{"numero_id": "bm-bmtnabi-1854-06-03-01", "volume": "bmtnabi_1854-06-03_01", "ocr_sha256": "ab3b7a0f3d05228995ccebf9dcabc662178bc3bbf4cf16855067ec5c9ca1e21f", "source_tei": "", "source_mets": "https://github.com/pulibrary/BlueMountain/blob/main/metadata/periodicals/bmtnabi/issues/1854/06/03_01/bmtnabi_1854-06-03_01.mets.xml", "url_numero": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01", "articles": [{"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-03-01-c001", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-03_01#c001", "volume": "bmtnabi_1854-06-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "169", "page_fin": "172", "image_debut": 1, "image_fin": 4, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.2.1", "titre_corps": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum Dramatischen in der Oper.", "titre_sommaire": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum Dramatischen in der Oper.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.1", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 3857, "texte": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum\nDramatischen in der Oper.\nAbgerissene Gedanken\nvon\nRoderich Benedix.\nWrenn eine neue Oper missfällt, so ist gewöhnlich der\nVerfasser des Textes der Sündenbock. Entweder sagt man:\n„bei solch schlechtem Texte habe die beste Musik nicht\ngefallen können\", oder man geht so weit, zu behaupten:\n„zu solch schlechtem Texte habe der beste Meister keine\ngute Musik machen können.\" In diesem Umstände liegt der\nBeweis, dass der Text einer Oper von grosser Wichtigkeit\nsein muss. Sehen wir ferner, dass im Grunde sehr wenige\nOpern sich dauernd auf dem Repertoire halten, dass Opern\nvon den grössten Meistern, mit anerkannt trefflicher Musik,\n(z. B. Mozart's Cosi [an lutte, doch keinen blei-\nbenden Platz auf dem Repertoire erringen können, und\nsehen wir, dass daran allerdings der schlechte Text schuld\nist, so wird es keinem Widerspruch unterliegen, dass der\nText nicht nur sehr wichtig, sondern dass er wesentlich,\ndass er eine Hauptsache ist. Eigentlich sollte diese Wahr-\nheit sich so von selbst verstehen, dass sie weder eines Be-\nweises noch einer Besprechung bedürfte. Denn die Oper\nist ein Kunstwerk, geschaffen durch das Zusammenwirken\ndreier Künste, der dramatischen Dichtkunst, der Musik,\nder darstellenden Kunst. Ist nun bei der Zusammenwirkung\ndie eine Kunst schlecht vertreten, so kann nur Mangelhal-\ntes herauskommen. Die schönste Oper, schlecht dargestellt,\nwird eben so wenig gefallen können, wie die schönste\nDichtung mit schlechter Musik. Und trotzdem wird auf die\nDichtung so wenig Werth gelegt und am wenigsten\noft von den Componisten selbst, die dieselbe oft nur als\nden Rahmen für ihre Musik betrachten, und die sich dann\nden Text für ihre Musik zurecht machen lassen, statt Mu-\nsik und Dichtung in Einklang zu bringen.\nSehen wir ferner, dass es sehr viel schlechte und sehr\nwenig gute Opern-Texte gibt, so müssen wir erkennen,\nDass es eine schwierige Aufgabe sein muss, einen Opern-\nText zu dichten. Wir haben unendlich mehr gute Dramen\nin jeder anderen Gattung, als gute Opern-Texte. Worin\nmag nun die Schwierigkeit liegen? Sie lässt sich mit zwei\nWorten andeuten. Ein Opern-Text soll dramatisch-musi-\nkalisch sein, d. h. er soll dramatisch und das Dramatische\nsoll musikalisch sein.\nDramatisch und musikalisch sind zwei viel gebrauchte\nWorte; was sie aber ihrem innersten Wesen nach bedeu-\nten, was sie namentlich in dem Sinne bedeuten, indem wir\nsie hier brauchen, liegt weder so klar auf der Hand, dass\nes jeder gleich versteht, noch ist es so bestimmt ausge-\nmacht, dass nicht verschiedene Meinungen darüber bestän-\nden, d. h. also widersprechende Ansichten.\nVersuchen wir es, uns darüber zu verständigen und\ngehen wir zunächst dem Begriffe „Dramatisch\" etwas\nnäher. Dramatisch in weiterem Sinne heisst Alles, was auf\ndas Drama überhaupt Bezug hat; im engeren Sinne be-\nzeichnet es': was einem guten Drama eigentümlich ist. In\ndiesem engeren Sinne ist ihm der Begriff „ Undramatisch\"\nentgegengesetzt. Was aber ist einem guten Drama eigen-\ntümlich, d. h.: was muss ein Drama enthalten, damit es\nein gutes sei?\nDie Forderungen an ein solches lassen sich auf vier\nHauptpunkte zurückführen.\nDas Drama soll, wie die Bedeutung seines Namens\nschon verlangt, eine Handlung darstellen. Der Begriff des\nWortes „Handlung\" ist ebenfalls ein viel gebrauchter und\nviel gemissbrauchter. Namentlich wird Handlung sehr\nhäufig mit Begebenheit verwechselt. Nicht Alles, was\nsich begibt, was vorgeht, was geschieht ist eine Hand-\nlung. Handlung ist ein Vorgang, erzeugt durch die Thätig-\nkeit von sittlich begabten Wesen, d. h. Menschen, und\nzwar muss diese Thätigkeit eben durch die sittlichen Mo-\ntive der Menschen bedingt, hervorgerufen werden. Alles,\nwas der Mensch demnach unwillkürlich, was er instinctiv\nthut, was blosse Aeusserung seines animalischen Lebens\nist, kann auf den Namen Handlung keinen Anspruch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.2", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5299, "texte": "machen. Das Schlafen, das Verdauen ist eine Thätigkeit\ndes Menschen, aber keine Handlung. Eben so sind Thätig-\nkeiten, die wir inslinctiv verüben, noch keine Handlung,\nz. B. das Fliehen aus einem brennenden Hause, das Schwim-\nmen bei einem Falle ins Wasser, die Vertheidigung gegen\neine plötzlich hereinbrechende Gefahr. Alles das thun wir\nunwillkürlich, von dem blinden Lebenstrieb veranlasst, wie\nwir unwillkürlich bei einer schmerzhaften Berührung zucken.\nAllein diese Thätigkeiten stehen schon auf der Gränze zur\nHandlung. Jemand, der in ein brennendes Haus, oder in\ndas Wasser sich stürzt, um einen Anderen zu retten, und\ndann (lieht und schwimmt, jemand, der einer Gefahr ent-\ngegengeht und sich dann in ihr vertheidigt, handelt, denn\ner wird von sittlichen Motiven getrieben. Aus diesem Grunde\nist es zum Begriff der Handlung nicht nöthig, dass sie einen\nunmittelbaren sinnlichen Effect habe, dass sie durch eine\nsinnliche Verrichtung geübt werde. Es gibt auch geistige\nHandlungen. Ein Redner, der Andere überzeugt, anreizt,\nantreibt, handelt ebenfalls. Ueberhaupt heisst handeln:\nseine Ueberzeugungen geltend machen, seine Wünsche zu\nerreichen suchen, nach etwas streben. Durch welche Thä-\ntigkeit, durch sinnliche oder geistige, das geschieht ist\ngleichgültig.\nWie nun nur Thätigkeiten des Menschen aus sittlichen\nMotiven Handlungen genannt werden können, so verdienen\nalle Vorgänge, wobei eben solche sittliche Motive nicht wir-\nken, den Namen Handlungen nicht. Dahin gehören alle die\nVorgänge, welche von äusseren Veranlassungen und Ge-\nwalten herbeigeführt werden, z. B. Schiffbruch, Erdbeben,\nGewitter, Feuersbrunst, Unglücksfälle aller Art. Das sind\nBegebenheiten. Recht klär wird der Unterschied zwi-\nschen Begebenheiten und Handlung werden, wenden wir\nes auf das an, wovon wir eigentlich sprechen, auf das\nDrama. Alle Begebenheiten lassen sich erzählen, sie bilden\nalso Stoff zur Erzählung, zum Roman. •—• aber nicht\nzum Drama; in diesem sollen nur Handlungen vorkom-\nmen. Allerdings kann der Mensch von einer Begebenheit\nbetroffen in ihr seine sittlichen Eigenschaften geltend ma-\nchen, handelnd durch Widerstand, leidend durch\nstandhaftes Ertragen und in dieser Beziehung kann die\nBegebenheit auch im Drama mitwirken. Allein sie darf es\nnur, indem sie Thätigkeiten sittlicher Wresen anregt, sie\ndarf also an und für sich weder einen unabweisbaren Ein-\nfluss, noch eine Entscheidung herbeiführen, sie ist daher\nmit grosser Vorsicht im Drama anzuwenden. Indem wir\nhier sahen, dass der Mensch auch im Leiden seine Sittlich-\nkeit besser sich selbst als sittliches Wesen zur\nGeltung bringen kann, müssen wir auch das Leiden in\nden Begriff der Handlung aufnehmen. An und lür sich\nscheinen beide Wörter sich entgegengesetzt zu sein. Be-\ndenkt man aber, dass nicht vom physischen Leiden die Rede\nist, sondern von dem Widerstande, den ein sittliches We-\nsen dem Schmerze entgegensetzt, indem es durch diesen\nWiderstand sich selbst bewahrt und seine sittliche Freiheit\ngeltend macht, und bedenkt man, dass der Widerstand eine\nThätigkeit ist, so wird es sich rechtfertigen, dass man auch\ndas Leiden in der dramatischen Handlung mit begreift.\nEs liesse sich noch sehr viel über das Wesen der\nHandlung in Bezug auf das Drama sagen, allein wir woll-\nten ja nur abgerissene Gedanken geben. Halten wir also\nfest: Handlung ist eine von sittlichen Motiven\nbedingte Thätigkeit. Ihr entgegen steht alles von\naussen her Vorgehende. Man nennt das wohl ästhetisch\nZufall, abgesehen natürlich von dem Glauben an eine\nhöhere Einwirkung *).\nEin zweites hauptsächliches Erforderniss der Handlung\nin dramatischer Beziehung ist, dass sie eine Wirkung, einen\nErfolg, dass sie Folgen habe. Handlungen ohne dies sind\nnicht dramatisch. Das Gehen an und lür sich kann eine\nHandlung sein, allein dramatisch wird sie erst durch An-\nkommen an das Ziel.\nDie Folgen der einzelnen Handlungen sind es, die\nmehrere Menschen in Berührung bringen, die wieder an-\ndere Thätigkeiten anreizen und in Bewegung setzen. Indem\nsich verschiedene durch einander bedingte Thätigkeiten ein-\n\n*.) In dieser Erklärung liegt auch der Beweis für das Undrama-\ntische der neueren Schicksals-Tragödieen. Das anregende\nPrincip in diesen ist eben eine äussere Gewalt. Dass man\ndieselbe zu einer bewussten gemacht und statt Zufall ein\nwohlüberlegtes Fatum gebraucht hat, ändert nichts an der\nSache. Diese äussere Gewalt hebt die sittliche Freiheit des\nMenschen auf, demnach die erste Bedingung der Handlung,\nalso des Drama's.\nWie wenig der Zufall im Drama eingreifen darf, mag ein\nbekanntes Beispiel zeigen. Nach der Geschichte stürzte Fiesko\nin Genua aus Unvorsichtigkeit in das Meer und kam um.\nSchiller lässt ihn in seinem Drama aber weislich durch Yer-\nrina in das Meer werfen. Hier ist also Handlung und kein\nZufall.\nUmgekehrt ist es in Romeo und Julie ein Fehler im Baue\ndes Stückes, dass Romeo nur durch Zufall nichts vom Plane\nder Julie erfährt, und dass dadurch die tragische Katastrophe\nherbeigeführt wird. Man kann sich nie des Gedankens erweh-\nren: schade, dass dieser Zufall eingetreten ist, sonst wären\ndie Liebenden glücklich geworden.\nDer Ausgang, der durch Handlung bedingt wird, ist noth-\nwendig und mit der Nothwendigkeit versöhnen wir uns.\nFiesko's Fall war nothwendig, der Tod von Romeo und Julie\nnicht, dies der Unterschied."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.3", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5199, "texte": "ander berühren, entsteht eine Haupthandlung der In-\nhalt eines Drama's. Indem sich mehrere Thätigkeiten oder\neinzelne Handlungen durchkreuzen, auf einander wirken,\nentsteht die Verwicklung, der Conflict, das meist noth-\nwendige Erforderniss eines Drama's. Den Conflict zu lösen,\ndie Verwicklung dann zu entwickeln, ist die schwierigste\nAufgabe für das Drama, um so schwieriger, da, wie wir\nsahen, der Zufall nicht zulässig ist, die Entwicklung also\nnicht von aussen kommen darf, sondern in der Anlage\nselbst gegeben sein muss. Wollten wir diesen Punkt noch\nweiter besprechen, namentlich die Symmetrie der Handlung,\nden Bau des Stückes u. s. w. näher beleuchten, so würde\nuns das zu weit führen. Für unseren Zweck genügt es,\nuns über das Wesen des Begriffs „Handlung\" verständigt\nzu haben.\nDramatisch also, d. h. dichterisch, für das Drama, für\nein Kunstwerk brauchbar ist eine Handlung, die den ange-\ngebenen Bedingungen entspricht.\nDa eine Handlung nur ein Erzeugniss sittlicher Motive\nist, so wird es die Aufgabe des Drama's ferner sein, uns\ndiese sittlichen Motive so zu zeigen und zu zeichnen, dass\nwir die Handlung als deren nothwendiges, wenigstens folge-\nrichtiges Ergebniss sehen. Mit anderen Worten: das Drama\nmuss uns die Menschen zeichnen wie sie sind, mit allen\nTriebfedern ihres Handelns, mit all den Ursachen ihres in-\ndividuellen Wesens. Man fasst das unter dem Namen Cha-\nrakter zusammen. Und in der That ist richtige Charakter-\nzeichnung das zweite Haupterforderniss eines guten Dra-\nma's. Auch über Charakterzeichnung liesse sich unendlich\nviel sagen. Wir begnügen uns, ein paar Haupterfordernisse\nderselben aufzustellen. Die Charakterzeichnung muss wahr\nund muss individuell sein.\nWahr ist ein Charakter gezeichnet, wenn sein Thun\nund Handeln, sein ganzes Sein und Gebahren wirklich sei-\nnem Denken und Empfinden, seinen besonderen Anlagen,\nüberhaupt seinem besonderen sittlichen und geistigen We-\nsen und dem allgemeinen Wesen der Menschen entspricht.\nEin Furchtsamer, der kühn einer Gefahr entgegengeht, ein\nGeiziger, der grossmüthig handelt u. s. w., sind unwahre\nCharaktere. Auf den ersten Blick scheint diese Forderung\nso natürlich, dass es nicht der Mühe lohnt, sie aufzustellen.\nAllein keine Forderung ist öfter von Dramatikern verletzt\nworden, unsere dramatischen Dichtungen wimmeln von\nunwahren Charakteren.\nNamentlich ist es die Uebertreibung von Tugend auf\nder einen, von Bösartigkeit auf der anderen Seite, die so\nhäufig vorkommt. Man findet oft Engel und oft Teufel ge-\nzeichnet, aber keine Menschen. Wie unwahr zeichnet man\nso oft die Landleute, die im Gegensatze zu den Städtern\nals unverdorbene, gemüthreiche Naturmenschen dargestellt\nwerden, was sie ganz und gar nicht sind. Dieses eine Bei-\nspiel mag beweisen, wie unwahr man Charaktere schildert\nund was Wahrheit der Charakterzeichnung ist.\nDie Charakterzeichnung muss zweitens individuell sein,\nd. h.: der Mensch, den uns das Drama vorlührt, muss\nwirklich ein Individuum sein, nicht der Repräsentant einer\nGattung, nicht die Abstraction eines Begriffes. Das Letztere\nfinden wir so häufig, namentlich in der sogenannten Ten-\ndenz-Poesie. Ein Charakter muss so gezeichnet sein, dass,\nwenn Jemand das Gedicht lies't, unwillkürlich bei ihm ein\nBild der Person mit festen Umrissen\" entsteht. Der Leser\nmuss sich derart in sein Denken und Empfinden hinein\nverlieren, dass er fühlt: in dem oder jenem bevorstehenden\nFalle wird und muss dieser Charakter so und nicht anders\nhandeln. Der Schauspieler endlich muss im Stande sein,\neinen solchen Charakter in festen Umrissen, mit bestimmt\nausgesprochener Individualität darzustellen, einen wirklichen\nMenschen, ein lebensvolles Bild uns vorzuführen. Ist das\nAlles nicht der Fall, so ist die Charakterzeichnung nicht\nindividuell.\nSo richtig und wichtig diese letzte Forderung ist, so\nist sie doch so leicht nicht zu erfüllen, und es ist eben das\nZeichen eines wahren Dichters das zu können. Ein Bei-\nspiel möge erläutern, was individuelle Charakterzeichnung\nist. In der alten französischen Tragödie sind die sogenann-\nten Vertrauten feststehende Figuren, die in jedem Stücke\nwiederkehren. Alle diese Vertrauten sind einander ähnlich,\nja gleich, sie sind bloss da, um die handelnden Personen\nanzuhören und durch dazwischen geworfene Antworten\ndas Gespräch fortzuspinnen. Diese Charaktere fühlen und\nhandeln nicht selbst, sondern nur in ihren Herren und für\ndieselben; sie sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern\nnur als Folie Anderer; sie sind ein Flickwerk, eine Gattung,\nmit einem Worte: sie sind nicht individuell. Dagegen lese\nman Shakespeare, man lese Minna von Barnhelm oder Na-\nthan, so wird man sehen, wie lebensvoll, wie interessant,\nmit wie festen Umrissen, mit einem Worte: wie indivi-\nduell diese Charaktere hier uns entgegentreten*).\n\n*) Diese nicht individualisirten Charaktere sind die, welche Schau-\nspieler und Sänger zu den sogenannten schlechten Rollen\nzählen. Es ist nicht das minder Hervortretende, das minder\nDankbare, was diese Rollen schlecht macht, sondern es ist\ndie gänzliche Bedeutungslosigkeit derselben, der Mangel an\nwirklichem Inhalt, so dass der Schauspieler nicht weiss, was\ner aus solchen Fratzen machen soll. Alan denke in der Oper"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.4", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 2574, "texte": "Im Verlaufe des Drama's ergeben sich Situationen.\nDas sind Knotenpunkte, in welche die Handlung zusam-\nmenläuft, Ruhepunkte, bei welchen sie verweilt, zuweilen\ngewisser Maassen Scheidewege, auf denen die handelnden\nPersonen zwischen mehreren Entschlüssen zu wählen haben\nu. s. w. Die Situationen sind das Ergebniss der sich ver-\nwickelnden Handlung und gehören als solche den Regeln\nüber die Handlung selbst an. Interessante Situationen her-\nbeizuführen, ist eine Hauptaufgabe des Drama's, nament-\nlich des Lustspiels. Die Situationen sind für die Oper be-\nsonders wichtig, weil sie der Musik breiten Raum gewäh-\nren, sich geltend zu machen, wie wir gleich weiter unten\nsehen werden.\nDas vierte Erforderniss eines guten Drama's ist eine\ngute Form. Unter Form verstehen wir das sprachliche Ge-\nwand des Drama's. Dieses kann in verschiedener Beziehung\ngut oder schlecht sein. Die Sprache des Drama's kann reich\nan Gedanken, kann schwungvoll, kann poetisch, kann geist-\nreich, sie kann umgekehrt nüchtern, sogar trivial sein. Das\nwäre die geistige Seite der Form.\nDie Sprache kann nachher den Anforderungen eines\nguten Styls, eines guten Verses mehr oder weniger ent-\nsprechen. Das ist das Aeussere der Form.\nDie Form im Allgemeinen muss mit den übrigen An-\nforderungen an das Drama nicht im Widerspruch stehen.\nSonach kann sehr oft eine schwungvolle Sprache zu leerem\nSchwulst werden, wenn sie den Charakteren und Situa-\ntionen nicht entspricht; sie kann umgekehrt hinter den\nbilligen Anforderungen zurückbleiben, wo dichterischer\nSchwung nothwendig ist.\nDas wären also die vier Haupt-Elemente eines Drama's.\nEs gibt also dramatische Handlung, dramatische Charak-\ntere, dramatische Situationen, d. h. immer in engerem\nSinne gute, dem Wesen des Drama's entsprechende\nHandlung, Charaktere, Situationen*).\n(Fortsetzung folgt.)\n\nan die unglücklichen Beiläufer, die auf dem Zettel unter der\nRubrik: „sein Freund\" oder „ihre Vertraute\" angeführt wer-\nden, die in einem Stückchen Recitativ vor einer Arie ein\npaar Stellen zu singen haben und dann nach Botschaft aus-\ngeschickt werden, wenn sie nicht gar die Arie mit anhören\nmüssen. Wer entsinnt sich nicht, dass die unglücklichen Sän-\nger in solchen Aufgaben meistens ausgelacht werden? Es\nliegt das nicht an den Sängern, es liegt an der Unmöglich-\nkeit diese Rollen zu spielen.\n*) Ein Drama, in welchem alle vier Elemente gleich vortrefflich\nsind, ist ein Meisterstück. Solche Meisterstücke sind sehr sel-\nten, sind es gewesen zu allen Zeiten, bei allen Nationen. Sel-\nten vereinigt ein Dichter alle die Anlagen, die zu einem guten"}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-03-01-c002", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-03_01#c002", "volume": "bmtnabi_1854-06-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "172", "page_fin": "176", "image_debut": 4, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.2.2", "titre_corps": "Die italiänische Oper.", "titre_sommaire": "Die italiänische Oper.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.4", "debut_caractere": 2576, "fin_caractere_exclue": 5376, "texte": "Die italiänische Oper.\nAlle Künste sind mehr oder weniger national, und die\njedem Volke eigentümliche Richtung verbreitet sich wenig\noder gar nicht auf andere Nationen. So haben die bilden-\nden Künste ihre eigenen Schulen, die von der Nationalität\nihren Namen führen und deren Eigentümlichkeit die der\nNationalität ist. Beispielsweise erinnern wir an die italiäni-\nsche, niederländische, spanische, deutsche Malerschule der\nälteren Zeit und an die bedeutende Verschiedenheit der\nRichtungen der Malerei noch in der neueren Zeit. Eben so\nwenig gelingt es der Literatur eines Volkes, ganz kosmo-\npolitisch zu werden; sie bleibt immer national, findet auch\nhier und da die eine Literatur mehr Anerkennung und\nUebersetzer— bei fremden Völkern, als eine andere. Auch\ndie Musik ist wesentlich national; doch bei dieser Kunst\nhindert die volksthümliche Richtung nicht ihre Verbreitung\nüber die Gränzen ihres Vaterlandes. Die Musik ist die\nwahre kosmopolitische Sprache. Die deutsche Instrumental-\nMusik z. B. bricht sich nach und nach bei allen Völkern\nBahn, welche überhaupt „Ohren haben zu hören\". Ra-\nscher als dieses gelingt aber eine ausgebreitete Propaganda\nder italienischen Oper. Die italiänischen Sänger sind die\nwahren Apostel der Musik, sie machen überall Gläubige.\nFreilich sind diese auch zuweilen darnach. Genug, die Völ-\nker mögen nach Sprache, Abstammung, Sitten u. s. w.\nnoch so verschieden sein, die italiänische Oper findet über-\nall Aufnahme. Die Hauptstädte Europa's haben alljährlich ihre\nitaliänische Oper. Madrid, Lissabon, Paris, London, Brüssel,\nWien, Petersburg hören alljährlich die Werke Donizetti's,\nBellini's, Rossini's und des Stimmenverderbers Verdi.\nSie hören sie nicht in Uebertragungen von einheimischen\nKünstlern, wie wir in Deutschland, sie hören sie von Na-\ntional-Italiänern, unter die sich freilich auch zuweilen tüch-\ntige Deutsche mischen, wie die Sontag, die Cruvelli, wie\nFormes. Auch in Konstantinopel ist italiänische Oper ge-\n\nDrama gehören. Nichts desto weniger gibt es viele Dramen,\ndie nach einer Seite hin gut, nach anderen weniger gut sind,\ndie aber doch und mit Recht gefallen. So gibt es Dra-\nmen, in denen der Rau, die Handlung, die Verwicklung be-\nsonders gut ist, wahrend das Uebrige weniger Anerkennung\nverdient. Es gibt wieder Dramen ohne viele Handlung, in\ndenen aber die Zeichnung der Charaktere so trefflich ist, dass\nsie darum gefallen. Es gibt wiederum Dramen, in denen\nHandlung und Charakterzeichnung unbedeutend ist, die aber\ndurch den Reichthum von Gedanken, durch die schöne,\nschwungreiche Diction oder durch den geistreichen Dialog\ngefallen. Daraus sieht man, welch ein reiches Feld die dra-\nmatische Poesie bietet, und wie auf diesem Felde viel Werth-\nvolles geliefert werden kann, ohne dass jedes Drama ein\nMeisterstück zu sein braucht."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.5", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 4918, "texte": "Wesen, und die bärtigen Osmanli haben die Köpfe geschüt-\ntelt und nicht recht gewusst, ob ihnen das seltsame Gebah-\nren der Franken gefallen solle oder nicht. In Athen, wo\nvordem die Chöre des Aeschylus und Sophokles über die\nBühne wanderten, erklingen jetzt die Chöre aus der Nacht-\nwandlerin. Die reichen Handelsherren Smyrna's und Odes-\nsa's erholen sich gern von ihren Rechnungen bei den gau-\nkelnden Melodieen der neuen Italiäner. Jenseits des atlan-\ntischen Oceans, in den grossen Städten der praktischen\nYankee's findet die italiänische Oper willige Ohren und\nDollars spendende Hände. Selbst an die Ufer des stillen\nOceans, nach San Franzisco, hat sie ihre Propaganda aus-\ngedehnt und ihren Antheil begehrt von dem Golde, das\ndort die Erde so freigebig spenden soll, wie bei uns die\nKartoffeln. In der Havannah, in Mexico, in Buenos Ayres\nerklingen die süssen welschen Töne. Die Namen der wel-\nschen Maestro's sind bekannter auf dem ganzen Erdboden,\nals irgend welche andere.\nUnd schaut man das Treiben der Künstler in den fern-\nsten Landen an, es ist immer dasselbe, wie bei uns wie\nder Engländer die Sitten seines Old England überall mit\nhinträgt, so sind die italiänischen Operisten überall diesel-\nben, ja, sogar die unvermeidlichen Theater-Recensionen\nsind überall die nämlichen, hier und da etwas stärker\ngetrieben von tropischer Wärme.\nHier ein Beispiel. Fräulein Amalie Jacobsohn, die\nwir vor mehreren Jahren hier in Köln als eine sehr tüch-\ntige Sängerin kennen lernten, und von der wir unter An-\nderem zuerst die Fides im Propheten hier hörten, war nach\ndem eine Zeit lang in Mailand, und ist gegenwärtig in\nRio de Janeiro bei der italiänischen Oper. Uns liegt\neine Recension aus dem „Diario de Rio de Janeiro\" vor,\naus der wir unseren Lesern einige abgerissene Stellen mit-\ntheilen wollen, zum Beweise, dass die Recensenten dort ihr\nHandwerk so gut verstehen, als bei uns.\nFräulein Jacobsohn hat die Favoritin von Doni-\nzetti gesungen. Kurz vor ihr ist Frau Stoltz in derselben\nRolle aufgetreten. (Wieder ein paar deutsche Namen unter\nden —inis und —ettis.) Das genannte Blatt sagt unter\nAnderem, die Leistungen beider Sängerinnen vergleichend:\n„ So haben Frau Stoltz und Fräulein Jacobsohn, Beide\nin der Favoritin auftretend, ihre Verdienste im schönsten\nLichte gezeigt. Die Zusammenstellung Beider ist bizarr.\nEntgegengesetzte Naturen, widersprechende Temperamente,\nunterschiedene Organisationen, verschiedener Ursprung,\nunähnliche Charaktere und mehr noch, ganz aus einander\nliegende Schule sind Dinge, die nichts Gemeinsames unter\nihnen aulkommen lassen. Keine geistige oder körperliche\nVerwandtschaft vereinigt sie; ausser der Kunst scheint Al-\nles sie zu trennen, die Eigenthümlichkeit (timbre) der\nStimme, die Art des Gesanges, der Gefühls-Ausdruck, die\nFarbe des Styls, das Spiel, die Bewegungen, die Neigun-\ngen, die Wünsche, der Geschmack und selbst das Ge-\nschlecht. Sie sind Weib und Mann. Frau Stoltz war in\nder Thal ein Mannweib (virago); sie war in das Alter ge-\nkommen, wo die Frauen das Geschlecht verlieren, d. h.:\nwo sie sich die Eigenthümlichkeit des Geistes anmaassen,\ndie nach Frau von Stael kein Geschlecht hat. Alles\nan ihr lässt mehr oder weniger ihre Männlichkeit empfin-\nden •. Frau Stoltz war eine von den Frauen, die ihre\nStellung in der Welt verlassen und männliche Eigenschaf-\nten sich aneignen auf Kosten der weiblichen Grazie.\n„Fräulein Jacobsohn ist vor Allem Weib mit allen Rei-\nzen ihrer Jugend.\n„Frau Stoltz war der Typus einer Frau, welche die\nLiebe für den Ehrgeiz aufgibt; sie sucht den Genuss nicht\nda, wo ihn die Anderen gewöhnlich finden. Wenn sie einige\nMale geliebt hat, so war das lür sie nur eine untergeord-\nnete Sache, wie für alle Frauen, welche weniger Herz als\nKopf haben. Das ist vielleicht ein Vorzug für eine Frau\nwie sie, es ist aber ohne Zweifel ein Reiz weniger für eine\nKünstlerin, wie wir sie wünschen.\n„Fräulein Jacobsohn besitzt jenen Vorzug nicht, allein\nsie hat diesen Reiz.\n„Die Eine hat eine stärkere Stimme, die Andere eine\nangenehmere; die Töne, die das Herz auf ihre Lippen sen-\ndet, tragen immer das Siegel ihres Ursprungs.\n„Daher die Rauhigkeit der Stimme der Frau Stoltz,\nderen Töne für brasilianische Ohren wenig Angenehmes\nhaben.\n„Daher der Zauber der Stimme der Fräulein Jacob-\nsohn, die nicht einen Ton besitzt, der nicht eine Harmonie,\nein Ausfluss der Seele wäre.\n„Frau Stoltz überraschte uns durch ihre männlichen\nBewegungen, sie rührte uns durch die schweren und tiefen\nTöne ihrer Stimme, sie elektrisirte uns durch den gewalti-\ngen Schrei um Gnade, aber sie opferte Alles dem dramati-\nschen Effect, dem Bestreben, eine tragische Schauspielerin\nzu sein, obschon weit mehr Komisches als Tragisches oder\nDramatisches in der gezwungenen Haltung ihrer ausge-\nstreckten Arme lag, die sie dann vorwärts warf, dass die\nHände sich fast berührten, wie ein Vogel, der seine Flügel\nperpendiculär erhebt, ehe er seinen Flug beginnt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.6", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5028, "texte": "„Fräulein Jacobsohn rührt uns durch die Weichheit\nihres Gesanges, sie ergreift uns durch die Melancholie ihrer\nStimme, sie erpresst uns Thränen.\n„Frau Stoltz bindet sich nicht an die Vorschriften des\nComponisten, wenn sie ihnen nicht folgen kann; wie der\nGondor in den Anden verlässt sie die Erde und ver-\nliert sich in dem unendlichen Räume. Nachdem sie die Lüfte\ndurchmessen hat, legt sie ihre langen Flügel wieder zusam-\nmen; man glaubt, sie berühren zu können, aber sie breitet\nsie von Neuem aus, und sich in kühnem Fluge erhebend,\nschwebt sie über unseren neugierigen Köpfen.\n„Die Stimme der Frau Stoltz scheint manchmal gar\nnicht einer Frau anzugehören, sie ist gar keine menschliche\nStimme, sie prallt plötzlich hervor, sie donnert, sie wirbelt\nund erschreckt.\n„Die Stimme der Fräulein Jacobsohn ist immer von\ndieser Welt; sie singt, sie spricht, sie seufzt, sie klagt, sie\nist immer menschlich.\n„Fassen wir Alles zusammen, so ist Frau Stoltz phä-\nnomenal wie ein Ungeheuer von Victor Hugo,\nsarkastisch wie eine moralische Verirrung von\nByron, und verzweifelt wie die Verdammten des\nDante. Und Fräulein Jacobsohn ist gefühlvoll wie ein\nLied von Gonzaga, zärtlich wie ein Idvll von Bernardino\nRibeira und schwermüthig wie ein Nachtgesang von Young.\"\nIst das nicht ein hübsches Pröbchen südamericanischer\noder brasilianischer Kritik? Grosswortig, kühn und bilder-\nreich und grob. In der That war die „göttliche Grob-\nheit\" einmal das Symbol unserer kritischen Schöngeister;\naber was sie geleistet haben, steht etwa zu dieser im Ver-\nhältniss, wie unsere Habichte zu dem „ Gondor der Anden\".\nDa wir uns einmal in Südamerica befinden, werfen\nwir noch einen Blick auf die andere Seite dieses gewalti-\ngen Continents und siehe da, auch in Lima finden wir\neine italiänische Oper. In den „Hamburger Nachrichten\"\ntheilt ein Reisender seine Erlebnisse in Peru mit. Er\nschreibt aus Lima:\n„Mein Blick fiel auf den Theaterzettel. Es war keiner\nwie die unserigen, die in bescheidenem Octav-Format an\nden Strassenecken kleben, nein, nur unsere Drehorgel-Bil-\nder, auf denen die merkwürdig und rührend zu lesenden\nGeschichten von Kindsmörderinnen, furchtbaren Räuber-\nhauptleuten, Seeschlachten und ähnliche Thatsachen ver-\nsinnbildlicht werden, vermögen eine schwache Vorstellung\nvon dem Ungeheuer von sechs Fuss Höhe und drei Fuss\nBreite zu geben, welches hier dazu dient, ein kunstlieben-\ndes Publicum auf die Genüsse aufmerksam zu machen, die\nseiner im Theater harren. Hinantretend, gewahrte ich zu-\nvörderst am oberen Rande dieses Herberg-Schildes der\nlimaer Musen die Abbildung einer offenbar sehr theatrali-\nschen Scene, die aber über ihre weitere speciellere Bedeu-\ntung den Beschauer vollständig im Unklaren liess. Das mit\nausgespreizten Armen vor einer Reihe von Soldaten ste-\nhende Frauenzimmer da auf dem Bilde konnte eben so\ngut die sich bei einer Feldwache des Holofernes meldende\nJudith, wie eine zur Verzweiflung getriebene Prinzessin\nBumfia vorstellen. Nothgedrungen nahm ich meine Anfangs-\ngründe der spanischen Sprache zusammen und erfuhr so\nnach einigem Kopfbrechen, dass heute der Jahrestag der\ngrossen Schlacht bei Ayacucho sei, in welcher vor 29 Jah-\nren (am 9. December 1824) die peruanischen Truppen\nder Welt (al mundo) gezeigt haben, wie die Söhne der\nFreiheit gegen die Despoten fochten. Ich erfuhr ferner,\ndass zur Feier dieses entscheidenden Sieges über die Spa-\nnier la higa del regimientoin der Person der Sennora Bis-\ncaccianti über die Bretter schreiten würde, dass vorher, zu\nAnfang, die National-Hymne gesungen werden sollte, und\nschliesslich, dass Sennora Catalina Ilayes, el cisne de Irlanda\n(der Schwan von Irland), sich herablassen wolle, zum\nSchlüsse dieses kriegerisch-politischen Erinnerungsfestes\nwenn ich nicht sehr irre eine Polka zu singen.\n„ Das versprach doch gewiss einen genussreichen Abend!\nNational-Hymne, Regimentstochter und der nie anders als\nbei doppelten Eintrittspreisen (Parterre 2 D. = sieben Mark\nhamburger Courant —!) singende irische Schwan! Dazu\nkam noch eine zarte Andeutung auf dem Zettel, dass der\nPräsident der peruanischen Republik das Theater mit sei-\nner Gegenwart beehren dürfte, und dann die beiden\nsich wie alle Rivalinnen liebenden Primadonnen an einem\nAbend zugleich! Das konnte nicht nur die Feier einer alten\nSchlacht, das konnte eine neue Schlacht selbst abgeben\nzwischen der Irländerin und ihren Vergötterern auf der\neinen und der Italiänerin und deren Anhängern auf der an-\nderen Seite. Wer wird sich noch darüber wundern, dass\nich an diesem enlscheidungsvollen Tage schon um 5/2\nUhr Nachmittags mutterseelen allein im Parterre des Thea-\nters der peruanischen Haupt- und Residenzstadt sass, wo\nich vor Langerweile hätte umkommen müssen, wäre nicht\nhier das Rauchen, wie bei uns das Hut-Aufbehalten, bis\nzum Beginn der Ouvertüre gestattet.\n„Das Innere des hiesigen Theaters ist ziemlich geräu-\nmig, hat aber . wie soll ich sagen etwas Verkomme-\nnes, Hinfälliges, kurzum, etwas durchaus Anti-Glänzendes.\nDas Parterre nimmt mit dem Orchester zusammen den gan-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.7", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 5304, "texte": "zen unteren Raum ein, da es hier weder ein Parquet, noch\nsogenannte Parterre- oder Parquet-Logen gibt; dagegen\nhat der grösste Theil der Parterre-Sitze Armlehnen, wie\nbei uns die Sitze im Parquet, und kann man sich auf einen\nbestimmten Platz abonniren, der dann mit einer mitunter\nziemlich dicken Rette gesperrt wird. Die Logen sind sämmt-\nlich nicht nur hinten, sondern auch zu beiden Seiten völlig\ngeschlossen, so dass sie förmlich kleine Zimmer bilden, de-\nren Ameublement von den Abonnenten selbst beschafft wird.\nEinzelne Logenplätze werden weder im Abonnement, noch\nselbst lür den einzelnen Abend ausgegeben. So sagte man\nmir wenigstens. Die Bühne hat eine angemessene Breite\nund Tiefe, die Decorationen sind nicht schlecht, doch schie-\nnen auch sie mir schon ziemlich verblichen und mitgenom-\nmen zu sein. Der Chor der Oper (es gibt nämlich hier nur\neine Oper, das Schauspiel hat sich aus verschiedenen Grün-\nden nicht halten können), der Chor der Oper.... Kopf ge-\nrade! Augen in die Höhe! Die Hand wie zum Schwur em-\nporgestreckt! Ein deutscher Stadttheater-Chor, wie er leibt\nund lebt ! Ich konnte ihn am ersten Abende gar nicht an-\nsehen, ohne zu lachen. Es muss unbedingt ein eigenes Holz\ngeben, aus welchem sämmtliche Statisten der ganzen Welt\ngeschnitzt werden. Es war doch totalement tout comme chez\nnous !Die Sänger, Sängerinnen und das Orchester.\n„ Uebrigens bekommt die Sennora Biseaccianti als fest\nengagirte Primadonna (die Hayes war nur auf Gastrollen\nhier) ausser der üblichen Benefiz-Vorstellung monatlich\n300 D., macht im Jahre 12,600 Mark und die Person\nsollte nicht singen können ?\n„ Gegen sechs Uhr fing das Parterre an, sich zu füllen.\nZuerst erschienen einige verlassene Sennoritas, ihre seide-\nnen Umschlagstücher, wie wir ein solches Ding nennen\nwürden, so über den Kopf gezogen, dass nur die Augen\nund ein ganz kleines. Stück Nase hervorguckt. So sitzen sie\nden ganzen langen Abend, kaum dass sie den Vorhang ein-\nmal einen Augenblick, aber auch nur lür einen Augenblick,\nlüften, natürlich allein der unerträglichen Hitze wegen, oder\num den verschobenen Schleier wieder zurecht zu legen.\nDenn dass dieses nicht so häufig während der Vorstellung\ngeschieht, wie in den Zwischenacten, und dass es mit einem\nso unendlich coquetten Anstrich geschieht, das nicht dem\nreinen Zufall oder der eigenen Einbildung, sondern der\nweiblichen Natur im Allgemeinen, wie dem Charakter dieser\nParterre-Besucherinnen insbesondere zuzuschreiben, das\nwäre ein Verbrechen gegen Werther's Lotte. Ich bekam\nübrigens weder eine Scylla noch eine Charybdis zur Nach-\nbarin, sondern eine ehrbare deutsche Handwerker-Familie,\ndie sich gemüthlich vom alten deutschen Rheine plaudernd\nmit mir unterhielt, wodurch diese Nachbarschaft zu einer\nwahren Wohlthat für mich wurde; denn erst um 9 Uhr,\nalso ganze drei und eine halbe Stunde nach meinem Ein-\ntritte ins Theater, gab der Musik-Director mit seinem Fie-\ndelbogen das Zeichen zum Anfange. So lange liess nämlich\nder Präsident Peru's seine Mitbürger auf sich warten\nund 7 Uhr ist die bestimmte Anfangszeit! Ich möchte wohl\nwissen, ob in den Iloftheatern der europäischen Fürsten\ndie kaiserlichen oder königlichen Unterthanen so viel Geduld\nzeigen würden, wie die Republicaner Lima's in ihrem Opern-\nhause?! Nur einige wenige Male und auch dann immer\nnur eine kurze Zeit pfiffen und trommelten sie sich Eins\nzur Vertreibung der gar zu unerträglich werdenden Lange-\nweile, alsbald aber kehrten sie zur ersten Bürgerpflicht, zur\nRuhe, zurück, steckten resignirt ihre Cigarren wieder an und\nbeschauten nach wie vor die mit ihren Fächern ein wahres\nPeloton-Geknatter hervorbringenden Damen in den Logen.\n„Der Fächer scheint nämlich den Damen in den Logen\nnicht nur ein Kühlungs-, sondern auch ein Ersatz-Mittel\nfür den Tuchschleier der Parterre-Besucherinnen, sowie\nfür die Cigarre der Herren zu sein. Von nicht geringer\nGrösse und beständig in Bewegung, kühlt und deckt er\nzugleich das Gesicht, und zum Zeitvertreib, wenn nicht aus\nanderen, schwer zu erörternden Gründen, wird er alle\nAugenblicke auf- und zugeworfen, mit einer Schnelligkeit,\nzu der besonderes Geschick gehört, und mit einem Ge-\nräusch, das an das Exerciren im Feuer einer Compagnie\nSoldaten erinnert. Dies ewige Rick-Räck der Fächer wurde\ndenn auch heute während der beiden langen Stunden zwi-\nschen 1 und 9 Uhr nur einmal auf ein paar Minuten un-\nterbrochen, als gegen 8 Uhr ein schwarz befrackter Herr\nvor dem Vorhange erschien und eine Rede ablas, die sehr\nschön gewesen sein mag, von der ich aber nur so viel ver-\nstand, dass der „ Schwan von Irland\" plötzlich den Schnupfen\ngekriegt habe und desshalb ein hochzuverchrendes Publi-\ncum sehr um Entschuldigung bitten müsse, wenn er die\nversprochene Piece heute Abends nicht singen könne; da-\nmit indess ein hochzuverehrendes Publicum doch wenig-\nstens quantitativ Alles, was der Theaterzettel angekündigt,\nzu gemessen bekäme, so wolle Sennora Biseaccianti die\nGüte haben zu versuchen, ob sie die Polka nicht eben so\ngut singen könne, wie der „Schwan\". Holde Eintracht! ■\nWohin waren plötzlich meine Aussichten auf eine südame-\nrikanische Theater-Schlacht? Ihr Primadonnen in Europa\n* • • ' * •\naber schaut her auf eure Schwester im Lande der alten\n* M * T • * ' -• * . • . * , 4\nInkas, Neuseeland, wo die Menschenfresser wohnen, schräge"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.8", "debut_caractere": 0, "fin_caractere_exclue": 985, "texte": "gegenüber, und nehmt ein Exempel daran! „ „ Seht, wir\nWilden sind doch bessere Menschen!u\" Den Schnupfen krie-\ngen, um seiner Nebenbuhlerin an einem Festabende, wie\ndem heutigen, all die kostbaren Blumen-Bouquets und die\nlandessittlichen lebendigen Tauben zu überlassen, die\nsicher grösstenteils für die Hayes bestimmt jetzt der\nBiscaccianti bei ihrem Auftreten als Regimentstochter zu-\nflogen, dazu gehörte eine ausserordentliche Selbstüberwin-\ndung.— Die National-Hymne ward von einigen weissgeklei-\ndeten Damen auf der Bühne, zu Anfang der Vorstellung,\nnicht im Chor, sondern Solo, der Reihe nach gesungen.\nDer Präsident nebst Gemahlin und Gefolge erhoben sich\ndabei und mit ihnen das ganze Haus. Stehend, aber schwei-\ngend, hörte man den Vortrag an. Erst kurz vor Mitternacht\nwar die Vorstellung zu Ende.\"\nMan sieht, hier Favoritin, dort Regimentstochter, Do-\nnizetti an den Ufern des atlantischen und stillen Oceans.\nUnd die Sängerinnen Nebenbuhlerinnen tout comme\ncliez nous.\n24."}]}, {"article_id": "bm-bmtnabi-1854-06-03-01-c003", "article_bluemountain": "bmtnabi_1854-06-03_01#c003", "volume": "bmtnabi_1854-06-03_01", "ocr_source": "OCR Blue Mountain (ALTO), transcription TEI : lignes lb/@facs", "texte_sans_correction": true, "page_debut": "176", "page_fin": "176", "image_debut": 8, "image_fin": 8, "pages_selon": "pagination imprimée relevée dans le METS Blue Mountain (ORDERLABEL) ; [n] = page sans folio restituée", "url_article": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.2.3", "titre_corps": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "titre_sommaire": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.", "signature_source": "", "controle": "bornes données par la structure logique METS/ALTO de Blue Mountain (blocs ALTO de chaque constituant)", "pages": [{"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.8", "debut_caractere": 987, "fin_caractere_exclue": 5100, "texte": "Tages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliöSn. Den hiesigen Musikfreunden wurde am vergangenen\nSamstag in der musikalischen Gesellschaft die Freude zu TheiJ,\nHerrn Ferdinand Breun in g (welcher Herrn Iteinecke an un-\nserer Musikschule ersetzt) zu hören. Derselbe trug die schwierigen\nVariationen in C-moll von Beethoven, ein Lied von Mendelssohn\nund die grosse Polonaise in As-dur von Chopin vor, und bewährte\nsich als ein Pianist von ganz ausserordentlichem Talente. Eine voll-\nkommene Technik, ein kräftiger, runder Anschlag, Feuer, mit\nIluhe gepaart, und eine durchaus musicalische, gesunde Auffassung\nschienen den Zuhörern die hervorstechendsten Eigenschaften des\ntrefflichen und doch so bescheidenen jungen Künstlers. Seine\nWirksamkeit wird in Köln gewiss die schönsten Früchte tragen,\nwie wir auch nicht zweifeln, dass das Leben in einem so bedeu-\ntenden musikalischen Kreise, wie ihn unsere Stadt jetzt bietet,\nHerrn Breuning zu erneuter Thätigkeit und zu immer höherem\nStreben die dauerndste Anregung geben werde.\nI\"aris# Wie man Jemandem einen Namen macht, verstehen\ndie französischen Journalisten vortrefflich. Hier ein Beispiel. Die\nFrance musicale berichtet von der Reise des Herrn Louis Lacombe\nin Deutschland: „Der ungemeine Pianist und Componist war nach\nDeutschland gegangen, lediglich um in den zwei bis drei bedeuten-\nden Städten Concerte zu geben, die der Gränze zunächst lagen.\nAber je weiter er in seiner Reise vorwärts kam, desto mehr wuch-\nsen seine Erfolge, und kaum war er in einer Stadt angekommen,\nals sich schon eine andere um ihn bewarb. So hat er beinahe ganz\nDeutschland durchlaufen, indem er von Leipzig nach Dresden, dann\nnach Berlin, dann nach Bremen, dann nach Oldenburg, dann nach\nHamburg und endlich nach Lübeck ging. So erklärt sich die\nlange Dauer seiner Reise, die für ihn eine Reihe von Triumphen\nwar, für seine zahlreichen Schüler aber eine Ursache der Trauer;\ndenn er ist einer von den seltenen Lehrern, deren Unterricht sich\nnicht so leicht durch den eines anderen ersetzen lässt. So ist ihm\nnicht einer seiner Schüler untreu geworden, er hat sie alle treu\nwiedergefunden. Er gab kein Concert, in dem er nicht zehn bis\nfünfzehn Stücke von seiner Composition vortragen musste, und je-\ndes Mal war er genöthigt, noch ein Stück dem Programm hinzu-\nzufügen. Die Zurufe, die Dacapo's, die Blumen, die Auszeichnungen\naller Art bildeten sein Gefolge durch Deutschland44 u. s. w. Diese\nAufschneidereien, verbunden mit der kindlich-naiven geographischen\nUnwissenheit, sind wirklich erheiternd. Ob man das unserem\nPublicum bieten dürfte?\nDie italiänische Oper ist für die nächste Saison aus folgenden\nKünstlern zusammengestellt: den Sopranen Frezzolini, Bosio, Gas-\nsier, Cambardi, Veith, den Altistinnen Borghi und Maicomo, den\nTenoren Boccarde und Neri-Baraldi, den Baritonisten Gassier und\nGraziani, den Bassisten Rossi, d'Alle Aste und Susini. Die Oper\nhat am 13. Mai ihre Saison geschlossen. Man sagt, der Director\nhabe diesmal bloss 100,000 Frcs. Eingebüsst, obgleich die Oper die-\nsen Winter sehr besucht gewesen. Aber so lange die Directoren\ngezwungen sein werden, so ungeheure Honorare zu zahlen, wie\n2000 Frcs. für einen Abend der Alboni, 60,000 Frcs. für die Sai-\nson der Frezzolini, wenigstens eben so viel den Mario und Gardoni,\nwird keine Direction sich halten können. Die grosse Oper steckt\nauch in einer schlechten Haut: das Deficit beträgt 800,000 Frcs.\nTrotz der Subvention von 600,000 Frcs. jährlich konnten im vori-\ngen Monat acht der ersten Künstler nicht bezahlt werden. Man\nmöchte gern den Director durch einen anderen ersetzen, aber es\nfindet sich Niemand, der seine Erbschaft in diesem Zustande über-\nnehmen will. Man rechnet indessen aufs nächste Jahr, welches\nnebst der allgemeinen Industrie-Ausstellung auch endlich Mever-\nbeer's „Africanerin\", die, beiläufig gesagt, inzwischen sich in eine\nEuropäerin verwandelt hat, bringen soll. Der Bassist Formes wird\nwahrscheinlich an der grossen Oper engagirt werden.\nDer Schluss des in voriger Nummer abgebrochenen „Wiener\nBriefes\" kann, durch eine Zufälligkeit veranlasst, erst in\nnächster Nummer mitgetheilt werden."}]}], "pages_ocr_originales": [{"page_pdf": 1, "page_imprimee": "169", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.1", "texte": "Ueber das Verhältniss des Musikalischen zum\nDramatischen in der Oper.\nAbgerissene Gedanken\nvon\nRoderich Benedix.\nWrenn eine neue Oper missfällt, so ist gewöhnlich der\nVerfasser des Textes der Sündenbock. Entweder sagt man:\n„bei solch schlechtem Texte habe die beste Musik nicht\ngefallen können\", oder man geht so weit, zu behaupten:\n„zu solch schlechtem Texte habe der beste Meister keine\ngute Musik machen können.\" In diesem Umstände liegt der\nBeweis, dass der Text einer Oper von grosser Wichtigkeit\nsein muss. Sehen wir ferner, dass im Grunde sehr wenige\nOpern sich dauernd auf dem Repertoire halten, dass Opern\nvon den grössten Meistern, mit anerkannt trefflicher Musik,\n(z. B. Mozart's Cosi [an lutte, doch keinen blei-\nbenden Platz auf dem Repertoire erringen können, und\nsehen wir, dass daran allerdings der schlechte Text schuld\nist, so wird es keinem Widerspruch unterliegen, dass der\nText nicht nur sehr wichtig, sondern dass er wesentlich,\ndass er eine Hauptsache ist. Eigentlich sollte diese Wahr-\nheit sich so von selbst verstehen, dass sie weder eines Be-\nweises noch einer Besprechung bedürfte. Denn die Oper\nist ein Kunstwerk, geschaffen durch das Zusammenwirken\ndreier Künste, der dramatischen Dichtkunst, der Musik,\nder darstellenden Kunst. Ist nun bei der Zusammenwirkung\ndie eine Kunst schlecht vertreten, so kann nur Mangelhal-\ntes herauskommen. Die schönste Oper, schlecht dargestellt,\nwird eben so wenig gefallen können, wie die schönste\nDichtung mit schlechter Musik. Und trotzdem wird auf die\nDichtung so wenig Werth gelegt und am wenigsten\noft von den Componisten selbst, die dieselbe oft nur als\nden Rahmen für ihre Musik betrachten, und die sich dann\nden Text für ihre Musik zurecht machen lassen, statt Mu-\nsik und Dichtung in Einklang zu bringen.\nSehen wir ferner, dass es sehr viel schlechte und sehr\nwenig gute Opern-Texte gibt, so müssen wir erkennen,\nDass es eine schwierige Aufgabe sein muss, einen Opern-\nText zu dichten. Wir haben unendlich mehr gute Dramen\nin jeder anderen Gattung, als gute Opern-Texte. Worin\nmag nun die Schwierigkeit liegen? Sie lässt sich mit zwei\nWorten andeuten. Ein Opern-Text soll dramatisch-musi-\nkalisch sein, d. h. er soll dramatisch und das Dramatische\nsoll musikalisch sein.\nDramatisch und musikalisch sind zwei viel gebrauchte\nWorte; was sie aber ihrem innersten Wesen nach bedeu-\nten, was sie namentlich in dem Sinne bedeuten, indem wir\nsie hier brauchen, liegt weder so klar auf der Hand, dass\nes jeder gleich versteht, noch ist es so bestimmt ausge-\nmacht, dass nicht verschiedene Meinungen darüber bestän-\nden, d. h. also widersprechende Ansichten.\nVersuchen wir es, uns darüber zu verständigen und\ngehen wir zunächst dem Begriffe „Dramatisch\" etwas\nnäher. Dramatisch in weiterem Sinne heisst Alles, was auf\ndas Drama überhaupt Bezug hat; im engeren Sinne be-\nzeichnet es': was einem guten Drama eigentümlich ist. In\ndiesem engeren Sinne ist ihm der Begriff „ Undramatisch\"\nentgegengesetzt. Was aber ist einem guten Drama eigen-\ntümlich, d. h.: was muss ein Drama enthalten, damit es\nein gutes sei?\nDie Forderungen an ein solches lassen sich auf vier\nHauptpunkte zurückführen.\nDas Drama soll, wie die Bedeutung seines Namens\nschon verlangt, eine Handlung darstellen. Der Begriff des\nWortes „Handlung\" ist ebenfalls ein viel gebrauchter und\nviel gemissbrauchter. Namentlich wird Handlung sehr\nhäufig mit Begebenheit verwechselt. Nicht Alles, was\nsich begibt, was vorgeht, was geschieht ist eine Hand-\nlung. Handlung ist ein Vorgang, erzeugt durch die Thätig-\nkeit von sittlich begabten Wesen, d. h. Menschen, und\nzwar muss diese Thätigkeit eben durch die sittlichen Mo-\ntive der Menschen bedingt, hervorgerufen werden. Alles,\nwas der Mensch demnach unwillkürlich, was er instinctiv\nthut, was blosse Aeusserung seines animalischen Lebens\nist, kann auf den Namen Handlung keinen Anspruch"}, {"page_pdf": 2, "page_imprimee": "170", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.2", "texte": "machen. Das Schlafen, das Verdauen ist eine Thätigkeit\ndes Menschen, aber keine Handlung. Eben so sind Thätig-\nkeiten, die wir inslinctiv verüben, noch keine Handlung,\nz. B. das Fliehen aus einem brennenden Hause, das Schwim-\nmen bei einem Falle ins Wasser, die Vertheidigung gegen\neine plötzlich hereinbrechende Gefahr. Alles das thun wir\nunwillkürlich, von dem blinden Lebenstrieb veranlasst, wie\nwir unwillkürlich bei einer schmerzhaften Berührung zucken.\nAllein diese Thätigkeiten stehen schon auf der Gränze zur\nHandlung. Jemand, der in ein brennendes Haus, oder in\ndas Wasser sich stürzt, um einen Anderen zu retten, und\ndann (lieht und schwimmt, jemand, der einer Gefahr ent-\ngegengeht und sich dann in ihr vertheidigt, handelt, denn\ner wird von sittlichen Motiven getrieben. Aus diesem Grunde\nist es zum Begriff der Handlung nicht nöthig, dass sie einen\nunmittelbaren sinnlichen Effect habe, dass sie durch eine\nsinnliche Verrichtung geübt werde. Es gibt auch geistige\nHandlungen. Ein Redner, der Andere überzeugt, anreizt,\nantreibt, handelt ebenfalls. Ueberhaupt heisst handeln:\nseine Ueberzeugungen geltend machen, seine Wünsche zu\nerreichen suchen, nach etwas streben. Durch welche Thä-\ntigkeit, durch sinnliche oder geistige, das geschieht ist\ngleichgültig.\nWie nun nur Thätigkeiten des Menschen aus sittlichen\nMotiven Handlungen genannt werden können, so verdienen\nalle Vorgänge, wobei eben solche sittliche Motive nicht wir-\nken, den Namen Handlungen nicht. Dahin gehören alle die\nVorgänge, welche von äusseren Veranlassungen und Ge-\nwalten herbeigeführt werden, z. B. Schiffbruch, Erdbeben,\nGewitter, Feuersbrunst, Unglücksfälle aller Art. Das sind\nBegebenheiten. Recht klär wird der Unterschied zwi-\nschen Begebenheiten und Handlung werden, wenden wir\nes auf das an, wovon wir eigentlich sprechen, auf das\nDrama. Alle Begebenheiten lassen sich erzählen, sie bilden\nalso Stoff zur Erzählung, zum Roman. •—• aber nicht\nzum Drama; in diesem sollen nur Handlungen vorkom-\nmen. Allerdings kann der Mensch von einer Begebenheit\nbetroffen in ihr seine sittlichen Eigenschaften geltend ma-\nchen, handelnd durch Widerstand, leidend durch\nstandhaftes Ertragen und in dieser Beziehung kann die\nBegebenheit auch im Drama mitwirken. Allein sie darf es\nnur, indem sie Thätigkeiten sittlicher Wresen anregt, sie\ndarf also an und für sich weder einen unabweisbaren Ein-\nfluss, noch eine Entscheidung herbeiführen, sie ist daher\nmit grosser Vorsicht im Drama anzuwenden. Indem wir\nhier sahen, dass der Mensch auch im Leiden seine Sittlich-\nkeit besser sich selbst als sittliches Wesen zur\nGeltung bringen kann, müssen wir auch das Leiden in\nden Begriff der Handlung aufnehmen. An und lür sich\nscheinen beide Wörter sich entgegengesetzt zu sein. Be-\ndenkt man aber, dass nicht vom physischen Leiden die Rede\nist, sondern von dem Widerstande, den ein sittliches We-\nsen dem Schmerze entgegensetzt, indem es durch diesen\nWiderstand sich selbst bewahrt und seine sittliche Freiheit\ngeltend macht, und bedenkt man, dass der Widerstand eine\nThätigkeit ist, so wird es sich rechtfertigen, dass man auch\ndas Leiden in der dramatischen Handlung mit begreift.\nEs liesse sich noch sehr viel über das Wesen der\nHandlung in Bezug auf das Drama sagen, allein wir woll-\nten ja nur abgerissene Gedanken geben. Halten wir also\nfest: Handlung ist eine von sittlichen Motiven\nbedingte Thätigkeit. Ihr entgegen steht alles von\naussen her Vorgehende. Man nennt das wohl ästhetisch\nZufall, abgesehen natürlich von dem Glauben an eine\nhöhere Einwirkung *).\nEin zweites hauptsächliches Erforderniss der Handlung\nin dramatischer Beziehung ist, dass sie eine Wirkung, einen\nErfolg, dass sie Folgen habe. Handlungen ohne dies sind\nnicht dramatisch. Das Gehen an und lür sich kann eine\nHandlung sein, allein dramatisch wird sie erst durch An-\nkommen an das Ziel.\nDie Folgen der einzelnen Handlungen sind es, die\nmehrere Menschen in Berührung bringen, die wieder an-\ndere Thätigkeiten anreizen und in Bewegung setzen. Indem\nsich verschiedene durch einander bedingte Thätigkeiten ein-\n\n*.) In dieser Erklärung liegt auch der Beweis für das Undrama-\ntische der neueren Schicksals-Tragödieen. Das anregende\nPrincip in diesen ist eben eine äussere Gewalt. Dass man\ndieselbe zu einer bewussten gemacht und statt Zufall ein\nwohlüberlegtes Fatum gebraucht hat, ändert nichts an der\nSache. Diese äussere Gewalt hebt die sittliche Freiheit des\nMenschen auf, demnach die erste Bedingung der Handlung,\nalso des Drama's.\nWie wenig der Zufall im Drama eingreifen darf, mag ein\nbekanntes Beispiel zeigen. Nach der Geschichte stürzte Fiesko\nin Genua aus Unvorsichtigkeit in das Meer und kam um.\nSchiller lässt ihn in seinem Drama aber weislich durch Yer-\nrina in das Meer werfen. Hier ist also Handlung und kein\nZufall.\nUmgekehrt ist es in Romeo und Julie ein Fehler im Baue\ndes Stückes, dass Romeo nur durch Zufall nichts vom Plane\nder Julie erfährt, und dass dadurch die tragische Katastrophe\nherbeigeführt wird. Man kann sich nie des Gedankens erweh-\nren: schade, dass dieser Zufall eingetreten ist, sonst wären\ndie Liebenden glücklich geworden.\nDer Ausgang, der durch Handlung bedingt wird, ist noth-\nwendig und mit der Nothwendigkeit versöhnen wir uns.\nFiesko's Fall war nothwendig, der Tod von Romeo und Julie\nnicht, dies der Unterschied."}, {"page_pdf": 3, "page_imprimee": "171", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.3", "texte": "ander berühren, entsteht eine Haupthandlung der In-\nhalt eines Drama's. Indem sich mehrere Thätigkeiten oder\neinzelne Handlungen durchkreuzen, auf einander wirken,\nentsteht die Verwicklung, der Conflict, das meist noth-\nwendige Erforderniss eines Drama's. Den Conflict zu lösen,\ndie Verwicklung dann zu entwickeln, ist die schwierigste\nAufgabe für das Drama, um so schwieriger, da, wie wir\nsahen, der Zufall nicht zulässig ist, die Entwicklung also\nnicht von aussen kommen darf, sondern in der Anlage\nselbst gegeben sein muss. Wollten wir diesen Punkt noch\nweiter besprechen, namentlich die Symmetrie der Handlung,\nden Bau des Stückes u. s. w. näher beleuchten, so würde\nuns das zu weit führen. Für unseren Zweck genügt es,\nuns über das Wesen des Begriffs „Handlung\" verständigt\nzu haben.\nDramatisch also, d. h. dichterisch, für das Drama, für\nein Kunstwerk brauchbar ist eine Handlung, die den ange-\ngebenen Bedingungen entspricht.\nDa eine Handlung nur ein Erzeugniss sittlicher Motive\nist, so wird es die Aufgabe des Drama's ferner sein, uns\ndiese sittlichen Motive so zu zeigen und zu zeichnen, dass\nwir die Handlung als deren nothwendiges, wenigstens folge-\nrichtiges Ergebniss sehen. Mit anderen Worten: das Drama\nmuss uns die Menschen zeichnen wie sie sind, mit allen\nTriebfedern ihres Handelns, mit all den Ursachen ihres in-\ndividuellen Wesens. Man fasst das unter dem Namen Cha-\nrakter zusammen. Und in der That ist richtige Charakter-\nzeichnung das zweite Haupterforderniss eines guten Dra-\nma's. Auch über Charakterzeichnung liesse sich unendlich\nviel sagen. Wir begnügen uns, ein paar Haupterfordernisse\nderselben aufzustellen. Die Charakterzeichnung muss wahr\nund muss individuell sein.\nWahr ist ein Charakter gezeichnet, wenn sein Thun\nund Handeln, sein ganzes Sein und Gebahren wirklich sei-\nnem Denken und Empfinden, seinen besonderen Anlagen,\nüberhaupt seinem besonderen sittlichen und geistigen We-\nsen und dem allgemeinen Wesen der Menschen entspricht.\nEin Furchtsamer, der kühn einer Gefahr entgegengeht, ein\nGeiziger, der grossmüthig handelt u. s. w., sind unwahre\nCharaktere. Auf den ersten Blick scheint diese Forderung\nso natürlich, dass es nicht der Mühe lohnt, sie aufzustellen.\nAllein keine Forderung ist öfter von Dramatikern verletzt\nworden, unsere dramatischen Dichtungen wimmeln von\nunwahren Charakteren.\nNamentlich ist es die Uebertreibung von Tugend auf\nder einen, von Bösartigkeit auf der anderen Seite, die so\nhäufig vorkommt. Man findet oft Engel und oft Teufel ge-\nzeichnet, aber keine Menschen. Wie unwahr zeichnet man\nso oft die Landleute, die im Gegensatze zu den Städtern\nals unverdorbene, gemüthreiche Naturmenschen dargestellt\nwerden, was sie ganz und gar nicht sind. Dieses eine Bei-\nspiel mag beweisen, wie unwahr man Charaktere schildert\nund was Wahrheit der Charakterzeichnung ist.\nDie Charakterzeichnung muss zweitens individuell sein,\nd. h.: der Mensch, den uns das Drama vorlührt, muss\nwirklich ein Individuum sein, nicht der Repräsentant einer\nGattung, nicht die Abstraction eines Begriffes. Das Letztere\nfinden wir so häufig, namentlich in der sogenannten Ten-\ndenz-Poesie. Ein Charakter muss so gezeichnet sein, dass,\nwenn Jemand das Gedicht lies't, unwillkürlich bei ihm ein\nBild der Person mit festen Umrissen\" entsteht. Der Leser\nmuss sich derart in sein Denken und Empfinden hinein\nverlieren, dass er fühlt: in dem oder jenem bevorstehenden\nFalle wird und muss dieser Charakter so und nicht anders\nhandeln. Der Schauspieler endlich muss im Stande sein,\neinen solchen Charakter in festen Umrissen, mit bestimmt\nausgesprochener Individualität darzustellen, einen wirklichen\nMenschen, ein lebensvolles Bild uns vorzuführen. Ist das\nAlles nicht der Fall, so ist die Charakterzeichnung nicht\nindividuell.\nSo richtig und wichtig diese letzte Forderung ist, so\nist sie doch so leicht nicht zu erfüllen, und es ist eben das\nZeichen eines wahren Dichters das zu können. Ein Bei-\nspiel möge erläutern, was individuelle Charakterzeichnung\nist. In der alten französischen Tragödie sind die sogenann-\nten Vertrauten feststehende Figuren, die in jedem Stücke\nwiederkehren. Alle diese Vertrauten sind einander ähnlich,\nja gleich, sie sind bloss da, um die handelnden Personen\nanzuhören und durch dazwischen geworfene Antworten\ndas Gespräch fortzuspinnen. Diese Charaktere fühlen und\nhandeln nicht selbst, sondern nur in ihren Herren und für\ndieselben; sie sind nicht um ihrer selbst willen da, sondern\nnur als Folie Anderer; sie sind ein Flickwerk, eine Gattung,\nmit einem Worte: sie sind nicht individuell. Dagegen lese\nman Shakespeare, man lese Minna von Barnhelm oder Na-\nthan, so wird man sehen, wie lebensvoll, wie interessant,\nmit wie festen Umrissen, mit einem Worte: wie indivi-\nduell diese Charaktere hier uns entgegentreten*).\n\n*) Diese nicht individualisirten Charaktere sind die, welche Schau-\nspieler und Sänger zu den sogenannten schlechten Rollen\nzählen. Es ist nicht das minder Hervortretende, das minder\nDankbare, was diese Rollen schlecht macht, sondern es ist\ndie gänzliche Bedeutungslosigkeit derselben, der Mangel an\nwirklichem Inhalt, so dass der Schauspieler nicht weiss, was\ner aus solchen Fratzen machen soll. Alan denke in der Oper"}, {"page_pdf": 4, "page_imprimee": "172", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.4", "texte": "Im Verlaufe des Drama's ergeben sich Situationen.\nDas sind Knotenpunkte, in welche die Handlung zusam-\nmenläuft, Ruhepunkte, bei welchen sie verweilt, zuweilen\ngewisser Maassen Scheidewege, auf denen die handelnden\nPersonen zwischen mehreren Entschlüssen zu wählen haben\nu. s. w. Die Situationen sind das Ergebniss der sich ver-\nwickelnden Handlung und gehören als solche den Regeln\nüber die Handlung selbst an. Interessante Situationen her-\nbeizuführen, ist eine Hauptaufgabe des Drama's, nament-\nlich des Lustspiels. Die Situationen sind für die Oper be-\nsonders wichtig, weil sie der Musik breiten Raum gewäh-\nren, sich geltend zu machen, wie wir gleich weiter unten\nsehen werden.\nDas vierte Erforderniss eines guten Drama's ist eine\ngute Form. Unter Form verstehen wir das sprachliche Ge-\nwand des Drama's. Dieses kann in verschiedener Beziehung\ngut oder schlecht sein. Die Sprache des Drama's kann reich\nan Gedanken, kann schwungvoll, kann poetisch, kann geist-\nreich, sie kann umgekehrt nüchtern, sogar trivial sein. Das\nwäre die geistige Seite der Form.\nDie Sprache kann nachher den Anforderungen eines\nguten Styls, eines guten Verses mehr oder weniger ent-\nsprechen. Das ist das Aeussere der Form.\nDie Form im Allgemeinen muss mit den übrigen An-\nforderungen an das Drama nicht im Widerspruch stehen.\nSonach kann sehr oft eine schwungvolle Sprache zu leerem\nSchwulst werden, wenn sie den Charakteren und Situa-\ntionen nicht entspricht; sie kann umgekehrt hinter den\nbilligen Anforderungen zurückbleiben, wo dichterischer\nSchwung nothwendig ist.\nDas wären also die vier Haupt-Elemente eines Drama's.\nEs gibt also dramatische Handlung, dramatische Charak-\ntere, dramatische Situationen, d. h. immer in engerem\nSinne gute, dem Wesen des Drama's entsprechende\nHandlung, Charaktere, Situationen*).\n(Fortsetzung folgt.)\n\nan die unglücklichen Beiläufer, die auf dem Zettel unter der\nRubrik: „sein Freund\" oder „ihre Vertraute\" angeführt wer-\nden, die in einem Stückchen Recitativ vor einer Arie ein\npaar Stellen zu singen haben und dann nach Botschaft aus-\ngeschickt werden, wenn sie nicht gar die Arie mit anhören\nmüssen. Wer entsinnt sich nicht, dass die unglücklichen Sän-\nger in solchen Aufgaben meistens ausgelacht werden? Es\nliegt das nicht an den Sängern, es liegt an der Unmöglich-\nkeit diese Rollen zu spielen.\n*) Ein Drama, in welchem alle vier Elemente gleich vortrefflich\nsind, ist ein Meisterstück. Solche Meisterstücke sind sehr sel-\nten, sind es gewesen zu allen Zeiten, bei allen Nationen. Sel-\nten vereinigt ein Dichter alle die Anlagen, die zu einem guten\n\nDie italiänische Oper.\nAlle Künste sind mehr oder weniger national, und die\njedem Volke eigentümliche Richtung verbreitet sich wenig\noder gar nicht auf andere Nationen. So haben die bilden-\nden Künste ihre eigenen Schulen, die von der Nationalität\nihren Namen führen und deren Eigentümlichkeit die der\nNationalität ist. Beispielsweise erinnern wir an die italiäni-\nsche, niederländische, spanische, deutsche Malerschule der\nälteren Zeit und an die bedeutende Verschiedenheit der\nRichtungen der Malerei noch in der neueren Zeit. Eben so\nwenig gelingt es der Literatur eines Volkes, ganz kosmo-\npolitisch zu werden; sie bleibt immer national, findet auch\nhier und da die eine Literatur mehr Anerkennung und\nUebersetzer— bei fremden Völkern, als eine andere. Auch\ndie Musik ist wesentlich national; doch bei dieser Kunst\nhindert die volksthümliche Richtung nicht ihre Verbreitung\nüber die Gränzen ihres Vaterlandes. Die Musik ist die\nwahre kosmopolitische Sprache. Die deutsche Instrumental-\nMusik z. B. bricht sich nach und nach bei allen Völkern\nBahn, welche überhaupt „Ohren haben zu hören\". Ra-\nscher als dieses gelingt aber eine ausgebreitete Propaganda\nder italienischen Oper. Die italiänischen Sänger sind die\nwahren Apostel der Musik, sie machen überall Gläubige.\nFreilich sind diese auch zuweilen darnach. Genug, die Völ-\nker mögen nach Sprache, Abstammung, Sitten u. s. w.\nnoch so verschieden sein, die italiänische Oper findet über-\nall Aufnahme. Die Hauptstädte Europa's haben alljährlich ihre\nitaliänische Oper. Madrid, Lissabon, Paris, London, Brüssel,\nWien, Petersburg hören alljährlich die Werke Donizetti's,\nBellini's, Rossini's und des Stimmenverderbers Verdi.\nSie hören sie nicht in Uebertragungen von einheimischen\nKünstlern, wie wir in Deutschland, sie hören sie von Na-\ntional-Italiänern, unter die sich freilich auch zuweilen tüch-\ntige Deutsche mischen, wie die Sontag, die Cruvelli, wie\nFormes. Auch in Konstantinopel ist italiänische Oper ge-\n\nDrama gehören. Nichts desto weniger gibt es viele Dramen,\ndie nach einer Seite hin gut, nach anderen weniger gut sind,\ndie aber doch und mit Recht gefallen. So gibt es Dra-\nmen, in denen der Rau, die Handlung, die Verwicklung be-\nsonders gut ist, wahrend das Uebrige weniger Anerkennung\nverdient. Es gibt wieder Dramen ohne viele Handlung, in\ndenen aber die Zeichnung der Charaktere so trefflich ist, dass\nsie darum gefallen. Es gibt wiederum Dramen, in denen\nHandlung und Charakterzeichnung unbedeutend ist, die aber\ndurch den Reichthum von Gedanken, durch die schöne,\nschwungreiche Diction oder durch den geistreichen Dialog\ngefallen. Daraus sieht man, welch ein reiches Feld die dra-\nmatische Poesie bietet, und wie auf diesem Felde viel Werth-\nvolles geliefert werden kann, ohne dass jedes Drama ein\nMeisterstück zu sein braucht."}, {"page_pdf": 5, "page_imprimee": "173", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.5", "texte": "Wesen, und die bärtigen Osmanli haben die Köpfe geschüt-\ntelt und nicht recht gewusst, ob ihnen das seltsame Gebah-\nren der Franken gefallen solle oder nicht. In Athen, wo\nvordem die Chöre des Aeschylus und Sophokles über die\nBühne wanderten, erklingen jetzt die Chöre aus der Nacht-\nwandlerin. Die reichen Handelsherren Smyrna's und Odes-\nsa's erholen sich gern von ihren Rechnungen bei den gau-\nkelnden Melodieen der neuen Italiäner. Jenseits des atlan-\ntischen Oceans, in den grossen Städten der praktischen\nYankee's findet die italiänische Oper willige Ohren und\nDollars spendende Hände. Selbst an die Ufer des stillen\nOceans, nach San Franzisco, hat sie ihre Propaganda aus-\ngedehnt und ihren Antheil begehrt von dem Golde, das\ndort die Erde so freigebig spenden soll, wie bei uns die\nKartoffeln. In der Havannah, in Mexico, in Buenos Ayres\nerklingen die süssen welschen Töne. Die Namen der wel-\nschen Maestro's sind bekannter auf dem ganzen Erdboden,\nals irgend welche andere.\nUnd schaut man das Treiben der Künstler in den fern-\nsten Landen an, es ist immer dasselbe, wie bei uns wie\nder Engländer die Sitten seines Old England überall mit\nhinträgt, so sind die italiänischen Operisten überall diesel-\nben, ja, sogar die unvermeidlichen Theater-Recensionen\nsind überall die nämlichen, hier und da etwas stärker\ngetrieben von tropischer Wärme.\nHier ein Beispiel. Fräulein Amalie Jacobsohn, die\nwir vor mehreren Jahren hier in Köln als eine sehr tüch-\ntige Sängerin kennen lernten, und von der wir unter An-\nderem zuerst die Fides im Propheten hier hörten, war nach\ndem eine Zeit lang in Mailand, und ist gegenwärtig in\nRio de Janeiro bei der italiänischen Oper. Uns liegt\neine Recension aus dem „Diario de Rio de Janeiro\" vor,\naus der wir unseren Lesern einige abgerissene Stellen mit-\ntheilen wollen, zum Beweise, dass die Recensenten dort ihr\nHandwerk so gut verstehen, als bei uns.\nFräulein Jacobsohn hat die Favoritin von Doni-\nzetti gesungen. Kurz vor ihr ist Frau Stoltz in derselben\nRolle aufgetreten. (Wieder ein paar deutsche Namen unter\nden —inis und —ettis.) Das genannte Blatt sagt unter\nAnderem, die Leistungen beider Sängerinnen vergleichend:\n„ So haben Frau Stoltz und Fräulein Jacobsohn, Beide\nin der Favoritin auftretend, ihre Verdienste im schönsten\nLichte gezeigt. Die Zusammenstellung Beider ist bizarr.\nEntgegengesetzte Naturen, widersprechende Temperamente,\nunterschiedene Organisationen, verschiedener Ursprung,\nunähnliche Charaktere und mehr noch, ganz aus einander\nliegende Schule sind Dinge, die nichts Gemeinsames unter\nihnen aulkommen lassen. Keine geistige oder körperliche\nVerwandtschaft vereinigt sie; ausser der Kunst scheint Al-\nles sie zu trennen, die Eigenthümlichkeit (timbre) der\nStimme, die Art des Gesanges, der Gefühls-Ausdruck, die\nFarbe des Styls, das Spiel, die Bewegungen, die Neigun-\ngen, die Wünsche, der Geschmack und selbst das Ge-\nschlecht. Sie sind Weib und Mann. Frau Stoltz war in\nder Thal ein Mannweib (virago); sie war in das Alter ge-\nkommen, wo die Frauen das Geschlecht verlieren, d. h.:\nwo sie sich die Eigenthümlichkeit des Geistes anmaassen,\ndie nach Frau von Stael kein Geschlecht hat. Alles\nan ihr lässt mehr oder weniger ihre Männlichkeit empfin-\nden •. Frau Stoltz war eine von den Frauen, die ihre\nStellung in der Welt verlassen und männliche Eigenschaf-\nten sich aneignen auf Kosten der weiblichen Grazie.\n„Fräulein Jacobsohn ist vor Allem Weib mit allen Rei-\nzen ihrer Jugend.\n„Frau Stoltz war der Typus einer Frau, welche die\nLiebe für den Ehrgeiz aufgibt; sie sucht den Genuss nicht\nda, wo ihn die Anderen gewöhnlich finden. Wenn sie einige\nMale geliebt hat, so war das lür sie nur eine untergeord-\nnete Sache, wie für alle Frauen, welche weniger Herz als\nKopf haben. Das ist vielleicht ein Vorzug für eine Frau\nwie sie, es ist aber ohne Zweifel ein Reiz weniger für eine\nKünstlerin, wie wir sie wünschen.\n„Fräulein Jacobsohn besitzt jenen Vorzug nicht, allein\nsie hat diesen Reiz.\n„Die Eine hat eine stärkere Stimme, die Andere eine\nangenehmere; die Töne, die das Herz auf ihre Lippen sen-\ndet, tragen immer das Siegel ihres Ursprungs.\n„Daher die Rauhigkeit der Stimme der Frau Stoltz,\nderen Töne für brasilianische Ohren wenig Angenehmes\nhaben.\n„Daher der Zauber der Stimme der Fräulein Jacob-\nsohn, die nicht einen Ton besitzt, der nicht eine Harmonie,\nein Ausfluss der Seele wäre.\n„Frau Stoltz überraschte uns durch ihre männlichen\nBewegungen, sie rührte uns durch die schweren und tiefen\nTöne ihrer Stimme, sie elektrisirte uns durch den gewalti-\ngen Schrei um Gnade, aber sie opferte Alles dem dramati-\nschen Effect, dem Bestreben, eine tragische Schauspielerin\nzu sein, obschon weit mehr Komisches als Tragisches oder\nDramatisches in der gezwungenen Haltung ihrer ausge-\nstreckten Arme lag, die sie dann vorwärts warf, dass die\nHände sich fast berührten, wie ein Vogel, der seine Flügel\nperpendiculär erhebt, ehe er seinen Flug beginnt."}, {"page_pdf": 6, "page_imprimee": "174", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.6", "texte": "„Fräulein Jacobsohn rührt uns durch die Weichheit\nihres Gesanges, sie ergreift uns durch die Melancholie ihrer\nStimme, sie erpresst uns Thränen.\n„Frau Stoltz bindet sich nicht an die Vorschriften des\nComponisten, wenn sie ihnen nicht folgen kann; wie der\nGondor in den Anden verlässt sie die Erde und ver-\nliert sich in dem unendlichen Räume. Nachdem sie die Lüfte\ndurchmessen hat, legt sie ihre langen Flügel wieder zusam-\nmen; man glaubt, sie berühren zu können, aber sie breitet\nsie von Neuem aus, und sich in kühnem Fluge erhebend,\nschwebt sie über unseren neugierigen Köpfen.\n„Die Stimme der Frau Stoltz scheint manchmal gar\nnicht einer Frau anzugehören, sie ist gar keine menschliche\nStimme, sie prallt plötzlich hervor, sie donnert, sie wirbelt\nund erschreckt.\n„Die Stimme der Fräulein Jacobsohn ist immer von\ndieser Welt; sie singt, sie spricht, sie seufzt, sie klagt, sie\nist immer menschlich.\n„Fassen wir Alles zusammen, so ist Frau Stoltz phä-\nnomenal wie ein Ungeheuer von Victor Hugo,\nsarkastisch wie eine moralische Verirrung von\nByron, und verzweifelt wie die Verdammten des\nDante. Und Fräulein Jacobsohn ist gefühlvoll wie ein\nLied von Gonzaga, zärtlich wie ein Idvll von Bernardino\nRibeira und schwermüthig wie ein Nachtgesang von Young.\"\nIst das nicht ein hübsches Pröbchen südamericanischer\noder brasilianischer Kritik? Grosswortig, kühn und bilder-\nreich und grob. In der That war die „göttliche Grob-\nheit\" einmal das Symbol unserer kritischen Schöngeister;\naber was sie geleistet haben, steht etwa zu dieser im Ver-\nhältniss, wie unsere Habichte zu dem „ Gondor der Anden\".\nDa wir uns einmal in Südamerica befinden, werfen\nwir noch einen Blick auf die andere Seite dieses gewalti-\ngen Continents und siehe da, auch in Lima finden wir\neine italiänische Oper. In den „Hamburger Nachrichten\"\ntheilt ein Reisender seine Erlebnisse in Peru mit. Er\nschreibt aus Lima:\n„Mein Blick fiel auf den Theaterzettel. Es war keiner\nwie die unserigen, die in bescheidenem Octav-Format an\nden Strassenecken kleben, nein, nur unsere Drehorgel-Bil-\nder, auf denen die merkwürdig und rührend zu lesenden\nGeschichten von Kindsmörderinnen, furchtbaren Räuber-\nhauptleuten, Seeschlachten und ähnliche Thatsachen ver-\nsinnbildlicht werden, vermögen eine schwache Vorstellung\nvon dem Ungeheuer von sechs Fuss Höhe und drei Fuss\nBreite zu geben, welches hier dazu dient, ein kunstlieben-\ndes Publicum auf die Genüsse aufmerksam zu machen, die\nseiner im Theater harren. Hinantretend, gewahrte ich zu-\nvörderst am oberen Rande dieses Herberg-Schildes der\nlimaer Musen die Abbildung einer offenbar sehr theatrali-\nschen Scene, die aber über ihre weitere speciellere Bedeu-\ntung den Beschauer vollständig im Unklaren liess. Das mit\nausgespreizten Armen vor einer Reihe von Soldaten ste-\nhende Frauenzimmer da auf dem Bilde konnte eben so\ngut die sich bei einer Feldwache des Holofernes meldende\nJudith, wie eine zur Verzweiflung getriebene Prinzessin\nBumfia vorstellen. Nothgedrungen nahm ich meine Anfangs-\ngründe der spanischen Sprache zusammen und erfuhr so\nnach einigem Kopfbrechen, dass heute der Jahrestag der\ngrossen Schlacht bei Ayacucho sei, in welcher vor 29 Jah-\nren (am 9. December 1824) die peruanischen Truppen\nder Welt (al mundo) gezeigt haben, wie die Söhne der\nFreiheit gegen die Despoten fochten. Ich erfuhr ferner,\ndass zur Feier dieses entscheidenden Sieges über die Spa-\nnier la higa del regimientoin der Person der Sennora Bis-\ncaccianti über die Bretter schreiten würde, dass vorher, zu\nAnfang, die National-Hymne gesungen werden sollte, und\nschliesslich, dass Sennora Catalina Ilayes, el cisne de Irlanda\n(der Schwan von Irland), sich herablassen wolle, zum\nSchlüsse dieses kriegerisch-politischen Erinnerungsfestes\nwenn ich nicht sehr irre eine Polka zu singen.\n„ Das versprach doch gewiss einen genussreichen Abend!\nNational-Hymne, Regimentstochter und der nie anders als\nbei doppelten Eintrittspreisen (Parterre 2 D. = sieben Mark\nhamburger Courant —!) singende irische Schwan! Dazu\nkam noch eine zarte Andeutung auf dem Zettel, dass der\nPräsident der peruanischen Republik das Theater mit sei-\nner Gegenwart beehren dürfte, und dann die beiden\nsich wie alle Rivalinnen liebenden Primadonnen an einem\nAbend zugleich! Das konnte nicht nur die Feier einer alten\nSchlacht, das konnte eine neue Schlacht selbst abgeben\nzwischen der Irländerin und ihren Vergötterern auf der\neinen und der Italiänerin und deren Anhängern auf der an-\nderen Seite. Wer wird sich noch darüber wundern, dass\nich an diesem enlscheidungsvollen Tage schon um 5/2\nUhr Nachmittags mutterseelen allein im Parterre des Thea-\nters der peruanischen Haupt- und Residenzstadt sass, wo\nich vor Langerweile hätte umkommen müssen, wäre nicht\nhier das Rauchen, wie bei uns das Hut-Aufbehalten, bis\nzum Beginn der Ouvertüre gestattet.\n„Das Innere des hiesigen Theaters ist ziemlich geräu-\nmig, hat aber . wie soll ich sagen etwas Verkomme-\nnes, Hinfälliges, kurzum, etwas durchaus Anti-Glänzendes.\nDas Parterre nimmt mit dem Orchester zusammen den gan-"}, {"page_pdf": 7, "page_imprimee": "175", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.7", "texte": "zen unteren Raum ein, da es hier weder ein Parquet, noch\nsogenannte Parterre- oder Parquet-Logen gibt; dagegen\nhat der grösste Theil der Parterre-Sitze Armlehnen, wie\nbei uns die Sitze im Parquet, und kann man sich auf einen\nbestimmten Platz abonniren, der dann mit einer mitunter\nziemlich dicken Rette gesperrt wird. Die Logen sind sämmt-\nlich nicht nur hinten, sondern auch zu beiden Seiten völlig\ngeschlossen, so dass sie förmlich kleine Zimmer bilden, de-\nren Ameublement von den Abonnenten selbst beschafft wird.\nEinzelne Logenplätze werden weder im Abonnement, noch\nselbst lür den einzelnen Abend ausgegeben. So sagte man\nmir wenigstens. Die Bühne hat eine angemessene Breite\nund Tiefe, die Decorationen sind nicht schlecht, doch schie-\nnen auch sie mir schon ziemlich verblichen und mitgenom-\nmen zu sein. Der Chor der Oper (es gibt nämlich hier nur\neine Oper, das Schauspiel hat sich aus verschiedenen Grün-\nden nicht halten können), der Chor der Oper.... Kopf ge-\nrade! Augen in die Höhe! Die Hand wie zum Schwur em-\nporgestreckt! Ein deutscher Stadttheater-Chor, wie er leibt\nund lebt ! Ich konnte ihn am ersten Abende gar nicht an-\nsehen, ohne zu lachen. Es muss unbedingt ein eigenes Holz\ngeben, aus welchem sämmtliche Statisten der ganzen Welt\ngeschnitzt werden. Es war doch totalement tout comme chez\nnous !Die Sänger, Sängerinnen und das Orchester.\n„ Uebrigens bekommt die Sennora Biseaccianti als fest\nengagirte Primadonna (die Hayes war nur auf Gastrollen\nhier) ausser der üblichen Benefiz-Vorstellung monatlich\n300 D., macht im Jahre 12,600 Mark und die Person\nsollte nicht singen können ?\n„ Gegen sechs Uhr fing das Parterre an, sich zu füllen.\nZuerst erschienen einige verlassene Sennoritas, ihre seide-\nnen Umschlagstücher, wie wir ein solches Ding nennen\nwürden, so über den Kopf gezogen, dass nur die Augen\nund ein ganz kleines. Stück Nase hervorguckt. So sitzen sie\nden ganzen langen Abend, kaum dass sie den Vorhang ein-\nmal einen Augenblick, aber auch nur lür einen Augenblick,\nlüften, natürlich allein der unerträglichen Hitze wegen, oder\num den verschobenen Schleier wieder zurecht zu legen.\nDenn dass dieses nicht so häufig während der Vorstellung\ngeschieht, wie in den Zwischenacten, und dass es mit einem\nso unendlich coquetten Anstrich geschieht, das nicht dem\nreinen Zufall oder der eigenen Einbildung, sondern der\nweiblichen Natur im Allgemeinen, wie dem Charakter dieser\nParterre-Besucherinnen insbesondere zuzuschreiben, das\nwäre ein Verbrechen gegen Werther's Lotte. Ich bekam\nübrigens weder eine Scylla noch eine Charybdis zur Nach-\nbarin, sondern eine ehrbare deutsche Handwerker-Familie,\ndie sich gemüthlich vom alten deutschen Rheine plaudernd\nmit mir unterhielt, wodurch diese Nachbarschaft zu einer\nwahren Wohlthat für mich wurde; denn erst um 9 Uhr,\nalso ganze drei und eine halbe Stunde nach meinem Ein-\ntritte ins Theater, gab der Musik-Director mit seinem Fie-\ndelbogen das Zeichen zum Anfange. So lange liess nämlich\nder Präsident Peru's seine Mitbürger auf sich warten\nund 7 Uhr ist die bestimmte Anfangszeit! Ich möchte wohl\nwissen, ob in den Iloftheatern der europäischen Fürsten\ndie kaiserlichen oder königlichen Unterthanen so viel Geduld\nzeigen würden, wie die Republicaner Lima's in ihrem Opern-\nhause?! Nur einige wenige Male und auch dann immer\nnur eine kurze Zeit pfiffen und trommelten sie sich Eins\nzur Vertreibung der gar zu unerträglich werdenden Lange-\nweile, alsbald aber kehrten sie zur ersten Bürgerpflicht, zur\nRuhe, zurück, steckten resignirt ihre Cigarren wieder an und\nbeschauten nach wie vor die mit ihren Fächern ein wahres\nPeloton-Geknatter hervorbringenden Damen in den Logen.\n„Der Fächer scheint nämlich den Damen in den Logen\nnicht nur ein Kühlungs-, sondern auch ein Ersatz-Mittel\nfür den Tuchschleier der Parterre-Besucherinnen, sowie\nfür die Cigarre der Herren zu sein. Von nicht geringer\nGrösse und beständig in Bewegung, kühlt und deckt er\nzugleich das Gesicht, und zum Zeitvertreib, wenn nicht aus\nanderen, schwer zu erörternden Gründen, wird er alle\nAugenblicke auf- und zugeworfen, mit einer Schnelligkeit,\nzu der besonderes Geschick gehört, und mit einem Ge-\nräusch, das an das Exerciren im Feuer einer Compagnie\nSoldaten erinnert. Dies ewige Rick-Räck der Fächer wurde\ndenn auch heute während der beiden langen Stunden zwi-\nschen 1 und 9 Uhr nur einmal auf ein paar Minuten un-\nterbrochen, als gegen 8 Uhr ein schwarz befrackter Herr\nvor dem Vorhange erschien und eine Rede ablas, die sehr\nschön gewesen sein mag, von der ich aber nur so viel ver-\nstand, dass der „ Schwan von Irland\" plötzlich den Schnupfen\ngekriegt habe und desshalb ein hochzuverchrendes Publi-\ncum sehr um Entschuldigung bitten müsse, wenn er die\nversprochene Piece heute Abends nicht singen könne; da-\nmit indess ein hochzuverehrendes Publicum doch wenig-\nstens quantitativ Alles, was der Theaterzettel angekündigt,\nzu gemessen bekäme, so wolle Sennora Biseaccianti die\nGüte haben zu versuchen, ob sie die Polka nicht eben so\ngut singen könne, wie der „Schwan\". Holde Eintracht! ■\nWohin waren plötzlich meine Aussichten auf eine südame-\nrikanische Theater-Schlacht? Ihr Primadonnen in Europa\n* • • ' * •\naber schaut her auf eure Schwester im Lande der alten\n* M * T • * ' -• * . • . * , 4\nInkas, Neuseeland, wo die Menschenfresser wohnen, schräge"}, {"page_pdf": 8, "page_imprimee": "176", "url_page": "https://bluemountain.princeton.edu/bluemtn/?a=d&d=bmtnabi18540603-01.1.8", "texte": "gegenüber, und nehmt ein Exempel daran! „ „ Seht, wir\nWilden sind doch bessere Menschen!u\" Den Schnupfen krie-\ngen, um seiner Nebenbuhlerin an einem Festabende, wie\ndem heutigen, all die kostbaren Blumen-Bouquets und die\nlandessittlichen lebendigen Tauben zu überlassen, die\nsicher grösstenteils für die Hayes bestimmt jetzt der\nBiscaccianti bei ihrem Auftreten als Regimentstochter zu-\nflogen, dazu gehörte eine ausserordentliche Selbstüberwin-\ndung.— Die National-Hymne ward von einigen weissgeklei-\ndeten Damen auf der Bühne, zu Anfang der Vorstellung,\nnicht im Chor, sondern Solo, der Reihe nach gesungen.\nDer Präsident nebst Gemahlin und Gefolge erhoben sich\ndabei und mit ihnen das ganze Haus. Stehend, aber schwei-\ngend, hörte man den Vortrag an. Erst kurz vor Mitternacht\nwar die Vorstellung zu Ende.\"\nMan sieht, hier Favoritin, dort Regimentstochter, Do-\nnizetti an den Ufern des atlantischen und stillen Oceans.\nUnd die Sängerinnen Nebenbuhlerinnen tout comme\ncliez nous.\n24.\n\nTages- und Unterhaltungs-Blatt.\nliöSn. Den hiesigen Musikfreunden wurde am vergangenen\nSamstag in der musikalischen Gesellschaft die Freude zu TheiJ,\nHerrn Ferdinand Breun in g (welcher Herrn Iteinecke an un-\nserer Musikschule ersetzt) zu hören. Derselbe trug die schwierigen\nVariationen in C-moll von Beethoven, ein Lied von Mendelssohn\nund die grosse Polonaise in As-dur von Chopin vor, und bewährte\nsich als ein Pianist von ganz ausserordentlichem Talente. Eine voll-\nkommene Technik, ein kräftiger, runder Anschlag, Feuer, mit\nIluhe gepaart, und eine durchaus musicalische, gesunde Auffassung\nschienen den Zuhörern die hervorstechendsten Eigenschaften des\ntrefflichen und doch so bescheidenen jungen Künstlers. Seine\nWirksamkeit wird in Köln gewiss die schönsten Früchte tragen,\nwie wir auch nicht zweifeln, dass das Leben in einem so bedeu-\ntenden musikalischen Kreise, wie ihn unsere Stadt jetzt bietet,\nHerrn Breuning zu erneuter Thätigkeit und zu immer höherem\nStreben die dauerndste Anregung geben werde.\nI\"aris# Wie man Jemandem einen Namen macht, verstehen\ndie französischen Journalisten vortrefflich. Hier ein Beispiel. Die\nFrance musicale berichtet von der Reise des Herrn Louis Lacombe\nin Deutschland: „Der ungemeine Pianist und Componist war nach\nDeutschland gegangen, lediglich um in den zwei bis drei bedeuten-\nden Städten Concerte zu geben, die der Gränze zunächst lagen.\nAber je weiter er in seiner Reise vorwärts kam, desto mehr wuch-\nsen seine Erfolge, und kaum war er in einer Stadt angekommen,\nals sich schon eine andere um ihn bewarb. So hat er beinahe ganz\nDeutschland durchlaufen, indem er von Leipzig nach Dresden, dann\nnach Berlin, dann nach Bremen, dann nach Oldenburg, dann nach\nHamburg und endlich nach Lübeck ging. So erklärt sich die\nlange Dauer seiner Reise, die für ihn eine Reihe von Triumphen\nwar, für seine zahlreichen Schüler aber eine Ursache der Trauer;\ndenn er ist einer von den seltenen Lehrern, deren Unterricht sich\nnicht so leicht durch den eines anderen ersetzen lässt. So ist ihm\nnicht einer seiner Schüler untreu geworden, er hat sie alle treu\nwiedergefunden. Er gab kein Concert, in dem er nicht zehn bis\nfünfzehn Stücke von seiner Composition vortragen musste, und je-\ndes Mal war er genöthigt, noch ein Stück dem Programm hinzu-\nzufügen. Die Zurufe, die Dacapo's, die Blumen, die Auszeichnungen\naller Art bildeten sein Gefolge durch Deutschland44 u. s. w. Diese\nAufschneidereien, verbunden mit der kindlich-naiven geographischen\nUnwissenheit, sind wirklich erheiternd. Ob man das unserem\nPublicum bieten dürfte?\nDie italiänische Oper ist für die nächste Saison aus folgenden\nKünstlern zusammengestellt: den Sopranen Frezzolini, Bosio, Gas-\nsier, Cambardi, Veith, den Altistinnen Borghi und Maicomo, den\nTenoren Boccarde und Neri-Baraldi, den Baritonisten Gassier und\nGraziani, den Bassisten Rossi, d'Alle Aste und Susini. Die Oper\nhat am 13. Mai ihre Saison geschlossen. Man sagt, der Director\nhabe diesmal bloss 100,000 Frcs. Eingebüsst, obgleich die Oper die-\nsen Winter sehr besucht gewesen. Aber so lange die Directoren\ngezwungen sein werden, so ungeheure Honorare zu zahlen, wie\n2000 Frcs. für einen Abend der Alboni, 60,000 Frcs. für die Sai-\nson der Frezzolini, wenigstens eben so viel den Mario und Gardoni,\nwird keine Direction sich halten können. Die grosse Oper steckt\nauch in einer schlechten Haut: das Deficit beträgt 800,000 Frcs.\nTrotz der Subvention von 600,000 Frcs. jährlich konnten im vori-\ngen Monat acht der ersten Künstler nicht bezahlt werden. Man\nmöchte gern den Director durch einen anderen ersetzen, aber es\nfindet sich Niemand, der seine Erbschaft in diesem Zustande über-\nnehmen will. Man rechnet indessen aufs nächste Jahr, welches\nnebst der allgemeinen Industrie-Ausstellung auch endlich Mever-\nbeer's „Africanerin\", die, beiläufig gesagt, inzwischen sich in eine\nEuropäerin verwandelt hat, bringen soll. Der Bassist Formes wird\nwahrscheinlich an der grossen Oper engagirt werden.\nDer Schluss des in voriger Nummer abgebrochenen „Wiener\nBriefes\" kann, durch eine Zufälligkeit veranlasst, erst in\nnächster Nummer mitgetheilt werden."}]}