{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_sha256": "b1c8df0fcae8716e2d31f83c09025d97cdcea543d86c4894a35b548f754f850b", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/05/27_01/bmtnabi_1854-05-27_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-27_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "161", "page_fin": "165", "image_debut": 1, "image_fin": 5, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.2.1", "titre_corps": "Die Geigerin von Florenz.", "titre_sommaire": "Die Geigerin von Florenz.", "signature_source": "Roderich Benedix", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3971, "texte": "Die Geigerin von Florenz.\nNovellette.\n\n(Schluss statt Fortset7.ung. S. Nr. 20.)\n2.\nAn den Ufern des Arno lag eine reizende Villa, um-\ngeben von schönen Garten-Anlagen. Das Innere der Villa\nentsprach durch seine geschmackvolle, reiche, ja prächtige\nEinrichtung dem Aeussern derselben. Was nur die dama-\nlige Zeit an Gegenständen des Luxus kannte, an was nur\nüppiger Reichthum Freude hatte es war in der Villa\nzusammengebracht. Noth mussten deren Bewohner nicht\nkennen. Wer von aussen Garten und Haus betrachtete,\nwer zuerst die inneren Räume betrat, musste glauben,\nhier wohne das Glück. War dem so?\nEine hohe Frauengestalt, in schwarzen venetianischen\nSammt gekleidet und dicht verschleiert, durchschritt die\nGänge des Gartens. Sie kam von aussen und das Gebet-\nbuch in ihrer Hand rechtfertigte die Vermuthung, dass sie\naus der benachbarten Kirche komme, wo eben eine Abend-\nmesse beendet worden. Sie betrat das Gebäude und begab\nsich in einen luftigen Saal. Am Fenster setzte sie sich nie-\nder, legte den Schleier ab und schaute mit ernsten Blicken\nin die Landschaft, die vor ihr sich ausbreitete.\nEs war Bianca Capello, eine der gefeiertesten Schön-\nheiten Italiens. Ihre erste Jugendblülhe war zwar vorüber,\naber noch immer bewahrte sie eine stolze, königliche Schön-\nheit. Diese und der Geist, der aus ihren dunkeln Augen\nsprach, machten es erklärlich, dass sie ihren fürstlichen\nLiebhaber mit unzerreissbaren Banden an sich gefesselt hielt.\nJetzt war sie allein. Wer jetzt ihre Züge beobachtet\nhätte, würde Stolz und Ehrgeiz und manche andere Lei-\ndenschaft, das selige Bewusstsein des Glückes aber nicht in\nihnen gefunden haben.\nIhr Auge weilte auf den Schönheiten der Natur, aber\nihr Gedanke war nicht dabei; ihr inneres Auge warf einen\nBlick auf die Vergangenheit ihres Lebens. Sie kam aus der\nKirche zurück, in c!er sie eine Messe für die Seelenruhe\nihres Geliebten hatte lesen lassen, der fünf Jahre früher\nermordet worden war. Und der Mörder ihres Geliebten\nwar der Mann, der jetzt ihre Gunst besass.\nEs gibt Stunden in unserem Leben, wo sich uns die\nVergangenheit in lebhaftester Gestalt unwillkürlich auf-\ndrängt. Bild für Bild ziehen dann die Erinnerungen an das\nentschwundene Leben unserem inneren Gesichte vorüber.\nEine solche Stunde hatte eben jetzt Bianca. Sie sah\nsich im Geiste wieder in ihrer Heimat, in dem stolzen Pa-\nlaste zu Venedig, den ihre Eltern, den ältesten Geschlech-\ntern der Republik angehörig, bewohnten. Das Bild ihres\nersten Geliebten, Pietro Buonaventuri, stieg in ihrer Seele\nwieder auf, sie erinnerte sich lebhaft der Gluth ihrer dama-\nligen Leidenschaft, die sie verführte, mit ihm zu fliehen.\nSie entsann sich des ungeheuren Zornes ihrer Verwandten,\nja, des ganzen Adels von Venedig, über ihre Flucht, der\nsich durch dieselbe beschimpft wähnte; sie entsann sich\nder Verfolgungen, die über sie verhängt wurden, wie ihr\nName und der Name ihres Geliebten geächtet und demje-\nnigen ein Preis zugesichert ward, der Pietro ermorden\nwürde. Die Zeit wurde wieder lebendig in ihrem Innern,\nwo sie nach Florenz gekommen und hier beim Grossher-\nzoge Schutz gefunden. Sie dachte der Tage, als dieser\num ihre Gunst warb, ihren Geliebten, den sie geheirathet\nhatte, zu seinem Intendanten machte, und wie dieser selbst\nihr Verhältniss zum Grossherzoge geduldet, ja befördert\nhatte. Bittere Empfindungen beschlichen sie bei diesem\nBilde. Sie hatte Eltern und Vaterland der Liebe geopfert\naber die Liebe hatte dieses Opfer belohnt durch die\nEmpfindungen des höchsten Glückes. In Florenz hatte sie\ndie Liebe dem Ehrgeiz geopfert aber der Ehrgeiz hat\nkeine Macht, zu belohnen, wie die Liebe. Ihr Entführer war\nunwürdig dessen, was sie für ihn gethan; denn er überliess\nsie einem Anderen aus niedrigen Ursachen. Das ist der\nherbste Schmerz im Leben eines Weibes, die Erkenntniss,\nsich einem Unwürdigen geopfert, die erste Blüthe der Liebe,\ndas schönste Geschenk, das ein Weib hat, weggeworfen\nzu haben. Rasch eilte Bianca über diesen Punkt ihrer Er-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5022, "texte": "innoruhgen weg, sie scheute sich selbst darüber klar zu\nwerden. Noch rascher überging sie das Andenken an die\niunr er gti'sser werdenden Anmassungen und Unverschämt-\nheiten ihres Gatten gegen den Grossherzog, denen dieser\nendlich mit d em Dolchstobse eines gedungenen Mörders ein\nEnde gemacht halte. Sic warf einen Blick auf die Gegen-\nwart. Reichthum und Wohlleben umgaben sie, sie übte\neinen grossen Einfluss auf ihren fürstlichen Geliebten, und\nwer ihr nahte, schmeichelte ihr desshalb. Sie sah ihren\nEhrgeiz zum ! heil befriedigt aber doch nur zum Theil.\nDas still beseligende Gefühl des Glückes wohnte nicht in\nihrer Brust und lebhafter als je empfand sie das in die-\nsem Augenblicke. Sie erhob sich von ihrem Sitze und ging\nmit starken Schritten durch den Saal.\nFranzesco IL von Medici trat ein. Es war die Stunde,\nwo er sie zu besuchen pflegte. Auf den ersten Blick er-\nkannte er ihre Stimmung. „Welche.Wolken des Ünmuths\nauf deiner schönen Stirn\" fragte er.\nSie sah ihn lange durchdringend an; endlich sagte sie:\n„Wundert Ihr Euch darüber, gnädiger Herr, dass mich\nzuweilen der Trübsinn beschleicht?\"\n„Was könnte dir gerechten Anlass zum Trübsinn ge-\nben?\" erwiderte der Grossherzog. „Was vermissest du?\nMeine Liebe bestrebt sich, den leisesten deiner Wünsche\nzu erfüllen! Noch einmal: was vermissest du?\"\n„Eine Stellung, wie sie mir geziemt,\" antwortete sie\nmehr schwermüthig, als bitter. „Ich, die Tochter aus dem\nalten Hause der Capello, bin verbannt aus meinem Vater-\nlande, auf meinem Haupte lastet die Schmach der Aech-\ntung, einer entehrenden Verurtheilung.\"\n„Und ist dir meine Liebe kein Ersatz lür dieses\nMissgeschick?\"\n„Eure Liebe,\" sagte Bianca, „Eure Liebe, die Ihr öf-\nfentlich nicht anerkennen dürft? Zeigt Ihr Euch dem Volke\nbei öffentlicher Gelegenheit, so hat Eure Gemalin den\nPlatz an Eurer Seite ich darf nur aus verborgenem\nWinkel Euch in der Pracht des Grossherzoges sehen. Frei-\nlich, sie ist eine Erzherzogin von Oesterreich, sie ist Eure\nrechtmässige Gemalin ich bin nur Eure Geliebte!\"\n„Welche Gedanken,\" rief Franzesco unwillig, „was\nvergleichst du dich mit der stolzen und kalten Frau, die\nder Staats-Vortheil zu meiner Gemalin machte, und die\nmir nie geben konnte, was du mir gewährst, Liebe. Lass\nil.r die Pracht und die Befriedigung des Stolzes, Grossher-\nzogin zu sein begnüge dich mit dem stillen Glücke der\nLiebe, mit dem Gedanken, mich zu entschädigen für die\nOpfer, die ich als Mann und Mansch dem Wohle meines\nStaates bringen müssen. Du hast mir oft gesagt, dass die-\nser Gedanke dich beglücke, hast du mir auch gelogen?\"\nDes Grossherzogs Brauen hatten sicli bei diesen Wor-\nten immer düsterer herabgezogen. Bianca fühlte, dass ihr\nein Ausbruch seiner Heftigkeit drohe, dass sie nicht weiter\ngehen dürfe. Sie lenkte ein, sie brachte das Gespräch auf\nandere Dinge.\nAllein ungetrübte Heiterkeit wollte sich bei dem Paare\nnicht wieder einfinden, und der Grossherzog war im Be-\ngriile unmuthig seine Geliebte zu verlassen, als plötzlich\nunter dem Fenster des Saales, in dem sie sich befanden,\ndie Töne einer Geige erklangen, die nach und nach die\nAufmerksamkeit Beider mehr und mehr fesselten. Von wun-\nderbarem Ausdruck war das Spiel des ungesehenen Künst-\nlers. Wie eine weiche Liebesklage erklangen die reinen\nTöne in dem stillen Frühlings-Abend, dann nahmen sie das\nWesen eines tiefen Sehnens an; jetzt erschollen sie lockend\nund lieblich, dann ernst und schwermüthig. Als die Musik\nendigte, waren die beiden Hörer lebhaft ergriffen.\nSo hatte Franzesco noch niemals spielen hören. Er\nWollte den Künstler sehen. Ein ausgesandter Diener brachte\nnach kurzem Harren einen jungen Mann in das Zimmer,\nder etwas schüchtern seinem Führer folgte. Der Grossher-\nzog (orderte ihn auf weiter zu spielen. Der junge Mann\nthat es. Franzesco fühlte sich wunderbar mehr und mehr\nbewegt. Der Unmuth war aus seiner Seele geschwunden,\ndie Musik hatte ihre Zaubermacht an ihm geübt. Er fragte\nden jungen Künstler, wer er wäre. Dieser gab an, er sei\nein Musiker, der durch Unterrichtgeben seinen Unterhalt\ngewinne; er habe, rückkehrend von einem Schüler, der\nVersuchung nicht widerstehen können, bei dem schönen\nAbend sein Instrument erklingen zu lassen. Der Grossher-\nzog nahm die Antwort wohlgefällig auf, sagte ihm viel\nfreundliche Worte über sein Spiel, und erhob sich dann,\num ihm seine Börse zu reichen. Da stürzte Bianca plötzlich\nauf ihn zu und riss ihm die Heftel seines Wammses auf.\n„Es ist ein Weib, ich wüsste es wohl,\" rief sie dann mit\nflammenden Blicken, als Carlina's weisser Busen zum\nVerräther ihres Geschlechtes geworden war.\nPurpurroth vor Sehaam und zum Tode erschrocken,\nwandte sich Carlina um und floh wie ein gescheuchtes Reh.\nDoch sie sollte nicht entkommen. Der Thürhüter, der einen\njungen Menschen bestürzt davoneilen sah, hegte Verdacht,\ner habe sich etwas zu Schulden kommen lassen, und hielt\nsie fest. Da der Grossherzog ihr zu gleicher Zeit nachrief,\nso wurde sie wieder vor ihn geführt. Zitternd stand sie da,\ndie Augen zu Boden geschlagen, als erwarte sie das Urthci!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4976, "texte": "für ein Vergehen. Doch freundlich befragte sie Franzesco\nnach ihren wahren Verhältnissen, und Carlina konnte jetzt\nnicht umhin, dieselben anzugeben, so weit es nöthig war,\num ihre Verkleidung zu rechtfertigen.\nFreundlicher und freundlicher lauschte Franzesco ihrer\neinfachen Erzählung; sein Blick weille mit immer steigen-\ndem Wohlgefallen auf der jugendlichen Gestalt des schönen\nWeibes, dessen jungfräuliches Wesen einen unendlichen\nReiz für ihn besass. Er verhiess ihr seinen Schutz, seine\nUnterstützung, er drang darauf, dass ein so schönes Talent\nnicht in der Stille verkümmern solle, er versprach dafür zu\nsorgen, dass sie öffentlich auftreten solle und entliess sie\nendlich mit einem reichen Geldgeschenke.\nIn grosser Aufregung, geängstigt dass ihr Geheimniss\nvcrralhen sei, und erfreut über die reiche Aernte, die ihre\nKunst ihr getragen, eilte Carlina heim zu ihrem kranken\nGeliebten, und mancherlei Gefühle einer ihr fast unerklär-\nlichen Besorgniss und einer dieser widerstreitenden Hoff-\nnung begleiteten sie auf ihrem Wege.\nFranzesco nahm bald darauf Abschied von Bianca. Er\nwar auffallend zerstreut.\nBianca lachte laut auf in bitterem Hohne, als ihr Ge-\nliebter sie verlassen hatte. Ihr Auge flammte in zürnender\nWildheit, ihre feine weisse Hand war krampfhaft geballt\nhätte Carlina sie gesehen, sie würde gewusst haben,\nwesshalb sich Besorgnisse in ihrem Busen regten.\nWar es die Wuth der beginnenden Eifersucht, die in\nBianca tobte?\n3.\nDer Name Carlina Brocchi wurde seit einigen Ta-\ngen viel genannt in Florenz. Das Gerücht hatte den Auf-\ntritt in der Villa der Bianca Capetlo weiter bekannt be~.\nmacht, unter welchen Entstellungen, halben Andeutungen,\nan die sich Vermuthungen knüpften, lasst sich leicht den-\nken. Nichts reizt die Neugier eines Puhlicums mehr, als das\nplötzliche Auftauchen einer bis dahin unbekannten oder un-\ngenannten Persönlichkeit, von der abenteuerliche Dinge er-\nzählt werden. Es finden sich dann immer Einzelne, die\ndiese Person schon gesehen haben wollen und Neues von\nihr zu erzählen wissen. Das Urtheil der Menge schwankt\nhin und wieder, und je mehr es schwankt, desto eifriger\nwird erzählt, damit es ein festes werde.\nSo ging es mit Carlina Brocchi. Das Gerücht hatte\neinen ganzen Roman über die merkwürdigen Schicksale,\ndie sie schon erlebt haben sollte, und die sie endlich nach\nFlorenz verschlagen hätten, zusammengebraut, während sie\nselbst, ohne Ahnung davon, beschäftigt war ihren kranken\nGeliebten zu pflegen, und mit Hoffnung auf eine bessere\nZukunft und doch auch mit einem leisen Bangen der Stunde\nentgegen sah, wo sie öffentlich auftreten sollte.\nEine Künstlerin in unserer Zeit, die in einer ähnlichen\nLage wie Carlina wäre, würde im Concertsaale auftreten,\nwürde die neugierig musternden Blicke einiger hundert mit\nLorgnetten und sonstigen, Fernröhren ähnlichen Instru-\nmenten bewaffneten Augen auszuhalten haben, ein Applaus\nwürde sie empfangen und ermuthigen, kurz, alles das\nwürde geschehen, was ein gut gezogenes Publicum bei die-\nsen Gelegenheiten zu thun pflegt. Das Publicum am Ende\ndes sechszehnten Jahrhunderts war noch nicht so gut ge-\nzogen, ja, es gab eigentlich in unserem Sinne so wenig ein\nPublicum, als Concerte. Oeffentliche Musik konnte man nur\n\\\nin Kirchen hören, wenn man die Musik nicht mitrechnet,\ndie bei Festlichkeiten und beim Tanze, bei öffentlichen Auf-\nzügen und von kriegerischen Truppen ausgeführt wurde.\nCarlina konnte- also nicht anders öffentlich auftreten\nals in einer Gesellschaft, die der Grossherzog zu diesem\nZwecke einlud.\nDieser beeilte sich, Carlina wieder zu hören\n• % ' *\nund wieder zu sehen. Wenige Tage nachdem er sie zuerst\nkennen gelernt, spielte Carlina bei Hofe wie wir uns\nheute ausdrücken würden.\nSie machte in jeder Beziehung einen bedeutenden Eindruck.\nSchon dass sie Geige spielte, erregte allgemeine Ver-\nwunderung. Dieses Instrument ist selten von Frauen be-\nhandelt worden. Wie jetzt das Ciavier, wie vor lünfzig\nJahren und länger die Harfe, so war damals die Laute das\nInstrument, das Frauen spielten; die Geige blieb den Män-\nnern, wie es.-noch heute mit seltenen Ausnahmen der Fall\nist; Dann erregte ihre Erscheinung allgemeines Wohlge-\nfallen. Ihre grosse Schönheit, ihr Benehmen, in dem sich\nSchüchternheit doch mit einer gewissen. Unbefangenheit,\npaarte, übte einen zauberhaften Reiz. Und endlich ihr Spiel!\nWie voll, wie rein, wie schmelzend quollen die Töne unter\ndem Bogen hervor, den sie mit Anmuth führte. Sie spielte\nMusik von Goudimel, dem Lehrer Palestrina's, und anderen\nMeistern, deren Namen kaum der Geschichtskundige, deren\nWerke wohl selten jemand noch kennt.\nDie Stücke, die sie vortrug, waren bekannt, allein die\nZuhörer hielten sie für neu. So hatten sie dieselben noch\nnie vernommen. Mit solchem Ausdruck zu spielen, hatte\nman bis dahin für unmöglich gehalten.\n• Der lauteste Beifall belohnte die Künstlerin. Sie fühlte\nsich sonderbar gehoben dadurch. Zu gefallen, allgemein zu\ngefallen, dureh etwas so Schönes, wie eine Kunstleislung,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4757, "texte": "zu gefallen, ist eine erhebende Empfindung. Wer mag es\ndem jungen, kaum achtzehnjährigen Weibe verargen, wenn\nihr der Kopf schwindelte, wenn die rosigste Zukunft vor\nihren Augen gaukelte, wenn sie sich glücklich fühlte im\nVollgenuss des Augenblickes.\nAls sie heimkehrte, meinte sie den schönsten Tae ihres\n7 o\nLebens gehabt zu haben.\nEr war es auch gewesen.\nDie Zuhörer gingen in grosser Aufregung aus einan-\nder. Der Beifall war ein allgemeiner; den Grossherzog an\nder Spitze, hatten sie alle der schönen Künstlerin ge-\nhuldigt.\nNur eine Person hatte nicht eingestimmt in den allge-\nmeinen Jubel, nur ein Auge halte nicht aufgeleuchtet in\nfreudiger Begeisterung: es war das Bianca's. Das Lächeln,\ndas auf ihrem Angesichte schwebte, war ein bitteres, höh-\nnisches, unheildrohendes; aber Aller Blicke waren auf\nCarlina gerichtet gewesen, niemand hatte sie und ihr\nLächeln beachtet.\n4.\nJetzt sprach ganz Florenz von der schönen Geigerin.\nJedermann wollte sie hören. Es wurden Pläne gemacht,\nsie in irgend einer Art öffentlich auftreten zu lassen.\nDie Pläne waren umsonst; Carlina Brocchi hat nicht\nwieder öffentlich gespielt. Ob sie überhaupt wieder gespielt\nhat, wissen wir nicht, denn es hat sie niemand wieder ge-\nhört, der davon Nachricht geben könnte. Was ihr ferneres\nSchicksal gewesen, wir wissen es nicht, denn es hat sie\nniemand wieder gesehen, der darüber zu berichten wüsste.\nSo urplötzlich als Carlina in Florenz aufgetaucht war,\nso spurlos ist sie wieder verschwunden.\nEs ist damals viel über sie gefragt, geforscht worden\nin Florenz, und aus dem Fragen und Forschen haben sich\nmannigfache Gerüchte gebildet.\nWelcher Art diese Gerüchte waren, ist leicht zu er-\nrathen. Man kannte die Neigung des Grossherzogs für\nschöne Frauen, und dass ihm Carlina ungewöhnlich gefallen\nhatte, war offenkundig. Welche Mittel und Wege hat ein\nreicher Fürst nicht, ein Weib zu gewinnen! Schmeichelei,\nGeschenke List und Gewalt.\nDoch Carlina war so jungfräulich, so unschuldig, ihr\nAuge strahlte Reinheit, ihr Benehmen war so schüchtern,\nso entfernt von aller Gefallsucht. Wer sie gesehen hatte,\nhielt es für unmöglich, dass dieses Weib zu besiegen ge-\nwesen. Aber ist denn bloss Liebe eine Leidenschaft, die\nmächtige Hebel in Bewegung setzt? Gibt es nicht auch\nEifersucht? Hat Eifersucht nicht die furchtbarsten Waffen?\nIst die Eifersucht je in ihrer Rache befriedigt, als durch\nden Tod der Nebenbuhlerin ?\nEs sind viele Generationen ausgestorben, seitdem Car-\nlina Brocchi in Florenz verschwand. Wer vermöchte\nheute noch den Schleier dieses Geheimnisses zu lüften?\n5.\nEinige Jahre nach dem Verschwinden der schönen\nGeigerin sind verflossen. Es ist ein grosses Fest in Florenz.\nDes Grossherzogs Gemalin war gestorben, und Franzesco\nMedici reichte seiner geliebten Bianca die Hand, er erhob\nsie zur Grossherzogin. Die Vermälung wurde mit grossen\nFestlichkeiten begangen. Die Republik Venedig nahm den\nSchimpf und die Schmach zurück, die sie einst auf das\nHaupt der entlaufenen Bianca Capello gehäuft hatte; sie\nfühlte sich geehrt, dass ein mächtiger Fürst eine Edle aus\nihren Geschlechtern auf seinen Thron erhob und adoplirte\ndiese durch feierlichen Act als Tochter der Republik. Eine\nGesandtschaft von neunzig Nobili ward nach Florenz ge-\nschickt, um diesen Beschluss feierlich kund zu thun und\nder neuen Grossherzogin die Huldigungen der stolzen\nMeer-Beherrscherin darzubringen.\nEs war ein Fest, wie noch keines in Florenz gesehen\nworden, als die Vermälung Statt fand. Eine Pracht, wie\nder reiche Medicäer dabei entwickelte, war bis dahin\nunerhört,\nAis Bianca in feierlichem Aufzuge durch die Stadt ge-\ntragen wurde, als die neunzig Edlen ihrer Vaterstadt vor\nihr her ritten, und das Volk seine Evvivas der neuen Gross-\nherzogin zujubelte, leuchtete ihr Angesicht von befriedig-\ntem Stolze. Sie hatte jelzt Alles erreicht, was sie je errei-\nchen konnte. Holdselig grüsste sie nach allen Seiten und\nnichts störte die Feier ihres schönsten Lebenstages.\nNur einmal gerieth der feierliche Zug etwas ins Stocken,\nallein das Hinderniss ward rasch beseitigt.\nEs war auch nur ein unbedeutendes Hinderniss, der\nLeichenzug eines armen Mannes, der, aus einem Quergäss-\nchen kommend, auf den Hochzeitszug stiess. Die schwarz\nverhüllten barmherzigen Brüder, welche den Todten zur\nRuhe begleiteten, passten allerdings wenig zu den reichge-\nschmückten Festgenossen, die in den buntesten Farben prang-\nten. Allein der Eindruck, den das Kreuzen zweier so ver-\nschiedener Züge machte, war bald verwischt, der alige-\nmeine Jubel ward nicht lange geslört.\nZwar kannte beinahe ganz Florenz den Todten, dessen\nunscheinbarer Sarg so ungelegen auf den Zug der Freude\nstiess, allein sein Hinscheiden betrübte auch nicht eine theil-\nnehmende Seele, nicht ein geliebtes Wesen vermisste den"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1082, "texte": "Dahingeschiedenen; er hatte sehr einsam im Leben gestan-\nden, und niemand sprach wieder von ihm.\nUnter dem Namen des wahnsinnigen Geigers halte man\nin Florenz den Todtcn gekannt.\nOb er den Namen eines Wahnsinnigen in der That\nverdiente? Er war still und in sich gekehrt gewesen und\nhatte niemandem etwas zu Leide gethan. Mit seiner Geige\nwar er still von Thür zu Thür gezogen und hatte den\nLeuten kleine Musikstücke vorgespielt, die er aber nie zu\nEnde bringen konnte die Melodie verwirrte sich immer,\nwenn es zum Schluss kam, und er endigte mit einem gel-\nlenden Misslaut. Hatten die Leute ihm ein Geschenk gege-\nben, so hatte er immer nur gefragt: „Habt Ihr Carlina nicht\ngesehen?\" Niemals war ihm ein anderer Bescheid gewor-\nden, als: nein, nein, nein! Dann hatte er aus tiefster Brust\neinen Seufzer herausgestossen, eine Thräne war über sein\nbleiches, eingefallenes Gesicht herabgerollt, und er war\ntraurig weiter gegangen.\nDer war es, den sie begruben, als Bianca Capello\nGrossherzogin von Toscana wurde! Ob ihm anderwärts\nauch mit „Nein\" geantwortet worden?\n\nRoderich Benedix."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-27_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "165", "page_fin": "166", "image_debut": 5, "image_fin": 6, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.2.2", "titre_corps": "Berliner Briefe.", "titre_sommaire": "Berliner Briefe.", "signature_source": "G. E", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.5", "debut_caractere": 1084, "fin_caractere_exclue": 4930, "texte": "Berliner Briefe.\n\nDen 14. Mai 1854.\nIch habe noch Einiges nachzuholen von der verflosse-\nnen Concert-Saison und beginne mit einem Berichte über\ndie fremden Künstler, die wir diesmal zu hören Gelegen-\nheit hatten. Es waren dies Jenny Lind-Goldschmidt\n*J\nnebst 011 o G o I d s ch mi d t, V i eu x t e m p s, die Gebrü-\nder Wieniawski, Wilhelmine Clauss und La-\ncombe. Jenny Lind gab im Ganzen fünf Concerte\nmit glänzendstem Erfolge und zum Leidwesen aller ihrer\nConcurrenten, da das Publicum seine Geldmittel bei ihr\nerschöpfte. Das allgemeine Urtheil neigte sich dahin, dass\nihre Stimme wohl gelitten hätte, dass sie indess Alles\nin Allem betrachtet durch das Ganze ihrer Leistung\nnoch immer ihren Kunstgenossinnen weit überlegen sei.\nDass der Verlust an Wohlklang ein sehr bedeutender sei,\nist nicht meine Meinung; neben dem oft bedeckten Klange\ndes Organs stellte sich schon früh eine gewisse Schärfe bei\nstarkem Gebrauche desselben ein; diese Eigenschaften sind\ngeblieben, ohne sich indess in auffallendem Grade gesteigert\nzu haben. Eher möchte ich in ihrer Vortragsweise einen\nUnterschied bemerken; sie ist kälter und berechneter ge-\nworden, die natürliche Wärme des Gefühls ist der Technik\nund der Reflexion der Concertsängerin gewichen. Zwar in\neinzelnen Stücken, z. B. in einem Weber'schen Volksliede,\nin dem Liede von Mendelssohn, „ Die Sterne schaun in stil-\nler Nacht\", brachte sie noch durch Tiefe des Ausdrucks\neine grosse Wirkung hervor; ihre Gesangsrichtung, die aus\ntiefster Brust den Ton hervorholt, und die schöne Kunst\ndes gedämpften Tones bewährten hier aufs Neue ihre\nMacht; in manchen Stücken aber, wie in dem Liede von\nMendelssohn, „Auf Flügeln des Gesanges\", und in dem\nTaubert'schen Wiegenliede, „Sonne hat sich müd' gelau-\nfen\", trat fast nur die Eleganz und die kluge, gewisser\nMaassen vornehme Berechnung hervor. Die Wahl des letzt-\ngenannten Liedes war nicht uninteressant, da wir es oft\nvon Fräul. Wagner gehört haben; der Gegensatz beider\nKünstlerinnen trat sehr scharf darin hervor. Hier sieht man\ndie Mutter vor sich, die ihr Kind einwiegt und einsingt,\ndort glaubt man eine vornehme Dame zu sehen, die das\nLied einmal irgendwo gehört hat, es nachsingt, und es da-\nbei ganz auf den Ton der Salonwelt überträgt. Wir heben\nunter den Leistungen der Jenny Lind noch die schwedi-\nschen Volkslieder hervor, in denen sie noch immer durch\ndie unnachahmliche Originalität der Nuancen das Pnblicum\nelektrisirt, und die italiänischen Arien, in denen sie eine\nVollendung der Technik entfaltet, wie sie gegenwärtig viel-\nleicht von keiner ihrer Kunstgenossinnen erreicht wird. Die\nReinheit der Intonation in den schwierigsten Passagen, die\nGleichmässigkeit der Stimme, die durch zwei Octaven hin-\ndurch Alles aus einem Strome und einem Gusse hergibt,\nder feine Sinn für italiänische Melodik entzücken den Hö-\nrer; auch der Klang der Stimme verklärt sich unter dem\nEinflüsse italiänischen Gesanges. Auf diesem Gebiete wird\njetzt Jenny Lind ihre grössten Triumphe feiern. Herr 0.\nGold Schmidt ist ein tüchtiger Ciavierspieler, der sich\ndurch Fertigkeit und Deutlichkeit des Spiels auszeichnet;\nEigenschaften aber, durch die er heutiges Tages eine be-\nsonders hervorragende Stellung einnähme, besitzt er nicht.\nGleichzeitig mit Jenny Lind traf Fräul. W. Clauss\nO\nhier ein; leider war dieses Zusammentreffen ein Hinderniss\nfür sie, mit ihren schönen und liebenswürdigen Kunst-\nleistungen so zur Geltung zu kommen, als es unter ande-\nren Verhältnissen wohl der Fall gewesen wäre. Dennoch\nhat sie sich viele Freunde und Bewunderer erworben, na-\nmentlich in der Elite der Gesellschaft, der sie ja auch selbst\ndurch die zarte und poetische Richtung ihres Wesens an-\ngehört ; für derbere Naturen ist das Spiel von W. Clauss\nnicht gemacht. Hoffen wir, dass sie Berlin bald wieder mit\neinem Besuche erfreue und zu günstigerer Zeil. Sie gab"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4658, "texte": "hier drei Concerte, die recht besucht waren, und fand den\nwärmsten Beifall. Eine vollendete Sauberkeit und Reinlich-\nkeit des Spiels, ein duftiger, weicher und seelenvoller Ton\nund ein feines, sinniges Versländniss sind ihre hervorragen-\nden Eigenschaften. Wenn sie die Sonaten von Beethoven\nspielt, so lässt sich nicht gerade sagen, dass ihre Auffassung\neine ganz objective sei; sie legt Accente hin, wo es nie-\nmand erwartete, sie macht Gedankenstriche, hält das Tempo\nzurück oder beschleunigt es in einer eigenthümlichen Weise,\ndie wenigstens bestritten werden kann ; aber ihr Spiel ist\nobjectiv und subjectiv zugleich, sie interpretirt gleich-\nsam den Componislen in sinniger, gedankenvoller und zar-\nter, mädchenhafter Weise, aber so doch, dass der Compo-\nnist selbst den inneren Halt dafür gibt. Wie wäre es denn\nauch anders möglich ? In jedem von uns spiegeln sich, nach\nMaassgabe der Individualität, die wir nun einmal haben, die\ngrossen Meister der Tonkunst in eigenthümlicher Weise\nwieder; ein schlechthin objectiver Vortrag ist nur durch\nVerzichtleistung auf alles Geistige oder unter Voraussetzung\neiner ganz universellen Persönlichkeit erreichbar. Meistens\ntragen diejenigen, die sich auf ihren objectiven Vortrag viel\nzu Gute tliun, nüchtern vor; wer aber selbst etwas ist und\netwas Eigenes hat, wer von dem inneren Künstlergeiste\nerfüllt ist, der wird Alles, was ihm vorkommt, mehr oder\nweniger individualisiren; nur das rein äusserliche, mechani-\nsche Aufnehmen kennt diese Gefahr nicht, wenn man das\nüberhaupt Gefahr nennen soll; je tiefer und innerlicher das\nVerständniss wird, desto mehr spielt die eigene Persönlich-\nkeit hinein. Mit einer solchen Persönlichkeit nun, als Fräul.\nCläuss es ist, Beethoven sich verschmelzen zu sehen, ist\nschon an sich von Interesse, obschon es andererseits falsch\nwäre, wenn nun jeder Andere ihre Art der Auffassung und\ndes Vortrages sich zu eigen machen wollte.—-Einen gros-\nsen Erfolg errangen hier die Gebrüder Wieniawski, die\ntheils im Coneertsaale des Schauspielhauses und im Opern-\nhause selbst, theils im KroH'schen Locale eine Reihe sehr\nbesuchter Concerte gegeben haben. Der Aeltere, der Vio-\nlinist, besitzt eine eminente Fertigkeit, die aber doch nicht\nganz die letzte Probe besteht; es fehlt ihm darin die Sau-\nberkeit und Durchsichtigkeit des Spiels; er spielt scheinbar\nmit den Schwierigkeiten, aber er hüpft auch darüber hin-\nweg und ist zu vollendeter Schönheit noch nicht durchge-\ndrungen. Die Kühnheit und das Feuer, dann wieder die\nsüsse Zartheit seines Vortrages electrisiren das Publicum,\ndoch bewegt er sich in den äussersten Gegensätzen und\nzeichnet sich daher namentlich nur in den Virtuosen-Com-\npositionen aus, während der Vortrag des Beethoven'schen\nViolin-Concertes und der Kreutzer-Sonate noch viel zu\nwünschen übrig Hessen. Er ist ein eminentes Talent, aber\nzu stürmisch und unreif. Sein jüngerer Bruder, Pianist, ist\nbei Weitem ruhiger, klarer und künstlerischer und besitzt\nebenfalls eine bedeutende Technik. Der Beifall, den ihnen\ndas Publicum zollte, war übertrieben und bewies nur, dass\ndie schönsten und edelsten künstlerischen Eigenschaften\nnoch immer von Wenigen verstanden werden, dass das\nFlittergold für edler gehalten wird, als das Gold selbst.\nEine junge Sängerin, Fräul. Auguste Schulz (hierin\nBerlin von der Gesanglehrerin Zimmermann gebildet\nund später eine Zeit lang in Weimar engagirt) hielt sich\nwährend der letzten Monate hier auf und hat sowohl in\nanderen Concerten, als auch in denen der Gebrüder Wie-\nniawski vielfach mitgewirkt. Sie ist eine sehr durchgebildete\nSängerin, die sich durch die Sicherheit ihres Gesanges und\ndurch die Klarheit ihres Organs auch in sehr grossen Räu-\nmen Geltung verschaffen wird; nur eine geringere Schärfe\ndes Organs und eine grössere Wärme des Vortrags blei-\nben zu wünschen. Endlich noch einige Worte über\nVieuxtemps, dessen künstlerisch vollendetes Spiel die\nganze musicalische Welt Berlins aufs Neue in Entzücken\nversetzt hat. Die Klarheit und Grösse seines Tones, die\nDeutlichkeit, Rundung und Gleichmässigkeit in der Ueber-\nwindung der grössten Schwierigkeiten, der maassvolle Adel\ndes Vortrages suchen wahrhaft ihres Gleichen; mag er\nclassische Werke oder leichtere Salonstücke spielen, über-\nall erhebt er sich zu künstlerischer Klarheit und Schön-\nheit, und selbst den Vorwurf, der ihm in Betreff des Vor-\ntrages der Kreutzer-Sonate gemacht wurde, dass er sie zu\nsehr dem Glänzenden genähert habe, vermögen wir nicht\nzu unterschreiben. Auch als Componist leistet er Bedeu-\ntendes; namentlich zeichnete sich sein neuestes Concert\naus Z) durch Erfindung, Geschmack und reiche musicafi-\nsehe Verarbeitung aus.\n\nG. E."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-27_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "166", "page_fin": "167", "image_debut": 6, "image_fin": 7, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.2.3", "titre_corps": "Wiener Briefe.", "titre_sommaire": "Wiener Briefe.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.6", "debut_caractere": 4660, "fin_caractere_exclue": 5225, "texte": "Wiener Briefe.\n[I taliänisch e Oper „II Trovatoreopera seria in\nquattro. atti dal maeslro Verdi Concerte der Frau\nJenny Lind-Goldschmidt und des Sängers Geraldi.]\nDen 14..Mai 1854.\nSie werden Sich über mein längeres Stillschweigen wohl nicht\ngewundert habbn. Sie werden es nicht bloss einer individuellen\nStimmung zuschreiben, da ich in meinem letzten Berichte von Con-\ncert-Ueberdru'ss und Schreib-Unlust sprach, sondern werden selbst\nerwägen, dass für meine gewöhnlichen Correspondcnzen der Faden\nauszugehen beginnt, und dass mir bald nichts Anderes übrig bleibt,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4421, "texte": "als entweder in ein anderes Lager überzugehen, oder die Sommer-\nQuartiere zu beziehen. Denn dass ich etwa unserer neuesten ita-\nliänischen Oper Schritt für Schritt folgen sollte, werden Sie wohl\nnicht von mir erwarten. Ich habe dieselbe, die Wahrheit zu sagen,\nin der That erst ein einziges Mal besucht, und zwar, als man neu-\nlich die für Wien noch neue Oper von Verdi „11 Trovctlore\" gab.\nWas soll ich Ihnen aber darüber schreiben? Sollte nicht die blosse\nAnzeige: eine neue Oper von Verdi, genügen, so dass jeder ohne\nweiteren Commcntar wissen muss, woran er ist? Man werfe uns\ndoch nicht von gewisser Seite her so oft Unduldsamkeit und eng-\nherzige Exclusivität vor! Dieser Vorwurf, wenn er den Deutschen\ntreffen soll, ist wirklich höchst abgeschmackt. Keine Nation der\nWelt ist so bereit, jedes fremdländische Verdienst, oft bis zum\nUebcrmaass und zur eigenen Selbst-Erniedrigung, anzuerkennen,\nals eben die deutsche. Aber man verlange nicht von ihr. Dass sie\nin solchen Gebieten, in welchen sie selbst die höchsten Kränze ge-\npflückt, wie z. B. in der lyrischen Poesie und Musik, Gelbveig-\nlein und Niesswurz-Blüthen für Rosen und Lilien annehmen solle.\nEs gibt überhaupt zweierlei Arten von Toleranz: eine durchaus\nzu fordernde, welche darin besteht, dass sie jedem noch so Klei-\nnen, wenn es nur nach irgend einer Seite den Keim des Wahren\nund Echten in sich trägt, sein Recht widerfahren lässt, und eine\ndurchaus verwerfliche, w elche auch das Schlechteste und Gemeinste\n(wenigstens bis zu einer gewissen Gränze, wie die Formel heisst)\nanerkannt wissen will, weil es nicht minder in dem vielköpfigen\nPublicum sein Echo findet, und zwar oft das allerlauleste. Für die-\nses aber gibt es in der That nur eine Toleranz, und das ist die-\njenige, welche das Leben selbst übt, und von welcher Seite man\nihm ohnedies nichts anhaben kann. Man kann das Publicum nicht\nhindern, nichtsnutzige Bilder zu beschauen, an ihnen Gefallen zu\nfinden und die Wände seiner Privat-Gemächer • damit zu zieren;\naber man verlange für sie nicht auch noch eine Stelle im Museum\nder Kunst. So kann man es denn auch der deutschen Kritik nicht\nim Mindesten verargen, dass sie über die neü-italiänischö Opern-\nMusik so ziemlich in Bausch und Bogen den Stab bricht*).\n1 . ' ' ' .\nUm nun auf die neue Oper Verdis zu kommen, so er-\nrathen Sic wohl schon aus dieser Einleitung meine Meinung über\ndas Product. Gemeinheit und die unsinnigste, widernatür-\nlichste Barbarei neben der possierlichsten Charakterlosigkeit an\nallen Ecken und Enden. In der Kunst aber gilt nicht das Wort\nder Bibel: „Wenn ich auch nur Einen Gerechten\" u. s. w., son-\ndern der Volksspruch: „Eine Schwalbe macht noch keinen Som-\nmer< _ auch zwei noch nicht. Wenn man die Oper mit dem\nTextbuche- in der Iland verfolgte, so mussten einem die Haare zu\nBerge stehen über diese Unnatur der Declamation, über diese grau-\nenvolle Wort-Verzerrung! Absoluteste Willkür-Herrschaft eines\nvogelfreien Tonsetzers. Wie könnte man sich bei dieser Verderbt-\nheit der neu-italiänischen Opern-Musik wundern über den gleich-\nzeitigen Verfall der einst so grossen Gesangskunst Italiens? Wie\nsollte sich ein Sliinm-Organ,- dass sich allen diesen Verrenkungen,\nein Geschmack, der sich von solcher Kost nähren muss, bilden und\nentwickeln können? So ist es denn dahin gekommen, dass die\nSänger Italiens, weiche sonst nur hieher zu kommen brauchten,\num mit Lorbeern überschüttet zu Werden, schon in der vorjährigen,\nnoch mehr aber in der heurigen Saison fast nur Schande und Spott\närnten. Zwar zählt die Gesellschaft einige tüchtige Kräfte und\neinen Stern erster Grösse, die herrliche Medori; aber Eine\nSchwalbe u. s. w. Ueberhaupt ist mir diese ganze italiänische\nOpern-Wirthschaft von je her als ein Unfug erschienen, der seit\ndem Erlöschen der unvergleichlichen Gesangskunst vollends ohne\nalle Berechtigung, von Staats wegen abgeschafft werden müssle. Ich\nfrage warum und wozu? Warum nicht gleich in weiteren drei\nMonaten französisches Vaudeville und in den nächstfolgenden eng-\nlische Tragödie? Periodisch haben wir das ohnehin schon Alles\ngehabt. Ich sehe aber darin absolut eine Herabwürdigung der ein-\nheimischen Kunst, besonders wenn man noch überdiess erwägt,\ndass man sich für drei Monate italiänischer Oper dieselbe Summe\nabdingen lässt, wie für neun Monate deutscher Oper. Und man\nschreit noch über Unduldsamkeit!\n(Schluss folgt.)\n*) Das ist doch wohl etwas zu weit gegangen. Anm. d. Recl."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01-c004", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-27_01#c004", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "167", "page_fin": "168", "image_debut": 7, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.2.4", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.7", "debut_caractere": 4423, "fin_caractere_exclue": 6594, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn Essen ist am 5. Mai eine neue Orgel, von den Gebrü-\ndern Ibach in Barmen, in der evangelischen Kirche einge-\nweiht worden. Die Revision der Orgel ist durch Prof. Breiden-\nstein aus Bonn und den Seminarlehrer Herrn Eickhoff aus\nMeurs vorgenommen worden. Das Urthcil der Revisoren ist ein\ndurchaus günstiges, und beide Herren sprachen sich sehr lobend\nüber das neue Werk aus. Die Orgel hat 1600 Pfeifen und 27 Re-\ngister. Im Manual sind 12, im Positiv 9, im Pedal 6 Register. Die\nbeiden Claviaturen, Manual und Positiv, lassen sich so leicht spie-\nlen wie bei einem Piano. Die ganze Orgel kostet 2600 Thaler.\nStettin. Die hiesige Polizei hat bei dem hier gastirenden\nk. k. Hof-Opernsänger Herrn Beck nicht nur Haussuchung gehal-\nten, sondern denselben auch mittels Zwangspasses nach den öster-\nreichischen Staaten sofort ausgewiesen. Obwohl bei Durchsuchung\nder Papiere und Effecten durchaus nichts Verdächtiges, vielmehr\nals Beweis der Loyalität das Bild Ihrer K. K. österreichischen Ma-\njestäten, seines neu vermählten Allerhöchsten Herrscherpaares, vor-\ngefunden wurde, so musste derselbe doch binnen 16 Stunden Stet-\ntin verlassen. Herr Beck war überdiess im selben Augenblicke von\neiner Halsentzündung befallen, und sein Arzt erklärte, dass die\nKrankheit zwar eine Reise zuliesse, jedoch für die Stimme Alles zu\nbefürchten wäre. Ueber den Grund dieser polizeilichen Verfügung\nist bis jetzt noch nichts bekannt geworden. Th. Chr.\nLortzing's Grab bezeichnet in neuester Zeit ein schlichter\nStein, worauf ausser des Componisten Geburts- und Todestag (23.\nOctober 1803 und 21. Januar 1851) die einfach schönen und tref-\nfenden Worte: • .\n• • • ' „Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,\nSein Leben Kampf mit Noth und Neid.\nDas Leid flicht diesen Friedensort,\nDer Kampf ist aus sein Lied tönt fort!44\nStein und Inschrift rühren von Pii> Düringer her, Regisseur am\nköniglichen Theater zu Berlin, der, Lortzing's Freund im Leben\nund im Tode,. 1851 bekanntlich eine auf Originalbriefe basirende\nBiographie des Verstorbenen herausgab, deren Ertrag für Lortzing's\nHinterlassene bestimmt war und ihnen auch bereits zugeflossen ist.\nTh, Chr"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 1654, "texte": "Am 22. Mai sollte in Frankfurt der Verkauf der Bibliothek\ndes berühmten Abtes Vogler beginnen.\nDie italiänische Oper in Paris ist jetzt geschlossen. Nicht un-\ninteressant ist eine Zusammenstellung ihres Repertoires. In 91 Vor-\nstellungen sind 16 Opern gegeben worden. Unter diesen 16 Opern\nwaren 6 von Rossini (Cenerentola, II Barbiere, La Gazza ladra, La\nDonna del lago, Otello), 4 von Bellilii (I Puritani, Norma, La Son-\nnambula, Beatrice di Ten da), 3 von Donizelti (.Lucrezia Borgia, Lu-\ncia, L'elisire d'amore), eine von Mozart (Don Giovanni), eine von\nVerdi (Emani), eine von Copnala (Nina Paz>za). Die meisten Vor-\nstellungen erlebte Rossini mit 37, davon vierzehnmal der Barbier.\nDann folgt Bellini mit 24, worunter die Puritaner siebenmal. Do-\nnizetti hat 15 Vorstellungen und Mozarfs Don Juan 7 erlebt.\nSolch eine statistische Uebersicht ist das geschriebene Urtheil des\nPublicums.\nDie neue Oper La fiancee du diable ist noch nicht zur Auffüh-\nrung gekommen, obschon sie für den 17. Mai fest angekündigt war.\nDie France musicale berichtet die Rückkehr des Herrn Louis\nLacombe von seinem Triumphzuge durch Deutschland.\nWird denn die France musicale jetzt an der Newa geschrieben?\nDie deutsche italiänische Oper, welche Herr Seager Oswald im\nDrurylane-Theater in London zusammengestellt hat und deren\nHaupt-Stütze Karl Formes ist, erfreut sich des Beifalls des Publi-\ncums und seines zahlreichen Besuches in hohem Grade. Neuer-\ndings ist Fräul. Agnes Bury daselbst als Nachtwandlerin mit gros-\nsem Erfolge aufgetreten und in Folge dessen auf ein Jahr mit\n16,000 Thalern engagirt worden.\nMad. Sontag hat mit ungemeinem Erfolge in Mexico gesungen."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-05-27-01-c005", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-05-27_01#c005", "volume": "bmtnabi_1854-05-27_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "168", "page_fin": "168", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.2.5", "titre_corps": "Offener Brief an Herrn A. Schindler in Frankfurt am Main.", "titre_sommaire": "Offener Brief an Herrn A. Schindler in Frankfurt am Main.", "signature_source": "Ferdinand Hiller", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.8", "debut_caractere": 1656, "fin_caractere_exclue": 5500, "texte": "Offener Brief an Herrn A. Schindler\nin Frankfurt am Main.\nFerdinand Hiller.\nIn einem Kreise von Künstlern und Kunstfreunden wurde ge-\nstern der Auszug aus einem „für Ihre Freunde als Manuscript ge-\ndruckten Aufsatze\", welchen Nr. 20 der Niederrheinischen Musik-\nZeitung enthält, vorgelesen. Mehrere der Anwesenden waren „Stu-\ndirende von Beethovens Ciavier-Musik\". Es war denselben interes-\nsant, zu erfahren, dass „Cherubini Bcethovcn's Aufmerksamkeit auf\ndie Clementi'sche Schule gelenkt\", dass Beethoven „mit Geist ge-\nspielt\" und „nicht immer mit Gramer in der besten Harmonie ge-\nlebt habe\", obschon sie sich dadurch nicht wesentlich für den\nVortrag Beethoven'schcr Musik gefördert sahen. Es war ihnen\nnicht neu, dass „im mehrstimmigen Satze die melodieführende Note\nhervortreten müsse\"— „sie stecke in welcher Stimme im-\nmer\"—, es schien ihnen aber, mit allem Respect vor Clementi, ganz\nunnöthig, um zum richtigen Vortrage einer Melodie zu gelangen,\nderselben erst irgend „ein Versmaass unterzulegen,\" da die Ton-\nkunst, deren Leben der Rhythmus ist, einen viel zu reichen Wech-\nsel desselben darbietet, um sich bei der in dieser Hinsicht viel\närmeren Sprache Rath holen zu sollen. Wras aber den oben be-\nzeichneten Kreis in wahres Erstaunen setzte, war die Art und\nWeise, in welcher einer Anzahl grosser Künstler von Ihnen in je-\nnem Aufsatze gedacht wird HummeFs, „dessen Richtung zum\nsicheren Verderben führen konnte\" Liszt's, dem Sie, wie der\nsteinerne Gast dem Don Juan, ein feierliches Pcntiti zugerufen,\naber, grossmüthiger als jener, „vier Jahre gegeben haben\", um\nsich zu bessern Kalkbrennens, dessen „Küche und Keller\"\nwenigstens Ihrem Gedächtnisse nicht entschwunden scheint Mo-\nscheies' endlich, dessen „Heldenthat\" Sic „den verdienten Lohn\nzugemessen\".\nLob und Tadel aussprechen, darf Jeder und Jeder kann\nauch seine Ideen (nach Heine's Kutscher „alles dumme Zeug, was\neinem durch den Kopf gehl\") drucken lassen. Lohn und Strafe zu-\nmessen, ist aber ein anderes Ding das gestatten die Menschen,\nwenn sie der Kindheit entwachsen sind, nur hohen, höchsten und\nallerhöchsten Richtern, und zwar auch diesen nicht als höher ste-\nhenden Mitmenschen, sondern nur als Dienern der Gerechtigkeit in\neigener Person. Dass sich nun Jemand aus selbstständiger Macht-\nvollkommenheit zu einer Art Oberrichter, oder gar zum Spender\nvon Gnade und Ungnade constituire, schien eine, fast historische\nGuriosität, und ein gewisses Interesse machte sich rege in Bezug\nauf den, von dem sie ausging. Dass Sic in Paris als Ami de Beet-\nhoven mit vielem Succes aufgetreten, dass Sie nicht allein in, son-\ndern auch von der Beethoven'schen Muse geistig und leiblich leben,\ndass Sie über Mendelssohn's Fähigkeit als Dirigent eigentüm-\nliche Ansichten veröffentlicht, und dass Sie in Münster Musik-\nDirector gewesen, war ungefähr Alles, was die meisten der Anwe-\nsenden von Ihnen wussten, und man bestürmte mich schmeichel-\nhafter Weise mit Fragen, um Näheres über Sic zu erfahren; aber\nleider konnte ich auf die meisten derselben keine Antwort geben.\nIch versprach, mich an Sie selbst zu wenden, und nehme mir nun\ndie Freiheit, Sie um gefällige Beantwortung folgender Fragen er-\ngebenst zu ersuchen:\nHaben Sie es je im Clavierspicl so weit gebracht, um die erste\nEtüde von Gramer spielen zu können?\nExistirt irgend ein nicht „als Manuscript gedrucktes Werk\" von\nIhnen, ästhetischen oder theoretischen Inhalts?\nKann man auf irgend einem Wege zur Kenntniss einer\nComposition von Ihnen gelangen?\nHaben Sie als Dirigent eine bedeutende, der Welt unbekannte\nVergangenheit?\nMachen Sic wirklich auf die Stelle des Statthalters Beethovens\nauf Erden gegründete Ansprüche, wie ein Freund behauptet?\n„Nur die Lumpe sind bescheiden\", sagt Göthe ich rechne\ndaher auf eine aufrichtige, unbescheidene Antwort.\nIhr (so viel wie möglich) ergebener\nKöln, den 23. Mai 1854."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "161", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.1", "texte": "Die Geigerin von Florenz.\nNovellette.\n\n(Schluss statt Fortset7.ung. S. Nr. 20.)\n2.\nAn den Ufern des Arno lag eine reizende Villa, um-\ngeben von schönen Garten-Anlagen. Das Innere der Villa\nentsprach durch seine geschmackvolle, reiche, ja prächtige\nEinrichtung dem Aeussern derselben. Was nur die dama-\nlige Zeit an Gegenständen des Luxus kannte, an was nur\nüppiger Reichthum Freude hatte es war in der Villa\nzusammengebracht. Noth mussten deren Bewohner nicht\nkennen. Wer von aussen Garten und Haus betrachtete,\nwer zuerst die inneren Räume betrat, musste glauben,\nhier wohne das Glück. War dem so?\nEine hohe Frauengestalt, in schwarzen venetianischen\nSammt gekleidet und dicht verschleiert, durchschritt die\nGänge des Gartens. Sie kam von aussen und das Gebet-\nbuch in ihrer Hand rechtfertigte die Vermuthung, dass sie\naus der benachbarten Kirche komme, wo eben eine Abend-\nmesse beendet worden. Sie betrat das Gebäude und begab\nsich in einen luftigen Saal. Am Fenster setzte sie sich nie-\nder, legte den Schleier ab und schaute mit ernsten Blicken\nin die Landschaft, die vor ihr sich ausbreitete.\nEs war Bianca Capello, eine der gefeiertesten Schön-\nheiten Italiens. Ihre erste Jugendblülhe war zwar vorüber,\naber noch immer bewahrte sie eine stolze, königliche Schön-\nheit. Diese und der Geist, der aus ihren dunkeln Augen\nsprach, machten es erklärlich, dass sie ihren fürstlichen\nLiebhaber mit unzerreissbaren Banden an sich gefesselt hielt.\nJetzt war sie allein. Wer jetzt ihre Züge beobachtet\nhätte, würde Stolz und Ehrgeiz und manche andere Lei-\ndenschaft, das selige Bewusstsein des Glückes aber nicht in\nihnen gefunden haben.\nIhr Auge weilte auf den Schönheiten der Natur, aber\nihr Gedanke war nicht dabei; ihr inneres Auge warf einen\nBlick auf die Vergangenheit ihres Lebens. Sie kam aus der\nKirche zurück, in c!er sie eine Messe für die Seelenruhe\nihres Geliebten hatte lesen lassen, der fünf Jahre früher\nermordet worden war. Und der Mörder ihres Geliebten\nwar der Mann, der jetzt ihre Gunst besass.\nEs gibt Stunden in unserem Leben, wo sich uns die\nVergangenheit in lebhaftester Gestalt unwillkürlich auf-\ndrängt. Bild für Bild ziehen dann die Erinnerungen an das\nentschwundene Leben unserem inneren Gesichte vorüber.\nEine solche Stunde hatte eben jetzt Bianca. Sie sah\nsich im Geiste wieder in ihrer Heimat, in dem stolzen Pa-\nlaste zu Venedig, den ihre Eltern, den ältesten Geschlech-\ntern der Republik angehörig, bewohnten. Das Bild ihres\nersten Geliebten, Pietro Buonaventuri, stieg in ihrer Seele\nwieder auf, sie erinnerte sich lebhaft der Gluth ihrer dama-\nligen Leidenschaft, die sie verführte, mit ihm zu fliehen.\nSie entsann sich des ungeheuren Zornes ihrer Verwandten,\nja, des ganzen Adels von Venedig, über ihre Flucht, der\nsich durch dieselbe beschimpft wähnte; sie entsann sich\nder Verfolgungen, die über sie verhängt wurden, wie ihr\nName und der Name ihres Geliebten geächtet und demje-\nnigen ein Preis zugesichert ward, der Pietro ermorden\nwürde. Die Zeit wurde wieder lebendig in ihrem Innern,\nwo sie nach Florenz gekommen und hier beim Grossher-\nzoge Schutz gefunden. Sie dachte der Tage, als dieser\num ihre Gunst warb, ihren Geliebten, den sie geheirathet\nhatte, zu seinem Intendanten machte, und wie dieser selbst\nihr Verhältniss zum Grossherzoge geduldet, ja befördert\nhatte. Bittere Empfindungen beschlichen sie bei diesem\nBilde. Sie hatte Eltern und Vaterland der Liebe geopfert\naber die Liebe hatte dieses Opfer belohnt durch die\nEmpfindungen des höchsten Glückes. In Florenz hatte sie\ndie Liebe dem Ehrgeiz geopfert aber der Ehrgeiz hat\nkeine Macht, zu belohnen, wie die Liebe. Ihr Entführer war\nunwürdig dessen, was sie für ihn gethan; denn er überliess\nsie einem Anderen aus niedrigen Ursachen. Das ist der\nherbste Schmerz im Leben eines Weibes, die Erkenntniss,\nsich einem Unwürdigen geopfert, die erste Blüthe der Liebe,\ndas schönste Geschenk, das ein Weib hat, weggeworfen\nzu haben. Rasch eilte Bianca über diesen Punkt ihrer Er-"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "162", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.2", "texte": "innoruhgen weg, sie scheute sich selbst darüber klar zu\nwerden. Noch rascher überging sie das Andenken an die\niunr er gti'sser werdenden Anmassungen und Unverschämt-\nheiten ihres Gatten gegen den Grossherzog, denen dieser\nendlich mit d em Dolchstobse eines gedungenen Mörders ein\nEnde gemacht halte. Sic warf einen Blick auf die Gegen-\nwart. Reichthum und Wohlleben umgaben sie, sie übte\neinen grossen Einfluss auf ihren fürstlichen Geliebten, und\nwer ihr nahte, schmeichelte ihr desshalb. Sie sah ihren\nEhrgeiz zum ! heil befriedigt aber doch nur zum Theil.\nDas still beseligende Gefühl des Glückes wohnte nicht in\nihrer Brust und lebhafter als je empfand sie das in die-\nsem Augenblicke. Sie erhob sich von ihrem Sitze und ging\nmit starken Schritten durch den Saal.\nFranzesco IL von Medici trat ein. Es war die Stunde,\nwo er sie zu besuchen pflegte. Auf den ersten Blick er-\nkannte er ihre Stimmung. „Welche.Wolken des Ünmuths\nauf deiner schönen Stirn\" fragte er.\nSie sah ihn lange durchdringend an; endlich sagte sie:\n„Wundert Ihr Euch darüber, gnädiger Herr, dass mich\nzuweilen der Trübsinn beschleicht?\"\n„Was könnte dir gerechten Anlass zum Trübsinn ge-\nben?\" erwiderte der Grossherzog. „Was vermissest du?\nMeine Liebe bestrebt sich, den leisesten deiner Wünsche\nzu erfüllen! Noch einmal: was vermissest du?\"\n„Eine Stellung, wie sie mir geziemt,\" antwortete sie\nmehr schwermüthig, als bitter. „Ich, die Tochter aus dem\nalten Hause der Capello, bin verbannt aus meinem Vater-\nlande, auf meinem Haupte lastet die Schmach der Aech-\ntung, einer entehrenden Verurtheilung.\"\n„Und ist dir meine Liebe kein Ersatz lür dieses\nMissgeschick?\"\n„Eure Liebe,\" sagte Bianca, „Eure Liebe, die Ihr öf-\nfentlich nicht anerkennen dürft? Zeigt Ihr Euch dem Volke\nbei öffentlicher Gelegenheit, so hat Eure Gemalin den\nPlatz an Eurer Seite ich darf nur aus verborgenem\nWinkel Euch in der Pracht des Grossherzoges sehen. Frei-\nlich, sie ist eine Erzherzogin von Oesterreich, sie ist Eure\nrechtmässige Gemalin ich bin nur Eure Geliebte!\"\n„Welche Gedanken,\" rief Franzesco unwillig, „was\nvergleichst du dich mit der stolzen und kalten Frau, die\nder Staats-Vortheil zu meiner Gemalin machte, und die\nmir nie geben konnte, was du mir gewährst, Liebe. Lass\nil.r die Pracht und die Befriedigung des Stolzes, Grossher-\nzogin zu sein begnüge dich mit dem stillen Glücke der\nLiebe, mit dem Gedanken, mich zu entschädigen für die\nOpfer, die ich als Mann und Mansch dem Wohle meines\nStaates bringen müssen. Du hast mir oft gesagt, dass die-\nser Gedanke dich beglücke, hast du mir auch gelogen?\"\nDes Grossherzogs Brauen hatten sicli bei diesen Wor-\nten immer düsterer herabgezogen. Bianca fühlte, dass ihr\nein Ausbruch seiner Heftigkeit drohe, dass sie nicht weiter\ngehen dürfe. Sie lenkte ein, sie brachte das Gespräch auf\nandere Dinge.\nAllein ungetrübte Heiterkeit wollte sich bei dem Paare\nnicht wieder einfinden, und der Grossherzog war im Be-\ngriile unmuthig seine Geliebte zu verlassen, als plötzlich\nunter dem Fenster des Saales, in dem sie sich befanden,\ndie Töne einer Geige erklangen, die nach und nach die\nAufmerksamkeit Beider mehr und mehr fesselten. Von wun-\nderbarem Ausdruck war das Spiel des ungesehenen Künst-\nlers. Wie eine weiche Liebesklage erklangen die reinen\nTöne in dem stillen Frühlings-Abend, dann nahmen sie das\nWesen eines tiefen Sehnens an; jetzt erschollen sie lockend\nund lieblich, dann ernst und schwermüthig. Als die Musik\nendigte, waren die beiden Hörer lebhaft ergriffen.\nSo hatte Franzesco noch niemals spielen hören. Er\nWollte den Künstler sehen. Ein ausgesandter Diener brachte\nnach kurzem Harren einen jungen Mann in das Zimmer,\nder etwas schüchtern seinem Führer folgte. Der Grossher-\nzog (orderte ihn auf weiter zu spielen. Der junge Mann\nthat es. Franzesco fühlte sich wunderbar mehr und mehr\nbewegt. Der Unmuth war aus seiner Seele geschwunden,\ndie Musik hatte ihre Zaubermacht an ihm geübt. Er fragte\nden jungen Künstler, wer er wäre. Dieser gab an, er sei\nein Musiker, der durch Unterrichtgeben seinen Unterhalt\ngewinne; er habe, rückkehrend von einem Schüler, der\nVersuchung nicht widerstehen können, bei dem schönen\nAbend sein Instrument erklingen zu lassen. Der Grossher-\nzog nahm die Antwort wohlgefällig auf, sagte ihm viel\nfreundliche Worte über sein Spiel, und erhob sich dann,\num ihm seine Börse zu reichen. Da stürzte Bianca plötzlich\nauf ihn zu und riss ihm die Heftel seines Wammses auf.\n„Es ist ein Weib, ich wüsste es wohl,\" rief sie dann mit\nflammenden Blicken, als Carlina's weisser Busen zum\nVerräther ihres Geschlechtes geworden war.\nPurpurroth vor Sehaam und zum Tode erschrocken,\nwandte sich Carlina um und floh wie ein gescheuchtes Reh.\nDoch sie sollte nicht entkommen. Der Thürhüter, der einen\njungen Menschen bestürzt davoneilen sah, hegte Verdacht,\ner habe sich etwas zu Schulden kommen lassen, und hielt\nsie fest. Da der Grossherzog ihr zu gleicher Zeit nachrief,\nso wurde sie wieder vor ihn geführt. Zitternd stand sie da,\ndie Augen zu Boden geschlagen, als erwarte sie das Urthci!"}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "163", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.3", "texte": "für ein Vergehen. Doch freundlich befragte sie Franzesco\nnach ihren wahren Verhältnissen, und Carlina konnte jetzt\nnicht umhin, dieselben anzugeben, so weit es nöthig war,\num ihre Verkleidung zu rechtfertigen.\nFreundlicher und freundlicher lauschte Franzesco ihrer\neinfachen Erzählung; sein Blick weille mit immer steigen-\ndem Wohlgefallen auf der jugendlichen Gestalt des schönen\nWeibes, dessen jungfräuliches Wesen einen unendlichen\nReiz für ihn besass. Er verhiess ihr seinen Schutz, seine\nUnterstützung, er drang darauf, dass ein so schönes Talent\nnicht in der Stille verkümmern solle, er versprach dafür zu\nsorgen, dass sie öffentlich auftreten solle und entliess sie\nendlich mit einem reichen Geldgeschenke.\nIn grosser Aufregung, geängstigt dass ihr Geheimniss\nvcrralhen sei, und erfreut über die reiche Aernte, die ihre\nKunst ihr getragen, eilte Carlina heim zu ihrem kranken\nGeliebten, und mancherlei Gefühle einer ihr fast unerklär-\nlichen Besorgniss und einer dieser widerstreitenden Hoff-\nnung begleiteten sie auf ihrem Wege.\nFranzesco nahm bald darauf Abschied von Bianca. Er\nwar auffallend zerstreut.\nBianca lachte laut auf in bitterem Hohne, als ihr Ge-\nliebter sie verlassen hatte. Ihr Auge flammte in zürnender\nWildheit, ihre feine weisse Hand war krampfhaft geballt\nhätte Carlina sie gesehen, sie würde gewusst haben,\nwesshalb sich Besorgnisse in ihrem Busen regten.\nWar es die Wuth der beginnenden Eifersucht, die in\nBianca tobte?\n3.\nDer Name Carlina Brocchi wurde seit einigen Ta-\ngen viel genannt in Florenz. Das Gerücht hatte den Auf-\ntritt in der Villa der Bianca Capetlo weiter bekannt be~.\nmacht, unter welchen Entstellungen, halben Andeutungen,\nan die sich Vermuthungen knüpften, lasst sich leicht den-\nken. Nichts reizt die Neugier eines Puhlicums mehr, als das\nplötzliche Auftauchen einer bis dahin unbekannten oder un-\ngenannten Persönlichkeit, von der abenteuerliche Dinge er-\nzählt werden. Es finden sich dann immer Einzelne, die\ndiese Person schon gesehen haben wollen und Neues von\nihr zu erzählen wissen. Das Urtheil der Menge schwankt\nhin und wieder, und je mehr es schwankt, desto eifriger\nwird erzählt, damit es ein festes werde.\nSo ging es mit Carlina Brocchi. Das Gerücht hatte\neinen ganzen Roman über die merkwürdigen Schicksale,\ndie sie schon erlebt haben sollte, und die sie endlich nach\nFlorenz verschlagen hätten, zusammengebraut, während sie\nselbst, ohne Ahnung davon, beschäftigt war ihren kranken\nGeliebten zu pflegen, und mit Hoffnung auf eine bessere\nZukunft und doch auch mit einem leisen Bangen der Stunde\nentgegen sah, wo sie öffentlich auftreten sollte.\nEine Künstlerin in unserer Zeit, die in einer ähnlichen\nLage wie Carlina wäre, würde im Concertsaale auftreten,\nwürde die neugierig musternden Blicke einiger hundert mit\nLorgnetten und sonstigen, Fernröhren ähnlichen Instru-\nmenten bewaffneten Augen auszuhalten haben, ein Applaus\nwürde sie empfangen und ermuthigen, kurz, alles das\nwürde geschehen, was ein gut gezogenes Publicum bei die-\nsen Gelegenheiten zu thun pflegt. Das Publicum am Ende\ndes sechszehnten Jahrhunderts war noch nicht so gut ge-\nzogen, ja, es gab eigentlich in unserem Sinne so wenig ein\nPublicum, als Concerte. Oeffentliche Musik konnte man nur\n\\\nin Kirchen hören, wenn man die Musik nicht mitrechnet,\ndie bei Festlichkeiten und beim Tanze, bei öffentlichen Auf-\nzügen und von kriegerischen Truppen ausgeführt wurde.\nCarlina konnte- also nicht anders öffentlich auftreten\nals in einer Gesellschaft, die der Grossherzog zu diesem\nZwecke einlud.\nDieser beeilte sich, Carlina wieder zu hören\n• % ' *\nund wieder zu sehen. Wenige Tage nachdem er sie zuerst\nkennen gelernt, spielte Carlina bei Hofe wie wir uns\nheute ausdrücken würden.\nSie machte in jeder Beziehung einen bedeutenden Eindruck.\nSchon dass sie Geige spielte, erregte allgemeine Ver-\nwunderung. Dieses Instrument ist selten von Frauen be-\nhandelt worden. Wie jetzt das Ciavier, wie vor lünfzig\nJahren und länger die Harfe, so war damals die Laute das\nInstrument, das Frauen spielten; die Geige blieb den Män-\nnern, wie es.-noch heute mit seltenen Ausnahmen der Fall\nist; Dann erregte ihre Erscheinung allgemeines Wohlge-\nfallen. Ihre grosse Schönheit, ihr Benehmen, in dem sich\nSchüchternheit doch mit einer gewissen. Unbefangenheit,\npaarte, übte einen zauberhaften Reiz. Und endlich ihr Spiel!\nWie voll, wie rein, wie schmelzend quollen die Töne unter\ndem Bogen hervor, den sie mit Anmuth führte. Sie spielte\nMusik von Goudimel, dem Lehrer Palestrina's, und anderen\nMeistern, deren Namen kaum der Geschichtskundige, deren\nWerke wohl selten jemand noch kennt.\nDie Stücke, die sie vortrug, waren bekannt, allein die\nZuhörer hielten sie für neu. So hatten sie dieselben noch\nnie vernommen. Mit solchem Ausdruck zu spielen, hatte\nman bis dahin für unmöglich gehalten.\n• Der lauteste Beifall belohnte die Künstlerin. Sie fühlte\nsich sonderbar gehoben dadurch. Zu gefallen, allgemein zu\ngefallen, dureh etwas so Schönes, wie eine Kunstleislung,"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "164", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.4", "texte": "zu gefallen, ist eine erhebende Empfindung. Wer mag es\ndem jungen, kaum achtzehnjährigen Weibe verargen, wenn\nihr der Kopf schwindelte, wenn die rosigste Zukunft vor\nihren Augen gaukelte, wenn sie sich glücklich fühlte im\nVollgenuss des Augenblickes.\nAls sie heimkehrte, meinte sie den schönsten Tae ihres\n7 o\nLebens gehabt zu haben.\nEr war es auch gewesen.\nDie Zuhörer gingen in grosser Aufregung aus einan-\nder. Der Beifall war ein allgemeiner; den Grossherzog an\nder Spitze, hatten sie alle der schönen Künstlerin ge-\nhuldigt.\nNur eine Person hatte nicht eingestimmt in den allge-\nmeinen Jubel, nur ein Auge halte nicht aufgeleuchtet in\nfreudiger Begeisterung: es war das Bianca's. Das Lächeln,\ndas auf ihrem Angesichte schwebte, war ein bitteres, höh-\nnisches, unheildrohendes; aber Aller Blicke waren auf\nCarlina gerichtet gewesen, niemand hatte sie und ihr\nLächeln beachtet.\n4.\nJetzt sprach ganz Florenz von der schönen Geigerin.\nJedermann wollte sie hören. Es wurden Pläne gemacht,\nsie in irgend einer Art öffentlich auftreten zu lassen.\nDie Pläne waren umsonst; Carlina Brocchi hat nicht\nwieder öffentlich gespielt. Ob sie überhaupt wieder gespielt\nhat, wissen wir nicht, denn es hat sie niemand wieder ge-\nhört, der davon Nachricht geben könnte. Was ihr ferneres\nSchicksal gewesen, wir wissen es nicht, denn es hat sie\nniemand wieder gesehen, der darüber zu berichten wüsste.\nSo urplötzlich als Carlina in Florenz aufgetaucht war,\nso spurlos ist sie wieder verschwunden.\nEs ist damals viel über sie gefragt, geforscht worden\nin Florenz, und aus dem Fragen und Forschen haben sich\nmannigfache Gerüchte gebildet.\nWelcher Art diese Gerüchte waren, ist leicht zu er-\nrathen. Man kannte die Neigung des Grossherzogs für\nschöne Frauen, und dass ihm Carlina ungewöhnlich gefallen\nhatte, war offenkundig. Welche Mittel und Wege hat ein\nreicher Fürst nicht, ein Weib zu gewinnen! Schmeichelei,\nGeschenke List und Gewalt.\nDoch Carlina war so jungfräulich, so unschuldig, ihr\nAuge strahlte Reinheit, ihr Benehmen war so schüchtern,\nso entfernt von aller Gefallsucht. Wer sie gesehen hatte,\nhielt es für unmöglich, dass dieses Weib zu besiegen ge-\nwesen. Aber ist denn bloss Liebe eine Leidenschaft, die\nmächtige Hebel in Bewegung setzt? Gibt es nicht auch\nEifersucht? Hat Eifersucht nicht die furchtbarsten Waffen?\nIst die Eifersucht je in ihrer Rache befriedigt, als durch\nden Tod der Nebenbuhlerin ?\nEs sind viele Generationen ausgestorben, seitdem Car-\nlina Brocchi in Florenz verschwand. Wer vermöchte\nheute noch den Schleier dieses Geheimnisses zu lüften?\n5.\nEinige Jahre nach dem Verschwinden der schönen\nGeigerin sind verflossen. Es ist ein grosses Fest in Florenz.\nDes Grossherzogs Gemalin war gestorben, und Franzesco\nMedici reichte seiner geliebten Bianca die Hand, er erhob\nsie zur Grossherzogin. Die Vermälung wurde mit grossen\nFestlichkeiten begangen. Die Republik Venedig nahm den\nSchimpf und die Schmach zurück, die sie einst auf das\nHaupt der entlaufenen Bianca Capello gehäuft hatte; sie\nfühlte sich geehrt, dass ein mächtiger Fürst eine Edle aus\nihren Geschlechtern auf seinen Thron erhob und adoplirte\ndiese durch feierlichen Act als Tochter der Republik. Eine\nGesandtschaft von neunzig Nobili ward nach Florenz ge-\nschickt, um diesen Beschluss feierlich kund zu thun und\nder neuen Grossherzogin die Huldigungen der stolzen\nMeer-Beherrscherin darzubringen.\nEs war ein Fest, wie noch keines in Florenz gesehen\nworden, als die Vermälung Statt fand. Eine Pracht, wie\nder reiche Medicäer dabei entwickelte, war bis dahin\nunerhört,\nAis Bianca in feierlichem Aufzuge durch die Stadt ge-\ntragen wurde, als die neunzig Edlen ihrer Vaterstadt vor\nihr her ritten, und das Volk seine Evvivas der neuen Gross-\nherzogin zujubelte, leuchtete ihr Angesicht von befriedig-\ntem Stolze. Sie hatte jelzt Alles erreicht, was sie je errei-\nchen konnte. Holdselig grüsste sie nach allen Seiten und\nnichts störte die Feier ihres schönsten Lebenstages.\nNur einmal gerieth der feierliche Zug etwas ins Stocken,\nallein das Hinderniss ward rasch beseitigt.\nEs war auch nur ein unbedeutendes Hinderniss, der\nLeichenzug eines armen Mannes, der, aus einem Quergäss-\nchen kommend, auf den Hochzeitszug stiess. Die schwarz\nverhüllten barmherzigen Brüder, welche den Todten zur\nRuhe begleiteten, passten allerdings wenig zu den reichge-\nschmückten Festgenossen, die in den buntesten Farben prang-\nten. Allein der Eindruck, den das Kreuzen zweier so ver-\nschiedener Züge machte, war bald verwischt, der alige-\nmeine Jubel ward nicht lange geslört.\nZwar kannte beinahe ganz Florenz den Todten, dessen\nunscheinbarer Sarg so ungelegen auf den Zug der Freude\nstiess, allein sein Hinscheiden betrübte auch nicht eine theil-\nnehmende Seele, nicht ein geliebtes Wesen vermisste den"}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "165", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.5", "texte": "Dahingeschiedenen; er hatte sehr einsam im Leben gestan-\nden, und niemand sprach wieder von ihm.\nUnter dem Namen des wahnsinnigen Geigers halte man\nin Florenz den Todtcn gekannt.\nOb er den Namen eines Wahnsinnigen in der That\nverdiente? Er war still und in sich gekehrt gewesen und\nhatte niemandem etwas zu Leide gethan. Mit seiner Geige\nwar er still von Thür zu Thür gezogen und hatte den\nLeuten kleine Musikstücke vorgespielt, die er aber nie zu\nEnde bringen konnte die Melodie verwirrte sich immer,\nwenn es zum Schluss kam, und er endigte mit einem gel-\nlenden Misslaut. Hatten die Leute ihm ein Geschenk gege-\nben, so hatte er immer nur gefragt: „Habt Ihr Carlina nicht\ngesehen?\" Niemals war ihm ein anderer Bescheid gewor-\nden, als: nein, nein, nein! Dann hatte er aus tiefster Brust\neinen Seufzer herausgestossen, eine Thräne war über sein\nbleiches, eingefallenes Gesicht herabgerollt, und er war\ntraurig weiter gegangen.\nDer war es, den sie begruben, als Bianca Capello\nGrossherzogin von Toscana wurde! Ob ihm anderwärts\nauch mit „Nein\" geantwortet worden?\n\nRoderich Benedix.\n\nBerliner Briefe.\n\nDen 14. Mai 1854.\nIch habe noch Einiges nachzuholen von der verflosse-\nnen Concert-Saison und beginne mit einem Berichte über\ndie fremden Künstler, die wir diesmal zu hören Gelegen-\nheit hatten. Es waren dies Jenny Lind-Goldschmidt\n*J\nnebst 011 o G o I d s ch mi d t, V i eu x t e m p s, die Gebrü-\nder Wieniawski, Wilhelmine Clauss und La-\ncombe. Jenny Lind gab im Ganzen fünf Concerte\nmit glänzendstem Erfolge und zum Leidwesen aller ihrer\nConcurrenten, da das Publicum seine Geldmittel bei ihr\nerschöpfte. Das allgemeine Urtheil neigte sich dahin, dass\nihre Stimme wohl gelitten hätte, dass sie indess Alles\nin Allem betrachtet durch das Ganze ihrer Leistung\nnoch immer ihren Kunstgenossinnen weit überlegen sei.\nDass der Verlust an Wohlklang ein sehr bedeutender sei,\nist nicht meine Meinung; neben dem oft bedeckten Klange\ndes Organs stellte sich schon früh eine gewisse Schärfe bei\nstarkem Gebrauche desselben ein; diese Eigenschaften sind\ngeblieben, ohne sich indess in auffallendem Grade gesteigert\nzu haben. Eher möchte ich in ihrer Vortragsweise einen\nUnterschied bemerken; sie ist kälter und berechneter ge-\nworden, die natürliche Wärme des Gefühls ist der Technik\nund der Reflexion der Concertsängerin gewichen. Zwar in\neinzelnen Stücken, z. B. in einem Weber'schen Volksliede,\nin dem Liede von Mendelssohn, „ Die Sterne schaun in stil-\nler Nacht\", brachte sie noch durch Tiefe des Ausdrucks\neine grosse Wirkung hervor; ihre Gesangsrichtung, die aus\ntiefster Brust den Ton hervorholt, und die schöne Kunst\ndes gedämpften Tones bewährten hier aufs Neue ihre\nMacht; in manchen Stücken aber, wie in dem Liede von\nMendelssohn, „Auf Flügeln des Gesanges\", und in dem\nTaubert'schen Wiegenliede, „Sonne hat sich müd' gelau-\nfen\", trat fast nur die Eleganz und die kluge, gewisser\nMaassen vornehme Berechnung hervor. Die Wahl des letzt-\ngenannten Liedes war nicht uninteressant, da wir es oft\nvon Fräul. Wagner gehört haben; der Gegensatz beider\nKünstlerinnen trat sehr scharf darin hervor. Hier sieht man\ndie Mutter vor sich, die ihr Kind einwiegt und einsingt,\ndort glaubt man eine vornehme Dame zu sehen, die das\nLied einmal irgendwo gehört hat, es nachsingt, und es da-\nbei ganz auf den Ton der Salonwelt überträgt. Wir heben\nunter den Leistungen der Jenny Lind noch die schwedi-\nschen Volkslieder hervor, in denen sie noch immer durch\ndie unnachahmliche Originalität der Nuancen das Pnblicum\nelektrisirt, und die italiänischen Arien, in denen sie eine\nVollendung der Technik entfaltet, wie sie gegenwärtig viel-\nleicht von keiner ihrer Kunstgenossinnen erreicht wird. Die\nReinheit der Intonation in den schwierigsten Passagen, die\nGleichmässigkeit der Stimme, die durch zwei Octaven hin-\ndurch Alles aus einem Strome und einem Gusse hergibt,\nder feine Sinn für italiänische Melodik entzücken den Hö-\nrer; auch der Klang der Stimme verklärt sich unter dem\nEinflüsse italiänischen Gesanges. Auf diesem Gebiete wird\njetzt Jenny Lind ihre grössten Triumphe feiern. Herr 0.\nGold Schmidt ist ein tüchtiger Ciavierspieler, der sich\ndurch Fertigkeit und Deutlichkeit des Spiels auszeichnet;\nEigenschaften aber, durch die er heutiges Tages eine be-\nsonders hervorragende Stellung einnähme, besitzt er nicht.\nGleichzeitig mit Jenny Lind traf Fräul. W. Clauss\nO\nhier ein; leider war dieses Zusammentreffen ein Hinderniss\nfür sie, mit ihren schönen und liebenswürdigen Kunst-\nleistungen so zur Geltung zu kommen, als es unter ande-\nren Verhältnissen wohl der Fall gewesen wäre. Dennoch\nhat sie sich viele Freunde und Bewunderer erworben, na-\nmentlich in der Elite der Gesellschaft, der sie ja auch selbst\ndurch die zarte und poetische Richtung ihres Wesens an-\ngehört ; für derbere Naturen ist das Spiel von W. Clauss\nnicht gemacht. Hoffen wir, dass sie Berlin bald wieder mit\neinem Besuche erfreue und zu günstigerer Zeil. Sie gab"}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "166", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.6", "texte": "hier drei Concerte, die recht besucht waren, und fand den\nwärmsten Beifall. Eine vollendete Sauberkeit und Reinlich-\nkeit des Spiels, ein duftiger, weicher und seelenvoller Ton\nund ein feines, sinniges Versländniss sind ihre hervorragen-\nden Eigenschaften. Wenn sie die Sonaten von Beethoven\nspielt, so lässt sich nicht gerade sagen, dass ihre Auffassung\neine ganz objective sei; sie legt Accente hin, wo es nie-\nmand erwartete, sie macht Gedankenstriche, hält das Tempo\nzurück oder beschleunigt es in einer eigenthümlichen Weise,\ndie wenigstens bestritten werden kann ; aber ihr Spiel ist\nobjectiv und subjectiv zugleich, sie interpretirt gleich-\nsam den Componislen in sinniger, gedankenvoller und zar-\nter, mädchenhafter Weise, aber so doch, dass der Compo-\nnist selbst den inneren Halt dafür gibt. Wie wäre es denn\nauch anders möglich ? In jedem von uns spiegeln sich, nach\nMaassgabe der Individualität, die wir nun einmal haben, die\ngrossen Meister der Tonkunst in eigenthümlicher Weise\nwieder; ein schlechthin objectiver Vortrag ist nur durch\nVerzichtleistung auf alles Geistige oder unter Voraussetzung\neiner ganz universellen Persönlichkeit erreichbar. Meistens\ntragen diejenigen, die sich auf ihren objectiven Vortrag viel\nzu Gute tliun, nüchtern vor; wer aber selbst etwas ist und\netwas Eigenes hat, wer von dem inneren Künstlergeiste\nerfüllt ist, der wird Alles, was ihm vorkommt, mehr oder\nweniger individualisiren; nur das rein äusserliche, mechani-\nsche Aufnehmen kennt diese Gefahr nicht, wenn man das\nüberhaupt Gefahr nennen soll; je tiefer und innerlicher das\nVerständniss wird, desto mehr spielt die eigene Persönlich-\nkeit hinein. Mit einer solchen Persönlichkeit nun, als Fräul.\nCläuss es ist, Beethoven sich verschmelzen zu sehen, ist\nschon an sich von Interesse, obschon es andererseits falsch\nwäre, wenn nun jeder Andere ihre Art der Auffassung und\ndes Vortrages sich zu eigen machen wollte.—-Einen gros-\nsen Erfolg errangen hier die Gebrüder Wieniawski, die\ntheils im Coneertsaale des Schauspielhauses und im Opern-\nhause selbst, theils im KroH'schen Locale eine Reihe sehr\nbesuchter Concerte gegeben haben. Der Aeltere, der Vio-\nlinist, besitzt eine eminente Fertigkeit, die aber doch nicht\nganz die letzte Probe besteht; es fehlt ihm darin die Sau-\nberkeit und Durchsichtigkeit des Spiels; er spielt scheinbar\nmit den Schwierigkeiten, aber er hüpft auch darüber hin-\nweg und ist zu vollendeter Schönheit noch nicht durchge-\ndrungen. Die Kühnheit und das Feuer, dann wieder die\nsüsse Zartheit seines Vortrages electrisiren das Publicum,\ndoch bewegt er sich in den äussersten Gegensätzen und\nzeichnet sich daher namentlich nur in den Virtuosen-Com-\npositionen aus, während der Vortrag des Beethoven'schen\nViolin-Concertes und der Kreutzer-Sonate noch viel zu\nwünschen übrig Hessen. Er ist ein eminentes Talent, aber\nzu stürmisch und unreif. Sein jüngerer Bruder, Pianist, ist\nbei Weitem ruhiger, klarer und künstlerischer und besitzt\nebenfalls eine bedeutende Technik. Der Beifall, den ihnen\ndas Publicum zollte, war übertrieben und bewies nur, dass\ndie schönsten und edelsten künstlerischen Eigenschaften\nnoch immer von Wenigen verstanden werden, dass das\nFlittergold für edler gehalten wird, als das Gold selbst.\nEine junge Sängerin, Fräul. Auguste Schulz (hierin\nBerlin von der Gesanglehrerin Zimmermann gebildet\nund später eine Zeit lang in Weimar engagirt) hielt sich\nwährend der letzten Monate hier auf und hat sowohl in\nanderen Concerten, als auch in denen der Gebrüder Wie-\nniawski vielfach mitgewirkt. Sie ist eine sehr durchgebildete\nSängerin, die sich durch die Sicherheit ihres Gesanges und\ndurch die Klarheit ihres Organs auch in sehr grossen Räu-\nmen Geltung verschaffen wird; nur eine geringere Schärfe\ndes Organs und eine grössere Wärme des Vortrags blei-\nben zu wünschen. Endlich noch einige Worte über\nVieuxtemps, dessen künstlerisch vollendetes Spiel die\nganze musicalische Welt Berlins aufs Neue in Entzücken\nversetzt hat. Die Klarheit und Grösse seines Tones, die\nDeutlichkeit, Rundung und Gleichmässigkeit in der Ueber-\nwindung der grössten Schwierigkeiten, der maassvolle Adel\ndes Vortrages suchen wahrhaft ihres Gleichen; mag er\nclassische Werke oder leichtere Salonstücke spielen, über-\nall erhebt er sich zu künstlerischer Klarheit und Schön-\nheit, und selbst den Vorwurf, der ihm in Betreff des Vor-\ntrages der Kreutzer-Sonate gemacht wurde, dass er sie zu\nsehr dem Glänzenden genähert habe, vermögen wir nicht\nzu unterschreiben. Auch als Componist leistet er Bedeu-\ntendes; namentlich zeichnete sich sein neuestes Concert\naus Z) durch Erfindung, Geschmack und reiche musicafi-\nsehe Verarbeitung aus.\n\nG. E.\n\nWiener Briefe.\n[I taliänisch e Oper „II Trovatoreopera seria in\nquattro. atti dal maeslro Verdi Concerte der Frau\nJenny Lind-Goldschmidt und des Sängers Geraldi.]\nDen 14..Mai 1854.\nSie werden Sich über mein längeres Stillschweigen wohl nicht\ngewundert habbn. Sie werden es nicht bloss einer individuellen\nStimmung zuschreiben, da ich in meinem letzten Berichte von Con-\ncert-Ueberdru'ss und Schreib-Unlust sprach, sondern werden selbst\nerwägen, dass für meine gewöhnlichen Correspondcnzen der Faden\nauszugehen beginnt, und dass mir bald nichts Anderes übrig bleibt,"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "167", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.7", "texte": "als entweder in ein anderes Lager überzugehen, oder die Sommer-\nQuartiere zu beziehen. Denn dass ich etwa unserer neuesten ita-\nliänischen Oper Schritt für Schritt folgen sollte, werden Sie wohl\nnicht von mir erwarten. Ich habe dieselbe, die Wahrheit zu sagen,\nin der That erst ein einziges Mal besucht, und zwar, als man neu-\nlich die für Wien noch neue Oper von Verdi „11 Trovctlore\" gab.\nWas soll ich Ihnen aber darüber schreiben? Sollte nicht die blosse\nAnzeige: eine neue Oper von Verdi, genügen, so dass jeder ohne\nweiteren Commcntar wissen muss, woran er ist? Man werfe uns\ndoch nicht von gewisser Seite her so oft Unduldsamkeit und eng-\nherzige Exclusivität vor! Dieser Vorwurf, wenn er den Deutschen\ntreffen soll, ist wirklich höchst abgeschmackt. Keine Nation der\nWelt ist so bereit, jedes fremdländische Verdienst, oft bis zum\nUebcrmaass und zur eigenen Selbst-Erniedrigung, anzuerkennen,\nals eben die deutsche. Aber man verlange nicht von ihr. Dass sie\nin solchen Gebieten, in welchen sie selbst die höchsten Kränze ge-\npflückt, wie z. B. in der lyrischen Poesie und Musik, Gelbveig-\nlein und Niesswurz-Blüthen für Rosen und Lilien annehmen solle.\nEs gibt überhaupt zweierlei Arten von Toleranz: eine durchaus\nzu fordernde, welche darin besteht, dass sie jedem noch so Klei-\nnen, wenn es nur nach irgend einer Seite den Keim des Wahren\nund Echten in sich trägt, sein Recht widerfahren lässt, und eine\ndurchaus verwerfliche, w elche auch das Schlechteste und Gemeinste\n(wenigstens bis zu einer gewissen Gränze, wie die Formel heisst)\nanerkannt wissen will, weil es nicht minder in dem vielköpfigen\nPublicum sein Echo findet, und zwar oft das allerlauleste. Für die-\nses aber gibt es in der That nur eine Toleranz, und das ist die-\njenige, welche das Leben selbst übt, und von welcher Seite man\nihm ohnedies nichts anhaben kann. Man kann das Publicum nicht\nhindern, nichtsnutzige Bilder zu beschauen, an ihnen Gefallen zu\nfinden und die Wände seiner Privat-Gemächer • damit zu zieren;\naber man verlange für sie nicht auch noch eine Stelle im Museum\nder Kunst. So kann man es denn auch der deutschen Kritik nicht\nim Mindesten verargen, dass sie über die neü-italiänischö Opern-\nMusik so ziemlich in Bausch und Bogen den Stab bricht*).\n1 . ' ' ' .\nUm nun auf die neue Oper Verdis zu kommen, so er-\nrathen Sic wohl schon aus dieser Einleitung meine Meinung über\ndas Product. Gemeinheit und die unsinnigste, widernatür-\nlichste Barbarei neben der possierlichsten Charakterlosigkeit an\nallen Ecken und Enden. In der Kunst aber gilt nicht das Wort\nder Bibel: „Wenn ich auch nur Einen Gerechten\" u. s. w., son-\ndern der Volksspruch: „Eine Schwalbe macht noch keinen Som-\nmer< _ auch zwei noch nicht. Wenn man die Oper mit dem\nTextbuche- in der Iland verfolgte, so mussten einem die Haare zu\nBerge stehen über diese Unnatur der Declamation, über diese grau-\nenvolle Wort-Verzerrung! Absoluteste Willkür-Herrschaft eines\nvogelfreien Tonsetzers. Wie könnte man sich bei dieser Verderbt-\nheit der neu-italiänischen Opern-Musik wundern über den gleich-\nzeitigen Verfall der einst so grossen Gesangskunst Italiens? Wie\nsollte sich ein Sliinm-Organ,- dass sich allen diesen Verrenkungen,\nein Geschmack, der sich von solcher Kost nähren muss, bilden und\nentwickeln können? So ist es denn dahin gekommen, dass die\nSänger Italiens, weiche sonst nur hieher zu kommen brauchten,\num mit Lorbeern überschüttet zu Werden, schon in der vorjährigen,\nnoch mehr aber in der heurigen Saison fast nur Schande und Spott\närnten. Zwar zählt die Gesellschaft einige tüchtige Kräfte und\neinen Stern erster Grösse, die herrliche Medori; aber Eine\nSchwalbe u. s. w. Ueberhaupt ist mir diese ganze italiänische\nOpern-Wirthschaft von je her als ein Unfug erschienen, der seit\ndem Erlöschen der unvergleichlichen Gesangskunst vollends ohne\nalle Berechtigung, von Staats wegen abgeschafft werden müssle. Ich\nfrage warum und wozu? Warum nicht gleich in weiteren drei\nMonaten französisches Vaudeville und in den nächstfolgenden eng-\nlische Tragödie? Periodisch haben wir das ohnehin schon Alles\ngehabt. Ich sehe aber darin absolut eine Herabwürdigung der ein-\nheimischen Kunst, besonders wenn man noch überdiess erwägt,\ndass man sich für drei Monate italiänischer Oper dieselbe Summe\nabdingen lässt, wie für neun Monate deutscher Oper. Und man\nschreit noch über Unduldsamkeit!\n(Schluss folgt.)\n*) Das ist doch wohl etwas zu weit gegangen. Anm. d. Recl.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nIn Essen ist am 5. Mai eine neue Orgel, von den Gebrü-\ndern Ibach in Barmen, in der evangelischen Kirche einge-\nweiht worden. Die Revision der Orgel ist durch Prof. Breiden-\nstein aus Bonn und den Seminarlehrer Herrn Eickhoff aus\nMeurs vorgenommen worden. Das Urthcil der Revisoren ist ein\ndurchaus günstiges, und beide Herren sprachen sich sehr lobend\nüber das neue Werk aus. Die Orgel hat 1600 Pfeifen und 27 Re-\ngister. Im Manual sind 12, im Positiv 9, im Pedal 6 Register. Die\nbeiden Claviaturen, Manual und Positiv, lassen sich so leicht spie-\nlen wie bei einem Piano. Die ganze Orgel kostet 2600 Thaler.\nStettin. Die hiesige Polizei hat bei dem hier gastirenden\nk. k. Hof-Opernsänger Herrn Beck nicht nur Haussuchung gehal-\nten, sondern denselben auch mittels Zwangspasses nach den öster-\nreichischen Staaten sofort ausgewiesen. Obwohl bei Durchsuchung\nder Papiere und Effecten durchaus nichts Verdächtiges, vielmehr\nals Beweis der Loyalität das Bild Ihrer K. K. österreichischen Ma-\njestäten, seines neu vermählten Allerhöchsten Herrscherpaares, vor-\ngefunden wurde, so musste derselbe doch binnen 16 Stunden Stet-\ntin verlassen. Herr Beck war überdiess im selben Augenblicke von\neiner Halsentzündung befallen, und sein Arzt erklärte, dass die\nKrankheit zwar eine Reise zuliesse, jedoch für die Stimme Alles zu\nbefürchten wäre. Ueber den Grund dieser polizeilichen Verfügung\nist bis jetzt noch nichts bekannt geworden. Th. Chr.\nLortzing's Grab bezeichnet in neuester Zeit ein schlichter\nStein, worauf ausser des Componisten Geburts- und Todestag (23.\nOctober 1803 und 21. Januar 1851) die einfach schönen und tref-\nfenden Worte: • .\n• • • ' „Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,\nSein Leben Kampf mit Noth und Neid.\nDas Leid flicht diesen Friedensort,\nDer Kampf ist aus sein Lied tönt fort!44\nStein und Inschrift rühren von Pii> Düringer her, Regisseur am\nköniglichen Theater zu Berlin, der, Lortzing's Freund im Leben\nund im Tode,. 1851 bekanntlich eine auf Originalbriefe basirende\nBiographie des Verstorbenen herausgab, deren Ertrag für Lortzing's\nHinterlassene bestimmt war und ihnen auch bereits zugeflossen ist.\nTh, Chr"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "168", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540527-01.1.8", "texte": "Am 22. Mai sollte in Frankfurt der Verkauf der Bibliothek\ndes berühmten Abtes Vogler beginnen.\nDie italiänische Oper in Paris ist jetzt geschlossen. Nicht un-\ninteressant ist eine Zusammenstellung ihres Repertoires. In 91 Vor-\nstellungen sind 16 Opern gegeben worden. Unter diesen 16 Opern\nwaren 6 von Rossini (Cenerentola, II Barbiere, La Gazza ladra, La\nDonna del lago, Otello), 4 von Bellilii (I Puritani, Norma, La Son-\nnambula, Beatrice di Ten da), 3 von Donizelti (.Lucrezia Borgia, Lu-\ncia, L'elisire d'amore), eine von Mozart (Don Giovanni), eine von\nVerdi (Emani), eine von Copnala (Nina Paz>za). Die meisten Vor-\nstellungen erlebte Rossini mit 37, davon vierzehnmal der Barbier.\nDann folgt Bellini mit 24, worunter die Puritaner siebenmal. Do-\nnizetti hat 15 Vorstellungen und Mozarfs Don Juan 7 erlebt.\nSolch eine statistische Uebersicht ist das geschriebene Urtheil des\nPublicums.\nDie neue Oper La fiancee du diable ist noch nicht zur Auffüh-\nrung gekommen, obschon sie für den 17. Mai fest angekündigt war.\nDie France musicale berichtet die Rückkehr des Herrn Louis\nLacombe von seinem Triumphzuge durch Deutschland.\nWird denn die France musicale jetzt an der Newa geschrieben?\nDie deutsche italiänische Oper, welche Herr Seager Oswald im\nDrurylane-Theater in London zusammengestellt hat und deren\nHaupt-Stütze Karl Formes ist, erfreut sich des Beifalls des Publi-\ncums und seines zahlreichen Besuches in hohem Grade. Neuer-\ndings ist Fräul. Agnes Bury daselbst als Nachtwandlerin mit gros-\nsem Erfolge aufgetreten und in Folge dessen auf ein Jahr mit\n16,000 Thalern engagirt worden.\nMad. Sontag hat mit ungemeinem Erfolge in Mexico gesungen.\n\nOffener Brief an Herrn A. Schindler\nin Frankfurt am Main.\nFerdinand Hiller.\nIn einem Kreise von Künstlern und Kunstfreunden wurde ge-\nstern der Auszug aus einem „für Ihre Freunde als Manuscript ge-\ndruckten Aufsatze\", welchen Nr. 20 der Niederrheinischen Musik-\nZeitung enthält, vorgelesen. Mehrere der Anwesenden waren „Stu-\ndirende von Beethovens Ciavier-Musik\". Es war denselben interes-\nsant, zu erfahren, dass „Cherubini Bcethovcn's Aufmerksamkeit auf\ndie Clementi'sche Schule gelenkt\", dass Beethoven „mit Geist ge-\nspielt\" und „nicht immer mit Gramer in der besten Harmonie ge-\nlebt habe\", obschon sie sich dadurch nicht wesentlich für den\nVortrag Beethoven'schcr Musik gefördert sahen. Es war ihnen\nnicht neu, dass „im mehrstimmigen Satze die melodieführende Note\nhervortreten müsse\"— „sie stecke in welcher Stimme im-\nmer\"—, es schien ihnen aber, mit allem Respect vor Clementi, ganz\nunnöthig, um zum richtigen Vortrage einer Melodie zu gelangen,\nderselben erst irgend „ein Versmaass unterzulegen,\" da die Ton-\nkunst, deren Leben der Rhythmus ist, einen viel zu reichen Wech-\nsel desselben darbietet, um sich bei der in dieser Hinsicht viel\närmeren Sprache Rath holen zu sollen. Wras aber den oben be-\nzeichneten Kreis in wahres Erstaunen setzte, war die Art und\nWeise, in welcher einer Anzahl grosser Künstler von Ihnen in je-\nnem Aufsatze gedacht wird HummeFs, „dessen Richtung zum\nsicheren Verderben führen konnte\" Liszt's, dem Sie, wie der\nsteinerne Gast dem Don Juan, ein feierliches Pcntiti zugerufen,\naber, grossmüthiger als jener, „vier Jahre gegeben haben\", um\nsich zu bessern Kalkbrennens, dessen „Küche und Keller\"\nwenigstens Ihrem Gedächtnisse nicht entschwunden scheint Mo-\nscheies' endlich, dessen „Heldenthat\" Sic „den verdienten Lohn\nzugemessen\".\nLob und Tadel aussprechen, darf Jeder und Jeder kann\nauch seine Ideen (nach Heine's Kutscher „alles dumme Zeug, was\neinem durch den Kopf gehl\") drucken lassen. Lohn und Strafe zu-\nmessen, ist aber ein anderes Ding das gestatten die Menschen,\nwenn sie der Kindheit entwachsen sind, nur hohen, höchsten und\nallerhöchsten Richtern, und zwar auch diesen nicht als höher ste-\nhenden Mitmenschen, sondern nur als Dienern der Gerechtigkeit in\neigener Person. Dass sich nun Jemand aus selbstständiger Macht-\nvollkommenheit zu einer Art Oberrichter, oder gar zum Spender\nvon Gnade und Ungnade constituire, schien eine, fast historische\nGuriosität, und ein gewisses Interesse machte sich rege in Bezug\nauf den, von dem sie ausging. Dass Sic in Paris als Ami de Beet-\nhoven mit vielem Succes aufgetreten, dass Sie nicht allein in, son-\ndern auch von der Beethoven'schen Muse geistig und leiblich leben,\ndass Sie über Mendelssohn's Fähigkeit als Dirigent eigentüm-\nliche Ansichten veröffentlicht, und dass Sie in Münster Musik-\nDirector gewesen, war ungefähr Alles, was die meisten der Anwe-\nsenden von Ihnen wussten, und man bestürmte mich schmeichel-\nhafter Weise mit Fragen, um Näheres über Sic zu erfahren; aber\nleider konnte ich auf die meisten derselben keine Antwort geben.\nIch versprach, mich an Sie selbst zu wenden, und nehme mir nun\ndie Freiheit, Sie um gefällige Beantwortung folgender Fragen er-\ngebenst zu ersuchen:\nHaben Sie es je im Clavierspicl so weit gebracht, um die erste\nEtüde von Gramer spielen zu können?\nExistirt irgend ein nicht „als Manuscript gedrucktes Werk\" von\nIhnen, ästhetischen oder theoretischen Inhalts?\nKann man auf irgend einem Wege zur Kenntniss einer\nComposition von Ihnen gelangen?\nHaben Sie als Dirigent eine bedeutende, der Welt unbekannte\nVergangenheit?\nMachen Sic wirklich auf die Stelle des Statthalters Beethovens\nauf Erden gegründete Ansprüche, wie ein Freund behauptet?\n„Nur die Lumpe sind bescheiden\", sagt Göthe ich rechne\ndaher auf eine aufrichtige, unbescheidene Antwort.\nIhr (so viel wie möglich) ergebener\nKöln, den 23. Mai 1854."}]}