqual, mein theurer Giovanni,\"\nsagte zärtlich Carlina. „Ich liebte dich auch, als ich dich\nsah, und ich besann mich keinen Augenblick, es dir zu ge-\nstehen, als du mich darum fragtest. Ist das Unrecht? Mein\nGewissen ist ruhig darüber. Und wäre es Unrecht bin\nich so schuldig, wie du.\"\n„ Nein, nein,\" rief der Kranke leidenschaftlich: „ die Schuld\nist nicht gleich. Du warst unwissend und arglos, du wuss-\ntest nicht, was du thatest. Ich kannte die Welt, ich wusste,\ndass ich arm war, dass ich erst um eine Stellung im Leben\nkämpfen und ringen musste, ehe ich ein Weib an mein\nSchicksal knüpfen durfte, dass ich, arm und unbedeutend,\nwie ich noch war, dir kein Glück bieten konnte. Meine\nPflicht war es, dich zu meiden, meine Liebe zu unter-\ndrücken, sie in meinem Busen zu verschliessen und an ihr\nzu verbluten, wenn es sein musste nimmer durfte ich\ndich an mich ketten. 0, ich empfand das nur zu lebhaft,\ndieses Pflichtgefühl band mir lange die Zunge, eine innere\nStimme rief mir fortwährend zu: du darfst nicht! Aber die\nLiebe war zu mächtig, ich unterlag.\"\nCarlina erhob sich, setzte sich neben ihn, schlang ihren\nArm um seinen Nacken und sagte mit Thränen die\nnicht vom Schmerze allein erpresst wurden : „und ich\nsoll dir zürnen, weil du mich zu sehr liebtest? Wohl war\nich arglos und fröhlich, wie Kinder sind, aber glücklich\nwar ich nicht. Was Glück ist, lernte ich erst, als ich in\ndein Auge sah, als du sagtest: ich liebe dich, als mein Herz\nan dem deinigen schlug. Du hast mich glücklich gemacht,\nmein Giovanni, unendlich glücklich, und darüber machst du\ndir Vorwürfe?\"\n„ Ich habe dich entführt aus dem Hause deiner Eltern,\"\nerwiderte Giovanni mit dumpfer Stimme: „dießecht hatten,\nals sie ihre Tochter einem armen, unbekannten Musiker\nnicht geben wollten, die meiner mit Abscheu und deiner\nmit Zorn gedenken; ich habe dich herausgerissen aus der\nBehaglichkeit des Lebens und in diese arme Hütte geführt,"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "155", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.3", "texte": "wo du Entbehrungen dulden musstest, und jetzt bin ich\nkrank und elend geworden, unfähig zu erwerben, und\nschon steht die Noth vor unserer Thür und wird dich bald\nerfassen mit ihren eisigen, eklen Fingern. Der Fluch deiner\nEltern, den sie auf mein Haupt geschleudert haben mögen,\nist in Erfüllung gegangen, aber er trifft dich mit und\ndoch sagst du, ich habe dich glücklich gemacht?\"\nCarlina hatte den Arm von ihm weggezogen und den\nBlick zu Boden gesenkt. Die Thränen, die jetzt in ihren\nAugen perlten, waren nur vom Schmerz hervorgerufen.\nDie Erinnerung an ihre Eltern, an ihre Flucht aus deren\nHause fiel ihr schwer auf die Seele. Wohl hatte sie in ein-\nsamen Augenblicken mit beklommener Brust an Vater und\nMutter gedacht, und ihr Gewissen war mit Vorwürfen nicht\nsparsam gewesen. Aber die Liebe in dem Busen eines jun-\ngen Weibes ist mächtiger als alles Andere; sie hatte immer\nGründe gefunden, sich zu rechtfertigen, und sorgfältig vor\nihrem Gatten verborgen, was sie insgeheim zuweilen quälte.\nAuch jetzt besiegte sie rasch ihre Thränen, und mit den\nzärtlichsten W orten, wie sie nur die Liebe findet und lehrt,\nsuchte sie ihn zu beruhigen. Es gelang ihr nur halb. So\nlange die geringen Ersparnisse Giovanni's vorgehalten hat-\nten, war dieser in Hoffnung auf baldige Genesung und die\ndamit gegebene Möglichkeit zu erwerben, zuversichtlicher\ngewesen. Seine geliebte Carlina war auch seine gelehrige\nSchülerin und, mit seltenem Talente begabt, hatte sie es\nin der Kunst, die Geige zu spielen, zu einer bedeutenden\nFertigkeit gebracht. Ihr Ton war so rein, so voll, ihr Spiel,\nihr Vortrag so durchgeistigt, so voll Ausdruck und Seele,\ndass Giovanni mit Entzücken ihre Fortschritte beachtete\nund im Anfange seiner Krankheit war es ihr Spiel ge-\nwesen, das ihn erheiterte und sein Siechthum leichter tra-\ngen liess. Aber was sollte jetzt geschehen ? Seine Krank-\nheit gab noch keine Hoffnung zur Genesung, und sie wa-\nren auf dem Punkte angelangt, wo die ersten Bedürfnisse\ndes Lebens mangelten. Carlina, schon lange ahnend, dass\nes bald dahin kommen müsse, hatte ihm schon mehrmals\nden Vorschlag gemacht, sie wolle mit ihrer Geige hinaus-\nziehen und öffentlich spielen, aber nie hatte er eingewilligt.\nDas junge, schöne, unerfahrene Weib, die ausser ihrem\nelterlichen Hause und seiner bescheidenen Wohnung nichts\nvon der Welt kannte, sollte er hinausgehen, sich Preis ge-\nben lassen den begehrlichen Blicken der Männer und deren\nAnfechtungen ein kalter Schauer, das entsetzliche Re-\ngen der Eifersucht war ihn jedesmal überkommen, so oft\ndie arglose Carlina diesen Gedanken geäussert, und er hatte\nihn entschieden zurückgewiesen. Doch jetzt waren sie auf\ndem Punkte der zwingenden Noth angelangt wird er\nihn noch lange zurückweisen können?\n(Fortsetzung folgt.)\n\nFür Studirende\nvon\nBeethoven's Glavier-Musik,\nist der Titel eines längeren Aufsatzes, den A. Schindler\n1849 als Manuscript für seine Freunde drucken liess. Der\nVerfasser hat uns gestattet, den folgenden interessanten\nAbschnitt dieses Aufsatzes durch Wiederabdruck auch dem\ngrösseren Publicum mitzutheilen.\n„Beethoven als Ciavierspieler bekannte sich zur Clemen-\nti'schen Schule, davon ausser einem kleinen Hefte für An-\nlänger, Methode pour le Pianofortbetitelt, kein grösseres\ntheoretisches Werk existirt, ein praktisches jedoch Cle-\nmenti selbst in seinem Gradus der Musik-\nWeit vorgelegt hat. Es steht indess bei den meisten Fach-\nmännern die Ueberzeugung fest, dass Clementi's unmittel-\nbarer Schüler, John Cramer, benanntes Werk in seinen\n84 Etüden weit übertroffen hat, aus deren Inhalt die\nIlaupt-Eigenthümlichkeiten dieser Schule, nicht minder\nsämmtliche Vortrags-Regeln sicherer und bestimmter sich\nabstrahiren lassen, als aus dem\n\n*) Im Jahre 1842 sah ich den würdigen Cramer sehr viel in\nParis, theils in seiner Wohnung, theils am Piano meiner\nSchülerin, Bertha Hansemann. Oft war dieses sein immer\nbleibendes Werk der Gegenstand unserer Conversation. Er\nbeklagte sich, dass die Clavierlehrer immer noch nicht den\nrechten Schlüssel hierzu gefunden, indem sie selbes nur als\nblosse Finger-Uebungen behandelten. Das ist aber seine Schuld.\nEr hätte wissen sollen, dass es des gewöhnlichen Musikers\nSache nicht ist zu denken, zu forschen. Darum hätte Cramer\nZweck und Behandlung jeder Nummer mit Worten erklären\nmüssen, wie es später Moscheies in seinen 24 Etüden wohl-\nweislich gethan. Beethoven hat zum Behufc des Vortrags-\nStudiums für seinen Neffen die ersten Hefte der Cramer'sehen\nEtüden benutzt. Bei den vorzugsweise lehrreich scheinenden\nNummern hat er nebst Zweck und Behandlung im Allgemei-\nnen auch noch die (prosodischen) Kürzen und Längen der\nHaupt- und Neben-Noten, rhythmische und melodische (nicht\ngrammatische) Accente angemerkt, u. s. w. Das alles habe\nich mir gleichfalls acl notamgenommen und durch alle vier\nHefte noch genauer ausgeführt, womit Cramer ganz einver-\nstanden war. Diese wenigen, aber sicheren Weg zeigenden\nAnmerkungen Bcethoven's gelten als sichtbarer Beweis, wie\neine von ihm verfasste Clavierschule ausgesehen haben würde,\ndaran er um das Jahr 1820 zu gehen Lust hatte. Auch Herr\nDr. Gerhard von Breuning gibt S. 22 und 23 in Wegeler's\nNachtrag zu dessen biographischen Notizen über Beethoven\ndavon Zeugniss, indem er des Meisters eigene, direct an ihn\ngerichtete Worte anführt: „Ich hatte Lust, selbst eine Ciavier-"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "156", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.4", "texte": "Diese Schule bezeichnet Geist und Seele als Haupt-In-\ngredienzien des Vortrages, während in der Unzahl der\nnachgefolgten nur die Mechanik als oberster Zweck hinge-\nstellt wird. Wie hoch unser Beethoven Clementi's Ciavier-\nMusik erhoben, bemerkte ich schon S. 19 7 meines Buches,\nals ich auf des Letzteren Sonate: „Didone abbandonata.\nSeena Iragica\",aufmerksam zu machen Gelegenheit nahm.\nHier kommt nun mit Kurzem zu erwähnen, wie es mit\ndem Aesthetischen in Beethoven's Spiel ausgesehen bis um\ndas Jahr 1803, da Clementi, der „Schöpfer des neueren\nCiavierspiels und Vater der Ciavierspieler\", längere Zeit in\nWien verlebte. Das letzte Mal besuchte der greise Meister\n1827 (wenige Monate nach Beethoven's Tode), aus Italien\nkommend, die Kaisersladt und verweilte den Sommer über\nin dem nahen Baden. Dort suchte ich ihn fleissig auf, um\nmich über seine Werke belehren zu lassen. Dass Beetho-\nven's anbei oft gedacht worden, auch des anfänglich zwi-\nschen ihnen bestandenen Misstrauens, dessen Ferdinand\nRies in seinen Notizen ebenfalls erwähnt, war unfehlbar.\nSein Ciavierspiel schilderte Clementi in folgenden Worten:\n„Es war nur wenig ausgebildet, nicht selten ungestüm\n(brusque),wie er selbst, immer jedoch voll Geist.\"\nIn diesem Zustande fand es noch 1805 Cherubini,\nals er nach Wien gekommen, um seine Faniska dort zu\nschreiben, die er zum Frühling 1806 zur Aufführung\nbrachte. Er sowohl, wie seine Frau wussten mir 1841\nin Paris manches Drollige über Beethoven zu sagen. Ma-\ndame Cherubini bewahrte noch ihr wiener Tagebuch, aus\ndem sie mir viel Denkwürdiges über ihr Zusammensein mit\nBeethoven, über seine Persönlichkeit, Musik und über die\nersten Vorstellungen seiner Oper Leonore (Fidelio), denen\nsie beide im Theater an der Wien beigewohnt, mitgetheilt\nhat. Es verdient bemerkt zu werden, dass Madame mit ju-\ngendlicher Lebhaftigkeit das nicht immer zu lobende Be-\nnehmen des deutschen Meisters gegen die scharfe Kritik\nihres Gemahls zu vertheidigen sich bemüht, und sich nicht\ngescheut hat, ihre immer noch wache Sympathie für Beet-\nhoven auszusprechen. Ueber Beethoven's Ciavierspiel äusserte\nsich Cherubini dahin, er habe bei seinem fast ein volles\nJahr umfassenden Aufenthalte in Wien die Aufmerksamkeit\nBeethoven's öfters auf die Clementi'sche Schule gelenkt,\nund habe dieser derlei Winke immer dankend angenommen\nmit dem Versprechen, beim nächsten Vortrage werde er\nihn hoffentlich zufriedener sehen. In ähnlicher Weise sprach\nsich auch Cramer, der vor Clementi in Wien gewesen,\nüber Beethoven aus. Indess soll die Harmonie zwischen\nBeiden nicht immer die reinste gewesen sein *). Ich muss\nes sehr bedauern, nicht vor Abfassung meiner Ausgabe das\nGlück genossen zu haben, mit Cherubini und Cramer per-\nsönlich zu verkehren. Obwohl Ersterer kein zärtlicher\nFreund von seinem deutschen Zeitgenossen gewesen, wo-\nmit er gar nicht hinterm Berge hielt, hörte ich doch man-\nches Specielle aus Beider Munde, was in jeder Hinsicht als\nBelehrung gelten musste.\nSicher ist es, dass Clementi's Rathschläge und Cheru-\nbini's Winke tiefen Eindruck auf Beethoven gemacht, und\nsein ferneres Streben zeigte, wie er es zu würdigen ge-\nwusst. Dass dieses aber erst in den ersten Jahren seiner\ndritten Lebens-Periode möglichst fruchtbringend geworden,\näusserte ich bereits S. 228 des musicalischen Theiles mei-\nnes Buches, und hat vielleicht die gewaltige Tonfülle seines\nenglischen Flügels, den ihm Clementi, Cramer und Ries\nverehrt hatten, nicht wenig hierzu beigetragen. Das zuneh-\nmende Ohren-Uebel war jedoch auch hierbei ein nicht zu\nbeseitigendes Hinderniss, welches der vollendeten Schönheit\nseiner Vorträge Eintrag gethan hat, daher in diesem Punkte\nimmer zu wünschen übrig blieb. Es konnte sich demnach\nseine unmittelhare Belehrung über seine Werke weniger\nauf deren feinere Schattirung, wohl aber auf ihren Inhalt,\nauf Umriss und Hervortreten einzelner Formen, resp. Sätze,\nund auf das jeder bedeutenden Stelle angemessene Tempo\nausbreiten.\nVon Clementi hatte Beethoven gehört, wie dieser nach\nlangem Umhersuchen und Forschen nach positiven Regeln\nzum Vortrage endlich in seiner Gesangskunst die Mittel\nund Wege gefunden. Als selbst gebildeter Sänger versuchte\ner die Prosodie der Sprache und die Regeln der Wort-\nund Gesang-Declamation in die Instrumental-Musik hinüber\nzu tragen. Dadurch gelangte er dahin, dass sein Vortrag\nselbst Gesang ward, und in gewissen Werken, wo es galt\nbesondere Seelen-Zustände darzustellen, z. B. in seiner Di-\ndone abbandonala,zur verständlichen Rede sich gestaltet\nhat. Mir zeigte Clementi die unerlässliche Nothwendigkeit\nzum ausdrucksvollen Vortrage, bei jeder Melodie zu wissen,\nwelches von den verschiedenen Versmaassen, deren sich die\nMusik bedient, der Melodie unterlegt werden könne, ob\ndas jambische, das trochäische u. s. w., wegen Verlegung\n\nschule zu schreiben; doch land ich nicht Zeit dazu; ich hatte\naber etwas ganz Abweichendes geschrieben.\"\n*) Der Grund war kein anderer, als dass einige Freunde Beel-\nhoven's ihn ernstlich angingen, mehrere Werke, noch im Ma-\nnuscript, von Crarner öffentlich vortragen zu lassen. Dies er-\nregte Beethoveivs Eifersucht und gegenseitige Spannung. Doch\nverminderte dieser Zwischenfall keineswegs Beethoven's Hoch-\nachtung für Cramer's Person und Kunst."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "157", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.5", "texte": "der Haupt-Accente und der Cäsur, von welcher auch im\nVortrage der Instrumental-Musik, vornehmlich im freien\nVortrage, Kenntniss genommen werden müsse. (Siehe §.\n177 in Schilling's Aesthetik der Tonkunst.) Clementi ver-\ndanke ich die gründliche Kenntniss des rhythmischen\nund melodischen Accents und seiner musicalisch-rhe-\ntorischen und ästhetischen Bedeutung, in directer Beziehung\nauf den Sinn des hier vorstehenden Satzes. Keine der vie-\nlen gedruckten Schulen spricht davon. Er machte mich\naufmerksam, dass im Vortrage, besonders des vierstimmi-\ngen Satzes, die die Melodie führende Note, sie stecke in\nwelcher Stimme immer, hervortreten müsse; eben so, dass\nin Passagen und Gängen das Skelett der Melodie, die oft-\nmals in Melismen und Verzierungen tief verborgen liege,\nmit dem in Bass-Figuren verborgenen und sie tragenden\nTone hervorzuheben sei, sonst würde die Passage zum\nleeren Geklinge; ferner noch, dass in Passagen und Gän-\ngen die Längen und Kürzen hörbar nuancirt werden müs-\nsen, wären sie auch nicht geschrieben. (Siehe Cramer's 84\nEtüden.)\nClementi schärfte mir ferner nachdrücklichst die Dop-\npel-Bedeutung des physischen (oder materiellen) und\npsychischen Anschlags ein. Unter letzterem versteht\ner die im Geiste berechnete Tonfülle, bevor noch der Fin-\nger die Taste berührt. Der psychische Anschlag findet vor-\nzugsweise seine Anwendung im und Da\nwird er die Bedingung, die beabsichtigte Wirkung erreichen\nzu können. Dies ist zugleich der einzige Weg zur Ton-\nbildung, dessen bisher auch noch keine der Schulen er-\nwähnt hat. Der grosse Sänger auf den Tasten, der das sel-\ntene Glück genoss, die letzte Entwicklungs-Phase unserer\nheutigen Musik zu durchleben und immer thätig mitzuwir-\nken, verglich diese Doppel-Bedeutung mit dem physischen\nund ästhetischen Athemholen, was die gute Gesangschule\nzwar lehrt, von sehr wenigen Sängern aber gekannt ist.\nDabei erinnerte sich Clementi, dass er seiner Zeit auch mit\nBeethoven über den Punkt des Anschlages gesprochen\nhabe; dem war so, denn dieser hat die Belehrung treu be-\nwahrt und thunlichst weiter verbreitet. Beigehend wäre\nnoch zu bemerken, wie Clementi bei seiner letzten Anwe-\nsenheit zu Wien sich in bündiger Weise verwahrt hat ge-\ngen die Art und Weise des Clavierspiels, womit man ihn\ndaselbst regalirte. Er wollte es nicht auf seine Rechnung\ngesetzt wissen.\nMit der Lehre der rhythmischen Gliederung, der Ac-\ncentuation und des Anschlages verhält es sich überhaupt\nwie mit der Lehre der Perspective und Optik. Es können\ndiese in einer Stande Zeit gelehrt werden; es gehören\naber Jahre unablässigen Studiums dazu, bis sie in ihren\nunzähligen Beziehungen zur Natur und Kunst wahrhaft\nkünstlerisch in Anwendung gebracht werden können. Wird\nmit dieser Lehre nicht schon in der Zeit des ersten Unter-\nrichtes begonnen, so wird späterhin nichts oder nur sehr\nwenig damit erreicht werden. Auch müssen dem Lehrer die\nmancherlei Kunstgriffe bekannt sein, vermittels deren diese\nLehre beim Schüler sicheren Eingang findet. Theorie und\nPraxis müssen sich dabei mit dem Individuum in Eins ver-\nwachsen. Wer den Muth hätte, zu behaupten, dass\n\"/100 der Ciavierspielenden von diesen ersten Erfordernis-\nsen des Vortrages keine oder zu wenig Kenntniss besitzen,\nwürde durchaus kein Wagniss begehen, aber eine klägliche\nSeite des Musiktreibens blossstellen. Und dies war das\nSchicksal des Pianoforte zu allen Zeiten. Verdeckt wohl\nheut zu Tage Einer und der Andere seine Unwissenheit\nin moderner Musik, die bloss auf mechanische Fertigkeit\nberechnet ist, so wird diese alsbald dem Kenner sich offen-\nbaren, sobald er mit classischer Musik hintritt. Diese ist\nder Probirstein von dem Gehalte der Bildung, wie die\nGluck'sche und Mozart'sche Gesang-Musik gegenüber der\nmodernen italiänischen immerhin der Probirstein sein wird\nfür den Sänger, der auf höhere Bildung Anspruch machen\nwill. Grund ist die darin herrschende Bestimmtheit\ndes Ausdruckes, die an den Sänger so hohe Anfor-\nderungen stellt.\nAls nicht uninteressante und Gedanken anregende Pa-\nrenthese führe ich hier an, wie Clementi bei unseren Zu-\nsammenkünften in Baden sich wiederholt in wehmüthigen\nWorten über die Fruchtlosigkeit aller seiner Bemühungen\num ein schönes, edles Clavierspiel ausgelassen hat. Weiss\nGott, in unserem Deutschland ist kaum eine merkliche Spur\ndavon zurückgeblieben! Wohl hatte er guten Grund dazu;\ndenn fand sein und seiner Jünger Bestreben schon an dem\nlangfingerigen Bravour-Spieler Woelffl (der auch ein\nHauptgegner Beethoven's gewesen) einen gefährlichen An-\ntipoden, der es verstand, die Sinnlichkeit der Zuhörer zu\nerregen und von Edlerem abzuziehen, so ward bald darauf\ndurch Hummel und Moscheies eine Bichtung einge-\nschlagen, die bei der bereits allgemeineren Verbreitung des\nCiavierspiels zum sicheren Verderben führen konnte. Die\nEreignisse im dritten und vierten Jahrzehend haben uns\nsattsam bewiesen, bis wohin die Abweichung von der wah-\nren Schönheit getrieben werden könne. Unter allen da ge-\nwesenen Koryphäen des Ciavierspiels waren es Chopin\nund Thalberg allein, die einem Ideale nachstrebten, die"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "158", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.6", "texte": "Gesetze der Aesthetik kannten und fortan bemüht waren,\nselbe in ihren Vorträgen zur Geltung zu bringen. Kalk-\nbrenner verliess frühzeitig diese ehrenwerthe Bahn und\nbeförderte die neueste Mode, die ihm dafür Küche und\nKeller reichlich gefüllt hat. Sein Ton blieb jedoch unver-\nändert stark und männlich. Moscheies bemühte sich in\nseinen späteren Jahren, seinem Spiele Würde und inneren\nGehalt zu geben. Er ahnte etwas Höheres, eine Objectivität\nin der Musik, wie es seine „JE und\nandere Compositionen zeigen. Freilich entnahm er das Ob-\nject der Darstellung aus der Sinnen weit, nicht aus der In-\nnerlichkeit des Seelenlebens. Seine Antecedentien, sein\nFlitterstaat, in den er seine Künstler-Jugend eingehüllt,\nliessen späterhin die bessere Erkenntniss nicht mehr zum\nDurchbruch kommen. Er rang vergeblich, das Grossartige\nin Thalberg's Spiel nachzuahmen; sein Spiel blieb klein\nund erhob sich nicht zur poetischen Darstellung. Und den-\nnoch scheute er sich nicht, in Beethoven's Clavier-Werken\nals Autorität aufzutreten, selbe sogar zu metronomisiren,\nnachdem er des Schöpfers Hand nicht ein einziges Mal auf\nden Tasten gesehen hatte, auch mit keinem Worte von\nihm darüber belehrt worden war. Ueber diese Heldenthat\nward bereits am anderen Orte berichtet und der verdiente\nLohn zugemessen.\nUeber L i s z t' s positive oder negative Wichtigkeit für\ndie Tonkunst, resp. für das Piano, dürften nachstehende\nWorte aus Göthe's Einleitung in die Propyläen Anstoss\nzur Diseussion geben: „ Der echte gesetzgebende Künstler\nstrebt nach Kunst-Wahrheit, der gesetzlose, der einem\nblinden Triebe folgt, nach Natur-Wirklichkeit; durch jenen\nwird die Kunst zum höchsten Gipfel, durch diesen auf ihre\nniedrigste Stufe gebracht.\" Ob Liszt mehr denn Einer\nsich der inneren Notwendigkeit einer objectiven Auffassung\nverschiedener Werke Beethoven's bewusst ist keine\nIrage. Wer könnte seine ausgezeichneten Fälligkeiten ver-\nkennen? Allein Ueberschwänglichkeit an Subjectivität, Man-\ngel an Selbstbeherrschung, unzureichende ästhetische Bil-\ndung waren (und verbleiben vielleicht fortan) die positiven\nund negativen Quellen, aus denen die widrigen Zerrbilder,\noder, wenn man will, Convenienz-Musik-Darstellungen, her-\nvorgegangen, die er auf Rechnung des Deethoven'schen\nGenius zu stellen beliebte. Die Kunstgeschichte dürfte\neinstens die Erscheinung dieses sehr überschätzten Künst-\nlers nicht unpassend mit dem Leuchten einer Sternschnup-\npe vergleichen. Nicht der Feind, sondern der alte Freund\nspricht hier wieder, der der geistigen Entwicklung des\nKindes nahe gestanden und Theilnahme dem jungen Ta-\nlente auf mannigfache Weise bewiesen hat.\nNur äusserst selten geben Natur und Schicksal Alles,\num damit einen grossen Menschen zu bilden. Das erfuhr\nauch Liszt. Indem ihm die Natur einen klugen, wissen-\nschaftlich und kunstgebildeten Mann zum Vater und Füh-\nrer gegeben, konnte unter dessen Auspizien die einstige\nkünstlerische Grösse des Sohnes mit ziemlicher Sicherheit\nerwartet werden. Das Schicksal fügte es jedoch anders.\nAuf dem Scheidewege der Erkenntniss zwischen Wahrheit\nund Schein angekommen, sieht sich der Jüngling allen Ein-\nflüssen von Wind und Wetter der fashionablen pariser Sa-\nlons Preis gegeben; denn der Tod raffte ihm den Vater\nund Führer auf jener gefährlichen Bahn von der Seite.\nAls der schon berühmte Künstler im öctober 1841 mich\nzu Aachen aufsuchte, lag ihm mein Urtheil über sein Thun\nbereits im Drucke vor. Was ich darin offen auszusprechen\nAnstand nahm, hörte Herr Liszt bei dieser Gelegenheit\naus meinem Munde. Er bat mich, ihm drei Jahre Zeit zu\ngönnen, um einen anderen, ehrenvolleren Weg zum Par-\nnass betreten zu können. Ich gab ihm vier Jahre Zeit\nhierzu, hoffend, ein längerer Aufenthalt in Norddeutschland\nwerde ihn auf diesem neuen Wege erhalten und bestärken.\nBis jetzt hat diese Hoffnung nichts gerechtfertigt. Die wei-\nmar'sche Hofluft, in der Herr Liszt sich grossentheils be-\nwegt, war seinen guten Vorsätzen bis nun nicht gedeihlich.\nDemnach dürfte die gewünschte Metamorphose wohl nim-\nmermehr zu erwarten stehen, zumal auch Lebensalter und\nverhärtete Gewohnheit hindernd entgegenwirken.\nIch habe mich bei dieser Persönlichkeit darum länger\naufgehalten, weil fast die gesammte Musik-Welt schon vor\n25 Jahren bis vor Kurzem noch sich in grossen Erwartun-\ngen dabei vereinigt hatte. Nur Einer schüttelte den Kopf\nob der unvernünftigen Idolatrie, mit der die grosse Menge\nden „ wunderthätigen\" Knaben verfolgte; denn er kannte\naus eigener Erfahrung das allen Schoosskindern in ihrer\nEntwicklung und Erziehung Hemmende, ja, Gefährliche.\nEs war Beethoven. Aber auch darum noch verweilte ich\nbei dieser Persönlichkeit, weil dieser Blick auf den Bil-\ndungsgang eines bekannten grossen Talentes strebsamen\nKunstjüngern Stoff bietet, für sich eine lehrreiche Moral\ndaraus abstrahiren zu können."}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "159", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.7", "texte": "Aüs Wesel.\nff.\nDen 14. Mai 1854.\nDer Winter und mit ihm die Concert-Saison liegt hin-\nter uns. Die Capellmeister schliessen Partitur und Tact-\nstock weg, die Orchester-Diener holen die ausgetheilten\nStimmen und rückständigen Beiträge ein, die Cassirer\nschliessen ihre Bilanz über Einnahme und Ausgabe, und die\nReferenten über Auf- und Ausführung der Statt gefunde-\nnen Concerte ab. Was nun unser Wesel betrifft, so\nhat der erstgenannte Rechnungs-Ableger des hiesigen Mu-\nsik-Vereins, was die Einnahme angeht, keine sehr grosse\nArbeit; denn es ist bei unserem Publicum wohl Sinn,\naber kein Geld für Musik vorhanden, so dass die Einnah-\nmen der Concerte nie die Ausgaben decken und letztere\ndaher die Vereins-Casse stark in Anspruch nehmen. Damit\nist natürlich dem Gedeihen des Vereins in mancher Be-\nziehung ein Hemmschuh angelegt; die Anschaffung neuer\nMusicalien muss eine sehr beschränkte bleiben, und von\nGewinnung berühmter Solo-Kräfte für einzelne Concert-\nAbende kann vollends nicht die Rede sein. Um so an-\ngenehmer ist es aber für den Referenten berichten zu\nkönnen, dass trotzdem unser Verein in dem regen Eifer\nseines Dirigenten, Herrn Lange, den thatkräftigen Be-\nmühungen seines Vorstandes und der Liebe zur Kunst\n*\nvon Seiten seiner Mitglieder eine sichere Bürgschaft seines\nBestehens hat, wie er denn auch sichtbar aufblüht und er-\nfreuliche Beweise seines Studiums classischer Tonwerke\nin regelmässigen Concert-Aufführungen ablegt. Eine ge-\ndrängte Aufzählung der in den vier Jahren seines Beste-\nhens, in den jährlichen (sechs) Abonnements-Concerten,\naufgeführten grösseren Orchester- und Gesangs-Werke\nmöge dazu als Beleg dienen.\nVon Orchester-Werken wurden aufgeführt: Beet-\nhoven's C-moll-und D-duund Mendelssohn's\nA-dur-Sinfonie; Ouvertüren von Mozart und\nMendelssohn. Von Gesangs-Werken: „Der Mes-\nsias\", „Die Jahreszeiten\", Mozart's Requiem,\nSchumann's „Der Rose Pilgerfahrt\" und „Kö-\nnigssohn\", Mendelssohn's „Elias\", „Paulus\",\nSinfonie-Cantate, Der 42. Psalm, Walpurgis-\nnacht, 3 geistliche Lieder mit Alt-Solo, Finale\nzur Loreley, Hymne für Sopran-Solo und Chor,\nLauda Sion, Hiller's „Gesang der Geister über\nden Wassern\" und „0, weint um sie\", Finale\naus dem „Freischütz\", Radziwill's Musik zu\n„Faust\", Hymne von Spohr und von C. M. v. We-\nber; ausserdem viele Cantaten, Chor- und Solo-Lieder\nvon Mendelssohn, Hiller, Schumann, Feska u. A. m.\nDer Raum, der uns in diesen Blättern zugemessen wer-\nden kann, erlaubt nicht, näher auf die Ausführung in den\neinzelnen Concerten einzugehen. Wir wollen nur bemer-\nken, dass, so weit wir den Auflührungen beigewohnt haben,\ndie Präcision und Sicherheit der Chöre dem Dirigenten\nund dem Fleisse der Mitwirkenden stets Ehre gemacht hat,\nund auch die Soli den Anforderungen vollkommen genüg-\nten, die man in einer Provincialstadt machen kann.\nSchliesslich erwähnen wir noch, dass auch in Kam-\nmermusik in diesem Jahre ein recht erfreulicher Anfang\ngemacht worden ist, indem in mehreren, von Herrn Lange\nveranstalteten Soireen Quintette, Quartette und Trios von\nBeethoven, Haydn, Mozart, Onslow und Schumann, wenn\nauch vor einem nicht gerade zahlreich versammelten Publi-\ncum, aufgeführt wurden.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliölii. Die Rheinische Musikschule, die mit Ostern in das\nfünfte Jahr ihrer Wirksamkeit getreten, und die mit Genugthuung\nauf die Erfolge ihrer bisherigen Thätigkeit und auf die wachsende\nZahl ihrer Schüler und den wachsenden Umfang ihrer Unterrichts-\nfächer blicken kann, hat im Laufe des verflossenen Winters von\nSeilen der hiesigen Königlichen Regierung eine Anerkennung er-\nhalten, welche mit Freuden begriisst werden muss, um so mehr,\nwenn sie für die Zukunft eine thätigere Theilnahme von Seiten des\nStaates für das verdienstliche, aus Privatmitteln erhaltene Institut\nerwarten lässt. Es ist nämlich das Lehrer-Collegium der Schule als\nPrüfungs-Commission für alle diejenigen bestellt worden, welche\nim Regierungs-Bezirke Köln Musik-Unterricht gewerbweise zu er-\ntheilen beabsichtigen. Zugleich ist die Aussicht eröffnet worden,\ndass demnächst auf die ganze Provinz die genannte Commission in\ngleicher Wreise ihre Prüfungen ausdehnen solle.\nHerrn Karl Reinecke, der in diesen Tagen nach Barmen\nübersiedelt, wurde im Saale des Casino ein Abschiedsessen gege-\nben, bei welchem seine zahlreichen Freunde ihm ihr Bedauern\nüber sein Scheiden und die besten Wünsche für sein ferneres\nWohl aussprachen.\nKomi. Unser Beethoven-Verein hat durch die Veränderung\nseines Locales eine wesentliche Verbesserung erfahren. Es finden\nnämlich seine wöchentlichen Versammlungen seit Kurzem in dem\ngrossen Saale der Lese-Gesellschaft Statt, welcher mit anerkennens-\nwerther Bereitwilligkeit zu diesem Zwecke hergegeben wird. Dieser\nUmstand ist vorteilhaft für alle Theile, sowohl für die Productio-\nnen des Orchesters als auch für die besuchenden Mitglieder des\nVereins. Bei dem guten Geiste, von dem die Leiter dieses Instituts\nbeseelt sind, was wir hier namentlich auf die Wahl der aufzufüh-\nrenden Werke beziehen, lässt sich nicht bezweifeln, dass das In-\nteresse für diesen Verein stets noch in der Steigerung begriffen\nist, obwohl die Mitglieder-Zahl bereits eine ansehnliche Höhe er-\nreicht hat. Aber auch die technische Direction durch unseren Mu-\nsik-Director Herrn von Wasielewski trägt wesentlich da2u bei,\ndass das wirklich geleistet wird, was durch den Mitbegründer"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "160", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540520-01.1.8", "texte": "und ehemaligen Dirigenten des Vereins, Herrn Professor Bisch off,\nin so schöner Weise vorgezeichnet ward. Durch seine amtliche\nThätigkeit ist Herr von Wasielewski verhindert worden, sich häu-\nfiger als Virtuose auf seinem Instrumente, der Violine, zu produ-\nciren; um so mehr freuten wir uns, dass derselbe uns in einer der\nletzten Versammlungen des Beethoven-Vereins durch den wahrhaft\nkünstlerischen Vortrag eines David'schen Concertes erfreute. So\nsehr wir auch in den wiederholten, reichlich gezollten Beifall des\nzahlreich versammelten Auditoriums einstimmen, so müssen wir\ngestehen, dass wir dennoch die allgemeine, bedeutende und gründ-\nliche musicalische Bildung des Herrn von Wasielewski, die ihn\nganz besonders befähigt, einen Dirigenten-Posten nach allen Rich-\ntungen hin würdig auszufüllen, höher achten.\nHerr Aloys Ander hat in Darmstadt den günstigsten Erfolg\nmit seinem Gastspiele gehabt. Ausser den lebhaftesten Beifalls-Be-\nzeugungen Seitens des Publicums, die sich in Hervorrufen, in Wer-\nfen von Blumen und Kränzen kund thaten, erhielt Herr Ander\nvom Grossherzoge eigenhändig die goldene Verdienst-Medaille mit\ndem Bande für Kunst und Wissenschaft und von der Frau Gross-\nherzogin eine prachtvolle BrillantnadeL\nMessasa, 8. Mai. Am 3. Mai feierte die Th. Schneid er-\nsehe Musikschule ihr zweijähriges Stiftungsfest. Zur Einleitung\nund Eröffnung des Festes hatte ein Schüler der Musikschule, Ferd.\nDiedicke, einige ernste Worte zum Gedächtniss des grossen\nTodten Friedrich Schneider gesprochen. WTir haben nicht\nnöthig, Weiteres über die Schule selbst und deren Einrichtung zu\nberichten, und können dies bei denjenigen, welche Interesse da-\nfür haben, als bekannt voraussetzen: doch ist es uns eine ange-\nnehme Pflicht, den Bestrebungen des Herrn Th. Schneider die\nAnerkennung öffentlich auszusprechen. Möge er durch reichliche\nErfolge dafür belohnt werden! Eine Prüfung, die erste, welche\nam 20. v. Mts. Statt fand, hat uns schon einen erfreulichen Beweis\nfür die Wirksamkeit des Instituts gegeben. Es kamen bei dieser\nPrüfung Compositions-Versuche der Schüler zum Vortrag, und dann\nwurde das Instrumental-Zusammenspiel geübt. Im Allgemeinen kön-\nnen wir über die hier gezeigten Leistungen der Schüler nur Ver-\nbindliches sagen, wenn auch bisweilen, so besonders im Vortrage\neines Ilaydn'schen Triosatzes, der Schüler etwas zum Vorschein\nkam. Dagegen wurden wieder einige Stücke, so z. B. ein Trio von\nBeethoven, mit erstaunlicher Präcision executirt. Von Compo-\nsitions-Versuchen der Schüler kamen ein Quartettsatz von Fr.\nBartels, ein Lied für eine Singstimme mit Begleitung des Piano-\nforte von Ferd. Diedicke und ein Quarteitsatz von L. Grütz-\nmacher zur Aufführung.\nIn Hamburg hat ein Tenorist, Herr Friedrich Young,\ngastirt und sehr gefallen. Seine jugendliche, schöne Stimme wird\ngerühmt. Die Engagemenis-Anträge der dortigen Direction hat er\naber nicht angenommen. Dagegen hat Herr Eppich einen neuen1\nVertrag mit Hamburg abgeschlossen, der ihm 3500 Thlr. Gehalt,\n4 Thlr. Spiel-Honorar, sechsmal monatlich garantirt, ein mit 200\nThlrn. garantirtes Benefiz und einen Urlaub von einem Monate zu-\nsichert. Man sieht, eine gute Tenorstimme ist ein recht angenehmes\nCapital. Hamburg scheint überhaupt ein Eldorado für Sänger und\nSängerinnen zu sein. Auch Fräulein Liebhardt von der k. k.\nOper in Wien hat in Hamburg gastirt und grossen Beifall geärntet.\nWie gross dieser Beifall gewesen, mag aus dem Umstände hervor-\ngehen, dass ein hamburger Kunstfreund sich erboten hat, 12,000\nGulden Conventional-Slrafe für Fräulein Liebhardt zu zahlen, wenn\ndiese ihren Vertrag in Wien brechen und sich in Hamburg enga-\ngiren lassen wollte. So berichtet die Theater-Chronik. Ob's wahr\nist, wissen wir nicht.\nRossini wird im Juni nach Paris gehen.\nAm Mittwoch ist in Paris eine neue Oper von Scribe und\nVictor Masse gegeben worden, die den Titel führt: „Die Braut des\nTeufels\" (La fiancee du Dicible).\nDie Stadt Bordeaux hat die Summe von 600,000 Francs zu\neinigen Reparatur-Arbeiten ihres Theaters eines der schönsten\nin Europa votirt. Am 30. April, Abends IIV 2 Uhr, schloss die\nletzte Vorstellung und am folgenden Tage waren die Arbeiter\nschon am Werke.\nNach den übereinstimmenden Berichten der englischen Blätter\nund den directera Nachrichten aus London erfreut sich der Kölner\nMänne rge sang-Verein in London auch in diesem Jahre der\nfreundlichsten Aufnahme, eines zahlreichen Besuches und des leb-\nhaftesten Beifalles Seitens des Publicums."}]}